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REALITY.SERVICES [REALITAETS.DIENSTE] => Erweiterter Machtdiskurs (Politik) => Topic started by: Link on July 10, 2012, 09:20:58 AM

Title: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
Post by: Link on July 10, 2012, 09:20:58 AM
Friederike Habermann: ...Die scheinbare Natürlichkeit der kapitalistischen Logik allein durch die Erfahrung aufzubrechen, dass es auch anders geht. Wenn wir es als Selbstverständlichkeit leben, beizutragen statt zu tauschen, zu teilen statt zu kaufen, wird uns niemand mehr erzählen können, dass die Tatsache, dass 100.000 Menschen am Tag verhungern, leider nicht zu ändern wäre. Oder dass wir nur etwas Wert sind, wenn wir imstande sind, uns zu verwerten. ...
Aus: "Utopischer Überschuss" Juliane Schumacher / Jürgen Weber (20.06.2009)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/utopischer-uberschuss (https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/utopischer-uberschuss)

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The Rules of Acquisition, in the fictional Star Trek universe, are a set of guidelines intended to ensure the profitability of businesses owned by members of the ultra-capitalist alien race known as Ferengi. ... The first rule was made by Gint, the first Grand Nagus of the Ferengi Alliance, a role with political, economic, and even quasi-religious duties. The title of "Rules of Acquisition" was chosen as a clever marketing ploy (since the rules are merely guidelines) and Gint numbered his first rule as #162, in order to create a demand for the other 161 Rules that had yet to be written. The Rules were said to be divinely inspired and sacred (thus furthering the original marketing ploy). ...
http://en.wikipedia.org/wiki/Rules_of_Acquisition


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Kapitalismus bezeichnet zum einen eine spezifische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, zum anderen eine Epoche der Wirtschaftsgeschichte. Die zentralen Merkmale sind in Anbetracht des historischen Wandels und der zahlreichen Kapitalismusdefinitionen sowie weltanschaulicher Unterschiede umstritten. Allgemein begreift man Kapitalismus als eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die auf Privateigentum an den Produktionsmitteln und einer Steuerung von Produktion und Konsum über den Markt beruht. Als weitere Merkmale werden genannt: die Akkumulation und das „Streben nach Gewinn im kontinuierlichen, rationalen kapitalistischen Betrieb“. Als Epoche der Wirtschaftsgeschichte versteht man unter Kapitalismus eine wirtschaftsgeschichtliche Periode, die auf die Epochen des Feudalismus und des Merkantilismus folgte und heute noch andauert. ...
http://de.wikipedia.org/wiki/Kapitalismus | http://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Kapitalismus


Als Kapitalismuskritik werden Ansichten und Theorien bezeichnet, die mit der Industrialisierung aufgekommene Wirtschaftsordnung, die auf Privateigentum, Marktwirtschaft, Kapitalakkumulation, abhängiger Lohnarbeit und dem individuellen Gewinnstreben beruhen, grundsätzlich oder in einzelnen Aspekten kritisieren. Kaum anders als der Kapitalismus selbst hat die Kapitalismuskritik eine mittlerweile mehr als 200jährige Geschichte. Die Kritik äußert sich an einzelnen Elementen des Kapitalismus wie Geld- und Zinswirtschaft, Privateigentum an Produktionsmitteln und Profitmaximierung sowie den ihnen zugeschriebenen Konsequenzen wie Ausbeutung und Verelendung der arbeitenden Klasse. Häufig hält sie den Kapitalismus und die ihm zugerechneten Herrschaftsverhältnisse für prinzipiell unreformierbar...
http://de.wikipedia.org/wiki/Kapitalismuskritik


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"Wealth Inequality in America" (politizane, 20.11.2012)
Infographics on the distribution of wealth in America, highlighting both the inequality and the difference between our perception of inequality and the actual numbers. The reality is often not what we think it is. ...
https://www.youtube.com/watch?v=QPKKQnijnsM&feature=youtu.be

Quote
Wafflewaltzvor 5 Monaten
If you're not a member of the uppermost percentile range and you dislike this video, you've simply been brainwashed against your own interests and are making things worse for the rest of us. It's amazing how hostile some people who don't have a pot to piss in themselves get when you even bring up the topic of taxing the rich. I'd like to think that the internet is changing the paradigm involving misinformation for the better, but god damn... some comments you just can't unread.

Title: Kapitalismus
Post by: Link on July 10, 2012, 09:30:23 AM
Der Manchesterliberalismus bzw. der Manchesterkapitalismus, das Manchestertum oder die Manchesterschule bezeichnet eine politische Strömung und Freihandelsbewegung in Großbritannien im 19. Jahrhundert, die in der Stadt Manchester ihren Ausgang nahm. Die bedeutendsten Vertreter des Manchesterliberalismus waren die Engländer Richard Cobden und John Bright sowie der Franzose Frédéric Bastiat. In Deutschland wurden manchesterliberale Positionen von der Deutschen Fortschrittspartei (Hermann Schulze-Delitzsch, Eugen Richter) und vom linken Flügel der Nationalliberalen (Ludwig Bamberger, John Prince-Smith) sowie deren Nachfolgeorganisationen (Liberale Vereinigung, Deutsche Freisinnige Partei, Freisinnige Volkspartei, Freisinnige Vereinigung) vertreten. ... Der Ausdruck Manchesterliberalismus bezeichnet heute vielfach eine Politik, die so weit wie möglich auf den Markt vertraut, und damit eine Extremform des wirtschaftlichen Liberalismus. Seit dem 19. Jahrhundert wird er von Konservativen und Sozialdemokraten auch als Kampfbegriff gegen ihre liberalen Gegner benutzt. ...
http://de.wikipedia.org/wiki/Manchesterliberalismus


Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus ist ein Werk von Max Weber, das zuerst in Form eines zweiteiligen Aufsatzes im November 1904 und Frühjahr 1905 im Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik, Bd. XX und XXI erschien, und das 1920 in überarbeiteter Fassung veröffentlicht wurde. Es zählt neben Webers Schrift Wirtschaft und Gesellschaft zu seinen international wichtigsten Beiträgen zur Soziologie und ist ein grundlegendes Werk der Religionssoziologie. Zwischen der protestantischen Ethik und dem Beginn der Industrialisierung bzw. des Kapitalismus in Westeuropa besteht nach diesem Werk ein enger Zusammenhang. Die Kompatibilität („Wahlverwandtschaften“) der Ethik oder religiösen Weltanschauung der Protestanten, insbesondere der Calvinisten, und dem kapitalistischen Prinzip der Akkumulation von Kapital und Reinvestition von Gewinnen waren ein idealer Hintergrund für die Industrialisierung. ...
http://de.wikipedia.org/wiki/Die_protestantische_Ethik_und_der_Geist_des_Kapitalismus

Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie ist ein 1942 veröffentlichtes Werk von Joseph Schumpeter. Es gehört zu den Klassikern der politischen Ökonomie ...
http://de.wikipedia.org/wiki/Kapitalismus,_Sozialismus_und_Demokratie


http://de.wikipedia.org/wiki/Kapitalismusmodelle

http://de.wikipedia.org/wiki/Rheinischer_Kapitalismus


http://de.wikipedia.org/wiki/Kasino-Kapitalismus


Das Schwarzbuch Kapitalismus (Untertitel: Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft) ist eine 1999 erschienene Monographie von Robert Kurz, die sich kritisch mit der Geschichte und der Zukunft des Kapitalismus auseinandersetzt. Es gilt als das Hauptwerk des der Wertkritik zuzurechnenden Autors und löste eine Debatte über die vorgenommene Beschreibung der Entstehungsgeschichte des Kapitalismus, seine Gegenwartsdiagnose sowie über die Folgen der Kritik an den herrschenden Verhältnissen aus. ...
http://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzbuch_Kapitalismus


Mit der Schrift Zur Kritik der politischen Ökonomie hat Karl Marx im Jahr 1859 erstmals eine ausgearbeitete Form seiner Theorie der kapitalistischen Produktionsweise veröffentlicht, die er und Engels in den 3 Bänden Das Kapital, erschienen 1867, 1885 und 1894, später ausführlich darstellten. ...
http://de.wikipedia.org/wiki/Zur_Kritik_der_politischen_%C3%96konomie

Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, eines der Hauptwerke von Karl Marx, ist eine Analyse und Kritik der kapitalistischen Gesellschaft mit weitreichenden Wirkungen in der Arbeiterbewegung und der Geschichte des 20. Jahrhunderts....
http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Kapital


Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie ist ein 1942 veröffentlichtes Werk von Joseph Schumpeter. Es gehört zu den Klassikern der politischen Ökonomie und wurde in 20 Sprachen übersetzt. Sein Kern ist die Analyse des Kapitalismus, seiner Errungenschaften und Zukunftsaussichten. Schumpeter zieht hierzu historische, sozialpsychologische und politische Aspekte heran. Besonders bekannt geworden ist der Begriff der schöpferischen Zerstörung, der im siebten Kapitel des Werkes als Kernelement der kapitalistischen Wirtschaft entwickelt wird.
Schumpeter würdigt geradezu enthusiastisch die historischen Erfolge des Kapitalismus. Dennoch werde der Kapitalismus eines Tages zu Grunde gehen, und zwar nicht auf Grund wirtschaftlicher Fehlschläge und auch nicht infolge einer gewaltsamen Revolution, wie Karl Marx es angenommen hat, sondern paradoxerweise auf Grund seiner Erfolge, die Bedingungen schaffen, unter denen das System nicht überleben kann und die zwangsläufig einen Übergang zum Sozialismus zur Folge haben werden. Schumpeter beginnt sein Werk mit einer Analyse der marxistischen Wirtschaftstheorie. Man kann Schumpeter als „kritischen Bewunderer“ Karl Marx’ ansehen, der dessen Leistungen stärker würdigt, als es unter Ökonomen des 20. Jahrhunderts üblich ist, aber dessen Schwachpunkte trotzdem kritisiert. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Kapitalismus,_Sozialismus_und_Demokratie (https://de.wikipedia.org/wiki/Kapitalismus,_Sozialismus_und_Demokratie)
Title: Kapitalismus
Post by: Link on May 03, 2016, 07:57:16 AM
"What the 1% Don't Want You to Know" (2014)
Economist Paul Krugman explains how the United States is becoming an oligarchy - the very system our founders revolted against.
https://youtu.be/QzQYA9Qjsi0

How Class Works -- by Richard Wolff (2014)
https://www.youtube.com/watch?v=euH3pAuLuko

ARD: Die Story im Ersten - Milliarden für Millionäre 15.02.2016
https://www.youtube.com/watch?v=YEUok276phM

Infografiken
So funktionierten die "Cum-Ex"-Geschäfte
https://www.tagesschau.de/multimedia/bilder/cum-ex-deals102.html

Unter Dividendenstripping wird börsentechnisch die Kombination aus dem Verkauf einer Aktie kurz vor dem Dividendentermin und Rückkauf derselben Aktie kurz nach dem Dividendentermin verstanden. Ist der Verkäufer bei einem Verkauf kurz vor dem Dividendenstichtag (noch) nicht Eigentümer der Aktie (Leerverkäufer) und wird die Aktie kurz nach dem Dividendenstichtag geliefert, spricht man auch von Cum/Ex-Geschäften oder Cum-ex-Trade. Bei Cum/Ex-Geschäften kam es in der Vergangenheit in großem Umfang zu bewusst herbeigeführter mehrfacher Erstattung von nur ein Mal abgeführter Kapitalertragssteuer. Ob hierbei der Tatbestand der Steuerhinterziehung erfüllt wurde oder eine legale Steuergestaltung genutzt wurde, ist umstritten. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Dividendenstripping

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"Cum/Cum-Geschäft Deutsche Banken bringen Fiskus um Milliarden" (03. Mai 2016)
Medienberichten zufolge kosten die Steuertricks deutscher Banken den Fiskus Milliarden. Besonders aktiv soll die Commerzbank sein, die noch zu 15 Prozent in staatlichem Besitz ist. ... Deutsche Banken haben den Fiskus Medienberichten zufolge im Auftrag ausländischer Investoren um mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr gebracht. Besonders aktiv sei dabei die Commerzbank gewesen, die zu 15 Prozent in staatlichem Besitz ist, berichteten der Bayerische Rundfunk und das "Handelsblatt" am Montag. Sie beriefen sich auf vertrauliche Unterlagen, die sie mit dem New Yorker Recherchebüro ProPublica und der "Washington Post" auswerten.
Den Berichten zufolge bedienten sich die Banken und ihre ausländischen Partner eines Steuertricks, der im Branchenjargon Cum/Cum-Geschäft genannt wird: Kurz vor der Auszahlung der Dividende verleihen ausländische Aktionäre ihre deutschen Aktien an inländische Banken. Versteuert werden muss die Dividende von allen Aktionären, doch inländische erhalten für die volle Summe eine Gutschrift, ausländische nur für einen Teil davon. Dank des Leihgeschäfts muss der Fiskus mehr Steuern zurückerstatten als beabsichtigt.
Die Tricks seien so beliebt, dass das Volumen verliehener Aktien deutscher Unternehmen in den letzten drei Wochen vor einem Dividendenstichtag um bis zu 800 Prozent anschwelle, berichtet das "Handelsblatt". ...

http://www.fr-online.de/wirtschaft/cum-cum-geschaeft-deutsche-banken-bringen-fiskus-um-milliarden,1472780,34180372.html


Ein Cum/Cum-Geschäft bzw. Cum-Cum-Geschäft (von lateinisch cum = dt. mit; bezeichnet hier Wertpapiere mit Dividenenausschüttungsanspruch) oder Dividenden-Arbitrage ist eine steuerrechtlich problematische Kombination aus dem Verkauf einer Aktie kurz vor dem Dividendentermin und Rückkauf derselben Aktie kurz nach dem Dividendentermin. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Cum/Cum-Gesch%C3%A4ft
Title: Kapitalismus
Post by: Link on June 02, 2016, 12:33:43 PM
"Kapitalismus? Nein, danke"  Thorsten Schröder, New York  (2. Juni 2016)
Während für die Generation des Kalten Krieges der amerikanische Kapitalismus vor allem das Gegenmodell zur Sowjetunion und totalitären Regimen darstellte, sei er für die heutige Generation synonym mit der Gier der Finanzwelt, von deren Folgen sich die Welt bis heute erhole. "Für die Millennials steht Kapitalismus nicht mehr für Wettbewerbsfähigkeit, sondern für einen VW-Konzern, der seine Abgaswerte manipuliert oder Pharma-Spekulanten, die die Preise für lebenswichtige Medikamente in die Höhe treiben", sagt auch Steffen Schmidt, Politikwissenschaftler an der Iowa State University.
Was dieser Kapitalismus anrichten kann, haben sie im eigenen Lebenslauf gesehen. Zwar waren etwa auch in der Vergangenheit die Kosten für eine College-Ausbildung hoch, doch die Aussicht auf eine schnelle Karriere nach dem Abschluss relativierte die Schulden, die viele dafür machen mussten. Heute ist das anders. Wer 2014 seinen Abschluss machte, der hatte im Schnitt 28.950 Dollar an Schulden – der höchste Wert, der je erfasst wurde. Insgesamt sitzen die Amerikaner auf 1,2 Billionen Dollar Kreditschulden. Viele von ihnen zahlen sie noch Jahrzehnte nach der Ausbildung ab, weil der gut dotierte Traumjob auf sich warten lässt und das alte Versprechen nicht mehr gilt. ... Betroffen sind nicht nur die hochverschuldeten College-Absolventen. Gemessen an der Inflation sind die Löhne für junge Menschen mit und ohne College-Abschluss in den vergangenen 16 Jahren um 34 Prozent eingebrochen. Hatten 1960 noch 84 Prozent von ihnen einen Job, sind es heute nur noch 71 Prozent. "Amerika muss aufpassen, dass es die Gültigkeit und Berechtigung des kapitalistischen Systems nicht vollkommen verspielt", sagt deshalb Steffen Schmidt. Bernie Sanders hämmere nur den letzten Nagel in ein durch Gier getriebenes System, das für die jungen Amerikaner längst tot sei. ... Die Systemmüdigkeit bekommen die großen Parteien zu spüren. Schon in der letzten Wahl stimmte gerade ein Fünftel der Jungwähler ab, der Rest blieb zu Hause, weil er sich in den Programmen nicht wiederfand. Und auch jetzt begeistern sie sich für den bis dato kaum bekannten demokratischen Sozialisten, nicht für die erfahrene Außenministerin und Favoritin der Partei. Viele Sanders-Unterstützer haben sich gar verpflichtet, lieber die Kandidatin der Green Party zu wählen als zu Clinton umzuschwenken, sollte diese die Nominierung erhalten. Auf der anderen Seite ziehe es die jungen Wähler vor allem aus der Arbeiterschicht ausgerechnet zu Trump, "obwohl keiner die Gier der Oligarchie mehr verkörpert als er", sagt Schmidt. ...

http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-06/kapitalismuskritik-usa-parteien-berechtigung-millenials-bernie-sanders

Quote
Frl.Clarissa #3

Den Kapitalismus in seinem Lauf, halten weder Umfragen noch Bernie Sandes auf.
Kapitalismus ist die Umsetzung unseres genetischen Programms, das uns die Erde Untertan gemacht hat und uns als Spezies selbst eliminieren wird.
Sandes hätte gegen Trump keine Chance.


Quote
J-M #3.3

Biologisten sind mir die liebsten unter den Sophisten. Niemand sonst versucht seinen eigenen Zynismus mit so viel Selbstgerechtigkeit zu vertreten und macht sich intellektuell dabei so lächerlich.

Lesen Sie doch mal das hier:
Biologismus - Folge einer Illusion
von Manfred Velden

https://books.google.de/books?id=97R9CqLqDEEC&printsec=frontcover&dq=biologismus&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwiY-9XR2YjNAhUDXBoKHWjsCLgQ6AEILTAB#v=onepage&q=biologismus&f=false


Quote
Schnorg-der-Grosse #3.5

Das ist sehr wahr. Kapitalismus ist unsere Natur.


Quote
Williams Anti-Christ #3.9

"Das ist sehr wahr. Kapitalismus ist unsere Natur."

Nur die der primitiveren unter uns.
Also derjenigen, die auch weder Ironie noch Sarkasmus verstehen.


Quote
Frl.Clarissa #3.12

Ist der Feudalismus nicht ein Vorläufer des Kapitalismus und ist der unkontrollierte Kapitalismus für die abhängigen Menschen nicht eine Variation des Feudalismus. In beiden Fällen besteht ein extremes Gefälle an persönlicher Freiheit und Möglichkeiten, Wohlstand und Macht. In beiden Fällen gibt es wenige Mächtige/Reiche die quasi sakrosankt sind und viel Abhängige bis Arme die wenig bis keine Rechte haben. Wir glauben den Feudalismus überwunden zu haben und entwickeln uns doch zurück oder weiter zu einem globalen Feudalsystem. Die Abhängigkeiten bleiben und werden auch bei uns wieder rigide, nur der Name hat gewechselt. Und die alte Familien die im Spiel um die Macht noch mitspielen, treten heute unter neuen Farben auf.


Quote
Laputner
#4  —  vor 4 Stunden 8

"Während für die Generation des Kalten Krieges der amerikanische Kapitalismus vor allem das Gegenmodell zur Sowjetunion und totalitären Regimen darstellte, sei er für die heutige Generation synonym mit der Gier der Finanzwelt, von deren Folgen sich die Welt bis heute erhole."

Und ironischerweise wendet man sich gedanklich genau so einem totalitären System zu.
"Opinion: The younger you are, the less you support free speech" (2015)
Some interesting news from the Pew Research Center about the attitude of American millennials (ages 18-34) toward free speech....
http://www.latimes.com/opinion/opinion-la/la-ol-millennials-freespeech-poll-20151123-story.html

Ein Bericht der LA Times: Je jünger der Amerikaner ist, desto weniger hält er von Meinungsfreiheit. 21% finden den Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung nicht mehr zeitgemäß, 40% würden gerne beleidigende Äußerungen verhindern - nicht nachher bestrafen, vorher physisch verhindern. In Deutschland sind die Zahlen natürlich viel höher, aber Deutschland hat eine andere Vergangenheit.

Die Millenials infantilisieren sich sowohl privat als auch politisch immer weiter. Das zeigt sich an Umsatzexplosionen an Malbüchern für Erwachsene und dem Hass auf Unreglementiertes. Ich glaub die Popper sind wieder da.



Quote
laotsekonfuzius #7

"Für die Millennials steht Kapitalismus nicht mehr für Wettbewerbsfähigkeit, sondern für einen VW-Konzern, der seine Abgaswerte manipuliert oder Pharma-Spekulanten, die..."

Damit haben die Millenials völlig Recht. Der Kapitalismus stand NIE für Wettbewerbsfähigkeit (dafür steht die Marktwirtschaft). Kapitalismus versucht ja nicht selten genau diesem Wettbewerb aus dem Weg zu gehen. Die Begrifflichkeiten müssen endlich geklärt werden, dann hätten die Linken auch kein Identifikationsproblem mehr.

Kapitalismus hat nichts mit freier Marktwirtschaft zu tun. Der Markt ist oft sogar ein Hindernis für den Kapitalisten.


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CaesarAugustusGermanicus #9

Wenn Amerikaner vom Sozialismus sprechen, meinen sie fast immer das skandinavische Modell oder die deutsche soziale Marktwirtschaft. Es handelt sich dabei also sehr wohl um kapitalistische Systeme. So gut wie keiner lehnt schließlich Produktionsmittel in privater Hand, Angebot und Nachfrage, Gewinnstreben ab. Gleichheit ist nicht das Ziel, sondern mehr soziale Gerechtigkeit und soziale Grundlagen, die in den meisten EU-Ländern schon lange bestehen. Sanders Fehler war es sich als Sozialisten zu bezeichnen, denn er stellt nicht die Systemfrage, sondern will das bestehende System verbessern.


Quote
vonDü #15

"Fast die Hälfte sagt hingegen, dass sie ein sozialistisches System zumindest in Teilen befürwortet. Sie sehen eine gesundheitliche Grundversorgung, ausreichend Essen und ein Heim als ein Grundrecht, für das im Notfall die Regierung aufkommen solle."

Das ist eine irreführende Beschreibung, bzw. Übersetzung der Vokabel "socialist".
Was die Jugend befürwortet, ist kein sozialistisches System, sondern ein sozialdemokratisches System, bzw. die soziale Marktwirtschaft.

Der Kapitalismus in der momentanen Form nähert sich dem Ende, weil die exponentiell wachsende Verteilungsungleichheit, bei gleichzeitig ansteigender Bevölkerung seine eigenen Grundlagen zerstört. "Autos kaufen keine Autos", wusste schon Henry Ford und hat deshalb seine Angestellten gut bezahlt. ...



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nicht deutsch - links #15.1

Eas soll denn ein sozialistisches "System" sein?

Der Begriff "soziale Marktwirtschaft" ist ebenso nebulös wie der "Amerikanische Traum". Mit Marktwirtschaft ist euphemistischerweise Kapitalismus gemeint. Dass das Adjektiv "sozial" dem Wesen des Kapitalismus diametral entgegensteht und deswegen zur Verschleierung dem Kapitalismus vorangestellt wird zeigt schon, dass das nicht funktionieren kann. Der Kapitalismus wird immer Wege finden, um sich aus der Verantwortung zu stehlen.  ...


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insLot #16

Der Neoliberlismus wird unter seinen Kollateralschäden berstet. Und das ist gut so! TTIP sind die letzten Zuckungen, hektisch versucht die Machtelite den Sack noch zu zumachen in dem absurden Glauben, was einmal beschlossen ist, könnte nicht mehr aufgehoben werden. Dabei wird TTIP die Unzufriedenheit Massen nur noch weiter befeuern.



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readonly #16.3

Ich habe eher den Eindruck, dass es super für die wenigen läuft und wenn unsere Regierungsform irgendwann zum Problem wird, wird sich auch da einen Lösung finden. Man braucht sich nur mal anzugucken, wieviele Staaten ihren Namen mit dem Wort *demokratisch* schmücken und nichts anderes als finsterste Diktaturen sind. ...


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RaLiWiWi #18

Ich würde mir wünschen Deutschland hätte solche "Kauze" wie den Senator aus Vermont-einen aufrechten Demokraten wie Bernie Sanders , der seit Jahrzehnten seinen sozial-demokratischen politischen Überzeugungen treu bleibt und sie kämpferisch vertritt und dafür auch noch regelmäßig von den Bürgern Vermonts in den Senat gewählt wurde ( Schaut man sich im Vergleich die Entwicklung so ziemlich jeder/n deutschen Sozial-DemokratIn / GrünIn an so sieht man dass es bei (fast)allen eine zielstrebige geradlinige Entwicklung von links unten nach rechts oben gibt)

Warum in alles in der Welt, sollen zig-Millionen von Menschen weiterhin Parteien wählen, deren Vertreter in Wirklichkeit nur eines tun , schöne Versprechungen vor den Wahlen nur um anschließend eine ( zwischenzeitlich alternativlos genannte) Politik gegen ihre eigenen Interessen macht.
Westliche-Werte-Gemeinschaft Gesellschaften steigern kontinuierlich ihren wirtschaftlichen Wohlstand aber nur kommen diese Wohlstandssteigerungen bei immer weniger Menschen an - ein Zustand der ja nicht nur die USA betrifft, sondern sich heute mit leichter zeitlicher Verzögerung auch in EU Europa durchsetzt

Wenn wie in den USA nahezu 50% der Bevölkerung in immer prekärere soziale Umstände abrutscht, fragen sich halt doch immer mehr Menschen ob ein solches Wirtschaftssystem erhaltbar ist.
Ob der Aufbau eines neuen/alten äußeren Feindes "Der Russen" ausreichen wird das System neu zu legitimieren kann zumindest bezweifelt werden.


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J-J-Rousseau #25

Das WIRKLICHE Problem für die Menschen nicht nur in den USA ist NICHT, dass sie immer weniger "Chancen" haben, einen besser bezahlten oder überhaupt einen Job zu finden. Das Problem ist, dass die Menschen sich an irgendwelche Privatinteressen verkaufen MÜSSEN (denn DAS beinhaltet ja das System Lohnarbeit), um zu überleben. Das haben wohl die wenigsten verstanden. Vielleicht selbst nicht einmal Sanders. Alle wollen nur "Jobs". Sie sollten aber schreien und dann in die Tat umsetzen: WIR WOLLEN KEINE SKLAVEN MEHR SEIN! Wir wollen unser Schicksal ALS MENSCHEN selbst in die Hand nehmen, selbst bestimmen, was wir benötigen, selbst unsere Bedürfnisse ZUSAMMEN MIT DEN ANDEREN MENSCHEN, die mit uns zusammen leben, befriedigen. DAS ist im Kapitalismus, in der "PRIVAT"-Wirtschaft der systematisierten egozentrischen Gier (nicht nur der Finanzbranche), unmöglich!


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5.Gebot #36

An einen "amerikanischen Traum" glaube ich schon seit dem Krieg gegen Vietnam nicht mehr. Und der ist schon eine ganze Weile her. Die Politik der USA ist seitdem nicht besser, demokratischer, christlicher oder humaner geworden, ganz im Gegenteil. Das bezieht sich in erster Linie auf die Außenpolitik. Die antikapitalistischen Motive der o.g. Generation resultieren aber aus der Innenpolitik, von der sie selbst betroffen sind. Natürlich hängt beides eng zusammen. Die irrsinnigen Rüstungsausgaben fehlen der Bevölkerung zum Leben. Man kann nur hoffen, dass sich mit der jungen Generation etwas mehr Vernunft und Menschlichkeit durchsetzt. Die Amerikaner und die Welt hätten es verdient.


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Title: Kapitalismus
Post by: Link on August 03, 2016, 01:08:32 PM
"Keine große Zukunft mehr"  Florian Schmid, Ausgabe 3016 | 29.07.2016
Die Buchmacher Patrick Spät stellt die Mythen des Kapitalismus bloß. Da ist er nicht der Erste, selten aber kommt die Kritik so unerbittlich und leichtfüßig zugleich daher ... „Die Fratze des Kapitalismus ist überall und jederzeit sichtbar, man muss nur hinschauen. Deshalb braucht es keine übertrieben verschwurbelte Theorie, die Realität spricht für sich: Der Kapitalismus funktioniert nicht!“, schreibt Spät in der Einleitung seines Buches, das in elf Kapiteln einige Stehsätze der neoliberalen Ideologie unter die Lupe nimmt. Ob es die vermeintlich friedliche Entstehung unserer Wirtschaftsordnung, der marktwirtschaftlich angestrebte Wohlstand für alle, der grüne oder nachhaltige Kapitalismus oder das Märchen von der Vollbeschäftigung ist – Spät rückt allem mit Zahlen und Fakten zu Leibe und weiß das sehr süffig und spannend zu erzählen. Jener ist mitunter ein wilder Ritt durch die globale Menschheitsgeschichte. Das reicht von der Entstehung der protestantischen Arbeitsethik in der frühen Neuzeit über Adam Smiths Dogma der unsichtbaren Hand des Marktes und dessen Adaption in der neoklassischen Wirtschaftstheorie, das bundesrepublikanische Verbot des Generalstreiks 1955, die neoliberalen Reformen im faschistischen Chile der 1970er, viele sehr aufschlussreiche Zahlen zum Thema Agrarindustrie bis hin zu Karl Marx’ Vorstellung des Kapitals als automatisches Subjekt. Patrick Spät schafft es, sein faktenreiches, mit zahlreichen weiterführenden Literaturverweisen versehenes Kompendium linker kapitalismuskritischer Debatten als kurzweilige Kulturgeschichte zu erzählen. ... Er fühlt sich aktuell an die letzten Jahre der Sowjetunion erinnert, als „Parolen und Verheißungen der Parteikader“ ins Leere liefen. Das oft geforderte bedingungslose Grundeinkommen, über das kürzlich noch in der Schweiz abgestimmt wurde, gilt dem Autor nicht als Lösung. Vielmehr ließe sich damit „ein gigantischer, staatlich subventionierter Niedriglohnsektor rechtfertigen“. Er setzt auf andere Strategien: Vermögensteuer, Schuldenschnitt, Mindestlohn, Rücknahme von Privatisierungen und ein Ende des um sich greifenden Landgrabbing können aber nur Zwischenschritte sein. Denn eigentlich gelte es, den Kapitalismus nicht erträglicher zu machen, sondern ihn endlich zu überwinden. Denn eines ist laut Patrik Spät gewiss: „Entweder stirbt der Kapitalismus oder wir.“...
https://www.freitag.de/autoren/florian-schmid/keine-grosse-zukunft-mehr

Buch: Die Freiheit nehm ich dir. 11 Kehrseiten des Kapitalismus
Patrick Spät Rotpunktverlag 2016, 184 Seiten

Quote
tomhh 30.07.2016 | 23:27

Ach Gott, im Unterschied zum Kapitalismus sind alle sozialistischen Versuche bisher kläglich gescheitert. Wir werden auch in 10 oder 20 Jahren noch im Kapitalismus Leben und die Linken werden uns auch dann noch erklären, dass es mit dem Kapitalismus bald zu Ende geht... ;-)


Quote
rioja 31.07.2016 | 08:36

Die "happy few" glauben fest an ihren Endsieg. Auf die Frage der N.Y. Times:"Was ist das Grundübel unserer Zeit"? Antwortete der Befragte Warren Buffett wie folgt:" Das Grundübel unserer Zeit ist der Krieg. Der Krieg zwischen Arm und Reich. Und Reich wird ihn gewinnen". Reichtum teilt man nicht. So, wie es -laut seinem Führer- am Ende das "Deutsche Volk" nicht verdiente zu siegen, weil es zu schwach war, so werden die 62 Protagonisten des Kapitalismus am Ende wohl argumentieren. ...


Quote
Lethe 01.08.2016 | 12:13

Der Kapitalismus wird nicht scheitern, weil er keine Gesellschaftsordnung ist sondern eine Organisationsform von Gier. In jedem Handel gibt es einen, der eine Ware für mehr Geld an den Kunden bringen will als die Ware wert ist. Das ist der Beginn jeglicher von der Warenwirtschaft abgekoppelter Geldwirtschaft. Und solange Geld das Konvertierungsmittel bleibt, wird es Kapitalismus geben, nur seine Tarnungen werden sich ändern. Wenn der Kapitalismus scheitert, dann nur um den Preis der Selbstausrottung der Menschheit.

Dabei wäre es so einfach, man könnte ihn mit zwei Gesetzen von weltweiter Gültigkeit sofort und ein für alle Mal erledigen: 1) Verbot von Geld als Ware; 2) Verbot von Zins und Zinseszins.

Probiert das mal^^


Quote
tomhh 01.08.2016 | 18:49
@Unwissender

Ich denke, Sie irren sich. Der Kapitalismus muss sicherlich reformiert werden, aber er ist bestimmt nicht gescheitert. Gescheitert sind dagegen bisher alle Alternativen...


Quote
Unwissender 01.08.2016 | 20:28
@tomhh

Ab wann würden Sie denn einräumen, dass er gescheitert ist?

Man sollte vielleicht besser sagen, dass er in mancherlei Hinsicht gescheitert ist (Bewahrung der Natur, Verhindern von Armut, Ausrottung heilbarer Krankheiten, Verbesserung von Arbeitsverhältnissen und Bildung usw.).

Ein "gezähmter" Kapitalismus wäre auch schon was, aber leider deutet alles darauf hin, dass eher das Gegenteil eintritt. Gegen die Superreichen der Jetztzeit sind die Fürsten der Vergangenheit arme Würstchen, sowohl was ihren Einflussbereich als auch die zur Verfügung stehenden Mittel anbelangt.



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Title: Kapitalismus (Franco Berardi) ...
Post by: Link on September 28, 2016, 10:15:13 AM
"Das Morden verstehen" Helmut Mayer (30.07.2016)
Badiou macht die Rechnung im globalen Maßstab auf: oben die wenigen Prozente der Weltbevölkerung, die über einen Riesenanteil der Ressourcen verfügen, darunter eine Weltmittelschicht, die vom bescheidenen Rest lebt, ganz unten fünfzig Prozent, für die nichts abfällt. Über die Zahlen muss man nicht streiten. Badiou ordnet ihnen jedenfalls drei „Subjektivitätstypen“ zu. Zunächst die einer sich einbunkernden westlichen „Mittelschicht“, die zwischen selbstzufriedener Arroganz und Verängstigung über den Weltlauf schwankt; dann die Subjektivität jener, die sich nach den Konsumwohltaten des Westens verzehren; und schließlich eine „nihilistische“ Subjektivität, jene der Attentäter, die auf Rache und Zerstörung setzt. Wobei diese Attentäter nur ihrer eigenen uneingestandenen Sehnsucht nach dem kapitalistischen Westen zuvorkommen: Sie sind letztlich ein „nihilistisches Symptom der unfassbaren Leere des globalisierten Kapitalismus und seines Unvermögens, in der von ihm gestalteten Welt alle Menschen zu berücksichtigen“, Effekt einer „inneren Verstauchung“ des Kapitalismus, auf dessen zerstörerische, leere Entfaltung seine mörderische, „faschistische“ Gewalt reagiert. ...
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/alain-badiou-und-franco-berardi-ueber-kapitalismus-14361671.html


"Franco Berardi über Amokläufe und Finanzkapitalismus „Sie sehen sich als Helden eines nihilistischen Zeitalters“" Stefan Berkholz (27.07.2016)
Berardi unterzieht unsere Gesellschaft einer Radikalkritik. Der „Drang zum Selbstmord“ entspreche dem „Triumph des neoliberalen Wettbewerbszwangs“, behauptet er. Der „Finanzkapitalismus“ begründe ein nihilistisches Zeitalter, der Profit um jeden Preis vernichte jeden Wert. Die Werbung dröhnt aus allen Kanälen und suggeriert quietschende Fröhlichkeit. „Täuschung, Betrug und Gewalt zählen zu den Erfolgsgarantien im „kapitalistischen Absolutismus“. Es wird auf den Niedergang ganzer Staaten gewettet, über Rohstoffpreise auf Hunger und Elend in Afrika.
Die Gier nach Geld ist zur Ersatzwährung für verloren gegangene Werte geworden. „Wenn das Finanzspiel auf der Prämisse gründet, dass der investierte Geldwert steigt, je mehr zerstört wird“, schreibt Berardi, „so gründet diese Form des finanziellen Profitstrebens im Grunde auf einer Wette auf die Verschlechterung der Welt.“ Verlierer haben in dieser Welt nichts zu suchen. Es gewinnt immer derjenige, der andere Leben zerstört. Und die digitale Einsamkeit steigt vor „den Käfigen unserer Bildschirme“. Die Folge sind Depressionen und Krankheiten.
In seiner düsteren Bestandsaufnahme sieht er mittlerweile alle sozialen Errungenschaften „den religiösen Dogmen des Markt-Gottes geopfert“ Die Fähigkeit zu Solidarität, Empathie und Autonomie, klagt er, sei im schwarzen Loch eines „Nichts in Geldform“ verschwunden. Politisches Bewusstsein und politische Strategie sind in seinen Augen verdrängt. Die Verbrechen der „neoliberalen Theologie“ liegen für ihn auf der Hand: „Ich weiß wirklich nicht, ob es jenseits dieses schwarzen Lochs noch Hoffnung gibt; ob es jenseits der uns unmittelbar bevorstehenden Zukunft noch eine Zukunft gibt.“ Freundschaften im Privaten und Verweigerung im großen Zusammenhang sind für ihn die letzten Posten der Freiheit.
Aus dieser Sicht entwickelt Berardi Analysen der Massenmorde von Amokläufern und der Selbstmordwellen in Korea oder Japan. Er analysiert Ereignisse wie das Schulmassaker in Columbine, das Kino-Massaker in Aurora, Nine-Eleven, Breivik in Norwegen. Massenselbstmorde bei France Télécom; Massenselbstmorde indischer Bauern; Massenselbstmorde in Taiwan. Die Ursachen für Letztere erkennt er in den mörderischen Hierarchien und Renditeerwartungen von Finanzinstituten und Konzernen.
Amokläufer und Selbstmörder, behauptetet er, nehmen Rache an einer Gesellschaft, in der nur noch das Gesetz des Stärkeren gelten soll. Berardi zeigt, wie mit der Regierung Thatcher ein sozialer Darwinismus aufgekommen sei: Es überleben jene, die andere aus dem Weg räumen. Die ethische Grundlage der modernen Gesellschaft – „das Verantwortungsbewusstsein der bürgerlichen Klasse und die Solidarität unter den Arbeitern“ – hat sich aufgelöst. Demokratie, Arbeitssicherheit und Gesetzestreue sind immer weniger wert. Die Verlierer aber, die Gemobbten, die Unterdrückten, die Gedemütigten, die Seelen ohne Empathie, werden zu mörderischen Helden eines nihilistischen Zeitalters.
http://www.tagesspiegel.de/kultur/franco-berardi-ueber-amoklaeufe-und-finanzkapitalismus-sie-sehen-sich-als-helden-eines-nihilistischen-zeitalters/13930020.html

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satyr 27.07.2016, 12:25 Uhr
Ich habe da meine Zeifel,
ob sich diese kranken Köpfe wirklich so viele Gedanken über
ihre Rolle als „Helden eines nihilistischen Zeitalters“ machen?

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ralf.schrader 27.07.2016, 09:31 Uhr
Das klingt plausibel. Im Neoliberalismus stellt der das Gewaltmonopol haltende Staat keine moralische Instanz mehr da. Meine eigene Moral hält mich ab, Regeln zu verletzen. Die Politik und deren Vertreter aber animieren mich, Gewalt auszuüben. Für das Gros der Personen und Instanzen, welche das öffentliche Leben bestimmen, kann ich nur tiefe Verachtung empfinden.

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"Opfer des neu verwilderten Kapitalismus" Hans-Peter Kunisch (8. Juni 2016)
Berardi zitiert aus Michael Serazios schönem Essay Shooting for Fame: "die Zahl der gefeierten Individuen wächst." Es muss schon das ganz große Ziel sein. Mit ihren Schüssen meinen die Amokläufer, die europäische Kultur zu retten, und damit ihre Tat nicht untergeht, gehört sie an die Öffentlichkeit. In einem vorbereitenden Video diskutierten Klebold und Harris, die Attentäter von Columbine, schon vor der Tat, welchem Regisseur sie das Drehbuch anvertrauen sollten.  ...
http://www.zeit.de/kultur/literatur/2016-06/franco-berardi-helden-suizid-massenmord/komplettansicht

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philomachos #4

Weder die psychologische Deutung noch die ideologische Analyse kann wirklich überzeugen. Letzten Endes haben wir es bei diesen Leuten vermutlich einfach mit Abartigkeit zu tun, der wir weder mit Verstand noch Gefühl folgen können, geschweige denn erklären. Rationalisierungen oder die die Hoffnung, Kausalitäten aufzeigen zu können, werden nicht weit tragen.


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frauhimmelblau #10

Ein interessantes Buch, das auch zu einer durchaus unangenehmen Konfrontation führt, weil es aufzeigt, welche gefährliche Eigendynamik inzwischen schon selbstverständlich gewordene Phrasen und daran gekoppelte Feindbilder entwickeln können. Zusammen mit dem gestern hier veröffentlichten Reemtsma-Interview zeigt es sehr anschaulich das Spannungsfeld in dem sich die Menschen aktuell bewegen, wenn es um Gewalt, Ideologie und/oder die Unmöglichkeit den Affekt durch Analyse in konstruktive Bahnen zu lenken, die einen davor bewahren, extern Verantwortliche aus Bequemlichkeit zu bevorzugen, anstatt sich der Eigenverantwortung zu stellen.

Jene Kommentierenden, die einen Mangel an Antworten durch das Buch beklagen, möchte ich daran erinnern, dass sich Philosophen den Deutungsversuchen verpflichtet fühlen, entsprechend ist das Feld, das in ihren Büchern eröffnet wird, eines wo es nicht um "die eine allgemeingültige Antwort" geht. Philosophie eröffnet Gedankenräume, durch die man sich gedanklich bewegen kann und soll.


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Hüpfdohle #12

Neoliberal ist die systematische Zerstörung des solidarischen Gemeinwesens namens einer nicht tragfähig belastbaren Beliebigkeit, die, obwohl unter der Fahne der Freiheit firmierend, mit Freiheit überhaupt nichts gemein hat. Von Schuld kann aus meiner Sicht insbesondere dann gesprochen werden, wenn solche Vorkommnisse institutionell vereinnahmt und einer manipulativen Verwertung unterzogen werden. Noch heute ziehe ich meinen Hut vor der Art der Aufarbeitung, wie das die norwegische Justiz im Falle Breivik unternommen hat. Dies im drastischen Gegensatz zu der US-amerikanischen Justiz im Fall von NineEleven.
Von der oben besprochenen Schrift erwarte ich mir einen Einblick dahingehend, was ein menschliches Gehirn unter bestimmten Bedingungen hervorzubringen vermag. Nicht zwingend, aber möglich, wie die Umstände belegen.


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DerKrieger #14

>> Er zeigt, was die Attentäter, mal mehr, mal weniger deutlich verbindet: Sie sind keine Nazis. Ihre Ideologie kann man eher als gewaltbereiten Neoliberalismus beschreiben. Gerne berufen sie sich (...) auf Darwins "survival of the fittest" und melden: "Humanity is overrated."<<

Das ist alles so dämlich, dass ich mich davon nachgerade beleidigt fühle. Hat der Autor sich überhaupt jemals mit dem Nationalsozialismus beschäftigt? Vielleicht mal den Begriff "Sozialdarwinismus" gehört? A. Breivik war also kein Nazi, weil, hat er doch selbst gesagt. Kein Wunder, dass auch in Deutschland 1945 mit einem Schlag kaum noch ein Nazi zu finden war. Das einzige, was allerdings zutreffend ist: NS und Neoliberalismus passen gut zusammen, ja. Aber wenn Hitler seine Karriere heute beginnen würde, würde er sich natürlich auch auf die Muslime als "objektiven Feind" einschießen, weil er völlig zu Recht erkennen würde, dass diese heute in Dtl. u Europa die gesellschaftliche Gruppe mit der geringsten Aussicht auf allgemeine Solidarität sind, so wie es eben 1933 die Juden waren. Das alleine zählt. Wie H. Arendt luzide aufgezeigt hat, hatte der NS-Antisemitismus keinerlei Bezug zu irgendeinem realen Aspekt des "Jüdisch-Seins" dieser Menschen. Statt dessen wurde ihnen ein heimtückischer Plan zur Unterwerfung der Mehrheitsbevölkerung unterstellt, der nicht existierte. So wenig wie heute eine "Islamisierung". Ein Demagoge von Hitlers Format wäre damit heute wieder genau so erfolgreich wie 1933.


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kaktusbauer #16 

Wenn der Kapitalismus an mörderischen Einzeltätern schuld ist, ist er sicherlich auch für Wolfgang Priklopil, die Morde an der Charlie-Hebdo-Redaktion und den an Boris Nemzow verantwortlich, abgesehen vom Wetter natürlich und dem Abschuss von MH70....?
Es entspricht alter linker Befangenheit aus der Elfenbeinturmdenke heraus, die Umstände für alles verantwortlich zu machen. Tatsache ist aber, dass es Menschen gibt, die aus günstigen Umständen heraus zu mörderischen Psychopathen werden, weil dies nun einmal im Spektrum der menschlichen Möglichkeiten liegt.
Diese Obsession, dem Kapitalismus Abartigkeit nachzuweisen, führt manchmal wirklich zu echten Stilblüten wie dieser hier.


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... STANDARD: Omar Mateen hat zumindest mit dem IS sympathisiert – in Ihrem Buch argumentieren Sie, dass es nicht unbedingt um politische Überzeugungen geht.

Berardi: Ich verneine nicht, dass es diesen ideologischen Hintergrund gibt. Ich glaube aber, dass die Psychologie die besseren Mittel hat, um das Phänomen zu erfassen. Es geht um eine Verzweiflung, um ein Elend, das das Produkt der 40 Jahre lang praktizierten Neoliberalisierung der Gesellschaft ist. Wenn Sie an die Mitglieder des IS denken: Das sind arbeitslose Männer aus Kairo, Tunis, London, Paris und vielen anderen Städten. Sie wissen, dass sie niemals eine Zukunft, einen Job haben werden – den finden Sie nun in der Armee. Das andere Element ist Hass. Diese Männer waren zehn Jahre alt, als sie die Bilder der Erniedrigung von Abu Ghraib gesehen haben. Die Erniedrigung der Muslime produziert einen aggressiven Überschuss. Das ist wichtiger als Religion und politische Strategien.

STANDARD: Trump schürt nun weiter die Islamophobie, was wiederum den Islamismus nährt. Dreht sich das Rad immer schneller?

Berardi: Trump ist die reinste Entsprechung einer rassistischen Welle, die sich innerhalb der weißen Rasse aufbaut. Es ist schrecklich, diesen Begriff zu verwenden, ich hasse ihn selbst, aber es geht um diese Form der Selbstwahrnehmung. Wir leben im Zeitalter der Erniedrigung der weißen Arbeiterklasse. Hitler hat seine Macht auf dem Elend der deutschen Arbeiter errichtet. Trump, auch Hofer, Le Pen und Boris Johnson machen es genauso. Es ist wie in den 1920er-Jahren, als Hitler zu den Arbeitern sagte, sie sind keine Arbeiter, sondern das Volk, die weiße Rasse. Das Problem dabei ist, dass wir keine Idee haben, wie wir aus dieser Falle wieder herauskommen.

STANDARD: Sie schreiben, die Prekarisierung hat die Arbeiterklasse zerstört. An ihre Stelle tritt nun der Wunsch nach Zugehörigkeit. Warum greift dagegen kein Mittel?

Berardi: Das ist die schwierigste Frage überhaupt. Wir haben es mit einem Prozess zu tun, der schon fortgeschritten ist. Der Bürgerkrieg ist im Gange. Wie kann man ihn stoppen? Man kann sagen, indem man die Solidarität unter Arbeitern zurückgewinnt. Das ist genau das, was wir versäumt haben. Doch diese Leute, die für Bernie Sanders stimmten, sind die interessanten Menschen. Junge Menschen, die die Möglichkeit einfordern, die Fundamente der Gesellschaft neu zu erfinden. Sie mögen nicht gleich gewinnen, aber sie sind die Zukunft. Gegenwärtig ist ein Akteur die Finanzdiktatur, der andere sind die Rechtsradikalen, die sich gegen die globale Finanz aufstellen – ich sehe keinen dritten.

STANDARD: Oft spricht man von einer Repräsentationskrise der Politik. Trifft es das denn noch?

Berardi: Das Problem ist viel radikaler als eine Repräsentationskrise. Politik hat ihre Macht, ihre Fähigkeit zu lenken verloren. Wir sprechen nicht mehr von der Regierung (Government), sondern von Governance – die automatische Vollstreckung einer mathematischen Steuerung des sozialen Lebens. Die EU wird durch eine finanzielle Governance zerstört. Es ist also nicht so sehr ein Problem des Neuerfindens der Politik; es geht mehr um das Gehirn, die Selbstorganisierung des sozialen Gehirns. Es braucht eine Arbeitergemeinschaft der Bürger, welche die Richtung, die soziale Maschine ändern kann.

STANDARD: Welche Rolle spielen Medien – insbesondere das Internet, über das Sie sich ja in Ihrem Buch skeptisch äußern.

Berardi: Technologie ist immer mehrdeutig, nicht gut, nicht böse. Das Internet ist zu einem anthropologischen Verwandler geworden, es hat Lebensabläufe, nicht nur die Kommunikation, auch die Sexualität verändert. Auf längere Sicht hat es den Effekt einer Abschottung – die Digitalisierung des sozialen Alltags schafft eine weitläufige Einsamkeit, die zugleich mit einer enormen Stimulierung einhergeht. ...

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    Das Leben ist schön!,
15. Juni 2016, 13:06:53

... Die Arbeiter sind NICHT verschwunden, 2. Die "Revolution" des Neoliberalismus war "erfolgreich". Die immer wiederholte Geschichte vom Verschwinden der Arbeiterklasse ist nur halb wahr. Zwar sind im industrialisierten "Westen" Arbeiterjobs verschwunden, dafür wurde die Produktion in den sich industrialisierenden Osten verschoben, in China, Vietnam, Indien gibt es sehr wohl ArbeiterInnen. Wie DIESE ArbeiterInnen ohne gewerkschaftlichen Schutz (s. Bangladesh und Textilproduktion) ihr politisches und globales Bewusstsein schärfen können, ist eine Zukunftsfrage.

Wir müssen zugeben, dass dem Neoliberalismus eine siegreiche Revolution gelungen ist, die horizontale Teilung der Gesellschaft in Klassen (mit fuzzy borders) wurde durch die vertikale Teilung der Gesellschaft in ethnische und religiöse Segmente (mit harten Grenzen) ersetzt.



Aus: "Franco Berardi: "Die Kultur ist das Ziel dieses Krieges"" Interview: Dominik Kamalzadeh (15. Juni 2016)
Quelle: http://derstandard.at/2000038946340/Franco-Berardi-Die-Kultur-ist-das-Ziel-dieses-Krieges (http://derstandard.at/2000038946340/Franco-Berardi-Die-Kultur-ist-das-Ziel-dieses-Krieges)


Culture Now: Franco Bifo Berardi
Theorist and media activist Franco ‘Bifo’ Berardi discusses his new work Heroes: Mass Murder and Suicide (Verso, 2015) with Professor Benjamin Noys on 27 February, 2015. Examining the relationship between capitalism and mental health, this discussion, like the book, journeys through philosophy, psychoanalysis and current events, searching for the social roots of the mental malaise of our age.
https://www.youtube.com/watch?v=BMzfW15ZRVA

FRANCO BERARDI: The General Intellect is Looking for a Body
Veröffentlicht am 02.01.2013
WE ARE THE TIME: Art Lives in the Age of Global Transition, this conference-festival took place between March 12 and March 16, 2012 at the Rietveld Academie in Amsterdam. Gabriëlle Schleijpen, head of Studium Generale Rietveld Academie invited Aneta Szyłak, Grant Watson, Jorinde Seijdel and Alfredo Cramerotti to each inaugurate a discursive and performative program of one day. Curator Aneta Szyłak asked how artists are implicated in the condition of the academy and invited Hiwa K to speak about modifying the academy from within. Franco Berardi explained why we have to reinvent autonomy. Irit Rogoff explored the role of self-education in global resistance movements. Miguel Robles-Duran contributed insider knowledge on spatial organization and circulation of speech in the Occupy Wall Street movement. ...
https://www.youtube.com/watch?v=DhIIPcno7zs

Title: Kapitalismus (...?)
Post by: Link on October 25, 2016, 10:30:17 AM
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[...] Der Sozialpsychologe Erich Fromm (1900-1980) konnte von den Turbulenzen und Gewaltausbrüchen, die wir heute erleben, kaum etwas ahnen. Aber seine Überlegungen über die Wechselwirkung zwischen gesellschaftlichen Verhältnissen und dem „Seelenhaushalt“ der einzelnen Menschen haben an Aktualität nichts eingebüßt – ging es ihm doch ganz allgemein um die Frage, „in welcher Weise bestimmte ökonomische Bedingungen auf den seelischen Apparat des Menschen einwirken und bestimmte ideologische Resultate erzeugen“. Die Antwort: „Die sozio-ökonomische Struktur der Gesellschaft formt den Gesellschafts-Charakter ihrer Mitglieder dergestalt, dass sie tun wollen, was sie tun sollen.“

Natürlich hätte Erich Fromm nicht bestritten, dass es sowohl bestimmte Anlagen von Geburt als auch zahlreiche Spielräume für autonome Entscheidungen des einzelnen Menschen gibt. Im Gegenteil: „Es stimmt zwar, dass der Mensch sich an beinahe alle Lebensbedingungen gewöhnen kann, trotzdem ist er kein leeres Blatt Papier, auf welches die Kultur ihren Text schreibt.“ Aber ebenso fahrlässig wäre es, die Prägungen, die dieses „Blatt Papier“ eben auch enthält, zu ignorieren. Wir sind sowohl Produkt unserer eigenen Lebensentscheidungen als auch der Gesellschaft, in der wir leben.

