Author Topic: [Emanzipation, Selbstbefreiung, Geschlechterforschung (Gender Studies)... ]  (Read 42947 times)

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[Emanzipation, Selbstbefreiung, Geschlechterforschung (Gender Studies)... ]
« Reply #140 on: September 12, 2019, 08:57:56 PM »
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[...] In den vergangenen Jahren sind laut einem Bericht 100.000 Männer belästigt, genötigt oder vergewaltigt worden. Vor allem US-Soldaten niederer Dienstgrade sind betroffen.

Bei den US-Streitkräften sind in den vergangenen zehn Jahren mindestens 100.000 Männer pro Jahr Opfer sexueller Übergriffe geworden. Wie die New York Times unter Berufung auf Zahlen des US-Verteidigungsministeriums berichtete, waren allein 2018 etwa 7.500 Männer von sexueller Belästigung, versuchter Nötigung bis hin zu Vergewaltigung betroffen. Die Opfer seien meist jünger als 24 Jahre und hätten einen niedrigen Dienstgrad.

Die Zahl der registrierten weiblichen Opfer ist dem Bericht zufolge mit 13.000 im Jahr 2018 höher als die der Männer. Jedoch sagt das nichts über das tatsächliche Verhältnis, da man nicht weiß, wie viele Opfer die Vorfälle nicht anzeigen. Nur einer von fünf betroffenen Männern meldete Übergriffe – bei den Frauen seien es dagegen 38 Prozent. Viele Betroffene müssten die Armee verlassen und hätten dann Schwierigkeiten, im Alltag wieder Fuß zu fassen, hieß es weiter.

Mehr als die Hälfte der Übergriffe ging nach Angaben des Verteidigungsministeriums von Männern aus. In 13 Prozent der Fälle handelte es sich um Männer und Frauen als Täter.

30 Prozent der betroffenen Männer gaben an, die Täter seien weiblich gewesen. Bei den weiblichen Opfern waren vor allem Männer die Täter.

Laut der Zeitung erhebt das Ministerium erst seit 2006 Zahlen über männliche Opfer sexueller Übergriffe. Man sei sich bis dahin sicher gewesen, dass es sich um ein weibliches Problem handle, zitierte die New York Times Nathan W. Galbreath vom zuständigen Büro des Verteidigungsministeriums.


Aus: "Tausende Männer in US-Armee Opfer sexueller Übergriffe" (12. September 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-09/sexueller-missbrauch-us-armee-soldaten-noetigung

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recht und gerechtigkeit #6

Wenn man schon mit Zahlen hantieren, sollte man auch klar stellen, wieviele Belästigungen, Nötigungen und Vergewaltigungen es waren.


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recht und gerechtigkeit #6.1

Entfernt. Bitte bleiben Sie beim Thema. Danke, die Redaktion/km


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produbio #6.2

Der Kommentar, auf den Sie Bezug nehmen, wurde bereits entfernt.


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recht und gerechtigkeit #6.3

Der Kommentar, auf den Sie Bezug nehmen, wurde bereits entfernt.


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recht und gerechtigkeit #6.5

Liebe Redaktion, das ist aber armselig. Sie könnten Fakten nachliefern statt Kommentare zu löschen.


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recht und gerechtigkeit #6.6

Und da die Löschung mich doch trifft:

"Die Zahl der registrierten weiblichen Opfer ist dem Bericht zufolge mit 13.000 im Jahr 2018 höher als die der Männer."

Es sind 14% Frauen und 86% Männer im aktiven Dienst (insgesamt 1,4 Millionen).

"Jedoch sagt das nichts über das tatsächliche Verhältnis, da man nicht weiß, wie viele Opfer die Vorfälle nicht anzeigen. Nur einer von fünf betroffenen Männern meldete Übergriffe – bei den Frauen seien es dagegen 38 Prozent."

Also haben 20% der betroffenen Männer Vorfälle gemeldet und 38% der betroffenen Frauen.

D.h. es wären 50.000 Männer und 34210 Frauen. Bei 1204000 Männer und 196000 Frauen im Dienst. Das sind 4,1% Betroffenenquote bei Männern und 17,5% bei Frauen.

Davon wären dann bei 30% der männlichen Betroffenen Frauen als Täter (15000, wenn man auch Mehrfachtäter jedesmal zählt) und bei 70% der männlichen Betroffenen und 100% der weiblichen Betroffenen Männer als Täter (35000 plus 34210 = 69210).

Und dann ist nicht mal geklärt, wieviel davon Belästigungen, Nötigungen, Vergewaltigungen waren.

Das eigentliche Problem ist aber bei allen Betroffenen, dass es die Betroffenen waren, die gehen mussten, um Frieden herzustellen oder weil die Betroffenen von gravierenderen Übergriffen traumatisiert und nicht mehr leistungsfähig waren. Junge Rekruiten aus armen Schichten und ohne Perspektive als Frischfleisch so zu sagen. Die Täter blieben.


Aus: "Tausende Männer in US-Armee Opfer sexueller Übergriffe" (12. September 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-09/sexueller-missbrauch-us-armee-soldaten-noetigung


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« Reply #141 on: September 19, 2019, 10:11:18 AM »
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[...] Der emeritierte Kurienkardinal Paul Josef Cordes hat scharfe Kritik an der Protestbewegung "Maria 2.0" geübt. "Das Erbe Judith Butlers, der Prophetin des modernen Feminismus, in den Namen der Gottesmutter Maria hineinzudeuten, ist ein freches Lügenmanöver", sagte Cordes am Donnerstag in einem Interview der in Würzburg erscheinenden Wochenzeitung "Die Tagespost".

... Die Protestbewegung "Maria 2.0" hatte im Mai einen bundesweiten "Kirchenstreik" initiiert, um damit gegen eine männerdominierte Kirche und für den Zugang von Frauen zu den Weiheämtern in der Kirche zu demonstrieren. Bundesweit hatten sich nach Angaben der Initiatorinnen mehr als 1.000 Gruppen an dem Protest beteiligt. Zugleich war die Aktion in konservativen Kreisen auf scharfe Kritik gestoßen.

...


Aus: "Kardinal Cordes wirft Maria 2.0 "freches Lügenmanöver" vor" (Würzburg - 13.09.2019)
Quelle: https://www.katholisch.de/artikel/22929-kardinal-cordes-wirft-maria-20-freches-luegenmanoever-vor

-

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[...] Die Gruppe Maria 1.0 hat die katholische Protestbewegung Maria 2.0 in einem offenen Brief aufgefordert, ihre "medienwirksamen Aktionen" einzustellen. "Eure Forderungen sind nicht gut für die Gläubigen und die Kirche. Sie gründen nicht auf dem Vermächtnis Jesu", heißt es in dem vom Maria-1.0-Team unterzeichneten Brief. "Wir denken nicht, dass eure Forderungen nach Frauenweihe, Priestertum für Frauen oder Abschaffung des Zölibats die Krise der katholischen Kirche und des Glaubensabfalls in unserem Land positiv beeinflussen wird", schrieben die Aktivistinnen. Die Kirchengeschichte zeige im Gegenteil, dass nur die Treue zu Jesus und der Kirche Frucht bringen werde.

Die Lehrerin Johanna Stöhr aus dem oberbayerischen Schongau rief die Aktion Maria 1.0 im Mai ins Leben – als Reaktion auf die Bewegung Maria 2.0. Maria 2.0 hatte mit einer Aktionswoche inklusive Streik gegen die Machtverhältnisse in der Kirche protestiert und mehr Rechte und Ämter für Frauen gefordert. Stöhr ist der Ansicht: "Maria braucht kein Update." Ihre Initiative wolle zeigen, "dass es auch Frauen gibt, die treu zur Lehre der Kirche halten".

In dem Brief schrieben Stöhr und ihre Mitstreiterinnen, dass das Auftreten von Maria 2.0 nur zeige, "dass unsere Kirche in großen inneren Spaltungen ist" und dass Spaltungen noch nie gut gewesen seien. Sie rufen dazu auf: "Lasst uns vielmehr gemeinsam Jesus in die Mitte stellen und neu verkünden."


Aus: "Maria 1.0 fordert Ende der Initiative Maria 2.0" (18. September 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2019-09/katholische-kirche-maria-10-20-protestbewegung-kirchenreform

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Mir_fällt_gerade_kein_Benutzername_ein #2

Jesus im Herzen, und in der Verkündigung - darauf kommt es an.
Nur darauf.


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ohne eure Bots wärt ihr nur zu dritt #1.5

"...muss so eine Art Stockholm-Syndrom sein."

"... oder so eine Art Masochismus."

"...gepaart mit Gehirnwäsche"

Naja. Das Phänomen heißt Katholizismus.



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« Reply #142 on: September 27, 2019, 01:07:37 PM »
Quote
[...] Pro Jahr werden 20.000 Anzeigen wegen Stalkings erstattet.

Frau M. war 1,66 Meter groß. Sie war 70 Kilogramm schwer und sie hatte einen sehr dicken Schädelknochen. Diesen zu durchdringen, erfordert ein hohes Maß an Kraft“, sagt die Gerichtsmedizinerin.

„Faktisch gesehen“, sagt der Polizeibeamte, „hat die Polizei in diesem Fall alles richtig gemacht. Doch an ihm lässt sich sehen, dass es leider keinen endgültigen Schutz gibt. Wir können jetzt nur noch eine Fehleranalyse machen.“

 Sie. Das war Maria M. Sie wurde 32 Jahre alt. Er. Das ist Nelson B. Er ist 33 Jahre alt.

Am Anfang war es die große Liebe. Daraus wurde Eifersucht. Dann Psychoterror. Dann Stalking.

„Was ich meine“, sagt die Gerichtsmedizinerin: „Es braucht ein hohes Maß an Gewalt, um mit dem Messer durch den Schädel zu kommen. Wir haben im Knochen einen metallenen spitzen Gegenstand gefunden, die Messerspitze, diese war stecken geblieben.“

Es war der Winter 2016, als sie sich kennenlernten. Er ging mit seinem Hund spazieren, sie ging mit ihrem Hund spazieren, im Volkspark Friedrichshain. Sie kamen ins Gespräch. Ihr Hund hieß Erna, seiner Bobby, beides Miniatur-Terrier. Nelson und Maria tauschten Telefonnummern aus, verabredeten sich wieder, kamen sich näher.

Knapp 20.000 Mal werden jedes Jahr in Deutschland Anzeigen wegen Stalking erstattet. Knappe 2.000 davon in Berlin. In den allermeisten Fällen sind es Ex-Freunde oder Ex-Männer, die ihren ehemaligen Partnerinnen nachstellen. So sehr, dass diese sich bedroht fühlen, ihr normales Leben nicht mehr leben können. Es zu Gewalt und Übergriffen kommt. Manchmal dauert all das jahrelang, manchmal ein paar Monate. Und selten kommt es dabei auch zu Tötungsdelikten.

Maria hatte seit sechs Jahren keine richtige Beziehung mehr gehabt. Nelson wurde von seiner letzten Freundin betrogen und verletzt, so erzählte er es ihr.

Von diesen Anfängen berichtet Marias Schwester Julia vor dem Kriminalgericht Moabit, 21. Strafkammer. Mit kerzengerader Haltung geht sie zum Zeugentisch. Mit fester Stimme spricht sie. Sie arbeitet als Tierärztin in Berlin. Sie ist die Jüngere.

Julia und Maria: Wie beste Freundinnen seien sie gewesen, Seelenpartner. Auch: wie gegenseitige Tagebücher. Maria hatte ihr alles über Nelson erzählt. Von der Verliebtheit, den ersten Unsicherheiten. Dann von der Angst. Julia war es, zu der Maria sich flüchtete. Die die Schreie ihrer Schwester hörte, noch versuchte, Maria zu beatmen. Julia hatte das Blut aus Marias Mund an ihren Lippen, damals am frühen Morgen des 8. Dezembers 2018, im Treppenflur ihres Wohnhauses in Zehlendorf.

Nelson B., groß und bullig, raspelkurze dunkle Haare, über den Augen dichte Brauen. Angeklagt wegen Mordes, gerichtliches Aktenzeichen 521 Ks 3/19. Hier wird verhandelt, wie heimtückisch seine Tat und wie arglos das Opfer war. Aber auch, wie zurechnungsfähig er dabei war und ob man es der Gesellschaft zumuten kann, ihn nach der Strafe wieder in Freiheit zu entlassen.

Nelson hatte sich Maria nicht mehr nähern dürfen, so hatte es erst die Polizei verfügt und dann das Familiengericht festgelegt. „Doch was bringt einem ein Stück Papier, auf dem steht, dass der Täter sich nicht nähern darf, wenn er es trotzdem einfach tut? Ein Papier schützt nicht vor einem Stich mit dem Messer“, sagt der Opferanwalt Roland Weber, der Julias Nebenklage vertritt.

Hätte das Leben von Maria gerettet, diese Tat verhindert werden können? Haben sich Polizei und Justiz ausreichend bemüht?

Wie es ihr, Julia selber, gerade gehe, fragt die Richterin. Sie gehe in eine Traumaambulanz, um mit der Tat und ihren Folgen leben zu lernen, antwortet Julia.

Ihre psychosoziale Prozessbegleitung weicht im Gericht nicht von ihrer Seite. Und auf den Zuschauerbänken sitzen immer Kollegen, Freunde und die Familie. Eine Familie, zu der einmal auch Nelson gehörte. Kurz nur, ein Jahr, aber sie hatten ihn aufgenommen, wie einen Schwiegersohn, wie man das eben macht, wenn das Kind, die Nichte, die Schwester verliebt und glücklich ist, wenn man nichts Böses ahnt.

Nelson B. sitzt in einem Sicherheitskäfig aus Glas, nur ein paar Meter vom Zeugentisch entfernt. Manchmal schaut er in die Runde, zu den Zuschauern oder auf Julia. Immer bleibt seine Miene starr und unbeweglich. Man könnte meinen, dass er gar nicht zuhört. Doch er passt genau auf. Einmal weist er seinen Verteidiger darauf hin, dass auf den Zuschauerbänken eine Frau sitzt, die später noch als Zeugin aussagen soll. Sie wird des Saales verwiesen.

„Was für ein Mensch war Ihre Schwester?“, fragt die Richterin.

Julia sammelt sich kurz, holt Luft.

„Sie hat es immer gut mit allen gemeint, hatte ein offenes Herz, war für alle da, für Freunde und Kolleginnen. Man konnte sie mitten in der Nacht anrufen und sagen, dass es einem schlecht ging, dass man ihre Schulter brauchte. Sofort kam sie vorbei. Wir beiden wurden von unseren Eltern zu Fairness und Gerechtigkeit erzogen. Und sie wollte was vom Leben, strengte sich an, um Karriere zu machen“, erzählt Julia.

