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[Über das Kino in Zeiten des Kulturkampfs ... ]

Started by Textaris(txt*bot), January 28, 2026, 01:14:02 PM

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Textaris(txt*bot)

Quote[...] Das Kino, so wie wir es kannten, ist eine Kunstform des zwanzigsten Jahrhunderts und selbst noch an seinen lebendigsten Orten riecht es nach einer schönen Vergangenheit. Es war eine Wunschmaschine, und mittlerweile sind andere Wunschmaschinen wichtiger geworden. Es ist eine doppelte Luxus-Wunschmaschine, einmal eine, in der bemerkenswert viel Geld unterwegs ist, und einmal eine, die bemerkenswert viel intellektuelle und ästhetische Energie benötigt – und zum Teil auch wieder gibt. Das Kino für tot zu erklären, ist genauso modisch wie die trotzige Behauptung seiner Vitalität.

Auf der anderen Seite ist das Audiovisuelle, das Bewegtbild das Bezugsmedium schlechthin geblieben, auch wenn die intellektuellen und ästhetischen Anforderungen sich entschieden geändert haben. Die Politik, die wir erleben, ist weitgehend aus den audiovisuellen Medien entstanden, von Berlusconi über Trump bis Markus Söder haben wir Charaktere, die partly truth und partly fiction sind; die Vulgarität ihrer Bild-Produktion ist nicht der geschmacklichen Unbildung geschuldet, sondern Teil des Programms. Das Kino war eine populäre Kunstform; eine populistische war sie eher selten, was sowohl organisatorische als auch technische Gründe hat. In den Zeiten des Kulturkampfes von rechts, der seine Verbündeten bis weit in die Mitte hinein findet, hat das Kino zwei entscheidende Aufgaben. Erstens muss das, was wir vom Kino gelernt haben, und das ist eine Menge, kritisch gegen die Inbesitznahme der Bildwelten durch die rechten »Metapolitiken« gewendet werden, in Form des Cineastischen selbst und in Form der kritischen Theorie. (Aber die Rechte hat die schnelleren und direkteren Medien. Die AfD ist die beliebteste Partei bei Jugendlichen auf TikTok, sie setzt hetzerische Wahlkampffilme auf YouTube ein. Hier ist eine Form der Bildkritik gefragt, die aus den akademischen Zirkeln in den Schmutz der digitalen Sümpfe aufbricht.) Zweitens muss das Kino zur Insel des Widerstands und der demokratischen Gegenkultur werden. In den USA zeigt sich, dass die Stimmen jener Schauspieler und Schauspielerinnen, Regisseure und Regisseurinnen und anderer in der Kino- oder Fernsehkultur Beschäftigter durchaus noch Gehör finden und – wie der Fall Jimmy Kimmel zeigt – sogar einen Riesen wie Disney dazu bewegen können, sich der trumpistischen Zensur nicht gänzlich zu unterwerfen. Die demokratische Zivilgesellschaft braucht den Film als Ausdrucksmittel; sie braucht aber auch Orte, an denen Diskurs und Debatte ebenso zu Hause sind wie das, was man pathetisch Schönheit nennen kann und was nicht minder in Gefahr ist als die Demokratie selbst. Noch nie war das Kino ein so politischer Ort wie in diesen Tagen. Ob das allen in den Überlebenskämpfen bewusst ist, das ist eine andere Frage.

Gewiss, das Kino ist nicht mehr die treibende kulturelle Kraft, durch die sich noch vieles verändern lässt. Aber alles hat sich durch das Kino geändert. Das Kino spielte in allen Kulturkämpfen eine mitentscheidende Rolle. In den Jahren um 1910, als das Kino von der Jahrmarktsattraktion zur Kultur werden sollte und zugleich zu einer Industrie, ging es nicht zuletzt um die Welt-Bilder, die es vermittelte, und um die Macht über sie. Man wird sich fragen, derzeit: Wer hat die Macht über die kinematographischen Welt-Bilder des deutschen Films? Und wer verlangt danach? Gerade das dokumentarische Kino ist in diesen Tagen so bedeutend, da sich das Fernsehen hierzulande seiner Aufgabe als Wächter der Demokratie nur noch sehr bedingt gewachsen zeigt. Dieses Fernsehen, ein bislang notwendiger und manchmal fairer Produktionspartner des deutschen Films, ist dem Kulturkampf von rechts, den »Sparzwängen«, die Qualitätsverluste bedeuten, und dem digitalen Medienwechsel schon weiter ausgeliefert als das Kino zwischen Glamour und Nische. Eine Zukunft als demokratische Medien haben beide nur durch Crossover-Effekte. Es geht dabei nicht um ideologische Positionen, wohl aber darum, was demokratische Medienkultur bedeutet: unabhängig, herrschaftskritisch, wahrhaftig und verantwortlich zu produzieren. All das können die Produzenten aber nicht verwirklichen, wenn es keine Gesellschaft gibt, die es mitträgt.

Der Kulturkampf, wie wir in den Ländern sehen, in denen antidemokratische Rechte an die Macht kommen, richtet sich nicht nur auf die Produktion der Gegenwart, sondern auch auf Übermalungen und Umwertungen der Vergangenheit. In den USA erleben wir die »Säuberung« der Bibliotheken, in Italien die Restaurierung faschistischer Denkmäler (und eine Usurpation von »Herr der Ringe« als rechten Pop-Mythos), in Ungarn ein Umschreiben der nationalen Geschichte. Immer spielen dabei auch Filme eine Rolle, ebenso wie die Nationalisierung der Produktion. Ein »positives Bild« der eigenen Nation verlangen die rechten Kulturkämpfer ebenso wie sie feministische oder queere Bilder bekämpfen; erst schleichend, dann aber immer rascher setzen sich informelle Codes durch. Wie in der Sprache und den Sprechweisen wird das von rechts Sagbare erweitert, die Sprache der Kritik dagegen unterdrückt; eine Fernsehwoche reicht, um zu zeigen, dass sich auch die Grenzen des Zeigbaren verschieben. Verteidigt werden also muss nicht nur das Kino als öffentlicher Raum, sondern auch der kritische Diskurs in einer Sprache der Bilder. Die steht in einer Geschichte, und die will immer wieder befragt werden. Der »blinde« Konsum von Bildern geht der Verblendung durch Bilder voraus. Auch die Filmkritik ist Teil des Kulturkampfes, ob sie will oder nicht.

Was im Dreieck zwischen Politik, Ökonomie und Kultur am und im Film geschah, war oft dramatisch genug, um gesellschaftliche Debatten und historische Analysen auszulösen. Die deutsche Geschichte des letzten Jahrhunderts lässt sich auch als Filmgeschichte schreiben. Das Kino jedenfalls, so viel ist sicher, spielte eine Rolle in den Kulturkämpfen dieses Landes, ob man sie nun so nannte oder nicht. Und also geht es nun nicht nur allein um die Schließung eines Kinos oder eine Kampagne gegen Filme, die nicht ins rechte Weltbild passen, sondern auch um das (Selbst-)Bewusstsein der deutschen Filmkultur, in der es nie ohne Kämpfe abging.

Und nun ist ein neuer, sehr drastischer Kulturkampf ausgebrochen. Offenbar geht es um nichts anderes als darum, ob Demokratie und liberale Gesellschaft im einst goldenen Westen noch eine Zukunft haben. Spielt das Kino, spielt [...] die filmische Kunst in diesem Kulturkampf überhaupt noch eine Rolle? Wohlwollend kann man sagen, der Film hätte sich bisher in Europa, mit gewissen Unterschieden von Land zu Land, nicht von der Rechten vereinnahmen lassen, nicht einmal in Ländern wie Italien, in denen eine rechte Regierung ihren Kulturkampf von oben her führt und natürlich die großen Events wie Festivals und die großen Produktionen ins Visier nimmt. Und sogar Hollywood ist noch nicht wirklich trumpistisch geworden. Aber vielleicht ist dieses langsame und »alte« Medium den rechten Kulturkämpfern auch nicht wichtig genug, um eine zentrale Rolle einzunehmen. Kinos sind hier und da Orte des Rückzugs für die liberale Kultur, das Kino ist dort offen, wo die Politik die Grenzen schon geschlossen hat, für Empathie und Solidarität. Das Kino ist ein Rückzugsort der Mitmenschlichkeit, und selbst von den Serienkrimis, die ein Rückgrat der deutschen Fernsehunterhaltung sind, bemühen sich manche, Reste von sozialem Rechtsempfinden und von Abneigung gegen autokratische Impulse zu vermitteln.

