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[Schrottimmobilien (Notizen)... ]

Started by Link, April 25, 2026, 02:08:57 PM

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Als Schrottimmobilie wird umgangssprachlich eine Immobilie mit nicht vorhandenem Geldwert und fehlender Verwertungsmöglichkeit bezeichnet. ... Der Bundesgerichtshof hat mehrere Entscheidungen erlassen, die unter der Bezeichnung ,,Schrottimmobilien" geführt werden. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Schrottimmobilie

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Quote[...] In die Degag investierten auch 4500 Privatanleger, die der Gesellschaft fast 300 Millionen Euro geliehen hatten. Ende 2024 stellte die Gruppe Zahlungen an die Anleger ein. Im Januar 2025 meldete er für die Dachholding und weitere Degag-Firmen Insolvenz an. Laut dem Insolvenzverwalter ist der Konzern mit bis zu 1,1 Milliarden Euro überschuldet. Den Privatanlegern droht der Totalverlust. Die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt gegen mehrere ehemalige Führungskräfte.

Investiert wurden die Gelder in eigentliche Schrottimmobilien, etwa in Castrop-Rauxel, Gelsenkirchen und Gross Schacksdorf-Simmersdorf an der polnischen Grenze. In TV-Reportagen wurde über unhaltbare Zustände für Mieter berichtet: verschimmelte Wohnungen, Müll vor den Häusern, Prostitution und Ratten – Ein Immobilienportfolio des Grauens. ...


Aus: "Julius Bär finanzierte Schrottimmobilien in Deutschland" Beat Schmid (13. Oktober 2025)
Quelle: https://www.tippinpoint.ch/artikel/78349/julius_baer_finanzierte_schrottimmobilien_in_deutschland.html

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Quote[...] Wohnraum fehlt in Deutschland fast überall. Gleichzeitig verfallen in vielen Städten Häuser in bester Lage, weil die Eigentümer sich nicht darum kümmern. Das Problem war heute auch Thema im Bundestag.

Die Innenstadt von Landau in der Pfalz hat den Zweiten Weltkrieg fast unbeschadet überstanden. In der Fußgängerzone wechseln sich Filialen großer Ketten und inhabergeführte Boutiquen ab, eine Pâtisserie verkauft in einem sanierten Altbau Törtchen und Pralinen. Schräg gegenüber: ein Eckhaus mit stark beschädigter Fassade. Das Haus ist eingerüstet und mit einem Bauzaun abgesperrt. Daran hängen Banner, eines von ihnen trägt die Aufschrift "Eigentum verpflichtet". Aufhängen lassen hat sie der Oberbürgermeister Dominik Geißler (CDU): "Das ist ein schwerer Schaden für die Stadt, wenn solche schönen Gebäude so verfallen." Nicht nur ästhetisch sei das problematisch - es stünden auch unnötig Wohnungen leer.

In der Innenstadt von Landau gibt es mehrere solcher Immobilien. Zwei Häuser neben dem sanierungsbedürftigen Eckhaus steht ein Gebäude, dessen Rückwand kürzlich eingestürzt ist. Auch hier musste die Stadt einen Teil des Gehwegs absperren - zur Sicherheit, falls Gebäudeteile herabfallen.

"Das ist ein unhaltbarer Zustand", sagt Geißler, "dass wir als Stadt hier erstmal sichern und alles vorfinanzieren müssen und dann gucken müssen, dass wir das Geld vom Eigentümer wiederbekommen." Gegen solchen Verfall vorzugehen sei schwer. "Ich kann zwar Baugebote oder Instandsetzungen verhängen, aber das dauert zu lange, weil die Eigentümer bei jeder Maßnahme vor Gericht ziehen."

Das marode Eckhaus solle jetzt zwar in einen "allgemeinwohlkonformen Zustand" gesetzt werden - dafür hat die Eigentümerin aber nach Angaben von Dominik Geißler sieben Jahre Zeit bekommen. "Ob hier dann aber überhaupt noch was steht, weiß aber keiner."

Der Bundestag hat heute über das Thema "Schrottimmobilien" debattiert. Grüne und Linke haben jeweils einen Antrag eingebracht. Beide wollen bessere Informationen für Kommunen, welche Handhabe sie gegen problematische Immobilien haben. Die Grünen fokussieren sich in ihrem Antrag darauf, dass Städte und Gemeinden leichter und günstiger Gebäude kaufen können. Doch das hilft nur, wenn die Eigentümer auch verkaufen wollen. Die Linke geht in ihrem Antrag weiter und fordert, auch Enteignungen für verwahrloste Immobilien zu ermöglichen.

Die vorhandenen Regelungen geben den Kommunen wenig Handhabe, sagt ARD-Rechtsexperte Frank Bräutigam: "Die bisherigen Instrumente sind oft so eine Art zahnloser Tiger." Rechtlich wäre es in gewissen Grenzen möglich, den Kommunen die Übernahme solcher Immobilien leichter zu machen, sagt Bräutigam - und schränkt ein: "Allerdings: So was wird immer Geld kosten und Klagen dagegen wird es auch weiterhin geben."

Die Regierungsfraktionen von CDU/CSU und SPD verwiesen in der Debatte im Bundestag darauf, dass die Regierung bereits an einer Novelle des Baugesetzbuchs arbeite, um die Probleme zu lösen. Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung heißt es dazu, man wolle das Vorkaufsrecht für Kommunen bei Schrottimmobilien stärken.

In Andernach bei Koblenz ist deutlich sichtbar, was passiert, wenn ein Gebäude jahrelang verwahrlost: Der Eigentümer eines denkmalgeschützten Hauses direkt hinter dem historischen Rheintor hat seine Immobilie so lange verfallen lassen, bis sie abbruchreif war. Gerade werden die Obergeschosse abgetragen, die Straße ist derzeit nicht passierbar, die Kreuzung, an der das Haus steht, ist abgesperrt. Das Erdgeschoss des Gebäudes muss aus Denkmalschutzgründen stehen bleiben.

Bei einer anderen schrottreifen Immobilie hat die Stadt entschlossen, sie selbst zu kaufen. Das ehemalige "Bürgermeisterhaus" steht in Sichtweite des Runden Turms, Wahrzeichen von Andernach. "Hier hat der Stadtrat entschlossen, das Gebäude zu kaufen. Wir wollen den gesamten Bereich entwickeln, mit dem Bürgermeisterhaus in der Mitte", sagt Andernachs Oberbürgermeister Christian Greiner (FWG).

Denn die Gelegenheit war günstig: Die Eigentümer waren bereit, zu verkaufen und sind sich mit der Stadt einig geworden. Das funktioniert nicht immer: Viele wollen ihre Immobilien gar nicht verkaufen - oder nur zu einem viel zu hohen Preis. Und es könne keine grundsätzliche Lösung sein, dass die Stadt verfallene Immobilien selbst kaufe, um das Stadtbild zu erhalten. "Unsere Kernaufgabe als Kommune ist es, unsere kommunalen Immobilien in Schuss zu halten. Das sind Kitas oder Schulen oder die Volkshochschule", sagt Christian Greiner. "Wir können nicht als der große Aufkäufer von Immobilien fungieren. Das geht mal partiell, aber in der Masse übersteigt das die Möglichkeiten einer Kommune."

Die beiden Oberbürgermeister in Landau und Andernach sind sich einig: Sie würden sich am liebsten gar nicht einmischen müssen, wenn es um die Immobilien in ihrer Stadt geht - weil die von ihren Eigentümern gut in Schuss gehalten werden.


Aus: "Was tun gegen "Schrottimmobilien"?" Teresa Peters, SWR (16.01.2026)
Quelle: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/schrottimmobilien-bundestag-100.html

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Wenn Horstmann und seine Kollegen besonders viel erreichen, dann gelingt es ihnen, die Eigentümer so weit zu zermürben, dass sie ihr Schrotthaus der Stadt verkaufen. Ist das Gebäude arg ramponiert, wird es abgerissen – auf Staatskosten. Die Gewinne, die das Geschäftsmodell abwirft, fließen in private Hände. Die Kosten werden sozialisiert.

Quote[...] Männer wie der »Slum-Lord« errichten Imperien aus verfallenen Mietshäusern, bereichern sich an den Ärmsten, nehmen den Staat aus. Und Markus Horstmann zieht los.

Vor der grell erleuchteten Polizeiwache Süd in Gelsenkirchen machen sich 22 Männer und Frauen für ihren Einsatz bereit. Sie befestigen ihre Funkgeräte und spannen Listen in Klemmbretter ein, eng bedruckt mit Namen und Adressen. Sie stehen in einem großen Kreis, einige haben Warnwesten dabei, andere tragen Uniform: Polizisten, Beamte der städtischen Ordnungsbehörde und der Wohnungsaufsicht, Mitarbeiter des Jobcenters und des Energieversorgers. Es ist ein Mittwoch im Frühling, halb sieben Uhr früh, die Stadt liegt noch im Morgengrauen.

Der Einsatzleiter zählt die Orte auf, die heute abgeklappert werden sollen: ein Mehrfamilienhaus in der Ringstraße. Ein weiteres großes Wohngebäude im Stadtteil Rotthausen. Und zwei, drei kleinere Objekte. Den Bewohnern dieser Häuser wolle man an diesem Morgen einen »Überraschungsbesuch« abstatten, sagt der Einsatzleiter. »Schön, wir starten!«

Erste Station: das Haus an der Ringstraße, ein Eckgebäude mit schmutziger Fassade, direkt neben einer sechsspurigen Straße. Einige Fensterscheiben sind mit Fetzen von Packpapier verklebt. Der Hauseingang steht offen, das Türschloss ist kaputt.

Die Beamten zwängen sich durch den schmalen Hausflur. Im Treppenhaus: ein Kinderfahrrad, eine alte Mikrowelle, auf dem Boden Zigarettenkippen und eine Babywindel. Auf dem Treppengeländer trocknet Wäsche. »Und, Kakerlaken?«, fragt einer der Polizisten. Vor Monaten habe er dieses Haus schon einmal kontrolliert, erzählt er. Die Schule, auf die ein Kind aus diesem Haus gehe, habe sich damals an die Behörden gewandt: Aus dem Ranzen des Kindes sei Ungeziefer gekrabbelt – ob die Beamten sich das Wohnhaus nicht mal genauer anschauen könnten.

Die Kontrolleure, ausgestattet mit Klemmbrett und Kuli, klopfen jetzt an jede Wohnungstür. Dort, wo ihnen geöffnet wird, lassen sie sich Pässe und Geburtsurkunden zeigen. Die Beamten spulen die üblichen Fragen ab:

Beziehen die Bewohner Bürger- oder Kindergeld?
Falls ja, können sie Nachweise vorlegen, dass sie darauf auch ein Anrecht haben?
Sind die Wohnungen überbelegt?
Sind Heizungen, Fenster und Türen intakt?
Gibt es warmes Wasser?
Überhaupt fließendes Wasser?
Die wichtigste Frage steht auf keinem Notizzettel: Wieso kümmert sich kein Hauseigentümer um diese Mieter?

