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[Bürgerlichkeitsdiskussionen (Notizen)... ]

Started by Textaris(txt*bot), February 18, 2026, 01:02:25 PM

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Textaris(txt*bot)

Spicy. Crayfisch (2024): " ... Ungeschriebene Codes sind ein wesentlicher Bestandteil von Erfolg. Und natürlich kriegt man die mit der Muttermilch, wenn man aus einem vernünftigen Elternhaus kommt. Man duzt nicht ungefragt andere Menschen. Man setzt sich nicht ohne Aufforderung. Man verschickt keine Bewerbung ohne vernünftiges Foto. Man macht keine Schreipfähler. Man sagt "Bitte" und "Danke". Und zwar dann, wenn es angemessen ist. Man begrüßt keine Inder mit einem saloppen "Howdy!". Man weiß, wann man zu kommen und zu gehen hat. Man hält Frauen die Tür auf - selbst wenn es Emanzen sind. Man hazt seinem Chef nicht kumpelhaft auf die Schulter. Man kann diese Codes übrigens nachlesen. Bei Freiherr von Knigge. Und hunderten laufend aktualisierten Nachfolgebüchern. Kein Hexenwerk. ..."

Dogwalker (2024): " ... Oder wie mein Vater sagte - ich kann dir in den Sattel helfen. Reiten musst du alleine. ..."

Imma Denka (2024): " ... Ja, ich hatte extreme Vorteile durch mein Elternhaus, Vater [ ] Flüchtlingskind, Mutter Asylbewerberin mit sehr großbürgerlichem Backround ihres Heimatlandes, selbst Akademikerin, kein Geld, harte Arbeit, gepaart mit dem Mantra, lerne, lerne, lerne, was du im Kopf hast, kann dir kein System und kein Krieg nehmen, das nimmst du mit egal wohin du gehst. Beherrsche ordentliche Umgangsformen, kleide dich der Situation angemessen. Nutze die Möglichkeiten, die dir dieses Land bietet, den freien Zugang zur Universität, Stipendien und Bafög. Zähle nicht auf deine Eltern, wir haben genug Probleme, das war der weniger gute Teil, aber dafür gab es Freunde und deren Eltern, die freundlich und zugewandt waren. Dabei Kultur, Reisen und Anregungen aller Art, bevor es einen weiteren Pullover gab, wurde eher das Theaterabo finanziert. ..."

Franz9 (2024): "... Ein Anreiz für mich war schon, dass es unsere Kinder besser haben. ..."

Zu:  "Haben Sie Vorteile durch Ihr Elternhaus – oder Nachteile?" Hannah Scherkamp (17. Juni 2024)
Quelle: https://www.zeit.de/arbeit/2024-06/arbeitsmarkt-elternhaus-soziale-ungleichheit-perspektive

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... In jüngster Zeit werden unter dem Einfluß der ,,kulturalistischen Wende" der ,,Wertehimmel" des Bürgertums, die Konturen bürgerlicher Lebensführung und das Spannungsverhältnis zwischen der normativen ,,Matrix" des Wertesystem und den konkreten Alltagspraktiken neu thematisiert. Mit der Diskussion einher geht auch die Suche nach einem gehaltvollen theoretisch-methodischen Zugriff, der es erlaubt, individuelles bürgerliches Handeln sozial- und kulturhistorisch zu verorten.  ...

Quote[...] ,,Die Jugend aller Bevölkerungsteile hat Gefühl und Begriff der Bürgerlichkeit schlechthin verloren. Für uns ältere Generation war Bürgerlichkeit noch eine Lebensform, von der wir die Anschauung hatten, auch wenn wir sie für uns ablehnten. (...) Für die jüngste Generation liegt die Bürgerlichkeit außer aller Erörterungsbedürftigkeit, jenseits jedes Oppositionsinteresses, ja außerhalb der bloßen Kenntnisaufnahme."[Geiger, Theodor: Die soziale Schichtung des deutschen Volkes. Soziographischer Versuch auf statistischer Grundlage, 2. Auflage, Stuttgart 1967, S. 124 f., S. 130. ] – Theodor Geiger stand mit den Ergebnissen seiner Gesellschaftsanalyse in den späten Jahren der Weimarer Republik wahrlich nicht allein. Die zeitgenössischen Beobachter in Wissenschaft, Literatur und Publizistik kamen zu einem nahezu einhelligen Urteil: Das bürgerliche Zeitalter habe seinen Zenit längst überschritten, das Bürgertum sei als eine homogene soziale Formation nicht mehr identifizierbar und auch von einem gemeinsamen, für alle bürgerlichen Fraktionen verbindlichen Modell der Lebensführung dürfe längst nicht mehr die Rede sein.