Was aber hat das nun mit dem inneren Unfrieden unserer Zeit zu tun, dem individuellen wie dem sozialen?

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich in Westeuropa ein Modell herausgebildet, das man frei nach Rousseau als „Gesellschaftsvertrag“ bezeichnen könnte. In einem überschaubaren ökonomischen Umfeld wurden ökonomische Verteilungskämpfe, aber auch religiöse, kulturelle oder lebensanschauliche Konflikte durch einigermaßen funktionierende Aushandlungsmechanismen sozusagen zivilisiert. Man lebte zwar keineswegs im Paradies, aber eben doch in einem einigermaßen verlässlichen, berechenbaren Umfeld. Und die Eruption des Protests von 1968 fügte nicht nur eine ordentliche Portion Liberalität und Toleranz hinzu. Sie besiegelte – jedenfalls in der Bundesrepublik – auch das historisch begründete Tabu, das Hass und Gewalt gegen Minderheiten zumindest im offiziellen und öffentlichen Diskurs verbot.

Doch spätestens 1989, als der Fall der Mauer dem Systemkonflikt ein Ende machte, war es auch mit diesem Modell vorbei. Die „Sieger der Geschichte“ im westlichen Teil der Welt dachten gar nicht daran, einen neuen „Gesellschaftsvertrag“ zu formen, der dem sich beschleunigenden weltweiten Austausch von Waren wie Menschen Rechnung getragen hätte. Die EU, die sich immer mehr zur Freihandelszone entwickelte, ohne sich auch nur annähernd ausreichende Regeln für ein solidarisches Zusammenleben zu geben, ist dafür nur das vertrauteste Beispiel. Die westlichen Eliten hielten sich mehr oder weniger radikal an den Satz, den die britische Premierministerin Margaret Thatcher 1987 geprägt hatte: „There’s no such thing as society“, also: So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht, oder einfacher: Jeder ist sich selbst der Nächste.

Was wir heute erleben, lässt sich durchaus lesen als die Prägung, die diese Ideologie im „Gesellschaftscharakter“ vieler Menschen hinterlassen hat. ...


Aus: "Kapitalismus: Der geformte Mensch" Stephan Hebel ( 21. Oktober 2016)
Quelle: http://www.fr-online.de/fr-serie--auf-die-fresse-/kapitalismus-der-geformte-mensch,34810614,34874314.html (http://www.fr-online.de/fr-serie--auf-die-fresse-/kapitalismus-der-geformte-mensch,34810614,34874314.html)
Title: Kapitalismus (...?)
Post by: Link on January 17, 2017, 02:58:27 PM
Georg Seeßlen: Der Geruch des Geldes
27. August 2011 - Georg Seeßlen - Aufnahme, Gesellschaft, Leben   
Das Geld, zur Zeit, hat schlechte Laune. Wo es gestern noch angeregt mit sich selbst plauderte, murrt es sich nun an. Die Datenströme, die durch den Kopf des Geldes fließen, machen es ganz wirr. Seinen alten Bruder Gold, den mag man gerade wieder. Gerne würde das Geld mal wieder mit Menschen sprechen. Es könnte ihnen sagen, es sei doch unvernünftig, was da gerade geschehe, man stoße da etwas ab, was mit Geld zu tun hat, nur weil die Computer entsprechende Daten sammeln. Sie fragen die Menschen schon lange genau so wenig mehr wie das Geld. Soll das Geld etwa mit den Computern sprechen? Arrogante, kleinliche Schnösel! Das Geld weiß, dass es nichts und niemanden mehr auf der Welt gibt, mit dem sich zu unterhalten lohnte. Es war, zugegeben, einst schön, mit den Menschen zu sprechen. Aber sie wurden immer kleiner, sie waren immer ferner. Menschen sind zu billig und zu krank für den Geschmack des Geldes. So hat es beschlossen, nur noch mit sich selbst zu sprechen. Aber manchmal, wenn es schlechte Laune hat, dann hört das Geld sich selber nicht mehr zu. ...
http://www.getidan.de/video/runhard_sage/36100/georg-seeslen-der-geruch-des-geldes

https://www.youtube.com/watch?v=R1Vdpb-Bgho

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"Das Finanzministerium, der "Deep State" und das Geldsystem" Paul Schreyer (09. April 2017)
Welche Rolle spielt das Finanzministerium im Machtpoker der Banken? Ist es Gegenspieler oder eher Teil eines "Deep State"? Und wer verdient eigentlich an den Staatsschulden? Telepolis fragte nach und erhielt lückenhafte Antworten. ... Wenn Finanzsektor und Ministerium sich geräuschlos arrangieren, Personal fließend miteinander austauschen und zu einem intransparenten Netz verwachsen, wenn ewige Schulden und eine stetige Abhängigkeit des Staates von privaten Gläubigern die Geschäftsgrundlage für alles weitere sind, dann wird es nicht demokratisch sondern ganz im Gegenteil feudal. ...
https://www.heise.de/tp/features/Das-Finanzministerium-der-Deep-State-und-das-Geldsystem-3678541.html

Title: Kapitalismus (...?)
Post by: Link on November 12, 2017, 06:17:04 PM
"Enthüllung: "Paradise Papers" nehmen Peter Harry Carstensen ins Visier" (08.11.2017)
Hamburg/Kiel. "Am Ende der Macht" war Peter Harry Carstensen (70). So der Titel der jüngsten rührseligen Dokumentation von Reinhold Beckmann über den früheren Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein im NDR. Peter Harry Carstensen, der frühere Landesvater, der Jäger auf dem Hochsitz, der Mann, der in diesem Jahr nicht den Bundespräsidenten mitwählen konnte, weil sein Dackel krank war.
Über diese Klischees wirft die Verbindung von Carstensen zu den sogenannten "Paradise Papers" von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" ein neues Licht. Denn der Ex-Politiker soll fragwürdige Verbindungen zu einem "speziellen" Unternehmer haben. ...
https://www.abendblatt.de/region/schleswig-holstein/article212484531/Paradise-Papers-nehmen-Peter-Harry-Carstensen-ins-Visier.html


Die Paradise Papers sind ein Konvolut von ursprünglich vertraulichen Unterlagen der Anwaltskanzlei Appleby und des kleineren Treuhandunternehmens Asiaciti Trust, die 2016 der Süddeutschen Zeitung zugespielt worden sind. Die Unterlagen stellen in tausenden Fällen dar, wie Steuervermeidung und Steuerhinterziehung von einigen der weltweit größten multinationalen Konzernen und Milliardären mittels Verschleierung, Splittung und Geldwäsche betrieben wurden. Dazu wurden Briefkastengesellschaften gegründet und Steueroasen genutzt. In den geleakten Unterlagen finden sich Datensätze zu mehr als 120 Staats- und Regierungschefs und Politikern aus 47 Ländern, darunter auch die britische Königin Elisabeth II. sowie US-Handelsminister und Multimillionär Wilbur Ross. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Paradise_Papers (12. November 2017)


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[...] Kongo-Kinshasa und Angola sind typische Opfer des Ressourcenfluchs. Der Weg zu Geld führt nicht über Arbeit, sondern über die Politik und den korrupten Ausverkauf der nationalen Rohstoffe.  Die «Paradise Papers» werfen unter anderem ein grelles Licht auf dubiose Geschäftspraktiken zwischen Schweizer Firmen und afrikanischen Staaten. Im Falle von Glencore nähren diese den Verdacht, dass der Rohstoffkonzern mithilfe des Vermittlers Dan Gertler unter zweifelhaften Umständen zu massiv verbilligten Minenlizenzen in Kongo-Kinshasa gekommen ist. In dem vom «Tages-Anzeiger» breiter beschriebenen Fall des Schweiz-Angolaners Jean-Claude Bastos geht es um dessen Verwaltung des angolanischen Staatsfonds. Die mit dem «Paradise Leak» verbreiteten Informationen erwecken dabei den Eindruck, dass Gelder, die mit diesem Fonds erwirtschaftet wurden, zu einem Teil zur lokal herrschenden Machtelite zurückgeflossen sind.

Korrupte Geschäftspraktiken sind in Afrika verbreitet, vor allem in Ländern, die von Rohstoffen leben. Deren staatliche Haupteinnahmequelle besteht im Verkauf von Abbau- und Förderlizenzen. Für den Aufbau einer moderneren Wirtschaft, etwa durch eine verarbeitende Industrie, besteht in solchen Ländern kaum ein Anreiz, da das Geld sowieso fliesst und alles sich darauf konzentriert, einen Teil davon zu ergattern. Steuereinnahmen sind meist irrelevant, weshalb die Regierung ihren Bürgern auch kaum Rechenschaft schuldig ist. Für Geschäftsleute führt kein Weg an der Regierung vorbei, und die beste Möglichkeit, reich zu werden, bietet sich in der Politik und der Verwaltung. Bei Parteien und Wahlen geht es weniger um politische Programme als darum, welche Familie oder Ethnie sich Zugang zu den Fleischtöpfen verschaffen kann.

Das schafft nur, wer bereits über genügend Geld oder Geldgeber verfügt, um ein Netzwerk zu bilden, das durch Geschenke und Versprechen Wähler mobilisieren kann. Sitzt man einmal an den Schalthebeln der Macht, erwartet die Klientel Belohnung, sei es durch Zuteilung von Posten oder durch direkte «Hilfe» für gewisse Familien, Dörfer, Ethnien und Regionen bzw. deren Repräsentanten. Weil es in solchen Staaten kaum eine Trennung zwischen Politik und Wirtschaft sowie zwischen Staatskasse und Privatvermögen der Regenten gibt, muss man, um an Aufträge zu kommen, vor allem die massgeblichen Politiker günstig stimmen.

Natürlich ist Korruption nicht auf das subsaharische Afrika beschränkt, aber in den beschriebenen Konstellationen ist sie dort geradezu systemimmanent. Denn ein Politiker kann ohne permanenten Geldfluss, mit dem er seine loyalen Unterstützer bei Laune halten muss, gar nicht überleben. Erstens wird er ohne seine Klientel nicht wiedergewählt, zweitens ist er jedoch tatsächlich oft einem enormen erpresserischen Druck ausgesetzt, seine «Schulden» zurückzuzahlen. Gelingt ihm das nicht, muss er im Extremfall um sein Leben fürchten.

Diese Korruption im Grossen ist wohl nur möglich, weil sie auch im Kleinen, im Alltag und in der Sozialkultur fest verankert ist. Im subsaharischen Afrika fusst fast alles auf persönlichen Beziehungen. Man muss sich durch Freundlichkeit und Gefälligkeiten Goodwill verschaffen und für alles, was man bekommt, erkenntlich zeigen, auch wenn es aus westlicher Sicht nur um selbstverständliche professionelle Transaktionen oder administrative Serviceleistungen geht, die nichts mit der Person zu tun haben. Aber aus afrikanischer Perspektive stehen nicht die Funktion und nicht der automatisierte, anonyme Ablauf im Zentrum, sondern die Einzelperson, die für ihr «Entgegenkommen» das Recht auf Entgelt oder eine doch reziproke Dienstleistung beansprucht.

In der Schweiz gilt Korruption als unmoralisch. In Afrika ist es oft umgekehrt. Wer sich weigert, sich gegenüber einem Beamten, der einem unbürokratisch entgegengekommen ist, dankbar zu zeigen und etwas zu bezahlen, gilt als egoistisch, geizig, asozial – als unmoralisch. «Bestechung» wird eher als Ausdruck menschlicher Wärme verstanden. «Régler à l'amiable» nennt man das in Senegal – etwas auf freundschaftliche Weise regeln, nach dem Motto «Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft».

So wie im Grossen, beispielsweise bei staatlichen Aufträgen, öffentliche Ausschreibungen und transparente Auswahlkriterien selten sind, so werden auch in kleinen Betrieben Stellen oft an Verwandte vergeben, auch wenn diese schlecht qualifiziert sind. Auch hier hat das nicht nur mit fehlender Professionalität zu tun, sondern auch mit einem enormen sozialen Druck. Einen Job «auswärts» zu vergeben, wenn man doch die Möglichkeit gehabt hätte, endlich einem arbeitslosen Cousin eine Stelle zu verschaffen, gilt als herzlos. Der «Missetäter» riskiert seinerseits, der verwandtschaftlichen Solidarität verlustig zu gehen. Die ist aber in Ländern, die kaum über Versicherungen und Altersvorsorge verfügen, überlebenswichtig.

Vom Zwang, permanent verteilen zu müssen, können insbesondere Ladenbesitzer ein Lied singen. Sie sind ganz direkt mit Kunden konfrontiert, die auf verwandtschaftliche Solidarität pochen. Das Problem besteht darin, dass die afrikanische Verwandtschaft tendenziell unendlich und der Übergang von Bekannten zu Verwandten fliessend ist. Schon die Anrede mit «brother» oder «tonton» signalisiert, dass nun ein Appell an Hilfe folgt. Meist verlangen diese Kunden, dass sie etwas auf Kredit kaufen können, was auf ein Geschenk hinausläuft, dem Besitzer ein Abschlagen jedoch schwierig macht. Gerne verweisen die Bittsteller darauf, dass es im Laden hundert Flaschen Coca-Cola hat und eine mehr oder weniger doch wohl kaum ins Gewicht fällt.

Der Druck, alles verteilen zu müssen, macht es schwierig, zu sparen, Kapital zu bilden und zu investieren. Dass ein Ladenbesitzer Geld auf die Seite legt und Vorräte anlegt, erscheint den Ärmeren oft einfach als Hamstern. Dass in Ostafrika Kleinhandel und Läden mehrheitlich in den Händen der Inder sind und in Westafrika in denjenigen der Libanesen, ist wohl kaum ein Zufall. Sie sind eben nicht in dieses tief verankerte Sozialsystem von Hilfserwartungen eingebunden, das wie ein herausgezogener Stöpsel wirkt, der aus einem Waschbecken ein Fass ohne Boden macht.

Um auf die Weltwirtschaft und die internationalen Handelsbedingungen zurückzukommen: Für westliche Firmen mit ihren verbindlichen, der westlichen Kultur entsprechenden Corporate-Governance-Vorschriften ist die weitverbreitete Korruption und Kleptokratie in Ländern wie Kongo-Kinshasa ein grosses Problem. Einzelne profitieren davon und schaffen Anreize und Versuchungen, sie sind aber nicht die Ursache dieser Verhältnisse.

Ein trauriges Fazit der Wirtschaftsstruktur dieser Länder lautet: Wegen der Bestechung und der Verschleuderung der nationalen Ressourcen entgehen Ländern wie Kongo-Kinshasa gewaltige Einnahmen. Es ist aber dennoch zu befürchten, dass selbst bei transparenten Verfahren und marktgerechter Bezahlung der Rohstoffreichtum nicht dem Volk zugutekäme.



Aus: "Wenn sich mit Geld jedes Problem lösen lässt" David Signer, Dakar (12.11.2017)
Quelle: https://www.nzz.ch/wirtschaft/wenn-sich-mit-geld-jedes-problem-loesen-laesst-ld.1327837 (https://www.nzz.ch/wirtschaft/wenn-sich-mit-geld-jedes-problem-loesen-laesst-ld.1327837)
Title: Kapitalismus (...?)
Post by: Link on November 12, 2017, 06:29:28 PM
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[...] Was die Panama Papers und die Paradise Papers enthüllt haben, hat die Fairness-Bedingung zutiefst verletzt. Es widerspricht dem gesunden Menschenverstand, Treu und Glauben, wenn der Fiskus bei den Lohneinkommen alles und jedes mit Akribie erfasst, besteuert und kleinste Vergehen hart ahndet, beim Kapitaleinkommen jedoch teils rechtlich gewollt stillschweigend, teils hilflos resigniert Steuerschlupflöcher duldet und offenlässt. Selbst wenn sowohl Panama Papers wie auch Paradise Papers nur wenige Deutsche auflisten, sind sie von der Signalwirkung her tödlich für den Gemeinsinn. Sie nähren den Verdacht, dass nun nur die Spitze des Eisbergs sichtbar wurde und bei Kapitaleinkommen Steuerflucht die Regel und nicht die Ausnahme ist. ...

Wenn die Elite trickst und manipuliert, Steueroptimierungsstrategien zum Volkssport und Cum-Ex-Geschäfte (bei denen mit Leerverkäufen einmal Kapitalertragssteuer bezahlt, aber zweimal eine Rückerstattung vom Staat gefordert wird) zum allgemein akzeptierten Geschäftsmodell werden, bewertet die Gesellschaft derartiges Verhalten erst misstrauisch, dann mit Verachtung. Schließlich geht zuerst die allgemeine Steuermoral und am Ende die Akzeptanz von Rechtsstaat, Demokratie, Kapitalismus und Marktwirtschaft verloren.

Kapitalismus und Marktwirtschaft leben vom allgemein getragenen Vertrauen, dass es „fair“ zugeht, allgemeine Regeln für alle gelten und alle von den Schiedsrichtern gleich behandelt werden. Werden Gesetze von Führungskräften und wohlhabenden Eliten kaltblütig gebrochen oder von einer Minderheit durch zwar legale, aber Treu und Glauben widersprechende Umgehungstatbestände ausgehebelt, geraten Kapitalismus und die Effizienz offener Märkte zwangsläufig und schlagartig in Verruf.

Die Paradise Papers sind ein weiterer Mosaikstein, der in einem stetig größer werdenden Teil der Bevölkerung das Bild eines unfairen Wirtschaftssystems entstehen lässt, in dem die „oben“ Moral und Anstand predigen, selber aber Maß und Mitte komplett verloren haben. Nicht Attac oder Occupy, sondern nimmersatte, gierige, rücksichtslose Egoisten, denen Gemeinsinn, Solidarität und auch das Grundgesetz egal sind („Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“, so Art. 14 (2)) werden somit zu den Totengräbern von Kapitalismus und Marktwirtschaft.

Anstand und Fairness, Treu und Glauben sind für ein freiheitlich-liberales Wirtschaftssystem die Schattenwährung jenseits der „Legalität“. Sie sind unverzichtbare Verhaltensweisen jenseits von Recht und Gesetz. Ohne sie verlieren Kapitalismus und Marktwirtschaft nicht nur Vertrauen und Unterstützung der Bevölkerung. Sie verlieren die „Legitimität“. Dass also bei aller Ungleichheit, die zu Kapitalismus und Marktwirtschaft gehören, die Ergebnisse von Angebot und Nachfrage, freien Märkten und Wettbewerb von der Bevölkerung moralisch getragen und damit gesellschaftlich akzeptiert werden.

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S. E.

"Unser Wirtschaftssystem lebt vom Vertrauen, dass es darin „fair“ zugeht und Regeln für alle gelten."
Hm, seit wann war unser Wirtschaftssystem und unsere Gesellschaft jemals fair - noch NIE!
Unternehmer arbeiten "schwarz", Unternehmen agieren mit Dumpig-Löhnen, Arbeitnehmer arbeiten somit also auch "schwarz" damit sie ihre schlechte, offizielle Bezahlung kompensieren können, Kunden geben "Schwarz.-Aufträge", Pendlerpauschalen sowie Fahrten- und Kassenbücher werden manipuliert, Finanzämter besteuern fiktive Erträge und Schätzen großzügig nach oben, Politiker haben schwarze Kassen, Sparkassenpräsidenten bezahlen ihre Steuer nur zögerlich und Bürgermeister, sowie Landräte landen nach ihrer Abwahl, plötzlich bei ehemals mit Aufträgen versorgten Unternehmen. Seltsam, wir sind trotzdem eine der führenden und wohlhabendsten Wirtschaftsnationen dieser Erde - zeigen sich diese moralisch höchst verwerflichen Zustände nicht überall?


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KLAX

Diese Enthüllungen über die Paradise Papers sind nur ein weiterer Fortschritt in der Errosion des Vertrauens in die Führungskräfte in Politik und Wirtschaft.
Die Spirale des Misstrauens wird sich weiter drehen bis hin zu hässlichen Konsequenzen im (Wahl)Verhalten der Bürger.


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Karsten D.

Nach dem "Fall Zumwinckel", die Leser erinnern sich evtl., habe ich bereits vor Jahren jeglichen Gerechtigkeitssinn in unser Steuersystem und Justiz komplett verloren. Ich nehme die Dinge nur noch schulterzuckend hin und suche das Weite in die private, egoistische Mentalität des Selbstbezogenen. Macht man, ihr kriegt das schon irgendwie hin! Schade ists um die Aufrichtigen die nicht fliehen können und zum kämpfen zu schwach sind.


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Kurt Pjetrew

"Wer Menschen, die sich gesetzestreu verhalten, aus moralischen Gründen medial an den Pranger stellt, bewegt sich auf ganz dünnem Eis."
Interessant, wie sich Meinungen über die Steuervermeidungsmodelle im Fall der Paradise Paper abmildern. Es scheinen wohl dieses Mal eine ganze Menge von den Falschen betroffen zu sein, die eigentlich die besseren sind und über die man nichts sagen sollte.


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Armin M.

Unser Wirtschaftssystem lebt vom Vertrauen, dass es darin „fair“ zugeht und Regeln für alle gelten.
…. Ich denke unser Wirtschaftssystem war noch nie fair. Aber vor der Neoliberalisierung war das System so, dass die große Mehrheit in diesem System leben konnte. Man konnte mit normalen Berufen und Einkommen, eine Familie ernähren und wohnen.
Und wenn immer stärker auch der Mittelstand um die Existenz kämpft, dann verliert der Staat und das System irgendwann seinen Rückhalt.


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Horst W.

Das fatale sind nicht die Fälle, in denen gegen die Regeln verstoßen wird. Wer gegen die Regeln verstößt, wird – in der Regel – zur Rechenschaft gezogen, wenn man ihn erwischt. Fragen Sie Herrn Hoeneß.

In meinen Augen ist das fatale an den Panama-, Wikilux- und Paradise-Papers, dass eben nicht gegen Regeln verstoßen wird. Dass die einen Staaten die „Steueroptimierung“ erlauben und die anderen Staaten – wie auch jetzt wieder – nur eine Menge Theaterdonner veranstalten.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass viele Politiker noch nicht einmal böswillig handeln, wenn sie Gesetze erlassen, die der Steueroptimierung Tür und Tor öffnet. Die Politiker sind schlicht damit überfordert, die Zusammenhänge zu erkennen. Hier geht mein Vertrauen in den Staat verloren.


...


Aus: "Die Paradise Papers zeigen die wahren Feinde des Kapitalismus‘" Thomas Straubhaar (07.11.2017)
Quelle: https://www.welt.de/wirtschaft/article170391583/Die-Paradise-Papers-zeigen-die-wahren-Feinde-des-Kapitalismus.html (https://www.welt.de/wirtschaft/article170391583/Die-Paradise-Papers-zeigen-die-wahren-Feinde-des-Kapitalismus.html)
Title: Kapitalismus (...?)
Post by: Link on March 21, 2018, 05:08:06 PM
""Ich verstehe nicht, warum in der politischen Linken eine so unglaubliche Staatsgläubigkeit herrscht"" Marcus Klöckner (21. März 2018)
Ein Interview mit dem Soziologen Rainer Zitelmann, der mehr Markt und weniger Staat fordert
https://www.heise.de/tp/features/Ich-verstehe-nicht-warum-in-der-politischen-Linken-eine-so-unglaubliche-Staatsglaeubigkeit-herrscht-3989299.html?seite=all

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leachim200, 21.03.2018 16:13

Ich verstehe nicht, warum in der politischen Linken eine so unglaubliche Staatsgläubigkeit herrscht

Und ich verstehe nicht, warum in der politischen Rechte eine so unglaubliche Markthöhrigkeit herrscht.
Mann beachte den Unterschied zwischen Gläubigkeit und Höhrigkeit.
... Welche Fähigkeiten der "freie" Markt hat, hat die Finanzkrise gezeigt.
Hampelmänner in Nadelstreifen hinter den Bildschirmen haben das Chaos verursacht.


https://www.heise.de/forum/Telepolis/Kommentare/Ich-verstehe-nicht-warum-in-der-politischen-Linken-eine-so-unglaubliche-Staatsglaeubigkeit-herrscht/Ich-verstehe-nicht-warum-in-der-politischen-Linken-eine-so-unglaubliche/posting-32073774/show/
Title: Kapitalismus (...?)
Post by: Link on March 22, 2018, 09:03:02 PM
Finanzkrisen sind größere Verwerfungen im Finanzsystem, die durch plötzlich sinkende Vermögenswerte (z. B. bei Unternehmensbeteiligungen – siehe Börsenkrach) und die Zahlungsunfähigkeit zahlreicher Unternehmen der Finanzwirtschaft und anderer Branchen gekennzeichnet sind und die die ökonomische Aktivität in einem oder mehreren Ländern beeinträchtigen. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Finanzkrise


"Goldman Sachs Eine Bank lenkt die Welt" (Arte, 2012)
Seit fünf Jahren steht die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs für sämtliche Exzesse und Entgleisungen der Finanzspekulation. Durch hochspekulative Geschäfte mit der Zahlungsunfähigkeit der amerikanischen Privathaushalte konnte sich die Bank an der aktuellen Finanzkrise bereichern und wurde dank ihrer politischen Verbindungen selbst vor dem Bankrott bewahrt. Als die amerikanische Krise über den Atlantik nach Europa schwappte, wurde Goldman Sachs zu einem der Protagonisten der Euro-Krise: Die Bank soll gegen die europäische Einheitswährung spekuliert und die griechische Staatsschuldenbilanz mit Hilfe komplexer und undurchsichtiger Währungsgeschäfte geschönt haben. Als die europäischen Regierungen nacheinander dem Zorn der Wähler zum Opfer fielen, nutzte Goldman Sachs die Gunst der Stunde, um ihr komplexes Einflussgeflecht auf den alten Kontinent auszuweiten. Goldman Sachs ist mehr als eine Bank. Sie ist ein unsichtbares Imperium, dessen Vermögen mit 700 Milliarden Euro das Budget des französischen Staates um das Zweifache übersteigt. Sie ist ein Finanzimperium auf der Sonnenseite, das die Welt mit seinen wilden Spekulationen und seiner Profitgier in ein riesiges Kasino verwandelt hat. Mit weltweit einzigartigen Verflechtungen und einem Heer aus 30.000 Bankern konnte Goldman Sachs auch in den letzten fünf Krisenjahren kräftige Gewinne einstreichen, seine Finanzkraft weiter ausbauen, seinen Einfluss auf die Regierungen stärken und sich vonseiten der amerikanischen und europäischen Justiz völlige Straffreiheit zusichern. Das Geschäftsgebaren der Bank ist überaus diskret. Ihr Einfluss reicht weit in den Alltag der Bürger hinein - vom Facebook-Börsengang über die Ernennung des Präsidenten der Europäischen Zentralbank bis hin zum Lobbying gegen die Regulierung des Finanzsektors. Der Arm der Bank ist lang, und sie befindet sich stets auf der Gewinnerseite.
https://www.youtube.com/watch?v=pbCWfvn0mLU

"ZDFzoom vom 31.01.2018 - Piraten in Nadelstreifen"
Während fast in der gesamten Republik Staatsschulden getilgt werden, steigen sie in Hamburg und Schleswig-Holstein drastisch an. Hauptgrund ist der Niedergang der HSH Nordbank.
https://www.youtube.com/watch?v=lZul72YbOGs
Title: Kapitalismus (...?)
Post by: Link on April 02, 2018, 03:30:43 PM
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[...] Karl Marx hat es geschrieben, John Maynard Keynes hat davor gewarnt und die einfachen Leute haben es ohnehin schon immer gewusst: Im unregulierten Kapitalismus wachsen die Vermögen jener, die das Kapital besitzen, weit schneller als bei jenen, deren Arbeit die Kapitalerträge erzeugt. Der Teufel macht eben immer nur auf den großen Haufen. Insofern ist die Erkenntnis, die der französische Ökonom Thomas Piketty in seinem Weltbestseller über „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ ausbreitet, nicht originell.

Neu an seinem Werk ist lediglich die ausgefeilte Methodik. Anhand der Steuerdaten aus drei Jahrhunderten weist der neue Star am Ökonomenhimmel nach, dass der Trend zur Konzentration der Vermögen in den Händen einer kleinen Elite systembedingt ist und nur zeitweise durch Krieg oder harte staatliche Eingriffe umgekehrt wurde. Und hätte Piketty sein Buch schon vor zehn Jahren veröffentlicht, dann wäre das vermutlich außerhalb seiner Zunft nicht weiter aufgefallen.

Doch im Jahr sechs nach Lehman, da noch immer viele Millionen Arbeitslose und die überschuldeten Staaten mit den Folgen des großen Crashs kämpfen, trifft das Werk offensichtlich einen Nerv. Das anspruchsvolle Buch verkauft sich massenhaft und plötzlich entzündet die Wiederkehr der längst überwunden geglaubten Klassengesellschaft eine weltweite Debatte. Daran wird auch der Vorwurf von Kritikern, Piketty habe Daten verfälscht, nichts mehr ändern. Selbst die Gralshüter des Marktglaubens, die Ökonomen der OECD und des Internationalen Währungsfonds, die bisher stets gegen staatliche Eingriffe in das freie Spiel der (Kapital-)Kräfte fochten, veröffentlichten nun Studien, die der Umverteilung durch Steuern auf hohe Einkommen und Vermögen das Wort reden.

Bahnt sich nun also nach Jahrzehnten der Unterwerfung der Politik unter die Ansprüche des flüchtigen Kapitals die große Wende an? Schön wär’s. Doch die politische Praxis in Europa folgt einem ganz anderen Muster. Denn hier erzwingen die deutsche Kanzlerin und ihre Verbündeten in der EU-Kommission, der Europäischen Zentralbank (EZB) und dem Rat der Finanzminister per Gesetz und mit den Knebelverträgen für die Notkredite an die überschuldeten Staaten eine Politik, die im großen Stil die Ungleichverteilung verschärft. So setzte die EU-Kommission im Auftrag der Euro-Gruppe in allen Krisenländern massive Lohnsenkungen durch. Gleichzeitig weigern sich die EU-Finanzminister aber hartnäckig, für eine halbwegs gerechte Besteuerung von Kapitalerträgen zu sorgen.

Selbst die Krisenstaaten Zypern und Irland dürfen weiterhin Konzerne und Geldwäscher mit großzügigen Steuernachlässen bedienen. In Griechenland ging die soziale Spaltung im Namen der Euro-Rettung so weit, dass die Kürzung des Mindestlohns um 25 Prozent per Notstandsdekret erzwungen wurde, als im Parlament die Mehrheit fehlte, weil sogar die Unternehmer sich dagegen ausgesprochen hatten. Die auf mehr als 200 Milliarden Euro geschätzten Vermögen der griechischen Elite bei Banken und Fonds im Ausland blieben dagegen unangetastet. Nun drängen die Merkel-Regierung und die Kommission auch in Frankreich und Italien auf „Strukturreformen“, deren wesentliches Ziel es ist, die Löhne zu drücken.

All das beruht auf der Annahme, die Senkung der Lohnkosten würde die Unternehmen der betroffenen Länder befähigen, mehr zu exportieren und sie zu neuer Blüte führen. Tatsächlich geschieht das Gegenteil. Die Wirtschaft schrumpft oder stagniert, weil die interne Nachfrage fehlt. Und diese wird keineswegs durch größere externe Nachfrage ersetzt, weil alle EU-Staaten ja die gleiche Strategie verfolgen (müssen) und so ein regelrechter Lohnsenkungswettbewerb erzeugt wird.

In der Folge beginnen in einem Land nach dem anderen die Preise zu fallen, was endgültig jede Investition erstickt. Bizarrerweise wollen EZB-Chef Mario Draghi und seine Direktoren nun mit Notstandsmaßnahmen wie einem Strafzins auf Zentralbankeinlagen genau die Deflation bekämpfen, die sie selbst durch ihre Politik herbeigeführt haben. Aber das wird nicht reichen. Nötig wären vielmehr das Ende der Lohnsenkungspolitik und eine Entschuldung der Krisenländer, damit deren Regierungen wieder handlungsfähig werden. Ginge es nach Piketty, dann wäre eine EU-weit erhobene Abgabe auf große Vermögen dafür das Mittel der Wahl. Im deutschen Kanzleramt sind seine Ideen allerdings noch nicht angekommen.

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nyma 29.05.2014, 20:32 Uhr

Der Krieg Arm gegen Reich

Der Multimilliardär Warren Buffett sagte zwei Jahre vor(!) der Weltwirtschaftskrise in einem Interwiev in der New York Times:

„Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen.“

Er bezog das natürlich auf die USA, aber angesichts dessen, was derzeit in Europa vorgeht, passt das Zitat auch perfekt hierher.



Aus: "Merkels Politik nutzt nur dem Kapital" Harald Schumann (29.05.2014)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/meinung/europas-krisenpolitik-merkels-politik-nutzt-nur-dem-kapital/9967406.html (https://www.tagesspiegel.de/meinung/europas-krisenpolitik-merkels-politik-nutzt-nur-dem-kapital/9967406.html)

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[...] Eigentlich dürfte Ungleichheit in einer funktionierenden Demokratie nicht wachsen. Da die weniger Wohlhabenden und die Armen die Mehrheit haben, müssten sie mit ihren Stimmen verhindern können, dass die Armen ärmer und die Reichen reicher werden. Es müsste umverteilt werden. Aber warum geschieht das nicht?

Darauf hat kürzlich der französische Ökonom Thomas Piketty eine Antwort versucht. Bekannt geworden ist er durch sein 2016 erschienenes Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“, in dem er aus jahrhundertealten Steuerlisten und weltweiten Wirtschaftsdaten ein altes und weit verbreitetes Muster herausdestillierte: Überall wächst das Kapitalvermögen schneller als die Realwirtschaft. Die Rendite, die Aktien und Grundbesitz erbringen, ist im Schnitt immer höher als das Einkommen. Seine erste Antwort auf die Unfähigkeit demokratischer Systeme, hier gegenzusteuern, ist ein dickes Nein: Es stimme nicht, dass das in einer globalisierten Weltwirtschaft nicht gehe. Nichts mache Umverteilung technisch unmöglich, schreibt Piketty in einer Powerpoint-Präsentation vom Januar dieses Jahres, für die er Daten aus den USA, Frankreich und Großbritannien der vergangenen 70 Jahre ausgewertet hat. Die Globalisierung der Ungleichheit sei hausgemacht: „Staaten und Regierungen entscheiden selbst, Verträge zu unterschreiben, die Freihandel und freie Kapitalflüsse vorsehen, aber keine umverteilenden Steuern und Regulierungen.“

Warum sie das tun, erklärt der Ökonom mit einem Blick über den Gartenzaun, in die Sozialgeschichte: Wer in den 50er und 60er Jahren in den USA, Frankreich, und Großbritannien links wählte – in Deutschland, das Piketty demnächst untersuchen will, wäre das wohl ähnlich – war weniger gebildet und hatte weniger Geld. In den zwei Jahrzehnten danach kamen die Gebildeteren hinzu, es entstand, was Piketty ein „Mehr-Eliten-Parteiensystem“ nennt. Die Stimmen der Vermögenden und Gutverdiener gingen nach rechts, die der Gebildeten - der Autor benennt sie nach der indischen Priesterkaste - nach links, „Brahmanen-Linke gegen Geschäfts-Rechte“, so der Titel der Präsentation.

Der Charme von Pikettys Blick auf den Wählerwandel liegt darin, dass er so weit reicht. Bisherige Studien hielten sich an Kategorien fest, dem „Arbeiter“ zum Beispiel, die immer nur für eine bestimmte Epoche gelten. Auf lange Sicht, argumentiert er, sei es besser, auf Bildung und Einkommen zu schauen. Das Vorgehen erlaubt, einen teils faszinierenden Wandel der Parteien festzustellen: Die US-Demokraten entwickelten sich erst von der Partei der Sklavenhalter zu einer für arme Weiße, dann zu der des New Deal und schließlich, schreibt Piketty, „zur Partei reicher Weißer und armer Minderheiten“. Und obwohl britische und französische linke Parteien ganz anders organisiert seien, hätten sie über die Jahrzehnte die gleiche Entwicklung ihrer Wählerschaft in puncto Bildung und Einkommen erlebt. Dabei könnte eines Tages auch die Sortierung des Parteiensystems nach Bildungs-Linker gegen Reichen-Rechte enden: „Da hohe Bildung auf lange Sicht zu hohen Einkommen/Wohlstand führt, sind Mehr-Eliten-Parteiensysteme zwangsläufig instabil: Eliten neigen dazu, sich zusammenzuschließen.“ Am Ende könnte „die völlige Neuausrichtung des Parteiensystems“ stehen.

 Was Pikettys Entwurf vorerst nur in einer Frage streift, ist ziemlich entscheidend: Die Allianz der Eliten lässt die zurück, die nicht dazu gehören. Das war so lange nicht wahlentscheidend, wie die am stärksten Abgehängten sich zurückzogen und nicht wählten. Die großen linken, die sozialdemokratischen Parteien, machten sich derweil vor, deren Interessen zu vertreten, obwohl sie es längst nicht mehr taten. Das Freihandelsabkommen TTIP haben, unter anderen, ein demokratischer US-Präsident und ein sozialdemokratischer deutscher Wirtschaftsminister verteidigt und gewollt.

Mit dem Aufkommen einer Alternative von rechts, so falsch sie auch ist, ist diese Sicherheit zerbrochen. Frankreichs Sozialisten sind schon Geschichte, der Front National lebt, und in Deutschland und Italien nähern sich dessen Schwestern einem Stimmanteil von 20 Prozent.

Wenn Demokratien die Ungleichheit wuchern lassen, dann ist das nicht einfach ein Kuriosum oder ein Naturgesetz. Dann funktionieren sie nicht. Der Aufstieg der Rechten ist eine verzweifelte, wütende Reaktion auf diese Krise der Demokratie. Ausgelöst durch Eliten, die fast geschlossen zur Religion des Marktes konvertierten. Vor vielen Jahren. Die Phantasie für eine rationale Reaktion ist wohl verdampft.



Aus: "Wenn Ungleichheit wuchert, funktioniert die Demokratie nicht" Andrea Dernbach (12.03.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/meinung/reich-und-arm-wenn-ungleichheit-wuchert-funktioniert-die-demokratie-nicht/21058100.html (https://www.tagesspiegel.de/meinung/reich-und-arm-wenn-ungleichheit-wuchert-funktioniert-die-demokratie-nicht/21058100.html)

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2014 sorgte seine Veröffentlichung Das Kapital im 21. Jahrhundert (französisch 2013: Le Capital au XXIe siècle) weltweit, besonders in den USA, für sehr große Aufmerksamkeit. ... Piketty forscht insbesondere zu den Themen Einkommensverteilung, Vermögensverteilung und soziale Ungleichheit. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Piketty

"What the 1% Don't Want You to Know" (18.04.2014)
Economist Paul Krugman explains how the United States is becoming an oligarchy - the very system our founders revolted against.
https://www.youtube.com/watch?v=QzQYA9Qjsi0

Thomas Piketty: New thoughts on capital in the twenty-first century (06.10.2014)
French economist Thomas Piketty caused a sensation in early 2014 with his book on a simple, brutal formula explaining economic inequality: r is greater than g (meaning that return on capital is generally higher than economic growth). Here, he talks through the massive data set that led him to conclude: Economic inequality is not new, but it is getting worse, with radical possible impacts. TEDTalks is a daily video podcast of the best talks and performances from the TED Conference, where the world's leading thinkers and doers give the talk of their lives in 18 minutes (or less). Look for talks on Technology, Entertainment and Design -- plus science, business, global issues, the arts and much more. ...
https://www.youtube.com/watch?v=JKsHhXwqDqM

"Thomas Piketty - Das Kapital im 21. Jahrhundert - Finanzmarkt Ökonomie" (3sat, 15. Januar 2015)
Kann es einen fairen Kapitalismus geben?: Können die wirtschaftlichen und monetären Mechanismen, die die Kluft zwischen Arm und Reich verstärken, staatlich kontrolliert und gesteuert werden? Gert Scobel versucht mit seinen Gästen inspirierende Antworten auf die zunehmende soziale Ungleichheit zu finden.
https://www.youtube.com/watch?v=_sfbieVmfPY


Title: Kapitalismus (...?)
Post by: Link on May 30, 2018, 10:49:05 AM
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[...]  ... Helnwein: Die Welt befindet sich seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges immer noch in einem permanenten Kriegszustand. In diesen Kriegen starben 50 Millionen Menschen, ganze Nationen wurden in die Steinzeit zurückgebombt und versanken im Chaos. Keine dieser militärischen Interventionen hat jemals irgendein Problem gelöst oder irgendjemandem geholfen, außer dem Militär, der Rüstungsindustrie und deren Banken. Und da das Geschäft mit dem Tod gar so gut läuft, werden die Kampfhandlungen auf immer neue Länder ausgeweitet.

STANDARD: Sie meinen, es ginge hier nur ums Geschäft?

Helnwein: Dieser Verdacht kann sich einem schon aufdrängen, wenn man sieht, wie trotz gigantischer Staatsschulden, weltweiter Wirtschaftskrise und Sparmaßnahmen im Sozialbereich, Unterricht und Kultur die Militärbudgets ständig weiter erhöht werden. Noch nie sind so viele Waffen produziert und exportiert worden. Obwohl die Nato jährlich bereits 900 Milliarden Dollar für Rüstung ausgibt, fordern die USA Europa ständig auf, noch mehr aufzurüsten.

STANDARD: Sie fühlen sich der 68er-Generation verbunden. Wie sehen Sie diese Revolte 50 Jahre danach?

Helnwein: Die Jugendrevolte der 1960er-Jahre war der letzte Versuch, sich gegen ein System aufzulehnen, das für zwei Weltkriege und den Holocaust verantwortlich war. Die linke Studentenschaft wollte damals den Marsch durch die Institutionen antreten. Bei diesem Marsch haben aber die Institutionen gewonnen. Fischer, Schily und Mahler sind links unten hineinmarschiert, und ganz rechts oben sind sie wieder herausgekommen. Man kann es ruhig sagen: Das amerikanische, raubkapitalistische System hat den endgültigen und totalen Sieg errungen.

STANDARD: Der globale Siegeszug des Kapitalismus hat doch auch Armut verringert.

Helnwein: Noch nie war die Kluft zwischen Arm und Reich so groß wie heute. Das reichste Prozent der Menschheit besitzt heute mehr als der gesamte Rest. Und die Schere geht immer weiter auf.

STANDARD: Die 68er politisierten sich einst an den Gräuelbildern des Vietnamkriegs, die damals erstmals via Fernseher in die Wohnzimmer geliefert wurden. Heute scheint durch die mediale Überfrachtung mit Gewaltbildern eher ein Fluchtreflex einzusetzen. Man will eben nicht mehr hinsehen. Ist das gefährlich?

Helnwein: Der ganze Planet ist fest im Griff eines Systems, das Pasolini schon in den 60er-Jahren als Konsumterror, als den neuen Faschismus bezeichnet hat. Die Überflutung der Menschen mit überflüssigen Konsumprodukten, schwachsinnigem Entertainment, Kitsch und Gewalt in Massenmedien, Filmen und Computerspielen haben die Menschen desensibilisiert und in einen Zustand von Apathie getrieben. ..."


Aus: "Gottfried Helnwein im Interview: "Das Geschäft mit dem Tod läuft gut" Interview: Stefan Weiss (30. Mai 2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000080648311/Gottfried-Helnwein-im-Interview-Das-Geschaeft-mit-dem-Tod-laeuft (https://derstandard.at/2000080648311/Gottfried-Helnwein-im-Interview-Das-Geschaeft-mit-dem-Tod-laeuft)
Title: Kapitalismus (...?)
Post by: Link on June 10, 2018, 11:42:36 AM
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[...] Eine Volksinitiative möchte das Vollgeld-System einführen. Vollgeld bedeutet im Grunde, dass nur noch die Zentralbank neues Geld schöpfen kann. Derzeit haben in der Schweiz – wie in anderen Ländern – auch Privatbanken diese Macht. Sie dürfen zwar kein Bargeld drucken, aber Kredite vergeben. Scheine und Münzen machen heutzutage nur einen kleinen Teil der zirkulierenden Geldmenge aus, in Europa etwa zehn Prozent. Der Großteil des Geldes liegt auf Konten, existiert also nur auf dem Papier. Gibt eine Bank einem Kunden einen Kredit, schöpft sie neues Geld, das auf dem Konto landet. Sie muss zwar eine sogenannte Mindestreserve für den Kredit bei der Zentralbank deponieren. Die ist allerdings verschwindend gering, in der Schweiz beträgt sie nur 2,5 Prozent der dem Kunden gutgeschriebenen Einlage. Bei der Europäischen Zentralbank liegt sie bei einem Prozent.

Im Vollgeld-System wäre das nicht mehr möglich. Banken müssten sich das Geld für Kredite komplett von der Zentralbank leihen, also selbst einen Kredit aufnehmen. Die multiple Geldschöpfung wäre damit Geschichte. Und die Kreditvergabe der Banken wäre durch die von der Zentralbank bestimmte Geldmenge begrenzt. Mit dem Vollgeld soll das Girogeld so sicher sein wie das Bargeld im Tresor. Die Vollgeld-Befürworter sind auch davon überzeugt, dass dies ein Ende überhitzter Kreditzyklen und Spekulationsblasen bedeuten würde.

... Das Nachdenken über alternative Währungssysteme ist nicht neu: Während der Griechenland-Krise war die Einführung von Regionalwährungen ein Thema. Befürworter glaubten, dass durch das Regionalgeld die Wirtschaft gefördert und Arbeitsplätze erhalten werden könnten. In ganz Europa gibt es solche Projekte, auch in Deutschland. Besonders bekannt ist der Chiemgauer in Bayern. Ein Chiemgauer kann gegen einen Euro eingetauscht werden. Der Unterschied zum Vollgeld: Das Regionalgeld existiert ergänzend zur Hauptwährung.

Viel diskutiert wurden in den vergangenen Jahren auch Kryptowährungen, ein digitales Zahlungsmittel, das auf Basis der Blockchain-Technologie funktioniert. Umstritten ist, ob es sich dabei überhaupt um eine Währung im eigentlichen Sinne handelt. "Der Begriff Kryptowährung ist irreführend", sagt Philipp Sandner, ein Kollege von Adalbert Winkler an der Frankfurt School. Er leitet dort das Blockchain Center. "Zutreffender wäre der Begriff Kryptoassets, da Sie eigentlich alles in diesem System hinterlegen können." 

Auch mit der Blockchain würde die Währung nicht abgeschafft, aber dezentralisiert. Die Vorteile für den Verbraucher erklärt der Blockchain-Experte Philipp Sandneram Beispiel der Mietkaution: Selbst wenn der Mieter seine Wohnung ohne Konflikt mit dem Vermieter verlässt, kann es oft Wochen dauern, bis er seine Kaution zurückerhält. "Das liegt nämlich meist an der Bank." Bürokratische Hürden behindern die Überweisung. Beim "Krypto-Euro" wäre die Bank überflüssig. Ist vorher digital hinterlegt worden, dass zur Rückgabe des Geldes nur ein simples "Go" vom Vermieter nötig ist, geschieht die Überweisung blitzschnell. "Das kann man in zwei Zeilen Code festlegen", so Sandner.

Experimente mit diesem Modell gibt es bereits, allerdings vor allem für den Zahlungsverkehr zwischen Banken. Neue Kryptowährungen könnten in Ländern eine Alternative sein, in denen die staatlichen Institutionen kein Vertrauen genießen. "Blockchain-Systeme brauchen nämlich keine staatlich legitimierte Aufsicht", erklärt Sandner. Doch ein Problem bleibe: Bürger und Geschäfte müssten die Coins als Zahlungsmittel akzeptieren. "Vertrauen ist das Stichwort", sagt Sandner.

Dass die Schweizer die Geldschöpfung künftig allein der Zentralbank anvertrauen werden, ist unwahrscheinlich. In einer Umfrage gab nur ein Drittel der Befragten an, für die Einführung des Vollgeldes stimmen zu wollen.

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Oakman #1

Der Ökonom stellte auf dem Bargeldsymposium der Deutschen Bundesbank die Frage, ob Zentralbank und Staat dieses Vertrauen verdient hätten.

Die privatwirtschaftlich organisierten Banken haben in den letzten Jahren hinlänglich bewiesen, dass sie diesen Vertrauen zumindest nicht verdienen.

Tatsache ist, dass im Moment Gewinn und Risiko bei einer großen, systemrelevanten Bank asymmetrisch verteilt sind. Laufen die riskanten Geschäfte gut, verbleibt der Gewinn in der Privatwirtschaft, geht es schief, kehrt man mit dem Steuergeld der Krankenschwester die Scherben zusammen.

Ob das Vollgeld hierfür die Lösung ist, weiß ich nicht - aber grundsätzlich ist jede Diskussion, die versucht den Kern des Problems anzugehen und sich nicht in Klein-Klein (wie z. b. Vorstandsboni) verzettelt, zu begrüßen.


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Postdemokratische Geronto-Plutokratur #1.1

"Der Ökonom stellte auf dem Bargeldsymposium der Deutschen Bundesbank die Frage, ob Zentralbank und Staat dieses Vertrauen verdient hätten. "

Diese Zeile hat mich auch irritiert.
Warum sollte sich der Staat Vertrauen erst verdienen müssen, während private Bankhäuser ohne Rechtfertigungsdruck und Verantwortungsbewusstsein hochspekulative Finanzgeschäfte machen und an der Grenze des Seriösen agieren?


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Selbstzensiert #1.2

Die wichtigste Änderung des Vollgeldsystems würde nicht erwähnt.

Zur Zeit werden Sie, wenn Sie Guthaben auf der Bank haben, zum Gläubiger der Bank.
Die Bank ist Ihnen gegenüber der Schuldner.

Giralgeld ist ebenso wie Vollgeld im Prinzip jederzeit verfügbar. Aber Vollgeld ist tatsächlich vorhanden, bestandsicher und befindet sich im Besitz der Kunden. Giralgeld dagegen befindet sich nicht im Besitz der Kunden, sondern stellt nur ein Versprechen der Banken dar, auf Verlangen Bargeld (Zentralbankgeld) dafür auszuzahlen oder das Guthaben anderswohin zu überweisen. Giralgeld ist eine weitgehend ungedeckte Forderung, die wir an unsere Bank haben. In diesem Sinn ist Giralgeld ein Bargeldkredit, den die Kunden der Bank überlassen.

Das ist der entscheidende Unterschied.
.... Vollgeld ist tatsächlich vorhanden,
bestandsicher und befindet sich im BESITZ DER KUNDEN.

Im übrigen ist alles was den Finanzsektor etwas entmachtet begrüssenswert.


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Mark T. Wayne #1.5

Die Kryptowährungen haben den Vorteil, dass man bei diesen niemandem Vertrauen muss, weil niemand die Kontrolle hat, außer dem mathematischen Algorithmus.

Damit machen Kryptowährungen sowohl private Banken wie auch Zentralbanken überflüssig, weil man für Konten, Überweisungen und "Gelderstellung" diese nicht Mittelmänner, die oftmals ihre Macht mißbrauchen, nicht mehr braucht.

Leider muss man sich etwas ausführlicher informieren, um diese ganzen Zusammenhänge zu verstehen - und zwar sowohl über das derzeitige Währungssystem, wie auch über die Alternativen, die Kryptowährungen aufzeigen.


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Oakman #1.6

Die Kryptowährungen haben den Vorteil, dass man bei diesen niemandem Vertrauen muss, weil niemand die Kontrolle hat, außer dem mathematischen Algorithmus

Zu den ganz wenigen Dingen, die man in den Wirtschaftswissenschaften als "hinreichend empirisch belegt" ansehen kann, gehört die Erkenntnis, dass Deflation Gift ist - und alle mir bekannten Kryptokonzepte führen bei wachsender wirtschaftlicher Aktivität automatisch zu Deflation.