2010 waren die Geschwister aus Mecklenburg nach Berlin gezogen, vom Land in die große Stadt, wohnten zusammen in einer Wohnung. Julia studierte. Maria arbeitete als Kellnerin im Park-Inn-Hotel. Später wechselte Maria ins Motel One, als Managerin der Rezeption. Wenn Maria freihatte, traf sie sich mit Freunden, mit Kollegen, mit den Tanten, die auch in Berlin lebten.

Und wie war es, als Maria den Angeklagten kennenlernte?, fragt die Richterin.

„Ihre Augen leuchteten“, sagt Julia. Nelson B. tat ihr gut. Wenn sie von der Arbeit kam, massierte er ihre Füße. Sie kochte für ihn. „Obwohl sie das überhaupt nicht kann. Maria lässt sogar Spaghetti anbrennen. Doch für ihn machte sie Kohlrouladen, was gar nicht so einfach ist.“ Auf den Zuschauerbänken lachen die Freunde und die Familie. In diesem kurzen Moment ist es, als ob Maria noch da wäre.

Gleichzeitig war es nie ganz einfach mit Nelson. Mal meldete er sich nicht zurück. Mal sagte er Verabredungen kurz vorher ab. Einmal nur ein paar Stunden bevor sie in den Urlaub fahren wollten, oder als sie ihn endlich der Familie vorstellen wollte. Er brauche Zeit für sich. Ihm gehe es nicht gut. Er habe Angst, dass die Familie ihn nicht mag.

„Viele Hundert Whatsapp-Nachrichten, die wir auf ihrem Telefon gefunden haben“, sagt die Beamtin von der Mordkommission, die für die Datenauswertung zuständig war. „Und sie alle verweisen auf eine normale Beziehung. Höflich, freundlich, harmonisch.“ Wenn Nelson B. sich zurückzog, machte Maria ihm keine Vorwürfe. Sie war geduldig und wartete.

Als er sich schließlich doch noch zur Familie traute, bemühte er sich, einen guten Eindruck zu machen. Versuchte, sich gewählt auszudrücken, kleidete sich ordentlich, roch gut, hatte kurze Fingernägel, war höflich und schaute Maria liebevoll an. Wortkarg sei er gewesen. Schwer einzuschätzen. Sie trafen sich nun häufiger im Garten von Tante Andrea, spielten Tischtennis, grillten und redeten.

Auch noch, als erste Schatten aus seiner Vergangenheit auftauchten. Gerichtsvollzieher und Polizisten, die in seiner Wohnung standen. Eine aufgelöste Maria und ein Nelson, der die Beamten anpöbelte. Später gestand er Maria, dass er diverse Schulden hatte, viele Tausend Euro, darunter die Behandlungskosten für einen Mann, den Nelson B. attackiert hatte. Es sei nur Selbstverteidigung gewesen, beteuerte Nelson. Sie glaubte ihm.

Später wird ein Polizist vor Gericht aussagen, dass Nelson B. bei ihnen sehr bekannt war. Zwischen 2000 und 2018 trat er 144 Mal polizeilich in Erscheinung, davon 99 Mal als Tatverdächtiger. Er hatte diverse Vorstrafen, saß schon mehrmals im Gefängnis, auch wegen Körperverletzung. Weil er mit dem Messer zugestochen hatte. Zuletzt war er auf Bewährung entlassen worden. Seinen Ex-Freundinnen hatte er nachgestellt. So schlimm, dass sich alle drei an die Polizei gewandt hatten.

All das wusste Maria nicht.

Als Nelson seine Schulden nicht mehr verstecken konnte, half ihm Tante Andrea. Ordnete seine Dokumente, setzte sich mit den Banken, den Rechtsanwälten und seinem Bewährungshelfer an einen Tisch. Bezahlte seine Schulden von ihrem Geld.

 „Wenn Maria glücklich war, waren wir es auch, deswegen habe ich das gemacht. Außerdem hat jeder eine zweite Chance verdient, so dachten wir. Wenn er erst mal raus wäre aus seinem Schuldenloch, könnte er sein Leben besser ordnen, so dachten wir“, sagt die Tante mit einer Bitternis in der Stimme. „Er wusste ja, welche Knöpfe er drücken musste, welche Tränendrüsen er anschmeißen musste, um Mitleid und Aufmerksamkeit zu bekommen.“

Während Julia versucht, vor Gericht sachlich zu sprechen, ist die Tante zornig. Einmal wird sie vom Verteidiger von Nelson B. gefragt: „Sind Sie sauer auf meinen Mandanten?“

Sie antwortet: „Sauer? Ich verachte ihn zutiefst, für das, was er getan hat, und für das, was er ist. Ich verachte Menschen, die sich über andere hinwegsetzen und anderen wehtun.“

Nelson B. schlägt die Hände vors Gesicht. Weint. Und äußert sich: „Es tut mir leid.“ Seine Schluchzer dringen durch den ansonsten totenstillen Saal. „Ich habe jeden Menschen, der mich liebt, enttäuscht. Ich wollte Maria nichts antun, dafür war sie ein viel zu toller Mensch. Ich habe sie sehr geliebt und habe ihr und ihrer Familie viel zu verdanken. Ich wollte mich einfach nur entschuldigen, wollte nur mit ihr reden.“

Nach der Tat hatte Nelson bei der Polizei ausgesagt, dass er hingefahren sei, um sie zu umbringen: „Ich hätte ihr auch den Kopf abgeschnitten, um sicherzugehen, dass sie zu 100 Prozent tot ist.“

Richterin: „Den Kopf wollten Sie also nicht abschneiden?“

Nelson B.: „Nein.“

Sein Problem sei die Eifersucht. Er könne nicht vertrauen, sei schnell verletzt. Dann werde er ungerecht, gemein, beleidigend. „Innerlich bricht dann eine Welt zusammen“, sagt er weinend.

Nelson B. ist in Berlin aufgewachsen, lebte als Jugendlicher zwischenzeitlich in einem Brandenburger Heim, war arbeitslos, war im Gefängnis, arbeitete als Straßenbauer. Nahm Drogen, trank Alkohol, stritt sich mit seiner Mutter, die 2013 starb, ohne dass sie sich versöhnt hatten. Und doch: „Wenn er auftrat, konnte er sehr charmant sein“, sagt die Tante. „Alle Ex-Freundinnen sprachen auch von seinen guten Seiten“, sagt die Polizistin der Mordkommission.

Im Mai 2018, sechs Monate vor Marias Tod, begann es zu kippen. Nelson erledigte an ihrem Tablet seine Bankgeschäfte, da poppten zwei Facebook-Messenger-Nachrichten auf. Ein Gast des Hotels bat darum, für ihn ein Zimmer zu reservieren. Aus irgendeinem Grund hatten Maria und er sich auf Facebook befreundet und aus irgendeinem Grund nutze er diesen Kanal für seine Anfrage. Nelson B. dachte, dass sie ihn betrügt. Dass das ein Code sei für ein heimliches Treffen. Es war der Anfang von Nelsons Weg in eine andere Realität. Eine, in der er nur noch Betrug und Gemeinheiten gegen ihn sah.

Die Polizistin der Mordkommission gibt zu Protokoll: „Ab diesem Zeitpunkt veränderte sich sein Whatsapp-Verhalten.“ Er meldete sich jetzt mehrmals am Tag. Wann sie Zeit hätte? Ob sie nicht die Arbeit ausfallen lassen könne? Warum sie immer ihre Freunde und die Familie über ihn stellen würde? Ob sie ihn überhaupt liebe? Seien nicht alle anderen immer wichtiger als er?

„Erst war sie geduldig, hat sich erklärt, alles begründet. Doch je mehr von ihm kam, umso knapper wurde sie. Sie müsse nun mal arbeiten und wolle nun mal ihre Familie sehen. Je mehr sie sich zurückzog, umso verzweifelter und wütender wurde er“, sagt die Beamtin.

Er drohte damit, sich das Leben zu nehmen, wenn sie sich nicht mit ihm träfe. Doch wenn sie sich trafen, stritten sie, machte er ihr Vorwürfe, nannte sie Fotze oder Drecksau. Sie wollte nicht mehr mit ihm schlafen. Er durchsuchte ihre Notizbücher, fotografierte eine Seite, auf der sie alle ihre Passwörter notiert hatte. Screenshots, die die Polizei auf seinem Handy fand, belegen das.

„Ich muss aber wissen, dass ich geliebt werde“, sagte Nelson mal zu Maria, mal zu Julia. Fing an zu zittern, zu weinen und wurde gleichzeitig laut.

Im September hatte Maria genug. Sie machte Schluss.

Der Horror beginnt.

Nelson ruft an, schreibt Nachrichten, klingelt nachts an der Tür und möchte rein, fragt die Nachbarin nach dem Ersatzschlüssel. Legt sich auf Facebook ein Fake-Profil an, kontaktiert Freundinnen von Maria. Lauert ihr im Volkspark Friedrichshain auf, springt aus dem Gebüsch. Wirft seinen Schlüssel weg und sagt: „Dann wohne ich jetzt bei dir.“

Einmal nimmt sie ihn mit rein, als er betrunken vor der Tür liegt, da rennt er auf den Balkon, stellt sich auf das Geländer und sagt: Ich springe. Als sie die Polizei rufen möchte, droht er mit einem Blutbad. Dann wieder schmeißt er sein Handy und seinen Schlüssel in ihren Aufzugschacht und verlangt, dass sie sich darum kümmert. Zwischendurch lässt er sich in die psychiatrische Abteilung einer Klinik einweisen, weil Maria ihn darum gebeten hat, endlich an sich zu arbeiten und mit alldem aufzuhören. Doch er entlässt sich wieder, weil er zu ihr möchte, weil er wissen möchte, ob sie ihn nicht doch betrügt.

Dann, am 22. Oktober 2018 um 21 Uhr 40, erhält die Polizei einen Notruf. Maria ist dran. Sie ist in die Parkgarage ihres Hotels gefahren, da hat sie eine dunkle Gestalt hinter dem Auto herlaufen sehen. Nelson B. versucht, die Tür aufzumachen. Abgeschlossen. Er schlägt mit dem Ellbogen gegen die Scheibe. Versucht, sie mit dem Fuß zu zertrümmern.

„Sie zitterte am ganzen Körper, war in einem Schockzustand, war fix und fertig“, sagt einer der Polizisten, der sie schließlich fand. Die Beamten nehmen sie mit auf die Wache. Sie erzählt, wie er sie bedroht und terrorisiert, welch panische Angst sie hat. Eine Anzeige wegen Stalking wird aufgenommen. Eine Akte angelegt. Sie geben eine einstweilige Verfügung in Auftrag, dass er sich ihr nicht nähern darf. Andere Kollegen fahren bei ihm vorbei und halten die sogenannte „Gefährderansprache“. Dass er sich strafbar mache, wenn er Maria weiter belästige. Dass sie ihn in Gewahrsam nehmen können, wenn er bei Maria auftaucht. Dass hier eine rote Linie ist, die er nicht überschreiten darf.

Maria selbst geht zum Familiengericht und beantragt ein Kontakt- und Näherungsverbot.

Alle Instrumente, die in Berlin zur Verfügung stehen, um Stalker in die Schranken zu weisen, werden bedient.

Seit einigen Jahren hat jede Berliner Wache speziell geschulte Beamte. Sie bewerten die Gefahr, die von dem Täter ausgeht, und erstellen die sogenannte Gefährdungsanalyse. Was hat der Täter für eine Vorgeschichte? Hat das Opfer große Angst? Bezieht der Täter dritte Personen mit ein? Ist er gewalttätig oder könnte er es werden? Die Polizei muss insgesamt abwägen, welche Maßnahmen den Konflikt entschärfen könnten oder welche ihn erst recht anheizen.

Der Stadtstaat Bremen geht noch weiter: Sofort, nachdem eine Stalking-Anzeige aufgenommen wird, schickt die Polizei ein Fax an ein Kriseninterventionsteam. Das meldet sich unverzüglich beim Beschuldigten, erst per Brief, dann per Telefon, und bietet Beratung und Therapie an. Die Beschuldigten müssen nicht mitmachen. Noch sind sie ja nicht schuldig gesprochen worden. Trotzdem öffnet sich damit ein Ausweg, den viele wahrnehmen. Ziel ist es, die Aufmerksamkeit, Wut und Verzweiflung vom Opfer wegzuverlagern.

All das regelt eine Verwaltungsvorschrift, die 2006 in Bremen nach zwei aufsehenerregenden Stalking-Morden umgesetzt wurde. Ob alle zwei Wochen, jede Woche oder mehrmals wöchentlich: Die Beratungsstelle arbeitet solange und intensiv mit dem Stalker, bis er aufhört, einer zu sein. „Seitdem wir das so machen, hat es in Bremen keinen Tötungsdelikt in den Fällen mehr gegeben, in denen wir eingeschaltet waren“, sagt der Leiter der Beratungsstelle.

Auch in Berlin gibt es eine Beratungsstelle mit dem Namen „Stop Stalking“. Aber alle Vorstöße, das Bremer Angebot auch in Berlin zum Standard zu machen, scheiterten bislang mit dem Hinweis auf den Berliner Datenschutz. So melden sich die Stalker bei „Stop-Stalking“ in den allermeisten Fällen aus eigenem Antrieb. „Letztendlich haben wir nur mit 130 Stalkern und Stalkerinnen im Jahr Kontakt und das bei knapp 2.000 Anzeigen“, sagt der leitende Psychologe Wolf Ortiz-Müller.

Es gibt Einmal-Stalker, die die Trennung nicht verkraften, die aber nach einer gewissen Zeit und nach den ersten Kontakten mit der Polizei oder dem Gericht wieder mit dem Stalking aufhören. „Viele realisieren auch gar nicht, was sie mit ihren Handlungen bei ihren Ex-Partnerinnen oder Ex-Partnern auslösen, wollten das häufig auch gar nicht. Das sind die einfachen Fälle.“ Und dann gibt es notorische Stalker, die es immer wieder machen. „Sie haben häufig ein geringes Selbstwertgefühl, haben nie gelernt, mit Trennung oder Zurückweisung umzugehen, bauen sich ihre eigene Realität und Rechtfertigung, fühlen sich als Opfer und wollen das kompensieren, das eigentliche Opfer spüren lassen, wie gemein sie sich behandelt fühlen. Das kann unter Umständen schnell eskalieren“, sagt Ortiz-Müller.

So einer ist Nelson.

Plötzlich steht er auf dem Grundstück der Tante, ist über den Zaun geklettert und hämmert gegen die Tür, gegen das Fenster. „Ich komme in Frieden“ ruft er dabei. Er geht erst, als die Polizei ihn vom Gelände führt. Oder er steht auf der anderen Straßenseite von Marias Wohnung auf der Petersburger Straße. Trinkt Bier, schaut nach oben, stundenlang. Dann klingelt er, setzt sich in den Hof, ruft nach Maria. Maria holt die Polizei, die in Mannschaftsstärke anrückt und Nelson B. über Nacht auf die Wache mitnimmt. Insgesamt gibt es 16 dokumentierte Polizeieinsätze in diesen Wochen.

