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[Frankfurter Schule (Kritische Theorie, Notizen) ... ]

Started by Link, December 15, 2019, 06:19:47 PM

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... Was bleibt von der Frankfurter Schule? ...

Quote[...] ,,Meiner ganzen Generation", schrieb der 1945 geborene Manfred Frank, ... ,,war die Existenz der Kritischen Theorie eine geistige Überlebensfrage angesichts von Eltern und Lehrern, die vom Nationalsozialismus entweder kompromittiert waren oder in einer Vermeidungsstrategie die verspäteten Analysen umgingen." ...

[...] Was bleibt von der Frankfurter Schule? Eines ist sicher: Solange immer wieder der Tod der Kritischen Theorie verkündet wird, lebt sie noch. ... [Die Frankfurter Schule] hat die intellektuelle und politische Landschaft verändert wie wahrscheinlich keine andere Schule in der Bundesrepublik. Sie ist, so gesehen, erfolgreich gescheitert. Ihr Glutkern – das Existenzialurteil über die falsche Gesellschaft – erlischt nicht, solange es systemische Krisen gibt, wie zum Beispiel den vom Industriekapitalismus erzeugten Klimawandel. Allerdings hat die Kritische Theorie neben Grundsätzlichem selten praktische Vorschläge zur Einrichtung einer vernünftigen Gesellschaft parat. Eine gesellschaftliche Substanz oder ein gesellschaftlicher Akteur, der mit der kritischen Gesellschaftstheorie korrespondiert, ist nicht in Sicht. In meinem Verständnis steht sie heute vor allem für eine ethisch-humanistische Haltung zur Welt, die es politischen Subjekten, die per definitionem über Reflexionsvermögen, ein Sensorium für Ambivalenzen und Nichtidentisches verfügen, ermöglicht, sich kritisch zu orientieren und Resilienz gegen Verdummungszusammenhänge aufzubauen. Das bedeutet aber auch: Man muss aus dem großen K wieder ein kleines k machen, wie Horkheimer es einst vorgeschlagen hatte. Vielleicht wird seine und Adornos Flaschenpost ja eines Tages wieder entkorkt.

... [Großes K (Kritische Theorie): Bezieht sich oft auf das etablierte, philosophisch-theoretische System des Instituts für Sozialforschung, das die "Dialektik der Aufklärung" und die Analyse der Herrschaftsstrukturen umfasst. Kleines k (kritische Theorie): Steht für eine Anwendung der kritischen Methode auf aktuelle Probleme, die ein "Entkorken" der Theorie verlangt, um sie wieder lebendig und relevant für gesellschaftliche Veränderung zu machen, so wie es Horkheimer und Adorno in ihren Briefen diskutierten. Es also geht darum, die Kritische Theorie nicht als starres Dogma zu betrachten, sondern als Werkzeug, das immer wieder neu auf die gesellschaftliche Realität angewendet werden muss, um sie zu kritisieren und zu verändern – eine Aufgabe, die Horkheimer forderte, um aus der Theorie wieder eine "Flaschenpost" für die Zukunft zu machen.]

Der Beitrag basiert auf ,,Adornos Erben. Eine Geschichte aus der Bundesrepublik" ...

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Aus: "Adornos Flaschenpost: Was bleibt von der Kritischen Theorie?" Jörg Später (2024)
Quelle: https://www.blaetter.de/ausgabe/2024/august/adornos-flaschenpost-was-bleibt-von-der-kritischen-theorie

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Als Frankfurter Schule wird eine Gruppe von Philosophen und Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen bezeichnet, die an die Theorien von Hegel, Marx und Freud anknüpfte und deren Zentrum das 1924 in Frankfurt am Main eröffnete Institut für Sozialforschung war. Sie werden auch als Vertreter der dort begründeten Kritischen Theorie begriffen. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Frankfurter_Schule

Max Horkheimer - "Porträt eines Aufklärers" (1969)
Besuch in Castagnola: Portrait & Gespräch (mit Hellmuth Karasek). Im Jahr 1930 wurde Max Horkheimer als Ordinarius für Sozialphilosophie an die Universität Frankfurt am Main und als Direktor an das Institut für Sozialforschung berufen. Bereits in seiner Antrittsvorlesung hatte er das Programm skizziert, aus dem dann, in den 1930er-Jahren im amerikanischen Exil, die Kritische Theorie, die später weltberühmt gewordene "Frankfurter Schule" entstand. Sein Verhältnis zur Studentenbewegung steht im Zentrum der Fragen, die Hellmuth Karasek und Kurt Zimmermann dem Philosophen in diesem Gespräch stellen (hr 1969).
https://youtu.be/npDU_Plntc4

"Zur Aktualität der Dialektik der Aufklärung" (01.07.2015)
Prof. Dr. Arnd Pollmann
https://lecture2go.uni-hamburg.de/l2go/-/get/l/4493

Ingo Elbe: Einführung in die Kritische Theorie
Das Frankfurter Institut für Sozialforschung um Max Horkheimer, Erich Fromm, Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse und andere entwickelte seit den 1930er Jahren das Programm einer interdisziplinären kritischen Gesellschaftstheorie und stellte sich den Erfahrungen des Scheiterns der sozialistischen Bewegungen, der Ausbreitung von Autoritarismus und Faschismus in Europa und schließlich der Shoah: Die gesellschaftlichen Bedingungen und psychologischen Mechanismen autoritärer und antisemitischer Ideologien wurden ebenso analysiert wie die Strukturen der Kulturindustrie. Diese sozialpsychologischen und kulturkritischen Untersuchungen sollten zunächst mittels eines unorthodox interpretierten Marxismus zu einer ,,Theorie des gegenwärtigen Zeitalters" beitragen.
Der Vortrag soll eine Einführung in theoretische Quellen, Grundgedanken und Entwicklung dieser Theorieschule liefern.
Referent: Dr. Ingo Elbe ist Privatdozent und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Universität Oldenburg. 2010 erschien in zweiter Auflage sein Buch ›Marx im Westen. Die neue Marx-Lektüre in der Bundesrepublik‹. Zahlreiche Veröffentlichungen zum Thema Marx -/Marxismusforschung und zur politischen Philosophie. Aktuelles Buch: ›Paradigmen anonymer Herrschaft. Politische Philosophie von Hobbes bis Arendt‹. Würzburg 2015. Online-Texte unter www.rote-ruhr-uni.com sowie https://uol.de/philosophie/pd-dr-ingo-elbe/publikationen/
Der Vortrag wurde am 7. November 2018 im Rahmen der Reihe "Politische Psychologie heute: Die Rückkehr des autoritären Charakters" an der Universität Trier gehalten
https://youtu.be/ZGXgKmFg8YU

