Author Topic: [Emanzipation, Selbstbefreiung, Geschlechterforschung (Gender Studies)... ]  (Read 142200 times)

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[Emanzipation, Selbstbefreiung, Geschlechterforschung (Gender Studies)... ]
« Reply #160 on: December 04, 2019, 11:18:38 AM »
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[...] Tokio – In Japan haben Brillenverbote für Frauen in einigen Unternehmen Proteste ausgelöst. Eine Gruppe von Aktivistinnen will in einer Petition die Regierung auffordern, frauenfeindliche Vorschriften zu Kleidung und Aussehen weiblicher Mitarbeiterinnen in einem geplanten Gesetz gegen Belästigung am Arbeitsplatz zu benennen, wie die japanische Tageszeitung "Tokyo Shimbun" am Montag berichtete.

Demnach verbieten Unternehmen verschiedener Branchen weiblichen Mitarbeiterinnen zum Beispiel an der Firmenrezeption das Tragen von Brillen. "Empfangsdamen seien nun mal das Gesicht der Firma", da störe eine Brille. Manche Kosmetikfirma argumentiere zudem, Brillen bei Verkäuferinnen verdeckten das eigene Produkt.

Hinter der Petition steht eine Gruppe von Frauen unter Führung der Schauspielerin und Autorin Yumi Ishikawa, die zuvor schon eine Initiative gegen das verpflichtende Tragen von hochhackigen Schuhen für Frauen am Arbeitsplatz gestartet hatte. Unter dem Hashtag "#KuToo" – einer Anspielung auf die japanischen Worte für Schuhe (kutsu) und Schmerz (kutsuu) – werden seither entsprechende Regeln in Firmen kritisiert.

Auch in Reaktion auf das verpflichtende Tragen von Brillen gibt es im Netz einen eigenen japanischsprachigen Hashtag, der auf Deutsch übersetzt "Brillenverbot" lautet. Zwar erkenne die Regierung das Problem an – in den geplanten Richtlinien zu Belästigung am Arbeitsplatz stehe aber nichts Konkretes, wird Ishikawa zitiert. (APA, dpa, 2.12.2019)


Aus: "Japan: Frauen protestieren gegen Brillenverbot am Arbeitsplatz" (2. Dezember 2019)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000111762163/japan-frauen-protestieren-gegen-brillen-verbot-und-am-arbeitsplatz

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« Reply #161 on: December 08, 2019, 05:57:54 PM »
"Frauenmorde: Von ihren Männern getötet" Von Elisabeth Raether und Michael Schlegel (4. Dezember 2019)
Das Bundeskriminalamt sagt, dass 2018 in Deutschland 122 Frauen von ihren Partnern oder Ex-Partnern umgebracht wurden. Eine Dokumentation
-
Von allen in Deutschland getöteten Frauen stirbt fast die Hälfte durch die Hand des Mannes, der vorgibt, sie zu lieben: ihres Ehemanns oder Lebensgefährten. Da es so viele sind – 122 Tote im Jahr 2018, ein Opfer jeden dritten Tag –, könnte man vermuten, es gebe in der Öffentlichkeit den Wunsch, diese Taten zu begreifen. Was treibt einen Mann dazu? Und warum tun es überhaupt vor allem Männer, aber Frauen kaum? Liegt es an der physischen Überlegenheit, fühlen manche Männer sich irgendwie berechtigt zu so viel Zerstörungswut?
Und lässt sich solche Gewalt verhindern? Doch die Taten werden von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Sie bleiben dort, wo sie meistens passieren, hinter verschlossenen Türen. Berichterstattung ist selten, oft ausschließlich in Lokal- und Boulevardzeitungen, während überregional meist nur dann berichtet wird, wenn die Tat von einem nicht deutschen Ehemann begangen wurde. Es gibt nicht mal ein genaues Wort für das Geschehen: Femizid, Hassverbrechen, Beziehungstat, Familiendrama? Viele Frauen haben langes Leid hinter sich, bevor ihnen das Leben genommen wird. ... 114.393 Weibliche Opfer von Partnerschaftsgewalt gab es in Deutschland 2018. ...
https://www.zeit.de/2019/51/frauenmorde-gewalt-partnerschaft-bundeskriminalamt

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masignobilis #14

Nicht leicht zu lesen, auch nicht mit professioneller Distanz. ...



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« Reply #162 on: January 04, 2020, 12:22:10 PM »
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[...] In dem Land im südlichen Afrika sind, wie in vielen weiteren Ländern auf dem Kontinent, gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen verboten. Ende vergangenen Jahres waren zwei Männer unter dem Gesetz zu 15 Jahren Haft verurteilt worden.

Daniel Foote hatte das Urteil Ende November scharf kritisiert. Er sei „entsetzt“, hieß es in einer Mitteilung. „Vielleicht ist es an der Zeit, dass Sambia seine veraltete Haltung und obsolete Gesetzgebung zum Umgang mit der LGBTI-Community und allen anderen, die als „anders“ gesehen werden, prüft.“ ... LGBTI steht für Homosexuelle, Bisexuelle, Transgender und Intersexuelle. Sambias Außenminister Joseph Malanji nannte Footes Aussage „inakzeptabel“.

In Afrika verbieten mehr als 30 Länder homosexuelle Handlungen. Die Gesetze stammen häufig noch aus britischer Kolonialzeit. Erst kürzlich hatte es etwa Berichte gegeben, dass die Lage für Homosexuelle auch in Uganda immer schlechter wird. (dpa)


Aus: "US-Botschafter verlässt Sambia wegen Streit um LGBTI-Rechte" (03.01.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/queerspiegel/nach-kritik-an-gesetzen-gegen-homosexualitaet-us-botschafter-verlaesst-sambia-wegen-streit-um-lgbti-rechte/25386194.html

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« Reply #163 on: January 09, 2020, 07:48:34 PM »
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Mareice Kaiser @Mareicares
Vor einem Monat fand dieses Gespräch statt und es ist so furchtbar, dass ich es nicht teilen wollte. Aber ich will, dass ihr wisst, dass Svenja Flaßpöhler sagt, vergewaltigte Frauen fänden es in dem Moment der Vergewaltigung »eigentlich ganz schön«. #metoo
https://twitter.com/Mareicares/status/1214971151086174208?s=03

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Replying to @Mareicares

Sie sagt das nicht. Man kann echt über vieles aus dem Gespräch streiten, aber dann muss man sie auch richtig zitieren.

https://twitter.com/Paeonia_tenui/status/1215309197740560384


Kommentare Zu: "Nach #MeToo – wo steht der Feminismus heute?"
Podcast Jakob Augstein diskutiert mit Svenja Flaßpöhler über den Stand des feministischen Diskurses, weibliche Selbstermächtigung, Geschlechtergleichheit und den Gender Pay Gap der Freitag Podcast 7
https://www.freitag.de/autoren/podcast/nach-metoo-wo-steht-der-feminismus-heute

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« Reply #164 on: January 18, 2020, 02:44:38 PM »
Whores of Yore @WhoresofYore Whores of Yore 2:21 nachm. · 18. Jan. 2020
@WhoresofYore
“By all means marry. If you get a good wife, you’ll be happy; if you get a bad one, you’ll become a philosopher.” - Socrates
https://twitter.com/WhoresofYore/status/1218523886549184517

Awanthi @AwanthiVardaraj Antwort an @WhoresofYore
By all means marry. If you get a good husband, you’ll be happy; if you get a bad one, you’ll be dead.



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« Reply #165 on: February 02, 2020, 04:48:28 PM »
Hannah Sophie Lupper @HannahLupper
Meine Güte. Thema Prostitutionspolitik. Binnen weniger Tweets pro sexuelle Selbstbestimmung soll ich aus der Partei ausgeschlossen werden und fördere angebl. Pädophilie und Vergewaltigung. Spannend, so ein koordinierter Shitstorm. Ach ja, mich hat noch keiner mundtot bekommen. Was mich noch mehr erschreckt: Wie geht es denn erst den Frauen, die sich hier offen als Escort bekennen? ...
11:18 PM · Jan 30, 2020
https://twitter.com/HannahLupper/status/1223007586024411149

Aya Velázquez @aya_velazquez
Jan 31Replying to @HannahLupper
Willkommen in der absurden Welt der Abolis! Bezeichnend, dass Du als unser Ally ihre Verachtung nun ähnlich heftig zu spüren bekommen hast wie wir #Sexworker.
Quasi-religiöse Überzeugungen, Schwarz-Weiß-Denken, Unfähigkeit zu differenzieren. Mit Logik ist dem nicht beizukommen.
https://twitter.com/aya_velazquez/status/1223022458971860993

Hollarius @Hollarius Jan 31
Replying to @aya_velazquez and @HannahLupper
Wir hatten das Thema letztens im Kreisverband und mir wurde - nachdem die meisten sich meinen Argumenten gegen das nrd. Modell anschlossen - unterstellt, nur so zu argumentieren, weil ich sicher selbst Freier wäre. ...
https://twitter.com/Hollarius/status/1223028956615659521

Die selbstbestimmte Hure ist noch immer undenkbar- hier ohne Paywall:
https://twitter.com/KristinaMarlen_/status/1223751034604064775?s=03

"Die selbstbestimmte Hure ist noch immer undenkbar" Kristina Marlen (28. Januar 2020)
... Nicht der Sex ist gefährlich, sondern das Stigma. Die Angst vor dem gefährlichen Sex, das ist nur die Angst, den sexuellen Raum nicht gestalten zu können. Sexarbeiter*innen gestalten aber. Sie haben Rückgrat und zeigen Gesicht, wenn es um sexuelle Verhandlungen geht. Wir haben keine Angst vor dem sexuellen Raum. Wir betreten ihn, wir kennen uns darin aus.  Es ist eure Angst.
Sprecht mit uns, nicht über uns.
https://www.marlen.me/gastbeitrag-die-zeit-die-selbstbestimmte-hure-ist-noch-immer-undenkbar/

Gastbeitrag in „DIE ZEIT“: Sexarbeit: Die selbstbestimmte Hure ist noch immer undenkbar
Ein Gastbeitrag von Kristina Marlen (28. Januar 2020)
https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-01/sexarbeit-sexkauf-patriarchat-moral-prostitutionsgesetz/komplettansicht

-

Aya Velázquez Retweeted lawen4cer@lawen4cer

Sexworkerin: "Ich biete eine Dienstleistung an."

Prostitutionsgegner: "Ich kann Dich also kaufen, benutzen und dann wegwerfen Du Objekt. Wie eine Chipstüte. Deine Körperöffnungen sind mein Eigentum! Das verstößt gegen Deine Würde, daher will ich, dass Dein Beruf verboten wird!"
https://twitter.com/lawen4cer/status/1223592949239418881

Geier @Geier74332305
22h Replying to @lawen4cer and @meuyve
Die die es freiwillig machen. OK. Ihre Sache. Aber die die gezwungen werden soll man helfen und Freier wie Menschenhändler einsperren.
Und ich bin ein Mann. Frauen haben auch Rechte.

lawen4cer @lawen4cer 22h
Zwangsprostitution ist aber bereits verboten und strafbar. Auch für Freier. Insoweit geht es in der aktuellen Diskussion nur um den Versuch auch noch die legale freiwillige Prostitution zu verbieten.

Geier @Geier74332305 21h
Verboten schon. Kommt aber immer wieder ans Tageslicht.

lawen4cer @lawen4cer 21h
Wie bei jeder anderen Straftat auch.

Das Bös in Menschengestalt
@DasBoes 6h
Es ist auch verboten Radfahrer zu überfahren.
Da gibts jetzt 2 Ansätze:
1 -Rad fahren verbieten
2 -Den restlichen Verkehr mehr zwingen niemanden zu überfahren
Was man hier mit Sexworkern probiert ist Methode 1

...

« Last Edit: February 02, 2020, 04:57:48 PM by Link »

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« Reply #166 on: February 10, 2020, 09:03:49 AM »
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[...] Ein deutsches Handyvideo im Internet. Ein junger Mann, die Hände blutig, filmt sich selbst. Neben ihm sein Sohn, etwa zwölf Jahre alt. Auf Arabisch verkündet der Mann: „Ich bin vorhin zu meiner Frau gegangen, um mit ihr zu sprechen und unsere Probleme zu klären, um unsere Beziehung zu verbessern. Aber sie hat mich rausgeworfen, und dann habe ich sie mit dem Messer erstochen.“

Er fügt an: „Ich bin nicht kriminell! Aber wenn deine Frau dir das Leben verdirbt, hast du sie aufzuhalten. Das ist die Nachricht an alle Frauen, die ihre Männer betrügen oder es versuchen.“ Er beschimpft seine tote Frau, und auch der Sohn rechtfertigt die Tat seines Vaters.
Ein anderes deutsches Handyvideo. Da liegt eine Frau auf einem Bett, erkennbar hochschwanger, die Mundpartie rot von Blut. Offenbar wurde sie mit Rasierklingen verletzt. Außerdem hat man ihr mehrfach in die Brust gestochen. Auf Arabisch fleht sie: „Lass mich leben! Bitte, für unseren Sohn!“

Daraufhin erklärt ein Mann, der sich als ihr Bruder zu erkennen gibt: „Guckt, wie ich hier stehe. Ich genieße es, ihr beim Sterben zuzusehen, dabei rauche ich noch eine Zigarette.“
Das Mädchen ist eine 17-jährige Palästinenserin. Ihr Bruder und ihr Ehemann, ein 34-jähriger Syrer, wollen sie umbringen, denn sie ist schwanger von einem anderen Mann und will sich trennen. Ihr Verhalten ist eine „Schande“ in den Augen der beiden Männer.

Der Bruder sendet das Video an den Liebhaber mit der Drohung: „Du Hurensohn kommst auch noch dran!“ Die beiden Täter sind in Haft. Die junge Frau überlebte.
Im Frühjahr 2018 gehörten diese beiden Extremfälle zu den meistdiskutierten Themen unter Flüchtlingen in Deutschland.

Sie werfen ein Licht auf die Angst von Männern, ihre Vormachtstellung gegenüber Frauen zu verlieren, Angst vor dem Verlust der Anerkennung durch die Gruppe, Furcht, als Mann nicht in der Lage zu sein, Frau und Familie zu kontrollieren und zu schützen. In die Ängste mischt sich die Befürchtung, im Asylland durch neue Gesetze, ein liberales Bildungssystem und zunehmende Akkulturation die eigene Identität zu verlieren.
Jede einzelne Tat ist Anlass genug, Ursachen zu benennen, auch wenn die Wahrheit schockierend ist. Sie lautet: Emanzipation und das Streben nach persönlicher Freiheit können für Frauen aus „traditionellem Umfeld“ auch in demokratischen Staaten lebensgefährlich sein. Und es sind fast immer die eigenen Familien, die das Todesurteil fällen.
Ehrenmorde sind Ausnahmen. Es existiert keine Statistik, und doch ist es wichtig, wahrzunehmen, was da geschieht und in welchem Kontext. So sehen wir bei „Ehrenmorden“ und Zwangsheiraten nur die Spitze eines Eisberges.

Das traditionelle Patriarchat kennt viele Situationen, die als „Beschmutzung der Familienehre“ verstanden werden, und viele Mittel, dies zu vermeiden. Frauen sollen Partner nicht frei wählen, den Mann heiraten, den die Familie aussucht.

Mädchen sollen sich züchtig kleiden, nicht zum Schwimmunterricht oder auf Schulausflüge gehen, nicht unbegleitet aus dem Haus gehen, keine eigene Wohnung haben, keine Discos, Partys, Konzerte besuchen, von Vater, Onkel oder Bruder Erlaubnis für eigene Schritte einholen, etwa wenn sie arbeiten gehen wollen. All das widerspricht dem Grundgesetz und schränkt die Selbstbestimmung ein.
Wer auf Familienehre basierende Strukturen als Hindernis gelingender Integration erkennt, trifft oft auf Widerstand: Das seien Traditionen, Teil der Identität von Gruppen, Kritik daran sei rassistisch und intolerant, man dürfe Migranten nicht vorschreiben, wie sie zu leben hätten. Heuchlerisch begeistert hingegen kann der rechte Rand reagieren: Da sähe man es ja, diese Leute passten nicht hierher.

