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[...] Die Reportage aus der „Frontal“-Redaktion beschreibt die Gründe für die Explosion der städtischen Mieten und die Folgen für die Mieter. ... Im November letzten Jahres hat die ZDF-Reihe „37 Grad“ drei Familien vorgestellt, die sich das Leben in der Stadt nicht mehr leisten konnten; „Zu teuer, zu klein, schon weg“ hieß die Reportage. „Es ist überall dasselbe“, hieß es damals: „In den Metropolen spielen die Mietpreise verrückt. In den vergangenen Jahren sind sie geradezu explodiert.“ Die Redaktion von „Frontal 21“ reicht nun mit „Teurer Wohnen“ einen der Hauptgründe für eine Entwicklung nach, die vor dreißig Jahren eingesetzt hat. Damals begann die Regierung Kohl, sich aus dem sozialen Wohnungsbau zurückzuziehen. Die neoliberale Überzeugung, der Markt werde es schon richten, entpuppt sich im Nachhinein als fatale Fehlentscheidung, für die die Mieter, die auf Unterstützung angewiesen sind, nun büßen müssen.
Das Reporterteam rund um das federführende Autorenpaar Martina Morawietz und Michael Haselrieder hat zwölf Monate lang mehrfach die Bewohner eines Hauses in der Berliner Lützowstraße besucht. Nach vier Jahrzehnten ist dort 2017 die Mietpreisbindung gefallen; der Besitzer, eine Investorengruppe, darf jetzt die ortsüblichen Mieten verlangen. Das Haus im Bezirk Tiergarten und somit in bester Lage wird derzeit grundsaniert; anschließend werden die Mieten selbstredend erheblich steigen. „Leben heißt Veränderung“, heißt es fast schon zynisch im entsprechenden Schreiben an die Hausbewohner, die ein Modernisierungszuschlag von 74 Prozent erwartet.
Die Besitzer spekulieren darauf, dass die Wohnungen für „urbane Freigeister“ frei werden, wie es auf ihrer Website heißt. Als das „Frontal“-Team im Juni das letzte Mal in der Lützowstraße war, hatten die meisten Mieter das Haus bereits verlassen. Protagonisten der Reportage sind diejenigen, die sich nicht vertreiben lassen wollen; kein Wunder, dass sie mit ihrem Mut zum Widerstand an die unbeugsamen Gallier aus den „Asterix“-Comics erinnern.
Während sich „37 Grad“ sonst gern auf einzelne Schicksale konzentriert und das große Ganze dabei meist ausspart, sorgen Morawietz und Haselrieder auch für das nötige Hintergrundwissen. In anschaulichen Grafiken verdeutlichen sie die großstädtischen Entwicklungen der letzten Jahre: Die Mieten steigen, die Zahl der Sozialwohnungen nimmt ab. Gesprächspartner aus verschiedenen Fachbereichen erläutern, warum die politischen Gegenmaßnahmen verpuffen: weil beispielsweise die Mittel für die von der Bundesregierung ausgerufene „Wohnraumoffensive“ viel zu niedrig seien. Wirkungslos sei auch die sogenannte Mietpreisbremse.
Sie besagt, dass Mieten in einem angespannten Wohnungsmarkt höchstens zehn Prozent über der ortsüblichen Vergleichsmiete liegen dürfe. Das könne aber nicht funktionieren, wenn sich viele Menschen schon diese Vergleichsmieten gar nicht leisten könnten. Als Alternative stellen Morawietz und Haselrieder das „Münsteraner Modell“ vor: In der ostwestfälischen Stadt werden städtische Grundstücke nur an Investoren vergeben, die eine niedrige Startmiete garantieren.
Bei allem Respekt vor dem Engagement der Autoren, die den Betroffenen in der Lützowstraße im Verlauf der diversen Besuche sicher näher gekommen sind, als das üblicherweise der Fall ist: Wie so viele Reportagen dieser Art enthält auch „Teurer Wohnen“ ein paar Aspekte, die überflüssig sind oder den optischen Erzählfluss stören. Ein Frühjahrsausflug an die Côte d’Azur zur Immobilienmesse in Cannes hat zwar sicher Spaß gemacht, aber sein Beitrag zur Wahrheitsfindung ist doch recht überschaubar.
Das völlig unergiebige Interview mit der zuständigen Wohnungsbausenatorin Katrin Lompscher (Die Linke) hätte sich sicher auch in Berlin führen lassen und wäre dann womöglich ergiebiger gewesen. Immer wieder blödsinnig, aber als Stilmittel nicht auszurotten sind auch die gänzlich unnötigen Zwischenschnitte auf die Hände eines Gesprächspartners. Vermutlich sollen die Gesten für ein wenig optische Dynamik sorgen, deshalb werden Interviews auch gern beim Autofahren geführt. Das ging diesmal natürlich nicht, schließlich ist ja die Botschaft des Films, dass die Menschen ihre Wohnungen nicht verlassen wollen. Zum Glück gibt es noch so ein Versatzstück: die Zubereitung des Mittag- oder Abendessens.
Dabei hat die Reportage solche Tricks ebenso wenig nötig wie die Suggestivfragen („Und war das für sie ein Schock?“), denn einige der Mieter sind interessante Persönlichkeiten, deren Schicksal automatisch zur Empathie anregt. Die Maßnahmen der Hausverwaltung wirken ohnehin schikanös: Wer sich nicht vertreiben lassen wollte, musste damit leben, dass es regelmäßig kein Wasser gab oder dass im Winter die Heizung ausfiel; der Aufzug ist ohnehin ständig außer Betrieb. Kurz vor Weihnachten kam die Ankündigung, dass die Toiletten ab Januar nicht mehr benutzt werden dürften;  als Alternative haben die Hausbesitzer auf dem Parkplatz Dixie-Klos aufgestellt.



Aus: " „Teurer Wohnen“, ZDF „Für urbane Freigeister“" Tilmann P. Gangloff (13.08.2018)
Quelle: http://www.fr.de/kultur/netz-tv-kritik-medien/tv-kritik/teurer-wohnen-zdf-fuer-urbane-freigeister-a-1562114
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Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / Zur Flüchtlingspolitik...
« Last post by Link on Today at 10:09:31 AM »
"Fluchtursachen Die paradoxe Wirkung der Hilfen" Stefan Sauer (15.08.2018)
Warum die Bekämpfung von Fluchtursachen Migration manchmal fördert statt sie zu begrenzen. ... Wenn es den Menschen gut geht, sehen sie keine Notwendigkeit, auszuwandern. In der aktuellen Zuwanderungsdebatte erscheint Entwicklungszusammenarbeit somit als Geschäft von allseitigem Nutzen: Die reichen Länder helfen den armen, den Menschen dort geht es besser, die Zahl der Flüchtlinge geht zurück. Neu ist dieser Gedanke nicht. Aber ist er auch richtig? Dieser Frage ist das Washingtoner Center for Global Development (CGD) in einer aktuellen Studie nachgegangen – mit bemerkenswerten Ergebnissen. Danach führen wachsender Wohlstand, bessere Bildung und geringere Kindersterblichkeit keineswegs automatisch zu einem Rückgang der Wanderungsbewegungen. Im Gegenteil bringt ein höherer Lebensstandard in armen Ländern zunächst einmal steigende Auswanderungszahlen mit sich. Demnach trüge die „Bekämpfung von Fluchtursachen“ faktisch zu mehr Migration bei anstatt sie zu begrenzen.Tatsache ist, dass Zuwanderung in vielen Fällen mit steigenden Entwicklungshilfeausgaben einhergeht. In einer Studie der Universität Cambridge konnten die Autoren Sarah Bermeo und David Leblang 2015 diesen Zusammenhang klar belegen: Jeder zusätzliche Einwanderer in eines der OECD-Länder bringt für das Herkunftsland im Schnitt eine um 242 US-Dollar höhere Entwicklungshilfe. Untersuchungen aus Spanien und den USA kommen zu ähnlichen Ergebnissen: Steigt die Zuwanderung, steigen die Entwicklungshilfe-Zuwendungen an die Herkunftsländer mit dem Ziel, Wirtschaftswachstum, Bildung, Gesundheitsversorgung, Arbeitsangebote, Rechtstaatlichkeit und innere Sicherheit zu verbessern und damit den Migrationsdruck zu mindern.
Genau dies aber funktioniert so einfach nicht, wie die Washingtoner Wissenschaftler der CGD-Denkfabrik anhand internationaler Daten der UN zeigen: Erst oberhalb eines Pro-Kopf-Einkommens von rund 10 000 US-Dollar im Jahr führt weiterer Wohlstand dazu, dass mehr Menschen in ihrer Heimat bleiben. Bis zu dieser Grenze aber gehen wachsende Einkommen mit steigenden Auswandererzahlen einher.
In Ländern mit Pro-Kopf-Jahreseinkommen zwischen 5000 und 10 000 Dollar machen sich laut UN dreimal mehr Menschen auf den Weg in wohlhabendere Weltregionen als aus Ländern mit Pro-Kopf-Einkommen unter 2000 Dollar. Ähnlich verhält es sich mit der Kindersterblichkeit, die als Indikator für die Qualität der Gesundheitsversorgung gilt: Je weniger Kinder vor ihrem fünften Geburtstag in einem Land sterben, desto mehr Menschen wandern aus.
Für diese scheinbar paradoxen Befunde liefert die Studie mehrere Erklärungen. Auf der einen Seite mindern Wohlstand, Bildung und Gesundheit tatsächlich den Druck in der Bevölkerung, das Glück außerhalb der Landesgrenzen zu suchen. Auf der anderen Seite wachsen aber auch Informationsstand und Kommunikationsmöglichkeiten der potenziellen Auswanderer sowie ihre Erfolgsaussichten im Ausland. Erst steigende Einkommen versetzen viele Familien überhaupt in die Lage, ein Mitglied auf die weite Reise in den vermeintlich goldenen Norden zu schicken. „Die Familien begreifen Migration als Investition in die Zukunft, als Absicherung gegen Krisen in ihren Heimatländern“, heißt es in der Studie. Die sinkende Kindersterblichkeit hat einen weiteren Effekt, der die Migrationsneigung befördert: Die Zahl der Menschen, die das Erwerbsalter erreichen, steigt meist stärker als der Arbeitskräftebedarf der inländischen Wirtschaft. Wer keine Arbeit findet, geht.
Aus diesen Befunden leiten die CGD-Wissenschaftler nicht etwa ab, man müsse die Menschen möglichst großer Armut überlassen, um Zuwanderung zu verhindern. Zum einen könne mancher Fortschritt – höhere Sicherheit im Inneren, Beilegung von Konflikten, ausreichend Arbeit für die junge Generation – die Migrationsneigung tatsächlich verringern. Zum zweiten aber solle die Erwartung, mit Entwicklungshilfe wirkungsvoll „Fluchtursachen bekämpfen“ zu können, einer gesteuerten, auf beidseitigen Vorteil gerichteten Zuwanderungspolitik weichen.
http://www.fr.de/politik/flucht-zuwanderung/fluchtursachen-die-paradoxe-wirkung-der-hilfen-a-1563162