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'The Frankfurt School'-In Our Time BBC Radio 4
Thu 14 Jan 2010 - "Melvyn Bragg and guests Raymond Geuss, Esther Leslie and Jonathan Rée discuss the Frankfurt School.This group of influential left-wing German thinkers set out, in the wake of Germany's defeat in the First World War, to investigate why their country had not had a revolution, despite the apparently revolutionary conditions that spread through Germany in the wake of the 1918 Armistice. To find out why the German workers had not flocked to the Red Flag, Theodor Adorno, Max Horkheimer, Walter Benjamin and others came together around an Institute set up at Frankfurt University and began to focus their critical attention not on the economy, but on culture, asking how it affected people's political outlook and activities. But then, with the rise of the Nazis, they found themselves fleeing to 1940s California. There, their disenchantment with American popular culture combined with their experiences of the turmoil of the interwar years to produce their distinctive, pessimistic worldview. With the defeat of Nazism, they returned to Germany to try to make sense of the route their native country had taken into darkness. In the 1960s, the Frankfurt School's argument - that most of culture helps to keep its audience compliant with capitalism - had an explosive impact. Arguably, it remains influential today.Raymond Geuss is a professor in the Faculty of Philosophy at the University of Cambridge; Esther Leslie is Professor in Political Aesthetics at Birkbeck College, University of London; Jonathan Rée is a freelance historian and philosopher, currently Visiting Professor at Roehampton University and at the Royal College of Art."
https://youtu.be/3rwqqA3nHiI

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The Frankfurt School of Critical Theory
Introduction to Theory of Literature (ENGL 300) - This course was recorded in Spring 2009. (Open Yale Course)

This first lecture on social theories of art and artistic production examines the Frankfurt School. The theoretical writings of Theodor Adorno and Walter Benjamin are explored in historical and political contexts, including Marxism, socialist realism, and late capitalism. The concept of mechanical reproduction, specifically the relationship between labor and art, is explained at some length. Adorno's opposition to this argument, and his own position, are explained. The lecture concludes with a discussion of Benjamin's perspective on the use of distraction and shock in the process of aesthetic revelation.
00:00 - Chapter 1. Marx, Engels, and Ideology
09:46 - Chapter 2. The Aesthetics of Marxist Criticism
19:58 - Chapter 3. Adorno, the Work of Art, and Collectivity
27:54 - Chapter 4. Bloch's Principle of Hope
31:09 - Chapter 5. Benjamin and Mechanical Reproduction
37:54 - Chapter 6. Adorno and Conformism
41:01 - Chapter 7. Benjamin, the Spectator, and Distraction
https://youtu.be/FFpGf7aPXNA

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#2
"Er war die graue Eminenz der Frankfurter Schule" Hans-Christian Riechers (11.12.2019)
Die Historisierung der Kritischen Theorie ist in vollem Gange. Nach den Biografien der Granden und den Gesamtdarstellungen, die zuletzt Stuart Jeffries mit ,,Grand Hotel Abgrund" vornahm, kommen auch halb verborgene Akteure ans Licht. Zu ihnen zählt neben dem ,,argentinischen Krösus" Felix Weil, über den vor zwei Jahren eine Biografie erschien, auch Friedrich Pollock.  ...
https://www.tagesspiegel.de/kultur/friedrich-pollock-er-war-die-graue-eminenz-der-frankfurter-schule/25320234.html


"Ein Gründer der Frankfurter Schule: Der Undurchschaubare" Detlev Claussen (28. 1. 2020)
Der große Anteil Friedrich Pollocks an der Kritischen Theorie ist kaum bekannt. Philipp Lenhard hat nun die erste Biografie über ihn geschrieben. ... Als die Kritische Theorie Ende der 1960er Jahre in aller Munde war, wurde der Name Friedrich Pollock selten genannt. Studenten in Adornos Frankfurter philosophischem Oberseminar bekamen ihn manchmal zu Gesicht, wenn er seinen lebenslangen Freund Max Horkheimer auf seinen Reisen von Montagnola nach Frankfurt begleitete, um an alter Wirkungsstätte nach dem Rechten zu sehen.
An den durchaus lebhaften Diskussionen beteiligte er sich nie. Wenn es zum Disput zwischen Horkheimer und Adorno kam, setzte Pollock ein undurchschaubares Lächeln auf, das auf manchen Porträtfotos wiederzuerkennen ist. ...
https://taz.de/Ein-Gruender-der-Frankfurter-Schule/!5656747/


"Philosophische Flaschenpost: Max Horkheimer und die Grenzen der Freiheit" Stefan Gosepath (09.02.2020)
Je mehr Freiheit, desto besser, könnte man meinen. Doch die Freiheit begünstigt die Stärkeren gegenüber den Schwächeren, fand der Sozialphilosoph Max Horkheimer. Der Philosoph Stefan Gosepath sieht aktuelle Beispiele dafür auf dem Wohnungsmarkt. ,,Je mehr Freiheit es gibt, desto mehr wird die Gerechtigkeit dadurch gefährdet, daß die Stärkeren, Gescheiteren, Geschickteren die anderen schädigen", so Max Horkheimer 1970 in einem Gesprächsband. Zuviel individuelle Freiheit könne nach Horkheimers Einschätzung also zur Unterdrückung anderer führen, erklärt der Berliner Philosoph Stefan Gosepath. Als Mitbegründer der marxistisch geprägten Frankfurter Schule habe sich Horkheimer zeitlebens mit den gesellschaftlichen Ursachen von Unterdrückungsverhältnissen befasst und zugleich erforscht, wie man etwas daran ändern kann.
Horkheimers Zitat versteht Gosepath vor allem als Plädoyer für die Bedingtheit individueller Freiheit durch Gesellschaft – und für den Vorrang gesellschaftlicher Gerechtigkeitsforderungen gegenüber dem Freiheitsstreben Einzelner:
,,Also nicht, die Leute haben erst Freiheit und dann wird ihre Freiheit beschnitten, sondern umgekehrt wird ein Schuh daraus: Wir versuchen, eine gerechte Gesellschaft zu ermöglichen, und innerhalb dieser haben Leute Freiheitsansprüche, die gesellschaftlich gesichert sein müssen, sonst können sie überhaupt nicht bestehen. Und in diese Sicherung gehört zugleich auch ein Verteilungsschlüssel, nämlich der der Gleichheit."...
Diese Beobachtung sei heute von ungebrochener Aktualität, meint Gosepath, weil gerade in einem ,,entfesselten Kapitalismus" Freiheiten sehr ungleich verteilt seien. Ein Beispiel dafür sieht Gosepath in der Verdrängung auf dem Wohnungsmarkt ...
https://www.deutschlandfunkkultur.de/philosophische-flaschenpost-max-horkheimer-und-die-grenzen.2162.de.html?dram:article_id=469839