Solange die Debatte in der Mitte der bürgerlichen Milieus weiter verweigert wird, wird weiter gelitten. Wer verharmlost und kulturrelativistisch argumentiert, der macht sich mitschuldig. Ebenso, wer ideologisch begründete Verbrechen aus „Ehre“ strafrechtlich neutral einordnet, oder die verordnete Unmündigkeit der Frauen als „normale“ kulturelle Erscheinung abtut.

Ebenso unhaltbar sind die Versuche migrantischer Lobbygruppen, Ehrenmorde unter Migranten mit sogenannten „Familiendramen“ unter Deutschen gleichzusetzen. Dieser Ansatz will selbst in der Berichterstattung über Ehrenmorde Belege für Diskriminierung sehen.
Welten liegen zwischen Beziehungstaten, die es überall gibt, auch unter Migranten, und den Verbrechen „im Namen der Ehre“. Wenn ein Thomas oder Ralf seine Frau erschlägt, weil sie sich trennen will, handelt er in der Regel allein. Auf Unterstützung seiner Familie kann er kaum zählen.

In Demokratien wird eine Geschiedene selten als Schande wahrgenommen. Ermittler dürften nicht auf Hinweise stoßen, wonach Vater oder Brüder den Täter angestiftet und ihm Waffen besorgt haben. Schüler aus einem demokratischen Umfeld werden eine solche Tat kaum gutheißen oder die Täter zu Helden stilisieren, wie Lehrer das nach dem Mord an Hatun Sürücü vielfach unter migrantischen Jungen – und Mädchen! – erlebt haben.

Kaum jemand würde behaupten, dass Glaube oder Tradition eine Mordtat vorschreiben. Solche Argumente höre ich jedoch häufig bei meiner Aufklärungsarbeit mit migrantische Jugendlichen und Flüchtlingen.
Solange der Körper einer Frau nicht ihr gehört, sondern der Familie, solange Liebe eine Sünde und Jungfräulichkeit wichtiger als das Leben der Frau ist, werden diese Denkmuster stillschweigend oder aktiv weiter unterstützt. Änderungen sind in großen Teilen patriarchalischer Communities nicht erwünscht.

Mein Eindruck ist leider, dass ein nicht kleiner Teil der Migranten und Flüchtlinge in Deutschland die Blockaden gegen die Würde des Menschen noch nicht verabschieden will.
Ohne die Erziehungsmethoden der betroffenen Milieus zu ändern, bleibt die Demokratisierung der Familien eine Utopie.

Gewaltlegitimierende Konzepte von Männlichkeit und eine auf Gruppenehre angelegte Identität führen dazu, dass Männer meinen, selbst auf kleine Zurückweisungen oder Überforderungen mit physischer oder verbaler Gewalt zu reagieren. Frauen, die sich über den Willen des Oberhauptes hinwegsetzen, erscheinen als direkte Bedrohung des patriarchalen Selbstkonzepts.

Wie lebendig solche Vorstellungen sind, habe ich erlebt, als mich muslimische Freunde davor warnten, meine deutsche Partnerin zu heiraten. So eine Frau werde einen irgendwann verlassen wollen, und dann sei keine Autorität zur Stelle, kein Bruder oder Vater, der sie daran hindere.

Um den Teufelskreis der Unterdrückung aufzulösen, braucht es Vorbilder. Männer, die bewusst eine andere Geschlechterrolle präsentieren. Männer, die Gewalt ablehnen, ohne zu fürchten, dadurch Kraft und Männlichkeit einzubüßen. Männer, die Gleichaltrigen Alternativen vorleben, sie ermutigen, aus mittelalterlich wirkenden Vorstellungen auszubrechen und die Sklaverei der Ehre zu beenden.

All dies möchten wir auch in den Projekten unserer Organisation für migrantische Jugendliche und Geflüchtete erreichen. Viel mehr adäquate Präventionsarbeit, flächendeckend, mit klaren Standards und koordiniert sind nötig. Sonst bleiben alle, die wegsehen, ungewollt Komplizen.
Der Autor ist Diplompsychologe und Geschäftsführer der Mind Prevention, einer Initiative für Demokratieförderung und Extremismusprävention.


Aus: "Die Deutungshoheit des Patriarchats" Ahmad Mansour (09.02.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/gedenken-an-hatun-sueruecue-die-deutungshoheit-des-patriarchats/25511002.html

Quote
Ilse_S 09.02.2020, 13:33 Uhr

    ... unhaltbar sind die Versuche migrantischer Lobbygruppen, Ehrenmorde unter Migranten mit sogenannten „Familiendramen“ unter Deutschen gleichzusetzen. ...

    Welten liegen zwischen Beziehungstaten, die es überall gibt, auch unter Migranten, und den Verbrechen „im Namen der Ehre“. ... Wenn ein Thomas oder Ralf seine Frau erschlägt, weil sie sich trennen will, handelt er in der Regel allein. Auf Unterstützung seiner Familie kann er kaum zählen.


Danke an Sie, Ahmad Mansour für diese eindeutige Klarstellung durch einen des Rassismus unverdächtigen Menschen.
Danke auch für die sehr gute Arbeit, die Sie seit Jahren leisten.


...

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« Reply #167 on: February 10, 2020, 06:38:56 PM »
Sonja Peteranderl @glocalreporting
Eine Kugel in den Kopf, eine in die Brust: Die mexikanische Künstlerin #IsabelCabanillas wollte #Frauenmorde & Gewalt in #CiudadJuárez bekämpfen - jetzt wurde die 26-Jährige erschossen. Unser Bericht aus Juárez @Mictlanita @derspiegel
https://spiegel.de/politik/ausland/mexiko-mord-an-isabel-cabanillas-eine-kugel-in-den-kopf-eine-in-die-brust-a-cd4261fa-858f-4581-892b-03e9801034e4

https://twitter.com/glocalreporting/status/1226764202502549504?s=03

https://twitter.com/glocalreporting/status/1226904521563136000

https://twitter.com/OaxacanewsENG/status/1219375680393269254

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« Reply #168 on: February 11, 2020, 09:05:13 AM »
Quote
[...] Transfeindlicher Angriff in der U7: Eine 51-Jährige trans Frau ist von zwei unbekannten Jugendlichen in einer U-Bahn in Berlin-Britz beleidigt und mit Pfefferspray attackiert worden. Das teilte die Berliner Polizei am Montag mit.

Demnach beschimpften die beiden jungen Männer die Reisende am Sonntagnachmittag in der U7 Richtung Rudow und drohten, ihr mit einem Feuerzeug ihre Haare anzuzünden. Danach soll einer der beiden das Pfefferspray genommen und ihr damit in die Augen gesprüht haben. Außerdem bespuckten die Täter die 51-Jährige, bevor sie den Zug am U-Bahnhof Grenzallee verließen.

Zeugen kümmerten sich laut Polizei sofort um die Verletzte, spülten ihr die Augen mit Wasser aus und alarmierten die Polizei und Feuerwehr. Eine Behandlung im Krankenhaus sei nicht nötig gewesen, teilten die Ermittler mit. Die Polizei sicherte die Videoaufzeichnungen aus der U-Bahn. (Tsp/ dpa)


Aus: "Jugendliche attackieren trans Frau mit Pfefferspray in der U7" (10.02.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/queerspiegel/drohten-ihr-die-haare-anzuzuenden-jugendliche-attackieren-trans-frau-mit-pfefferspray-in-der-u7/25529544.html

-

Quote
[...] Die Anzahl der Straf- und Gewalttaten gegen LGBTIQ* ist im vergangenen Jahr stark angestiegen. Das ergab jetzt die Antwort des Innenministeriums auf eine Anfrage von Ulle Schauws, Sprecherin für Frauenpolitik und Queerpolitik der Grünen Bundestagsfraktion, die dem Tagesspiegel vorliegt.

Der Bundesregierung zufolge gab es 2019 mindestens 564 politisch motivierte Straftaten aufgrund der sexuellen Orientierung, darunter 147 Gewalttaten. Unter dem Begriff „Straftaten aufgrund der sexuellen Orientierung“ erfasste die Bundesregierung „alle gegen Lesben, Schwulen, Bi-, Trans- und Intersexuelle motivierten Straftaten“.

Im Vergleich zu 2018 steigt die Zahl der Straftaten gegen queere Menschen damit um über 60 Prozent und bei den Gewalttaten sogar um mehr als 70 Prozent. Die Zahlen könnten im Fall potentieller Nachtragsmeldungen noch weiter steigen und die Dunkelziffern dürften deutlich höher liegen.

Damit zeigt sich auch auf Bundesebene ein Trend, der für Berlin bereits erfasst wurde: Von Januar bis Oktober 2019 wurden mindestens 261 Fälle von Hasskriminalität gegen LGBTIQ* Menschen gezählt. Im Vorjahr waren es im selben Zeitraum 184 Fälle.

...


Aus: "Bundesweiter Anstieg der Angriffe auf queere Menschen" (10.02.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/queerspiegel/homophobie-und-transfeindlichkeit-bundesweiter-anstieg-der-angriffe-auf-queere-menschen/25529574.html

"Für einen Kuss ins Gesicht getreten" Frederik Schindler (06.02.2020)
Die Zahl der Straftaten gegen Schwule, Lesben und Transpersonen steigt stark an – vor allem in Berlin. Die Täter sind in der Regel männlich, älter als 21 Jahre und deutsche Staatsangehörige. Worauf ist die wachsende Gewalt zurückzuführen? ... Die Berliner LSBT-Szene führt schon seit langem eine intensive Diskussion über die Ursachen der zunehmenden Hassgewalt. Auch die „Lesben und Schwule in der Union“, eine Interessenvertretung innerhalb von CDU und CSU, ist besorgt - und lädt am Mittwochabend zu einer Podiumsdiskussion in den Schöneberger Regenbogenkiez. ...
https://www.welt.de/politik/deutschland/article205637599/Gewalt-gegen-Homosexuelle-Fuer-einen-Kuss-ins-Gesicht-getreten.html

"Gewalt und Islam: Eine Frage der Ehre" Frederik Schindler (22. 11. 2018)
Sehen Linke über Übergriffe hinweg, wenn sie von Muslimen begangen werden? Darüber diskutierte die Initiative „Ehrlos statt wehrlos“.
https://taz.de/Gewalt-und-Islam/!5552361/

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« Reply #169 on: February 16, 2020, 06:39:04 PM »
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[...] Offene Räume, um über Pornos zu sprechen, sind [ ] bis heute selten. Pornografie ist schambehaftet. Sie wird vielfach kritisiert und doch jeden Tag von Millionen Menschen konsumiert. Gerade deshalb, findet Oeming, gehöre das Thema an die Uni. Sie sagt: Wir sollten besser verstehen, welche Pornos angesehen werden, von wem und warum.

Im laufenden Wintersemester bietet Madita Oeming an der Freien Universität Berlin das Seminar Porn in the USA an. Im Interview mit ze.tt erzählt sie, was sie ihren feministischen Kritiker*innen erwidert und was wir beim Porno schauen über uns selbst lernen können.


ze.tt: Frau Oeming, Sie halten es für problematisch, in gute und schlechte Pornografie zu unterteilen. Warum?

Madita Oeming: Weil wir dann schon wieder in der Wertung sind. Und die ist, gerade wenn es um Pornos geht, oft von moralischen Vorstellungen bestimmt. Mit „guten Pornos“ sind meistens die gemeint, die Sex zeigen, der gesellschaftlich akzeptabel ist. Oder Pornos, die ästhetisch ansprechend sind, optisch einem Hollywoodfilm ähneln. So ein Film ist aber meiner Meinung nach nicht automatisch „besser“ als ein BDSM-Porno mit trashiger Optik – nur für die Mehrheitsgesellschaft irgendwie leichter auszuhalten.

Es stört mich, wie diese Zweiteilung, gerade in feministischen Kreisen, oft genutzt wird, um nicht nur die sexuellen Praktiken, sondern oft auch die Frauen in „schlechten“ – also hier Mainstreampornos – abzuwerten. Wir ersetzen quasi eine Abwertung mit einer anderen. Das bringt uns nicht wirklich weiter in unserer sexuellen Befreiung.

ze.tt: Was bedeutet für Sie in diesem Zusammenhang feministische Pornografie?

Madita Oeming: Feministische Pornografie ist ein Label. Wie jedes Label hat es seinen Zweck, aber auch seine Grenzen. Ich glaube schon, dass wir es brauchen, weil es einen Dialog anstößt. Es macht erstmal darauf aufmerksam, dass Frauen in der Geschichte des Pornos lange ausgeschlossen wurden – hinter der Kamera, aber auch als Konsumentinnen. Und dass sich das ändern sollte. Es beschreibt einen anderen Ansatz, neue Bilder und vielleicht auch ein neues Zeitalter.

Aber es vermittelt leider auch den Eindruck, dass Frauen grundsätzlich etwas anderes wollen und sehen wollen als Männer. Und damit auch, dass alle Frauen das Gleiche sehen möchten. Das sind für mich sexistische Annahmen. Gern geht es in der öffentlichen Unterhaltung darum, dass Frauen angeblich Romantik und Geschichten und Zärtlichkeit im Porno wollen. Das verstärkt Genderstereotype, statt sie aufzubrechen. Es wird oft binär gedacht, heteronormativ und transexklusiv. Das verkennt für mich den Kern feministischer Pornographie und auch den Kern von Feminismus.

ze.tt: Mit Ihrer Arbeit ecken Sie in feministischen Kreisen an. Wie erwidern Sie die Kritik?

Madita Oeming: Meistens damit, dass ich es für antifeministisch halte, mir als Frau den Mund zu verbieten, mir meine Kompetenz, meinen Feminismus und meine Freiheit auf Lehre und Forschung abzusprechen. Das ist schon eine spezielle Ironie, wenn Feministinnen mir vorwerfen, dass ich die Degradierung von Frauen verherrlichen würde, aber mich im gleichen Atemzug beschimpfen und mir Gewalt, die Hölle oder ähnliches an den Hals wünschen.

Inhaltlich entgegne ich ihnen, dass eine Frau meiner Meinung nach das Recht haben muss, selbstbestimmt konsensuellen Sex vor der Kamera zu haben, wenn sie das möchte. Und dass es nichts anderes als slut shaming für mich ist, sie dafür zu bestrafen, auszugrenzen oder ähnliches. Das Gleiche gilt für mein Recht als Frau, zu Pornos zu masturbieren. Ich versuche ihnen das emanzipatorische Potential zu verdeutlichen, das ich im Porno auch sehe, im Porno-Machen sowie im Porno-Gucken. Damit stößt man aber oft auf Granit aus verhärteten Denkmustern und Fehlannahmen. Es ist eine sehr frustrierende, meist unproduktive Auseinandersetzung. Gegen die eigene Bewegung anzukämpfen, tut weh.

ze.tt: Sie werden auch aus rechten Kreisen angefeindet. Was triggern Sie bei diesen Leuten?

Madita Oeming: Ich fürchte, ich bin eine ideale Projektionsfläche für rechte Ängste: junge Frau, die es wagt, öffentlich über Sex zu sprechen. Und das auch noch als Akademikerin, also nicht lustig anzüglich, sondern „verschwurbelt“. Dann noch als Feministin, also auch nicht sexy oder süß, sondern „anstrengend“ – „Genderwahn auf Steuerkosten.“

Einerseits nehme ich den Männern ihr Medium weg. Andererseits verschmutze ich junge Menschen mit „rot-grün versifftem“ Gedankengut und „perversen“ Fantasien. Es klingt unlogisch, aber in Reaktionen aus rechten Lagern sind Pornos gleichzeitig heilig und das ultimative Unheil.

ze.tt: Können Sie das genauer erklären?

Madita Oeming: Es gibt immer wieder Kommentare, die so klingen, als würde ich den Porno kaputtmachen. Ob mit Verkopftheit oder Feminismus. Als sei es eine Art letzte Bastion, die ich angreife: Jetzt müssen auch noch Pornos politisch korrekt sein? Gleichzeitig heißt es aber, dass ich mit Pornos die Uni, die Jugend, ja „unser“ Land kaputt machen würde. Das ergibt nicht wirklich Sinn. Vermutlich spiegelt sich darin einfach ihre eigene verwirrte Haltung. Ich bin sicher, auch Rechte schauen gerne Pornos, aber es passt halt nicht in ihr konservatives Wertekorsett.

ze.tt: Was können wir durch Pornografie über die Gesellschaft lernen, in der wir leben?