Das große und teure Kino ist im Grunde wieder zur Jahrmarktsattraktion geworden, wenn auch auf eine ziemlich totale und technische Art, Mittelpunkt von gewaltigem Merchandising und von Medienmultiplikationen, Teil von multimedialen Parallelwelten, aber eben auch Gegenbild zur Intimisierung in den sozialen Medien. Wenn sich die Marvel-Helden (und ihre menschlichen Darsteller) gegen den Trumpismus stellen, dann will das etwas heißen. Unsere TV-Kommissarinnen und -Kommissare wären ein Pendant. Auch in einem Kulturkampf braucht man Vorbilder, die ihre Popularität für den demokratischen Widerstand einsetzen, selbst wenn es sie, wie Bruce Springsteen eingestehen muss, einen nicht unerheblichen Teil an Publikum kostet. Zu der dann doch durch Robert De Niro noch aufrechten Veranstaltung in Cannes und zu den amerikanischen Filmen dort schrieb der US-amerikanische Filmkritiker Daniel Kasman im Filmmagazin »The Notebook«: »Die diesjährigen Wettbewerbsteilnehmer – Wes Anderson, Ari Aster, Richard Linklater und Kelly Reichardt – vermitteln die Erfahrung einer kulturellen Dissoziation, die suggeriert, dass nicht nur unser Kino in bester Form ist, sondern unser Land es auch sein könnte.«

Kulturelle Dissoziation ist vielleicht ein Stichwort für einen filmkritischen Diskurs. Allerdings sind die Bedingungen des realen Kulturkampfes auch sehr konkret. Was in Deutschland an Filmen für die Mehrheit sichtbar wird im Kino, im Fernsehen, in der Presse, orientiert sich an Publikumszuspruch, an internationalen Preisen, an Hypes und an Kulten. Viel zu viel bleibt unsichtbar und undiskutiert. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland, der so wichtige Produktionspartner, steht wegen der Sparzwänge und des rechten Dauerbeschusses so unter Druck, dass nur noch sehr selten riskantere Projekte gefördert werden: Wie überall in der Kultur macht sich hier Angst breit. Und die Erzeugung von Ängstlichkeit ist ein primäres Ziel des Kulturkampfes von rechts.

Eine Widerspiegelung der kulturellen Dissoziation ist gewiss eine ehrenvolle Aufgabe für ein Kino im Kulturkampf. Im Kino geht es schließlich nicht um wohlfeile Lösungsvorschläge oder um moralische Gewissheiten, sondern allenfalls um Schreie nach Gerechtigkeit und nach Freiheit. Auch wenn's wehtut. Aber dass ein solches Kino nahelegt, dass unser Land in bester Form sein könnte, scheint ein gewagter Sprung. Wir haben es, was Kino- und Sozialgeschichte anbelangt, des Öfteren mit seltsamen Ungleichzeitigkeiten zu tun.

Dass das Kino im Kulturkampf in Deutschland eine so beklagenswert periphere Rolle spielt, liegt nicht allein an Autoren und Regisseurinnen, es ist, wie man so sagt, eine Frage des Systems. Das Netz der gegenseitigen Abhängigkeit in dieser kulturellen Produktionssphäre ist so dicht geworden, dass zu viel Last auf die Schultern von Einzelkämpfer*innen gelegt wird. Eine funktionierende Filmkultur aber ist mehr als die Summe mehr oder weniger gelungener und mutiger Filme. Sie lebt nur, solange sie einen guten Platz in der öffentlichen Wahrnehmung und im Verständnis der demokratischen Zivilgesellschaft hat. Was nutzt der beste Film, wenn er keine kritisch-solidarische Öffentlichkeit findet?

Es ist eine simple Frage: Gibt es in Deutschland eine Filmkultur, die es wert ist, gegen den rechten Kulturkampf verteidigt zu werden? Wenn man diese Frage mit Nein beantwortet, soll es recht sein; es gibt genügend andere Felder, auf denen gekämpft werden muss. Wenn man die Frage allerdings mit Ja beantwortet, muss einiges geschehen, auf vielen Ebenen von Produktion, Konsum und Vermittlung.

Und das gilt nicht zuletzt auch für unser Metier. Die Kritik. Ich bin es leid, über Film nur noch in Form verkappter Reklame und Tratsch-Blasen zu lesen, während die großen Zeitungen ihre Filmberichterstattungen eindampfen, das Radio und Fernsehen ihre Filmmagazine eingestellt haben und beim »Spiegel« das Kino hauptsächlich so vorkommt: »46 Takes für einen einzigen Satz: Wie Colin Farrell betrunken am Filmset auftauchte – und Tom Cruise nervte«. Ich bin es leid, dass Filmkritiker sich vom Marketing einen Schnelligkeitswettbewerb aufdrücken lassen, statt sich Zeit und Raum für Reflexion zu lassen, ich bin es leid, den Tricksereien der neoliberalen Kulturpolitik zuzusehen, die man als Kompromisse hinnimmt, um überhaupt zu überleben, ich bin es leid, zuzusehen, wie Leute über die Stöckchen springen, die ihnen die »Branche« hinhält, ich bin es leid, funktionierenden Kinos beim Sterben zuzusehen, weil es der Immobilienmarkt so will, ich bin es leid, Festivals nach gestiegenen Besucherzahlen statt nach der Energie der Diskurse bewertet zu sehen, ich bin es leid, in den Gremien immer mehr Menschen zu sehen, die unbehelligt ihre hidden agendas verfolgen, ich bin es leid, gegen die Windmühlen der Abwiegelung und der Delegitimierung anzugehen. Ich weiß nicht, ob wirklich jede gute Filmkritik zugleich auch Gesellschaftskritik sein muss, aber sicher bin ich mir, dass Filmkritik der Verteidigung von Freiheit, Solidarität und Mitmenschlichkeit dienen muss. Sicher bin ich mir, dass auch Filmkritik ein »Schlachtfeld« im Kulturkampf ist.

Die Einschläge, wie man so sagt, kommen ja näher. Fast schon wieder vergessen der Fall eines Geschäftsführers der hessischen Filmförderung, der sich gern mal freundschaftlich mit dem AfD-Politiker Jörg Meuthen trifft und ein Gespräch in den sozialen Medien als »angeregten und konstruktiven politischen Gedankenaustausch« kommentieren lässt. Im Dezember 2020 verlangte die AfD-Fraktion mit einer kleinen Anfrage Auskunft über die Förderung des Films »Und morgen die ganze Welt« und wollte wissen, »ob die Bundesregierung Kenntnis davon hat, aus welchen Gründen der Film durch den Deutschen Filmförderfonds (DFFF) und die Filmförderanstalt (FFA) gefördert wurde, und ob die Bundesregierung diese Förderung für gerechtfertigt hält«. Der Film von Julia von Heinz, der übrigens bei den Filmfestspielen von Venedig uraufgeführt wurde, stellt (am Ende eher etwas ratlos) die Frage nach dem antifaschistischen Widerstand und seinen moralischen Widersprüchen. Die zwei Felder für den cineastischen Kulturkampf von rechts sind damit eröffnet: offene oder verdeckte Einflussnahme in Gremien und Institutionen, politisch öffentlichkeitswirksame Interventionen gegen unliebsame Projekte. Bleibt als Drittes die Stimmungsmache in den eigenen medialen Vernetzungen und die Organisation von Shitstorms gegen – nur zum Beispiel – einen »Panorama«-Filmbeitrag, der schildert, wie sich Vereine wie Eintracht Frankfurt gegen AfD-Infiltration wehren. Und schließlich geht der Kampf um Veranstaltungsorte wie das Multikulturelle Centrum in Templin, das gerade durch seine Filmarbeit in der Fläche bekannt ist und dem die AfD-Fraktion die Förderung abzudrehen versucht.