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"Philosophie als kollektive Arbeit: Das Ende der großen Zauberer" Max Beck, Nicholas Coomann, Christoph Demmerling (24.01.2021)
Die Geschichte der Philosophie wird meist als Abfolge genialer Einzelpersonen wahrgenommen. Spätestens für die 1920er Jahre ist diese Sichtweise überholt. ... Die Kritische Theorie war vom Bewusstsein getragen, dass Philosophie den Stand der modernen Einzelwissenschaften nicht ignorieren kann. Vielmehr müsse sie, wie Horkheimer in seiner Antrittsvorlesung als Institutsdirektor 1931 forderte, die ,,aufs Große zielenden philosophischen Fragen an Hand der feinsten wissenschaftlichen Methoden" verfolgen. ... Spätestens mit Kritischer Theorie, Philosophischer Anthropologie und Logischem Empirismus ist Philosophie nicht länger nur eine Sache großer und genialer Individuen, sondern auch vernetzter und sich gegenseitig beeinflussender denkerischer Arbeit – und so wurde in der ,,Zeit der Zauberer" zugleich das Ende der großen Zauberer eingeläutet. ...
https://www.tagesspiegel.de/kultur/-philosophie-als-kollektive-arbeit-das-ende-der-grossen-zauberer/26847102.html


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Quote[...] Martin Mittelmeier erzählt die Entstehung des Schlüsselwerks von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno nach ...  Gezeigt werden "dialektische Bilder", die allesamt vor dem Zerbersten stehen: "Aufklärung ist die radikal gewordene, mythische Angst." Oder, mit Blick auf die Entwertung des Lebens im Grauen des Holocaust: "Die Antisemiten sind dabei, ihr negativ Absolutes aus eigner Macht zu verwirklichen, sie verwandeln die Welt in die Hölle, als welche sie sie immer schon sahen." Die Gegenwartsdiagnostik führt die Denker weit zurück bis an den Ursprungspunkt der Menschheitsgeschichte.

... Was Mittelmeiers Abriss leistet, ist ein vorsichtiger Abgleich mit heutigen Anforderungen. An der Unart der Massenkultur, vor allem "Reklame" ihrer selbst zu sein, hat sich wenig geändert. Im Ringen um die menschliche Selbstzivilisierung hingegen wird die Notwendigkeit spürbar, das Verhältnis zur Natur auf Basis der Friedfertigkeit neu zu bestimmen. Denn zärtlich soll das Wechselspiel sein, das das Subjekt mit seinem Gegenüber "Realität" betreibt: In nichts anderem als der Zartheit und dem Reichtum der äußeren Wahrnehmungswelt bestehe die "innere Tiefe des Subjekts".


Aus: "Die Geburt der "Dialektik der Aufklärung" unter Kaliforniens Palmen" Ronald Pohl (1. Februar 2022)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000132980030/die-geburt-der-dialektik-der-aufklaerung-unter-kaliforniens-palmen

Martin Mittelmeier, "Freiheit und Finsternis. Wie die ,Dialektik der Aufklärung' zum Jahrhundertbuch wurde"
320 Seiten. Siedler, München 2021

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#5
Quote[...] [Andreas Petersen ist Dozent für Zeitgeschichte an der Fachhochschule Nordwestschweiz und Leiter der Geschichtsagentur zeit&zeugen in Zürich und Berlin. Soeben ist sein Buch "Der Osten und das Unbewusste – Wie Freud im Kollektiv verschwand" (Klett-Cotta) erschienen.] In der DDR war die Tiefenpsychologie verpönt. Das blockierte die Aufarbeitung der NS-Geschichte, sagt der Historiker Andreas Petersen.

[...]

Dr. Peter Neumann: [...] In Ihrem jüngst erschienenen Buch Der Osten und das Unbewusste geht es um die fehlende Vergangenheitsbewältigung nicht nur in der Sowjetunion und Osteuropa, sondern auch in Ostdeutschland. Und Sie machen dafür vor allem auch den Umgang mit der Tiefenpsychologie verantwortlich. Warum?

Andreas Petersen: Der erste Band mit Schriften von Sigmund Freud, dem Gründungsvater der Psychoanalyse, erschien 1982 in der DDR. Man muss sich klarmachen, was das heißt: kein Theodor W. Adorno, kein Max Horkheimer, kein Erich Fromm, keine Frankfurter Schule, keine Studien zum autoritären Charakter, keine echte Gesellschaftskritik. Ich bin in Nordrhein-Westfalen, in Köln sozialisiert worden. Dort war alles völlig durchtränkt von tiefenpsychologischen Therapieangeboten und von Faschismusaufarbeitung: Wer waren unsere Väter eigentlich? Was haben die in der Wehrmacht gemacht? Warum waren sie zu solchen unvorstellbaren Verbrechen fähig gewesen? Was ist Gehorsam? Da gab es Filme, Buchhandlungen, die WGs. Ein ganz zentraler Text für uns war Bruder Eichmann von Heinar Kipphardt. Also die Frage: Was verbindet uns mit Adolf Eichmann, dem Mann, der die Verfolgung, Vertreibung und Deportation von Millionen Juden organisierte. Die Tiefenpsychologie war ungemein wichtig für den Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg. 20 Millionen Zuschauer verfolgten 1969 im Fernsehen die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich, der mit seiner Frau Margarete zwei Jahre zuvor eines der einflussreichsten Bücher der deutschen Nachkriegsgeschichte geschrieben hatte: Die Unfähigkeit zu trauern. Im Osten hingegen, so formulierte es der DDR-Regisseur Achim Freyer erst kürzlich, war die Seele das Kitschwort aus dem Westen.