Madita Oeming: Porno bedeutet Tabubruch. Das heißt im Umkehrschluss, dass wir die Tabus einer Gesellschaft ziemlich gut an den Pornos ablesen können, die sie konsumiert. Inzestfantasien sind zum Beispiel in der westlichen Welt ein absoluter Trend. Es ist unwahrscheinlich, dass das daran liegt, dass eine Großzahl von Menschen tatsächlich Sex mit Familienmitgliedern haben möchte, sondern vielmehr an unserer Freude, im Porno zu sehen, was in der Realität nicht erlaubt ist.

Im alten Ägypten hätte diese Erzählung vermutlich keinen Reiz gehabt, weil Inzest nicht verboten war. In den USA genießt der sogenannte interracial porn eine auffällige Beliebtheit, was durchaus als Nachwehen von Sklaverei und Segregation und der damit verbundenen Tabuisierung von Sex zwischen Schwarzen und weißen Menschen gelesen werden kann. Porno ist eine Art regelfreier Raum. Und er zeigt: Etwas in uns sehnt sich nach wie vor nach dem Verbotenen.

ze.tt: Und was können wir durch Pornografie über uns selbst lernen?

Madita Oeming: Oh, wenn wir offen dafür sind: sehr, sehr viel. Schmerzhaft viel! Unsere körperlichen Reaktionen sind gnadenlos ehrlich. Manchmal führen uns Pornos Dinge vor Augen, die wir gar nicht sehen wollen. Gelüste, die wir sogar vor uns selbst verheimlichen. Alte Wunden und Traumata. Aber auch Schönheitsideale, Grenzen, Ekel. Das kann erschreckend, aber auch spannend, sogar heilsam sein, wenn wir uns drauf einlassen.

Wir können unsere unerfüllten Fantasien entdecken und absolut sicher durchspielen. Quasi mit den Körpern der Menschen auf dem Bildschirm. Wir können sexuelle Neigungen erkennen und zulassen. Genießen. Und natürlich können wir viel über den menschlichen Körper lernen. Wie unterschiedlich er aussieht, wie er sich verhält beim Sex, was er alles kann. Das kann uns auch dabei helfen zu lernen, unseren eigenen Körper anzunehmen und zu erforschen.

ze.tt: Gibt es für Sie neue Erkenntnisse aus Ihrem Seminar mit den Studierenden an der FU Berlin?

Madita Oeming: Ich habe wahnsinnig viel von meinen Studierenden gelernt. Unsere Diskussionen hallten oft noch die ganze Woche in mir nach. Es war eine sehr kluge und kritische Truppe. Sie haben mir noch einmal deutlich vor Augen geführt, wie wichtig es bei diesem Thema ist, Ambivalenz auszuhalten. Es gibt auf viele Fragen einfach keine eindeutige Antwort.

Besonders aufschlussreich waren für mich auch unsere Reflektionen: Wie es ist, zusammen Pornos zu schauen, wie ich unterrichte, wie unsere Gruppendynamik ist. Es ging viel um unsere eigenen Privilegien. Um schwer zu entlernende Werte und Sehgewohnheiten. Eine wichtige Erkenntnis für mich als Dozentin war, dass es gerade in einer eher homogen liberalen Gruppe notwendig ist, konservative Sichtweisen herzuleiten und zu verstehen. Sich quasi in die andere Seite hineinzuversetzen. Deren Argumentationsweise nachzuvollziehen, auch wenn man sie dann dekonstruiert.

ze.tt: Welche Sichtweise zum Beispiel?

Madita Oeming: Wir haben uns mit dem Anti-Porno-Feminismus beschäftigt, indem wir Catharine MacKinnon und Gail Dines gelesen haben, die Pornografie mit sexualisierter Gewalt gleichsetzen. Oder mit den Strategien, mit denen die Panik um Pornosucht in Boulevardmedien verbreitet wird. Auch die negativen Reaktionen auf das Seminar haben wir gemeinsam analysiert. Je weniger man sich selbst von Pornos bedroht fühlt, desto schwerer ist es zu verstehen, warum sie für andere so angstbesetzt sind.

ze.tt: Sie sagen, Sie sind Wissenschaftlerin, keine Sexualtherapeutin. Wie meinen Sie das?

Madita Oeming: Menschen kommen oft mit privaten sexuellen Problemen auf mich zu. Das kann einerseits, gerade im beruflichen Kontext, sehr grenzüberschreitend sein. Hier werde ich in eine Rolle gedrängt, die ich mir nicht ausgesucht habe. Und andererseits fühle ich mich manchmal überfordert mit der Verantwortung. Ich bin einfach nicht dafür ausgebildet, Menschen in Hinblick auf ihre Orgasmusprobleme, Körperunsicherheiten, Fetische oder ähnliches zu beraten. Selbst wenn ich viel darüber weiß.

Es zeigt sich immer wieder ein wahnsinniger Gesprächsdarf und Berge über Berge von sexueller Scham. Sie erhoffen sich von mir Erleichterung, oft eine Art Absolution. Ich höre mich immer wieder sagen: „Das ist völlig normal. Damit sind Sie nicht allein!“ Aber das ist eigentlich nicht meine Aufgabe.

...


Aus: "„Porno kann uns Dinge vor Augen führen, die wir sogar vor uns selbst verheimlichen“" Nina Monecke (16. Februar 2020)
Quelle: https://ze.tt/porno-kann-uns-dinge-vor-augen-fuehren-die-wir-sogar-vor-uns-selbst-verheimlichen-sex-masturbation/
« Last Edit: February 16, 2020, 06:41:49 PM by Link »

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« Reply #170 on: March 05, 2020, 05:49:49 PM »
Kathrin Weßling @ohhellokathrina
Mein Text zum #weltfrauentag im @derfreitag
heißt "Ich, die Schlampe". Und tatsächlich habe ich mich nie nackter gemacht in einem Text. Es geht um Sex, um Feminismus, um Blowjobs und warum Menschen mich Schlampe nennen.
12:20 nachm. · 5. März 2020
https://twitter.com/ohhellokathrina/status/1235525478011867139

Quote
[...] Als Frau über Sex zu sprechen und zu schreiben, bedeutet auch immer, über Sexismus zu sprechen. Denn schon mit der Anfrage, ob ich diesen Text schreiben möchte, fing es an. Ein Text aus meiner Sicht über weibliche Sexualität? Sofort alle Warnblinker an im Kopf und im Bauch: Was würde die Familie sagen, was Freundinnen und Freunde, was Feministinnen, Maskulisten, was, wenn das zukünftige Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber lesen würden? Was, wenn das meinem Ruf schaden würde und so weiter? Die Liste der Ängste ist endlos.

Aber genau deshalb gibt es diesen Text nun: weil allein das, was in diesen paar Sekunden in meinem Kopf passierte, Grund genug ist, ihn zu schreiben. Trotz der Angst, die ich auch jetzt dabei fühle. Ich habe die Überschrift genau deshalb gewählt: Ich eigne mir an, was mir nachgesagt werden könnte, bestimmt auch wird. Ich bin eine „Schlampe“, eine „Bitch“, zumindest, wenn es nach normativen Maßstäben geht. Denn ich habe und hatte viel Sex. Und ich bin Feministin. Und beides zusammen ist nicht immer leicht zu vereinbaren. Manchmal gar nicht.

Denn die weibliche Sexualität ist so eng verknüpft mit sexualisierter Gewalt, mit Angst, Scham und Repressionen, dass es in diesem Bewusstsein kaum möglich ist für mich, über meine Sexualität und den Sex, den ich habe, zu sprechen, ohne auch all das mitzudenken. Trotzdem möchte ich hier den Versuch wagen, darüber zu schreiben und zu sprechen. Es fühlt sich kaum machbar an.

Denn da sind jene, die Frauen wie mich beschämen wollen für den offenen Umgang, den ich mit Sex habe, für die Frequenz, die Häufigkeit. Und jene, die mich für antifeministisch halten, weil ich mich gerne sehr sexy kleide, flirte, durch Berliner Betten treibe. Dazwischen stecke ich und versuche, mich zu verhalten, auf eine Art, die sich frei und leicht anfühlt. Es gelingt mir nicht.

Denn neben der Bewertung der anderen ist da ja auch noch mein eigenes Verhalten und das ständige Hinterfragen desselben. Auch ich habe mich beschämenderweise in den vergangenen zwanzig Jahren unabsichtlich übergriffig verhalten, auch ich habe Fehler gemacht im Umgang mit anderen. Ich kann mich nicht frei machen. Ich muss all das mitdenken, wenn ich über Sex spreche, meine Beweggründe, meine Wünsche, meine Fehler.

All das macht es unendlich schwer, denn schon das Sprechen darüber löst Konflikte aus: Wie kann ich einen Text schreiben über sexuelle Befreiung, wenn er so viele Konsequenzen haben könnte? Genau so vielleicht: Indem ich offenlege, wie schwierig all das für mich ist. Und es trotzdem mache. Denn für mich ist Sex etwas wirklich Wichtiges. Etwas Elementares. Er ist ein nicht unerheblicher Teil meiner Persönlichkeit. Aber immer wieder wird genau das zum Problem.

Eine sehr lange Zeit habe ich mich zum Beispiel vor Blowjobs gescheut. Ich fand sie patriarchalisch, demütigend im schlimmsten Fall. Bei Pornos spulte ich vor, wenn Schwänze mal wieder so tief in Münder gepresst wurden, dass die Frauen würgten. Ich versuchte, auf feministische Pornos zu masturbieren und zu kommen, ich schaffte es nicht. Ich fand alles langweilig. Das ewige Vorspiel, das Gelecke, die Dialoge. Ich will keine zwei Hipster beim Sex sehen. Ich will einfach Sex anschauen. Animalischen, leidenschaftlichen Sex.

Aber auch diese Vorliebe für harten Sex lässt sich kaum mit meinen feministischen Einstellungen verbinden. Oder?

Mittlerweile weiß ich: Doch. Das geht. Denn der Unterschied zwischen feministischem und patriarchalem Sex liegt nicht in den Dingen, die ich konkret mache. Es geht viel mehr darum, warum ich sie mache, ob ich Lust dabei verspüre oder ob ich sie mache, weil ich glaube, dass sie von mir verlangt werden.

Als mir das klar wurde, fand ich meine Lust an Blowjobs wieder. Als ich mich weder gezwungen sah, sie zu geben, noch sie aus feministischer Sicht abzulehnen, gewann ich die Freiheit zurück, Schwänze zu lutschen, wann ich das will. Wenn ich es wirklich, wirklich will. Denn das ist das große Missverständnis: Es geht nicht darum, was wir tun, sondern warum.

Um es konkret zu machen: Es macht einen Unterschied, ob ich mich beim Sex hart von hinten nehmen lasse, weil ich das genieße – oder ob ich das mache, weil der Mann das so verlangt oder will. Auch Demütigung und Schmerz können lustvoll sein, ziemlich sogar. Alles eine Frage der Kommunikation. Und auch an der musste ich arbeiten.

Viele Jahre meines Lebens bin ich gar nicht auf die Idee gekommen, einem Mann zu zeigen, was ich mag. Und, ehrlich gesagt, stimmte es in meinem Fall auch nicht, dass ich durch Masturbation schon wusste, was mir gefällt. Einige Dinge mache ich lieber allein, andere kann nur ein Partner schaffen oder ein Vibrator. Squirting und vaginale Orgasmen gehören dazu. Ausnahmslos alle Männer, mit denen ich schlief, finden squirtende Frauen super. Das ist auch die Erfahrung vieler meiner Freundinnen, die sich gegenseitig Tipps geben, wie Squirting gelingen kann (wenn man das möchte). Als wir an einem Wintertag auf einem Balkon rauchend und frierend darüber sprachen, wie genau das jetzt funktioniert, dachte ich kurz: Wow, endlich lebe ich in einer Gesellschaft, in der so etwas kein Problem mehr ist! In der Frauen offen über Squirting und die beste Technik sprechen können (Lesen Sie zu „Squirting“ auch dieses Interview: https://www.freitag.de/autoren/verena-reygers/spritzen-wie-eine-frau ).

Ein paar Monate später schrieb ich frohen Mutes in mein Twitter- sowie mein Instagram-Profil „sexpositiv“ neben „Feministin“. Das fühlte sich wie ein großer Schritt an und gefährlich. Und das war er auch. Bis heute glauben nicht wenige Männer, dass dieses Wort eine Einladung ist (und ich bin mir sicher, dass auch dieser Text wieder den ein oder anderen dazu motiviert, „nur mal Hallo“ zu sagen). Ein Missverständnis, dem sich viele Frauen ausgesetzt sehen, die offen mit ihrer Sexualität umgehen: Sexpositiv zu sein, bedeutet nicht, dass wir jederzeit und mit jedem ficken wollen. Es bedeutet nur, dass wir Sex nicht ablehnen, solange er gleichberechtigt ist. Alles andere ist eine individuelle Sache, eine Frage der Vorlieben und Wünsche.

Kathrin Weßling hat gerade ihren neuen Roman Nix passiert bei Ullstein veröffentlicht. Zuvor erschienen Drüberleben (2012), Morgen ist es vorbei (2015) sowie Super, und dir? (2018)


Aus: "Ich, die Schlampe" Kathrin Weßling (Ausgabe 10/2020)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/ich-die-schlampe
« Last Edit: March 05, 2020, 05:52:34 PM by Link »

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« Reply #171 on: March 09, 2020, 12:37:21 PM »
Quote
[...] „Fehlstart“ ist weniger ein Coming-of-Age- oder Bildungsroman als eine schonungslose soziologische Betrachtung. Als solche hat „Fehlstart“ viele gelungene Passagen.


Aus: "Frankreichs Jugend hat keine Chance" Gerrit Bartels (09.02.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/fehlstart-von-marion-messina-frankreichs-jugend-hat-keine-chance/25525686.html

-

Quote
[...] Und dann erschien 2017 Ihr erster Roman „Fehlstart“. Wie war das Schreiben für Sie?

Marion Messina: Ich hatte lange Zeit ständig Notizen gemacht. Dann aber sehr viel Zeit damit zugebracht, um mich zu entscheiden, ob ich nun in der ersten oder dritten Person schreibe, ob es eine männliche oder weibliche Figur wird und ob die Geschichte in Grenoble oder Paris beginnt ... das musste lange reifen. Es fühlte sich an wie eine geleugnete Schwangerschaft, aber als ich dann wusste, es wird die 17-jährige Aurélie aus Sicht eines unpersönlichen Erzählers, war kein Halten mehr – und plötzlich war das Baby da. Als es erschien, kam es mir wie eine Hommage vor, die ich dem Frankreich widmete, das bislang in der Literatur nicht vorkam.

Das war auch der Grund, warum Sie sich ein Jahr später an die Seite der Gelbwesten gestellt haben?

Marion Messina: Als die Gelbwestenbewegung begann, war das geradezu eine Befreiung. Es war das Frankreich, das ich kenne, das sich plötzlich Gehör verschafft hat, nach Paris gereist ist, um auf die Straße zu gehen. Das war so erleichternd, dass sich endlich die Mehrheit zu Wort meldet. Diese Mehrheit wird verachtet von den wenigen, die sich auf ihre Kosten bereichern. Ich habe nie vergessen, wo ich herkomme, was für Scheißjobs ich gemacht habe, dass ich am Stadtrand von Paris lebe, wo jeden Morgen ab acht Uhr eine Schlange vor dem Lidl steht. Was meine Generation betrifft, so hat uns der Zugang zur Pornografie geprägt, durch den wir eine standardisierte Vorstellung vom Sex haben, gleichzeitig gibt es ultrafeministische Ansichten. Wir haben eine neue Prekarität erlebt, selbst wenn wir haufenweise Diplome vorweisen können, die aber nichts mehr wert sind. Wir sehen, wie unmöglich es ist, Eigentum zu erwerben, wenn die Familie keinen Beitrag leisten kann. Bei uns überlagern sich wirklich viele Nachteile, und dann fragt man sich, ob das alles noch Sinn hat. ... Wenn wir „Scheiße!“ sagen wollen, tun wir das. Ich bin immer hellhörig, was die Sprache von Menschen am Rande der Gesellschaft, abseits von Paris, angeht. Ich achte auf sprachliche Veränderungen, auf Jargon, auf das Vokabular. Die unterschiedliche Ausdrucksweise hat heute nichts mehr mit Regionen oder Dialekten zu tun, sondern mit einem Französisch, das urban geprägt ist, vom Dienstleistungssektor, vom Management-Englisch. Der Sprachgebrauch ähnelt sich in Paris, Lyon und anderen Städten, aber schon 50 Kilometer von Paris entfernt sprechen die Menschen anders.