Längst schläft Maria mal bei ihrer Schwester, mal bei ihrer Tante. Längst hat sie Freunde mobilisiert, die sie überallhin begleiten. Längst hat sie ihren Computer neu aufgesetzt und die Passwörter geändert. Längst steht sie in Kontakt mit dem Landeskriminalamt, Zentralstelle für Individualgefährdung. Dort werden spezielle Schutzmaßnahmen für Maria entworfen, die man nur mit einer der höchsten Gefahreneinschätzungen bekommt.

Nelson beginnt zu googeln. Die Richterin liest ein paar Auszüge vor.

5. November: GPS-Tracker kaufen.

11. November: Mord unter Drogen und Medikamenten / JVA Moabit / Fernsehen in Untersuchungshaft / Psychisch krank / Wann geht ein Täter straflos aus.

Er liest den Artikel: „Auch Töten ist menschlich“ auf „Zeit Online“. Darin heißt es: „Wer mordet, ist nicht normal. Dabei liegt das Töten in unserer Natur.“

13. November: Rechtsanwalt Mord / Citrön C1 Unterbau / Welche Drogen machen aggressiv / Buttersäure kaufen Berlin / Was passiert mit dem Mörder nach der Tat.

14. November: Ein Tag in der U-Haft / Polizei JVA Berlin.

21. November: Schusswaffe Görlitzer Park / Buttersäure / Messerstich ins Herz / GPS-Tracker Conrad

Irgendwann in diesen Tagen kauft er dann auch den GPS-Tracker, bringt ihn an Marias Auto an, weiß jetzt immer, wo sie ist. Kauft ein Steakmesser bei Edeka. Es kostet 9,99 Euro und ist 16 Zentimeter lang und drei Zentimeter breit. „Schwer ist es“, sagt die Richterin, als sie den Messergriff mit der nun abgebrochenen Klinge in die Hand nimmt. Irgendwann jetzt bringt Nelson B. ein Antirutsch-Tape am Griff des Messers an. Wegen des Blutes, damit er nicht abrutscht und sich am Ende selbst verletzt. Den Tipp hat ihm ein Mitpatient in der Klinik gegeben.

Nur in ganz krassen Fällen verordnet die zuständige Amtsanwaltschaft oder das zuständige Gericht dem Stalker eine Therapie. Manchmal im Tausch für eine Einstellung des Verfahrens, manchmal als Auflage und damit als Teil der Strafe. So oder so passiert das erst, nachdem die polizeilichen Ermittlungen und das juristische Verfahren abgeschlossen sind. In Berlin kann das wegen der Überlastung der Justiz Monate dauern.

Nelson B. wäre wohl so ein krasser Fall gewesen.

7. Dezember, 18 Uhr 14. Die Polizei ruft ein letztes Mal bei Nelson B. an. Der Beamte ermahnt, nicht noch einmal bei Maria zu klingeln. Nelson streitet alles ab und wirkt auf den Beamten „genervt, unhöflich, frech und patzig“. Das Telefonat dauert fünf Minuten.

Maria ist bei ihrer Schwester in Zehlendorf. Wie auch in den zurückliegenden Nächten. Sie traut sich nicht nach Hause. Julia hat gekocht, Maria gegessen. Dann gehen sie zusammen ins Bett. Maria will noch etwas auf Amazon schauen, schläft aber wie immer schnell ein. Julia steht wieder auf, geht an ihren Schreibtisch, arbeitet weiter an ihrer Doktorarbeit. Draußen ist es dunkel. Der Wind weht heftig.

Nelson hockt bei sich zu Hause im Prenzlauer Berg, eine dunkle Wohnung, aber nicht zugemüllt oder chaotisch, wie Tante Andrea auf Nachfrage der den Prozess begleitenden Psychologin aussagt. Eine chaotische Wohnung wäre ein Anzeichen von Depression, unter der Nelson angibt, zu leiden.

Das Telefonat mit der Polizei habe ihn aufgewühlt, sagt Nelson vor Gericht. Er sucht im Internet nach einer Verbindung nach Zehlendorf. Erst die Straßenbahn bis zum Nordbahnhof, von dort mit der S-Bahn bis nach Zehlendorf, dann mit dem Bus. Er weiß, dass Maria bei Julia ist, dass sie Frühdienst hat, gegen sechs Uhr das Haus verlassen wird.

4 Uhr 30. Marias Wecker klingelt. Sie steht auf, macht sich fertig. Julia hört noch, wie Maria mit einer ihrer Arbeitskolleginnen telefoniert. Diese will sie im Parkhaus vom Hotel treffen, damit Maria dort nicht alleine ist. Sie will Frühstück mitbringen und fragt, was Maria gerne hätte. Maria lacht. Julia erinnert sich, wie sie sich freute, dass Maria so viele Freunde hat, die sie unterstützen. Als Nächstes hört sie die Tür.

6 Uhr. Ein Nachbar, der mit seinem Hund spazieren geht, sieht Nelson vor dem gegenüberliegenden Haus im Dunklen hocken und wundert sich. Geht aber weiter. An der Eingangstür trifft der Nachbar auf Maria. Sie grüßen sich, Maria streichelt den Hund, dann tritt sie hinaus.

Nelson läuft mit drei, vier schnellen Schritten auf sie zu. Maria soll noch gesagt haben: „Was willst du hier? Ich bring dich zur Polizei.“ Dann stößt er mit dem Steakmesser Richtung Herz, Richtung Kopf. „Es ging so schnell wie ein Wimpernschlag“, sagt er vor Gericht. Zehn, vielleicht 20 Sekunden lang sticht er zu, dann bricht die Klinge ab. „Ich hatte den Griff in der Hand, sie stand noch, ich bin weggerannt und habe den Griff fallen gelassen. Ich dachte, sie sei nur verletzt.“

Julia hört die Schreie. Lang gezogen und laut. „Ich wusste, dass sie es ist. Ich wusste, dass er es ist. Ich hatte ihr ja gesagt: Wenn er dich angreift, dann schrei so laut und so viel du kannst. Es muss sich nach was Schlimmem anhören.“

Sie rennt die drei Stockwerke nach unten, ihre Schwester steht mit der Schulter an die Tür gelehnt und sagt: „Er hat mich angegriffen.“ Julia sieht das Blut an der Stirn, am Oberarm, und Marias Handy, das sie in der Hand hält und aus dem ein Polizist: „Hallo, hallo“ ruft. Dann sackt Maria weg, wird blass, ihre Augen flackern. Julia reißt Marias Oberteil hoch, beginnt mit der Reanimation. Nachbarn kommen dazu, wechseln sie ab. Julia übernimmt die Beatmung.

Nach 12, 15 Minuten kommen Polizei und Rettungswagen. Maria wird ins Krankenhaus gebracht. Sie hat keine Chance.

Todesursache: inneres und äußeres Verbluten.

„Selbst wenn man den Angeklagten früher in U-Haft gesteckt und die Stalking-Anzeige schneller zu einem Verfahren geführt hätte, heißt das immer noch nicht, dass er nach U-Haft oder nach einer Strafe aufgehört hätte. Wenn er bleibt, wie er ist, wenn nicht mit ihm gearbeitet wird, dann ist er genauso gefährlich, wenn er wieder rauskommt“, sagt Opfer-Anwalt Roland Weber. Über die Schwere der Schuld hat das Gericht zu entscheiden. Geht er ins Gefängnis? Für 15 Jahre oder sogar länger? Soll anschließend geprüft werden, ob der Angeklagte in Sicherungsverwahrung bleibt, weil er eine Gefahr für die Allgemeinheit bleiben könnte?

 „Wenn man eine Lehre für Berlin aus diesem Fall ziehen kann, dann diese: Die Beschuldigten sollen endlich bei der polizeilichen Vernehmung ihr Einverständnis abgeben können, sich von einer Beratungsstelle kontaktieren zu lassen“, fordert der Psychologe Ortiz-Müller.

Direkt nach der Tat versteckt Nelson B. sich, dann geht er frühstücken zu McDonalds, raucht noch eine Zigarette und stellt sich schließlich auf der Wache am Ostbahnhof der Polizei. Warum er sich diese Wache ausgesucht hat, fragen ihn die Beamten. Sie sei die bequemste, die Betten nicht aus Holz, er habe es ein bisschen mit der Schulter, sagt er, er kenne ja schon ein paar. Ruhig und kühl kommt er den Beamten vor. Als sie ihm sagen, dass Maria gestorben ist, soll er vernehmlich ausgeatmet und erleichtert gewirkt haben.



Aus: "Schutzlos gegen Stalking: Er stellt ihr nach, sie zeigt ihn an – jetzt ist sie tot" (21.09.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/schutzlos-gegen-stalking-er-stellt-ihr-nach-sie-zeigt-ihn-an-jetzt-ist-sie-tot/25011146.html

Quote
tiefenrausch 24.09.2019, 09:36 Uhr
Es ist unfasslich, dass in diesen Fällen nicht endlich durchgegriffen wird. Ich hab schon vor 25 Jahren im Frauenhaus gearbeitet und Frauen aus gewalttätigen Beziehungen geholt. Diese Typen sind Verbrecher, auch schon wenn sie ihre Ex-Freundinnen nur bedrohen und sollten entsprechend behandelt werden. Dass dies immer noch nicht erfolgt ist der Tatsache zuzuschreiben, dass Männer immer noch eine gewisse Verfügungsgewalt über Frauen zugesprochen wird. Für mich eine implizite Komplizenschaft des Rechtswesens mit den Tätern.


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Lars_Mach 23.09.2019, 20:29 Uhr
"Liebe" ist wohl das am häufigsten missbrauchte Wort der Menschheitsgeschichte - meist wären Begriffe wie "Selbstliebe", "Eitelkeit" u.a. treffender!


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TK1234 23.09.2019, 08:04 Uhr

Hier treffen zwei Grenzen aufeinander. Die Freiheit des einen hört da auf, wo er die Freiheit des anderen beeinträchtigt. Es bra
ucht Handfeste Beweise und oft fehlen diese. Viele Stalker sind nicht Dumm. Im Gegenteil. Ihre Vorgehensweise ist äußerst perfide und durchdacht. Sie nutzen falsche Identitäten und operieren oft in den social Media, wo die Anonymität leicht fällt.
Sie untergraben die Glaubwürdigkeit der Opfer, Beleidigen und Bedrohen sie. Wenn das ganze dann eskaliert, kommt es am Ende vielleicht noch zu körperlichen Übergriffen und in der Regel kommt es erst dann zu ernsthaften Ermittlungen und Konsequenzen.
Doch bis dahin sind die Opfer in ihrer Angst alleine.
Mir fällt da der Fall des Bremer Schülers ein, der Anfang 2016 von einem Stalker verfolgt wurde, nur weil er LGBTQ war. Anzeigen bei der Polizei brachten keine schnelle Hilfe. Zwar nahm sie die Ermittlungen dann auf, doch es fehlten "Handfeste" Beweise. Eine Person rückte ins Fadenkreuz der Ermittler, doch es fehlten immer noch die Beweise, wo diese Person mit den Taten in Verbindung brachten. Erst in 2018 erhob dann die Staatsanwaltschaft gegen diese Person Anklage. 2 Jahre Hölle und Ungewissheit für das Opfer.
Dabei war die Liste der Straftaten lang (Volksverhetzung, Betrug, Morddrohung um nur einige zu nennen).
Der Täter schickte einen Trauerkranz in die Schule des Jungen. Er versuchte eine Todesanzeige in die Zeitung zu setzen. Er hängte Plakate mit dem Foto des Opfers in der Stadt auf und outete es darauf als LGBTQ. In den social Media nutzte er Fake-Accounts um Lügen über das Opfer zu verteilen, es zu beleidigen und bedrohen. Unter dem Namen und Nummer des Opfers tätigte er Ebay Verkäufe und schickte den Kunden dann die Ware nicht, welche sich dann natürlich beim Falschen beschwerten und ihm auch drohten.
Der Junge hatte wenigstens soviel Stärke und Rückhalt, dass er durchhielt, die Sache zur Anzeige brachte und sich nicht in den Suizid treiben ließ.


Quote
The_Robin_Hood_Principle 22.09.2019, 14:02 Uhr
Bei allem Respekt vor 'Yvonne D.'s differenzierter und reflektierter Betrachtungsweise (die hier m.E. als Stimme nicht fehlen durfte) möchte ich zur Ergänzung der Debatte Zahlen verlinken und insgesamt auf die tägliche Gewalt gegen Frauen verweisen (Quelle:tagesschau.de; UN-Bericht, Auszug)

    Auffällig bei den Frauen sind die Umstände, unter denen sie getötet werden. Von den rund 87.000 ermordeten oder totgeschlagenen Frauen im Jahr 2017 wurden rund 50.000 von ihrem eigenen Partner oder eigenen Familienangehörigen umgebracht. (...) Wenn es sich um Partner oder Ex-Partner handle, seien die Taten meist nicht spontan, sondern stünden am Ende einer langen Gewaltspirale. Unter den Motiven spielten Eifersucht und Angst vor der Trennung eine wichtige Rolle. Vergleichszahlen von 2012 legten nahe, dass die Zahl der Opfer leicht steige, hieß es. ...
https://www.tagesschau.de/ausland/un-frauen-opfer-gewalt-101.html

...


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Nicetomitja 22.09.2019, 09:36 Uhr

    davon 99 Mal als Tatverdächtiger.

Na herzlichen Dank auch. Warum ein solcher Berufsverbrecher nicht längst in Sicherungsverwahrung sitzt ist mir ein Rätsel.


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changnoi 22.09.2019, 09:04 Uhr
der blanke horror.
bin selber ein mann. auch mich haben frauen verlassen. ich habe gelitten wie ein hund. aber NIE NIE NIE waere ich auf die idee gekommen ihnen nachzustellen oder etwas anzutun. egal wie meine eifersuechtg-kranke phantasie mich quaelte. da musste durch. das gehoert zum erwachsen werden!
einmal wurde ich zeuge, das ist ueber 40 jahre he, wie ein mann einer wg-mitbewohnerin nachstellte. Sie hatte schon eine gebrochene nase und schnittverletzungen am arm. dann stand er ploetzlich vor der tuer. sprach freundlich. bat um einlass.  meine mitbewohnerin fluesterte "auf keinen fall!" dann drosch er mit einem baseballschlaeger auf die tuer ein. wir verbarrikadierten uns. riefen die polizei. er sprang dann durch die geschlossene fensterscheibe in den innenhof. war gleich tot. ein horror. aber haette ich ihn reingelassen, haeete es einen kampf auf leben und tot gegeben. dabei hatte ich nix mit seiner ex-freundin. zero-negativ!
maenner koennen so bescheuert sein. fuerchterlich.
die arme junge frau, die schwester, die familie. da den seelenfrieden wiederzufinden ist ganz schwer.
der kerl hat sein leben verwirkt. keine gnade!