[...]

Dr. Peter Neumann: Sie meinen, dass das aus den USA nach Westdeutschland zurückgekehrte psychoanalytische Denken die Gesellschaft wieder zu sich selbst zurückbrachte?

Andreas Petersen: Ohne Freud und die Tiefenpsychologie wäre diese Öffnung nicht zu denken gewesen. Und dann gab es mit den Achtundsechzigern eine Generation, die wirklich wissen wollte, was mit ihren Eltern im Faschismus war. Diese junge Generation hatte Lektüreangebote, man konnte sich belesen und informieren. Ich erinnere nur an das Buch des Psychoanalytikers Erich Fromm: Die Furcht vor der Freiheit, 1941 im amerikanischen Exil veröffentlicht. Fromm untersuchte, wie der Individualismus der Moderne auf unbewusste Weise zur Flucht ins Autoritäre, Destruktive und Konformistische geführt hatte.

Dr. Peter Neumann: Sie schreiben in Ihrem Buch aber auch, dass die therapeutische Nabelschau im Westen bald zu einer Art Mode wurde. Bewegungen wie das hinduistische Hare Krishna, der Zen-Buddhismus, Taoismus, Tai-Chi-Chuan und Tantra wurden populär. Plötzlich ging es nicht mehr um Faschismus und Aufarbeitung, sondern nur noch um persönliches Glück und Selbstoptimierung. Hat die Durchpsychologisierung der Gesellschaft auch zu einer Vereinzelung ihrer Individuen geführt?

Andreas Petersen: Heute ist vielfach das Argument zu hören: Für mich stimmt's, nach meinem Empfinden verhalten sich die Dinge so und so. Und das war's. Ich halte das in der Tat für eine völlige Fehlentwicklung. Wenn alle das eigene Befinden zum Maßstab erheben, ist das für eine Gesellschaft fatal, weil sie damit auseinanderfällt. Dann fragt sich: Was verbindet Gesellschaften überhaupt? Verbundenheit entsteht über gemeinsame Werte. Lange Zeit hat die Religion noch die Funktion übernommen, eine verlässliche Basis für viele zu schaffen. Aber dieser Wertekonsens ist heute aufgebrochen, was einerseits natürlich gut ist, weil es mit einer Pluralisierung der Lebensstile einhergeht. Gleichzeitig haben wir eben das Problem, dass wir im Zuge der Individualisierung nicht mehr genau wissen, was eine Gesellschaft noch zusammenhält. Und da hat diese Durchpsychologisierung eben zwei Seiten: Auf der einen Seite hat sie eine große Öffnung bewirkt, für die man dankbar sein kann. Auf der anderen Seite hat sie zu einer starken Singularisierung geführt, in der man vor allem auf sich selber fokussiert ist und nicht mehr auf die Gesellschaft als Ganzes.

Dr. Peter Neumann: Die Psychoanalyse fehlte im Osten nahezu vollständig. Freud galt als westlich, bourgeois, dekadent. So etwas wie das Unbewusste, Triebhafte durfte es im Sozialismus nicht geben. Man unterrichtete vielmehr den russischen Verhaltensforscher Iwan Pawlow, dessen Lehre von der klassischen Konditionierung besser ins Bild des neuen Sowjetmenschen passte. Wusste die DDR, wer sie war?

Andreas Petersen: Nicht nur die DDR, sondern alle osteuropäischen Gesellschaften wussten nicht, wer sie waren. Wenn bestimmte Sachen gesellschaftlich nicht verhandelt werden können, wenn sie nicht in der Zeitung, nicht im Feuilleton, nicht in der öffentlichen Diskussion vorkommen, höchstens im privaten Kreis, in Kirchen oder Kliniknischen auftauchen, dann gibt es darüber auch keine Verständigung in der Gesellschaft. Es bleibt eine Lücke in der Kommunikation. Man darf sich die Kerngruppe der Achtundsechziger gar nicht so groß vorstellen. Das sind 2.000 Leute, und dann gibt es noch einen Sympathisantenkreis mit ein paar Tausend Unterstützern. Mehr sind es nicht. Aber im hinterletzten bayerischen Dorf erzählen die Leute zwanzig Jahre später, dass sie Achtundsechziger gewesen sind. Die haben das medial mitbekommen, haben sich identifiziert, haben an dieser gesellschaftlichen Auseinandersetzung teilgenommen. Im Osten brauchte es schon sehr viel Energie, um solche Gespräche praktisch von Mensch zu Mensch, von Görlitz nach Leipzig zu transportieren.

Dr. Peter Neumann: Für die DDR war klar, woher das Unheil kam. Man lagerte das Problem einfach aus und zeigte mit dem Finger über die Mauer: Die Faschisten sitzen drüben im kapitalistischen Westen. Man selbst war das "bessere Deutschland". So blieb auch in den Familien die Aufarbeitung meist aus.

Andreas Petersen: Die Achtundsechziger haben letztlich ihre Vergangenheit nicht am Familientisch verhandelt. Sie haben nicht ihre Eltern befragt, das war zu heiß. Sie haben es gesellschaftlich verhandelt, das ist das Besondere. Es wäre zum Beispiel sehr einfach gewesen, über die Wehrmachtauskunftstelle an Informationen zu kommen: Man konnte einen Antrag stellen und wusste zwei Monate später alles über den eigenen Onkel oder Vater: Wo haben die gedient, welche Einheit, sind sie verwundet gewesen? Anders gesagt: Wenn man wissen wollte, was die Männer damals im Krieg gemacht haben, dann gab es dafür öffentliche Stellen. Diese Stellen gab es in der DDR nicht, aber vor allem gab es keine gesamtgesellschaftliche Fragestellung. Dass die Aufarbeitung auch im Westen nicht lückenlos verlief, sehen wir heute im Umgang mit dem Ukraine-Krieg, den "Bloodlands", jenem Gebiet zwischen Zentralpolen und Westrussland, wo die Wehrmacht damals ihre Verbrechen verübt hat, neue Verbrechen geschehen, aber die notwendige Unterstützung ausbleibt.