... Wie hat sich das Land unter Macron verändert?

Frankreich ist paradoxerweise unter Macron wieder nach links gerückt. Einen Teil junger Wähler hat er enttäuscht. Die dachten, das klassische Angestelltendasein ist sowieso abgeschrieben, dann eben ein Start-up. Bis ihnen klarwurde, dass sie nun ununterbrochen arbeiten müssen, keine soziale Absicherung haben und selbst im Krankheitsfall weitermachen müssen. Andere, wie die Gelbwesten, haben oft zuvor nie demonstriert, waren nie politisch interessiert. Das hat sich geändert, nachdem sie gesehen haben, zu was der Staat in der Lage ist: abgerissene Hände, zerschossene Augen, Militärfahrzeuge als Antwort auf soziale Proteste. Das hat sie politisiert, wenn auch nicht im positiven Sinn. Unter Macron ist der Rückzug des Staates extrem konkret spürbar geworden. Aus heutiger Sicht fällt es mir sogar schwer, Jacques Chirac oder Nicolas Sarkozy noch als rechte Präsidenten zu bezeichnen, denn sie haben weitaus weniger Einschnitte in den Sozialsystemen und weniger Privatisierungen vorgenommen. In Deutschland herrscht der Eindruck, wir würden uns zu viele Beamte und öffentliche Ausgaben leisten. Und weil Deutschland die Europäische Union dominiert, sollen die anderen Länder an den Maastrichtkriterien festhalten, um die Neuverschuldung gering zu halten. Aber man kann doch für die Haushaltsdisziplin nicht mehrere Millionen Menschen auf der Straße verrecken lassen. Soziale Bewegungen und Aufstände haben in Frankreich eine lange Geschichte, die kulturell verankert ist. Immerhin: Die Gesellschaft, die Macron vorschwebt, ist ein Geschenk für die Literatur, man kann jede Menge darüber schreiben.


Aus: "„Wir lieben es, Tabus zu brechen“" Romy Straßenburg (Ausgabe 10/2020)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/linkerhand/wir-lieben-es-tabus-zu-brechen

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« Reply #172 on: March 09, 2020, 07:41:05 PM »
19:30 Zeitfragen. Feature
Eine Frau für 5 Euro
Armutsprostitution aus Osteuropa
Von Güner Balci
Sex mit einer Prostituierten kostet in Deutschland weniger als eine Schachtel Zigaretten. Armutsprostitution betrifft vor allem Frauen aus Osteuropa und afrikanischen Ländern. Polizei und Experten sprechen von hunderttausenden Frauen die, oft unter Zwang, ihren Körper verkaufen. Statistiken gibt es keine. Nur wenige Betroffene schaffen den Absprung in ein normales Leben, denn Hilfsangebote gibt es kaum. In Frauenhäusern werden sie nicht aufgenommen, den meisten droht bei Ausstieg aus dem Milieu Gewalt und Obdachlosigkeit. Das große Geschäft machen kriminelle Banden und Betreiber von Bordellen, auch der Staat verdient gut mit. Ausgebeutet und alleingelassen leben diese Frauen in einer Schattenwelt mitten in Deutschland ohne Rechte. ... Besonders die Frauen, die von Armutsprostitution betroffen sind, lassen oft Unvorstellbares über sich ergehen.
„Es gibt auch die Freier, die genau das wollen“, sagt Annika Kleist. „Die wollen die Frauen in den Notsituationen. Die wollen die, weil sie da die Preise drücken können, weil sie da alles bekommen, was sie für extreme Vorstellungen haben. Es ist wirklich verstörend.“
Für die Frauen in der Armutsprostitution ist Gewalt Alltag. In all seinen Ausprägungen. ...
https://www.deutschlandfunkkultur.de/armutsprostituierte-aus-osteuropa-eine-frau-fuer-fuenf-euro.976.de.html?dram:article_id=472069
« Last Edit: March 13, 2020, 12:04:49 PM by Link »

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« Reply #173 on: March 18, 2020, 11:10:00 AM »
Quote
[...] Christoph May ist Männerforscher, Blogger und Aktivist. Er berät Unternehmen zu Geschlechtergerechtigkeit und gibt Workshops zum Thema Kritische Männlichkeit. Parallel dazu schreibt und spricht er über Männerphantasien in Serien und Filmen. 2018 gründete er das Detox Masculinity Network. - Vor über 40 Jahren erschien Klaus Theweleits Untersuchung "Männerphantasien". Aus diesem Anlass analysiert Gastautor Christoph May die aktuelle Fantasielosigkeit

Und wieder waren die #OscarsSoMale. Keine einzige Frau* für den Regie-Oscar nominiert. Es ist eine Katastrophe, ein Desaster, das absolute Versagen. Stattdessen Mafiosi, Soldaten, Rennfahrer, Stuntmen, ein Clown und ein imaginärer Adolf Hitler. Nahezu alle Filme und Serien aus den Vereinigten Staaten sind männliche Produktionen. Von "Herr der Ringe" über "Star Wars" bis "Game of Thrones". Nur zehn Prozent aller Drehbücher werden von Frauen* verfasst. Bei Disney, Universal und Paramount schreiben 90 Prozent Männer*. Bei Netflix, HBO und Amazon sind die Zahlen ähnlich.

Der hypermaskuline Impact von Serien und Filmen auf das gesellschaftliche Unterbewusstsein scheint enorm. Die Story- und Bilderflut fiktiver Männerwelten kaum zu bewältigen. In Wahrheit aber beschränkt sich die Fantasie von weißen, männlich dominierten Monokulturen auf drei simple Inszenierungsformen, an denen sich die Männer* sprichwörtlich abarbeiten: den Körperpanzer, die Kreatur und die Raumüberlegenheit. Das Bemerkenswerte ist, je schneller und effizienter die Produktionsprozesse und je größer der Output ihrer Erzählungen, desto rasender die Verzweiflung, dass Mann* sich hier so richtig festgefahren hat, quasi Stillstand.

Vor kurzem erschien eine Neuauflage der "Männerphantasien" von Klaus Theweleit (1977). Darin entwickelt er seine bekannte These vom faschistischen Körperpanzer, der sich durch Drill und Prügel schon früh als eine Art zweites Ich herausbildet und nach außen hin durch militärische Härte, Kälte und Gnadenlosigkeit wahrgenommen wird. Die Metaphorik des Körperpanzers hat sich über 40 Jahre nach Theweleits Untersuchung zu der wohl dominantesten aller männlichen Repräsentationsformen in spätmodernen Serien und Filmen entwickelt.

Beginnen wir mit der 800er-Serie des "Terminator," einem Androidengestell ohne Selbstheilung, dem mit Haut überzogenen Roboter-Retter. Die Maschinen der Zukunft schicken ihre "verbesserte", sprich flüssige Version (T-1000) in die Vergangenheit, um die alte auszurangieren. Ebenfalls komplett aus Stahl, sogar das Hirn, aber morphfähig. Bei "Wolverine" von den X-Men besteht nur das Skelett aus Adamantium, nicht sein ganzer Körper. Weil sie ihm das Metall nicht ganz freiwillig injiziert haben, fährt er künftig die Krallen aus und leidet wie, nun ja, wie ein freud- und freundloses Frettchen eben. Iron Man hingegen trägt sein vollständig geschlossenes Exoskelett als autonome Voll- und gelegentlich Doppelpanzerung. Derweil Tom Cruise den Aliens in einem offenen, allerdings nicht autonomen Exoskelett entgegen stampft ("Edge of Tomorrow"). Diese schmerzfreie Version ist Matt Damon auf Elysium leider nicht vergönnt. Sein Exoskelett – genauer: halb Exo, halb Endo – wird fest mit dem Körper verschraubt und dem Rückgrat verschweißt.

Der berühmteste aller Körperpanzer von Darth Vader wurde einzig zu dem Zweck entwickelt, den massiv zerstörten Körper seines Trägers zusammenzuhalten. Das schwarze Fetisch-Outfit dient ihm als Versiegelung inklusive Atemmaske (viel dampfendes Plastik). Deadpool könnte ohne Ganzkörperanzug umher tollen, will seinen mutationsverstümmelten Tumorkörper aber lieber verbergen. Wohingegen das muskeldefinierte Kampfkostüm von Batman in "Dark Knight" einzig als Maskerade nützlich ist. Jedwede körperliche Überlegenheit verdankt er bekanntlich seinem Maschinenpark. Derart billige Tricks hat Superman nicht nötig. Seine Kräfte sind angeboren und nahezu unerschöpflich. Erschöpfung ist übrigens eine der Haupt-Tropen im Hero-Business. Ob seiner bald 80 jährigen Geschichte gilt er heute als Ikone: die Verkörperung übermännlicher Fähigkeiten par excellence. Aber auch hier gibt es Aushärtungspotential. Der aktuelle Superman kommt als Men of Steel daher, also wieder Stahl. Seine Figur steht wie keine andere für die rasenden Reaktionismen einer beschleunigten Phantasielosigkeits-Stahl-Industrie.

Und da wäre auch die Tradition der freien Oberkörper. Früh zu sehen bei Stallone, dem alten Rambo, später Bruce Willis in "Stirb Langsam". Die neuen Rambos heißen Diesel, Statham und natürlich Johnson. Dwayne – die menschgewordene Hulk-Pose unter den Muskelbergen – Johnson. Weitere Tradition: die Teilpanzerung wie beim Maulkorb von Bane in "Dark Knight". Der alte Hannibal trug Maulkorb, der neue Hannibal redet so lange auf seinen Gegenspieler Will ein, bis dieser sich freiwillig einen umlegt. Immortan Joe aus "Mad Max: Fury Road" hat sich sogar echte Pferdezähne vor den Mund geschnallt. Und Mad Rockatansky ist satte 90 Film-Minuten lang damit beschäftigt, seine Eisenmaske vom Kopf zu feilen, um sich kurz vorzustellen: "Max. Mein Name ist Max. Das ist mein Name." Dann schweigt er wieder. Maulkörbe symbolisieren die enorme emotionale Sprachlosigkeit ihrer Träger.

Immortan Joes weiße Haut bringt eine dritte Motiv-Linie ins Spiel. Sie steht für nicht durchblutete Männlichkeit, gefühlskalt, radikalisiert, innerlich tot. Die Tradition der Bleichgesichter beginnt 1931 mit Boris Karloff als Frankenstein (Oder der moderne Prometheus) und reicht bis zu dem blassfauligen Moment, als Darth Vader seine Maske abnimmt. Nicht zu vergessen die sogenannten Ingenieure in Prometheus: organisch mit ihrem Körperpanzer verwachsen und allesamt sprachlos. Weibliche Ingenieure hat es nie gegeben. In der Phantasie von Ridley Scott bringen Männer* von außerhalb das Leben auf die Erde. Negation, Abwehr und Abwertung der Frau* also in vollem Gange. In "Westworld" werden die Androiden in Orantenhaltung (Segnung, Kreuzigung, Himmelfahrt usw.) auf ein Rad geschnallt und mit weißer Haut überzogen. Damit sie Farbe annehmen, steckt Mann ihnen final einen Schlauch in den Rücken und beginnt mit der Kunstblutzufuhr.

Auch der neue "Hannibal" präsentiert viele seiner Opfer in Orantenhaltung, eines zum Beispiel direkt als Baumstamm und Stammesvater mit Düngerfunktion (Season 2, Episode 6). Wenn Hannibal die Körper seiner Opfer mit allerhand Messern und Werkzeugen malträtiert, erinnert das nicht nur an einen Mett-Igel, sondern auch an den von Pfeilen durchsiebten heiligen Sebastian. Ebendiese Pfeile als Handfeuerwaffen in großer Zahl auf John Wick gerichtet, verweisen umso deutlicher auf das immanente Bedrohungsgefühl und die enorme Angst davor, innerhalb von nur 90 Minuten 127 Männer* töten zu müssen.

Der Körperpanzer kann natürlich auch nach außen projiziert werden in Form von Autos, Robotern, Androiden und Fluggeräten aller Art bis hin zu ganzen Flotten aus Maschinen. Und nicht zuletzt auf Frauenkörper. Kurz zu den Maschinen: bei der Gestaltung von außerirdischen Metall-Boliden, Kampfschiffen und Sternenflotten sind der männlichen Phantasie erhebliche Grenzen gesetzt. So zählt der Transformerboss Optimus Prime zu einer Tafelrunde aus sprechenden Sportwagen, das Raumschiff Enterprise hat sich zero verändert in den letzten 50 Jahren und die Sternenzerstörer von Palpatine sind jetzt dort gelandet, wo sie schon immer hingehören: als Weltraumschrott auf dem Müll der Design- und Ideengeschichte extraterrestrischer Panzerkreuzerflotten.

Nebenbei gefragt: Feiert Star Wars mit dem Untergang der "ersten Ordnung" den endgültigen Sieg über die traditionelle Männlichkeit? Wohl kaum. Zunächst wird das Ende der cis-Lords (= Sith Lords) nur möglich, weil Kylo Ren seine letzten Männergien in Rey pumpt (Male Savior Trope). Obendrein wird ihr kein eigener, ikonischer Name zugestanden. Die bisher nachnamenlose muss sich jetzt Skywalker nennen. Und zu guter Letzt ist ihre Figur nicht nur der Phantasie dreier Männer* entsprungen (Kasdan, Abrams, Arndt), auch für das Drehbuch von "The Rise of Skywalker" zeichnen vier Männer* verantwortlich.

Doch zurück auf die Erde und hinein in den Geräteschuppen von Iron Man, der sich unterdessen eine beachtliche Körperpanzer-Armee zugelegt hat. Jedes seiner Exoskelette läuft autonom steuerbar und mit Sprach-Service. So lässt sich oft schwer sagen, ob jemand drin steckt im Panzer. Ob der Mann wirklich zu Hause ist, sprich emotional präsent. Wie das folgende Video zeigt, ist die Auswahl der Emotionen, zu denen die genannten Körperpanzer fähig sind, noch immer rudimentär. Wir sehen eine Produktwerbung für den Androiden David Nummer Acht, den man sich ab sofort nach Hause liefern lassen kann, Stichwort Care Gap: Wird die Körperpanzer-Fantasie auf Frauen* übertragen – quasi Live-Projektion –, werden sie als Riesenbedrohung inszeniert. Oft in Form künstlicher Intelligenz, von Männern* erschaffen und erbaut. Sie werden zwar biblisch Ava genannt wie in ex machina, aber schnell wird klar, dass hier nicht die KI Bedrohung und Gefahr darstellt, sondern die Gefährtin selbst, die weibliche Intelligenz, die Frau* als sich emanzipierendes Objekt. Die wohl frauenverachtendste Männerfantasie dieser Art findet sich in einem Freizeitpark für Männer* namens Westworld und wird Dolores genannt. Damit Dolores ein Bewusstsein entwickeln kann – so die perfide Idee des alten, weißen und einsamen Entwicklers Dr. Robert Ford (Anthony Hopkins) –, muss ihr Körper wieder und wieder missbraucht und getötet werden. 30 Jahre lang nahezu täglich, also viele tausend Mal. Die Emanzipation der Frau* nach männlichem Drehbuch wird hier als die wohl längste Schändung inszeniert, die man sich vorstellen kann. Und die Zuschauer? Sind begeistert. Was für ein Spektakel! Dolores kommt von lateinisch dolor und bedeutet Schmerz, Reue, Pein.

So viel zum Körperpanzer, mit dem live und in Echtzeit die gängigen Formen von Toxic Masculinity verhandelt werden. Sprichwörtlich in Form gegossen im Stahlwerk von Kino und Streamingdiensten: emotionale Distanz, Hyperkonkurrenzdenken, Aggression, Einschüchterung, Bedrohung, Gewalt, sexuelle Objektivierung und abgrundtiefer Frauenhass. (Christoph May, 15.3.2020)


Aus: "Männer im Film - Killer, Outlaws, Supermänner: Der männliche Körperpanzer" Christoph May (15. März 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000115675380/killer-outlaws-supermaenner-der-maennliche-koerperpanzer

https://christophmay.eu/killer-outlaws-supermaenner-koerperpanzer-maennerphantasien-theweleit-essay-christoph-may-die-standard/

Quote
razorsedge

...ich weis nicht was ich von einem Essay zu dem Thema halten soll, in dem auf Robocop und Judge Dredd vergessen wird...