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Die Freiheit liebender #2.2

Da der Staat keinen freien Markt zulässt, kann der Markt nicht funktionieren und auch nicht für die Verwerfungen verantwortlich gemacht werden.


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Tordenskjold #2.3

Sind Sie es, Herr Lindner?


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stefan951 #2.5

Der freie Markt hat in der Pflege versagt.


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LouiDerLustigeLeguan #2.6

Kommt darauf an, welche Anforderungen man stellt.

1. Dass die Menschen eine bezahlbare, bestmögliche Pflege erhalten?
Ganz klar gescheitert.

2. Dass die Aktionäre reich werden?
Ganz klar erreicht.

Vielleicht sollten wir eher darüber diskutieren, was wir von einer Ökonomie und unserem Arbeitseinsatz erwarten.


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Selbstzensiert #6

In den 15 Jahren vor der Krise wuchs die Geldmenge M1 in Deutschland um 189%,
das nominale BIP (mit Verbraucherpreisinflation) um 51%,
das reale BIP (Inflation herausgerechnet) um 23%.
Von daher kann man sagen, nur rund 1/8 des Geldmengenzuwachses diente realer Wirtschaftsproduktivität und realen Einkommenszuwächsen.
Ein weiteres 1/8 ging in Verbraucherpreisinflation.
Wo blieben die restlichen 3/4?
Sie flossen in Finanzmarktanlagen, zu einem erheblichen Teil rein spekulativer Natur ('Globales Kasino') ohne zur Finanzierung des Wirtschaftsprodukts etwas beizutragen.

Man stelle sich vor die veruntreuten 75% des Kapitals würden den Bürgern gehören,
wie im Vollgeldsystem vorgesehen.

Der Selbstbedienungsladen der Finanzwirtschaft würde geschlossen.

...

https://www.vollgeld.de/was-ist-vollgeld/


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ThomasSchweden #6.5

Es gibt Schätzungen von 1 Billionen Euro Steuerausfälle EU weit über Schwarzgeld und offizielle Steuerverschiebungen durch Niedrigsteuerländer (Niederlande, Luxemburg etc.)
Sie sehen, Flüchtlingskosten, Griechenland, Ostförderung, EU Ausgleichstöpfe sind Wertethemen fürs Meinungsproletariat.
Dort draussen zirkulieren Billionen durch Steuerentzug und Spekulation, Banken. Reichtum auf Kosten der Allgemeinheit ermöglicht durch Politik.

Während die Krankenschwester vom scheinbar seriösen Finanzamt gegängelt wird im Namen einer Gemeinschaftssolidarität.


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heined #7

Die Diskussion über Vollgeld ist merkwürdig. Was die Initianten verlangen, dass nur die Nationalbanken Geld schöpfen können, ist doch total normal. Absurd ist, dass man dieses staatliche Privileg schleichend den Banken überlassen hat. Und weil die Finanzmärkte seit zehn Jahren völlig ausser Kontrolle geraten sind, mussten die Zentralbanken den Zinsmarkt ausser Kraft setzen, was nun tatsächlich ein Experiment mit offenem Ausgang ist.
Ein System bei dem die Zentralbank die Geldmenge steuert und sich Zinsen auf den Märkten bilden ist in jedem Fall stabiler und funktionaler. Vor allem würde es den aufgeblähten Finanzsektor wieder auf Normalmass reduzieren. Es kann ja wohl nicht so bleiben, dass der Finanzsektor 100 fach die Realwirtschaft übersteigt. Ohne Vollgeld bleibt nur noch die Finanztransaktionssteuer, um dagegen vorzugehen.


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artefaktum #9

>> Experten sehen die Idee kritisch. <<

Natürlich sehen die das so. Wer Banken und Spekulanten das Spielgeld wegnehmen will, muss mit heftigem Gegenwind rechnen. Hier wird eine Ideologie in Frage gestellt, die einigen wenigen sehr viel Geld bringt. Hinterher müssen noch einige für ihr Geld ehrlicher Arbeit nachgehen - das geht gar nicht.


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19koepi71 #10

Die Geldschöpfung, so wie sie aktuell praktiziert wird, ist eines der Grundübel unseres Finanzsystems.
Ich habe immer bewundert, wie aus den Nichts Kapital erschaffen werden kann, legal. Durch nichts gedeckt, einfach so.


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Feaharn #11

"Der Ökonom stellte auf dem Bargeldsymposium der Deutschen Bundesbank die Frage, ob Zentralbank und Staat dieses Vertrauen verdient hätten. "

Also sind wir schon so weit, dass wir lieber Investmentbanken vertrauen als dem Staat?


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AffredDNeumann #13

Die "Experten" sehen die Idee kritisch weil diese kein Interesse daran haben etwas am Status Quo zu ändern. Der Begriff "Vollgeld" ist selten dämlich wie irreführend. Auch der Initiator strebt den Volksentscheid aus Gründen an, welche deutlich machen, dass er das Problem das Banken per Knopfdruck Geld in die Welt bringen nicht verstanden hat. Man muss die Geschichte dahinter kennen, denn es war nicht immer so, dass man den Banken diese wahnwitzige Macht gegeben hat. Diese erhielten sie erst mit der Abkoppelung vom Goldstandart unter Nixon 1971. Seither geht die Schere zwischen der Menge des Geldes und dem tatsächlich erbrachten Wert an Waren und Dienstleistungen in immer rasanteren Tempo auseinander. Die Finanzkrise 2008 ist eine direkte Folge daraus. Alles was wir heute sehen, Staaten mit 200 Prozent Schuldenquote, Griechenland Rettung, die Zockereien an den Börsen, das massenhafte Aufkaufen der EZB von Staatsanleihen, die Finanzkrisen und noch viel mehr sind eine Folge aus der Entscheidung von 1971. In der Folge erhielten die Banken die Macht per Knopfdruck Geld aus dem Nichts entstehen zu lassen. Denn Mitnichten ist es so, dass der Eine sein Geld anlegt und das die Bank dem Anderen dieses Geld leiht. Ein Irrwitz. Deshalb ist das Ansinnen im Kern richtig den Banken diese Macht zu entziehen. Das Problem ist dabei, dass das wenig nutzt wenn die Zentralbank trotzdem weiter ungehindert Geld drucken kann.


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Flavoos #14

Vollgeld ist ein erster richtiger Schritt. Geldschöpfung aus dem Nichts in privater Hand ist eine Katastrophe, die sich überall verheerend auswirkt. Das Finanzsystem ist der Kern vieler probleme und gehört umgemodelt. Das Pseudoexperten, Banken und Turbokapitalismus davor warnen ist wenig überraschend.


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runner_64 #16

Das Durchschnittsvermögen je Bürger liegt in der Schweiz bei ca. 538.000 $, mit dem gegenwärtigen System wohlgemerkt, es ist das zweithöchste in der Welt. Warum man das für einen Versuch mit höchst ungewissem Ausgang aufs Spiel setzen soll, und ausgerechnet den Ideen eines Menschen folgen soll, der im Leben - zumindest wirtschaftlich - wenig bis nichts auf die Reihe bekommen hat, ist kaum ersichtlich. Da wäre selbst russisches Roulette dagegen risikoarm, man überlebt ja zu 83,4 %.


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tostello jaeger #16.1

Eine Frage dazu könnte lauten, wie die halbe Million durchnittsvermoegen verteilt ist. ...


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Aus: "Volles Vertrauen ins Vollgeld? Nun ja" Lars-Thorben Niggehoff (10. Juni 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/geldanlage/2018-06/schweiz-abstimmung-vollgeld-waehrung-banken/komplettansicht (https://www.zeit.de/wirtschaft/geldanlage/2018-06/schweiz-abstimmung-vollgeld-waehrung-banken/komplettansicht)

Title: Kapitalismus (...?)
Post by: Link on June 10, 2018, 09:44:11 PM
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[....] Die Schweizer haben einen radikalen Vorschlag für ein neues Geldsystem bei einer Volksabstimmung abgelehnt. Laut einer ersten Hochrechnung im Auftrag des Schweizer Fernsehens sprachen sich 74 Prozent gegen die sogenannte Vollgeld-Initiative aus. Der Vorschlag hätte die Kreditvergabe der Banken beschränkt und die Notenbank zur einzigen Quelle für neues Geld gemacht. Die Befürworter hatten sich von einem Wechsel ein sichereres Bankensystem versprochen, während die Gegner vor den unabsehbaren Folgen eines weltweit einzigartigen Experiments für den Finanzplatz und die Währung gewarnt hatten.

... Der Vorschlag der Regierung, Schweizer Casinos Onlinelizenzen auszustellen, über den ebenfalls abgestimmt wurde, wurde den Hochrechnungen zufolge mit 75 Prozent angenommen. Demnach soll ein größerer Anteil des Geldes, das Online verspielt wird, Schweizer Zwecken zugutekommen.

Mit dem Casino-Gesetz will die Regierung verhindern, dass Schweizer weiterhin viel Geld auf ausländischen Onlineportalen ohne Rückfluss in die Schweiz verzocken. Sie sollen ihr Geld nun auf Onlineportalen bestehender Schweizer Casinos einsetzen. Die müssen je nach Größe bis zu 80 Prozent ihrer Gewinne abgeben. Damit sollen soziale und humanitäre Projekte gefördert und die Rentenkasse aufgefüllt werden. Bislang verspielten Schweizer in ausländischen Onlinecasinos im Jahr 250 Millionen Franken (229 Millionen Euro), schätzt die Universität Bern.

Gegner der Casino-Vorlage kritisierten, dass nur Schweizer Casinos eine Lizenz bekommen. Internetseiten von ausländischen Anbietern etwa mit Sitz in Malta oder Gibraltar werden künftig gesperrt. Gegner des Vorschlags befürchten, dass solche Netzsperren ein erster Schritt zu staatlicher Internetzensur in anderen Bereichen sind.

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Aus: "Schweizer lehnen Vollgeld ab" (10. Juni 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-06/vollgeld-initiative-schweiz-abstimmung-nein-geldsystem (https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-06/vollgeld-initiative-schweiz-abstimmung-nein-geldsystem)
Title: Kapitalismus (...?)
Post by: Link on June 18, 2018, 07:11:53 PM

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[...] Die Europäische Union leidet stärker als alle anderen Weltregionen unter den Steuervermeidungsstrategien internationaler Konzerne. Das geht aus einer neuen Studie mehrerer international anerkannter Steuerforscher hervor. Demnach entgehen den EU-Staaten 20 Prozent ihrer möglichen Unternehmensteuereinnahmen, weil Konzerne wie Google, Apple oder Nike erhebliche Anteile ihrer Gewinne in Länder verlagern, die keine oder nur geringe Körperschaftsteuern erheben.

Die Europäische Union leidet stärker als alle anderen Weltregionen unter den Steuervermeidungsstrategien internationaler Konzerne. Das geht aus einer neuen Studie mehrerer international anerkannter Steuerforscher hervor. Demnach entgehen den EU-Staaten 20 Prozent ihrer möglichen Unternehmensteuereinnahmen, weil Konzerne wie Google, Apple oder Nike erhebliche Anteile ihrer Gewinne in Länder verlagern, die keine oder nur geringe Körperschaftsteuern erheben.

Normalerweise sei die Lohnsumme insgesamt rund dreimal höher als die Gewinne. In Luxemburg und Irland sei es umgekehrt: Gemeldete Gewinne seien etwa zweieinhalbmal so hoch wie die Lohnsumme. Für die Forscher ist das ein Hinweis, in welchem Maß Großkonzerne ihre Gewinne dorthin verschieben, ohne nennenswert in den Ländern aktiv zu sein.

Der Finanzwissenschaftler Johannes Becker (Universität Münster) hält die Methode zwar für innovativ, bezweifelt aber, dass die höheren Vorsteuergewinne in Ländern wie Luxemburg allein auf Steuervermeidung zurückzuführen sind. „Es ist auch möglich, dass Unternehmen dort Bereiche ansiedeln, in denen weniger Personal benötigt wird, aber hohe Gewinne erwirtschaftet werden“, sagte er.

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Am 30.08.2016 bezifferte die ZEIT das Offshorevermögen von Apple auf 207 Mrd. USD

    Klaus N. Wege (Wege), 13.06.2018 - 16:01

Hintergrund: 70% der Direktinvestitionen in Irland stammen von US-Unternehmen wie Pfizer, Microsoft oder Apple. Irlands Lockanreiz besteht darin, Gewinne von realen Konzern- und Leistungsorten wegzuverlagern: Hin zu Steueroasen wie den Caymans (Facebook) oder den Bermudas (Google).
Irland dient dabei als Zwischenlager für Gewinne, deren direkte Verlagerung regulatorisch unterbunden ist. Die Konstruktion wurde als "Double Irish" bekannt. Fährt das Geld weitere Umwege über die Niederlande, spricht man von einem "Dutch Sandwich". Der jährliche Fiskal-Schaden übersteigt 60 Mrd USD. Das Modell ist so legal, wie es eine gekaufte Gesetzgebung nur sein kann.
Irlands Praktiken lösten einen Ansiedlungsboom samt Immobienblase aus. Diese detonierte in den Bilanzen der Banken dort. Seither wird in Irland mit einem 85-Mrd.-Eurorettungspaket ein parasitärer Gewinnverschiebungsbahnhof gestützt.
Aktuell ermöglicht die Trump-Administration den Akteuren, ihre Beute steuerschonend in die USA zu verlagern.


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"Gewinne verschieben" hört sich so an, als ob der Pförtner

    Juncker Guido (JunckerG), 13.06.2018 - 13:19

Montags mit einer Million in bar nach Luxemburg fährt.
Sind das nicht idR legaleTransaktionen im Rahmen des bestehenden Steuerrechts?


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Liest sich so, als könnte man nichts dagegen tun?!

    Christian Wrobel (luke123), 13.06.2018 - 12:03

Aber so ist es natürlich nicht! Selbstverständlich könnte man Gewinnverlagerungen steuerrechtlich einen Riegel vorschieben. Es gibt sogar entsprechende Vorschläge dafür. Man müsste es als Regierung nur wollen?! Nur, alle Bundesregierungen der letzten Zeit und deren verantwortlichen Bundesfinanzminister wollten nicht! Und DAS ist das Problem!


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Statt Kriminelle dazu anzustiften in der Schweiz Daten aus Bankcomputern abzuziehen,

    Rüdiger Silberer (RuedigerSilberer),13.06.2018 - 11:00

sollten sich die Finanzminister endlich einmal dieses Problems annehmen. Aber das wird ähnlich lasch und schlafmützig gehandhabt wie die Cum-Ex-Betrügereien bei den deutsche Finanzbeamte jahrelang zugesehen und ausgezahlt haben. Wenn ein normaler deutscher Steuerzahler etwas im Verzug ist, dann läuft das Finanzamt mit seinen Beamten zur Hochform auf. Aber hier kann man locker auf zig Milliarden verzichten.


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Lösungsvorschläge für die Marxisten hier:

    Max Schmid (CH-Gast), 13.06.2018 - 10:25

1. Steuern senken, dann kommen die "Konzerne" nach Deutschland und /oder
2. Selber Google/Apple ... erfinden


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Es ist kein Zufall

    Bernhard Kopp von Brackel (BKBrackel), 13.06.2018 - 08:58

Auch wenn Lobbyisten an vielen Stellen mitgewirkt haben, die Gesetze, die Gesetzeslücken, die Gestaltungsmöglichkeiten, wurden von unseren Europa- und Steuerpolitikern seit Jahrzehnten so gemacht. Als die Iren, in den 1980ern, die 12.5% Körperschaftssteuer eingeführt haben um Industrieansiedlung, lokale Wertschöpfung und Arbeitsplätze zu fördern, was auch gut gelungen ist, war aber sehr schnell auch klar, dass die Steuer auch für nach Irland manipulierte/verschobene Finanzgewinne gilt, weil sie eben für eine irische Firma gilt. Schon damals, in sehr wenigen Jahren, sind gigantische Milliardenbeträge über solche Finanzgesellschaften geflossen. Ausser ein paar Buchhalter, Steuerberater und Anwälte, wurden, im Verhältnis zu den bewegten Kapitalien, und den erzielten Steuervergünstigungen, keine lokalen Wertschöpfungen erzielt. Heute, 30 Jahre später, ist alles immer noch so. So bin ich EU-Skeptiker geworden. Freude schöner Götterfunken.


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Totalservice auf Malta: Von Patent-Boxen bis zur Ermordung lästiger Journalisten

    Klaus N. Wege (Wege), 13.06.2018 - 08:15

Zur Erinnerung:
Die dubiose Methode, Gewinne formal in die Karibik umzuleiten, ist zunehmend in Verruf geraten ... Prompt entwirft die Lobbypolitik neue Ausweichwege ( ganz ohne verräterisch-exotische Briefkastenadressen) Dabei sichern sogenannte "Patent-Boxen" den begünstigten Unternehmen steuerliche Unberührbarkeit schon in Europa:
In Belgien sind bei dieser Konstruktion nur noch 6,8% fällig (regulär sind es 34%), in den Niederlanden beträgt der reduzierte Satz 5% (statt 25%). Das mafiöse Malta lockt mit völliger Abgabenfreiheit.
Wenn die öffentlichen Kassen solcher Steuerdumper kollabieren, wissen Sie ja, wer das Rettungsfüllhorn bereitstellt (wie sogar beim Betrugsdrehkreuz Zypern).


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Luxemburg: Wettbewerbsverzerrende Steuerschiebung am Beispiel von Amazon UK

    Klaus N. Wege (Wege), 13.06.2018 - 07:52

Amazon UK ist auf dem britischen Büchermarkt ein einzelhandelsverdrängender Player.
In das Visier der Aufsicht geriet das Unternehmen angesichts einer fragwürdigen Rollenzuweisung seiner Konzerntöchter (die maßgeblich für Besteuerungsfragen ist).
So wurden an der Verrechnung einer Bestellung gleich drei Unternehmensteile beteiligt: Amazon Schweiz, Amazon SARL in Luxemburg und Amazon UK.
Amazon gestaltete die Abrechnung nun so, dass auf dem Papier die wenigen luxemburger Mitarbeiter (145) einen Umsatzanteil von 7,5 Mrd. erwirtschafteten.
Dagegen wurde den 2265 Mitarbeitern der Amazon UK nur ein Umsatzbruchteil von 0,147 Mrd. GBP zugeordnet. Auf jeden luxemburger Mitarbeiter türmte Amazon damit formal das 797-Fache dessen, was sein britischer Kollege an Umsatz stemmt.
Die Wirkung einer solchen Verschleierung des realen Leistungsortes ist ein wettbewerbsverzerrender Steuervorteil gegenüber dem lokalen Wettbewerb.


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Aus: "EU ist größter Verlierer : Das Milliardengeschäft mit den Steueroasen" Johannes Pennekamp (13.06.2018)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/das-milliardengeschaeft-mit-den-steueroasen-15636607.html (http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/das-milliardengeschaeft-mit-den-steueroasen-15636607.html)
Title: Kapitalismus (...?)
Post by: Link on August 06, 2018, 10:19:56 AM
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... Schulmeister entwickelte ein Modell langer politökonomischer Entwicklungszyklen moderner kapitalistischer Marktwirtschaften, in denen sich zwei gesellschaftliche Machtkonstellationen und darauf basierende Spielanordnungen ablösen: Realkapitalismus und Finanzkapitalismus. Der lange Aufschwung wird durch ein Interessenbündnis zwischen Realkapital und Arbeit gegen das Finanzkapital und ein darauf basierende „realkapitalistische“ Spielanordnung, der lange Abschwung durch ein Bündnis zwischen Real- und Finanzkapital gegen die Arbeit und eine darauf basierende „finanzkapitalistische“ Spielanordnung bestimmt. ...

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Stephan_Schulmeister (https://de.wikipedia.org/wiki/Stephan_Schulmeister) (14. Juni 2018)

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[...] Im deutschen Fernsehen wird jeden Abend das Publikum damit vertraut gemacht, was am Tage die Märkte so bewegt hat. Ist das sinnvoll?

Ökonom Stephan Schulmeister: Es ist ein Akt der Gegenaufklärung, der Entmündigung. Der Markt oder die Märkte werden zu einem Subjekt, das handelt, das etwas erwartet oder fürchtet. Vor 40 Jahren, als ich studiert habe, gab es eine solche Sprache nicht. Damals war der Mensch das Subjekt und der Markt sein Instrument, etwas zu erreichen. Heute gilt eher der Satz des Ökonomen Hayek: Die Menschen müssen sich den anonymen Kräften des Marktes unterwerfen.

Hayek argumentierte als Liberaler stets für die Freiheit der Menschen. Wie passt dazu die Aufforderung der Unterwerfung?

Das ist die Paradoxie des Neoliberalismus: Er predigt Freiheit durch Unterwerfung. Die Börsenberichte sind nur ein Teil dieses Systems – ein Teil einer Weltanschauung, in der der Einzelne den Kräften der Märkte ausgeliefert ist und er daher vor der „Tagesschau“ informiert wird, was diese anonymen Mächte heute so getrieben haben und was sie von uns erwarten.

Diese Erwartungen werden in Aktienindexpunkten formuliert und sind daher nicht besonders eindeutig.

Daher werden die Deuter dieser rätselhaften Mächte wichtiger – wie früher die Schamanen. Erster Schritt: Die Märkte werden zu einem höheren Wesen. Zweiter Schritt: Die Sprache der Märkte ist deutungsbedürftig. Was sagen sie uns? Dritter Schritt: Auftritt der Priester, die den Marktbewegungen einen Sinn ablauschen. Das hat man in der Euro-Krise gut sehen können: Den Märkten wurde eine Art Richterfunktion über Staaten wie Griechenland oder Irland zugewiesen – das waren allerdings die gleichen Märkte, die in den Jahren zuvor Südeuropa bedenkenlos Kredit zu geringen Zinsen gegeben haben. Noch heute werden die Zinsbewegungen an den Börsen gedeutet als das unbestechliche Urteil der Märkte über die Solidität von Regierungen.

Was sie aber nicht sind?

Nein. Es lässt sich zeigen, dass Aktienkurse, Wechselkurse, Rohstoffpreise und zum Teil auch Zinssätze dem Muster von Bullen- und Bärenmärkten folgen. Diesen von den Märkten selbst produzierten Trends rennen Anleger hinterher, wodurch diese Trends wiederum verstärkt werden. Es sind von der realen Ökonomie losgelöste Bewegungen. Da sie gefährlich sind, hat man dem Finanzsektor früher Beruhigungspillen in Form von strenger Regulation verabreicht, so wie einem psychisch Kranken. Schon der Ökonom und Finanzanleger John Maynard Keynes hat gesagt: Die Liebe zum Geld ist eine Krankheit.

Sie kritisieren nicht nur die Macht des Finanzsektors. Sie sprechen von einer ganzen „Spielanordnung Finanzkapitalismus“. Was meinen Sie damit?

Es ist ein System mit eigenen Regeln. Man muss sich klar machen: Es gibt drei Arten der Beteiligung am erwirtschafteten Ertrag: Für unternehmerisches Handeln gibt es Profit, für Arbeit den Lohn. Die dritte Kategorie sind Finanzanleger, aber auch Immobilienbesitzer. Quelle ihres Einkommens ist keine Leistung, sondern allein der Besitz. Diese Quelle des Einkommens gewinnt im Finanzkapitalismus an Bedeutung.

Was ist daran schlecht?

... Wenn Besitz, wie zum Beispiel Aktien, höhere Erträge abwirft als unternehmerisches Handeln, dann wird die Anreizstruktur verzerrt: Finanzspekulation lohnt sich mehr als das Schaffen echter Werte. Finanzkapitalismus heißt, dass das Gewinnstreben sich verschiebt von der Herstellung von Gütern zur Spekulation auf Bewertungsveränderungen. ... Normalerweise zerstört sich der Finanzkapitalismus selbst, da gibt es einige Beispiele in der Geschichte. Zum Beispiel nach den Hochkonjunkturen 1865 bis 1873 oder 1925 bis 1929. Stets folgte eine Depression. Denn eine finanzkapitalistische Spielanordnung produziert permanent riesige Finanzvermögen, die keine realwirtschaftliche Deckung haben. Das geschieht seit den siebziger Jahren wieder.

Von einer großen Depression ist allerdings bislang nichts zu sehen.

Die früheren großen Kapitalismuskrisen waren Keulenschläge. Derzeit erleben wir eher eine Strangulation – die Krise streckt sich über inzwischen 40 Jahre. Sie ist mittlerweile so eine Art Normalzustand und wirkt dadurch wie ein Sachzwang. Dadurch haben es die jungen Leute heutzutage gar nicht so leicht aufzubegehren. Sie haben gar keine Vorstellung mehr davon, dass es eine Welt geben kann, in der es zum Beispiel Vollbeschäftigung und sichere Jobs gibt – Dinge, die früher mal normal waren.

...

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Ontologix Pontifex minimus

... Ich hatte mir schon oft die Old Economy zurückgewünscht, in der es das Ziel eines Unternehmers war, gute Produkte herzustellen. Die New Economy der Wall Street predigt das Geldmachen, egal wie. Und die Politiker Thatcher, Reagan, Pinochet, Blair, Clinton und Bush schufen die politischen Rahmenbedingungen für diese Ausbeutung. [ROT/GRÜN (also Schröder/Fischer) nicht [zu] vergessen!] Traurige Zeiten.


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  rita momo

Schröder/Fischer sind doch nur in einem vorhandenen Strom mitgeschwommen. "Sie [die Krise] ist mittlerweile so eine Art Normalzustand und wirkt dadurch wie ein Sachzwang." Leider hatte damals kaum jemand den Weitblick, das zu erkennen, vor allem die Wähler nicht.


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kastner63

... Obendrein kann sich der Normalbürger dem gar nicht unterwerfen, sondern er wird mitgeschleift, denn der Normalbürger, der Bürger ohne Anlagen usw., ist kein Akteur der Märkte.



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MalteSehr

Gute Analyse, die zu denken gibt, sofern man nicht schon selbst darauf gekommen ist:

* In den Finanzmärkten wird das Geld durch Spekulation "verdient". Reale Werte stehen kaum dahinter, ebenso wenig wie z.B. bei der Blauen Mauritius, mit der man noch nicht einmal einen Brief versenden könnte. Daher sind diese Märkte so fragil wie Seifenblasen. ("Normalerweise zerstört sich der Finanzkapitalismus selbst.")

* Das Geld, was Finanzjongleure einkassieren, haben andere durch harte Arbeit in der Realwirtschaft verdient. Die Gewinne (wie auch die Tatsache, dass die deutsche Wirtschaft einen hohen Exportüberschuss aufweist) beruhen auf dem zu niedrigen Lohnniveau, um nicht zu sagen auf Dumping-Löhnen. Die Schere zwischen arm und reich geht immer weiter auseinander, die Politik wirkt dem nicht entgegen. Einer, aber ein wichtiger Grund, warum immer mehr alternativ gewählt wird.

* Ursache für die heutige Situation ist die Liberalierung in den 1970er Jahren. ("Um die Vermehrung dieser Vermögen zu erleichtern, wurde der Finanzsektor liberalisiert.")


...


Aus: "Finanzsystem „Wir erleben derzeit eine Strangulation“" (04.08.2018)
Quelle: http://www.fr.de/wirtschaft/finanzsystem-wir-erleben-derzeit-eine-strangulation-a-1556577,0#artpager-1556577-1 (http://www.fr.de/wirtschaft/finanzsystem-wir-erleben-derzeit-eine-strangulation-a-1556577,0#artpager-1556577-1)
Title: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
Post by: Link on August 27, 2018, 12:19:14 PM
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[...] Während ich vor Ihnen auf der Bühne stehe, brennt mein Wald nieder. Also entschuldigen Sie bitte, wenn ich emotionaler als sonst bin, und vielleicht nicht ganz so konzentriert.“ So leitet der Wirtschaftsanthropologe Alf Hornborg in einem Malmöer Theater seinen Vortrag zum Zusammenhang zwischen Geldsystem und Nachhaltigkeit ein. „Ohne die Trockenheit und die Blitzeinschläge diesen Sommer wäre das nicht passiert. Das Klimadesaster ist schon angekommen.“

Die Männer und Frauen, zu denen er an diesem Abend sprechen wird, haben diese Einleitung eigentlich nicht nötig. Denn die Überzeugung, dass das menschliche Leben auf der Erde bedroht ist, wenn die Menschheit so weitermacht, hat sie alle nach Malmö geführt. Von 21. bis 25. August diskutierten sie auf der 6. Internationalen Degrowth-Konferenz darüber, wie ein Wirtschaftssystem ohne Wachstumszwang aussehen könnte. Zu Ende ging die Konferenz am Samstag mit einer Demonstration für Klimagerechtigkeit im Malmöer Stadtzentrum.

Es sind einige hundert Wissenschaftler, Studierende und Aktivisten, vor allem aus Europa, manche auch aus Ländern des globalen Südens, die sich alle zwei Jahre auf einer großen Konferenz auf Podien, in Workshops und Kaffeepausen über ihre Forschungsarbeiten austauschen, aber auch über zivilgesellschaftliche Projekte wie innovative Währungen, wachstumsunabhängige Unternehmen oder neue Formen der politischen Partizipation.
Sie fragen sich, wie eine Welt aussehen könnte, in der Unternehmen weniger Macht haben, die Demokratie dafür größere Spielräume. Sie überlegen sich, wie das Konsumniveau in westlichen Ländern auf ein Maß geschrumpft werden kann, das im Einklang mit den verfügbaren Ressourcen steht. Diese Ansätze sind radikal – sie stellen den Kapitalismus infrage.
Wer solche Ansätze vertritt, ist es gewohnt, damit allein zu sein. Diesmal aber sind die Idealisten unter sich: Per Email wurden die Teilnehmenden gebeten, vorab anzugeben, ob sie selbst eine Kaffeetasse mitbringen, um Müll zu vermeiden. Neben Kuhmilch gibt es am Buffet auch Ersatz aus Hafer. Die meisten hier sind ohne Flugzeug angereist, könnten von langen Fahrten mit Bus, Zug und Fähre erzählen. Aber obwohl möglichst umweltfreundlicher Konsum für die Konferenzteilnehmerinnen eine Selbstverständlichkeit ist, sind sie überzeugt, dass das nicht ausreicht.

„Die Strukturen müssen sich ändern, damit die Menschen echte Alternativen haben. Das Auto muss durch gute öffentliche Verkehrsmittel leicht ersetzbar werden, auf Flüge und SUVs braucht es höhere Steuern.“, sagt Politikwissenschaftler Ulrich Brand. Alternativen brauche auch der globale Süden. „Die Menschen sollen selbst entscheiden, wie sie leben wollen. Im Moment zählen nur Wirtschaftsinteressen, und unter dem Vorwand der Entwicklung werden Mensch und Natur ungebremst ausgebeutet.“

Wie aber kann ein solch tiefgreifender Wandel erreicht werden? Um Menschen zu erreichen, braucht es praktische Ansätze, ist Alf Hornborg überzeugt. „Erst in dem Moment, wo eine Lösung im Raum steht, ist es möglich, das Problem zu akzeptieren,“ sagt er. Seiner Meinung nach ist vor allem unser Geldsystem, durch das jede Form von Ware und Dienstleistung mit jeder anderen direkt vergleich- und tauschbar gemacht wird, ein Problem.

Er plädiert in seinem Vortrag dafür, mehrere parallele Geldsysteme einzuführen, um Wirtschaftskreisläufe zu trennen: Geld für Produkte aus der Region, Geld für Dinge aus dem Umkreis von ein paar tausend Kilometern Entfernung, und globales Geld beispielsweise. Damit alternative Währungen wirklich relevant werden, helfe es, wenn man zum Beispiel seine Steuern damit zahlen kann, erklärt Hornborg. Eine andere Idee ist, ein Basiseinkommen an alle Bürger in dieser Währung auszuzahlen – als Gegenleistung für einige Wochenstunden gemeinnützige Arbeit. Ein solches System wird gerade in Barcelona ausgearbeitet. Welche Arbeiten das sein sollen, werden die Bewohner für ihre Nachbarschaft jeweils selbst entscheiden.

In einer Wirtschaft ohne Wachstum gäbe es auch weniger Steuergeld für Sozialpolitik. Deshalb machen sich Degrowth-Ökonominnen dazu Gedanken, wie Gesundheitssystem, Erziehung, Altenpflege und Infrastrukturen in einer solchen Gesellschaft organisiert werden könnten. Immer wieder fällt der Begriff „commoning“. Die Idee: Privateigentum wird durch gemeinschaftlichen Besitz ersetzt, und Bürger werden in die Verwaltung und Bereitstellung von Diensten eingebunden, immer so lokal wie möglich. Das könnte Gärtnern sein, auf Kinder aufpassen, Dinge reparieren. Die nötige Zeit hätten die Menschen zum Beispiel durch eine Verkürzung der Arbeitszeit, stellt man sich in Malmö vor.

Den Teilnehmern der Konferenz ist bewusst, dass es noch lange keine Mehrheiten für solche Konzepte gibt. Doch die Überzeugung, dass sie im Recht sind und die Zeit reif ist für einen Systemwandel hin zu einer ökologischeren und solidarischeren Welt, gibt ihnen die Energie, trotz oft recht frustrierender Erfahrungen weiterzumachen.
Eine junge Aktivistin aus Schottland erzählt, wie sie sich bei den Gewerkschaften für Umweltpolitik einsetzen wollte und keiner sie ernst nahm. Umweltschutz, das sei etwas für grüne Bildungsbürger, nicht für Arbeiter. Und wenn durch Erdgas-Fracking sichere Jobs für ihre Kinder entstehen würden, dann wären diese Funktionäre dafür, auch wenn ihnen die verheerenden Auswirkungen auf die Umwelt bewusst seien.

Das Problem, so der Tenor dieser Konferenz, sei vor allem der Neoliberalismus, der den Menschen die Sicherheit genommen und sie zu Einzelkämpfern in einer immer schwierigeren Welt gemacht habe, wo sie sich doch solidarisieren müssten, um sich gegen den Widerstand der Reichen und Mächtigen eine bessere Welt zu erkämpfen. Zum Nachdenken und Träumen käme man in diesem System kaum mehr.

„Die globale Ökonomie ist nichts anderes als ein Brettspiel“, sagt Hornborg. „Wenn die Bösen gewinnen, dann nicht, weil sie besser spielen als die anderen, sondern weil die Regeln so sind, wie sie sind. Aber die Spielregeln sind keine Naturgesetze. Menschen haben sie gemacht und Menschen können sie ändern.“


Aus: "Degrowth-Konferenz: Neue Spielregeln in der Wirtschaft" Ruth Fulterer (27.08.2018)
Quelle: http://www.fr.de/wirtschaft/degrowth-konferenz-neue-spielregeln-in-der-wirtschaft-a-1570671,0#artpager-1570671-1 (http://www.fr.de/wirtschaft/degrowth-konferenz-neue-spielregeln-in-der-wirtschaft-a-1570671,0#artpager-1570671-1)
Title: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
Post by: Link on September 02, 2018, 03:38:58 PM
Quote
[...] Die Reichen werden in Deutschland immer reicher. Die Zahl der Millionäre hat in den letzten 15 Jahren um 85.000 zugenommen und liegt jetzt bei 1,4 Millionen, berichtet der Business Insider. Die Zahl der Millionäre steigt also, während die Reallöhne im Durchschnitt eher stagnieren und das Segment der Niedriglöhner wächst und wächst.

Am besten lebt es sich derweil an der Spitze bei den 1000 Reichsten, von denen knapp ein Viertel Milliardäre sind. Deren Vermögen nahm allein im vergangenen Jahr um 13 Prozent zu. 13 Prozent! Wie hoch war noch mal gleich ihre letzte Lohnerhöhung, verehrte Leserin, verehrter Leser?

Die deutsche Wirtschaftsleistung, das Bruttoinlandsprodukt, ist in dieser Zeit jedenfalls nur um 2,2 Prozent gestiegen, das heißt, die oberen 1000 haben nicht nur ihre Position gehalten, sondern ihr Stück vom Kuchen weiter vergrößert.

Dabei ist es nicht so, dass der Haufen, auf den der Teufel da mal wieder sein Geschäft gemacht hat, vorher klein gewesen wäre: Laut Focus wird das Vermögen der 1000 reichsten Deutschen auf 1,177 Billionen Euro geschätzt.

Um das mal ins Verhältnis zu setzen: Der Bund gibt in diesem Jahr rund 335 Milliarden Euro für all seine Aufgaben aus. Das heißt, vom Vermögen der 1000 Reichsten könnte das Land in gewisser Weise drei oder, wenn wir alle öffentlichen Haushalte zusammen nehmen, immer noch knapp zwei Jahre leben.

Nun kann man, wie es das Magazin macht, einfach alle jene, die sich an diesem obszönen Reichtum stoßen, als Neider abstempeln. Man kann auch nach Sündenböcken suchen, damit nicht allzu laut über das Naheliegende nachgedacht wird.

Letzteres wird ja von gewalttätigen Fußtruppen in Chemnitz derzeit eifrig getan und ein bestens situierter ehemaliger Berliner Finanzsenator und Bundesbanker, langjähriger Profiteur und Mitorganisator der Umverteilung von unten nach oben, liefert ihnen und ihren biederen Sympatisanten gerade jede Menge neue Argumentationshilfen.

    Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.
    Art. 14 (2) GG

Man kann aber auch doch noch einmal über das Naheliegende nachdenken, sich an die vom Grundgesetz geforderte soziale Verantwortung des Eigentums erinnern und überlegen, was mit dem Geld alles Schönes angestellt werden könnte, wie mit ihm die schwer gebeutelten Beschäftigten in der Pflege besser entlohnt und dort mehr Arbeitsplätze geschaffen werden könnten.

Man könnte darüber nachdenken, wie die Grundschullehrer besser entlohnt und die Klassen verkleinert werden könnten, wie die Versorgung mit Ärzten wieder auf das Niveau der 1980er Jahre zu bringen wäre, wie in den Kommunen mehr Personal von der Kita über die Straßenreinigung bis in die Bauverwaltungen eingestellt werden könnte usw. usf.

Utopisch? Vielleicht müsste man ja einfach nur aufhören, Rattenfängern hinterher zu laufen, beginnen die richtigen Fragen zu stellen und sich umschauen, wie in der Vergangenheit und in anderen Ländern die kleinen Leute ihre Interessen durchgesetzt haben?


Aus: "Obszöner Reichtum: Die oberen 1000 haben jetzt über eine Billion Euro" Wolfgang Pomrehn (02. September 2018)
Quelle: https://www.heise.de/tp/news/Obszoener-Reichtum-Die-oberen-1000-haben-jetzt-ueber-eine-Billion-Euro-4152916.html (https://www.heise.de/tp/news/Obszoener-Reichtum-Die-oberen-1000-haben-jetzt-ueber-eine-Billion-Euro-4152916.html)

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     schlägerpolizist, 02.09.2018 12:53

Aber, aber … der Trickle-down-Effekt!

Ja, aber was ist denn mit dem Trickle-down-Effekt, hä? Der besagt doch – und das wird uns doch immerzu in die Ohren getrötet – dass der Reichtum der oberen Zehntausend allmählich nach unten in die niedrigeren Schichten tropft und uns alle glücklich und reich und wohlhabend macht!!!einself111

Wie kann es denn da sein, dass die Vermögen der unteren Schichten – der Arbeiter, Angestellten und Kleinselbstständigen immer weniger werden, während das Vermögen der Reichen immer größer wird?

Kann es etwa sein, dass es genau umgekehrt ist? Kann es sein, dass in Wahrheit eine Umverteilung stets von unten nach oben stattfindet?
NEIN, NEIN, das kann doch gar nicht sein! Dann wären wir ja Jahrzehnte lang belogen worden und das würde doch niemand tun...


Quote
     BGMD, 02.09.2018 10:23

13% vs. 2%

Die Zahlen im Artikel sollten auch dem letzten einleuchten lassen, dass extremer Reichtum immer auf Kosten anderer angehäuft wird.


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Title: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
Post by: Link on September 17, 2018, 05:31:10 PM
"Im Reich der Gier" Yanis Varoufakis | Ausgabe 35/2018
Mythos - Der Kapitalismus ist entzaubert und bringt uns das größte Faschismusproblem seit den Dreißigern. ... Die meisten meiner deutschen Freunde können es bis heute nicht verstehen: Wie konnte es passieren, dass die Deutsche Bank und der Rest der deutschen Banken 2008 praktisch pleitegingen? Wie kann eine Branche innerhalb von 24 Stunden vom Jonglieren mit Milliarden in die Insolvenz abstürzen, sodass die Steuerzahler sie retten müssen? Die Antwort ist so einfach wie niederschmetternd.
Nehmen wir die deutschen Banken und Exporteure im Sommer 2007: Deutschlands volkswirtschaftliche Gesamtrechnung weist einen großen Überschuss im Handel mit den USA aus. Genauer gesagt, liegt Deutschlands Export-Einkommen durch den Verkauf von Mercedes-Benz-Autos und ähnlichen Waren an amerikanische Verbraucher im August 2007 bei entspannten fünf Milliarden Dollar. Was die deutsche volkswirtschaftliche Gesamtrechnung aber nicht zeigt, ist das wahre Drama hinter den Kulissen: das, was wirklich vor sich ging.
Zwischen Anfang der 1990er und 2007 hatten Wall-Street-Banker Unmengen toxischer Quasi-Geld-Derivate zusammengeschustert und es geschafft, dass deren Marktpreise stark anstiegen. Die Banker in Frankfurt am Main wiederum waren scharf darauf, diese lukrativen Derivate zu kaufen. Sie taten das mit Dollars, die sie sich dafür ausliehen, und zwar von – der Wall Street.
Im August 2007 dann begann das Horrorjahr der Wall Street, das im September 2008 mit der Lehman-Pleite seinen Höhepunkt erreichte. Wie es unvermeidlich gewesen war, begann der Preis der Derivate zu fallen. Die deutschen Banker traf der Schlag, als ihre in Panik verfallenen New Yorker Kollegen ihre Dollarschulden einzutreiben begannen. Die deutschen Banker brauchten sehr schnell Dollars, aber niemand wollte den Berg an toxischen US-Derivaten, den sie gekauft hatten, haben.
Das ist der Grund dafür, dass die deutschen Banken, die auf dem Papier über Gewinne im Überfluss verfügten, von einem Augenblick zum anderen dringend Geld in einer Währung benötigten, die sie nicht besaßen. Hätten sie nicht US-Dollars von Deutschlands Exporteuren leihen können, um ihre Dollar-Obligationen zu erfüllen?
Sicher, nur reichte das bei Weitem nicht aus: Was konnten die fünf Milliarden US-Dollar aus Exporten im August helfen, wo die Außenstände der deutschen Banker bei der Wall Street doch mehr als 1.000 Milliarden US-Dollar betrugen?
Man könnte das, was hier im globalen Maßstab vor sich ging, so zusammenfassen: Einseitigen, in US-Dollar denominierten Finanzströmen, die ursprünglich aufgrund des US-Handelsdefizits gewachsen waren, „gelang“ es, sich von den sie ermöglichenden wirtschaftlichen Werten und Handelsvolumen zu lösen. Die Banker hatten toxische, in US-Dollar notierte Papiere erfunden und diese dann in ihre eigenen Bilanzen geschrieben. Dieses Vorgehen beschleunigten sie derart, dass sie die Schwerkraft fast schon überwunden hatten und ins All hochgeschossen waren – nur um 2008 dann dramatisch abzustürzen.
Von diesem Augenblick an setzten die Politiker alles daran, die Verluste von den Verursachern, den Bankern, auf unschuldige Dritte abzuwälzen: Mittelschicht-Schuldner, lohnabhängige Arbeiter und Angestellte, Erwerbslose, Menschen mit Behinderung und Steuerzahler, die es sich nicht leisten konnten, Depots in Steueroasen zu unterhalten. Vor allem in Europa wurde ein Land gegen das andere aufgehetzt – und zwar von politischen Eliten, die entschlossen waren, die Wahrheit auf den Kopf zu stellen. Aus einer von Bankern in Nord und Süd verursachten Krise machten sie einen Konflikt zwischen arbeitsscheuen Südländern und hart arbeitenden Nordeuropäern, oder eine Krise von angeblich allzu großzügigen Wohlfahrtssystemen in Deutschland, Italien oder Griechenland. Man muss kein Genie sein, um die Puzzleteile zusammenzusetzen und zu verstehen, warum – angesichts des Fehlens einer ernsthaften, wirkungsvollen, mit einer Stimme sprechenden Linken – in den USA und vor allem in Europa Nationalismus, Rassismus und eine allgemeine Menschenfeindlichkeit triumphieren.
... Wir sind an einem Punkt angelangt, der für unsere Generation den 1930er Jahren entspricht – kurz nach dem Crash, im Angesicht eines faschistischen Momentums. Die für diese Generation drängende Frage ist hart. Aber auch wenn kein junger Mensch es verdient hat, mit solch einer harten Frage konfrontiert zu werden, so haben wir alle doch kein Recht, uns ihrer Beantwortung zu entziehen: Wann und wie werden wir gegen die nationalistische Internationale aufstehen, die im gesamten Westen durch den hirnverbrannten Umgang der Technostruktur mit ihrer unvermeidlichen Krise entstanden ist?
https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/im-reich-der-gier

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Querlenker | Community

... Jedoch, was hat das alles ursächlich mit dem Lehmann Crash von 2008 zu tun?



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Sägerei | Community

@ Querlenker

Geschichtsschreibung, Schuldzuweisung, Erklärungen, die nicht an den Herrschaftsstrukturen kratzen. Keine Zinsen mehr zu bekommen ist für die deutsche Mittelschicht die schmerzhafteste Folge von 2018, wie Mr. Varufakis ausführte. Das bleibt so bis zur nächsten Nachkriegszeit. Kapital ist jetzt wieder etwas für professionelle Kapitalisten. Für Kleinbürger auf der Suche nach dem finanziellen Perpetuum Mobile ist das Thema verbrannt. Wir sollen gefälligst arbeiten, unsere privaten Versicherungspolicen und Konsumentenkredite bezahlen. Mit dem erwirtschafteten Mehrwert sollen wir die Realwirtschaft am Laufen halten, uns aber aus dem Kapitalmarkt weitgehend heraushalten. Selbstständig machen? Nur wenn Du über Sicherheiten verfügst, die Deinen Investitionskredit doppelt und dreifach absichern. Komm, geh arbeiten und überlass die Investitionslenkung anderen.

Zu der Regulierungskrise, die Mr. Varufakis beschreibt kommt ja noch die ökologische Krise und die massive Überbevölkerung (jedenfals gemessen an unserem Lebenswandel). Auch hier punkten die Faschisten. Einerseits leugnen sie das alles aus machtstrategischen Gründen komplett, andrerseits bereiten sich die radikalsten unter ihnen auf den Tag vor, an dem die Supermärkte nicht mehr beliefert werden (sog. Prepper). Seit 40 Jahren raunt die urgrüne Weissagung der Hopi in unseren Schädeln ("wenn der letzte Fisch gefangen..."), und es spricht wirklich sehr viel dafür, dass wir mit China und Indien im selben Boot einen Punkt ohne Widerkehr überschritten haben. Für diejenigen, die individuell überleben wollen ist das Preppen ein sinnvolles Hobby. Für diejenigen, die kollektiv überleben wollen ist die Aufrechterhaltung von Ordnung das entscheidende Argument pro Faschismus. Ich glaube, dass Geheimdienste ganz ähnliche Perspektiven aus ihren Erkenntnissen ableiten. Anarchie unter Millionen von lebensuntüchtigen Wohlstandszombies (mich eingeschlossen) mag ich mir auch nicht ausmalen.

Die liberale Fraktion scheint das Thema ebenfalls aus machtstrategischen Gründen auszublenden. Bei deren federführenden Vertretern habe ich den Eindruck, dass sie komplett der US-Ostküstenelite folgen, einerseits wegen des unbeschränkten Kapitals (s. Artikel), andererseits weil dort die größte Expertise in modernem Zivilisationsmanagment zu finden ist. Diese "progressiven" Kräfte wollen alles tun was technisch und kulturell möglich ist, um ohne Zivilisationsbruch so viele Menschen wie möglich durchzubringen (aber wohin?). Mit Trump und Co. bricht ihnen sowohl das Kapital als auch die Regulierungsfähigkeit weg. Der Neofeudalismus, der da auf uns zurollt braucht keine Lösungen für irgendwas zu entwickeln. Er muss nur seine Gefolgschaft unter Kontrolle halten und alle anderen ihrem Schicksal zu überlassen.



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iDog | Community

@ Madame Fu

"Und Politik ist dazu da Ökonomie und Gesellschaft auszubalancieren, was aber leider nicht praktiziert wird - aus Unfähigkeit oder Mutwilligkeit oder beidem..."

Es ist weder Unfähigkeit noch Mutwilligkeit im eigentlich Sinne. Man kann es natürlich so interpretieren , verfehlt aber den entscheidenen Punkt dabei. Diese Interpretation entstammt eher einer überholten Auffassung von Politik.

Tatsächlich mag es in manchen Perioden zumindest scheinbar oder oberflächlich betrachtet einen gewissen Ausgleich zwischen Ökonomie und Gesellschaft über die Politik als Mittelsmann gegeben haben. Man macht sich heute aber nicht mal mehr die Mühe die offensichtliche Komplizenschaft zwischen Großinduntrie und staatlicher Dienstleistung zu kaschieren. An sich aber ist Politik = Wirtschaft.

Die historischen herleitung , bzw. Kausalkette spar ich uns jetzt mal, aber der mehr oder wenihger bekannte Status Quo ist bemerkenswert: Die Monopolisierung der globalen Wirtschaft ist in den letzten Jahrzehnten so rasant zugenommen, dass die 500 größten Firmen der Welt etwa 53 % des globalen Bruttosozialprodukts kontrollierten, die 85 Reichsten Personen der Welt besitzen 50% des Weltvermögens (Oxfam). Ein Investmentmanagment Firma wie BlackRock (das ist keine Bank udn unterlegt daher auch keiner Regel) hat mittlerweile das Verwaltungsvolumen von 6000 Millarden überschritten und ist damit praktisch Regierungsmacht in sehr vielen industrialisierten Ländern der Welt, weil sie bedeutende Anteile an jeder globalen Firma halten, Anteile an zB jeder deutschen Dax notieretn Firma, an jeder französischen CAC 40 notierten Firma usw usf.. Im Vergleich dazu das Jahresbudget Frankreichs oder Deutschland um die 360 Milliraden. Mit anderen Worten , die haben über die Finanzmacht einen viel größeren Einfluss auf alles als jede einzelne Regierung, können Regierungen im Standortwettkampf gegeneindander ausspielen, befördern ungehindert die weiter Monopolisierung und Machtakkumulation (zB. Bayer und Monsanto waren beides Firmen dis starkt von BlackRock beeinflusst und nun von BlackRock zusammengeleget wurden)....

