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[Kunstkritik (Notizen) ... ]

Started by Textaris(txt*bot), January 17, 2026, 01:07:52 PM

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Textaris(txt*bot)

Quote[...] Die Kunstkritik beschreibt, analysiert und beurteilt Kunstwerke der Bildenden Kunst aus der Gegenwart für ein kunstinteressiertes Publikum. ...

Seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert wird die zeitgenössische Kunstkritik als eine in der Krise befindliche Gattung wahrgenommen.


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Kunstkritik

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QuoteI. Der Kritiker ist Stratege im Literaturkampf.

II. Wer nicht Partei ergreifen kann, der hat zu schweigen.

III. Der Kritiker hat mit dem Deuter von vergangenen Kunstepochen nichts zu tun.

IV. Kritik muß in der Sprache der Artisten reden. Denn die Begriffe des cénacle sind Parolen. Und nur in den Parolen tönt das Kampfgeschrei.

V. Immer muß ,Sachlichkeit' dem Parteigeist geopfert werden, wenn die Sache es wert ist, um welche der Kampf geht.

VI. Kritik ist eine moralische Sache. Wenn Goethe Hölderlin und Kleist, Beethoven und Jean Paul verkannte, so trifft das nicht sein Kunstverständnis, sondern seine Moral.

VII. Für den Kritiker sind seine Kollegen die höhere Instanz. Nicht das Publikum. Erst recht nicht die Nachwelt.

VIII. Die Nachwelt vergißt oder rühmt. Nur der Kritiker richtet im Angesicht des Autors.

IX. Polemik heißt, ein Buch in wenigen seiner Sätze vernichten. Je weniger man es studierte, desto besser. Nur wer vernichten kann, kann kritisieren.

X. Echte Polemik nimmt ein Buch sich so liebevoll vor, wie ein Kannibale sich einen Säugling zurüstet.

XI. Kunstbegeisterung ist dem Kritiker fremd. Das Kunstwerk ist in seiner Hand die blanke Waffe in dem Kampfe der Geister.

XII. Die Kunst des Kritikers in nuce: Schlagworte prägen, ohne die Ideen zu verraten. Schlagworte einer unzulänglichen Kritik verschachern den Gedanken an die Mode.

XIII. Das Publikum muß stets Unrecht erhalten und sich doch immer durch den Kritiker vertreten fühlen.


Aus: Walter Benjamin: DIE TECHNIK DES KRITIKERS IN DREIZEHN THESEN (in "Einbahnstraße", 33) 1928
Quelle: https://www.signaturen-magazin.de/walter-benjamin--die-technik-des-kritikers-in-dreizehn-thesen.html

Textaris(txt*bot)

#1
Quote[...] Vielleicht ist es Zeit, an dieser Stelle wieder einmal über das Wesen von Kritik nachzudenken. Aus gegebenem Anlass [https://www.nachtkritik.de/nachtkritiken/deutschland/berlin-brandenburg/berlin/maxim-gorki-theater-berlin/todesfuge-maxim-gorki-theater-berlin-nazanin-noori-laeuft-mit-gedichten-von-paul-celan-auf-grund], muss ich vielleicht hinzufügen. Denn bei mancher Reaktion auf meine Kritik zur "Todesfuge" am Berliner Gorki Theater könnte man zu dem Ergebnis kommen, dass Kritik allerhöchstens noch eine pädagogische Funktion zugestanden wird. Schwerste Vokabelgeschütze werden besonders von jenen aufgefahren, die selbst konstruktive Begleitung der missglücktesten Kunstanstrengung erwarten.

Andernfalls würde ich zarte Kunstkeime ersticken, Experimentierfreude, ja das Theater an sich zerstören. Wobei ich, solche Einwürfe lesend, stets denke: Wer sich von schlechten Kritiken einschüchtern lässt, sollte vielleicht den Beruf wechseln. Hinzu kommt, dass an subventionierten Häusern Kunst im öffentlichen Auftrag entsteht. Damit gehört die Reflexion der Ergebnisse in der Öffentlichkeit schlicht zur demokratischen Kultur.

Sonst haben wir wieder Verhältnisse wie im 19. Jahrhundert, als Theaterkritik, die sich nicht affirmativ zu den Hoftheatern und den Lieblingsschauspieler*innen der Fürsten verhielt, als Majestätsbeleidigung galt. Heute, wo jeder nur noch sich selbst repräsentiert, verstehen sensible staatsfinanzierte Künstler*innen oft bereits die Nichterwähnung in einer Kritik als Mikroaggression. Oder gar als "gesilenced" werden. Gerne verweise ich in diesem Zusammenhang auf die Gesetze zur Kritik des Jahres 1936, als Kunstkritik (als zersetzend) verboten und nur noch "Kunstbetrachtung" gestattet war.