Dr. Peter Neumann: Wie meinen Sie das?

Andreas Petersen: Es gibt Sätze, die inzwischen zu Plattitüden geworden sind: Man sagt "Nie wieder", und man fragt sich, was heißt das, jetzt, hier, konkret in dieser Situation. Wenn man dieses "Nie wieder" ernst nehmen würde, müsste man jetzt Waffen an die Ukraine liefern. Es gab die Verbrechen der Wehrmacht in der Sowjetunion, und einer der Hauptschauplätze war die Ukraine. Und wenn wir einen ehrlichen Umgang suchen, dann müssen wir auch eine Diskussion über die deutsche Schuld in der Ukraine führen.

Dr. Peter Neumann: Warum hat sich der Gefühlsstau nach 1989 im Osten nicht einfach entladen?

Andreas Petersen: Schon die Beschäftigung mit der NS-Diktatur im Westen war ja unheimlich schwierig. Und im Osten kam bei der Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte nun noch die zweite Diktatur hinzu. Das wäre dann wirklich sehr viel gewesen. Das Ausbleiben einer nachholenden Bewegung nach 1989 hat aber auch mit der Entwicklung der Tiefenpsychologie selbst zu tun. Es sind nicht mehr die Siebziger-, Achtzigerjahre mit ihrem utopischen Aufbruchsgedanken. Es ist jetzt die integrierte Verhaltenstherapie, die Menschen im Burn-out auffängt. Die Fragen "Wer bin ich?", "Wer sind meine Eltern?", "Woher komme ich?", "Was bedeutet das für mein Leben?" rücken in den Hintergrund. Auch in den Therapien geht es jetzt vor allem um Effizienz und Selbstoptimierung. Es gibt heute nur noch zwei psychoanalytische Lehrstühle in Deutschland, alles andere ist Verhaltenstherapie.

Dr. Peter Neumann: Einerseits ist die deutsche Schuld heute so präsent wie lange nicht mehr. Nicht nur in der Ukraine, auch im Nahen Osten, wenn es um die deutsche Staatsräson und die Frage geht, wie viel deutsche Kritik an Israel zulässig ist. Andererseits gibt es gerade aus dem Globalen Süden Stimmen, die von dieser deutschen Schuld nichts wissen möchten. Die sie sogar verantwortlich machen für gegenwärtiges Unrecht in Gaza. Propalästinensische Aktivisten skandieren "Free Palestine from German Guilt" ("Befreit Palästina von deutscher Schuld"). Wie kommt man aus diesem Dilemma heraus?

Andreas Petersen: Zur Aufarbeitungsdiskussion gehört das Wissen darum, was war. Es geht am Ende um die Fakten. Das gilt auch für den Vernichtungskrieg der Deutschen. Wo waren diese Wehrmachtssoldaten eigentlich? Ich habe neulich eine Veranstaltung mit dem Osteuropahistoriker Karl Schlögel gemacht, der sagte: Gehen Sie in Berlin in die Gedächtniskirche am Breitscheidplatz, im Keller gibt es im Rahmen einer Ausstellung eine Landkarte für deutsche Soldaten in Stalingrad, darauf alles Städte, die heute wieder Kampfgebiet sind: Sumy, Kramatorsk, Charkiw, Orte, an denen auch Schlögels Vater war. Diese Art von harter Erkenntnis meine ich, wenn ich von Aufarbeitung spreche. Meine Hoffnung ist, dass wir eine gemeinsame Basis finden. Die Interpretationen können dann immer noch unterschiedlich sein, aber wir sollten mindestens davon ausgehen können, dass wir über dieselben Fakten sprechen.


Aus: ""Nimmt man 'Nie wieder!' ernst, müsste man der Ukraine Waffen liefern"" (1. April 2024)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2024-03/andreas-petersen-osten-freud-psychologie-ukraine

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Götz Eisenberg (* 1951 in Arolsen, Hessen) ist ein deutscher Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitete als Gefängnispsychologe in der JVA Butzbach. ... Seit den frühen 1970er Jahren schreibt Eisenberg theoretische Texte und Essays, die in der Tradition der Kritischen Theorie (Frankfurter Schule) und des antiautoritären Denkens der Neuen Linken stehen. Er bemüht sich unter Berufung auf Erich Fromm, Klaus Horn und Peter Brückner um eine Vermittlung sozialpsychologischer und soziologischer Ansätze. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%B6tz_Eisenberg#Schriften_(Auswahl)

Durchhalteprosa, dieser Titel ist durchaus wörtlich zu nehmen: Die seit 2020 unter dieser Überschrift erscheinenden Texte sichern ihrem Verfasser das Überleben und lassen ihn das eigentlich Unaushaltbare einigermaßen ertragen. Aus der Distanz des Beobachters versucht er sich einen Reim auf Dinge, Menschen und Nachrichten zu machen, die ihm begegnen und auf ihn eindringen.
https://durchhalteprosa.de/ | https://durchhalteprosa.de/blog/




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Quote[...] Nachmetaphysisch ist eine aufklärende Befreiung mit doppeltem Risiko: einerseits dem subjektiver oder kollektiver Verlustempfindungen, die eine Wiederkehr vermeintlicher Gewissheiten, also autoritärer Gesellschaftsformation provozieren.

... Im Kapitalismus vermittelt diese instrumentelle Vernunft die als Logiken, Sachzwänge oder Zweckmäßigkeiten ausgegebenen ökonomischen Interessen. Über das Ökonomische hinaus analysieren Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in ihrer "Dialektik der Aufklärung" das Scheitern der Vernunft an ihrem aufklärerischen Versprechen von Freiheit und Gerechtigkeit, ihr Umschlagen in Totalitarismus, Faschismus und Völkermord. Als Vertreter der zweiten Generation der Kritischen Theorie sucht Habermas eine Antwort auf die Frage, welche die "Dialektik der Aufklärung" aufgeworfen hat: Wie kann das "unvollendete Projekt Moderne" – die Entwicklung einer emanzipierten und gerechten Gesellschaft – zumindest weitergeführt werden, ohne erneute Barbarei hervorzurufen?