Kurz , was früher vielleicht Unfähigkeit oder Mutwilligkeit, Opportunismus oder Korruption war oder genannt wurde, ist heute ganz offensichtlich und einfach nur noch pure Machtlosigkeit. Der Staat und seine "Politik" fallen weitfgehend unter Servicleistungen für die Großindustrie - siehe Entscheidungen zu Glyphosat, Energiepolitik etc. oder zur Steuerpolitik. Da braucht einen die Personalauswahl in der Politik nicht weiter wundern, oder?


tbc
Title: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
Post by: Link on September 17, 2018, 05:41:34 PM
"Abhängigkeit vom Wirtschaftswachstum beenden!"
Gastbeitrag - Das Streben nach Wachstum um jeden Preis spaltet die Gesellschaft, schafft wirtschaftliche Instabilität, untergräbt die Demokratie. Europa muss umdenken! Ein Brandbrief --- In den vergangenen 70 Jahren war das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) das übergeordnete wirtschaftliche Ziel der europäischen Staaten. Während aber unsere Volkswirtschaften gewachsen sind, haben auch die negativen Auswirkungen unseres Wirtschaftens auf die Umwelt weiter zugenommen. Wir überschreiten bereits heute die ökologischen Grenzen, die der Menschheit einen sicheren Handlungsraum auf diesem Planeten geben. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass sich die Wirtschaftstätigkeit auch nur annähernd so weit von Ressourcenverbrauch oder Umweltverschmutzung entkoppelt, wie es tatsächlich notwendig wäre. Um die sozialen Probleme in den europäischen Ländern zu lösen, brauchen wir heute kein weiteres Wachstum. Was wir brauchen, ist eine gerechtere Verteilung der Einkommen und des Reichtums, den wir bereits haben. ...
https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/abhaengigkeit-vom-wirtschaftswachstum-beenden

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""Inside Lehmann Brothers" Drogen, Druck, Dollars"
„Jemand hat ihnen einen falschen Traum verkauft“: Eine Arte-Dokumentation erzählt vom Aufstieg und Fall von Lehman Brothers. Thomas Gehringer (17.09.2018)
https://www.tagesspiegel.de/medien/inside-lehmann-brothers-drogen-druck-dollars/23077808.html

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"„Lehman. Gier frisst Herz“ - Schnelles Geld"  Daland Segler (23.09.2018)
...Dem Regisseur Raymond Ley gelingt eine spannende Aufarbeitung des weltweit bisher größten Finanzskandals. ... „Lehman. Gier frisst Herz“ heißt der Film, und Ley und Eisfeld schaffen es, die Hektik, die Nervosität und die Brutalität eines Gewerbes zu vermitteln, dessen Krise weltweit katastrophale Folgen für unzählige Menschen hatte – nur nicht für die Verantwortlichen. Richard Fuld, zur Zeit des Konkurses von Lehman Brothers deren Vorsitzender, lässt es sich mit Boni-Millionen als Kunstsammler gutgehen. Josef Ackermann, als Chef der Deutschen Bank Mittäter, ist nicht mal vorbestraft und darf seit 2014 den Verwaltungsratspräsident der Bank of Cyprus spielen.
Ackermann wie auch andere Größen des Finanzkapitals haben ihren Auftritt in Leys Film. Denn der verbindet Fiktion mit Dokumentation – ein angemessener Umgang mit dem Thema: Soll keiner auf die Idee kommen, das sei alles erfunden. Ist es nicht.
Wer seinerzeit die Demonstrationen der Geschädigten vor den Sparkassen-Filialen gesehen hat, weiß, dass zum Beispiel die Restaurantbesitzer Claudia und Torsten Büttner (Susanne Schäfer und Oliver Stokowski) mitten aus dem Leben gegriffen sind. Wie sie haben Tausende ihr Geld auf Anraten ihrer Bank in Papieren angelegt, die mit der Lehman-Pleite nur noch das waren: Papier. Tatsächlich äußern sich auch einige Opfer des Lehman-Skandals. Ihnen allen ist gemeinsam: Sie hatten keine Ahnung vom drohenden Unheil, weil sie ihrem „Bankbeamten“ vertraut haben.
Raymond Ley vermag es, mit einer rasanten Montage (Schnitt: David Kuruc) und dokumentarisch wirkenden Szenen aus Frankfurt (Kamera: Dominik Berg) die auseinanderdriftende Lebenswirklichkeit der „normalen“ Bürger und der Investment-Banker in Bilder zu fassen. Gier regierte die Welt, und der Tanz ums Goldene Kalb wurde online aufgeführt.
Karl Dannenbaum, Ex-Geschäftsführer von Lehman Deutschland, ist real mit seiner heutigen Bewertung der Ereignisse und als fiktiver Charakter eine zentrale Figur, auch selbst ein Getriebener von den Machenschaften der Bankzentrale in den USA. Wie auch die Politiker: Selbstverständlich zeigt Ley noch einmal die leeren Versprechungen Angela Merkels und Peer Steinbrücks (damals Finanzminister), das Geld der Sparer sei „sicher“. Heute muss Steinbrück zugeben, man habe 2008 einen „Kontrollverlust“ erlitten.
Die enge Verzahnung von Realität (mit Interviews) und Schilderung des Schicksals von fiktiven Bankkunden bewahrt den Film davor, in Klischees abzugleiten. So ist Ley eine spannende Aufarbeitung des weltweit größten Finanz-Skandals gelungen, an dessen Ende sich auch das Bild des Sparkassen-Angestellten Arne Breuer radikal verändert hatte: Aus dem Bankbeamten wurde der „Bankster“.
http://www.fr.de/kultur/netz-tv-kritik-medien/tv-kritik/lehman-gier-frisst-herz-schnelles-geld-a-1588109

Title: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
Post by: Link on September 24, 2018, 04:14:42 PM
"Wir Versprengten in der Kränkungsgesellschaft" (24. September 2018)
Der Bestsellerautor Hans-Peter Martin, ehemaliger "Spiegel"-Korrespondent und unabhängiger Europaparlamentarier, veröffentlicht in dieser Woche sein neues Buch "Game Over". Telepolis bringt exklusiv erste Auszüge.
https://www.heise.de/tp/features/Wir-Versprengten-in-der-Kraenkungsgesellschaft-4170961.html

GAME OVER
Wohlstand für wenige,
Demokratie für niemand,
Nationalismus für alle
und dann?
https://hpmartin.info/

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     grftjx, 24.09.2018 09:41

Der Kinderglaube des Herrn Martin

Die "gute alte Zeit" der kapitalistischen Demokratien war die Zeit, als man den Leuten noch erzählen konnte, dass der Weg zur Glückseligkeit aller darin besteht, dass alle gemeinsam für Wohlstand und Wachstum arbeiten. Sicher, dabei werden einige etwas mehr am Ende haben als andere, aber erstens geht es trotzdem allen immer besser, und zweitens kann man sich ja besonders anstrengen und zu denen aufsteigen, die mehr bekommen.

Natürlich war das immer eine Lüge. Schon mit bescheidenen Mathematikkenntnissen war leicht zu sehen, dass sich bei diesem System immer mehr Vermögen in den Händen von sehr wenigen ansammeln würde, bis die Kluft zum Rest so groß wird, dass diese wenigen über absolute Macht verfügen. Und genau das war selbstverständlich auch immer das Ziel.

Wir haben dieses Ziel weitgehend erreicht, und es beginnt auch den letzten zu dämmern, dass sie einer Lüge aufgesessen sind, und dass ihr eigenes Wohlergehen in diesem abgekarteten Spiel nie die geringste Rolle gespielt hat.

Nun ist es aber schon so, dass es für jene, die jetzt absolute Macht haben, praktisch wäre, wenn man die Illusion von Demokratie noch eine Weile aufrechterhalten könnte, während man im Hintergrund die Umstellung auf totalitäre Herrschaftsausübung weiter vorbereitet. Und dafür sind Bücher wie das von Herrn Martin, wo man sich weiter an die Lügen von damals klammert, ungemein nützlich und fördernswert.


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     OberstMeyer, 24.09.2018 11:07

Das alte Kriegsleiden der liberalen Linken

Nicht zuletzt durch die Manipulationen von VWL- und BWL-Lehre hält sich hartnäckig die irre Auffassung, daß Kapitalismus im Grund ganz o.k. sei, dieser nur vernünftig zu handeln und sozial zähmbar sei. Das ist auch als Hintergrund der Darlegungen des Autors zu bemerken. Dem liegt ein völliges Nichtverstehen der autarken und autonomen Abläufe in der Entwicklung der Produktionsverhältnisse, deren eigentlicher Kern der Wert ist, zugrunde. Leider erwischt diese Illusion auch leidenschaftliche Kritiker des "gegenwärtigen" Kapitalismus wie den Autor und auch den erwähnten Harald Schumann. Es gibt diesen "gegenwärtigen" Kapitalismus, der irgendwie aus dem Ruder gelaufen sei, nicht, auch keinen vernünftigen oder idealen. Es gibt nur Kapitalismus immer in einer logisch entwickelten Phase, der jetzt die kritisierten Erscheinungsformen hervorbringen muß. "Korrekturen", wie sie dem Autor vielleicht vorschweben, bringen evt. einige geschliffenere Kanten, halten den logischen Prozeß jedoch nicht auf. Dazu sei auf die Diskussion auf keimform.de verwiesen: http://keimform.de/2018/kritik-der-aufhebungs-und-keimformtheorie/
Beide mögen ja integre Personen sein, jedoch kommen sie so nie auf den Punkt und schrammen zunehmend die Hoffnungslosigkeit, zu besichtigen z.B. bei der Veranstaltung im Grips ("Fabian Scheidler, Harald Schumann im Grips Theater: Chaos. Das neue Zeitalter der Revolutionen - Am 07.03.2018 veröffentlicht

Mit: Fabian Scheidler, Autor ("Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation", "Chaos. Das neue Zeitalter der Revolutionen" (www.revolutionen.org)) und Harald Schumann, Journalist beim Tagesspiegel und bei "Investigate Europe", Buchautor ("Die Globaliserungsfalle", "Der globale Countdown"), Autor der Arte-Filme "Staatsgeheimnis Bankenrettung", "Troika: Macht ohne Kontrolle" und "Das Microsoft-Dilemma".
Fabian Scheidler und Harald Schumann diskutieren über die globalen Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft: die Krise des Lebens auf der Erde, die zunehmende Spaltung zwischen Arm und Reich und das geopolitische Chaos, das mit dem Niedergang der US-Hegemonie und dem Aufstieg Chinas verbunden ist." ---> https://www.youtube.com/watch?v=WC6lFfinzDM (https://www.youtube.com/watch?v=WC6lFfinzDM) [// https://de.wikipedia.org/wiki/Fabian_Scheidler (https://de.wikipedia.org/wiki/Fabian_Scheidler)], https://www.taz.de/!bo=18746e22b9cfdfa213/ (https://www.taz.de/!bo=18746e22b9cfdfa213/) [Kontext TV ist ein unabhängiges Nachrichtenmagazin mit Sitz in Berlin. Inspiriert von dem US-amerikanischen Sender Democracynow! lässt Kontext kritische Stimmen aus dem In- und Ausland zu drängenden Gegenwarts- und Zukunftsthemen wie Klima, soziale Gerechtigkeit und Krieg und Frieden zu Wort kommen. Gesendet wird über Internet und lokale TV- und Radiostationen. Zu den Gästen zählen AktivistInnen, WissenschaftlerInnen und JournalistInnen wie Noam Chomsky, Vandana Shiva, Bill McKibben, Maude Barlow, Harald Schumann, Ulrike Herrmann, Amy Goodman, Immanuel Wallerstein und Nnimmo Bassey.] ... ). Solange sie nicht auf die tatsächlichen Wertzusammenhänge stoßen, sind sie zu Resignation verurteilt.


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Title: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
Post by: Link on September 26, 2018, 12:22:00 PM
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[...] Banken verleihen Geld, das sie sich vorher selbst geliehen haben. Von Sparern oder von der Zentralbank. Soweit das Lehrbuchwissen und soweit so falsch. Denn Banken können Kreditnehmern Geld einfach so gutschreiben, ohne vorher Geld von Dritten einzusammeln. Anders als viele glauben, hat die Zentralbank deshalb kaum Möglichkeiten, die Geldmenge wirklich zu steuern.

Das ist ein Problem, meint unter anderem Thomas Mayer, ehemaliger Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Diese Geldschöpfung durch die Banken destabilisiere immer wieder unser Finanzsystem. Selbst renommierte Volkswirtschaftsprofessoren wie Peter Bofinger haben das Problem lange nicht gesehen. Bofinger hat inzwischen sein Lehrbuch entsprechend korrigiert.

Mayer plädiert wie viele andere Kritiker für eine neue Geldordnung, zum Beispiel für ein Vollgeld-System, in dem es frisches Geld nur noch von der Zentralbank gibt. In der Schweiz haben die Bürger ein solches System allerdings im Juni abgelehnt, nachdem Banken, Vertreter der Wirtschaft und selbst die Zentralbank massiv davor gewarnt hatten.


Aus: "Wie unser Geld wirklich entsteht: Money from nothing" Vivien Leue (25.09.2018)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/wie-unser-geld-wirklich-entsteht-money-from-nothing.1247.de.html?dram:article_id=425402 (https://www.deutschlandfunk.de/wie-unser-geld-wirklich-entsteht-money-from-nothing.1247.de.html?dram:article_id=425402)

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[...] Heute wird die Wasserversorgung in England und Wales durch multinationale Großkonzerne betrieben. Die viel beschworene Effizienz ist dabei nicht sichtbar. In vielen Städten gibt es zahlreiche Leckagen. In einem kurz vor dem Parteitag veröffentlichten Strategiepapier mit dem Titel "Clear Water: Labour's Vision for a Modern and Transparent Publicly-Owned Water System" weist die Partei auf weitere durch die Privatisierung verursachte Probleme hin.

So seien die Kosten für den Endverbraucher im Laufe der vergangenen 25 Jahre um 40% gestiegen. Derweil hätten die Betreiberkonzerne in den letzten zehn Jahren Dividenden im Wert von 18 Milliarden Pfund an ihre Aktionäre ausgeschüttet. Dieses Geld, so argumentiert das Strategiepapier, hätte man stattdessen in die Infrastruktur stecken oder zur Senkung der Verbraucherpreise nutzen können. Stattdessen seien Investitionen in die Infrastruktur zwischen 1990 und 2018 massiv gesunken, obwohl 20% des Leitungswassers durch Leckagen verloren gehe. Für diese "Leistung" seien die Chefs der Wasserkonzerne im Durchschnitt mit einer Million Pfund pro Jahr bezahlt worden.

In seiner Parteitagsrede vom Montag, den 24. September, kündigte Labours wirtschaftspolitischer Sprecher John McDonnell die Verstaatlichung der britischen Wasserversorgung durch die nächste Labour-Regierung an. Das oben erwähnte Strategiepapier soll beschreiben, wie dies funktionieren könnte.

Angedacht ist demnach eine Regionalisierung der Wasserversorgung, die an "Regional Water Authorities" übertragen werden soll. Dies soll durch ein im Parlament beschlossenes neues Gesetz in die Wege geleitet werden. Dieses Gesetz soll außerdem Schutzklauseln enthalten, welche zukünftige Privatisierungsvorhaben verhindern sollen.

Die Labour-Partei fasst ihre Pläne unter dem Schlagwort "demokratischer öffentlicher Besitz" zusammen. Damit ist die Errichtung von Strukturen gemeint welche "Teilhabe und Rechenschaftspflicht maximieren" sollen. Teil dieser Rechenschaftspflicht soll eine für die Bevölkerung jederzeit einsehbare Veröffentlichung aller die Wasserversorgung betreffenden Behördendokumente im Internet sein. Außerdem sollen die "Regional Water Authorities" öffentlich tagen und paritätisch aus Lokalpolitikern, Gewerkschaftsvertretern sowie Mitgliedern von Nachbarschafts- und Umweltschutzgruppen bestückt werden. Den Profitgedanken möchte Labour aus der Wasserversorgung verbannen. Stattdessen will man eventuelle Überschüsse für Investitionen in Infrastruktur oder in die Kostensenkung stecken.

...


Aus: "Labour-Partei will britische Wasserversorgung verstaatlichen" Christian Bunke (27. September 2018)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Labour-Partei-will-britische-Wasserversorgung-verstaatlichen-4175851.html (https://www.heise.de/tp/features/Labour-Partei-will-britische-Wasserversorgung-verstaatlichen-4175851.html)

Title: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
Post by: Link on October 01, 2018, 05:27:17 PM
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[...] „Potente“ Unternehmen „befriedigen“ ihre Gläubiger – allein die Sprache mache deutlich, welche Rolle Sexualität und Religion in unserem Verhältnis zum Geld spielen, sagt der Philologe Jochen Hörisch. Auch die Wirtschaftswissenschaft sei höchst irrational.

...

Rabhansl: 20.000 Euro auf dem Konto oder nicht 20.000 Euro – man könnte denken, das ist eine höchst rationale Zahl. Aber genau mit einem solchen Gedankenexperiment beginnen Sie Ihren Text und sagen „Stimmt nicht“. Warum nicht?

Hörisch: Man muss nicht Philologe sein, um auf die Idee zu kommen, dass das, was da liegt, eine ganz seltsame Zeichenqualität hat. Man fragt sich ja immer, ist an diesem Kontoauszug irgendetwas dran, ist das gedeckt? Und schon der Begriff der Deckung – ein Hengst kann eine Stute decken – ist eigentlich ganz eigentümlich. Und wenn man sich näher heranzoomt, merkt man, dass das Geld mit sehr irrationalen Grundbegrifflichkeiten aus der sexuellen oder aus der religiösen Sphäre, also aus Sphären, die wir ja nicht als sonderlich rational begreifen, verbunden ist. Dann hat man ein Unternehmen, das „potent“ ist. Und wenn es potent ist, dann kann ich meine Gläubiger „befriedigen“.

Was sollen solche Begriffe wie „Potenz“ oder „Gläubiger befriedigen“? Wir merken sehr schnell, auch in der Art und Weise, wie wir psychologisch das Geld besetzen, dass wir ein nicht rationales, ein gieriges, ein eher sexualisiertes, ein gläubiges, ein verrücktes Verhältnis zum Geld haben. Insofern sind die 20.000 nicht bloß eine Ziffer, sondern auch die Bezeichnung für eine eher magische Potenz.

Rabhansl: Zwischen Geld und Schuld, zwischen Schuld und Sünde, da steckt, wie Sie gerade schon gesagt haben, diese Sexualität drin, aber eben auch dieses fast religiöse Verhältnis. Und in Ihrem Text lese ich den bemerkenswerten Satz: „Geld ist gedeckt durch den Glauben an Geld“. Also, wenn Geld nur so lange etwas wert ist, wie wir dran glauben, dass das Geld etwas wert ist, dann müssten wir ja auch eigentlich anders mit Geld umgehen, oder?

Hörisch: Nein. Wir glauben ja auch daran, dass andere an Geld glauben und dann funktioniert. Zoomen wir uns zurück in das Jahr 2008 – und die Älteren unter uns haben gewiss noch in Erinnerung, wie die Bundeskanzlerin, die damals schon Merkel hieß, und der Finanzminister, der Steinbück hieß, vor die Presse traten und die Medien, und sagten, wir garantieren euch, liebe Deutsche, dass eure Einlagen bei den Banken gedeckt sind. Und das hat funktioniert, es gab keinen Bank-Run, weil alle dran geglaubt haben, dass auch andere mitmachen bei diesem Spiel. Ansonsten hätten wir natürlich einen Bankzusammenbruch im allergrößten Maßstab gehabt.

Man muss also dran glauben, dass dieses Geld eine Macht besitzt, sich in etwas anderes zu transformieren, zu wandeln. Solange ich merke, ich schieb einen 50-Euro-Schein rüber und dann ist der Tank voll, merke ich, dass aus der Zeichenhaftigkeit des Geldes was anderes geworden ist. Und das ist den Theologen ein sehr vertrautes Denkmotiv. Es ist das der Transsubstantiation, aus Zeichen, aus einer Oblate, aus Wein wird Christi Leib und Blut. Das wandelt sich, das konvertiert sich, wenn man denn daran glaubt. Und wenn wir daran glauben, dass das Geld wandelnde Kraft hat, dann funktioniert es. Wenn wir nicht dran glauben, siehe im Augenblick etwa Venezuela, dann hat das Geld seine sexuelle und eben auch seine religiöse Kompetenz und Macht eindeutig verloren.

Rabhansl: Dass Geld funktioniert, wenn wir dran glauben, das erleben wir als finanzpolitische Laien im Alltag jeden Augenblick. Aber sieht das bei den Ökonomen, den Wirtschaftswissenschaftlern, wie sie sich nennen, genauso aus?

Hörisch: Die Wirtschaftswissenschaftler werden ja nicht schamrot, wenn sie etwa als Wirtschafts-„Weise“ bezeichnet werden – ein Begriff, der ja heute ganz unzeitgemäß ist. Ich nehme viele, nicht alle, um Gottes Willen, Wirtschaftsweise als diejenigen wahr, die so irrational sind, an ihre eigenen rationalen Modelle zu glauben. Damit das mehr als ein Aperçu ist, will ich einfach erinnern, wie etwa Schrempp, der damals Vorstandssprecher war bei Daimler, mit glänzenden Augen auftrat und sagte, wir haben jetzt eine Hochzeit im Himmel, Daimler und Chrysler machen ein Joint-Venture und vereinen sich. „Hochzeit“ ist ein sexueller Begriff, „Himmel“ ist ein religiöser Begriff. Dann kommen die Wirtschaftswissenschaftler und sagen, wir haben eine Agentur eingeschaltet, nennen wir sie McKinsey oder Hayek, die haben das durchgerechnet, es gibt Skalen, Effekte, das ist eine ganz rationale Geschichte. Man muss nur hinhören und merken, da ist einer mit glänzenden Augen, der sagt „Hochzeit“ und „Himmel“.

Wir merken also, wie viel an Verrücktheit, an Fantasien, an Erlösungshoffnungen da drinsteckt. Und denken Sie an so ein Wort wie „Erlösung“. Noch im ökonomischen Wort „Erlös“, ich erziele einen Erlös, steckt ja was Religiöses. Und auch „Kredit“ und „Schuldner“ sind ja theologische Begriffe. Man hat dann eine Wert-„Schöpfungs“-Kette. Wenn man pleite ist, macht man einen „Offenbarungseid“. Man geht mit den Autos, die man produziert, zur „Messe“, und dann meint man nicht mehr das Hochamt, sondern man meint eben die Industriemesse. Wohin wir also gucken und spucken, merken wir, dass wir religiöse Begrifflichkeit haben in der ökonomischen Sphäre. Und genau das wollen eigentlich viele Wirtschaftswissenschaftler nicht zur Kenntnis nehmen.

Rabhansl: Obwohl es ja weit über solche reine Wortwahl hinausgeht. Wenn zum Beispiel Ökonomen ganz ernsthaft an die berühmte „unsichtbare Hand des Marktes“ glauben, da lese ich bei Ihnen, dass die ökonomische Aufklärung weit hinter den Stand der religiös-theologischen Aufklärung zurückfalle. Wie erklären Sie sich, dass ausgerechnet in der Ökonomie solche Glaubenssätze bestehen bleiben?

Hörisch: Eben damit, dass man Rationalität und Irrationalität verwechselt, also ernsthaft glaubt, wenn man Mathematik als die Leitwissenschaft einsetzt in einem Bereich, wo sie eigentlich nicht funktioniert, dann verfällt man einem Irrglauben. Das ist so wie das Hexeneinmaleins in Goethes „Faust“. Faust wird ja auch zu einer großen Figur, die ökonomische Reformen voranbringt. Die „Invisible hand“, das ist jedem einigermaßen historisch Gebildeten bei Adam Smith klar, ist die Übersetzung der Hand Gottes, in der wir alle sind, in die ökonomische Sphäre. Es ist also für Adam Smith noch vollkommen klar, dass da eine religiöse Metapher ins Ökonomische fällt, hineinkopiert worden ist.

Rabhansl: Das ist aber ein paar Jahre her.

Hörisch: Das ist aber ein paar Jahre her, aber das ist ein Glaube, der bis heute gilt. Versuchen Sie mal in sich als aufgeklärt begreifenden ökonomischen Milieus zu sagen, Leute, ihr glaubt so an die Invisible hand wie religiöse Leute an die Hand Gottes glauben. Ihr seid die letzten Theologen und die letzten religiösen Fundamentalisten in der wissenschaftlichen Sphäre, dann werden sie nicht auf viel Sympathie treffen. Aber genauso ist das Wort gemeint, das die ökonomische Aufklärung weit hinter der theologischen Aufklärung her ist. Man kann drauf verzichten, auf den lieben Gott zu setzen und an ihn zu glauben. Wer aber nicht an die Invisible hand des Marktes glaubt, der wird keinen Lehrstuhl in der VWL oder in der BWL bekommen.

...


Aus: "Die Irrationalität in der Ökonomie„Wir haben ein sexualisiertes, ein gläubiges Verhältnis zum Geld“"
Jochen Hörisch im Gespräch mit Christian Rabhansl (20.01.2018)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/die-irrationalitaet-in-der-oekonomie-wir-haben-ein.1270.de.html?dram:article_id=408796 (https://www.deutschlandfunkkultur.de/die-irrationalitaet-in-der-oekonomie-wir-haben-ein.1270.de.html?dram:article_id=408796)

Title: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
Post by: Link on October 02, 2018, 11:45:45 AM
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[...] Zuletzt ging es zwischen den Wirtschaftsweisen nicht immer harmonisch zu. Die Nominierung eines neuen Mitglieds sorgt für erhitzte Gemüter.

Der Sachverständigenrat für Wirtschaft (SVR) gilt als wichtigstes wirtschaftspolitisches Beratergremium der Bundesregierung. Die Besetzung des Rats der sogenannten Wirtschaftsweisen ist daher immer ein Politikum. Nun wurde bekannt: Auf Vorschlag der Gewerkschaften wird im März voraussichtlich der Berliner Ökonom Achim Truger das Ratsmitglied Peter Bofinger ersetzen. Sofort hagelte es am Wochenende Protest, allerdings ungewohnt heftigen. Die Gewerkschaften „entsenden einen reinen Vertreter ihrer Interessen in den SVR“, rügte etwa Ratsmitglied Lars Feld auf Twitter.

Seit den sechziger Jahren berät der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung – so der volle Name – die Bundesregierung. Zwei Mal im Jahr legt er ein Gutachten vor, in dem es nicht nur um die Konjunktur geht, sondern um alle relevanten wirtschaftspolitischen Fragen: um die Rente, den Arbeitsmarkt, um die Energiepolitik, die Mietpreisbremse oder die Euro-Krise. Der SVR legt damit eine Art offizielle Deutung der Vorgänge in der Wirtschaft vor, er erklärt die Wirklichkeit gemäß ökonomischen Modellen. Doch sind diese Modelle und Deutungen erstens auch unter Ökonomen umstritten. Zweitens geht es bei Wirtschafts- und Sozialpolitik nicht nur um theoretische Differenzen, sondern auch um praktische Interessensgegensätze, zum Beispiel von Arbeitnehmern und Arbeitgebern.

Die Regeln zur Besetzung des SVR versuchen, diesen Gegensätzen gerecht zu werden: Drei der fünf Wirtschaftsweisen beruft das Wirtschaftsministerium, ein Mitglied darf traditionsgemäß von den Unternehmerverbänden vorgeschlagen werden und eines von den Gewerkschaften. So sollen die Interessen von Arbeit und Kapital im SVR vertreten sein. Auf dem sogenannten Arbeitgeberticket sitzt derzeit Volker Wieland im Rat, auf dem Gewerkschaftsticket seit März 2004 der Würzburger Ökonom Bofinger.

Doch in den vergangenen Jahren hat sich der Rat zunehmend gespalten. Statt als Einheit treten die fünf Weisen häufig als 4+1 Weise auf: Die Ratsmehrheit auf der einen Seite, Bofinger auf der anderen. Letzterer spickte die vorgelegten Gutachten regelmäßig mit seinen „abweichenden Meinungen“.

Während Bofingers vier Kollegen warnten, die Einführung eines Mindestlohns werde viele Jobs kosten, sah er keine bedeutsamen Beschäftigungsverluste. Bofinger kritisierte das „uneingeschränkte Vertrauen, das die Mehrheit im Rat in die ordnenden Kräfte der Finanzmärkte setzt“. Er betonte das Problem der wachsenden Ungleichheit in Deutschland und schloss sich dem Lob der Ratsmehrheit für Agenda 2010 und Hartz IV nicht an. Der Schlagabtausch kulminierte vor einem Jahr, als Bofinger eine aktivere Industriepolitik in Deutschland forderte, woraufhin die anderen vier Sachverständigen ihm öffentlich Fehler vorwarfen, die „einem Profi nicht passieren sollten“.

Bofingers dritte Amtszeit läuft im März aus. Und nun haben die Gewerkschaften den Ökonomen Achim Truger als Nachfolger gewählt, berichtete das „Handelsblatt“. Das SPD-Mitglied Truger ist Experte für öffentliche Finanzen und kommt aus dem Gewerkschaftslager. Er arbeitete lange für das gewerkschaftsnahe Institut IMK und lehrt derzeit Makroökonomie an der Hochschule für Recht und Wirtschaft in Berlin. Bekannt ist Truger vor allem durch seine Kritik an der rigiden Sparpolitik in Europa und an der deutschen Schuldenbremse.

In ungewöhnlich scharfer Form kritisierten am Wochenende einige Ökonomen die Nominierung Trugers. Truger habe lange auf der Gehaltsliste der Gewerkschaften gestanden, rügte SVR-Mitglied Lars Feld die Entscheidung: „So höhlt man die gesetzlich gewährte Unabhängigkeit des Gremiums aus.“ Die Wirtschaftsweise Isabel Schnabel forderte, bei der Besetzung des Rats müsse „die wissenschaftliche Qualifikation an oberster Stelle stehen“, und diese Qualifikation zeige sich unter anderem in Publikationen in international anerkannten Fachzeitschriften.

Der Ökonom Justus Haucap kommentierte die Wahl Trugers mit: „Den Gewerkschaften ist der SVR offenbar völlig egal“. Für seinen Kollegen Philip Jung von der TU Dortmund „desavouieren die Gewerkschaften den SVR als wissenschaftliches Gremium“. Gewerkschaftsnahe Ökonomen hielten am Wochenende dagegen: „Truger kennt die deutsche Finanzpolitik wie kaum ein anderer“, so IMK-Ökonom Sebastian Gechert. Andrew Watt, Leiter der IMK-Abteilung für europäische Wirtschaftspolitik, schrieb, Bofinger sei zwar schwer zu ersetzen, aber Truger sei eine „hervorragende Wahl“.

Eine Zwischenposition nahm der Ökonom Rudolf Bachmann ein, der befürchtet, dass im SVR künftig „linke Themen noch weniger eine Rolle spielen werden, weil sie zu leicht mit Unwissenschaftlichkeit beschmiert werden können. Das können die Gewerkschaften nicht wollen.“ Bachmann hätte lieber andere Kandidaten – zum Beispiel den Düsseldorfer Ökonomen Jens Südekum – an Trugers Stelle gesehen.

Für dauerhafte Differenzen unter den Wirtschaftsweisen ist also gesorgt, sollte Truger tatsächlich berufen werden. Der Ökonom sieht darin kein Problem: „In der Volkswirtschaftslehre gibt es nicht die eine richtige Politikempfehlung“, sagte er dem „Handelsblatt“. Wenn es um ökonomische Zusammenhänge gehe, dann gebe es unterschiedliche Modelle und damit auch unterschiedliche wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen. Er „fände es gut, wenn sich in den Schlussfolgerungen das große Spektrum der in der Volkswirtschaftslehre vertretenen Ansätze widerspiegeln würde“.


Aus: "Alle gegen einen" Stephan Kaufmann (02.10.2018)
Quelle: http://www.fr.de/wirtschaft/wirtschaftsweise-alle-gegen-einen-a-1593150 (http://www.fr.de/wirtschaft/wirtschaftsweise-alle-gegen-einen-a-1593150)
Title: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
Post by: Link on October 18, 2018, 10:17:46 PM
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[...] David Graeber, einer der Köpfe der Occupy-Bewegung, sieht eine sinnentleerte neue Arbeitswelt – und fordert das bedingungslose Grundeinkommen.

Durch Digitalisierung und Automatisierung entstehen zunehmend sinnlose Jobs, beklagt David Graeber, Anthropologe von der London School of Economics. Der gebürtige US-Amerikaner ist als Kopf der Occupy-Bewegung berühmt geworden. In seinem kürzlich erschienenen Buch „Bullshit-Jobs“ beklagt er die sinnentleerte neue Arbeitswelt.

„Es ist offensichtlich, dass die Herstellung von Gütern produktiver und effizienter wird, wenn sie digitalisiert wird. Dann brauchen Sie weniger Mitarbeiter“, so der Forscher in einem Interview mit Technology Review. Das aber habe nicht zu sinkenden Beschäftigungszahlen geführt, sondern zur Ausweitung bei administrativen Jobs und Managertätigkeiten. Viele davon seien jedoch Bullshit-Jobs. „Das ist ein Job, von dem die Leute, die ihn machen, glauben: Wenn es diesen Job nicht gäbe, würde dies nicht auffallen, würden die Dinge sogar ein wenig besser“, sagt Graeber.

„Mir schrieb jemand, dass er 15 Jahre bei einer Bank als Effizienzexperte gearbeitet hat. Seine Aufgabe war herauszufinden, wie man überflüssige Stellen loswerden kann. Er fand heraus, dass 80 Prozent aller Arbeitsplätze in der Bank ohne Weiteres gestrichen werden können. Aber die Bank hat seine Vorschläge nie angenommen. Immer wenn er einen Vorschlag machte, bedeutete das, dass irgendwelche Manager einen Teil des Teams verlieren würden, das sie so wichtig erscheinen lässt. Also haben sie den Vorschlag blockiert. Der Mann hat irgendwann gemerkt, dass er nur da ist, damit die Bank behaupten kann, es würde sich jemand um die Unternehmenseffizienz kümmern.“

Die Ursache liegt für Graeber in einer „finanzialisierten Wirtschaft“, also im Übergewicht des Finanzwesens gegenüber der Produktion von Gütern. „Wenn Sie Unternehmen wie ExxonMobil oder JP Morgan Chase betrachten, machen diese Riesen ihre Profite, indem sie sogenannte regulierte Renten beziehen, über Steuererleichterungen oder die Finanzmärkte. Die Regierungen setzen die Rahmenbedingungen dafür. Und wenn so viel Geld zirkuliert, ist Effizienz eine schlechte Idee.“ Linke wie rechte Politiker versprechen aus nachvollziehbaren Gründen mehr Arbeitsplätze. „Keiner sagt jedoch, dass sie nur nützliche Jobs schaffen wollen.“

Für Graeber liegt die Lösung daher im bedingungslosen Grundeinkommen. "Ein Riesenproblem ist ja, dass Menschen umso weniger verdienen, je nützlicher ihr Job ist. Wenn Menschen nicht mehr gezwungen sein sollen, Bullshit-Jobs anzunehmen, sehe ich nur eine Lösung: ihnen ein bedingungsloses Grundeinkommen zu zahlen.“


Aus: "Anthropologe: "Menschen verdienen umso weniger, je nützlicher ihr Job ist."" Nils Boeing (17.10.2018)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Anthropologe-Menschen-verdienen-umso-weniger-je-nuetzlicher-ihr-Job-ist-4192979.html (https://www.heise.de/newsticker/meldung/Anthropologe-Menschen-verdienen-umso-weniger-je-nuetzlicher-ihr-Job-ist-4192979.html)

Title: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
Post by: Link on November 12, 2018, 07:34:55 PM
"Vom Segen der Privatisierung" Christian Bunke (12. November 2018)
In Großbritannien begann vor 25 Jahren der Siegeszug der Privatisierung mit der Eisenbahn, das neoliberale Versprechen kam und kommt dem Steuerzahler teuer zu stehen ...
https://www.heise.de/tp/features/Vom-Segen-der-Privatisierung-4218330.html

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"‚RIPMARK‘ von Rocco und seine Brüder & HERA – Eine Friedhof-Installation vor PRIMARK-Filiale in Berlin" (2018)
Warum sind die Preise bei vielen großen Modeketten eigentlich so verlockend billig? Vermutlich, weil andere dafür einen hohen Preis zahlen! Das Kollektiv Rocco und seine Brüder haben erstmals zusammen mit der Künstlerin HERA (von HERAKUT) eine gemeinschaftliche Kunst-Installation im öffentlichen Raum errichtet und wollen damit auf die ausbeuterischen und gefährlichen Umstände in der Textil- und Modefertigung aufmerksam machen.
https://www.notesofberlin.com/ripmark-installation-vor-primark-filiale-in-berlin/

Title: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
Post by: Link on December 28, 2018, 01:05:57 PM
"35C3: Der Chaos Communication Congress, das digitale Prekariat und das bedingungslose Grundeinkommen" Detlef Borchers  (27.12.2018)
Guy Standing vom Basic Income Network eröffnete den Chaos Communication Congress in Leipzig mit einem Plädoyer für das bedingungslose Grundeinkommen. Die Hacker sind wieder in Leipzig und suchen gemeinsam nach Wegen, wie die Bewegung rund um den Chaos Computer Club "vielfältiger und ideenreicher" auftreten kann. "Refreshing Memories", den Arbeitsspeicher zwischen den Ohren auffrischen und gleichzeitig Traditionen weiterreichen, das soll das Motto des 35. Kongresses sein. Neben den üblichen Vorträgen über Sicherheits- und Gesellschaftslücken gibt es erstmals "Foundation Talks" für den Nachwuchs: Wie funktioniert nochmal das Internet und was hat es mit dieser Hackerethik auf sich? Der Kongress wurde indes mit einem ganz anderen und sehr politischen Thema eröffnet. Der britische Ökonom Guy Standing hielt ein wuchtiges Plädoyer für das bedingungslose Grundeinkommen. Gerade die Mehrheit der jungen, gut ausgebildeten Kongressbesucher gehören seiner Ansicht nach zu dem Teil des Prekariat, dass mit einem solchen Grundeinkommen sinnvolle Arbeit leisten kann und nicht in irgendwelchen Jobs versauern muss.
Auf fünf Bühnen läuft zum 35. Chaos Communication Congress ein vielfältiges Programm, das im Livestream verfolgt werden kann und recht schnell auch als Video zur Verfügung steht. Zwei Hallen voller Assemblies sind abgedunkelt, damit die Hacker im Hoodie auch am hellichten Tag den nötigen nächtlichen Flow haben, den sie suchen. Rings herum: viele neugierige Besucher, die ihren ersten Kongress besuchen und viele Fragen haben. "Sprecht miteinander, knüpft neue Freundschaften, lasst uns eine neue Erinnerung bauen, eine, die man sich für immer gern erinnert", hieß es zum Auftakt des Kongresses. ...
Der Ökonom Guy Standing beschäftigt sich seit Jahren mit dem bedingungslosen Grundeinkommen und studierte die Möglichkeiten in so unterschiedlichen Ländern wie Indien und der Schweiz. Für westliche Gesellschaften hält er an der Idee eines Prekariats fest, das mit dem Kollaps der ökonomischen Transformation seit den 80er Jahren entstand. 1994 sei es der USA gelungen, ihr System der Eigentumsrechte weltweit durchzusetzen, mit Big Pharma, Big Finance und Big Tech als tragende Säulen dieser Rechte. Von diesem System profitierten Superreiche in einem obzönen Ausmaß, erklärte Standing den Zuhörern in Leipzig.
Das Gegenstück bilde das Prekariat, dass er aus drei große Gruppen besteht: Einmal aus der abgehängten alten Arbeiterklasse, die ein verlorenes Gestern verklärt und sich für US-Präsident Trump oder den Brexit stark mache. Die zweite Gruppe bestehe aus Migranten und anderen Minderheiten, häufig traumatisisert und nur vom Wunsch beseelt, eine Heimat und wieder eine Zukunft zu haben. ...
https://www.heise.de/newsticker/meldung/35C3-Der-Chaos-Communication-Congress-das-Prekariat-und-das-bedingungslose-Grundeinkommen-4259522.html

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"The Precariat: A Disruptive Class for Disruptive Times. Why and How the Precariat will define the Global Transformation to save our planet." Guy Standing  (2018-12-27)
The combination of the ongoing technological revolution, globalisation and what are usually called 'neo-liberal' economic policies has generated a global system of rentier capitalism in which property rights have supplanted free market principles and in which a new global class structure has taken shape. The 20th century income distribution system has broken down irretrievably, and a new mass class, the precariat has been growing dramatically fast in every part of the world. What are the deeper reasons for these developments? How does an ecologically sustainable strategy look like? Is it possible to restore a balanced market economy in which inequalities and insecurities will lessen and in which the drift to populist and even neo-fascist politics will be reversed? This talk will try to provide answers. ...
https://media.ccc.de/v/35c3-10021-the_precariat_a_disruptive_class_for_disruptive_times#t=188

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"Most Americans want a 70% tax rate on earnings over $10,000,000" Cory Doctorow (9:30 am Wed Jan 16, 2019)
 During a 60 Minutes interview Alexandria Ocasio-Cortez casually mentioned that she thought that America's super-rich should pay a marginal tax-rate of 70% on annual earnings over $10,000,000 (which is a better deal than they got under Reagan); since then, the proposal has roiled the political classes and billionaire-backed news outlets, who coincidentally oppose taxing billionaires.
Though the establishments of the Democratic and Republican parties have scrambled to brand this proposal "unworkable" and "radical," there's another group of people who really like the sound of it: voters, including Republican voters.
A newly released Hill-HarrisX poll found that 59% of registered US voters support the proposal, and that breaks down to 62% of women, 55% of men, 57% of southerners, 56% of rural voters, 60% of independents, 71% of Democrats, and even 45% of Republicans.
The establishment has attributed AOC's incredible reach and influence to many factors -- her physical attractiveness, her ignorance, or some kind of witchy, indefinable charisma. ...
https://boingboing.net/2019/01/16/nowhere-to-run.html via https://www.nakedcapitalism.com/
Title: Kapitalismus & Kapitalismuskritik ...
Post by: Link on January 31, 2019, 09:51:20 AM
Quote
[...] Die Titel seiner Bücher sprechen für sich: "Rating-Agenturen, Einblicke in die Kapitalmacht der Gegenwart", "Heuschrecken im öffentlichen Raum – Public Private Partnership – Anatomie eines globalen Finanzinstruments". Auch in der Aufsatzsammlung "Fassadendemokratie und tiefer Staat" ist er mit einem Beitrag vertreten. Werner Rügemer, der in Bremen Philosophie studiert hat, ist ein ebenso unerschrockener wie unbequemer Analytiker, wenn es darum geht, komplexe Verflechtungen in der globalisierten Finanzwelt aufzudecken. ...

... Ein Sündenfall sei gewesen, dass die Treuhand 1990 US-amerikanische Wirtschaftsberater wie McKinsey, Ernst & Young oder Price Waterhouse Coopers eingeladen habe, zu taxieren, wie viel die rund 8000 DDR-Betriebe auf dem Weltmarkt denn wohl wert wären, sagte Rügemer. Unternehmen wie Robotron etwa wurden auf umgerechnet fünf Euro (zehn D-Mark) veranschlagt und verkauft. Die Investoren hätten durchschnittlich umgerechnet 15 Millionen Euro an Subventionen pro Fall bekommen. Dieser Ausverkauf der DDR-Unternehmen habe nach nur vier Jahren mit einem satten Minus von umgerechnet 135 Milliarden Euro geendet. "Ein Defizit, das komplett vom Bundeshaushalt übernommen wurde."

... Nach der Abwicklung der DDR-Betriebe kam die neoliberale Privatisierungsbewegung von 1995 bis 2005 in Deutschland erst so richtig in Schwung. "Es erfolgte eine Dauerbeauftragung amerikanischer Privatisierungsberater und ihrer Investoren", sagte Rügemer. In 150 deutschen Städten war ein  Ausverkauf der Infrastruktur zu verzeichnen, nach dem Prinzip "Crossborder Leasing": Beispielsweise wurde die Stromversorgung an private Unternehmen verkauft, die dann  die Strompreise stark erhöhen konnten. In Bremen wurde unter anderem in Zusammenhang mit dem Klinikum Mitte über Public Private Partnership (PPP) gestritten, auch in einer Diskussionsrunde in der Villa Ichon. "So wird der privatisierte Staat zum unmittelbaren Exekutor der minderheitlichen Interessen von privaten Eigentümern", kommentiert Rügermer die Entwicklung. Schon der Bundesrechnungshof habe davor gewarnt, dass durch die Privatisierung wichtiger Aufgaben die Gestaltungskompetenz des modernen Staates eingeschränkt werde. So wurde etwa die Kölner Kanalisation samt Stadtwerken für zwei Milliarden Euro an die Fidelity Bank in Oklahoma verkauft und dann zurück gemietet. Der Haken an der Sache laut Rügemer: Die Städte trügen trotzdem alle infrastrukturellen Risiken. Und gutgläubige Politiker hätten meist nicht einmal die bis zu 2000 Seiten dicken Verträge gelesen.

Werner Rügemer hat auch aufgedeckt, dass die drei marktbeherrschenden Rating-Agenturen Eigentum von Hedge- und Investmentfonds der Banken sind, die eben von Gefälligkeits-Bewertungen der Agenturen profitieren. Die Macht der Beraterunternehmen habe sich inzwischen verselbstständigt, kritisiert er. Ursprünglich waren sie in der Zeit des US-Präsidenten Roosevelt per Gesetz als Kontrollinstanz gegen Bilanzfälschung und als Reaktion auf den Börsencrash von 1928 ins Leben gerufen worden. Wirtschaftsberatungsunternehmen aber würden heute von denjenigen Aktiengesellschaften bezahlt, die sie prüfen sollen, sagte Rügemer. Der Geprüfte wähle den Prüfer aus, der häufig gleichzeitig der Steuerberater des Unternehmens sei und  satte Gewinne mache. "Das ist ein pervertiertes System!", schimpfte Rügemer. Und deshalb habe das Frühwarnsystem 2008 bei der großen Banken- und Weltwirtschaftskrise versagt.

Aber auch Investment-Banken wie Goldman Sachs nähmen Einfluss auf die Bundesregierung: "Jörg Kukies ging in den 15 Jahren als Chef der deutschen Niederlassung von Goldman Sachs im Bundeskanzleramt ein und aus", sagte Werner Rügemer. Selbst das "Manager Magazin" habe anlässlich der Berufung von Jörg Kukies zum Staatssekretär ins Finanzressort geschrieben: "Scholz macht Brandstifter zur Feuerwehr!"  Erster, zarter Widerstand gegen diese unguten Entwicklungen rege sich nun, sagte Rügemer und nannte Bürgerinitiativen wie "Gemeingut – Bürgerhand".


Aus: "Von der Macht der Beratungsunternehmen: Der Ausverkauf des Staates" Sigrid Schuer (23.03.2018)
Quelle: https://www.weser-kurier.de/bremen/stadtteile/stadtteile-bremen-mitte_artikel,-der-ausverkauf-des-staates-_arid,1713476.html (https://www.weser-kurier.de/bremen/stadtteile/stadtteile-bremen-mitte_artikel,-der-ausverkauf-des-staates-_arid,1713476.html)

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[...] Am 8.1. 2019 wurde nach fünf Jahren das Gerichtsverfahren gegen den Lobby- und Privatisierungskritiker Werner Rügemer eingestellt. Telepolis sprach mit dem Autoren, der sich hierzulande einen Namen als Aufdecker heikler, meist skandalöser Bereiche im politisch-wirtschaftlichen Betriebssystem gemacht hat ...

Herr Rügemer, Sie sind von Prof. Dr. Klaus Zimmermann verklagt worden. Wer ist Herr Zimmermann, welche Posten bekleidet er und was waren seine Gründe?
Werner Rügemer: Herr Zimmermann war damals, 2013, Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit, IZA, in Bonn. Das Institut war 1998 von Klaus Zumwinkel gegründet worden, Chef der Deutschen Post. Zumwinkel kam von McKinsey und hatte im Auftrag der Bundesregierung die Bundespost privatisiert. Das IZA sollte die Umgestaltung der Arbeitsverhältnisse wissenschaftlich absichern, auch bei weiteren Privatisierungen. Das IZA hat dann auch bei den Hartz-Gesetzen beraten. Zimmermann war damals einer der führenden neoliberalen Ökonomen. Er war gleichzeitig Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, DIW, in Berlin.
Ich hatte in den Blätter(n) für deutsche und internationale Politik einen Artikel veröffentlicht: "Die unterwanderte Demokratie. Lobbyisten auf dem Marsch durch die Institutionen". Darin hatte ich Unternehmensberater wie McKinsey, Wirtschaftsprüfer wie Price Waterhouse Coopers und Wirtschaftskanzleien wie Freshfields dargestellt. Sie waren zu Dauerberatern des Staates aufgerückt, gleichzeitig aber bekamen sie weiter Aufträge von privaten Unternehmen und Banken.
Als Lobbyisten, die damit nicht einfach von außen an den Staat herantreten wie etwa der Unternehmerverband BDI, sondern schon Teil des Staates sind, hatte ich auch Institute dargestellt. Sie werden von privaten Unternehmen finanziert, haben aber eine universitäre Tarnkappe. Dazu gehört das Zentrum für Arbeitsrecht und Arbeitsbeziehungen, ZAAR.
Das Zentrum, seine drei Professoren, das weitere Personal, die Bibliothek werden ausschließlich von den Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektroindustrie Bayerns und Baden-Württembergs und dem Arbeitgeberverband Chemie finanziert. Das Zentrum firmiert aber nach außen als Institut der staatlichen Universität München.
Ähnlich ist es beim IZA: Es wird von der Stiftung der Deutschen Post finanziert, Präsident der Stiftung ist Zumwinkel. Gleichzeitig firmiert das IZA als Einrichtung der staatlichen Universität Bonn, die für Zimmermann eine neue Professorenstelle einrichtete. Er tat sich durch Interviews und Artikel in unternehmensnahen Medien hervor, etwa mit Polemik gegen den Mindestlohn und mit der Forderung nach verlängerter Arbeitszeit. Dabei wurde seine Funktion als Direktor des IZA erwähnt, aber nicht die private Finanzierung.

TP: Was hat Herr Zimmermann konkret moniert?


Werner Rügemer: Zimmermann ließ mir und der Zeitschrift durch einstweilige Verfügung über die Pressekammer des Landgerichts Hamburg vier Aussagen verbieten:

  1)  "faktenwidrig bezeichnet sich das Institut als unabhängig."
  2)  "Von freier Wissenschaft kann hier beim besten Willen nicht gesprochen werden."
  3)  "Das IZA betreibt Lobbying zugunsten der Unternehmer."
  4)  "Die Finanzierung durch die Deutsche Post AG ist dem breiten Publikum unbekannt."


TP: Was wurde Ihnen angedroht?

Werner Rügemer: Bei Wiederholung der fraglichen Aussagen wird ein Ordnungsgeld bis zu 250.000 Euro oder eine Ordnungshaft bis zu zwei Jahren fällig. Den Streitwert legte das Gericht auf 80.000 Euro fest. Ich widersprach der Verfügung, deshalb mussten die Vorwürfe in einem Hauptverfahren geklärt werden. Zimmermann erhob eine sogenannte Hauptsachenklage.
Er ließ sich durch die Bonner Kanzlei Redeker Sellner Dahs vertreten. Das ist eine "renommierte" Großkanzlei mit einer eigenen Medienrechtsabteilung. Mandanten waren etwa Helmut Kohl, Bundespräsident Christian Wulff, Papst Benedikt XVI. und Angela Merkel. Zimmermann maß somit auch durch die Wahl der Kanzlei dem Verfahren eine gewisse Bedeutung zu.
Was viele nicht wissen: Im Medienrecht gilt der "fliegende Gerichtsstand". Eine Zeitung oder Zeitschrift kann man überall lesen. Deshalb kann überall geklagt werden. Zimmermann wählte Hamburg. Die dortige Pressekammer gilt als die unternehmerfreundlichste in Deutschland.

TP: Wie lange hat sich das Verfahren hingezogen?

Werner Rügemer: Das Verfahren zog sich fünf Jahre hin. Das Landgericht schlug in zwei Verhandlungen Vergleiche vor. Zimmermann, aber auch ich stimmten nicht zu. Deshalb landete das Verfahren beim Oberlandesgericht. Das ließ das Verfahren drei Jahre liegen.
Dann entdeckte mein Anwalt Eberhard Reinecke 2018 eine neue Klausel im Gerichts-Verfahrensgesetz: Danach kann man bei unbegründeter Verzögerung pro Jahr eine Entschädigung bis zu 1.200 Euro erhalten. Wir verlangten das. Umgehend überwies der Finanzsenator der Freien und Hansestadt Hamburg im Dezember 2018 mir die 1.200 Euro, sozusagen als unverhofftes Weihnachtsgeschenk. Der Finanzsenator bezahlte auch die Rechnung meines Anwalts.
Gleichzeitig setzte das OLG Hamburg kurzfristig einen Verhandlungstermin für den 8.1.2019 fest. Daraufhin zogen Herr Zimmermann, beziehungsweise das IZA, sofort ihre Klage zurück und zwar vollständig. Der Termin wurde aufgehoben.

...

TP: Nun hat also Professor Zimmermann die Klage zurückgezogen. Können Sie sich vorstellen warum?

Werner Rügemer: Dem Sponsor Deutsche Post wurde das Verhalten Zimmermanns während des Verfahrens zunehmend unangenehm. Zimmermann hatte die vom Landgericht vorgeschlagenen Vergleiche auf der IZA-Website jeweils sofort als seine vollständigen Siege ausgegeben. Insbesondere das Handelsblatt berichtete ausführlich über das Verfahren, berichtete auch über dubiose Gutachten des Instituts.
Zimmermann hatte 2011 als Präsident des DIW zurücktreten müssen: Der Berliner Rechnungshof hatte die Verschwendung von Fördergeldern, zu häufige Abwesenheit und Unregelmäßigkeiten bei Abrechnungen moniert. Deutsche Post und Zumwinkel und viele internationale Ökonomie-Institutionen wie die Europäische Kommission und die Weltbank hielten allerdings an ihm fest ebenso die Universität Bonn. "Unregelmäßigkeiten" und multifunktionale Selbstbereicherung scheinen organisch zu der hier vertretenen Ökonomie zu gehören.
Das Image der Deutschen Post und ihrer Stiftung standen dann doch infrage. Deshalb wurde Zimmermann Ende 2015 auch als IZA-Direktor entlassen.
Eine Rolle mag dabei auch die Solidarität gespielt haben, die ich erfuhr. Zum einen hat die aktion gegen arbeitsunrecht das Solidaritätskonto "Meinungsfreiheit in der Arbeitswelt" eingerichtet. Darauf gingen zahlreiche Spenden ein. Die mehreren tausend Euro Verfahrenskosten konnten dadurch gedeckt werden und ich konnte das Verfahren durchhalten.

