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#1
"Ex-RAF-Mitglied: Darum geht es im ersten Prozess gegen Daniela Klette"
Im Prozess gegen die Ex-RAF-Terroristin werden erste Plädoyers der Verteidigung erwartet. Was wird Klette zur Last gelegt? Und welche Strafe droht ihr? Ein Überblick von Konstantin Zimmermann und Sarah Kohler (12. Mai 2026)
https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2025-03/daniela-klette-ex-raf-terroristin-prozess-burkhard-garweg-faq
#2
Quote[...] Kurt Schumacher war die unumstrittene Führungsfigur der Nachkriegs-SPD. Nach dem Verbot in der NS-Diktatur baute er die Partei ab 1945 von Hannover aus neu auf. Am 11. Mai 1946 wurde er zum Vorsitzenden gewählt.

Altbauten, Kopfsteinpflaster und das Ihme-Zentrum gleich um die Ecke. Die Jacobsstraße in Hannover-Linden ist eine Straße wie so viele in dem Viertel im Westen der Stadt. Und doch hat sich hier Historisches abgespielt. Kurt Schumacher, Ikone der SPD, hat von hier aus die Neugründung der Sozialdemokratie nach dem Zweiten Weltkrieg vorangetrieben.

Geboren wird Kurt, der ursprünglich Curt geschrieben wird, am 13. Oktober 1895 im westpreußischen Culm (heute das polnische Chełmno). 1914 meldet er sich freiwillig für den Ersten Weltkrieg - an der Ostfront verliert er seinen rechten Arm. Zum Jurastudium geht er nach Halle und Leipzig, anschließend verschlägt es ihn nach Württemberg. Dort, in Stuttgart, arbeitet er als Redakteur für eine SPD-Zeitung. Bereits seit 1918 ist er Mitglied der Partei, ab 1924 sitzt er auch im Landtag.

Mit nicht einmal 35 Jahren wird er 1930 für die SPD in den Reichstag gewählt. Doch knapp drei Jahre später wird der Mandatsträger zum Verfolgten im NS-Regime. Die SPD wird verboten und Schumacher, einer der Co-Autoren von Otto Wels' berühmter Rede gegen das sogenannte Ermächtigungsgesetz, zum steckbrieflich gesuchten Staatsfeind. Im Juli 1933 wird Schumacher in Berlin festgenommen. Es beginnt eine zehnjährige Odyssee durch Konzentrationslager des "Dritten Reiches": Erst Heuberg und Oberer Kuhberg (heute beides Baden-Württemberg), es folgen Dachau und Flossenbürg (heute beides Bayern).

Eine zwischenzeitliche Entlassung ist nur von kurzer Dauer. Denn nach dem gescheiterten Anschlag auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 rächen sich die Nazis systematisch an alten Widersachern - auch an solchen, die gar nicht am Attentat beteiligt waren wie Schumacher. Die "Aktion Gitter" beginnt und er wird erneut verhaftet und muss weitere Haftzeiten im KZ Neuengamme und der Außenstelle in Hannover-Ahlem überstehen. Die endgültige Befreiung kommt erst, als US-amerikanische Truppen am 10. April 1945 in Hannover einmarschieren.

Schumacher bliebt in Hannover und beginnt von dort aus unverzüglich mit der Aufbauarbeit der SPD. Nicht einmal einen Monat nach der Ankunft der Alliierten wird er Leiter des "Büros Schumacher" und Parteichef der Stadt. Und dass, obwohl Parteien in den Besatzungszonen zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht erlaubt sind. Etwa ein halbes Jahr später folgt die Wennigser Konferenz vor den Toren Hannovers. Hier wird die SPD im Oktober 1945 offiziell aus der Taufe gehoben - zum zweiten Mal in ihrer Geschichte.

33 Delegierte aus zehn Bezirken sind angereist. Am Ende setzt sich Schumacher mit seiner Linie gegen die Gruppe um Otto Grotewohl, den späteren Ministerpräsidenten der DDR, durch. Die Quintessenz: Keine Kooperation mit der KPD, wie Grotewohl sie befürwortet. An dem Mann aus Culm führt jetzt kein Weg mehr vorbei. Am 11. Mai 1946 wird er in Hannover zum Parteivorsitzenden gewählt, sein Büro in Linden zur inoffiziellen Parteizentrale. Schumacher ist das unangefochtene Alphatier in der SPD. Und das lässt er durchblicken.

"Er bat nicht, er forderte. Er wog nicht Argumente ab, sondern schleuderte das Ergebnis seines Nachdenkens in den Zuhörerkreis - und dies mit erheblichem Stimmaufwand", schrieb etwa der spätere Bundeskanzler Willy Brandt in seinen Memoiren. "Die außerordentliche Wirkung, die von diesem Politiker ausging, erklärt sich aus der geballten Energie, mit der er ans Werk ging", schrieb Schumachers langjährige Weggefährtin in der SPD, Annemarie Renger.

Doch wie schaffte es Schumacher, in der chaotischen Nachkriegszeit eine schlagkräftige Partei auf die Beine zu stellen? "Er verfügte über eine enorme Durchsetzungskraft. Dazu war er durch seine Arbeit als Redakteur in Stuttgart und als Reichstagsabgeordneter bestens vernetzt", sagt Meik Woyke, Historiker und Geschäftsführer der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung. Ein autoritärer Führungsstil habe die Ära Schumacher geprägt. "Er duldete niemanden um sich herum", so Woyke weiter.

Etwa drei Jahre kämpft Schumacher als Oppositionsführer gegen Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU). Doch Kriegsverletzungen, die Folgen der langen Haftzeiten und unzählige Zigaretten holen ihn ein: 1951 erleidet Schumacher einen Schlaganfall. Im Jahr darauf, am 20. August 1952, stirbt er im Alter von nur 56 Jahren. Seine Beerdigung wird zur kollektiven Verbeugung. Hunderttausende säumen die Straßen. "Es war ein Bekenntnis für die Arbeiterbewegung", so Historiker Woyke. Schumacher wird in Hannover-Ricklingen beigesetzt - genau wie Linden eine Bastion der SPD.

Was aber bleibt von diesem Mann? Schumacher stellte das Ziel der deutschen Wiedervereinigung von Anfang über die von Adenauer forcierte West-Integration der Bundesrepublik in den späteren NATO-Block. Weiter focht er gegen jedwede Form von Extremismus - egal ob von links oder von rechts. Er kämpfte unermüdlich gegen eine Union von SPD und KPD, denn Kommunisten waren für ihn "rotlackierte Faschisten", die Befehle aus Moskau erhielten. Und: Er definierte das Amt des Oppositionsführers im Bundestag. Keine Totalverweigerung, sondern konstruktive Kritik an der Regierung, das war sein Credo.


Aus: "Geburtshelfer der SPD: Kurt Schumacher wird vor 80 Jahren Parteichef" (11.05.2026)
Quelle: https://www.ndr.de/geschichte/koepfe/geburtshelfer-der-spd-kurt-schumacher-wird-vor-80-jahren-parteichef,schumacher468.html

#3
Quote[...] Das Silicon Valley hat Frauenhass nicht erfunden. Aber es hat die Infrastruktur gebaut, auf der er sich Bahn bricht. Das neueste superskalierende Quälwerkzeug: Deepfakes

... Kaum eine Gruppe adaptiert so schnell neue Technologien wie Typen, die Frauen eins auswischen wollen. Die »smarten«, kamerabestückten Ray-Ban-Sonnenbrillen von Facebooks Mutterkonzern Meta haben ein neues Genre Online-Content geschaffen: Männer, die Frauen in der Öffentlichkeit anmachen und dabei ohne ihr Wissen filmen und die Clips dann ohne ihren Konsens auf TikTok und Instagram laden. Überhaupt soziale Medien: Sie waren erst wenige Jahre alt, als in der Gamergate-Affäre die Videospielkritikerin Anita Sarkeesian mit einer monatelangen Hasskampagne überzogen wurde, bis das Internet für sie kaum mehr betretbar war. Die neuen Möglichkeiten digitaler Partizipation wurden zuallererst einmal dafür verwendet, Frauen eben davon fernzuhalten.

Gegenwärtig ist das Hauptmedium dieser Dynamik das Deepfake. KI-generierte Nacktbilder sind die technologische Front, an der gegen schleichenden Horror von Frauen gekämpft wird, die es dreisterweise wagen, zu existieren. Mehr als 90 Prozent aller Deepfakes, die online zu finden sind, sind pornografisch. 99 Prozent davon zeigen Frauen.

Als Elon Musk im Dezember 2025 den auf X integrierten Chatbot Grok mit der Fähigkeit zur Bildbearbeitung segnete, fluteten User die Plattform in nur elf Tagen mit etwa drei Millionen sexualisierten Bildern von Frauen (und mitunter Kindern). Eine Maschine, die digitale Gewalt auf industriellem Niveau ermöglichte und deren eifrig »@grok put her in a bikini« kommentierende Nutzer als Rechtfertigung für ihr Tun lediglich eines brauchten: eine Frau, die sich in die Öffentlichkeit getraut hatte. Immer häufiger scheinen in den vergangenen Wochen die prominenten Fälle zu werden, die immer kurzfristig einen großen Medienrummel generieren und gleichzeitig darauf verweisen, wie sehr nicht-prominente Frauen mit dieser niederträchtigen Logik von Deepfakes alleingelassen werden.

... Das Deepfake macht die Sichtbarkeit der Frau zur Ressource ihrer Ahndung. Ein Foto ihres Gesichts – ein Instagrampost, ein LinkedIn-Profilbild, ein Kinderfoto, ein Schnappschuss auf der Straße – und direkt steht heute dank KI eine ständig anschwellende Reihe von Apps und Webseiten bereit, die ebendieses Gesicht glaubwürdig auf nackte Körper jeder denkbaren Art und bei jeder denkbaren Aktivität transplantieren. Selbstgewählte Sichtbarkeit wird sanktioniert durch erzwungene, pervertierte Sichtbarkeit.

Die Obsession des Silicon Valley mit Friktionslosigkeit und glattpolierter Effizienz hat wieder ihre Wunder gewirkt: Was früher anspruchsvolle Photoshop-Fähigkeiten verlangte, oder wenigstens Zugang zu schmierigen Reddit-Foren, geht heute mit ein paar Klicks. Die Kosten solcher Attacken auf Frauen hat man damit dramatisch abgesenkt und damit auch die Hemmschwelle. Gesellschaftlich tief eingefräste Ideen darüber, wo Frauen hingehören und wo nicht, was sich für sie ziemt und was nicht, können rascher und leichter denn je durchgesetzt werden. Das Bewachen patriarchaler Normen wird gedankenloser, beiläufiger und reflexhafter.

Frauen sind gesellschaftlich als Geberinnen positioniert. So analysiert es die Philosophin Kate Manne in ihrem Buch Down Girl: Die Logik der Misogynie. Sie sind Geberinnen von Fürsorge, Sex, emotionaler Arbeit, Aufmerksamkeit. Männer waren traditionell Empfänger all dessen, viele verstehen sich noch immer als solche.

Das ist weniger individuelle Pathologie als die Struktur einer patriarchalen Gesellschaft. Man muss nicht jeden Mann als geifernden Sexisten präsentieren. Misogynie, so Manne, ist nicht auf individuellen Frauenhass angewiesen, sie ist schlicht Vollstreckungsarm der herrschenden Ordnung: jene sozialen Mechanismen, die Frauen in ihre zugewiesene Rolle zurückzwingen, unabhängig davon, ob der Täter Frauen wirklich hasst oder den Status quo und seine Konsequenzen für Frauen schlicht schulterzuckend hinnimmt. Das Deepfake fügt sich in diese Logik weder als Exzess noch als Betriebsunfall, sondern als Zwangsvollstreckung. Wer Körper und Sexualität nicht freiwillig bereitstellt, dem werden sie konfisziert. Wie der rechtsextreme US-Streamer Nick Fuentes es 2024 nach der Wiederwahl Donald Trumps in die Kamera höhnte: »Your body my choice«, dein Körper, meine Entscheidung.

... Dem manischen Fokus auf Reibungslosigkeit der Techbranche wohnt ein konservatives Moment inne, denn er optimiert bestehende Prozesse – und bestehende Prozesse schließen, ob gewollt oder nicht, die Verteidigung bestehender Machtverhältnisse ein. Nur weil die Welt heute wahnsinnig wirkt, sollte nicht verkannt werden, dass wir lediglich eine Verhärtung und Intensivierung alter Strukturen durchleben: Patriarchat, Kapitalismus, Kriegstreiberei.

...


Aus: "Deepfakes: Dein Gesicht, meine Waffe" Aus einem Essay von Titus Blome (8. Mai 2026)
Quelle: https://www.zeit.de/digital/internet/2026-05/deepfakes-digitale-gewalt-frauen-technologie-ki-silicon-valley

QuoteAlmeida1

Ob hier nicht ein Randphänomen als Problem herbeigeredet wird, weils gerade so angesagt ist?


Quote2€

Nur weil es vielleicht Sie persönlich nicht betrifft, ist es noch lange kein Randphänomen.


Quoteunverrückbar

Wo ist die Gewalt wenn es sich um eine Fälschung handelt? Das wird erst zur Gewalt wenn diese Fakes weiterverbreitet und als echt ausgegeben werden. Ein bisschen mehr Resilenz dürfte helfen.


QuoteBuntesLeben

Wenn Ihnen das erklärt werden muss.... Oder ist das Ignoranz? Manchmal wird mir ganz schwindelig vor Kopfschütteln.


QuoteMarbodius

Ah "die sollen sich mal nicht so anstellen". ...


Quotesintwell

@unverrückbar:

Ansehnliches Beispiel zur im Text beschriebenen Systematik, danke für das Outing und Praxisbeispiel für alle, die die Mechanismen der Misogynie verstehen lernen möchten.


QuoteLanciert

Sag's doch gleich wie du's denkst:

"Das ist doch nicht anders als wenn ich in der Fantasie rumträume, das schadet ja auch niemanden. Wieso sind jetzt die Deepfakes die ich mache anderen gegenüber schädlich?"

Dann nimm mal deine Traumfantasien und versuch sie per email zu schicken, oder Leuten vor die Augen zu halten. Deepfakes erschaffen in der Realität ein Medium das in der physischen Realität Gewalt über eine Person ausübt. Der Grund, warum dir deine Deepfakes gefallen, ist ja, dass es von der Realität fast gar nicht zu unterscheiden ist. Und genau darin liegt das Problem: es wird materiell etwas geschaffen das glaubwürdig genug ist, das Intime und Private einer person zu verletzten, ganz gleich ob es nun ein echtes Bild ist oder nicht.

Nur weil du es bisher nicht geteilt hast, oder bisher nicht verbreitet oder entdeckt wurde, heißt ja nicht, dass du nicht den materiellen Schaden erschaffen hast. Nur weil das Verbrechen noch nicht entdeckt wurde, ist es ja noch kein Verbrechen. Die Tat ist das Verbrechen, nicht das nicht damit davonkommen.


Quoteunverrückbar

Antwort auf @Lanciert

spar dir Deine Unterstellungen


Quotesintwell
Antwort auf @unverrückbar

Na na, weshalb so empfindlich? ...


QuoteTante Prusseliese
Antwort auf @unverrückbar

Danke, das merke ich mir.

Sobald wieder ein Mann klagt "Aber nicht alle Männer..." kriegt er von mir ein als "Ein bisschen mehr Resilienz dürfte helfen" verpacktes "Heul leise."

Und auch vielen Dank für die - wenn auch ungewollte - Bestätigung des Artikelinhalts. Aber Ihr 'gut gemeinter' Rat ist so alt wie das Patriarchat selbst. Auf "einfach ignorieren", "da musst du drüber stehen" und "lächle es weg" fällt heute keine Frau mehr rein.


QuoteFrau. Huber

Die Scham muss die Seiten wechseln.

Die Frage ist ja, warum sollte sich das Opfer eigentlich schämen? Warum sollte es schlimm sein, wenn irgendwo ein Porno existiert, in dem mein Gesicht ohne meine Zustimmung dem elektronisch imaginierten Körper eine Identität verleiht, wenn auch eine gefälschte? Ich habe ja gar keinen Porno gedreht. Und das ist auch nicht mein Körper? Und was ist so beschämend an Nacktheit und Sexualität?

Tatsächlich sollten wir aufhören, die Zurschaustellung von weiblicher Sexualität als etwas zu definieren, was die Frau herab setzt. Frauen haben Sex. Wir haben Spaß an Sex und das ist gut so. Keine Frau sollte sich für die Tatsache schämen, dass sie ein sexuelles Wesen ist.

Wir sollten diejenigen "Männer" (von der emotionalen Reife sollten wir hier von Buben ausgehen), die solche Deepfakes erstellen auslachen für ihre Unfähigkeit, Frauen im realen Leben dazu zu bringen, sich ihnen freiwillig nackt zu zeigen. Wer solche Bilder erstellt, stellt sich selbst mit seiner Beziehungsstörung dar, mit seiner eingeschränkten Fähigkeit zu Empathie, Vertrauen und Ehrlichkeit.

Die Tatsache, dass wir hier die Frauen als Opfer behandeln und die Männer als Täter, statt die Männer als Kranke und die Frauen als normal, ist eine unreflektierte Weiterführung patriarchaler Denkweise.

Wir sollten uns als Frauen den Schuh gar nicht anziehen, dass es ein Problem sein könnte, wenn jemand denkt, er hätte uns nackt gesehen. Diese Männer outen sich mit diesen Bildern als gestört.


Quoteunddso

Das ist einerseits richtig überlegt. Andererseits sind das halt reale Grenzverletzungen, und das ist eben: Gewalt.


...

#4
Quote[...] Chronik der Gewalt. Im US-Bundesstaat Louisiana hat ein Mann acht Kinder erschossen. Sieben der getöteten Kinder waren seine eigenen. Das jüngste der Kinder war drei Jahre alt. Er wurde später bei einer Verfolgungsjagd von der Polizei erschossen. Über die Motive des Mannes ist bisher nichts bekannt. Aus der Kriminologie weiß man, dass solche ,,Familienauslöschungen" häufig die männliche Reaktion auf eine Trennung oder Trennungsabsicht der Ehefrau darstellen. Es ist eine sich entgrenzende männliche Kränkungsaggression.

...


Aus: "141 | Sozialstaat und Demokratie" Götz Eisenberg (30. April 2026)
Quelle: https://durchhalteprosa.de/2026/04/30/141-sozialstaat-und-demokratie/

-

"Offenbar extremer Fall häuslicher Gewalt: Acht Kinder erschossen" (20.04.2026)
In den USA sind offenbar bei einem extremen Fall von häuslicher Gewalt acht Kinder getötet worden.
Nach Angaben der Polizei eröffnete ein Vater im Bundesstaat Louisiana das Feuer. Sieben der Opfer seien seine eigenen Kinder gewesen im Alter zwischen einem und 14 Jahren. Zudem schoss der 31-jährige Mann auf die Mutter und auf eine weitere Frau. Beide befänden sich in kritischem Zustand, hieß es. Der Täter habe anschließend einen Wagen gestohlen und sei geflüchtet. Während der Verfolgungsjagd hätten die Beamten auf ihn geschossen. Er sei später an seinen Verletzungen gestorben. Die genauen Hintergründe seien noch unklar. Die Ermittler gingen aber davon aus, dass die Motive ausschließlich familiär bedingt sind. ...
https://www.deutschlandfunk.de/offenbar-extremer-fall-haeuslicher-gewalt-acht-kinder-erschossen-100.html


#5
"Rechter Thinktank: Ein Fall von Vandalismus"
Ein Gericht hat entschieden: Die Bibliothek des Konservatismus ist zu Recht aus einem wichtigen Bibliotheksverbund geflogen. Das lag offenbar an ihren Mitarbeitenden. ... Das Landgericht Göttingen hat an diesem Freitag entschieden, dass die Kündigung der privaten Bibliothek des Konservativismus (BdK) durch den Gemeinsamen Bibliotheksverbund der norddeutschen Bundesländer (GBV) rechtens war. Die Titel der Bibliothek tauchen seit Ende 2025 nicht mehr im Katalog des GBV auf, wogegen die BdK geklagt hatte. Die Auflösung des Vertrags mit der neurechten Denkfabrik stellt jedoch laut Gerichtsurteil keine Einschränkung der Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit dar. Das hatte der Leiter der BdK dem GBV vorgeworfen. ...
Von Christian Fuchs (8. Mai 2026)
https://www.zeit.de/feuilleton/2026-05/rechter-think-tank-bibliothek-des-konservatismus-urteil

#6
Forum Arbeitswelten | Blog
Ziel dieses Forums ist es, das gegenseitige Verständnis und den Austausch über die Arbeitswelten in China und Deutschland (im weiteren Sinne auch Europa) zu vertiefen ...
https://www.forumarbeitswelten.de/blog/

The Made in China Journal (MIC) is an Open Access biannual publication by Global China Lab APS dedicated to all facets of politics and society in mainland China and the Sinophone world at large. ...
https://madeinchinajournal.com/ | https://madeinchinajournal.com/journal/


#7
Quote[...] Weltmarktkonkurrenz, Hegemoniekonflikte, Umweltfragen und soziale Kämpfe: China-Debatte zwischen Analyse, Solidarität von unten und Kritik.