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Antwort auf den Beitrag von changnoi 22.09.2019, 09:04 Uhr

    maenner koennen so bescheuert sein.

Frauen auch. Ich weiß nicht, ob Frauen dazu neigen, so extrem körperlich aggressiv zu werden - aber auch Frauen stalken. Vielleicht machen sie es in der Tat weniger brutal, aber - wenn man den Tod und das "Abstechen" als etwas Absolutes betrachtet - es kann auch sehr schwierig sein, belästigt zu werden, ohne körperlich angegriffen zu werden, sei es durch "Vor-dem-Haus-Herumlungern" oder durch sonstige Übergriffe: ich weiß von einer Frau, die ihrer von ihrer Therapeutin "verlassen" wurde und die ihr daraufhin regelmäßig bombastische Rosensträuche in die Praxis geschickt hat; ich weiß von Frauen, die Autos zerkratzen oder Reifen zerstechen, wenn sie "enttäuscht" wurden oder die regelmäßig nachts den Verlassenden anriefen, "gerne" mit Suizidankündigung; ich kenne Frauen, die die Bekanntenkreise des Verlassenden "ausgesaugt" haben oder die "Konkurrentin" körperlich angegriffen haben usw. Und ich kenne auch Männer, die solche Dinge tun.

Das ist auch deshalb problematisch, weil man als "Unbeteiligter" zunächst gar nicht weiß, wie man es einschätzen soll, wenn der Verlassene beginnt, einen auszufragen. Mich hat neulich ein mir fremder Mann auf der Arbeit (Publikumsverkehr) gefragt, ob Frau XY dort noch arbeiten würde. Ich hab geantwortet, dass ich solche Auskünfte nicht gebe, worauf er - und am Tonfall hab ich schon gemerkt, was los war - erwiderte: "Ja, klar, ich werd ihr auflauern, wenn ich es erfahre, hahaha". Später hat sich mein Verdacht bestätigt, und ich hab mir vorgestellt, wie schlimm es für Betroffene ist, auf der Arbeit sagen zu müssen: "Wenn ein Typ nach mir fragt, bitte nicht antworten".


Quote
A.v.Lepsius 21.09.2019, 15:02 Uhr
Da kommen einem als Vater ganz viele Bedenken und Sorgen hoch, denn diese ganze Geschichte liest sich wie eine Horrorgeschichte, von der man sich bewusst ist, dass sie tödlich endet, es kein happy-end gibt, keine glückliche Wendung.

Was für eine Tragödie für die Familie, die diesen Fall bis hin zum Tod begleiten musste.

Herr Grünberg, ich danke für diesen ausgezeichnet geschriebenen Artikel und auch dafür, dass Sie sich mit diesem Fall befasst haben. Das kann nicht einfach gewesen sein. Für alle Beteiligten nicht.


Quote
bmkt 21.09.2019, 14:52 Uhr
In Zeiten, wo dringend tatverdächtige Gewaltverbrecher frei gelassen werden, weil die Gerichte nicht hinterherkommen, bleibt offizielle frühzeitige Hilfe oft leider ein Wunsch.

Man kann nur selbst frühzeitig mit dem Abgrenzen beginnen, sollten gewisse Auffälligkeiten auftreten.

Das kann auch allein im Kollegenkreis passieren, selbst wenn man verheiratet ist und den persönlichen Kreis immer geschützt hat.

Beginnen mit minutenlang auf die Mailbox quatschen;
wenn man diese ausschaltet 10 Anrufe innerhalb kürzester Zeit.
Nicht Akzeptanz von, Aggressionen gegen Abgrenzung.

Extreme persönliche Empfindlichkeit bei eigentlich Sachfragen.
Moralische Erpressung a la "Menschlich charakterlich verdorben, wenn Du das anders siehst als ich"
usw usf.

Vorboten gibt es viele.

Ich kann nur dazu raten: Aggressionen zeigen, wirklich Abgrenzen, egal womit gedroht wird, von moralischen Ausrastern nicht beeindrucken lassen.


Quote
zweitbuerger 21.09.2019, 14:43 Uhr
Vielen Dank, Herr Grünberg,
für diesen ausführlichen und sehr ausgewogenen Artikel, der einen doch recht beklommen und sprachlos sein lässt.
Sie verurteilen den Täter nicht (obwohl er natürlich verurteilt werden wird und werden muss).
Sie geben viel Raum für eigene Gedanken.

Diese Art von Berichterstattung wünsche ich mir weiterhin!

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« Reply #143 on: September 27, 2019, 01:35:12 PM »
"Uni-Kurs zu Pornografie "Die Leute denken, es sei eben einfach nur Sex und die Kamera hält drauf""
Die Wissenschaftlerin Madita Oeming erforscht Pornos und unterrichtet dazu an der Uni Berlin. Das gefällt nicht jedem. Im Interview spricht sie über Kritik von Kollegen und weshalb sie Sexfilme wie Literatur behandelt. Ein Interview von Lisa Duhm  (04.09.2019)
Oeming: Die Porn-Studies sind ein interdisziplinäres Forschungsfeld, es kommen Ansätze aus der Filmwissenschaft, den Gender-Studies, der Kulturanthropologie und so weiter zusammen. Wir werden uns auf den US-amerikanischen Raum konzentrieren. Die Studierenden sollen die Ästhetik von Pornofilmen analysieren, verschiedene Genres kennenlernen. Es wird aber auch um Normen und Ängste gehen, die mit dem Thema verbunden sind. ... Es ist nicht so, dass ich das Licht ausmache und 90 Minuten lang ein Pornofilm läuft. Wir sprechen auch nicht über meine Vorlieben oder die der Studierenden, da gibt es klare Grenzen. Stattdessen gucken wir ausgewählte Szenen und ich vergebe dazu Sehaufträge. Zum Beispiel, wie der feministische Porno mit der gängigen Bildsprache bricht. Wir behandeln Pornofilme eben wie die Literaturwissenschaften Romane. ... Über einen Porno zu reden, ist erst einmal ungewohnt. Es fehlt oft schon an der Sprache. Und es ist zunächst viel Scham im Raum. Daran lässt sich aber arbeiten und erfahrungsgemäß gelingt es den Studierenden gut, einen analytischen Blick einzunehmen - besser sogar als auf Hollywoodfilme. ... Ich habe häufig mit Vorurteilen zu tun, auch von Kolleginnen und Kollegen. Das gängigste ist, dass Pornografie unterkomplex sei. Die Leute denken an dieses trashige Medium, eben einfach nur Sex und die Kamera hält drauf. Das stimmt so nicht. Ein Porno ist kein Kafka-Roman, das ist mir natürlich auch klar. Aber in ihrer Entstehungsgeschichte, Vielfalt und vor allem in ihrem kulturellen Zusammenhang wird Pornografie zu einem hochkomplexen und sehr spannenden Thema. Menschen können sich auch nicht vorstellen, dass man es schafft, wissenschaftlich einen Porno zu gucken. Sie halten die Erregung für zu mächtig. Aber ich kann mich bestens von meinem Forschungsfeld distanzieren. ... Der Hass, der mir in den letzten Tagen auf Twitter entgegenschlug, war für mich eine augenöffnende Erfahrung. Ich habe unterschätzt, was das mit einem macht. Aber ich werde mich davon nicht einschüchtern lassen. Im Gegenteil. Es beweist nur, wie bitter notwendig meine Arbeit ist. ...
https://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/pornografie-an-der-uni-ein-porno-ist-kein-kafka-roman-a-1284958.html




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« Reply #144 on: September 28, 2019, 12:20:38 PM »
Quote
[...] Wenn es um die frühere Verfolgung Homosexueller in Deutschland geht, sind damit meistens Männer gemeint. Schließlich stellte der berüchtigte Paragraf 175 erst im Kaiserreich, dann unter den Nazis und später in der Bundesrepublik und in der DDR sexuellen Handlungen unter Männern unter Strafe. Während in der Bundesrepublik noch lange die unter den Nazis verschärfte Version galt, schwächte die DDR ihn indes bald ab - und schaffte ihn schon 1968 ganz ab.

Was wenige wissen: Die DDR ersetzte den Paragrafen 175 durch einen neuen Paragrafen 151. Dieser stellte gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen mit Jugendlichen unter Strafe - und zwar sowohl für Männer als auch für Frauen. Für homosexuelle Handlungen sah er ein höheres Schutzalter als für heterosexuelle vor. Nach Schätzungen der Magnus-Hirschfeld-Stiftung wurden bis zur Abschaffung des Paragrafen 151 im Jahr 1988 rund 4.300 Personen verurteilt und mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft - darunter viele Frauen.

Lange blieb ihr Schicksal unbeachtet. Erst 2017 wurden auch diese Verurteilten rehabilitiert, zeitgleich mit den Opfern des Paragrafen 175 in der Bundesrepublik. Sie können seitdem beim Bundesamt für Justiz einen Antrag auf Entschädigung auf bis zu 3.000 Euro pro Urteil stellen. Doch obwohl die rechtlichen Grundlagen für Entschädigungen geschaffen wurden, hat bisher keine einzige lesbische Frau einen solchen Antrag gestellt.

Das ergibt jetzt eine Antwort des Justizministeriums auf eine Anfrage von Ulle Schauws, der Sprecherin für Frauenpolitik und Queerpolitik der grünen Bundestagsfraktion.

In der Antwort, die dem Tagesspiegel vorliegt, schreibt das Justizministerium, dass „bis zum heutigen Tag  […] noch keine Frau bei dem Bundesamt für Justiz (BfJ) einen Antrag auf Entschädigung“ gestellt habe.  Aus diesem Grund konnte „auch noch keine Entschädigung ausgezahlt werden“. Wie die "taz" berichtet, hat die erste Frau in diesem Monat einen Antrag auf Entschädigung gestellt.

Woran liegt es, dass sonst niemand einen Antrag auf Entschädigung gestellt hat? Ulle Schauws führt das darauf zurück, dass das Rehabilitierungs- und Entschädigungsgesetz viel zu spät erlassen worden sei. Nur wenige der in der BRD und in der DDR verfolgten Homosexuellen hätten das Inkrafttreten des Gesetzes zur strafrechtlichen Rehabilitierung noch erlebt. „Viel zu lange wurde die Rehabilitierung und Entschädigung im Parlament blockiert und mehrere grüne Gesetzesinitiativen abgelehnt“, sagt Schauws. Tatsächlich gibt es bisher auch wenig Entschädigungsanträge von Männern.

Darüber hinaus hätten die „Diskriminierungserfahrungen starke Einschnitte in die Biographien der Betroffenen“ bedeutet und oftmals deren Existenz bedroht: „Viele wollten dieses Kapitel in ihrem Leben nicht noch einmal öffnen.“

Darüber hinaus seien die Maßnahmen der Bundesregierung unzureichend: Diese ist in der Verantwortung, Betroffenen aktiv über Entschädigungsmöglichkeiten zu informieren. Doch bisher geschieht dies nicht mit Blick auf lesbische und bisexuelle Frauen. In dem Schreiben an Ulle Schauws verweist das Bundesministerium für Justiz stattdessen auf seine Homepage, wo es seit Inkrafttreten des Gesetzes über dessen Inhalt und die Entschädigungsmöglichkeiten informiert.

Konkret schreibt die Regierung, dass „das strafrechtliche Verbot einvernehmlicher homosexueller Handlungen und die daraus resultierende Strafverfolgung […] grundrechts- und menschenrechtswidrig“ sei. Aus diesem Grund sollten ergangene Urteile aufgehoben und die Betroffen entschädigt werden. Die „Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren (BISS) e.V.“ habe dafür eine Hotline eingerichtet, die über Beratungsmöglichkeiten informiere und die Betroffenen unterstütze.

Für lesbische Frauen gibt es dagegen kein eigenes Unterstützungsangebot. „Auch, wenn es sich bei BISS e.v. um eine Interessenvereinigung schwuler Senioren- und nicht lesbischer Seniorinnen“ handle, so das Ministerium, werde stattdessen auf die Gesamtheit der Entschädigungsmöglichkeiten hingewiesen. Grundsätzlich stehe die Entschädigung von Männern, die verurteilt worden seien, im Vordergrund. Diese würden zahlenmäßig überwiegen, aus diesem Grund gäbe es bisher keine Informationskampagne für Frauen, erklärt das Ministerium. Und auch in den Infoflyern, die das BfJ an verschiedene LGBT-Organisationen, Volkshochschulen, Theater und Sozialverbände verschickt, würden Frauen „weniger deutlich herausgestellt“.

Dabei wäre eine Informationskampagne für Frauen wichtig, um nicht nur Männer, sondern auch Frauen zu erreichen. Anstatt nur mit der „BISS“ zusammenzuarbeiten, sollte auch der Dachverband „Lesben und Alter“ einbezogen werden, fordert Schauws: „Dieser ist als Anlaufstelle bei der Thematik ganz wichtig. Und selbstverständlich muss klar sein, dass es für jeden Menschen, der allein aufgrund seines Seins an den Pranger gestellt und dem viel Leid angetan wurde, eine sensibler Beratung und spezifische Ansprache braucht. Das muss für Lesben auch gelten.“

Deshalb fordert sie die Bundesregierung dazu auf, lesbische Frauen gezielt zu informieren und mehr gruppenspezifische und Beratungsangebote bereitzustellen. Anderenfalls würden die Schicksale der Frauen auch 30 Jahre nach dem Mauerfall unsichtbar bleiben.


Aus: "Noch keine lesbische Frau entschädigt" Inga Hofmann (27.09.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/queerspiegel/wegen-verfolgung-in-der-ddr-noch-keine-lesbische-frau-entschaedigt/25059038.html

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« Reply #145 on: September 29, 2019, 11:23:53 PM »
Quote
[...] „Heute will ich das Lügengerüst in sich zusammenfallen lassen. Ich, die liebt, abtreibt und Sex hat, ohne verheiratet zu sein. Ich, die sich versteckt und es riskiert, Schande über sich bringen und ins Gefängnis geworfen zu werden.“ So lautet ein Auszug aus dem Manifest, das seit vergangenem Montag in den sozialen Netzwerken Marokkos unter den Hashtags #moroccanoutlaws und #Kharja3lal9anoun („die Geächteten“) zirkuliert.

Darin fordern vor allem Frauen die Abschaffung des Artikel 490 des marokkanischen Strafgesetzbuches, das einvernehmliche sexuelle Beziehungen außerhalb der Ehe mit bis zu einem Jahr Gefängnis bestraft. Allein 2018 verurteilten marokkanische Gerichte rund 14.500 Menschen unter diesem Artikel.