Habermas' Antwort ist eine Diskursethik, die auf der Möglichkeit sprachlicher Verständigung basiert. Sie führt zu keinen absoluten Wahrheiten, sondern erreicht im argumentativen Aushandeln eine rational plausible, gemeinsam vertretene Handlungsoption jenseits fauler Kompromisse. In seiner "Theorie des kommunikativen Handelns" hat Habermas diese Macht des herrschaftsfreien Diskurses auf einen formelhaften, berühmt gewordenen Ausdruck gebracht: den "eigentümlich zwanglosen Zwang des besseren Arguments".

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Aus: "Zwangloser Zwang" Martin Mezger (18.03.2026)
Quelle: https://www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/781/zwangloser-zwang-10785.html

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Quote[...] [Ein Buch] ... wurde für viele zum Schlüsselwerk: die Theorie des kommunikativen Handelns. Ja, sagt Benhabib, das Buch sei sperrig gewesen. Aber es habe ihr etwas Entscheidendes aufgeklärt: worin Habermas' Neuformulierung der Kritischen Theorie bestand. In diesem großen theoretischen Bogen, der von Weber und Lukács zu Horkheimer und Adorno reichte, sei zum ersten Mal ganz klar geworden, was mit kommunikativer Vernunft gemeint sein sollte. Sie selbst, sagt Benhabib, habe sich dabei weniger für die soziologischen Feinheiten interessiert als für die großtheoretische Perspektive: für die Frage, wie sich Kritische Theorie unter modernen Bedingungen überhaupt weiterdenken lasse.

... Habermas' Denken ist immer auch Erziehung zur Zumutung gewesen: zur Zumutung, Gründe zu geben, zuzuhören, den anderen nicht als bloßes Hindernis zu behandeln, sondern als Adressaten. In einer Zeit, in der die Öffentlichkeit selbst brüchig geworden ist, wirkt das beinahe altmodisch – und gerade deshalb radikal.

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Aus: "Philosophin Seyla Benhabib über Jürgen Habermas: ,,Mein Eindruck war: Da kommt etwas Neues" Michael Hesse (15.03.2026)
Quelle: https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/seyla-benhabib-erinnert-sich-an-juergen-habermas-und-seine-letzte-zeit-94218402.html

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Quote[...] Die Maga-Bewegung hat in der Kritischen Theorie einen Lieblingsfeind gefunden. Deren Strahlkraft wird dabei jedoch extrem überschätzt, sagt der Historiker Jeremy Varon.

[Jeremy Varon lehrt Geschichte an der New School for Social Research und am Eugene Lang College in New York City. Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte liegen in der US-amerikanischen Geschichte nach 1945, der globalen 1960er-Jahre-Bewegung, dem Holocaust sowie sozialen Bewegungen und politischer Gewalt. https://en.wikipedia.org/wiki/Jeremy_Varon]

Carlotta Wald: Jeremy Varon, worüber denken Sie gerade nach?

Jeremy Varon: Wie viele Menschen in Amerika beschäftigt mich derzeit vor allem eines: der rasante Absturz unseres Landes in den Autoritarismus, ja sogar in eine Form des Faschismus. Das ist verheerend – politisch, emotional, moralisch und ideologisch. Es passiert gerade genau das, wovor die Kritische Theorie immer gewarnt hat.

Carlotta Wald: Nämlich wovor?

Jeremy Varon: Die liberale Demokratie im Westen wird nicht von einem ausländischen Gegner zerstört, sondern in der Wiege der aufklärerischen Demokratie selbst von der eigenen Bevölkerung. Und die Konsequenzen sieht man jetzt auf allen Ebenen, auf der globalen Bühne ebenso wie in jedem Winkel des amerikanischen Alltags. Auch hier an der New School, an der ich unterrichte, spürt man es. Sie läuft akut Gefahr, von einer Bastion des progressiven und kritischen Denkens in eine Berufsschule verwandelt zu werden und damit ihre historische Identität zu verlieren.

Carlotta Wald: Die Leitung der New School hat kürzlich Pläne bekannt gegeben, die Zahl der Lehrkräfte an der New School for Social Research drastisch zu reduzieren und die Einrichtung möglicherweise ganz zu schließen. Wie kam es dazu?

Jeremy Varon: Die Hochschulen befinden sich in den USA aus unterschiedlichen Gründen in der Krise. Die Zahl der Studierenden sinkt, die Studiengebühren steigen, die staatlichen Fördermittel und Studentenkredite wurden von der Regierung erheblich gekürzt, es gibt einen dramatischen Rückgang an internationalen Studierenden durch Trumps neue Migrationspolitik und die Feindseligkeit gegenüber ausländischen Studierenden, insbesondere wenn diese politische Ansichten vertreten, die Trump nicht gefallen. Daraus entstehen finanzielle Nöte, die die Universitäten nun in die Knie zwingen. Auch die New School, obwohl wir sehr wenige Regierungsgelder bekommen. Gekürzt werden dabei vor allem jene Programme, die ökonomisch weniger rentabel sind, also die sozial- und geisteswissenschaftlichen.

Carlotta Wald: Trump greift die New School nicht explizit an?

Jeremy Varon: Nein, nicht so, wie er Harvard oder die Columbia University angegriffen hat. Das liegt aber wahrscheinlich nur daran, dass die New School dem durchschnittlichen Amerikaner nicht bekannt ist und ein Angriff auf sie weniger Spektakel bietet. Die New School wurde 1919 als ein unabhängiges Bildungsprojekt gegründet und erlangte vor allem in Europa an Popularität, weil sie vielen brillanten Exilanten wie etwa Hannah Arendt oder Erich Fromm in der NS-Zeit Zuflucht bot und eine enge Verbindung zur neu gegründeten Frankfurter Schule pflegte, die ebenfalls ins Exil gegangen war.