"Asylpolitik Häufiger Widerstand gegen Abschiebungen" Melanie Reinsch (15.08.2018)
Die schärfere Abschiebepraxis führt offenbar auch öfter zu Verfahrensfehlern. Laut Pro Asyl steigt die Ablehnung von Afghanen rapide an. ... München sei die Hauptstadt besonders radikaler Abschiebungen. Afghanistan sei seit Beginn der Abschiebungen „keineswegs sicherer“ geworden, erklärte Pro Asyl. Die Realität in Afghanistan ist diese: Erst vergangenen Freitag griffen rund 1000 Taliban-Kämpfer die Provinzhauptstadt Ghasni an, es gab rund 130 Tote, darunter Zivilisten. Eine Woche zuvor hatten sich zwei Selbstmordattentäter in einer schiitischen Moschee in der ostafghanischen Stadt Gardez in die Luft gesprengt. 35 Menschen starben. Laut Pro Asyl ist in den vergangenen beiden Jahren die Ablehnung afghanischer Asylsuchender rapide angestiegen – in der Regel begründet mit dem Hinweis, Verfolgte hätten an einem anderen Ort in Afghanistan Schutz finden können. ... Die Abschiebepraxis scheint zudem zu Fehlern zu führen, wie die jüngsten Verfahrensfehler des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zeigen. Da ist zum einen der Afghane Nasibullah S., der Anfang Juli nach Kabul abgeschoben wurde, obwohl sein Asylverfahren noch nicht beendet war. Er musste inzwischen auf BAMF-Kosten zurückgeholt werden. Oder der Fall des Uiguren, der offenbar wegen einer Behördenpanne rechtswidrig von Bayern nach China abgeschoben wurde – obwohl er dort in Lebensgefahr ist. Seitdem fehlt jede Spur von ihm. ...
http://www.fr.de/politik/flucht-zuwanderung/asylpolitik-haeufiger-widerstand-gegen-abschiebungen-a-1563119
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[...] Nach Polizeiangaben von Montag liefen die beiden, 35 und 36 Jahre alt, kurz nach 18 Uhr Hand in Hand aus dem U-Bahnhof Möckernbrücke, als sie von dem Unbekannten zunächst homophob beleidigt worden seien. Anschließend habe der Mann beide geschlagen, bevor er in den Park am Gleisdreieck flüchtete. Das Paar trug leichte Verletzungen davon; eine medizinische Behandlung lehnte es ab.  Die Frauen beschrieben den Tatverdächtigen als Nordafrikaner.


Aus: "Berlin-Kreuzberg: Frauen homofeindlich beleidigt und geschlagen" (13.08.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/queerspiegel/berlin-kreuzberg-frauen-homofeindlich-beleidigt-und-geschlagen/22906020.html

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Pat7 13.08.2018, 11:39 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Kapitel 13.08.2018, 11:28 Uhr
Kennen Sie einen Kriminellen, der eine Tat begangen und dann auf die Polizei gewartet hat?

Hier geht es nicht um normale Kriminalität zum Zwecke des sich Bereicherns. Dessen Wesen ist nun mal die Anonymität und funktioniert nur auf die Weise.

Hier hat jemand ein Statement abgeliefert weil er welchen Hass auch immer auf Frauen hat die Händchen halten. Sich erst toll finden weil man es denen mal gezeigt hat aber nicht bereit sein zu seinen Ansichten zu stehen. Das ist Feigheit. Die selbe Feigheit wie im  Netz wenn andere wegen der politischen Meinung oder ihrer Lebensweise anonym bedroht, beleidigt und beschimpft werden oder man Bürgerbüros von Parteien mit Farbe und Parolen beschmiert oder Wahlkampstände angreift und dann abhaut.


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[...] ZEIT ONLINE: Herr Uscinski, gerade hört man viel von QAnon, einer Verschwörungstheorie, nach der Hollywoodschauspieler, Politiker der Demokraten und Beamte sowohl einen Kinderhändlerring betreiben und zugleich einen Putsch planten. Demnach arbeitet Robert Mueller im Auftrag von Präsident Donald Trump, um diesen Putsch zu verhindern. Warum glauben Leute an solche kruden Verschwörungstheorien?

Joseph Uscinski: Es gibt eine Vielzahl an Erklärungen, Psychologen, Politikwissenschaftler und Historiker haben alle unterschiedliche Antworten auf diese Frage. Kurz gesagt: Jeder Mensch neigt unterschiedlich stark dazu, an solche Theorien zu glauben. Manche glauben vielleicht an ein oder zwei, andere an eine ganze Reihe, wieder andere glauben quasi an jede Verschwörungstheorie, die sie finden.

ZEIT ONLINE: Ist es einfacher für Verschwörungstheoretiker, wenn ein Land gespalten ist?

Uscinski: Zum Teil ja. In den USA ist die eine Hälfte republikanisch, die andere demokratisch. Leute auf der konservativen Seite glauben eher an Dinge wie die Birther-Theorie, die behauptet, Obama sei nicht in den USA geboren und habe seine Geburtsurkunde gefälscht. Demokraten hängen tendenziell eher der Idee an, dass George W. Bush die Zwillingstürme in New York in die Luft gejagt hat, um den Irakkrieg zu rechtfertigen.

... ZEIT ONLINE: Ist es im Zeitalter von Twitter und Facebook schwieriger, [Verschwörungstheorien] zu bekämpfen?

Uscinski: Ich bin nicht sicher, ob es überhaupt einen Versuch gab, sie wirklich zu bekämpfen, und ich glaube nicht, dass das heute anders ist als früher. Es ist grundsätzlich schwierig, irgendwen von seinem Glauben abzubringen. Sie können sich nicht für zehn Minuten mit einem Republikaner hinsetzen und ihn zu einem Demokraten machen. Leute sind bei Dingen, die ihnen wichtig sind, nicht besonders leicht zu beeinflussen. Wenn jemand überzeugt ist, dass der 11. September von der US-Regierung geplant wurde, dann ist er schwer davon abzubringen.

ZEIT ONLINE: Gibt es einen langfristigen Schaden durch solche Theorien?

Uscinski: Manchmal überschätzen wir deren Auswirkungen. Aber ich glaube schon, dass sie Schaden anrichten. Es ist in Ordnung, wenn Leute unterschiedlicher Meinung sind. Aber es ist schwer, darüber zu diskutieren, wenn es auf beiden Seiten den Verdacht gibt, der jeweils andere habe sich gegen einen verschworen. Von dieser Position aus kann man keinen Kompromiss finden. Im schlimmsten Fall führen die Verschwörungstheorien dazu, dass jemand glaubt, nur noch mit Gewalt reagieren zu können oder seine Kinder nicht mehr impfen lässt, weil er überzeugt ist, die Pharmabranche hat sich gegen sie verschworen.

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Aus: ""Trumps Koalition basiert auf Verschwörungstheorien"" Interview: Thorsten Schröder, New York  (14. August 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2018-08/qanon-verschwoerungstheorien-donald-trump-usa-joseph-uscinski/komplettansicht

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Luis Tränker #2.6

Diese Faktenresistenz findet sich sonst nur noch bei religiösen Menschen.

Und Homöopathen ;-)


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Yarx2017 #2.10

Das Problem liegt eher darin, daß auch inhaltlich nachvollziehbare Theorien als VT abgestempelt werden, um sie zu diskreditieren. ... Einiges, was lange als VT abgetan wurde stellte sich im Nachhinein als Realität heraus. NSA-Abhörpraxis z.b. CIA-Contra-Skandal ebenfalls. Nein, so einfach wie Herr Uscinski kann man sich es nicht machen.


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M. Silenus #10

Gut dass es keine Verschwörungen gibt, sondern immer alles hübsch so abläuft, wie es der Presse mitgeteilt wird. Ausnahmen gibt es keine. Wäre ja auch albern, dann kann man ja gleich an Reptiloiden oder die Hohlerde glauben.

Auch die Geschichte der Menschheit ist frei von Verschwörungen, über die man theoretisieren könnte. Nie gab es eine Kriegslist oder erfundene Kriegsgründe, schon gar keinen Mord an einer Führungsperson um irgendwelche verschwörerischen Ziele zu erreichen - warum auch.

Auch heute ist alles ist wahr und öffentlich. Alles andere ist für fehlgeleitete Spinner.


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Luis Tränker #10.3

Gut dass es keine Verschwörungen gibt, sondern immer alles hübsch so abläuft, wie es der Presse mitgeteilt wird. Ausnahmen gibt es keine.

Wer sagt das? Es wird doch durchaus darauf hingewiesen, dass es immer schon Verschwörungen gab, sei es bei einer "Konstantinischen Schenkung", "MK Ultra", "Operation Condor" in Lateinamerika, "Operation Gladio" ... bis hin zu, "Watergate" und der "NSA-Affäre".

Nur, weil es wahre Verschwórungen gibt, werden postlierte VTs nicht wahrer.