Ist die Volksrepublik China kapitalistisch oder sozialistisch? Die Uneinigkeit der Analyse von Chinas hybridem Wirtschaftssystem habe bei Attac dazu geführt, sich intensiver mit dem Reich der Mitte zu beschäftigen, erklärte eine Aktivistin des globalisierungskritischen Netzwerks. Ein Ergebnis davon ist die Konferenz ,,China und wir: Perspektiven für Frieden, Menschenrechte und sozial-ökologischen Wandel", die am Wochenende in Köln stattfand [https://www.attac.de/china-konferenz/startseite].

Bemerkenswert war an der von Attac und anderen Gruppen organisierten Konferenz vor allem zweierlei: Dass es erstmals überhaupt so etwas wie eine ,,linke China-Konferenz" gab. Die unerwartet hohe Zahl von 260 teilnehmenden Wissenschaftlern, Vertretern und Vertreterinnen von NGOs und sozialen Bewegungen, Feministinnen, Gewerkschaftern und Aktivisten verschiedener Strömungen zeigte das große Interesse, sich über die Folgen von Chinas Entwicklung auszutauschen.

Zugleich war es eine Wohltat, dass der derzeit ständig Schlagzeilen produzierende US-Präsident Donald Trump an dem Wochenende kaum vorkam, auch wenn vereinzelt deutlich wurde, dass es hierzulande manchen leichter fällt, einen polternden US-Imperialismus reflexartig zu verdammen, als Pekings subtilere Machtpolitik zu verstehen.

Die Themen reichten von der Taiwan-Frage und dem südchinesischen Meer über soziale Proteste, prekäre Arbeitsbedingungen, Wanderarbeiter, Klima- und Energiepolitik, Finanzbeziehungen und Technologiekonkurrenz, ethnische Minderheiten, chinesische Konzerne in Europa bis hin zu Fragen von Marxismus und heutigem Imperialismus.

Der Sinologe Heiner Roetz zeichnete die Entwicklung von Pekings offizieller Menschenrechtspolitik nach. Im globalen Diskurs darüber machte er mit Universalisten, Kulturrelativisten und Historisten (,,Wandel durch Handel") drei Hauptströmungen aus. Er zeigte Pekings Widersprüche und Inkonsistenzen bei der Zurückweisung westlicher Kritik auf, genauso wie die politische Instrumentalisierung dieser westlichen Kritik durch Regierungen der USA und Europas.

Doch relativierte er dabei nicht die Berechtigung der Kritik an China, etwa von Organisationen wie Human Rights Watch. Trotzdem machte er klar, dass Menschenrechtskritik westlicher Regierungen selektiv erfolge, was ihrer Glaubwürdigkeit schade.

Ein wenig überzeugender Kontrapunkt war dazu der Beitrag der Publizistin Renate Dillmann zum ,,Feindbild China". Sie tat die China-Kritik des Westens in einem Schwall von Whataboutism mit Verweisen auf dessen in der Tat existierender Doppelmoral einfach ab. Statt Chinas Menschenrechtsverletzungen ernst zu nehmen, relativierte sie diese. Damit erweckte sie ganz im Sinne Pekings den Eindruck, das Problem sei doch vor allem eine verzerrte Wahrnehmung in der westlichen Politik und in den Medien.

,,Man darf sich in der China-Debatte vor keinen Karren spannen lassen", sagte hingegen Felix Wemheuer, der als Professor für Moderne China-Studien die Konferenz an die Universität Köln geholt hatte. Dabei wurde deutlich, wie heikel es ist, öffentlich über China zu diskutieren, ohne sich dabei von der Regierung in Peking einbinden zu lassen oder platte westliche Anti-China-Narrative zu bedienen. So sagten alle geladenen Vertreter aus China und der chinesischen Diaspora kurz zuvor ab, mutmaßlich wegen politischem Druck oder aus Sorgen vor negativen Konsequenzen.

Mehrere Teilnehmende berichteten geradezu nostalgisch, wie vergleichsweise einfach ein Austausch mit Vertreterinnen und Vertretern der chinesischen Zivilgesellschaft noch vor dem Machtantritt von Chinas Partei- und Staatschef Xi Jinping 2012 gewesen sei. Heute sei dies von Peking nicht erwünscht, womit die Polarisierung der China-Debatte, der sich die Konferenz zu verweigern versuchte, auch von Peking vorangetrieben wird. Laut Wemheuer sei es zwar weiter möglich, mit chinesischen Experten im kleinen Kreis zu diskutieren, aber offenbar ,,nicht auf einem großen Kongress mit Ankündigung im Internet".

So blieb etwa auch das Panel über die Arbeitsbedingungen in der Plattformökonomie in China, wo Essenslieferdienste geschätzte 10 Millionen Menschen beschäftigen, ohne chinesische Vertreter. Die Rider genannten und weitgehend rechtlosen Essenskuriere kämpfen in Europa wie China gegen prekärste Arbeitsbedingungen. Frühere Ansätze zur Selbstorganisation und Gegenwehr dieser Beschäftigten endeten in China mit der Verhaftung des Mengzhu genannten Aktivisten Chen Guojian im Jahr 2021. Sein genaues Schicksal ist unklar.

Das Publikum wie die Organisatoren waren vor allem grauhaarig. Für die Generation TikTok sind China-Analysen offenbar kein Thema. Wemheuer räumte selbstkritisch ein, dann man jetzt zudem versäumt habe, sich stärker mit der Kommunistischen Partei Chinas zu beschäftigen.

Nicht abschließend beantwortet wurde die Ausgangsfrage, ob China nun kapitalistisch oder sozialistisch sei. Das wird dort ja mit dem parteichinesischen Begriff der ,,sozialistischen Marktwirtschaft" selbst offen gelassen. Eine Teilnehmerin bilanzierte: ,,In China gibt es eine größere Ambivalenzfähigkeit. Vielleicht können wir die unterschiedlichen Positionen einfach nebeneinander stehen lassen."


Aus: "Chinas Komplexität von links betrachtet" Aus Köln Sven Hansen (23.3.2026)
Quelle: https://taz.de/Linke-Konferenz-zum-Reich-der-Mitte/!6165148/

https://taz.de/Chinas-neues-Klimaziel/!6160484/ (6.3.2026)

https://taz.de/dpa-Korrespondent-ueber-Taiwan/!6161373/ (17.3.2026)

...

#8
Die Volksrepublik China ... Nach Gesamtfläche (Land und Wasser) ist China mit 9.596.960 km² der viertgrößte und nach Landfläche mit 9.326.410 km² der drittgrößte Staat der Welt. ... Dort lebten im Jahr 2021 nach Angaben des Nationalen Statistikamtes 1.412.600.000 Einwohner. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Volksrepublik_China

https://de.wikipedia.org/wiki/Kulturrevolution

https://de.wikipedia.org/wiki/Politisches_System_der_Volksrepublik_China

https://de.wikipedia.org/wiki/Kommunistische_Partei_Chinas

https://de.wikipedia.org/wiki/Menschenrechte_in_der_Volksrepublik_China

https://de.wikipedia.org/wiki/Zensur_in_der_Volksrepublik_China

...
#9
... Statt sich also über jeden neuen Einzelfall zu empören, wäre es wichtiger, das strukturelle Problem eines Verbandes zu erkennen, für den der Glaube ein politisches Instrument ist. ...

Quote[...] Eine Hamburger Ditib-Moschee will Jubiläum feiern – und lädt Islamisten als Redner ein. Doch billige Empörung über den Fall hilft auch nicht weiter.

Es ist wie der Autounfall: Man will nicht hinschauen – und kann doch nicht wegsehen, wie die Hamburger Kocatepe-Camii-Moscheegemeinde und mit ihr der Landesverband Ditib da agiert, seit vor zwei Wochen die ersten Vorwürfe gegen ihr geplantes Jubiläumsfest laut wurden.

Mitte Mai feiert die Gemeinde im Bezirk Bergedorf ihren 40sten Geburtstag; ein mehrtägiges, großes Fest auf dem öffentlichen Frascatiplatz soll da begangen werden mit Tausenden Besucher:innen. Hüpfburgen für Kinder werden aufgebaut, diverse Essensstände – und auch eine Bühne für islamistische Prediger.

,,Hamasverherrlichung und Judenhass" kritisierte zu Recht die Bergedorfer FDP, weil die Ditib-Gemeinde geplant hatte, Bünyamin Topçuoğlu und Mustafa Özcan Güneşdoğdu auftreten zu lassen. Der Autor Eren Güvercin hatte darauf hingewiesen, was für Äußerungen die beiden in der Vergangenheit getätigt hatten: Ersterer, ein hochrangiger Vertreter der türkischen Religionsbehörde Diyanet, nannte etwa einen früheren Hamas-Chef einen ,,Märtyrer" und stellte im Zuge des 7. Oktober das Existenzrecht Israels infrage [https://taz.de/Pro-Hamas-Proteste-in-der-Tuerkei/!6025141/].

Der Zweite, Güneşdoğdu, ist ein in Hannover suspendierter Prediger, der Hamas-Vertreter auch schon als ,,Helden" bezeichnete und ebenso widerliche Äußerungen nach dem 7. Oktober von sich gab.

Es dauerte ein bisschen, ehe über Umwege bekannt wurde, dass beide Redner von der Liste gestrichen wurden. ,,Die Gemeinde hat in der Zwischenzeit in einem internen Prozess mit dem Ditib-Landesverband die Veranstaltung überprüft und mitgeteilt, dass die zwei genannten Personen nicht teilnehmen werden", teilte das Bergedorfer Bezirksamt dem Hamburger Abendblatt mit. Auch zwei weitere geplante Redner sollen mittlerweile nicht mehr eingeplant sein.

Natürlich aber ist die Geschichte nun nicht zu Ende: Denn während der Ditib-Landesverband noch eine ,,Aufarbeitungskommission" als Beruhigungspille versprach, stehen nun auch die zwei verbliebenen Redner im Fokus: Auch ihnen wird vorgeworfen, in sozialen Netzwerken antisemitische Inhalte geteilt und islamistische Terroristen gefeiert zu haben.

Für Güvercin, der sich schon länger kritisch mit dem aus der Türkei gelenkten Islamverband Ditib auseinandersetzt, ist denn auch an seinem Hamburger Landesverband kaum mehr etwas glaubwürdig. Er sei ja schließlich ,,trotz einer ,Aufarbeitungskommission' selbst nicht in der Lage, dafür zu sorgen, dass keine Antisemiten und Terrorverherrlicher eine Bühne in Hamburg bekommen".

Dass die Glaubwürdigkeit damit erst einmal weg ist, kann ja durchaus bedauern, wer kein rassistischer Islamfeind sein will. Wegen solcher Einzelaktionen verallgemeinernd nach einem staatlichen Veranstaltungsverbot zu rufen, wie es die FDP tut, ist jedenfalls arg billig.

Bloß: ,,Statt aufzuklären, lavierte die Ditib rum, verstrickte sich in Widersprüche und distanzierte sich eilig von der Geisteshaltung", urteilte die Zeit einmal bei einem ähnlichen Vorfall, der sich vor drei Jahren in einem Kölner Ditib-Saal abspielte [https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2023-11/ditib-taliban-besuch-koeln-recep-tayyip-erdogan]. Die Bewertung hat auch im heutigen Fall ihre Gültigkeit. Statt sich also über jeden neuen Einzelfall zu empören, wäre es wichtiger, das strukturelle Problem eines Verbandes zu erkennen, für den der Glaube ein politisches Instrument ist.


Aus: "Und wieder ein Einzelfall" Kommentar von André Zuschlag (5.5.2026)
Quelle: https://taz.de/Kritik-an-Ditib-Moschee-in-Hamburg/!6176378/
#10
Quote[...] Prinz Reuß, mutmaßlicher Anführer eines geplanten Reichsbürger-Putschs, will von seinen Mitverschwörer*innen eigentlich nur ausgenutzt worden sein.

Eine Einlassung vor Gericht als Talkshow: Das hat man auch noch nicht so oft erlebt. Seit beinahe zwei Jahren muss sich Heinrich XIII. Prinz Reuß als mutmaßlicher Kopf einer Reichsbürger-Bande vor dem Staatsschutzsenat des Frankfurter Oberlandesgerichts verantworten. Zusammen mit 24 weiteren Männern und Frauen – 8 von ihnen sitzen neben ihm auf der Anklagebank, den anderen wird parallel in Stuttgart und München der Prozess gemacht – soll Reuß einen bewaffneten Umsturz in Deutschland vorbereitet haben. Um Terrorismus und Hochverrat geht es in der Anklage.

Reuß, mittlerweile 74 Jahre alt, hat bereits im Dezember alle Putschvorwürfe zurückgewiesen und seine Unschuld beteuert. Jetzt will der Frankfurter Immobilienunternehmer nachlegen, indem er sich von seinem Verteidiger Roman von Alvensleben mit vorgeblich kritischen Fragen – ,,Jetzt mal ehrlich!" – am Zeugentisch interviewen lässt. Sie hätten das in der Haftanstalt ,,erprobt", sagt der Anwalt, sein Mandant habe ,,orientiert" geantwortet. Messlatten hingen auch schon mal höher.

Bei den Prozesstagen am Dienstag und Mittwoch wird – in seiner Selbstdarstellung jedenfalls – aus dem adeligen Angeklagten, den die Bundesanwaltschaft für einen der Rädelsführer hält, ein Mitläufer, wenn überhaupt. Das Bild, das Reuß von sich zeichnet, ist das eines gutherzigen, geradezu liebenswerten Trottels. Er sei ,,ein bisschen schwer von Kapee", sagt er irgendwann. Nicht der Schnellste im Kopf also. Und: leicht auszunutzen.

Von seinem Mitangeklagten Maximilian Eder, einem ehemaligen Oberst der Bundeswehr, habe er sich 50.000 Euro abschwatzen lassen – angeblich, um unterirdische Tunnel observieren zu können, in denen Kinder massenhaft von Machteliten gefoltert würden. Eine von ungezählten Verschwörungserzählungen und Reichsbürger-Mythen, die im Kreise der Angeklagten für bare Münze genommen wurden, auch von Reuß.

,,Das ging ja durch die Medien", sagt Reuß. Und meint: durch Telegram. Selbst im Gerichtssaal kommen ihm noch die Tränen, als er erzählt, wie ihm das von einer Mitangeklagten geführte Gespräch mit einem vermeintlich ,,satanisch-rituell" missbrauchten Mädchen vorgespielt wurde. Laut Anklage soll das Geld, das er Ex-Oberst Eder gab, für einen Angriff auf den Bundestag gedacht gewesen sein.

Reuß sagt: Er habe geglaubt, dass eine internationale Geheimarmee namens ,,Erdallianz", die von den Angeklagten (wie von anderen Telegram-Gläubigen) herbei halluziniert wurde, einmarschieren und die Kinder in den Tunneln befreien würde. Er aber will diese Invasion trotzdem nicht herbeigesehnt haben – weil er Sorge gehabt habe, dass ein Systemsturz sein 30-jähriges Ringen um die Restitution des fürstlichen Familienbesitzes endgültig scheitern lassen würde.

Mit dem ,,Rat", der in seinem Jagdschloss im thüringischen Bad Lobenstein tagte und dem unter anderem die mitangeklagte frühere AfD-Bundestagsabgeordnete Birgit Malsack-Winkemann angehörte, habe man sich auf das Eintreffen der Allianz vorbereiten wollen. Reuß nennt die Runde mal ,,Stammtisch", mal ,,Thinktank".

Dass dabei ministeriumsartige Ressorts vergeben wurden, sei bloß eine ,,Scharade" gewesen, wie einst in Kindestagen: ,,Du spielst jetzt Justiz, du spielst Wirtschaft, du spielst Gesundheit." Eine designierte Putschregierung habe das nie sein sollen, beteuert Reuß. Jedenfalls für ihn nicht, der jegliche Gewalt strikt abgelehnt habe. Und da wird es interessant.

,,Ich weiß nicht, was gesprochen wurde, wenn ich draußen war, um mich ums Essen zu kümmern", sagt der Schlossherr, der mit den Treffen an seinem Esstisch erstaunlich wenig zu tun gehabt haben will. Die Teilnehmenden hätten sich quasi selbst eingeladen, er habe nur moderiert und sich ums leibliche Wohl gekümmert, behauptet Reuß.

Treibende Kräfte seien andere gewesen. Der Ex-Fallschirmjäger-Kommandeur Rüdiger von Pescatore zum Beispiel, der ebenfalls in Frankfurt vor Gericht steht und bislang zu den Vorwürfen schweigt. Oder der selbst ernannte ,,Seher" Thomas T., der im Münchner Prozess kürzlich Umsturzpläne eingeräumt hat.

Reuß und seine Anwälte haben ihre Verteidigungslinie damit strategisch verschoben. Statt die Anklage komplett als Unsinn zu brandmarken, heißt es jetzt nur noch: keine Ahnung, was die anderen vorhatten, aber für Prinz Reuß wäre ein Putsch nie infrage gekommen.

Das Bemühen, sich klein und unbedeutend zu machen, treibt dabei bizarre Blüten. Dass ihn seine mutmaßlichen Mitverschwörer*innen ,,Chef" nannten? Habe rein gar nichts zu bedeuten. Schließlich werde er von seinem Autoschrauber oder in der Eisdiele manchmal ja auch so angesprochen.


Aus: "Vom Rädelsführer zum Trottel" Aus Frankfurt Joachim F. Tornau (22.4.2026)
Quelle: https://taz.de/Reichsbuerger-Prozess-um-Prinz-Reuss-Vom-Raedelsfuehrer-zum-Trottel/!6172944/

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Quote[...] Regisseurin Marie Schwesinger verfolgt den Reichsbürger-Prozess gegen die Gruppe Reuß. ,,Sturm auf Berlin" über Umsturzfantasien, die in staatliche Strukturen reichen.

,,Wir brauchen eine Insel", das ist einer der Sätze aus dem Prozess, der Marie Schwesinger in Erinnerung bleiben wird. Geschrieben hat ihn eine der Angeklagten. Dahinter verbirgt sich die Überlegung, eine Nordseeinsel zum Staatsterritorium zu erklären. Dort eine druidische Glaubensgemeinschaft auszurufen, um so die Corona-Impfung aus religiösen Gründen ablehnen zu können. Schwesinger erklärt im Gespräch, wie sich darin viele ideologische Elemente des Milieus verdichten: ein ,,Wir gegen den Rest der Welt", aber auch ein ,,Wir verkapseln uns im Schloss Waldmannsheil im Thüringer Wald und versuchen von hier aus, die Neuordnung Deutschlands zu planen." Mutmaßlich, das müsse man immer dazusagen.

Die Regisseurin beobachtete seit Jahren mehrere Prozesse gegen Rechtsextreme: den Mordprozess um Walter Lübcke, das Verfahren gegen den Bundeswehrsoldaten Franco A. und den NSU 2.0. Nun sitzt sie im Reichsbürger-Prozess gegen die sogenannte Gruppe Reuß, der seit 2024 an drei Standorten läuft. Im Frankfurter Oberlandesgericht entstanden 1.200 Seiten Protokoll. Sie sind die Grundlage für ,,Sturm auf Berlin", das Theaterstück, das sie im Regie-Nachwuchsprogramm WORX am Berliner Ensemble entwickelt hat. Darin erforscht sie, was geschieht, wenn der Staat von innen angegriffen wird.