Also noch mal: Machtspiele in kulturpolitischen Entscheidungsgremien, Attacken gegen unliebsame Filme, Kampf um Übernahme oder Schließung freier kultureller Einrichtungen, Organisation von völkischer Empörung gegen unliebsame Meinungen und Bilder. Und immer geht es dabei auch und vor allem: um Geld. Und das trifft eine schwache Stelle. Die demokratische Kultur ist chronisch unterfinanziert und basiert wesentlich auf dem Prinzip von Idealismus, um nicht von Selbstausbeutung zu sprechen. Oft genügt es, einem Projekt oder einer Institution einen Förderweg zu verbauen, um es zu Fall zu bringen.

Wir werden in absehbarer Zeit »radikalisierten Konservativen« und Rechtsextremen an allen erdenklichen Stellschrauben der Kultur begegnen. Und zugleich fordert der Kulturstaatsminister die Filmbranche auf, sich stärker zu orientieren »an Publikumswünschen, am Markt, an Dingen, die wirklich funktionieren«. Wie soll sich die deutsche Filmkultur aus der Zwickmühle von neoliberalem Vermarktungszwang und rechtem Kulturkampf befreien, wenn niemand da ist, der genau dies verlangt: eine Filmkultur, die weder dem Markt noch der Politik unterworfen ist, sondern ihrem Wesen folgt: Freiheit in die Bilder, Bilder in Freiheit zu bringen.

Die freie Filmkultur kämpft um ihr Überleben. Sie kann es nicht anders, als durch innere Solidarität und durch Allianzen mit anderen demokratischen Kräften. Da ist vieles möglich. Nur eines nicht: die Augen schließen.


Aus: "Geld oder Leben - Über das Kino in Zeiten des Kulturkampfs" Georg Seeßlen (01.12.2025)
Quelle: https://www.epd-film.de/themen/geld-oder-leben

Textaris(txt*bot)

Quote[...] Director rounds on actor, who acted in the cult film, saying he feels disrespected, and claiming cynical reasons behind her recent comments.

Quentin Tarantino has responded to Rosanna Arquette's criticism of his prolific use of the N-word in his films including Pulp Fiction, saying Arquette "show[ed] a decided lack of class".

In a statement sent to numerous publications including Deadline, Tarantino said: "I hope the publicity you're getting from 132 different media outlets writing your name and printing your picture was worth disrespecting me and a film I remember quite clearly you were thrilled to be a part of? ... After I gave you a job, and you took the money, to trash it for what I suspect is very cynical reasons shows a decided lack of class, no less honour."

Tarantino added: "There is supposed to be an esprit de corps between artistic colleagues. But it would appear the objective was accomplished."

Tarantino was responding to Arquette's distaste for his use of the N-word in Pulp Fiction, saying in an interview with the Sunday Times: "I cannot stand that [Tarantino] has been given a hall pass. It's not art, it's just racist and creepy."

The director has received considerable criticism over the years on the subject, including similar issues in subsequent films Jackie Brown and Django Unchained. Most prominently it has come from fellow director Spike Lee, who said in a 1997 interview with Variety that [Tarantino] was "infatuated with that word", adding: "What does he want to be made – an honorary black man?" Tarantino has been defended by Pulp Fiction and Jackie Brown star Samuel L Jackson, who said in a Berlin film festival press conference: "It's not offensive in the context of this film."

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From: "'Lack of class': Quentin Tarantino hits back at Rosanna Arquette over Pulp Fiction N-word criticism" Andrew Pulver (Tue 10 Mar 2026)
Source: https://www.theguardian.com/film/2026/mar/10/quentin-tarantino-responds-rosanna-arquette-pulp-fiction-n-word-criticism


Textaris(txt*bot)

Quote[....] One Battle After Another (englisch für ,,Eine Schlacht nach der anderen"; Arbeitstitel: The Battle of Baktan Cross, englisch für ,,Die Schlacht von Baktan Cross") ist ein US-amerikanischer Spielfilm von Paul Thomas Anderson aus dem Jahr 2025.

Das zwischen Actionthriller und absurder Filmkomödie angelegte Werk ist lose von dem 1990 erschienenen Roman Vineland von Thomas Pynchon inspiriert. Im Mittelpunkt des Films steht ein Angehöriger einer linksradikalen Terrorgruppe, der mit seiner Tochter von einem rassistischen Soldaten gejagt wird. Die männliche Hauptrolle wurde mit Leonardo DiCaprio besetzt. Sean Penn, Benicio del Toro, Regina Hall, Teyana Taylor und Chase Infiniti ergänzten das Schauspielensemble. Der Film kam Ende September 2025 in die Kinos. Die internationale Kritik lobte One Battle After Another überschwänglich und pries den Film als bisher kommerziellste und gegenwärtigste Regiearbeit von Anderson an, der zuvor hauptsächlich durch die Inszenierung von Historienfilmen zu Anerkennung gelangt war.

... Themen und Motive:

Wie in Thomas Pynchons Roman Vineland blickt der Film zurück auf einen Moment der US-Geschichte, als politische und kulturelle Umwälzungen die heimische Hoffnung einer ganzen Generation völlig zunichtegemacht hatten. Der Roman wurde in der Annahme geschrieben, dass der revolutionäre Geist der 1960er Jahre zwar von politischen Kräften sabotiert wurde, die Allgegenwart von Massenkultur, Fernsehen und passivem Konsum in der Reagan-Ära jedoch ebenfalls einen großen Beitrag zum Überlebenskampf subversiver politischer Bewegungen leistete. One Battle After Another sei allerdings kein Vineland auf der Leinwand, sondern vielmehr eine neuartige und vereinfachte Geschichte, die sich auf den Kernkonflikt des Romans bezieht, so Rory Doherty vom Nachrichtenmagazin Time [Rory Doherty: The Wild Political Story That Inspired 'One Battle After Another'. In: time.com, 26. September 2025. Abgerufen am 26. September 2025.].

Bettina Dunkel schreibt in ihrer Kritik für NDR Kultur, in One Battle After Another würden die USA als ein faschistoider Polizeistaat gezeichnet, in dem christliche Nationalisten Amerika wieder groß machen wollen, und in dem störende Objekte abgeschoben oder gleich mundtot gemacht werden: ,,Die Autokratie greift um sich wie ein Virus." Manche Szenen im Film hätte etwas von der Dynamik des Independent-Actionkinos der 1970er Jahre, in dem der Widerstand noch ein Lebensgefühl war [Bettina Dunkel: ,,One Battle After Another": Politische Desperados in faschistoidem Amerika. In: ndr.de, 26. September 2025. Abgerufen am 26. September 2025.].

David Steinitz fühlt sich in seiner Kritik für die Süddeutsche Zeitung auch an das gegenwärtige Amerika erinnert. ,,Fiktion und Realität" würden in dem Film ,,fast schon eine Einheit" bilden. Das Land in One Battle After Another sei eines ,,der Zäune und des Stacheldrahts, der Plexiglasscheiben und Container, des Tränengases und der Paranoia". Anderson habe schon immer von Verführbarkeit und Repression und dem großen, konstituierenden Widerspruch erzählt, der Amerika ausmache, und beweise auch in One Battle After Another ein sicheres Gespür für das destruktive Potenzial der US-Gesellschaft. Einerseits zeige er einen manischen Freiheitsfetisch, auf der anderen Seite eine fast schon erotische Faszination für Faschismus und Unterwerfung [David Steinitz: Leonardo DiCaprio dreht durch. In: Süddeutsche Zeitung, 22. September 2025, S. 9.].