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New Rule: I, Q | Real Time with Bill Maher (HBO)
Real Time with Bill Maher, Am 10.08.2018 veröffentlicht
https://www.youtube.com/watch?v=OtXniAZL4jE


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"Müller und der Einschlag der Panzergranate" Rudolf Stumberger (13. August 2018)
Bevor wir allen, die jetzt schon angesichts des Trivialen bildungsbürgerlich die Nase rümpfen beziehungsweise sich erhaben fühlen und schon fahrig auf dem Tablet herumfingern, nicht einfach so recht geben wollen, erst einmal die harten Fakten. ... Den Hefte-Kuchen im deutschsprachigen Raum teilen sich ein paar Verlage weitgehend unter sich auf. Da ist zunächst die Bastei-Lübbe AG in Köln, sie ist seit 1953 im Groschenheft-Bereich vertreten. Die fast 600 Mitarbeiter bringen neben Büchern auch Woche für Woche an die 40 Titel an den Kiosk, darunter die Klassiker wie "Jerry Cotton" oder "Geisterjäger John Sinclair", die "erfolgreichste Horrorserie der Welt". Zehn Millionen Hefte beträgt die verkaufte Heftauflage pro Jahr.
Perry Rhodan erscheint im Pabel-Moewig-Verlag in Raststatt, der bis 2013 auch "Der Landser" herausbrachte. Die Druckauflage soll wöchentlich an die 80.000 Exemplare betragen.
Dann gibt es die beiden Hamburger Verlage Kelterer und Cora. Ersterer bringt vor allem Frauenromane auf den Markt, darunter "Dr. Norden" mit einer Auflage von 25.000 und "Der Bergpfarrer" mit einer Auflage von 22.000 Heften. Insgesamt soll die ausgelieferte Auflage pro Jahr sich bei mehr als 40 Millionen Hefte belaufen. Cora wiederum hat sich auf Romane im Kleinformat spezialisiert und bringt mit Titeln wie "Bianca" oder "Julia" an die 550 Titel pro Jahr heraus, mit einer Auflage von 15 Millionen.
Allein mit seinen Frauenromanen hat Bastei also eine monatliche Druckauflage von 715.000 Exemplaren. Pro Jahr werden von allen Verlagen zusammen mindestens 50 Millionen Hefte unter die Leute gebracht. Ein immer noch lukratives Geschäft. Doch warum lebt der Groschenroman auch im Zeitalter des Internets, während die Tageszeitung mächtig schwächelt?  ...
https://www.heise.de/tp/features/Mueller-und-der-Einschlag-der-Panzergranate-4134474.html

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     weshalb, 13.08.2018 23:58

blanker Neid

wir alle haben die wackeren Leute, die sich eine um die andere Folge irgendeines Fortsetzungsromanes aus den Knochen schmirgeln, immer beneidet, weil sie etwas für die Menschheit leisten, was man von euch nicht zweifelsfrei behaupten kann.
Perry Rhodan ist Held und Retter der Galaxie und Streiter an der vordersten Front der literararischen Imperianer und ihr verunglimpft ihn völlig zu Unrecht.
Er hat immer noch das Zeug zum beliebten National- und Volkshelden und es ist ihm ganz egal, wie sehr ihr ihn hasst, weil er das locker wegsteckt.
Auch ist vielen ein kalkulierbarer Groschenromanschreiber lieber als jemand, der uns unseren Perry wegnehmen will.
So ein Heft kann man wenigstens streicheln.


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     BOFH, 14.08.2018 09:07

Merkwuerdig ich hab schon ewig niemanden mehr Groschenromane lesen sehen. Und ich bin taeglich im oeffentlichen Nahverkehr unterwegs. Frueher war das ganz klar anders. Da hat man auch regelmaessig ausgelesene und zerfledderte Exemplare im Zug zwischen den Sitzen oder in der Gepaeckablage liegen sehen.
Ich kann also den Artikel so nicht reproduzieren. Im Gegenteil, ich habe den Groschenroman fuer tot gehalten. Umso mehr erstaunt mich das. ...

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Architektur (Bauwerk & Raum) [Verortung] / Straßenbahn ...
« Last post by Link on Yesterday at 05:17:01 PM »
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[...] Deutschland tut sich schwer mit der Mobilitätswende. Dabei könnte es so einfach sein: Das Auto stehen lassen und zu Fuß gehen oder Fahrrad, Bus und Bahn nutzen. Doch wie können die Deutschen dazu gebracht werden, auf ihr Auto zu verzichten und den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen? Der Bund und fünf deutsche "Modellstädte" wollen am kommenden Dienstag in Berlin ihre Projekte vorstellen. Manche Städte im Ausland sind da schon weiter.

Estlands Hauptstadt Tallinn gilt als europäischer Vorreiter in Sachen kostenloser Nahverkehr. Im Kampf gegen tägliche Staus und Auto-Abgase hat die Stadtverwaltung 2013 einen Nulltarif in der ganzen Stadt eingeführt. Seither können die rund 450.000 gemeldeten Einwohner der Großstadt an der Ostsee die Busse und Bahnen umsonst nutzen. Dazu brauchen sie eine Chipkarte, mit der sie sich nach dem Einsteigen an den Lesegeräten identifizieren müssen.

Nach Angaben von Tallinns Bürgermeister Taavi Aas haben sich die Fahrgastzahlen auf den innerstädtischen Zugverbindungen vervielfacht, während Busse und Straßenbahnen etwa 10 Prozent mehr Passagiere beförderten. Finanziell sei das Ganze für die Stadt tragfähig. Die wegfallenden Einnahmen aus dem Fahrkartenverkauf seien kompensiert worden durch die zusätzlichen Steuereinnahmen von Bürgern, die sich wegen des Nulltarifs in Tallinn registrierten.

Nach dem erfolgreichen Pilotversuch in der Hauptstadt ist der Gratis-Nahverkehr auch im Rest des Landes eingeführt worden. Seit 1. Juli ist in 11 von 15 Regionen das Busfahren gratis. Mit den Freifahrten soll die Umwelt geschützt, die Mobilität der ärmeren Teile der Bevölkerung erhöht und die Landflucht gestoppt werden.

In der litauischen Hauptstadt Vilnius will ein Start-up mit einer App die urbane Mobilität verbessern. Über die gleichnamige Anwendung des Anbieters Trafi lassen sich in Echtzeit Informationen zu allen in der Stadt verfügbaren Verkehrsmitteln abrufen, diese über die App buchen und automatisch bezahlen. Nebenbei liefert die App Daten, die die Stadtverwaltung als Grundlage für ihre Verkehrsplanung nutzen kann.

Trafi bündelt die verschiedenen Verkehrsmittel in einer App. Tippt der Nutzer seine Zieladresse ein, zeigt das Smartphone mehrere Vorschläge mit verschiedenen Verkehrsmitteln an. Eine Stadtkarte zeigt außerdem die Positionen der Busse samt Wartezeiten. Und auch die aktuellen Standorte der verfügbaren Citybikes und Car-Sharing-Autos sind auf dem Display zu sehen. Auswählen, antippen, bezahlen – fertig.

"Im Prinzip ist es wie eine Suchmaschine für meine aktuell zur Verfügung stehenden Mobilitätsmöglichkeiten", sagt Martynas Gudonavicius, Mitgründer und Chef von Trafi. Dabei fließen auch Echtzeitendaten zu Staus, Baustellen oder zum Wetter in die Suche ein. Nach Angaben von Gudonavicius nutzen schon mehr als 100.000 der gut 540.000 Bewohner von Vilnius die App.

Wien macht das Autofahren durch viele Einbahnstraßen und wenige kostenlose Parkplätze immer unattraktiver. Zugleich bezuschusst die von einer rot-grünen Koalition regierten Millionenmetropole die Nutzung von Bussen und Bahnen mit rund 500 Millionen Euro im Jahr – das sind 40 Prozent der anfallenden Kosten. Die Folge: Inzwischen haben 760.000 Menschen eine im europäischen Vergleich günstige Jahreskarte für 365 Euro. Damit gibt es mehr Jahreskarten als zugelassene Autos.

Die meisten Wege werden mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt – kein Wunder bei einem tagsüber herrschenden Drei- bis Fünf-Minuten-Takt der U-Bahnen.

Die britische Regierung fördert den Kauf von Bussen mit Elektroantrieb und Hybridmotoren durch öffentliche Verkehrsbetriebe mit millionenschweren Förderprogrammen. Seit 2009 wurden dadurch insgesamt bereits 1600 Fahrzeuge mit umweltfreundlichem Antrieb auf die Straßen gebracht. In Schottland und Nordirland gibt es ähnliche Programme. (dpa) / (anw)


Aus: "Grüner Nahverkehr: So macht es das Ausland" (13.08.2018)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Gruener-Nahverkehr-So-macht-es-das-Ausland-4134498.html

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Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / Zur Thematik von Verschwörungstheorien...
« Last post by Link on August 13, 2018, 10:21:13 AM »
Als QAnon oder Q wurde ein Verbreiter von Verschwörungstheorien bekannt, bei dem es sich um eine mutmaßlich US-amerikanische Einzelperson oder Personengruppe handelt, die auf Imageboards pseudonym aktiv ist und vorgibt, Zugang zu geheimen Informationen über Donald Trumps Präsidentschaft, dessen Kampf gegen einen vorgeblichen „Deep State“, sowie über Trumps Widersacher zu haben. ... Die Anhängerschaft QAnons wurde mit einer „geistesgestörten Verschwörungssekte“ verglichen. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/QAnon  (12. August 2018)


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[...] Washington - Seit Amtsantritt von Donald Trump sind Verschwörungstheoretiker in Amerika im Aufwind. Auf diversen Internet-Plattformen schießen konspirative Erzählungen ins Kraut, die bereitwillige Abnehmer finden. Zwei gegenläufige Phänomene schreiben gerade besonders dicke Schlagzeilen: „QAnon“. Und Alex Jones.

Mit der „QAnon“-Bewegung haben die Anhänger krudester Thesen, wie etwa der, dass Trumps Vorgänger Barack Obama und die Demokratin Hillary Clinton Kindersex-Ringe leiten, eine neue Heimstatt gefunden. Hinter der auf mehrere Zehntausend Sympathisanten geschätzten Gruppe, die zuletzt bei Trumps Wahlkampf-Veranstaltungen mit T-Shirts auffiel, auf denen groß der Buchstabe „Q“ prangt, soll seit Herbst vergangenen Jahres ein anonymer Mitarbeiter der Regierung mit Zugang zu höchsten Geheimnissen stecken.