Schließlich haben 53 Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats von attac 2014 eine Solidaritätserklärung veröffentlicht, einen Offenen Brief an Professor Zimmermann: "Wir halten Rügemers Darstellung für zutreffend! Verklagen Sie uns auch!" Der Offene Brief war von Prof. Elmar Altvater initiiert worden.
Zu den Unterzeichnern gehörten u.a. Armin Bernhard, Claudia von Braunmühl, Christoph Butterwegge, Klaus Dörre, Ulrich Duchrow, Heide Gerstenberger, Peter Grottian, Andreas Fisahn, Frigga Haug, Clemens Knobloch, Lydia Krüger, Hans-Jürgen Krysmanski, Stephan Lessenich, Ingrid Lohmann, Birgit Mahnkopf, Mohssen Massarat, Jürgen Schutte, Christa Wichterich, Winfried Wolf. Auch der Schriftstellerverband PEN Deutschland hatte bei seiner Jahrestagung 2014 eine Solidaritätserklärung beschlossen.

TP:Sie sind in Ihrem Leben nicht zum ersten Mal verklagt worden. Wie oft wurde vor dem Gericht dem Kläger Recht gegeben?

Werner Rügemer: Seit 1993 wurde ich mit etwa zwei Dutzend Verleumdungsklagen und Unterlassungsforderungen überzogen, vor allem durch Politiker und Banker. Beim ersten Mal, als mir an einem Samstagvormittag zuhause durch persönlichen Boten die Klage mit einer Strafdrohung von 250.000 Mark übergeben wurde, war ich total verängstigt. Mit der Zeit entwickelte ich Routine und Gelassenheit, auch mithilfe meines Anwalts.

Das Schema bei den Klägern und bei den Gerichten ist etwa wie folgt: Die Kläger wollen ihrem Milieu demonstrieren, dass sie die "Vorwürfe" nicht auf sich sitzen lassen, fordern Unterlassung oder gehen gleich vor Gericht. Einem amtierenden Politiker und Unternehmenschef, die zudem eine strafbewehrte Eidesstattliche Erklärung beifügen, glauben deutsche Gerichte in erster Instanz immer. Meist wird auch Eilbedürftigkeit angemahnt. Deshalb wird der Beklagte wie ich erstmal nicht angehört.
Viele Beklagte wie die Blätter für deutsche und internationale Politik geben in dieser Phase auf. Sie wollen keinen Ärger, freuen sich, wenn sie mit ein paar hundert Euro Anfangskosten herauskommen und löschen die fragliche Veröffentlichung oder wiederholen sie nicht.
Das hat allerdings teilweise fatale Folgen. Die ersten harten Verfahren gegen Veröffentlichungen von mir richteten sich in den 1990er Jahren gleichzeitig gegen die Kölner StadtRevue. Sie veröffentlichte meine Titelgeschichten über den "Kölner Klüngel". Kläger waren etwa der Kölner Oberbürgermeister, der Oberstadtdirektor und der Präsident des 1. FC Köln.

Als bei der Verleumdungsklage des Oberbürgermeisters, dessen zahlreiche Nebeneinkünfte ich beschrieben hatte, ein Bußgeld von 40.000 Mark drohte, kündigte die Redaktion die Zusammenarbeit mit mir: Die sei existenzbedrohend. Das änderte sich auch nicht, als das höhere Gericht das Verfahren einstellte.
Wenn man sich wehrt, steigen die Aussichten von Instanz zu Instanz, wenn auch nicht immer. Da sind die Richter verpflichtet, sich genauer in die Materie einzuarbeiten. In den meisten Verfahren wurden die Ermittlungen gegen mich eingestellt.
In einem wichtigen Fall, einer Klage der Bank Sal. Oppenheim, damals 2006 noch die größte Privatbank Europas, ergab sich in der letzten Instanz, dem Berliner Kammergericht, ein Vergleich: Von den 22 Unterlassungsforderungen blieben 10 übrig.

Entsprechend wurden die Gesamtkosten dann aufgeteilt. Allerdings ging kurz darauf die Bank pleite, sie wurde von der Deutschen Bank aufgekauft: Die stellte den Rest der ebenfalls noch anhängigen Klagen sofort ersatzlos ein.


Aus: "Klage gegen Lobbyismus-Kritiker Rügemer zurückgezogen" Reinhard Jellen (30. Januar 2019)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Klage-gegen-Lobbyismus-Kritiker-Ruegemer-zurueckgezogen-4292880.html?seite=all (https://www.heise.de/tp/features/Klage-gegen-Lobbyismus-Kritiker-Ruegemer-zurueckgezogen-4292880.html?seite=all)

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[...] Sie werfen tiefe Schatten über Friedrich Merz' Kandidatur um den CDU-Vorsitz: Seine Verbindungen zur Investmentindustrie. In der Kritik steht vor allem sein Job als Aufsichtsratschef bei BlackRock, der wohl mächtigsten Schattenbank weltweit. ... Dass CDU-Politiker enge Beziehungen zur Wirtschaft pflegen ist eigentlich nichts Neues - doch laut Rügemer und Grottian hat das Ganze im Fall Merz ein völlig neues Ausmaß angenommen. "Die Macht des Kapitals bei den CDU-Regierungen war immer mehr oder weniger irgendwie verdeckt - hat also nicht die Repräsentanz in der obersten politischen Spitze angestrebt. Und das ist jetzt mit Merz anders", so Rügemer. "Der vom größten Kapitalunternehmen der westlichen Welt zum deutschen Aufsichtsratsvorsitzenden ernannte oberste bezahlte Lobbyist soll nicht nur - wie bisher - im Kanzleramt [verkehren], sondern möchte jetzt CDU-Vorsitzender und Bundeskanzler werden." ...


Aus: "Friedrich Merz, Vertreter der Finanzwelt?" Ben Knight (01.12.2018)
Quelle: https://www.dw.com/de/friedrich-merz-vertreter-der-finanzwelt/a-46527408 (https://www.dw.com/de/friedrich-merz-vertreter-der-finanzwelt/a-46527408)

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[...] Der Kölner Publizist und Vorsitzender der Aktion gegen Arbeitsunrecht referiert über US-Investoren, die sich seit Ende der 1990er Jahren unter den Regierungen von Gerhard Schröder und Angela Merkel in tausende der wichtigsten Unternehmen in Deutschland eingekauft haben. Die großen Kapitalorganisatoren vom Typ „Blackrock“ sind die Haupteigentümer aller 30 DAX-Konzerne, organisieren etwa die Fusion von Bayer und Monsanto. Private Equity-Investoren haben über 10.000 gut gehende Mittelstandsfirmen aufgekauft, verwertet, an die Börse gebracht oder weiterverkauft. Ebenso geht es in dem Vortrag um die von Werner Rügemer so genannte „zivile Privatarmee des internationalen Kapitals“ mit den Abteilungen Unternehmensberatung, Wirtschaftsprüfung, Wirtschaftsrecht und Rating. ...


Aus: "Vortrag mit Werner Rügemer über den „Blackrock-Kapitalismus“" (24. Januar 2019)
Quelle: https://www.lokalkompass.de/hagen/c-politik/vortrag-mit-werner-ruegemer-ueber-den-blackrock-kapitalismus_a1061736 (https://www.lokalkompass.de/hagen/c-politik/vortrag-mit-werner-ruegemer-ueber-den-blackrock-kapitalismus_a1061736)

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[...] Etwa zwei Dutzend Schattenbanken spielen heute in der Oberliga der westlichen Wirtschaft. Blackrock ist der größte dieser Kapitalorganisatoren, mit den etwas kleineren Vanguard und State Street bildet Blackrock die Führungsgruppe der „Big Three“.

Sie alle arbeiten mit dem Kapital der Superreichen, der Multimilliardäre und Multimillionäre. Unternehmerclans, Topmanager, Unternehmensstiftungen, Pensionsfonds und Versicherungen gehören dazu, deren flüssiges Kapital an Blackrock & Co. weitergereicht wird mit der Erwartung: Macht was draus – und zwar höheren Gewinn als in meiner bisherigen Bank oder in meinem eigenen Unternehmen!

Blackrock trägt zu Steuervermeidung im großen Stil bei. Denn wenn die Superreichen ihre Millionen Blackrock anvertrauen, der Kapitalorganisator damit etwa 7,86 Prozent der Eon-Aktien zusammenkauft und zum größten Eigentümer des Energiekonzerns wird, dann lässt Blackrock dafür 152 Blackrock-Tochterfirmen gründen. Das sind 152 Briefkastenfirmen, die über ein Dutzend Finanzoasen verteilt sind: Wilmington im winzigen US-Bundesstaat Delaware – dort hat Blackrock selbst seinen rechtlichen Sitz –, Luxemburg, die Niederlande, die britische Insel Jersey oder Singapur. Rechnet man das hoch, dürften also die Aktien, die Blackrock für seine Kunden allein in den 30 DAX-Konzernen hält, auf etwa 5.000 Briefkastenfirmen verteilt sein. Ob Bundesfinanzminister Olaf Scholz davon schon gehört hat? Was sagt sein Staatssekretär Jörg Kukies dazu? Kukies war vormals bei Goldman Sachs – Blackrock ist dort Großaktionär. ...


Aus: "Die im Dunkeln" Werner Rügemer (Ausgabe 47/2018)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/die-im-dunkeln (https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/die-im-dunkeln)

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Herr Keuner | Community


Ja, Blackrock ist schon ein Phänomen. DAs Unternehmen berät Politik und Wirtschaft und kann so ein für Blackrock günstiges Umfeld schaffen. Auf Grund von Insiderwissen kann es "legal" den Markt manipulieren. Kontrolliert wird es von jenen, die von dieser Praxis profitieren. Ein wirtschaftliches Perpetum Mobile, das zeigte, was passiert wenn sich Macht zu stark konzentriert. ...


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Title: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
Post by: Link on March 06, 2019, 09:13:23 AM
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Griesoss1 #18

Wir leben in perversen Zeiten! Ein oder, global betrachtet, von mir aus mehrere Gesellschafts bzw Wirtschaftssysteme, die es erlauben, dass nicht wenige Menschen innerhalb weniger Jahre ein Vermögen von 10, 20, 30, 40 , bis hin zu über 100 Milliarden € "erarbeiten" können. Dass diese Vermögen Schwankungen unterliegen ist klar, kann man aber bei diesen Größenordnungen vernachlässigen.


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[...]  sittingbull #13

... das jährliche Schaulaufen der Forbes-Liste [ist] mit einer Fieberkurve zu vergleichen, die den Grad der Krankheit unseres wahnwitzigen Gesellschaftssystems ausdrückt.



Kommentar zu: "Milliardärs-Ranking: Mark Zuckerberg fällt in "Forbes"-Reichenliste um drei Plätze" (6. März 2019)
https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-03/forbes-milliardaers-ranking-mark-zuckerberg-faellt-reichenliste (https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-03/forbes-milliardaers-ranking-mark-zuckerberg-faellt-reichenliste)
Title: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
Post by: Link on May 29, 2019, 11:19:53 AM
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[...] Es gibt wohl nicht viele Leute, die John Hickenlooper kennen - nicht einmal in Amerika. Dabei hat sich der demokratische Präsidentschaftsbewerber und frühere Unternehmer Großes vorgenommen: "Ich trete an, um den Kapitalismus zu retten."

Das Wahlkampfversprechen des 67-jährigen Ex-Gouverneurs von Colorado scheint im Kernland der Turbomarktwirtschaft auf den ersten Blick weit hergeholt: Wenn es ein Land gibt, in dem alle glauben, es zähle vor allem die Anstrengung jedes Einzelnen und der Staat habe sich tunlichst rauszuhalten, dann die USA.

Tatsächlich aber ist in den USA eine Debatte entbrannt, die noch vor nicht allzu langer Zeit unmöglich schien: Ist unser System am Ende? Und ist der Sozialismus womöglich die bessere Wahl?

Es sind vor allem die Jüngeren, die diese ketzerischen Fragen stellen. Fast jeder Zweite in der Altersgruppe der Millennials und Generation Z erklärte kürzlich in einer Umfrage im Auftrag des Nachrichtenportals "Axios", dass er lieber in einem sozialistischen Land leben würde.

So richtig in Schwung gebracht hat die Sache aber nun ausgerechnet jemand, der in einer Kommandozentrale des sich schnell drehenden Geldes sitzt: Ray Dalio, Gründer des weltgrößten Hedgefonds Bridgewater Association, der auf ein persönliches Vermögen von geschätzt 17 Milliarden Dollar kommt. Im Vorfeld der Milken Institute Global Conference, dem jährlichen Treffen der Finanzjongleure, veröffentlichte Dalio vor einigen Wochen auf Linkedin eine vernichtende Abrechnung mit dem Wirtschaftsmodell, das ihn reich gemacht hat.

Mit zwölf Jahren sei er zum Kapitalisten geworden, schreibt er: Was er mit Zeitungsaustragen und Rasenmähen verdiente, investierte der Schüler an der Börse. Seit dieser Zeit habe ihn "das wirtschaftliche Investitionsspiel" gefesselt, bekennt der heute 69-Jährige, und dann kommt es: Für die Mehrheit der Amerikaner jedoch "funktioniert Kapitalismus heute nicht gut". Stattdessen produziere das System eine Spirale wachsender Ungleichheit. Dalios Warnung: Was sich nicht weiterentwickelt, das sterbe: "Und das trifft nun auf den Kapitalismus zu."

Der im luxuriösen Beverly Hilton versammelten Branche hat Dalio damit ein Menetekel an die Wand gemalt, auf das viele mit Schrecken starren. Amerikas Unternehmer, Banker und Börsianer stehen unter Rechtfertigungsdruck wie nie: Kommt von ihren Milliardenprofiten noch genug bei den Menschen im Land an? Je weniger die ökonomische "Trickle-down-Theorie" funktioniert, desto schneller verliert der Sozialismus seinen Schrecken.

"Trickle down" beschreibt die Idee, dass vom Wohlstand der Reichen im Wirtschaftssystem ganz automatisch bald die Armen profitieren, wenn man den Markt nur ungestört machen lasse. Doch davon ist wenig zu spüren, trotz zehnjährigem Konjunkturaufschwung ist die Finanzlage vieler Haushalte trist. 40 Prozent der Amerikaner hatten nach einer aktuellen Studie der Notenbank Fed 2017 nicht genug Ersparnisse, um eine unvorhergesehene Ausgabe von 400 Dollar zu bezahlen.

Konzerne wie General Electric und Honeywell listen in ihren Jahresberichten "negative Einstellungen gegenüber multinationalen Konzernen" und Populismus inzwischen als Risikofaktoren für ihr Geschäft auf. Die Mitgliedschaft in der linken Gruppierung Democratic Socialists of America hat sich seit Amtsantritt Trumps verzehnfacht - auf die allerdings magere Zahl von 56.000 Mitgliedern. Schwerer wiegt: Nach einer Gallup-Umfrage vom Sommer 2018 ist der Anteil der 18- bis 29-jährigen Amerikaner, die den Kapitalismus positiv sehen, seit 2010 von 68 auf 45 Prozent gestürzt.

Die wachsende Sympathie junger Leute für die sozialistische Alternative versetze die Unternehmer in Angst und Schrecken, glaubt der Präsident der Ford Foundation, Darren Walker. "Für sie ist das unglaublich furchterregend", sagte er der "Financial Times".

Jahrzehntelang haben sich Politikwissenschaftler mit der Frage gequält, wieso die USA immun gegen sozialistische Strömungen sind. Nun liegt die Antwort vor: Sie sind es nicht.

Davon profitieren zwei Politiker, die sich an die Spitze der Bewegung gesetzt haben: eine junge Frau und ein alter Mann, die sonst wenig verbindet. Alexandria Ocasio-Cortez und Bernie Sanders nennen sich beide "demokratische Sozialisten". Die 29-jährige frischgebackene New Yorker Kongressabgeordnete und der 77-jährige Senator aus Vermont haben die Koordinaten in der demokratischen Partei nach links verschoben. Im Vorwahlrennen liegt Sanders auf Platz drei von 23 Bewerbern. "Sozialismus ist cool", sorgt sich schon das konservative "Wall Street Journal".

Als Sanders jüngst beim Feindsender Fox auftrat, schalteten 2,6 Millionen ein - nicht nur seine Anhänger, sondern auch seine Gegner nehmen den weißhaarigen Politsenior ernst, der es nach der Niederlage gegen Hillary Clinton noch mal wissen will. Inwiefern der Sozialismus dem Kapitalismus überlegen sei, wurde Sanders bei einem seiner Auftritte gefragt. Wer auf Signalwörter wie die Verstaatlichung von Produktionsmitteln oder Bankenenteignungen gewartet hatte, wurde enttäuscht. Demokratischer Sozialismus bedeute für ihn, "dass wir in einer zivilisierten Gesellschaft sicherstellen, dass alle Menschen in Sicherheit und Würde leben", antwortete Sanders.

Tatsächlich kommt einem die Debatte aus deutscher Sicht wie ein semantisches Missverständnis vor: Wo in den USA Sozialismus draufsteht, ist Sozialdemokratie drin. "Meine Politik ähnelt am ehestem dem, was wir in Großbritannien, in Norwegen, in Finnland, in Schweden sehen", sagt Ocasio-Cortez selbst. Amerikas tonangebende Sozialisten wollen keinen ökonomischen Regimewechsel, sondern das, was für die meisten Europäer selbstverständlich ist: eine Krankenversicherung für jedermann, ein kostenloses Studium und höhere Steuern für diejenigen, die es sich leisten können.

Dass Amerika aber überhaupt ernsthaft über solche - milliardenteuren - Reformen streitet, ist neu. Ocasio-Cortez "ist weder ein Ausreißer noch eine Radikale. Sie ist nah am politischen Zentrum von Amerikas junger Generation", ist der Historiker Niall Ferguson überzeugt. Die jungen Wähler seien nach links gerückt, schreibt der konservative Professor in einem gemeinsamen Stück mit einem liberalen Jungwissenschaftler in "The Atlantic". Und zwar in politischen und kulturellen Fragen genauso wie in ökonomischen.

Die Elite der Demokratischen Partei setzt das unter Zugzwang. Viele Politiker vollziehen den Schwenk nach links mit, ob sie wollen oder nicht. Dass immer mehr Menschen sich desillusioniert fühlen davon, "wie Kapitalismus praktiziert wird", könnte zu einer entscheidenden Triebfeder bei der Präsidentschaftswahl 2020 werden, sagt Steve LeVine von "Axios" voraus.

So paradox es klingt: Dem republikanischen Präsidenten Donald Trump könnte das helfen. Er setzt darauf, mit dem Schreckgespenst des Sozialismus die eigene Basis und die älteren Wähler zu mobilisieren, die den Kalten Krieg aus eigener Anschauung kennen. Die Demokraten mögen Skandinavien meinen, wenn sie Sozialismus sagen - die Republikaner hören Venezuela. Also Chaos, Hunger, Diktatur. "Wir glauben an den amerikanischen Traum, nicht den sozialistischen Albtraum", polterte Trump und warnte nicht nur davor, dass die Demokraten den Amerikanern ihre Autos wegnehmen und Flugreisen streichen würden: "Du wirst keine Kühe mehr besitzen dürfen." Die Ökonomiedebatte wird zur ideologischen Twitter-Schlacht.

Die Polarisierung sorgt viele Unternehmen. "Was wirklich kommen wird, ist der Klassenkampf", warnte Alan Schwartz, Manager der Investmentbank Guggenheim Partners. Hedgefonds-Manager Dalio ist überzeugt, dass es ohne grundlegende Veränderungen nicht gehen wird. "Die meisten Kapitalisten wissen nicht, wie man den ökonomischen Kuchen gut aufteilt, und die meisten Sozialisten wissen nicht, wie man ihn gut vergrößert." Wenn es nicht gelinge, beide Seiten zusammenzubringen, dann "werden wir große Konflikte haben und irgendeine Form der Revolution, die allen schadet und den Kuchen schrumpft."

Auch Präsidentschaftskandidat Hickenlooper empfiehlt, "zu reparieren, bevor es zu spät ist". Die Wahl 2020 werde darüber entscheiden, "ob der Kapitalismus in Amerika gedeiht", glaubt er. Der Ex-Gouverneur wird daran selbst wohl nicht beteiligt sein. Seine Umfragewerte liegen bei rund einem Prozent.


Aus: "Wohlstand: Amerika zweifelt am Kapitalismus" Ines Zöttl, Washington (29.05.2019)
Quelle: https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/usa-amerika-zweifelt-am-kapitalismus-a-1269693.html (https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/usa-amerika-zweifelt-am-kapitalismus-a-1269693.html)

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österreichischeschule heute, 09:53 Uhr
15. Linke Planspiele

Bei allem nötigen Respekt, aber in Amerika gewinnt niemand Wahlen der zu weit links steht. Mit zu weit Links ist in Amerika in der Tat die Sozialdemokratie gemeint. Bernie Sanders hätte es evtl. vor 4 Jahren schaffen können, als Trump noch ein aufziehender Albtraum war. Diese Chance haben die Demokraten aufgrund von inneren Machtkämpfen verstreichen lassen. Mit seinem "Amtsbonus" wird Trump von einen "linken" Kandidaten nicht zu schlagen sein.  ...


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dasfred 29.05.2019, 09:21 Uhr

6. Alles eine Frage der Perspektive
"Für Arme ist es nicht schlimm, arm zu sein. Für uns wäre es eine Katastrophe." so ähnlich formuliert es eine Landadlige im Film Maurice von James Ivory. Genau diese Position nimmt der weltweite Geldadel ein. Sie nehmen es als persönliches Schicksal, reich geboren zu sein. Die Armen haben ja bisher auch irgendwie überlebt, warum sollte man etwas ändern. Im Gegenteil, sie verraten ihre eigene Kaste, wenn man ihnen Brosamen zuwirft, wie Arbeit oder ein kleines bisschen Rente. Solange jeder nur den sucht, auf den er noch herabsehen kann, geht der Blick nicht nach oben. Nur dieses System verhindert die Revolution. Die Armen kämpfen gegeneinander, statt miteinander. Die Demokraten haben nur dann Erfolg, wenn sie es schaffen, Solidarität herzustellen. Wo diese fehlt, hat die reiche Oberschicht immer die Möglichkeit, mit Aussicht auf Almosen und Arbeit, Teile der Unterschicht an sich zu binden.


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saarpirat 29.05.2019, 09:55 Uhr
18.

"Die Kapitalisten wissen nicht, wie man verteilt und die Sozies nicht, wie man den Kuchen größer macht." Ist was dran. Die Kapitalisten setzen als Antrieb jedenfalls auf die menschliche Gier, die es immer gab und immer geben wird. Im Grunde ein bombensicheres Fundament. Die Sozialisten setzen auf Solidarität, was leider nicht so gut funktioniert. Sämtliche Lehren, die in diese Richtung gingen, von Jesus bis Marx sind irgenwie gescheitert. Klingt also erst einmal gut auf Kapitalismus zu setzen und den dann irgendwie zu bändigen. Wenn er durch strickte Regeln und Gesetze eingehegt ist, könnte was draus werden. Wichtig wäre eben, dass weder Konzerne, noch Einzelpersonen reich genug wären um zu mächtig zu werden, um über den Gesetzen zu stehen oder sie gar machen (lassen) zu können. Wenn das dann noch mit einem bedingungslosen (ausreichendem) Grundeinkommen und Umweltschutz kombiniert wird könnte es klappen. Wenn die Gier nicht wäre. Dass der Kapitalismus nach dem zweiten Weltkrieg bis Ende der Achtziger so human war, liegt meiner Meinung nach mehr an der Angst der Kapitalisten vor den Roten im Osten, als in ihrer Bescheidenheit. Die eigene Bevölkerung musste ja bei Laune gehalten werden, nicht dass die mit Wahlen etwas geändert hätten. Richtig enthemmt wurde er ja erst, als es diese Gefahr nicht mehr gab.


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frank-xps 29.05.2019, 10:05 Uhr
25. endlich mehr sozialismus
natürlich sind alle bisherigen Sozialismus Experimente krachend gescheitert ob nationale Sozialisten oder Internationale spielte keine Rolle. Unsere Moralischen Überlegenheitsfetischisten welche die Erkenntnis ihrer moralischen Überlegenheit einzig aus ihrer Einbildung beziehen, haben natürlich eine Erklärung für die vielen gescheiterten Experimente des real existierenden Sozialismus. Das war gar kein richtiger Sozialismus und deshalb sehen sich all die Verfechter des Wettbewerbes um die aller schönste Meinung auch unbefleckt mit weißer Weste den Stalin Mao und Pol Pot das waren ja gar keine richtigen Sozialisten :-) schon klar. Jedem Haltungssozialisten sei empfohlen seine Blicke nach Nordkorea und Venezuela zu richten. Ruinen schaffen auch ohne Waffen das ist die empirische Essenz aus sozialistischen Experimenten ...


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enforca  29.05.2019, 10:07 Uhr

28. Jetzt geht das wieder los, dass die Rednecks auf die Straße gehen und gegen eine gesetzliche Krankenversicherung demonstrieren, weil ihnen das zu kommunistisch ist... Das gab es schon zu Obamas Zeiten. Unglaublich hohl.


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syracusa 29.05.2019, 10:09 Uhr

31. Kernfrage: was ist Freiheit

Die Frage lautet im Kern: Was ist Freiheit? Das marktradikale Modell mit der vollen Verantwortung jedes Einzelnen für sich (und *nur* für sich) entartet logischerweise zu einem Recht des Stärkeren. Das Maximum an Freiheit in einer Gesellschaft kann nur durch staatliche Regulierung erreicht werden. Die Freiheit jedes einzelnen Bürgers endet nun mal an den Freiheiten und Rechten der anderen Bürger. Auch wir in Deutschland leben in einem Staat, der die Freiheiten der Wenigen über die Freiheiten vieler stellt. Warum kann man sich als Reicher aus der sozialen Verantwortung bei der Krankenversicherung stehlen? Warum muss ein Niedriglöhner von seinem wenigen Lohn in die Rentenkasse einzahlen, und hat dann im Alter exakt gar nichts davon? ...


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Emderfriese 29.05.2019, 10:10 Uhr

32. Macht
"...Jahrzehntelang haben sich Politikwissenschaftler mit der Frage gequält, wieso die USA immun gegen sozialistische Strömungen sind. Nun liegt die Antwort vor: Sie sind es nicht. …" Sie waren es auch nie. Immer wieder gab es in den USA Versuche, sozialistische/sozialdemokratische Parteien zu etablieren oder auch "nur" sozialistische Gewerkschaften einzurichten. Immer wurden letzten Endes diese Versuche mit zum Teil brutalsten Methoden verhindert. Was den USA wirklich gefehlt hat, war eben eine soziale Revolution wie die französische, aber auch wie die deutsche 1918. Die ökonomischen Machtverhältnisse wurden nie wirklich angetastet ...


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christx 29.05.2019, 10:19 Uhr

38. Ehrlich?

liebe Redaktion - was ist das denn für ein Unsinn? Absolute und leider vollkommen verkehrte Meinungsmache für die Deutschen. Ich lebe nun seit fast 25 Jahren in den USA - deutlich mehr als mein halbes Leben. Hier versucht eine kleinst Gruppierung vielleicht den Kapitalismus zu überwinden. Die Wirtschaft brummt, der Lebensstil ist genial. Jeder der einen Job haben möchte kann einen haben! Selbst als truck driver gibt es Einstiegsgehälter von 85.000$. AOC ist eine verachtete Ultra Links Politikerin die hier niemand in irgendeiner Weise ernst nimmt, auch wenn das deutsche Journalisten gerne so hätten. Die Demokraten zerlegen sich gerade wieder vollkommen selbst. Was bei den Kandidaten auch durchaus gut für unser Land ist. Aber bitte, bitte - bevor sie so einen Stuss schreiben - der sicherlich zu Klicks führt und das sehr links schlagende deutsche Herz erwärmt - gehen sie mal aus Washington DC raus und recherchieren sie in der Realität. Der Kapitalismus funktioniert ganz hervorragend. Wir brauchen keine Regierung die uns sagen will was für tun, machen, denken oder essen sollen! Die Deutschen haben mein Mitleid, sehr schade um ein ehemals wirklich schönes Land. Aber jeder bekommt das was er verdient am Ende. Ich genieße jetzt mal weiter meine Freiheit und Rechte, meinen wirklich gut bezahlten, spannenden Job - der mich alle paar Wochen auch nach Europa bringt. Und werde in wenigen Stunden mit meinem wunderschönen 5.7 Liter V8 Pick Up Truck durch unglaublich schöne, grüne und saubere Landschaften zur shooting range fahren, danach einen Burger und ein Bier genießen und mit ein paar der nettesten, freundlichsten, einfachsten und tollsten Menschen Zeit verbringen. Und wissen sie was? Hier herrscht Freiheit. Und das wird so bleiben. Viele Grüße aus Texas und bitte besser nachforschen bevor sie so einen Quatsch verbreiten.


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[...] Oft ist keine Katastrophe nötig – schon eine hohe Arztrechnung oder eine kostspielige Autoreparatur können das Leben vieler US-Amerikaner aus der Bahn werfen. Fast vier von zehn US-Bürgern können aus eigener Kraft keine unerwartete Rechnung in Höhe von 400 Dollar zahlen. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie der US-Zentralbank Federal Reserve (Fed). 27 Prozent der Befragten müssten sich Geld borgen oder Besitztümer verkaufen, zwölf Prozent könnten den Betrag auch dann nicht aufbringen. 17 Prozent wussten zum Zeitpunkt des Interviews schon, dass sie am Monatsende ihre Rechnungen nicht komplett würden zahlen können.

Diese Zahlen der Fed beschreiben nüchtern die harte soziale Realität in den Vereinigten Staaten. Eine Realität – so zeigt die Studie –, die für Schwarze und Hispanics besonders düster aussieht.

In den Medien und in der Tagespolitik fand das Thema bislang kaum Resonanz. Dabei könnte die Bestandsaufnahme der Fed den Demokraten eine Vorlage für den Wahlkampf gegen Donald Trump liefern. Der US-Präsident brüstet sich seit seinem Amtsantritt mit den guten Wirtschaftsdaten. Doch die Studie zeigt, dass die sozialen Verwerfungen trotz des Wirtschaftswachstums noch immer groß sind. Neben Zahlen zu Einkommen und Arbeitsverhältnissen beleuchtet die Fed-Studie auch Schulden und Lücken bei der Altersvorsorge. Die Ergebnisse machen vielfältige Probleme deutlich.

Da wären zunächst die Löhne. Laut einer im Sommer 2018 erschienenen Studie des Pew Research Center stagniert die inflationsbereinigte Kaufkraft für US-Arbeitnehmer seit 40 Jahren. Vor allem Geringverdiener sind in den vergangenen Jahrzehnten leer ausgegangen. Der bundesweite Mindestlohn ist seit 2007 nicht mehr gestiegen und liegt bei nur 7,25 Dollar. Wer so wenig verdient, kann nichts zurücklegen, auch nicht 400 Dollar für eine unvorhersehbare Ausgabe – oder für die Altersvorsorge. Auch dort zeichnet die Studie ein verheerendes Bild. Ein Viertel der US-Amerikaner hat keine privaten Pensionsrücklagen. Ein deutlich höherer Mindestlohn könnte helfen.

Das sehen offenbar auch die Demokraten und Demokratinnen so. Während sie mit ihrer moderaten Kandidatin Hillary Clinton das Thema 2016 noch weitgehend umschifften, gehört die Erhöhung des nationalen Mindestlohns auf 15 Dollar mittlerweile zu den Standardforderungen der meisten demokratischen Präsidentschaftskandidaten. Auch ein Gesetzesentwurf im Repräsentantenhaus dazu liegt vor. Gerade in trumptreuen Bundesstaaten verdienen überdurchschnittlich viele Wähler weniger als 15 Dollar. Mit dieser Forderung könnten die Demokraten den US-Präsidenten unter Druck setzen, der sich seit seinem Amtsantritt nicht mehr zu dem Thema geäußert hat.

Doch auch ein weitreichender Ausbau der staatlichen Altersvorsorge Social Security wäre notwendig, um Menschen eine stabile Rente zu ermöglichen, die Altersarmut verhindert. 9,2 Prozent der über 65-Jährigen leben trotz Social Security unterhalb der Armutsgrenze des Bundes.

Bisher haben die meisten demokratischen Kandidaten das Thema jedoch ausgespart. Lediglich der Parteilinke Bernie Sanders hat im Falle seines Wahlsiegs eine Ausweitung der staatlichen Rentenversicherung angekündigt und will die Beitragsbemessungsgrenze erhöhen. Während Arbeitnehmer bisher nur auf die ersten knapp 133.000 Dollar ihres Jahreseinkommens Rentenversicherungsbeiträge abführen müssen, sollen laut Sanders' Plan Einkommen bis 250.000 Dollar einbezogen werden. Gutverdiener müssten sich stärker als bisher an der Finanzierung von Social Security beteiligen.

Auch beim Thema Studienschulden besteht Handlungsbedarf: In den vergangenen 30 Jahren haben sich die Studiengebühren in den USA an öffentlichen Universitäten mehr als verdreifacht und an privaten Hochschulen mehr als verdoppelt. Vor allem Minderheiten besuchen wegen des hochselektiven Zulassungsverfahrens an US-Universitäten häufig gewinnorientierte sogenannte For-Profit-Colleges, die zwar bereitwillig fast alle Studenten und Studentinnen aufnehmen, aber entsprechend teurer sind. 20 Prozent der Absolventen sind laut Fed-Studie bei der Rückzahlung ihrer Studienschulden im Verzug.

Diese Studienschulden lähmen viele junge Amerikaner. Laut Fed zahlen Schuldner zwischen 200 und 299 Dollar im Monat ab – Geld, das bei der Familienplanung oder beim Kauf einer Immobilie fehlt.

Da von hohen Studienschulden vor allem die demokratische Stammwählerschaft aus gut gebildeten Großstädtern betroffen ist, haben sich fast alle ihrer Kandidaten und Kandidatinnen für 2020 für eine zumindest teilweise Abschaffung der Studiengebühren ausgesprochen. Bisher hat aber nur Elizabeth Warren, Senatorin aus Massachusetts, einen detaillierten Plan zur Tilgung von Studienschulden vorgelegt. Wer ein Haushaltseinkommen von weniger als 100.000 Dollar hat, dem erstattet der Staat bis zu 50.000 Dollar Studiengebühren. Warrens Vorschlag würde nach eigenen Angaben 640 Milliarden Dollar kosten und vor allem der Mittelschicht zugutekommen.

Zu wenig politischen Rückhalt erfährt auch das Thema Arbeitsrecht. 2018 waren gerade einmal 10,8 Prozent der Beschäftigten in Gewerkschaften organisiert – halb so viele wie 1985. Während Gewerkschaften im öffentlichen Sektor noch gut vertreten sind, sieht es im Privatsektor schwach aus. Nur 6,4 Prozent der dort Beschäftigten waren vergangenes Jahr in Gewerkschaften organisiert. Das Resultat sind unter anderem prekäre Beschäftigungsverhältnisse und mangelnde betriebliche Mitsprache. Laut Fed-Studie leidet jeder vierte Arbeitnehmer unter kurzfristigen Dienstplanänderungen.

Auch hierzu haben Elizabeth Warren und Bernie Sanders die detailliertesten Vorschläge erarbeitet. Warren will, dass in den Aufsichtsräten großer Unternehmen 40 Prozent Arbeitnehmer vertreten sind, die die Interessen der Belegschaft vertreten. Bisher ist diese in Deutschland verbreitete Form der Mitbestimmung in den USA unüblich.

Sanders fordert die Abschaffung der sogenannten Right-to-Work-Gesetze, die fast ausschließlich von Republikanern ausgehen und Gewerkschaften in vielen Bundesstaaten daran hindern, Arbeitnehmerbeiträge einzuziehen. Seit Monaten unterstützt er mit Solidaritätsaufrufen Streiks im ganzen Land, erst am Donnerstag solidarisierte Sanders sich mit Mitarbeitern der Fast-Food-Kette McDonald's, die einen Mindestlohn von 15 Dollar pro Stunde fordern. Joe Biden, der von vielen Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes unterstützt wird, äußerte sich dagegen nicht zum Streik der McDonald's-Arbeiter.

Der Fed-Bericht zeigt auch die Probleme beim privaten Zahlungsverkehr auf. Sechs Prozent der US-Amerikaner haben demnach kein Bankkonto, weitere 16 Prozent sind trotz Konto wegen mangelnder Deckung auf alternative Finanzierungsquellen angewiesen. Dazu zählen Geschäfte mit Pfandleihern, die es in den Armenvierteln aller US-Großstädte gibt, oder aber die gefürchteten Payday Loans (Zahltagkredite). Entsprechende Anbieter vergeben Darlehen zwar auch an Kunden mit schlechter Bonität, dafür verlangen sie aber Zinsen von durchschnittlich 400 Prozent. Hier sind ebenfalls vor allem Arme und Minderheiten betroffen.

Anfang Mai hat Bernie Sanders gemeinsam mit der Kongressabgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez ein Gesetz vorgestellt, das die Zahltagkredite stark einschränkt und die Zinsen von Kreditkartenschulden auf 15 Prozent beschränkt. Darüber hinaus würde das Gesetz die US-Post dazu auffordern, kostengünstige Bankkonten für finanzschwache Kunden bereitzustellen.

Auch Elizabeth Warren kämpft seit Jahren gegen die Payday-Loan-Industrie: zunächst ab 2010 als Architektin der unter Barack Obama gegründeten Verbraucherschutzbehörde für Finanzdienstleistungen (CFPB) und danach als Senatorin. Für viele andere Präsidentschaftskandidaten hat das Thema dagegen offenbar keine Priorität.

Angesichts der Vielzahl an Problemen bleibt die Frage, warum bisher nur wenige demokratische Kandidaten detaillierte und weitsichtige Konzepte zur Überwindung der tiefen sozialen Spaltung im Land vorgelegt haben. Aus dem Kongress kamen zwar eine Handvoll Gesetzesvorlagen, etwa zur betrieblichen Altersvorsorge und zur Überwachung der Finanzindustrie. Doch diese wenigen Initiativen reichen nicht, um den Wählern auch in der Opposition zu zeigen, dass man eine legislative Agenda im Ärmel hat, die das Leben der Menschen in den USA spürbar verbessern würde.

Stattdessen werden die Kongressarbeit und die politische Berichterstattung von Untersuchungen zum Mueller-Report, Trumps Steuerbescheiden und zahllosen Vorladungen von Vertrauten des Präsidenten geprägt. Mit den Alltagsproblemen der meisten US-Amerikaner hat das nichts zu tun.


Aus: "Zu wenig Lobby für die Mittellosen" Eine Analyse von Jörg Wimalasena, New York  (26. Mai 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-05/usa-studie-fed-wirtschaftsdaten-armut-renten-finanzen-bernie-sanders/komplettansicht (https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-05/usa-studie-fed-wirtschaftsdaten-armut-renten-finanzen-bernie-sanders/komplettansicht)

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deri punkt partei #3

„Trotz guter Wirtschaftsdaten“?

Vielleicht hängt ja das eine mit dem anderen zusammen?


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manveras #3.1 

Offensichtlich: Statistisch gesehen besitzen ja selbst die Ärmsten der Armen kleine Vermögen: "Die privaten US-Haushalte besitzen derzeit ein Rekordvermögen von 107 Billionen Dollar. Doch die reichsten 0,1 Prozent haben gleich viel wie die ärmsten 90 Prozent."
https://www.contra-magazin.com/2018/09/usa-rekordvermoegen-doch-die-haelfte-besitzt-nichts/ (https://www.contra-magazin.com/2018/09/usa-rekordvermoegen-doch-die-haelfte-besitzt-nichts/)


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artefaktum #11

>> Trotz guter Wirtschaftsdaten leben Millionen Amerikaner am Rande des Ruins. <<

Was soll eigentlich immer diese Verwunderung? Diese Entwicklung hat System. Da hat die Politik jahrzehntelang drauf hin gearbeitet, dass immer mehr Geld nach oben umverteilt wird. Das läuft bei uns nicht anders.


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Title: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
Post by: Link on June 05, 2019, 05:02:36 PM
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[...] Colin Crouch (* 1944 in London-Isleworth) ist ein britischer Politikwissenschaftler und Soziologe. Mit seiner zeitdiagnostischen Arbeit zur Postdemokratie und dem gleichnamigen Buch wurde er international bekannt. ... 2004 veröffentlichte Crouch das Werk Post-Democracy, 2008 auf Deutsch unter dem Titel Postdemokratie. Unter einem idealtypischen postdemokratischen politischen System versteht er „ein Gemeinwesen, in dem zwar nach wie vor Wahlen abgehalten werden. Es sind Wahlen, die sogar dazu führen können, daß Regierungen ihren Abschied nehmen müssen, in dem allerdings konkurrierende Teams professioneller PR-Experten die öffentliche Debatte während der Wahlkämpfe so stark kontrollieren, daß sie zu einem reinen Spektakel verkommt, bei dem man nur über eine Reihe von Problemen diskutiert, die die Experten zuvor ausgewählt haben. Die Mehrheit der Bürger spielt dabei eine passive, schweigende, ja sogar apathische Rolle, sie reagieren nur auf die Signale, die man ihnen gibt. Im Schatten dieser politischen Inszenierung wird die reale Politik hinter verschlossenen Türen gemacht: von gewählten Regierungen und Eliten, die vor allem die Interessen der Wirtschaft vertreten.“ Zur Beruhigung der Massen werde eine Scheindemokratie als Showveranstaltung inszeniert. Crouch warf im Jahr 2008 der Politik des Neoliberalismus vor: „Je mehr sich der Staat aus der Fürsorge für das Leben der normalen Menschen zurückzieht und zuläßt, daß diese in politische Apathie versinken, desto leichter können Wirtschaftsverbände ihn – mehr oder minder unbemerkt – zu einem Selbstbedienungsladen machen. In der Unfähigkeit, dies zu erkennen, liegt die fundamentale Naivität des neoliberalen Denkens.“

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Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Colin_Crouch (https://de.wikipedia.org/wiki/Colin_Crouch) (5. Juni 2019)

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[...] Mit viel Geld lässt sich leicht Politik machen, die Zivilgesellschaft bleibt außen vor. In den USA ist das Problem allgegenwärtig, breitet sich aber auch in Europa aus.

Immer mehr Menschen stellen die Annahme infrage, Kapitalismus und Demokratie seien beste Freunde. Für diese berechtigte Skepsis gibt es zwei Hauptgründe: Erstens ist der moderne Kapitalismus ein globales Phänomen, während die Demokratie vor allem auf nationaler und lokaler Ebene stattfindet. Zweitens wird der moderne Kapitalismus von der Finanzwelt gelenkt, was zu einer wachsenden Ungleichheit führt. Größere Ungleichheit wiederum gefährdet die Demokratie.

Es steht also außer Frage, dass die Globalisierung für die Demokratie ein Problem darstellt. Die Weltwirtschaft wird entweder gar nicht oder von internationalen Organisationen reguliert, die gegenüber den Organen der Demokratie nur bedingt rechenschaftspflichtig sind. Außerdem können transnationale Firmen die Autorität der nationalen Demokratie allein schon dadurch untergraben, dass sie nur in Länder investieren, deren Wirtschaftspolitik ihnen gefällt. Das manifestiert sich am deutlichsten in den weltweit sinkenden Einnahmen aus Unternehmenssteuern, da die Staaten sich gegenseitig darin übertreffen wollen, die großzügigsten Steuergesetze zu bieten. Die Folge: Die Steuerlast wird auf den einzelnen Bürger abgewälzt und für staatliche Leistungen stehen weniger Ressourcen zur Verfügung.

Die Staaten könnten dieser Entwicklung natürlich entgegenwirken, indem sie sich der Herausforderung gemeinsam stellen. Meist ist die Versuchung jedoch zu groß, das Land mit den großzügigsten Bedingungen für internationale Konzerne zu werden. Die Europäische Union ist hier zumindest teilweise eine Ausnahme. Ihr Parlament ist das weltweit einzige Beispiel für eine transnationale Demokratie. Doch sein Einfluss ist schwach.

Die europäische Demokratie sieht sich zwei feindlichen Kräften gegenüber: der Beeinflussung der Europäischen Kommission und der einzelnen Mitgliedsstaaten durch Konzerne auf einer Ebene, die für das Parlament nicht zugänglich ist, und den Bemühungen xenophober Populisten, die Macht weg von der EU und zurück zu den Nationalstaaten zu bringen. Da die meisten Populisten in der politischen Rechten angesiedelt sind, interessiert es sie nicht, ob die Nationalstaaten gegen die Macht der Konzerne verlieren.

Grundsätzlich spielt sich Demokratie auf zwei Ebenen ab: auf der formellen Ebene der Wahlen und Parlamente und auf der informellen Ebene, auf der die Lobbyisten Druck auf die Zivilgesellschaft ausüben. Auf der ersten Ebene sind wir sehr darauf bedacht, für Gerechtigkeit zu sorgen. Jeder hat eine Stimme, egal, ob arm oder reich.

Für informelle Politik bestehen wenige Einschränkungen, und genau das ist die Grundlage für ihr Gedeihen und für unsere Freiheit. Wir können jederzeit auf vielfältige Weise Druck ausüben, um den Staat davon zu überzeugen, diese oder jene Politik zu verfolgen, solange wir nicht Korruption oder Gewalt einsetzen. Ob wir jedoch diesen Druck überhaupt ausüben können, hängt von den Ressourcen ab, über die wir verfügen. Daher begünstigt informelle Politik die Reichen und verstößt so gegen den Grundsatz der Gleichheit – einem Grundpfeiler der Demokratie.

Diese Disbalance spielt keine große Rolle, wenn die Ungleichheit in einem Land begrenzt ist oder wenn der Einfluss, der in einem Politikbereich ausgeübt wird, nicht ohne Weiteres auf einen anderen übertragen werden kann.

In den ersten drei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg war das weitgehend der Fall. Seither hat die Ungleichheit jedoch kontinuierlich zugenommen – nicht so sehr in der Mehrheit der Bevölkerung, sondern eher zwischen der kleinen Gruppe der Superreichen und allen anderen. Man muss schon sehr reich sein, um politischen Einfluss ausüben zu können, und diese kleine Gruppe, die vielleicht 0,1 Prozent der Bevölkerung ausmacht, ist genau in dieser Position. Ein solches Ausmaß an Ungleichheit herrscht vor allem in den USA, breitet sich aber derzeit nach Europa aus.

Der wichtigste Motor der Ungleichheit ist die Finanzialisierung der Weltwirtschaft. Was ist damit gemeint? Wer finanzielle Ressourcen besitzt und manipulieren kann, generiert Erträge, die mit keiner anderen Form menschlicher Aktivität jemals erzielt werden können. Wurde der Reichtum erst einmal erworben, kann eine Einzelperson oder ein Konzern einen Teil davon für politische Lobbyarbeit einsetzen und so staatliche Maßnahmen – wie Steuerpolitik, gesetzliche Veränderungen und Staatsaufträge – beeinflussen. Sie ermöglichen es dem Vermögensinhaber, in Zukunft noch mehr zu verdienen. Die zunehmende Ungleichheit und die Schwächung der Demokratie befinden sich so eng umklammert in einer verhängnisvollen Abwärtsspirale.

Doch eine weitere Spirale zeigt in die Gegenrichtung. Der moderne Kapitalismus ist abhängig vom Massenkonsum. Dieser wiederum hängt davon ab, dass die Einkommen der Bevölkerung in der Breite wachsen.

Im Jahr 2014 wurde in einem Arbeitspapier der Industrieländerorganistion OECD zur Beschäftigung und Migration errechnet, dass in den USA die obersten ein Prozent der Einkommensbezieher zwischen 1975 und 2007 (dem Jahr vor der Finanzkrise) fast 50 Prozent des Wachstums des Nationaleinkommens auf sich vereinten. Eine überwiegende Mehrheit der Bevölkerung verzeichnete dagegen stagnierende ober sogar rückläufige Einkommen. Trotzdem wurde weiter konsumiert. Dies war nur mithilfe einer wachsenden Verschuldung möglich, die trotz aller Risiken von einem Finanzsystem gefördert wurde, das durch die Lobbyarbeit der Banken dereguliert worden ist. Schließlich wurde die Belastung durch die hohen Ausfallrisiken zu viel für die Finanzmärkte. Es kam zu der Krise, von der wir uns immer noch nicht vollständig erholt haben.

Es stellt sich nun die Frage: Gibt es für einen vom Massenkonsum abhängigen Kapitalismus, der zunehmend Ungleichheit generiert, keinen anderen Weg, als die Haushalte erneut zu einer nicht tragbaren Schuldenlast zu ermuntern? Zum jetzigen Zeitpunkt scheint die Demokratie nicht imstande, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Klar ist: Der globale Kapitalismus kann nur auf transnationaler Ebene gezügelt werden. Unsere politischen Parteien scheinen jedoch gespalten zwischen denen, die sich den Lobbyisten geschlagen gegeben haben und nicht an Regulierung glauben, und solchen, die sich in die begrenzte Reichweite des Nationalismus zurückziehen wollen.

Der Kapitalismus behindert so den Wirkungsgrad der Demokratie. Dennoch haben die Kapitalisten keinen Grund, mit dieser Regierungsform unzufrieden zu sein. Die Demokratie sichert Rechtsstaatlichkeit und gibt eindeutig vor, mit welchen Verfahren Gesetze geändert werden können und wie für eine vorgeschlagene Veränderung Lobbyarbeit betrieben werden kann. Dies ist für Kapitalisten attraktiv.

Auf der anderen Seite kann eine Demokratie aber auch massenweise Vorschriften zum Schutz von nicht marktbezogenen, nicht unternehmerischen Interessen produzieren. Das bevorzugte Regime der Kapitalisten ist deshalb in Wahrheit das postdemokratische, wenn alle Formen der Demokratie und allen voran der Rechtsstaat weiter fortbestehen, das Elektorat jedoch passiv geworden ist und lediglich auf die sorgfältig betriebenen Wahlkampagnen reagiert.

Aktivismus und eine dynamische Zivilgesellschaft sind dabei nicht erwünscht, da sie dann störende Kontra-Lobbys hervorbringen könnte, die mit dem stillen Wirken der wirtschaftlichen Lobbyisten auf den Fluren der Regierung konkurrieren. Das Wiederaufflammen des Nationalismus stört zwar auch diese friedliche Szenerie, da sie sich jedoch auf die eigene Nation konzentriert, spielt sie auf der globalen Ebene kaum eine Rolle. Sie liegt einfach außerhalb ihres Einflussbereichs.

Bislang sind wir noch nicht an dem Punkt angelangt, an dem die Dominanz der Konzerne über die Politik vollkommen ist, denn dann wären alle Verbraucherschutz- und Arbeitsgesetze längst abgeschafft. In diese Richtung geht jedoch die Reise – angetrieben durch die zunehmende Ungleichheit und dadurch, dass politische und wirtschaftliche Macht sich gegenseitig stärken. Die Demokratie wird dem Kapitalismus wahrscheinlich auch in Zukunft den bestmöglichen Rahmen bieten. Jedoch gilt dies umgekehrt wohl nicht mehr.

Übersetzt aus dem Englischen von Supertext Deutschland GmbH 


Aus: "Die Superreichen gefährden die Demokratie" Ein Essay von Colin Crouch (5. Juni 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-04/kapitalismus-demokratie-ungleichheit-globalisierung/komplettansicht (https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-04/kapitalismus-demokratie-ungleichheit-globalisierung/komplettansicht)

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Đakovo #2.5 

Ich sehe, dass in großen Teilen der Bevölkerung Gier schwindet und Teilen geil ist. Und ich bin guter Dinge, dass dieser Trend sich fortsetzt.
Es ist durchaus möglich, dass Geld als etwas asoziales betrachtet wird. Noch zeigen Hochglanzmagazine die Reichen und Schönen aber das Bild wandelt sich.
Mich beeindrucken übrigens Glückliche Menschen am meisten.
Und den Trumps dieser Welt sollte man paar Atolle zur Verfügung stellen, wo sie sich aneinander berauschen können.

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Piet Vermailen #2.8

Ganz ohne Geld wird es nicht gehen, siehe Kommunismus.
Aber ich mag deinen Beitrag :)


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Gutsweib #2.7

Marktwirtschaften neigen immer zur Konzentration. Die notwendige Folge, es gibt eine steigende Zahl von Superreichen. Die seit Frau Merkel gültige Staatsdoktrin "marktkonforme Demokratie Staat statt sozialer Marktwirtschaft" fördert diese Entwicklung. Diese Politik wurde von den Medien immer bejubelt. Es soll sich also keiner beschweren.


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jaundnein #2.14

Mit einer solchen Haltung "uns geht's doch noch gut" basierend auf einem angeblichen Trend, den ich aus meinem Umfeld nicht bestätigen kann, stellen Sie den reichen 1 bis 10% doch nur einen Freibrief aus. ...

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Ghandi19 #2.19

"Diese Politik wurde von den Medien immer bejubelt. Es soll sich also keiner beschweren."