Ebenfalls gefordert wird eine Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen. Laut Schätzungen der Organisation ­AMLAG, die sich für sichere Schwangerschaftsabbrüche in Marokko einsetzt, wird der Eingriff 600 bis 800 pro Tag durchgeführt – er ist aber nur erlaubt, wenn das Leben der Schwangeren in Gefahr ist.

Dass sich Frauen nun zu beidem öffentlich bekennen, ist ein Novum in Marokko. Unter den 490 Erstunterzeichnerinnen waren viele Intellektuelle und Kulturschaffende wie die Schauspielerin Fatym Layachi und die international erfolgreiche Sängerin Oum. Aber längst haben es über 7.000 Menschen aus allen Gesellschaftsschichten unterschrieben. „Wir haben bewiesen, dass marokkanische Frauen bereit sind, ihre Stimme zu erheben“, sagt Filmemacherin und Mitinitiatorin Sonia Terrab. Das Versteckspiel vor Freund*innen und der Familie, die sexuelle Frustration – das alles mache viele Frauen wütend.

...


Aus: "Feministisches Manifest in Netz: Aufbegehren in Marokko" Anna-Theresa Bachmann (29.9.2019)
Quelle: https://taz.de/Feministisches-Manifest-in-Netz/!5630595/

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« Reply #146 on: September 30, 2019, 02:43:08 PM »
Quote
[...] „Der Wille zum Wissen“ setzte ein Fragezeichen hinter die Emanzipationsbestrebungen der späten 1960er-Jahre und kritisierte die Repressionshypothese, die die Basis der Forderung nach sexueller Befreiung war. Foucault machte geltend, dass das Reden über Sex und die besessene Hingabe an ihn die Menschen womöglich nur noch tiefer in allgegenwärtige Machtstrukturen verstricke: „Ironie dieses Dispositivs: es macht uns glauben, dass es darin um unsere ‚Befreiung‘ geht.“

... Die drei Bände von „Sexualität und Wahrheit“ sind durchzogen von Hinweisen auf christliche Ethik und Moral als Kontrastfolie zum heidnischen und zum nachchristlichen Leben in der Moderne. Der angekündigte vierte Band über die „Geständnisse des Fleisches“ jedoch, der das Frühchristentum analysierte, erschien nie, weil Foucault eine postume Veröffentlichung seiner Schriften untersagt hatte. Man konnte aus dem Ende von Band drei erschließen, dass es darum gehen würde, zu zeigen, wie sich in den Schriften der Kirchenväter vom 3. bis zum 5. Jh. christliche Moralvorstellungen aus der antiken Ethik heraus entwickeln würden.

Band drei endet mit der Mahnung, aus den Ähnlichkeiten zwischen der hellenistischen Philosophie der Selbstsorge und den frühen Formulierungen einer christlichen Moral nicht vorschnell auf ein bruchloses Nachleben antiken Geistes im Christentum zu schließen: So wie die frühen christlichen Basiliken auf den Fundamenten antiker Paläste und Tempel errichtet wurden und deren Marmor verbauten, um einem neuen Geist seinen Ort zu geben, so nutzten die Kirchenväter paganes medizinisches, psychologisches und soziales Wissen, um eine tiefgehend umgebildete Ethik zu formulieren, die im Zeichen des Kreuzes stand. Das alles zu zeigen sollte die Aufgabe der „Geständnisse des Fleisches“ sein.

... Wie man sich zu dem weitestgehend aus seinen ursprünglichen gesellschaftlichen und religiösen Verankerungen gerissenen Erbe stellt, das ist heute zur offenen Frage geworden. Alle Menschen stehen vor der Aufgabe, ihre je eigene Ethik und Ästhetik der Existenz zu entwerfen und sich immer neu zu fragen, wie sie ihre Lebensweise bestimmen und weiterentwickeln wollen. Die Spannung zwischen Seele und Leib nur als Leere und Leiden zu erfahren, ist daher faktisch vor allem der Ausdruck einer Angst vor der Freiheit.

...


Aus: "Wie das Fleisch zur Sünde wurde" Eckart Goebel (22.06.2019)
Quelle: https://www.welt.de/print/die_welt/literatur/article195709581/Wie-das-Fleisch-zur-Suende-wurde.html
-

Quote
[...] Nicht erst der militärische Drill lässt den modernen Soldaten gehorchen ohne nachzudenken. Vielmehr fordert bereits um 400 der Theoretiker des Klosterlebens wie der Bibelexegese Johannes Cassianus hochmodern:

„Ein Befehl muss, selbst wenn er sinnlos ist, vollständig ausgeführt werden. […] Die Ungerechtigkeit eines Befehls, dass er zur Wahrheit oder zur Natur in Widerspruch stehen kann, darf niemals verhindern, dass er ausgeführt wird.“

Also auch nicht erst Eichmann in Jerusalem beteuert, nur Befehle befolgt zu haben. Ja, das lässt sich – so Michel Foucault im vierten Band seines Großprojektes „Sexualität und Wahrheit“ – sogar noch steigern. Im sechsten Jahrhundert nämlich ...

„... wird [der Abt, der Heilige [ * ] ] Dorotheos von Gaza von der Heldentat eines Schülers […] [des Eremiten] Barsanuphius berichten, der, ausgezehrt von einer Krankheit, es sich dennoch versagte zu sterben, solange sein Lehrer ihm nicht die Erlaubnis dazu erteilt hatte.“

Das Thema dieses letzten Bandes über „Die Geständnisse des Fleisches“ ist der kirchliche Umgang mit der Sexualität zwischen dem zweiten und dem fünften Jahrhundert, als die Kirchenväter die christliche Theologie begründeten. „Die Geständnisse des Fleisches“ enthalten drei große Themenblöcke: die Rolle des Gehorsams, die Jungfräulichkeit und die Ehe.

Foucault skizziert die Anfänge einer umfassenden sozialen, moralischen und religiösen Disziplinierung. Dadurch wird eine Persönlichkeit geprägt, die nicht gezwungenermaßen, sondern freiwillig, ja gerne gehorcht. So bemerkt Foucault:
 
„... dass das Vermögen die anderen zu führen, grundsätzlich mit der Akzeptanz der Bereitschaft verbunden ist, die Führung hinzunehmen.“

Der Gläubige entwickelt geradezu ein Bedürfnis nach Führung, so dass er gar nicht mehr auf eigene Gedanken kommt. Ja, wenn diese der Ordnung widersprechen, muss er sie freiwillig bekennen und beichten. So schreibt Foucault:

„Seit sich die christliche Religion als Kirche organisiert hat, die über eine stark gemeinschaftliche Struktur und eine hierarchische Ordnung verfügt, konnte ohne eine Reihe von Proben und Garantien kein schwerer Verstoß vergeben werden.“

Um Vergebung zu erlangen, muss der Gläubige vor allem seine geheimsten Gedanken kundtun, muss er sein Innerstes, seine tiefste Wahrheit offenbaren. Denn, so Foucault:
 
„Wer seine Verfehlungen gesteht, rechtfertigt sich nicht nur vor Gott, sondern rechtfertigt Gott selbst und seinen Zorn auf die Schwäche der Menschen.“
 
Mit Gehorsam, Beichte und Buße entwickelt die katholische Kirche ein Regime, das sich auf die Offenbarung der innerlichen Wahrheit stützt und dadurch die Gläubigen kontrolliert und lenkt.

Damit schließt Foucault an seine Vorlesungen in den Jahren 1977-79 über Biopolitik an, in denen er analysiert, wie zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert die europäischen Staaten zunehmend ihre Bevölkerung lenken. Diese Politik stützt sich auf das Pastorat, das christliche Modell der Menschenführung. Dabei geht der Klerus mit den Gläubigen im Stile eines Schäfers um, der sich einerseits um das Heil der Herde und andererseits um das Heil eines jeden Schafes kümmert. „Die Geständnisse des Fleisches“ beschreiben die Entstehung des christlichen Pastorats, über das Foucault bereits in der Vorlesung am 22. Februar 1978 sagt:
 
„... das Pastorat hat eine Beziehung […] zur Wahrheit, da man im Christentum, wie in allen Schriftreligionen, sein Heil freilich nur [dadurch] erreichen kann […], dass man eine bestimmte Wahrheit anerkennt, an sie glaubt und sie kundtut.“

Besonders diese Vorlesungen über Biopolitik fügen den jetzt erschienenen vierten Band von „Sexualität und Wahrheit“ in Foucaults Denken der siebziger Jahre ein, wenn er sich primär mit dem Verhältnis von Macht und Wissen beschäftigt. So bezweifelt Foucault 1975 in seinem bekanntesten Werk „Überwachen und Strafen“:
 
„... dass das Wissen sich nur außerhalb der Befehle, Anforderungen, Interessen der Macht entfalten kann. […] Eher ist wohl anzunehmen, dass die Macht Wissen hervorbringt […]; dass Macht und Wissen einander unmittelbar einschließen.“

Unter dem Untertitel „Die Geburt des Gefängnisses“ beschreibt Foucault die Entstehung des militarisierten Staates des 19. Jahrhunderts durch neue Technologien der Disziplinierung – Vorläufer des heutigen Überwachungsstaates.

Ein Jahr später veröffentlicht Foucault den ersten Band seines Großprojektes „Sexualität und Wahrheit“, dessen Titel „Der Wille zum Wissen“ seinen Inhalt spiegelt. Denn er skizziert die staatliche Biopolitik im 17. Jahrhundert, der es um Bevölkerungswachstum ging. Im Rückgriff auf die gerade entstehenden modernen Naturwissenschaften interessierte man sich für alles, was mit Sexualität zu tun hatte. Foucault schreibt 1976:
 
„Der Sex, […] muss analytischen Diskursen anvertraut werden. Der Sex wird im 18. Jahrhundert zu einer Angelegenheit der ‚Polizei’.“

Der jetzt erschienene vierte Band schließt an diese Macht-Studien an und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten der Menschensteuerung. Damit skizziert er eine Art frühe Biopolitik wenn auch über 1000 Jahre vorher. Foucault schreibt in „Die Geständnisse des Fleisches“:

„Von Clemens [von Alexandria um 200] zu Augustinus besteht ganz offensichtlich der Unterschied zwischen einem vom Hellenismus und der Stoa beeinflussten Christentum, das darauf ausgelegt ist, eine Ethik der sexuellen Beziehungen ‚einzubürgern‘, und einem strengeren, pessimistischeren Christentum, das die menschliche Natur nur über den Sündenfall denkt und die sexuellen Beziehungen folglich mit einem negativen Vorzeichen versieht.“
 
Clemens möchte den Menschen noch in eine natürliche Ordnung einfügen, zu der eine gemäßigte Enthaltsamkeit gehört, wie sie auch ein göttliches Gebot verlangt. Auch der Heilige Methodius von Olympus im 3. Jahrhundert dekretiert noch:

„Wer es fertigbringt und darauf hält, sein Fleisch jungfräulich zu bewahren, der tut besser; wer dies aber nicht kann, vielmehr sein Fleisch nach Recht und Gesetz […] in die Ehe gibt, der tut gut.“

Augustinus um 400 geht es dagegen um die absolute Unterwerfung unter die göttliche Ordnung, zu der primär die Enthaltsamkeit gehört.

Wenn sich „Die Geständnisse des Fleisches“ folglich in Foucaults Machtanalysen aus den siebziger Jahren einklinken, stellt sich die Frage: Muss man nach diesem vierten Band von „Sexualität und Wahrheit“ auch Foucaults Spätwerk der achtziger Jahre unter dem Blickwinkel der siebziger Jahre sehen?

Denn kurz vor seinem Tod 1984 veröffentlichte Foucault den zweiten und den dritten Band von „Sexualität und Wahrheit“, die das Bild Foucaults als eines Machttheoretikers in Frage stellten. Der zweite Band beschäftigt sich unter dem Titel „Der Gebrauch der Lüste“ mit der sexuellen Praktik während des vierten Jahrhunderts vor Christus in Griechenland. Der dritte behandelt unter dem Titel „Die Sorge um sich“ das erste und zweite nachchristliche Jahrhundert in der griechisch römischen Kultur.

Beide Bücher schildern zwar einen asketischen Umgang mit der Sexualität, der jedoch im Dienste der Betroffenen steht, wenn der einzelne Herr seiner Lüste sein soll, nicht um sie schlicht zu unterdrücken, sondern um sie zu genießen. Denn so Foucault:

„Was in den Augen der Griechen die ethische Negativität schlechthin darstellt, ist […] dass man gegenüber den Lüsten passiv bleibt.“

Um eine derart souveräne Persönlichkeit zu werden, muss daher die individuelle Lebensführung so gelernt werden, dass der Umgang mit der Sexualität zu einer Ästhetik der Existenz beziehungsweise zu einer Lebenskunst führt. So heißt es in „Die Sorge um sich“:
 
„Am Ursprung dieser Modifikationen in der Sexualmoral steht nicht die Verschärfung der Verbotsformen, sondern die Entwicklung einer Kunst der Existenz […].“
 
Außerdem wurden solche Thesen auch als Empfehlung an Foucaults Zeitgenossen gedeutet: Plötzlich konnte er als Denker eines zeitgenössischen Individualismus betrachtet werden. Schließlich versuchten sich ja viele seit den 1960er-Jahren von der traditionellen Unterdrückung der Sexualität zu befreien. Eine solche Wende zum Individuum verdarb Foucault kräftig den Ruf, ist Individualismus in allen politischen Lagern bis heute verpönt.

Dieses Bild einer späten Abkehr von der Machttheorie hin zu einer individuellen Moral bekommt indes Risse, wenn man den jetzt erst erschienenen vierten Band betrachtet. Denn dieser betont eindeutig wieder die Thematik der Disziplinierung, wenn er zeigt, wie die frühen Kirchenväter an Themen der vorchristlichen antiken Welt anschließen und diese in eine neue christliche Ethik transformieren. Die antike Askese verwandelt man in ein Kontrollregime der Gläubigen, das die Sexualität als Sünde umwertet. Den Sex darf man nicht mehr individuell gebrauchen. Vielmehr gilt es ihn religiös gelenkt zu vermeiden. So wird im Laufe der ersten Jahrhunderte die Jungfräulichkeit zunehmend zu einer höchsten Orientierung, die das Jenseits antizipiert. Foucault schreibt:

„Als Tugend und Gipfel aller Tugenden, als Vorbereitung auf die Beendigung der Zeiten soll die Jungfräulichkeit keine Ablehnung des Körpers sein, sondern eine Arbeit der Seele an sich selbst.“

Nicht nur steht die Jungfräulichkeit weit über der Ehe, selbst wenn die Eheleute keusch leben. Vielmehr avanciert die Jungfräulichkeit zu einer eigenen Lebensform. Wer sie wählt, gehört schon zu den Heiligen. Im Christentum stellt sie sogar eine Kunst dar, die an die Stelle der antiken Lebenskunst tritt.