Was hier geschieht, ist ein Versuch. Der Staat versucht, die öffentliche Ordnung wiederherzustellen, sich stark zu zeigen, entschieden und unmissverständlich. Der Staat versucht, seine Regeln durchzusetzen, die in manchen Gegenden Gelsenkirchens verloren gegangen sind, dieser kleinen Großstadt mit 271.000 Einwohnern inmitten des Ruhrgebiets, in der viele Menschen gelernt haben, sich irgendwie durchzuschlagen, ohne nach Regeln zu fragen.

Nach einer Viertelstunde sind einige Beamte im Dachgeschoss des Hauses angelangt. »Guckt mal, hier oben!«, ruft ein Polizist. Seine Kollegen stapfen hinauf, Glasscherben knirschen unter ihren Schuhsohlen. In einer Kammer unter der Dachschräge stehen zwei Stühle, daneben lehnt ein Besen, Haarbüschel liegen auf dem Boden. An der Wand hängt ein Spiegel. »Ein illegaler Friseursalon«, sagt der Polizist.

Draußen vor dem Haus steht ein Mann in einem Holzfällerhemd, der oft dabei ist, wenn es darum geht, Missständen auf die Spur zu kommen. Er hat sich einen Zigarillo angesteckt, trägt eine Kappe und ein Lenin-Bärtchen, stemmt die Fäuste in die Hüfte und verfolgt den Einsatz mit der Gelassenheit eines Routiniers, der schon viel gesehen und viel gehört hat. Wenn er mit seiner aufgerauten Stimme zu einem seiner Kollegen »Hömma« sagt, klingt das manchmal wie ein Befehl, manchmal wie eine robust verpackte Liebenswürdigkeit.

66 Jahre alt ist Markus Horstmann, ein Stadtplaner, in der Gelsenkirchener Stadtverwaltung leitet er die Abteilung Wohnungswesen. Vor 13 Jahren fing er an, sich um all die heruntergekommenen Gebäude zu kümmern, in denen Menschen einquartiert werden, die aus Bulgarien und Rumänien ins Ruhrgebiet einwandern, die meisten von ihnen Roma. Im Amtsjargon heißen solche Gebäude Problemimmobilien, aber Horstmann macht sich nichts aus dem Behördendeutsch. »Siff-Buden« nennt er die schlimmsten dieser Häuser. Er hat vermüllte Hinterhöfe und Keller besichtigt, und er kann den fauligen Geruch organischen Abfalls von dem beißenden Gestank unterscheiden, den Rattenkot verursacht.

Horstmann war einer der Ersten, die sich des Problems mit den Schrotthäusern angenommen haben. Auf der grellgelben Weste, die er an diesem Morgen trägt, steht »Wohnungsaufsicht«. So fasst er seinen Job auf: »Ich bin hier die Wohnungsaufsicht«, sagt er. In dieser Verallgemeinerung klingt es übertrieben, aber es steckt viel Wahrheit darin. Vor Jahren schon hat er im Computer umfangreiche Dateien angelegt, in denen all die Gelsenkirchener Schrotthäuser verzeichnet sind, derzeit sind es 485. Auf Karten des Stadtgebiets hat er mit einem Filzstift eingezeichnet, wo die desolaten Wohnquartiere liegen. Niemand in der Stadtverwaltung kennt sich besser damit aus.

In all den Jahren hat Horstmann begriffen: Das Problem, dem er gegenübersteht, lässt sich nicht mit ein paar Kontrollgängen beheben, auch nicht mit hundert oder tausend Kontrollen. Es reicht weit über den Zustand der Häuser und das Verhalten ihrer Bewohner hinaus. Es führt zu Amtsgerichten, in denen dubiose Geschäftemacher auf die Versteigerung von Immobilien lauern. Zu Behörden, die von der Raffinesse dieser Leute oft überfordert sind. Zu Staatsanwälten, die nicht einschreiten. Und zu Immobilienlobbyisten, denen der Schutz des Eigentums wichtiger ist als das Wohl der Allgemeinheit. Letztlich gelangt man zu der Frage, die über allem steht: Wie kann es dem Staat gelingen, die Macht zurückzugewinnen?

Das erste Schrotthaus betrat Markus Horstmann im Jahr 2013. Halfmannsweg 2, die Adresse weiß er noch immer auswendig. Das Eckgebäude, in dem es mal eine Kneipe namens Glückauf-Keller gab, hatte länger leer gestanden. Irgendwann fingen Nachbarn an, sich bei der Stadt zu beschweren: Da seien wahnsinnig viele Leute eingezogen, überall liege Unrat herum. Die Stadtreinigung kam und stellte mehr Mülltonnen auf. Wenig später quollen auch diese über. Schließlich schaute sich Horstmann die Sache an.

Seither hat er Hunderte Häuser kontrolliert: solche mit schimmeligen Wänden, mit rissigen Mauern, mit löchrigen Dächern. Einmal, in einem Gebäude mit maroden Wasserrohren, sei ihm im Treppenhaus ein Schwall entgegengekommen, sagt er. »Ich dachte, ich steh im Wasserfall.« Weder die Bewohner noch der Vermieter hätten sich bemüht, den Rohrbruch zu beheben.

Ein anderes Mal, Horstmann war mit einem Kollegen der Bauaufsicht unterwegs, musste er das Haus, das er kontrollieren wollte, fluchtartig verlassen. Der Kollege hatte Mängel in der Statik des Gebäudes entdeckt und fürchtete, es könne jederzeit zusammenbrechen.

Horstmann hat Häuser gesehen, in denen monatelang der Strom abgestellt war, in denen Familien mit kleinen Kindern bei Minusgraden ohne Heizung und Warmwasser lebten, in denen es keine Schlafzimmer, sondern Matratzenlager gab. In manchen Gebäuden stehen Arbeitsschuhe vor den Wohnungstüren, dort verdienen die Bewohner ihr eigenes Geld, etwa auf dem Bau oder als Paketzusteller. In anderen, sagt Horstmann, leben sämtliche Bewohner von Sozialleistungen.

Bis heute gehen seinen Einsätzen fast immer Beschwerden aus der Nachbarschaft voraus – etwa über den Lärm, der entsteht, wenn in einer Dreizimmerwohnung nicht vier, sondern vierzehn Leute untergebracht sind. Oder über die Kinder, die bis spät in die Nacht auf der Straße herumtoben. Die Beschwerden richten sich also meist gegen die Menschen, die in den Schrotthäusern wohnen.

Um diejenigen, denen die Häuser gehören, geht es seltener. Dabei wäre es entscheidend, ihnen auf die Spur zu kommen, denn ihr Handeln hat System, weit über Gelsenkirchen hinaus. Schrotthäuser gibt es in Duisburg und in Essen, in Herne, Hagen und anderen Städten des Ruhrgebiets. Aber auch in Köln und Bremerhaven, in Berlin und Hamburg. Es ist überall das Gleiche: Die Eigentümer der Immobilien locken Menschen aus Rumänien und Bulgarien nach Deutschland und bieten ihnen Schlafplätze in heruntergekommenen, völlig überteuerten Wohnungen an, weil sie wissen, dass der Staat für die Miete aufkommt.

Markus Horstmann erzählt, in einem Haus, das er kontrollierte, hätten ausschließlich Leute gewohnt, die aus demselben Dorf in Rumänien stammten. Ein anderes Gebäude sei komplett belegt gewesen mit Mietern aus Stolipinovo, einem Slum am Rande der bulgarischen Stadt Plovdiv, in dem vor allem Roma leben. Dort hätten manche Eigentümer der Gammelhäuser Flugblätter verteilen lassen, Reklame für einen Umzug nach Gelsenkirchen. Andere Vermieter hätten regelrechte Anwerbekampagnen auf TikTok gestartet.

Möchte er wissen, wem ein Schrotthaus gehört, schaut Horstmann ins Grundbuch. Hat er Glück, ist dort nur eine einzige Person oder eine einzige Firma als Eigentümer eingetragen. Hat er Pech, dann ist das Haus in Eigentumswohnungen unterteilt, die verschiedenen Leuten oder verschiedenen Firmen gehören. Das macht die Recherche langwieriger.

Hinter den meist türkischen oder arabischen Familiennamen, die in den Grundbüchern verzeichnet sind, stecken Menschen, die selten in Erscheinung treten. Auf Briefe der Stadt reagieren sie nicht und lassen sich in Gelsenkirchen selten blicken. Manche von ihnen wechseln ständig die Wohn- und Geschäftsadressen, andere haben sich ins Ausland verzogen, in die Vereinigten Arabischen Emirate, die Türkei, den Libanon, die Niederlande oder nach Israel. Einige dieser Eigentümer ändern sogar ihre Namen. Wieder andere lassen sich von Strohleuten vertreten, die den Papierkram mit den Behörden erledigen, den Mietern Termine beim Jobcenter, Urkunden, Bankkonten und Karten für Geldautomaten beschaffen, formal aber Geschäftsführer einer Immobilienfirma sind. Die Strohleute wiederum greifen manchmal auf Gehilfen zurück, die in den Schrotthäusern das Kommando führen, vor Wohnungen aufkreuzen und die Miete bar kassieren.

Horstmann steht vor einem Dickicht aus Firmen und Hauseigentümern, das er bis heute nicht wirklich durchschaut. Verbirgt sich hinter den Schrotthäusern ein Netzwerk der organisierten Kriminalität? Danach sieht es aus, aber das bleibt im Dunklen.

Gelingt es Markus Horstmann, Eigentümer zu ermitteln, versucht er, »diese Leute zu quälen«, wie er sagt. Ein kaputtes Dach, durch das Regenwasser ins Haus sickert? Da kann er mit dem Baurecht drohen oder mit dem Ordnungsrecht. Manchmal gelingt es ihm sogar, »die Bude leer zu ziehen« und die Mieter auszuquartieren, sodass den Eigentümern viel Geld entgeht. Aber einschreiten dürfen die Behörden nur, wenn die Zustände derart katastrophal sind, dass Wohnungen geräumt und Hauseingänge zugemauert werden müssen. Sind die Missstände weniger drastisch, kann Horstmann wenig tun.

Selbst wenn die Stadt ein Bußgeld verhängt, heißt das noch nicht, dass sie es auch eintreiben kann. Ziemlich oft behaupten Eigentümer, zahlungsunfähig zu sein. Diese komplizierten Fälle werden dann unerledigt zur Seite gelegt.