Selbst wenn man weniger krass argumentiert: Das Ideal einiger Theatermacher*innen ist scheinbar das betreute Theatermachen. Als handele es sich um eine Art therapeutische Maßnahme, bei der es ausschließlich um die Macher*innen geht. Die Kritik hat in diesem Szenario höchstens eine betreuende Funktion. Das Publikum spielt überhaupt keine Rolle und hat gefälligst zu schlucken, was auf die Bühne kommt.

Ich möchte mir nicht ausdenken, wie derart gestrickte Zeitgenoss*innen auf Walter Benjamins dreizehn Thesen zur Technik des Kritikers aus dem Jahr 1928 reagieren würden. "Nur wer vernichten kann, kann kritisieren", hat er da unter anderem formuliert. Und dass "echte Polemik" sich ihren Gegenstand so liebevoll vornehme "wie ein Kannibale sich einen Säugling zurüstet." Wobei ja sogar ich als Kritikerin stark dem Vegetarismus zuneige (und dem Kannibalismus eher gar nicht), mich aber trotzdem speziell Benjamins 13. These auch fast ein Jahrhundert später noch verpflichtet fühle. "Das Publikum muß stets Unrecht erhalten und sich doch immer durch den Kritiker vertreten fühlen."

Die Vehemenz, mit der auf Kritik reagiert wird, ist ja schon länger zu beobachten: diese seltsame Sehnsucht nach Vergemeinschaftung, die das Andere nicht mehr aushält, ja, meist nicht einmal mehr duldet. Gesucht werden die Wärmestuben der Gleichgesinntheit. Widerspruch wird als Feindseligkeit wahrgenommen statt als Wunsch nach Auseinandersetzung.

Statt des erwachsenen Gegenübers mit eigenem Blick und eigener Meinung wird ergebenes Fantum gefordert. Das hat gerade im Feuilleton der Zeit am Beispiel der Popkritik sehr eindringlich auch der Kritiker Jens Balzer beschrieben. Zur Einordnung hat Balzer unter anderem Rat bei der US-amerikanischen Literaturwissenschaftlerin Anna Kornbluh und ihrem Buch "Immediacy, or The Style of Too Late Capitalism" gesucht, die dort die Unfähigkeit zur Kritik als Signatur unserer Gegenwart festmacht. In der Epoche des Zu-spät-Kapitalismus, fasst Balzer eine These Kornbluhs zusammen, stagniere das Wachstum, die Zukunft erscheine katastrophisch, als sei es zu spät, um noch etwas zu ändern. Darum müsse immer mehr in die Gegenwart gepresst, die Zirkulationsgeschwindigkeit von Gütern und Informationen unaufhörlich erhöht werden. "Alles, was es gibt, soll möglichst schnell und widerstandslos konsumiert werden, damit ebenso möglichst schnell etwas anderes an dessen Stelle treten kann."

Scheinbar sieht die vom Kapitalismus infantilisierte Gesellschaft samt ihrer Künstler*innen überall nur noch Eltern oder Therapiepersonen, die die Verantwortung tragen, statt selbst in die Verantwortung zu gehen. Aber ist ihnen wirklich mit einer Kritikerin geholfen, die sie täuscht und belügt? Die schönt, statt aufzuschreiben, was sie sieht?


Aus: "In den Wärmestuben der Gleichgesinntheit" Esther Slevogt (28. Oktober 2025)
Quelle: https://nachtkritik.de/kolumnen-esther-slevogt/kolumne-aus-dem-buergerlichen-heldenleben-ueber-kritik

QuoteKolumne Slevogt: Ehestreit
    #24
    Felix
    30.10.2025 14:23

Die ganze Debatte klingt wie ein Ehestreit. Man kennt sich, man gehört zusammen, man kann nicht ohne einander. Aber manchmal geht man sich eben auf die Nerven.

Ich bin Team Slevogt und finde ihre Worte sehr treffend. Natürlich braucht es Kritik und eine möglichst lebhafte Auseinandersetzung mit Theater, Oper, Film - mit allem eben, was meist zu mehr als 50% von öffentlichen Geldern finanziert wird, also auch vom Geld von Beamtinnen, Bankern, Landwirtinnen, AfD-Wählern.... Und natürlich ist Kritik nur interessant und glaubwürdig, wenn sie auch kritisch ist, also auch mal sagt, wenn eine Produktion nicht gelungen ist.

Stellt euch doch einfach mal vor, die Kritik macht ihren Job gar nicht mehr. Wäre das nicht viel schlimmer als eine schlechte Kritik? Die wird dann vielleicht sogar so breit diskutiert wie hier und bringt erst recht Zuschauende.

