• Welcome to COMMUNICATIONS LASER #17. Please log in.

[Kulturpessimismus (Debatten, Fixpunkte & Notizen)... )

Started by Textaris(txt*bot), February 03, 2026, 10:36:10 AM

Previous topic - Next topic

0 Members and 1 Guest are viewing this topic.

Textaris(txt*bot)

... Der Eindruck, dass Kultur und Staat verfallen, hat schon einmal zur faschistischen Verrohung beigetragen. Geschieht das jetzt wieder? ... Zum pathologische Syndrom des politischen Ressentiments ... Es ist gut, daran zu erinnern, wie leicht aus einer Demokratie eine Diktatur werden kann ... [So] wurde der Faschismus 1933 in Deutschland nicht primär materiell befeuert, durch die Wirtschaftskrise, sondern er war ideell, sprachlich, rhetorisch, kulturell vorbereitet. ... Hass widerstehen, Paranoia von legitimer Sorge trennen - das ist die massenpsychologische Aufgabe, an der die Demokratie sich beweisen muss. ... Mit Sprüchen wie "Amerika First" ... sind wir doch genau da, wo die Welt 1913 war. ...

-

Quote[...] Als Rinnsteinrede wird heute eine Rede des deutschen Kaisers Wilhelm II. vom 18. Dezember 1901 bezeichnet, in der er seine ablehnenden Vorstellungen über zeitgenössische Kunst darlegte. Diese hielt er im Berliner Schloss vor Künstlern, die an den Herrscherstandbildern in der Berliner Siegesallee mitgewirkt hatten. Am bekanntesten wurde seine Formulierung von der Kunst, die in den Rinnstein niedersteigt, bezogen auf den Naturalismus in der Literatur und in der Malerei.

... In seiner Rede würdigte Kaiser Wilhelm II. zunächst die Leistungen der Bildhauer und betonte, dass er zwar im Gespräch mit diesen seine Vorstellungen über die Standbilder mitgeteilt habe, ihnen aber in Details die Freiheit gelassen habe, die sie bräuchten.

... Dann legte er seine Vorstellungen über eine ideale Kunst dar, wie sie in der Antike und in der Renaissance bestanden hätten.

    ,,(...) hier herrscht auch ein ewiges, sich gleich bleibendes Gesetz; das Gesetz der Schönheit und Harmonie, der Ästhetik. Dieses Gesetz ist durch die Alten in einer so überraschenden und überwältigenden Weise, in einer so vollendeten Form zum Ausdruck gebracht worden, daß wir in allen modernen Empfindungen und allem unseren Können stolz darauf sind, wenn gesagt wird bei einer besonders guten Leistung: »Das ist beinahe so gut, wie es vor 1900 Jahren gemacht worden ist.«"

Unmittelbar danach nahm er Bezug zur zeitgenössischen bildenden Kunst:

    ,,(...) Unter diesem Eindrucke möchte Ich Ihnen dringend ans Herz legen: noch ist die Bildhauerei zum größten Teile rein geblieben von den sogenannten modernen Richtungen und Strömungen, noch steht sie hoch und hehr da - erhalten Sie sie so, lassen Sie sich nicht durch Menschenurteil und allerlei Windlehre dazu verleiten, diese großen Grundsätze aufzugeben, worauf sie auferbaut ist!

    Eine Kunst, die sich über die von Mir bezeichneten Gesetze und Schranken hinwegsetzt, ist keine Kunst mehr, sie ist Fabrikarbeit, ist Gewerbe, und das darf die Kunst nie werden."

Mit den Gesetzen und Schranken meinte Wilhelm II. jedoch die von ihm vorher formulierten ewigen Gesetzmäßigkeiten, nicht eigene Erlasse und Gesetze, wie es später manchmal missverstanden wurde.

Danach formulierte er seine Vorstellungen der Ziele von zeitgenössischer Kunst

    ,,(...) Die Kunst soll mithelfen, erzieherisch auf das Volk einzuwirken, sie soll auch den unteren Ständen nach harter Mühe und Arbeit die Möglichkeit geben, sich an den Idealen wiederaufzurichten."

Nur noch in Deutschland seien diese Ideale erhalten geblieben, während sie anderen Völkern mehr oder weniger verloren gegangen sind..

Am bekanntesten wurden seine Äußerungen zum Naturalismus in der Kunst ,,Wenn nun die Kunst, wie es jetzt vielfach geschieht, weiter nichts tut, als das Elend noch scheußlicher hinzustellen, wie es schon ist, dann versündigt sie sich damit am deutschen Volke."

Die Kunst solle erheben,  ,,(...) statt daß sie in den Rinnstein niedersteigt."

Wilhelm II. versuchte auch etwas Verständnis zu zeigen, allerdings mit einer klaren Maßregelung.

    ,,Ich verkenne keinen Augenblick, daß mancher strebsame Charakter unter den Anhängern dieser Richtungen ist, der vielleicht von den besten Absichten erfüllt ist, er befindet sich aber doch auf falschem Wege. Der rechte Künstler bedarf keiner Marktschreierei, keiner Presse, keiner Konnexionen."

... Der Publizist Maximilian Harden schrieb in einem Brief an Rainer Maria Rilke

    ,,Lebten wir nicht in Deutschland, so müßte ein ernster Protest erhoben und von allen, die auf Kultur halten, unterzeichnet werden. Aber wir leben in Deutschland!"

Die Satirezeitschrift Simplicissimus widmete den größten Teil einer Ausgabe mit Karikaturen und Texten den Inhalten der Rede. Darin hieß es zum Beispiel

    ,,Im klassischen Altertum gab es weder Rinnsteine noch Zeitungen. Deshalb konnte damals die moderne Richtung nicht aufkommen, die bekanntlich in den Rinnstein hinabsteigt und sich von Zeitungen nährt."

Der Begriff Rinnsteinkunst wurde danach von einigen Künstlern sarkastisch verwendet. Der Dichter Hans Ostwald veröffentlichte Anfang des 20. Jh. Lieder aus dem Rinnstein mit Lyrik aus verschiedenen Jahrhunderten zu sozialen Themen ...

... Diese Rede Wilhelms II. blieb seine einzige bekanntere mit Ansichten über die moderne Kunst. Sie wurde als ähnlich ungeschickt bewertet wie die vorherige aggressive Hunnenrede von 1900 und seine Äußerungen in der Daily-Telegraph-Affäre von 1908.

... Der Naturalismus und weitere moderne Kunstrichtungen waren damit von höchster Stelle missbilligt. Sie entwickelten sich jedoch trotzdem weiter, seitdem immer mit dem Hauch von Opposition gegen die herrschenden Ansichten. Es gab aber keinerlei praktische Beschränkungen gegen die attackierten Kunstrichtungen und Künstler.

In den 1930er Jahren hatte dagegen eine Zuordnung als angeblich entartete Kunst gravierende Auswirkungen auf das Leben von Künstlern, ebenso auf die noch verbliebenen erlaubten Kunstformen. Auch in der DDR gab es besonders nach der Bitterfelder Konferenz von 1964 massive Einschränkungen der künstlerischen Freiheiten, entsprechend der ästhetischen und ideologischen Vorstellungen der Regierenden.

...


https://de.wikipedia.org/wiki/Rinnsteinrede (22. November 2025)

-

Quote[...]  Bereits kurz nach Beginn seiner zweiten Amtszeit machte Donald Trump klar, dass er eine möglichst umfassende Kontrolle über die Kunst- und Kulturszene anstrebt, um auch in diesem Bereich den von ihm ausgerufenen Kampf gegen "Wokeness" und vermeintlich unamerikanische Tendenzen in der Gesellschaft zu führen. Das Kennedy Center war Trump schon lange ein Dorn im Auge. Dort wurde all das gefeiert, was ihm verhasst ist – Diversität, Gleichheit, Inklusion, also Konzepte, die konträr zu seinem Vorhaben stehen, Amerika an die erste Stelle zu setzen und wieder "groß" zu machen.

... Als erstes tauschte Trump die gesamte Führungsebene des Kennedy Centers aus und ernannte sich selbst zum Vorsitzenden. Mit Richard Grenell, dem früheren US-Botschafter in Berlin, setzte er einen Interimspräsidenten ein, der ganz auf seiner Linie liegt. Außerdem kündigte er an, das Programm des Kulturzentrums stärker auf patriotische, pro-amerikanische Angebote auszurichten.

... Im Bereich der Kulturförderung setzt die US-Regierung ihr Vorhaben einer patriotischen Kultur entschlossen um. So stoppte Donald Trump bereits kurz nach seiner Amtseinführung alle Zuschüsse für den National Endowment for the Arts (NEA). Aus diesem staatlichen Fördertopf für Kunst und Kultur wurden zuvor Projekte, Gruppen, Theaterhäuser, Ausstellungen und Konzerte im ganzen Land unterstützt. Trump legte fest, dass fortan schwerpunktmäßig "patriotische" Projekte im Hinblick auf den 250. Geburtstag der USA im Jahr 2026 gefördert werden sollten.

... Trump verlangt, dass "die amerikanischen und westlichen Werte" nicht länger als "schädlich und unterdrückerisch" dargestellt werden dürfen.