Quote
Und nun zu etwas völlig anderem...

So viel Text, nur um zu sagen, dass wir gerne etwas weniger verwundbar wären, oder zumindest weniger Angst vor dem Tod haben möchten. :-)
Banaler geht's im Grunde nimmer.


Quote
yah bluez

Bezeichnend für die allgegenwärtige Absurdität des Blöden ist das diese Kritik an der fehlenden weiblichen Kreativität von einem Mann geschrieben wurde.


Quote
Mein komischer Läppi

Dankeschön! - Und erfreulicherweise von einem Mann!
Bin gespannt aber eher pessimistisch, ob das hauptsächlich männliche postende Forenpublikum das verstehen kann bzw. will...


Quote
widiwutsch

Sitzpinkler will man aus irgendwelchen Gründen im Film nicht sehen, keine Ahnung.


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Akka Lightguns

viele der Postings kommen einem Offenbarungseid gleich ... QED


...
« Last Edit: March 18, 2020, 11:38:21 AM by Link »

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« Reply #174 on: March 18, 2020, 11:27:10 AM »
Quote
10:53 Uhr - Neuseeland legalisiert Abtreibungen

Abtreibungen sind in Neuseeland künftig nicht mehr strafbar. Das Parlament in Wellington verabschiedete ein entsprechendes Gesetz. Bislang galt Schwangerschaftsabbruch in Neuseeland gemäß einem Gesetz aus dem Jahr 1961 als Straftat, Abtreibungsärzten drohten bis zu 14 Jahre Gefängnis.

Obwohl das Gesetz nie angewendet wurde und Frauen im Falle eines Schwangerschaftsabbruchs keine Strafe drohte, betonte Gesundheitsminister Andrew Little die Notwendigkeit der Gesetzesänderung. "Ab heute werden Abtreibungen richtigerweise als Gesundheitsfrage behandelt", erklärte er. Mit der neuen Regelung sei es für Frauen leichter, sich beraten und behandeln zu lassen.


Aus: "Mittwoch, 18. März 2020 - Der Tag"
Quelle: https://www.n-tv.de/der_tag/Der-Tag-am-Mittwoch-18-Maerz-2020-article21649984.html

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« Reply #175 on: March 21, 2020, 12:14:21 AM »
Quote
[...] Neu-Delhi – Wegen der Vergewaltigung und Tötung einer Studentin vor mehr als sieben Jahren sind in Indien vier Männer hingerichtet worden. Das teilte das Gefängnis in Neu-Delhi am Freitag mit. Die Männer hatten die 23-jährige Frau 2012 in einem Bus so brutal missbraucht, dass sie knapp zwei Wochen danach an ihren Verletzungen starb. Der Fall hatte weltweit Schlagzeilen gemacht.

Außerdem hatte der Fall ein grundlegendes Problem in Indien gezeigt: Alle 15 Minuten wird nach offiziellen Zahlen eine Frau oder ein Mädchen Opfer einer Vergewaltigung.

Hinrichtungen sind in Indien selten – zuletzt war so 2015 ein Mann gestorben, der 1993 für einen der schlimmsten Terroranschläge der indischen Geschichte mit mehr als 200 Toten und Hunderten Verletzten verantwortlich gewesen war. Mit der jetzigen Hinrichtung will Indien exemplarisch zeigen, etwas für mehr Sicherheit der Frauen zu tun. Gleichzeitig versuchten die Verteidiger der Täter und deren Familien den angesetzten Todestag bis wenige Stunden zuvor zu verhindern.

Nach der Hinrichtung sagte die Mutter des Opfers: "Es hat gedauert, aber Gerechtigkeit wurde endlich geschaffen." Vor dem Gefängnis hatte sich eine große Menschenmenge versammelt. Als die Menschen erfuhren, dass die Hinrichtung vollstreckt war, brachen sie in Jubel aus.

Im Dezember 2012 hatten die Studentin und ein Freund nach einem Kinoabend für den Heimweg einen Bus genommen, in dem auch sechs betrunkene Männer waren. Sie verprügelten den Freund und vergewaltigten die Frau. Für ihre Tat nutzten sie auch Metallstangen. Danach warfen sie die beiden aus dem Bus und versuchten sogar noch, sie zu überfahren.

Bereits kurz nach der Gruppenvergewaltigung hatten Tausende auf den Straßen die sofortige Hinrichtung der Männer gefordert. Die Wut der Leute damals führte zu härteren Gesetzen gegen Vergewaltiger. Das Urteil stand zwar bald fest, die Täter gingen jedoch jahrelang juristisch dagegen vor, sie versuchten es auch mit Gnadengesuchen beim Präsidenten. So wurde das Datum der Hinrichtung mehrmals verschoben. Ein weiterer Täter war damals minderjährig und ist mittlerweile auf freiem Fuß, ein anderer wurde tot in seiner Gefängniszelle gefunden. (APA, 20.3.2020)


Aus: "Vier Männer in Indien nach Vergewaltigung einer Studentin hingerichtet" (20. März 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000115959605/indien-vier-vergewaltiger-von-studentin-hingerichtet

The 2012 Delhi gang rape case involved a rape and fatal assault that occurred on 16 December 2012 in Munirka, a neighbourhood in South Delhi. ...
https://en.wikipedia.org/wiki/2012_Delhi_gang_rape

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« Reply #176 on: March 23, 2020, 10:21:19 AM »
SRF Kultur @srfkultur
Katja Lewina schreibt über Lust und Sex, offen und persönlich. Das provoziert so manchen Shitstorm.
2:53 nachm. · 11. Apr. 2018
https://twitter.com/srfkultur/status/984051830459129859

Tabus brechen - «Benenne das, wofür du dich schämst»
Katja Lewina schreibt über Lust und Sex, offen und persönlich. Sie will das gesellschaftliche Modell der willigen Frau und des triebgesteuerten Mannes ins Wanken bringen.
Autor: Julia Voegelin
Mittwoch, 11.04.2018, 14:32 Uhr
https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/tabus-brechen-benenne-das-wofuer-du-dich-schaemst

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Quote
[...] Katja Lewina: Sie hat Bock
DuMont Verlag, Köln 2020
ISBN 9783832181178
Gebunden, 224 Seiten

Klappentext: Was ist sexistisch an unserem Sex? Katja Lewina hat Bock, und sie schreibt darüber. Wäre sie ein Mann, wäre das kein Ding. So aber ist sie: "Schlampe", "Nutte", "Fotze", "Hoe" … Seit #metoo werden die Rufe nach der potenten Frau laut und lauter. Aber hat eine, die ihr sexuelles Potenzial jenseits von "stets glatt rasiert und gefügig" lebt, in unserer Gesellschaft tatsächlich einen Platz? Lewina führt die Debatte über weibliches Begehren fort und erforscht entlang ihrer eigenen erotischen Biografie, wie viel Sexismus in unserem Sex steckt. Kindliche Masturbation, Gynäkolog*innenbesuche, Porno-Vorlieben oder Fake-Orgasmen: Kein Thema ist ihr zu intim. Und nichts davon so individuell, wie wir gern glauben. Aber die Krusten unserer Sozialisation lassen sich abkratzen! Und so ist Sie hat Bock mehr Empowerment als Anprangern, mehr Anleitung zur Potenz als Opferdenke. Denn nach der Wahrnehmung von Ungerechtigkeiten und Tabus ist es an der Zeit, den Weg zur Selbstermächtigung einzuschlagen.

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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 12.03.2020 - Die 1984 in Moskau geborene Journalistin und Mutter dreier Kinder Katja Lewina hat ein witziges, direkt ans Eingemachte gehendes über sexuelle Ungleichheit und weibliches Begehren geschrieben, freut sich Rezensentin Marlen Hobrack. Dass die Autorin dabei immer wieder gegen das Vorurteil anschreibt, Frauen seien entweder frigide oder Schlampen, findet Hobrack jedenfalls gut. Dass Lewina dabei aber so persönlich wird und immer wieder betont, wie sie Sex gern hat und wie gern sie Sex hat (sie will dabei nur ihre Bedürfnisse erfüllt wissen), gefällt Hobrack weniger. Sie wittert hier ein gewisses Anschmiegen an den patriarchalisch-sexistischen Mainstream, als müsse Lewina beweisen, dass sie nicht verklemmt ist. Muss sie nicht, versichert die Rezensentin.

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 Rezensionsnotiz zu Die Welt, 22.02.2020 - Rezensentin Eva Biringer fand das "feministische Manifest" von Katja Lewina "herz- und geschlechtsteilerwärmend": In frechem, selbstironischem und niemals larmoyantem Ton erzählt die Autorin hier von eigenen Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen und Verunglimpfungen ihrer Vulva, in anderen Texten reflektiert sie die historische Entwicklung der Beschneidung der weiblichen Sexualität, erklärt die Kritikerin. Ihr Buch mündet laut Biringer schlüssig in das Plädoyer, die Monogamie zu entmystifizieren und die weibliche Lust zu entfesseln - für die Rezensentin eine Pflichtlektüre.


Quelle: https://www.perlentaucher.de/buch/katja-lewina/sie-hat-bock.html

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Der Streit ums Frausein - Feministinnen streiten über Transfeindlichkeit (26.03.2020)
Feministinnen streiten. Vorwürfe wie »Du Terf« oder »Die Trans­genderideologie zerstört den Feminismus« sind laut geworden. Dabei geht es eigentlich um mehr als die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht. Von Daria Majewski
https://jungle.world/artikel/2020/13/der-streit-ums-frausein
« Last Edit: April 02, 2020, 12:13:10 PM by Link »

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« Reply #177 on: April 07, 2020, 11:41:18 AM »
Quote
[...] Im Februar hat Rammstein-Sänger Till Lindemann mit seinem Soloprojekt Lindemann im Rahmen der Vermarktung seines aktuellen Albums "F + M" ein Video zu seinem Song "Platz 1" veröffentlicht: "Alle Frauen, alles meins!". Das laut der feministischen russischen Telegram-Plattform "Female Power" in einem Luxushotel in St. Petersburg mit russischen Frauen gedrehte Video ist aufgrund seiner Sexszenen unzensuriert nur auf einem deutschen Pornokanal zu sehen, Stichwort "Till the end".

Die Herstellung von pornografischen Werken ist in Russland allerdings streng verboten. Der in Russland ungemein populäre Lindemann brachte mit seiner spekulativen Provokation daraufhin Nutzer von frauenverachtenden russischen Netzwerken wie "Männlicher Staat" offensichtlich dazu, die Identität der im Video auftretenden Frauen mittels Gesichtserkennung und deren Instagram-Profilen preiszugeben, manchmal inklusive Angabe der Privatadressen.

Die Frauen – auch jene, die im Video auftauchen, ohne an pornografischen Handlungen beteiligt zu sein, allerdings offenbar auch ohne über die sonst geplanten Inhalte des Clips informiert worden zu sein – erhielten daraufhin hunderte Beleidigungen. Härter noch, sie waren auch mit der Ankündigung von Säureattentaten, Vergewaltigungs- und sogar Todesdrohungen konfrontiert. Mittlerweile haben die meisten Frauen deshalb ihre Social-Media-Profile gelöscht. Lindemann schweigt dazu.

Das große Schweigen herrschte diesbezüglich auch im Blätterwald. Dafür ist nun die Aufregung bezüglich eines Gedichts von Lindemann umso größer. Anfang März erschien beim renommierten Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch ein neuer Band des Nebenerwerbslyrikers Till Lindemann. Er trägt den Titel "100 Gedichte" und wurde immerhin von Alexander Gorkow, einem führenden Redakteur der "Süddeutschen Zeitung", herausgegeben.

Darin umkreist Deutschlands führender Brachialdichter mit seinem berühmten teutonisch-rollenden Rrr unter dem Schutzschirm einer dunklen deutschen Romantik in Form von Balladen, des Volkslieds und des Abzählreims seine großen Lebensthemen. Sie lauten laut Pressewaschzettel: "Die Natur. Der Körper. Die Einsamkeit. Die Gewalt. Die Liebe. Das Böse. Die Tiere. Der Schmerz. Die Schönheit. Die Sprache. Der Tod. Der Sex …"

Nichts Neues unter der Sonne also von einem Mann, der mit Rammstein seit gut einem Vierteljahrhundert die Provokation zum Geschäftsmodell gemacht hat und abseits von Sadomaso, Kannibalismus, Flirts mit faschistischer Ästhetik – und zwischendurch einfach nur reiner Gewalt, Blut und Irrsinn – traditionell wenig auslässt. Man erinnere sich an Songs wie "Mein Teil" (über den "Kannibalen von Rothenburg"), an "Ausländer" oder zuletzt "Deutschland".

Im Rahmen seiner musikalischen Arbeit für eine Bühnenfassung des Märchens "Hänsel und Gretel" 2018 im Hamburger Thalia-Theater, die auch Eingang in sein Soloalbum "F + M" fand, geht es einmal mehr nicht nur darum, dass Lindemann als böse Latexhexe mit dem Fleischgewehr um- und der Menschenfresserei nachgeht. Das als Nebenstudie entstandene und in "100 Gedichte" veröffentlichte Poem "Wenn du schläfst" sorgt nun in Social Media mit einmonatiger Verspätung auch für einen Shitstorm gegenüber einem diesbezüglich bestens geeichten Meister des Wickelmachens.

Darin geht es um die Freuden des Fleischlichen: "Ich könnte dich vernaschen/ Du riechst und schmeckst so wunderbar/ Ach, ich könnt dich fressen/ Es wär nur schade/ Bist dann nicht mehr da."

Es geht allerdings auch um Vergewaltigungsfantasien: "Ich schlafe gerne mit dir, wenn du schläfst/ Wenn du dich überhaupt nicht regst/ Mund ist offen, Augen zu. Der ganze Körper ist in Ruhe/ Kann dich überall anfassen. Schlaf gerne mit dir, wenn du träumst/ Und genau so soll das sein (so soll das sein, so macht es Spaß)/ Etwas Rohypnol im Wein (etwas Rohypnol ins Glas)/ Kannst dich gar nicht mehr bewegen. Und du schläfst, es ist ein Segen."

Lindemann schweigt dazu ebenso wie zu den skandalösen Folgen seines Pornovideos in Russland. Der Verlag Kiepenheuer & Witsch wird richtigerweise nicht müde zu betonen, dass es sich bei dem Gedicht weder um eine Verherrlichung von sexualisierter Gewalt noch um die tatsächliche Meinung von Till Lindemann handelt. Dieser führe nur sein Autoren-Ich Gassi. Er habe den Text eher als Demaskierung toxischer Männlichkeit angelegt.

Das mag im Vergleich zu manchen deutschen Rappern, die gegenüber ihrer pubertären männlichen Zielgruppe in zahllosen frauenverachtenden Texten mindestens ebenso schwere Geschütze auffahren, richtig sein. Das muss man nicht ernst nehmen. Läuft auf RTL, nicht auf Arte. Und im Gegensatz zu den Ghettos von Offenbach und Berlin-Marzahn wird bei Lindemann im tiefen deutschen Wald wahrscheinlich auch eine höhere sittliche Festigung des Publikums unterstellt.

Allerdings verwundert die Tatsache doch erheblich, dass man unter Berufung auf läppische "U-Kultur" versus hehre "Hochkultur" (meine Güte!) ausgerechnet bei einem angesehenen deutschen Verlag mit einem Gedicht als unguided missile in die #MeToo-Debatte grätscht.

Geschäftlich gesehen zahlt sich diese unerwartete Werbung für einen Lyrikband jedenfalls aus. In einem weiteren Gedicht namens "Toilette" macht sich bei Lindemann eine Frau Sorgen, weil ihr Mann einen öffentlichen Abort benutzt. Schließen wir diesbezüglich mit einer guten alten Aufforderung. Gehst du, bitte?! Na also, geht doch!

P.S.: Ende März war Till Lindemann übrigens in ein Berliner Krankenhaus eingeliefert worden. Er musste eine Nacht auf der Intensivstation verbringen. Ein Test wegen Corona-Virusverdacht verlief negativ. Nähere Gründe für seinen Aufenthalt in Pflege sind bisher nicht bekannt. (Christian Schachinger, 6.4.2020)


Aus: "Rammstein-Sänger Lindemann: Pornovideo und Vergewaltigungsgedicht" (6. April 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000116578600/rammstein-saenger-lindemann-pornovideo-und-vergewaltigungsgedicht

Quote
Komplexer Haufen

Wenn die betroffenen SchauspielerInnen Drohungen erhalten ist der, der droht, das Arschloch und nicht der Künstler, der das Video gedreht hat.