In seiner Rezension für die tageszeitung bemerkte Tobias Obermeier, dass One Battle After Another den gegenwärtig ,,rasanten" autoritären Umbau in den USA kritisiere und politisch aktuell sei. Daher dürfte dem amtierenden US-Präsidenten Donald Trump ,,der Film nicht gefallen". Aus Trumps Sicht könne das Werk als ,,ein Propagandastück der in seinen Augen den Terror unterstützenden Demokraten oder gar der Antifa" interpretiert werden. Trump hatte die Antifa kurz vor Kinostart des Films als ,,bedeutende terroristische Organisation" eingestuft. Der Film wirke unter anderem auch durch das ,,Kuschen der Mächtigen aus der Tech- und Unterhaltungsbranche vor dessen [Trumps] diktatorischen Allmachtsfantasien" wie ein Anachronismus. One Battle After Another wirke ,,wie der Film der Stunde, ohne dass er es beabsichtigte", da die Dreharbeiten vor Trumps zweiter Amtsperiode beendet waren. ,,Die fiktiven USA mögen so brutal und düster erscheinen wie die realen. Anderson hält dem Wahnsinn und dem Zynismus unserer Zeit mit seinem absurden Humor jedoch einen wohltuenden Optimismus entgegen", erklärte Obermeier. Die ,,politische Dringlichkeit" verpuffe ,,im Laufe der über zweieinhalb Stunden Spielzeit in Andersons Inszenierungsrausch". Auf der anderen Seite bewahre ,,genau das den Film davor, eine allzu didaktische Antwort auf die Frage des richtigen Widerstands zu geben" [Tobias Obermeier: Bekifft gegen das faschistische Regime kämpfen. In: die tageszeitung, 24. September 2025, S. 15.].

Chris Schelb erklärt in seiner Kritik für outnow.ch, One Battle After Another sei zweifelsohne ein Film über die USA, in der vieles von Angst, Paranoia und Machthunger angetrieben wird, wodurch sehr viele Widersprüche entstehen. Indem sich Paul Thomas Anderson einer klaren Zeitverortung entzieht, schaffe er so einen Film über unsere Zeit oder sogar eine Vision einer unmittelbar bevorstehenden Zukunft [Chris Schelb: Bekifft in den Kampf. In: outnow.ch, 18. September 2025. Abgerufen am 23. September 2025.].

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Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/One_Battle_After_Another (9. März 2026)

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Quote[...] Im Westen nichts Neues. Die Trump-nahe Alt-Right-Bewegung inklusive ihrer rechten Kommentatoren wirft Paul Thomas Andersons neuem Film ,,One Battle After Another" nämlich vor, ein ,,Left-wing"-Werk für linke Eliten zu sein. Aber ,,linke Eliten" sind ja eh alle, die nicht bei drei in den Trump-Gospel einstimmen. Was er vom durch die bürgerliche Mitte ziehenden, aus Angst und Patriotismus geborenen No-Kings-Protest hält, hat der US-Präsident bekanntlich gerade deutlich gezeigt. Er scheißt darauf. Wortwörtlich.

Auch der ,,American Psycho"-Autor Bret Easton Ellis lehnt – so berichtet jüngst die Variety – Andersons imposante Thomas-Pynchon-Adaption ab.

Nach Eigenaussage war Ellis immer Anderson-Fan, dessen neuer Film sei allerdings ausschließlich so beliebt (,,One Battle After Another" gilt als Oscar-Kandidat, und ist der in diesem Jahr bislang am besten bewertete Film auf der renommierten User-Kritikseite ,,Metacritic"), weil er ,,mit dieser Art linker Sensibilität übereinstimmt", argumentierte Ellis letzte Woche in seinem Podcast. Linke Kulturmenschen würden den Film aus rein ideologischen Gründen in die Höhe loben. Denn es sei nun mal einfach ,,kein guter Film".

Was ist denn ,,ein guter Film", möchte man dem Schriftsteller da als ratlose, aber emsige Filmjournalistin entgegenrufen, und wenn tatsächlich klar wäre, was das ist – wieso macht dann nicht jede:r nur noch ,,gute Filme"? Und ,,gute Bücher"? Und was sind die präferierten Kriterien, um einen Film als ,,gut" zu bezeichnen? Hat er die? Ich habe sie nicht. Ich versuche, sie bei jeder Evaluation neu zu bestimmen.

Bei Anderson, würde ich sagen, war das nicht schwer: Wenn alle Gewerke (Schauspiel! Musik!) auf extrem hohem Niveau arbeiten, wenn etwas auf den momentan wichtigsten politischen Diskurs der Gesellschaft reagiert und dabei unterhaltsam ist, dann deutet schon vieles auf ,,guter Film" hin.

Zudem bleibt die Frage, ob man den Widerstand gegen ein totalitäres System, wie es von Anderson dargestellt wird, als ,,links" bezeichnen kann. Sollte nicht jeder Mensch gegen Totalitarismus sein, egal in welche Richtung das Fähnchen hängt?

Die Untergrundgruppe ,,French 75" aus ,,One Battle After Another", die im Übrigen nicht aus klassischen Held:innen, sondern aus bekifft-verstrahlten, egoistischen und rücksichtslosen Menschen besteht, lehnt sich gegen einen Polizeistaat auf, in dem Bürgerrechte (im Trump'schen Sinne) mit Scheiße übergossen werden. Gibt es zu diesem Freiheitskampf eine Option?

Nichts dagegen zu tun, würde wohl mindestens von Angst zeugen. Vielleicht aber auch von Nihilismus. Neulich hörte ich in einem Polit-Talk die These, dass Menschen, die rechten Parteien zulaufen und deren designiertes Ausradieren von Bürgerrechten in Kauf nehmen, nicht etwa auf mehr Macht oder Gewalt oder eine bessere Position im Leben schielten, sondern im tiefsten Herzen nihilistisch seien.

Nur Nihilist:innen verneinen (laut Duden-Definition) alle ,,positiven Zielsetzungen, Ideale und Werte". Natürlich müsste man sich darüber einig sein, was ,,positive Werte" sind – aber mit Toleranz, Achtsamkeit, Altruismus und Offenheit beziehungsweise ihren Antonymen kommt man schon recht weit.

Vielleicht ist an der These was dran. Und sie vereint vieles. Bret Easton Ellis' bekanntester Held aus ,,American Psycho" war Nihilist. Auch bei Anderson finden sich Nihilist:innen, allen voran Protagonistin Perfidia Beverly Hills, der man den Spaß am Zerstören um des Zerstörens willen ansieht. Ihr Ex-Geliebter, der bekiffte Ex-Bomber ,,Ghetto Pat" hat in seinem Leben so viele Joints inhaliert, dass für ihn ebenfalls nur noch wenig zählt (,,linke Elite" ist er darob wohl nicht, eher ,,linksversifft".)

Was ihm allerdings wichtig ist, bildet das moralische Zentrum des Films: seine Tochter. Sie schafft es, sich freizukämpfen, vom Polizeistaat und von verstrahlten Pops. Weil sie, anders als Trump, nicht auf die Meinung anderer scheißt.


Aus: "Kulturkampf Kino USA: Besser bekifft als bloß Nihilist"  Aus der Kolumne "Cultural Appreciation" von Jenni Zylka (25.10.2025)
Quelle: https://taz.de/Kulturkampf-Kino-USA/!6119175/


Textaris(txt*bot)

#3
Quote[...] Der Skandal-Auftritt eines Preisträgers könnte Folgen für die Berlinale haben. Das Aufsichtsgremium soll am Donnerstag zu einer außerordentlichen Sitzung zusammenkommen. Laut Medienberichten droht Festival-Chefin Tuttle das Aus.