Aus: "Trumps Kulturpolitik: Patriotismus statt Vielfalt in den USA" (30. Dezember 2025)
Quelle: https://www.amnesty.de/informieren/amnesty-journal/usa-nationalismus-kulturkampf-donald-trump-wokeness-vielfalt

-

Quote[...] In seiner Dissertation ,,Kulturpessimismus als politische Gefahr", 1963 auf Deutsch erschienen, analysierte Stern das völkisch-irrationale Denken, das dem Nationalsozialismus Vorschub leistete. ... Er ließ nie einen Zweifel an der Tiefe des Zivilisationsbruchs, den der Nationalsozialismus verursacht hat. ...


Aus: "Fritz Stern wird 90: Das schöne Wort von der "zweiten Chance"" Hermann Rudolph (02.02.2016)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/das-schone-wort-von-der-zweiten-chance-6621859.html

-

Quote[...] Als Historiker schrieb [Fritz Stern] über Bismarck, dessen Bankier Bleichröder und über die völkisch-nationalistischen Vordenker Adolf Hitlers (Kulturpessimismus als politische Gefahr). In seiner ebenso brillanten wie berührenden Autobiografie Fünf Deutschland und ein Leben verwob er seine Lebensgeschichte mit unvergesslichen Porträts der Weimarer Republik, des Dritten Reiches, der Bundesrepublik, der DDR und des wiedervereinigten Deutschlands. Und er wurde zum rastlosen Mittler zwischen seiner alten deutschen und der neuen amerikanischen Heimat.

Am Ende seines Lebens ("im Schatten und auf dem Schutt des 20. Jahrhunderts", wie er sagte) trieb ihn die Sorge um, dass der Freiheit aufs Neue politische Gefahr drohe. Wie sein Freund Ralf Dahrendorf war ihm schon immer bewusst, dass das pathologische Syndrom des politischen Ressentiments älter ist als der Nationalsozialismus und dass es diesen zugleich überlebt hat. Doch nun sah er, wie die unheilvollen Kräfte der Vergangenheit in manchen europäischen Staaten wieder Geltung erlangen; Le Pen, Orbán, Kaczynski, Wilders, die AfD gewannen an Boden. Vor allem jedoch musste er erkennen, dass ein aufgeheizter Nationalismus auch in Amerika Fuß zu fassen begann. "Ich glaube, wir stehen vor einem neuen, illiberalen Zeitalter", sagte er kurz vor seinem Tode. [...]

... Liberalismus – oft verwechselt mit dem radikalkapitalistischen Neoliberalismus – sei zum Schimpfwort geworden, klagte [Fritz Stern]; die Errungenschaften der Aufklärung – Toleranz, politische Vernunft und wissenschaftliche Vermittlung – seien in Verruf geraten. Der Schwächen des Liberalismus war er sich wohl bewusst, doch hielt er ihn für unentbehrlich, lebensnotwendig und reparierbar. Realistische, unverklärte Kritik an den herrschenden Zuständen kann, davon war er überzeugt, der Gestaltung einer besseren Welt dienen. In der Ablehnung der Moderne hingegen, der Flucht in engstirnigen Nationalismus, in Emotionalität anstelle der Rationalität, nicht zuletzt in die Verherrlichung unumschränkter Machthaberei und die Verdammung aller Institutionen erblickte er die Wiederkehr jenes völkischen Ungeistes, der Hitlers Deutschland in die Katastrophe geführt hat.

Für Donald Trump – "ein absolut amoralischer Kerl, der mit Geld und Ignoranz protzt" – hatte Fritz Stern nur Verachtung übrig. Der Triumph des 45. amerikanischen Präsidenten ist ihm erspart geblieben.

...


Aus: "Von der Zerbrechlichkeit der Freiheit" Aus einer Kolumne von Theo Sommer (7. Februar 2017)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/2017-02/fritz-stern-historiker-usa-nationalismus-donald-trump-5vor8/komplettansicht

Quotethe monster
7. Februar 2017 um 18:43 Uhr

Mein Großvater hatte jüdische Eltern. Er konvertierte zum Protestantismus. Er war erzkonservativ und ein treuer Monarchist. Er hatte jede Menge kaiserliche Orden aus dem 1. Weltkrieg. Er verehrte Hindenburg und glaubte, dass der Hitler schon zur Räson bringen werde. Und dann gab es noch die, die der Meinung waren, man müsse doch fair sein und Hitler zumindest eine Chance geben zu zeigen, was er wirklich tun wird.

Haben die Leute diese Phasen in der deutschen Geschichte vergessen, wenn sie Trump in Schutz nehmen und loben ihn, weil er seine Wahlversprechen im Gegensatz zu seinen div. Vorgängern tatsächlich umsetzt? Ist allein das lobenswert?

... Mit Sprüchen wie "Amerika First" ... sind wir doch genau da, wo die Welt 1913 war.


Quotestaasdieter
7. Februar 2017 um 11:54 Uhr

Freiheit ist nicht teilbar, das haben Stern und Sommer wohl übersehen. Sie umfasst auch auch die Freiheit von existenziellen Sorgen. Das wird auch in den Wirtschaftswissenschaften so gelehrt. Da gibt es die Maslowsche Pyramide; ganz oben in der Spitze findet sich die Freiheit, aber nur, wenn die aufbauenden Fundamente vorhanden sind (u. a. Sicherheit), sonst liegt sie zertrümmert am Boden. Und es ist auch nicht das Ressentiment, das die Freiheit bedroht, sondern immer nur die Gier. Und alles, was Freiheit verwirklichen will, muss diese Gier reglementieren. Man könnte daher sagen, Freiheit hat einen sozialdemokratischen Kern (womit nicht die SPD gemeint ist). Wer sie weiter fassen will, etwa um auch die US-Gesellschaft einzuschließen, der muss auch Formen des moderierten Bürgerkriegs zur Freiheit zählen. Die Gier wird in diesem Fall dadurch im Schach gehalten, dass man schon an der nächsten Straßenecke in den Lauf einer .45er schauen kann. Und ob das Allianz-Forum, quasi das Zentrum der institutionalisierten Gier, wirklich geeignet ist, Freiheit zu definieren, würde ich ganz arg bezweifeln. Sie sind auf dem falschen Weg, Herr Sommer. Ihre exklusive Freiheit für 20/30% der Bevölkerung funktioniert nicht.


QuoteGewida
7. Februar 2017 um 13:37 Uhr

Was würde in Deutschland geschehen, wenn sich ein dramatischer wirtschaftlicher Einbruch mit sehr vielen Arbeitslosen einstellen würde? Ich bin überzeugt, dass sich dann verschiedene Bevölkerungsgruppen gegenseitig die Schuld zuweisen würden, dass massive Protestaktionen erfolgen würden, das Vertrauen in Politik und Demokratie verloren gehen würde. Im Ergebnis ist bei einem solchen Szenario zu erwarten, dass sich auch hier autokratische Verhältnisse einstellen würden.


QuoteDer deutsche Leidindex Dachs
7. Februar 2017 um 11:55 Uhr

Das Problem bei Fritz Stern, Reinhold Niebuhr et. al. war gewesen, daß sie die geschichtlichen Entgleisungen als ein rein deutsches Problem betrachteten.

Und wenn die Deutschen irgendwie von Natur aus "anders" sind als der "normale" Rest der Menschheit, braucht letzterer auch keine Lehre aus der Geschichte vom Versagen der deutschen Demokratie zu ziehen.

Zumindest war das die verkürzte Rezeption der damaligen Realpolitik: Man glaubte, Weltfrieden, Gewaltfreiheit, Demokratie und Harmonie wären gewährleistet, wenn man die notorischen "Störenfriede" Deutschland, Italien und Japan besiege und hernach dauerhaft niederhalte. Wie wir heute wissen, haben Kriege und Konflikte seither nicht aufgehört. Stattdessen haben nun andere "Feinde der Menschheit" das Zepter des Bösen übernommen.


QuoteK. Hofer
7. Februar 2017 um 11:33 Uhr

Daß der Begriff des Liberalismus im Zuge des radikalkapitalistischen Neoliberalismus in Mißkredit geraten ist, beruht vor allem auch auf einem daraus resultierenden fehlerhaften Verständnis von Liberalismus selbst.
Der Irrweg des wirtschaftlichen Neoliberalismus basiert auf der Fehlvorstellung, daß sich Märkte ohne Rückgriff auf staatliche Kontrollmechanismen zugunsten des Gemeinwesens von selbst regulieren. Dieser Irrweg mündete in der Finanz- und Wirtschaftskrise.

Der Irrweg des gesellschaftlichen Neoliberalismus basiert auf der irrigen Annahme, daß eine freiheitliche und demokratische Gesellschaft per se so attraktiv sei, daß diese auch deren Gegner gleichsam automatisch von ihren Errungenschaften überzeugen werde, sodass auf eine konsequente Durchsetzung stringenter rechtsstaatlicher Prinzipien de facto verzichtet werden könne. Dieser gesellschaftliche Neoliberalismus äußert sich in einer falsch verstandenen Toleranz auch gegenüber dem Intoleranten und damit in einem bloßen Gewährenlassen.

