[Mythen meiner Kindheit #31… ]

Louise Osborne (31.12.2010) “ … Jemanden, der lallt oder betrunken versehentlich aus einem Blumentopf trinkt, habe ich einfach schon zu oft gesehen. Über die hundertste Wiederholung kann ich deshalb nicht mal mehr müde lächeln. …“ | Quelle: https://taz.de/Warum-Briten-Dinner-for-One-kaltlaesst/!5129531/

Ähnlich habe ich auch empfunden. Es gibt demgegenüber Gedanken, die einem erst vor einem Grab stehend in den Kopf fallen. Eine Erinnerung kippt zur nächsten. Wie umstürzende Dominosteine. Einer dieser Dominosteine ist bei mir Dinner for One. In den 1970er Jahren hatte ich – meinem Kinderlebensgefühl nach – eine außergewöhnliche Realitätsinsel. Da gab es braunes Geschirr, die farbigen Servierten, den Wandteppich mit dem Schiffsmotiv, die Zierpflanzen, Apfelsaft, festen Regeln, warmen Kacheln im Badezimmer, die Couch und die Sessel im Wohnzimmer. Ich kannte den Geruch des Bücherregals oder das Quietschen beim öffnen von Schubladen. Ich war bei „meiner Oma Stasi“. Dort war der Gegenort zum manchmal stürmischen Familiengeschehen. Was hat das mit Dinner for One zu tun? – Oma Stasi feierte an Silvester ihren Geburtstag. Ein Ritual. Luftschlangen hingen am Deckenleuchter. Mindestens ein kleiner schwarzer Schornsteinfeger – mit einer Leiter im Arm – stand als Glücksbringer mit Tischbomben, gedruckten vierblättrigen Kleeblättern und Dekorationsschweinen auf dem Essenstisch. Zum Essen würden dann auch die anderen kommen. Mein Vater im Anzug. Ich kannte ihn sonst eigentlich nur in Jeans. Stundenlang roch es seltsam, bevor der Karpfen serviert wurde. Dazu Kartoffeln. Meerrettichsahne. Flüssige Butter. Petersilie. Es war alles geregelt: In den Ferien musste ich – spätestens wenn der Tatort mit seiner unverkennbaren Titelmusik begann – ins Bett. Die Schlafzimmertür durfte angelehnt bleiben – so konnte ich das Filmgeschehen gedämpft und leise über den Flur mithören. So fühlte ich mich nicht alleine und hatte keine Angst. Der Silvesterabend war anders. Ich durfte aufbleiben. Der Röhrenfernseher im Wohnzimmer zeigt Dinner for One. Die infrarot Fernbedienung liegt vor uns auf dem kleinen Tisch. Die Kinderaugen sehen einen Butler und eine alte Frau. Schwarzweißbilder, Lacher im Publikum. Ich verstand irgendwie nichts, konnte kein englisch, aber ich freute mich, wenn meine Oma Stasi lachte – Ernst, weißhaarig, lachte neben ihr laut durch die Nase. Ernst lachte ein bisschen so wie Ernie von Ernie und Bert aus der Sesamstraße. In seiner Schrift über den Witz und seine Beziehung zum Unbewussten betonte Freud, dass der Lustgewinn beim Witz auf einer kurzzeitigen Lockerung von Verdrängungen beruhe. [„Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten“]. Später erst begriff ich: Dinner for One führt die menschliche Abwehr von Vergänglichkeit vor. Dinner for One zeigt die Dynamik von Abhängigkeit (Dienen und Herrschen) und die daraus resultierende neurotische Beziehung. Der ausgestopfte Tigerkopf, über den James stolpert – oder nicht – wurde für mich ein Sinnbild zur Wiederkehr des Verdrängten. Natürlich ist das lustig. Aber vielleicht kann man mit Stolperslapstick und auf betrunken machen heute nicht mehr kommen. Es gibt auch „meine Oma Stasi“ ist mehr. Das Haus ist verkauft. Die Welt der 1970er ist längst versunken. Oma Stasi bekam Alzheimer. Das war grausam. In Holzkisten lagere ich ihre selbst angelegten Bilderalben, mit eingeklebten Fotos zwischen dünnem Pergamentpapier, in denen sie handschriftlich die Jahreszahlen und Namen eingetragen hat. Die Bilder von Dinner for One und die Bilder in den Fotoalben Teilen den gleichen Mechanismus, ein ähnliches Prinzip: In den Fotoalben sehe ich auf Zeiträume, in denen verstorbenen Menschen für einen kurzen Augenblick durch ihr Bild, durch das Foto, für mich in die Gegenwart treten – und ich selbst werde beim Blick auf ein Foto zu einer Miss Sophie.

Freddie Frinton als James und May Warden als Miss Sophie (1963)


Hintergrundrauschen: “ … Juli 1963 wird Dinner for One aufgezeichnet. Um die Illusion von Theateratmosphäre zu erzeugen, wird im Studio schnell ein Publikum aus NDR-Mitarbeitern zusammengestellt. Darunter ist auch Sonja Göth, die einen Lachkrampf bekommt, als Frinton über den Kopf eines Tigerfells stolpert und sein Tablett in hohem Bogen davonfliegen lässt. So schreibt sich Göth zum Unmut des Aufnahmeleiters für die Nachwelt gut hörbar in die Geschichte des Sketches ein. … 1972 zieht NDR-Unterhaltungschef Henri Regnier das Band aus dem Archiv und platziert es zu Silvester. Seitdem läuft „Dinner for One“ … jedes Jahr zum Jahreswechsel … “ | Aus: „8. Juli 1963 – „Dinner for One“ wird aufgezeichnet“ (08.07.2013) | Quelle: https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag7664.html | “ .. Im Ursprungsland Großbritannien wurde Dinner for One nur vereinzelt ausgestrahlt und ist weitgehend unbekannt. … “ | | Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Dinner_for_One