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat für Donnerstagvormittag zu einer außerordentlichen Sitzung des Aufsichtsrats der Organisation »Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH« (KBB) geladen. Dort soll es »eine Aussprache zur Ausrichtung der Berlinale geben«, wie dem SPIEGEL aus der Bundesbehörde für Kultur und Medien (BKM) bestätigt wurde.

»Bild« hatte berichtet , dass die Chefin der Berlinale, Tricia Tuttle, vor der Ablösung stehe. Sie und Weimer seien sich einig, dass es mit der US-Festivaldirektorin an der Spitze der Berlinale nicht mehr weitergehen könne. Nach Informationen des Deutschlandfunks »läuft es auf eine vorzeitige Beendigung der Tätigkeit von Berlinale-Leiterin Tuttle hinaus«. Die Nachrichtenagentur dpa vernimmt aus »Kreisen«, Tuttle habe »selbst ihre Zukunft bei der Berlinale infrage gestellt«. Weimers Behörde wollte sich »zu weiteren Spekulationen« nicht äußern.

Klar ist aber, dass Tuttle unter Druck steht. Bei der Preisverleihung der Berlinale am Samstag hatte der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib der Bundesregierung vorgeworfen, »Partner des Völkermords in Gaza zu sein«. Alkhatib war mit dem Preis für das beste Erstlingswerk für seinen Film »Chronicles from the Siege« ausgezeichnet worden. Tricia Tuttle hatte ihr Amt im April 2024 angetreten.

Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD), der als einziger Vertreter der Bundesregierung bei der Berlinale-Gala anwesend war, verließ daraufhin aus Protest den Saal. In der Folge sprach CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann von »Völkermord-Vorwürfen, antisemitischen Ausfällen und Drohungen gegen Deutschland«, sowie »abstoßenden Szenen«. Die kulturpolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Ottilie Klein, forderte gegenüber der »Neuen Zürcher Zeitung«, die Förderung der Berlinale mit Bundesmitteln zukünftig an klare Bedingungen zu knüpfen.



Wolfram Weimer sagte nach der Preisverleihung: »Die Pali-Aktivistenszene hat auf der Berlinale mit Israelhass, Aggressivität und Bekenntnisnötigungen ihre hässliche Fratze gezeigt.« Es seien Jury-Arbeiten und Preisverleihungen für »politische Destruktion« missbraucht worden.

Für zusätzliche Aufregung hatte gesorgt, dass Tricia Tuttle bereits eine Woche vor der Preisverleihung mit dem Filmteam von »Chronicles from the Siege« für ein Foto posiert  hatte. Dabei trugen Crewmitglieder die Kufiya und hielten palästinensische Flaggen. Der »B.Z.«, die das Foto nach Festivalende skandalisiert hatte, schrieb die Festivalleitung: »In ihrer Rolle als Festivaldirektorin begrüßt Frau Tuttle zahlreiche Filmteams, die mit ihren Premieren einen wichtigen Meilenstein für ihre Filme feiern.«

feb/dpa


Aus: "Weimer kündigt Sondersitzung über die Zukunft der Berlinale ein" (25.02.2026)
Quelle: https://www.spiegel.de/kultur/kino/berlinale-wolfram-weimer-beruft-ausserordentliche-sitzung-ueber-die-zukunft-ein-a-b4782ac4-b05f-46bd-a997-51722f43e410

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Tricia Tuttle (* 1970) ist eine US-amerikanische Filmfestivaldirektorin, -programmmanagerin, Dozentin, Autorin und Journalistin. Sie ist seit 2024 Leiterin der Internationalen Filmfestspiele Berlin (Berlinale). Zuvor war sie von 2018 bis 2022 künstlerische Leiterin des London Film Festivals. ... Am 25. Februar 2026 wurde gemeldet, dass Tuttle wegen einer von Regisseur Abdallah Alkhatib bei der Preisverleihung für seinen Film Chronicles from the Siege gehaltenen Rede, in der dieser der Bundesregierung vorwarf, ,,Partner des Völkermords in Gaza zu sein",[tagesschau.de: Empörung nach Gaza-Eklat bei der Berlinale in Berlin. Abgerufen am 25. Februar 2026.] abgelöst werden solle.[Berlinale-Chefin soll nach propalästinensischer Aktion abgelöst werden. In: n-tv NACHRICHTEN. Abgerufen am 25. Februar 2026.] Kritisiert wurde, sie habe aus Angst vor Kontroversen keine klaren Grenzen gezogen und Alkhatibs Aussage nicht widersprochen. Sie zeige ,,bedauerlicherweise, dass sie ihrer Aufgabe nicht vollständig gewachsen" sei, was ,,man in diesem Fall als Scheitern bezeichnen" müsse. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Tricia_Tuttle (5. März 2026)

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Quote[...] Auch wenn Tricia Tuttle vorerst Festival-Leiterin bleibt – das Vorgehen des Kulturstaatsministers wirkt als Warnung an die gesamte Kulturszene.

Tricia Tuttle bleibt Leiterin der Berlinale. ,,Vorerst". Dieses Wort ist kein Verwaltungsdetail, es ist eine Machtmarkierung, die bedeutet: Die Intendantin steht unter Beobachtung. Und mit ihr ein ganzes Festival.

Auslöser war eine Dankesrede des syrisch-palästinensischen Filmemachers Abdallah al-Khatib bei der Preisverleihung, in der er die Bundesregierung für ihre Mitverantwortung am – wie er es ausdrückte – israelischen Genozid in Gaza kritisierte. Hinzu kam ein Gruppenfoto, auf dem Tuttle mit Filmschaffenden zu sehen ist, die palästinensische Symbole tragen. Die Springer-Medien machten daraus einen ,,Antisemitismus-Eklat". Für Kulturstaatsminister Wolfram Weimer waren diese Vorkommnisse offenbar Grund genug, die Leitung des Festivals grundsätzlich infrage zu stellen [https://taz.de/Kritik-an-Berlinale-Chefin/!6157805/].

Man muss die Inhalte der Rede nicht teilen, um zu erkennen, wie hier Maßstäbe verrutschen. Eine politische Einordnung des Gaza-Kriegs, selbst wenn sie polemisch oder einseitig formuliert ist, ist nicht automatisch antisemitisch. Wer jede fundamentale Kritik an israelischer Regierungspolitik oder deutscher Unterstützung reflexhaft in diese Kategorie rückt, verschiebt den Diskurs – und entwertet zugleich den Kampf gegen tatsächlichen Antisemitismus.

Doch der Konflikt reicht tiefer als die Frage einzelner Formulierungen. Die Berlinale ist staatlich gefördert und repräsentiert die Bundesrepublik. Damit bewegt sie sich zwangsläufig im Spannungsfeld zwischen künstlerischer Autonomie und staatlicher Repräsentationslogik. Kulturinstitutionen produzieren Bilder, die Teil politischer Selbstverständigung werden – sie stabilisieren Narrative oder irritieren sie.

Genau darin liegt die Brisanz. Solange kulturelle Sichtbarkeit das politische Selbstbild nicht infrage stellt, gilt sie als legitime Haltung. Wenn sie dieses Selbstbild berührt oder stört, entsteht Druck. Nicht weil Kunst plötzlich ihre Grenzen überschreitet, sondern weil sie ihre gesellschaftliche Funktion erfüllt: Konflikte sichtbar zu machen.

Die schnelle Eskalation zur Personalfrage sendet deshalb ein klares Signal: Wer eine Bühne verantwortet, soll künftig für politische Irritationen geradestehen. Das ist weniger sachliche Aufsicht als ein Mechanismus der Disziplinierung. Die Schwebe, in der Tuttle nun gehalten wird, wirkt wie eine Warnung an die gesamte Kulturszene.