Eine tatsächlich liberale Gesellschaft zeichnet sich jedoch nicht durch passive Permissivität in Gestalt einer falsch verstandenen Toleranz oder gar der Akzeptanz von Wertvorstellungen aus, die freiheitlichen Errungenschaften widersprechen, sondern durch die konsequente Orientierung an rechtsstaatlichen Prinzipien und deren stringenter Umsetzung. Denn tatsächlicher Liberalismus ist ohne das Fundament eines starken und gegenüber seinen Feinden wehrhaften Rechtsstaates nicht denkbar.


QuoteGladbuster
7. Februar 2017 um 10:03 Uhr

Die Totengräber der Freiheit sind diejenigen, die Liberalität mit Laissez-faire verwechseln, die bestehendes Recht nicht anwenden oder gar verleugnen, die Realitäten relativieren und vertuschen und dem Bürger mit einer Unverfrorenheit gegenüber treten, die an Arroganz und Herablassung nicht zu übertreffen ist.

Le Pen, Orbán, Kaczynski, Wilders, die AfD und letztlich Trump sind Symptome, nicht Ursachen für die Rückkehr der Gespenster der Vergangenheit. Die treten immer dann auf, wenn die Leute das Gefühl haben, dass ihnen die Kontrolle über ihre Gesellschaft entgleitet.


QuoteNureinLeser
7. Februar 2017 um 10:54 Uhr

Zumal man den Eindruck hat, dass der kulturellen Identität der neu angekommenen mehr Aufmerksamkeit schenkt, als denen, "die schon länger hier leben".


Quotevincentvision
7. Februar 2017 um 09:41 Uhr

Natürlich sind nicht alle besorgt kritischen Bürger Nazis oder Rassisten.

Aber, sie sind viel zu schnell bereit, ihr rationales Denken, ihre Vernunft und ihre Aufklärung auf dem schmutzigen Altar der nationalistisch rassistsichen Polulisten zu opfern.

Aufgrund von übertriebenen Ängsten, aufgrund von machtlosen Rachegefühlen, aufgrund von tiefsitzenden Ressentiments.

Und sie haben einen großen Teil der Schuld an den momentanen Zuständen, wenn sie sich so erfolgreich von skrupellosen Spaltern an der Nase herumführen lassen.

Und nein, es sind nicht die Eliten, die Medien. die Politiker oder alle zusammen.
Bei ihnen selber fängt es an, bei ihrer Trägheit im Denken, bei ihrer Irrationalität und bei ihrer Verführbarkeit.
Denn sie hatten und haben Chancen wie nie, aus dem Vollen dieses Systems zu schöpfen, gerade hier in Deutschland.

Sie haben breiten Zugang zu allen Informationen, werden finanziell zum großen Teil aufgefangen, haben ein exzellentes Gesundheitssystem, Gewaltenteilung, Widerspruchsmöglichkeiten des Rechtsstaats und eine immer noch sehr kritische Presse.

Und dass sie dies alles nicht mehr sehen wollen und können, dass sie dann gerade den vermeintlich einfachsten Weg der Abgrenzung und des Hasses gehen, muss zuallererst sie selber beschämen.


Quotealraschid
7. Februar 2017 um 09:15 Uhr

Danke Herr Sommer: "Donald Trump ...... wird man nicht einfach mit Gelassenheit hinnehmen können."

Es ist gut, daran zu erinnern, wie leicht aus einer Demokratie eine Diktatur werden kann, denn allzu viele Menschen haben keine Erinnerung daran und nicht einmal das Wissen davon, wie es schon einmal in unserem Land geschehen ist.

Wenn man weiß, dass die NSDAP noch 1928 weniger als drei Prozent aller Wähler für sich gewinnen konnte (vor dem Crash vo 1929) und schon 1930 zur stärksten Partei in Deutschland wurde, und dass sie dafür nichts anderes brauchte als blanke Hassparolen gegen das politische Establishment, dann kann man verstehen, wie das Rezept für Doalld Trump aufgehen kann.

Er benutzt exakt dieselbe Taktik.

Dabei darf nicht übersehen werden, dass das politische Establishment mit Verantwortung dafür trägt, wie es dazu kommt.

Für die Menge sind einfache Schlagworte wirksamer als Erklärungen, einfache Botschaften, und seien es die zynischste Lügen, glaubwürdiger, als noch so gut durchdachte Programme.

Im Zentrum der Auseinandersetzung steht das Ringen um Glaubwürdigkeit vor einem mehrheitlich naiven Publikum.

Trump kan damit durch, seine Gegnerin unermüdlich als die "lügende Hillarry" hinzustellen.

Dass er selbst der größte Lügner war und ist, wurde nie zum beherrschenden Thema der demokratischen Bewerberin. ...


-

Quote[...] 1999, ein Jahr nach Martin Walser mit seiner umstrittenen Preisrede, bekam der deutsch-amerikanische Historiker Fritz Stern den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Stern hatte als 12-jähriger Junge 1938 das nationalsozialistische Deutschland verlassen müssen, weil er Jude ist, er lebt in New York und lehrt an der Columbia Universität.

Ihn trieb und treibt deutsche Geschichte in ganz anderer Weise um als Walser, ein Begriff wie die ,,Auschwitzkeule" käme ihm sicher nicht über die Lippen. Zu seinen bekanntesten Werken zählt neben der Doppelbiographie über Bismarck und seinen jüdischen Bankier Gerson Bleichröder die Untersuchung über die Rolle des sog. Kulturpessimismus bei der Entstehung nationalsozialistischer Herrschaft aus den frühen 60er Jahren. Diese oft als Klassiker bewertete Studie, die im wesentlichen aus den Monographien drei fast vergessener, zu ihrer Zeit aber einflussreicher deutscher Autoren besteht, wurde nun bei Klett Cotta wieder aufgelegt. Das ist auch deshalb verdienstvoll, weil nicht nur Stern selbst in Gestalt des christlichen Fundamentalismus vor allem in den USA eine neue Variante dieser kulturpessimistischen Ideologie auf gefährliche Weise vordringen sieht. Hans Martin Lohmann hat Sterns Buch für uns gelesen:

Gestalten wie Paul de Lagarde, Julius Langbehn und Arthur Moeller van den Bruck, obwohl im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts viel gelesene und -diskutierte Autoren, sind heute kaum noch dem Namen nach bekannt. Als der amerikanische Historiker sich vor rund einem halben Jahrhundert mit ihnen und ihrem schriftstellerischen Werk beschäftigte, lag das Ende des Nationalsozialismus und des europäischen Faschismus erst wenige Jahre zurück. Nicht nur Stern, der 1938 Deutschland verlassen musste und in den USA Zuflucht gefunden hatte, trieb damals die Frage um, wie es in Deutschland dazu hatte kommen können, dass sich ein Großteil der Bevölkerung für eine Politik begeisterte, die hemmungslos nationalistisch, antiliberal, antidemokratisch und antisemitisch war und am Ende in die größte Katastrophe der deutschen Geschichte mündete. Während seine Fachkollegen die Ursachen dieser Katastrophe entweder in einem ,,deutschen Sonderweg" oder abwechselnd im Versagen der Weimarer politischen Institutionen, im Diktat des Versailler Vertrags und in der fatalen Rolle von Großindustrie und Finanz suchten – was ja alles nicht falsch war –, holte Stern weiter aus, indem er einen um die Jahrhundertwende virulenten Kulturpessimismus ausmachte, der in seiner spezifisch deutschen Ausprägung überaus wirkungsvoll war und vom Nationalsozialismus ohne Anstrengung in seinem Sinne assimiliert werden konnte. Stern geht von einer verbreiteten Unzufriedenheit hinsichtlich der kulturellen Identität und Eigenart der Deutschen und von scharfen antiwestlichen Ressentiments aus, die völkische Autoren wie Lagarde, Langbehn und Moeller van den Bruck in ihren Schriften mehr oder weniger eindrucksvoll artikulierten.

Paul de Lagarde wurde 1827 als Paul Anton Bötticher in Berlin geboren. Nach dem Studium der Theologie und der Philologie wurde er schließlich Professor in Göttingen, wo er sich zunehmend der Politik zuwandte und im Laufe der Jahre zu einem der bekanntesten Kulturkritiker im kaiserlichen Deutschland avancierte. In seinen ,,Deutschen Schriften" versuchte er, das deutsche Volk vor den neuen, schrecklichen Gefahren zu warnen, die sein ,,wahres Wesen" vernichten und schließlich Deutschland selbst zerstören würden. Überall beobachtete Lagarde Verfall und Verrat, begangen von den Juden, den Liberalen und den Akademikern. Für die realen Ungerechtigkeiten, die der Kapitalismus hervorbringt, für die Ausbeutung und Entrechtung der Arbeiter interessierte er sich herzlich wenig, dafür umso mehr für das Wirken der Juden und der Liberalen, die er im Sinne einer allgegenwärtigen Verschwörung für die Übel dieser Welt verantwortlich machte. Als er 1891 starb, hinterließ er eine Reihe von Schriften und Polemiken gegen den ,,Zeitgeist" des Mammon, des Kommerzes und der jüdischen Unterwanderung des Pressewesens. Über die Juden schrieb Lagarde:

,,Mit Trichinen und Bazillen wird nicht verhandelt, Trichinen und Bazillen werden auch nicht erzogen, sie werden so rasch und so gründlich wie möglich vernichtet. "

Niemand, so Sterns Urteil, habe Hitlers Vernichtungswerk so genau vorhergesagt und so entschieden im Voraus gebilligt. Ein Jahr vor Lagardes Tod, 1890, erschien das Buch ,,Rembrandt als Erzieher". Sein Autor Julius Langbehn, 1851 in der Nähe von Schleswig geboren, hatte Kunst und Archäologie studiert, aber nach einer Karriere als ,,ewiger Student" nie wirklich beruflich Fuß fassen können. Sein einziger schriftstellerischer Erfolg blieb das Buch über Rembrandt, das innerhalb von zwei Jahren 39 Auflagen erreichte. Kern und Thema des Werkes ist der rabiate Angriff auf die Modernität und alle rationalistischen und wissenschaftlichen Traditionen.