25 Angeklagte stehen vor Gericht. Ihnen wird die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen, dazu die Planung eines gewaltsamen Umsturzes und Hochverrat. Ein Vorwurf, der für Schwesinger historische Parallelen öffnet.

Im März 1920 marschiert das Freikorps ,,Marinebrigade Ehrhardt" auf Berlin. Die Organisation, die hinter dem sogenannten Kapp-Putsch steht, plante Heimatschutzkompanien in ganz Deutschland. Verdeckte Schläferzellen sollten auf einen Befehl hin in die Hauptstadt ziehen. Es sei, ergänzt Schwesinger, dieselbe Gruppe, die später Walther Rathenau und Matthias Erzberger ermorden würde. Die Weimarer Republik übersteht den Putsch nur dank eines landesweiten Generalstreiks. Gut hundert Jahre später soll die Gruppe Reuß exakt 286 solcher Kompanien geplant haben. Die Parallele ist dem Anklagedossier im Frankfurter Prozess zu entnehmen, ist also keine dramaturgische Konstruktion, die Schwesinger zurechtbiegen muss.

Was Schwesinger an diesem Milieu fasziniert, ist auch das, was sie als größte Herausforderung beschreibt. Es ist heterogen, zusammengesetzt aus sogenannten besorgten Bürgern und Menschen aus der Ökoszene, die sich oft beim Demonstrieren gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen gefunden haben. ,,Keine klassischen Neonazis." Marie Schwesinger erlebt dort Menschen, die sich selbst als Retter der Demokratie verstehen, die sagen, sie wollten die demokratischen Strukturen erst wiederherstellen. ,,Das trifft auf einen Staat, der versucht zu sagen, das, was ihr vorhattet, war der Sturz der Demokratie."

Dabei sind die Angeklagten weder Aussteiger noch Abseitige. Viele waren Teil staatlicher Strukturen. ,,Da sitzt der Gründer des KSK, der Teil des Nato-Hauptquartiers war. Da sitzt jemand, der Teil des Fallschirmjägerbataillons war. Da sitzt ein Ex-Polizist, der sich sehr klar antisemitisch in Telegram-Gruppen geäußert hat und zuständig war, ein neues Sicherheitskonzept für jüdische Gemeinden in Niedersachsen zu entwickeln. Da sitzen eine Richterin und Bundestagsabgeordnete der AfD." Für die Kunst und das Theater interessiert die Regisseurin daran besonders, was passiert, wenn solche Denkweisen in den Staat hineinragen. Wenn Menschen mit Umsturzplänen Zugang haben zu Waffen und zu Informationen, zu Munition und zu Macht.

,,Sturm auf Berlin" feiert am 7. Mai Premiere, lange bevor ein Urteil erwartet wird. Für die Stückentwicklung ist die Frage der Verurteilung aber auch nicht die Wichtigste. Schwesinger möchte erforschen, wie Verschwörungserzählungen die Gesellschaft und ihr demokratisches Fundament porös machen. Damals, beim Kapp-Putsch, wie heute, beim geplanten Putsch der Gruppe Reuß.

Auch die Sprache, die im Gerichtssaal gesprochen wird, interessiert Schwesinger. Sie will untersuchen, was Aussagen wie ,,Wir brauchen eine Insel" auslösen, wenn sie diese vom Gerichtssaal in den Theatersaal transportiert. Sie will Sätze, die im Prozess fielen, auf der Bühne aufeinanderprallen lassen – sie im Zweifel aber auch auseinandernehmen, wenn es sich um Verschwörungserzählungen handelt. Wie sie das anstellen möchte? Sie trägt die Irritation in ihre Inszenierung. Spielende unterbrechen sich gegenseitig, sagen vielleicht: ,,Nee, Entschuldigung, das kann ich nicht sprechen" oder: ,,Was hast du da gerade gesagt?" Dann sprechen sie weiter, ohne eine große pädagogische Lehrnummer daraus zu machen.


Aus: "Taten, die in der Zukunft liegen" Luca Klander (6.5.2026)
Quelle: https://taz.de/Reichsbuerger-Stueck-am-Berliner-Ensemble/!6172759/
#11
... Frankreich ist ein zutiefst widersprüchliches Land. Republikanisch-fortschrittlich und konservativ-katholisch zugleich, hin- und hergerissen zwischen dem Erbe der Revolution und autoritären Traditionen. Königtum und Kaiserreich, Ludwig XIV. und Bonaparte, die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte und die Guillotine – das alles, möchte man meinen, liege weit zurück. Aber die historischen Gegensätze wirken weiter, in der öffentlichen Debatte, in der politischen Auseinandersetzung, auch in der Literatur. ...

Quote[...]  Rechts gegen links? Beim Streit zwischen dem Medienunternehmer Vincent Bolloré und prominenten Schriftstellern geht es vor allem um die Identität des Landes.

Der Mann, von dem manche sagen, er sei eine Gefahr für die Demokratie in Frankreich, pilgert regelmäßig nach Lourdes. In den kleinen Wallfahrtsort am Fuße der Pyrenäen, zur Grotte von Massabielle, wo einem jungen Mädchen vor sehr langer Zeit die Mutter Gottes erschienen sein soll. Sein Glaube sei »etwas kindlich«, hat Vincent Bolloré über sich selbst gesagt. In seinem Pariser Büro steht eine Marienstatue, in seinem Portemonnaie verwahrt er kleine Heiligenbilder.

Man könnte den 74-jährigen Unternehmer somit leicht für einen einfältigen Frömmler halten. Selbst die katholische Tageszeitung La Croix findet, Bollorés Katholizismus sei »ein bisschen retro«. Doch der Frömmler hat in Frankreich einen Kulturkampf entfacht, wie ihn das Land schon lange nicht mehr erlebt hat.

Dieser Kampf schwelt seit einigen Jahren. Offen ausgetragen wird er, seit Grasset, einer der wichtigsten Literaturverlage des Landes, seinen langjährigen Verlagsleiter Olivier Nora Mitte April entlassen hat. Grasset gehört zur Verlagsgruppe Hachette, Bolloré hatte sie im Sommer 2023 übernommen. Schon damals gab es Proteste aus Sorge um die Unabhängigkeit der Verlage. Nach Noras Rauswurf haben mehr als 200 Autorinnen und Autoren, deren Bücher bislang bei Grasset erschienen waren, angekündigt, den Verlag zu verlassen. Darunter große Namen und sehr unterschiedliche Autoren wie Virginie Despentes, Bernard-Henri Lévy oder Frédéric Beigbeder.

Nun kursieren in Paris Unterschriftenlisten, Manifeste werden verfasst, am 13. Mai soll im Théâtre de la Concorde ein Solidaritätsabend stattfinden. Die abtrünnigen Autorinnen und Autoren werfen Bolloré vor, er führe einen »ideologischen Krieg, der darauf abzielt, überall in der Kultur und in den Medien autoritäre Strukturen zu schaffen«. Selbst Emmanuel Macron, der Staatspräsident, warnte vor einem Verlust verlegerischer Vielfalt.

Der Autor und Journalist Éric Fottorino, er führt selbst einen kleinen Verlag, hat zum »Widerstand« aufgerufen: Man müsse »die Mechanismen dieses Gehirnwäscheunternehmens aufdecken«. Résister, das Wort erinnert an den Kampf gegen die deutschen Besatzer während des Zweiten Weltkriegs.

Frankreich ist ein zutiefst widersprüchliches Land. Republikanisch-fortschrittlich und konservativ-katholisch zugleich, hin- und hergerissen zwischen dem Erbe der Revolution und autoritären Traditionen. Königtum und Kaiserreich, Ludwig XIV. und Bonaparte, die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte und die Guillotine – das alles, möchte man meinen, liege weit zurück. Aber die historischen Gegensätze wirken weiter, in der öffentlichen Debatte, in der politischen Auseinandersetzung, auch in der Literatur. Anne Berest – auch ihr jüngstes Buch Die Postkarte ist bei Grasset erschienen – spricht aus, was viele fürchten: »Ich möchte nicht, dass die Rechte meiner Bücher dazu dienen, den Wahlkampf von Jordan Bardella zu finanzieren.« Bardella ist Vorsitzender des rechtsnationalen Rassemblement National (RN) und gilt als aussichtsreicher Kandidat für die Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr. Er hat selbst zwei Bücher bei Fayard, einem anderen Verlag der Hachette-Gruppe, veröffentlicht, unter anderem seine Autobiografie.

Ein reicher Mann, der seine Milliarden dafür einsetzt, die Ideen und Parolen der extremen Rechten zu verbreiten – das ist das Bild, das Berest und andere nun von Bolloré zeichnen. Dieses Bild ist nicht falsch, aber es ist unscharf und unvollständig ohne dessen Glauben. Denn die französische Rechte kennt viele Strömungen, auch viele Extreme. Und auf die Partei Marine Le Pens, den RN, haben Männer wie Bolloré lange Zeit nur herabgeschaut.

Frankreich ist ein zutiefst widersprüchliches Land. Republikanisch-fortschrittlich und konservativ-katholisch zugleich, hin- und hergerissen zwischen dem Erbe der Revolution und autoritären Traditionen. Königtum und Kaiserreich, Ludwig XIV. und Bonaparte, die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte und die Guillotine – das alles, möchte man meinen, liege weit zurück. Aber die historischen Gegensätze wirken weiter, in der öffentlichen Debatte, in der politischen Auseinandersetzung, auch in der Literatur.

Der deutsche Autor und Übersetzer Wolfgang Matz hat ein Buch geschrieben darüber, wie sehr die meisten französischen Schriftsteller sich entlang dieser historischen Bruchlinie definieren, Frankreich gegen Frankreich. »Als sei die Spaltung in zwei Extreme unverzichtbares Lebenselement dieses Landes und seiner Gesellschaft«, schreibt Matz, »haben französische Intellektuelle und Schriftsteller alles darangesetzt, die alte Konfrontation um jeden Preis und nach jedem noch so starken Bruch von Neuem zu zementieren.«

Die katholische Kirche war in dieser Geschichte der Gegensätze stets Partei. Sie hat das Königtum gestützt und die Republik lange Zeit bekämpft. Umgekehrt haben die Revolutionäre Kirchen und Klöster geplündert und nichts unversucht gelassen, um dem Land den Katholizismus auszutreiben. Seit 1871 ist Frankreich endgültig Republik, seit 1905 ist der Staat per Gesetz zu religiöser Neutralität verpflichtet. Der Laizismus steht in der Verfassung. Es gibt in Frankreich deshalb weder Kirchensteuern noch Religionsunterricht an öffentlichen Schulen. Und wehe, der Präsident bekreuzigt sich in der Öffentlichkeit!

Doch unter der Oberfläche wirken die alten Mächte weiter. Es gibt in der französischen Bourgeoisie bis heute einen elitären, reaktionären Katholizismus, der in Deutschland allenfalls noch in Spurenelementen existiert. Die Mitglieder dieser Elite besuchen besondere Kirchen und schicken ihre Kinder oft auf ausgewählte katholische Privatschulen. Vor allem im Pariser Westen finden sich einige von ihnen, die als Kaderschmieden und besonders konservativ gelten. Auch Vincent Bolloré hat vor Jahrzehnten eine dieser Privatschulen besucht. Heute finanziert der Milliardär ein katholisches Studierendenwohnheim, ebenfalls im Westen der Hauptstadt.

Vincent Bolloré sagt von sich selbst, er sei »mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden«. Seine Familie besaß eine Papierfirma, Bolloré hat sie früh von seinem Vater übernommen. Später investierte er in Eisenbahnen in Afrika, er kaufte Palmölplantagen und Häfen in Togo und in Guinea. Geschäftspartner schildern seine Methoden als aggressiv und wenig christlich. Im Herbst muss sich Bolloré wegen des Vorwurfs der Korruption vor Gericht verantworten. So ist er einer der reichsten Männer Frankreichs geworden; sein Vermögen wird auf rund zehn Milliarden Dollar geschätzt.

Vor 20 Jahren hat Bolloré zum ersten Mal in einen Fernsehsender investiert, seitdem hat er nach und nach ein Medienimperium geschaffen. Bolloré besitzt einen Nachrichten- und einen Bezahlsender, mehrere Radiostationen, eine traditionsreiche Sonntagszeitung, das Journal du Dimanche (JDD), verschiedene Magazine, eine katholische Wochenzeitschrift und seit der Übernahme von Hachette einige der wichtigsten Buchverlage des Landes. Es ist nicht ungewöhnlich in Frankreich, dass reiche Industrielle Zeitungen oder Fernsehsender kaufen. Meist achten sie darauf, dass diese unternehmerfreundlich berichten. Klassische Verleger sind eher selten.

Doch Bollorés Interventionen gehen weit darüber hinaus. Meist wiederholt sich dabei ein ähnliches Muster: Der Milliardär übernimmt einen Titel, hievt einen Gefolgsmann an die Spitze und tauscht anschließend die Redaktion aus. Besonders offensichtlich geschah das beim Journal du Dimanche. Nachdem Bolloré den Titel 2023 übernommen hatte, setzte er Geoffroy Lejeune an die Spitze. Erst streikte die Redaktion, dann verließen die meisten Journalistinnen und Journalisten das Blatt. Lejeune ist ein radikal rechter Kulturkämpfer, der mit herkömmlichem Journalismus wenig zu tun hat. Gleich in der ersten Ausgabe unter seiner Führung veröffentlichte die Zeitung einen offenen Brief, in dem Eltern, deren Kinder zu Opfern von Gewaltverbrechen wurden, die Regierung anklagten. Der Brief, so stellte sich heraus, war von der Redaktion selbst verfasst worden. Ein anderes Mal berichtete das JDD wochenlang über eine Unterschriftenkampagne gegen illegale Migration. Die Kampagne, zeigte sich später, hatte die Zeitung selbst mitinitiiert.

Was Bolloré als Journalismus verkauft, ist in Wahrheit ein selbstreferenzielles System. Dieselben Köpfe, die in seiner Zeitung schreiben, diskutieren in seinem Nachrichtensender miteinander und interviewen sich in seinen Radiostationen gegenseitig. Dabei zeichnen sie immer dasselbe Bild: Frankreich, ein christliches Land im Niedergang, wird überrannt von muslimischen, oft gewalttätigen Migranten, die von einer radikalen, woken Linken unterstützt werden. Dazu werden katholische Messen übertragen und konservative Kirchenmänner befragt. Manches wirkt skurril, etwa eine Sondersendung über Yvonne-Aimée de Malestroit, eine weitgehend unbekannte Mystikerin, die offensichtlich seinem Großvater nahestand. Doch hinter dem Kinderglauben, den Bolloré ausstellt, verbirgt sich ein ideologisch zugespitzter, identitärer Katholizismus. Das christliche Abendland und Frankreich, die »älteste Tochter der Kirche«, müssen gerettet werden.

Ähnlich geschieht es nun bei Bollorés Buchverlagen. Bei Fayard haben zuletzt Jordan Bardella, Nicolas Sarkozy, der extrem rechte ehemalige Präsidentschaftskandidat Philippe de Villiers, die frühere Chefin des mittlerweile verbotenen russischen Propagandakanals Russia Today in Frankreich, Xenija Fjodorowa, und der erzkonservative Kardinal Robert Sarah Bücher veröffentlicht. De Villiers hat außerdem eine eigene Sendung in Bollorés Nachrichtensender, genau wie Sarah präsentiert er seine Positionen regelmäßig im JDD.

In seiner Sonntagszeitung hat Bolloré zuletzt sogar selbst geschrieben, ein ungewöhnliches Dokument. Der Unternehmer äußert sich selten zu seinen Absichten, meist lässt er andere für sich sprechen. Aber auf den Aufstand der Grasset-Autoren reagierte er nun mit einer kurzen, scharfen Erklärung. Bolloré rechnete öffentlich vor, wie viel der geschasste Grasset-Leiter Nora verdient und wie wenige Bücher er zuletzt verkauft habe. Wie könne es sein, fragte Bolloré rhetorisch, dass dessen Rauswurf so viel Lärm verursache, während es Millionen Franzosen finanziell schlecht gehe? »Ganz einfach, weil dies eine kleine Kaste berührt, die sich über allem und jedem wähnt.« Flankiert wurde die Erklärung von einem redaktionellen Text, der die Affäre als eine Verschwörung linker Gutmenschen diffamiert: Die »mondäne Linke« sei in Panik geraten und veranstalte nun einen »antifaschistischen Jahrmarkt«.

Die französische Rechte kennt viele verschiedene Strömungen und historische Nuancen. Oft war sie härter und rechter als andere Rechte in Europa. Auf die Französische Revolution und die anschließende Terreur folgte eine »theokratische und konterrevolutionäre Reaktion«, schreibt der Historiker Jacques de Saint Victor. Er sieht darin die Wurzel für »das Drama der französischen Rechten«. Statt gemäßigter Konservativer hätten lange Zeit radikale Stimmen wie Charles Maurras den Ton angegeben. Der rechtsextreme Autor propagierte nach der Dreyfus-Affäre zum Ende des 19. Jahrhunderts »la belle haine«, den schönen Hass: »Juden und Ausländer zu hassen, bedeutet Frankreich zu lieben.«

Vincent Bolloré ist nach allem, was man weiß, kein Antisemit. Er nennt sich selbst einen christlichen Demokraten. Aber die Unversöhnlichkeit und Schärfe, die die Geschichte der französischen Rechten geprägt haben, finden sich in dem Kulturkampf, den seine Medien heute führen, wieder.

In einem Jahr wird in Frankreich ein neuer Präsident gewählt oder eine Präsidentin. Bollorés jüngstes Projekt ist eine Art Denkfabrik, das Institut de l'espérance. Mit ihm will er »einen Raum christlich inspirierter Reflexion« schaffen, so steht es in den Unterlagen, die die Nachrichtenagentur Bloomberg einsehen konnte. Zu den Vorschlägen, die das Institut macht, gehören eine Verschärfung des Abtreibungsrechts, weniger Zuwanderer und ein morgendlicher Fahnenappell an den Schulen.

Bei der bislang letzten Präsidentschaftswahl, 2022, haben Bollorés Medien den rechtsextremen Publizisten Éric Zemmour unterstützt. Dieser war durch eine tägliche Sendung in Bollorés Fernsehsender bekannt geworden. Allerdings scheiterte Zemmour bei der Präsidentschaftswahl mit nur sieben Prozent. Heute propagieren das JDD und Bollorés Sender deshalb eine »Union der Rechten«, einen Zusammenschluss von Konservativen und Nationalisten, von rechts und rechtsaußen. Noch zieren sich die Konservativen.


Aus: "Der alte Katholizismus will Frankreich zurückhaben" Matthias Krupa, Paris (5. Mai 2026)
Quelle: https://www.zeit.de/feuilleton/literatur/2026-05/vincent-bollore-verlag-grasset-kulturkampf-frankreich/komplettansicht

QuoteLeFou

Das Phänomen alter reicher Männer, die mit ihrem Kulturkampf versuchend die Freiheit zu bekämpfen und die Fantasie zu ersticken, ist nicht neu, denkt man an Berlusconi, Springer oder Murdoch. auch in Deutschland gibt es diese Kulturverhinderer und Förderer rechtsextremer, libertärer Strömungen, wie Döpfner, Gotthardt und auch Weimer.

Was sie alle verbindet ist der Neid auf die nicht zurückkehrende Jugend und die Gewissheit der eigenen Endlichkeit.


QuoteMatrawitz

    "Förderer rechtsextremer, libertärer Strömungen"

Sie schreiben Unsinn. Individuelle Freiheit, Eigenverantwortung und uneingeschränktes Privateigentum (Libertäre Philosophie) hat nicht das Geringste mit rechtsextremen Attentätern zu tun.


QuoteLeFou

Antwort auf @Matrawitz

Welche Attentäter?

     Individuelle Freiheit

Nur für die, die es sich leisten können.