Der Streit um die Berlinale ist damit ein Testfall. Hält dieses Land Ambivalenz aus – oder nur jene Formen politischer Positionierung, die sich in das eigene Selbstbild einfügen? Kunst darf kein verlängerter Arm der Außenpolitik sein. Sie ist der Ort, an dem gesellschaftliche Widersprüche sichtbar werden. Diese Sichtbarkeit ist keine Grenzüberschreitung, sondern ihr Auftrag.


Aus: "Wolfram Weimer und die Berlinale: Autoritäre Machtmarkierung" Aus einem Kommentar von Derya Türkmen (26.2.2026)
Quelle: https://taz.de/Wolfram-Weimer-und-die-Berlinale/!6152861/

QuoteFancyBeard

26.02.2026, 18:52 Uhr

,,Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war", sagt der Filmemacher.

Antisemitismus hin oder her, solche Aussagen sind immer problematisch. So etwas sollte eine Festivalleitung nicht einfach stehen lassen.


QuoteFrancesco

26.02.2026, 22:56 Uhr
@FancyBeard:

So etwas hätten Nelson Mandela oder Wolodomir Selnsky auch sagen können.


Quotenutzer

26.02.2026, 21:42 Uhr

Es geht hier doch mitnichten um Antisemitismus. Es geht um einen Krieg, den vor allem die palästinensische Bevölkerung zu ertragen hat. Wenn es nicht legitim ist, dass sich Betroffene dazu (einseitig) äußern und postwendend als Antisemiten betitelt werden und stellvertretend für den Sprechenden, den man schlecht haftbar machen kann, die Verantwortliche der Berlinale unter dem Vorwand von nicht ausreichender Distanzierung abgesägt werden soll. Dann ist es genau das, was rechts so gerne beklagt, ein Verbot von Meinungsäußerungen.

Es ist schon absurd zu glauben, dass palästinensische Menschen, die persönlich oder eben in ihrem Umfeld die Folgen des Krieges erleben, sich in ihrer Israelkritik zügeln sollen, weil das ja mglweise antisemitisch wäre. Soviel klaren Kopf könnte eigentlich jeder Mensch haben, egal wie er zum Krieg steht.

Das Agieren von Weimer und Co zeigt wieder: Jede Anklage, ein Eingeständnis.


QuoteHein Sprüngerl

26.02.2026, 22:10 Uhr

*"Vorerst". Dieses Wort ist kein Verwaltungsdetail, es ist eine Machtmarkierung*.

Naja, vielleicht geht es auch einfach nur um Gesichtswahrung bei Kulturkampfminister Weimer. Damit der nicht zugeben muss, dass er sich mit Hilfe der Springer-Medien verrannt hat. Und um dem Eindruck vorzubeugen, er hätte sich von den breiten Protesten beeindrucken und zur Vernunft bringen lassen. In Zeiten, in denen Mitglieder der Bundesregierung ja gern mal zivilgesellschaftliches Engagement diffamieren, bedarf es solch lächerlicher Schlüsselwörter wie "Vorerst" vielleicht manchmal. Aus meiner Sicht zeigt diese Sprachregelung, dass Weimer ziemlich unter Druck geraten ist - und das wahrscheinlich nicht erwartet hatte.

*Die Schwebe, in der Tuttle nun gehalten wird, wirkt wie eine Warnung an die gesamte Kulturszene.*

Oder umgekehrt: die Kulturszene hat dadruch gelernt, dass sie in der Lage ist, politische Einschüchterungsversuche abzuwehren, in dem sie die Einschüchterer einschüchtern kann, wenn sie sich selbst nicht von denen einschüchtern lässt.


QuoteDC Fix

26.02.2026, 23:13 Uhr

Vielen Dank für diesen Kommentar. Dass Frau Tuttle unter diesen Umständen in diesem politischen Minenfeld nicht hingeschmissen hat,finde ich nicht selbstverständlich. Ich würde mir persönlich in dieser aufgepeitschten Debatte wünschen, dass alle mal innehalten, verbal abrüsten und ein bisschen mehr Selbstreflexion üben. Was alle Eskalierenden sowohl von Kulturschaffendender als auch Politiker-Seite ebenfalls freundlicherweise zur Kenntnis nehmen sollten, ist, dass Meinungsfreiheit keine Einbahnstraße ist. Auch nicht auf einem öffentlich geförderten Festival.

Mich hat jedenfalls gestört, dass durch so manches aktivistische Getöse und die Überreaktion aus den einschlägigen politischen Kreisen darauf, der Fokus auf die Filme etwas verloren gegangen ist. Um die sollte es ja eigentlich gehen. Das war schade. Aber dafür ist Tuttle meiner Meinung nach nicht verantwortlich zu machen


QuoteLand of plenty

27.02.2026, 01:32 Uhr

Frau Tuttle hatte doch während des Beginns der Berlinale auf den Kritikbrief ganz angemessen reagiert und erklärt, dass es nicht nur ein Thema - Palästina- gibt, sondern ganz viele.

KSM Weimer scheint nur ein rechter Nationalist zu sein.

Die Äußerungen des Prämierten Filmemachers verstehe ich so, dass er an die Gestorbenen denkt, und an die, die Geschwiegen haben, also nicht protestiert haben. das ist alles eindeutig. Israels Reaktion auf die Invasion der Hamas war extrem krass. So ist das dort. Die Spannung zwischen diesen Perspektiven wird bleiben. Kulturelle Kreationen haben die Möglichkeit dazu künstlerisch zu arbeiten.


QuoteSam Spade

27.02.2026, 01:48 Uhr

Deutschland hat die größte palästinensische Community in Europa und in keinem europäischen Land sind Palästinenser derartigen Repressalien ausgesetzt wie in Deutschland. Sei es ein Kongress, eine Kunstausstellungsreihe oder ein Filmfestival. Die Demonstrationen erwähne ich gar nicht erst. Stichwort Sprachverbot.

Das Schuldgefühl auf staatlicher Seite muss tief sitzen, wenn jede Kritik aus dem palästinensischen Lager an dem Verhalten der Regierung mit restriktiven Maßnahmen begegnet wird.

Das ist halt das Resultat, wenn ein Land aus falsch verstandener historischer Verantwortung eine automatische Unterstützung für die Konflikte der israelischen Regierungen ableitet und sich dann zu rechtfertigen versucht. Da kommt man mit Worten allein oftmals nicht weiter.

Die Vorgehensweise dabei erinnert an Methoden, wie sie auch autoritäre Systeme nutzen um Kritiker einzuschüchtern oder mundtot zu machen.

Insofern kann ich dem Kommentar der Autorin nur zustimmen und ihre Frage, ob Deutschland diese Ambivalenz aushält, angesichts der Summe der Repressalien, klar mit Nein beantworten.


QuoteMaCo

27.02.2026, 08:51 Uhr
@Sam Spade:

Ihr palästinensischer Opfermythos ist unhaltbar. Die Rede- und Demonstrationsfreiheit ist und wird in Deutschland gewahrt. Im Gegensatz zu den Herrschaftsgebieten der Hamas, Hizbullah oder des Iran. Rede- und Demonstrationsfreiheit bedeutet aber nicht dass es einen Anspruch gibt dass was man öffentlich fordert keinen Widerspruch erntet oder sogar politisch umgesetzt wird. Aufrufe zum Boykott Israels oder seine Vernichtung (From the River to the Sea) finden in Deutschland richtigerweise keine allgemeine Unterstützung.


Quotehedele

27.02.2026, 08:27 Uhr
@Sam Spade:

Das sehe ich genauso. Hätten wir den christlich-jüdischen Dialog beherzt weiterentwickelt und Synagogen wiederaufgebaut - nicht nur als Museen, dann müssten wir uns jetzt nicht mit einem Schlächter wie Netanjahu gemein machen, um nicht als Antisemiten dazustehen, sondern wir könnten souverän die dann wirklich vorhandene moralische Basis nutzen. ...