Genau so ist es! - Zuerst Merkels Politik unkritisch und stärkend begleiten
und dann über die Trumps, den Brexit und Co. schimpfen,
als wäre das alles nicht die Politik, die sie als Medien "hofierten"....
(ja, auch Trump. Denn er ist 'nur' eine Folge des Versagens der Demokraten in den USA...und das waren und sind ja unsere Freunde.)

Und: Die Klattens, Quandts, Springer und Mohns machen auch hier mit Merkels CDU ihre Politik:
"Mit viel Geld lässt sich leicht Politik machen, die Zivilgesellschaft bleibt außen vor. In den USA ist das Problem allgegenwärtig, breitet sich aber auch in Europa aus. "


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Waldschrat86 #2.47

Sie nennen's Leistungsgesellschaft, andere nicht und selbst wenn das alle täten, ist Leistung ziemlich heterogen. Als Beispiel und damit es auch nicht krumm wird, innerhelb des Segments bleibend: Bezahlter Leistungssport. Da gibt es im Fußball Unsummen, aus anderen Gründen als der erbrachtern Leistung auf dem Platz. Beim Handball, Basketball, Leichtathletik, usw. können die Sportler nur davon träumen, auch dann wenn ihr Sport, genauso viel oder gar mehr Leistung erfordert.

Hier wird auch nicht Reichtum verteufelt, sondern Superreichtum. Es gibt bettelarm. arm, saturiert, wohlhabend, reich, superreich. Ich würde mal schätzen per Leistung schafft man maximal wohlhabend, alles darüber ist nunmal system- bzw. gesellschaftsbedingt, wie eben beim Profifußballer im Gegensatz zum Profihandballer.


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Juanito alimaña #2.48

Im Kommunismus hatte jeder jede Menge Geld,aber die Regale waren leer, das ist der Unterschied.


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Deine Freiheit ist auch die der Anderen #2.49

Das Märchen, der Lokomotiven der Gesellschaft, nur wer reich ist ist Leitungsträger.
Hohle Phrasen zur Selbstermächtigung, bzw. Beweihräucherung


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Stan Laurel #2.51

"...während die Ackermänner, Jains, Winterkorns und wie sie alle heißen für die größten Scheißjobs noch Millionengehälter- und abfindungen in den Arsch geblasen kriegen.
Das ist so selten dämlich, dass es schon lächerlich ist...."

Tatsächlich ist es auch immer wieder erhellend wenn man sich die Mühe macht nachzuhalten, was eigentlich aus Spitzen-Managern geworden ist, die in ihrer Aufgabe offensichtlich gescheitert sind. Man stellt erstaunt fest dass diese auffallend oft an anderer Stelle wieder und erneut in Spitzenpositionen Beschäftigung finden. Soviel zum Prinzip Leistung.
In Wahrheit gilt das Prinzip Kaste.


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Willy Wusel #2.52

"Es gibt keine Gleichheit!"

Ach. Und ich dachte immer vor Gott und dem Gesetz sind alle Menschen gleich.
Und ich füge hinzu: bei politischen Wahlen in einer Demokratie.

...


Willy Wusel #2.53

"Jeff Bezos alleine auf einem Südsee-Atoll hätte nicht reich werden können."

Völlig richtig. Er hat ein Herr von unterbezahlten Paketboten, die hunderttausende von Stunden für ihn schuften.
Man fragt sich, wo der Unterschied zu Ludwig XIV ist. Der hatte die Bauern und das gemeine Volk, die für ihn und seinen Hof geschuftet haben.


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Deine Freiheit ist auch die der Anderen #2.54

.. zum Kenterpunkt der Egoisten, Liberalisten, Marktradikalen. Selbstermächtigung durch Eigendefinition.
Es braucht eine freie Wirtschaft keine Frage, aber keine ungezügelte Regelfreie in der bestimmte Leute sich ermächtigen in Fragen der Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik die Deutungshoheit zu haben. Zumal wenn sie wie hier mit einer Selbstgefälligkeit und Absolutheit vorgetragen wird. Wer anderes zu sagen wagt wird abgewertet, diskreditiert der wird als jemand der es nicht versteht dargestellt. ...


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Juanito alimaña #2.55

Tja...das mit Ludwig XIV und seine Umgebung war am Ende eine ziemlich kopflose Angelegenheit.Die französische Revolution war nichts anders als ein Putsch der Bourgeoisie gegen den Adel und die Kirche, aber das ist eine andere Baustelle.


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TollerTyp87 #2.78

[Vilfredo Pareto untersuchte die Verteilung des Grundbesitzes in Italien und fand heraus, dass ca. 20 % der Bevölkerung ca. 80 % des Bodens besitzen. Im Jahr 1989 wurde festgestellt, dass 20 % der Bevölkerung 82,7 % des Weltvermögens besitzen. ... Daraus leitet sich das Paretoprinzip ab. Es besagt, dass sich viele Aufgaben mit einem Mitteleinsatz von ca. 20 % erledigen lassen, so dass 80 % aller Probleme gelöst werden. Es wird häufig kritiklos für eine Vielzahl von Problemen eingesetzt, ohne dass die Anwendbarkeit im Einzelfall belegt wird. ... https://de.wikipedia.org/wiki/Paretoprinzip (https://de.wikipedia.org/wiki/Paretoprinzip) (24. Mai 2019)]

... das Pareto-Prinzip ist keine systemunabhängige Grundkonstante, sondern beschreibt lediglich ein statistisches Verteilungs-Phänomän. Es gibt keine empirische Grundlage, die eine solche Verteilung beim Einkommen oder Besitz begründet. Die Verteilung bleibt damit eine systemische Frage.

Wir müssen endlich die Interpretation des Kapitalismus als eine Art unumstößliches Naturgesetz überwinden. Natürlich konzentriert sich in einer Welt des "imperativen Kapitalismus" mit dem Kapital auch Macht, wodurch immer auch Einfluss auf die Politik genommen wird, egal welches politische System vorherrscht. Grafiken über die Entwicklung der Verteilung von Einkommen und Besitz belegen diesen Einfluss. Die Globalisierung und überwiegend neoliberale Politik der vergangenen Jahre sei es durch IWF oder EZB hat diese Situation weiter verschärft und den Sozialstaat ausgehöhlt, der eigentlich als eine große Errungenschaft der Moderne angesehen wurde.

Eine neoliberale Marktwirtschaft ist weder sozial noch ökologisch. Sie ist Ursache der zukünftigen Herausforderungen (Klimawandel, Massenmigration etc.) und damit ungeeignet diese zu überwinden. Der Markt ist in vielen Bereichen eben nicht perfekt und muss daher reguliert werden. Klar muss auch die Einflussnahme in einem politischen System transparenter werden. Die Anpassung des politischen Systems allein, reicht allerdings nicht aus, um die ungleichen Machtverhältnisse auszugleichen.


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Ghandi19 #3.36

"Die Lösung ist schwierig..."

Nein, es ist ganz einfach.
Der Politik fehlt nur der Wille.

...Beispiel:
Skandinavien


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Josef Fragen #3.43

Einige der Superreichen( Warren Buffett, Bill Gates u.a. ) erkennen ja mittlerweile sogar die Gefahr, die von der enormen Ungleichverteilung des Kapitals, für die westlichen Demokratien ausgeht.
Nur haben diese auch keine Idee. Etwas Wohltätigkeit da und dort ist keine Perspektive.
Damit macht man nur die Unterschicht zu Almosenempfängern.
In diesen Kreisen muss die Einsicht wachsen, dass sie selbst nichts wären, wenn es nicht Millionen andere Menschen gäbe.
Was wären Google, Microsoft, Apple, Amazon, Aramco, Alibaba, Huawei, Samsung etc. wenn es nicht Milliarden von Menschen gäbe?
Also wäre es doch eine gute Idee von all diesen Unternehmen 20% - 30% der Aktien an einen Globalen Bürgerfonds zu übergeben.
Andernfalls könnte es ja passieren, dass man diese irgendwann zerschlagen muss oder ein globaler Boykott das schnelle Ende herbeiführt.


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ikonist #4

1789


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SörenFinnKevinCataleyaChantal #4.1

Lesen Sie mal bei Piketty nach, wie vergeblich diese Revolution im Hinblick auf die Vermögensverteilung war. Im 19.Jhd lebte und starb jeder dritte Einwohner von Paris völlig mittellos. Zwischen den glamourösesten und protzigsten Superreichen des ganzen Kontinents. Und er stellt zurecht (sinngemäß) die Frage, wie sich so viele Menschen ihr ganzes Leben lang so vera*schen lassen konnten.


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ikonist #9

Die Ideologie des Neofeudalismus: Popkultur


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Deserteur 2.0 #12

Ein Artikel der mir aus dem Herzen spricht. Wenn ein System jegliche Balance verliert, wie damals die Monarchie durch den Absolutismus, ist es schneller Geschichte als es ihm lieb sein kann.
Deswegen muss sich unsere Politik unabhängiger machen, was keine leichte Aufgabe ist, wenn dann damit gedroht wird, dass man tausende von Arbeitsplätzen verlegt. ...


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Lurkling #14

Schönes Essay, dann bleibt nur zu hoffen das die junge Generation sich nicht mit gut bezahlten Jobs und vermeintlichem Erfolg abspeisen lässt wie die bisherigen und neben der Umweltkatastrophe die dieses System hervor gebracht hat auch noch das System der indirekten Beeinflussung als solches angeht.


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Furbo #23

Guter Essay. Und recht hat der Verfasser. Wie die Großindustrie die Politik bestimmt, sieht man doch auch sehr gut in Deutschland. Die deutsche Regierung ist in weiten Bereichen nur noch das Sprachrohr irgendwelcher Interessenverbände.


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Die Sieben Todsünden #24

Nick Hanauer (Milliardär) hat das übrigens schon vor fünf Jahren gesagt. Und wer könnte als Kapitalismusanbeter eigentlich einem Milliardär widersprechen, der das Geld nicht mal geerbt hat?

... You probably don’t know me, but like you I am one of those .01%ers, a proud and unapologetic capitalist. ... In fact, there is no example in human history where wealth accumulated like this and the pitchforks didn’t eventually come out. You show me a highly unequal society, and I will show you a police state. Or an uprising. There are no counterexamples.
https://www.politico.com/magazine/story/2014/06/the-pitchforks-are-coming-for-us-plutocrats-108014 (https://www.politico.com/magazine/story/2014/06/the-pitchforks-are-coming-for-us-plutocrats-108014)


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Kaffeeonkel #26

Der Text hätte auch von Kewin Kühnert sein können. Im Augenblick zählt nur noch Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit (was immer man darunter auch verstehen mag). Es gab schon immer (Super)Reiche und wo bitte wurde in den letzten 30 Jahren in welchem Land der EU die Demokratie gefährdet oder gar abgeschafft? Professoren leben unter einer Käseglocke und malen sich immer ihren Idealzustand aus. Die haben einfach zu viel Zeit.


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Aristocats1 #26.1

Ihr Beitrag zeugt von Unwissen. Beispiel Ungarn. Dort wurden nahezu alle kritischen Medien von Freunden Orbans aufgekauft. Praktisch gibt es dort keine freie Presse mehr. Oder was sagen Sie zu den Autokonzernen in Deutschland? Sie haben jahrelang geltende Gesetze gebeugt. Bis heute gibt es für die betrogenen Autokäufer nicht mal Entschädigungen. Von Strafen in Deutschland wegen der Umweltverschmutzung ganz zu schweigen.


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ah-jun #26.2

Vielleicht leben auch Kaffeeonkel in einer Blase?
Im übrigen ist im Artikel genau ausgeführt, dass die Demokratie formal aufrechterhalten wird, aber der "Kern" in einer Salamitatik unauffällig ausgehöhlt wird.
Auch das Streben nach einem "Idealzustand" für die breite Bevölkerung ist nichts verwerfliches. Auch die Superreichen arbeiten - erfolgreich - an einem Idealzustand für ihre Gruppe.


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hobuk #26.4

Während Sie in wahrscheinlich 100 Jahren kein Gehör bei der Regierung finden, geht es für einen "Leistungsträger" oder "Superreichen" bestimmt etwas schneller und auf dem kurzen Dienstweg.
Man kennt und hilft sich.
Insofern befinden wir uns eigentlich schon in einer Kleptokratie.
Oder anders gefragt, wieso werden Gesetze und Maßnahmen deutlich am Wählerwillen vorbei durchgesetzt?
(Afghanistankrieg, Glyphosat, TTIP(Versuch) , Dieselgate usw...)
Nur um ein paar Schlagwörter einzuwerfen.


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Kai Ne-Ahnung #26.3
Die letzten 30 Jahre haben uns dahin gebracht, wo wir in den westlichen, neo"liberalen, kapitalistischen Systemen heute gelandet sind. Es geht um den Stand heute, und der ist:
Die Superreichen gefährden die Demokratie


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alice_42 #28

>> Der Kapitalismus behindert so den Wirkungsgrad der Demokratie. <<

Er zerstört sie, wenn er nicht eingehegt und reguliert wird, unweigerlich. Denn eine Demokratie, in der einige wenige finanzstarke Interessenvertreter die Richtlinien bestimmen, ist bekanntlich gar keine Demokratie mehr, sondern eine Oligarchie.

Wir sind da auf einem guten Weg :-|


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Aristocats1 #28.1

Das ist traurig aber wahr. Wir sind auf dem direkten Weg zurück in den Feudalismus. Auch heute gibt es wieder zahlreiche Privilegien für die Reichen, die Dank des Geldes dann auch vererbt werden. Es sei hier nur an die große Bankenrettung gedacht, die letzendlich nichts anderes war als eine große Reichenrettung. Die Kosten dafür wurden auf die Allgemeinheit abgewälzt. Länder wie Deutschland konnten das auf Kosten einer verrotteten Infrastruktur noch so wuppen. In den ärmeren Ländern (Spanien, Griechenland, Italien) hat die Bevölkerung diese Rettungsaktion mit massiver Verarmung bezahlt.


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Anthon Hofreiter II #32

Es ist leider genau andersherum, wie man sehr schön am Beispiel Berlins sehen kann.
Sobald mehr Menschen von Transferleistungen leben, also in Berlin Politiker + Lobyisten + Hartzer, funktioniert Demokratie nicht mehr.
Dann wird, zu Lasten der Produktiven, welche diese Gruppe durchfüttern muss Politik gemacht, weil die Nehmer schlicht in der Mehrheit sind.


Quote
Bitte freundlich bleiben #32.1

Der Reiche lebt auch von den Transfairleistungen der Produktiven. ;-)


Quote
Anthon Hofreiter II #32.2

Jepp, völlige Zustimmung. ...


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Super-Migrant #35

Die Regierung der Superarmen - mit all ihren Supereigenschaften - macht dann alles besser, oder?
Wie wäre es wenn der Staat sich nicht ständig einmischen würde? Dazu gehört es auch, dass er sich nicht von „Reichen“ bestechen lässt. Es ist doch klar, wenn der Staat sich als allmächtiger Etatismus aufführt, der meint alles bestimmen zu dürfen, dann kauft man sich diesen auch einfach.
Weniger Etatismus, mehr Freiheit, weniger Pöbel!

Quote
ah-jun #35.1
"Es ist doch klar, wenn der Staat sich als allmächtiger Etatismus aufführt, der meint alles bestimmen zu dürfen, dann kauft man sich diesen auch einfach."

Da ist es doch besser die Superreichen bekommen den Einfluss umsonst!


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Geht_so_oder_auch_nicht #36

Die Bürger haben durch ihr jahrzehntelanges Wahlverhalten die heutigen Verhältnisse herbeigewählt. Natürlich kann man diese Entwicklung zwar kritisieren, aber letztendlich beruhen sie nun einmal auf demokratischen Wahlen. Die Mehrheit will diese Entwicklung so, das hat man als Demokrat zu akzeptieren, auch wenn man persönlich andere Vorstellungen hat.


Quote
ah-jun #36.1

Da haben Sie recht. Wenn es darauf ankommet verbündet sich der Mittelstand mit den Interessen der Reichen und Superreichen gegen die Unterschicht.


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Kai Ne-Ahnung#36.2

Der Wähler will also das die gewählten Parteien/Politiker vor der Wahl ständig A versprechen aber sobald die Pöstchen gesichert sind, das B der Industrie, der Wirtschaft und der Vermögenden bedienen? Natürlich nur mit "Bauchschmerzen" und so. ...


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ClausM #62

Was sollen die Krokodilstränen? - Genau das war doch das allzu offensichtliche Ziel von Politik und Medien in den letzten Jahrzehnten.
Jeder Schlag, den man gegen die wirtschaftlich Schwächeren führte, wurde von frenetischem Jubel begleitet.


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GoaSkin #63

Die Supperreichen mögen die Demokratie gefährden, doch die ganz einfachen Leute möchten scheinbar die Demokratie schnell hinter sich bringen - mit Hilfe der Superreichen.
Denn sie sind nicht abgeneigt, Superreiche Leute wie Trump, Berlusconi oder Farage zu wählen, um diese Entwicklung zu beschleunigen.
Paradoxerweise werden solche Leute gerade mit der Argumentation gewählt, dass geglaubt wird, die Eliten hätten sich gegen die einfachen Leute verschworen. In der Konsequenz werden dann Politiker gewählt, die wie niemand sonst für diese Klischees stehen.


Quote
konne #64

Wir leben heute in einer Scheindemokratie, Demokratie existiert nicht mehr. Wir können zwar protesitieren, frei sprechen aber das stört die Superreichen nicht. Solange man die Gehälter senken kann, Sozialleistungen streichen kann ist ihnen alles egal. Mam sieht es deutlich in Griechenland, und Spanien wo die Verarmung immer grösser wird. In Deuitschland ist man etwas diskreter ...


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Rabe374 #65

Ich sehe das ziemlich unproblematisch. Es geht uns allen unterm Strich sehr gut von den Lebensumständen, auch wenn such immer mehr der Sozialneid ob der angeblich so schlimmen eigenen finanziellen Lage einschleicht.

Das Problem scheint eher zu sein, dass immer mehr Leute unzufrieden mit dem eigenen sozialen Status sind. Es kann aber nun mal nicht einfach so jeder reich und schön sein, zumindest nicht ohne entsprechende oft jahrelange Anstrengung und grundlegende Fähigkeiten.

Wenn die Leute lieber mal mit dem zufrieden wären was sie haben, wäre schon viel geholfen. Man könnte jedem Normalbürger 1.000 Euro mehr im Monat an Einkommen schenken - nach ein paar Monaten würde er sich wieder arm und ungerecht behandelt vorkommen.


Quote
Rekitsonga #65.1

>>Man könnte jedem Normalbürger 1.000 Euro mehr im Monat an Einkommen schenken - nach ein paar Monaten würde er sich wieder arm und ungerecht behandelt vorkommen.<<

Nein. Er würde sich freuen, dass er in seiner Wohnung bleiben darf, weil er die überhöhte Miete wieder bezahlen kann.


Quote
Rabe374 #65.2


„Nein. Er würde sich freuen, dass er in seiner Wohnung bleiben darf, weil er die überhöhte Miete wieder bezahlen kann.“

Die armen Mieter. Nur ausgenommen und vor die Tür gesetzt von den pöhsen Immobilien-Haien. Schon klar. Man kann sich das Leben aber auch zurecht heulen.


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Flinders #67

Balsam für die Kommunistenseele. Mehr nicht.


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Mix Mastermond #97

Ich bin der Meinung, dass wir keine Neid-Debatte brauchen! Die reichen Menschen sollen ruhig reich sein. Warum auch nicht?
Hauptsache die armen Menschen leben ihr Leben in Würde!


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chrisbo18 #72

Je mehr ich erfahre und darüber nachdenke, desto mehr bekomme ich das Gefühl, dass diese Entwicklung kein Zufall ist, sondern mehr und mehr gesteuert wird.
Die Reichsten verfügen über Medienhäuser, Rohstoffquellen und Einflüsse in fast alle Unternehmen, die für Staaten oft eine große Abhängigkeit darstellen.
Die Gesellschaften werden ausgesaugt und müssen mehr und mehr leisten, während sich die Vermögen der Reichsten von selbst vervielfachen. Und dem ist kein Ende zu setzen!
Ich bin kein Sozialist oder Kommunist, doch plädiere ich für ein Ende dieser einseitigen Auslegung.
Auch frage ich mich, was man mit so viel Geld eigentlich will? Wie viele Häuser, Autos, Yachten oder was auch immer kann man besitzen oder gar nutzen?
Ok, das ist vielleicht eine naive Frage, doch wer erlaubt es, dass Geld über der Gesellschaft steht?
Der Kapitalismus ist nicht die schlechteste Lösung, doch was daraus gemacht wird, lässt mir graue Haare wachsen!


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djborislav #74

Ich kenne berufsbedingt Superreiche. Sie haben mittlerweile privaten Wachschutz und sind in ständiger Angst, dass ihre Kinder entführt werden.
Auch wird von den Superreichen chronisch die Gefahr einer Revolution unterschätzt, die Gelbwesten haben schonmal einen Vorgeschmack geliefert. Occupy ist zwar eingeschlafen, kann aber jederzeit in anderer Form wieder aufflammen, durch das Internet lässt sich gewaltsamer Widerstand bestens vernetzen.
Aber abgesehen von staatlicher Regulierung, die sehr wohl möglich wäre (Transaktionssteuer, Abschaffung privater Schiedsgerichte, strengere Bankenaufsicht mit genug Eigenkapitalauflagen...), muss sich auch jeder Aktien- und Fondbesitzer an die eigene Nase fassen: bin ich gierig und investiere ich in destruktive Heuschrecken-Unternehmen oder lege ich nachhaltig an und verzichte u.U. auf ein paar Prozent Rendite. Die Gier ist auch kollektiviert worden und betrifft uns alle.


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Hansifritz #100

"Die Superreichen gefährden die Demokratie"

Vor einem Jahr lief sowas noch unter Verschwörungstheorie.


...
Title: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
Post by: Link on June 12, 2019, 12:23:51 PM
Quote
[...] Das durchschnittliche Jahresgehalt eines Vorstandsmitglieds in einem Dax-Unternehmen betrug im vergangenen Jahr 3,51 Millionen Euro und war damit 52-mal so hoch wie das Jahreseinkommen der Angestellten in den Unternehmen. Diese Zahl hat die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz gemeinsam mit der Technischen Universität München errechnet. Eine entsprechende Studie zur Gehaltsschere in 29 von 30 Dax-Konzernen wurde in Frankfurt vorgestellt.

Die größte Differenz zwischen dem Einkommen eines Vorstandsmitglieds und dem eines Mitarbeiters oder einer Mitarbeiterin stellte die Studie bei Volkswagen fest: Das Gehalt auf höchster Führungsebene sei um ein 97-Faches höher als der durchschnittliche Personalaufwand pro Mitarbeiter im Unternehmen – ein Vorstandsmitglied verdiente 2018 im Schnitt sechs Millionen Euro. Mit rund 5,2 Millionen, das zweithöchste Gehalt, hätten Mitglieder des Vorstands im Pharmakonzern Merck erhalten.

Den dritten Platz erreichten die Vorstände der Deutschen Bank, was ein Autor der Studie kommentierte: Das Geldinstitut befinde sich "augenscheinlich nicht auf einem Erfolgskurs". Dennoch seien die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Leitung des Konzerns durchschnittlich mit 5,1 Millionen Euro entlohnt worden – ein Plus von 55,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das geringste Gehaltsgefälle bestehe bei der Deutschen Börse: Das Unternehmen, das den Deutschen Aktienindex herausgibt, zahle Vorständen im Schnitt einen 25-mal höheren Lohn als Angestellten.

Der Studie zufolge war das Gehaltsgefälle 2018 ebenso hoch wie im Vorjahr. Allerdings seien die Vorstandsgehälter insgesamt um 3,5 Prozent gesunken, zum ersten Mal seit mehreren Jahren.

Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Marc Tüngler, sagte: Die Aufsichtsräte müssten darauf achten, dass sich die Schere in einem Unternehmen nicht zu weit öffne. Zu befürworten sei es, wenn sich die Bezahlung eines Vorstandsmitglieds am Aktienkurs des Konzerns orientiere: "Gute Leistung soll gut vergütet werden", sagte Tüngler. "Wenn es aber schlecht läuft, muss der Vorstand dies ebenfalls im Portemonnaie spüren. Und das sehen wir oft noch nicht."

Im vergangenen Jahr habe der Teil der Bezahlung, der anhand der Aktienperformance berechnet wurde, bei knapp 30 Prozent gelegen. Ein Drittel des Geldes sei Festgehalt, der verbleibende – und größte – Posten der Gesamtvergütung für Vorstände setze sich aus variablen Bonuszahlungen zusammen.

Auch zu den Gehältern von Vorstandsvorsitzenden wurden Zahlen präsentiert: Die Chefs der Dax-Unternehmen hätten 2018 im Schnitt ein Jahresgehalt von 5,4 Millionen Euro bezogen. Am besten bezahlt worden sei SAP-Vorstandschef Bill McDermott mit mehr als 10,8 Millionen Euro. SAP ist derzeit das wertvollste Unternehmen im Dax. Auf den SAP-Chef folgten Herbert Diess, dem VW 7,9 Millionen Euro gezahlt habe, und Bernd Scheifele, der für die Leitung des Konzerns Heidelberg Cement rund 7,3 Millionen Euro bekommen habe.

Erweitere man die Menge der untersuchten Unternehmen auf die Firmen, die im MDax verzeichnet sind, liege das Spitzengehalt für Vorstandschefs noch einmal höher: Die drei Chefs des Modeversandunternehmens Zalando, Robert Gentz, David Schneider und Rubin Ritter, hätten im vergangenen Jahr jeweils knapp 19,4 Millionen Euro verdient.

Im internationalen Vergleich würden diese Summen leicht übertroffen: In Europa etwa, habe der Chef des belgischen Getränkegroßkonzerns AB InBev, Carlos Brito, im vergangenen Jahr 31,8 Millionen Euro erhalten. Der Vorstandsvorsitzende des US-Unternehmens Disney, Robert Iger, sei mit knapp 55,6 Millionen Euro entlohnt worden. Der Großteil dieser Bezüge sei jeweils an den Aktienkurs des Unternehmens gekoppelt.

In ihrer Erhebung hat die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz Pensionszusagen nicht berücksichtigt. Andere Studien mit anderer Methodik kämen deshalb möglicherweise zu abweichenden Ergebnissen.


Aus: "Deutsche Börsenliga: Dax-Vorstände verdienen 52-mal so viel wie ihre Angestellten" (11. Juni 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/boerse/2019-06/deutsche-boersenliga-dax-konzerne-vorstaende-gehalt-gehaltsschere (https://www.zeit.de/wirtschaft/boerse/2019-06/deutsche-boersenliga-dax-konzerne-vorstaende-gehalt-gehaltsschere)

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felix78 #2.2

Ach was der Vorstand bekommt sind doch Peanuts, interessant ist was die Großaktionäre so bekommen. Zum Beispiel BMW Familie Quant lässt sich so 800 Millionen pro Jahr an Dividenden auszahlen, dagegen wirken die Vorstandsgehälter wie Trinkgeld. Vorstände sind auch nur Angestellte, lasst uns endlich mehr über die Beteuerung von Kapitaleinkommen diskutieren! Ich bin ja für die Steuerliche Gleichbehandlung aller einkommensarten und dafür das auch alle Einkommensarten Sozialversicherungspflichtig werden, wie in der Schweiz. Dann könnten wir uns Pflege, Rente, Polizei, Schulen, Lehrer, Kitas, Schwimmbäder, die Instandhaltung von Straßen und Brücken und vieles mehr leisten.

Aber das wird nicht passieren, wenn es unsere Regierung seit Anfang der 2000der nicht mal schafft Cum ex und Cum Cum Betrügerreien zu unterbinden.
 

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Gerne_unterwegs #2.3

Da gab es doch einmal den Wahlslogan "Leistung soll sich wieder lohnen!" War das FDP? Haben die die Quandts gemeint?


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felix78 #2.5

Ich bin mir sicher die FDP hat mich als Altenpfleger gemeint. ...


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GlobalPlayer5001 #8

Wo ist das Aufregerthema? Die Höhe der Vorstandsvergütung wird vom Aufsichtsrat festgelegt, dieser wiederum wird von der Hauptversammlung gewählt. Das alles ist dank Publizitätspflichten komplett transparent.

Wenn ich der Meinung bin, dass ein Vorstand zu viel verdient, kann ich ja in ein anderes Wertpapier investieren. Wenn mir das insgesamt nicht vorteilhaft erscheint, dann wird der Konzern ja immerhin so gut gemanaged, dass die Rendite trotz Vorstandsgehältern stimmt.

Also: Wo ist das Thema???


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GlobalPlayer5001 #8.3

>>Das Thema ist soziale Gerechtigkeit.<<

Nein, das Thema ist Neid und (noch schlimmer) Missgunst. ...


Quote
Gnurg #8.4

Das Problem ist ja, dass einige so viel Geld verdienen, wie sie unmöglich sinnvoll ausgeben können, andere hingegen nicht genug, um sich beispielsweise gesund zu ernähren oder einmal im Jahr Urlaub machen zu können. Das hat auch nicht wirklich mit Neid zu tun (jedenfalls nicht bei mir), aber es ist halt nicht gut für die Arbeitsmoral, wenn man sich den Arsch für ein Unternehmen aufreißt und nicht dafür entsprechend vergütet wird. Beziehungsweise wenn der eigene Bonus weniger Wert ist, als das Geld, dass der Vorstand verdient, wenn er während einer Sitzung mal pinkeln geht.

Abgesehen davon haben weder Aufsichtsrat noch die Mitglieder der Hauptversammlung ein Interesse am Wohl des Arbeiters oder der moralischen Verpflichtung des Unternehmens gegenüber der Gesellschaft, sondern allein an der eigenen Bereicherung.


Quote
GlobalPlayer5001 #8.6

>>Abgesehen davon haben weder Aufsichtsrat noch die Mitglieder der Hauptversammlung ein Interesse am Wohl des Arbeiters oder der moralischen Verpflichtung des Unternehmens gegenüber der Gesellschaft, sondern allein an der eigenen Bereicherung.<<

Das sind ja auch nicht alle Samariter, sondern die Aktionäre sind Kapitalgeber, die als Gegenleistung eine angemessene Rendite auf das eingesetzte Kapital erwarten. Wenn man das Zurverfügnungstellen von Kapital nicht gleich mitkriminalisieren will, hat das nicht mehr mit "eigener Bereicherung" zu tun als die Erwartung, Zinsen aus einem Wertpapier zu erzielen. Beides ist völlig legitim.


Quote
Echse des Bösen #8.12

"Nein, das Thema ist Neid und (noch schlimmer) Missgunst."

Nein, das Thema ist die Behauptung, das sei Leistungsgerechtigkeit. Man kann das System begründen mit "es ist halt so wie es ist" oder "wenn es geht, dann wird es so gemacht", aber man sollte daraus nicht ableiten, dass es auch gut oder leistungsgerecht ist. ... Das ist im Kern auch das Problem des Neoliberalismus - er definiert alles, was sich im Markt regelt, automatisch als Gerechtigkeit. Bittere Armut und überbordender Reichtum - gerecht, wenn es der Markt regelt. Da ist der Neoliberalismus nicht anders als der christlich-fundamentalistische Calvinismus von vor 300 Jahren.


Quote
hamletmaschinist #8.21

Die "hohen Vorstandsgehälter finanzieren" in erster Linie die schlechtbezahlten Leiharbeiter und die Kunden.

Quelle > https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/leiharbeit-erreicht-rekordniveau-in-deutschland-a-1111375.html (https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/leiharbeit-erreicht-rekordniveau-in-deutschland-a-1111375.html) [Donnerstag, 08.09.2016 ... Fast zwei von drei Leiharbeitern arbeiteten zuletzt zu besonders niedrigen Löhnen. Sie lagen unter der Niedriglohnschwelle von rund 1970 Euro, also unter dem Lohn, der zwei Drittel des mittleren Gehalts der Beschäftigten insgesamt beträgt. 5,7 Prozent der Leiharbeitnehmer haben Anspruch auf ergänzende Leistungen und stocken ihr Gehalt mit Hartz IV auf. Nur jedes vierte Leiharbeitsverhältnis besteht neun Monate oder länger. 15 Prozent dauern 15 Monate, 12 Prozent über 18 Monate. ]


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d353rt #11

... ich möchte hier eine kleine Rechnung vorführen: Wenn Sie als Arbeitnehmer das Glück haben 5000€ im Monat zu verdienen (brutto), und das, sagen wir mal, 45 Jahre lang, dann haben Sie 2,7 Millionen € (Brutto) verdient. Wenn Sie aber nur 2500€ verdienen, dann kommen Sie logischerweise auf 1,35 Millionen. Wie gesagt in 45 Jahren.

Und dann kommt so ein Vorstandschef, und kassiert 10 Millionen Euro IN EINEM JAHR. Und er spendet dann z.B. an die FDP, die dann behauptet, dass unser Rentensystem nicht mehr tragbar sei. Das ist doch der reinste Klassenkampf von oben. Unser BIP hat sich in den letzten 20 Jahren fast verdoppelt... ...


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GlobalPlayer5001 #11.1

So viel Neid und Missgunst. Sind wohl wenige Rheinländer hier im Forum: Man muss auch jönne könne ...


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DrkdD #11.5

Fakten sollte man nicht mit Neid vergleichen. Außerdem ist der Ruf "Das ist nur Neid" einer der belanglosesten Argumente gegen ein Aufkommen der Unzufriedenheit bei denen, die den Reichtum finanzieren.


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d353rt #11.6

"Ihre Wut in allen Ehren. Aber seit wann erkennen Vorstände ihren Mitarbeitern die Rente ab? Haben Sie einen konkreten Fall im Kopf?"

Ach davon gibt es mehr als nur einen Fall, es sind Millionen. Ein sehr aktuelles Beispiel: Amazon, ab heute der größte Konzern der Welt (größte Umsätze und Gewinne), der seine Angestellten über Leihfirmen einstellt, die keine Sozialabgaben bezahlen wollen, was die Rente nach unten drückt. Das nennt man dann gerne "Freiheit" und "Selbstständigkeit" . Es ging so weit, dass der Staat eingreifen musste, und ein entsprechendes Gesetz verabschiedet werden musste.
Reicht das?


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GlobalPlayer5001 #11.8

>>Es ging so weit, dass der Staat eingreifen musste, und ein entsprechendes Gesetz verabschiedet werden musste.<<

Daraus folgt ja relativ direkt, dass Amazon vor Verabschiedung des Gesetzes nichts Unrechtmäßiges getan hat, denn sonst brauchte man ja kein neues Gesetz. Und jetzt werden sie sich wohl an das neue Gesetz halten. Wofür ist dies gleich noch ein Argument?

Ein wesentlicher Grund dafür, dass Aktionäre hohe Gehälter für Spitzenmanager mittragen ist doch, dass diese im Interesse der Anteilseigner die Performance der Unternehmen verbessern. Unternehmen sind keine karitativen Einrichtungen, sondern sollen Geld für die Anteilseigner verdienen. Wenn die Ersetzung einer Belegschaft durch Leiharbeiter dazu einen Beitrag leisten kann, dann ist dies genau das, was die Aktionäre zu Recht von der Geschäftsführung erwarten.


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d353rt #11.12 

"Daraus folgt ja relativ direkt, dass Amazon vor Verabschiedung des Gesetzes nichts Unrechtmäßiges getan hat, denn sonst brauchte man ja kein neues Gesetz. Und jetzt werden sie sich wohl an das neue Gesetz halten. Wofür ist dies gleich noch ein Argument?"

1. Dafür, dass Sie allem Anschein nach nicht verstehen, dass man als Unternehmer auch in der Pflicht steht, seinen Angestellten ein Gehalt zu zahlen, von dem sie auch leben können, ohne aufstocken zu müssen.
2. Dafür, dass man genau sieht, auf wessen Rücken der Wohlstand von Amazon-Vorständen aufgebaut wird.
3. Dafür, dass einige im Jahr 2019 weiterhin an Sklaverei halten. Und damit meine ich nicht den IS (Islamischer Staat), sondern gebildete Menschen aus der westlichen Welt.
4. Dafür, dass sich diese Unternehmen auf Kosten der Allgemeinheit bereichern
5. etc.


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GlobalPlayer5001 #11.18 

>>Eine Frage: wer leistet die eigentliche Arbeit, ohne die, wie Sie bestimmt wissen, kein Unternehmen bestehen kann. Die Angestellten oder die ANTEILSEIGNER?<<

Nun ja, es ist ein klarer Deal bei den Arbeitnehmern: Lohn gegen Arbeit. Und ein genauso klarer Deal ist es bei den Anteilseignern: Kapitalüberlassung gegen Rendite. Natürlich arbeiten die Arbeitnehmer, aber sie könnten es nicht, wenn die Anteilseigner nicht zuvor das Kapital zur Schaffung der Arbeitsplätze investiert hätten.

Soweit alles klar?


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d353rt #11.19

"Natürlich arbeiten die Arbeitnehmer, aber sie könnten es nicht, wenn die Anteilseigner nicht zuvor das Kapital zur Schaffung der Arbeitsplätze investiert hätten."

Zwei drittel der ANTEILSEIGNER haben ihr Vermögen geerbt, das heißt, sie haben keinen Finger krumm gemacht. Solche Typen kenne ich: Papa war Facharbeiter, hat sein Leben lang geschuftet, und mehrere Immobilien erstanden. Jetzt ist er tot, und der geborene Sohn hat die Immobilien verkauft und "investiert". Und er setzt sich dafür ein, dass die Vollzeit-Angestellten, die oft schlicht keine andere Wahl haben, zum Hungerlohn schuften müssen, ganz anders als der Papa. und dann müssen diese Angestellten aufstocken, weil das Geld für das Frühstück für die Kids nicht reicht. Wissen Sie, wie man solche ANTEILSEIGNER nennt? Sozialschmarotzer. Parasiten.

Soweit alles klar?

Und noch etwas: ich hoffe dass man bei der nächsten Aktionärsversammlung von Daimler Benz nicht schon wieder die Polizei rufen muss, weil sich die ANTEILSEIGNER am Würstchenbuffet um die letzten Würstchen geprügelt haben.


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deri punkt partei #19

ich finde, anstatt immer wieder die Gehälter der Vorstände zu thematisieren sollten wir mehr das untere Ende der Gehaltsliste in den Focus nehmen. ...

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TottiZ #24

Und die Politik nennt es noch immer "Soziale Marktwirtschaft".


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DrkdD #24.1

Situationskomik derer die den Lobbyisten den Weg bereiten.


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Auf Krawall gebürstet #28

Jetzt aber bitte nicht wieder Klassenkampf- und Enteignungsdiskussionen. Es können halt nicht alle so viel Geld verdienen.


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GlobalPlayer5001 #28.1

Ein frommer Wunsch, allein - Sie sehen es ja - die Neid- und Missgunstfraktion ist schon wieder voll in ihrem Element. Denen ist jedes Mittel recht, auf die angeblichen "Ungerechtigkeiten" in der Einkommensverteilung hinzuweisen. Und, zugegeben, Vorstände internationaler Konzerne geben hier ja auch eine schöne Projektionsfläche zum Abarbeiten her ...


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St.Expeditus #36

Niemand wird als DAX-Vorstand geboren . Jeder hat prinzipiell die gleiche Chance.
Was man braucht ist Weitsicht. So müssen heute etwa die Autobosse entscheiden,
welche Autos sie 2040 verkaufen wollen. Eine falsche Entscheidung kann die Existenz
eines Konzerns und zehntausende Arbeitsplätze gefährden. Da sehe ich den Faktor 50 nicht als zu hoch an, wenn Balltreter oder Imkreisfahrer das zehnfache verdienen.


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artefaktum #36.1

@St.Expeditus

>> So müssen heute etwa die Autobosse entscheiden,
welche Autos sie 2040 verkaufen wollen. Eine falsche Entscheidung kann die Existenz
eines Konzerns und zehntausende Arbeitsplätze gefährden. <<

In der Tat. Aber welche Konsequenzen haben falsche Entscheidungen für den Autoboss? Goldener Fallschirm für's Management, Arbeitslosigkeit für die Belegschaft. Mit "Eigenverantwortung" hat das herzlich wenig zu tun. Die gilt immer nur für den blöden Durchschnittsarbeitnehmer.


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Klacksklacks #36.6

Josef Ackermann hat in der Tat andere Sorgen, seit die Staatsanwaltschaft ihn als Beschuldigten im cum-ex-Skandal führt.


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pöserpurche #38

Von mir aus können die auch 100-mal soviel verdienen. Verstehe das Problem nicht. Wer hat denn das zu kritisieren und/oder zu befinden, was zu viel zu wenig oder angemessen ist. Ein Komitee aus Journalisten, Robert Habeck und all die anderen Moralapostel?


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vlavo #39

Der Aufsichtsrat genehmigt die Gehälter der Vorstände, die wiederum die Gehälter der Aufsichtsräte vorschlagen. Beide zusammen beschließen die Dividendenzahlung an die Aktionäre, die wiederum die Gehälter der Aufsichtsräte und Vorstände absegnen. Ein Zirkel. Die Angestellten sind außenvor. So sagt Michael Hartmann, Soziologe und einer der renommiertesten deutschen Eilieforscher. Diese Gier erodiert unseren Staat und lässt ihn von innen heraus faulen.


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LinuxSchurke #41

Das ist doch alles Peanuts was deutsche Manager verdienen.
Tim Cook, Apple-Chef, kassierte 2017 ein Gehalt von 12,8 Millionen US-Dollar. Das Grundgehalt liegt bei rund 3 Millionen US-Dollar pro Jahr, der Rest Boni.
Gehalt 2018:
15,7 Millionen US-Dollar
Zusätzlich zum Gehalt hat der Top-Manager jedoch noch lukrative Aktien-Optionen von Apple erhalten. So erhielt er laut dem 2011 unterschriebenen Vertrag im August 2017 ein Paket von 560.000 Aktien.

Natürlich ist das zuviel aus unserer Sicht, wird aber gezahlt. Und jetzt rechnet mal aus um wieviel mal das höher ist als bei der Apple Putzfrau mit 20000$ oder dem Apple Ingenieur mit 150000$ pro Jahr


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Johanna88 #41.1

Nett von Ihnen, uns zu erklären, dass Perversion praktisch unendlich steigerbar ist.


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Flatearthler10000 #44

Ah, die typisch deutsche Neidkeule wird wieder ausgepackt.


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Klacksklacks #44.1

Nicht jede Kritik die Sie nicht verstehen gründet auf Neid.


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Rabe374 #47

Ist doch vollkommen ok. Wer das Gehalt verdienen möchte, kann ja einfach selber Vorstand werden, anstatt kleiner Angestellter zu sein. Aber vielleicht hat es doch einen Grund, weshalb es nur eine handvoll Bigplayer mit Millionengehältern gibt.


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exxkoelner #47.1

Der American Dream, vom Tellerwäscher zum Millionär, hat ja auch super geklappt - ca. 40 Mio. US-Bürger erhalten Essenmarken, 1% der Bevölkerung gehört 40% der Vermögen, 1% der Bevölkerung erhält 24% der gesamten Einkommen pro Jahr. Aktuell ist die USA bei einem Manager/Angestellten-Ratio von 380:1. Kann man ja so weiter laufen lassen und mal gucken was passiert, was soll schon schief gehen? ...


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Kanndassein #50

Bei den Vorstandsbezügen ist schon lange einiges aus den Fugen geraten, und gerade bei Aktiengesellschaften ist es erstaunlich, dass dies so hingenommen wird, selbst wenn die Unternehmensspitzen versagt haben. ...


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Flugbenzin #56

Die deutschen Vorstandsgehälter bewegen sich international im Mittelfeld. Wer gute Leute haben möchte, muss aber tief in die Tasche greifen. ...


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Johanna88 #56.1

"Wer gute Leute haben möchte, muss aber tief in die Tasche greifen."

Ah, jetzt verstehe ich das endlich!

Die Vorstände von Bayer und der Deutschen Bank waren einfach zu schlecht bezahlt.....
Na, da hätte ich auch selbst drauf kommen können, ich Dummchen...


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Sonja #57

Aufmacher wie bei der BILD-Zeitung... und auch ähnliches Niveau. Wenn jeder so viel schlauer ist und eine ähnliche Vita wie die Vorstände vorweisen kann, soll es einfach besser machen, ganz einfach.
Meist kommt dann die Ausrede: „Wenn ich denn wollte könnte ich das, aber das ist einfach unmoralisch blibla“ - jaja, man kennts. Ausreden, andere sind Schuld, vermeintliche Unfairness, Ungleichheit - das ganze Sozen-Gesabbel, anstatt einmal mit auf sich selbst zu schauen.


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exxkoelner #59

Und die Manager tragen ja auch die ganze Verantwortung, wie Herr Winterkorn z.B.:

"Der Aufsichtsratschef von VW könnte in so einem Fall gar nicht mehr anders, als von Winterkorn Schadenersatz zu verlangen. Und ihn notfalls zu verklagen. Das brächte natürlich nicht die vielen Milliarden Euro zurück, die VW die Affäre bislang gekostet hat. Aber es wäre ein Signal. Wobei offen bliebe, was bei Winterkorn noch alles zu holen wäre. Er hat als Vorstandschef bis zu 17 Millionen Euro im Jahr an Gehalt und Boni kassiert. Als die Abgasaffäre schon eine Zeitlang lief, hat Winterkorn Millionenbeträge in die Schweiz geschafft, auf ein Depot bei einer Bank. Es handele sich wahrscheinlich um ein Depot der Ehefrau, notierten die Ermittler später. Die Ermittler vermuteten, der Ex-Konzernchef könnte einen "Notgroschen" für den Fall angelegt haben, dass er in der Affäre noch persönlich belangt werde. Der Clou an der Sache, aus Sicht Winterkorns: Nach allem, was bislang bekannt ist, wäre das völlig legal gewesen. Im Wege eines komplizierten Steuersparmodells unter Eheleuten, das "Güterstandsschaukel" genannt wird."
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/winterkorn-vw-prozess-dieselskandal-1.4410976-2 (https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/winterkorn-vw-prozess-dieselskandal-1.4410976-2)

Bisher hat er ausgesagt, das er sich an nichts mehr erinnern kann in diesem Zusammenhang, man hat ja auch den Kopf so voll, bei der ganzen Verantwortung und so ...


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Gisbert Beaumarais #59.1

Bei Winterkorn gibt es nur drei Möglichkeiten:
a) er lügt
b) er ist unfähig
c) er ist dement


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Johanna88 #59.2

"Bei Winterkorn gibt es nur drei Möglichkeiten:
a) er lügt
b) er ist unfähig
c) er ist dement"

d) unterbezahlt....haben Sie vergessen.

Lerne ich ja gerade hier im Forum. Die Gehälter deutscher Manager sind einfach Unterkante.


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Ledni Rok #60

Neid ist ein schlechter Charakterzug.


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Professor Deutlich #60.1

Gier auch.


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peterjunge #62

Irgendwie passend (oder erhellend), dass das Gehaltsgefälle gerade beim "Volks"-wagenkonzern am deutlichsten ist, bei dem ein Landesfürst der SPD einigen Einfluss hat aufgrund des Staatsanteils.


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AllesKeinProblem #64

Aber diese Leute tragen doch so viel Verantwortung und müssen für alles in ihren Unternehmen gerade stehen! Volkswagen? Ach ja...
Aber man muss doch mit hohen Gehältern um die besten Köpfe werben um die Firma auf Erfolgskurs zu bringen! Deutsche Bank? Ach ja...
Was ist dann jetzt noch übrig als Argument? Aber natürlich: "Ihr seid doch alle nur neidisch."


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Tiqqun #65

Und dennoch, sobald sich dann einer aus diesem Milieu zur Wahl stellt, all seinen Prunk zeigt, dann sehen die Menschen voller Ehrfurcht hinauf. Sei es ein Trump, ein Bloomberg, oder ein Merz. "Die haben bewiesen, dass sie es können" ...


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Badener im Ausland #68

"Der Studie zufolge war das Gehaltsgefälle 2018 ebenso hoch wie im Vorjahr. Allerdings seien die Vorstandsgehälter insgesamt um 3,5 Prozent gesunken, zum ersten Mal seit mehreren Jahren. "

Ich habe den üblichen Hinweis aus der neoliberalen Mottenkiste vermisst, dass es ein „gutes Signal“ sei, wenn „die Ungleichheit nicht weiter wächst“.


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tiefstapler #77

die leiterin einer kita bekommt monatlich den betrag X - für das aufbewahren von kindern.
ein vorstand der deutschen bank bekommt monatlich das 52-fache - für das aufbewahren von geld. ...


Quote
MaxFortis #77.1

Warum ist es ein Problem des Kapitalismus, wenn den Menschen Bankgeschäfte wichtiger sind als Kindererziehung?


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tiefstapler #77.2

Mit einer Weisheit, die keine Tränen kennt,
mit einer Philosophie, die nicht zu lachen versteht,
und einer Größe, die sich nicht vor Kindern verneigt,
will ich nichts zu tun haben.
( Khalil Gibran )


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no-panic #78

52 mal mehr als der Durchschnittsverdiener im Laden, also 100 mal so viel wie die, die wirklich wertschöpfend arbeiten und etwas Greifbares herstellen. Das bedeutet, dass derjenige, der das Produkt, welches den Gewinn bringt, zusammenbaut, 100 Jahre arbeiten muss, um das zu bekommen, was so ein Vorstand in einem Jahr bekommt.
Wer hier nicht erkennen möchte, dass die Relationen nicht nur schief, sondern schlicht nicht mehr existent sind, ...


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CarpeDiem0987654321 #79

... wieder so eine Neiddebatte. ...


...
Title: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
Post by: Link on June 12, 2019, 01:31:20 PM
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[...] Der Politiker Friedrich Merz ist Vizepräsident des Wirtschaftsrates der CDU und war früher Vorsitzender der Unionsfraktion im Bundestag. Er ist Vorsitzender des Aufsichtsrats der Fondsgesellschaft BlackRock in Deutschland und kandidierte Ende vergangenen Jahres um den CDU-Parteivorsitz.

 Deutschland geht es gut. Wir leben in einem der schönsten und wohlhabendsten Länder der Welt. ... Die Agenda 2010 der rot-grünen Bundesregierung war der Versuch, die deutsche Volkswirtschaft in einem schärfer werdenden globalen Wettbewerb zukunftsfähig und zugleich die Sozialversicherungen demografiefest zu machen. ... Marktwirtschaft heißt vor allem Kapitaleinsatz: kapitalstarke Unternehmen, Kapitalbildung in Arbeitnehmerhand, Kapitalfundierung von Teilen der Sozialversicherungen, Kapitalerträge etwa für die Bildungseinrichtungen. All dies macht den Kapitalismus im bestverstandenen Sinn des Wortes zusammen mit der sozialen Verantwortung aller Akteure zum Wesenskern der sozialen Marktwirtschaft. Die Deutschen müssen wieder neu lernen, diesen Teil der Marktwirtschaft zu verstehen, damit sie gerettet werden kann. Und retten müssen wir sie, denn ohne Kapitaleinsatz und ohne Kapitalrentabilität gibt es keinen Sozialstaat und ohne Sozialstaat gibt es keine soziale Gerechtigkeit. ... Die Zahl der Aktionäre ist in Deutschland im letzten Jahr um rund 200.000 gestiegen, sie liegt jetzt wieder über zehn Millionen. Das ist, für sich genommen, eine gute Nachricht. Damit sind aber immer noch 70 Millionen Menschen in Deutschland ohne Zugang zu den Kapitalerträgen der Unternehmen. Immer noch arbeiten Millionen deutscher Beschäftigter in börsennotierten Aktiengesellschaften, deren Erfolg von Millionen ausländischer Aktionäre vereinnahmt wird. Kaum ein börsennotiertes Unternehmen in Deutschland hat noch mehrheitlich deutsche Aktionäre. Daran muss sich etwas ändern, aber daran lässt sich nur etwas ändern, wenn in Deutschland eine neue Kultur des Aktiensparens entsteht und sich daraus eine neue Teilhabe am Erfolg der Marktwirtschaft entwickelt. Ich bin, anders als früher, heute auch der Auffassung, dass der Gesetzgeber eine Verpflichtung zur privaten, kapitalmarktorientierten Vorsorge für das Alter ernsthaft prüfen sollte, in welcher Form auch immer. ... Starke Bürger vertrauen auf ihre eigenen Kräfte und übernehmen Verantwortung für sich und andere, engagieren sich in Familie, Schule und Politik, im Betrieb oder in den vielen gesellschaftlichen Problemfeldern. Wenn in dieser Weise Kapital und Soziales, Staat und Unternehmen, Stiftungen und Verbände, Initiativen und Bürger allgemeine Projekte unterstützen und tragfähige soziale Netzwerke knüpfen, kann das ganze kreative Potenzial unserer Gesellschaft zum Tragen kommen. Die unsichtbare Hand, von der Adam Smith sprach, führt dann nicht nur zu wirtschaftlichem, sondern auch zu sozialem Reichtum. Nicht inszenierter Klassenkampf, sondern eine konstruktive Partnerschaft zwischen wirtschaftlichem und sozialem Kapital schafft ein erneuertes bürgerliches Gemeinwesen. Aber ohne oder gar gegen den Kapitalmarkt sind diese Ziele allesamt nicht zu erreichen.