Horstmann ist kein Strafverfolger, er kann andere Behörden bloß um Mithilfe bitten, aber selbst kein Ermittlungsverfahren einleiten. Oft, etwa wenn er vom Jobcenter eine Auskunft braucht, scheitert er am Datenschutz. Und fast nie ist er bei den Ermittlungsbehörden jemandem begegnet, der das Fachwissen besitzt, um das betriebswirtschaftliche Konstrukt der Schrotthaus-Eigentümer zu ergründen.

Seit er für die Stadt Gelsenkirchen arbeitet, hat er nie erlebt, dass Staatsanwälte gegen einen der Eigentümer aus dem Gelsenkirchener Schrotthaus-Milieu ermittelten. Das wäre auch schwierig. Denn wer ein Haus verwahrlosen lässt, begeht vielleicht ein paar Ordnungswidrigkeiten, aber in der Regel keine Straftat. Solange von Schrottimmobilien keine Gefahr ausgeht und kein Passant von einem herabfallenden Dachziegel getroffen wird, mischt sich die Justiz nicht ein. Und selbst wenn es zu einem Gerichtsprozess gegen einen der Eigentümer käme, fiele die Strafe vermutlich so lapidar aus, dass sich die Hinterleute darüber amüsieren würden.

Horstmann hat sich in einen Kampf um die öffentliche Ordnung gestürzt, bei dem er bald zu zweifeln begann, ob er ihn jemals werde gewinnen können. Weiß er nicht weiter, weil er die katastrophalen Zustände in einem Mehrfamilienhaus mit den Mitteln des Rechtsstaates nicht in den Griff bekommt, dann sagt er: »Diese Bude ist erst mal austherapiert.« Nichts zu machen, abwarten.

Es ist nicht einfach, Horstmanns Geduld übermäßig zu strapazieren, aber je mehr »Austherapierte« auf seiner Liste standen, umso öfter fragte er sich: Gilt in den »Siff-Buden« nicht die Verfassung? Handelt es sich um rechtsfreie Räume?

Im Grundgesetz der Bundesrepublik steht: »Eigentum verpflichtet.« Gemeint ist, dass Eigentum nicht nur private Freiheiten eröffnet. Damit geht auch Verantwortung für das Wohl der Allgemeinheit einher. Schon in der Verfassung der Weimarer Republik tauchte der Satz mit der Verpflichtung auf – eine Reaktion auf den zügellosen Kapitalismus der Industrialisierung und eine Mahnung, das persönliche Profitstreben zurückzudrängen.

»Eigentum verpflichtet.« Darüber hat Markus Horstmann eine Weile nachgedacht. »Da ist der Staat ganz schwach«, sagt er. Denn in der Verfassung ist noch etwas anderes festgeschrieben: der Schutz des Eigentums vor dem Zugriff des Staates. Läuft man durch Gelsenkirchen, fragt man sich, ob der Staat bereit ist, zwischen verantwortungsvollen und verantwortungslosen Eigentümern zu unterscheiden.

Allein dieser unschuldig klingende Begriff: Eigentümer. Da stellt man sich unauffällige Menschen vor, die in mühsam abbezahlten Einfamilienhäusern leben, ihre Gärten pflegen und pünktlich die Grundsteuer überweisen. Markus Horstmann jedoch stößt auf ganz andere Eigentümer: solche, die in teuren Geländewagen oder in schweren Limousinen mit getönten Scheiben vorfahren, um Zuwanderer in viel zu kleinen Wohnungen einzuquartieren. »Hubraum statt Wohnraum«, sagt er.

Die Vermieter bevorzugen Roma aus Bulgarien und Rumänien, weil die oft einen Ausweg aus dem Elend in der Heimat suchen und es für sie als EU-Ausländer relativ einfach ist, sich in Deutschland anzusiedeln und Sozialleistungen zu beziehen. Zumindest solange sie einen Job nachweisen können – und sei es nur ein Scheinjob. Frisierte oder gefälschte Arbeitsverträge vermitteln die Handlanger der Eigentümer auch, vieles haben sie im Angebot. Ihnen sind kinderreiche Familien besonders lieb, weil dann die Bedarfsgemeinschaft, der das Jobcenter die Miete zahlt, größer ist. Je mehr Menschen sie unterbringen, desto mehr Geld bekommen sie vom Staat.

Jemand aus dem Ausland, der ungelernt ist oder schlecht ausgebildet, käme niemals auf die Idee, sich ernsthaft nach einem Job in Gelsenkirchen umzuschauen, der bundesweit ärmsten Stadt mit der höchsten Arbeitslosenquote – 15 Prozent. Aber jemand, der sich von Schrotthaus-Vermittlern eine ramponierte Wohnung zuschanzen lässt und für die Finanzierung seines Lebens einen zuverlässigen Sozialstaat braucht, der ist in Gelsenkirchen richtig.

Hier, wo viele Häuser leer stehen, zahlt man für eine Wohnung durchschnittlich fünf bis sechs Euro Kaltmiete pro Quadratmeter – allerdings für eine intakte Wohnung. Die Eigentümer der Schrotthäuser verlangen im Extremfall bis zu acht Euro. Normalerweise ist Eigentümern daran gelegen, den Wert ihrer Immobilie zu erhalten, im besten Fall zu steigern. Bei den Schrotthäusern jedoch schadet die Entwertung den Eigentümern nicht, weil der Verfall die Rendite nicht bedroht.

Auf diese Weise ist ein Geschäftsmodell entstanden, das am besten in Städten funktioniert, in denen ungewöhnlich viele Gebäude leer stehen und man ein Schrotthaus mit acht Wohnungen für gerade mal 200.000 Euro kaufen kann.

Wenn Horstmann und seine Kollegen besonders viel erreichen, dann gelingt es ihnen, die Eigentümer so weit zu zermürben, dass sie ihr Schrotthaus der Stadt verkaufen. Ist das Gebäude arg ramponiert, wird es abgerissen – auf Staatskosten. Die Gewinne, die das Geschäftsmodell abwirft, fließen in private Hände. Die Kosten werden sozialisiert.

So wird der Geist der Verfassung in sein Gegenteil verkehrt: Eigentum entpflichtet. Wohnhäuser verrotten und ziehen das Leben in der Nachbarschaft, auch den Wert anderer Gebäude, in Mitleidenschaft. Und die Eigentümer werden am Ende mit dem Geld der Allgemeinheit entschädigt.

In dem Haus in der Ringstraße eilen die Polizisten die Treppe hinunter und sammeln sich vor der Tür, die Kontrolle ist hier beendet. Horstmann und der Einsatzleiter von der städtischen Ordnungsbehörde ziehen Bilanz: vier Fälle von Sozialleistungsbetrug, ein Fall von Schwarzarbeit. Als Nächstes steuert die Truppe den Stadtteil Rotthausen an. Auf den Klingelschildern des Mietshauses dort stehen rumänische Namen, im Hausflur liegt ungeöffnete Post: Briefe des Jobcenters, Mahnungen von Inkassounternehmen.

Während seine Kollegen an den Wohnungstüren die Personalien der Mieter prüfen, steht Horstmann mit dem Einsatzleiter unten vor der Haustür. Sie blättern durch die Listen, auf denen die Namen der Mieter verzeichnet sind, samt ihrer früheren Meldeadressen. »Guck mal hier, Krümmede 3 in Bochum«, sagt Horstmann. Der Einsatzleiter lacht. Krümmede 3 ist die Anschrift eines Gefängnisses.

Da stiefelt ein Mädchen mit einem hellblauen Schulranzen aus dem Hauseingang.
»Wer bist du?«, fragt der Einsatzleiter.
»Sofia«, sagt das Mädchen.
»Wie alt bist du?«

Das Mädchen streckt ihm alle Finger der linken und Daumen und Zeigefinger der rechten Hand entgegen.
»Sieben Jahre?« Der Einsatzleiter guckt auf die Uhr, es ist kurz vor neun. »Dann musst du längst in der Schule sein!«
Das Mädchen zuckt mit den Schultern.
Die Gelsenkirchener Schulen klagen seit Jahren über eine wachsende Zahl von Kindern, die immer wieder die Schule schwänzen. Die allermeisten stammen aus Roma-Familien.

Vor einer Wohnungstür in der Bromberger Straße in Gelsenkirchen-Rotthausen stehen an einem anderen Tag zwei junge Frauen und klingeln. Eine von ihnen heißt Alma Florea, sie ist Mitte zwanzig und in Rumänien geboren. Vor zwölf Jahren zogen die Eltern mit ihr nach Deutschland. Heute ist sie Sozialarbeiterin. Auf ihren Kapuzenpulli sind das Emblem der Stadt Gelsenkirchen und das Herz der Arbeiterwohlfahrt aufgedruckt. Unter ihrem Arm klemmen zusammengeheftete A4-Blätter – eine Liste mit den Namen Gelsenkirchener Schulkinder, die besonders oft schwänzen. Darunter ist auch ein Mädchen im Teenageralter, das hier in der Bromberger Straße lebt und in den vergangenen Monaten mehr als 80 Fehlstunden angehäuft hat.

Die Tür geht auf. Die Mutter des Mädchens und die Sozialarbeiterinnen begrüßen einander herzlich. Erst plaudern sie ein wenig, dann wird der Tonfall ernst. Die vielen Fehlstunden der Tochter seien ein Problem, sagt Alma Florea. Die Mutter entgegnet: Die Tochter fühle sich oft nicht gut. Wenn sie ihre Tage bekomme, habe sie derart starke Schmerzen, dass sie nicht am Unterricht teilnehmen könne. Die Sozialarbeiterin bietet an, einen Arzttermin zu vermitteln. Dann reicht sie der Mutter einen Stoß kleiner Zettel, Vordrucke für Entschuldigungsschreiben. »Sie müssen wenigstens den Lehrern Bescheid geben.«

Seit drei Jahren schickt die Stadt Gelsenkirchen Sozialarbeiterinnen wie Alma Florea von Tür zu Tür, sogenannte Schulmittler. Sie geben Auskunft über das deutsche Schulsystem, bieten Hilfe beim Ausfüllen von Formularen an, übersetzen bei Elternabenden. Kinder, die oft zu spät kommen, besuchen sie sogar frühmorgens, um sie wach zu klingeln. Dieser Service nennt sich Weckdienst.