QuoteBudzylein

27.02.2026, 08:12 Uhr
@Sam Spade:

Welche "Repressalien" denn? In Deutschland finden regelmäßig landauf, landab Demonstrationen von Palästinensern statt, die allenfalls dann behelligt werden, wenn offen zu Gewalt und Terror aufgerufen, verbotene Parolen gerufen oder Symbole von Terrororganisationen gezeigt werden. Und selbst das bleibt meist strafrechtlich ungeahndet oder führt im Höchstfall zu niedrigen Geldstrafen.

Es erschließt sich auch nicht, weswegen zum einen Deutschland die größte palästinensische Community in Europa hat und diese andererseits den stärksten "Repressalien ausgesetzt" sein soll. Eigentlich müssten die in Deutschland lebenden Palästinenser nach Ihrer Logik ob der "Repressalien" in hellen Scharen Deutschland verlassen und in andere europäische Länder flüchten oder gar nicht erst nach Deutschland kommen. Das ist aber nicht der Fall, weil die Palästinenser wissen, dass sie hier keine Angst vor Repressalien haben müssen, wenn sie keine Straftaten begehen. Auch al-Khatib hatte ersichtlich keine entsprechenden Befürchtungen.

Und welche "Konflikte der israelischen Regierungen" meinen Sie? Der Gaza-Krieg ist kein Konflikt der israelischen Regierung, sondern Folge des Terrorangriffs des 07.10.2023.


QuoteOutis

27.02.2026, 09:46 Uhr
@Budzylein:

Sorry, also diese Verkürzung kann man hier nicht so stehen lassen. Ja, der Auslöser des letzten (aktuellen?) Gaza-Kriegs war der Terrorangriff der Hamas und verbündeter Verbrecher. Für die israelische Kriegsführung und alle dabei begangenen Verbrechen zeichnet aber eben Israels Regierung verantwortlich - und an der ständigen Verschleppung einer wenigstens Lösung hatten die persönlichen Befindlichkeiten des Premierministers durch Verlängerung des Krieges der Strafverfolgung zu entgehen auch einen beträchtlichen Anteil (neben anderen politischen, dem Wohlergehen der Geiseln oder der breiten Bevölkerung Israels entgegenstehenden Zielstellungen). Das, sowie die Tatsache, dass die Netanjahu-Regierung sich aktiv gegen eine Aufarbeitung der politischen Verantwortung für die mangelhafte Reaktion der Sicherheitskräfte auf die Terrorattacken stellt, sind Themen die die Geiselangehörigen wiederholt anprangern. Das gehört genauso zu der Geschichte wie die direkte Verantwortung der Hamas (deren Führungsriege ja bereits liquidiert wurde).


QuoteSchleicher

27.02.2026, 09:38 Uhr
@Budzylein:

Kann man auch gleich behaupten es gäbe hier keine Verbrechen, keinen Antisemitismus, keine Nazis.

Es gibt Institutionen, die sich ernsthaft mit diesen Fragen auseinandersetzen. Vielleicht sollten Sie diese Fakten einfach Mal in Ihr Leben lassen.

Zum Beispiel Reporter Ohne Grenzen.


QuoteAmra

27.02.2026, 05:21 Uhr

Ich werden mich an alle erinnern, die das Leben für Juden und Israelis in Deutschland zur Hölle gemacht haben. Ich werde mich an alle erinnern, die dem antisemitischen Furor Vorschub geleistet haben.


QuoteJK83

27.02.2026, 21:58 Uhr
@Amra:

Gerne doch. Die Gedanken sind frei und die Meinungen auch ziemlich weitgehend. Erinnerungskultur können sie auch wie sie wollen betreiben. Sie dürfen anprangern und klagen. Bitte bitte bitte. Im Moment aber sehe ich, dass es sehr vielen Menschen in der BRD näher geht, was Israel in Gaza und im Westjordanland mit Menschen anstellt und schon angestellt hat. Das wird als Gravierender empfunden und ich finde auch ziemlich gute Argumente dafür. Nichts für ungut, tun sie das wenn sie es wollen!


...

QuoteMichael Andreas, 28.02.2026, 11:12 Uhr

Das Schicksal der Israelis und Palästinenser im Nahen Osten hängt maßgeblich davon ab, wie auf einem Berliner Filmfestival geredet wird. Isso. Deswegen auch 106 Kommentare hier bisher.


QuoteGideon , Moderator*in

01.03.2026, 22:24 Uhr

Vielen Dank für eure Beiträge, wir haben die Kommentarfunktion geschlossen. Die Moderation



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Rüdiger Suchsland (* 1968 in Hamburg) ist ein deutscher Filmjournalist, Filmkritiker und Regisseur. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%BCdiger_Suchsland


Quote[...] Cinema Moralia – Folge 380: Das wird man doch noch sagen dürfen

Sind Kultur- und Meinungsfreiheit in Deutschland gefährdet? Mit einem langen Blick auf die Berlinale-Debatte der letzten Woche – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 380. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»You are the media now!«
– Donald Trump am 5.11.2024

 »Der neue Autoritarismus trägt das Gesicht des Antiautoritären.«
 – Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler

Ich finde auch, die Politik sollte sich aus der Kunst heraushalten. Darum sollte es keine Diversitätslisten, Greenshooting-Pläne, inhaltliche Vorgaben, Überprüfungen und Ähnliches geben.
Die Politik hat aber sehr wohl die Aufgabe, die Kunstfreiheit zu sichern.

Das ist die eigentliche Frage im aktuellen, nur vorläufig befriedeten Kulturkampf um Ausrichtung und inhaltliches Verständnis der Berlinale: Gefährden die Vorgänge der Berlinale in den letzten Jahren die Kunst? Oder tun das die Eingriffe der Minister und die Versuche, die Berlinale wieder auf Kurs zu bringen? Auch Claudia Roth hatte eine Berlinale-Leitung abgesetzt, ohne dass die Filmakademie damals mobil wurde.

Die Kunstfreiheit ist eine der Künste, keine der Institutionen.

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Für die einen, meist identitätspolitisch orientierten Angehörigen der linken Kultur- und Wissenschaftsszene der Hauptstadt, wird bei der Berlinale die Meinungsfreiheit eingeschränkt, falls Araber auf der Berlinale-Bühne keine Drohungen mehr aussprechen dürfen, ohne dass der Veranstalter widerspricht. Für die anderen, meist republikanisch-liberal orientierten Bürger aus den übrigen Teilen der Republik, geht es gerade darum, die Kunstfreiheit gegen die Zumutungen zu verteidigen, die die allgegenwärtige Politisierung bedeuten. Die Kunst werde durch ihre Vereinnahmung für gesellschaftliche Zwecke und zur Propaganda beschädigt, argumentieren sie.

+ + +

Wir wollen keinen Polizeistaat. Wer will das schon? Aber selbstverständlich ist in Cannes und Venedig der Zugang zum Festival streng reglementiert, und wird von der Polizei und von Sicherheitskräften gesichert. Auch der Zugang zur Bühne. Nicht etwa, um die Kunstfreiheit einzuschränken, sondern im Gegenteil, um Kunstfreiheit zu sichern – auch vor politischen Zumutungen, die aus der Kunstszene selbst stammen.

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Tatsächlich ließ sich eine außerordentlich geschätzte Freundin von mir vergangene Woche zu der Bemerkung hinreißen, dass uns dieses »furchtbare und hochgefährliche Signal« Weimers, die vermeintliche Entlassung, »in einen ganz düsteren CDU-Faschismus führt.« Dieses völlig maßlose Zitat kann ich nur auf die Fiebererkrankung der Freundin zurückführen. Aber es ist ein treffendes Beispiel für die Übererregung und die totale Hysterisierung der Diskurse.