Aus: "Für eine neue Kultur des Sparens" Friedrich Merz (11. Juni 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-04/wirtschaftspolitik-deutschland-wohlstand-soziale-gerechtigkeit-demokratie-kapitalismuskritik/komplettansicht (https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-04/wirtschaftspolitik-deutschland-wohlstand-soziale-gerechtigkeit-demokratie-kapitalismuskritik/komplettansicht)

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Ideosynkratisch #2

Hallo Herr Merz! Ich könnte mir Sie als Kanzler vorstellen! ...


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Polykanos #2.56

"Ich könnte mir Sie als Kanzler vorstellen!"

Ich auch - Horror!


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Einfacher Bürger #78

Die alte Kultur des Herumschwurbelns - Auch hier muss ins Deutsche übersetzt werden.

"Auf Dauer unbezahlbare soziale Leistungsversprechen und eine Übertragung der Lasten auf jüngere Generationen verstoßen gleich mehrfach gegen Vorsorgeprinzip und Nachhaltigkeit."

Runter mit den Sozialleistungen, ihr verwöhnten Blagen.

"Wenn die Zustimmung zu Demokratie und Marktwirtschaft wieder steigen soll, dann müssen aber nicht nur Zusammenhänge (besser) erklärt werden."

Ihr seid zu doof zu verstehen, dass Steuerermäßigungen für Wohlhabende gut sind.

"Ich bin ... der Auffassung, dass der Gesetzgeber eine Verpflichtung zur privaten, kapitalmarktorientierten Vorsorge für das Alter ernsthaft prüfen sollte"

Seht zu wo ihr die Kohle herbekommt. Mir doch egal.

"Starke Unternehmen verstehen sich als Wertschöpfungsgemeinschaften, die von der Gesellschaft profitieren und sich deshalb auch im Sinne der Corporate Citizenship für die Gesellschaft engagieren."

Alle Großunternehmen werden ein (steuerlich abzugsfähiges) Sommerfest für Kinder organisieren. Versprochen!

"Die unsichtbare Hand, von der Adam Smith sprach, führt dann nicht nur zu wirtschaftlichem, sondern auch zu sozialem Reichtum."

Mal gucken, wer immer noch darauf reinfällt, dass es den Menschen gut geht, wenn es den Reichen gut geht.



Sorry, aber unwählbar


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Einfacher Bürger #78.1

Ich fasse Merz' Aussagen mal zusammen: Wenn ihr glaubt, dass die Agenda 2010 schlimm war, dann lasst Euch mal von mir überraschen. Mir fallen noch ganz andere Sachen ein.


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efwe #2.70

merz die mittelstands-Atlantikbrücke, im ernst :)


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klaurot #14

Wir leben in einem der schönsten und wohlhabendsten Länder der Welt.

Wer ist "wir"? ...


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BCO #14.1

Wir = der Mittelstand (im Merz'schen Sinne).


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Bratstein #37

Der Mister Blackrock will uns die soziale Seite des Kapitalisum näherbringen. Prima! Wir sehen ja wie prächtig soziale Gerechtigkeit im Mutterland von Blackrock funktioniert. .. .


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roccco #15

Gebt mir die Kohle, zu eurem Wohle!
Der Mann von BlackRock möchte nur euer Bestes!


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mal denken mal handeln #38

Interessant, wie Merz von sozialer Gerechtigkeit zur Werbung für Aktienbesitz kommt, wofür er ja als Vorstand von Blackrock zu Zeiten der Parteivorsitzambitionen stark kritisiert wurde. ...


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till ratzeburg #39

"Wir sind uns in unserer Gesellschaft weitgehend einig, dass die Umweltpolitik vom Vorsorgeprinzip und vom Grundsatz der Nachhaltigkeit geleitet sein muss."

Wer ?
Die CDU ?
Ist das jetzt Ironie ?
Das ist genau das was die CDU nicht will. Die wollen keine Umweltpolitik. Das stört die nur. ...


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Glossolalia #42

Beim Lesen des Artikels beschleicht einen ja der Verdacht, der gute Herr Merz sei mit Marty McFly und Doc Browns deLorean direkt aus den 1980ern zu uns gekommen, um einen Essay über seine Weltsicht zu verbreiten.

Der Essay verströmt mit jedem Satz die Gewissheit, daß sich da jemand seit fast 40 Jahren kein Stück weiterentwickelt hat, sondern tatsächlich immer noch an den gleichen Kokolores erzählt, der schon vor 40 Jahren nichts als Wunschdenken war. Damals war es skurril, weil es auf der kapitalistischen Seite der gleiche weltfremde Dogmatismus war, wie die Marxismus-Leninismus Märchen der Gegenseite. Angesichts der historeischen Pleite des real existierenden Sozialismus sind diese Märchen allerdings heute eher gruselig, da sich der Verdacht erhärtet, daß auf dieser Seite (Kapitalismus) Leute tatsächlich an den törichten Quatsch glaubten, den sie verzapften...


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polarapfel #42.1

Wer seit den 80ern über 40 Jahre sein Geld statt auf dem Sparbuch, Tagesgeld oder der Lebensversicherung in Aktien investiert hat, ist jetzt reich. ...


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invoker #44

Herr Merz,
ich stimme Ihnen grundsätzlich zu. Nur: Welche konkreten Maßnahmen schlagen Sie vor? Eine Pflicht zum Aktienkauf dürfte einem Paketzusteller kaum helfen, er braucht das Kapital für seinen alltäglichen Konsum.

Eigentum verpflichtet. Amazon aber zahlt keinerlei Steuern, obwohl es reich ist und Jeff Bezos zum reichsten Mann der Welt gemacht hat.
Wie wäre es internationale Konzerne endlich wieder zu besteuern? Oder Finanzjongleure mit einer Finanztransaktionssteuer?


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Cyber200 #50

"Deutschland geht es gut. Wir leben in einem der schönsten und wohlhabendsten Länder der Welt"

...und deshalb haben wir 7 Millionen überschuldete Haushalte, Millionen Menschen die sich durch die "Tafel" ernähren müssen, kaputte Straßen und Brücken, Mindestlöhne von denen die wenigsten leben können, eine kaum einsatzfähige Bundeswehr, Menschen die die hohen Mieten nicht mehr bezahlen können, einen Pflegenotstand in den Krankenhäusern und in den Seniorenheime, eine desolate Deutsche Bahn, ein Stop and Go Verkehr auf den überlasteten Autobahnen u.v.a.m.

Vielen geht es gut bis sehr gut. Aber der gute Herr Merz, ein talentierter Politiker und Wirtschaftsjurist, sollte den Ball etwas flacher halten.


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Desaguliers #63

"Wenn die Zustimmung zu Demokratie und Marktwirtschaft wieder steigen soll, dann müssen aber nicht nur Zusammenhänge (besser) erklärt werden."

Sagen Sie mal, Herr Merz, halten Sie Ihre Landsleute eigentlich für dämlich? ...


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House MD #71

"All dies macht den Kapitalismus im bestverstandenen Sinn des Wortes zusammen mit der sozialen Verantwortung aller Akteure zum Wesenskern der sozialen Marktwirtschaft. Die Deutschen müssen wieder neu lernen, diesen Teil der Marktwirtschaft zu verstehen,..."

Sorry, Herr Merz, das ist Quatsch. Die Kaste, zu der Sie gehören, muss das wieder neu lernen.

Manager, die Gesetze brechen gehören eingesperrt. Manager, die ihre Firma ruinieren (zum Beispiel, um eine tolle Fusion/Übernahme im Lebenslauf stehen zu haben) gehören gefeuert, und nicht mit Millionenabfindungen und Beraterverträgen für Gier und Inkompetenz belohnt zu werden. Wenn eine Bank sich überhebt, gehört sie genauso geschlossen, wie der Drogeriemarkt. Der Staat kann dann ruhig die Sparer auszahlen, aber nicht mit Staatsgeld das Weiterzocken ermöglichen.

Ein Manager ist genauso ein Angestellter einer Firma wie Klofrau und Pförtner. Wenn die Mist bauen, werden sie gefeuert. Gleiches Recht für alle.

Das Problem ist doch hierzulande, dass sich die selbsternannten Eliten sich das "Tragen der Verantwortung" hoch bezahlen lassen, aber das sie, wenn was schief geht, sich aus der Verantwortung stehlen und die Allgemeninheit die Kosten tragen lassen. Immer. Wenn es um Banken geht, um die Bahn, um den Diesel, um die Flüchtlinge (Waffen in Kriegsgebiete liefern ist okay, aber um die Flüchtlinge möge sich der Steuerzahler kümmern).

Und zur sozialen Marktwirtschaft gehört auch: Steuern zahlen.


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House MD #86

"Erfolg deutscher Unternehmen von ausländischen Aktionären vereinnahmt"

Ja Herr Merz, das können Sie mal näher erklären. Zum Beispiel, wie es kommt, das der Erfolg von Bayer vereinnahmt wird von Monsanto, gerade rechtzeitig, wenn es darum geht, die Opfer deren Gifte zu kompensieren. Hat Ihre Firma, Blackrock, was damit zu tun, immerhin grösster oder zweitgrösster Aktionär bei beiden ?

https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/monsanto-und-bayer-bei-bayer-und-monsanto-reden-auf-beiden-seiten-dieselben-investoren-mit-1.3170377 (https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/monsanto-und-bayer-bei-bayer-und-monsanto-reden-auf-beiden-seiten-dieselben-investoren-mit-1.3170377) [Bei Bayer und Monsanto reden auf beiden Seiten dieselben Investoren mit: An Monsanto und Bayer sind dieselben Investoren im großen Stil beteiligt: Blackrock etwa ist mit sieben Prozent Anteil der größte Aktionär bei Bayer - und mit 5,75 Prozent die Nummer zwei bei Monsanto. ... Die Verflechtungen der Großaktionäre sind auch der Monopolkommission aufgefallen. Sie machten den Fall interessant, sagte Achim Wambach, der Vorsitzende des Expertengremiums. "Insofern schließen sich hier Unternehmen zusammen, die eh zum Teil denselben Leuten gehören." ... (21. September 2016)]

... Wer seine Altersversorgung auf seinen stolzen Besitz von Bayer-Aktien oder auch der Deutschen Bank gründete, der durfte sich einmal vorzüglich gesichert glauben. Schließlich gehörten die beiden Unternehmen zu den Flaggschiffen der deutschen Wirtschaft. Heute ist er im Besitz von zwei erstklassigen Scherbenhaufen.


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Pfirsichköpfchen #101

Hoffentlich wird dieser Merz, der anscheinend noch in den 1980ern des Thatcherismus festhängt und seit den Chicagoboys nix dazu gelernt hat niemals MInister oder sogar Kanzler.
Das Ergebnis dieses Ökonomiemodells kann in GB studiert werden und die fatalen Auswirkungen auf die Durchschnittsbevölkerung.

Aber mal gefragt, warum thematisiert er nicht die 120-150 Mrd. steuerhinterzogenen Euros? Weiß der Herr Merz was über die Vermögensverteilung? Findet er den status quo gut so?
Was wird er gegen Offshorebanken, Steueroasen, CumEx Geschäfte unternehmen wollen? Da wird dem Staat Geld entzogen. Fang dort mal an, Merz, danach kannst dich dem miesmachen der unteren Einkommenshälfte widmen. Wer am Ende des Geldes noch 10 Tage Monat übrig hat, weil Vermietungsaasgeier hemmungslos plündern dürfen, der beschäftigt sich mit dem Aktienerwerb? IN der Merz Welt möglicherweise, in der Wirklichkeit geht es drum, das Giro nicht über den Dispo zu strapazieren. Sparen ist anders wo.

Dies ist der intellektuelle Offenbarungseid eines Abzockers ...


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Tordenskjold #106

Merz, Lindner, Weidel, Seeheimer Kreis.

Denk ich an Deutschland in der Nacht...


...
Title: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
Post by: Link on June 17, 2019, 11:50:37 AM
Quote
[...] Die unteren Bildungsschichten sind in vielen Demokratien aus der politischen Partizipation ausgestiegen. Dies gilt selbst für die kognitiv anspruchsloseste politische Beteiligungsform, nämlich Wahlen. In den USA haben 2012 bei den Präsidentschaftswahlen 80 Prozent derjenigen Personen angegeben, zur Wahl zu gehen, die über ein Haushaltseinkommen von 100.000 US-Dollar und mehr verfügten; von jenen Bürgern aber, die ein Einkommen von 15.000 Dollar und weniger hatten, erklärte nur ein Drittel seine Wahlabsicht.

Auch in Deutschland ist das untere Drittel aus der Partizipation ausgestiegen. Deutschland ist zu einer zwar stabilen, aber dafür sozial selektiven Zweidritteldemokratie geworden. Sozioökonomische Ungleichheit übersetzt sich in kapitalistischen Demokratien sehr direkt in die Ungleichheit politischer Beteiligung.

Banken, Hedgefonds und Großinvestoren diktieren direkt oder indirekt den Regierungen, wie sie besteuert werden wollen. Amazon in den USA und Google in Irland sind hier nur die spektakulärsten Fälle. Folgen die Regierungen nicht den Steuerbefreiungsforderungen der Investoren, wandern diese in Niedrigsteuerländer ab. Politiker wollen gewählt oder wiedergewählt werden. Fehlende Investitionen aber gefährden Konjunktur, Wachstum und Arbeitsplätze – und damit ihre Wiederwahl. Das Erpressungspotenzial geografisch flexiblen Anlagekapitals gegenüber demokratisch gewählten Regierungen hat zugenommen. Wie unter einem Brennglas hat sich dies in der Finanzkrise von 2007/2008 vor allem in Europa gezeigt. Die Banken erwiesen sich als too big to fail. Da der Staat die desaströsen Dominoeffekte kollabierender Banken befürchtete, rettete er viele von ihnen mit dem Steuergeld der Bürger.

In Zeiten der Globalisierung weist der Finanzkapitalismus einige Besonderheiten auf: Digitalisierung, Geschwindigkeit, Volumen, Komplexität und die räumliche Entgrenzung und Reichweite finanzieller Transaktionen. Parlamente dagegen, der institutionelle Kern der Demokratie, sind territorial begrenzt und benötigen Zeit für die Vorbereitung, Beratung und Verabschiedung von Gesetzen. So ist die Desynchronisierung von Politik und Finanzmärkten systemisch bedingt und unvermeidbar.

... Erst wenn die demokratischen Fundamente von Gleichheit und Freiheit nicht mehr durch entfesselte Märkte unterspült werden, lässt sich der Kapitalismus mit den Grundprinzipien der Demokratie versöhnen.


Aus: "Kapitalismus: Aus dem Gleichgewicht" Aus einem Essay von Wolfgang Merkel (17. Juni 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-04/kapitalismus-finanzialisierung-globalisierung-demokratie-ungleichheit/komplettansicht (https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-04/kapitalismus-finanzialisierung-globalisierung-demokratie-ungleichheit/komplettansicht)

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Zwischentöne #32 

Reagan und Thatcher fingen damit an und Blair und Schröder beendeten das Werk der neoliberalen Heilsversprecher.

Nur Sozialdemokraten waren in der Lage, das Fallbeil am solidarischen Gesellschaftssystem anzulegen, da es ohne ihren Verrat an der "Arbeiterklasse" den Neoliberalen unmöglich gewesen wäre, die soziale Marktwirtschaft zu entarten.

Bis heute haben es die "Seeheimer" in der SPD nicht kapiert, dass sie damit den Untergang ihrer Partei und den Sieg der neoliberalen Gesellschaftsveränderer beschlossen.

Der Warner (Lafontaine) wurde in die Wüste geschickt und die Totengräber
sitzen heute bei der Leiche und "versaufen die Haut" solange noch ein Tropen in der Flasche ist und der mehr Prozent als die eigene Partei hat.

Sogar ein Neoliberaler erster Güte, der ehem. Finanzminister und Kanzlerkandidat
Steinbrück, hat diesen Irrweg mittlerweile erkannt. Leider immer erst dann, wenn
ihm niemand mehr zuhört.

Noch heute schwärmen und loben diejenigen die ANGEDA-Politik der SPD und geben
der Partei gute Ratschläge, die sie am liebsten im Abgrund sähen. Und die SPD ist immer noch nicht so weit, ihr eigenes Versagen klipp und klar zu benennen und diesen Irrweg zu verlassen.

Ein entfesseltes Ungeheuer (Kapitalismus) bändigt man nicht durch immer neue Opfer sondern dadurch, dass man es in Ketten legt und die Krallen und Zähne zieht.

Es muss wieder gelten, dass der Staat den Markt regelt und nicht die unsägliche Merkel-Sicht der marktkonformen Demokratie.

[Der Kardinalfehler war der Genosse der Bosse und seine Anhänger, die die SPD okkupierten, alle Widersacher in der Partei kalt stellten, in die innere Immigration/Wahlenthaltung trieben oder zum Parteiaustritt.

Mit Schröder, Klement, Müntefering, Steinbrück, Steinmeier, Hombach und den versammelten Seeheimern hatte der Marsch der SPD in die neoliberale Mittel längst begonnen, alle waren überzeugte Anhänger des New Deal, der Entfesselung der Kapital- und Finanzmärkte und wollten lieber mit den Bossen Champagner schlürfen statt mit dem Kumpel ein Bier zu trinken.

Dies wäre durch Lafontaine und die paar Linken in der Partei nicht aufzuhalten gewesen.

Noch heute klatscht man in der SPD den Totengräbern (s.o.) mehr Beifall, als dem "gefallenen Engel" Lafontaine.]


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Fritz IV #35

Wenn die Einkommens- und Vermögensunterschiede derartig krasse Formen annehmen, gibts keine Demokratie mehr.
Die Oligarchen können sich dann alles kaufen, die Regierung, die Justiz, die Presse.
Ja, sie können sogar in den Medien die Selbst-Bezeichnung "Investoren" durchsetzen.


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Bberliner #38

Die Geldschöpfung war und ist feudal organisiert, solange das so bleibt und die monetären Lebensadern der Ökonomie nicht demokratisiert werden, solange sollte die Erosion von Demokratie keinen ernsthaft verwundern?


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1971koepi #42

Das Kapital regiert. Hat jemand etwas anderes erwartet? Demokratie ist von Menschen gemacht. Menschen agieren in der Regel im Eigeninteresse und sind somit vom Kapital beeinflussbar. Sei es durch Anerkennung, schnöden Mammon, ... . Die Käuflichkeit der Herrschenden hat bisher noch jedes System kaputtgemacht.


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Strogow #46

 ... Globalisierung, damals noch Imperialismus genannt ...

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mounia #47

Es regieren die sog. Märkte.Das hat mit Demokratie nix zu tun,auch wenn es marktkonforme Demokratie genannt wird.


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skipporiginal #48

"Die Banken erwiesen sich als too big to fail. " Nein.

Erwiesen - Erweisen; in diesem Zusammenhang also Nachweisen oder Beweisen;

Einen Beweis oder Nachweis hat es nicht gegeben. Es wurde schlicht als "alternativlos" bzeichnet und verkauft ...


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Einfacher Bürger #62.1

Die Krönung ist diese Aussage: "Auch in Deutschland ist das untere Drittel aus der Partizipation ausgestiegen."

Ausgestiegen? Wohl eher rausgestossen, bei voller Fahrt. Und die Politik hat mit der Agenda 2010 noch nachgetreten.

Danke für nichts.


...
Title: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
Post by: Link on July 18, 2019, 10:02:49 AM
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[...] Zur Demokratie gehören auch Protestbewegungen, stehen sie doch für Grundrechte und Pluralismus. Dass dabei Gewalt abgelehnt wird, zählt zu den grundlegenden Selbstverständlichkeiten. Dies wird aber in bestimmten Bereichen des Protestmilieus anders gesehen. Für Autonome ist die sogenannte Militanz konstitutiv, was auch bei den Ausschreitungen anlässlich des G20-Gipfels in Hamburg 2017 beobachtbar war. Davon konnte man nicht überrascht sein. Allein die im Internet problemlos zugänglichen Mobilisierungsvideos machten deutlich, dass manche Anreisende nicht mit friedlichen Einstellungen kommen würden. Das Ausmaß der Gewalttaten verschreckte dann selbst das Umfeld und führte zu absonderlichen Reaktionen. Diese schwankten zwischen Bejubelung und Ignoranz, es gab weniger Reflexionen und Selbstkritik. Andreas Blechschmidt, der in Hamburg in der "Roten Flora" aktiv ist, äußert sich jetzt dazu in einem eigenen Kommentar, der als "Gewalt, Macht, Widerstand. G20 – Streitschrift um Mittel und Zweck" erschien.

Wer eine Distanzierung von Gewalt erwartet, der kann gleich schon auf der ersten Seite lesen: "Es wird ausdrücklich nicht darum gehen, militante Interventionen im Konkreten oder militante Politik im Allgemeinen zu diskreditieren, sondern Militanz in Beziehung zu den gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen zu bringen" (S. 6). Als kleine Lesehilfe sei hier schon erläutert: Die Begriffe "Gewalt" und "Militanz" werden meist synonym genutzt, wobei mit der letztgenannten Bezeichnung etwas Grundsätzlicheres gemeint ist. Die zitierte Bekundung meint indessen nur, dass Blechschmidt sich nicht von Gewalt distanzieren will, sondern nach den Kontexten fragt. Dass Gewalt ein legitimes Mittel sei, um den Kapitalismus zu überwinden, wird dabei nicht näher begründet, sondern letztendlich vorausgesetzt. Es geht mehr um das Problem der Vermittlung.

Denn Blechschmidt war schon aufgefallen, dass bestimmte Ereignisse in Hamburg nicht unbedingt Sympathien auslösten. Diese hält er denn auch um gesellschaftlicher Akzeptanzen willen für problematisch: "Wenn binnen 24 Stunden zunächst in Altona u. a. 19 Kleinwagen abgefackelt werden, parallel dazu ein Bengalo in ein Geschäft, über dem sich Wohnungen befanden, geworfen wird und dann später im Schanzenviertel versucht wird, zwei Geschäfte, über denen sich wiederum Wohnungen befinden, in Brand zu setzen ebenso wie eine Tankstelle mitten im Viertel, dann muss die Frage nach den Mitteln zum Zweck gestellt werden" (S. 51).

Dann könnten aber auch folgende Fragen gestellt werden: Was sind das für Akteure? Welche Einstellungen haben sie? Und welche Menschenfeindlichkeit ist ihnen eigen? Blechschmidt sorgt sich aber mehr um die Vermittlung, er thematisiert weniger die Gewalt als Handlungsstil an sich. Demgemäß gelingt es ihm auch nicht, zwischen angeblich legitimen und nicht-legitimen Formen begründet und trennscharf zu unterscheiden. Stattdessen beginnt er einen Ausflug in die Ideen- und Realgeschichte, da kommen mal Hannah Arendt und Johann Galtung, mal die Pariser Kommune von 1871 und mal der Pariser Mai von 1968 vor.

Dabei verstolpert sich der Autor gleich mehrfach. Wenn dann auf Gemeinsamkeiten linker und rechter Gewalt verwiesen wird, reagiert Blechschmidt allergisch: "Diese totalitäre Gleichsetzung menschenverachtender rechter Gewalt mit linker Militanz ist Ausdruck des Establishments, die bestehende kapitalistische Ordnung zu verteidigen" (S. 70). Er selbst muss aber versteckt in einer Fußnote einräumen, dass bestimmte linke Protestformen "mittlerweile rechte Gruppen" (S. 80, Fußnote 97) nutzen. Doch darüber reflektiert er nicht.

Bei den philosophischen Deutern der Gewalt kommt übrigens Georges Sorel nicht vor, der doch für Anarchisten wie Faschisten ein Klassiker wurde. Diese Gemeinsamkeiten könnten zum Nachdenken anregen. Aber dann müsste man die Gewaltfixierung ablegen, so soll sie als pseudoemanzipatorischer "Riot" legitimiert werden. Derartige Denkungsarten und Handlungen haben den Protestbewegungen erheblichen Schaden zugefügt. Man redet über Gewalt, nicht über Globalisierungskritik. Wer freut sich wohl am meisten darüber?

Andreas Blechschmidt, Gewalt, Macht, Widerstand. G20 – Streitschrift um die Mittel zum Zweck, Münster 2019 (Unrast-Verlag), 157 S.


Aus: "Kritischer Kommentar zu einem Plädoyer der Gewalt: Gewalt und Vermittlung" Armin Pfahl-Traughber (16. Jul 2019)
Quelle: https://hpd.de/artikel/gewalt-und-vermittlung-17015 (https://hpd.de/artikel/gewalt-und-vermittlung-17015)

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Roland Fakler am 16. Juli 2019 - 16:18

Gewalt erzeugt Gegengewalt, das lernt man normalerweise im Kindergarten. Man könnte auch viele Beispiele aus der Geschichte anführen oder besser aus der Gegenwart. Anschauungsmaterial dazu bieten Syrien und Libyen.
Also: Wer dieses Land zerstören will, der wende Gewalt an, um seine Ziele durchzusetzen. Dabei sollte einem allerdings klar sein, dass es in diesem Staat sehr viele unterschiedliche Vorstellungen von der „gerechten“ Herrschaft gibt. Nicht nur Linke wollen ihren kommunistischen Staat, auch Rechte wollen ihren Führerstaat und Religiöse wollen ihren Gottesstaat….Na, dann haut einfach mal drauf los, was da wohl rauskommt. Gewalt ist nur gerechtfertigt zur Bekämpfung einer gewaltsamen Herrschaft. ....


Title: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
Post by: Link on July 28, 2019, 08:24:09 PM
"Eigentümer unbekannt: Wenn Investoren Wohnungen kaufen | Panorama | NDR"
ARD - Am 26.04.2019 veröffentlicht
Offenbar wechseln zahlreiche Immobilien in Deutschland den Besitzer, ohne dass Mieter und Behörden etwas davon mitbekommen. Hinter den Immobilienfirmen steht ein komplexes Geflecht.
https://youtu.be/NSkUhz5icGk


Ann Claire Richter (24.07.2019):  .... Rausgedrängt von Immobilienhaien. Nicht einmal mehr Menschen mit mittlerem Einkommen können sich die Mieten in Toronto noch leisten. Doch Toronto steht mit diesem Problem nicht allein. Die Dokumentation „Push – Für das Grundrecht auf Wohnen“ führte am Montagabend im Universum-Filmtheater eindringlich vor Augen, wie Menschen überall auf der Welt ihre Heimat verlieren, wie Städte veröden und Spekulanten immer reicher werden. ...
https://www.braunschweiger-zeitung.de/braunschweig/article226568807/Wenn-Wohnraum-Ware-ist-und-der-Mensch-nichts-zaehlt.html

Christiane Peitz (18.06.2019): ... Es gibt ein paar Zahlen und Bilder in diesem Film, die einen erschüttern. Zum Beispiel die Vervierfachung der Mieten in Toronto in den vergangenen 30 Jahren – die Einkommen sind nur um ein Drittel gestiegen. Oder das Bild vom Skelett des Londoner Grenfell Tower, der 2017 brannte. 72 Menschen starben: ein schwarzes Mahnmal für die Verdrängung gewöhnlicher Bewohner aus einem Reichenviertel. Oder das Bild vom abgesackten, noch bewohnten Haus in Valparaiso, wo ein ganzer Stadtteil Luxusappartements weichen muss.
Oder die 217 Billionen Dollar, auf die der globale Vermögenswert von Immobilien beziffert wird, mehr als doppelt so viel wie das weltweite Bruttoinlandsprodukt. Oder die London-Grafik mit den zahllosen roten Punkten. Jedes Pünktchen markiert ein Gebäude in ausländischem Besitz. 80 Prozent davon stehen leer. Einst lebendige Nachbarschaften voller Kneipen und kleiner Läden sind Geisterquartieren gewichen.
„Push – Für das Grundrecht auf Wohnen“ heißt der teils über Crowdfunding finanzierte Film des schwedischen Dokumentaristen Fredrik Gertten, der eine Weltreise überall dorthin unternimmt, wo die Wertabschöpfung von Wohnraum brutale Folgen hat. Es geht nicht um Gentrifizierung, sondern um ein weit größeres Monster, heißt es im Film: um anonyme Konzerne, die als Vermieter nur noch auf dem Papier existieren und Riesengewinne mit meist leerstehenden Wohnungen erzielen. ...
https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/immobilien/die-dokumentation-push-ein-kinofilm-ueber-den-ungezuegelten-kapitalismus/24433368.html


"Film der Woche: „Push“Das Menschenrecht auf Wohnen" Julian Ignatowitsch (05.06.2019)
Vermieter ohne Gesicht, Wohnungen ohne Mieter: Die Dokumentation „Push“ von Regisseur Fredrik Gertten zeigt, wie horrende Mietpreise unsere Städte zu unbewohnbaren Orten machen – und ergründet die Hintergründe. Verständlich, unterhaltsam und schonungslos.
An Farhas Seite lernen wir das Ehepaar kennen, dem – um eine Kündigung zu rechtfertigen  – kriminelle Machenschaften vorgeworfen werden; oder wir sehen das kollektive Desinteresse von Politikern, während Farhas Vortrags vor den Vereinten Nationen, wenn alle nur auf ihr Smartphone starren und nach teuren Uhren googlen. Das sind Bilder, die hängen bleiben!
Dazu greift die Dokumentation auf die Expertise von Star-Ökonom Joseph Stiglitz, Autor Roberto Saviano und Soziologin Saskia Sassen zurück, die die Sachverhalte prägnant und verständlich erklären. Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise 2008, leerstehende Luxus-Immobilien als sekündlich gehandeltes Investment-Spielzeug, Geldwäsche und Steueroasen als Fundament der globalen Ökonomie – so die Experten.
... Fredrik Gerrten: „Das bedeutet: Wir hatten niemals einen größeren Unterschied zwischen Leuten, die in den Häusern wohnen, und denen, denen sie gehören. Die Hauseigentümer wissen oft nichts über dich, deine Stadt oder gar dein Land. Das ist etwas völlig Neues in der (Menschheits-)Geschichte.“
„Push“ spitzt manche These zu, ist dabei aber nicht reißerisch, auch wenn teilweise etwas vereinfacht wird. Der Dokumentation gelingt sogar das Kunststück trotz der frustrierenden Thematik unterhaltsam zu sein und eine positive Grundstimmung zu verbreiten, was wiederum stark mit Protagonistin Farha zu tun hat.
Was fehlt ist die Konfrontation, die Stimme der Gegenseite, also der Finanzwirtschaft. Der CEO des globalen Immobilieninvestors „Blackstone“ sagt ein Gespräch kurzfristig ab. ...
Auch Lösungsvorschläge formuliert die Dokumentation wenige. Am Ende zeigt sie immerhin wie Farha Politiker trifft, zum Beispiel die Bürgermeisterin von Barcelona, um ein Umdenken einzuleiten. Dieses Ziel hat sich Gertten auch mit seinem 700.000 Euro teuren Film gesetzt: „Dokumentationen sind Teil einer Widerstandsbewegung. Dieser Film verbreitet Wissen. Auch wenn wir kaum Geld haben für Marketing oder berühmte Schauspieler, wird der Zuschauer mehr mitnehmen als aus einem Hollywood-Film.“
https://www.deutschlandfunk.de/film-der-woche-push-das-menschenrecht-auf-wohnen.807.de.html?dram:article_id=450597
Title: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
Post by: Link on July 30, 2019, 02:09:48 PM
"Datenspiegel #27: Wohin Rentner und Kapital fliehen" David Meidinger (29.07.2019)
Welche Länder hatten weltweit die meiste Zuwanderung? Wo leben deutsche Rentner? Und warum lassen sich Firmen gerne auf Mauritius nieder?
Nicht nur Rentner und Urlauber zieht es in den Süden. Auch viele Firmen schätzen tropische Inseln wie Mauritius. Zum Beispiel die US-Amerikanische Firma Aircastle. Die Leasingfirma für Flugzeuge musste dort nur 1,59% Steuern auf Geschäfte in Südafrika zahlen – dank ihrer Firmengeflechte und mit freundlicher Unterstützung von KPMG, Ernst & Young und der Deutschen Bank. Aufgedeckt wurde die Geschichte von Reportern des International Consortium of Investigative Journalists im Rahmen der Recherche »Mauritius Leaks«. Die Steuervermeiderei wird auf einer Multimedia-Seite Schritt für Schritt erklärt und ist liebevoll illustriert. ...
https://digitalpresent.tagesspiegel.de/wohin-rentner-und-kapital-fliehen

International Consortium of Investigative Journalists
Investigations    >    Mauritius Leaks ...
https://www.icij.org/investigations/mauritius-leaks/treasure-island-leak-reveals-how-mauritius-siphons-tax-from-poor-nations-to-benefit-elites/

23. Juli 2019: Gut drei Jahre nach der Veröffentlichung der "Panama-Papers" mit Enthüllungen über teils illegale Steuerflucht vor allem in der Karibik steht nun die Insel Mauritius als Steuerparadies im Fokus. Ein Netzwerk internationaler Journalisten veröffentlichte dazu am Dienstag Hinweise, die sich auf vertraulich weitergeleitete Daten eines Informanten stützen.
Sie belegen nach Angaben des Verbunds, dass gerade den Staaten Afrikas viele Steuergelder entgehen. In dem Zusammenhang wird auch der Name des prominenten Afrika-Aktivisten und Musikers Bob Geldof genannt, der sich zunächst nicht dazu äußerte. Die einstige französische Kolonie Mauritius liegt im Indischen Ozean, rund 2000 Kilometer vom afrikanischen Kontinent entfernt.

https://www.kleinezeitung.at/wirtschaft/5663806/Nach-PanamaPapers_Mauritius-als-neue-Steueroase-angeprangert

https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/mauritius-leaks-steueroase-offshore-1.4535869

https://www.wiwo.de/politik/ausland/mauritius-leaks-steuerparadies-mauritius-indiens-eigenes-luxemburg/24703092.html

Die Hilfsorganisation Oxfam sieht den eigentlichen Skandal in der Gesetzmäßigkeit der Steuertricks und forderte neben transparenten Steuersystemen einen weltweiten Mindeststeuersatz. "Regelmäßig werden neue schmutzige Tricks bekannt, mit denen sich internationale Konzerne und Superreiche davor drücken, ihren fairen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten - auf Kosten gerade auch armer Länder", meinte Oxfam-Kampagnenmanager Jörn Kalinski. Die Bundesregierung müsse beim laufenden Prozess zur Reform des globalen Steuersystems im Industrieländerklub OECD für Sanktionen gegen Steueroasen eintreten. ...
https://www.manager-magazin.de/finanzen/artikel/mauritius-auch-bob-geldof-soll-diese-steueroase-fuer-geschaefte-nutzen-a-1278611.html

https://www.icij.org/investigations/mauritius-leaks/

https://en.wikipedia.org/wiki/Mauritius_Leaks

https://en.wikipedia.org/wiki/Swiss_Leaks

https://en.wikipedia.org/wiki/Panama_Papers

https://de.wikipedia.org/wiki/Offshore-Leaks

https://en.wikipedia.org/wiki/Lagarde_list

https://en.wikipedia.org/wiki/2008_Liechtenstein_tax_affair

Title: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
Post by: Link on August 14, 2019, 04:58:53 PM
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[...] Klang nach einem coolen Geschäftsmodell: Wer grad keine Zeit hat zu kochen, kann sich das Essen fix bestellen, zwischendurch, per App. Reproduktion mit einem Klick erledigt. Früher unbezahlte (weibliche) Hausarbeit wird nun auf den Markt geworfen: So entstehen sogar Jobs. Klar, für 7,50 Euro pro Stunde durch den Regen radeln, zig Stockwerke erklimmen, dabei vom Chef per App gestresst werden, das klingt uncool. Aber hey, c‘est la vie. Fahrer beschwerten sich hier und da, gaben Zeitungen Stoff für Reportagen, und das Geschäft brummte weiter. Türkise und pinke Radler überall.

Nun verschwinden erstere: Deliveroo zieht sich vom 16. August an aus Deutschland zurück, kündigte das Unternehmen an – am 12. August. Was innerhalb von vier Tagen auch verschwindet: das Einkommen der Fahrer. Kündigungsfrist gab es bei den 1.100 Freelancern keine, Anspruch auf eine Abfindung auch nicht. Aus PR-Gründen zahlt Deliveroo ihnen nun „Kulanzpakete“, basierend auf dem Tagessatz der durchschnittlichen wöchentlichen Einnahmen der letzten Wochen. Mindestens: 50 Euro.

Dass prekäre Arbeitsbedingungen super in ein Geschäftsmodell passen, das Angebot und Nachfrage just in time aufeinander abstimmen muss, ist nichts Neues. Volle Flexibilität für das Unternehmen, volle Unsicherheit für die Arbeiterinnen: das Comeback der Tagelöhner im Neoliberalismus. Wer profitiert? Die Kapitalisten!, möchte die Marxistin rufen, nur: Das stimmt nicht. Deliveroo und sein niederländischer Konkurrent Takeaway, Mutter des deutschen Lieferando, verzeichnen Jahr für Jahr Verluste. Was ist das für ein Geschäfsmodell?

Ein „sehr schlechtes“ – zitiert das Manager Magazin Takeaway-Gründer Jitse Groen selbst, „unmöglich profitabel zu betreiben“. Der „Gewinn“ von Takeaway in Deutschland lag 2018 bei minus 36,7 Millionen Euro. Besiegen konnte der Konzern Deliveroo dennoch, einfach, weil er wächst: von 2016 auf 2018 stieg der Takeaway-Umsatz von 37 auf 86 Millionen Euro. Das Unternehmen schluckte Lieferando, Foodora – und nun den britischen Lieferdienst Just eat. Friss oder stirb wird zu: Friss einfach! Irgendein Investor wird schon weiter Kapital zuschießen. Bis die Wette aufgeht, die Konkurrenz weg ist und die Preise steigen können. Oder: Bis die Blase platzt.


Aus: "Friss einfach" Elsa Koester (14.08.2019)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/elsa-koester/friss-einfach (https://www.freitag.de/autoren/elsa-koester/friss-einfach)

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Lethe | Community

Alternative: Alle kochen selbst, mögliche FahrerInnen werden von vornherein nicht benötigt und können sich also sonstwo lustvoll und selbstermächtigt verwirklichen^^


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Title: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
Post by: Link on August 15, 2019, 02:55:43 PM
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[...] Der Kapitalismus scheint immer noch wie etwas, das Außerirdische auf der Erde eingepflanzt haben, um uns zu verknechten. Aber wir haben ihn selbst geschaffen! Wir haben diese hässlichen Bürotürme gebaut, wir haben das Plastik ins Meer gekippt, wir haben die Erde geplündert für Konsum und Profit. Hier geht es um eine aufgeklärte Aufklärung, denn nicht Gott hat die Welt gemacht, sondern wir Menschen. Der neue Twist ist: Wir sind aber nicht allein hier. Die Natur ist da, die Pflanzen, die Tiere. Gerade müssen uns sogar Jugendliche wie Greta Thunberg daran erinnern, indem sie sagen: Entschuldigt mal, so geht das nicht weiter. Diese maßlose, rücksichtslose, ignorante Bereicherung muss ein Ende haben. ... Unsere westliche Kultur – damit meine ich alle Länder, die durch eine antike, christliche und koloniale Vergangenheit verbunden sind – hat das Denken vor das Dasein gestellt und das Machbare vor das Brauchbare. Der Weg aus der Krise beginnt damit, wieder über das Brauchbare nachzudenken. Was Menschen beispielsweise am glücklichsten macht, sind tiefe soziale Beziehungen. Wir wissen das alles. Das ist so spannend an dieser Zeit: Wir wissen alles und machen alles falsch. ... Die Welt ist noch da, sie ist uns nur abhanden gekommen. Wir müssen sie wieder lieben lernen. Doch das ist eine schreckliche Liebe. Weil wir auch grässliche Gebäude lieben müssen und den Müll im Ozean. Ebenso uns selbst, die das doch alles verursacht haben. Vielleicht ist das der tiefste Aufruf der Stunde, dass die Welt uns auf unendlich vielen Ebenen damit konfrontiert, dass unser Leben uns etwas angeht. Wir sind alle hier, der ganze Rest auch, sehr unordentlich die ganze Sache. ...


Aus: "Ariadne von Schirach über Gesellschaft: „Jetzt heißt es aufräumen“" Das Interview führte Jana Petersen (7. 5. 2019)
Quelle: https://taz.de/Ariadne-von-Schirach-ueber-Gesellschaft/!5589389/ (https://taz.de/Ariadne-von-Schirach-ueber-Gesellschaft/!5589389/)
Title: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
Post by: Link on August 20, 2019, 02:18:41 PM
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[...] Bei einem Treffen des Dachverbandes der führenden Unternehmen in den USA wie Apple, Pepsi und Walmart, haben fast 200 Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer neue Grundsätze der Unternehmensführung definiert. Zum ersten Mal seit mehr als 20 Jahren distanzierte sich der Business Roundtable dabei vom sogenannten Shareholder-Value-Prinzip, wie die New York Times berichtet. Stattdessen soll der Fokus auf Investitionen in Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, Umweltschutz und einen fairen und ethischen Umgang mit Zulieferern gelegt werden.

"Wir wissen, dass viele Amerikaner Probleme haben. Zu oft wird harte Arbeit nicht belohnt, und es wird nicht genug getan, damit sich die Arbeitnehmer an das rasche Tempo des wirtschaftlichen Wandels anpassen können", schreiben die Unternehmer in ihrer Erklärung.

Nach dem Shareholder-Value-Prinzip hat die Unternehmensführung im Sinne der Anteilseigner zu handeln. Ziel ist die Maximierung des langfristigen Unternehmenswertes durch Gewinnmaximierung und Erhöhung der Eigenkapitalrendite. Im Statement formulieren die CEOs neue Eckpunkte für eine Unternehmungsführung. So soll ein Mehrwert für Kundinnen und Kunden sowie die Umwelt an Standorten geschützt werden. Außerdem sollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterstützt werden, indem sie etwa gerecht entlohnt werden und Aus- und Weiterbildungen erhalten. 

Damit reagieren die Unternehmer auf die aktuelle gesellschaftliche Lage in den USA. So sind laut einer Umfrage der Voter Study Group viele US-Amerikaner offen für ein radikales Programm, das die Wirtschaft des Landes umgestaltet. Eine klare Mehrheit befürwortet Steuererleichterungen für Geringverdiener, bezahlte Elternzeit, eine Anhebung des Mindestlohns und höhere Steuern für die Reichen. Eine Mehrheit spricht sich auch dafür aus, große Banken zu zerschlagen und es Arbeitern zu erleichtern, sich gewerkschaftlich zu organisieren.

Der Business Roundtable vertritt Geschäftsführer der führenden US-amerikanischen Unternehmen. Diese CEO-Mitglieder leiten Unternehmen mit mehr als 15 Millionen Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von mehr als sieben Billionen US-Dollar. Seit 1978 stellt der Business Roundtable regelmäßig Grundsätze für die Unternehmensführung aus.


Aus: "US-Unternehmer rücken vom Prinzip der Gewinnmaximierung ab" (20. August 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2019-08/usa-unternehmen-aktionaere-ethik-business-roundtable (https://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2019-08/usa-unternehmen-aktionaere-ethik-business-roundtable)


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Manni_23 #8

Schöner Traum oder dummes Geschwätz. Das wir nie so passieren, weil es im vollkommenen Gegensatz zum Grundprinzip der kapitalistischen Wirtschaftsordnung steht.


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gigue #9

"US-Amerikaner offen für radikale Umgestaltung der Wirtschaft"

Es mehren sich schon seit einiger Zeit die Anzeichen dafür, dass es ein Umdenken in den Chefetagen der großen Konzerne gibt.
Die meisten CEOs usw. der Konzerne stammen ja nicht mehr aus den Reihen der OldBoysConnection oder den Eastcoast-Reichen, die nichts anderes gelernt haben, als alles zusammen zu raffen, was zu kriegen ist.
Im Grunde ist es reichlich grotesk, dass ausgerechnet einer aus der alten Garde der Raffer jetzt Präsident geworden ist, wo längst sich in den Köpfen der Führungsetagen ein anderes Denken breit macht.
Vor allem dieser ständige Run auf die Quartalszahlen, der sinnlose Hype um den Shareholder Value, der immer seltsamere Blüten treibt und vor allem unternehmensfernen Gestalten mit Titeln wie "Businessanalyst" usw. Wichtigkeit zutreibt, wo absolut keine Wichtigkeit ist, wird es Zeit, sich nach anderen Formen der gewerblichen Tätigkeit und deren Finanzierung umzuschauen.
Letztendlich ist eine Firma wie ein kleiner Staat: das Auskommen der Bürger ist final entscheidend, dass alle halbwegs profund leben können und nicht nur diejenigen, die sich in jeder Beziehung besser durch setzen können und der Rest dahin darbt. Eine solche Gesellschaft wünschen sich vielleicht noch einige Korrupties in unterentwickelten Ländern, aber in Industrieländern wird es Zeit, über andere Verteilungsmechanismen nachzudenken, die einer breiten Schicht von Menschen gerecht wird.


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Wiilibald #9.1

Ich kann mich an ein Interview eines deutschen Unternehmers (Selfmademan) durch einen US Journalisten im US TV erinnern. Wo der Journalist den Deutschen mehrmals ungläubig fragte, warum der mit den exorbitant hohen Steuern und Auflagen in Deutschland zufrieden sei. Und der Unternehmer antwortete: Ich verdiene auch mit den Steuern mehr als ich jemals ausgeben könnte und ich möchte in einem Land leben, wo ich jederzeit ohne Angst um mein Leben alleine durch die Stadt laufen kann und jedem in die Augen schauen kann. Erinnert mich an die Albrechts, die persönlich um die Ecke einkaufen gingen und jeden Pfennig umdrehten - Aldi - Sie wissen schon. Oder die Reimanns - Deutschlands reichste Familie - wo jeder Erbe vor Antritt des Erbes unterschreiben muss, ein unauffälliges Mittelstandsleben zu führen und alles Geld in den Firmen zu lassen.


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Frittiere nicht dein Leben Frittiere deinen Traum #10

Gab's so eine Erklärung nicht vor drei, vier Jahren schonmal? Wenn man das jetzt turnusmäßig aus Imagegründen wiederholt, ohne es tatsächlich umzusetzen, ist das alles wenig wert.


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Occam #12

Die Geschäftsführer können sich nur so lange von den Interessen der Anteilseigner distanzieren, bis sich die Anteilseigner von den Geschäftsführern distanzieren.
Geschäftsführer, CEO und Unternehmer synonym zu verwenden, ist problematisch.


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Comandante Amigo #17


Sollte das der Beginn des "nachhaltigen Kapitalismus" sein? Für US amerikanische Ohren wird das bestimmt wie purer Kommunismus klingen. Mal sehen was die Thinktanks des Kapitals daraus machen.


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arnolsi #21

Jetzt, nachdem sie so pervers reich sind und ihnen eh schon praktisch alles gehört, bekommen sie moralische Anflüge?


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k-os2o14 #27

Die Unterzeichner findet man hier -> https://opportunity.businessroundtable.org/ourcommitment/ (https://opportunity.businessroundtable.org/ourcommitment/) und ich hab schon gut gelacht. Das Who is Who von Finanzkrise bis lass mal Länder platt Bomben und Öl-Deals sichern.



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Schattenboxen #27.1

Danke für den Link. Das liest sich im Original völlig anders als die ZON-Interpretation. ...


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GrüneHoffnung #28

Ups, Revolte von oben gegen sich selber???

Nur zu, kann gar nicht heftig genug sein. :)

> ZON hat Halluzinationen.

Nicht wirklich.

Die Beschreibungen und Art der Wortwahl erinnern mich mehr an agile Prinzipien und da ist dann nicht mehr der Sharehoulder im Mittelpunkt sondern der Stakehoulder. Ist tatsächlich was anderes, wenn auch der Unterschied in den Feinheiten steckt. Stakehoulder sind im Prinzip wir alle, die an einem Produkt, dem dem/den herstellendem/n Unternehmen und/oder Dienstleister. Kann man sogar auf die Politik ausweiten, im Sinne von dienen, den Wünschen der Interessierten.

Ist sicher alles andere als eine Revolte gegen sich selber von oben aber immerhin ein kleines Schrittchen hin zurück zu etwas mehr Verantwortungsbewußtsein fürs eher Ganze.

Wenn man die letzten 30-250 Jahre hier eher auf der Null Linie agierte ist etwas mehr als Null schon ein riesiger Satz.

;)


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Für mehr nach vorne #7

Da Christian Lindner und Friedrich Merz immer noch nicht kapiert haben, dass der Wirtschaftsliberalismus ein Auslaufmodell ist, sollten sich beide ein Beispiel am Umdenken dieser Unternehmen nehmen.


Quote
W_Schäfer #7.1

Sie lassen sich aber schnell mit Lippenbekenntnissen einlullen.


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Title: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
Post by: Link on September 10, 2019, 10:19:31 AM
Quote
[...] Stellen wir uns einen ganz normalen Sonntagmorgen vor. Am gedeckten Tisch warten alle Familienmitglieder auf den Vater. Auf sein Kommando beginnt das Frühstück, zu dem es für jeden genau ein Brötchen mit vom Vater bestimmtem Belag gibt. Nach einem durch den Vater festgelegten Zeitraum gehen alle an ihre durch den Vater verteilten Aufgaben: Kind Nummer eins soll die Fenster putzen, Kind Nummer zwei hat alle Zimmer aufzuräumen und mit dem Stubenbesen zu fegen, Kind Nummer drei muss den Keller ausmisten, die Mutter kümmert sich um die Wäsche, den Einkauf, das Kochen, das Geschirrspülen und um Kind Nummer vier.

Eigentlich möchten heute alle raus, um das Wetter zu genießen. Das wäre auch möglich, denn die Arbeit muss erst am Abend erledigt sein. Doch der Vater befiehlt, dass sich alle ab neun Uhr für genau acht Stunden im Haus aufhalten müssen – die halbstündige Mittagspause nicht eingerechnet. Warum es acht Stunden sind, das erklärt der Vater nicht. Ebenso wenig begründet er, warum sich jeder pro Jahr nur eine willkürlich durch den Vater benannte Zahl an Arbeitstagen freinehmen darf. Auf allen Smartphones sind Sperren für Facebook, Amazon und Youtube eingerichtet.

Der Vater legt fest, wer am Abend welche Menge an Essen erhält. Die richtet sich nicht nach Bedarf, sondern nach schwer durchschaubaren und durch den Vater bestimmten Kriterien. Wenn Kind Nummer eins keinen Spinat mag, dann darf es das dem Vater ohne Furcht mitteilen. Es kann dann frei entscheiden: Spinat oder nichts. Jeder muss sein Dinner in einem verschlossenen Raum allein zu sich nehmen, damit die anderen nicht sehen, wer wie viel und welches Essen erhält.

Das führt zu einer sozialen Kontrolle, die ohne den Vater funktioniert. Wenn Kind Nummer eins schon um kurz vor halb sechs das Haus verlässt, dann grummeln und tuscheln die anderen. Geht Kind Nummer zwei mehrmals zur Toilette, dann gerät es unter Faulheitsverdacht. Bleibt die Mutter fünf oder gar zehn Minuten länger als alle anderen zur Mittagspause im Garten, dann raunen die Kinder: „Die kann sich das nur erlauben, weil sie ständig mit dem Vater kungelt!“

Manchmal meckern alle gemeinsam über die Regeln oder den Vater, doch nur hinter vorgehaltener Hand. Kind Nummer drei hält sich aus solchen Debatten lieber komplett heraus, denn der Vater hat ihm nur ein auf zwölf Monate befristetes Aufenthaltsrecht in der Familie gewährt, und seine Entscheidung, ob es über diesen Zeitraum hinaus ein Teil der Familie bleiben darf, kann sehr kurzfristig erfolgen.

Es dürfte schwerfallen, eine Familie zu finden, die ihre Sonntage genau so verbringt und in der ein solches Regime herrscht. Niemand würde die Tyrannei auf Dauer hinnehmen. Wer die beschriebene Situation aber von der Familie auf ein Unternehmen überträgt, der findet plötzlich nichts daran seltsam. Beim Betreten des Arbeitsplatzes legen wir unsere Autonomie ab und unterwerfen uns einer Diktatur der Hierarchien. Wir akzeptieren in der Arbeitswelt ein Ausmaß an Unterordnung, das uns in beinahe jeder anderen Lebenssituation abstoßend erscheinen würde.

Überall stehen die Zeiten im Zeichen des Protests. Leute demonstrieren gegen die menschengemachte Klimakatastrophe, gegen Flüchtlinge, gegen Flüchtlingsfeinde, gegen „Islamisierung“, gegen Rassismus, gegen Krieg, gegen Konzernschutzabkommen, gegen Atomkraft, gegen Massentierhaltung. Selten aber protestieren sie gegen das Offensichtlichste in ihrem eigenen Leben: die grundlegenden Bedingungen, unter denen sie arbeiten.