Der Anonymus hat bisher über 1800 Nachrichten auf dubiosen Web-Plattformen platziert, die alle um ein Thema kreisen: Der „deep state“, ein seit Jahrzehnten herbei fantsiertes Bündnis finsterer Technokraten in Regierung, Ämtern, Parteien, Wirtschaft, Medien und Militär, das versucht, Amerika zu unterjochen. Aber Trump, als Kämpfer für Freiheit und Vaterland stilisiert, wird die Bösewichte neutralisieren. „Potus (Kurzform für President of the United States) ist unser Retter“, heißt es in einem klassischen Beitrag. „Betet. Operationen sind im Gange. Wir sind im Krieg.“

„Q“ bedient sich dabei pseudo-wissenschaftlicher Versatzstücke, die oft wie schlecht gemachte Kopien aus den Illuminaten, Dan Brown-Büchern oder den Akten von Psychiatrie-Insassen wirken. Allerdings finden sie via Internet rasend Verbreitung und Anhänger. „Wohin einer von uns geht, gehen wir alle“, lautet der informelle Schlachtruf der Gruppe.

Was sich wie ein extremes Rand-Thema der Wohlstandsgesellschaft anhört, kriecht langsam, aber stetig in den Mainstream. Seit wenigen Tagen berichten viele Zeitungen und TV-Sender in den USA über „QAnon“ – und räumen ein, dass die ganze Chose nicht wirklich zu fassen ist. Mit Trump an der Spitze der Falschinformationskrieger werde der Glaube an noch so bizarre Thesen gesellschaftsfähig. Und gefährlich.

Erst vor wenigen Wochen hatte ein bewaffneter Q-Anhänger mit einem gepanzerten Kleinlaster am Hoover-Staudamm in Nevada für Angst und Schrecken gesorgt. Er forderte die Veröffentlichung eines (natürlich nicht existenten) Untersuchungsberichts des FBI, der Obama und Clinton als Kindersex-Händler outet.

Ähnlich krude unterwegs ist Alex Jones. Der heiser-kehlig keifende Betreiber der Fake-News-Plattform „Infowars“, den Trump persönlich mehrfach lobte („Dein Ruf ist fantastisch“), hat aus Hass und Hetze gegen Demokraten, Homosexuelle, Muslime und alles, was irgendwie links wirkt, ein Millionengeschäft gemacht.

Unter dem Schirm der in der US-Verfassung gesondert geschützten Meinungsfreiheit hat der bullige Demagoge unter anderem die Behauptung aufgestellt, die Terror-Anschläge vom 11. September 2001 in New York und Washington seien von der Bush-Regierung initiiert worden.

Medienkritiker sehen in Leuten wie Jones, der mit rechtsradikaler Schlagseite Weltuntergangsstimmung verbreitet, einen Hauptgrund für das vergiftete gesellschaftliche Klima in den USA. Millionen bewegen sich unter seiner Anleitung mit eigenen Fakten und Wahrheiten in Paralleluniversen.

Seit wenigen Tagen bekommt Jones’ Imperium, das in einer unscheinbaren Industriehalle in Houston/Texas residiert, Risse. Große Internet-Dienstleister wie Facebook, Apple, Youtube und Spotify haben die vielfältigen Übertragungskanäle im Netz gekappt und bestehende Sendungen (Podcasts) in den digitalen Mülleimer geworfen. Stellvertretend für viele erklärte der Mega-Konzern mit dem Apfel als Logo: „Apple duldet keine Hassrede.“

Auslöser für die von Jones als „historische Zensur“ gebrandmarkte Aktion war dies: Der Lügenbaron hatte sich zum Wortführer der Spekulation gemacht, dass auch das Massaker an der Sandy Hook-Grundschule in Newtown vor sechs Jahren mit 26 Toten ... ein Akt des amerikanischen Staates gewesen sei. Adam Lanza, der schwer gestörte Todesschütze, der Kinder, Lehrer, seine eigene Mutter und dann sich selbst umbrachte, sei nur Staffage gewesen. Die Eltern des damals erschossenen Noah Pozner mochten sich diese Geschichtsklitterung nicht mehr antun. Weil sie von Jones persönlich angegriffen wurden, spürten Hetzer im Netz die Familie auf und bedrohten sie. Die Pozners zogen sieben Mal um, immer auf der Flucht vor Leuten, die Jones’ Tiraden für bare Münze nahmen. Wegen Verleumdung haben sie den Radio- und Fernsehmoderator nun verklagt und fordern Millionensummen als Entschädigung.

Jones schwänzte den Prozessauftakt und ließ erklären, dass man das Recht auf freie Meinungsäußerung niemals antasten dürfe. Facebook, Apple und Co. sehen das anders und haben ihm den Stecker gezogen. Nur auf Twitter ist noch kein Verbot ergangen. Twitter-Chef Jack Dorsey hat die Haltung des Kurznachrichtendienstes verteidigt. „Wir haben Alex Jones oder Infowars nicht gesperrt. Wir wissen, dass das für viele hart ist, aber der Grund ist einfach: er hat unsere Regeln nicht verletzt“, schrieb er.

Das Twittern hat Alex Jones also nach wie vor mit einem anderen Verschwörungstheoretiker gemein, der dort täglich mehrmals über 50 Millionen Menschen antextet: Donald Trump.




Aus: " In Zeiten von Trump US-Verschwörungstheoretiker haben Hochkonjunktur" Dirk Hautkapp (10.08.2018)
Quelle: https://www.rundschau-online.de/politik/in-zeiten-von-trump-us-verschwoerungstheoretiker-haben-hochkonjunktur-31090010


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"Wer kommt nach Alex?" Mathias Broeckers (12/08/2018)
Der Texaner Alex Jones ist ein “firebrand”,  ein politischer Hitzkopf und Zündler, ein konservativer Scharfmacher und Aufwiegler. Mit seiner Radio Show und der Website infowars.com erreicht er ein Millionenpublikum und gilt für den liberalen Mainstream als führender “Verschwörungstheoretiker” der USA. Er bezweifelt die offizielle 9/11-Legende, hält das Massaker an der “Sandy Hook”-Schule für eine Insenierung und unterstellte Hillary Clinton, mit pädophilen und satanischen Kreisen verbunden zu sein. Nicht erst seit Jones im Wahlkampf Donald Trump im Studio hatte  und dieser sein Programm lobte, pries Jones den Kandidaten als Retter der Nation, der angetreten sei, den “Sumpf” des elitären Washington endlich auszutrocknen. In seinen bisweilen stundenlangen Sendungen rastet Jones regelmäßig aus und schreit und brüllt seinen “Feinden” (Eliten, Globalisten, Neocons, Liberalen, Konzernmedien,  Kommunisten, Migranten, Muslimen, Chinesen usw.) wüste Drohungen über den Äther.Das erinnert bisweilen an die durchgeknallten TV-Prediger Amerikas, und auch wenn Jones statt mit der Bibel mit aktuellen Zeitungsartikeln fuchtelt, um sie als Fake-News und Teufelswerk zu verdammen, dankt er am Ende seiner Tiraden gern dem lieben Gott, lobt den Allmächtigen für die Größe Amerikas und beschwört den Sturm der wahren Patrioten, die das Böse alsbald hinwegfegen werden. Und fordert  seine Schäfchen sicherheitshalber auf, sich bis dahin im Onlineshop mit Vitaminen und anderem Überlebenswichtigen einzudecken.
Soweit, so typisch für die USA, wo es an charismatischen Predigern – ob für das allgemeine Seelenheil oder den hinterletzten Konsumartikel – noch nie gefehlt hat und jede Art von grobem Unfug durch die Meinungs,-und Religionsfreiheit gedeckt sind. Jetzt aber haben Facebook, Youtube, Apple und Spotify in konzertierter Aktion Alex Jones Videos und Podcasts auf ihren Seiten gesperrt und den ohnehin stets auf Hochtemperatur agierenden Dampfplauderer erst richtig in Rage gebracht.
Die Konzerne begründen die Verbannung mit Hinweisen auf die Regeln ihrer Plattformen, gegen die Jones verstossen würde. Und während der verbannte Infokrieger “Zensur” schreit, auf den ersten Artikel der Verfassung verweist und das Recht auf “freie Rede” einfordert, machen die Medien deutlich, dass es sich bei Facebook, Google & Co. um private Unternehmen handelt und von Zensur keine Rede sein kann. Das ist  richtig, aber doch nicht so ganz. Richtig, weil es diesen privaten Plattformen erlaubt ist, alles und jeden zu sperren oder zu verbannen und niemand die Gesetze dagegen bemühen kann, denn es gelten die Allgmeinen Geschäftsbedingungen der Konzerne.
Und dennoch ist diese Verbannung ein Akt der Zensur, der auf Druck des Staats und der Politik geschieht – Jones wurde nicht gesperrt, weil er rumbrüllt und schimpft, sondern weil er Partei ergreift: gegen Linke, gegen Liberale, gegen Waffenkontrolle, gegen Abtreibung, gegen Migranten. Er ist so etwas wie der “angry white man” in Reinkultur. Und wer etwas gegen reaktionäre Brüllaffen hat, kann die Sperrung von Jones zwar begrüßen, macht es sich damit aber auch ein wenig zu einfach.
... Worum geht’s bei dem Ganzen? Es geht um die Deutungshoheit über die Ereignisse. Es geht um die offiziellen Narrative und ihre Verteidigung. Es geht um die öffentliche Meinung und das Monopol auf ihre Herstellung und Manipulation. Es geht um Gegenöffentlichkeit und Dissidenz und darum wie mit Dissidenten umgegangen wird. Es geht um Freiheit, die niemals eine ist, wenn sie nicht auch die Freiheit Andersdenkender einschließt. Auch die von Horrorclowns wie Alex Jones…
https://www.broeckers.com/2018/08/12/wer-kommt-nach-alex/



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Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / [DIE LINKE (Politik) ... ]
« Last post by Link on August 12, 2018, 11:43:32 AM »
"Einwanderungsgesetz: Sahra Wagenknecht will keine ausländischen Fachkräfte" (11. August 2018)
Die Fraktionschefin der Linken hat sich gegen das geplante Einwanderungsgesetz ausgesprochen. In einem Interview warb sie dafür, das heimische Bildungssystem zu stärken. ... Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht hat sich gegen das von der Bundesregierung geplante Einwanderungsgesetz für Fachkräfte ausgesprochen. "Deutschland muss seine Fachkräfte selbst ausbilden", sagte sie der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Es sei zynisch, junge Leute mit einem Numerus Clausus vom Studium abzuhalten und "dann die qualifizierten Fachkräfte aus armen Ländern zu holen". ... Die Bundesregierung will das Einwanderungsgesetz für Fachkräfte nach der Sommerpause im Kabinett verabschieden. Es ist Bestandteil der Einigung der Koalition im Asylstreit. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte das Vorhaben im Juli als "zentrales Projekt" der großen Koalition bezeichnet. ... Der FAS sagte Wagenknecht, es gehe auch darum, abgewanderte Wähler von der AfD zu den linken Parteien zurückzuholen. Viele wählten die AfD aus Protest: "Das sind keine Rassisten, sondern Menschen, die sich von der Politik im Stich gelassen fühlen", sagte die Politikerin. Die Initiative "Aufstehen" stößt bei Grünen und SPD auf Vorbehalte, es gibt aber auch Unterstützung. Innerhalb der Linkspartei gibt es Befürchtungen, die neue Bewegung könne zu einer Spaltung führen.  ...
https://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-08/sahra-wagenknecht-einwanderungsgesetz-fachkraefte-ausland

