“ … Wir alle kennen die Resultate: das Ende des unvorstellbar grauenhaften Krieges mit zehn Millionen Toten. Das Ende der Hölle in den Schützengräben. Das absehbare Ende des Elends und der Hungerqualen der Zivilbevölkerung. Das Ende der Gewaltherrschaft der Obersten Heeresleitung (OHL) mit den Generälen Hindenburg und Ludendorff an der Spitze. Das Ende der Macht des Kaisers Wilhelm II., eines rücksichtslosen und menschenfeindlichen Herrschers. Und schließlich das Ende der adligen Offizierskaste mit ihren Privilegien von Geburt an, ein besonders elitärer, arroganter Teil der Aristokratie. Und es war der Beginn einer neuen Zeit: der Beginn von Mitgestaltung und Mitsprache aller Menschen. Der Beginn von freien, allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlen. Der Beginn des Frauenwahlrechts. Der Beginn politischer Demokratie samt voller Koalitionsfreiheit und Tarifautonomie. Der Beginn von Arbeiter- und Betriebsräten und stärkeren Rechten für Arbeitnehmer*innen und Gewerkschaften. Es war schließlich der Beginn des Acht-Stunden-Tags und der betrieblichen Mitbestimmung. … Die Frauen, Arbeiter und Matrosen (häufig einberufene Metallfacharbeiter) haben vor 100 Jahren von Kiel ausgehend das Land grundlegend verändert. Sie haben mit ihrem Mut – als »Meuterer« waren sie mit der Todesstrafe bedroht – und ihrer Entschlossenheit den Weg frei gemacht für Veränderungen, mit denen wir heute noch leben. … (Frank Hornschu) | … Fragt man ein Neumitglied der IG Metall, wer 1918 eigentlich das revolutionäre Subjekt gewesen sei bzw. wer in Deutschland die erste Demokratie erkämpfte, so wird man mit Glück eine historisch zutreffende Antwort bekommen. Mit weniger Glück folgt die Frage, was denn 1918 passiert sei. …“ (Dominique Lembke für die IG Metall Küste, 2020) | Aus: „Was Republik und Demokratie für Gewerkschaften bedeuten“ (2020) | Quelle: https://www.vsa-verlag.de/uploads/media/www.vsa-verlag.de-IGMetall-Kueste-Matrosenaufstand.pdf
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Ein Zufallsfund im Internet – hier die Buchcoveransicht via https://www.zvab.com/Novemberrevolution-1918-Kiel-Jahre-Konterrevolution-wind/31940171994/bd || –>> https://de.wikipedia.org/wiki/Novemberrevolution
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Zum Buch: Die Novemberrevolution 1918 in Kiel. 50 Jahre Konterrevolution sind genug. / Hg.: Projektgruppe ‚Novemberrevolution 1918‘ im SDS – Kiel, 1968 (Sprache: Deutsch) — Unpaginiert [30 S.]. Aus dem Vorbesitz des antiautoritären Dokumentaristen Hans-Dieter Heilmann. — [Am 15. Mai 2019 starb Hans-Dieter Heilmann an Krebs, der 1943 geborene Stuttgarter studierte an der FU Politik und Geschichte und arbeitete bis zuletzt als autonomer Widerstandsforscher in einer großen Nichtraucherwohnung in Charlottenburg, die mit Büchern und Dokumenten vollgestopft war. … 1961 trat Heilmann SDS bei – und blieb bis zuletzt dem Antiautoritarismus verbunden. … Als die Studentenbewegung Ende der Sechzigerjahre autoritär wurde und Parteien gründete, beteiligte er sich an einem Band mit Kritiken u.a. an führenden SDS-Genossen wie Bernd Rabehl: „Hiebe unter die Haut“, dessen Motiv lautete „Warum denn gleich sachlich werden, wenn es auch persönlich geht“. … Heilmann hatte zudem mit mir im Dezember 1989 in der LPG-Tierproduktion „Florian Geyer“ als Rinderpfleger gearbeitet und wenig später als Wehrmachtskundiger in der Kneipe „Torpedokäfer“ der Prenzlauer Berg Anarchos mit mir einen Diavortrag über die Deutschen an der Ukrainischen Front gehalten. Die Farbdias stammten vom tazler Christian Uhle, dessen Vater sie 1943 in einer rückwärtigen Pioniereinheit geknipst hatte. Christian verkaufte sie anschließend an den Spiegel. Die Kneipe gibt es nicht mehr, ihr Name „Torpedokäfer“ ging auf den Titel der Autobiographie des Dadaisten, Rätekommunisten und Schiffsentführers Franz Jung zurück, der sowohl für die West-Antiautoritären im SDS und danach als auch für die Anarchisten in Prenzlauer Berg eine Art Vorbild war. Auch er im Übrigen aus Sicht von systemangepaßten Arschlöchern ein Gescheiterter. …“ | Aus: „Autonomer Widerstandsforscher“ Helmut Höge (23.6.2019) | Quelle: https://taz.de/Kolumne-Wirtschaftsweisen/!5602087/]