Langbehns Rembrandt, eine Kunstfigur, die wenig mit dem wirklichen Rembrandt zu tun hat, steht für den Affekt gegen das Klassische und für die Sehnsucht nach einer Art von Primitivismus, in dem elementare menschliche Leidenschaften freigesetzt werden, die in eine neue germanische Kultur münden. Ähnlich wie Lagarde attackierte auch Langbehn nicht die tatsächlichen Ursachen der sozialen Nöte seiner Zeit, sondern lenkte sein Unbehagen auf diffuse Phänomene wie Intellektualismus und Kosmopolitismus, welche wiederum mit dem Judentum verbunden wurden. Interessant ist, dass in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts Langbehns Kulturkritik zunehmend mit derjenigen Friedrich Nietzsches gleichgesetzt wurde, obwohl gerade dieser es war, der dem Antisemitismus mit tiefster Verachtung begegnete.

Der Dritte in der Reihe prominenter Kulturkritiker war Moeller van den Bruck, geboren 1876 in Solingen. Er führte ein unstetes Wanderleben, drückte sich vor dem Militärdienst, indem er sich ins Ausland absetzte, und versuchte sich als freier Schriftsteller zu etablieren. Als Zeitgenosse der Weimarer Republik, die er wie alle Völkischen und Nationalen ablehnte, erstrebte er die Überwindung der in soziale Klassen und politische Parteien gespaltenen deutschen Nation durch die Propagierung eines ,,Dritten Reiches", in dem alle Gegensätze aufgehoben sein sollten. Der gleichnamige Titel seines Buches, 1923 erschienen, knüpft an die mittelalterliche mystische Lehre des Joachim von Fiore an, in welcher das Dritte Reich als das Reich der Erlösung und Vollendung gedacht wird. Moellers Buch konnte freilich auch direkt mit der Idee spielen, dass nach dem Untergang des ersten und der Zerstörung des zweiten Reiches, des Bismarckschen, nun eben ein drittes Reich auf der Tagesordnung stehe. Hauptfeind solchen Bestrebens war natürlich auch hier, neben der Linken, der allgegenwärtige Liberalismus:

,,Der Liberalismus ist der Ausdruck einer Gesellschaft, die nicht mehr Gemeinschaft ist. Liberalismus hat Kulturen untergraben. Er hat Religionen vernichtet. Er hat Vaterländer zerstört. Er war die Selbstauflösung der Menschheit. "

Fritz Sterns einfühlsame Beschäftigung mit herausragenden Vertretern eines völkischen Irrationalismus fördert einen intellektuellen Typus zutage, dessen Verzweiflung an den Aporien und Widersprüchen der Moderne geradewegs zur Zerstörung jener Kultur führte, deren Bewahrung er zu verteidigen vorgab. Obwohl keineswegs nur ein deutsches, sondern ein europäisches Phänomen – man denke etwa an Figuren wie Charles Maurras und Maurice Barrès in Frankreich oder an den Spanier Miguel de Unamuno –, erzeugte dieser Typus vor allem in Deutschland ein geistiges Milieu, auf das der Nationalsozialismus ohne weiteres zurückgreifen konnte. Stern zufolge waren Lagarde, Langbehn und Moeller einerseits begabte Autodidakten, die unfähig waren, ihrem Unbehagen in der Kultur eine klare politische und soziale Kontur zu verleihen, andererseits religiöse Heilssucher, die den Deutschen den Kultus des Gefühls und des Irrationalen predigten, während sie gegen die Ideen der Aufklärung und der Französischen Revolution zu Felde zogen. Auf die überdeutlichen Parallelen zur nationalsozialistischen Ideologie muss nicht eigens hingewiesen werden.

Im Vorwort zur deutschen Neuausgabe seines Buches notiert Stern, dass der religiöse Fundamentalismus in den heutigen USA eine ganze Reihe von Merkmalen zeige, die ihn mit dem älteren europäischen Kulturpessimismus verbindet: Hauptfeind der religiösen Rechten sei auch heute wieder der Liberalismus, der im Namen eines religiösen Heilsversprechens und eines vorwissenschaftlichen Weltbildes bekämpft werde. Insofern muss man Sterns brillant-subtiler Analyse des politischen Ressentiments leider bescheinigen, dass sie auch ein halbes Jahrhundert nach ihrer Entstehung von erschreckender Aktualität ist.

Zu: ,,Kulturpessimismus als politische Gefahr" von Fritz Stern, aus dem Amerikanischen von Alfred P. Zeller übersetzt, erschienen im Verlag Klett Cotta.


Aus: "Kulturpessimismus gestern und heute" Hans-Martin Lohmann (12.12.2005)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/kulturpessimismus-gestern-und-heute-100.html

-

Quote[....] Paul de Lagardes Deutsche Schriften, Julius Langbehns Rembrandt als Erzieher und Arthur Moeller van den Brucks Das dritte Reich waren Bestseller im deutschen Bürgertum des ersten Jahrhundertdrittels. "Oft sehr scharf und durchaus zu Recht" hätten sie Schwächen deutscher Kultur und deutschen Geisteslebens angezeigt, schreibt Stern in seiner Einleitung. "Pathologisch" sei ihre Kulturkritik dadurch geworden, dass die Autoren ihre persönlichen, teils psychologisch begründeten Ängste auf eine ganze Nation projiziert und damit begonnen hätten, rücksichtslose, brutale Reformen vorzuschlagen. "Sie konnten das Übel, das sie diagnostizierten und in ihrem eigenen Leben erfuhren, nicht bannen, und so suchten sie Propheten zu werden, einen Weg zur nationalen Wiedergeburt aufzuzeigen. (...) Als Ethiker und Wahrer dessen, was sie als altüberkommene Tradition ansahen, bekämpften sie die sich stetig ausbreitende Modernität, die wachsende Macht von Liberalismus und Verweltlichung. Sie stellten all das zusammen, was an der industriellen Zivilisation Deutschlands unbefriedigend war, und warnten eindringlich vor dem Verlust von Glauben, Einheit und 'kulturellen Werten'."

Traditionalismus, Rekurs auf die Heimat und Identität, ein teils wirrer Bezug auf "Werte", all das sind Dinge, die in den vergangenen acht Jahren immer lärmender geworden sind. Kann man die Bücher, die vom angeblichen kulturellen Selbstmord europäischer Nationen handeln und zu nationalen Bestsellern wurden, von Thilo Sarrazins Deutschland schafft sich ab über Éric Zemmours Le Suicide français bis zu Douglas Murrays The Strange Death of Europe, in eine Reihe mit den Werken Lagardes, Langbehns und Moeller van den Brucks stellen? Gemessen an ihrer Wirkung durchaus.

Das heißt gerade nicht, dass Thilo Sarrazin in seinem Buch von 2010 dem Faschismus das Wort geredet habe. Fritz Sterns Blick auf die Vorgeschichte des Nationalsozialismus zeigt, wie geistige Werke eine präfaschistische Gereiztheit zugleich hervorrufen, aufsaugen und verstärken können, auch wenn sie selbst keine ausgesprochen faschistischen Intentionen hegen. Fatal am Wirken der rechten Kulturpessimisten war ihre düstere, eskalierende Prophetie. Sie bereitete einer gesellschaftlichen Dynamik den Weg, die nach der Wirtschaftskrise von 1929 kaum mehr zu kontrollieren war. In diesem Licht kann man durchaus behaupten, dass die sich überbietende Rede von "Rechtsbruch", "Unrechtsstaat" und "illegaler Masseneinwanderung", die in unterschiedlicher Intensität seit 2015 von AfD und CSU geführt wird, präfaschistische Züge trägt.

Viele Amerikaner sind in ihrem Urteil über ihr eigenes Land bereits zwei Schritte weiter als Naika Foroutan in ihrem über Deutschland. Unter linken Amerikanern gilt es längst als Gemeinplatz, dass Donald Trump ein "Faschist" und viele seiner Maßnahmen "faschistisch" seien. [...]