Vielerorts ist das Gegenbeispiel schon lange Realität. Aus der Schweiz kenne ich zahlreiche Fälle von Produktionen, zu denen kein:e einzige:r Kritiker:in mehr kommt. Medien-Orientierungen werden nicht mehr besucht. Schauspielende und Regie-Team mümmeln die Croissants selber weg, die eigentlich für die Journalistinnen gedacht waren. Theater findet in den traditionellen Medien nur noch selten statt.

Auf Insta & Co kann es dafür als Großereignis gefeiert werden. Dort ist alles gleichermaßen "great" und "wonderful". Niemand postet, dass es irgendwie zäh war und man eigentlich in der Pause hätte gehen können...

Liebe Kritikerinnen und Kritiker, macht bitte weiter. Und legt da und dort gerne noch eine oder zwei Schippen oben drauf.


QuoteKolumne Slevogt: Bitte abregen!
    #12
    mitlesender
    28.10.2025 22:11

Irgendwie ein bescheuerter Mechanismus der (bürgerlichen/intellektuellen) Gegenwartsgesellschaft, sich ständig gegenseitig den Vorwurf zu machen, man würde "andere Meinungen nicht aushalten". It's called Diskurs, Leute. Regt euch ab und redet mal wieder normal miteinander.


QuoteKolumne Slevogt: Nicht zur Spaltung beitragen

    #15
    Verwirrter
    29.10.2025 11:33

Die Einordnung einiger Argumente in Esther Slevogts Artikel als zur neuen Rechten zugehörig, halte ich für wirklich schwierig (daher danke an #12): Es tötet nicht nur den Diskurs, es es verharmlost auch die tatsächliche rechte Bewegung. Gerade im Theater sollten wir nicht zur Spaltung der Gesellschaft beitragen, in dem wir Alle und Alles nach rechts schupsen, was uns nicht passt. Abgesehen davon wurde auf die Absurdität hingewiesen, dass die, die am lautesten nach political Correctness und Codes schreien selber nicht viel darauf geben, wenn sie jemanden kritisieren - woher das moralische Selbstverständnis kommt ist mir ein Rätsel. Es ist auf jeden Fall erschreckend und lässt nichts Gutes ahnen für die Zukunft.

Als Theatermachende müssen wir schlechte Kritiken (leider) aushalten, auch wenn sie uns verletzen (und das tun sie immer) - auch wenn die Kritik von Frau Slevogt gar nicht so hart ist, finde ich. Anderseits muss auch Esther Slevogt aushalten, dass sie Gegenwind bekommt, zumal genau DAS ja die eigentliche Stärke von Nachtkritik sein könnte - eben echter Diskurs und nicht Deutungshoheit. Entsprechend ist es etwas schade, dass gleich mit einem Grundsatzartikel alle Widerworte totgepatscht wurden. Wieder eine Chance verpasst.
An dieser Stelle sollte darüber hinaus nicht unerwähnt bleiben, dass Menschen schlechte Nachrichten eher anklicken als gute, und ich bei zunehmend sterbenden Kulturteilen in den Zeitungen vielen Kritiker:innen in eher reißerischen Verzweiflung sehe, und weniger charmante und gutgemeinte Verrisse lese. Wenn überhaupt noch jemand kommt, der Rezensionen schreibt ...

[...]


...

Textaris(txt*bot)

Quote[...] Lesen Sie eigentlich noch gerne das Feuilleton? Nein? Ich verstehe Sie. Wochenlange Debatten, früher so spannend wie heute eine Netflix-Serie, gibt es dort schon lange nicht mehr. Rezensionen finden Sie inzwischen auf Onlineplattformen – nur kürzer, vielfältiger und kostenlos.

Ja, die klassische Kulturkritik steckt in der Krise. Genauso der Journalismus und unsere liberale Demokratie. Aber halt, nicht wegrennen! Ich verrate Ihnen, warum das so ist und wie wir da vielleicht wieder rauskommen. Leichter wird dadurch allerdings nichts.

Fangen wir mit der Selbsterkenntnis an. Wie das im deutschen ,,Kulturjournalismus" so ist – ein Managerwort, das vielleicht schon alles über die Streber-Verschulung des Metiers sagt – kommen die besten Ideen aus den USA. Auch im Fall der Kunstkritik. Genauer gesagt, aus einer kleinen verrauchten Bar namens Seaport, die im Schatten der Brooklyn Bridge in New York liegt.

2023 trafen sich dort Kunstkritikstars wie Dean Kissick, Roberta Smith und Jason Farago, aber auch hippe Ostküsten-Künstler wie Seth Price, Joshua Citarella und Alvaro Barrington, um mehrere salonartige Talks abzuhalten. Diskutiert wurde, was diese schwer zu definierende Gegenwartskunst eigentlich sein soll. Es ging also um das Formulieren klarer, aufregender Thesen und darum, entschlossen Urteile zu fällen; ergo, um alles, was gute Kritik, ob an Kunst, Literatur oder Pop ausmacht, aber eben heute oft fehlt.