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xy1 #28

Klassenkampf 2.0?
Die sozialistischen Parteien des 19. und 20.Jh hatten auf ihrem Banner die Losung "Proletarier aller Länder vereinigt euch", mit dem Zweck den Kapitalismus zu besiegen.
Im 21. Jh. stellt die arbeitende Klasse plötzlich fest, dass es ihr in den westlichen Ländern eigentlich ganz gut geht, dass ihr aber eine erhebliche Konkurrenz von Seiten der Bewohnern der Dritten Welt erwachsen ist. Fr. Wagenknecht versucht dieses Gefühl für ihre Ambitionen zu nutzen und schreit aus ihrer Sicht folgerichtig: das Boot ist voll, es darf niemand mehr einsteigen, sonst geht das Boot unter. So wird Soziales mit Nationalem verknüpft, in der Hoffnung bei den rechten Wählern zu punkten. ...


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1horn #28.1

Sie verkennen das ihre Position zutiefst Links ist, der Linke Internationalismus bedeutet eben gerade nicht das Abwerben der Mittelschicht anderer Länder, das zementiert die Verhältnisse bei uns die den Bedarf an billigen ausländischen Arbeitnehmern erst notwendig machten und schwächt die Heimatländer dieser Menschen nur immer mehr.


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geranie24 #38

Es ist eigentlich seit jeher Anliegen der Linken und der Gewerkschaftsbewegung, die angestammte Arbeitnehmerschaft vor Konkurrenz und Lohndrückerei zu schützen.
Leider ist das vor lauter Internationalismus und Antirassismus zwischenzeitlich komplett in Vergessenheit geraten.


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vor allen Dingen #38.1

Nö. Menschenrechte, Menschlichkeit und Solidarität sind weiterhin die Basis der gewerkschaftlichen Arbeit.


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mehrmut #46

Wer will Sahra Wagenknecht da widersprechen?

Die Idee, dass man Mangel an Personal in bestimmten Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft dadurch lösen kann, dass man ausländische Kräfte ins Land holt, ist nicht nur zynisch, sie führt zur völligen Erosion des sozialen Zusammenhalts und in den Abgrund.

Wenn man das dann noch als Dauerzustand haben will (das scheint ja der Fall zu sein, wenn Wagenknechts Äußerung als kontrovers angesehen wird), ist das völlige Abwesenheit von Gestaltungswillen in der Politik. Wozu brauchen wir eine Regierung, die nicht in den eigenen Nachwuchs investieren will?


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Zeitfremdling #52

Man kann Frau Wagenknechts Vorstellungen über den Arbeitsmarkt als rechstpopulistisch verurteilen, aber im Kern offenbart sie nur das Dilemma linker Ideologie. Für eine offene Gesellschaft, die ihren Wohlstand auf dem Boden marktwirtschaftlicher Prinzipien schöpft, sind Frau Wagenknechts Vorstellung eher Gift.
Ein Ablenkungsmanöver ist es sowieso in zweierlei Hinsicht. Zum einen suggeriert es, man könne dieses Problem durch nationale Schranken locker lösen; zum anderen verkennt es die substanziellen Probleme, von denen jeder Ausbilder ein Lied singen kann. Für die Heerscharen von Menschen, deren Ausbildungsniveau allerhöchstens für niedrigste Tätigkeiten in Frage kommt, ist diese ganze Diskussion eh belanglos und nichts weiter als Symbolpolitik.


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  kafkaesk77 #60

Frau Wagenknecht trifft den Nagel auf den Kopf. Die Ausrede "der Wirtschaft" nach Facharbeitern, ohne welche auszubilden, ist eine alte Leier ohne Sinn und Verstand. Die Ausbeutung der Nachbarländer auch innerhalb der EU ist nichts als peinlich!


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T Pol #66

ich höre immer die Mär vom Fachkräftemangel. Dabei hangeln sich unsere Jungen Leute
von Zeitvertrag zu Zeitvertrag. Jeder der Kinder hat oder Beruflich noch Aktiv ist, weiß das und erlebt es auch täglich. ...


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44 Beobachter #68

Ich bin der Auffassung, dass im Durchschnitt der Verdienst der Facharbeiter in Deutschland nicht schlecht ist. Es gibt allerdings einen völlig unterbezahlten Niedriglohnbereich und Teilbereiche, wo die Arbeitsbedingungen nicht gerade attraktiv sind oder keine Zukunftsperspektive haben. Das gilt z.B. für Bäcker oder Metzger.
In anderen Bereichen - Hotel- oder Gaststättengewerbe - sind die Bedingungen ebenfalls sehr schlecht. Allerdings muss man auch berücksichtigen, dass viele Dienstleistungs-, Handwerks- oder Handelsbetriebe gar nicht in der Lage sind höhere Löhne zu zahlen, weil sie bei den Kunden keine höheren Preise durchsetzen können. Dies gilt für einen großen Teil der (Klein- und Mittel-)Betriebe, die immer noch die meisten Menschen beschäftigen.
Manche Foristen glauben ernsthaft, dass alle Unternehmer sich auf Kosten der Beschäftigten eine goldene Nase verdienen. Manche verdienen sogar deutlich weniger als ihre Angestellten. Auch das sollte man einmal zur Kenntnis nehmen.


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Dr Matze #77

Migranten gegen Unterschicht. Der besonnene Politiker nutzt das und gießt Öl ins Feuer.
Zum ersten Mal will die Linke in Bildung investieren anstatt irgendwen zu alimentieren. ...


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amanita #79

Sie hat recht, denn die abgeworbenen Fachkräfte fehlen in ihren Herkunftsländern. Das ist seit Jahren in den ärmeren EU-Staaten zu beobachten. Wer jung ist und einigermaßen gut ausgebildet, geht weg - nach Deutschland, nach Großbritannien, nach Spanien. Zurück bleiben die Alten. Da leben ganze Landstriche in Rumänien vom Verdienst der Saisonarbeiter oder von dem heimgeschickten Geld. So geht jenen Ländern langfristig die Zukunft verloren und das kann eigentlich nicht im Sinne der EU als Kultur- und Lebensraum sein. Nur wenn man die Union in erster Linie als Wirtschaftsriesen betrachtet, der sich gegen China und die USA behaupten muss, ergibt das Sinn.


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dansdendan #81

Hmm ich wähle glaub links das nächste Mal, statt SPD.
Die Scheinheiligkeit der Sozialdemokraten und christsozialen schafft mich.


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Opeltyp #82

Die Linken - das sind die, die letztes Jahr beantragt haben dass alle Ausländer die länger als 5 jahre hier leben, das volle Wahlrecht bekommen sollen - und nun sind sie gegen die Einwanderung. Wendehälse, verlogene - nicht wählbar. ...


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green-L12 #83

"Sahra Wagenknecht will keine ausländischen Fachkräfte"

Die Überschrift bietet wirklich eine sehr differenzierte Zusammenfassung dessen, was Frau Wagenknecht zum Thema Migration meint. Da fühlt man sich richtig gut informiert.


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Gelbe Tulpe #97

Wagenknecht weiß halt als echte Linke, dass Wirtschaftsmigration die Löhne senkt und so die Armut der Einheimischen verstärkt.


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Brindisi #100

Was ich dieser Frau so hoch anrechne ist, dass sie diesen Gegenwind aus der eigenen Partei aushält.
Jeder andere bei den Linken hätte doch bei dem Vorwurf "der AFD in die Hände zu spielen" aus Angst um die Karriere schon längst opportunistisch den Schwanz eingezogen.


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Tom Hobbes #108

Schon allein das Wort "heimisch" ist so urkonservativ, dass ich schon erstaunt bin über Frau Wagenknecht. ...


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Allegorius #115

Eine völlig am Thema vorbei geführte Diskussion. Denn wie am Beispiel eines 19-jährigen Afghanen gestern auf ZON berichtet wurde, fehlen die Fachkräfte ÜBERALL. Aber insbesondere in ländlichen Gebieten. Die wenigsten (einheimischen) Menschen, gleich welcher Herkunft, wollen aufs Land. Sie verbinden Großstadt mit Luxus und Kultur.


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Liberalepolitik #140

... Würde man nur sachlich und wirtschaftlich denken, dann hätte Frau Wagenknecht völlig recht. Die Frage, die sich stellt, ist aber, ob zu einer modernen Demokratie Einwanderung
einfach dazu gehört, auch wenn die Wirtschaft und die Gesellschaft das eigentlich gar nicht braucht? Ich denke eigentlich schon, dass Kliniken und Unternehmen dazu verpflichtet wären, ihre Fachkräfte selbst auszubilden. ...


...
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[...] Schlief ein Junge mit einem Mädchen, verwandelte er sich in einen Helden und sie wurde zur Schlampe. Ihr Wert ging auf den Jungen über. Und Wert konnten wir gut gebrauchen, denn wir steckten offenbar in dem, was der Sozialpsychologe Rolf Pohl "Männlichkeitsdilemma" nennt: Jungs sollen selbstsicher und unabhängig sein, das starke Geschlecht. Gleichzeitig sind sie nicht nur erst einmal rundum abhängig von einer Mutter, sondern später auch von der Gunst der Mädchen, um die ihre tiefsten Wünsche kreisen und an denen die Bestätigung ihrer Männlichkeit hängt. Entsprechend hechelten viele von uns mit wachsender Bedürftigkeit den Mädchen hinterher, taten aber so, als sei das alles nur Schnickschnack. ... Dass in diesen weitverbreiteten Haltungen etwas tief Gestörtes lag, spürte ich mehr, als dass ich es dachte. Ein weiteres Dilemma verwirrte mich zusätzlich: Einerseits lag ein romantischer Schleier über dem Sex. Allein die Liebe machte den Geschlechtsakt menschenwürdig, und Liebe bedeutete nicht oberflächliches Verknalltsein, sondern Verantwortung – auch für möglicherweise entstehende Kinder. Diese in der katholischen Sexuallehre ausbuchstabierte Sichtweise las ich aus Worten und schwer greifbaren Haltungen meiner Mutter und anderer einflussreicher Personen heraus. Und es zeitigte Wirkung: Noch als Student, "verliebte" ich mich, wenn ich eine Frau einfach nur sehr attraktiv fand.