... Die Resilienz einer parlamentarischen Demokratie misst sich nicht nur daran, ob ihre typischen Charakteristika wie Gewaltenteilung, freie Wahlen, unabhängige Medien formal existieren oder nicht. Die Frage ist, wie legitim solche Institutionen sind und ob ihre Integrität von den Regierenden und der Bevölkerung im Alltagsgeschäft geachtet wird. Erosionsprozesse sieht man derzeit auch in Österreich, wo Innenminister Kickl von der FPÖ verhohlene Drohungen gegen die Medien ausspricht. Und wenn deutsche Verwaltungsbeamte sich bei der Abschiebung eines Asylbewerbers über das Urteil von Verwaltungsgerichten hinwegsetzen, ist das ein kleines, aber sicher kein gutes Zeichen. Wenn Historiker die Delegitimierung der Demokratie im frühen 21. Jahrhundert untersuchen werden, dann wird auch die Umgehung gewählter Parlamente in vielen Krisenentscheidungen seit 2008 interessant sein.

Autoritäre Systeme des 21. Jahrhunderts sehen selbstverständlich anders aus als die des 20. Jahrhunderts; jede politische Epoche bildet ihre eigenen Regime heraus. Das betont auch der britische Historiker Geoff Eley in seinem 2016 verfassten Aufsatz Fascism Then and Now. Für ihn liegt der größte Unterschied zwischen damaligen und gegenwärtigen Faschisten – möglicherweise derjenige, der unsere heutigen Präfaschisten noch von klar erkennbaren Faschisten trennt – in ihrem Bezug zur Zukunft.

Der Faschismus der Zwanzigerjahre war ein optimistischer. Er geschah nach der Katastrophe, die er im Ersten Weltkrieg erkannte, und wollte einen neuen Menschen schaffen, setzte auf unrealistische Heldentaten und radikale Modernität. Das dominierende Denken der europäischen Rechtspopulisten von heute ist – bisher jedenfalls – ein pessimistisches: Es geht ihnen (noch überwiegend) darum, eine vermeintliche Katastrophe durch Einwanderung, Gendertheorie und Postkolonialismus abzuwenden. In ihr katastrophisches Denken mögen auch unbewusste Ängste vor dem Klimawandel und einer außer Kontrolle geratenden Digitalisierung hineinspielen; wahrscheinlich merken sie nicht, dass sie der blinde Fleck ihrer Ideologeme sind. Ängste durcharbeiten, Hass widerstehen, Paranoia von legitimer Sorge trennen. Das ist die massenpsychologische Aufgabe, an der die Demokratie sich beweisen muss.


Aus: "Jeder Faschismus ist anders" Tobias Haberkorn (31. Juli 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2018-07/praefaschismus-deutschland-zwanziger-jahre-kultur-pessimismus-naika-foroutan/komplettansicht

QuoteGelöschter Nutzer 12664
31. Juli 2018 um 19:03 Uhr

> Der Eindruck, dass Kultur und Staat verfallen, hat schon einmal zur
> faschistischen Verrohung beigetragen. Geschieht das jetzt wieder?

Wer wäre es, wenn man die Regierungsparteien der letzten 30 Jahren fragen würde, die mit Hochdruck daran arbeiten, dass solche Zustände heute immer weiter zunehmen. Und zwar europaweit. So eine selbstzerstörende Politik sucht ihresgleichen. Und gedeckt und befeuert wird das Ganze durch die Medien wie Zeit, Welt, Faz, Spiegel, ...
Die Zeitungen sind quasi der Brandbeschleuniger des Ganzen.

Wer das nicht wahrhaben will, ist einfach blind bzw. dem spreche ich ab, für die nächsten 50 Jahre in die Zukunft zu sehen.

Kurzfassung: Keines der drängenden Probleme des 21 Jh. wird aktuell angegangen. Gedeckt wird das Ganze durch unmündigen Wähler der seinen Hintern im Sessel wund scheuert, während er Dschungelcamp, Bauer sucht Frau und "The Bachelor" schaut und seine nächstes Smartphone über Check24 finanziert.


Quotepadd
2. August 2018 um 04:16 Uhr

@Kosaptes, 1. August 2018 um 11:26 Uhr: "Auf mich wirkt der Artikel wie der Versuch einen Faschismus herbeizuschreiben den es nicht gibt."

Diese Wirkung entsteh bei Menschen, die die rechtsradikalen bis präfaschistischen Ideologien in der AfD vertreten durch ihren Ideologen Herrn Kubitschek, um Herrn Poggenburg, Herrn Höcke und seinen Unterstützern ignorieren und ausblenden. Wenn man die Union als eine linksgrün versiffte Partei wahr nimmt und nicht als eine konservative Partei vor allem der politischen Mitte, die insbesondere durch Angela Merkel und Armin Laschet vertreten wird mit ein einigen Rechtskonservativen, die vor allem durch die CSU oder z.B. durch Jens Spahn vertreten werden, dann geschieht das nur, weil man selbst zumindest dem deutschnationalisten bis präfaschistischen Gedankengut anhängt. Linkskonservative wie früher Norbert Blüm oder Heiner Geißler gibt es doch in der heutigen Union kaum mehr.


QuoteSalamandrina
31. Juli 2018 um 20:04 Uhr

Ich sehe die präfaschistische Phase nicht isoliert, sondern eher als eine weitere Spielart des Postfaktischen, das versucht für das Fundament des Denkens, die Faktizität, ein Äquivalent zu finden.

... [da] das Postfaktische die Fakten für einen Sachverhalt verleugnet (Klimawandel/menschlicher Einfluß), dass sind die Lücken zwischen den Fakten. Früher waren sie so groß, dass da eine komplette Mystik rein passte, der Verbindungsversuch zwischen Mystik und Aufklärung war die Romantik, die meiner Meinung nach einen großen Anteil am werden des Faschismus hatte.
Der Faschismus in Italien wie in Deutschland war, und das kommt oft viel zu kurz, sehr Technologiegetrieben. ...

... War die Technologie für die Führenden existentiell (Buna, Heliummonopol), war sie aus meiner Sicht nur die Bestätigung der Mystik des Faschismus durch den technologischen Fortschritt; der Potenzbeweis. Einfach gesagt, wir glauben an den richtigen Gott (Postfaktizität), also werden wir durch die Technologie begünstigt. Führend für das Volk im deutschen Faschismus war immer die Mystik, deren Fixpunkt die Vorsehung war.


QuoteGelöschter Nutzer 11397
31. Juli 2018 um 19:06 Uhr

Gesellschaftlicher Wandel geht nun mal nicht ohne soziale Disruption. Rückbesinnung Tendenzen gab es nicht nur in der vorfaschistischen Zeit, sie ist qua das einzige was bleibt, wenn eine positive soziale Zukunftsbeschreibung in Zeiten von Wandel fehlt. Wohin soll denn die gesellschaftliche Reise gehen? Diese Frage kann eine Rückbesinnung im Moment - für einige- besser beantworten als die Befürworter von immer mehr und schnelleren Wandel. Letzteren fehlt es an konsistenten und realen Zielbeschreibungen und bei gesellschaftlichen Zielkonflikten schieben Sie jede gestalterische Verantwortung auf das GG. Nur das GG ist keine Ikea Aufbau Anleitung a la ich baue mir eine Gesellschaft, noch sollte es als sozial politisches Orakel herhalten. Anstatt den Reaktionären hinterher zu trauern, sollten man sich mal Fragen ob der gesellschaftliche Wandel auch einen Sinn (oder Zweck) hat oder ob der Wandel reiner Selbstzweck ist, gar nur naive Selbstbestätigung.


QuoteKunigunde53
31. Juli 2018 um 19:00 Uhr

"Deutschland und Europa seien auf dem Weg in eine "präfaschistische Phase", sagte die Berliner Sozialwissenschaftlerin dem Tagesspiegel. "

Diese Aussage gilt für die gesamte "westliche Welt", denn in den USA ist es ja bekanntlich nicht besser.
Leider wird die Frage nach den Gründen für diese Barbarei in aller Regel nicht gestellt, weil sie zu für die besitzenden "Eliten" unbequemen Antworten führt.

Mit dem Niedergang der Sowjetunion haben die Agenten "des freien Marktes" die Samthandschuhe ausgezogen und ihr neoliberales Modell in jeder Hinsicht ausgeweitet, mit dem Ergebnis, dass eine verschwindend kleine Clique ungeheuer viel reicher, die Masse der Menschen in den westlichen Demokratien aber zunehmend ärmer werden (Mieten, Renten, Niedriglohn, Leiharbeit etc.).
Diese Situation führt insbesondere bei den eher Bildungsfernen und RTL-Sozialisierten zu einer Hinwendung zu jenen, die einfache Antworten für die empfundene Misere anbieten, zumal die auch Sündenböcke anbieten. Weil ausgerechnet die SPD diese Zustände bei uns mit verursacht -und sich in der Wahrnehmung des Verrats der eigene Ideale schuldig gemacht hat - geht sie gerade unter.


Quotevincentvision
31. Juli 2018 um 18:52 Uhr

Jeder Faschismus ist anders, kann sein...

Aber jeder Faschismus hat als Ziel seine willfährigen Jünger, die an ihn glauben - ohne sie wäre er nicht existent.
Und die zeichnen sich eben gerne durch gemeinsame Nenner aus: Das Gefühl, zu kurz gekommen zu sein, persönliche Minderwertigkeitskomplexe, mangelndes Reflexionsvermögen und mangelnde Empathie sind zumindest starke Treiber für faschistoid empfängliche Wähler.