Generell wird es immer Diskussionen über Kunst geben, die einen moralischen Graubereich überschreitet. Gerade Rammstein finde ich, weil es relativ überzeichnet und so brachial ist (wie auch z.b. Tarantino in der Filmwelt), ...


Quote
LittleLui

Dass sich Lindemann in seinen Texten mit Verbrechen immer aus der Perspektive des Verbrechers beschäftigt und mit - ums mal plakativ zu sagen - Perversion immer aus der Sicht des Perversen, ist ja seit einem Vierteljahrhundert schon so.

Inwiefern sich gerade die - nicht nur im Kontext des Gesamtwerks - völlig harmlosen Texte von "Ausländer" und "Deutschland" als besondere Beispiele für "Sadomaso, Kannibalismus, Flirts mit faschistischer Ästhetik – und zwischendurch einfach nur reiner Gewalt, Blut und Irrsinn" eignen sollen, ist mir reichlich unklar.

Und dass Lindemann dafür verantwortlich ist, dass eine Bande von Incels Schauspielerinnen stalkt und bedroht, ist eine Einschätzung, die leider bar jeglichen Arguments daherkommt.


Quote
Herman M

Ein völlig entbehrlicher Beitrag, Hr. Schachinger. Sie mögen Rammstein/Lindemann nicht, was völlig in Ordnung ist, Geschmäcker sind verschieden. Aber Ihre Argumentation, Lindemann sei schuld an den Taten von vertrottelten, russischen Männergruppen, weil er ein Video mit pornographischem Inhalt gedreht hat, ist ungefähr auf dem gleichen Niveau wie zu sagen, Frauen in kurzen Röcken sind schuld dran, wenn Vergewaltiger geil auf sie werden.


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Der Waehlerwille

Der Versuch mit "Ausländer" und "Deutschland" einen Drall nach Rechts zu unterstellen
offenbart einerseits die Unbelecktheit und andererseits den Framing/Manipulationsversuch des Autors deutlich.


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Fabian_228

Sehr interessant wie hier versucht wird dem Lindemann Morddrohungen von Männern an Frauen in die Schuhe zu schieben.


Quote
a_couple_of_ducks

Die Herstellung von pornografischen Werken ist in Russland allerdings streng verboten
wissens das auf den diversen Pornoplattforen auch?


Quote
Dliner

Was bitte ist an "Ausländer" denn "Sadomaso, Kannibalismus, Flirts mit faschistischer Ästhetik – und zwischendurch einfach nur reiner Gewalt, Blut und Irrsinn"?!
Könnte hier mal bitte zur Abwechslung jemand über Rammstein schreiben, der/die zumindest die Lieder gehört hat?


Quote
veit.hell

Bin mir nie ganz sicher wer hier mehr provozieren möchte - der Hr. Lindemann oder der Hr. Schachinger ;-)


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« Reply #178 on: April 16, 2020, 01:07:43 PM »
"The Kids Are Alright" Andreas Wolf (3. April 2020)
Die Mützenfalterin fragt: „Was weiß man, wenn man Kinder bekommt (müssen ja nicht gleich vier sein)? Gibt es wirklich aufrichtige Antworten darauf, warum man sich Kinder wünscht? Legt man Rechenschaft ab über seinen Kinderwunsch? Und wenn ja, wem gegenüber? Vor sich selbst? Vor den Kindern? Der Gesellschaft? Und warum?“
...
https://waldundhoehle.wordpress.com/2020/04/13/the-kids-are-alright/

Quote
[...] In meinem letzten Eintrag hatte ich mir Fragen gestellt zu Kinderwunsch und Elternschaft, wie das alles persönlich erfahren wird, und was es eventuell über uns als Gesellschaft aussagt. Ein Vater hat geantwortet, sonst war es eher still, um nicht zu sagen stumm. Darum beantworte ich jetzt die Fragen aus meiner eigenen kleinen Perspektive. Und hoffe weiter, dass vielleicht doch noch die eine oder der andere seine Geschichte erzählen mag.

Ich habe tatsächlich sehr wenig über das Leben mit Kindern gewusst, bevor ich selbst Mutter wurde. Da war keine ältere Schwester und die Cousinen hatten ihre Kinder bekommen, als ich in ganz anderen Welten unterwegs war. Freundinnen, die Kinder hatten gab es auch nicht, oder aber sie verschwanden aus dem Freundeskreis, sobald das Kind da war.

Zum Kinderwunsch gibt es zwei Erinnerungen. Eine davon kommt mir selbst unglaubwürdig romantisch vor, aber ich erinnere es genau so. Ich war vielleicht 19 oder 20, als ich irgendwo im Gedränge der Einkaufsstraße eine Frau sah, die einen unglaublichen Gesichtsausdruck hatte, vollkommen in sich ruhend, glücklich, zuversichtlich, aber all diese Adjektive treffen es nicht wirklich, vielleicht müsste ich so ein Wort wie „erleuchtet“ bemühen. Jedenfalls machte sie auch ohne das passende Adjektiv einen sehr großen Eindruck auf mich. Und diese Frau war schwanger. Irgendwie muss ich den dicken Bauch und das erleuchtete Gesicht zusammengebracht haben und von da an hatte ich diese Überzeugung, dass es nichts Schöneres, Erfüllenderes und Erstrebenswerteres gibt, als schwanger zu sein. Auch wenn das noch Zeit hatte.

Die zweite Erinnerung: ich bin mittlerweile Ende 20, Anfang 30. Immer häufiger fragen mich Kinder, ob ich denn selbst auch Kinder hätte, und jedes Mal schäme ich mich, wenn ich nein sagen muss. Warum ich mich schäme? Das frage ich mich bis heute selbst.

Und was die Rechenschaft angeht, natürlich haben wir früher, in den 80er gesagt, geht gar nicht Kinder in diese kaputte Welt zu setzen. Unverantwortlich. Und dann nicht mehr darüber gesprochen, wenn die Kinder da waren. Oder auf einer ganz anderen Ebene darüber geredet. Dabei war die Welt kein bisschen besser geworden, nur wir vermutlich bequemer, oder einfach älter. Das auf jeden Fall. Es gibt ja diese Theorie, dass wir Kinder als Verlängerung unserer selbst in die Zukunft, die wir selbst nicht mehr erleben werden, betrachten. Dieser Gedanke ist mir eigentlich fremd.

Andreas schreibt von der Korrektur der eigenen Kindheit. Da ist etwas dran. Ich kann mich jedenfalls noch gut erinnern, wie häufig ich während meiner Kindheit und noch viel häufiger in der Pubertät gedacht habe; das werde ich niemals tun, ich werde meine Kinder ganz anders behandeln. Und das habe ich auch getan, und natürlich auch wieder nicht.

Die Antwort einer Bekannten ist mir nachhaltig in Erinnerung geblieben, weil ich erstens sicher bin, dass sie jedes Wort genauso gemeint hat, und weil ich zweitens kein Wort davon glaube, was sie gesagt hat. Ich glaube, dass ich meinen Kindern eine wirklich gute Mutter bin, hat sie gesagt, dass sie es kaum besser haben können, dass ich das kann, Kinder glücklich aufwachsen lassen. Und mir wird noch heute schwindelig vor so viel Selbstbewusstsein. Denn das habe ich nie geglaubt, dass ich diesen wunderbaren Wesen, die erst innerhalb und wenig später außerhalb von mir heranwachsen durften, jemals auch nur annähernd gerecht werden konnte und kann. Ich weiß nie, wie es geht. Das mit der Fürsorge, das mit dem Loslassen, das mit der richtigen Balance dazwischen. Es gibt keine schwierigere Aufgabe als Mutter zu sein. Und keine schönere.


Aus: "Was man weiß oder im Titel finden bin ich miserabel" Muetzenfalterin (April 15, 2020)
Quelle: https://muetzenfalterin.wordpress.com/2020/04/15/was-man-weis-oder-im-titel-finden-bin-ich-miserabel/

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Verwandlerin
April 15, 2020 um 12:37 pm

Also ich wollte Mutter sein, weil es dazugehört und auch dachte auch, ich habe einen tollen Kindsvater und es macht mir Freude. Kam alles anders. Hatte postnatale Depression und Ehe war ab dem Moment kaputt. Mein Exmann fand, ich sei [eine] schlechte Mutter. Meine Kinder sagen heute, sie finden mich cool. War alles schwierig. Jetzt, wo die Kinder in der Pubertät sind, läuft es lustigerweise besser.


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Stephanie Jaeckel
April 15, 2020 um 3:17 pm

Zum Kinderwunsch habe ich eine Erinnerung: Ich bin sieben oder acht. Meine Eltern sind arbeiten. Es ist ein sonniger Nachmittag, ich sitze im Wohnzimmer und schwöre mir zwei Dinge: Niemals heiraten, niemals Kinder. Die Entscheidung war früh und richtig. Ich komme aus einer kaputten Ehe. Ich wusste, dass ich weder zur guten Ehefrau noch zur guten Mutter tauge. Ich liebe Männer und Kinder. Aber eigene will ich nicht. Es gibt so viele Möglichkeiten für mich, für Kinder da zu sein, Männer zu schätzen und von Herzen zu mögen. Insofern wundert es mich oft, dass Frauen und auch Männer sagen, sie hätten nicht gewusst, was mit den Kindern auf sie zu kommt. Als hätten sie ihre eigene Vergangenheit vergessen. Eine Vergangenheit, die natürlich auch viel schöner als meine gewesen sein kann. Aber was Familie ist, ich meine, das weiß man doch – oder irre ich mich da?


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[...] Da wird von allen wochenlang gefordert, man müsse die Kurve abflachen, wochenlanges Daheimbleiben für alle, und wenn die Mission gelingt, steht schon ein Männerchor in den Startlöchern und weiß alles besser. Ja, auch da gibt es Ausnahmen, Männer, die vernünftig für die Grundrechte kämpfen, aber die Regel sind die Vernuftbetonten nicht. Die Regel ist derzeit: Je lauter ich die Virologen niederstampfe, je länger mein Zeigefinger in Richtung Schweden deutet, desto heldenmutiger bin ich. Ich übe Widerstand, also bin ich, denken unsere selbsternannten Helden der Pandemie, Schreimänner nenne ich sie.

In China sind seit Ausbruch des Virus mehrere Männer verschwunden, weil sie öffentlich angeprangert haben, die Verwaltungen gingen zu fahrlässig mit der Bevölkerung um. Sie drehten Videos von mangelnden Hygienemaßnahmen, kritisierten Feste, die nicht hätten stattfinden dürfen. Die Regierung habe ihre Maßnahmen nicht den Erkenntnissen der Wissenschaft angepasst. Den Fakten. Sie handle irrational und gefährde so die Bevölkerung. Diese Männer, es ware viele, sind derzeit verschwunden. Im Westen kennt man nicht einmal ihre Namen.

Bei uns hingegen wird die Regierung für ebensolch faktenbasiertes Handeln und erfolgreiches Krisenmanagement nicht gelobt. Nein, bei uns wird das zum Vorwurf. Hier wird, Demokratie sei Dank, auch niemand eingesperrt, aber die Schreimänner führen sich auf wie Maulhelden, die es besser wissen als jene, die Deutschland gerade erfolgreich durch die Krise manövrieren. Und sie nerven. Die Grundthese ist: Ganz egal, wie viele Leute in den USA, in Spanien oder Italien sterben, die deutsche Regierung hat einfach Mist gebaut und die Wirtschaft für etwas Grippeartiges gegen die Wand gefahren. Als stünden Länder, die später zum Lockdown fanden, ökonomisch besser da.

Was daran nervt? Die Schreimänner werden gehört und kommen öffentlich durch. Sie demaskieren ihre Eitelkeiten. Um jeden Preis versuchen sie die Debatte über eine historische Pandemie zu assimilieren zu einer gewöhnlichen Meinungsdebatte. Sie könnten ja unwichtig werden, während die Virologen nun die Podcast-Charts anführen. Ach je, dann wären diese wichtigen Männer ja nur noch wie Frauen. Wie diese nervigen Frauen, von denen man gerade nur noch hört, dass ein Backlash für den Feminismus zu erwarten sei, die Geld verlangen für ihre Zeit mit Kindern – als hätten sie sich nicht selbst Kinder gewünscht, diese Frauen! So unwichtig wollen die Schreiherren keine sechs Wochen lang werden! Virologen? Weg damit!

Für Frauen droht unterdessen der Backlash in die Fünfziger. Das weiß seit einem grandiosen Artikel in The Atlantic die ganze Welt. Und jetzt? Was brauchen Frauen jetzt, um das zu verhindern? Selbst die klügsten Frauen ächzen auf Twitter unter der Last und wiederholen das Mantra der Fünfziger, die uns drohen; es ist wie bei diesen Geduldswürfeln früher, man kann es drehen und wenden, wie man will: Bis zum Sommer wird es wohl keinen normalen Schulunterricht geben.

Doch wo sind zumindest drei Forderungen, was Eltern oder Familien nun brauchen, damit Frauen das nicht alleine auffangen? Wie verhindern, dass Frauen an den Haushalt gebunden werden, vom öffentlichen Reden und nichtöffentlichen Denken aber abgehalten werden? Im englischsprachigen Raum reichen Akademiker derzeit Papiere ein ohne Ende, die Pandemie bekommt den Wissenschaftlern gut, während die Akademikerinnen als Verfasserinnen von Papers verschwinden.

Selbst in gebildeten und sozio-ökonomisch privilegierten Milieus schnappen in der Krise also die alten Rollen zu. Man muss hier auch über die fehlenden Fortschritte im Feminismus durch die Komplizenschaft der Frauen sprechen. Es gibt ein Milieu, das aufgeklärt genug wäre, finanziell gesichert genug, um sich jetzt gegen den Backlash zu wehren. Es ist in meiner Generation Feministinnen jedoch nicht gewünscht, mit der Rhetorik von „Frauen müssen jetzt …“ zu arbeiten. Wer aber soll jetzt, wenn nicht wir? Wenn man nur das Bedrohungsszenario an die Wand malt, erschrecken zwar alle, doch keiner weiß, was dagegen zu tun wäre.

Die Forderung nach Teilhabe und Befreiung von Sorgearbeit darf jetzt nicht von der Empörung überlagert werden, sonst rollt sich das Worst-Case-Szenario für Frauen aus. Die Herren (!) der Lage sind, abgesehen von Merkel und zwei Ministerpräsidentinnen, Männer. Es liegt in ihren Händen und es interessiert sie nur in Interviews, ob Frauen unter der Arbeit stöhnen. Das zeigte selbst Alexander Kekulé, der zwar keine politische Verantwortung trägt, aber doch kräftig mitmischt: Er bedauerte seine Frau derzeit für die Sorgearbeit – in einem TV-Interview. Thank you, darling.

Es braucht jetzt schnell fünf klare Forderungen für Frauen, wie sie trotz Pandemie weiter am Arbeitsleben teilhaben können. Das Grundeinkommen ist keine davon, das Grundeinkommen in solchen Zeiten wäre eine Art Herdprämie. Es geht um Entlastung von Sorgearbeit. Teilhabe am Diskurs und an Schlüsselstellen in Wirtschaft, Politik, Kultur und Verwaltung. TV-Redakteure sollten in Kommunen Frauen in Verantwortung finden, die vom Krisenmanagement berichten. Sichtbarkeit ist das Gebot der Stunde.

Um Entlastungsstrategien zu finden, braucht es die Beratung der Virologen, weil der Schutz des Lebens zur Fürsorgepflicht des Staates gehört. Das ist nicht verhandelbar, wie wieder andere Männer so prominent ins Land schreien. Die Lautstärke drosseln, vor allem für das Telegram-Dreamteam Naidoo und Hildmann. Immerhin: Selbst unter den Verschwörungstheoretikern setzte sich zum Glück keine Frau durch. Die lauten Schreimänner, die nun alles Erreichte verhöhnen, indem sie die Pandemie kleinspielen, die braucht es jetzt nicht. Aber die Frauen, die mehr sind als die Sorgearbeiterinnen, auf die sie derzeit festgelegt werden sollen, die braucht es jetzt dringend.