Frauen galten als dazu befähigt, Sex und Liebe zu verbinden, während Männer als dauerbrünftige Sexmonster betrachtet wurden. Männer wollten Sex und mussten deshalb lernen zu lieben. Frauen wollten Liebe und mussten deshalb lernen, auch Sex zu mögen. So weit, so old school. Andererseits lag der Geist der sexuellen Revolution in der Luft: Freier Sex macht freie Menschen. Niemand wollte ein verklemmter Spießer sein. Nur wer sich "locker machte" und sein wahres orgasmisches Potenzial auslebte, konnte seinen Körperpanzer aufbrechen und den inneren Fascho besiegen. Ich stand als Teenager also vor der Wahl, ein Triebtäter auf dem Weg ins Höllenfeuer oder ein Nazi zu werden. Mein männliches Geschlecht schien mich für beides zu prädestinieren. Ob es um Provinz-Revoluzzer ging oder um Kinder missbrauchende Geistliche – in einem herrschte Einigkeit: Die Sexualität des Mannes war das Hauptproblem. Entweder war sie zu aggressiv-verklemmt oder zu triebhaft-animalisch. Mit uns Typen stimmte etwas von Grund auf nicht. Um es vorweg zu nehmen: Die Pornografie zeigte mir keinen Ausweg.

Den ersten Pornofilm fand ich als 13-Jähriger durch Zufall auf der Videocassette des fünf Jahre älteren Nachbarsjungen. Ich sah den Film zunächst einmal allein und fand mich in einem Knäuel widersprüchlicher Empfindungen wieder, an denen ich bis heute hin und wieder herumnestele. Dann ging ich daran, den Film auf eine zweite Cassette zu kopieren. Auf dem Schulhof hatte ich schon mit indizierten Horrorfilmen wie Tanz der Teufel und Zombies im Kaufhaus für Furore gesorgt. Jetzt setzte ich noch einen drauf. Bald flogen mir weitere Filme zu, die ich meist mit anderen Jungen zusammen ansah. Ich fand diese Runden zwar ausgesprochen peinlich, machte aber trotzdem mit oder lud sogar zu ihnen ein. Mannwerden schien generell etwas damit zu tun zu haben, möglichst Dinge zu tun, die man eigentlich zunächst nicht tun wollte: saufen, rauchen, kloppen, cool sein, sich selbst und anderen wehtun.

Gleich in meinem ersten Pornofilm sagte die Frau, es tue ihr weh. Der Mann machte weiter. Ein anderer kam herein und fragte gelangweilt, ob er gleich auch mal dürfe. Dabei fragte er nicht die Frau, sondern den anderen Mann. Die Einstellungen wechselten zwischen Penetrationen in minutenlangen Nahaufnahmen und Totalen, in denen erst der eine, dann der andere Mann die Frau von hinten nahm. Dazu gab es herablassende Kommentare. Hin und wieder schlugen die Männer der Frau mit der flachen Hand auf eine Pobacke, als wollten sie ein Pferd antreiben. Das alles erschien mir voller Häme, als ob Sex vor allem die Schadenfreude von Männern befriedigte. Ich fand es fies, wie die Frauen in den Pornos behandelt wurden, aber es erregte mich auch. Und als ich zum ersten Mal Sex hatte, überprüfte ich immer wieder, ob es bei uns auch so aussah wie in den Nahaufnahmen.

Diese Filme brachten etwas an die Oberfläche, was schon vorher in mir virulent gewesen war: eine Verquickung von Grausamkeit und Geilheit. Schon als Grundschüler hatte ich manchmal von Frauen an Marterpfählen fantasiert. Natürlich wollte ich ihnen helfen, sie taten mir leid, wehrlose Opfer, die sie waren. Erst später fiel mir auf, dass ich die Rettungsfantasien ziemlich lange hinauszögerte, um vorher an mir herumzuspielen.

Pornofilme sind Übergriffe, vor allem gegenüber Kindern und Jugendlichen, die noch nicht wissen, was auf sie zukommt. Ich fühlte mich beim Sehen des ersten Pornofilms als Voyeur und Täter. Gleichzeitig wurde etwas mit mir gemacht. Die Darstellungen übertraten meine Grenzen: Ohne Scham hielten Menschen ihre erregten Geschlechtsteile in die Kamera. Privates wurde öffentlich. Wildfremde Menschen zogen mich hinein in ihr scheinbar Intimstes. In ihrer Welt wurde Sex omnipräsent, beliebig, unpersönlich, geil und leer.

Begehren (heiße Frau betritt den Raum) und Erfüllung (kniet sich hin und bläst) fallen im klassischen Pornofilm oft in eins. Das ist besonders attraktiv für Männer, die vom Werben um Frauen und der komplexen Kommunikation echten Liebesspiels frustriert sind. Der Konsum von Pornos ist eine schnelle Abkürzung zum Männlichkeitsgefühl, senkt aber die Frustrationstoleranz zusätzlich: alles, sofort, auf Knopfdruck, ohne emotionale Verpflichtung, Hingabe und eigene Verwundbarkeit. Echter Sex erscheint dadurch bald noch komplizierter und unbefriedigender. Pornografie wird als Ersatz wichtiger. Man braucht sie, weil man sich klein fühlt und fühlt sich klein, weil man sie braucht. Ein erstklassiges Geschäftsmodell: Es nutzt das Suchtpotenzial seiner Kunden so konsequent wie McDonald's seine leeren Trostkalorien und ist legaler als die meisten Drogen.

Aber worin genau besteht der Suchtfaktor? Warum gucken Männer überhaupt Pornos und befriedigen sich nicht einfach anhand eigener Fantasien? Weil das, was sie fantasieren, ja im Film echt stattfindet. Man ist dabei und doch außen vor. Man kann von der alles gewährenden Frau träumen und sie sich gleichzeitig vom Leib halten. Die Frau tut alles, was man will, wird zum Objekt, über das man verfügt wie über den eigenen Körper. Gleichzeitig kann sie einen nicht verlassen oder abwerten, weil sie selbst abgewertet ist.

Vielleicht ist das nur meine ganz persönliche Meise. Aber der Austausch mit anderen lehrt mich: Für viele Männer liegt der verborgene Reiz der klassischen Pornografie in der Sehnsucht nach einer bestimmten Art von Mutter und in der Angst genau vor dieser: die verschmelzende, narzisstisch missbrauchende Mutter. Als Verstärker des Reizes dient Demütigung. Es gilt als selbstverständlich, dass Männer Frauen erniedrigen, um sich selbst mächtiger zu fühlen. "Männerfantasie" heißt das dann manchmal, und man fragt nicht weiter nach.

Als jugendlicher Pornogucker verstand ich die Erniedrigung der Frau bereits darin, dass man sie nackt vorführte, denn dadurch verlor sie ja gemäß des Schlampenstigmas an Wert. Ich wollte auch als 13-Jähriger nicht kaltschnäuzig und egoistisch sein und Menschen zur eigenen Befriedigung benutzen. Gleichzeitig – und die Filme brachten es ans Licht – wollte ich genau das. Ich onanierte während bestimmter Szenen und hatte anschließend Mitleid mit den Frauen, weil ich sie zu Sexobjekten degradiert hatte. Dass die Charaktere der Männer auch nicht gerade tief gezeichnet waren, beschäftigte mich weniger. Mit ihnen hatte ich kein Mitleid, obwohl sie im Film ebenfalls reine Funktionsfiguren sind.

Auch wenn es nur eine Inszenierung war: Warum spielten die Frauen bei so etwas mit? Ihre Erniedrigung, die weltweit angeschaut werden konnte, war doch real. Ich verstand erst später: Demütigen und Gedemütigtwerden sind zwei Seiten derselben Medaille, die aus Verletzungen des Selbstwertgefühls und einer rituellen Wiederinszenierung als Geschlechtsakt geschmiedet wird. Pornos sind ein – oft geschmacklos inszenierter – Tanz um unsere tiefsten Wunden. Sicherlich, es gibt Pornos, die ganz anders sind – heute redet alle Welt von Erika Lust und Fair-Trade-Bio-Pornos mit garantiert glücklichen Darstellern. Manche schwören ja auch auf alkoholfreies Bier und vegane Würste. Aber viele gucken weniger freundliche Pornos nicht, obwohl sie so ein ungutes Gefühl zurücklassen, sondern gerade deswegen.

Ich hatte Glück. Ich wurde nicht pornosüchtig. Aber meine Fantasien wurden eindeutig durch die Filme mitgeprägt, die ich als Jugendlicher gesehen hatte. Spätere Erlebnisse konnten diese Prägung nicht völlig überschreiben. Bis heute stelle ich mir Fragen: Kann man noch aufwachsen, ohne dass Pornografie das eigene Begehren prägt? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Pornografiekonsum und sexueller Gewalt? Bevor jemand "Quatsch" oder "aber sicher" ruft: Die wissenschaftliche Debatte dazu ist komplex, differenziert und womöglich auch für eindeutige Pornogegner und Pornobefürworterinnen noch ergiebig. Eine andere Frage: Haben etliche männliche Kommentatoren auf die #MeToo-Debatte so defensiv reagiert, weil sie fürchteten, ihre Fantasien würden an den Pranger gestellt? Müssen sich heute alle Männer für ihre sexuellen Wünsche schämen? Sollten wir darüber reden? Mit wem? Wie? Sehen wir innere Konflikte mehr als Bedrohung denn als Katalysatoren, die unsere Kreativität befeuern? Sind wir frei, wenn wir andere und uns selbst erniedrigen müssen? Unter uns, Jungs, die sexuelle Revolution hat gerade erst begonnen.