»Die Leute denken immer: Das sind Roma, die haben keine Lust auf Schule«, sagt Alma Florea. Aber das stimme nicht. Einige Kinder kämen ausschließlich an Tagen mit Schwimm- oder Turnunterricht nicht in die Schule, weil den Eltern das Geld für Badehosen oder Sportsachen fehle. Andere Kinder würden gemobbt und trauten sich deshalb nicht zum Unterricht. Wieder andere seien chronisch übermüdet, weil sie sich mit älteren Geschwistern ein Zimmer teilten, die bis spätabends keine Ruhe gäben. Von den Eltern könnten diese Kinder wenig Hilfe erwarten. »Weil sie es nicht besser wissen.« Viele Mütter und Väter seien Analphabeten, hätten in der Heimat nie eine Schule besucht. »Sie denken: Zwei, drei Fehltage pro Woche sind schon okay.«

Für den Eigentümer eines vergammelten Hauses ist die Sache einfach: Für ihn sind die Mieter bloß eine Einnahmequelle. Für die Stadt hingegen stehen die Mieter im Mittelpunkt eines Problems, das enorme Kosten verursacht. Allein das Integrationsteam der Arbeiterwohlfahrt, zu dem Alma Florea gehört, beschäftigt bis zu 20 Angestellte, mitfinanziert von der Stadt. Hinzu kommen sechs bis acht Mitarbeiter im städtischen Referat Bauordnung und vier bis fünf bei der Wohnungsaufsicht, die ihre Zeit den Schrotthäusern widmen. Außerdem etwa 30 Leute in der Stabsstelle »Zukunftspartnerschaft Wohnen«. Im Gesundheitsreferat sind es zwei bis drei, in der Jugendhilfe vier bis fünf, im Jobcenter zwei bis vier Angestellte. Vier in der Ausländerbehörde, zwei beim Energieversorger, zwei in der Einsatzleitung der Stadtreinigung, fünf bei der Verkehrsüberwachung, die unversicherte Autos aus Bulgarien und Rumänien abschleppen lässt. Im Referat Umwelt kümmert sich jemand um den illegalen Schrotthandel, den einige Mieter betreiben. Es gibt auch amtliche Konflikt- und Beschwerdemanager, Verkehrserzieher, außerdem Berater, die das Sortieren von Müll erklären.

Dann sind da noch die Übersetzer der Wohlfahrtsverbände, mindestens zwei Leute. 80 bis 85 Mitarbeiter sind für den kommunalen Ordnungsdienst abgestellt, der die Schrottgebäude überprüft. Nicht eingerechnet sind die Lehrer und Kita-Erzieherinnen, die sich um die Kinder der Zuwanderer bemühen, nicht die Mitarbeiter des Referats Schule, das Räume für Integrationsklassen stellt, nicht die Gerichtsvollzieher, nicht die Leute des Zollamtes, auch nicht die der Polizei.

Manchmal sind die Bewohner der Schrotthäuser beides zugleich: Ausgetrickste und Trickser, Opfer und Täter. Horstmann kennt Wohnungen, in denen Cannabisplantagen angelegt wurden. Im Keller eines anderen Hauses züchteten Mieter illegal Kampfhunde, um sie zu verkaufen.

»Es wandert niemand in unsere Sozialsysteme ein«, erklärte die Sozialdemokratin Bärbel Bas, die Bundesministerin für Arbeit, vor wenigen Wochen. Als Markus Horstmann davon erfuhr, sagte er: »Was für ein Unsinn.« Fast die Hälfte der 12.000 Zugezogenen aus Südosteuropa lebt hier von Sozialleistungen. Eine wohlhabende Stadt könnte darüber hinwegsehen, in Gelsenkirchen gleicht diese Zahl einem Fiasko. Bei der letzten Bundestagswahl im Februar 2025 erhielt die AfD hier mehr Zweitstimmen als die anderen Parteien, fast 25 Prozent.

Das Amtsgericht ist ein Ort, an dem man den Eindruck gewinnen könnte, in dieser Stadt sei alles in bester Ordnung. Die Pförtner grüßen höflich, die Flure sind steril wie in einem Krankenhaus. Im Sitzungssaal 202 findet an einem Vormittag eine Zwangsversteigerung statt. Im Angebot ist eine Wohnung, deren Eigentümer sich weigerte, die Grundsteuer an die Stadt zu zahlen.

Die Wohnung liegt in einem Haus, das Horstmann gut kennt, es ist eines seiner austherapierten. In den Gutachten, die man vor der Versteigerung einsehen konnte, ist von »deutlichen Feuchtigkeitsschäden« die Rede, von »faulenden Dielen« und einer kaputten Heizung. Es bestehe »ein sehr hoher Instandsetzungsbedarf«.

Vorn im Saal schaltet ein Mann sein Mikrofon ein, der Rechtspfleger, der die Zwangsversteigerung leitet. Zu seiner Rechten sitzen die Gläubiger, zwei Mitarbeiter der Stadtkasse Gelsenkirchen. Auf den Zuschauerbänken: vier Männer, die auf ihren Handys herumwischen. Sie können an diesem Morgen ihre Gebote abgeben.

Der Rechtspfleger klärt die Bieter auf, welche Pflichten sie hätten, sollten sie den Zuschlag für die Wohnung erhalten. Die Pflicht, einen neuen Heizkessel einzubauen. Die Pflicht, eine Brandschutzversicherung abzuschließen. Die Pflicht, sich an die Bestimmungen zum Schutz von Mietern zu halten. Schließlich weist er die Bieter darauf hin, dass im Gerichtssaal Deutsch die Amtssprache sei und Gebote nicht in einer anderen Sprache abgegeben werden dürften.

»8.49 Uhr«, sagt der Rechtspfleger. »Die Bietzeit ist eröffnet.« Einer der vier Männer, ein Schmächtiger mit Brille, geht nach vorn. »Zwölftausend«, sagt er. Der Rechtspfleger notiert das Gebot.

Da meldet sich ein anderer Mann von den Zuschauerbänken zu Wort: »Ich zahl doch keine 12.000 Euro!« Er habe sich das Haus angeschaut, erzählt er, »völlig versifft« sei es gewesen, die Haustür kaputt. »Da ist Tag der offenen Tür, da steht alles offen, da will doch keiner wohnen!« Der Mann gibt kein Gebot ab, er regt sich auf. »Warum sollte ich diese Wohnung für so viel Geld ersteigern?« Der Rechtspfleger schweigt. Einer der beiden Vertreter der Stadt Gelsenkirchen presst die Lippen aufeinander und nickt.

Später, bei einem Gespräch in der Cafeteria des Gerichts, gibt der verärgerte Mann selbst eine Antwort auf seine Frage: »Das lohnt sich nur, wenn man bescheißt« – wenn man Menschen in der Wohnung einquartiere, die sich gegen den schlechten Zustand nicht wehren. Und wenn man mit ihrer Hilfe Geld vom Jobcenter erschleiche. Er selbst, sagt der Mann, habe sich ohnehin nicht für die Wohnung interessiert. Er sei nur gekommen, um sich anzuschauen, wie so etwas abläuft. Am nächsten Tag werde im benachbarten Essen ein Haus zwangsversteigert, auf das er bieten wolle. Dann erzählt er noch, dass er Elektrikermeister sei und eine kleine Baufirma betreibe. Er frage sich, warum er Steuern zahle, während die Schrotthaus-Vermieter straflos davonkämen.

Der Saal 202 im Gelsenkirchener Amtsgericht ist einer der wenigen Orte, an denen sich die Geschäftemacher, die auf Schrotthäuser aus sind, und die Kommune, die sich gegen diese Geschäfte zu wehren versucht, direkt gegenüberstehen. Hier das Profitstreben der Unternehmer auf Einkaufstour, dort die Paragrafenhuberei und die peniblen Verfahren des Rechtsstaats.

Der Mann, der an diesem Morgen den Zuschlag für die Wohnung bekommen hat, erklärt nach der Versteigerung, er sei Handwerker, wolle die Wohnung renovieren und »ganz normal vermieten«. Ob das stimmt? Was stimmt hier überhaupt?

Markus Horstmann hat erlebt, dass die Höchstbietenden oft noch nicht mal den Preis zahlen, zu dem sie eine heruntergekommene Wohnung oder ein marodes Mietshaus ersteigert haben. Laut Gesetz müssen sie nur ein Zehntel des meist geringen Verkehrswertes beim Gericht als Sicherheit hinterlegen – eine Art Anzahlung. Wer sie geleistet hat, ist Eigentümer des Hauses und darf Miete kassieren. Dies ist eine Besonderheit im Versteigerungsrecht, die von den Schrotthaus-Dealern ausgenutzt wird.

Den vollen Preis müssten die neuen Eigentümer eigentlich binnen weniger Wochen überweisen, tun es aber nicht – ohne Folgen. Wenn, wie so oft, die Stadt zu den im Grundbuch eingetragenen Gläubigern zählt, werden diese Schulden vom Höchstbietenden zügig beglichen. Damit ist die Stadt raus. Der Eigentümer zahlt danach zwar nichts mehr an die anderen Gläubiger, aber dagegen kann die Stadt nichts tun.

Bei diesen anderen Gläubigern handelt es sich meist um Privatleute. Sie haben angeblich dem früheren Besitzer des Hauses ein Darlehen gegeben, daher sind sie im Grundbuch verzeichnet. Wenn sie nun vom neuen Besitzer kein Geld erhalten, könnten sie eigentlich eine erneute Zwangsversteigerung erwirken. Aber das unterlassen sie und tun oft etwas Sonderbares: gar nichts. Manchmal geht es um hohe sechsstellige Summen, doch die Gläubiger verlangen kein Geld. Das kann nur bedeuten, dass die Gläubiger und die neuen Eigentümer gemeinsame Sache machen. Die Gläubiger halten still, um den Status quo der Immobilie zu zementieren, während ihre Komplizen, die den Zuschlag für das Gebäude gegen eine kleine Anzahlung bekommen haben, Miete kassieren. Ganz legal. Man hat es mit Pseudo-Gläubigern zu tun.

So ist die Zwangsversteigerung einer Schrottimmobilie für abgezockte Käufer ein Glücksfall, der Gipfel ihrer Pseudokratie, der Herrschaft des profitablen Scheins.

Über die Frage, was die Pseudo-Gläubiger mit den Eigentümern verbindet, rätselt Markus Horstmann noch immer. An diesem Punkt versagen seine Organigramme des Gelsenkirchener Schrotthaus-Imperiums. Gut möglich, dass im Grundbuch Schulden eingetragen werden, obwohl in Wahrheit nie Geld geflossen ist, es gar kein Darlehen gegeben hat – Pseudo-Schulden.

Das ist nur eine Variante, um Schrotthäuser vor dem Zugriff des Staates zu schützen. Beliebt ist auch das Kettenmodell: Ein Haus wird von einer Zwangsversteigerung in die nächste getrieben, und die Höchstbietenden sprechen sich untereinander ab. Das clevere Ausnutzen rechtlicher Grauzonen spricht dafür, dass ein mafiöses Betrugssystem dahintersteckt.