Carlotta Wald: Die Regierung legt bei ihren Angriffen auf die Geisteswissenschaften ein besonderes Augenmerk auf die Kritische Theorie. Warum?

Jeremy Varon: Es passt gut in diese absurde Erzählung, die vor allem Trumps Bildungsberater Christopher Rufo verbreitet, dass die Universitäten in den 1980er- und 1990er-Jahren von einem "Kulturmarxismus" übernommen wurden. Er verbreitet das Narrativ, dass die linken Bewegungen der 1960er-Jahre einen Marsch durch die Institutionen vollzogen und diese ideologisch erobert hätten. Der Erzfeind in Rufos Darstellung ist Herbert Marcuse, ein bedeutender Vertreter der Frankfurter Schule, der 1934 vor den Nazis floh und in die USA immigrierte.

Carlotta Wald: Warum gerade Herbert Marcuse?

Jeremy Varon: Er wird bezichtigt, die amerikanische Jugend radikalisiert zu haben. Zunächst deshalb, weil er den Kampf für Gleichberechtigung nicht nur als Aufgabe der Arbeiterklasse, sondern auch als eine von militanten Jugendlichen und Ghetto-Bewohnern verstand. Und dann, weil er angeblich auch die akademische Welt als mögliches Ventil für progressiven Wandel ins Visier nahm. Woran sich Trump und seine Leute heute aber eigentlich stören, ist nicht so sehr Marcuse, sondern vielmehr die Critical Race Theory, Gender Studies, Queer Studies und Critical Legal Studies. All diese Diskurse werden als Früchte der Kritischen Theorie angesehen.

Carlotta Wald: Das heißt, als Weiterführungen des Ansatzes, Herrschaftsverhältnisse kritisch zu hinterfragen, um den Menschen aus seiner systematischen Unterdrückung zu befreien und eine vernünftige und gerechte Gesellschaft zu ermöglichen.

Jeremy Varon: Genau. Daraus hat die heutige rechte Bewegung abgeleitet, dass Institute wie unseres ein Ort für die Indoktrinierung junger Menschen sind. Und zwar mit dem Ziel, sie zu unpatriotischen, antiamerikanischen, familienfeindlichen, antichristlichen und antikapitalistischen Bürgern zu verziehen.

Carlotta Wald: Und ist an diesem Vorwurf etwas dran?

Jeremy Varon: In diesem Extrem nicht. Aber man muss zugestehen, dass ein Großteil der geisteswissenschaftlichen Forschung und Lehre aus der kritischen Auseinandersetzung mit Machtsystemen besteht, allerdings in der Hoffnung, eine Welt mit mehr Gleichheit und Freiheit zu schaffen oder den Studierenden zu vermitteln, wie man gesellschaftliche Strukturen verstehen und kritisch überprüfen kann. Ich glaube nach wie vor, dass die hauptsächliche moralische Mission des Lernens in diesem Land darin liegt, die Vereinigten Staaten besser in Einklang mit ihren Gründungsidealen von Freiheit und Gleichheit zu bringen. Dafür braucht man ein tiefes Verständnis sowohl für die Schwächen als auch für die Errungenschaften dieses Landes – und für die sozialen Bewegungen, die dafür eingetreten sind.

Carlotta Wald: Jetzt vollziehen Christopher Rufo und Trump selbst einen Marsch durch die Institutionen, indem sie zukünftige Fördermittel daran binden, dass die Universitäten Kritische Theorien, Klimaforschung und Diversitätsprogramme unterbinden – und das sehr erfolgreich. Hätte man nicht gerade an Ihrem Institut darauf vorbereitet sein müssen?

Jeremy Varon: Die Angriffe der Rechten auf die Universitäten sind nicht neu. Rufo wiederholt mit seiner pauschalen Verurteilung aller linken Diskurse vieles von dem, das schon Joseph McCarthy und seine repressive Bewegung in den 1950er-Jahren tat. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass es heute einen Präsidenten gibt, der bereit ist, radikale Maßnahmen gegen die Universitäten zu ergreifen, unter anderem indem er Gesetze missbraucht und den Entzug von Bundesmitteln nutzt, um einen ideologischen Wandel nach rechts zu erzwingen.

Carlotta Wald: Aber es fällt der Regierung doch erstaunlich leicht, die Kritischen Theorien anzugreifen, finden Sie nicht?

Jeremy Varon: Es hat uns kalt erwischt. Wir Akademiker haben uns zu sehr in unserer Komfortzone eingenistet. Für eine lange Zeit genossen wir die Freiheit, von der breiten Gesellschaft weitestgehend ignoriert zu werden. Uns war weder ausreichend bewusst, wie feindselig ein großer Teil der Gesellschaft irgendwann auf uns blickte, noch wie mächtig und schnell die Neue Rechte politische Projekte organisieren würde, um uns zu schaden. Wir haben uns zu sicher gefühlt, so wie viele andere liberale Institutionen auch, sei es die Justiz, die Medien oder der öffentliche Dienst.

Carlotta Wald: Sie glauben also nicht, dass die Kritischen Theorien selbst dazu beigetragen haben könnten, ins Schussfeuer der Regierung zu gelangen?

Jeremy Varon: Doch. In mancher Hinsicht ist der kritische Geist zu weit gegangen. Etwa die Bestrebungen, Äußerungen und Verhalten der Menschen bis ins Detail zu regeln. Viele empfinden das Klima in den Geisteswissenschaften als zensierend oder sogar repressiv. Studien zeigen, dass Studierende sich selbst zensieren oder vorgeben, liberaler zu sein, als sie es eigentlich sind, weil sie fürchten, sich nicht "politisch korrekt" zu äußern. Das ist nicht die Art von Klima, die wir wollen. Und auch manche Diversitätsprogramme wirken wie hochbürokratische Echos progressiver Kritik. Sie kosten viel Geld und haben womöglich nur einen begrenzten Effekt.

Carlotta Wald: Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, die Gründungsväter der Kritischen Theorie, hätten die Diversitätsprogramme vermutlich verurteilt. Sie lehnten Versuche, die Kritik zu institutionalisieren, doch stets ab, oder?