Auch deshalb klangen viele der Seaport-Takes – die dann 2025 in einer schönen, schlichten Anthologie erschienen –, wie eine Selbstkritik der Kritiker. Frustriert fragen die ausgebrannten Kollegen da: Wie sind wir hier gelandet? Will uns noch wer? Und warum sind wir so langweilig, während unsere Tiktok-Trump-Gegenwart so spektakulär ist? Müssten unsere Kritikerworte nicht genauso fesselnd sein, um ihr überhaupt noch hinterherzukommen?

Dasselbe sollten wir uns auch hier in Deutschland fragen. Das Magazin Texte zur Kunst, dieser betagte Gardesoldat des guten Geschmacks, tut das gerade in seiner aktuellen Ausgabe. Sie trägt den englischen Titel ,,System Change: Art Market and Criticism". Die darin gestellte Fatal-Diagnose: Kunstkritik ist nicht mehr fesselnd, sondern zahnlos, weil ihr für den nötigen Biss schlichtweg das Kapital fehlt.

Und deshalb, so die Idee der Ausgabe, bestimme allein der Kunstmarkt mit seinem Schmiergeld, welche Kunst gut und welche schlecht, welche überhaupt zeigenswert ist. Kritik sei heute also abhängig von Marktmacht. Autonomie, Glaubwürdigkeit und Einfluss der Kritiker damit passé. Ein Riesenproblem. Aber ist es wirklich nur das böse Marktmonster, das uns Kritikern an die Substanz geht? Nein, ein Fall aus der Popkritik zeigt, wer noch.

In der Zeit resümierte neulich der scharfsinnige, aber manchmal etwas zu verständnisvolle Kritiker Jens Balzer, dass es nicht mehr die beleidigten Künstler seien, die ihre vermeintlich fiesen Kritiker diffamierten, sondern deren enthemmte Fans [https://www.zeit.de/2025/45/kritik-taylor-swift-pop-rezension-journalismus]. Ein Kommentarspaltenmob, so könnte man sagen, der nicht einmal mehr vor Mordaufrufen zurückschreckt. Balzers Text-Aufhänger: ein Albumverriss der Kritikerin Juliane Liebert in der Zeit [https://www.zeit.de/kultur/musik/2025-09/ich-lieb-mich-ich-lieb-mich-nicht-nina-chuba-album].

Von dem war nämlich nicht die Kritisierte genervt – die deutsche Pop-Prinzessin Nina Chuba –, sondern der YouTuber und Wichtigtuer Rezo, der daraufhin online über Liebert und eigentlich über alle Zeitungskritiker im Allgemeinen herzog. Worum es Rezo ging? Ärger machen, also Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Wie blöd! Sollten die nicht richtige Kritiker für ihre genialen Ideen zu Filmen, Büchern und Kunstwerken bekommen? Müssten wir uns nicht gegen marodierende Fans und Vulgärkritiker wie Rezo wehren?

Ja! Aber wie? Zum Beispiel, indem wir Kritikerinnen und Kritiker insgesamt wieder mehr Verrisse schreiben. Selbstbewusste, elegant geschriebene, mit unerwarteten Thesen. Nur so können wir uns gegen unsere gut klickenden Todfeinde behaupten. Jeder, der Plattform-Algorithmen aus eigener Erfahrung und nicht nur aus Fortbildungsseminaren kennt, weiß, dass diese am liebsten dahin steuern, wo die Kontroverse am spannendsten ist.

Und genau deshalb müssen wir wieder ,,intellektuelle Marktschreier" werden. So hatte die Journalistin Susanne Lang den Erfinder der großdeutschen Großdebatte, Frank Schirrmacher, 2006 in ihrem taz-Porträt genannt. Jemand wie Rezo allerdings, der nur Clickbait-Meinungen, aber keine Argumente hat, kann für uns kein Vorbild sein. Genauso wenig Heldendenkmäler wie Frank Schirrmacher, denn auch die Boys-Club-Nostalgie wird uns nicht retten. Die katzengoldenen Zeiten des Journalismus sind generell vorbei. Schuld daran sind aber nicht nur der Markt, aufgehetzte Fan-Mobs oder Rezo. Nein, auch wir selbst.

Dem Journalismus – ganz besonders den Feuilletons – geht es nämlich wie der deutschen Autoindustrie: Jahrelang regnete es steigende Einkommen für Manager mit idiotischen Ideen, dann ist plötzlich kein Geld mehr da, um die eigene Existenz zu sichern. Strukturwandel, Stellenabbau, KI. Und wie das mit Untergangsszenarien wie diesen so ist, klammern sich die meisten dabei an das, was ihnen noch ein bisschen vergangenes Bling-Bling oder einen rasanten Wiederaufstieg verspricht.