Dem vielfach diagnostizierten Wandel des deutschen Bürgertums um 1900 ging der Workshop ,,Bürgertum und Bürgerlichkeit zwischen 1870 und 1930. Kontinuität und Wandel" vom 26. bis 28. März auf Schloß Landsberg in Essen-Kettwig nach. Die Tagung bildete zugleich den Abschluß des interdisziplinären Forschungsprojekts ,,August Thyssen und Schloß Landsberg. Ein Unternehmer und sein Haus", das - von der Fritz Thyssen-Stiftung gefördert - in seinem sozialhistorischen Teil auf der Makroebene die Frage nach dem Wandel der bürgerlichen Leitbilder zwischen 1870 und 1930 mit einer Auswertung zeitgenössischer bürgerlicher Printmedien beantwortete. Hinzu kam der mikroanalytische Zugriff: Am Fallbeispiel August Thyssens wurden die Konturen wirtschaftsbürgerlicher Lebensführung rekonstruiert und mit einem Blick auf die Alltagspraktiken ausgewählter Repräsentanten der Frankfurter Wirtschaftselite (August und Moritz von Metzler, Wilhelm und Richard Merton, Moritz von Bethmann) vergleichend eingeordnet.[An dem interdisziplinären Projekt (Laufzeit 1. April 2000 – 31. März 2003) waren beteiligt: Der Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Frankfurt a.M. (Prof. Dr. Werner Plumpe), das Zentrum für interdisziplinäre Ruhrgebietsforschung an der Ruhr-Universität Bochum, das Kunsthistorische Institut/ Abteilung Architekturgeschichte der Universität zu Köln (Prof. Dr. Norbert Nussbaum), sowie der Lehrstuhl für Denkmalpflege und Bauforschung an der Universität Dortmund (Prof. Dr. Uta Hassler)]

Nachdem Werner Plumpe (Frankfurt am Main) in seinen einführenden Überlegungen die Entwicklung des Bürgertums im Kontext der großen sozioökonomischen Strukturveränderungen um 1900 beschrieb und den Entwicklungsprozeß von der Blüte hin zur Erosion einheitlicher bürgerlicher Denk- und Lebensformen nachzeichnete, ging der Workshop den mannigfaltigen Wechselbeziehungen zwischen Kontinuität und Wandel im Untersuchungszeitraum in vier Sektionen nach.

In der Geschichtswissenschaft, aber auch in der Soziologie, der Kunstgeschichte, der Architektur oder auch der Kulturgeographie wird über die Bedeutung des ,,Raums" als elementaren Bezugspunkt individuellen Handels zunehmend diskutiert. Mit der ersten Sektion ,,Bürgerliche Reliefe. Raum- und Siedlungsstrukturen, Topographie" (Leitung: Werner Plumpe, Frankfurt am Main) trug der Workshop dem aktuellen wissenschaftlichen Diskurs Rechnung und lotete Möglichkeiten aus, das Raumkonzept pointierter als bisher in die Bürgertumsforschung zu integrieren. In seinem Beitrag zur ,,Raumaneignung des Bürgertums" beschrieb Alarich Rooch (Bremen/Düsseldorf) die Stadt als einen ,,komplexen Kommunikations-, Seh- und Erfahrungsraum", in dem über vielfältige symbolische Formen Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsstrukturen transferiert werden. Für Rooch ist vor allem die Architektur ein Medium, mit dem eine symbolisch strukturierte Lebenswelt in umfassender Weise produziert und reproduziert wird: Vermittels ihrer symbolischen Formen, die soziokulturelle Orientierungsmuster kommunizieren, werden soziale Beziehungsstrukturen konstituiert und verfestigt. An ausgewählten Bauwerken (Villa, Warenhaus etc.) arbeitete Rooch die ,,distinktive Formensprache" heraus, mit der sich das Bürgertum als bestimmende kulturelle Trägerschicht in Szene setzte.