Jeremy Varon: Es ist schon viele Jahre her, dass Adorno und Horkheimer den Bezugsrahmen für das Denken an der New School bildeten. In den vergangenen 30 Jahren ist viel passiert. Und auch wenn es stimmt, dass die Diversitätsprogramme häufig zu zahnlosem Reformismus führten – da wäre ich ganz bei Adorno und Horkheimer –, muss man mit der vorschnellen Verurteilung dieser Programme vorsichtig sein. Denn die Universitäten sollten sich bemühen, diverse Stimmen und Studierende zu inkludieren.

Carlotta Wald: Wie steht es um die Diversität der New School?

Jeremy Varon: Wir haben an der New School überdurchschnittlich viele trans Studierende und sind sehr stolz darauf, dass sie sich bei uns wohlfühlen. Die New School wurde einst genau dafür geschaffen: um alternative und diversere Perspektiven zu ermöglichen. Sie war gedacht als ein Hub für radikale, progressive Gedanken abseits des Mainstreams, als ein Ort, an dem Randgruppen ein Zuhause finden und bestimmte Hierarchien durch kritisches Denken ins Wanken bringen konnten. Und trotzdem würde ich sagen: Manche der Diversitätsprogramme haben uns angreifbar gemacht. Die Regierung unter Trump interpretiert sie nun als Bevorzugung bestimmter Gruppen.

Carlotta Wald: Inwiefern?

Jeremy Varon: Die Diversitätsprogramme zielten am Ende darauf ab, elitäre Institutionen wie Universitäten ein klitzekleines bisschen inklusiver zu machen, entlang bestimmter identitärer Kategorien. Gleichzeitig haben wir die enormen wirtschaftlichen Hindernisse für den Zugang zur Hochschulbildung weitgehend außer Acht gelassen. Das hat uns zu einem einfachen Opfer antielitärer rechter Bewegungen gemacht.

Carlotta Wald: Die Philosophin Nancy Fraser, Professorin Emeritus an der New School, hat häufig und laut kritisiert, dass der identitätspolitische Kampf um Anerkennung zu sehr an die Stelle des Kampfes um reale Umverteilung getreten sei. Sie hat damit ein wesentliches Problem der gegenwärtigen Linken identifiziert. Warum wurde diese Warnung ignoriert?

Jeremy Varon: Es gab immer schon einen Konflikt zwischen diesen zwei Ansätzen. Aber ich glaube nicht, dass die Kritischen Theorien rücksichtslos auf Anerkennungspolitik gesetzt haben. Und selbst wenn es so wäre – diese Theorien allein haben meiner Meinung nach nicht die Kraft, die ganze Linke zu prägen.

Carlotta Wald: Sie meinen, die politische Wirksamkeit der Geisteswissenschaften wird überschätzt?

Jeremy Varon: Ja. Viele Menschen glauben heute, dass Ideen die treibende Kraft hinter Ideologien und politischen Einstellungen sind. Aber sie überschätzen deren Macht. Insbesondere wenn sie glauben, dass diese Theorien von Hochschulprofessoren vermittelt werden und daraus eine soziale Bewegung entstünde. Vielmehr ist es andersherum. Die Vorstellung, dass Geschlecht und Sexualität als ein breites Spektrum verstanden werden sollten, wurde den Studierenden nicht von den Professoren vermittelt. Es waren die Studierenden, von denen sich viele außerhalb der binären Geschlechterrollen sehen, die diese neuen Sichtweisen in die Universitäten getragen haben und die dann in die Theorie einflossen. Wenn die Critical Race Theory systemischen Rassismus problematisiert, ist das keine akademische Idee; es ist ein Spiegelbild der sozialen Erfahrungen und Lebensbedingungen der Menschen.

Carlotta Wald: Am Ende glaubt also ausgerechnet Donald Trump mehr an die Kraft von Wissenschaft und Theorie als Sie?

Jeremy Varon: Ja, darin liegt eine gewisse Ironie. Trump überschätzt uns. Für ihn ist die Kritische Theorie ein Schreckgespenst. Die Vorstellung, der Marxismus hätte irgendeinen Aspekt des amerikanischen Lebens erobert, ist jedoch absolut absurd. In den letzten 30 Jahren sind die Unternehmensgewinne ins Unermessliche gestiegen, die Schere zwischen Arm und Reich wächst ins Extreme.

Carlotta Wald: Die Kritische Theorie wurde im 20. Jahrhundert auf den Trümmern des Faschismus gegründet. Belebt die heutige politische Situation die Kritische Theorie?

Jeremy Varon: Ich würde zumindest sagen, dass herrschaftskritisches Denken, das eine freiere und gerechtere Gesellschaft anstrebt, in Zeiten wie diesen unentbehrlich ist. Auch wenn Trump probiert, sie zu zerstören, diese Denkschule wird nicht verschwinden. Millionen von Amerikanern, mittlerweile sogar die Mehrheit von ihnen, sind entsetzt über das, was gerade geschieht. Trump probiert, ein System der radikalen Minderheitsherrschaft durchzusetzen. Das ist eine üble Verzerrung aller demokratischen Prinzipien, die wir hier jeden Tag erleben.

Carlotta Wald: Sie haben also Hoffnung für das kritische Denken und Handeln?

Jeremy Varon: Freiheitsliebende, nachdenkliche Menschen werden immer versuchen, eine bessere Zukunft zu gestalten. Und sie tun es bereits: Dass Zohran Mamdani die Wahl zum Bürgermeister in New York gewonnen hat, zeigt, was möglich ist. Da ist ein linker Muslim mit asiatischen Wurzeln in den Dreißigern wie ein Phoenix aus der Asche gestiegen. Wenn er jetzt erfolgreiche Politik durchsetzen kann und Veränderung herbeiführt, eröffnet das einen Horizont für bisher nie dagewesene progressive Errungenschaften. Das ist ein Leuchtfeuer der Hoffnung!


Aus: "Neue Rechte in den USA: "Für Trump ist die Kritische Theorie ein Schreckgespenst"" Interview: Carlotta Wald (6. April 2026)
Quelle: https://www.zeit.de/feuilleton/2026-04/neue-rechte-usa-kritische-theorie-donald-trump-jeremy-varon