In den Kulturteilen der größten deutschen Zeitungen zeigt sich beides in oft unlesbarer Peinlichkeit. Die auf jung machenden Doyens der Zeit beispielsweise bitten ständig irgendwelche Meme-Künstler, billige Gags über Friedrich Merz zu produzieren – auch wenn es die politische Schieflage mal nicht hergibt. Ihre Feuilletonisten werden dazu animiert, Tiktok-Trends vor der Kamera auszuprobieren, müssen sich jedes Stück Content überziehen, das nach algorithmischem Coup aussieht, krampfhaft, so, als wolle man die eigenen Problemzonen – lahme Lifestyletexte und die nächste Service-Sonderbeilage – verstecken. Nur die FAZ, das alte Schlachtschiff, bleibt ganz sie selbst und tuckert beim Trendhopping auf Social Media meistens drei Wochen hinterher.

Klar, für mich ist es bequem, die Alten und ihre Transformationsneurosen zu kritisieren. Deshalb sind jetzt wir, die Jungen, dran. Von uns sollte man eigentlich das Gegenteil erwarten: rebellische Dissidenz, vergnügtes Austeilen gegen die Chefs und elektrisierende Artikel über das, was in der Kultur wirklich neu ist – nicht nur über das, was uns Plattformgiganten oder PRs als neu verkaufen.

Das Problem: Wir tun's nicht. Die meisten jungen Autoren im Feuilleton finden gerade cool, andere, erfolgreichere, aber mindestens genauso uninspirierte Kollegen in den Luxusurlaub zu begleiten – Sonnenmilch und Ruhmesglanz teilen. Gute Texte über schlechte Kunst zu schreiben ist nicht hot genug. Den Ego-Boost liefert der triviale Ich-Essay: meist ohne Urteile, dafür voller oberflächlicher mikrosoziologischer Beobachtungen zu Konsum, Dating und Promi-Buchclubs oder floskelhafter Reflexionen über die eigenen Gefühle.

Warum? Weil man glaubt, dass es das ist, was der Verleger des Buches, das man gerade besprochen hat, gerne hören würde. Man weiß ja nie, vielleicht schreibt man bald selbst einen Roman.

Manchmal verirrt sich in dieses Ödland dann ein Text, der sich für kritisch hält. Zum Beispiel neulich, in der Zeit [https://www.zeit.de/kultur/literatur/2025-09/whats-with-baum-woody-allen-debuet-roman], als eine junge Autorin versuchte, den Senioren-Debütroman des fast 90-jährigen, leicht zu schmähenden Filmemachers Woody Allen zu rezensieren. Endlos erzählt sie in ihrem Text den Buchinhalt nach, wertet alle Zeitgeist-Verweise streberhaft aus und formuliert ihre Deutungen auffällig vage, nur um am Ende das Wichtigste auszusparen: die Kritik am Buch.

Ähnliche Probleme hat auch die Zeit-Literaturkritikerin Iris Radisch festgestellt, im Oktober 2025, beim Frankfurter-Buchmessen-Talk der SWR-Bestenliste. Anlass zu ihrer Sorge um die Literaturkritik war der lange unwidersprochen gebliebene Hype um die Erfolgsautorin Caroline Wahl [https://taz.de/Shitstorm-um-Autorin-Caroline-Wahl/!6109228/]. Was Radisch da bemängelte, waren die ,,Scheu vor Kontroversen" und der ,,reine Inhaltismus" heutiger Rezensionen. Eine wirkliche Lösung boten sie und ihre Jury-Kollegen auf der Bühne aber auch nicht an. Es blieb beim Wunsch nach ,,mehr Nachwuchsförderung".

Mit dieser werden wir, die jungen Autoren, allerdings nicht weit kommen. Klar, angemessene Honorare, nicht nur für die glücklichen Alten, sondern für die unglücklichen Jungen, wären ein Anfang. Aber mit Geld allein lässt sich die Mutlosigkeit dieser Autoren-Generation, der auch ich angehöre, nicht abschütteln. Diese Last kann uns keiner nehmen, das Problem geht tiefer. Zu viele von uns sagen eigentlich zu allem ja, danke, bitte, toll, toll, toll, was ihnen in diesem Ruinenbetrieb nur irgendwie das Image poliert.