Und wenn dann jemand kommt und behauptet, ohne die Muslime, die Flüchtlinge, die Juden, die Schwulen oder die linksgrüne Gesellschaft ginge es ihnen besser.

Wenn jemand mit einfachen Worten polemisiert und statt Lösungen Sündenböcke anbietet.

Und wenn jemand gezielt die Grenzen der (Un)menschlichkeit immer wieder mal testweise verbal überschreitet, dann ist der Weg zum Faschismus gleich welcher Couleur oder Ausprägung geebnet.

Und diese präfaschistischen Bestrebungen und die mit ihnen einher gehende Verrohung kommen aus exakt einer politischen Richtung: Es sind die furchtbaren Sarrazins, die erbärmlichen Pirinccis, die gnadenlosen Seehofers, Weidels, Höcke und Gaulands, die versuchen, den Hass und die Spaltung innerhalb der Gesellschaft voranzutreiben.
Bei einem Teil gelingt es ihnen ihnen leider, die Zivilisation in deren Köpfen abzuschalten.
Es liegt am intelligenten und aufgeklärten Rest zu verhindern, was immer offensichtlicher wird.


QuoteO Quijano
31. Juli 2018 um 19:20 Uhr

"Aber jeder Faschismus hat als Ziel seine willfährigen Jünger, die an ihn glauben - ohne sie wäre er nicht existent"

Auf eine etwas schräge Art haben Sie vermutlich sogar recht: ohne die unzähligen haupt- und nebenamtlichen "Aktivisten gegen rechts" und deren ununterbrochene Beschwörung einer faschistischen Entwicklung, wäre Faschismus heute tatsächlich nicht existent.

Faschismus wird alleine von linken Aktivisten zur Legitimierung der eigenen Existenz heraufbeschworen.


QuoteJohannes aus Hessen
31. Juli 2018 um 19:36 Uhr
Antwort auf @O Quijano

Sie meinen, ohne Antifa gäb's keinen Fa?


Quotekainicholson
31. Juli 2018 um 18:26 Uhr

Die Frage: Wieso und warum ist es dazu gekommen, dass so viele Buerger ihr Vertrauen an der pluralistischen Gesellschaft verloren haben. Was hat dazu gefuehrt? Welches Ereignis war der Ausloeser dieser Zunahme der Abneigung gegen das Fremde? Eine direkte Antwort waere hilfreiche als in Spekulationen zu fluechten. Ein klares Wort ist gefordert.


QuoteSdelMo
31. Juli 2018 um 17:35 Uhr

Es gibt keine Gefahr eines Faschismus in Europa. Es besteht nur eine Gefahr für die Meinungshoheit der Linken. Das ist das Problem.

Nachdem die Linke 50 Jahre nur mit sich selbst diskutiert hat und den Menschen erklärt was gut und richtig ist, fingen plötzlich die Menschen an sich zu emanzipieren. Vielleicht hat das auch etwas mit dem neuen Medienverhalten durch das Internet zu tun. Jedem ist es nun Möglich an Information über den Mainstream hinaus. Viele haben sich nun gefragt: Will ich das, was mir immer erzählt wird? Möchte ich das wirklich so haben? Viel beantworten inzw. die Frage mit Nein – und das ist das Problem der bisherigen Meinungsbildner, denn plötzlich hat sich eine neue "Außerparlamentarische Opposition" entwickelt und widerspricht.
Nur eine große Gefahr sehe ich: Wenn durch die Linke weiterhin dringende Themen tabuisiert werden und Sorgen der Menschen mit einem dicken Schweigedeckel zugehalten werden, kann es zu einem Überdruck kommen – das mach mit Angst.


QuoteDr.Gott
31. Juli 2018 um 17:20 Uhr

Ok, ganz simpel betrachtet: Was sind die Charakteristiken des Faschismus? Und sehen wir die heute in AfD, Identitären, NPD und anderen rechten Organisationen wieder?

Faschismus definiert u.a. sich durch folgende Punkte:

- (radikalisierter) Nationalismus statt Humanismus und humanistische Solidarität
- antidemokratische Haltung
- nicht-rechtsstaatliche Haltung
- Antipluralismus
- Totalitarismus
- "Natürliche" Aufteilung in Völker, radikalisiert bis zum Sozialdarwinismus

Diese Punkte werden durch die entsprechenden Parteien erfüllt. Die AfD ist antieuropäisch, deutschnational, fordert den Rechtsstaat beschneidende Maßnahmen und äußert sich mit deren Verbündeten als einzig legitime Machtpartei.

Beispiele hier sind die "Lügenpresse", die immer genannt wird: Alle "lügen", nur die eigene Agenda nicht. Der Terminus stammt von Goebbels, das mal am Rande.

Oder aber das "natürliche" europäische Volk. Schwarze, Moslems und andere werden abgegrenzt aufgrund derer phänotypischen Erscheinung oder deren Bekenntnis. "Natürlich" wird hier dann auch festgemacht an Glauben, Aussehen und anderen, sozialdarwinistisch relevanten Punkten.

Antipluralismus ist damit intrinsisch gegeben. Die AfD will keine Religionsvielfalt, stellt sich ablehnend gegen Homosexualität, gegen die freie und pluralistische "Lügenpresse", gegen links, grün, christdemokratisch und liberal.

Antipluralismus äußert sich dann eben auch in Bezug auf die immer angesprochene "Meinungsfreiheit". Der Faschismus als solcher zelebriert kontinuierlich den Opferkult. Bei Hitler war es Versailles und die Kriegsschuld, bis 1945 glaubten Menschen sie seien Opfer und haben das Recht die Welt in Flammen aufgehen zu lassen.

Die AfD tut das gleiche: Opfer sind immer die Deutschen. Böse Flüchtlinge klauen Jobs. Und wenn sie die nicht klauen, sind es faule Sozialschmarotzer. Wir werden angeblich von "Armeen" überrannt während in Syrien ein echter Krieg herrscht. Wir leiden auch immer - vom Arbeitnehmer mit Mindestlohn bis zum Unternehmensleiter leiden wir. Wir haben nichts. Die Welt ist immer böse. Und die Medien. Und die "Einheitspartei" aller anderen Spektren. Alternative sei dann nur die "Alternative" für Deutschland.

Die AfD äußert sich dann auch, wie die Faschisten damals, abwertend gegenüber Behinderten. Gewisse Abgeordnete sprachen Trisomie-Menschen die "Lebensbefugtheit" ab.

Also ja, summa summarum ist der Faschismus eben immer noch da. Definiert wird er durch seine Strukturen und seine Agitation - weniger dann durch die nuancierte Manifestation selbiger.

Damals brannten Synagogen und wurden jüdische Geschäfte eingeschlagen. Heute sind das dann eher Moscheen und Flüchtlingsheime, aber das Muster bleibt das gleiche.

Die Demokratie der Bundesregierung ist so böse wie die in Weimar. Zwei Systeme - gleicher Hass. U.s.w.



QuoteMathesar
31. Juli 2018 um 18:17 Uhr

Wenn sich der Staat darauf konzentrieren würde, seine Aufgaben zu erfüllen, Ordnung und Sicherheit zu gewährleisten, Infrastruktur und Bildung zu bieten, dann gäbe es auch kein Problem.

All das macht "der Staat" - vulgo unsere Politiker aber nicht. Die Wünsche und Sorgen der eigenen Bürger werden nicht berücksichtigt, Infrastruktur verfällt, die Bildung ist dank ständiger Verschlimmbesserungsreformen am Boden, Steuergeld wird in alle Welt verschenkt, hierzulande droht Altersarmut. ...


QuoteRobertina
31. Juli 2018 um 18:04 Uhr

Was mir an Tobias Haberkorns Artikel gefällt, ist die Offenheit. In seiner Lesart wurde der Faschismus 1933 in Deutschland nicht primär materiell befeuert, durch die Wirtschaftskrise, sondern er war ideell, sprachlich, rhetorisch, kulturell vorbereitet. Das ist wichtig, weil der Text uns bittet, für unsere eigenen Urteil eund ihre Ausgewogenheit Verantwortung zu übernehmen. ...


-

Quote[...] Kulturpessimismus bezeichnet allgemein einen Pessimismus gegenüber gegenwärtigen Tendenzen und zukünftigen Entwicklungen in der Kultur. Die Erscheinung ist seit der Antike bekannt, doch etablierte sich der Begriff als Gegenpol zum Fortschrittsglauben und Kulturoptimismus erst im Europa des späten 19. Jahrhunderts. Seitdem wird der Begriff Kulturpessimismus auch im Zusammenhang mit ideologischen Positionen kritisch verwendet, die mit pessimistischen Vorstellungen von politischen Kulturen verbunden sind.

Kulturpessimisten deuten und kritisieren Gesamtentwicklungen und/oder bestimmte Zeiterscheinungen als Anzeichen eines generellen oder speziellen Niedergangs (Dekadenz) von ,,Zivilisation", ,,Kultur", einer bestimmten Gesellschaftsordnung oder einer Nation. Diese Haltung kann sich auf verschiedenste Aspekte in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Technik, Kunst, Kulturindustrie und Massenmedien beziehen.