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Kontexte:
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Lyriker Bert Papenfuß (1956-2023) erprobte mit dem „Torpedokäfer“ ab 1994 das Konzept der anarchistischen Kulturkneipe – Da seine Publikationsmöglichkeiten in der DDR eingeschränkt wurden, trug er seine Texte in Begleitung verschiedener Rock- und Punkbands vor … | Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Bert_Papenfu%C3%9F-Gorek
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“ … Es ist eine harte Zeit. Arbeiter werden als Ware und Arbeitsinstrumente behandelt, Privatunternehmer regieren gottähnlich. Wäre es nicht ehrlicher, gleich wieder die Sklaverei einzuführen? Wir schreiben das Jahr 1932. Die kritischen Zeilen entstammen der Feder des undogmatischen Sozialisten und großen Verhinderten Franz Jung (1888-1963) … .Mehr als neunzig Jahre danach findet im Tacheles in der Oranienburger Straße eine illustre Runde zusammen. Man will irgendetwas gründen an jenem Dezember-Abend im Jahre 1994, keiner weiß genau, was. Aber über alledem schwebt der Geist von Franz Jung. Thomas Kapielski und Jes Petersen, als Agit-Prop-Redner engagiert, diskutieren besoffen mit dem Publikum, als plötzlich Biergläser fliegen. Das Chaos ist perfekt, immerhin aber gibt es nun eine Zeitschrift. Titel: „Sklaven“. … Alles konnte hier passieren, wenn die Sklaven konspirierten: Abstürze, spontane Manifeste, Entgleisungen jeder Art. Vor allem aber Literatur. Denn die sollte eigentlich im Zentrum stehen, auch heute noch, wenn man sich im „Siemeck“ in der Lychener Straße trifft. „Sozialengagierte Literatur“ benennt Stefan Ret den unmodischen Anspruch. „Das Marktschreierische interessiert nicht.“ Stattdessen entstehen Texte jenseits des Zeitgeistes, vom utopischen Manifest über die linke Kulturkritik bis zur Hinterhof-Lyrik. Der Hipness-Faktor tendiert gegen Null, schon äußerlich, aber auch das ist Konzept. … Die meisten Abonnenten wohnen übrigens im Westen. Soziale Bewegungen beziehen ihre Dynamik aus der Spaltung, und dieser Gesetzmäßigkeit sind auch die Sklaven unterworfen. Denn wo „ganz normale Kulturinteressierte auf Trotzkisten, Hardcore-Anarchisten und Linksradikale auf Bürgerbewegte treffen“, wie Papenfuß das disparate Spektrum beschreibt, ist der Programmstreit absehbar. …“ | Aus: „Mit dem Kopf gegen die Wand“ Dr. Bodo Mrozek (25.07.1999) | Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/mit-dem-kopf-gegen-die-wand-604978.html
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“ … Warum sich die Kultur der Politik niemals unterordnen sollte. … Für die Novemberrevolution spielte die Kunst unmittelbar keine Rolle. Wie sollte sie auch? Ging es doch darum, Monarchie und Generäle zur Abdankung zu zwingen. … Angesichts des Massenmordens, des Sterbens in jahrelangen sinnlosen Stellungskriegen, den Menschen verachtenden Giftgasattacken hatte die alte Ordnung jegliche moralische Legitimität verspielt. Das Volk als Nation war nicht mehr bereit, sich vereint im Körper des Kaisers und feudalen Führers zu sehen. … auch in Kultur und Kunst war dem gottgleichen Geniekult längst die ein oder andere Delle verpasst worden. Jede halbwegs aufgeklärte Seele wusste, dass die Produktion von Kunst ein hartes Geschäft ist und vieles neben expressiven Mut dabei auf dem Erwerb handwerklichen Könnens beruht. In den brodelnden Städten waren künstlerische Boheme-Szenen entstanden, die sich um die Bewertung von Universitäten oder Doktoren-Feuilletons kaum mehr scherten. Die alten Notenverteiler waren am Ende. … Viele waren in den 1920er Jahren in die noch junge Sowjetunion gereist. Der Mitbegründer von Dada-Berlin, Franz Jung, ein vielseitiger Autor und eine legendäre Gestalt des deutschen Linksaktivismus, entführte gar ein Schiff in die Sowjetunion.