    Eigenverantwortung

Eigenverantwortung ist nicht Selbstbestimmung, es ist ein Euphemismus für die Ablehnung jeglicher Verantwortung für die Gesellschaft, die diesen Reichtum erst ermöglicht. Dissozial, einfach ausgedrückt.

    uneingeschränktes Privateigentum

Nur für bestimmte Personen, die anderen kann man gerne entrechten und schröpfen. Es ist einfach uneingeschränkter Egoismus. Und wie wir heute immer klarer erfahren, wir können uns diese Milliardäre nicht mehr leisten.

Libertarismus ist der heuchlerische Versuch diesen Egoismus zu rechtfertigen.


QuoteHelmberger
Antwort auf @Matrawitz

Döpfner und Weimar sind aber keine Anhänger der Liberalismus sondern einer rechts-konservativen Politik in welcherb der Staat die Werte vorschreibt und Meinungsfreiheit nur eingeschränkt gültig ist.


QuoteLeFou

Antwort auf @Helmberger

Er schreibt ja auch von Libertarismus, der pervertierten Form des Liberalismus, der mit Bürgerrechten so gar nichts mehr zu tun hat.

Döpfner und Weimer sind nicht rechts-konservativen, Döpfner ist klar Libertär und weit rechts außen, Weimers Kulturbegriff ist da eher völkisch geprägt, wie sein "Konservatives Manifest" belegt. Ein Auszug:

    Während Generation um Generation in einer Jahrtausende währenden Selbstverständlichkeit die Fortdauer der eigenen Familie, des eigenen Blutes, der Sippe, des Stammes, der Nation, der Kultur, der Zivilisation als einen heiligen Moment des Lebens begriffen hat, so bricht dieses Bewusstsein plötzlich in Scherben.


QuoteDer Herr Karl
Antwort auf @LeFou

Was ist denn das für ein erbärmliches Geschwurbel (ich meine damit die Ergüsse des Herrn Weimer)!


QuoteEchopage

Religion gehört nicht gefördert, sondern behandelt.


QuoteEsistsoschönmoralischseinzudürfen

    Religion gehört nicht gefördert, sondern behandelt

Gilt das wirklich für alle Religionen oder sagt sich das nur in einer christlich geprägten Umgebung so leicht?


QuoteEchopage

Antwort auf @Esistsoschönmoralischseinzudürfen

Die Freiheit in den christlichen Regionen ist gegen das Christentum erkämpft worden und ist nicht daraus entstanden. Unsere Ethik, unsere Werte, unsere Freiheit, sind das Ergebnis eines Kampfes gegen die Religion.


QuoteFaLanKeFuMuSiLin

Antwort auf @Echopage

Ihre Ethik, Ihre Werte sind vielleicht das Ergebnis eines Kampfes gegen die Religion. Meine nicht. Und die möchte ich auch bitte schön behalten und mich für sie einsetzen dürfen. Danke schön.


QuoteEchopage
Antwort auf @FaLanKeFuMuSiLin

Die Geschichte des Christentums und der Aufklärung sind kein Geheimnis.


QuoteAriane65

"Religion gehört nicht gefördert, sondern behandelt." Das wiederum ist Ihr Glaube.

Die Vorstellung eines Humanismus ist entstanden aus dem Gedanken, dass Gott den Menschen gleich ist. Darum hat er auch seinen eigen Sohn gesandt, um die Welt zu erlösen. Das war 1850 Jahre vor Marx.


QuoteEchopage
Antwort auf @Ariane65

Du behauptest also, Gott hat seinen Sohn foltern und töten lassen, um den Humanismus zu erschaffen? Hä? Und was willst du mit Marx, how much is the fish?


Quotevirales

Religion gehoert in das Privatleben und nicht in das oeffentliche Leben.


QuoteCafé Wichtig Ecke 103

Antwort auf @Echopage

    Die Freiheit in den christlichen Regionen ist gegen das Christentum erkämpft worden und ist nicht daraus entstanden. Unsere Ethik, unsere Werte, unsere Freiheit, sind das Ergebnis eines Kampfes gegen die Religion.

Etwas simpel.

Ihr Satz blendet aus, dass das Christentum selbst Konzepte hervorgebracht hat, die den Boden für spätere Freiheitsideen bereiteten.

Das Christentum betont die Menschenwürde des Einzelnen vor Gott (Ebenbild Gottes), ein antitotalitäres Moment.

Mit der Zwei-Reiche-Lehre legte es den Grundstein für die Trennung von religiöser und weltlicher Macht.

Menschenrechte haben Wurzeln in der biblischen Tradition, auch wenn sie erst säkularisiert universell wurden.

Religion, Seufzer der bedrängten Kreatur, Gemüt einer herzlosen Welt, Geist geistloser Zustände, kann als Sehnsucht nach dem ganz Anderen begriffen werden, als Ausdruck des Wunsches nach vollendeter Gerechtigkeit und als ohnmächtige Hoffnung auf einen Sinn, der jenseits der bloßen, ungerechten irdischen Realität liegt. Religion bewahrt auf paradoxe Weise die Erinnerung an das Leiden und die Hoffnung auf Erlösung - in dieser Welt. Im Angesicht der Verzweiflung wäre Aufklärung, der Versuch, alle Dinge so zu betrachten, wie sie vom Standpunkt der Erlösung aus sich darstellten. Perspektiven müsten hergestellt werden, in denen die Welt ähnlich sich versetzt, verfremdet, ihre Risse und Schründe offenbart, wie sie einmal als bedürftig und entstellt im Messianischen Lichte daliegen wird. Ohne Willkür und Gewalt, ganz aus der Fühlung mit den Gegenständen heraus solche Perspektiven zu gewinnen, darauf allein kommt es dem Denken an. Es ist das Allereinfachste, weil der Zustand unabweisbar nach solcher Erkenntnis ruft, ja weil die vollendete Negativität, einmal ganz ins Auge gefaßt, zur Spiegelschrift ihres Gegenteils zusammenschießt. Aber es ist auch das ganz Unmögliche, weil es einen Standort voraussetzt, der dem Bannkreis des Daseins, wäre es auch nur um ein Winziges, entrückt ist, während doch jede mögliche Erkenntnis nicht bloß dem was ist erst abgetrotzt werden muß, um verbindlich zu geraten, sondern eben darum selber auch mit der gleichen Entstelltheit und Bedürftigkeit geschlagen ist, der sie zu entrinnen vorhat. Je leidenschaftlicher der Gedanke gegen sein Bedingtsein sich abdichtet um des Unbedingten willen, um so bewußtloser, und damit verhängnisvoller, fällt er der Welt zu. Selbst seine eigene Unmöglichkeit muß er noch begreifen um der Möglichkeit willen. Gegenüber der Forderung, die damit an ihn ergeht, ist aber die Frage nach der Wirklichkeit oder Unwirklichkeit der Erlösung selber fast gleichgültig.


QuoteEchopage
Antwort auf @Café Wichtig Ecke 103

Nein, es sei denn, du meinst, das Christentum habe als Inspiration gedient, wie es nicht geht. Und die Bibel, das ist schlicht ein moralisches Neutrum. Damit lässt sich die noch so gute Tat bis hin zur unvorstellbaren Grausamkeit rechtfertigen. Dass die Bibel die Wurzeln für die Menschenrechte darstellen soll, ist Wunschdenken.


QuoteKlausWie

Antwort auf @Echopage

"Die Geschichte des Christentums und der Aufklärung sind kein Geheimnis."

Ganz genau! Und deshalb beziehen sich Leute wie Lessing, Rousseau, Kant, Locke, Montesquieu, Herder, ... durchgängig auf christliche Prämissen und Postulate, um die Werte von Aufklärung des menschlichen Geistes, die Freiheit aller, die Illegitimität von Geburtsadel, Ethos und Rechtsansprüche, ... aller Menschen für alle Menschen zu begründen.

Das kann man bis ins Detail der aufklärerischen Schriften nachverfolgen und wird auch von Leuten, die sich auskennen gemacht. Die Bände dazu sind Legion. Oder wissen Sie das nicht?

Das, was Sie aber daherreden hat zumindest nichts mit der realen Aufklärung zu tun. Sie nehmen einen kindlichen Mythos an, der so geht, dass in der Antike alle Menschen Platon gelesen haben, dann kamen die Christen und haben alle Bücher verbrannt, sodass ein 1000jährige Finsterniss hereinbrach, die erst dadurch beendet wurde, dass die Menschheit infolge von massenhafter Lektüre der Kritik der reinen Vernunft Atheisten wurden und ins Licht zurückkehrten. Entstadium wäre dann das Oaradies, das kommt, wenn jeglicher Glaube ausgerottet ist. Dadurch bauen Sie einen Graben zwischen Vernunft und Glauben auf, den weder die Antike noch die Aufklärung kennt und übrrhaupt möchte - und zugleich selbst nur ein primitiver Glaubenssatz ist, der Intoleranz intendiert.

Aber wie Sie schon sagten - die Geschichte von Aufklärung und Christentum sind kein Geheimnis. Machen Sie sich mal schlau bzw. sapere aude!


QuoteEchopage

Antwort auf @KlausWie

Und in deiner Ganzen Wut, hast du nicht bemerkt, das ich von Religion und nicht von Glauben geschrieben habe.


QuoteKlausWie

Antwort auf @Echopage

Ich bin eigentlich gar nicht wütend und ich find auch nicht schlimm, dass du mich duzt.

Natürlich ist Religion nicht dasselbe wie Glaube. Aber Leute, die glauben, bilden natürlich die soziale Größe Religion. Es ist unmöglich einen christlichen Glauben zu haben, vollkommen abgekoppelt vom Christentum und seiner Geschichte. Wo soll denn da der Glaube herkommen?

Daher ist eine unbegründete (!) Pauschalkritik an einer Religion natürlich eine Infragestellung des Glaubens. Meinen Sie denn, Immanuel Kant hat das 5. Postulat der "Kritik der Praktischen Vernunft" selbst herausvernüftelt? Natürlich nicht. Er hat es der Glaubenstradition seiner Kirche (konkret: dem preußischen Luthertum) entnommen. Und auch sämtliche weitere Werte, die Sie selbst heute für wahr, gut und schön erachten, sind letztlich von der christlichen / religiöseb Tradition Europas zu Ihnen gekommen. Auch Religionskritik ist schon im Evangelium selbst enthalten. All das kann man ganz nüchtern, vernünftig und relaxed nachvollziehen und vieles weitere mehr.

Letztlich ist das Problem, dass Sie in der Kirche / der Religion zu bekämpfen trachten, ja auch weder Kirche noch Glaube noch Christentum noch Religion. Das Problem ist Aristokratie und Monarchie. Es ist Machtpolitik von Oligarchen und Diktaturen von der Antike bis heute. Das unersättliche menschliche Machtstreben hasst, mordet, stiehlt - je unkontrollierter und gewissenloser desto mehr. Bis zu den Vernichtungskriegen atheistischer Totalitarism.


QuoteEchopage

Antwort auf @KlausWie

Die Philosophie der Aufklärung musste sich zwangsläufig mit dem Christentum und deren Prämissen befassen, wie sollte auch sonst dieser Befreiungsschlag gelingen? Religion ist nunmal ein Machtmittel um Massen zu lenken, das ist von ihrer Natur aus sehr hierarchisch und dikatorisch geprägt, da suchst du Unterschiede wo es keine gibt. Nur von welchen atheistischen Vernichtungskriegen redest du, also auf Hitlers Soldates stand "Gott mit uns".

[...

Gott mit uns (lateinisch: Nobiscum deus) ist ein Zitat aus dem Bibelvers Matthäus 1,23 LUT. Es diente seit 1861 als Wahlspruch des Königs Wilhelm I. von Preußen und als Devise des Preußischen Kronenordens. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Gott_mit_uns

... Die Wehrmacht trug das Koppelschloss nach preußischem Muster mit dem Hakenkreuzadler, abweichend mit halbem Kranz aus Eichenlaub und Umschrift GOTT MIT UNS ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Koppelschloss

...]


QuoteOzeanriese
Antwort auf @Echopage

Das ist falsch, denn das Christentum sind nicht die Kirchen allein. Die haben sich nur widerrechtlich das Alleinvertretungsrecht einverleibt.

Folglich müßte es besser heißen: Die Freiheit im Christentum wurde gegen die Institution Kirche erkämpft.


QuoteKlausWie
Antwort auf @Echopage

Religion kann als Machtmittel zum Massenlenken missbraucht werden, aber dann ist es keine Religion mehr. Mal ganz ernsthaft: Halten Sie die Leute, die auf Wehrmachtwaffen "Gott" schreiben für gottesfürchtige Menschen? Wissen Sie, wie man den vom bekennenden Atheisten mit Kirchenmitgliedschaft (A. Hitler) ernannten Reichsbischof Müller theologisch beurteilt? Halten Sie Pete Hegseth für einen Christen? Halten Sie Wladimir Putin und seinen alten KGB-Kumpel Kyrill für fromme Orthodoxe?

Oder: Halten Sie Dietrich Bonhoeffer für einen Christen?

Nun. Wenn Sie den Unterschied von "Religion" als Deckmantel imperialer, rein menschlicher Machtpolitik und Religion als tradierende Glaubensgemeinschaft mit transzendent begründeten Ethos nicht erkennen, dann macht eine differenzierte Diskussion schlicht keinen Sinn. Dann reden Sie über irgendetwas, aber nicht über Religion.

Zu den Traditionen der Aufklärung: Auch hier haben Sie den Grundgedanken nicht erfasst, was ja auch verständlich ist, da fast jeder, der "Aufklärung" sagt, die Kritik der Praktischen Vernunft, weitere Schriften Kants, und die anderen Aufklärer gar nicht gelesen hat. Prüfen Sie sich ruhig.

Im Grunde erkennen die Aufklärer, dass Ethos eine Letztbegründung braucht, die oberhalb der Vernunft liegt. Die Vernunft selbst kann es nicht, daher die Kantischen Postulate, daher die göttliche Freiheitsbestimmung bei Loke, daher der von Natur / Gott aus gute Mensch beim Calvinisten Rousseau. Diese Leute waren Christen aus Überzeugung.


QuoteGemäßigter Sozialdemokrat

... Das Milliardäre den Faschismus lieben sollte also niemanden mehr überraschen. Die Frage ist, warum so viele arme Schlucker da mitmachen und glauben, sie wären auch im Team.


Quoteclaus_cologne

.....vor allem, da diese "armen Schlucker" am Ende einmal mehr die Zeche bezahlen.


QuoteAl Fipsson

Ein sich wiederholendes Muster in verschiedenen Kulturen -- alte Männer, die aus irgendwelchen Gründen Reichtum angehäuft haben, entwickeln in der Endphase ihrer natürlichen Existenz ausgeprägte messianische Verhaltensweisen. Vielleicht denken sie, dass ihr Reichtum irgendeine Art Qualifizierung darstellt, der Welt ihren Stempel aufzudrücken. Und möglicherweise entsteht durch das bevorstehende Ende ihres Daseins eine Art Verzweiflung, dass Trotz all des Geldes der eigene Tod nicht abgewendet werden kann. Irgendwie soll dann aber doch etwas ewig weiterbestehen -- da bieten sich dann politisch-soziale Strukturen an, in denen der eigene Geist weiterleben kann.


QuoteBlazes70

Na ja, die Reichen, die durch das Nadelöhr...- oder das Kamel in den Himmel? Wie war das nochmal?


QuotePogo Moshner

Was wir in Europa erleben ist ein reaktionärer Kulturkampf von Oben. Bonzen kaufen sich in Medienunternehmen ein oder Gründen gleich neue Portale um ihre Ansichten durchzudrücken.

Das auf Frankreich und den Katholizismus zu verengen hieße nicht genau hintuschauen was hierzulande geschieht und was einige Bonzen mit diesem Land und Europa vorhaben.


QuoteMatrawitz

Was halten Sie allgemein von Meinungsfreiheit? Sollte verboten werden?


QuoteHelmberger

Antwort auf @Matrawitz

Es ging doch um das genaue Gegenteil. Wie die Erfahrung aus den USA zeigt, sinkt die Meinungsfreiheit rapide wenn Medien in den Händen weniger Reiche liegen. Ähnliches gilt es in Europa zu vermeiden.


QuoteCYS

Ultrareiche mit Privatvermögen, die sich Prozentsätzen eines Staatshaushalts rechnen, sind ein Problem für demokratische Mediengesellschaften, wie die unseren. Es kann eigentlich nicht sein, dass Privatpersonen (oder Unternehmen) aufgrund ihrer finanziellen Macht ein gesellschaftliches Ungleichgewicht erzeugen.

Bolloré geht seit über 10 Jahren mit seinen Käufen sehr geschickt vor. Er hat ein rechtes Medienimperium geschaffen, als Speerspitze der Info-Fernsehsender CNews (Dauergast: Jordan Bardella), das sich grossen Erfolges erfreut. Mehrfache Abmahnungen durch die Aufsichtsbehörde und zuletzt sogar die Sperrung eines Fernsehsenders, beeindrucken Bolloré wenig. Seine Milliarden finanzieren wenn nötig à fonds perdu defizitäre Medien, seine schützende Hand schwebt über besonders radikalen Moderatoren.

Frankreichs Geschichte mag in den aktuellen Umwälzungen eine Rolle spielen. Aber ich denke, es hängt auch mit der finanziellen Machtkonzentration einiger "Unberührbaren" zusammen, die mithilfe ihres Vermögens skrupellos ihre Partikularinteressen durchsetzen - und letztlich in paternalistischer Art versuchen, ein Volk die Ideen einzubläuen, die sie für richtig halten. Mit Erfolg, wie man bei Bolloré sehen kann.

Wo es hinführt, wenn populäre Medien sich radikalisieren, sehen wir derzeit in den USA. Demokratien müssten sich schützen, scheinen aber zu bräsig, um zu reagieren. Das Zeitfenster schliesst sich jedoch zusehends.


QuoteDer Kantige

Vincent Boloré, der Alfred Hugenberg Frankreichs. Wenn aberwitzig viel Geld und Medienmacht zusammengehen, hat das noch nie ein gutes Ende genommen.


...
#12
... Frankreich ist ein zutiefst widersprüchliches Land. Republikanisch-fortschrittlich und konservativ-katholisch zugleich, hin- und hergerissen zwischen dem Erbe der Revolution und autoritären Traditionen. Königtum und Kaiserreich, Ludwig XIV. und Bonaparte, die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte und die Guillotine – das alles, möchte man meinen, liege weit zurück. Aber die historischen Gegensätze wirken weiter, in der öffentlichen Debatte, in der politischen Auseinandersetzung, auch in der Literatur. ...

Quote[...]  Rechts gegen links? Beim Streit zwischen dem Medienunternehmer Vincent Bolloré und prominenten Schriftstellern geht es vor allem um die Identität des Landes.

Der Mann, von dem manche sagen, er sei eine Gefahr für die Demokratie in Frankreich, pilgert regelmäßig nach Lourdes. In den kleinen Wallfahrtsort am Fuße der Pyrenäen, zur Grotte von Massabielle, wo einem jungen Mädchen vor sehr langer Zeit die Mutter Gottes erschienen sein soll. Sein Glaube sei »etwas kindlich«, hat Vincent Bolloré über sich selbst gesagt. In seinem Pariser Büro steht eine Marienstatue, in seinem Portemonnaie verwahrt er kleine Heiligenbilder.

Man könnte den 74-jährigen Unternehmer somit leicht für einen einfältigen Frömmler halten. Selbst die katholische Tageszeitung La Croix findet, Bollorés Katholizismus sei »ein bisschen retro«. Doch der Frömmler hat in Frankreich einen Kulturkampf entfacht, wie ihn das Land schon lange nicht mehr erlebt hat.

Dieser Kampf schwelt seit einigen Jahren. Offen ausgetragen wird er, seit Grasset, einer der wichtigsten Literaturverlage des Landes, seinen langjährigen Verlagsleiter Olivier Nora Mitte April entlassen hat. Grasset gehört zur Verlagsgruppe Hachette, Bolloré hatte sie im Sommer 2023 übernommen. Schon damals gab es Proteste aus Sorge um die Unabhängigkeit der Verlage. Nach Noras Rauswurf haben mehr als 200 Autorinnen und Autoren, deren Bücher bislang bei Grasset erschienen waren, angekündigt, den Verlag zu verlassen. Darunter große Namen und sehr unterschiedliche Autoren wie Virginie Despentes, Bernard-Henri Lévy oder Frédéric Beigbeder.