Allemal verblassen die individualisierenden Tendenzen des zweiten und des dritten Bandes von „Sexualität und Wahrheit“, erscheinen sie nur als historischer Hintergrund einer Entwicklung, die das Christentum nachhaltig umlenkte und eine Entwicklung anschob, die in den militarisierten Gesellschaften im 19. und 20. Jahrhunderts gipfelt. Dieses Bild ergibt sich aus der Reihenfolge der Bände.

Während der erste Band „Der Wille zum Wissen“ ein gut geschriebenes und spannendes Buch ist, präsentieren die anderen drei Bände gleichermaßen ein umfängliches Material, was häufig in Wiederholungen gerät: die typische Schreibweise Foucaults.

Im Zusammenhang der letzten drei Bände von „Sexualität und Wahrheit“, die alle in den frühen Achtzigern fertigwerden, präsentiert sich die Geburt des christlichen Kontrollregimes der Sexualität als ein umfassender Disziplinierungsversuch. Dass Foucault sich in seinem letzten Werk primär um die Analyse von Macht- und Disziplinarstrukturen kümmert, zeigt sich auch besonders anhand der Bedeutung und Funktion der Ehe bei den Kirchenvätern. Zunächst klingt es noch harmlos:

„Die Jungfräulichkeit steht über der Ehe, ohne dass die Ehe ein Übel oder die Jungfräulichkeit eine Pflicht wäre.“

Vor allem versuchte man, die mit der Sexualität verbundene und in der Antike hoch geschätzte Wollust zu unterbinden. Denn als absolut individuell lässt sie sich schon gar nicht kirchlich kontrollieren. Daher gab es unter den Kirchenvätern eine Debatte darüber, ob Adam und Eva Sex im Paradies hatten: Leider ja, hätte es ansonsten keinen Grund für die Schöpfung von Eva gegeben. Denn die biblische Rolle eines hilfreichen Gefährten hätte ein zweiter kräftigerer Mann in jeder Hinsicht besser ausgefüllt. Selbstredend galt ein Mann auch immer als ein besserer Gesprächspartner. Eva musste also als Gebärerin geschaffen worden sein. Aber Wollust beziehungsweise Libido kann es im Paradies natürlich nicht gegeben haben. Foucault schreibt:

„Somit wird der Geschlechtsverkehr im Paradies von Augustinus vornehmlich als ein Akt definiert, bei dem die ‚libido‘ ausgeschlossen ist, […]. Es handelt sich […] um einen Akt, der in all seinen Bestandteilen ohne Ausnahme der genauen Kontrolle des Willens unterliegt. Alles, was hier passiert, kann der Mensch wollen und will es tatsächlich.“

Augustin erkennt zwar an, dass die Ehe von einem Nutzen für die Menschheit ist. Eigentlich sollte sie denn auch zu einer keuschen Zeugung führen. Sie sollte die Wollust bremsen, damit zu einer kontrollierten Lust führen. Doch – so Foucault ...
 
„... wenn es nicht möglich ist, die Ehe zu gebrauchen, nicht einmal zu den besten Zwecken, ohne dass beim Geschlechtsverkehr jene Regungen ins Spiel kommen, die wir nicht beherrschen können, dann ist der Grund dafür, dass jeder Mensch seit dem Sündenfall als Subjekt eines begehrlichen Willens geboren wird.“

Die Strafe für die Erbsünde liegt in einer unkontrollierbaren Wollust oder der Libido, die bereits Adam und Eva dazu zwingt, ihre Sexualorgane zu verhüllen, damit sie ihre eigene Erregung verbergen beziehungsweise die anderen nicht erregen. Augustin trennt diese Erregung auch nicht als natürlichen Teil von der Seele ab, so dass diese unvermeidbar schuldig wird. Daher begleitet die Sünde jeden sexuellen Akt, den auch die Ehe nicht entschuldigen kann. Foucault schreibt:

„Es sei dahingestellt, ob [Augustins Schrift] ‚De bono conjugali‘ nun die erste große christliche Systematisierung des Ehelebens und der darin herrschenden Beziehungen war oder nicht, auf alle Fälle ist es für das mittelalterliche und moderne Christentum die maßgebliche Referenz für die Moraltheologie der Ehe.“

Betrachtet man allein „Die Geständnisse des Fleisches“, dann spricht alles dafür, dass Foucault zu Lebzeiten gar keine Wende zu einer individuellen Ethik vollführte, dass er vielmehr der Machtanalytiker geblieben ist, als der er seit den Siebzigern galt.

Allerdings weist der Herausgeber Frédéric Gros in seinem Vorwort daraufhin, dass Foucault ursprünglich einen ganz anderen Plan für sein Werk „Sexualität und Wahrheit“ hatte. Nach dem ersten Band über das Interesse an der Sexualität im 17. Jahrhundert wollte er sich strukturell der Gegenwart nähern, zunächst aber noch auf das 16. Jahrhundert zurückgreifen. Unter dem Titel „Das Fleisch und der Körper“ sollte sich der zweite Band mit der katholischen Sexuallehre im Angesicht der Reformation beschäftigen, denn – so Foucault:

„Das mittelalterliche Christentum ist – vor allem ab dem 13. Jahrhundert – zweifellos die erste Zivilisationsform, die in Bezug auf die sexuellen Beziehungen zwischen Ehegatten derart weitschweifige Vorschriften entwickelt.“

Daran anschließend wollte er die spätere Entwicklung analysieren. Doch bald schon schwenkt sein Blick weiter in die Vergangenheit, nämlich um über 1000 Jahre zurück zu den Kirchenvätern. So schreibt Foucaults Lebenspartner, der Soziologe Daniel Defert, über den August 1977:“

„Foucault ist in Vendeuvre. Er schreibt über die Kirchenväter und beginnt seine Geschichte der Sexualität um einige Jahrhunderte zu verschieben.“

In den Jahren 1981-82 vollendet er dann „Die Geständnisse des Fleisches“ und gibt sie auch in den Druck. Er denkt aber noch nicht an eine baldige Veröffentlichung, weil er zwischenzeitlich einsah, dass er die griechische Antike analysieren müsste, um die Hintergründe der späteren christlichen Entwicklung zu klären. So schreibt er Band zwei und drei und veröffentlicht sie 1984 noch vor dem zuvor schon fertigen Band IV und bleibt damit in der historischen Reihenfolge.

In den Monaten vor seinem Tod beschäftigte er sich intensiv mit den Korrekturen von „Die Geständnisse des Fleisches“, was er indes nicht mehr vollenden konnte – eine Arbeit, die in den letzten Jahren der Herausgeber abschloss, nachdem die Inhaber der Rechte an Foucaults Nachlass erst nach drei Jahrzehnten den vierten Band freigaben.

Daraus zeichnet sich indes nun ein ambivalentes Bild ab. Das letzte, das Foucault selber schrieb, waren doch die beiden Bände über die Antike mit ihrer Tendenz zur individuellen Ethik. „Die Geständnisse des Fleisches“ hatte er vorher geschrieben, obgleich er ganz zuletzt noch daran korrigierte, was aber nicht allzu viel bedeuten kann. Im Vorwort bemerkt Frédéric Gros:

„Parallel dazu vollzieht [Foucault] […] immer massiver seine antike ‚Wende‘. Das griechisch-lateinische Moment wurde […] von 1978-1980, auf die Rolle eines Kontrapunkts reduziert […]. Nun aber wird das, was ein bloßer Kontrapunkt war, immer mehr zu einem konsistenten und insistenten Forschungsgegenstand an sich.“
 
Dann bleibt jenes Foucault-Bild doch grundsätzlich erhalten, dass sich Foucault in den letzten Lebensjahren von der reinen Machttheorie abwandte. Trotzdem relativieren „Die Geständnisse des Fleisches“ diesen Wandel. Ist Foucault doch stärker ein Machttheoretiker geblieben, als es zu Lebzeiten zuletzt den Anschein hatte? Hat sich im Denken von Foucault seit seinen Anfängen in den sechziger Jahren überhaupt nicht so viel verändert, wie er es in seiner letzten Vorlesung 1984 selbst behauptet? Aber der Autor ist niemals Herr über die Interpretation seines Werkes.

Wenn Foucault zuletzt Vordenker einer individuellen Ethik war, dann können sich heute emanzipatorische Bewegungen – der Frauen, Schwulen, Lesben oder von Minderheiten – weiterhin auf ihn berufen. Wenn er das doch nie war, dann kann man von ihm lernen, auf welchen Mythen auch das heutige Verständnis von Sexualität immer noch aufruht. Daraus lassen sich emanzipatorische Forderungen ableiten. Berufen könnte man sich dann aber dabei nicht mehr auf ihn.

  • Einschübe des Autors sind mit einer [Klammer] gekennzeichnet.[/i]

Aus: "Michel Foucault: „Die Geständnisse des Fleisches“:Wie verhindert man die Wollust?" Hans-Martin Schönherr-Mann (01.09.2019)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/michel-foucault-die-gestaendnisse-des-fleisches-wie.700.de.html?dram:article_id=457296
« Last Edit: September 30, 2019, 02:54:13 PM by Link »

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« Reply #147 on: October 05, 2019, 12:46:39 AM »
"Leïla Slimani: "Niemand soll sich schlecht fühlen, weil er Sex hat"" Interview: Juliane Frisse (4. Oktober 2019)
Schwangerschaftsabbrüche und Sex vor der Ehe sind in Marokko verboten. Dagegen kämpfen Tausende Frauen. "Wir wollen ein Ende der Heuchelei", sagt Autorin Leïla Slimani.
 ... Für Sex außerhalb der Ehe sieht das Strafrecht Marokkos ein Jahr Gefängnis vor. Auch bei einem Schwangerschaftsabbruch, der nur in Ausnahmefällen zulässig ist, drohen in dem nordafrikanischen Land hohe Strafen. Beides wird der 28-jährigen Journalistin Hajar Raissouni vorgeworfen. Am Montag stand sie gemeinsam mit ihrem Verlobten und ihren Ärzten vor Gericht und wurde zu einer Haftstrafe verurteilt. In Solidarität zu Raissouni haben die Schriftstellerin Leïla Slimani und die Filmemacherin Sonia Terrab ein Manifest verfasst, in dem sie die "ungerechten und überkommenen Gesetze" anprangern. ...
https://www.zeit.de/campus/2019-10/leila-slimani-schwangerschaftsabbruch-sex-ehe-manifest-marokko

Quote
Hamburgerin2.0 #18

Ich sage es ungern, aber Fakt ist: Religion, die Einfluss auf staatliche Gesetzgebung hat, ist das eigentliche Übel, denn sie zwingt die Menschen zum Lügen und zur Selbstverleugnung. Bis 1970 hab es in Deutschland beispielsweise den Straftatbestand der Kuppelei. D.h. jeder barmherzige Hotelier, der unverheirateten Menschen ein gemeinsames Zimmer vermietete, machte sich strafbar. Mein Onkel durfte als Untermieter nur bis 22 Uhr Damenbesuch empfangen - als könnte man um 17 Uhr keinen Sex haben. Das war so was von lächerlich. Mit ähnlichen Problemen schlagen sich zur Zeit die islamischen Staaten rum. ...


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« Reply #148 on: October 06, 2019, 12:58:54 PM »
Quote
[...] Aktivistinnen der Organisation Femen haben in Paris gegen Femizide, also Frauenmorde, in Frankreich protestiert. Allein im laufenden Jahr wurden 114 Frauen von ihrem aktuellen oder früheren Partner getötet wurden. Bei der Demonstration auf dem Friedhof Montparnasse erinnerten die Aktivistinnen daran, dass diesen Taten meistens Gewalt gegen die Frau vorausgingen, ohne dass Hilfe organisiert wurde.

In Deutschland wurden 2017 147 Frauen durch ihren aktuellen oder früheren Partner getötet, fast 2.400 vergewaltigt oder sexuell genötigt. 10.400 Frauen wurden Opfer gefährlicher Körperverletzung durch ihren derzeitigen oder ehemaligen Partner und etwa 67.000 Frauen Opfer von einfacher vorsätzlicher Körperverletzung durch ihre (Ex-)Männer.


Aus: "Femen-Demonstration in Paris: "Ich habe ihn verlassen, er hat mich getötet"" (5. Oktober 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2019-10/gewalt-gegen-frauen-proteste-femizide-frankreich-femen-fs

Quote
Biocrystal #5

So schlimm jede einzelne Tat auch ist und durch nichts zu rechtfertigen: Statistisch sind nur 40 % aller Mordopfer in Deutschland Frauen, als Mann ist das Risiko, Opfer eines Mordes zu werden also ca. 1,5 mal so hoch. Bei den Tätern sind Männer insgesamt weit überrepräsentiert. Dafür töten Frauen selektiver. Mörderinnen haben zu 80% Männer auf dem Gewissen.


Quote
violettagetyourgun #5.8

Am Thema vorbei. Hier geht es darum, dass Männer Frauen ermorden und quälen, die sie nicht besitzen und kontrollieren können, die ihnen nicht zu Willen sind und ihnen nicht gehorchen.
So einen Kommentar, der Femizide relativiert, hatte ich schon erwartet. Ist ja nicht das erste Mal hier im Forum.



Quote
Klara Denken #5.7

Na, da ich aber froh, daß Männer vorwiegend Männer umbringen. Da haben die Frauen ja richtig Glück gehabt. (Ironie aus) Einer von sieben Mördern in Deutschland ist eine Frau, selbst wenn diese Frauen zu 100% Männer umbringen würden, würden sie nie die Rate der Männer erreichen.
Es geht hier um ein spezifisches, unglücklicherweise fast rein männliches Problem: Morde nach einem Zusammenbruch einer Beziehung.
Was sollen diese selektiven Zahlen, die nichts mit dem Problem zu tun haben?


Quote
serioso #5.9

... Hier wird durchaus zu Recht der Mord an Frauen skandalisiert. Allerdings habe ich noch NIE gelesen, dass der überwiegende Mord an Männern eine Pressemitteilung wert war.


Quote
violettagetyourgun #5.11

Hier geht es um Morde an Frauen. Von ihnen kein Wort dazu.
Aber sie möchten aus den Opfern Täter machen.
Denn die Frauen haben die Männer ja dahin getrieben.
Wann möchten Männer endlich mal Verantwortung für ihr Handeln übernehmen ?
Wann ihre aggressiven Ausbrüche kontrollieren ?


Quote
Sputnik1 #5.12

Warum vom Thema ablenken? Ich verstehe diese Reaktion nicht. Warum fühlen sich manche immer persönlich angegriffen wenn Frauen um ihre Rechte kämpfen. ...


Quote
violettagetyourgun #5.14

Es geht darum, Macht und Kontrolle über Frauen zu verlieren.
Da werden die Herren schon mal unangenehm.


...