Er engagierte sich beim Aufbau einer Zündholzfabrik – und erlebte in der Sowjetunion früh die gegen jegliche Form des Liberalismus gerichtete neue Zwangsherrschaft, völlige Willkür, einen neuen imperialen Nationalismus, der statt dem Zaren nun dem bolschewistischen Parteiführer huldigte.
In den Folgejahrzehnten und im Grunde bis heute bekämpfen sich aus diesen Konfliktlagen hervorgegangene künstlerische und politische Strömungen auf der gesamten Welt. Über Dada, Surrealismus, Situationismus und viele andere führt der Weg in Kunst und Subkultur schließlich auch zu Pop und Punk, zu den neuen Jugendkulturen sowie den Konzepten einer künstlerisch und kulturell agierenden Linken. … wer jegliches minoritäre kulturelle Sprechen als intellektuelle Bedrohung oder Überheblichkeit empfindet („fühle mich nicht mitgenommen“, „bringt keine Klickzahlen“), betreibt von links das gleiche Spiel wie die populistische Rechte. Am Ende steht auf beiden Seiten jeweils die Formierung einer neuen autoritären Gesellschaft, gegen die nicht nur die Kieler Matrosen einst kämpften. An ihrer Stellung zur Kunst könnt ihr sie erkennen. …“ | Aus: „Dada, Pop, Punk und linker Aktivismus: Die Kunst der Revolution“ Andreas Fanizadeh (11.11.2018) | Quelle: https://taz.de/Dada-Pop-Punk-und-linker-Aktivismus/!5546615/
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Als Engagierte Literatur bezeichnet man im weitesten Sinne jede Literatur, die ein politisches, soziales, religiöses oder ideologisches Engagement erkennen lässt und dieses mit den Mitteln der Literatur vorträgt und verficht. … | https://de.wikipedia.org/wiki/Engagierte_Literatur
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[[“ …[„Bezugnehmend auf: Die Novemberrevolution 1918 in Kiel. 50 Jahre Konterrevolution wind genug. / Hg.: Projektgruppe ‚Novemberrevolution 1918‘ im SDS – Kiel. Verlag: Kiel, 1968 … Aus dem Vorbesitz des antiautoritären Dokumentaristen Hans-Dieter Heilmann. (Quelle: https://www.zvab.com/Novemberrevolution-1918-Kiel-Jahre-Konterrevolution-wind/31940171994/bd) ] … [oder zum: antiautoritären Dokumentarist ] :: Der Antiautoritarier ist eine marxistische Bezeichnung für Antiautoritäre, also die Anarchisten oder antiautoritären Sozialisten der Bakunin-Fraktion ab 1872 [ https://de.wikipedia.org/wiki/Michail_Alexandrowitsch_Bakunin ]. Der Begriff findet sich in dem Artikel „Von der Autorität“ von Friedrich Engels, in dem er die Antiautoritären scharf kritisiert. …“] Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Antiautoritarier | Ein weiterer Kontext: „Antiautoritäre Erziehung ist ein Sammelbegriff für eine Gruppe von Erziehungskonzepten, die in Deutschland Ende der 1960er und in den 1970er Jahren entstanden sind.“ >> https://de.wikipedia.org/wiki/Antiautorit%C3%A4re_Erziehung]
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Franz Koch, 22.08.2019, 21:42 Uhr: “ … HDH [Hans-Dieter Heilmann] war ein Universalgelehrter, der selbstgebackene Spekulatius zu schätzen wusste und das Klingeln an der Haustür nicht hörte, weil die Schreibmaschine seine Konzentration vollends absorbierte. Schade, dass ich Dich nicht mal treffen konnte … Lebe wohl im Reich der Denker und Träumer …“
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