Nun kursieren in Paris Unterschriftenlisten, Manifeste werden verfasst, am 13. Mai soll im Théâtre de la Concorde ein Solidaritätsabend stattfinden. Die abtrünnigen Autorinnen und Autoren werfen Bolloré vor, er führe einen »ideologischen Krieg, der darauf abzielt, überall in der Kultur und in den Medien autoritäre Strukturen zu schaffen«. Selbst Emmanuel Macron, der Staatspräsident, warnte vor einem Verlust verlegerischer Vielfalt.

Der Autor und Journalist Éric Fottorino, er führt selbst einen kleinen Verlag, hat zum »Widerstand« aufgerufen: Man müsse »die Mechanismen dieses Gehirnwäscheunternehmens aufdecken«. Résister, das Wort erinnert an den Kampf gegen die deutschen Besatzer während des Zweiten Weltkriegs.

Frankreich ist ein zutiefst widersprüchliches Land. Republikanisch-fortschrittlich und konservativ-katholisch zugleich, hin- und hergerissen zwischen dem Erbe der Revolution und autoritären Traditionen. Königtum und Kaiserreich, Ludwig XIV. und Bonaparte, die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte und die Guillotine – das alles, möchte man meinen, liege weit zurück. Aber die historischen Gegensätze wirken weiter, in der öffentlichen Debatte, in der politischen Auseinandersetzung, auch in der Literatur. Anne Berest – auch ihr jüngstes Buch Die Postkarte ist bei Grasset erschienen – spricht aus, was viele fürchten: »Ich möchte nicht, dass die Rechte meiner Bücher dazu dienen, den Wahlkampf von Jordan Bardella zu finanzieren.« Bardella ist Vorsitzender des rechtsnationalen Rassemblement National (RN) und gilt als aussichtsreicher Kandidat für die Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr. Er hat selbst zwei Bücher bei Fayard, einem anderen Verlag der Hachette-Gruppe, veröffentlicht, unter anderem seine Autobiografie.

Ein reicher Mann, der seine Milliarden dafür einsetzt, die Ideen und Parolen der extremen Rechten zu verbreiten – das ist das Bild, das Berest und andere nun von Bolloré zeichnen. Dieses Bild ist nicht falsch, aber es ist unscharf und unvollständig ohne dessen Glauben. Denn die französische Rechte kennt viele Strömungen, auch viele Extreme. Und auf die Partei Marine Le Pens, den RN, haben Männer wie Bolloré lange Zeit nur herabgeschaut.

Frankreich ist ein zutiefst widersprüchliches Land. Republikanisch-fortschrittlich und konservativ-katholisch zugleich, hin- und hergerissen zwischen dem Erbe der Revolution und autoritären Traditionen. Königtum und Kaiserreich, Ludwig XIV. und Bonaparte, die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte und die Guillotine – das alles, möchte man meinen, liege weit zurück. Aber die historischen Gegensätze wirken weiter, in der öffentlichen Debatte, in der politischen Auseinandersetzung, auch in der Literatur.

Der deutsche Autor und Übersetzer Wolfgang Matz hat ein Buch geschrieben darüber, wie sehr die meisten französischen Schriftsteller sich entlang dieser historischen Bruchlinie definieren, Frankreich gegen Frankreich. »Als sei die Spaltung in zwei Extreme unverzichtbares Lebenselement dieses Landes und seiner Gesellschaft«, schreibt Matz, »haben französische Intellektuelle und Schriftsteller alles darangesetzt, die alte Konfrontation um jeden Preis und nach jedem noch so starken Bruch von Neuem zu zementieren.«

Die katholische Kirche war in dieser Geschichte der Gegensätze stets Partei. Sie hat das Königtum gestützt und die Republik lange Zeit bekämpft. Umgekehrt haben die Revolutionäre Kirchen und Klöster geplündert und nichts unversucht gelassen, um dem Land den Katholizismus auszutreiben. Seit 1871 ist Frankreich endgültig Republik, seit 1905 ist der Staat per Gesetz zu religiöser Neutralität verpflichtet. Der Laizismus steht in der Verfassung. Es gibt in Frankreich deshalb weder Kirchensteuern noch Religionsunterricht an öffentlichen Schulen. Und wehe, der Präsident bekreuzigt sich in der Öffentlichkeit!

Doch unter der Oberfläche wirken die alten Mächte weiter. Es gibt in der französischen Bourgeoisie bis heute einen elitären, reaktionären Katholizismus, der in Deutschland allenfalls noch in Spurenelementen existiert. Die Mitglieder dieser Elite besuchen besondere Kirchen und schicken ihre Kinder oft auf ausgewählte katholische Privatschulen. Vor allem im Pariser Westen finden sich einige von ihnen, die als Kaderschmieden und besonders konservativ gelten. Auch Vincent Bolloré hat vor Jahrzehnten eine dieser Privatschulen besucht. Heute finanziert der Milliardär ein katholisches Studierendenwohnheim, ebenfalls im Westen der Hauptstadt.

Vincent Bolloré sagt von sich selbst, er sei »mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden«. Seine Familie besaß eine Papierfirma, Bolloré hat sie früh von seinem Vater übernommen. Später investierte er in Eisenbahnen in Afrika, er kaufte Palmölplantagen und Häfen in Togo und in Guinea. Geschäftspartner schildern seine Methoden als aggressiv und wenig christlich. Im Herbst muss sich Bolloré wegen des Vorwurfs der Korruption vor Gericht verantworten. So ist er einer der reichsten Männer Frankreichs geworden; sein Vermögen wird auf rund zehn Milliarden Dollar geschätzt.

Vor 20 Jahren hat Bolloré zum ersten Mal in einen Fernsehsender investiert, seitdem hat er nach und nach ein Medienimperium geschaffen. Bolloré besitzt einen Nachrichten- und einen Bezahlsender, mehrere Radiostationen, eine traditionsreiche Sonntagszeitung, das Journal du Dimanche (JDD), verschiedene Magazine, eine katholische Wochenzeitschrift und seit der Übernahme von Hachette einige der wichtigsten Buchverlage des Landes. Es ist nicht ungewöhnlich in Frankreich, dass reiche Industrielle Zeitungen oder Fernsehsender kaufen. Meist achten sie darauf, dass diese unternehmerfreundlich berichten. Klassische Verleger sind eher selten.

Doch Bollorés Interventionen gehen weit darüber hinaus. Meist wiederholt sich dabei ein ähnliches Muster: Der Milliardär übernimmt einen Titel, hievt einen Gefolgsmann an die Spitze und tauscht anschließend die Redaktion aus. Besonders offensichtlich geschah das beim Journal du Dimanche. Nachdem Bolloré den Titel 2023 übernommen hatte, setzte er Geoffroy Lejeune an die Spitze. Erst streikte die Redaktion, dann verließen die meisten Journalistinnen und Journalisten das Blatt. Lejeune ist ein radikal rechter Kulturkämpfer, der mit herkömmlichem Journalismus wenig zu tun hat. Gleich in der ersten Ausgabe unter seiner Führung veröffentlichte die Zeitung einen offenen Brief, in dem Eltern, deren Kinder zu Opfern von Gewaltverbrechen wurden, die Regierung anklagten. Der Brief, so stellte sich heraus, war von der Redaktion selbst verfasst worden. Ein anderes Mal berichtete das JDD wochenlang über eine Unterschriftenkampagne gegen illegale Migration. Die Kampagne, zeigte sich später, hatte die Zeitung selbst mitinitiiert.

Was Bolloré als Journalismus verkauft, ist in Wahrheit ein selbstreferenzielles System. Dieselben Köpfe, die in seiner Zeitung schreiben, diskutieren in seinem Nachrichtensender miteinander und interviewen sich in seinen Radiostationen gegenseitig. Dabei zeichnen sie immer dasselbe Bild: Frankreich, ein christliches Land im Niedergang, wird überrannt von muslimischen, oft gewalttätigen Migranten, die von einer radikalen, woken Linken unterstützt werden. Dazu werden katholische Messen übertragen und konservative Kirchenmänner befragt. Manches wirkt skurril, etwa eine Sondersendung über Yvonne-Aimée de Malestroit, eine weitgehend unbekannte Mystikerin, die offensichtlich seinem Großvater nahestand. Doch hinter dem Kinderglauben, den Bolloré ausstellt, verbirgt sich ein ideologisch zugespitzter, identitärer Katholizismus. Das christliche Abendland und Frankreich, die »älteste Tochter der Kirche«, müssen gerettet werden.

Ähnlich geschieht es nun bei Bollorés Buchverlagen. Bei Fayard haben zuletzt Jordan Bardella, Nicolas Sarkozy, der extrem rechte ehemalige Präsidentschaftskandidat Philippe de Villiers, die frühere Chefin des mittlerweile verbotenen russischen Propagandakanals Russia Today in Frankreich, Xenija Fjodorowa, und der erzkonservative Kardinal Robert Sarah Bücher veröffentlicht. De Villiers hat außerdem eine eigene Sendung in Bollorés Nachrichtensender, genau wie Sarah präsentiert er seine Positionen regelmäßig im JDD.

In seiner Sonntagszeitung hat Bolloré zuletzt sogar selbst geschrieben, ein ungewöhnliches Dokument. Der Unternehmer äußert sich selten zu seinen Absichten, meist lässt er andere für sich sprechen. Aber auf den Aufstand der Grasset-Autoren reagierte er nun mit einer kurzen, scharfen Erklärung. Bolloré rechnete öffentlich vor, wie viel der geschasste Grasset-Leiter Nora verdient und wie wenige Bücher er zuletzt verkauft habe. Wie könne es sein, fragte Bolloré rhetorisch, dass dessen Rauswurf so viel Lärm verursache, während es Millionen Franzosen finanziell schlecht gehe? »Ganz einfach, weil dies eine kleine Kaste berührt, die sich über allem und jedem wähnt.« Flankiert wurde die Erklärung von einem redaktionellen Text, der die Affäre als eine Verschwörung linker Gutmenschen diffamiert: Die »mondäne Linke« sei in Panik geraten und veranstalte nun einen »antifaschistischen Jahrmarkt«.

Die französische Rechte kennt viele verschiedene Strömungen und historische Nuancen. Oft war sie härter und rechter als andere Rechte in Europa. Auf die Französische Revolution und die anschließende Terreur folgte eine »theokratische und konterrevolutionäre Reaktion«, schreibt der Historiker Jacques de Saint Victor. Er sieht darin die Wurzel für »das Drama der französischen Rechten«. Statt gemäßigter Konservativer hätten lange Zeit radikale Stimmen wie Charles Maurras den Ton angegeben. Der rechtsextreme Autor propagierte nach der Dreyfus-Affäre zum Ende des 19. Jahrhunderts »la belle haine«, den schönen Hass: »Juden und Ausländer zu hassen, bedeutet Frankreich zu lieben.«

Vincent Bolloré ist nach allem, was man weiß, kein Antisemit. Er nennt sich selbst einen christlichen Demokraten. Aber die Unversöhnlichkeit und Schärfe, die die Geschichte der französischen Rechten geprägt haben, finden sich in dem Kulturkampf, den seine Medien heute führen, wieder.

In einem Jahr wird in Frankreich ein neuer Präsident gewählt oder eine Präsidentin. Bollorés jüngstes Projekt ist eine Art Denkfabrik, das Institut de l'espérance. Mit ihm will er »einen Raum christlich inspirierter Reflexion« schaffen, so steht es in den Unterlagen, die die Nachrichtenagentur Bloomberg einsehen konnte. Zu den Vorschlägen, die das Institut macht, gehören eine Verschärfung des Abtreibungsrechts, weniger Zuwanderer und ein morgendlicher Fahnenappell an den Schulen.

Bei der bislang letzten Präsidentschaftswahl, 2022, haben Bollorés Medien den rechtsextremen Publizisten Éric Zemmour unterstützt. Dieser war durch eine tägliche Sendung in Bollorés Fernsehsender bekannt geworden. Allerdings scheiterte Zemmour bei der Präsidentschaftswahl mit nur sieben Prozent. Heute propagieren das JDD und Bollorés Sender deshalb eine »Union der Rechten«, einen Zusammenschluss von Konservativen und Nationalisten, von rechts und rechtsaußen. Noch zieren sich die Konservativen.


Aus: "Der alte Katholizismus will Frankreich zurückhaben" Matthias Krupa, Paris (5. Mai 2026)
Quelle: https://www.zeit.de/feuilleton/literatur/2026-05/vincent-bollore-verlag-grasset-kulturkampf-frankreich/komplettansicht

QuoteLeFou

Das Phänomen alter reicher Männer, die mit ihrem Kulturkampf versuchend die Freiheit zu bekämpfen und die Fantasie zu ersticken, ist nicht neu, denkt man an Berlusconi, Springer oder Murdoch. auch in Deutschland gibt es diese Kulturverhinderer und Förderer rechtsextremer, libertärer Strömungen, wie Döpfner, Gotthardt und auch Weimer.

Was sie alle verbindet ist der Neid auf die nicht zurückkehrende Jugend und die Gewissheit der eigenen Endlichkeit.


QuoteMatrawitz

    "Förderer rechtsextremer, libertärer Strömungen"

Sie schreiben Unsinn. Individuelle Freiheit, Eigenverantwortung und uneingeschränktes Privateigentum (Libertäre Philosophie) hat nicht das Geringste mit rechtsextremen Attentätern zu tun.


QuoteLeFou

Antwort auf @Matrawitz

Welche Attentäter?

     Individuelle Freiheit

Nur für die, die es sich leisten können.

    Eigenverantwortung

Eigenverantwortung ist nicht Selbstbestimmung, es ist ein Euphemismus für die Ablehnung jeglicher Verantwortung für die Gesellschaft, die diesen Reichtum erst ermöglicht. Dissozial, einfach ausgedrückt.

    uneingeschränktes Privateigentum

Nur für bestimmte Personen, die anderen kann man gerne entrechten und schröpfen. Es ist einfach uneingeschränkter Egoismus. Und wie wir heute immer klarer erfahren, wir können uns diese Milliardäre nicht mehr leisten.

Libertarismus ist der heuchlerische Versuch diesen Egoismus zu rechtfertigen.


QuoteHelmberger
Antwort auf @Matrawitz

Döpfner und Weimar sind aber keine Anhänger der Liberalismus sondern einer rechts-konservativen Politik in welcherb der Staat die Werte vorschreibt und Meinungsfreiheit nur eingeschränkt gültig ist.


QuoteLeFou

Antwort auf @Helmberger

Er schreibt ja auch von Libertarismus, der pervertierten Form des Liberalismus, der mit Bürgerrechten so gar nichts mehr zu tun hat.

Döpfner und Weimer sind nicht rechts-konservativen, Döpfner ist klar Libertär und weit rechts außen, Weimers Kulturbegriff ist da eher völkisch geprägt, wie sein "Konservatives Manifest" belegt. Ein Auszug:

    Während Generation um Generation in einer Jahrtausende währenden Selbstverständlichkeit die Fortdauer der eigenen Familie, des eigenen Blutes, der Sippe, des Stammes, der Nation, der Kultur, der Zivilisation als einen heiligen Moment des Lebens begriffen hat, so bricht dieses Bewusstsein plötzlich in Scherben.


QuoteDer Herr Karl
Antwort auf @LeFou

Was ist denn das für ein erbärmliches Geschwurbel (ich meine damit die Ergüsse des Herrn Weimer)!


QuoteEchopage

Religion gehört nicht gefördert, sondern behandelt.


QuoteEsistsoschönmoralischseinzudürfen

    Religion gehört nicht gefördert, sondern behandelt

Gilt das wirklich für alle Religionen oder sagt sich das nur in einer christlich geprägten Umgebung so leicht?


QuoteEchopage

Antwort auf @Esistsoschönmoralischseinzudürfen

Die Freiheit in den christlichen Regionen ist gegen das Christentum erkämpft worden und ist nicht daraus entstanden. Unsere Ethik, unsere Werte, unsere Freiheit, sind das Ergebnis eines Kampfes gegen die Religion.


QuoteFaLanKeFuMuSiLin

Antwort auf @Echopage

Ihre Ethik, Ihre Werte sind vielleicht das Ergebnis eines Kampfes gegen die Religion. Meine nicht. Und die möchte ich auch bitte schön behalten und mich für sie einsetzen dürfen. Danke schön.


QuoteEchopage
Antwort auf @FaLanKeFuMuSiLin

Die Geschichte des Christentums und der Aufklärung sind kein Geheimnis.


QuoteAriane65

"Religion gehört nicht gefördert, sondern behandelt." Das wiederum ist Ihr Glaube.

Die Vorstellung eines Humanismus ist entstanden aus dem Gedanken, dass Gott den Menschen gleich ist. Darum hat er auch seinen eigen Sohn gesandt, um die Welt zu erlösen. Das war 1850 Jahre vor Marx.


QuoteEchopage
Antwort auf @Ariane65

Du behauptest also, Gott hat seinen Sohn foltern und töten lassen, um den Humanismus zu erschaffen? Hä? Und was willst du mit Marx, how much is the fish?


Quotevirales

Religion gehoert in das Privatleben und nicht in das oeffentliche Leben.


QuoteCafé Wichtig Ecke 103

Antwort auf @Echopage

    Die Freiheit in den christlichen Regionen ist gegen das Christentum erkämpft worden und ist nicht daraus entstanden. Unsere Ethik, unsere Werte, unsere Freiheit, sind das Ergebnis eines Kampfes gegen die Religion.

Etwas simpel.

Ihr Satz blendet aus, dass das Christentum selbst Konzepte hervorgebracht hat, die den Boden für spätere Freiheitsideen bereiteten.

Das Christentum betont die Menschenwürde des Einzelnen vor Gott (Ebenbild Gottes), ein antitotalitäres Moment.

Mit der Zwei-Reiche-Lehre legte es den Grundstein für die Trennung von religiöser und weltlicher Macht.

Menschenrechte haben Wurzeln in der biblischen Tradition, auch wenn sie erst säkularisiert universell wurden.

Religion, Seufzer der bedrängten Kreatur, Gemüt einer herzlosen Welt, Geist geistloser Zustände, kann als Sehnsucht nach dem ganz Anderen begriffen werden, als Ausdruck des Wunsches nach vollendeter Gerechtigkeit und als ohnmächtige Hoffnung auf einen Sinn, der jenseits der bloßen, ungerechten irdischen Realität liegt. Religion bewahrt auf paradoxe Weise die Erinnerung an das Leiden und die Hoffnung auf Erlösung - in dieser Welt. Im Angesicht der Verzweiflung wäre Aufklärung, der Versuch, alle Dinge so zu betrachten, wie sie vom Standpunkt der Erlösung aus sich darstellten. Perspektiven müsten hergestellt werden, in denen die Welt ähnlich sich versetzt, verfremdet, ihre Risse und Schründe offenbart, wie sie einmal als bedürftig und entstellt im Messianischen Lichte daliegen wird. Ohne Willkür und Gewalt, ganz aus der Fühlung mit den Gegenständen heraus solche Perspektiven zu gewinnen, darauf allein kommt es dem Denken an. Es ist das Allereinfachste, weil der Zustand unabweisbar nach solcher Erkenntnis ruft, ja weil die vollendete Negativität, einmal ganz ins Auge gefaßt, zur Spiegelschrift ihres Gegenteils zusammenschießt. Aber es ist auch das ganz Unmögliche, weil es einen Standort voraussetzt, der dem Bannkreis des Daseins, wäre es auch nur um ein Winziges, entrückt ist, während doch jede mögliche Erkenntnis nicht bloß dem was ist erst abgetrotzt werden muß, um verbindlich zu geraten, sondern eben darum selber auch mit der gleichen Entstelltheit und Bedürftigkeit geschlagen ist, der sie zu entrinnen vorhat. Je leidenschaftlicher der Gedanke gegen sein Bedingtsein sich abdichtet um des Unbedingten willen, um so bewußtloser, und damit verhängnisvoller, fällt er der Welt zu. Selbst seine eigene Unmöglichkeit muß er noch begreifen um der Möglichkeit willen. Gegenüber der Forderung, die damit an ihn ergeht, ist aber die Frage nach der Wirklichkeit oder Unwirklichkeit der Erlösung selber fast gleichgültig.