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« Reply #149 on: October 07, 2019, 12:12:48 AM »
"Slavoj Žižek: Sex and the Failed Absolute"
Wed 25 September 2019 St George's Bristol
https://youtu.be/PmYQIld9BdA

-

Kara Ballarin @karaballarin
Jubel in #Heidenheim: nach sehr emotionaler Debatte hat die @spdbawue mehrheitlich für das „Nordische Modell“ gestimmt, das ein #Sexkaufverbot bedeutet. Nicht Prostituierte werden betraft, sondern Freier. Diesen Vorstoß bringen sie in den #Bundesparteitag der #SPD im Dezember ein
8:31 AM - 12 Oct 2019
https://twitter.com/karaballarin/status/1183042604629450754

Kevin Kühnert Verified account @KuehniKev
Replying to @amina_you
Wie "die SPD" mit Sexarbeiter*innen umgeht, das entscheiden wir ja glücklicherweise erst im Dezember. Sollte ich Delegierter sein, werde ich ebenfalls nicht für das Nordische Modell stimmen.
https://twitter.com/KuehniKev/status/1183509976083513346

Wir sollten aufhören, die Motivation für die Forderung von #Abolition der #Sexarbeit verstehen zu wollen. Es ist eine rechte, populistische Forderung, die dazu dient Frauen und Sexarbeiter*innen zu entmündigen und zu kontrollieren. Es verschwendet Zeit und Kraft, diese Unbelehrbaren (i.e. Spießer, Rechte, Nazis, Frauenhasser*innen, Menschenfeinde) immer wieder argumentativ zu entkräften und führt doch zu nichts. Sie sind nicht leiser, sie werden nicht weniger, noch schwächer. Es hilft nichts, wir müssen stärker werden, #fürsexarbeit ... Das Problem ist doch, dass die Mehrheit rechts nicht als rechts identifiziert. Die #SPD kommt aus der Arbeiter*innenbewegung und ist trotzdem derart degeneriert, dass sie jetzt die Speerspitze der Reaktion ist. Links ist nur der verkürzte Blick einer Momentaufnahme. ...
4:00 AM - 14 Oct 2019
https://twitter.com/Mlle_Ruby/status/1183699141056258048

-

Magdalena „Leni“ Breymaier (* 26. April 1960 in Ulm) ist eine deutsche Gewerkschafterin und Politikerin (SPD).
https://de.wikipedia.org/wiki/Leni_Breymaier

Quote
[...] VertreterInnen aller Bundestagsfraktionen haben sich angemeldet, das Interesse sei „beeindruckend“, so Organisator Frank Heinrich (CDU): Am Dienstag trifft sich zum ersten Mal der interfraktionelle Parlamentskreis zu einem Sexkaufverbot.

Der Kreis trägt den bewusst offen gehaltenen Titel „Prostitution – wohin?“, doch ins Leben gerufen hat ihn neben Heinrich, der Obmann der Unions-Bundestagsfraktion im Ausschuss für Menschenrechte ist, die Berichterstatterin der SPD-Fraktion für Zwangsprostitution und erklärte Befürworterin eines Sexkaufverbots, Leni Breymaier. Wahrgenommen wird die Runde deshalb als Informationsrunde zum sogenannten nordischen Modell, das den Kauf von Sex bestraft, nicht aber die Prostituierten.

Während dieses Modell in der Union ohnehin weniger umstritten sein dürfte, sprach sich die SPD bislang gegen die Kriminalisierung von käuflichem Sex aus. „Noch habe ich nicht das Gefühl, dass meine Position in der Fraktion breit getragen wird“, sagte Breymaier nun zwar der taz. Doch seit Monaten mehren sich in Partei und Fraktion die Stimmen für ein Sexkaufverbot.

Neben der Bundesvorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF), Maria Noichl, befürwortete jüngst auch der Gesundheitspolitiker und Kandidat für den SPD-Vorsitz Karl Lauterbach das nordische Modell. Am Wochenende sprach sich der Landesparteitag der SPD Baden-Württemberg nach hitziger Debatte ebenfalls dafür aus. „Prostitution ist Ausdruck struktureller Gewalt gegen Frauen, hat negative Auswirkungen auf die Gesamtgesellschaft und verhindert die Gleichstellung der Geschlechter“, heißt es in dem Antrag, der beim SPD-Bundesparteitag im Dezember eingebracht werden soll.

Dennoch: Ein einfacher Durchmarsch dürfte es für die BefürworterInnen eines Sexkaufverbots auch innerhalb der SPD nicht werden. Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) etwa pocht auf die bisherigen Beschlüsse: „Wir haben uns dafür entschieden, die rechtliche Stellung von Prostituierten zu verbessern“, sagte sie dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Auch eine umfassende Strafbarkeit führe nicht dazu, dass es keine Prostitution mehr gebe, sondern dazu, „dass das Ganze in dunkle Ecken verlagert wird“, wo es gar keine Kontrolle mehr gebe.

Die VeranstalterInnen des Parlamentskreises rechnen mit rund 25 Teilnehmenden. Sie wolle nicht vorgreifen, sagte Breymaier – aber ihre Idee sei, ein Jahr lang alle sechs bis acht Wochen Treffen abzuhalten, um sich zu informieren. So ist bei der ersten Veranstaltung die Aussteigerin Sandra Norak eingeladen, um über ihre Erfahrungen zu berichten. Weiter könne sie sich jemanden von der Kriminalpolizei vorstellen oder eine Person aus Frankreich oder Schweden, die über die Erfahrungen mit dem nordischen Modell berichte.

Die frauenpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Cornelia Möhring, lehnt ein Sexkaufverbot ab. Sie will trotzdem am Parlamentskreis teilnehmen, aus Informationszwecken. Für die Frauen selbst sei das Modell kontraproduktiv, sagte Möhring, die selbst in Schweden war, um mit Betroffenen über dessen Auswirkungen zu sprechen: „Man treibt sie in die Illegalität.“ Für die Opfer von Menschenhandel und Ausbeutung brauche es andere Maßnahmen: „Man muss ihre Rechte und soziale Absicherung stärken.“

Auch außerparlamentarisch formiert sich Widerstand: Die Bündnisse Sexarbeit ist Arbeit und What the fuck, das Netzwerk Care Revolution und die Interessenvertretung Hydra rufen für Dienstag zu Protesten gegen den Parlamentskreis vor dem Paul-Löbe-Haus in Berlin-Mitte auf. Für Sexarbeitende bedeute das nordische Modell Diskriminierung, heißt es im Aufruf. Es sei ein Nährboden für Ausbeutung, Ausgrenzung und Entrechtung. Unter dem Motto „My body, my choice – raise your voice!“ wollen sie ab 18 Uhr Solidarität mit Sexarbeitenden zeigen.


Aus: "„Nordisches Modell“: Allianzen für ein Sexkaufverbot" Patricia Hecht (14.10.2019)
Quelle: https://taz.de/Nordisches-Modell/!5629886/

-

Quote
[...] Noch gibt es keine Partei in Deutschland, die den Kauf von sexuellen Dienstleistungen verbieten will. Und auch in der SPD ist derzeit nicht absehbar, ob diejenigen die Überhand gewinnen, die das sogenannte nordische Modell tatsächlich einführen wollen. Doch allein die Tatsache, dass die BefürworterInnen eines Sexkaufverbots in Partei und Fraktion derzeit lauter werden, ist beunruhigend.

Denn worum es beim nordischen Modell geht, ist nicht der Schutz von Frauen, sondern die Moral: Sexarbeit darf es nicht geben. Diese Position mag zwar das Gewissen rein halten, geht aber an der Realität vorbei. Zu der gehört, anzuerkennen, dass längst nicht alle Frauen in der Sexarbeit Opfer sind und viele den Beruf aus freien Stücken wählen – manche, weil sie genau diesen haben wollen, manche mangels Alternativen. Auch Letzteres aber kann durchaus besser sein, als gar keine Möglichkeit zum Geldverdienen zu haben.

Schlimm dabei ist, dass das Modell die Situation von Sexarbeitenden faktisch verschlechtert. Dass es Freier bestraft, aber keine Prostituierten, mag zunächst vertretbar klingen, weil es die Frauen selbst nicht zu treffen scheint. Doch das ist ein Trugschluss. Sobald Strukturen in die Illegalität verlagert werden, sind die Konsequenzen: weniger Schutz, weniger Rechte, mehr Stigma. Diverse Studien zeigen: Sex wird auch dann gekauft, wenn er verboten ist – aber im Untergrund. Dabei wäre nichts erreicht, außer dass Sex­arbeit weniger sichtbar wäre.

Der aktuelle Parlamentskreis, zu dem auch die SPDlerin und Befürworterin des Modells, Leni Breymaier, geladen hat, fragt nun zwar scheinbar offen, wohin es mit der Prostitution in Deutschland gehen soll. Doch einiges spricht dafür, dass die Runde dazu dienen soll, langfristig Mehrheiten für ein Sexkaufverbot zu organisieren. Eine Evaluation des jüngsten Gesetzes zur Regelung von Prostitution steht ab 2022 an. Käme es bis dahin zum Umdenken in der Partei, wäre das ein erzkonservativer Paradigmenwechsel in Sachen Sexarbeit in der deutschen Politik.


Aus: "Diskussion um ein Sexkaufverbot: Sichtbarkeit schützt" Kommentar von Patricia Hecht (15.10.2019)
Quelle: https://taz.de/Diskussion-um-ein-Sexkaufverbot/!5629933/

Quote
*Sabine*

Ich hoffe darauf, wenn es ein Sexkaufverbot gibt, dass es bei manchen Freiern eben doch zu einem Umdenken führt. Die meisten Menschen, so habe ich den Eindruck, halten sich an Gesetze, vielleicht dann auch in diesem Punkt. Meiner Meinung nach macht es für die meisten Personen hinsichtlich ihres Konsumverhalten durchaus einen Unterschied, ob etwas verboten ist oder nicht.

Ich verstehe sowieso nicht, weshalb Männer sich nicht lieber selbst befriedigen, statt sich eine Frau zu kaufen. Zugegebenermaßen kann ich das mit meinen zwei XX-Chromosomen aber nicht kompetent einschätzen.


Quote
LesMankov

@*Sabine* Ihrem Kommentar entnehme ich, dass Sie ein ganz bestimmtes Bild von Sexarbeit haben: Hetero-Männer kaufen Sex bei Frauen. Sie gehen nicht auf die weiteren Umstände ein, die Sie da im Blick haben, aber letztendlich ist Sexarbeit deutlich vielfältiger als die von Ihnen besagte Konstellation. Diese Vielfalt einem moralischen Anspruch zu opfern, weil irgendein Verhalten nicht nachvollziehbar erscheint, trifft schlicht die falschen.


Quote
Don Geraldo

Mittlerweile macht sich immer mehr die Erkenntnis breit, daß die repressive Politik in der Drogenbekämpfung gescheitert ist, selbst in den USA ist vielerorts Dope schon frei verkäuflich. Repression ist in diesem Bereich nur dort erfolgreich, wo sie exzessiv durchgezogen wird, wie in Singapur. Das geht nur in Diktaturen.

Mit dem Verbot von Sexarbeit ist es genauso.

Außerdem hat die schwedische Sex-Politik nicht mit Moral zu tun, sondern mit bigottem Moralisieren. Und gerade dieses Moralisieren ist oft sehr unmoralisch.


...

« Last Edit: October 15, 2019, 10:23:54 AM by Link »

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« Reply #150 on: October 15, 2019, 11:15:10 AM »
Quote
[...] „Es besteht kein Konflikt, keine Meinungsverschiedenheit zwischen der Kirche, dem Heiligen Stuhl, und den Vereinten Nationen in Sachen Menschenrechten, vor allem nicht wenn es um den Frieden und den Wohlstand für alle Menschen geht.“

Silvano Maria Tomasi ist katholischer Erzbischof und ständiger Beobachter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen, der UNO. Allerdings hat der Vatikanstaat die Menschenrechtscharta der UNO nicht unterzeichnet. Die Menschenrechte stellen jene Rechte dar, die einzelne Personen vom Staat einfordern können. Der Heilige Stuhl ist einer der wenigen Staaten, die diese Rechtsforderungen der Vereinten Nationen nach wie vor ablehnen. Auch die Europäische Menschenrechtskonvention wurde bisher vom Heiligen Stuhl nicht unterzeichnet.

Aus einem präzisen Grund hat der Vatikan immer noch Probleme damit, solche internationalen Dokumente zu unterzeichnen, erklärt Daniele Menozzi, Historiker an der Universität Scuola Normale Superione in Pisa und Autor eines 2012 erschienen Buches zum Thema Kirche und Menschenrechte:
„Gegen das Recht des Menschen über sich selbst zu bestimmen argumentieren die Päpste mit dem Naturrecht, dem sich der Kirche nach die Menschen unterzuordnen haben.“

Die Kirche und die Menschenrechte: ein Thema, das die Päpste seit 1789 beschäftigt. Die Ausrufung der Menschenrechte während der Französischen Revolution überraschte die Kirche. Vor allem war Papst Pius VI. über das Verhalten des französischen Klerus angesichts der Menschenrechtserklärung überrascht.

„Die französische Kirche beteiligte sich an der Verfassung dieser Erklärung. Sie war nicht mit allen Artikeln der Erklärung einverstanden, gab aber Empfehlungen, die beim Abfassen des Textes berücksichtigt wurden. Als Rom davon erfuhr, reagierte der Papst sofort: Pius VI. verurteilte die Menschenrechtserklärung offiziell, mit dem Hinweis, dass diese Rechte der kirchlichen Lehre widersprächen.“
Die Mehrheit des französischen Klerus gehorcht dem römischen Diktat.

Mit der entschiedenen Ablehnung dieser ersten Menschenrechtserklärung beginnt Historiker Menozzi zufolge die konfliktreiche Geschichte zwischen dem Vatikan und den verschiedenen späteren Menschenrechtserklärungen:

„Das Motiv der Ablehnung solcher Erklärungen seitens der Kirche liegt in der Überzeugung der Päpste, dass sich eine menschliche Gesellschaft nach den Prinzipien Gottes und nicht der Menschen zu organisieren habe.

Und so kommt es vor allem im 19. Jahrhundert zu scharfer Kritik seitens der Päpste allen Versuchen gegenüber Menschenrechte zu deklarieren. Ende der 1870er-Jahre schließlich erklärt Papst Leo XIII., dass es innerhalb des göttlichen Naturrechts gewisse Menschenrechte gebe.“

Die Rede ist vom Sogenannten „ius divinum naturale“. Das ist jenes göttliche Recht, das aus den Hinordnungen, den inclinationes, der menschlichen Natur abgeleitet werden kann und somit dem Naturrecht vergleichbar ist. Das „ius divinum“ wird unmittelbar auf den Willen Gottes zurückgeführt. Es ist im Verständnis der Kirche überzeitlich, dem übrigen kirchlichen und menschlichen Recht übergeordnet. Es kann somit weder von weltlichen noch von kirchlichen Gesetzgebern verändert und aufgehoben werden. Aus diesem Grund tat sich vor allem die Kirche des 19. und der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts schwer damit, Menschenrechtserklärungen anzuerkennen. Schon allein deshalb, weil jede solche Erklärung den päpstlichen Primat nicht nur infrage stellt, sondern negiert. Der päpstliche Primat gilt allerdings als eine dem Willen des menschlichen Gesetzgebers entzogene weil von Gott verliehene Rechtstatsache.