Der Einsatz, zu dem sich am frühen Morgen die 22 Männer und Frauen vor der Polizeiwache versammelt haben, ist beendet. Markus Horstmann und seine Kollegen haben das letzte Haus auf ihrer Liste kontrolliert, nun bietet er an, der ZEIT die Stadt zu zeigen, gemeinsam mit Marcel Günther, dem Einsatzleiter. Die beiden Männer steigen in einen Mannschaftswagen des Ordnungsdienstes, fahren an vielen austherapierten Gebäuden vorbei. Als einige Jugendliche das gelb-blau lackierte Auto mit den leuchtenden Streifen sehen, verdrücken sie sich in Hauseingänge. »Die wissen schon«, sagt Horstmann, »da kommen die Bösen.«

So böse ist er gar nicht, er hat sich viel mit der Geschichte und Kultur der Roma beschäftigt. Er hat Bücher gelesen, um herauszufinden, welchem Leben die Zuwanderer entkommen sind und warum ihnen eine feuchte Bleibe in Gelsenkirchen lieber ist als ihr früheres Zuhause. Er weiß, dass viele von ihnen an ein Leben in der Armut gewöhnt sind.

Horstmann weiß auch, dass einige Leute mit deutschen Familiennamen in die krummen Geschäfte mit Schrottimmobilien verstrickt sind, meist als Notare, die Kaufverträge absegnen, als Rechtsanwälte oder Steuerberater. Und natürlich bekommt er mit, wie viel Groll sich in der Stadt gegen die Roma angestaut hat. Aber er ist keiner von denen, die AfD wählen, weil sie den demokratischen Parteien nicht mehr zutrauen, Gelsenkirchen zu retten. Er würde sich nie als Retter bezeichnen, und doch ist er davon überzeugt, dass er an einer Rettungsaktion teilnimmt.

Horstmann und Günther biegen in den Innenhof eines Schrotthauses ein und halten, der Motor läuft. Lieber nicht aussteigen, kein Risiko eingehen. Der Hof steht voller Autos ohne Nummernschilder. An manchen Wagen schrauben Männer herum, andere Fahrzeuge werden gerade für den Transport fertig gemacht. »Wahrscheinlich alles illegal«, sagt Horstmann, und Günther nickt. Einige der beobachteten Männer nähern sich. Sie tragen Schraubenschlüssel in den Händen, einer ruft verärgert: »Das ist ein privater Parkplatz! Ihr habt hier nichts verloren!« Jetzt stehen sie direkt neben dem Einsatzwagen, werden lauter, bedrohlicher. »Privat, versteht ihr das nicht?« – »Besser, wir verschwinden«, sagt Horstmann, bevor Günther den Wagen wendet und davonfährt.

Schließlich erreichen sie eine gepflegte Reihenhaussiedlung. Günther geht vom Gas. Hier soll er wohnen, der Mann, den Horstmann »den Slum-Lord« nennt. Früher soll er Sat-Receiver in einem Laden verkauft haben. Ist er einer der Geschäftemacher, die im großen Stil mit Schrotthäusern dealen? Horstmann hält diesen Mann für unberechenbar. »Der hat eine extrem kurze Zündschnur.« Horstmann möchte ihm nicht begegnen und bittet Günther weiterzufahren.

Der Slum-Lord ist in dieser Gegend ein bekannter Mann. Man muss nicht lange herumfragen, um herauszufinden, wo er wohnt: in einer von Hecken geschützten Seitenstraße. Die Hausfassade ist aus makellosem Klinker, die Eingangstür schneeweiß gestrichen. Auf dem Fensterbrett steht, in Deko-Buchstaben, der Schriftzug »Home«. Der Slum-Lord wohnt in einem Reihenhaus wie aus dem Katalog einer Bausparkasse.

Einige Tage nach Horstmanns Kontrollfahrt, an der Haustür des Slum-Lords. Er öffnet, er trägt eine blaue Jogginghose. Ob er bereit sei, über seine Immobiliengeschäfte zu reden? »Nein.« Er habe fast alle Objekte verkauft, nur wenige Häuser besitze er noch. »Ich bin jetzt Privatier.« Und zieht die Haustür zu.

Markus Horstmann sagt, die meisten Geschäftsleute, die im Schrotthaus-Business tätig seien, hätten gute Anwälte und gute Steuerberater. »Wir kriegen die nicht in den Knast. Wir können die nur vergrämen.« Auch an die Häuser kommen Horstmann und seine Kollegen nur mit Glück heran: Wenn ein Eigentümer gerade bereit ist, seine Immobilie zu verkaufen. Und wenn das Haus in einem Gebiet liegt, in dem die Stadt ihr Vorkaufsrecht durchsetzen kann. Fragt man Horstmann, was wirklich helfen würde, antwortet er, ohne zu zögern: »Enteignung.«

In Gelsenkirchen geraten zwei zentrale Werte der bürgerlichen Gesellschaft miteinander in Konflikt: der Schutz des Eigentums sowie der Wunsch nach Sicherheit und Ordnung. Eigentum ist ein heiliges Gut in Deutschland, Enteignung das letzte aller geduldeten Mittel, um die Interessen des Staates durchzusetzen. Enteignung, das klingt nach Sozialismus, nach DDR, nach Willkür. Die Vermieter der Schrotthäuser bedrohen zwar den sozialen Frieden, sind aber als Eigentümer weitgehend unbedroht. Was zählt mehr – der soziale Friede oder der Schutz des Eigentums? Diese Frage ist noch immer ungelöst, in Gelsenkirchen, überall in Deutschland.

Noch in diesem Sommer soll der Bundestag über einen Gesetzentwurf entscheiden, den die Regierung gerade beschlossen hat. Bundesbauministerin Verena Hubertz will Städte wie Gelsenkirchen im Kampf gegen Schrotthaus-Eigentümer stärken. »Im Extremfall müssen Kommunen auch das scharfe Schwert der Enteignung einsetzen können«, sagte die Ministerin, als sie ihren Plan vorstellte.

Die Stadt könnte einem Eigentümer dann noch lange nicht einfach so sein Schrotthaus wegnehmen. Sie müsste ihn entschädigen. Aber sie könnte sein Geschäftsmodell zerschlagen.

Kaum war die Idee in der Welt, meldeten sich die Vertreter der Immobilieneigentümer. Der Verband Haus und Grund kritisierte die »völlig unverhältnismäßige Ausweitung gemeindlicher Eingriffsrechte in das Eigentum«. Das Gleichgewicht zwischen Gemeinwohl und Eigentumsschutz werde »zulasten privater Eigentümer verschlechtert«. Der Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen warnte, das Gesetz greife »erheblich in die Eigentumsgarantie« des Grundgesetzes ein. Als kürzlich der Zentrale Immobilien Ausschuss, die größte Lobbyvereinigung der Branche, sein Jahrestreffen abhielt, warnte die Präsidentin des Verbands davor, dass »Eigentumsrechte und marktwirtschaftliche Prinzipien fundamental infrage gestellt werden«.

Glaubt man der Lobby der Hauseigentümer, dann könnte man meinen, niemand müsse sich so sehr vor einem Zugriff des Staates fürchten wie jemand, der eine Immobilie besitzt. Markus Horstmann sieht das etwas anders.

Während seiner 35 Jahre in der Stadtverwaltung hat er nie von einer Enteignung in Gelsenkirchen oder einer Nachbarstadt erfahren. Ein einziges Mal sei damit gedroht worden, die Besitzer eines verfallenden Gehöfts in Gelsenkirchen-Bismarck zu enteignen, das man aus naheliegenden Gründen die Rattenburg nannte. Aber die Eigentümer gaben schnell auf und verkauften alles. Einer von Horstmanns Kollegen sagt: »Das Schwert der Enteignung ist so schwer, dass man es nicht gehoben bekommt.«

Vor wenigen Tagen hat Horstmann etwas getan, das ihm nicht leichtfiel: Er ist in Rente gegangen. Nie wieder muss er sich mit durchtriebenen Geschäftemachern auseinandersetzen, das könnte er als Erholung empfinden. Aber es ist komplizierter, wie so vieles in Gelsenkirchen. Markus Horstmann und die Eigentümer der Schrotthäuser, da hat sich ja eine lange, konfliktreiche Beziehung entwickelt. Er hat gelernt, an Wohnungstüren nicht immer nur vorsichtig zu klopfen, sondern energisch zu hämmern. Er hat sich über dreiste Vermieter hinweggesetzt, die ihm drohten: »Wir sehen uns zweimal.« Solche Sprüche hat er nie besonders ernst genommen, und dennoch hat er es vermieden, Schrotthäuser in seinem eigenen Viertel zu überprüfen. Besser, man macht sich in der Nachbarschaft keine Feinde. Auch einige seiner Kollegen wurden schon bedroht.

Horstmann fragt sich, ob sich sein Kampf gelohnt hat. »Wir haben etwas erreicht«, sagt er. Seit dem Jahr 2017 hat die Stadt 99 Problemhäuser unter ihre Kontrolle gebracht. 35 dieser Gebäude wurden abgerissen. 26 Millionen Euro hat das alles gekostet. 99 Häuser. Ein Erfolg? Ein Misserfolg? So oder so, für beides gibt es gute Argumente. 99, nicht gerade eine Rekordzahl, aber erheblich mehr als nichts. Horstmann sagt: »Wir haben Stärke gezeigt.«

Seine Kollegen, die ramponierte Häuser überprüfen, sind besser gewappnet als früher. Schon seit Längerem haben sie während ihrer Einsätze stichfeste Handschuhe dabei. Jetzt tragen sie auch kugelsichere Westen.



Aus: "Sie sind die Herrscher der Schrotthäuser. Er ist ihr Gegner" Caterina Lobenstein und Stefan Willeke (Aus der ZEIT Nr. 25/2026, 6. Juni 2026)
Quelle: https://www.zeit.de/2026/25/schrotthaeuser-gelsenkirchen-immobilien-markus-horstmann


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#1
Quote[...] Wenn Wohnhäuser verfallen, schadet das den Menschen, die darin wohnen, und den Städten, in denen sie stehen. In Krefeld kämpft ein Schrottimmobilien-Jäger dagegen an.