Schon immer haben Menschen für ihren Lebensunterhalt gearbeitet. Die Idee der Erwerbsarbeit, seine Arbeitskraft also einem Unternehmen zu übereignen und im Gegenzug ein wenig Geld zu nehmen, ist aber historisch noch sehr jung.

Wer wissen will, wann und warum Menschen sich entschieden haben, abhängig erwerbstätig zu sein, sollte mit einer Gegenfrage kontern: Haben sie sich jemals so entschieden? Zu Beginn der Industrialisierung folgten die Massen dem Ruf der Unternehmer und zogen vom Land in die Stadt, um in den Fabriken für einen Lohn zu arbeiten. Eine scheinbar glückliche Fügung von Angebot und Nachfrage.

Was diese Betrachtung ausblendet, ist die Vorgeschichte. Im Kapital beschreibt Karl Marx Die ursprüngliche Akkumulation, ohne die das kollektive Begehren zur Lohnarbeit nicht hätte entstehen können. In einem langen und gewaltsamen Prozess wurden demnach Millionen von Armen enteignet. Produzent und Produktionsmittel waren nun getrennt. Seitdem können die Eigentümer der Produktionsmittel die Produzenten (also die Arbeiter) zwingen, für sie zu schuften – und das weitgehend zu den Bedingungen, die den Interessen der Eigentümer entsprechen.

Ganz selbstverständlich sprechen wir bei der Gegenleistung für unsere Arbeit von „Entlohnung“. Das ist verräterisch, denn dem Wortsinne nach bedeutet diese Wendung nichts anderes als „jemanden um den Lohn bringen“. Eine entwaffnende Ehrlichkeit, die niemand begrifflich als „Belohnung“ tarnen muss, weil die meisten von uns niemals aus eigenem Antrieb auf die Idee kämen, die abhängige Erwerbsarbeit fundamental in Frage zu stellen.

Die Normalität fremdbestimmter Arbeit hat sich über Jahrhunderte in unsere Körper eingeschrieben. Das Denken in Marktlogik erscheint uns alternativlos. Der spanische Soziologe César Rendueles erzählt in seinem Buch Kanaillen-Kapitalismus (2018) von einer Erfahrung am eigenen Leib. Er sei vor Jahren bei einem Unternehmen beschäftigt gewesen, in dem man zuerst die Null wählen musste, bevor man ein externes Telefongespräch führen konnte. Bei privaten Anrufen am Abend habe er stets automatisch die Null hinzugefügt und sei, weil alle Festnetzanschlüsse in Madrid mit 91 beginnen, jedes Mal bei der Polizei gelandet, die in Spanien unter der Nummer 091 zu erreichen ist.

Symbolisch für diese Kolonisierung des Menschen durch die Erwerbsarbeit steht besonders das Hauptverwaltungsgebäude des niederländisch-britischen Großkonzerns Unilever in Hamburg. In dem Dokumentarfilm Work Hard Play Hard (2012) leuchtet Carmen Losmann aus, wie an diesem Ort die Architektur das Soziale bestimmt. Mit der Kamera beobachtete sie den Planungsprozess für die Firmenzentrale. Einer der Architekten sagte, die Mitarbeiter sollten am Ende „auf keinen Fall daran erinnert werden, dass sie arbeiten“. Die dahinterstehende Logik geht davon aus, dass nur derjenige leistungsfähig bleibt, der während der Maloche alles um sich herum vergisst und den „Flow“ spürt.

Die Aufnahmen aus dem fertigen Unilever-Haus zeigen bunte Polstermöbel, Meeting Points, Coffee Points und kieselsteinbelegte Innenhöfe. Inmitten riesiger Räume ohne Privatsphäre stehen nackte Schreibtische. Niemand hat hier mehr einen festen Arbeitsplatz, Zugehörigkeit und Verbindlichkeit schwinden zugunsten einer für das Unternehmen optimalen Verwertung der Ressource Mensch. Dafür hängen an den Wänden überall Flachbildschirme, die Landschaftsaufnahmen zeigen, um eine bürgerliche Wohnzimmeratmosphäre zu simulieren.

Auch jenseits von Büro, Baustelle und Fabrik bleiben wir Verdrängungskünstler. In Kino und Literatur werden Menschen selten beim Arbeiten gezeigt – vielleicht nicht obwohl, sondern gerade weil es einen erheblichen Teil ihrer wachen Zeit ausmacht. Wir vergessen, dass die Grenze zwischen Arbeit und Leben gefallen ist, weil Arbeit unser Leben geworden ist. Darauf reagieren wir, indem wir den Wegfall dieser Grenze leugnen.

Schon in den siebziger Jahren hatte es die subversive Fernsehserie Acht Stunden sind kein Tag schwer, weil es im damaligen Fordismus noch hieß: „Dienst ist Dienst, und Schnaps ist Schnaps.“ Heute hätte es die Serie schwer, weil sie Illusionen zerstört und Utopien entwirft. Rainer Werner Fassbinder lässt darin den Arbeitsalltag einer Gruppe von Werkzeugmachern nachspielen. Die Geschichte verwebt von Mietpreissteigerungen bis zum Rassismus verschiedene soziale Probleme, rückt aber die Frage der betrieblichen Mitbestimmung in den Fokus – bis am Ende die Arbeiter quasi einen Kollektivbetrieb führen.

Von solcher Träumerei möchten die meisten Menschen in der Freizeit nichts wissen. Sie wollen entspannen, ausruhen, „abschalten“. Auf paradoxe Weise gilt das sogar für jene meist jüngeren Hochqualifizierten, die auf privaten Partys am Wochenende am liebsten über ihren Job sprechen. Unternehmen wie Unilever wollen vergessen machen, dass man arbeitet. Daraus entspringt bei Beschäftigten der Glaube, selbstbestimmt, souverän und damit privilegiert zu handeln, sich also außerhalb des Hamsterrads zu bewegen, in dem die Mehrheit darbt. Identifikation mit dem Unternehmen und das Mitteilungsbedürfnis sind bei diesen Menschen hoch, bis die Selbstverwirklichungsschraube nicht mehr greift, weil sie zum Burn-out überdreht ist.

Erwerbsarbeit ist ein soziales Verhältnis, in dem die Eigentümer mit den durch sie eingesetzten Chefs herrschen und die Belegschaft beherrscht wird. Keine ausgefeilte Architektur, keine „flachen Hierarchien“, kein Duzen der Vorgesetzten, keine „gewaltfreie Kommunikation“ und keine „Vertrauensarbeitszeit“ können das ändern. Zwar gibt es Arbeitgeber, bei denen ein umsichtigeres Regiment herrscht. Dabei handelt es sich aber meist um kleinere Betriebe, die ihre Beschäftigten im Alltag darum besser behandeln, weil sie ihnen keinen branchenüblichen Lohn zahlen.

Wer sich daran stört, sieht eine Lösung häufig in einem Abschied von der Festanstellung. Freie Entfaltung und „Work-Life-Balance“ stehen im Mittelpunkt des Wertekanons vieler Selbstständiger. Zahlreiche Studien haben diese Priorität für die Generation Y belegt, also die Geburtsjahrgänge zwischen den frühen achtziger und den späten neunziger Jahren. Doch bleibt die freie Arbeit für fast alle weiterhin unfreie Erwerbsarbeit, denn sie werkeln vor allem frei von Sicherheit. Wer die Abhängigkeit von einem einzigen Unternehmen aufgibt, gleitet in neue Abhängigkeiten hinein. Die soziale Absicherung müssen viele komplett selbst schultern, sie dürfen sich oft keine Krankheitstage oder Urlaubsreisen erlauben, und wenn keine Aufträge reinkommen, kann das freiberufliche Dasein existenzbedrohend werden.

Erst kürzlich hat die Justiz dem Gesetzgeber einen Auftrag im Sinne der Festangestellten erteilt. Der Europäische Gerichtshof entschied im Mai, dass Unternehmen künftig die Arbeitszeit ihrer Mitarbeiter genau erfassen müssen. Geklagt hatte die spanische Gewerkschaft CCOO gegen die Deutsche Bank, damit in Zukunft die Überstunden korrekt ermittelt werden. Offenbar sind die häufig nicht nur unbezahlt, sondern werden in vielen Fällen auch nicht mit Freizeit ausgeglichen.

Dabei bleibt auch ganz ohne Überstunden am Ende der Arbeit wenig vom Tage übrig. Die beliebige Festlegung auf eine werktägliche Arbeitszeit von acht Stunden sorgt dafür, dass Erwerbstätige in sogenannter Vollzeit während der meisten Stunden ihres wachen Lebens direkt oder indirekt mit ihrem Job befasst sind.

Eine Woche umfasst insgesamt 168 Stunden. Bei acht Stunden Schlaf pro Nacht bleiben noch 112 Stunden, von denen 40 für die Nettoarbeitszeit draufgehen. Der durchschnittliche Arbeitsweg beträgt in Deutschland 30 Kilometer. Für Hin- und Rückweg ergibt sich damit, vorsichtig kalkuliert, eine Stunde pro Tag, also fünf Stunden pro Woche.

Nach dem Aufstehen brauchen die meisten für Duschen, Frühstück und Organisatorisches etwa eine Stunde, um sich auf die Arbeit vorzubereiten. Wer Kinder hat, wird diese Zeit deutlich überschreiten. Zieht man dann noch die Zeit ab, die nötig ist, um die Arbeitskraft im Sinne der Arbeitgeber zu reproduzieren – also Mittagspause, Einkaufen, Sport, Kochen, Essen – dann bleibt für soziale Kontakte, Kultur oder Hausarbeit weniger wache Zeit, als wir insgesamt für Ermöglichung und Ableistung der Erwerbsarbeit aufwenden müssen.

In der Rechtsordnung ist die Arbeit ein Nebenschauplatz. Viele europäische Staaten, auch Deutschland, haben kein Arbeitsgesetzbuch. Alle Versuche, ein solches für die Bundesrepublik zu etablieren, sind an den Interessengegensätzen der Beteiligten gescheitert. Es sagt viel aus über eine Gesellschaft, wenn ein so raumgreifender Bestandteil des Lebens in verschiedenen Rechtsquellen zersplittert ist. Das Fehlen eines Arbeitsgesetzbuches deutet darauf hin, dass der Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital auch heute bedeutsam ist.

Viele Beschäftigte bemerken diesen Widerspruch kaum mehr. In den unteren Segmenten des Arbeitsmarktes ist es die Angst vor Hunger und Obdachlosigkeit, die einen die Arbeitsdespotie vergessen lässt. In den mittleren und höheren Sphären sind es Wohlstandsversprechen, Anerkennungsdrang und Arbeitsethik, die den Weg zur Knechtschaft ebnen. Geeint sind Arme und Selbstverwirklicher in der Einsicht, dass wir nicht nur vom Brot leben, wie Marcel Reich-Ranicki wusste: „Geld allein macht nicht glücklich. Aber es ist besser, in einem Taxi zu weinen als in der Straßenbahn.“


Aus: "Was vom Tage übrig bleibt" Christian Baron (Ausgabe 30/2019)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/cbaron/was-vom-tage-uebrig-bleibt (https://www.freitag.de/autoren/cbaron/was-vom-tage-uebrig-bleibt)

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Senneka | Community

...und wir werden früh daran gewöhnt, mit verschärften Mitteln, so dass uns der Arbeitsalltag sogar manchmal wie eine Befreiung vorkommt. Wir müssen uns schon als ganz junge Menschen täglich etwa sechs, sieben Stunden in einem Gebäude aufhalten, dass wir uns nicht aussuchen können. Dort werden wir in einer strengen Hierarchie für die Arbeitswelt geformt und lernen gleichzeitig, dass die jungen Menschen, die neben uns das gleiche Schicksal teilen, unsere schärfsten Konkurrenten sind, die es auszustechen gilt.


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Zack | Community

„Unser Leben ist der Mord durch Arbeit,
wir hängen 60 Jahre lang am Strick und zappeln,
aber wir werden uns losschneiden.“

(Georg Büchner, Dantons Tod, 1835)

"Die Liebe zur gut durchgeführten Arbeit und der Wunsch nach einem Vorwärtskommen in der Arbeit sind heute unauslöschliche Zeichen von Stumpfheit und allerdümmster Unterwerfung.
Deswegen bahnt sich überall dort, wo Unterwerfung gefordert wird, der alte ideologische Furz seinen Weg,
von dem "Arbeit macht frei" der Konzentrationslager bis zu den Reden von Henry Ford und Mao Tse-Tung."

(Raoul Vaneigem , Handbuch der Lebenskunst für die jungen Generationen, 1967)

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Title: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
Post by: Link on September 12, 2019, 10:15:13 AM
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[...] Schon mit seinem ersten Buch aus dem Jahr 2013 „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ sorgte der französische Wirtschaftsprofessor Thomas Piketty weltweit für Aufsehen. Vor allem in den USA war seine These, dass unregulierter Kapitalismus immer zu Vermögensungleichheit führt, hoch umstritten. Nun hat er nachgelegt. Sein neues Werk erscheint am heutigen Donnerstag in Frankreich und trägt den Titel „Capital et Idéologie“ (zu deutsch: Kapital und Ideologie). Es ist ein ehrgeiziges Werk von 1232 Seiten. Und wieder spart Piketty nicht an radikalen Forderungen.

„Ich schlage vor, dass wir das Privateigentum hinter uns lassen und zum sozialen und temporären Eigentum übergehen.“ Was für ihn aber keinesfalls Kommunismus bedeutet, sondern ein bessere Verteilung des Reichtums. Der Franzose, Forschungsdirektor an der Schule für Sozialforschung EHESS und Wirtschaftsprofessor am Ecole d´économie in Paris, sieht Ungleichheit als ideologisch und politisch bestimmt und damit gewollt.

Pikettys erstes Werk wurde in 40 Sprachen übersetzt und mehr als 2,5 Millionen Mal verkauft. „Capital et Idéologie“ bezeichnet der Autor selbst im Vorspann als eine Fortsetzung. Er betont: „Es ist Zeit, den Kapitalismus zu überwinden.“ Reichtum solle nicht mehr nur in den Händen weniger sein, das Kapital müsse besser verteilt werden. Er zeigt unter anderem mit Grafiken, dass ab den 1980er Jahren die Reichen immer reicher wurden. Das Buch ist eine Geschichte der Ungleichheit auf wirtschaftlicher, sozialer, intellektueller und politischer Ebene von frühen Sklavengesellschaften bis zu den heutigen modernen kapitalistischen Formen.

Pikettys Tenor dabei: Der Kampf für Gleichheit und Bildung war es, der die wirtschaftliche Entwicklung und den menschlichen Fortschritt gefördert hat, nicht der Besitz. Er plädiert für einen neuen Sozialismus, in dem Mitbestimmung herrscht. Für ihn ist das eine neue Gleichheit, sozialer, in der alle das gleiche Recht auf Bildung haben, die Macht besser verteilt ist und niemand zu viel Eigentum anhäufen kann.

Obwohl es auf trockenen Zahlen beruht, konnte Piketty mit dem ersten Werk eine große Leserschaft erreichen. Er selbst glaubt fest daran, dass Buch Nummer zwei ihm noch besser gelungen ist. Dem Magazin „L’Obs“ sagte er: „Ich habe Fortschritte gemacht.“ Er habe noch mehr Material gesammelt. Deshalb brauche er noch ein paar Seiten mehr. Dass das Thema Wirtschaft die große Leidenschaft des heute 48-Jährigen ist merkt man. Auf Basis vieler Forschungsergebnisse und Zahlen leitet er konkrete Tipps für Änderungen der Wirtschaftsordnung ab. Und er könnte damit durchaus Gehör finden; viele politisch eher links Beheimatete schwören auf ihn, so auch der Ex-US-Präsident Barack Obama.

Besitz ist für Piketty dabei heute so etwas wie eine heilige Kuh. „Die Sakralisierung des Eigentums ist eine Art Antwort auf das Ende der Religion.“ Es fülle die Leere. Da Piketty aber ein pragmatischer Ökonom und kein Idealist ist, will er den Kapitalismus nicht abschaffen, sondern eben nur geschickt „überwinden“. Privateigentum soll nicht abgeschafft werden, sondern umgewandelt werden, sozial werden und nicht mehr auf alle Ewigkeit in den Händen weniger verbleiben.

Dazu kommen vor allem im letzten Teil des Buches die konkreten Beispiele: Kein Aktionär soll an börsennotierten Firmen mehr als zehn Prozent der Stimmrechte halten dürfen – so wird der Besitz eingeschränkt. Piketty schlägt außerdem eine progressive Vermögenssteuer ab 100.000 Euro vor, die für Milliardäre dann 90 Prozent betragen soll. Das habe es nach dem ersten Weltkrieg schon in den USA gegeben, rechtfertigt sich Piketty. Damit will er die abgehobene Luxuswelt der Milliardäre zerschlagen.

Das Geld aus der Reichensteuer will er für eine „Universalkapitalausstattung“ verwenden, eine Art Grundeinkommen für alle. Alle Französinnen und Franzosen sollen – sobald sie 25 Jahre alt werden – 120.000 Euro erhalten, damit sie Häuser kaufen und Firmen gründen können. Das ist in Paris nicht viel: damit kann man gerade mal zehn Quadratmeter erwerben. Privateigentum, das im Rahmen bleibt, sieht Piketty durchaus als vernünftige Motivation. Laut Piketty stört eine Reichensteuer das Wachstum keinesfalls. Im Gegenteil; in den Unternehmen plädiert er für mehr Mitbestimmung der Angestellten und bessere Verteilung der Macht, um auch die Bezahlung von Spitzenmanagern transparenter zu machen.

Im Gegensatz zu Präsident Emmanuel Macron will er das Gesamtvermögen wieder versteuern. Macron war davon abgerückt und veranschlagt die Steuer nur noch auf Immobilien ab 1,3 Millionen Euro, nicht mehr auf Kapital. Das kritisiert Piketty im Interview mit „L’Obs“: „Das wirkliche Ziel war, die Reichen zu schonen.“ In Deutschland soll das Buch am 11. März 2020 im Verlag C.H. Beck erscheinen.


Aus: "Thomas Pikettys zweites Buch: Der Star-Ökonom, der jedem Franzosen 120.000 Euro schenken will" Tanja Kuchenbecker (12.09.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/thomas-pikettys-zweites-buch-der-star-oekonom-der-jedem-franzosen-120-000-euro-schenken-will/25005412.html (https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/thomas-pikettys-zweites-buch-der-star-oekonom-der-jedem-franzosen-120-000-euro-schenken-will/25005412.html)

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[...] Zu Pikettys Rockstar-Status passt sein Wunderkind-Werdegang. Als Sohn eines Aussteigerpaars schaffte er es mit 18 an die Ecole Normale Supérieure in Paris, mit 22 doktorierte er an der London School of Economics, anschliessend wurde er Professor an einer dritten Elite-Uni, dem MIT in Boston. Heute ist er 48 und lehrt unter anderem an der Paris School of Economics, die er mitgegründet hat.

... In seiner Karriere beschäftigen Piketty bis heute zwei Dinge ganz besonders: erstens die Ungleichheit, gesellschaftlich und wirtschaftlich. Und zweitens die Statistiken, die in den Archiven verstauben, aber eigentlich die mitreissende Weltgeschichte dieser sozioökonomischen Abgründe erzählen.

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Aus: "Starökonom fordert 90-Prozent-Steuer auf Milliardenvermögen" (10.09.2019)
Quelle: https://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/standardstaroekonom-fordert-90prozentsteuer-auf-milliardenvermoegen/story/29649023 (https://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/standardstaroekonom-fordert-90prozentsteuer-auf-milliardenvermoegen/story/29649023)

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[...] Im neuen Buch versucht er sich an einer weltweiten Geschichte ungleicher Gesellschaften, von der frühen Feudalzeit bis heute, und der Ideologien, die sie rechtfertigen sollten, von französischen Bischöfen des 11. Jahrhunderts bis zum chinesischen Parteiherrscher Xi Jinping.

Diesmal hebt Piketty allerdings hervor, dass es keine Zwangsläufigkeit ungerechter Verhältnisse gebe: Nach dem Zweiten Weltkrieg sei von Europa bis Amerika dank entschiedener Politiken zur Umverteilung die extreme Konzentration von Vermögen und Einkommen korrigiert worden. Gleichzeitig sei dies die dynamischste Phase wirtschaftlicher Entwicklung in den betreffenden Ländern gewesen.

Die intellektuelle Auslaugung der Sozialdemokratie, ihre mangelnde Antwort auf die Globalisierung, die Enttäuschung über den Kommunismus und dessen Ende in einem „kleptokratischen Hyperkapitalismus“ macht Piketty dafür verantwortlich, dass es seit Ende der 80er-Jahre wieder zu einer Verschärfung der Ungleichheit und einer Rückkehr des Nationalismus kommen konnte.

Die Apologeten einer „Heiligsprechung des Eigentums“ hätten freie Bahn gehabt. Das offiziell kommunistische China sei „innerhalb kurzer Zeit viel ungleicher geworden als Europa, eindeutig ein Scheitern des Regimes“, schreibt Piketty mit detaillierten Statistiken als Beleg. Insgesamt aber fällt der Part über die postkommunistischen Staaten viel zu kurz aus.

Ausführlich behandelt der 48-Jährige dagegen seine Alternative, den „partizipativen Sozialismus“. Damit dürfte er sich fast alle zum Feind machen, von den Anhängern eines reinen Kapitalismus bis zur harten Linken, die ihn umworben hat und deren Wahlkampagnen er in den vergangenen Jahren öfters unterstützt hat. Piketty spricht zwar von der „Überwindung des Kapitalismus“, doch sein Rezept bedient sich ausdrücklich einiger Elemente der deutschen Sozialen Marktwirtschaft, besonders der paritätischen Mitbestimmung.

... Der Sozialismus à la Piketty ist eine Kombination aus einer weiterentwickelten Mitbestimmung, progressiven Vermögens- und Erbschaftsteuern und einem chancengerechten Bildungssystem unabhängig von der sozialen Herkunft.

Hinzu kommt eine andere Parteienfinanzierung, die den Einfluss finanzstarker Interessen auf die Demokratie stoppen soll. Schließlich will er Besteuerung und Parlamentarismus möglichst auf eine transnationale Ebene heben – „ein ideales, idyllisches Szenario“, wie er selbst einräumt.

Mit seiner Lebensgefährtin Julia Cagé, deren Arbeiten er ausführlich zitiert, habe er in den letzten Jahren „die Welt neu erfunden“, schreibt Piketty in der Danksagung. Hunderttausende Leser werden am Ergebnis teilhaben wollen. Ob der Idealist auch politischen Erfolg hat, steht auf einem anderen Blatt.


Aus: "Mit seinem neuen Werk macht sich Ökonom Piketty alle zum Feind – Linke wie Rechte" Thomas Hanke (12.09.2019)
Quelle: https://www.handelsblatt.com/politik/international/buch-capital-et-ideologie-mit-seinem-neuen-werk-macht-sich-oekonom-piketty-alle-zum-feind-linke-wie-rechte/25003506.html (https://www.handelsblatt.com/politik/international/buch-capital-et-ideologie-mit-seinem-neuen-werk-macht-sich-oekonom-piketty-alle-zum-feind-linke-wie-rechte/25003506.html)

Title: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
Post by: Link on October 26, 2019, 12:13:38 PM
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[...] Vor sechs Jahren löste Piketty mit seiner Studie über Das Kapital im 21. Jahrhundert viel Wirbel aus; nun macht ihn der neuseeländische Regisseur Justin Pemberton zur Hauptperson in seinem gleichnamigen Film. Eskortiert wird Piketty von Wirtschaftswissenschaftlern, die wie Flügeladjutanten seine Position absichern und ohne kritische Gegenregung eloquent ergänzen (ZEIT Nr. 43/19). Die Ausgangsthese ist schlagend und schlicht: Große Siege schaden dem Sieger, denn sie machen ihn glauben, der Weltgeist persönlich habe ihm auf die Sprünge geholfen. Ganz ähnlich war es 1989. Der Westen fühlte sich als Testsieger im Systemvergleich und glaubte, nun dürfe er all jene Ketten beseitigen, die "Gleichheitsfantatiker" einst dem Markt angelegt hatten. Wenn die kommunistische Alternative total falsch war, könne ein entfesselter Kapitalismus nur total richtig sein.

Das war, sagt Francis Fukuyama, ein Irrtum. Der Westen verkannte, dass der Kommunismus den Westen gezwungen hatte, die gröbsten Ungleichheiten zu bekämpfen. Doch selbst Sozialdemokraten hatten das vergessen und halfen mit, den Deregulierungswettlauf auf Touren zu bringen. Die Regeln für den Finanzkapitalismus wurden gelockert, und bald war es lukrativer, im Himmelreich der Spekulation Geld mit Geld zu verdienen, anstatt auf Erden riskant eine Fabrik zu errichten. Heute, behauptet der Film, dienen 85 Prozent des Kapitals großer Finanzinstitutionen rein spekulativen Zwecken.

Mit der Globalisierung, so will Pemberton zeigen, schwebt das Kapital gleichsam über den nationalstaatlichen Wassern und erholt sich in Steueroasen von der Mühsal, die es die Emanzipation von Sozialstaat und Gemeinwohl gekostet hat. Das ist schwer in Bilder zu fassen, mehrfach zeigt Pemberton, wie sich Luxusjachten in Luxushäfen den Platz an der Sonne sichern. Dann sieht man den Manager eines Internetriesen, der seine Steuervermeidungstricks beichten muss: "Und so landet das Geld auf den Bermudas?" Der Mann grinst abgründig. "Yes."

Mit der Entfesselung des Kapitals beginnt für Piketty die Tragik des Siegers. Nicht lange, und das System zeigt erste Risse, die Mittelschicht gerät unter Druck, die Armen bleiben arm – und im Jahr 2008 wäre der Casino-Kapitalismus beinahe vollständig zusammengebrochen: Millionen Bürger verlieren ihre Arbeit und müssen die Zeche zahlen, während die Schuldigen mit Boni-Millionen gefüttert werden. Leistung muss sich wieder lohnen.

Geändert hat sich seitdem wenig. In etlichen Ländern, erfährt der Zuschauer, besitzt ein Prozent der Superreichen siebzig Prozent des Vermögens, das war schon im Jahr 1914 so. In diesem Neo-Feudalismus wird der Reichtum vornehmlich vererbt, Geld heiratet Geld, und eine ständisch organisierte Managerklasse schanzt sich Privilegien zu. Dass sie wie die Made im Speck leben, mag man obszön finden. Doch dass sich die Milliardenfürsten Macht, Medien und Einfluss kaufen und so die Änderung der Verhältnisse verhindern können – das ist für Piketty und Pemberton das eigentlich Beunruhigende.

Vor der Französischen Revolution gehörte dem Adel fast alles; die Revolutionäre änderten das, aber sie waren, sagt Piketty, ziemlich verlogen und glaubten, es reiche aus, Gerechtigkeit nur zu predigen. Der feudalistische Geist, jedenfalls sein hässlicher Teil, überlebte die Revolution und wanderte mit dem Schlagstock durch die neuen Fabriken, hier durfte geprügelt, aber nicht gestreikt werden. Erschütternd sind die Dokumente, die zeigen, wie alte Herrschaftsformen mit dem Industriekapitalismus eine schlagende Verbindung eingehen, wie Sklaven als Humankapital gehandelt und misshandelt und als Deckungsreserve bei der Kreditvergabe eingesetzt werden.

Erst nach 1945 beginnen die westlichen Staaten, ihre Gleichheitsversprechen einzulösen. Unter den Augen der kommunistischen Konkurrenz bauen sie den Wohlfahrtsstaat aus, einen Kapitalismus for the many, not the few. Die Steuern waren hoch, die Aufstiegschancen ebenfalls. In einer alten TV-Aufzeichnung wird eine englische Politikerin gefragt, ob auch eine Frau Premierministerin werden könne. "Bestimmt", antwortet die Lady, "doch ich selbst werde das nicht mehr erleben." Es war Margaret Thatcher.

Gut dreihundert Jahre lässt Pemberton auf seiner Zeitreise Revue passieren, für ihn ist der Kapitalismus Schönheit und Biest zugleich, atemberaubend kreativ und ein Erfinder herrlicher Dinge – doch wehe, er bricht zusammen. Piketty hat Angst vor brutalen sozialen Spaltungen, und die Stimmen, die der Film versammelt, haben das auch. Kate Williams, Suresh Naidu, Paul Mason, Gabriel Zucman, Joseph Stiglitz und viele andere sind Meister darin, die Dinge klar und klug zu erklären und den Nagel auf den Kopf zu treffen. Und doch beschreibt der Film die Welt simpler, als sie ist, wobei die überhastete Clip-Ästhetik ironischerweise an jene visuellen Geschmacksverstärker erinnert, mit der einst der Neoliberalismus in die Köpfe getackert wurde. "Piketty to go" sei das, lästert die SZ, und es stimmt: Wer allen verständlich sein will, der macht seinen Gegenstand unverständlich. Etliches wird nur behauptet, zum Beispiel die These, dass Klassenkämpfe schon zweimal in kulturellen Nationalismus überführt wurden und einen Weltkrieg auslösten.

Anders als der Film hofft, ist Piketty kein Revolutionär, er will nur den Markt besser regulieren und den Eigentumsbegriff ändern. Man sieht kitschige Bilder aus einer glücklichen Nachkriegszeit, als der Laden noch brummte. Das ist ein linker Wachstumsglaube, der sich die Frage erspart, ob er die Natur nicht genauso ausbeutet wie der Marktfundamentalismus, dem er den Kampf ansagt.


Aus: ""Das Kapital im 21. Jahrhundert": Der neue Adel" Eine Rezension von Thomas Assheuer (23. Oktober 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/2019/44/das-kapital-im-21-jahrhundert-dokumentarfilm/komplettansicht (https://www.zeit.de/2019/44/das-kapital-im-21-jahrhundert-dokumentarfilm/komplettansicht)

Title: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
Post by: Link on November 03, 2019, 02:20:24 PM
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wütend.com #6

"Abeitgeberverband warnt Union vor teurer Grundrente"

Das Kapital macht Politik


Kommentar zu: "Große Koalition: Arbeitgeberverband warnt Union vor teurer Grundrente" (3. November 2019)
Die SPD will keine Bedürftigkeitsprüfung, die CDU mindestens eine Einkommensprüfung. Wie soll die Grundrente aussehen? Der Arbeitgeberverband warnt vor hohen Kosten.
https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-11/grosse-koalition-grundrente-arbeitgeber-union-beduerftigkeitspruefung (https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-11/grosse-koalition-grundrente-arbeitgeber-union-beduerftigkeitspruefung)
Title: Kapitalismus & Kapitalismuskritik ...
Post by: Link on November 08, 2019, 10:05:45 AM
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[...] Wer prüft eigentlich, ob sich Banken und Finanzdienstleister an Gesetze halten? Eine Behörde namens BaFin. Die aber sei zu mutlos, sagt der Finanzexperte Gerhard Schick.
Interview: Caterina Lobenstein


... Schick: Die BaFin ist oft zu mutlos. So wie man sich fragen kann, warum der Dieselskandal bei VW von amerikanischen Behörden aufgedeckt wurde und nicht von deutschen, kann man sich fragen, warum die Skandale bei der Deutschen Bank von amerikanischen und britischen Aufsichtsbehörden untersucht wurden. Der BaFin mangelt es am Willen, wirklich aufzuräumen. Selbst da, wo es Hinweise auf kriminelle Geschäfte gibt.

ZEIT ONLINE: Wo zum Beispiel?

Schick: Wir haben es auf dem Kapitalmarkt mit einer Serie von Skandalen zu tun. Etwa bei der Investmentfirma P&R, bei der rund 54.000 Anleger in Schiffscontainer investiert haben, die es zu einem großen Teil gar nicht gab. Das war ein riesiges Schneeballsystem mit einem Anlagevolumen von über drei Milliarden Euro, davon sind wohl zwei Milliarden für immer verloren. Schon vor Jahren hat ein Journalist vor den Geschäften gewarnt. Da hätte die BaFin nachhaken müssen. Oder der Cum-Ex-Skandal, der größte Fall von Finanzkriminalität und Steuerraub in der Geschichte unseres Landes. Auch da gab es schon 2007 erste Hinweise von einem Whistleblower. Die hat die BaFin aber ins Leere laufen lassen. Nach jedem Skandal heißt es: Es muss besser reguliert werden. Und nach jedem Skandal kann man zwei Sachen feststellen: dass die Regeln nicht hart genug sind. Und dass die BaFin die bestehenden Regeln nicht hart genug umsetzt und ihre Möglichkeiten nicht nutzt.

ZEIT ONLINE: Die BaFin hat im vergangenen Jahr laut eigener Auskunft Bußgelder von insgesamt mehr als 13 Millionen Euro verhängt. 

Schick: 13 Millionen, das ist die Gesamtsumme! Die amerikanischen Aufsichtsbehörden verhängen ein einzelnes Bußgeld in dieser Größenordnung. In den USA gibt es Milliardenstrafen für die Banken. In Deutschland gibt es praktisch nichts.

ZEIT ONLINE: Woran liegt das?

Schick: Ich glaube, ein Grund dafür ist die Kultur der BaFin. Viele Mitarbeiter denken, dass sie dann gute Aufseher sind, wenn sie sich mit den Bankern gut verstehen, wenn sie kooperativ sind. Meines Erachtens ist das ein völlig verfehlter Ansatz. Die Steuerverwaltung sagt doch auch nicht: Wir kuscheln mal mit dem Bürger und unterhalten uns nett mit ihm, damit er uns Auskunft gibt. Sie fordert die Unterlagen an, sie setzt eine Frist, und wenn die nicht eingehalten wird, dann gibt es eine Strafzahlung. Öffentliche Verwaltung kann schon knackig sein. Und das vermissen wir bei der Finanzaufsichtsbehörde. Sie muss klar und transparent im Auftrag der Verbraucher handeln.
ZEIT ONLINE: Der Verbraucherschutz wurde bei der BaFin in den letzten Jahren gestärkt.

Schick: Aber er spielt immer noch eine untergeordnete Rolle. Die Abteilung für Verbraucherschutz ist viel zu schwach besetzt. Nehmen wir den Bereich der Bankenaufsicht: Da versucht die BaFin vor allem zu vermeiden, dass Banken umkippen und dann vom Steuerzahler gerettet werden müssen. Das ist erst mal richtig. Aber es führt dazu, dass sich die Behörde scheut, hart durchzugreifen, denn das könnte die Banken gefährden. Verbraucherinteressen sind oft nicht gut für die Ertragslage der Banken. Man verhängt nicht so gern eine Strafzahlung – weil das eine Bank Millionen kostet.

ZEIT ONLINE: Als die Finanzkrise ausbrach, stand die BaFin schon einmal massiv in der Kritik. Hat sich seitdem in Ihren Augen gar nichts verbessert?

Schick: Doch, natürlich. Zum Beispiel wurde die Aufsicht über die großen Banken auf die Europäische Zentralbank übertragen. Das ist ein großer Fortschritt. Außerdem kann die BaFin heute höhere Bußgelder verhängen und Finanzprodukte sogar verbieten. Sie tut es aber oft nicht. Ein Beispiel: Die BaFin wollte Bonitätsanleihen verbieten, das sind komplexe Produkte, die einem Kleinanleger eigentlich nicht angeboten werden sollten. Dann aber kam der entsprechende Derivateverband mit einer wachsweichen Selbstverpflichtungserklärung – und die BaFin zog das Verbot zurück.

ZEIT ONLINE: Ist die Nähe zwischen Finanzaufsicht und Finanzindustrie zu groß?

Schick: Ja. Das ist definitiv ein Problem. Das ist das, was wir in der Wissenschaft regulatory capture nennen.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das?

Schick: Dass Aufsichtsbehörden häufig vereinnahmt werden durch die Branche, die sie beaufsichtigen sollen: Das Kraftfahrzeugbundesamt wird zum Vertreter der Automobilindustrie in Berlin statt zum Kontrolleur im Auftrag der Bürgerinnen. Dasselbe findet bei der Finanzaufsicht statt. BaFin-Mitarbeiter und Banken arbeiten oft über Jahre an denselben Themen, treffen sich auf denselben Konferenzen, vielleicht gehen ihre Kinder in dieselben Schulen wie die der Bankerinnen.

ZEIT ONLINE: Das allein ist aber noch nicht verwerflich.

Schick: Aber die Gefahr einer zu großen Nähe gibt es, und gegen die muss man vorgehen als Behördenleitung. Wir wissen aus der Forschung, dass die Einflussnahme immer dort besonders groß ist, wo der Staat versucht, sehr stark einzugreifen. Also zum Beispiel auf dem Finanzmarkt.

ZEIT ONLINE: Wie viele Finanzlobbyisten gibt es in Deutschland?

Schick: Wir kennen die Zahl nicht. Wir haben in Deutschland kein Lobbyregister wie in der Europäischen Union. In Brüssel gibt es etwa 1.700 Finanzlobbyisten. Ich rechne damit, dass es in Deutschland nicht viel weniger sind.

ZEIT ONLINE: Wie gut sind die Beamten der BaFin ausgebildet? Können die einem Lobbyisten oder einem Banker auf Augenhöhe begegnen?

Schick: Es gibt richtig gute Mitarbeiter bei der BaFin. Und es gibt durchaus auch welche, die würden gern härter zupacken. Die Vorstellung, dass beim Staat nur Doofe sitzen, die stimmt nicht. Ein großes Problem ist aber, dass die BaFin oft nicht ihre eigenen Leute in die Banken oder Versicherungen schickt, sondern Wirtschaftsprüfungsgesellschaften beauftragt. Deshalb sammelt sich bei der BaFin nicht so viel Know-how. Es ist ein Unterschied, ob man selbst in einer Bank die Bücher prüft und die Dateien und Excel-Sheets durchforstet oder ob man nur einen Bericht darüber liest. Die FDIC, ein amerikanisches Pendant zur BaFin, macht das anderes, die prüft nur mit eigenem Personal.

ZEIT ONLINE: Die BaFin hat aber 2018 sogar einen Sonderbeauftragten in die Deutsche Bank geschickt, der tagtäglich dort sitzt und aufpassen soll, dass keine weiteren Geldwäscheskandale passieren.

Schick: Ja. Aber genau dieser Sonderbeauftragte ist kein BaFin-Mitarbeiter, sondern er kommt von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. Das ist insofern pikant, weil KPMG über viele Jahre der Abschlussprüfer der Deutschen Bank war. Die KPMG überprüft da also auch ihre eigene Tätigkeit. Wie soll da am Ende ein wirklich neutrales Ergebnis rauskommen?

ZEIT ONLINE: Es hat auch Vorteile, wenn ein Insider die Kontrollen vornimmt – und nicht ein Beamter, der an seinem Schreibtisch sitzt und noch nie eine Bank von innen gesehen hat.

Schick: Ja, das klingt erst mal plausibel. Aber wenn Sie rauskommen wollen aus der Behördenmentalität, brauchen Sie den Blick in die Praxis. Über die Jahre zahlt es sich für den Staat aus, die Kompetenz selbst aufzubauen. Die Betriebsprüfer in der Steuerverwaltung machen das ja auch. Wenn die eine Bank prüfen, wissen sie genau, wo sie hingucken müssen. Ich erwarte, dass sich auch die Finanzaufsichtsbehörde die Finger schmutzig macht.

ZEIT ONLINE: Hat die BaFin dafür genug Personal?

Schick: Sie bräuchte dafür tatsächlich mehr Personal, aber das würde nicht mehr kosten, denn die Wirtschaftsprüfer müssen ja auch bezahlt werden.

ZEIT ONLINE: Wie soll die BaFin gute Leute finden, IT-Spezialisten zum Beispiel, wenn die Banken ihnen locker das Doppelte zahlen?

Schick: Ich bin dafür, dass man für solche Spezialisten mehr zahlt als im starren Tarifrahmen vorgesehen. Man darf bei der Finanzaufsicht nicht am Gehalt sparen. Wenn ein guter Aufseher verhindert, dass eine Bank in die Schieflage kommt und danach mit Steuergeld gerettet werden muss, so wie gerade die Nord/LB mit 3,6 Milliarden Euro, dann ist es das wert.

ZEIT ONLINE: Die BaFin untersteht dem Finanzministerium. Warum sorgen die Politiker in Berlin nicht dafür, dass die Prüfer in Frankfurt und Bonn genauer hinsehen?

Schick: Die Schwächen der BaFin gehen letztlich auf den mangelnden politischen Willen zurück, die Behörde so aufzustellen, dass sie wirklich im Interesse der Bürgerinnen arbeitet. Und viele Abgeordnete nehmen ihre Aufgabe, die Administration zu überprüfen, zu wenig ernst.

ZEIT ONLINE: Sie waren selbst Bundestagsabgeordneter. Wie erklären Sie sich das?

Schick: Sich da wirklich reinzufuchsen, das dankt Ihnen niemand im politischen Betrieb. Wenn Sie Steuersenkungen fordern, kommen Sie groß raus, das leuchtet allen ein. Aber das viele Geld, das die Leute verlieren, weil es miese Finanzprodukte gibt, das sieht oft keiner. Das ist mühsame Behördenkontrollarbeit, und die ist nicht so schlagzeilenträchtig.

ZEIT ONLINE: Braucht es schärfere Gesetze?

Schick: Ja, an vielen Stellen. Ich würde mir beispielsweise wünschen, dass die BaFin bei den Direktinvestments, also bei Geschäften wie denen mit den Schiffscontainern, mehr Kompetenzen bekäme. Und es reicht nicht, die Kundenprospekte formal zu überprüfen, es braucht auch einen Blick auf das Geschäftsmodell.

ZEIT ONLINE: Ist das nicht die Aufgabe der Kunden: sich das Geschäftsmodell anzuschauen?

Schick: Der Kunde hat eine Verantwortung, er sollte zum Beispiel schauen, ob das Renditeversprechen überhöht ist. Aber oft kann er gar nicht wissen, ob er gezielt ausgetrickst wird. Er kann nicht selbst überprüfen, ob es die Container, in die er investiert, wirklich gibt oder wie alt sie sind. Das können nur Experten. Er kann nicht wissen, ob die Gelder einer Pensionskasse für die Altersvorsorge in fünf oder zehn Jahren noch ausreichen. Dazu muss man Versicherungsmathematiker sein. Das ist, wie wenn Sie in ein Restaurant gehen: Sie können sehen, ob die Tische sauber sind, ob es gut riecht, ob der Salat frisch ist. Aber sie können nicht sehen, ob es in der Küche Salmonellen gibt. Dafür gibt es eine Gewerbeaufsicht.

ZEIT ONLINE: Die BaFin ist eine nationale Behörde. Der Finanzmarkt aber umspannt die ganze Welt. Kann ein einzelner Staat ihn überhaupt zähmen?

Schick: Es wird häufig unterschätzt, wie viel man immer noch auf der nationalen Ebene machen kann. Nehmen wir den Skandal um die Danske-Bank. Das ist ein internationaler Geldwäscheskandal, bei dem es um die estnische Tochtergesellschaft einer dänischen Bank geht, die für bestimmte Überweisungen die Deutsche Bank eingesetzt hat. Hätte die BaFin richtig hingeschaut, hätte die Deutsche Bank diese Rolle in dem Skandal nicht spielen können. Natürlich kann eine Aufsichtsbehörde nie alles sehen, der Wissensvorsprung der Finanzindustrie ist gewaltig. Und natürlich ist nicht die BaFin unser Gegner, sondern es sind die Banken, die schlechte Geschäfte machen, die Fonds, die die Leute über den Tisch ziehen. Wir wollen eine Diskussion über die Qualität der Finanzaufsicht in Deutschland anstoßen, auch mit der BaFin selbst. Dort ist ja nicht alles schlecht. Aber der Verbesserungsbedarf ist eklatant.   


Aus: "Gerhard Schick: "In den USA gibt es Milliardenstrafen für Banken. Hier fast nichts"" (7. November 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-11/gerhard-schick-bafin-banken-finanzaufsicht-verbraucherschutz-lobbyismus/komplettansicht (https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-11/gerhard-schick-bafin-banken-finanzaufsicht-verbraucherschutz-lobbyismus/komplettansicht)

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DrkdD #15

Der Bundesfinanzminister entscheidet letztendlich. Und Schäuble und Scholz gehören nicht zu denen die den Banken ans Beins pinkeln wollen. Eher im Gegenteil.


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Benjowi #11

Es gibt eine relativ einfache Erklärung für all die Ungereimtheiten, die sowohl im Finanz- als auch in den Kfz-und Landwirtschaftsbereichen ablaufen: Dieses Land mit seinen "Kontrollbehörden" leidet ganz klar unter institutioneller Korruption. Die Behörden würden vielleicht schon wollen, aber spätestens wenn das vorgesetzte Ministerium davon erfährt, kommt der Deckel drauf.  ...


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Etaork #17

Na wen man sich von Lobbyverbänden des Finanzwesens ganze Gesetzestexte erstellen lässt und sie dann Wort für Wort übernimmt , der braucht auch in der Bafin oder sonstigen Aufsichtsbehörde keine Contra Geber , da wird halt so besetzt das der Dieb den Räuber beschützt:)

Herr Scholz :) -------- wichtigster Berater kommt von Goldman-S aber passt schon.

Das Denken des Bundestags, das es dem Kapital verpflichtet, ist widerspricht absolut dem Grundgesetz, da steht was von den Bürgern und Bürgerinnen drin aber nix davon das dieses nur jene mit entsprechenden Kontostand sind, sondern alle.


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AugenaufundMitreden #19

... Siehe EX-CUM-Geschäfte, wo die Politik trotz massiver Hinweise jahrelang zugeschaut hat. ...


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Botbauer #22

Lobbyismus ist in seiner heutigen Ausprägung nichts weiter als professionalisierte legalisierte Korruption.
Finanzkrisen, Dieselskandal, CumEx... das kann alles nur passieren wenn Regulierung und Aufsicht fehlt.


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Title: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
Post by: Link on November 14, 2019, 10:40:26 AM
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[...] Quinn Slobodian ist Historiker und Autor des Buches Globalists: The End of Empire and the Birth of Neoliberalism. In Ausgabe 30/2019

... Pinochet, Thatcher und Reagan mögen tot sein. Doch die Kennzahlen für wirtschaftliche Freiheit halten das neoliberale Banner weiter in die Höhe, indem sie die Ziele sozialer Gerechtigkeit in alle Ewigkeit als unrechtmäßig verschreien und die Nationalstaaten dazu drängen, sich einzig als Wächter der wirtschaftlichen Macht zu betrachten. Stephen Moore, der zu Beginn des Jahres einmal als Trumps Favorit für den Posten im Vorstand der US-Notenbank gehandelt worden war, formulierte es in einem Interview ganz einfach: „Kapitalismus ist wesentlich wichtiger als Demokratie. Ich glaube nicht einmal besonders an Demokratie.“


Aus: "Wacht auf, Verdammte dieser Erde" Quinn Slobodian (2019)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/wacht-auf-verdammte-dieser-erde

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dissident | Community

Der Neoliberalismsu heisst neuerdings nicht mehr Neoliberalismus.
Seit den Chile-Demonstrationen gibt es ein neues wording.
Der Neoliberalismus heisst jetzt ULTRAliberalismus.


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Title: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
Post by: Link on November 25, 2019, 05:01:18 PM
"Geldpyramiden bauen oder eine lebenswerte Gesellschaft?" Rob Kenius (25. November 2019)
... Wir wollen noch einmal in Gedanken in das alte Ägypten zurückkehren und nehmen an, einer von uns lebte dort und hätte die Fähigkeit zur Systemkritik. Ihm käme die Erkenntnis, dass der Kult, den Priester und Beamte, Königshaus und Staatsgewalt betreiben, unsinnig ist, weil die Früchte der Arbeit den lebenden Menschen entzogen sind, um damit einen Totenkult zu betreiben. Was könnte jemand, der das erkannt hat, tun? ... Trotzdem sind wir alle auch Teil dieser Maschine, sobald wir nur Geld in die Hand bekommen und es wieder ausgeben, und wir sind Teil des imaginären Staates Pecunia, der den Bau von Geldpyramiden auf vielfältige Weise begünstigt. Wir stecken in dieser sinnlosen Mühle, die einen Stoff produziert, der uns heilig ist, obwohl wir schon viel zu viel davon haben. ...
https://www.heise.de/tp/features/Geldpyramiden-bauen-oder-eine-lebenswerte-Gesellschaft-4581488.html

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Rob Kenius ist Diplom-Physiker und hat vorwiegend als Selbständiger im Medienbereich gearbeitet. Seit 2012 gestaltet er als systemkritischer Autor die Webseite kritlit.de.

Literatur:

Michael Hudson, Der Sektor.
Thomas Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert
Rob Kenius: Leben im Geldüberfluss



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[...] oberham, 25.11.2019 14:55

Der heutige Totenkult spiegel sich wohl ähnlich in nutzloser Gigantomanie, doch heute spielen wir, wie der Autor richtig bemerkt, freiwillig mit, am Bau der Pyramiden aus Geld.

Wir werden demnächst wohl gar einen Kanzler wählen, der praktisch ein Soldat der neuen Arrondierung von Geld und Wohlstand ist, ein Knecht der Megavermögenden, die heute schon die Staaten zu nichts weiter als Ställen gestalten, in welchen die gewöhnlichen Menschen sich dem Verteilungskampf hingeben und ihre Leben eben an die Gewinner opfern, hoffend, selbst zu Gewinnern zu werden.

Es nützt nichts, zu erkennen, dass wir ein selbstzerstörerischer Haufen von Wettkämpfern sind, die sich letztlich von einer winzigen Minderheit nutzen und melken lassen, wenn wir doch weiter devot unser Haupt senken, damit sie aus unserer Würdelosigkeit ihren Profit treiben, da wir noch andere unter unseren Füßen fühlen, die uns den Boden bieten, selbst zumindest noch über dem Morast zu taumeln.

Würden wir uns diesem Spiel verweigern, wäre es eben schnell zu Ende, doch jene wenigen, die es tun, sich zu verweigern, sei es durch Selbstmord oder Askese, manche gar durch die Etablierung kleiner sozialer Inseln, Kleinode der Menschlichkeit, die irgendwo in der Masse der Milliarden versteckt existieren mögen, sind schlicht seit Jahrtausenden zu wenige.

Die Massen gehorchen und unterwerfen sich, entweder geschmiedet an Ketten, gebeubt durch rohe Gewalt und Angst oder eben durch das Verwöhnarmoa des Massenkonsums und der Betäubung durch Drogen und mehr oder weniger anspruchsvolle Kultur. Es wird just in dem Moment keine Massen mehr geben, sobald die Technik diese überflüssig und sämtliche Wünsche der "Eliten" erfüllbar macht.

Der Text bietet ein klares Bild, in meinen Augen spiegelt es auch meine Sicht der Dinge, ich sehe mein Leben und die Welt seit etwa 30 Jahren so, mit jedem Tag bestätigt es sich weiter, wird es klarer und schärfer.

Ich finde meinen Trost in der Bedeutungslosigkeit, letztlich ist es völlig gleichgültig, ob der Mensch nun existiert oder nicht, interessant wäre hingegen, ob die physikalischen Theorien nur unser geistiger Halt, oder ein Stück ewiger Gültigkeit besitzen, welcher Ladungsimpuls nun einen Gedanken kreiert, der Ionenbindungen bildet, die durch Raum und Zeit gleiten, in harmonischer Anziehung, wer weiß, vielleicht empfinden sie Glück?

Das Posting wurde vom Benutzer editiert (25.11.2019 14:58).


https://www.heise.de/forum/Telepolis/Kommentare/Geldpyramiden-bauen-oder-eine-lebenswerte-Gesellschaft/Der-heutige-Totenkult/posting-35664225/show/ (https://www.heise.de/forum/Telepolis/Kommentare/Geldpyramiden-bauen-oder-eine-lebenswerte-Gesellschaft/Der-heutige-Totenkult/posting-35664225/show/)

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     Xira Arien, 25.11.2019 14:47

Re: wohlgemeint

Es begann vor etwa 30 Jahren. Als sich der Ostblock auflöste, musste das "Schaufenster des Westens", das die BRD damals war, nicht mehr so hübsch dekoriert werden, und man begann nach und nach die schönen Auslagen abzuräumen.
Die soziale Marktwirtschaft, oder der "rheinische Kapitalismus" wurde Stück für Stück demontiert und man schaufelte ohne Scham die Knete von unten nach oben, z. B. mit üppigen Steuersenkungen.
Seitdem befinden wir uns in rasanter Talfahrt. Ziel ist das amerikanische Modell, dem wir uns schon sehr stark angenähert haben. Stück für Stück wird weiter demontiert. Viele wissen gar nicht mehr, das es früher mal besser war, weil sie es nie erlebt haben.
Die Frösche merken nicht, wie das Wasser langsam zum Kochen gebracht wird.


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     Pulitzerpreisträger, 25.11.2019 13:13


Die entscheidende Frage ist ja, was wird mit dem Geld gemacht. ...


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