Die Aneignung des städtischen Raumes ging stets auch mit der Erschließung neuer und dem Funktionswandel älterer Stadtviertel einher. Der Frage nach den längerfristigen Veränderungen im Raumgefüge der Stadt ging Gerd Kuhn (Stuttgart) am Beispiel der Villenkolonien und der Suburbanisierung nach. Als ,,Pioniere der Suburbanisierung" entdeckte das Bürgertum seit der Mitte des 19. Jahrhunderts Räume jenseits der lärmenden und schmutzigen Kernstadt, um sich an naturnahen Orten der Ruhe sozial und kulturell zu entfalten. Eine deutliche Zäsur markieren nach Gerd Kuhn die Jahre nach der Jahrhundertwende, die einer ,,Metamorphose der suburbanen Sehnsucht" gleichgekommen seien. Die städtischen Peripherien verloren insbesondere ihre soziale Exklusivität und öffneten sich auch weniger begüterten Schichten.

Für das Bürgertum war nicht nur die Aneignung und Gestaltung von öffentlichen oder halböffentlichen Räumen, sondern auch die Selbstdarstellung in den privaten Wohnräumen von erheblicher Bedeutung, die Adelheid von Saldern (Hannover) in ihrem Beitrag ,,Bürgerliches Wohnen als Rauminszenierung" beleuchtete. Gehörte der in vieler Hinsicht ,,überladene" und ,,dunkle" Einrichtungsstil zu den Epochenmerkmalen bürgerlichen Wohnverhaltens im Historismus, zeichnete sich das ,,modernere" Wohnen u.a. durch eine Verbindung von ,,Prunk und Technik", eine größere ,,Europäisierung", die funktionale Ausdifferenzierung der Wohnräume, die repräsentative standesgemäße Selbstinszenierung sowie einen ,,Drang nach kultureller Harmonie" aus. Im Spiegel der keineswegs einheitlichen, sondern heterogenen bürgerlichen Wohnformen könne nach von Saldern zwar nicht von einer Auflösung, aber sehr wohl von einer ,,Zersplitterung" des Bürgertum gesprochen werden.

Unter Leitung von Lothar Gall (Frankfurt am Main) widmete sich die zweite Sektion dem Thema ,,Bürgerliche Institutionen". Als eine der wesentlichen institutionellen ,,Keimzellen" einer gemeinsamen bürgerlichen Lebensführung seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert gilt zurecht der Verein. Trotz aller Fortschritte in der Aufarbeitung des Vereinswesens sind die Desiderata nicht zu übersehen, auf die Ralf Roth (Frankfurt am Main) in seinem Forschungsüberblick hinwies. Nach Auffassung Roths gehört u.a. die Geschichte der bürgerlichen Vereine seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert, ihre Einbettung in den europäischen Kontext, sowie deren Wirkungen im Spannungsfeld von Wirtschaft und Politik zu den ,,weißen Flecken" der Bürgertumsforschung.

Die vielfältigen Veränderungen in der Museumslandschaft zwischen Jahrhundertwende und früher Weimarer Republik beleuchtete Dieter Hein (Frankfurt am Main). Der Sog der kulturellen Krise seit den ausgehenden 1890er Jahren, die immer deutlicher auch zu einem Thema der öffentlichen Meinung wurde, machte auch vor den Museumstüren nicht halt: Der Kunsthandel expandierte, die Museumsvereine verloren ihren ,,elitären Touch" und nach 1914 zunehmend auch ihre namhaften finanzkräftigen Mitglieder. Parallel zum Verlust bürgerlicher Exklusivität lassen sich nach Dieter Hein aber auch wiederholt Anläufe bürgerliche Kreise ausmachen, sich über Museumsvereine als neue bürgerliche Elite zu definieren. Hein betonte überdies den Wandel im Umgang mit Kunst und Kultur in bürgerlichen Kreisen. Zwar nicht als ausgeprägte ,,Kenner", aber sehr wohl als Gesellschaftsmitglieder, die sich in ihrer Alltagspraxis vielfältig mit kulturellen Phänomenen auseinandersetzten, erwarb das Bürgertum in den Jahren nach 1900 häufiger als vor der Jahrhundertwende ,,Kunst der Kunst wegen".