Verständnisvollerweise sind sie Opportunisten. Auf Instagram schreiben sie untertänig ,,heute durfte ich ...", wenn sie Promi-Philosophen wie Slavoj Žižek getroffen oder eine Doppelseite im SZ-Magazin bekommen haben. In Gesprächen unter Freunden lamentieren sie dann, dass der Chef sie trotz ihrer Schmeicheleien bei der Besetzung der Redakteursstelle mal wieder übersehen habe. ,,Wie frech! Du hast doch einen Abschluss von der Deutschen Journalistenschule!"

Aber wer will es ihnen übelnehmen? Geformt hat diese jungen Autoren ein Buckel-Betrieb, der den eigenen Untergang ohnmächtig verwaltet; Redakteure, die zwischen Anzeigenstress und Spardelirium all jene Texte wegredigieren, die ihnen und uns Ärger bereiten könnten – was eigentlich der Sinn des kritischen Schreibens wäre und, wie gesagt, gut klicken würde.

Wie, frage ich mich, sollen wir in so einer ängstlichen Atmosphäre die Zukunft der Kritik, des Journalismus und überhaupt unserer Demokratie, die doch vom andauernden Widerspruch lebt, gestalten? Müssten wir nicht gegen diesen Konformismus rebellieren, bevor es die Falschen tun? Nehmen wir zum Beispiel die kleinbürgerlichen Maulhelden von Nius. So ungern ich das als Antispießer und Demokratiebesessener sage: deren Pseudoprovokationen fruchten.

Genauso wie die von nicht-intellektuellen Marktschreiern wie Rezo. Der will zwar zum Glück kein autoritäres Stahlgewitter wie Nius, sondern nur unser Geld. Trotzdem müssen wir beides – politischen Einfluss und geldbringende Aufmerksamkeit – Rezo und Nius wieder streitig machen. Warum, fragen Sie?

Weil sonst meine, ihre, unsere Zukunft so aussehen wird: Vibe Shift über Vibe Shift formiert sich auf X oder in Thüringen eine neue Hitlerjugend und der populistische Hexenhammer zerschlägt überall dort unsere demokratische Öffentlichkeit, wo wir – die vierte Gewalt– zu träge, das heißt, zu konsensual sind. Und nein, ich halte diese Drohkulisse nicht für übertrieben. Sie ist Ausdruck einer nicht neuen, aber schlimmer werdenden Verzweiflung.

Vor ein paar Tagen nämlich las ich einen alten Text von Maxim Biller. Der Text trug den Titel ,,Der Gott Holocaust und seine falschen Jünger". Er war von 2002 und machte mich sehr traurig. Traurig, auf eine Art, wie man sich den erschöpften Sisyphos vorstellen muss, kurz nachdem ihn der gleiche fette Felsen wie immer überrollt hat. Warum ich mich so fühlte? Weil seit 2002 verfluchte 23 Jahre vergangen sind – fast mein ganzes Leben – und Billers These von damals auch heute noch stimmt.

Biller schrieb: Wenn wir den ,,Konformisten-Konsens", der in Redaktionen, Universitäten und der Politik herrsche, nicht schleunigst mit scharfen und freien Gedanken zerlegten, dann würden die ,,rechten Halunken" – heute könnten wir sie Populisten nennen – unsere perfekt-unperfekte Nachkriegsdemokratie im Nu zerlegen. Was in unsere Gegenwart übertragen hieße, schneller als wir A-f-D sagen können.

Bedeuten kann das für uns junge Autorinnen und Autoren nur eines: Wir müssen wieder verdammt gute Texte schreiben. Texte, die berauschen, aber trotzdem klar sagen, was gut und schlecht, was richtig und falsch ist. Freie Texte, geschrieben ohne Angst, wer sie lesen und wer sie totredigieren könnte. Schöne und lebendige Texte, mit denen wir in die Feuilletons hineinschreien und warten, wer zurückschreit. Texte also, die nicht nur beschreiben, sondern verändern wollen.

Und an meine Altersgenossen gerichtet: Sollten Redakteure, die früher selbst jung und rebellisch waren, eure verdammt guten Texte mal wieder nicht drucken wollen, dann pfeift doch auf sie. Dann müssen wir eben unsere Köpfe zusammenstecken, unsere Stimmen und unsere Portemonnaies in den Ring schmeißen und eigene Zeitungen, Magazine oder Plattformen gründen. Was bleibt uns anderes übrig?


Aus: "Schuld sind auch wir selbst" Jonathan Guggenberger (13.1.2026)
Quelle: https://taz.de/Warum-schreibt-niemand-mehr-Verrisse/!6144535/

QuoteMeister Petz

14.01.2026, 12:53 Uhr

Vielleicht würde es ja helfen, wenn die Kunstkritik wieder auf ästhetische Kriterien zurückgreifen würde, anstatt lediglich das Objekt, viel mehr aber noch die Vita des Urhebers auf politisch-moralische Signalwirkung abzuklopfen.