Der Kulturkampf führt zu einem doppelten Ansehensverlust für die Berlinale: Einerseits ist das internationale Vertrauen in das Festival angeknackst, sowohl das Vertrauen mancher jüdischer und israelischer Filmemacher, sich auf der Berlinale sicher zu fühlen, als auch das Vertrauen der internationalen Community darin, dass das Festival unabhängig von politischen Eingriffen weiterbesteht. Andererseits ist das Ansehen auch angeknackst, in dem Sinne, dass die Berlinale sich von dieser Debatte in Zukunft überhaupt nicht leicht lösen kann.

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Wie können wir den Kulturkampf vermeiden? Manche werden mir natürlich nicht glauben, dass ich ihn vermeiden will; das muss ich so stehen lassen. Für die, die es mir glauben wollen, aber einige Überlegungen.

Kulturkämpfe kann man nicht dadurch vermeiden, dass man mit dem Zeitgeist geht, dass man der Masse oder der Mehrheit zustimmt, dass man jeder Diskussion ausweicht oder, wie Ingo Fließ bei der Berlinale-Preisverleihung sinngemäß sagt, wir sollten uns doch nicht streiten, sondern besser vertragen, denn wir hätten ja einen gemeinsamen Feind. Das ist freundlich, und es ist humanistisches Denken.

Aber es geht an den Verhältnissen vorbei.

Für München hätte es gut gepasst. Angesichts der Berliner Verhältnisse der letzten drei Jahre ist es aber auch in dem Sinn typisch für München, dass es ein bisschen blauäugig und naiv ist. Denn tatsächlich glaube ich nicht, dass diese Anmerkung auf jeden zutrifft. Ich fürchte, wir haben vielleicht nicht alle den gemeinsamen Feind. Manche identitätspolitische Fundamentalisten unter den Linken haben als ihren größten Feind die liberale Mitte und alles, was mit Juden zu tun hat. Ihr Feind heißt Israel und die USA und andere Linke, nicht die AfD und Russland.

Mit schönen Reden oder Beschweigen lassen sich die Probleme jedenfalls nicht lösen. Aussprechen, ohne drumherum zu reden, wäre schon mal ein Anfang.

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Die Meinungs- und Kunstfreiheit ist in keiner Weise eingeschränkt, wenn man bestimmte Symbole und Drohungen verbietet, und wenn man irgendwo einen Code of Conduct einsetzt. Zum Zweiten geht es etwa bei der Berlinale auch nicht um Meinungs- und Kunstfreiheit, sondern darum, wie die Berlinale-Leitung und die Berlinale als Institution auf bestimmte Exzesse reagieren, die im Rahmen der Meinungs- und Kunstfreiheit rechtlich erlaubt sind. Wie sie politisch reagiert, nicht rechtlich. Wo sie steht.

Drittens wird natürlich jedes Recht durch ein anderes Recht eingeschränkt, und wenn die Meinungs- und Kunstfreiheit dazu missbraucht wird, um menschenfeindliche Äußerungen zu tun, dann sollte zumindest die Frage erlaubt sein, ob das noch von der Meinungs- und Kunstfreiheit gedeckt ist und ob die Berlinale dafür eine Bühne bilden will.

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Journalismus ist für viele vor allem PR in eigener Sache. Sie gefallen sich als aufmüpfige antipolitische Verteidiger der angeblich bedrohten Meinungsfreiheit, vor allem der eigenen Meinung.

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Mir hat in dieser Woche ein politisch eindeutig linksstehender Philosoph, dem Adorno ein bisschen zu bürgerlich ist, geschrieben, dass er jetzt doch langsam beim Anblick der gegenwärtigen Linken auf Habermas einschwenkt und dessen These vom Linksfaschismus etwas abgewinnen kann. Dies nur fürs Protokoll.

Vielleicht hat der 7. Oktober 2023 für die Linke etwas Ähnliches bewirkt wie Corona für die Rechte: Es bildet sich eine Art Parallelwelt und Querdenkertum heraus, mindestens in Berlin. Dort lebt die Linke auch mit Schnittmengen in die linksliberale Kunst- und Wissenschaftsszene tatsächlich in einer anderen, ihrer ganz eigenen Welt.

Ohne Anerkennung der Wirklichkeit wird sich der Kulturkampf nicht vermeiden lassen, denn die Ignoranz oder die sehr einseitige Anerkennung von bestimmten Teilen der Wirklichkeit und Ausblendung von anderen ist genau eine der Voraussetzungen für das, was ich Kulturkampf nenne.

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»Der neue Autoritarismus trägt das Gesicht des Antiautoritären«, sagt Bernhard Pörksen gerade an diesem Mittwochabend in Berlin. Es passt großartig zur Lage.

»Der Journalismus braucht mehr Weichheit«, sagt er. »Aber auch mehr Härte. Man muss Quatsch Quatsch nennen, und Hetze Hetze.«

Zur Lage, in der reine Gesinnungsethik wieder aufersteht, in der es mehr und mehr parteiische Medien auf allen Seiten gibt, die mobilisieren und für die eigene Filterbubble sprechen wollen, nicht streiten, um zu verständigen, sondern mit dem Ziel zu spalten.

Man muss es ernst nehmen, wenn Menschen glauben, dass die CDU und ihr Minister elementare Grundrechte aus den Angeln heben wollten. Sie wollten in die Kunstfreiheit eingreifen, ein großes Kulturfestival und die wichtigste Kunstausstellung der Nachkriegszeit, zwei deutsche Kulturstandortvorteile, zerstören.

Kluge Leute stimmen dem zu.

Man muss das ernst nehmen, wenn so viele Leute sich merkwürdig und vor allem völlig überdreht zu einer im Prinzip banalen Personalfrage – wer von den 88 Millionen Bundesbürgern weiß denn, was die Berlinale ist und wer ihre Chefin? Und hängt an dieser Person wirklich das Schicksal der Filmkultur in Deutschland? Wohl kaum – äußern kluge, sensible Leute.

Man muss sich aber auch fragen, woher diese Überdrehung kommt.

Mir persönlich kommt es ähnlich vor, wie manche Entwicklungen, die wir während der Corona-Pandemie erlebt haben. In der Corona-Pandemie stiegen bestimmte Teile der Gesellschaft aus dieser aus und bilden seitdem die Gruppe jener Querdenker und Wutbürger, die sehr oft rechts oder rechtsaußen stehen. Ich habe den Verdacht, dass nach dem 7. Oktober etwas Ähnliches passiert auf der linken, vor allem auf der studentischen und akademischen Linken und in der Kunstszene, zu der natürlich auch die Filmszene gehört – dass ein bestimmter Teil dieser Szene gewissermaßen aussteigt und beginnt, die Welt komplett anders zu sehen und quasi in einer eigenen anderen Welt zu leben. Natürlich ist mir klar, dass solche Reden gefährlich sind, und immer auf den zurückfallen, der redet – also vielleicht lebe ich in meiner eigenen Welt. Aber wenn ich so lese, was manche kluge Menschen für Dinge schreiben, dann verstehe ich es nicht mehr. Das ist nicht eine unterschiedliche Interpretation von Fakten und Realitäten, sondern es sind ganz andere Fakten und Realitäten.

Mir scheint, dass die ganzen Debatten dadurch vergiftet sind, dass man ja schon elementare Beschreibung der Wirklichkeit nicht mehr akzeptiert und offenbar der Sinn für die feinen Unterschiede, das, was manche Wissenschaftler als Ambiguitätstoleranz bezeichnen, der Sinn für Ambivalenzen und für Unterschiede, verloren geht.


Aus: "Cinema Moralia – Folge 380" Rüdiger Suchsland (05.03.2026)
Quelle: https://www.artechock.de/film/text/artikel/2026/03_05_cinema_moralia_380.html

Der Schutz der Freiheit gegen den Schutz von Sensibilitäten – die Kunstfreiheit, die Kürzungen des Kulturetats und die FFG-Misere – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 340. Folge Von Rüdiger Suchsland (05.12.2024)
https://www.artechock.de/film/text/artikel/2024/12_05_cinema_moralia_340.html

https://www.artechock.de/film/text/special/2007/cinema_moralia/index.htm