Die Einstellung der Kirche den Menschenrechten gegenüber änderte sich, so Historiker Menozzi, zum ersten Mal mit Papst Johannes XXIII.:
„Vor allem mit seiner Enzyklika ‚Pacem in terris‘ von 1963 vollzog die Kirche eine tief greifende Wende. Zum ersten Mal überhaupt wurde das Wort ‚Menschenrechtserklärung‘ positiv in einem päpstlichen Dokument erwähnt. Dieser Papst war davon überzeugt, dass diese Erklärung die Basis für alle menschlichen Organisationen sein sollte.“

Johannes XXIII. eröffnete damit einen Dialog innerhalb seiner Kirche. Die bis dato hohe Barriere zwischen Menschenrechten und göttlichem Naturrecht war entschieden niedriger geworden.

Das Abschlussdokument des Zweiten Vatikanischen Konzils sprach sich aber weitaus vorsichtiger gegenüber dem Thema der Menschenrechte aus als Papst Johannes XXIII. Dort war, wenn auch mit weitreichenden Zugeständnissen der modernen Gesellschaft gegenüber, wieder vom Primat des göttlichen Naturrechts die Rede.

Mit dem Pontifikat von Johannes Paul II., vor allem aber von Benedikt XVI. setzte sich innerhalb der Amtskirche wieder jene orthodoxe Konzeption des göttlichen Naturrechts als allem menschlichen Recht übergeordnet durch.

Und jetzt, mit Papst Franziskus? Wird sich mit ihm in Sachen Kirche und Menschenrechten etwas ändern? Katholiken weltweit erwarten sich, so Historiker Daniele Menozzi, auch in diesem Punkt Veränderungen durch den Papst aus Argentinien:

„Während des Pontifikats von Benedikt XVI. kann man von einer Obsession bezüglich des göttlichen Naturrechts sprechen. Franziskus hat deutlich gemacht, das unter seinem Pontifikat diese Fixierung nicht mehr so wichtig ist. Er sagte es klar: Die Kirche darf nicht wollen, dass sich die Menschen ihrem Recht unterordnen, sondern sie muss die Frohe Botschaft verbreiten.“

Aber Menozzi glaubt nicht, dass der Vatikan bald schon UNO- und EU-Menschenrechtserklärungen unterzeichnen wird. Mit Papst Franziskus, so der Historiker, wird das Dogma des göttlichen Naturrechts als allem menschlichen Recht übergeordnet nicht etwa abgeschafft, sondern nur weniger wichtig.


Aus: "Staat und Religion: Der Vatikan und die Menschenrechte" Thomas Migge (09.01.2015)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/staat-und-religion-der-vatikan-und-die-menschenrechte.886.de.html?dram:article_id=308219

-

Quote
[...] Markus Tiedemann (Jg. 1970) ist Professor für Didaktik der Philosophie und Ethik an der TU Dresden. Publikationen unter anderem: "'Liebe Fanatiker!' Philosophische Briefe an Menschen extremer Glaubensrichtungen" und "'In Auschwitz wurde niemand vergast'. 60 rechtsradikale Lügen und wie man sie widerlegt".

Er referiert am 16. Oktober (17 Uhr, NIG, Hörsaal 3D) im Rahmen der von Philosoph Konrad Paul Liessmann, Niklas Gyalpo, Bernadette Reisinger und Elisabeth Widmer in Kooperation mit dem STANDARD organisierten Vortragsreihe "Fachdidaktik kontrovers" zum Thema "Weder Tugendterror noch Nihilismus. Das Konzept der Transzendentalen Toleranzerziehung". Das Generalthema im Wintersemester 2019/20 lautet: "Erziehung zum Guten? Ethikunterricht zwischen Reflexion & Indoktrination".


STANDARD: Was halten Sie vom österreichischen Plan, Ethikunterricht nur für jene verpflichtend zu machen, die keinen konfessionellen Religionsunterricht haben?

Tiedemann: Ich finde es grundsätzlich wünschenswert, dass Ethik in Österreich nun breiter eingeführt wird, gleichwohl ist das Modell alles andere als ambitioniert. Meines Erachtens braucht die pluralistische, multikulturelle Gesellschaft ein Pflichtfach Ethik für alle, und wer dann möchte, kann zusätzlich Religion wählen. Denn diese beiden Fächer sind sehr unterschiedlich. Eine ethische oder philosophische Reflexion ist per Definition ergebnisoffen, während eine religiöse Perspektive notwendig an Dogmen gebunden ist.

STANDARD: "Ethikunterricht ist nicht religionsfeindlich", sagen Sie. Viele Kritiker des Ethikunterrichts sagen, genau das ist er.

Tiedemann: Wer sich für Ethikunterricht ausspricht, geht davon aus, dass die wesentliche Grundlage unserer Gesellschaft auf einem gemeinsamen Diskurs beruht, zu dem Menschen unterschiedlichster sozialer Prägung oder religiöser Tradition versammelt werden. Schulunterricht sollte genau das befördern. Das kann er aber nicht, wenn er junge Menschen in unterschiedlichen, kulturell homogenen Schubladen unterbringt. Vor allem gilt ein wichtiger Grundsatz: Die entscheidenden Werte unserer Gesellschaft beruhen nicht auf religiösen Überzeugungen. Die Menschenrechte sind gegen und nicht durch die Religionen erkämpft worden. Das kann gar nicht oft genug betont werden. Der Vatikan hat bis heute die Menschenrechte nicht anerkannt. Insofern darf betont werden: Wenn wir die humanistischen Grundlagen unserer Gesellschaft pflegen wollen, dann sind diese zunächst einmal areligiös. Das heißt nicht, dass man religionsfeindlich ist.

STANDARD: Eine der Befürchtungen der Kritiker eines Ethikunterrichts lautet: Da werden die Schülerinnen und Schüler einfach nur anders, eben nichtreligiös indoktriniert ... quasi Gesinnungsunterricht auf andere Art oder Political Correctness als Schulfach. Was entgegnen Sie diesem Vorwurf?

Tiedemann: Zunächst würde ich sagen: Ja, Sie benennen eine große Gefahr. Das ist die Gefahr, die in jeder Pädagogik steckt, und wir Didaktiker zerbrechen uns darüber den Kopf unter dem Stichwort Wertevermittlungsdilemma. Wie kriegen wir es hin, dass Menschen moralisch wertvolle Grundsätze entwickeln, aber gleichzeitig dem Prinzip des Selbstdenkens und der freien Urteilskraft treu bleiben? Wir können ja nicht sagen: Ich möchte, dass du deine autonome Urteilskraft schulst, aber am Ende musst du ein Vertreter von Menschenrechten, Toleranz und Demokratie sein. Wir können diese Ergebnisse nicht vorgeben ohne die philosophische Essenz des Selbstdenkens zu verraten. Es geht nicht um Wertevermittlung, sondern Werte-Entwicklung, die von Generation zu Generation neu ausgetragen werden muss.

STANDARD: Wie gehen Sie mit diesem Dilemma im Unterricht um?

Tiedemann: Die philosophische Auseinandersetzung hat ein formales Dogma: Argumentiere kohärent, nicht willkürlich. Nur die Argumente werden anerkannt, die von jedem vernunftbegabten Wesen als Argument zumindest nachvollzogen werden können. Was die Pflege der humanistischen Werte angeht, gibt es das Vertrauen auf den zwanglosen Zwang des besseren Arguments nach Jürgen Habermas. Das heißt, in einem freien, rationalen Diskurs, so die – wie ich finde, auch begründete – Hoffnung, werden sich auch die Argumente durchsetzen, die ein starkes Primat für Menschenrechte, Toleranz und Demokratie vertreten.

STANDARD: Sie haben eine Studie über kulturell-religiöse Konflikte in Schulen durchgeführt. Sind sie mehr geworden, welche sind es, und wie sollen Schulen damit umgehen?

Tiedemann: Immer dann, wenn in ein System, hier die Schule, mehr Menschen unterschiedlicher Prägung hineinkommen, steigt die Konflikthäufigkeit. Die Lehrerinnen und Lehrer berichten, dass die Organisation, der Alltag und der Unterricht formal durch mehr Konflikte belastet sind und sie auch inhaltlich vor neuen Orientierungsfragen stehen. Vor 50 Jahren hätte wohl kaum eine Lehrerin oder ein Lehrer über Ernährung bei Schulfesten nachdenken müssen. Heute muss das organisatorisch geklärt werden. Aber auch inhaltliche Fragen wie die Gleichberechtigung der Geschlechter stehen erneut auf der Agenda und müssen neu ausgehandelt werden. Religions- und Kulturkunde sind hier hilfreiche, vielleicht sogar notwendige Bestandteile des Diskurses. Sie sind aber nicht hinreichend, um entsprechende Konflikte zu lösen. Dafür bedarf es des gemeinsamen Ringens um Argumente höherer Ordnung.

STANDARD: Diese Konflikte sind lauter Beispiele, wo Schulen oder die Gesellschaft entscheiden müssen, was tolerieren wir und was nicht. Wie und wo sollen Integrationsgesellschaften da die Grenze ziehen?

Tiedemann: Wir haben eine relativ gut begründete Grenze: die Menschenrechte. Wenn Menschenrechte zur Disposition stehen, haben wir gute Gründe zu sagen: Bis hierher und nicht weiter! Prinzipiell müssen wird uns des Begriffs Toleranz bewusster werden. In der Alltagssprache herrscht ein inflationärer Gebrauch: Wenn du mich gut findest, bist du tolerant. Und wenn du mich nicht gut findest, bist du intolerant. Das hat mit Toleranz nichts zu tun. Tolerare heißt ja erleiden, erdulden. Wir müssen etwas schlecht finden, um überhaupt tolerant sein zu können. Wenn es mir egal ist, bin ich nicht tolerant, und wenn ich es gut finde, auch nicht. Ich muss es ablehnen. Ablehnen und dennoch akzeptieren, das ist die Herausforderung echter Toleranz.

STANDARD: Warum soll ich etwas, das ich schlecht finde, akzeptieren?

Tiedemann: Weil es Argumente höherer Ordnung gibt. Ein Beispiel: Mein Nachbar spielt Trompete, und ich hasse es. Ich finde es schlecht und toleriere es dennoch, weil es Argumente höherer Ordnung gibt: die Freiheit der Lebensgestaltung, Gesetzestreue, Solidarität und so weiter. Oder: Ich mag es nicht, wenn Karikaturen über meinen Propheten gemacht werden. Dennoch toleriere ich es, weil die Rechtfertigung auf Werte wie Meinungs- und Pressefreiheit verweist, die über meine subjektive Empfindung hinausweisen. Deswegen darf ich die Karikaturen nach wie vor ablehnen und schlecht finden. Niemand zwingt mich, sie zu begrüßen, aber solange ich meine Ablehnung nicht selbst mit Argumenten höherer Ordnung rechtfertigen kann, muss ich mich fügen. Rainer Forst nennt dies das Recht und die Pflicht auf allgemeine und reziproke Rechtfertigung. Die Tugend echter Toleranz muss sehr intensiv trainiert werden. Meine Hoffnung ist, dass der Ethikunterricht zum expliziten Ort für dieses Training wird.

STANDARD: Warum ist philosophisch-ethische Bildung "eine wichtige Radikalisierungsprophylaxe", wie Sie sagen?

Tiedemann: Weil mir selbstkritische Reflexion die Endlichkeit meiner eigenen Vernunft vor Augen führt. Ein Beispiel: "Kann Gott einen Stein erschaffen, den er selbst nicht heben kann?" Fragen wie diese setzen einen Reflexionsprozess in Gang, der sich mäßigend auf religiösen Fundamentalismus auswirkt. Wie kann ich blind den Geboten eines angeblich allmächtigen Gottes folgen, wenn ich diese Allmacht nicht einmal widerspruchsfrei denken kann? Ein zweites Beispiel: "Wie kann ich eine politische Bewegung auf den Begriff einer nationalen Identität gründen, wenn ich gleichzeitig nicht in der Lage bin, diesen essenziell oder historisch zu definieren?" Wo meine Rechtfertigungen inkohärent werden, ist für meine Forderungen Bescheidenheit geboten. Das zu verstehen ist eine wirkungsmächtige Dogmatismusprophylaxe. (Lisa Nimmervoll, 14.10.2019)


Aus: "Fachdidaktik kontrovers: Philosoph zum Ethikunterricht: "Menschenrechte wurden gegen Religionen erkämpft""
Interview Lisa Nimmervoll (15. Oktober 2019)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000109862955/philosoph-zum-ethikunterricht-menschenrechte-wurden-gegen-religionen-erkaempft

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Jakob Stainer

Sehr gutes Interview! - Ich befürchte, dass viele, welchen es gut stehen würde das durchzudenken, nicht lesen werden.


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Kilian Schirrhackl

"Wenn die Welt erst ehrlich genug geworden sein wird, um Kindern vor dem 15ten Jahr keinen Religionsunterricht zu erteilen; dann wird etwas von ihr zu hoffen sein."
Arthur Schopenhauer (1788 - 1860), deutscher Philosoph


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jumpingjack flash

einen stein erschaffen den man nicht heben kann also der christliche Gott kann das - der schreibt auch auf krummen Linien gerade...
sprich da ist klar dass es um Dimension geht die NICHT mit unserem menschlichen verstand greifbar sind. ...


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Pater W1

Wenn Gott einen Stein erschaffen kann, den er nicht heben kann ist er nicht allmächtig - er hat zwar den Stein geschaffen, kann ihn aber trotz seiner Allmacht nicht heben. Oder er kann ihn heben, dann ist es aber kein Stein, den nicht mal er heben kann. Insofern gibt es keine Allmacht. Jetzt verstanden?


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jumpingjack flash

ja, nur entzieht sich das Verständnis dieser "Logik" völlig dem allmächtig und ungreifbaren bild des christlichen gottes (wie das bei Mohammed ist weiß ich nicht) - solche Fangfragen sind schlicht sinnlos - wie gesagt er kann auf krummen Linien gerade schreiben.
auch die Unendlichkeit ist ein begriff wo sich viele schwer tun - den zu vermitteln ist nicht leicht bis unmöglich.


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VHRedhunter

Immer wieder beeindruckend, wie sehr Rel. das Denkvermögen schädigt.


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