Das Grundstück an der St.-Anton-Straße 100 in Krefeld sieht nicht aus wie der Schauplatz eines großen Triumphs: eine Baulücke mitten in der Innenstadt, 110 Quadratmeter groß, etwas Geröll, ein bisschen Müll. Ein Plakat an einem Bauzaun kündigt an, dass hier bald ein kleiner Park entstehen soll. Es ist ein Zeichen dafür, dass Jens Franke in seinem Job auch mal gewinnen kann. »Manchmal denke ich, ich sollte mir einen Fotokalender basteln, aus Bildern von Projekten, bei denen wir Erfolg hatten«, sagt Jens Franke und blickt auf die Baulücke. »Das hier wäre jedenfalls im Kalender.«

Frankes Job gibt es in Deutschland nicht oft. Er kümmert sich im Auftrag der Stadt Krefeld um sogenannte Schrottimmobilien. Also um Häuser, die hässlich aussehen. Deren Besucher und Bewohner um ihre Gesundheit fürchten müssen. Und die laut Behörden immer wieder Schauplatz von Kriminalität sind – etwa wenn Mieter Sozialleistungsbetrug begehen oder Vermieter den Brandschutz missachten. Wie viele Schrottimmobilien es in Deutschland gibt, dazu gibt es keine Statistiken, aber es dürften Hunderte, wenn nicht Tausende sein. Sie stehen vor allem in Nordrhein-Westfalen, etwa in Gelsenkirchen, Dortmund und Duisburg, aber auch in Krefeld am Niederrhein. Und sie sorgen für viel Ärger.
Im November 2025 wandten sich 14 Lokalpolitiker in einem Brandbrief an die Bundesregierung. »Die Beseitigung von Schrottimmobilien als negativste Ausprägung der Nichtnutzung« brauche politische Aufmerksamkeit, schreiben die Politiker. Sie fordern »wirkungsorientierte Schärfung von Rechtsinstrumenten zur Beseitigung von Schrottimmobilien«. Auch, um »das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die Handlungsfähigkeit des Staates wiederherstellen zu können«.

Es ist ein Zeichen dafür, dass etwas gehörig schiefläuft auf dem deutschen Wohnungsmarkt, wenn sich Politiker und Kommunen dafür einsetzen, Häuser abzureißen, während an allen Ecken und Enden im Land bezahlbarer Wohnraum fehlt. Also: Warum verfallen so viele Häuser? Und was lässt sich dagegen tun?

Ein Rundgang durch Krefeld mit Jens Franke hilft, das zu verstehen. »Hier stand eine klassische Schrottimmobilie, völlig heruntergekommen«, sagt Franke vor der Baulücke in der St.-Anton-Straße und deutet auf das Geröll hinter einem Bauzaun. »Darin haben Menschen in sehr schlechter Umgebung gehaust.« Weil der Eigentümer, ein 50-jähriger Mann aus Niedersachsen, nicht genügend Geld hatte, um das Haus zu sanieren, hat die Stadt Krefeld es gekauft und abreißen lassen. Federführend war Franke mit seinem Team, der »Arbeitsgruppe Problemimmobilien«. Sie wurde im Jahr 2017 auf Initiative des Krefelder Oberbürgermeisters und des damaligen Polizeipräsidenten gegründet. Die Gruppe versammelt Mitarbeiter aus verschiedenen Bereichen der Stadtverwaltung, unter anderem aus dem Ordnungsamt, der Bauaufsicht und dem Ausländeramt. Außerdem sind Polizei, Zoll, Steuerfahndung und Staatsanwaltschaft beteiligt.
Der Kauf und Abriss der Schrottimmobilie in der St.-Anton-Straße war »förderfähig«, wie Franke betont. Das bedeutet: Das Geld stammte aus der Landeskasse. Jahrelang pumpte die nordrhein-westfälische Landesregierung Millionen Euro in Städte und Kommunen, die mit dem Geld Häuser kauften und nicht selten abreißen ließen. 

Was genau mit Schrott gemeint ist, zeigt die Auswertung einer landesweiten Razzia: Im September vergangenen Jahres, kurz vor der Landtagswahl, kontrollierten mehr als 200 Beamte 185 Wohnungen in sieben Städten. Dabei stießen die Beamten auf kaputte Heizungsanlagen, Ratten, Schimmel, Müll und andere, teils lebensbedrohliche Mängel. 19 Wohnungen wurden wegen untragbarer Zustände geschlossen. Die betroffenen Mieter landeten in Notunterkünften. Kriminellen Vermietern würden keine Räume gelassen, versprach nach der Razzia Ina Scharrenbach, NRW-Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung (MHKBD). Sie fügte hinzu: »Problemimmobilien werden gezielt an Menschen aus Südosteuropa vermietet. Nicht um ihnen ein Dach über dem Kopf zu verschaffen, sondern maximalen Gewinn herauszuholen – das meist in Verbindung mit Sozialleistungsbetrug.«

Wenn von Schrottimmobilien die Rede ist, geht es immer auch um Migrantinnen und Migranten. Konkret: um Rumänen und Bulgaren. Für sie gelten seit 2014 die vollen Freizügigkeitsrechte in der Europäischen Union. Sie dürfen in Deutschland also arbeiten – und auch Sozialleistungen beziehen, zum Beispiel, um ein Minijobgehalt aufzustocken.
Auch wenn sich die allermeisten südosteuropäischen Migranten nicht daran beteiligen: Die noch recht frischen Freizügigkeitsrechte, gepaart mit wirtschaftlicher Not, könnten ein Motiv für Sozialbetrug bieten. Die Behörden in Nordrhein-Westfalen sprechen von einem »Verwertungszyklus«: Zugewanderte würden immer wieder »in den Fängen skrupelloser Vermieter und Vermieterinnen« landen, die sie dazu anhielten, Anträge für Schul-, Kinder- oder Wohngeld zu stellen – das schlussendlich bei den Vermietern selbst lande. So steht es in einer Informationsbroschüre des MHKBD.

Sozialbetrug, Wohnungsnot, illegale Beschäftigung: Es sind diese Facetten, die dafür sorgen, dass Schrottimmobilien längst nicht nur betroffene Nachbarn bewegen. »In Schrottimmobilien kumulieren sich die Probleme unserer Gesellschaft. Das löst Emotionen aus«, sagt Siegbert Panteleit, Standortentwickler aus Gelsenkirchen. Er berät im Ruhrgebiet unter anderem Städte und Kommunen bei der Gestaltung einzelner Quartiere. Die Entwicklungen rund um die Schrottimmobilien beobachtet Panteleit seit Jahren.

Einen Wendepunkt, sagt Panteleit, markierte die Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2006: »Damals hat man sich erstmals im größeren Stil mit Leerständen in Innenstädten beschäftigt«, sagt er. Panteleit und seine Kollegen besuchten Häuser, deren Untergeschosse, ehemalige Ladenlokale, längst verlassen waren. »Und dann haben wir festgestellt: In den oberen Geschossen war noch was los, da wohnten Leute.« Leute mit geringem Einkommen – in Wohnungen, die man eigentlich längst hätte renovieren müssen. Doch weil die Immobilien längst abbezahlt waren, hielten es die oft betagten Eigentümer nicht für nötig, Geld in die Häuser zu stecken und teurer neu zu vermieten. »Wenn die Eigentümer dann versterben, sind meist viele Erben da und das Haus wird verkauft«, sagt Panteleit. »Ab diesem Punkt fängt das Ganze oft an, auf die schiefe Bahn zu geraten.«

Jens Franke, der Schrottimmobilien-Jäger aus Krefeld, kann Ähnliches berichten. In einer Mappe hat er seine Problemfälle katalogisiert: Im gesamten Stadtgebiet hat er rund 90 Wohnhäuser erfasst, die seit mindestens einem halben Jahr leer stehen, rund 25 davon mit »besonders hoher Priorität«. Rund 105 bewohnte Häuser stehen aktuell als Problemimmobilien im Fokus. Und rund 115 ehemalige Problemimmobilien, die bereits saniert wurden oder es gerade werden, hat die Stadt bislang begleitet.

Im Grunde, so sagt Franke, habe er es meist mit zwei Arten von Eigentümern zu tun. Erstens: Menschen, die kein Geld haben, um es in ihre Immobilien zu stecken, und sie einfach verfallen lassen. Das können Senioren sein, aber auch einzelne Erben oder Erbengemeinschaften. Zweitens: dubiose Unternehmer, oft aus dem Ausland. Mit der ersten Eigentümergruppe kann er ins Gespräch gehen, so wie in der St.-Anton-Straße, und ihnen im besten Fall die Immobilie abkaufen.

Gegen die zweite Gruppe sind die Städte und Kommunen nahezu machtlos. In ihrem Brandbrief forderten die Lokalpolitiker deshalb unter anderem ein kommunales Vorkaufsrecht für Wohneigentum, auch in Insolvenzverfahren und vor Zwangsversteigerungsterminen, und zwar zu einem von einem Gutachter ermittelten Verkehrswert. Das könnte verhindern, dass zwielichtige Unternehmer aus dem Ausland sich Immobilien im Ruhrgebiet zum Schnäppchenpreis unter den Nagel reißen und dort Migrantinnen und Migranten unter schlimmen Bedingungen einquartieren.

In Berlin hat man inzwischen auf den Brief der NRW-Lokalpolitiker reagiert. Bauministerin Verena Hubertz will mit Änderungen am Baugesetzbuch den Kommunen mehr Macht geben, um gegen Schrottimmobilien vorzugehen. Kommunen sollen Vorkaufsrechte an solchen Gebäuden erhalten – und die Eigentümer im Zweifel sogar enteignen können.

Das dürften gute Nachrichten für Jens Franke sein. Das Förderprogramm, mit dem seine Stadt den Kauf und Abriss der Schrottimmobilie in der St.-Anton-Straße 100 finanziert hat, ist nämlich inzwischen abgelaufen. Eine Förderung des Landes Nordrhein-Westfalen, die sich auf Schrottimmobilien konzentriert, gibt es nun nicht mehr.

Dabei hat Franke noch viele andere Objekte im Visier. Mit dem Auto dauert es nur wenige Minuten von der Baulücke, die bald ein Park sein soll, bis zum »Stadtschlösschen«: ein riesiges ziegelrotes Gebäude am Krefelder Südwall, mit Erker, weißem Stuck, Bogen über dem Eingang – und mit Spanplatten vernagelten Türen. Seit fast zehn Jahren steht das Haus aus dem 19. Jahrhundert leer. »Wenn wir das in den Griff bekommen«, sagt Jens Franke, »dann haben wir viel geschafft.«

Das »Stadtschlösschen« gehört laut Angaben der Stadt Krefeld der GK Krefeld Grundbesitz GmbH & Co. eGbR. Das Unternehmen hat seinen Sitz in Essen, gehört allerdings zu einem Firmengeflecht, das bis in die Türkei reicht. Bis vor wenigen Monaten hätten die Eigentümer noch die Absicht gehabt, das »Stadtschlösschen« zu verkaufen – womöglich waren ihnen die Sanierungskosten zu hoch, Franke schätzt sie auf mindestens 1,5 Millionen Euro. Nun haben sich die Eigentümer laut Franke doch dazu entschieden, selbst zu sanieren. Warum haben sie das in den vergangenen Jahren nicht getan? Was soll zukünftig mit dem Haus geschehen? Soll es vermietet werden? Auf einen Fragenkatalog der ZEIT antwortete die GK Krefeld Grundbesitz GmbH & Co. eGbR nicht.