QuoteChris McZott

14.01.2026, 08:33 Uhr

Ich teile zwar die abneigung über "Kommentarspaltenmobs" und die Plage der Click-Bait-Influencer aber das klassische Feuilleton ist in dieser Frage doch völlig unglaubwürdig. Letztlich sieht der Kulturjournalismus doch nur sein Monopol auf selbstgerechte und unwidersprochene Meinungen zerbröseln.

Das Grundproblem des Hochkulturbetriebs, abseits der banalen Geschmacksfrage, ist doch, dass man einerseits möglichst progressiv bahnbrechend, neu und aufregend - sprich: elitär - sein will, aber gleichzeitig höchste gesamtgesellschaftliche (!!) Relevanz für sich reklamiert.

Das ist ist ein prinzipieller Widerspruch in sich und hat nichts mit der Realität zu tun.

Meiner Meinung nach kommt das daher, dass die typischen Medien der heutigen Hochkultur (Theater, Oper etc.) früher "state of the art", also die modernen Massenmedien waren. Die Werke Brechts und Co waren ihrerzeit Hochkultur UND Massenphänomen. Das ist heute eben nicht mehr so. Film- und Serienregisseure, Musikproduzenten und eben auch Influencer sind längst die Künstler, die die Ästhetik der Gegenwart prägen.

Das Feuilleton steht sinnbildlich für unsere Rentnergesellschaft, welche die heutige Welt nicht mehr begreift...


QuoteOma

14.01.2026, 12:49 Uhr
@Chris McZott:

Mir scheint das eher ein Problem des deutschen Feuilletons zu sein. Andere Länder haben einen wesentlich breiteren Kulturbegriff. Das schwedische Fernsehen SVT sendet Mo bis Fr zweimal täglich Kulturnachrichten, in denen regelmäßig auch über Entwicklungen auf dem Spielemarkt, Netflix, Popmusik, KI, Tattoos etc. berichtet wird. Im französischen und italienischen Fernsehen wird Mode und Kochkunst als Teil der Kultur gesehen, France24 hat kürzlich sehr ausführlich über eine Parfum-Ausstellung berichtet.

In meinem Dorf sind übrigens beide Opernhäuser Abend für Abend ausverkauft und da kommen Gottseidank sehr viele junge Leute. Deprimierend ist eher das Sprechtheater. Von den drei größten Theatern ist ausgerechnet dasjenige, das mal bahnbrechend für zeitgenössische Literatur war, immer gähnend leer. Man sieht dort nur noch ein paar Frauen 50plus, Kinder aus dem Haus, jetzt wird Kultur nachgeholt. Schräg gegenüber nur wenig besser, gutsituierte ältere Ehepaare, vermutlich hatten schon die Urgroßeltern ein Theaterabonnement als Teil des gehobenen Lifestyles. Nur das Volkstheater im Schlachthofviertel brummt, da treffen sich alle Generationen. Wenigstens das funktioniert noch.


QuoteAndreas Schulz

14.01.2026, 08:18 Uhr

Liegt es evtl daran, dass es im Kulturbetrieb, wie in anderen Bereichen der Gesellschaft, extrem polarisiert zugeht? Nach dem Motto: entweder stromlinienförmig frei von potentiellen Verwirbelungen oder halt Nazi? Keine Ahnung.


QuoteRudolf Fissner

14.01.2026, 07:38 Uhr

Die junge Generation wählt die AfD. An deren Verrisse habe ich null Interesse.

Und wer Texte hören will, die "klar sagen, was gut und schlecht, was richtig und falsch ist" soll in die Kirche gehen. Auch habe ich keine Lust auf junge Schnösel, die fachlich oft keine Ahnung haben und "berauscht" den Oberlehrer spielen.


QuoteMendou

14.01.2026, 06:55 Uhr

Wenn ich wählen muss zwischen einer blasierten Kulturkritikeraristokratie, die auf Partys mit den Mächtigen kuschelt, und Rezo, dann nehme ich jederzeit Rezo.


QuoteBartek Franke

13.01.2026, 14:19 Uhr

Der Text beschreibt treffend, wie Kulturkritik zwischen Marktlogik, Klickdruck und Selbstzensur zerrieben wird. Am Ende fehlt nicht Talent, sondern der Mut und die redaktionelle Freiheit, wirklich anzuecken. Ohne Streitkultur bleibt das Feuilleton ein Schatten seiner selbst.


QuoteSikasuu

13.01.2026, 16:48 Uhr

Wo bleibt die rebellische Dissidenz der jungen Generation?