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MaggieSimpson83 #6

Man mag es unglaublich finden, aber (das sage ich als Frau) auch Frauen schauen sich Pornos an! Als Mädchen und auch als Erwachsene. Und die Palette ist ziemlich breit: es gibt ganz schlechte und gute Pornos. Es stimmt auch nicht, dass in allen Pornos Frauen gedemütigt werden. Manchmal ist es auch umgekehrt. Es gibt genug SM-Pornos, in denen Männer geschlagen werden usw. Und es gibt auch Pornos ganz ohne Männer. Mir scheint es, als ob der Autor die katholische Morale nie überwunden hätte. ...


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MDenner #12

Mich wundert die Rückständigkeit der Kinderzeit des Autors etwas. Ich bin einige Jahre älter, aber so verklemmt und verdreht ging es da nicht mehr zu.

Und ich glaube, dass unsere (männliche?) Sexualität mindestens 2 Seiten hat: die eher liebevolle in der Liebesbeziehung, und die eher rauhe, schmutzige, die in Pornos und zur schnellen Befriedigung vorkommt. ...


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jjkoeln #12.1

Zusätzlich mag ich auch Saures.

Die Verklemmtheit, mit der den Phantasien - eigenen und anderen - begegnet wird, erschüttert. Es ist immer ein Aushandeln zwischen den Menschen (die Zahl ist nicht aufw begrenzt), was erregt und gut ist. Wie oben schon gesagt, alles was Safe, Sane and Consensual ist, ist gut. Dann dürfen auch Schläge und Erniedrigung dabei sein, eben weil hier Schlüssel und Schloss passen und es freiwillig ist.

Erotik und Sex sind eben mehr als nur Vanille, auch wenn Vanilleeis durchaus gut schmecken kann.



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Trampelschlange #17

Ein offenes Gespräch über die sexuellen Fantasien kann Wunder bewirken


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Der Quotenwagnerianer #17.1

Es gab in den 70ern da mal zwei Bücher über die sexuellen Phantasien der beiden Geschlechter wo in Interviews Material gesammelt worden war.
Da waren schon Sachen dabei wo ich ganz schön große Augen gemacht habe im Buch über die der Frauen.


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Albrich21 #19

Meine SM-Phantasien habe ich seit meinem 10 Lebensjahr.
Die Auspeitsch-Szene im "Tiger von Eschnapur" hat es mir sehr angetan.
Mit 10 zwar nicht im Rahmen von Masturbation oder Sex (das kam später) aber in einer Art vorüubertärer Erregung stellte ich mir die Szene immer wieder vor.

Mein Fetisch auf bestimmte Textilien rührte auch aus dieser Zeit (würde jetzt alles zu weit führen)
Pornos, die ich mir aufgrund von Gewaltszenen oder glänzender Blusen/Unterwäsche aussuche kamen da erst weit später.
Dies als Hinweis, dass nicht Pornos einen Menschen sado-masochistisch oder gar schwul machen.


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ganz ruuuhig #22

"Unter uns, Jungs, die sexuelle Revolution hat gerade erst begonnen. "

Virtuelle Realität auch, die wird die Sexualität revolutionieren.


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4711-42-4 #25

Ich habe das Gefühl der Autor wurde nicht von Pornofilmen geschädigt, sondern von seinen Eltern. ...


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credentials22 #28

Super Artikel! Erinnert mich an das Buch: Why men hate women, das von einem englischen Psychotherapeuten geschrieben wurde, der ueber diese Dinge auch klug nachdachte. Ein Zeichen der Intelligenz.


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Meilenwald #33

Dabei ist der Trend in der Porno-Industrie, vor allem im asiatischen Raum in letzter Zeit extrem in Richtung Cuckold (Netorare) gewechselt. Die Ironie dabei ist, dass die Frauen nach wie vor schlecht behandelt werden aber hinzu kommt der nette Protagonist (Proxy), der ebenfalls zerbricht. Die Meinungen von Psychologen und Soziologen zu diesem Trend wäre sicher interessant.



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werweissesbesser #33.2

Na ja, in der US Pornoindustrie wird das Thema Cuckold links feministisch vermittelt: die weisse Frau, bisher unterdrückt von ihrem weissen Mann, verbündet sich mit ihrem schwarzen Lover , der auch als "the bull" bezeichnet wird. Und erniedrigt ihren weissen Mann indem sie ihm direkt vorführt, was der Lover alles drauf hat. In krassen Szenen , für die BDSM Fans die unbedingt leiden wollen, wird der erniedrigte weisse Mann genötigt Sexualpartner des schwarzen Lovers zu werden, wird also genauso unterdrückt, wie er vorher seine Frau unterdrückt hat. Da ist eine politische Botschaft enthalten, wer hätte das gedacht ? Im allgemeinen gibt es auch BDSM Pornos in denen Männer von Frauen gequält werden. In all den Jahrzehnten, von den ersten Printwerken dieses Genres bis heute , wo man ungefiltert über google jede sexuelle Absurdidät aufrufen kann, Jugend und Datenschutz völlig unwirksam sind, zeigte mir Porno nur , das auf dem Gebiet der Sexualität sich Mann und Frau nichts schenken. Wie auf allen anderen Gebieten tuen sich Menschen an was nur denkbar ist. Aber so ist das, selbst diese #metoo-Sache, positiv im Ansatz, hat doch wieder mehr Hass erzeugt.


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Polykanos #34

Ich habe nie den Wunsch gehabt und es auch nie als erregend empfunden, Frauen zu demütigen. Ich habe Mädchen, die Sex hatten oder Frauen, die mit vielen Männern Sex hatten oder haben, nie als Schlampen empfunden oder bezeichnet - und schon gar nicht hatte ich jemals die Vorstellung eine vergewaltigte Frau sei entehrt, beschmutzt oder nichts mehr wert.

Als ich noch ein junger Mann war, glaubte ich an die Einheit von Liebe und Sex - und mußte mich dafür von so mancher Frau auslachen lassen, die mir vorhielt, ich könne Liebe und Sex nicht trennen - ich konnte schon, aber ich wollte nicht!

...


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Zauberpferd #34.9

"Ich finde es ermüdend, wie Männer immer wieder in die gleiche Klischee-Schublade gesteckt werden"

Das haben Sie doch mit dem Satz davor auch mit Frauen gemacht, nur dass Sie da von Ihrer Lebenserfahrung sprechen. Irgendwas in Ihnen zieht solche Frauen an, was aber nicht heißt, dass alle so sind. Ich kenne sehr viele, die Machos zum Kotzen finden und niemals einen anfassen würden, weil sie nämlich genau auf solche Männer wie Sie stehen und auch mit einem solchen zusammen sind.


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GanzImGlück #38

Mein Rat: Weniger theoretisieren, mehr poppen. Und dabei mit dem Partner kommunizieren, um herauszufinden, wie die ganze Sache noch besser wird.


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karambo lage #45

genialer artikel. frustrierende kommentare.
autor selbstreflektiert, undogmatisch, schmerzhaft ehrlich, an der sache interessiert.
kommentatoren wissen schon alles und schlucken alles seit der geburt und so wird es auch bis zum ende bleiben + alle anderen sollten es gefälligst genauso machen.



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kemal_acaröz #53

+++ Frauen galten als dazu befähigt, Sex und Liebe zu verbinden, während Männer als dauerbrünftige Sexmonster betrachtet wurden. Männer wollten Sex und mussten deshalb lernen zu lieben. +++

Keine Ahnung wie der Autor sozialisiert wurde. Aber das liest doch mehr wie sein eigener Horizont. Und er sollte es tunlichst nicht verallgemeinern.
Spätestens wenn man als männlicher Jugendlicher das erste Mal richtig "verknallt" ist mit allem drum und dran, Rosarot obendrauf, dann merkt man aus meiner Erfahrung sehr wohl, dass man auch als Mann Liebe ziemlich "gut kann" (und ich meine Liebe, nicht Sex) - inklusive Herzklopfen und die Angebetete auf einem Podest im Herzen tragen.
Offensichtlich hat der Autor solche Erfahrung nicht gemacht. Anders kann ich mir die recht klischeehaften Ausführungen (Männer = nur Sexmonster) nicht erklären.


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gültiger Benutzername #56

War'n das noch Zeiten , als die drei Seiten Damenunterwäsche im Quelle-Katalog ausreichten um in Wallung zu kommen !


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7Daisy #62

Vielen Dank, Herr Neft, für Ihren mutigen Artikel und Ihr Angebot zum Reden an die Männer.
Uh, wie roh gleich alle reagieren.
Ja, es ist was im Argen, vielleicht sind ja deshalb alles so mies drauf?
Pornografie macht die Sinnlichkeit und die Sexualität kaputt.
Gut erklärt von Naomi Wolf in "Vagina".
Ein Satz in dem Buch hat mir besonders gefallen:
Sexualität und Sinnlichkeit lernt ein Kind zum Beispiel, wenn es morgens mit nackten Füssen durch taunasses Gras läuft.


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KeinBlattvorsHirn #73

Die Probleme des Autors haben wenig mit Pornos und viel mit seiner katholischen Erziehung zu tun. ...


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Mittagsfrau #94

Ich denke, der Autor spricht, auch jenseits vom Pornokonsum, ein grundsätzliches Problem an: Dass Frauen und ihre Sexualität oft noch als "Beute gesehen" werden und Frauen, die "leicht zu haben" wären (also einfach selbst Sex wollen) als "Schlampen". Ich erinnere mich auch noch an ein paar Jungen in der Klasse, die immer in die Umkleide der Mädchen zu kommen versuchten und dann damit rumprahlten, sie hätten von der oder der "die Titten gesehen" und dann dafür bewundert wurden, während es für die Mädchchen erstens peinlich und zweitens auch "entwertend" war, dass sie nackt gesehen wurden.


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Sandjup #94.1

Das Wort/Werturteil "Schlampe" äußern vor allem Frauen über ihre Konkurrenz.


...