Kulturpessimisten wie Kulturoptimisten vertreten oft einen geschichtsphilosophischen Determinismus, so dass sich ,,Kultur-" und ,,Geschichts"-Pessimismus überschneiden.

... Der griechische Dichter Hesiod sprach im 7. vorchristlichen Jahrhundert in seinem Epos Werke und Tage von einem ehemaligen, nun aber verlorenen goldenen Zeitalter, das sich bis zu seiner Gegenwart über das silberne in ein eisernes (kriegerisches) Zeitalter gewandelt habe.

... Dieses Motiv wurde später von griechischen Philosophen, z. B. von Platon und im Hellenismus, oft aufgegriffen.

    ,,[...] dann ist wohl leicht zu entscheiden, daß die damaligen tausendmal glückseliger daran waren als die jetzigen."

... Der Hauptstrom des Denkens im Zeitalter der Aufklärung war optimistisch gegenüber Natur und Geschichte eingestellt und setzte auf einen Fortschritt der Vernunft.

... In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verfiel die Fortschrittsvorstellung, wie sie die Aufklärung und das neunzehnte Jahrhundert beherrscht hatte, mit dem Aufkommen der Romantik und später des Fin de siècle und wich nicht nur bei konservativen Autoren einer radikalen Kritik. Ein Ende der gegenwärtigen Misere, so die der gnostischen Apokalyptik folgende Argumentation, sei nicht durch einen kontinuierlichen Prozess, sondern allenfalls durch einen apokalyptischen Umbruch zu erwarten.

... 1953 veröffentlichte der Historiker Fritz Stern sein weithin als bahnbrechend anerkanntes Werk Kulturpessimismus als politische Gefahr. Darin zeigte er Kontinuitätslinien von der späten Kulturkritik der Kaiserzeit über deren Rezeption in der Weimarer Zeit bis zum Nationalsozialismus.

... Adorno beschrieb die Kulturindustrie, die das Bewusstsein der Menschen so ,,verdinglicht" habe, dass diese durch die Abspeisung mit sinnentleerten Produkten zur Affirmation des Bestehenden verführt würden. Die Menschen seien im ,,Verblendungszusammenhang" gefangen.

...

Kulturpessimistische Werke:

    Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes. 1918/1922; Beck, München 1963
    Max Horkheimer & T. W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. 1944; S. Fischer, Frankfurt 1969
    Hans Freyer: Die Theorie des gegenwärtigen Zeitalters. DVA, Stuttgart 1955
    Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen. 1956
    Julius Evola: Revolte gegen die moderne Welt. 1969
    Robert L. Heilbroner: Die Zukunft der Menschheit. Suhrkamp, Frankfurt 1976
    Peter Kafka: Das Grundgesetz vom Aufstieg. Hanser, München 1989
    Christian Schütze: Das Grundgesetz vom Niedergang. Arbeit ruiniert die Welt. Hanser, München/Wien 1989, ISBN 3-446-15740-9
    Panajotis Kondylis: Der Niedergang der bürgerlichen Denk- und Lebensform. VCH, Weinheim 1991

    Arthur Herman: Propheten des Niedergangs. Der Endzeitmythos im westlichen Denken. Propyläen, Berlin 1998.
    Jerzy Jedlicki: Die entartete Welt. Die Kritiker der Moderne, ihre Ängste und Urteile. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007.
    Gerhard Henschel: Menetekel. 3000 Jahre Untergang des Abendlandes. Eichborn, Frankfurt am Main 2010.
    Theo Jung: Zeichen des Verfalls. Semantische Studien zur Entstehung der Kulturkritik im 18. und frühen 19. Jahrhundert. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2012.

...

    Fritz Stern: Kulturpessimismus als politische Gefahr. Eine Analyse nationaler Ideologie in Deutschland. Scherz, Bern 1963; Nachdruck: Klett-Cotta, Stuttgart 2005.

...


Aus: "Kulturpessimismus" ( 8. November 2025)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Kulturpessimismus


Textaris(txt*bot)

Quote[...] Die eurasischen Ideen der ungarischen Rechten ... Die ungarische Regierung sieht den Westen im Abstieg und will sich in Richtung Eurasien orientieren. Parallel dazu propagiert sie rechtskonservative Ideen, denen zufolge Ungarn Teil eines eurasischen Zivilisationsraumes sei, der einen Gegensatz zum liberalen Westen bilden soll.

... Das Schlagwort Eurasien steht aber in der Rhetorik der ungarischen Regierung für mehr als nur den pragmatischen Aufbau profitabler Beziehungen mit Russland oder China. Es steht im Zusammenhang mit einer grundlegenden Kritik am westlichen Liberalismus. Das richtet sich vor allem gegen die EU.

»Mein Plan ist nicht, Brüssel zu verlassen, sondern es zu übernehmen«, sagte Orbán zwar in einem Interview im vergangenen Dezember, aber eigentlich würde Ungarn die EU am liebsten verlassen, denn Menschen mit einem »normalen traditionellen Weltbild« wollten nicht in dieser EU bleiben. Die westliche Zivilisation mit ihrem Hedonismus, ihrer »Woke- und Geschlechtsangleichungs-Hysterie«, ihrer »Cancel Culture« und ihrer Befürwortung von Migration sei dem Untergang geweiht, meint Orbán. Ungarn bevorzuge dagegen das Traditionelle.

... Ebenfalls eine wichtige Rolle spielt das Thema Eurasien bei der Arbeit des regierungsnahen Mathias-Corvinus-Collegiums, einer akademischen Einrichtung, die die rechtskonservativen Ideen der Regierung propagiert. Noch deutlicher wird der staatlich finanzierte neurechte Think Tank Danube Institute. »Eurasianismus als Reaktion auf die globale Krise« heißt beispielsweise der Titel einer Veranstaltung aus dem vergangenen Jahr über die politische Ideologie des rechtsextremen russischen Ultranationalisten Aleksandr Dugin. Er vertritt die Vorstellung einer gegen die USA und gegen den westlichen Liberalismus gerichteten eurasischen politischen Ordnung unter Führung Russlands.

An den Begriff des Eurasianismus ist die Vorstellung eines illiberalen kulturellen und politischen Gegenentwurfs zur EU und zur liberalen Demokratie geknüpft. Ihm liegt der Mythos zugrunde, dass es eine zivilisatorische Einheit der eurasischen Nationen mit traditionellen Werten gebe, welche gegen die Verwestlichung, eine befürchtete Homogenisierung der Kulturen und andere Gefahren zu beschützen sei. Kulturpessimistische Vorstellungen und die Angst vor der Zerstörung traditioneller Werte befördern eine eschatologische Weltsicht, die um eine Einteilung der Welt in Gut und Böse und um Erlösungsversprechen kreist.

In den extremsten Ausformungen, wie den Ideen Dugins, folgt aus dem Eurasianismus imperiale Großraumpolitik. Aber auch dem Geschichtsrevisionismus der ungarischen Regierung gilt die »Muttererde im Karpatenbecken« als heilig, auch außerhalb der bestehenden Staatsgrenzen. Die Attraktivität solcher Vorstellungen besteht auch darin, kollektive Minderwertigkeitsgefühlen zu kompensieren.

Im Traditionalismus der ungarischen Rechtskonservativen enthalten ist auch der Abstammungsmythos der Ungarn aus dem »Urvolk« in Eurasien. So sind ungarische Nationalisten überzeugt davon, dass die Magyaren immer noch ein »Volk des heidnischen Ostens« geblieben seien, wo es seine Ursprünge habe. Obwohl sich der ungarische Konservatismus christlich definiert, neigte er schon immer zur Esoterik. Die Bedeutung solcher Ideen wie die eines urtümlichen Volksgeistes für den ungarischen Konservatismus wird oft unterschätzt.


Aus: "Kulturpessimismus als politische Gefahr" Kommentar Von Magdalena Marsovszky (14.03.2024)
Quelle: https://jungle.world/artikel/2024/11/ungarn-orban-eurasien-kulturpessimismus-als-politische-gefahr

Textaris(txt*bot)

... Mit Beschwerden über den Zustand der Kultur ließen sich höhere Erträge einfahren als mit einer Debatte über ökonomische Missstände. ... Ein latenter Rassismus, betont der Autor, vermischte sich stets mit den Feindbildnarrativen von Linken, Einwanderern und angeblichen Sozialschmarotzern. Während der Bürgerrechtskämpfe in den 1960er-Jahren wurde der Unterton zum Leitmotiv, schreibt Greiner. ...

-

Quote[...] Eines betont Prof. Dr. Bernd Greiner mit Nachdruck: Sein neues Buch, das er am Donnerstag, 9. Oktober, in der Krefelder Volkshochschule (VHS) mit Leiter Dr. Thomas Freiberger diskutiert, ist keines über Donald Trump. Die ersten Überlegungen hierzu kamen dem Historiker und Amerika-Experten, weit bevor eine Amtszeit des heutigen US-Präsidenten abzusehen war. Viel mehr versteht Greiner sein Buch als eine Zeitreise in die vergangenen 125 Jahre.