»Es bleibt abzuwarten, ob das Stadtschlösschen nun in den nächsten Jahren tatsächlich wieder zum Leben erweckt wird und damit das ganze Quartier aufwertet«, sagt Franke. Er hofft es zumindest. »Dann hätte ich endlich wieder was für meinen Kalender.«


Aus: "Ratten, Schimmel, Müll. Willkommen in der Schrottimmobilie" Celine Schäfer, Krefeld (23. April 2026)
Quelle: https://www.zeit.de/geld/2026-04/schrottimmobilien-wohnungskrise-nordrhein-westfalen-immobilienmarkt-gxe

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Quote[...] In Kiel gibt es 49 Schrott-Immobilien, die eigentlich nicht mehr bewohnbar sind und abgerissen oder grundlegend saniert werden müssten. ...


Aus: "Mit fünf Themen in fünf Minuten informiert für den Tag" Dennis Betzholz (05.03.2025)
Quelle: https://www.kn-online.de/lokales/sterben-in-kiel-wird-teurer-49-schrottimmobilien-das-plant-die-stadt-HXMBOA2ELJBTRMOGQXOPKB56WY.html

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Quote[...] An einem einsturzgefährdeten Wohnhaus in Altona haben gestern die Abrissarbeiten begonnen. Bei dem fünfstöckigen Altbau in der Holstenstraße waren vor gut zwei Wochen große Risse entdeckt worden, woraufhin die Mieterinnen und Mieter das Haus umgehend verlassen mussten. Sie verlieren nicht nur ihr Zuhause, sondern voraussichtlich auch all ihre Habseligkeiten.

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Aus: "Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Soll man achtlose Rennradfahrer vor sich selbst schützen?"
Eine Kolumne von Frank Drieschner (12. August 2026)
Quelle: https://www.zeit.de/hamburg/2026-08/elbvertiefung-12-08-2026

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Quote[...] Die Polizei prüft derzeit den Eingang eines Hinweises in ihrem Online-Portal. Das bestätigte eine Sprecherin dem NDR. Zuerst hatte "Bild" berichtet. Bei dem Hinweis geht es um mögliche baurechtliche Verstöße durch den Eigentümer des Hauses. Eingegangen ist er nach Angaben der Hamburger Polizei bereits in der vergangenen Woche. Der Hinweis in dem Portal soll aus dem Umfeld der Mieterinnen und Mieter gekommen sein, heißt es.

Ob und wann die Bewohnerinnen und Bewohner in den vorderen Teil und die benachbarten Häuser zurückkehren können, soll bald feststehen. Nach den Abrissarbeiten inspizierten mehrere Statiker das angrenzende Vorderhaus. Ihr Bericht wird nun vom Bezirksamt und der obersten Bau-Aufsicht geprüft. Sollten sie die Gebäude freigeben, könnten sie sofort wieder genutzt werden.

Die Bewohnerinnen und Bewohner des betroffenen Gebäudes haben durch den Teilabriss bereits viel verloren: Erinnerungen, Bilder, Kinderspielzeug etwa. Die Hausgemeinschaft sei allerdings gewachsen. "Wir halten so gut zusammen. Wir unterstützen uns gegenseitig. Wir organisieren uns. Wir machen den juristischen Weg gemeinsam. Das ist wirklich der Wahnsinn", sagte Bewohnerin Clara Thompson NDR Hamburg.

Gleichzeitig gibt es eine große Spendenbereitschaft. Immer wieder kommen Menschen aus der Nachbarschaft vorbei und fragen, wie sie helfen können. Bislang sind auf einer Crowfunding-Plattform mehr als 30.000 Euro für die Bewohnerinnen und Bewohner eingegangen, vor allem viele kleine Summen wurden gespendet.

Die zwei Fahrspuren der Holstenstraße vor dem betroffenen Haus sind am Mittwochabend wieder für den Autoverkehr freigegeben worden. Der Fußweg vor dem einsturzgefährdeten Haus und dem Haus 199 daneben blieb vorerst gesperrt. Der Radweg wurde als fahrradfreier Fußweg abgetrennt.

Am Dienstagnachmittag hatten die Hausbewohnerinnen und -bewohner durch den Abriss des Gebäudes im Hinterhof einen Teil ihrer Wohnungen verloren. Im Abrissschutt der maroden Rückseite waren auch Kühlschränke und Kinderspielzeug zu sehen. Die Stimmung bei den Bewohnerinnen und Bewohnern war sehr gedrückt. Inzwischen sind die Abrissarbeiten am Hinterhaus abgeschlossen.

Vor dem Abriss war der verantwortliche Baggerfahrer noch einmal durch das Haus gegangen, um zu überprüfen, ob es wirklich leer ist. Begleitet wurde er von der Polizei. Er erzählte, er habe drei große Bausäcke mit Kinderklamotten und Spielsachen gefüllt - für die Kinder, die nicht mehr in ihre Zimmer kommen.

Bisher ist unklar, wer für den Verlust der Mieterinnen und Mieter aufkommt. Der Anwalt Marc Meyer vom Verein "Mieter helfen Mietern" fordert, der Vermieter müsse für den Schaden aufkommen und richtet eine Forderung an die Politik: "Der Eigentümer, von dem man sicher weiß, dass er sehr starke wirtschaftliche Kapazitäten hat, der muss gezwungen werden, behördlich und mit harten Bandagen, dass das Ding in sechs Monaten wieder so steht, dass die Leute zurückziehen können."

Die Bewohnerinnen und Bewohner hatten das Haus vor knapp drei Wochen wegen akuter Einsturzgefahr innerhalb von zehn Minuten verlassen müssen. Eine Überprüfung des 1894 gebauten Mehrfamilienhauses an der Holstenstraße 195 und 197 hatte dann in der vergangenen Woche ergeben, dass der hintere Teil des Altbaus nicht mehr abgestützt werden kann. Die Risse, die ganze Wände des fünfstöckigen Gebäudes durchziehen, waren offenbar größer geworden.

Die Mieterinnen und Mieter hatten keine Möglichkeit, weitere persönliche Gegenstände abzuholen. Um das Gebäude noch einmal zu betreten sei es zu instabil gewesen, hieß es vom Bezirksamt. Nun fordern die Bewohner und Bewohnerinnen einen schnellen Wiederaufbau des Hinterhauses und eine Erhaltung des vorderen Hausteils.

Wie es zu dem Zustand des Gebäudes kommen konnte, ist noch unklar. Die Mieterinnen und Mieter werfen dem Eigentümer vor, das Gebäude nicht ordentlich in Stand gehalten zu haben. Dessen Anwalt weist die Vorwürfe zurück. Weil nicht ausgeschlossen werden kann, dass bei einem Einsturz auch die Nachbargebäude schwer beschädigt werden würden, mussten auch die Bewohnerinnen und Bewohner der benachbarten Häuser ihre Wohnungen verlassen.


Aus: "Einsturzgefährdetes Haus in Hamburg-Altona: Konsequenzen für Eigentümer?" (13.08.2026)
Quelle: https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/einsturzgefaehrdetes-haus-in-hamburg-altona-konsequenzen-fuer-eigentuemer,einsturzhaeuser-102.html

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... »Vermieter, die sich nicht ausreichend um ihre Häuser kümmern, müssen künftig schneller mit Zwangsgeldern belegt werden.« Bislang traue sich die Stadt nicht, dieses Mittel anzuwenden. ...

Quote[...] In einer einstigen Vorzeigesiedlung verfallen die Häuser, es gibt Schimmel und Kakerlaken. Treibt eine verkorkste Wohnungspolitik Menschen in die Arme der Populisten?

Bernd Straube steht auf dem Balkon seiner Wohnung im Hochparterre eines Plattenbaus, einen Arm auf das Geländer gestützt, und raucht Zigarette. Vor ihm stehen Blumentöpfe mit Geranien und Lavendel. Ansonsten gibt es hier kaum Lebenszeichen. Die Klingelschilder sind nur noch zur Hälfte mit Namen versehen. Das Haus gegenüber steht leer. Einige Fenster sind mit Spanplatten vernagelt. An den Balkonbrüstungen blättert der Putz.

Straube glaubt nicht mehr daran, dass die etablierten Parteien etwas an seiner Situation verbessern werden. »Es tut sich nichts«, sagt der Rentner. »Egal, wer an der Macht war.« Wählen gehe er trotzdem. Er hält kurz inne und fügt dann leise hinzu, sodass man es kaum versteht: »Ich wähle blau.«

Straube, einst Angestellter im Landesverwaltungsamt, lebt seit mehr als drei Jahrzehnten im Südpark, einer in die Jahre gekommenen Plattenbausiedlung in Halle an der Saale. Neben einzelnen sanierten Gebäuden stehen hier viele Wohnblöcke in schlechtem Zustand. Wer mit Mietern spricht, hört Berichte über Schimmel, dreckige Treppenhäuser, Wasserschäden. Neben einem Haus sind die Überreste eines Brandes zu sehen: Verschmorter Schutt liegt auf geschwärztem Boden. An einer Ecke steht ein Einkaufswagen. Ein paar Schritte weiter liegt eine Matratze im Gras. Dazwischen spielen Kinder. Auf eine Mülltonne hat jemand »AfD« geschrieben.

Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Umfragen zufolge hat die AfD Chancen, sogar die absolute Mehrheit zu holen. Dann könnte die Partei in dem Bundesland künftig allein regieren. Bereits bei der Bundestagswahl wurde sie in Halle stärkste Kraft. In der Südlichen Neustadt, wo der Südpark liegt, ist sie jedoch besonders stark: Mehr als 40 Prozent der Stimmen holte sie hier.

Glaubt man der AfD, liegt das vor allem an der Wohnsituation. Die regierenden Parteien hätten »die Grundlagen dafür geschaffen, dass ganze Stadtviertel abgehängt werden«, behauptet ein Sprecher der Stadtratsfraktion. Es sei nur »folgerichtig«, dass die Bewohner im Südpark nun die AfD wählten, da sie die Zustände kritisieren und etwas verändern wollten. 

Auch Jannik Balint, Vorsitzender der Linkspartei in Halle, sieht einen Zusammenhang zwischen der Wohnsituation im Viertel und dem hohen Anteil an AfD-Wählern: »Viele Mieter hier fühlen sich im Stich gelassen und haben das Vertrauen in die Politik verloren«, sagt er.   