Aus: "Grausame Geilheit" Anselm Neft (25. März 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2018-03/pornografie-aufklaerung-sexualitaet-frauen-erniedrigung/komplettansicht
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Literatur (Zum ORT im wORT) / Autoren & Bücher (so durcheinander)...
« Last post by Link on August 09, 2018, 02:37:28 PM »
" ... Es ist ein neuer Paragone, ein Widerstreit zwischen Bild oder – wie zu zeigen sein  wird  –  Foto und Wort, der Rolf Dieter Brinkmanns Poetologie der 1960er Jahre bestimmt. Auf der einen Seite stehen das Wort und die negativ konnotierten Attribute, mit denen es von Brinkmann assoziiert wird: Abstraktion, Reflexion, Begrifflichkeit, Vergangenheit. Dem  gegenüber sind dem Bild die positiv besetzten Begriffe der Sinnlichkeit, des konkreten Alltagsmaterials und der Gegenwart zu eigen. Vor dem Hintergrund dieser Polarisierung setzt sich Brinkmann von Anfang an als vehementer Verfechter einer neuen Bildlichkeit in Szene ... Bei der »hübschen Sache«, die zum Gegenstand der Darstellung wird, handelt es sich des weiteren nicht um eines der traditionellen Themen »hoher Literatur«, die durch intellektuelle Anstrengungen seitens des Autors in einen Begriff gefaßt werden, sondern um Material des Alltags, ja um den buchstäblichen Abfall, der dem Dichter zufällig in die Hände fällt: »Es gibt kein anderes Material als das, was allen zugänglich ist und womit jeder alltäglich umgeht, was man aufnimmt, wenn man aus dem Fenster guckt, auf der Straße steht, an einem Schaufenster vorbeigeht, Knöpfe, Knöpfe, was man gebraucht, woran man denkt und sich erinnert, alles ganz gewöhnlich, Filmbilder, Reklamebilder, Sätze aus irgendeiner Lektüre oder aus zurückliegenden Gesprächen, Meinungen, Gefasel, Gefasel, Ketchup, eine Schlagermelodie, die bestimmte Eindrücke neu in einem entstehen läßt.«
Indem der Alltag ins Zentrum des Interesses des Dichters rückt, kommt es zum doppelten Bruch mit der Vergangenheit: Einerseits ist Brinkmanns Interesse thematisch nicht mehr auf die Vergangenheit gerichtet, sondern auf die eigene unmittelbare Gegenwart und ihr »jetzt und jetzt und jetzt«. »Das Kurz-Zeit-Gedächtnis wird bevorzugt.«
... Der Fotografie ist für Brinkmann innerhalb dieses Paragones eine Potenzierung des Bild-Begriffs zu eigen. Ihre Bedeutung zeigt sich zunächst in einer Anspielung in »Der Film in Worten« auf den 1927 entstandenen »Photographie«-Aufsatz  Siegfried  Kracauers, der auch in der langen Liste der Widmungsträger der »ACID«-Anthologie auftaucht. Was später in Kracauers »Theorie des Films« – die Brinkmanns Auffassung vom fotografischen Medium sehr nahe kommt und die er 1966 las – als Vorzug der Fotografie hervorgehoben wird, wird hier noch gegen sie gewendet. In der Fotografie werden demnach stets nur materielle Äußerlichkeiten und diese nach dem Prinzip einer Oberfläche unterschiedslos abgebildet. Lediglich die »gegenwärtige menschliche Hülle« zeigt sich auf den Fotos, die Abgebildeten verwandeln sich in »Kostümpuppen«. Im Unterschied dazu operieren die Bilder des Gedächtnisses. Die  Speicherung erfolgt hier selektiv und damit fragmentarisch: Bewahrt wird nur, was Wahrheitsgehalt besitzt und bedeutungsvoll ist. Derartigen Gedächtnisbildern, die Kracauer auch  die »eigentliche Geschichte« des jeweils Dargestellten nennt, wird die Dimension der Tiefe zugeordnet – eine Dimension, die der Fotografie als Abbildung des rein Äußerlichen fehlt: »Unter der Photographie eines Menschen ist seine Geschichte wie unter einer Schneedecke vergraben.« ...
... Weil also das Objekt vor der Kamera bei Brinkmann ebenso in den Blickpunkt rückt wie das Subjekt dahinter, führen die Erkundungen des alltäglichen Materials gleichzeitig auch nach innen und werden als »Abenteuer des Geistes« zur »Eroberung des inneren Raums«. 1968, als Stanley Kubrick, einer der vielen Widmungsträger  der »ACID«-Anthologie, im Kino Astronauten bis zum Jupiter »and  beyond« schickte, die Menschen es in Wirklichkeit aber nur zum Mond schafften, durchdringen sich für Brinkmann Außen- mit Innenräumen. Denn es gilt, die Science-Fiction-Projektionen »auf uns hier, jetzt konkret« anzuwenden und zu einem »Vorstoß in die innere Dimension von uns selbst« zu machen, »die ebenso ein riesiger Raum ist wie der Weltraum, in den Raketen, Astronauten, Telestars, Mars-Sonden, Mondlandefahrzeuge hinauskatapultiert werden...«.
Logischerweise ist es dann auch die Figur des »Piloten« – so der Titel von Brinkmanns 1968 erschienenem  Gedichtband –, die zum Sinnbild für denjenigen wird, der sich auf diese  Mission ins Innere macht, zum  »Breakthrough in the Grey Room«, wie Brinkmann den US-Schriftsteller William S. Burroughs im »Film in Worten« zitiert.
Das Ende des letzten Gedichtes des »Piloten«-Bandes mit dem programmatischen Titel »Alle Gedichte sind Pilotengedichte« führt zudem ein zweites Symbol für den von Brinkmann angestrebten Zustand der gesteigerten Wahrnehmung ein ... das Motiv der Tür, die sich öffnet, gleichermaßen für einen Moment der intensiven Erfahrung als auch für eben jene Durchdringung der Räume. Ist doch die eingeforderte »neue  Sensibilität« des Subjekts für Brinkmann eine »nach innen und nach außen schwingende Tür«. Ja, der Moment des »snap-shots« selbst wird verglichen mit dem Moment, »wenn zwischen Tür und Angel, wie man so sagt, das, was man in dem Augenblick zufällig vor sich hat, zu einem sehr präzisen, festen, zugleich aber auch sehr durchsichtigen Bild wird, hinter dem nichts steht als scheinbar isolierte Schnittpunkte.« Für Brinkmann, der nicht zufällig immer wieder den Vers »Break on through to the other side« der »DOORS« zitiert, kennzeichnet somit neben den beiden anderen in den Aufsätzen propagierten bewußtseinserweiternden Mitteln, Pop- bzw. Rock-Musik und »Gras« – so der Titel von Brinkmanns letztem zu Lebzeiten 1970 publizierten Gedichtband – bzw. Drogen, die Fotografie eben diesen Augenblick des »Durchbruchs« als Ausbruch aus literarischen Traditionen. ..." | Aus: "Rolf Dieter Brinkmann - Die Foto-Texte der 1960er Jahre", Thomas von Steinaecker: Literarische Foto-Texte. Zur Funktion der Fotografien in den Texten Rolf Dieter Brinkmanns, Alexander Kluges und W.G. Sebalds. Bielefeld: transcript Verlag, 2007, http://kult-online.uni-giessen.de/archiv/2008/ausgabe-16/rezensionen/dialoge-zwischen-text-und-fotografie
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"NACKTHEIT- Ästhetische Inszenierungen im Kulturvergleich" Herausgegeben von Kerstin Gernig (2002)
" ...  Brinkmanns  Ästhetik der Entblößung situierte sich zweifellos schon von Anfang an in der Nähe des Pornographischen, aber diese Nähe wurde konkreter und expliziter, sobald sie sich auf das Bildmaterial zu beziehen begann, das im Zuge der medialen Freisetzung  der Nacktheit zunehmend aus dem Bereich klandestiner privater Lüste in die Öffentlichkeit zu wandern begann. An den Veränderungen von Brinkmanns Versuchen, zu einem bildhaften, an den Ausdrucksmöglichkeiten der Medien Film und Photographie orientierten Schreiben zu gelangen, läßt sich auch der Beschleunigungsprozeß ablesen, der die mediale Entsublimierung der öffentlichen Sphäre Ende der 60er Jahre kennzeichnete. ... Die 1968 veröffentlichte Gedichtsammlung "Godzilla" kann das Spannungsfeld besonders anschaulich machen, in das seine Poetik des "einfachen", sinnlich-sinnlosen Bildes geriet, sobald sie sich mit der Vermarktung der Sinnlichkeit  im  öffentlichen Raum  auseinanderzusetzen hatte. Ausgangspunkt sind in diesem Band bunte Illustriertenphotos von leicht bekleideten, nur in Ausschnitten dargebotenen, meist verführerisch lächelnden Frauen, die buchstäblich von der "dearty speach" pornographischer Phantasien überschrieben werden. Eine Überschreibung, die als doppelter BeschmutzungsVorgang angelegt ist: Als materielle Beschmutzung, weil  die bildlichen Unterlagen teilweise von schwarzen Lettern überdeckt werden und dadurch ihre Farbigkeit einbüßen; vor allem aber als symbolische Beschmutzung, weil die über die Schrift transportierten sexuellen Imaginationen durch ihre extreme Gewaltsamkeit schockierend wirken und in diesem Schock die verführerische Attraktion brechen, die von den erotischen Posen der reizenden Illustriertenschönheiten ursprünglich einmal ausgehen sollte.
Ein voyeuristischer Genuß der schönen Frauenkörper will sich nicht mehr einstellen, nachdem der pornographische Text entziffert wurde, der mit drastischer Eindeutigkeit auf der triebhaften Gewaltsamkeit sexuellen Begehrens insistiert und damit den Körper des Blickes ins Spiel bringt, der zum Funktionieren des voyeuristischen Dispositivs unsichtbar zu bleiben
hat. Die Worte des aus japanischen Science-Fiction-Filmen bekannten Monsters Godzilla konfrontieren das warenästhetische Versprechen nach sinnlicher Befriedigung, das von den überschriebenen Bildern ausgeht, brutaistmöglich mit der Todesverfallenheit des Körpers. Sie weisen auf das destruktive Triebpotential hin, das sich im hedonistischen Konsumrausch  fröhlichbesinnungslos auslebt. ..." 
https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/bitstream/handle/10900/81908/Ehrlicher_Brinkmann.pdf

"NACKTHEIT- Ästhetische Inszenierungen im Kulturvergleich" Herausgegeben von Kerstin Gernig (2002),
Quelle: https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/bitstream/handle/10900/81908/Ehrlicher_Brinkmann.pdf
https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/bitstream/handle/10900/81908/Ehrlicher_Brinkmann.pdf

https://de.wikipedia.org/wiki/Rolf_Dieter_Brinkmann#Literatur

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