QuoteEchopage
Antwort auf @Café Wichtig Ecke 103

Nein, es sei denn, du meinst, das Christentum habe als Inspiration gedient, wie es nicht geht. Und die Bibel, das ist schlicht ein moralisches Neutrum. Damit lässt sich die noch so gute Tat bis hin zur unvorstellbaren Grausamkeit rechtfertigen. Dass die Bibel die Wurzeln für die Menschenrechte darstellen soll, ist Wunschdenken.


QuoteKlausWie

Antwort auf @Echopage

"Die Geschichte des Christentums und der Aufklärung sind kein Geheimnis."

Ganz genau! Und deshalb beziehen sich Leute wie Lessing, Rousseau, Kant, Locke, Montesquieu, Herder, ... durchgängig auf christliche Prämissen und Postulate, um die Werte von Aufklärung des menschlichen Geistes, die Freiheit aller, die Illegitimität von Geburtsadel, Ethos und Rechtsansprüche, ... aller Menschen für alle Menschen zu begründen.

Das kann man bis ins Detail der aufklärerischen Schriften nachverfolgen und wird auch von Leuten, die sich auskennen gemacht. Die Bände dazu sind Legion. Oder wissen Sie das nicht?

Das, was Sie aber daherreden hat zumindest nichts mit der realen Aufklärung zu tun. Sie nehmen einen kindlichen Mythos an, der so geht, dass in der Antike alle Menschen Platon gelesen haben, dann kamen die Christen und haben alle Bücher verbrannt, sodass ein 1000jährige Finsterniss hereinbrach, die erst dadurch beendet wurde, dass die Menschheit infolge von massenhafter Lektüre der Kritik der reinen Vernunft Atheisten wurden und ins Licht zurückkehrten. Entstadium wäre dann das Oaradies, das kommt, wenn jeglicher Glaube ausgerottet ist. Dadurch bauen Sie einen Graben zwischen Vernunft und Glauben auf, den weder die Antike noch die Aufklärung kennt und übrrhaupt möchte - und zugleich selbst nur ein primitiver Glaubenssatz ist, der Intoleranz intendiert.

Aber wie Sie schon sagten - die Geschichte von Aufklärung und Christentum sind kein Geheimnis. Machen Sie sich mal schlau bzw. sapere aude!


QuoteEchopage

Antwort auf @KlausWie

Und in deiner Ganzen Wut, hast du nicht bemerkt, das ich von Religion und nicht von Glauben geschrieben habe.


QuoteKlausWie

Antwort auf @Echopage

Ich bin eigentlich gar nicht wütend und ich find auch nicht schlimm, dass du mich duzt.

Natürlich ist Religion nicht dasselbe wie Glaube. Aber Leute, die glauben, bilden natürlich die soziale Größe Religion. Es ist unmöglich einen christlichen Glauben zu haben, vollkommen abgekoppelt vom Christentum und seiner Geschichte. Wo soll denn da der Glaube herkommen?

Daher ist eine unbegründete (!) Pauschalkritik an einer Religion natürlich eine Infragestellung des Glaubens. Meinen Sie denn, Immanuel Kant hat das 5. Postulat der "Kritik der Praktischen Vernunft" selbst herausvernüftelt? Natürlich nicht. Er hat es der Glaubenstradition seiner Kirche (konkret: dem preußischen Luthertum) entnommen. Und auch sämtliche weitere Werte, die Sie selbst heute für wahr, gut und schön erachten, sind letztlich von der christlichen / religiöseb Tradition Europas zu Ihnen gekommen. Auch Religionskritik ist schon im Evangelium selbst enthalten. All das kann man ganz nüchtern, vernünftig und relaxed nachvollziehen und vieles weitere mehr.

Letztlich ist das Problem, dass Sie in der Kirche / der Religion zu bekämpfen trachten, ja auch weder Kirche noch Glaube noch Christentum noch Religion. Das Problem ist Aristokratie und Monarchie. Es ist Machtpolitik von Oligarchen und Diktaturen von der Antike bis heute. Das unersättliche menschliche Machtstreben hasst, mordet, stiehlt - je unkontrollierter und gewissenloser desto mehr. Bis zu den Vernichtungskriegen atheistischer Totalitarism.


QuoteEchopage

Antwort auf @KlausWie

Die Philosophie der Aufklärung musste sich zwangsläufig mit dem Christentum und deren Prämissen befassen, wie sollte auch sonst dieser Befreiungsschlag gelingen? Religion ist nunmal ein Machtmittel um Massen zu lenken, das ist von ihrer Natur aus sehr hierarchisch und dikatorisch geprägt, da suchst du Unterschiede wo es keine gibt. Nur von welchen atheistischen Vernichtungskriegen redest du, also auf Hitlers Soldates stand "Gott mit uns".

[...

Gott mit uns (lateinisch: Nobiscum deus) ist ein Zitat aus dem Bibelvers Matthäus 1,23 LUT. Es diente seit 1861 als Wahlspruch des Königs Wilhelm I. von Preußen und als Devise des Preußischen Kronenordens. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Gott_mit_uns

... Die Wehrmacht trug das Koppelschloss nach preußischem Muster mit dem Hakenkreuzadler, abweichend mit halbem Kranz aus Eichenlaub und Umschrift GOTT MIT UNS ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Koppelschloss

...]


QuoteOzeanriese
Antwort auf @Echopage

Das ist falsch, denn das Christentum sind nicht die Kirchen allein. Die haben sich nur widerrechtlich das Alleinvertretungsrecht einverleibt.

Folglich müßte es besser heißen: Die Freiheit im Christentum wurde gegen die Institution Kirche erkämpft.


QuoteKlausWie
Antwort auf @Echopage

Religion kann als Machtmittel zum Massenlenken missbraucht werden, aber dann ist es keine Religion mehr. Mal ganz ernsthaft: Halten Sie die Leute, die auf Wehrmachtwaffen "Gott" schreiben für gottesfürchtige Menschen? Wissen Sie, wie man den vom bekennenden Atheisten mit Kirchenmitgliedschaft (A. Hitler) ernannten Reichsbischof Müller theologisch beurteilt? Halten Sie Pete Hegseth für einen Christen? Halten Sie Wladimir Putin und seinen alten KGB-Kumpel Kyrill für fromme Orthodoxe?

Oder: Halten Sie Dietrich Bonhoeffer für einen Christen?

Nun. Wenn Sie den Unterschied von "Religion" als Deckmantel imperialer, rein menschlicher Machtpolitik und Religion als tradierende Glaubensgemeinschaft mit transzendent begründeten Ethos nicht erkennen, dann macht eine differenzierte Diskussion schlicht keinen Sinn. Dann reden Sie über irgendetwas, aber nicht über Religion.

Zu den Traditionen der Aufklärung: Auch hier haben Sie den Grundgedanken nicht erfasst, was ja auch verständlich ist, da fast jeder, der "Aufklärung" sagt, die Kritik der Praktischen Vernunft, weitere Schriften Kants, und die anderen Aufklärer gar nicht gelesen hat. Prüfen Sie sich ruhig.

Im Grunde erkennen die Aufklärer, dass Ethos eine Letztbegründung braucht, die oberhalb der Vernunft liegt. Die Vernunft selbst kann es nicht, daher die Kantischen Postulate, daher die göttliche Freiheitsbestimmung bei Loke, daher der von Natur / Gott aus gute Mensch beim Calvinisten Rousseau. Diese Leute waren Christen aus Überzeugung.


QuoteGemäßigter Sozialdemokrat

... Das Milliardäre den Faschismus lieben sollte also niemanden mehr überraschen. Die Frage ist, warum so viele arme Schlucker da mitmachen und glauben, sie wären auch im Team.


Quoteclaus_cologne

.....vor allem, da diese "armen Schlucker" am Ende einmal mehr die Zeche bezahlen.


QuoteAl Fipsson

Ein sich wiederholendes Muster in verschiedenen Kulturen -- alte Männer, die aus irgendwelchen Gründen Reichtum angehäuft haben, entwickeln in der Endphase ihrer natürlichen Existenz ausgeprägte messianische Verhaltensweisen. Vielleicht denken sie, dass ihr Reichtum irgendeine Art Qualifizierung darstellt, der Welt ihren Stempel aufzudrücken. Und möglicherweise entsteht durch das bevorstehende Ende ihres Daseins eine Art Verzweiflung, dass Trotz all des Geldes der eigene Tod nicht abgewendet werden kann. Irgendwie soll dann aber doch etwas ewig weiterbestehen -- da bieten sich dann politisch-soziale Strukturen an, in denen der eigene Geist weiterleben kann.


QuoteBlazes70

Na ja, die Reichen, die durch das Nadelöhr...- oder das Kamel in den Himmel? Wie war das nochmal?


QuotePogo Moshner

Was wir in Europa erleben ist ein reaktionärer Kulturkampf von Oben. Bonzen kaufen sich in Medienunternehmen ein oder Gründen gleich neue Portale um ihre Ansichten durchzudrücken.

Das auf Frankreich und den Katholizismus zu verengen hieße nicht genau hintuschauen was hierzulande geschieht und was einige Bonzen mit diesem Land und Europa vorhaben.


QuoteMatrawitz

Was halten Sie allgemein von Meinungsfreiheit? Sollte verboten werden?


QuoteHelmberger

Antwort auf @Matrawitz

Es ging doch um das genaue Gegenteil. Wie die Erfahrung aus den USA zeigt, sinkt die Meinungsfreiheit rapide wenn Medien in den Händen weniger Reiche liegen. Ähnliches gilt es in Europa zu vermeiden.


QuoteCYS

Ultrareiche mit Privatvermögen, die sich Prozentsätzen eines Staatshaushalts rechnen, sind ein Problem für demokratische Mediengesellschaften, wie die unseren. Es kann eigentlich nicht sein, dass Privatpersonen (oder Unternehmen) aufgrund ihrer finanziellen Macht ein gesellschaftliches Ungleichgewicht erzeugen.

Bolloré geht seit über 10 Jahren mit seinen Käufen sehr geschickt vor. Er hat ein rechtes Medienimperium geschaffen, als Speerspitze der Info-Fernsehsender CNews (Dauergast: Jordan Bardella), das sich grossen Erfolges erfreut. Mehrfache Abmahnungen durch die Aufsichtsbehörde und zuletzt sogar die Sperrung eines Fernsehsenders, beeindrucken Bolloré wenig. Seine Milliarden finanzieren wenn nötig à fonds perdu defizitäre Medien, seine schützende Hand schwebt über besonders radikalen Moderatoren.

Frankreichs Geschichte mag in den aktuellen Umwälzungen eine Rolle spielen. Aber ich denke, es hängt auch mit der finanziellen Machtkonzentration einiger "Unberührbaren" zusammen, die mithilfe ihres Vermögens skrupellos ihre Partikularinteressen durchsetzen - und letztlich in paternalistischer Art versuchen, ein Volk die Ideen einzubläuen, die sie für richtig halten. Mit Erfolg, wie man bei Bolloré sehen kann.

Wo es hinführt, wenn populäre Medien sich radikalisieren, sehen wir derzeit in den USA. Demokratien müssten sich schützen, scheinen aber zu bräsig, um zu reagieren. Das Zeitfenster schliesst sich jedoch zusehends.


QuoteDer Kantige

Vincent Boloré, der Alfred Hugenberg Frankreichs. Wenn aberwitzig viel Geld und Medienmacht zusammengehen, hat das noch nie ein gutes Ende genommen.


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#13
Quote[...] Ein 50-Jähriger steht vor Gericht, weil er im Darknet zur Ermordung zahlreicher Politiker aufrief und dafür um Spenden warb. Zum Auftakt spielt er die Website jedoch zu einer Provokation herunter. Dabei ist der Mann schon lange in der rechten Szene aktiv und mehrfach straffällig geworden.

Ein 50-jähriger Mann aus der rechten Szene in Dortmund hat gestanden, zu Attentaten auf bekannte Politiker wie die ehemaligen Bundeskanzler Olaf Scholz und Angela Merkel aufgerufen zu haben. Er räumte ein, eine entsprechende Website ins Darknet gestellt zu haben. "Die Seite war eine reine Provokation", behauptete er aber beim Prozessauftakt am Düsseldorfer Oberlandesgericht. Auf die Frage des Vorsitzenden Richter, wen er denn habe provozieren wollen, sagte er zum Richter: "Na, sie."

Die Bundesanwaltschaft wirft dem Angeklagten Terrorfinanzierung und Anleitung zu Terroranschlägen vor. Er soll im Darknet selbstverfasste Todesurteile veröffentlicht und Krypto-Spenden als Kopfgeld eingeworben haben, um Dritte zu Mordanschlägen zu bewegen.

Es handele sich bei dem deutsch-polnischen Informatiker um einen "überzeugten Anhänger der Rassenideologie des Nationalsozialismus", der diese mit radikal-libertären Grundsätzen verbinde. Er wolle Juden und Menschen mit Migrationshintergrund die Grundrechte aberkennen und sie von Wahlen ausschließen.

Um die staatliche Ordnung zu destabilisieren, habe er im Darknet die inzwischen abgeschaltete Plattform "Assassination Politics" (Politik der Attentate) geschaffen und dort zu Anschlägen auf Richter, Polizisten, Staatsanwälte und prominente Politiker aufgerufen.

Dazu habe er "Strafakten" erstellt, etwa der ehemaligen Bundeskanzler Olaf Scholz und Angela Merkel, der ehemaligen Bundesminister Annalena Baerbock, Karl Lauterbach, Jens Spahn, des Virologen Christian Drosten und des TV-Moderators Jan Böhmermann.

Auch Staatsanwälte, die gegen den inzwischen verurteilten Rechtsextremisten Marla Svenja Liebich, der sich selbst zur Frau erklärt hat, und den AfD-Politiker Björn Höcke vorgingen, landeten auf der Todesliste. "Er wollte politische Attentäter zu eigenständigen Mordanschlägen veranlassen", so der Vertreter der Bundesanwaltschaft bei der Verlesung der Anklage. Dafür habe er auch Anleitungen zum Bau von Düngemittelbomben, Sprengkapseln und Zündern sowie zur Herstellung von Napalm mitveröffentlicht. In sogenannten Doxing-Listen habe er persönliche Daten von rund 1000 weiteren Personen veröffentlicht, darunter von Ex-Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck und seiner Familie.

Zum Prozessauftakt erschien der Deutsch-Pole in einem hellgrauen Jogginganzug und stellte sich als Justizopfer dar. Anwälte, darunter auch ein rechter Szeneanwalt, hätten ihn verraten, Polizisten hätten ihn misshandelt, Richter hätten Rechtsbruch begangen, eine Richterin habe die Beweisaufnahme gefälscht. "Mein Vortrag müsste eigentlich ausreichen, um die Justiz in der Latrine zu versenken", sagte er.

Der 50-Jährige ist früheren Angaben zufolge bereits wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte, Beleidigung, Sachbeschädigung und Volksverhetzung verurteilt.

Der in Polen geborene Mann hatte in Deutschland auf dem zweiten Bildungsweg Informatik studiert und als Softwareentwickler zuletzt für eine Bank fünf Jahre im Homeoffice gearbeitet und 4000 Euro netto im Monat verdient.

Er habe sich seit 2017 über YouTube-Kanäle politisch radikalisiert und sei dann in die rechte Szene in Dortmund-Dorstfeld gelangt, gestand er. Dort habe er die Rechtsextremisten Michael Brück und Siegfried Borchardt ("SS-Siggi") kennengelernt und die Partei "Die Rechte" mit monatlich 20 Euro unterstützt. Er habe auch am Trauermarsch für Borchardt nach dessen Tod teilgenommen.

An einer Demonstration für die Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck sei er ebenso beteiligt gewesen wie an der Demo in Berlin, bei der sich der "Sturm auf den Reichstag" ereignet habe. Zudem habe er an mehreren Demos gegen Corona-Maßnahmen teilgenommen.

Beamte des Bundeskriminalamts und der Bundespolizei hatten den Verdächtigen im vergangenen November in Dortmund festgenommen. Er kam in Untersuchungshaft. Der Prozess soll am 17. Juli enden. Das Gericht hat elf Verhandlungstage eingeplant.

Quelle: ntv.de, als/dpa


Aus: "Angeklagter spielt zum Prozessauftakt Politiker-Todeslisten herunter" (04.05.2026)
Quelle: https://www.n-tv.de/politik/Angeklagter-spielt-zum-Prozessauftakt-Politiker-Todeslisten-herunter-id30785181.html
#14
Quote[...] In den Fünfzigerjahren wollte Theodor W. Adorno die Mentalität der Deutschen testen – die verstörenden Ergebnisse hielt er lieber unter Verschluss. Jetzt beginnt die Erforschung des legendären »Gruppenexperiments«.

Das Ergebnis war zu brisant. So brisant, dass Theodor W. Adorno sich dagegen entschied, es der deutschen Nachkriegsöffentlichkeit zu präsentieren. Zu Beginn der Fünfzigerjahre hatten er und seine Kollegen am Frankfurter Institut für Sozialforschung die Mentalität der Deutschen erforscht, sie zu antisemitischen, antidemokratischen, völkischen Einstellungen befragt. Jahrzehntelang blieb das sogenannte Gruppenexperiment, eine der aufwendigsten Studien der deutschen Soziologie, unveröffentlicht im Archiv des Instituts – bis jetzt.

Dass der Nationalsozialismus in den Köpfen vieler Deutscher auch nach 1945 fortbestand, dass die formale Entnazifizierung der Besatzungsmächte keineswegs automatisch eine mentale Entnazifizierung mit sich brachte, ist mittlerweile gesellschaftlicher Konsens. Doch wie genau schrieb sich das nationalsozialistische Gedankengut in den Nachkriegsjahren fort?

An einem Freitagnachmittag sitzen der Soziologe Stephan Lessenich, als Direktor des Instituts für Sozialforschung Adornos Nachfolger, und der Philosoph Dirk Braunstein, Leiter des Institutsarchivs, in Lessenichs Büro im Frankfurter Westen. Ihnen ist es zu verdanken, dass die Denkmuster der deutschen Nachkriegszeit bald auf völlig neue Weise veranschaulicht werden. »Als ich das Gruppenexperiment zum ersten Mal gesichtet habe, dachte ich: Das muss an die Öffentlichkeit«, sagt Braunstein. Lessenich nickt, ein »Wahnsinnsmaterial« sei das. In Kooperation mit der Universität Wuppertal verantworten er und Braunstein ab April ein auf zwölf Jahre angelegtes Forschungsprojekt, in dessen Rahmen das Experiment in den kommenden Jahren erstmals in einer digitalen Edition veröffentlicht werden soll.

Wer sich mit Adorno und dem Institut für Sozialforschung auskennt, dem ist das Gruppenexperiment ein Begriff: Von August 1950 bis Mai 1951 ließen Mitarbeiter des Instituts insgesamt 1.635 Versuchspersonen in Gruppendiskussionen aufeinandertreffen. Ihr Ziel war es, die nichtöffentlichen Meinungen in der neuen Bundesrepublik zu erfassen, jene Einstellungen also, die eher in privaten Gesprächen geäußert wurden. Wie viele Forschungsvorhaben der Nachkriegszeit war das Experiment durch die westlichen Besatzungsmächte finanziert. Die Diskussionen fanden in Frankfurt, Lübeck, Augsburg, München, Hamburg und an weiteren Orten Westdeutschlands statt, über 33.000 Seiten Bericht sind überliefert.

Versuchsleiter: Ja, wie stellen Sie sich denn nun einen Staat vor heute – modernen Staat – Sollen die Menschen Ihrer Meinung nach in Rassen und Klassen usw. eingeteilt werden, oder also in Rassen von verschiedenen ...

Zuruf: Nein, das sollen sie nicht!

Neuer Zuruf: Natürlich! Sind doch von Natur aus verschiedene Rassen, und es ist doch eigentlich das Gesetz Gottes, diese Rassen rein zu erhalten, nicht wahr, denn das kann man nicht verstehen. Das andere ist eine Übertretung des Naturgesetzes.

Versuchsleiter: Fräulein Horn. Ich möchte gern wissen, was die anderen Damen dazu sagen. Glauben Sie an Rassenreinheit?