Um die Situation im Viertel zu verstehen, lohnt sich ein Blick zurück: Die Blöcke im Südpark wurden in den 1980er-Jahren am Rande von Halle-Neustadt gebaut, eine der größten Plattenbausiedlungen in der DDR, in der vor allem Arbeiter der Chemiewerke Buna und Leuna wohnten. Die Neubauwohnungen waren damals begehrt. Im Gegensatz zu Altbauwohnungen, wo noch mit Kohle geheizt wurde, waren sie mit Zentralheizung ausgestattet. Wer eine solche Wohnung bekam, war privilegiert.

Im Südpark entstand ein grünes, verkehrsberuhigtes Wohngebiet. »Das war ein Sechser im Lotto«, sagt eine Frau, die in einem Treppenhaus mit einem Handfeger den Fußboden kehrt. Als sie vor etwa 40 Jahren die Zusage für ihre Wohnung bekommen habe, sei sie »an die Decke gehupt«, sagt die 73-Jährige. 

In der DDR lebten rund 25 Prozent der Bevölkerung in Plattenbauten. Doch seit der Wende hat sich die Situation in vielen Siedlungen grundlegend verändert. Einige Bewohner wanderten in den Westen ab. Andere zogen ins Eigenheim. Der Leerstand nahm zu. Und viele Plattenbauten verloren an Attraktivität, vor allem dann, wenn sie wie in Halle-Neustadt eher am Stadtrand lagen. Im Südpark verkauften die kommunalen Wohnungsbaugesellschaften ihre Bestände nach und nach an private Investoren. Manche Gebäude wechselten mehrfach den Besitzer.

Einer, der vieles davon miterlebt hat, ist Straube. »Der Südpark war mal ein schönes Wohnviertel«, sagt er. Er kenne die Gegend noch aus DDR-Zeiten. Seit 1995 lebten er und seine Frau hier. Ruhig und sauber sei es früher im Südpark gewesen. Als sie 2012 in ihre jetzige Wohnung eingezogen seien, sei alles noch in Ordnung gewesen. Wenn Reparaturen anstanden, seien Handwerker gekommen. Doch in den vergangenen Jahren habe sich die Situation zunehmend verschlechtert.

Vor etwas mehr als einem Jahr meldete sich der Eigentümer von Straubes Wohnblock zahlungsunfähig. 1.200 Wohnungen stehen seitdem im Viertel zur Disposition. Einige von Straubes Nachbarn sind seitdem weggezogen. Einen Hausmeister? Den gebe es schon länger nicht mehr, sagt Straube. Um die Reinigung des Treppenhauses kümmerten sich die Mieter im Wohnblock heute selbst. Zuletzt drohten Warmwasserversorgung und Heizung mehrfach auszufallen. »Und das im Winter«, schimpft Straube. Kakerlaken habe er auch schon in der Wohnung gehabt.

Für den Linkenpolitiker Balint liegt in der Privatisierung der Bestände die Hauptursache für den heutigen Verfall begründet. »Seit den 90er-Jahren jagt im Südpark eine Spekulation die nächste«, kritisiert er. Robert Schultz vom Mieterbund in Halle sieht das ähnlich: »Einige private Vermieter im Südpark kümmern sich kaum um ihre Häuser«, sagt er. Die meisten Vermieter seien schwer erreichbar und die betroffenen Mieter weitgehend auf sich allein gestellt.

Er hoffe, sagt Straube, dass »den Vermietern ein Riegel vorgeschoben wird«, wenn die AfD regiert. Je länger man Straube zuhört, desto deutlicher wird, dass sein Ärger aber längst nicht nur den Vermietern gilt. Als ein kleiner Junge laut rufend auf einem Fahrrad unter Straubes Balkon vorbeifährt, brüllt er plötzlich hinunter: »Ey, muss der hier so rumschreien?« Ein älterer Junge, der vorbeiläuft, bleibt stehen und ruft mit Akzent zurück: »Das ist ein kleines Kind, warum schreien Sie es an?« Als der Junge weitergeht, sagt Straube leise: »Solche Problembürger sind das.«

Straube sagt, dass er die AfD vor allem aus zwei Gründen wähle: Wegen der Ukrainehilfen, die er für falsch hält, und »der Ausländer«. In einigen Wohnungen im Südpark, die nach der Wende leer standen, leben heute neue Mieter, Menschen unterschiedlicher Herkunft, darunter syrische Familien, Geflüchtete aus der Ukraine und Zugezogene aus anderen EU-Ländern. Den Niedergang des Viertels macht Straube nicht nur am Leerstand und Verfall der Häuser, sondern vor allem auch an der veränderten Nachbarschaft fest. Während der Coronapandemie, sagt Straube, seien eines Nachts drei Busse mit Migranten gekommen. Er zeigt auf das heruntergekommene Haus gegenüber: »Dort wurden sie untergebracht.« Vorab habe ihn niemand informiert, sagt er. Später seien die Menschen wieder abgeholt worden.

Das Viertel habe sich am meisten verändert, als »die ganzen Migranten« hergekommen seien, sagt auch Christine Liebschwager, die seit den Achtzigerjahren in der Straße lebt, in die später auch Straube zog. In ihrem Wohnzimmer sitzt sie an einem Kaffeetisch vor einer holzvertäfelten Wand, neben ihr auf der Fensterbank stehen sorgfältig arrangierte Orchideen. Vielleicht irre man sich bei der AfD auch, sagt Liebschwager. Aber sie denke schon, dass die Partei, wenn sie an die Macht käme, dafür sorgen würde, dass »die« zurückgehen müssten.

Liebschwager ärgert sich besonders über die Unordnung im Viertel und macht dafür vor allem die Zugezogenen verantwortlich. »Alles wird fallen gelassen«, schimpft sie. Doch was Bewohner wie Liebschwager oder Straube darüber hinaus an den neuen Nachbarn stört, bleibt diffus. Kontakt gebe es kaum, sagt Straube. Eine andere Anwohnerin sagt: »Die Deutschen stellen ihren Müll genauso auf die Straße.« Die Migranten hätten sie auch mal zum Grillen eingeladen. Die seien nicht das Problem.

Der Stadtsoziologe Tobias Jaeck forscht in der Stadt unter anderem zu politischen Einstellungen. »Halle gehört heute zu den segregiertesten Städten Deutschlands«, sagt er, also zu jenen, in denen sich soziale Gruppen und Problemlagen besonders stark auf einzelne Viertel konzentrieren. Wer es sich leisten kann, wohnt eher in den beliebten Vierteln in der Innenstadt. Die Armut ballt sich in Halle vor allem in den günstigeren Plattenbauvierteln. Gerade in der Südlichen Neustadt träfen Abwanderung, Verwahrlosung und das Gefühl, mit den eigenen Problemen nicht wahrgenommen zu werden, besonders stark aufeinander, sagt Jaeck. Ein solches Umfeld könne politische Einstellungen verstärken, an die die AfD gut anknüpfen könne.

Die AfD präsentiert sich als die Partei, die den Frust vieler Mieter aufgreift. Zwar verweist auch sie auf dubiose Vermietergesellschaften und fehlende Investitionen. Vor allem aber deutet sie den Niedergang des Südparks als Folge von Zuwanderung. Den Südpark beschreibt sie als »Einwandererquartier« und »sozialen Brennpunkt« mit einem »viel zu hohen« Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund. 

Die Partei verlangt von der Stadt unter anderem Konzepte, damit der Anteil an Sozialleistungsempfängern »jeglicher Art« im Südpark zurückgehe. Doch wie eine stärkere soziale Durchmischung erreicht werden könnte, lässt sie offen. Die Stadt solle außerdem »rigoros« gegen Eigentümer vorgehen. Was das konkret bedeutet, sagt sie jedoch nicht. Linkenpolitiker Balint sagt: »Vermieter, die sich nicht ausreichend um ihre Häuser kümmern, müssen künftig schneller mit Zwangsgeldern belegt werden.« Bislang traue sich die Stadt nicht, dieses Mittel anzuwenden.

Die Stadt Halle versichert auf Anfrage, sie nehme die Lage im Südpark »sehr ernst« und engagiere sich stark. Ein Sprecher verweist unter anderem auf den Ausbau des angrenzenden Schulcampus. Wegen der Insolvenz habe man einen Bürgerdialog organisiert und Betroffene gemeinsam mit Jobcenter, Mieterbund und Wohnungsanbietern beraten, teilt er mit. Doch die Möglichkeiten der Stadt, einzugreifen, seien begrenzt. Die privaten Vermieter im Südpark seien für die Kommune schwer erreichbar. Wie es mit dem Südpark weitergeht, sei schwer abzusehen. Aus Sicht der Stadt hänge dies vor allem von den Eigentümern ab.

Die Kanzlei des vorläufigen Insolvenzverwalters teilt mit, man nehme die Berichte der Mieter ernst. Über die Jahre seien jedoch strukturelle Schäden entstanden, die nicht über die laufenden Mieteinnahmen behoben werden könnten. Teile des Bestandes seien erheblich sanierungsbedürftig. Die Hausverwaltung sagt, sie sei zwar weiterhin zuständig, ihr Handlungsspielraum sei jedoch wegen der Insolvenz stark eingeschränkt.

Auf einer Informationsveranstaltung der Stadt Anfang des Jahres empfahl Alexander Vogt, der parteilose Oberbürgermeister von Halle, den von der Insolvenz betroffenen Mietern, sich eine neue Wohnung zu suchen. Doch die Sozialarbeiterin Valerie Gräser, die im Südpark Zugezogene aus EU-Ländern etwa bei der Wohnungssuche unterstützt, sagt: »Viele Menschen wohnen gern hier und wollen gar nicht weg.« Ihr gefalle, dass es im Südpark einen arabischen Supermarkt gibt, sagt eine junge Frau aus Syrien.

Auch Straube kann der Wohnlage noch manches Positive abgewinnen. Zur Bushaltestelle seien es nur drei Minuten. Dazu kommt die günstige Miete: 500 Euro warm zahlten er und seine Frau für 67 Quadratmeter. Außerdem erhole er sich gerade erst von einer Krebserkrankung. Ein Umzug komme deshalb nicht infrage. »Wir bleiben«, sagt Straube. »Erst wenn wir frieren sollten und es kein Warmwasser mehr gibt, dann ziehen wir weg.«


Aus: "In diesem Viertel wählen 40 Prozent der Bewohner AfD" Jurik Caspar Iser (30. August 2026)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2026-06/suedpark-halle-neustadt-plattenbau-verfall-afd

Halle-Neustadt, im Volksmund auch Ha-Neu oder Neustadt genannt
https://de.wikipedia.org/wiki/Halle-Neustadt