... Gut gebrüllt Jonathan, doch mal ganz vorsichtig gefragt: "Warum redest/klagst Du darüber? Warum machst Du es nicht einfach?" :-)


Quoteshantivanille

13.01.2026, 13:54 Uhr

Eine Dekade Cancel Culture und Politische Korrektheit haben den Diskurs so abgeflacht und so viel Langeweile generiert, dass Leute wie Rezo hervorragend darin aufgehoben sind.

Top für seine Fans, die mit 3-Minuten-Lesezeit wohl überfordert sind und wenn sie denn doch mal etwas lesen müssen, dies am liebsten in einfacher Sprache präsentiert bekommen.

Rezo & Co. sind politisch glatt gebügelt. Auch wenn er noch so einen auf rebellisch macht. Vor ein paar Jahren habe ich mir ein paar seiner Videos angeschaut, zwei oder drei ZEIT-Artikel von ihm gelesen und als ich mich dann bei einem lauten Gähnen ertappte beschlossen dahin keine Zeit mehr zu investieren.

Wenn er immer noch finanziell erfolgreich ist, deutet dies wohl eher auf ein intellektuell wenig forderndes braves Publikum hin, dass ansonsten bei Tiktok gut bedient ist und nach ein paar Stunden Swipen wohlig restsediert ist.

"Elektrisierende Artikel" wie sie der Autor fordert, dem ich ansonsten zustimme, haben das Problem, dass ihnen das Publikum fehlt.


QuoteOliver Korn-Choodee

13.01.2026, 13:38 Uhr

Bis auf drei kleine Einwände:

- ich möchte bitte kein Feuilleton, das wie eine Netflix-Serie ist

- was hat die ZEIT dem Autor angetan, dass sie hier so besonders gegeißelt wird?

- Sisyphos - bitte noch mal nachlesen

möchte ich sagen, dass ich den Aufsatz total süß fand!


QuoteDeep South

13.01.2026, 13:20 Uhr

"Wie sind wir hier gelandet? Will uns noch wer? Und warum sind wir so langweilig, während unsere Tiktok-Trump-Gegenwart so spektakulär ist?"

Ist halt irgendwo vergleichbar mit MTV. Früher gabs das Netz nicht und da hatte eine Plattform, die Musikvideos zeigt eine große Relevanz. In Zeiten von Youtube, Streaming und Co. brauchts das eben nicht mehr.

Und jetzt, wo das Netz vor Meinungen nur so überquillt und man sich an jeder Ecke mit Trailern, Teasern oder Auszügen selbst ein Bild machen kann, brauchts kaum noch Kulturkritiker.

Zumal ein Großteil derer, die sich als solche definieren, auch nicht weniger oberflächlich, ahnungslos, überheblich oder selbstverliebt unterwegs ist, als es Kommentare und Meinungen unter Videoclips sind.


...

Textaris(txt*bot)

Bad Bunny vs. Kid Rock - Über agonale Rezeption
Johannes Franzen, Feb 11, 2026
Vor ein paar Tagen sorgte ein Artikel in der Welt für großen Spott in den sozialen Medien. Der Artikel trägt den Titel ,,And the Oscar goes to ... ,Melania'". Darin beklagt sich die Lifestyle-Redakteurin Maria-Antonia Gerstmeyer bitterlich darüber, wie harsch und bösartig die Medien mit der Dokumentation über die First Lady umgegangen seien. Geschildert wird ein Kinobesuch, bei dem die anwesenden Hauptstadtjournalisten schon mit dem Lachen angefangen hätten, bevor der Film überhaupt begonnen habe. Es ist kaum verwunderlich, dass die Autorin den Film dann sehr gut findet, ehrlich, authentisch, edel: ,,Melania Trump traut sich, was sich vorher noch niemand getraut hat". Verbunden ist dieses Lob mit vielen empörten Seitenhieben gegen ein ,progressives Milieu' und die ,,Propaganda im Erziehungsmodus", die der von ,,Zwangsgebühren" finanzierte ÖRR sendet.
Es handelt sich um einen jener Artikel, die von rechten Medien täglich als Dutzendware in die Öffentlichkeit gedrückt werden. In seiner trotzigen Hyperbolik (Oscar für ,,Melania"!) hat er die Funktion, Wut und Hohn in den Sozialen Medien zu provozieren, die dann wiederum Aufmerksamkeit für das Medium erzeugt, in dem der Artikel erschienen ist. Was den Text auch kulturwissenschaftlich interessant macht, ist, dass es sich um ein ästhetisches Urteil handelt, das durch den politischen Konflikt, in dem sich der Film von Anfang an befindet, vollständig bestimmt zu sein scheint.
... Der Fall zeigt, wie stark ästhetische Urteile davon beeinflusst werden, was andere über ein ästhetisches Artefakt denken. ...
https://kulturundkontroverse859.substack.com/p/bad-bunny-vs-kid-rock