Fräulein Horn: Ja, jede Rasse muss rein erhalten sein. [...]

Fräulein Dietz: Meiner Meinung nach muss in Deutschland ein Mann herrschen, der die Fähigkeit besitzt, die Fähigkeit der Menschenführung, und sich auch die verschiedenen Schichten einstellen. Da kann er auch zu einem erträglichen Zusammenleben der Völker kommen [...].



Liest man die Transkripte, mit Schreibmaschine getippt und mit schwungvollem Füller korrigiert, trifft man auf bekannte Motive: Da sind zum einen der eklatante Antisemitismus (»Die sind eben skrupelloser, die Juden«) und die Verleugnung der eigenen Mitschuld (»Bei Hitler war es ja so, dass wir tatsächlich Schachfiguren waren«). Da sind die Verklärung des Naziregimes (»Es ist viel Gutes geschehen, und von dem Schlechten, was wir alles 1945 gehört haben, haben wir damals noch nichts gehört«) und die vermeintliche Unabwendbarkeit des unmittelbar Vergangenen (»Der Nationalsozialismus gehört zur geistigen Entwicklung des deutschen Volkes«). Überraschend ist jedoch vor allem, dass die Befragten die junge Demokratie der Bundesrepublik keineswegs als Befreiung von der Diktatur erleben.

Intern bezeichnete Adorno das Gruppenexperiment als »Kind der Liebe, aber auch der Sorge«. Warum genau er nur vereinzelte Publikationen zuließ und sich gegen die vollständige Veröffentlichung entschied, kann heute nur in Ansätzen rekonstruiert werden. »Wird schocken!«, schrieb er an den Rand eines Interviewtranskripts – und beschloss dann offenbar doch, dass die deutsche Nachkriegsöffentlichkeit diesen Schock nicht verkraften würde. »Adorno stellte fest, dass es keine soziale Basis für Demokratie in Deutschland gab«, sagt Stephan Lessenich, »dass die Leute das nicht hergaben und auch mit ganz anderen Gesellschafts- und Regierungsformen konform gehen würden.« Im Verlauf einer Gruppendiskussion in Hamburg im November 1950 konstatiert eine Interviewte unter dem Pseudonym Fräulein Dietz (»41 / Sekretärin / led. / ev.«, steht im Bericht), die Monarchie sei »das gewisse Mittelding, was wir als Deutsche brauchen«. Adornos Überlegung war womöglich: Für das Anliegen, eine Demokratie zu errichten, wären solche Aussagen kontraproduktiv.

Deutschland, 1950: Viele Funktionsträger des Nationalsozialismus bekleiden weiterhin hohe Ämter. Im Jahr zuvor sind die Nürnberger Prozesse abgeschlossen, aber längst nicht alle Täter angeklagt worden. Die Teilung in Bundesrepublik und DDR ist gerade vollzogen. Der Wiederaufbau geht langsam voran, die Innenstadt Frankfurts am Main etwa besteht weiterhin aus Ruinen. Nach Jahren der Lebensmittelrationierung und des Wohnraummangels kündigt sich allmählich ein wirtschaftlicher Aufschwung an. Das ist der historische Hintergrund, vor dem Adorno und Kollegen das Gruppenexperiment durchführen.

Aus heutiger Sicht ist das Vorgehen, für das sie sich entschieden, allein schon aus forschungsethischen Gründen nicht mehr vorstellbar: Den Versuchspersonen wurde der fingierte Brief eines US-amerikanischen Sergeants auf Platte vorgespielt. Der fiktive Sergeant spricht über die Besatzungsmächte, die Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg, über Antisemitismus und den »fleißigen« Sozialcharakter der Deutschen. Was heute durch keine Ethikkommission mehr bewilligt würde, war damals durch die Annahme legitimiert, durch den Brief würden verschiedene Anreize gesetzt, über die die homogen zusammengestellten Gruppen ins Gespräch kämen.

Die Methode der Gruppendiskussion hatten die Mitarbeiter des Frankfurter Instituts aus dem US-amerikanischen Exil mitgebracht, für die damalige deutsche Sozialwissenschaft war sie revolutionär. Der Gedanke: In kleinen Gruppen könne man die Entstehung gesellschaftlicher Meinungsprozesse nachvollziehen, von wenigen Versuchspersonen auf die westdeutsche Öffentlichkeit hochskalieren. Bis heute werden solche soziologischen Gruppendiskussionen durchgeführt, zuletzt etwa in der viel beachteten Berliner Studie Triggerpunkte von 2023. »Wo bilden sich Konsense? Wer schweigt, wer stimmt zu? Welche Machtdynamiken gibt es?«: So beschreibt Lessenich die Methode.

Hier, in einem schmucklosen Fünfzigerjahrebau in der Senckenberganlage 26, sitzt das Frankfurter Institut für Sozialforschung, seit es im Jahr 1951 wiedereingerichtet wurde. Bereits 1949 waren Theodor W. Adorno und Max Horkheimer aus dem US-amerikanischen Exil nach Deutschland zurückgekehrt. Zunächst arbeiteten die Institutsmitarbeiter, die während des Nationalsozialismus Deutschland teils verlassen, teils für die Wehrmacht gekämpft hatten, im zerbombten Keller der Frankfurter Universität. Die zentrale Frage, die sie umtrieb: Unter welchen gesellschaftlichen und psychologischen Bedingungen war der Faschismus überhaupt erst ermöglicht worden?

Wie viele deutsche Exilanten, die in ihre Heimat zurückkehrten, machte Adorno die eigentümliche Erfahrung, ein Deutschland ohne Nazis aufzufinden. In einem Brief an Thomas Mann schrieb er 1949, »außer ein paar rührend marionettenhaften Schurken von altem Schrot und Korn« habe er noch keinen Nazi gesehen, »und das keineswegs bloß in dem ironischen Sinn, daß keiner es gewesen sein will, sondern in dem weit unheimlicheren, daß sie glauben, es nicht gewesen zu sein«. Im Brief zeigt sich Adorno auffällig unbesorgt über die Deutschen: Er glaube nicht, dass sie noch Nazis seien, und hoffe, »daß ich an diesem entscheidenden Punkt mich nicht verblenden lasse«. Umso mehr dürften ihn die Erkenntnisse des Gruppenexperiments überrascht haben.

Versuchsleiter: Nun möchte ich Sie Folgendes fragen: – und die anderen Damen auch – Sie erkennen also an, oder wenigstens die eine oder die andere von Ihnen, dass die Deutschen das Recht hatten, die Juden als eine fremde Rasse, einen fremden Körper im Volk zu behandeln und infolgedessen mit Sanktionen zu belegen?

 Zuruf: Ja! [...]

Fräulein Reuther: Es ist wohl mehr deshalb, weil der Jude uns ja auch nicht so sanft angefasst hat; es ist gewissermaßen auch eine Rache, will ich mal sagen, was denn ... was manch einen Deutschen dazu angetrieben hat, nun sozusagen hinter einem Russen oder Juden herzusein.



Die Transkripte vermitteln einen Eindruck davon, wie sich die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft wenige Jahre nach der Befreiung durch die Alliierten am Abendbrottisch, in Treppenhausgesprächen, an Kneipentresen verständigte. Wer Eltern oder Großeltern hat, die die Kriegs- und Nachkriegszeit erlebt haben, dem sind Rudimente dieses Sprechens womöglich vertraut: der raunende Antisemitismus, die Verleugnung von Schuld, das »Unter Hitler war nicht alles schlecht«.

Aber was kann die Gegenwart aus dem Gruppenexperiment lernen? »Wir müssen davon ausgehen, dass sich die Mentalitäten der Nachkriegszeit nicht nach zwei Generationen verflüchtigt hatten«, sagt Stephan Lessenich. »Der heutige Autoritarismus ist nur vor dem Hintergrund damaliger Weltbeziehungen zu verstehen.« Einerseits lässt sich das wahlsoziologisch untermauern: In Gegenden, in denen in den 1930ern die NSDAP besonders stark war, ist es heute die AfD, was auf eine Kontinuität rechtsextremen Gedankenguts schließen lässt. Andererseits sind autoritäre Bewegungen in den letzten Jahren global erfolgreich und auch dort, wo es keinen historischen Faschismus gab. Auch wenn sich die Gegenwart also nicht vollends aus dem Gruppenexperiment erklären lässt: Die Veröffentlichung der Protokolle wird ein eindrückliches Schlaglicht darauf werfen, wie der Nationalsozialismus in den Köpfen mindestens einige Jahre überdauerte.



Aus: "Der Faschismus in den Köpfen" Ann-Kristin Tlusty (Aus der ZEIT Nr. 19/2026 28. April 2026)
Quelle: https://www.zeit.de/2026/19/theodor-w-adorno-gruppenexperiment-sozialforschung-nachkriegszeit-deutschland
#15
Quote[...] Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat die Forderung der SPD nach einer stärkeren Besteuerung höherer Einkommen abgelehnt. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) müsse »wissen, dass das mit der CDU/CSU nicht geht – auch mit mir nicht«, sagte Merz in der ARD-Sendung Caren Miosga nach Angaben des Senders.

...


Aus: "Merz lehnt Besteuerung höherer Einkommen ab" (3. Mai 2026)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-05/usa-militaer-truppenabzug-donald-trump-friedrich-merz


QuoteBauchWald

Der Robin Hood der Reichen!


QuotePfilipp

Ich rege mich nicht mehr auf.


Quotemirinord

Eines muss man allerdings dazu sagen: die AfD würde die Reichen noch viel mehr verwöhnen!

Diese Regierung ist asozial: belastet die Beitragszahler der GKV mit Aufgaben, die eigentlich alle tragen müssten, hinterlässt der jungen Generation einen Berg Schulden und eine durch rückwärtsgewandte Politik ruinierte Wirtschaft und weigert sich gleichzeitig, diejenigen zu belasten, die von dieser Belastung nicht existenziell betroffen wären. Stattdessen diskutiert man über die Erhöhung der Mehrwertsteuer.


QuoteHochSeeNotBoot

Besser die Steuern von mittleren und niedrigen Einkommen erhöhen - Sind sowieso nur faule Taugenichtse.


QuoteDontPanik

    Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) müsse »wissen, dass das mit der CDU/CSU nicht geht – auch mit mir nicht«, sagte Merz

Natürlich, dafür wurde die Union ja gegründet, als kirchenbasierte Kampfgruppe für Reiche, Wohlhabende und Einkommensstarke.

Bizarr, wie viele deren Wähler das noch nicht verstanden haben.


QuoteLundegaard

Bizarr, wieviele deren Wähler das noch nicht verstanden haben.

Vielleicht ja die Besserverdienenden?


QuoteNorbert T.

Mit religiösen und ethischen Wertevorstellungen (siehe u.a. die Bergpredigt) hat diese CDU leider schon lange nichts mehr zu tun. Von daher ist sie auch nicht kirchenbasiert. Das C im Namen wird besonders von dieser Regierung immer wieder missbraucht und ist ein Schlag ins Gesicht für all diejenigen, die sich an christlichen Wertevorstellungen orientieren.


...
#16
"Giftiges Bohrloch: Das ,,argentinische Tschornobyl"" (1.5.2026)
Ein Ölunternehmen hinterlässt in der argentinischen Provinz Salta massive Umweltschäden – und meldet Insolvenz an. Das Bohrloch sprudelt weiter. ...
https://taz.de/Giftiges-Bohrloch/!6175437/


#17
Quote[...] Jüdische Gemeinden fühlen sich bedroht und zunehmend alleingelassen. Laut einer Studie ist die gesellschaftliche Solidarität seit 2023 fast um die Hälfte gesunken.

Die zivilgesellschaftliche Solidarität mit Jüdinnen und Juden sowie jüdischen Gemeinden in Deutschland hat weiter abgenommen. Zu diesen Erkenntnissen kommt das vom Zentralrat der Juden in Deutschland herausgegebene Lagebild zur Sicherheitssituation jüdischer Gemeinden in Deutschland. Die wahrgenommene Unterstützung ist demnach seit der ersten Erhebung 2023 um fast die Hälfte von 62 auf 35 Prozent gesunken. An der nun zum dritten Mal durchgeführten Studie nahmen 102 jüdische Gemeinden und Landesverbände teil.

Nach dem »explosionsartigen Anstieg« des Antisemitismus infolge des 7. Oktober habe sich eine »neue Normalität herausgebildet«, sagte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, zu den Ergebnissen der Untersuchung. Man habe nun eine Lage, »in der jüdische Gemeinden permanent geschützt werden müssen und der Antisemitismus als Teil des öffentlichen Raums eine Normalisierung erfahren hat«. Es sei eine Lage, in der auch Graffitis, die mitten in Berlin offen zum Mord an Juden aufrufen, keinen Sturm der Entrüstung mehr auslösten. Solche Zustände seien unhaltbar.

In der Nacht zu Sonntag hatten Unbekannte in Berlin-Pankow an mehreren Hauswänden Todesdrohungen hinterlassen: »Nur ein toter Jude ist ein guter Jude«, stand direkt neben den Fenstern einer Wohnung im Erdgeschoss, an einem Eckhaus der Schriftzug »Kill all Jews«, flankiert von einem Hakenkreuz. Wenige Tage später markierten Unbekannte die Klingelanlage eines Berliner Wohnhauses mit einem roten Hamas-Dreieck und beschmierten das Namensschild eines dort lebenden Journalisten mit roter Farbe. Der Mann ist Mitarbeiter des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA). Die Polizei ermittelt wegen Volksverhetzung und Sachbeschädigung mit politischem Hintergrund. In der Nacht zu Montag beschmierten zudem Unbekannte in Cottbus eine Synagoge mit einem Hakenkreuz.

 Besonders das Verhältnis zu muslimischen Verbänden und Moscheegemeinden habe sich laut der Studie verschlechtert. Ein Austausch zwischen jüdischen und muslimischen Gemeinden sei heute mehr Ausnahme als die Regel, sagte ein Sprecher des Zentralrats, der die Ergebnisse der Erhebung erläuterte. Auch das Verhältnis zur Partei Die Linke habe sich in den letzten Jahren verschlechtert. Für viele Juden sei sie vor dem Hintergrund ihrer zunehmend antizionistischen Ausrichtung nicht mehr wählbar, obwohl sie früher als Verbündete wahrgenommen worden sei. Die Bedrohung werde aber aus allen politischen Richtungen wahrgenommen, da Antisemitismus ein ideologieübergreifendes Phänomen sei, sagte der Sprecher.

Das Gefühl der Unsicherheit hat insgesamt leicht abgenommen, bewegt sich aber weiter auf einem hohen Niveau. Laut der Untersuchung nehmen 68 Prozent der befragten Gemeindefunktionäre ihr Leben unsicherer war als noch vor dem 7. Oktober 2023 und dem darauffolgenden Gazakrieg. Vor zwei Jahren sagten das noch 84 Prozent der Befragten. Je größer die Stadt und je präsenter die Gemeinde, desto größer werde die Gefahr empfunden, sagte der Sprecher.

Anders als in vorherigen Kriegen habe die brüchige Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas im Oktober 2025 die Sicherheitswahrnehmung der jüdischen Gemeinden nicht verbessert: 66 Prozent der Befragten berichten von keiner Veränderung, 18 Prozent von einer Verbesserung, 13 Prozent sogar von einer Verschlechterung des eigenen Sicherheitsgefühls, so das Lagebild. Außerdem gaben 62 Prozent der Befragten an, dass sich ihre Sicherheitslage seit Beginn des Irankriegs weiter verschlechtert habe.

Im Alltag zeige sich die Bedrohung in verändertem Verhalten: Jüdische Symbole würden verborgen, besonders Kinder und Jugendliche verheimlichten ihre Identität. Jede fünfte Gemeinde habe im vergangenen Jahr Veranstaltungen aus Sicherheitsgründen absagen müssen. Zudem meldeten 46 Prozent der Gemeinden antisemitische Vorfälle im vergangenen Jahr. Dabei handelte es sich laut Lagebild vor allem um Beleidigungen, Anfeindungen im Internet, Drohanrufe und antisemitische Zuschriften, Sachbeschädigungen oder Schmierereien sowie Demonstrationen.

Über 90 Prozent der Führungspersonen und Mitarbeitenden jüdischer Gemeinden fühlen sich demnach durch die Situation merklich belastet, 41 Prozent davon stark oder sehr stark. Die Nachfrage nach psychosozialer Unterstützung sei in 63 Prozent der Gemeinden gestiegen.

Auch auf die Entwicklungen im Ausland blicke man mit Sorge, sagte der Sprecher des Zentralrats. Dabei bezog er sich auch auf die jüngsten Vorfälle in England und Belgien. Im Londoner Viertel Golders Green hatte am Dienstagabend ein Angreifer mit einem Messer zwei jüdische Männer attackiert und schwer verletzt. Die proiranische islamistische Gruppe Hayi beanspruchte den Anschlag für sich. In Brüssel wurde ein jüdischer Mann Ende vergangener Woche in der U-Bahn von drei Tätern angegriffen. Sie hatten auf ihn eingeschlagen, antisemitische Parolen gerufen und seine Davidsternkette entwendet. 89 Prozent der Befragten sehen das Sicherheitsgefühl in ihren Gemeinden durch Terroranschläge im Ausland teilweise bis sehr stark beeinträchtigt.

Während es Auswanderungsbewegungen von Juden aus England, Frankreich, Spanien und Belgien nach Israel gebe, sei dieser Trend in Deutschland allerdings noch nicht zu verzeichnen. Das Vertrauen in deutsche Sicherheitsbehörden liegt mit 91 Prozent Zufriedenheit unter den Befragten sehr hoch, auch wenn der Wert seit 2023 um fünf Prozentpunkte gesunken ist. Der Zusammenhalt innerhalb der jüdischen Gemeinden sei dagegen gestiegen: »Gerade junge Menschen suchen in diesen Zeiten Zusammenhalt in Gemeinden und auf Jugendfreizeiten«, sagte der Sprecher des Zentralrats.

Jedoch schätzten nach Angaben des Lagebilds nur 13 Prozent der Befragten die Perspektive für jüdisches Leben in Deutschland positiv ein. »Die Ergebnisse dieser repräsentativen Erhebung müssen für Entscheidungsträger und die Gesellschaft gleichermaßen Alarmsignal und Ansporn sein«, sagte der Präsident des Zentralrats, Josef Schuster. Nur enorme Kraftanstrengungen könnten diesen Trend umkehren.



Aus: "Jüdische Gemeinden in Deutschland: Sinkende Solidarität mit Juden in Deutschland" Anastasia Tikhomirova (1. Mai 2026)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-04/juedische-gemeinden-deutschland-zentralrat-antisemitismus

QuoteKlaPeter

Ich verstehe nicht, warum man es nicht schafft, Antisemitismus von Anti-Israelismus zu unterscheiden.

Die Menschen, die sich heute gegen Israel aussprechen, sind nicht gleichbedeutend mit Antisemitisten. Sie sind primär gegen Netanyahu und die Politik der Regierung. Dass man das in einen Topf wirft ist gefährlich, weil sich schon viele gegen den Antisemitismus wenden. Wenn man damit aber auch die Politik Israels aus der Kritik nehmen möchte, eskaliert etwas.


QuoteJ.P._Merz

Es geht im Artikel aber um Antisemitismus.


Quoteweber-hans-friedrich

Na, weil jegliche Kritik an Netanjahu, Gvir, Smotrich, Kurz, den radikalen jüdischen Siedlern im Westjordanland und dem Vorgehen des IDF im Südlibanon und Gaza als Antisemitismus abgetan werden kann und man sich damit jeglicher Diskussion entzieht in dem man Kritiker kategorisch als Antisemiten brandmarkt. Nichts Schöneres als einen Joker!


QuoteBinane

Ein Teil des Problems könnte eben die mangelnde Abgrenzung sein. So tritt der Staat Israel eben immer als vermeintlicher "Fürsprecher" auf für die weltweiten jüdischen Gemeinden. Ebenfalls erlebt man dieses vom israelischen Botschafter, und in teilen auch vom Zentralrat der Juden.