Aus: "Geschlechterrollen in Coronazeiten: Die Stunde der Schreimänner" Kommentar von Jagoda Marinić (6. 5. 2020)
Quelle: https://taz.de/Geschlechterrollen-in-Coronazeiten/!5680001/

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SchnurzelPu

Also in Deutschland kann man sich den Kerl aussuchen, mit dem man zusammenlebt. Also Augen auf beim Eierkauf und nicht nur auf Bauch, Beine, Po achten.


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resto

Bei uns gibt es jene Menge Frauen, die das Virus klein reden. So die Taxifahrerin, die Bistrobetreiberin, die Nachbarin.... Übrigens sehe ich keinen Backslash für uns Frauen sondern die Chance, uns endlich ernsthaft und vor allem konsequent in der Art, wie wir leben, für unsere Interessen einzusetzen. Und wer im Stil der 1950er weiterleben will, die soll.


...

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[...] Jede Aussage, jedes Ereignis wird in die Weltanschauung integriert. Es gibt keine äußere Wirklichkeit mehr, nur noch ein Nichtwissen der anderen. Deswegen lassen sich Verschwörungstheorien auch nicht auf der inhaltlichen Ebene bekämpfen, sondern, wenn überhaupt, nur sehr viel früher an ganz anderer Stelle. Bei dem, was der österreichische Psychiater Reinhard Haller "die Macht der Kränkung" nennt. Denn es scheint, es gebe nicht nur die von Freud geprägten "Kränkungen der Menschheit", sondern auch sehr folgenreiche Kränkungen der Männlichkeit. Kränkungen, die ihre Träger deshalb so tief verwunden, weil sie von Anfang an glauben gemacht werden, sie hätten einen Anspruch auf Macht, Autorität, Erfolg, Gehorsam, Hörigkeit, Bewunderung und Gefolgschaft. Man könnte meinen, es handle sich dabei um eine Verschwörung. Aber ich lasse mich von Ihnen gerne vom Gegenteil überzeugen. (Nils Pickert, 9.5.2020)


Aus: "Gekränkte Männer und krude Theorien" Nils Pickert (9. Mai 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000117347191/gekraenkte-maenner-und-krude-theorien

Quote
gaunka

Das hat mit Männlichkeit nichts zu tun. Es sind nur schlicht idR Männer stärker politisch interessiert als viele Frauen.
Gerade was Impfgegner angeht sind außerdem wohl Frauen deutlich in der Mehrzahl, da hat mans mehr mit naturverbundenem Selbstheilungskram und irgendwelchen Kräutertees die Krebs heilen können (angeblich). Man muss dazu nur anhören was manche Hebamme an Schwachsinn von sich gibt.


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Quote
[...] Zu meiner Geburt bekam meine Mutter ein praktisches Geschenk von meinem Vater: ein Bügelbrett mit silbern glänzendem Bezug. Die Familie steckte zu dieser Zeit mitten im Umzug in ein eigenes Reihenhaus im Kölner Norden. Ein Fortschritt natürlich, ersetzte es doch eine viel zu kleine Mietwohnung. Das Bügelbrett war sicher auch ein Fortschritt zum Vorgängermodell. Der Vater hatte zu arbeiten, also Geld zu verdienen, während meine Mutter Hausbau, Umzug und Kinder zu regeln hatte, was Frau eben so regelte und was unter dem subsumiert wurde, das Gerhard Schröder Jahrzehnte später "Gedöns" nennen sollte.

Meine Mutter machte ihrerseits nicht viel Gedöns um sich und die Überforderung jener Tage, die sie in einen, nie so benannten, gleichwohl folgenschweren Zusammenbruch führte und ihre Töchter in ein Kinderheim, in dem solche Kollateralschäden des Wirtschaftswunders verwaltet wurden. Man sprach nicht darüber in jenen Jahren, weil es ein Eigentliches gab, über das zu sprechen sich weitaus mehr lohnte. Den Aufstieg des Vaters vom Buchhalter zum Personalchef und schließlich zum Chef einer Klinik etwa. "Meine Frau muss nicht arbeiten", war das Credo jener Ehemänner, die später freundlich über den milden Spott in Johanna von Koczians Gassenhauer Das bisschen Haushalt lächeln konnten. Das bisschen Rückenfreihalten, Affären dulden und entfremdete Kinder reintegrieren füllte zusätzlich jene Uneigentlichkeit aus, in der sich Frauenleben in den Sechzigerjahren abspielten.

Gerahmt, ja, zementiert wurden diese Leben von den vier Wänden, eigenen wie gemieteten, in denen es sich abspielte, dem Zuhause, neudeutsch home. Wenn das Büro, neudeutsch office, als jener Ort definiert wird, an dem Arbeitsgeräte zum Einsatz kommen, so arbeiten Hausfrauen seit jeher im home office. Dort also, wo die Waschmaschine, das Bügeleisen und der Staubsauger stehen. Und natürlich der Herd, für dessen emsige Bedienung durch die Hausfrau, wiederum Jahrzehnte später, von der CSU eine Prämie ausgelobt wurde.

Wir Boomer machten, dass wir wegkamen aus dieser Welt der so abwesenden wie abweisenden Väter und stets sehr bemühten Mütter. Mich verschlug es im Rahmen eines Auslandsstipendiums nach Williamsburg, Virginia, in die Familie Brice. Sie bestand aus Mutter Brice, ihren zwei leiblichen und zwei Pflegekindern. Vater Brice war bei der Armee, was Betty ermöglichte, die umfangreichen Einkäufe im Angehörigen der Armee vorbehaltenen Supermarkt tätigen zu können. Die erledigte die zierliche Frau nach ihrem Rezeptionsdienst im örtlichen Holiday Inn. Sie machte keinen Hehl daraus, dass die erheblich verbilligte Ware in den braunen Packpapiertüten das Beste war, was sie von ihrem Mann hatte. Während seiner sehr seltenen Besuche drangen unerfreuliche Auseinandersetzungen durch die verschlossene Schlafzimmertür, über die eine sehr bleiche Betty am nächsten Morgen kein Wort verlor. Sie machte das Frühstück, brachte uns in ihrer grüngelben Uniform mit dem angesteckten Namensschild zum Schulbus und fuhr dann zum Dienst ins Holiday Inn. Ich schrieb meiner Mutter aus den USA Briefe auf Luftpostpapier, nach meinem Vater fragte ich darin ebenso wenig, wie ich am Frühstückstisch nach Vater Brice fragte.

Als ich schwanger wurde, sagten alle, die davon erfuhren, erfreut: "Machste allein, ne?", obschon dies gar nicht der Plan war. Nur meine, inzwischen geschiedene, Mutter war nicht erfreut: "Mach das nicht", sagte sie entsetzt. "Du hast doch so ein schönes Leben." Ich war 26 Jahre alt, als ich anhand dieses Ausbruchs erstmals begriff, wie unglücklich meine Mutter all die Jahre gewesen war. Wie so gar nicht schön sie ihr Leben als Mutter und alles, was damit verbunden war, erlebt hatte. Und wie sehr sie sich wünschte, dass ich es einmal besser hätte als sie. Ja, es bereits so viel besser hatte, konnte ich doch kinderlos in der Welt herumreisen, Interviews mit mehr oder weniger berühmten Menschen führen und Männer verschleißen, wie ich lustig war. Weit entfernt von einem gar nicht lustigen Heim, in dem man verschlissen wird von der Anwesenheit wie der Abwesenheit jener Männer, die dieses Heim bezahlen. Ein Heim ohne Verheißung, aber voll mit Geräten in immer schickeren Ausführungen.

Ich habe es dann doch allein gemacht mit meiner Tochter, Plan hin oder her. Oder eben doch nicht allein, denn im Haus gegenüber wohnte Seyma, eine Muslima aus dem bosnischen Goražde. Ihr deutscher Ehemann, der viele Jahre in Bosnien gelebt hatte, war vor Jahren mit ihr nach Köln gezogen. Sie sprach kein Deutsch und verließ die Wohnung nur zum Einkaufen. Selbst kinderlos kümmerte sie sich voller Freude um die Nachbarskinder und rasch auch um meine Tochter – bei Bedarf rund um die Uhr. Als die Jugoslawienkriege sich nach Bosnien ausbreiteten und Goražde unter serbische Belagerung fiel, schwoll ihr kleiner Haushalt an. Bis zu einem Dutzend Frauen jeden Alters und kleine Kinder lebten als geduldete Flüchtlinge in der Dreizimmerwohnung. Die Kinder gingen zur Schule und lernten rasch Deutsch. Die Frauen nicht, sie blieben zu Hause und saßen meist gemeinsam in der Küche, redeten, kochten und buken Brot. Das Kriegsende brachte nach sechs Jahren die unausweichliche Rückführung von Seymas Hausgästen in deren verwüstete Heimat mit sich. Allein in ihrer jetzt viel zu großen Wohnung rauchte sie Kette und schaute Homeshopping-Sendungen in Dauerschleife, bis der Mann von der Arbeit kam.

Das Bügelbrett mit dem silbernen Bezug habe ich aufbewahrt. Und nie benutzt. Nicht weil ich ein anderes hätte, sondern weil ich in meinem ganzen Leben nie gebügelt habe. Oder genäht. Oder Brot gebacken. Und Haushaltsgeld entgegengenommen schon gar nicht. Weil ich, wie so viele andere Frauen, ob wir uns Feministinnen nennen oder nicht, der Hausfrauenfalle entkommen wollte. Und es uns zu gelingen schien. Weil etwa meine Tochter sich die Betreuung ihrer kleinen Tochter hälftig mit dem Vater teilt. Weil wir uns und die Gesellschaft verändert hatten. Weil wir weitergekommen waren, so viel weiter als von der Küche bis zum nächsten Supermarkt, zur nächsten Kita und dem Altersheim, das längst Seniorenresidenz heißt, zur nächsten Auseinandersetzung mit einem herrschsüchtigen Mann. Wir haben uns immer näher an das Eigentliche herangerobbt, also an Geld, Macht, Status, haben gelernt, mit den großen Jungs zu spielen, und "Gedöns" heißt jetzt Care-Arbeit.

Wir hatten es also zwar noch nicht ganz geschafft mit der Abschaffung des Hausfrauenkomplexes, waren aber immerhin auf einem guten, einem unumkehrbaren Weg. Doch dann kam Corona. Und seither ist viel von einem veritablen Backlash die Rede, weil die Männer das Heft des Handelns, Erklärens und Beratens neuerlich in die Hand nähmen, während die Frauen sich um Homeschooling, Mundschutznähen und Familie-bei-Laune-Halten kümmerten. Diese Krise katapultiere also die Frau in die Hierarchie der Fünfzigerjahre zurück, weil Krisenbewältigung immer noch und jetzt erst recht Männersache sei.

Ich glaube nicht, dass wir einen solchen Backlash erleben. Diese Krise hat die Geschlechterrollen nicht ins Gestern verschoben, sondern das Frauenschicksal vergemeinschaftet. Die Ursache dafür liegt in dem Ort, an den sie auch den männlichen Teil der Gesellschaft zurückwirft: der geschlossene Raum, die vier Wände, das Zuhause als Gefängnis. Jenes Gefängnis, das nur zum Einkaufen verlassen werden darf. Wo die Freiheit endet, beginnt die weibliche Realität. Und zwar jene vor, während und nach den Fünfzigerjahren. Eine Realität des Aushaltens. Meine Mutter, Betty, Seyma und all die anderen Gefangenen patriarchaler Lebensformen sind nicht Relikte eines sich fortlaufend abschaffenden Gesterns. Sie und ihr wunschloses Unglück haben ihre Kinder und Kindeskinder geprägt. Und nun, wo sich die gesamte Welt in einem Zuhause wiederfindet, aus dem es kaum ein Entrinnen gibt, das klaglos ausgehalten werden muss, wird dieses Unglück neuerlich zementiert, und ja, schließt auch Männer auf nachgerade verquere Weise mit ein. Zumindest auf Zeit.

So ist das Los der Hausfrau eine kollektiv erfahrbare Bürde geworden. Die Verengung von Spielräumen aller Art wird, scheinbar folgerichtig, von einer Werte- oder eher Wertschätzungsverschiebung begleitet: Nähren, Versorgen, Kümmern sind die Tugenden der Sperrstunde. Nicht allein zu Hause, sondern überall dort, wo diese Hausfrauentugenden greifen. Also überall, wo Menschen, durchdrungen von – vielleicht bloß unterstellter – selbstloser Opferbereitschaft, gar nicht oder schlecht bezahlt werden. Weil es ihnen weniger um Geld als um die gute Sache geht, zu gehen hat. Und die warmen Worte, mit denen die Nutznießer ihnen dieses Opfer vergüten. Statt zum Scheckbuch wird zum Poesiealbum gegriffen. Dankbarkeit als emotionale Kryptowährung. Nicht dem mit reichlich Distinktionsgewinn versehenen Chefarzt, sondern der selbstlosen Krankenschwester wird folgerichtig die Träne im Knopfloch gewidmet.

Der Mann, so ein beliebtes Bild, ist der Jäger, der in die Wildnis zieht, um gefährliche Tiere zu jagen und zu erlegen. Nun, wo die Jagdgründe vorerst geschlossen und die Waffen nutzlos sind, feiern die Jäger die Köchinnen, die ihnen aus eigenhändig gesammeltem Fallobst was Leckeres zaubern. Wo also männliche Tugenden nicht zum Zuge kommen, werden die weiblichen ins Systemrelevante verschoben. Wie so oft erweisen sich auch hier der Kitsch und die Sentimentalität als das wirksamste Gift gegen echte Veränderung. Denn das System, in dem weibliche Tugenden Relevanz erfahren – eine Relevanz auf Zeit, wie gesagt –, ist nun mal ein System der Defekte. Derzeit jenes der eingeschränkten Bewegungsfreiheit, der fehlenden Selbstbestimmung, der gefährdeten und beschädigten Gesundheit.

Das Verwalten des Defekten und das damit einhergehende biografische, emotionale und ökonomische Zurückstecken als strukturell weibliches Dilemma ist nicht neu. Neu ist allein die Wucht, mit der es von all jenen verklärt wird, die gerade nichts Besseres zu tun haben, als an Zoom-Konferenzen teilzunehmen. Dieses Feiern des weiblich konnotierten Gedöns in Ermangelung, mindestens Einschränkung des männlich konnotierten Geweses ist so wohlfeil wie vorläufig. Mag sein, dass "nach Corona" ein paar Euro mehr für die Helden und vor allem Heldinnen des Alltags herausspringen werden, so sie denn überhaupt für ihre Arbeit bezahlt wurden und werden. Mag sein, auch wir Frauen, die sich das ermöglicht haben, was meine Mutter als "schönes Leben" empfand, lassen das Bügelbrett weiterhin im Schrank. Aber, machen wir uns nichts vor: In eben dem Maße, wie die Wirtschaft und das In-der-großen-weiten-Welt-Sein hochgefahren wird, blicken die männlichen und die Handvoll weiblichen "mover und shaker" der neuen alten Welt aus wiedergewonnener Höhe auf das herab, dem sie, so freudig wie erleichtert, entronnen sind. Die Welt der Rückenfreihalter, der Opferbereiten und die der Zuhausegebliebenen. Die Welt der Frauen.


Aus: "Der Hausfrauenkomplex" Heike-Melba Fendel (30. April 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2020-04/geschlechterrollen-hausfrauen-vaeter-kinderbetreuung-arbeit-coronavirus/komplettansicht

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vicusvan #18

Ein wundervoller Artikel.


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HonorisCausae #1

Eine kluge Analyse, aufbauend auf der Prämisse, dass das Heim per se ein Gefängnis, eine Ehe per se nie eine liebevolle Partnerschaft, eine Frau nie gerne Carearbeiterin sein kann. Die Analyse also klug, die Prämisse meines Erachtens nach falsch. Sie weist Frauen, die NICHT movers und shakers sein wollen und NICHT mit den großen Jungs spielen wollen, um Macht, Status, Geld, eine viel zu passive Rolle zu - geknechtet, ins Häusliche verwiesen, ohne jede "agency". Ich möchte nicht mit so einem Weltbild leben müssen, das so negativ ist, nur die Defekte und Defizite sehen kann und mag.