Untersuchungsgegenstand ist die amerikanische Gesellschaft. ,,Dieser Blick ins Innenleben soll aufzeigen, wie das heutige Amerika entstanden ist, das unerbittliche Klassen- und Kulturkämpfe zur Normalität gemacht hat", erklärt Bernd Greiner. Seiner Spurensuche nach den Gründen für die aufgeheizte Nation hat er den Titel ,,Weißglut. Die inneren Kriege der USA" verliehen. Diese Studie mündet gleichwohl immer wieder im Hier und Jetzt, was ganz wesentlich an eine Person geknüpft ist: Donald Trump.

Bernd Greiner wagt einen unkonventionellen Versuchsaufbau. ,,Ich konzentriere mich nicht auf Parteien oder Politik. Der Scheinwerfer meiner Analyse richtet sich auf Aktivisten aus der Mitte der Gesellschaft, die in den USA im Namen der Demokratie seit Jahrzehnten jenseits der Politik Meinungsmache betreiben", sagt der Amerikanist. Er nennt diese Gruppen ,,die extreme Mitte", die sich aus dem bürgerlichen Milieu speise. ,,Diese Zusammenschlüsse sind zwar äußerst heterogen, haben aber eine gemeinsame Stoßrichtung: Es geht um die Sakralisierung des ,American Way of Life'. Sie stellen Liberale und Andersdenkende pauschal unter Verdacht, den Staat zu kapern, um mit Steuergeld jene Menschen zu alimentieren, die nichts zum amerikanischen Wohlstand beigetragen zu haben. Das ist in großen Teilen zu einer kollektiven Fantasie verkommen."

Aus einem breiten Fundus an Beispielen hat Greiner sich in seinem Buch sechs konkrete Fällen herausgegriffen. Er setzt zunächst um die Jahrhundertwende an, als laut Greiner gleich mehrere Gruppen eine in den USA aufkeimende Arbeiterbewegung niederschlugen. Weiter untersucht er beispielsweise die American Protective League, eine Art Bürgerwehr zu Zeiten des Ersten Weltkriegs, sowie die American Legion, die als heute größte Veteranenorganisation in der Zwischenkriegszeit aufzublühen begann.

Auch die McCarthy-Ära in den 50er-Jahren sei ohne den Flankenschutz eines mächtigen zivilgesellschaftlichen Unterbaus nie möglich gewesen, konstatiert Bernd Greiner. Das zeitnächste seiner sechs Exempel ist die Tea-Party-Bewegung, die der Autor als ,,Urschleim der Make-America-Great-Again-Bewegung" ausmacht. Seine These: Die heutigen Verwerfungen greifen auf ein Reservoir an Ideen zurück, die sich in den vergangenen 125 Jahren entfaltet haben.

,,Wenn man diese Gruppen im Detail studiert, lernt man, wie es Minderheiten in den USA schon seit über 100 Jahren gelingt, lautstark Themen zu platzieren, Diskursräume zu entern und ein Land unter Spannung zu setzen. Die strikte Unterscheidung in Freund und Feind, das missionarische Sendungsbewusstsein, ein hypertropher Nationalismus und eine minimale Toleranz gegen Abweichler sind die Auswüchse, die das Land heute wie nie zuvor beschäftigen", meint Greiner. Dabei würden die von ihm beschriebenen Kräfte die Rezeptur, den Staat zielgerichtet zu unterpflügen, perfekt beherrschen. Greiner sagt: ,,Die bewusste Spaltung, die wir heute erleben, ergibt sich nicht von selbst. Dafür braucht es Akteure, die dies mit Vorsatz betreiben. Die politische Währung in den USA lautet heute: Wer Erfolg haben will, muss wissen, wer wen hasst."

...


Aus: "Historiker Greiner spricht in VHS über ,,Weißglut" in den USA" (24. September 2025)
Quelle: https://lokalklick.eu/2025/09/24/historiker-greiner-spricht-in-vhs-ueber-weissglut-in-den-usa/

-

Quote[...] Der Autor [Bernd Greiner] zeichnet das düstere Bild eines Landes, dessen politisches Denken sich in ständiger Feindstellung vollzieht: Gut gegen Böse. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Die Kernthese: Treiber und Vollstrecker des amerikanischen Furors sind nicht in erster Linie Politiker oder Parteien, sondern normale Bürger – die ,,extreme Mitte", sagt Greiner:

,,Das sind Freiberufler, das sind Lehrer, das sind Geistliche, das sind Journalisten, das sind Intellektuelle, Wissenschaftler, also all diejenigen, die gemeinhin als das bürgerliche Rückgrat einer Gesellschaft bezeichnet werden." (Bernd Greiner: ,,Weißglut. Die inneren Kriege der USA")

Greiner, einst Absolvent der linken Marburger Schule, sieht die Ursprünge der gesellschaftsimmanenten Gewalt im sogenannten ,,Gilded Age", dem Zeitalter des enthemmten amerikanischen Kapitalismus im ausgehenden 19. Jahrhundert. Damals wurde die aufkeimende Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung konsequent niedergeschlagen.

,,Heute regen wir uns auf, zu Recht regen wir uns auf, wenn Trump die Nationalgarde nach Portland, nach Chicago schickt. Die Nationalgarde wurde zwischen 1890 und 1910 ungefähr hundert Mal gegen streikende Arbeiter eingesetzt. Nicht gegen Arbeiter, die den Sozialismus in USA einführen wollten, sondern gegen Arbeiter, die um halbwegs vernünftige Arbeitsbedingungen kämpften und einen anständigen Lohn haben wollten." (Bernd Greiner: ,,Weißglut. Die inneren Kriege der USA")

Zu jener Zeit organisierten sich außerdem Bürger in privaten Spitzel- und Wachtruppen. Die größte war die ,,American Protective League", die während des I. Weltkriegs – als willige Handlanger des Justizministeriums – die Sicherung der Heimatfront auf ihre Fahnen schrieb.

Ins Visier gerieten vor allem Sozialisten, Gewerkschaftler, Pazifisten und Einwanderer aus Feindnationen, vornehmlich Deutsche. Prügeln, Teeren und Federn gehörten zu den gängigen Methoden, mit denen Angehörige der American Protective League und ihre Sympathisanten potenzielle Systemabweichler einschüchterten. Greiner schreibt:

"Ihre Mitglieder sahen sich als Fußsoldaten des Guten und Retter eines von Feinden umzingelten Gemeinwesens. Die meisten waren im späten 19. Jahrhundert politisch sozialisiert worden, in den Jahren eines religiös aufgeladenen Patriotismus, verwoben mit Fremdenfeindlichkeit und militärischen Männlichkeitsbildern." (Bernd Greiner: ,,Weißglut. Die inneren Kriege der USA")

Nach dem I. Weltkrieg und bis in den Kalten Krieg übernahm der Veteranenverband ,,American Legion" die Rolle des wichtigsten zivilgesellschaftlichen Akteurs im Kampf gegen die inneren Feinde Amerikas.

Ein latenter Rassismus, betont der Autor, vermischte sich stets mit den Feindbildnarrativen von Linken, Einwanderern und angeblichen Sozialschmarotzern. Während der Bürgerrechtskämpfe in den 1960er-Jahren wurde der Unterton zum Leitmotiv, schreibt Greiner.

Bei vielen Konservativen triggerte die progressive Bewegung Angst – vor einer Verschiebung des politischen und gesellschaftlichen Kräftefeldes und einer Marginalisierung weißer Amerikaner. In diesem Klima formierte sich seit den 1970er-Jahren die religiöse Rechte, eifernde Gotteskrieger im Kampf gegen Liberalismus und Säkularismus.

Jahrzehnte später befeuerte die Wahl von Barack Obama zum ersten schwarzen Präsidenten der USA den Aufstieg der Tea Party. ...


[...] Greiners Buch ist ein Sittengemälde im historischen Längsschnitt; es zieht eine Kontinuitätslinie von den Vigilanten des 19. Jahrhunderts bis zu den rechten Milizen, die am 6. Januar 2021 das Kapitol stürmten.

Dank eifriger Hilfstruppen aus der Mitte der Gesellschaft und einer immer blutleereren Demokratischen Partei gelang es rechten Populisten, die Klassenkämpfe der frühen Jahre zunehmend in Kulturkriege umzubiegen, schreibt Greiner:

"Mit Beschwerden über den Zustand der Kultur ließen sich höhere Erträge einfahren als mit einer Debatte über ökonomische Missstände. Werteverfall wog schwerer als der Verlust von Arbeitsplätzen und der Bankrott von Farmen. Wirtschaftliches galt als politikferner Bereich, wo entweder die Kräfte der Natur oder Gottes Wille herrschen."

Zu: Bernd Greiner: ,,Weißglut. Die inneren Kriege der USA"


Aus: "Die USA waren schon immer gespalten" Katja Riddersbusch (07.01.2026)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/bernd-greiner-weissglut-usa-trump-rezension-100.html

-

Bernd Greiner (* 20. Juli 1952 in Pirmasens) ist ein deutscher Historiker, Politikwissenschaftler und Amerikanist.
https://de.wikipedia.org/wiki/Bernd_Greiner