Ich denke dass da mehr Distanziertheit hilfreich wäre. Deutsche Juden sind eben deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens und keine halben Israelis. Deutsche Juden müssen auch nicht Übergriffe des Staates Israels rechtfertigen, genauso wenig müssen sich aber auch deutsche Juden für diese Übergriffe entschuldigen oder Verantwortung übernehmen. Denn gerade vor dem Hintergrund der in Teilen rechtsextremistischen israelischen Regierung kann man dabei nur verlieren. Entsprechend tue ich mich schwer, wenn von einem jüdischen Volk gesprochen wird. Juden sind eine Religionsgemeinschaft und Juden sind divers, in ihren Lebensstilen, in ihren politischen Einstellungen, in ihren kulturellen Prägungen.

Ich möchte hier auch in keiner Weise eine Täter/Opfer-Umkehr betreiben, vielmehr bekommt man den Eindruck, die jüdischen Gemeinden außerhalb Israels werden von der israelischen Regierung übergriffig vereinnahmt. Diese differenzierte Betrachtung ist aber natürlich nicht nur Aufgabe der deutschen Juden sondern eben auch Aufgabe der deutschen Gesellschaft. Es gibt eben nicht nur eine gültige jüdische Stimme, und kein europäischer Jude ist verantwortlich für die Taten der israelischen Regierung.


QuoteKaukas

    Sie sind primär gegen Netanyahu und die Politik der Regierung. Dass man das in einen Topf wirft ist gefährlich

Das würde in einem totalitären Staat sicher so zutreffen.

Allerdings, landauf und landab preist sich Israel als einzige, liberale Demokratie in NahOst. Dies wird sogar als Argument genutzt, über Menschenrechtsverletzungen oder gar genozidähnliches Vorgehen der Knesset/Siedler/IDF doch bitteschön hinweg zu sehen. Zwar tun sie manchmal blöd, aber ganz so blöd, nicht vorhersehen zu können, was faschistoide Politiker im Namen ihrer Wähler anrichten würden, waren sie gewiß nicht!

Ganz deutlich: Das, was in NahOst vorgeht, ist vom dortigen Wähler gewünscht, da gibt es kein Verstecken. Dafür sind demokratische Wahlen da.


QuoteWiseCat

Interessant waere auch die Frage:" Haben Sie das Gefühl, dass die Handlungen der aktuellen israelischen Regierung, ihr Leben beeinflusst? Wie schaetzen Sie das ein, positiv oder negativ?"

Es waere interessant zu erfahren, wie die jüdischen Gemeinden diesen Konflikt und die Einflüsse daraus, wahrnehmen und einschaetzen.


QuoteHarrison Bergeron

    Es waere interessant zu erfahren, wie die jüdischen Gemeinden diesen Konflikt und die Einflüsse daraus, wahrnehmen und einschaetzen.

Wozu soll das gut sein? Sie werden in jeder jüdischen Gemeinde Menschen mit ganz unterschiedlichen Positionen und Meinungen finden. Das ist nicht anders als bei Menschen, die diesen Gemeinden nicht angehören. Genau wie bei Christen oder Muslimen, gibt es auch bei Juden unterschiedliche Meinungen. Ich hoffe das überrascht sie nicht.

Genau wie in Israel. Ich kenne sehr viele Israelis und die sind nicht alle ein und derselben Meinung. Natürlich gibt es die Leute, die hinter der Regierung stehen. Es gibt aber auch Israelis, die die Regierung komplett ablehnen und vor dem Massaker am 7.8. zu Hunderttausenden gegen die damalige Regierung auf die Straße gegangen sind.


QuoteNenntMichIshmael

Jeder in Deutschland lebende Mensch hat ein Anrecht auf ein Leben in Sicherheit, Würde und Freiheit. Antisemitische Bedrohungen und Übergriffe sind völlig inakzeptabel und gehören bestraft.

Der Zentralrat macht es sich aber etwas zu leicht. Er legt sich seit Jahren für Netanjahus zunehmend rechtsextreme und unterdrückerische Regierungen ins Zeug, publiziert mit der Jüdischen Allgemeine eine Zeitung, die stramm auf Likud-Linie ist. Kritik an der verbrecherischen ,,Siedlungs"politik mit Jahrzehnten von Unterdrückung, Enteignung und Vertreibung hört man nicht. Wenn man auf die Welt außerhalb Deutschlands schaut, dann sorgenvoll auf antisemitische Übergriffe in London, aber schulterzuckend oder gar rechtfertigend auf israelische Kriegsverbrechen mit Zehntausenden toten Frauen und Kindern.

Der Zentralrat präsentiert sich mit Allgemeinvertretungsanspruch als die Stimme der Juden in Deutschland. Und wundert sich nun, dass Jüdinnen und Juden - in vielen Fällen individuell zu Unrecht - für israelische Verbrechen in Mithaftung genommen werden.

Übrigens gilt bei uns Deutschen doch auch die kollektive Verantwortung für Nazi-Verbrechen. Dieser stellen wir uns auch Generationen später noch zu Recht. Der Zentralrat sollte sich ein Beispiel daran nehmen.


QuoteKragua

Man hätte von Beginn an differenzieren müssen zwischen Judentum und dem heutigen Israel.


QuoteMax Hansen

Wer gegen Israels Politik und den Zionismus ist, wird aber heutzutage automatisch dem Antisemitismus zugeordnet. Interessant ist, daß auch Palaestinenser eine Semitische Volksgruppe sind (in vielen Faellen sind diese Juden die vor Jahrhunderten zum Islam uebergetreten sind)

Semiten sind auch Araber, Araemaer,Mehrier, einige Aethiopier, Eritraeer und einige andere. Der Begriff wurde von Deutschen gepraegt und wird auf die Bibel zurueckgefuehrt. Es ist aher urkomisch von Antisemitismus zu sprechen wenn jemand pro Paelaestinensisch ist


QuoteEntfremdetVonDerWelt
Antwort auf @Max Hansen

Der Begriff hat eine eigene, separate Geschichte, vgl. Wilhelm Marr, der halt fand, dass das wissenschaftlicher klingt.

Das heisst, Stand heute, hat der Begriff per se nichts mit den Semiten zu tun. Das ist jetzt halt so.


QuoteNichtNochmalSo

Wegen den Terrorakten von Islamisten hat man immer von muslimischen Verbänden gefordert, sich zu distanzieren. Ich lese so etwas im Moment nie. Die jüdischen Gemeinden sollten sich vielleicht mal von der israelischen Regierung distanzieren. Dann hätten zumindest Menschen wie ich auch wieder mehr Verständnis.


Quoteflosculi

Hier geht es aber nicht darum, dass die sich von Israel distanzieren sollen. Sondern darum, warum sie sich denn immer noch mit Israel solidarisieren wollen. Das sind zwei ganz unterschiedliche Sachen.

Zwischen Distanzierung und Solidarität gibt es ein weites Feld, wo man derzeit politisch auf der sicheren Seite wäre.

Denn du bist als Jude zu keinem der beiden der Dinge verpflichtet, auch wenn dir letzteres durch Soft Power wie Jugendreisen nach Israel, oder der Option den israelischen Pass zu bekommen und so weiter von Kindheitsbeinen als Jude in Deutschland, den USA und anderswo eingetrichtert wird. Als Jude ist man ganz schön viel Propaganda pro-Israel ausgesetzt, insofern kann ich ja auch verstehen, warum man das Erlernte nich so leicht abstreifen kann. Aber ansonsten... Nein, es gibt keine Pflicht und kein Gesetz als Jude den Staat Israel unterstützen zu müssen. Woher kommt diese Annahme?

Das ist freiwillig und wenn Juden oder Nicht-Juden sich aus freiem Willen mit einem Verbrecherstaat solidarisieren, dann dürfen sie in einer freiheitlichen Demokratie natürlich dafür offen kritisiert werden. Das ist doch wohl normal, dass das erlaubt ist. Diese Kritik an der Solidarität schließt aber selbstverständlich Gewalt und Anti-Semitismus aus.


QuoteWüstendackel

Traurig, wie sich dieses Land in dieser Angelegenheit entwickelt hat.
Eigentlich zu tiefst beschämend.


QuoteRobseno

Da können sich die jüdischen Gemeinden bei der Regierung des Staates Israel bedanken...


...
#18
Quote[...] In Prenzlauer Berg stehen Aufrufe zum Töten von Juden, das Wohnhaus eines NGO-Mitarbeiters wird markiert. Doch es gibt Gegenwehr aus der Nachbarschaft.

Die Erschütterung ist im Kiez auch am Mittwoch noch zu spüren. Die antisemitischen Schmierereien sind zwar übermalt, doch unter der Farbe lässt sich noch erahnen, was hier stand. Gleich mehrere Passant*innen sprechen den Polizisten an, der gegen Mittag in der Ueckermünder Straße auf Streife ist. Um Präsenz zu zeigen, wie er sagt. Hier im Prenzlauer Berg hatten in der Nacht zu Sonntag Unbekannte an mehreren Häuserwänden Todesdrohungen gegen Jüdinnen und Juden hinterlassen. ,,Nur ein toter Jude ist ein guter Jude", stand dort in großen schwarzen Blockbuchstaben, direkt neben zwei Fenstern einer ebenerdigen Wohnung.

Am Eckhaus prangte der Schriftzug: ,,Kill all Jews". Derselbe Satz fand sich an einer Wand in der Straße noch einmal, hier zusammen mit einem Hakenkreuz. Ein paar Häuser weiter sind die übermalten Zahlen noch gut zu erkennen: 271K stand dort, in derselben Größe und Schrift wie die anderen Schmierereien. Es ist ein rechtsextremer Code, der für die Verschwörungstheorie steht, dass die Nazis 271.000 Jüdinnen und Juden ermordet hätten, und nicht 6 Millionen.

,,Ich habe gar nichts dagegen, wenn mal ein provokanter Satz fällt", sagt ein Passant. Im Gegenteil, er begrüße kontroverse Meinungen oder auch heftigere Diskussionen. ,,Aber das hier, das ist Next Level." Die Gegend sei eigentlich sehr ruhig, findet er. Ein anderer Passant fragt den Polizisten, ob die Polizei schon etwas über die Täter herausgefunden habe. Er sei Vater und wohne mit seiner jüdischen Familie in der Gegend. ,,Wir haben das mit Freunden besprochen. Wir denken nicht, dass es gezielt gegen uns Anwohner*innen hier war", sagt er. Der Schock sitzt trotzdem tief.

Bereits zwei Wochen zuvor hatte jemand in der Straße ,,Kill all Jews" und ein 70 mal 70 cm großes Hakenkreuz an ein Wohnhaus direkt neben einer Eingangstür geschmiert. Anwohner*innen hatten Schriftzug und Hakenkreuz direkt mit zwei silbrigblauen großen Herzen übermalt. Der Staatsschutz ermittelt in beiden Fällen wegen antisemitischer, volksverhetzender Sachbeschädigung. Die Polizei hat Zettel aufgehängt und bittet um Hinweise, falls jemand etwas beobachtet hat.

Auf der Straßenseite mit den Graffiti ist der Bürgersteig mit Kreidebotschaften beschrieben. ,,Zusammenhalt", ,,Solidarität", ,,Kein Platz für Hass" und ,,Pankow bleibt bunt" ist zu lesen, eingerahmt von zahllosen Herzen und gefolgt von ,,Wir sehen hin" und ,,Liebe ist lauter". Kinder haben es in den vergangenen Tagen hingeschrieben. ,,Darüber habe ich mich gefreut, es macht mich froh", sagt der Familienvater.

,,Es mindert nicht das Entsetzen, aber es macht doch einen großen Unterschied, wie ein solcher Tag danach aussieht", kommentierte der Journalist und Autor Ronen Steinke die Kreidezeichnungen auf Instagram. Für Sonntag ruft eien Initiative zu einer Mahnwache gegen Antisemitismus in der Schönhauser Allee auf.

Der direkte Gewaltaufruf in Pankow reiht sich ein in diverse antisemitische Straftaten und Drohungen allein in jüngster Zeit. Am Mittwoch etwa wurde bekannt, dass Unbekannte das Klingelschild eines Mitarbeiters beim Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA) mit einem roten Hamas-Dreieck markiert und seinen Namen an der Klingel mit roter Farbe beschmiert hatten. Auch hier ermittelt der Staatsschutz. Das rote Dreieck nutzt die in Hamas in ihren Propagandavideos, um Ziele zu markieren.

Und nach Berichten auf der Plattform X wird der Betreiber des israelischen Restaurants Gila & Nancy am Gendarmenmarkt sein Restaurant aufgeben, dem Vernehmen nach auch wegen Anfeindungen. Das Personal sei mehrfach belästigt und bedroht worden, antiisraelische Demonstrationen hätten den Betrieb wiederholt gestört. Es ist nicht das einzige israelische Restaurant, das angefeindet wird.

Immerhin, so mag man versucht sein zu sagen, im Fall von Andreas Büttner, dem Antisemitismusbeauftragten von Brandenburg, scheint Antisemitismus nicht das Motiv gewesen zu sein. Das zeichnete sich den Polizeiermittlungen zufolge am Dienstag ab. Die Polizei verdächtigt zwei Menschen aus dem engeren Bekanntenkreis von Büttner, dass diese im Januar einen Schuppen auf Büttners Grundstück mit einem Dreieck beschmiert und in Brand gesteckt hatten. Es war nicht der erste Angriff auf Büttner. Auch hier hatte der Staatsschutz ermittelt.

Ein antisemitisches Tatmotiv schien aufgrund vorheriger Anfeindungen und wegen Büttners Position zunächst plausibel. ,,Wenn die beiden tatsächlich die Täter sind, hat das aus meiner Sicht nichts mit Antisemitismus zu tun", hatte Büttner nun am Dienstag gesagt. Es gebe für ihn keine Erklärung dafür. Hier scheint Antisemitismus also nicht das Motiv gewesen zu sein.

Doch wie sehr fällt das noch ins Gewicht, angesichts der Bedrohungen und Anfeindungen gegenüber jüdischen und israelischen Menschen – die teils weniger prominent und damit möglicherweise weniger geschützt sind? Die Vorfälle zeigen aber auch: Es reicht schon ein bisschen bunte Kreide und Entschiedenheit, um einen ersten Schritt gegen antisemitische Gewalt zu tun.


Aus: "Wie Antisemitismus wirkt" Uta Schleiermacher (30.4.2026)
Quelle: https://taz.de/Judenfeindliche-Schmierereien-in-Berlin/!6174991/
#19
... Nur noch 1 von 100 Menschen weltweit könne sich durch eine vielfältige, gesunde Medienlandschaft informieren. ...

Quote[...] Die Pressefreiheit steht unter Druck. Laut Rangliste von Reporter ohne Grenzen fallen mehr als die Hälfte aller Länder in die beiden schlechtesten Kategorien.

epd | Die weltweite Situation der Presse hat sich nach Angaben von ,,Reporter ohne Grenzen" erneut verschlechtert. Zum ersten Mal in der 25-jährigen Geschichte der Rangliste der Pressefreiheit fielen mehr als die Hälfte aller Länder in die beiden schlechtesten Kategorien ,,schwierig" und ,,sehr ernst", erklärte die Journalistenvereinigung am Donnerstag in Berlin.

Christian Mihr, Geschäftsführer für Politik und Strategie bei ,,Reporter ohne Grenzen" (RSF), sprach von einem ,,dramatischen Befund". Nur noch 1 von 100 Menschen weltweit könne sich durch eine vielfältige, gesunde Medienlandschaft informieren.

Auch die Pressefreiheit in Deutschland bleibt unter Druck. Die Bundesrepublik stieg um 3 Plätze nach unten ab und liegt nun auf Platz 14. ,,Dass Deutschland erneut Plätze verliert, ist auch Ausdruck eines aufgeheizten Klimas", erklärte Mihr [https://taz.de/Bericht-von-Reporter-ohne-Grenzen/!6150539/].

Bei der Berichterstattung über rechtsextreme Milieus oder den Krieg in Gaza berichteten viele Journalistinnen und Journalisten ,,von starkem Druck, hitzigen Debatten und der Sorge, öffentlich an den Pranger gestellt zu werden". Die Lage in Deutschland sei damit insgesamt nur ,,zufriedenstellend" [https://taz.de/Polnischer-Journalist-kommt-frei/!6175100/].

Zum zehnten Mal in Folge belegt Norwegen den ersten Platz der Rangliste. Eritrea im Nordosten Afrikas ist zum dritten Mal in Folge Schlusslicht. In Syrien verbesserte sich die Situation nach dem Sturz des Assad-Regimes im Vergleich aller Länder am deutlichsten, das Land kletterte von Rang 177 auf 141. Am stärksten rutschte das westafrikanische Niger ab, um 37 Plätze auf Rang 120. Dieser Absturz stehe sinnbildlich für die sich verschlechternde Situation der Pressefreiheit in der gesamten Sahel-Region, erklärte RSF.

Die USA fielen um 7 Plätze auf Rang 64. Unter US-Präsident Donald Trump hätten Angriffe auf Medien und Pressevertreter ,,mittlerweile System", erklärte RSF. In Argentinien (Platz 98, minus 11 Ränge) und El Salvador (Platz 143, minus 8 Plätze) seien mit Javier Milei und Nayib Bukele zwei Präsidenten an der Macht, die zu den lautstärksten Unterstützern Trumps in Lateinamerika zählen und ihre Pressefeindlichkeit ,,offen zur Schau stellen".

Israel rutschte vor allem wegen des Gazakriegs um 4 Plätze auf Rang 116 ab. Seit Oktober 2023 tötete die israelische Armee nach RSF-Angaben in Gaza mehr als 220 Journalisten, darunter mindestens 70 bei der Ausübung ihrer Arbeit. Die Palästinensischen Gebiete fielen um 4 Plätze auf Rang 163. Auch in Ländern wie dem Sudan (Platz 161, minus 5 Ränge), Irak (Platz 162, minus 7 Ränge) oder Jemen (Platz 164, minus 10 Ränge) seien die Auswirkungen von bewaffneten Konflikten spürbar.

Besonders die rechtlichen Rahmenbedingungen hätten sich für Medienschaffende weltweit verschlechtert, kritisierte RSF. Journalismus werde immer häufiger kriminalisiert. Auch in demokratischen Ländern werde das Recht der Bürger auf Information zunehmend beschnitten.

Die RSF-Rangliste der Pressefreiheit vergleicht die Situation für Journalisten und Medien in 180 Ländern und Territorien. Sie stützt sich auf die Indikatoren Sicherheit, politischer Kontext, rechtlicher Rahmen sowie wirtschaftliches und soziokulturelles Umfeld.


Aus: "Deutschland fällt um drei Plätze ab" (30.4.2026)
Quelle: https://taz.de/Lage-der-Pressefreiheit/!6175261/
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Stig Dagerman: ,,Deutscher Herbst"
Aus dem Schwedischen von Paul Berf
Guggolz Verlag, Berlin. 190 Seiten


"Stig Dagerman: ,,Deutscher Herbst"Empathie und kaltes Grauen" Christoph Schröder (16.08.2021)
Der junge Schriftsteller Stig Dagerman reiste im Herbst 1946 im Auftrag der schwedischen Tageszeitung ,,Expressen" nach Deutschland. Seine eindringlichen Reportagen aus einem zerstörten Land sind nun in einer neuen deutschen Übersetzung erschienen. ... Stig Dagerman, der bereits in jungen Jahren von Depressionen und Krisen geplagt war, nahm sich 1954 im Alter von 31 Jahren das Leben. Sein ,,Deutscher Herbst" ist ein Dokument, das die pauschale Erzählung vom deutschen Neuanfang nach 1945 auf imposante Weise ausdifferenziert. ...
https://www.deutschlandfunk.de/stig-dagerman-deutscher-herbst-empathie-und-kaltes-grauen-100.html

https://www.perlentaucher.de/buch/stig-dagerman/deutscher-herbst.html

Stig Halvard Dagerman (* 5. Oktober 1923 in Älvkarleby; † 4. November 1954 in Enebyberg bei Stockholm) war ein schwedischer Journalist und Schriftsteller. Nach symbolistischen Anfängen entwickelte er unter dem Eindruck der Kriegsfolgen und persönlicher Katastrophen einen hart realistisch-expressionistischen Stil.
https://de.wikipedia.org/wiki/Stig_Dagerman