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Sirikid #85

Ich bin auch kindheitsgeschädigt, aufgrund der Abwesenheit eines Vaters, eines Bruders, eines Onkels oder Großvaters. Ich wusste gar nichts über Männer. Hab' dann doch Ehe und Kinder gewagt. Mit meinen Kindern hab' ich die verlorene Kindheit nachgeholt und von ihnen mehr gelernt als sie von mir.
Was mir bei den Diskussionen immer (!) zu kurz kommt, sind die Kinder. Die sind nämlich in der Kette das allerschwächste Glied. Ich sehe in meinem Beruf viele traurige Kinderaugen, wenn zu Hause niemand erreichbar ist und das Kind allein im Sanitätsraum warten muss.
Ein Leben ohne (Erwerbs-)Arbeit fände ich langweilig. Aber meine erste Reaktion auf Corona war eine gewisse Freude darüber, dass Eltern sich auch einmal alleine um ihre Kinder kümmern müssen und die Erziehung nicht an a deren delegieren. Das war ein Gefühl, und inzwischen verblasst es und weicht dem Mitleid. Und selbstredend gehören zur Hausarbeit alle dazu, je nach Alter neben den Eltern auch die Kinder.


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Bauernopfer_2014 #1.3

Ja, wirklich erschreckend welche Erfahrungen die Autorin prägen.

Wie sind meine Erfahrungen, als 40 jähriger Mann?

Mein Gefängnis ist der Beruf der mich den vielfältigsten Zwängen meiner Umwelt unterwirft. Komm ich Abends nach Hause, dann ist mein "Hofgang" die Hausarbeit, welche ich mir mit meiner Partnerin teile. Ach, ich glaube wir sind einfach zu arm um diese Art von Problemen zu verstehen. In meiner Partnerschaft müssen einfach beide hart Arbeiten draußen wie drinnen.


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FlorindaGrove #8

Ich bin Hausfrau und mache das sogar freiwillig (Brot backen und bügeln) 😀allerdings habe ich wohl ein selten hilfsbereites Exemplar von Mann erwischt, der a) anerkennt, dass das bisschen Haushalt & 3 Jungs wirklich Arbeit bedeutet und b) jederzeit mit anpackt und im Haushalt „seinen Mann“ steht.....früher wollte ich nie „so eine“ werden, aber nachdem ich wieder in den Beruf zurück gegangen war, als unser Großer knapp 9 Monate alt war, habe ich festgestellt, dass es nicht meins war, obwohl ich immer gerne in meinem Job gearbeitet habe. Es kommt halt auf die Umstände und das Umfeld an . Meine Eltern waren auch zuerst entsetzt, aber sowas muss jeder für sich entscheiden.


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Mama Lauda #8.1

Seien Sie beruhigt. Ich bin auch Hausfrau und meine Frau verdient dass Geld. Wäre es anders herum, wäre es auch nicht schlimm. Besser jedoch auch nicht.


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Mensch Hoffmann #10

Als Frau wurde mir schon früh von Eltern/Großeltern vermittelt, was sich als Frau gehört und was nicht. Ich fand diese Vorstellungen schon immer skurril. Warum sollte mein Bruder den Rasen mähen und ich das Geschirr abwaschen? Warum durfte er nicht weinen? Keine der damaligen Antworten hat mich überzeugt und so bin ich meinen eigenen (und oft steinigen) Weg gegangen.
Nach dem Schulabschluss studiert und einen typischen Männerberuf ergriffen.
Mein Fazit: Ich wurde nie diskriminiert und fühle mich bis heute sehr wohl. Außerdem habe ich immer sehr gut verdient.


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HMTiburon #15

Mein Arbeitskollege müsste im Rahmen seines Scheidungsverfahrens ungefähr 500.000 Euro in Form von Trennungsunterhalt, Zugewinnausgleich und nachehelichen Unterhalt an seine wohlgemerkt Vollzeit berufstätige Ex-Frau überweisen. Dazu kommt noch der etwas schwer in einer Geldsumme zu fassende Versorgungsausgleich.

Solange die Dinge am FamG so laufen, kann ich jedes Gerede und Geschreibe von einer angeblichen strukturellen Benachteiligung von Frauen absolut nicht ernst nehmen. Solange sich Frauen wie kleine Mädchen von einem Mann das Leben durchalimentieren lassen, ist Feminismus eine Farce und Emanzipation nur Theorie.

Corona zeigt hingegen im Wesentlichen nur eins: Junge Väter betreuen heute genauso ihren Nachwuchs wie Frauen.


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Sebastian Nigge #15.1

Verbreiten Sie keine Unwahrheiten. Trennungsunterhalt gibt es wenn überhaupt nur noch für den Elternteil, der Kinder unter 3 Jahren betreut und dadurch am einer Erwerbstätigkeit gehindert wird. Ab dem 3. Geburtstag eines Kindes kriegt der Elternteil, der die Kinder betreut nur Unterhalt für die Kinder. In 88 Prozent der Fälle zahlen die Väter. Einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zufolge erhält etwa die Hälfte der Alleinerziehenden keinen einzigen Cent von diesen Vätern. Nur ein Viertel erhält regelmäßig den ihm zustehenden Unterhalt. So viel zu dem Thema.

Die Unterhaltsreform kam 2008. Das ist also deutlich über 10 Jahre her. Früher gab es Trennungsunterhalt für den Expartner auch ohne gemeinsame vorhandene Kinder. Und ein Versorgungsausgleich ist wenn Kinder vorhanden sind sogar sehr sinnvoll, denn meistens bleiben die Frauen 1 Jahr in der Elternzeit und gehen danach in Teilzeit. Dementsprechend ist ein Ausgleich nur fair. Die Argumentation von HMTiburon da oben ist schlicht lächerlich und hat nichts mit der aktuellen Lage zu tun.


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Klaus Lachshammer #15.7

Sie verbreiten hier selber Unwahrheiten. Trennungsunterhalt kann es auch ohne Kinder geben. Voraussetzungen für den Trennungsunterhalt sind:

- Die Trennung muss vollzogen sein.
- Es muss die Bedürftigkeit eines Ehepartners vorliegen.
- Der andere Ehepartner muss in der Lage sein, diesen zu unterstützen.

Schauen Sie sich mal § 1361 BGB an:
https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1361.html


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HMTiburon #15.9

Es gibt mehrere Begründungen für Unterhalt, nicht nur den für Kinder.

So siehts aus. Neben Kinderbetreuung ist auch nachehelicher Unterhalt wegen Alters oder Erkrankung im Gesetz, sprich BGB, verankert. Und den zahlt man auch heute noch uU lebenslang.

Die Ehe ist, und das wissen die meisten nicht, sonst würden sie kaum heiraten, eine Verpflichtung zur Versorgung des wirtschaftlich Schwächeren, also in der Regel der Frauen, da die meistens "nach oben" heiraten. Und das wie gesagt unter gewissen Umständen auch nach der Scheidung lebenslang !

Ob das noch zeitgemäß ist ??


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jjkoeln #35

Mal wieder der westdeutsch sozialisierte Blick.


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Flavius Ricimer #38

"das Eigentliche, also Geld, Macht, Status"

Eigentlich erbarmungswürdig, wer meint, sein Selbstwertgefühl aus diesen Dingen ziehen zu müssen. ...


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Elofant #33

"das Eigentliche, also Geld, Macht, Status"

Echt jetzt? Das ist ja nun wirklich von vorgestern.


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Schneider_ #49

Die Autorin beschreibt sicherlich eine Zeit, die wir eigentlich hinter uns gelassen haben. Und das ist auch gut so. Die westdeutsche Hausfrauenrolle übergestülpt über die meisten Frauen damals, kann sich nur als Gefängnis anfühlen. Denn Selbstverwirklichung ist nun mal auch ein wichtiger Faktor der Selbstzufriedenheit. Die Ostdeutsche Frauenrolle gab es auch. Die Arbeitende, die ihre Kinder morgens in den Kiga bringt und nach der Arbeit abholt, nach Hause radelt und dann den Haushalt macht. Es gab hier sicherlich mehr Selbstverwirklichung, da die Arbeit wertgeschätzt wurde und sie nicht nur auf Wertschätzung ihres Mannes angewiesen war. Denn Jeder Mensch braucht Wertschätzung. Doch wurde es erwartet, dass sie alles macht auf Arbeit arbeiten, zu Hause arbeiten und die kinder groß zieht. Auch ein Gefängnis aus dem Söhne und Töchter ausbrechen wollten. Der Vorteil all dieser Entwicklungen ist doch, dass wir schon dabei sind das jeder so leben kann wie er möchte. Um nochmal zum Artikel zu kommen. Ja ich kann die Autorin verstehen, dass sich der Lockdown für viele Frauen derzeit wie ein Gefängnis anfühlt. Aber was ist mit den Männern. Redet doch auch mal über eure "Gefängnisse "!


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jjkoeln #49.2

Die (west-)deutsche Vorstellung, dass der Mann ranschsfft und die Familie versorgt und die Frau den Haushalt managed ist auch für den Mann die Hölle.

Die gesamte Verantwortung der Versorgung lastet auf ihm. Gerade in Zeiten wie diesen ist das ein erheblicher Druck. Und von den Kindern bekommt er wenig bis nichts mit.
Cool, wer will das heute noch?


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Emma Blomma #50

Ich sehe in meinem Umfeld so viele Väter, die sich sehr selbstverständlich und umfangreich in die Carearbeit einbringen, auch schon vor Corona und Home Office Zeiten. Natürlich gibt es immer noch Familien mit sehr klass. Rollenverteilung, aber so langsam frage ich mich, in welcher Bubble Journalist_innen oder Feministinnen leben, die immer noch gebetsmühlenartig das Negativbild des karrieregeilen, sich nicht um Kinder kümmernden Vaters in ihrem Artikeln durchkauen. Sicher gibt es immer noch etwas zu verbessern, sicher gibt es immer noch Frauen, die "nur" Hausfrau sind. Diese Frauen kenne ich auch und die haben sich bewusst dafür entschieden. Der Artikel verpasst Frauen eine viel zu passive Rolle.


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Pippilangstrumpfvictualia #51

Wir leben doch heute in einer Gesellschaft, in der sehr viele Lebensmodelle lebbar sind. Und ja, an vielen Stellen können wir durchaus Entscheidungen treffen (Berufswahl, Partnerwahl usw.). Wir sollten für diese selbst getroffenen Entscheidungen bitte aber auch die Verantwortung übernehmen und wenn sie sich als eine unglückliche Entscheidung heraus stellt, selbst eine Korrektur vornehmen bzw. das beste draus machen, aber nicht bei anderen die Schuld suchen. Das ist unreif.


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Hamptidamti #58

Sagen Sie einer Frau mal in der Kennenlernphase, dass sie als Mann gerne der wären, der zuhause bleibt, sich um die Kinder kümmert und den Haushalt schmeißt.

Reaktionen von: "dann hast Du ja Affairen mit den anderen Müttern" bis hin zu "Du bist dann kein richtiger Mann" war alles dabei.
Vielleicht sollten viele (schreibende) Frauen, sich mal bewusst machen, dass das Köpfchen das eine will, das Herz etwas noch anderes und der Bauch wer weiß wohin unterwegs ist.

Auch weiß man meist vorher, wen man heiratet. Danach dann überrascht zu sein, ist eigentlich naiv.
Vielleicht und das ist ernst gemeint, wäre es sinnvoll, Männern auch Kolumnen einzuräumen, dann wären zumindest mal beide Perspektiven gezeigt?


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babasikander #58.1

"Männern auch Kolumnen einzuräumen"

Wozu? - Es ist doch mittlerweile Konsens, dass Männer keine Ahnung von Partnerschaft haben können, nicht?


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Pippilangstrumpfvictualia #60

Vielleicht ist das Ganze v.a. eine Frage der Selbst(un)sicherheit in Zeiten, wo es viele verschiedene Lebensmodelle gibt?



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Hamptidamti #68

"und Männer verschleißen, wie ich lustig war."

Haha, bin ich geneigt zu denken. ...


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Fletscher Christian #66

"Heike-Melba Fendel ist Autorin und Inhaberin der Künstler- und Veranstaltungsagentur Barbarella Entertainment..." und merkt jetzt in der Corona-Krise vielleicht, dass sie gar nicht wichtig ist und wie entbehrlich sie ist und bettelt vermutlich um Staatshilfe. Und vielleicht..., vielleicht merkt sie sogar, dass die von ihr von oben herab betrachteten Hausfrauen besser dran sind, weil sie vielleicht vorgesorgt haben, eine Garten besitzen und eine Speisekammer und Essen selbst zubereiten können.
Merke: Feminismus alleine macht auch nicht satt. ...


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Freigeistin #73

Eine kluge Gesellschaftsanalyse!

Die Autorin wertet übrigens nicht die Hausfrau ab, wie das einige Kommentatoren hier wohl verstanden haben. Sie zeigt lediglich historische Kontinuitäten und kulturell gewachsene Strukturen auf, deren Bedingungen wir alle (Frauen wie Männer) unterliegen.

„Ich glaube nicht, dass wir einen solchen Backlash erleben. Diese Krise hat die Geschlechterrollen nicht ins Gestern verschoben, sondern das Frauenschicksal vergemeinschaftet.“

Da wir übergangsweise alle auf den Ort des Häuslichen zurückgeworfen wurden, erfährt der Ort des Heims, der bis vor wenigen Jahren noch allein Frauen als Raum von „Macht“ und Aneignung zugestanden wurde, mehr Aufmerksamkeit auch von Männern. „Vergemeinschaftet“ eben.

Wenn die Autorin schreibt, dass die mover und shaker (Männer und Frauen) auf das „Gedöns“ herabblicken, dem sie ja so freudig „entronnen“ sind, meint sie damit auch sich selbst und nimmt sich aus dem kritischen Kontext, den Heim und Herd in diesem Text liefern, nicht aus.


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waskannichwissen #79

Insgesamt ein guter Artikel. Mich nervt im Forum die weitgehend westdeutsch sozialisierte Brille. Frauen im Osten waren -dank Arbeit-erheblich gleichgestellter/ gleichberechtigter als noch heute. NichtJede musste ans Fließband radeln und nein, es war nicht alles perfekt in Sachen Gleichstellung. Aber einige Debatten (starre Rollenvorstellungen) waren längst geführt. Wenn Sie erstmal mit einer gestandenen Schlosserin oder Chemikerin gesprochen haben, erübrigten sich Klischees und Fragen. Oder: Bis zur Wende war ich ausschließlich bei Ärztinnen, jetzt lese ich manchmal die Forderungen: Frauen müssen gleichberechtigter in der Medizin sein. Manche Themen in ZON / im Forum lese ich wie Berichte aus einem seltsamen alten fernen Land.


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Doris W. #81

Eine Ehe ist halt eine Partnerschaft. Beide Partner werden mit diversen Rollenerwartungen von aussen konfrontiert. Letztendlich aber darf man allein entscheiden, wie man das Leben gemeinsam meistert. Wer sagt denn, dass die "Männerwelt" so traumhaft schön ist?



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HomeOffice #88

Ich halte es für einen Irrweg, wenn wir es als Zumutung empfinden, wenn sich Eltern persönlich um ihre Kinder kümmern.
Ich war in meiner Kindheit mittags mit der Schule fertig. Und meine Mama war dann auch zuhause. Ich fand das schön.


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123Valentino #89

So weit ich zurückblicken kann , mein Vater hatte immer Nachtschicht und verdiente vergleichbar viel Geld , geschuldet war es der Tatsache das er Bergmann war und zahllose Überschichten machte.
Gesund war das nicht.
Wir hatten damals ein großes Haus , welches der Arbeitgeber zur Verfügung stellte, großer Garten mit aller Art von Gemüse und fast allen gängigen Obstsorten.
Meine Mutter habe ich in Erinnerung , mehr als Gärtnerin , gesund stark , eine gute Köchin und bigotte Katholikin.
Die Arbeit zerrte meine Vater auf.
Ich weiß nicht, wer sich für wen opferte wenn, dann hat mein Vater Substanz gelassen , er selbst hätte das nie so gesehen und es ging vielen Vätern in vielen Familien ähnlich. Viele zahlten in den letzten Lebensjahren mit schweren Krankheiten für ihre Opferbereitschaft.
Haben aber nie in die Opferrolle angenommen und wollten stark sein als sie schon schwach waren.
Mir tun die Frauen des Bildungsbürgertums leid , meiner Mutter ist dieses, im Artikel beschriebene, Schicksal erspart geblieben.


...

« Last Edit: May 09, 2020, 11:29:18 AM by Link »