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Der beschleunigte soziale Wandel im Kaiserreich und die mannigfaltigen Statusunsicherheiten in den Lebenswelten des Adels und des Bürgertums schlugen sich auch in einer wachsenden Nachfrage nach neuen, sozial offenen Geselligkeitsformen nieder, die Christiane Eisenberg (Berlin) in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung stellte. Eisenberg skizzierte die ,,Five-o'clock-teas", die ,,Jours fixes" und die ,,Clubs" in England als wichtige Indikatoren und Vorbilder einer neuen Geselligkeitskultur. Zu besonders attraktiven neuen Formen der Geselligkeit entwickelten sich laut Eisenberg das Reisen und der Sport. Gerade der Sport habe auf die Gesellschaftsgeschichte des Bürgertums nachhaltig zurückgewirkt, konkrete Vorstellungen von einer ,,offenen Gesellschaft" erzeugt, eine Subversion von Stand und Status bewirkt und die Erwerbsmentalität aufgewertet. Die neuen Formen des Sports verloren indes bis zum Ende der Weimarer Demokratie wichtige soziale Funktionen. Vor allem der ausgeprägte emanzipatorische Charakter ging zunehmend verloren, um allerdings im 20. Jahrhundert auch immer wieder eine Revitalisierung zu erfahren.

In jüngster Zeit werden unter dem Einfluß der ,,kulturalistischen Wende" der ,,Wertehimmel" des Bürgertums, die Konturen bürgerlicher Lebensführung und das Spannungsverhältnis zwischen der normativen ,,Matrix" des Wertesystem und den konkreten Alltagspraktiken neu thematisiert. Mit der Diskussion einher geht auch die Suche nach einem gehaltvollen theoretisch-methodischen Zugriff, der es erlaubt, individuelles bürgerliches Handeln sozial- und kulturhistorisch zu verorten.

In seinen Betrachtungen zur bourgeoisen Lebensführung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts griff Morten Reitmayer (Trier) in der dritten Sektion ,,Habitus und Lebensführung" (Leitung: Cornelia Rauh-Kühne, Tübingen) auf das theoretische und begriffliche Instrumentarium Pierre Bourdieus zurück, um die strukturellen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und die Handlungsmuster im ,,Raum der Oberklassen" zu beschreiben. Nach Auffassung Reitmayers haben sich zwischen Bourgeoisie, Bildungsbürgertum und Adel keine gemeinsamen Normen der Lebensführung herausgebildet, die für die unterschiedlichen Gruppen vorbildlich oder gar verbindlich gewesen wären. Charakteristisch sei vielmehr die große Distanz zwischen den heterogenen Fraktionen der Oberklassen gewesen. Der eigentliche Ursprung bürgerlicher Lebensführung läge in den ,,habituellen Prägungen" der Individuen, die - so Bourdieu - von der unterschiedlichen Teilhabe an den Formen ökonomischen und sozialen Kapitals hervorgebracht werden. Aus den Positionen der Akteure im Raum der Bourgeoisie, die sich durch die Partizipation an den Kapitalformen ergibt, entwickelte Reitmayer vier zentrale Kategorien, die der bourgeoisen Lebensführung ihre Gestalt verliehen: Der gesellschaftliche Führungsanspruch der Bourgeoisie, die ökonomisch definierte Zweckrationalität, ein ausgesprochenes Arbeits- und Leistungsethos sowie eine spezifische Auffassung von Öffentlichkeit und Privatheit.

Jörg Lesczenski (Bochum) skizzierte unter der Fragestellung ,,Wie der Vater so die Söhne?" den Wandel von Leitbildern zwischen den Generationen am Beispiel der Familie Thyssen. Die ,,Konfliktgeschichte" im Hause Thyssen zeige, daß die Wahrnehmungs- und Handlungsmuster August Thyssens, seine Wertpräferenzen und Hierarchien von der nachwachsenden Generation nicht mehr vorbehaltlos geteilt wurden. Seine Söhne, so die Ergebnisse, lehnten das Leitbild des autoritären Familienvaters ab und verknüpften ihren eigenen Wertekanon und ihren eigenen Lebensweg weniger mit dem Firmenwohl des Thyssen-Konzerns. Das Arbeits- und Leistungsethos blieb existent, verlor aber seine übermächtige Dominanz. Zudem zeigte sich bei den Söhnen eine größere Neigung, ökonomisches Kapital in repräsentativ-symbolischer Form auszudrücken.
Daß die Kluft zwischen Familienideal und –wirklichkeit mitunter paradoxe Formen annahm, zeigt die Biographie und das Werk des konservativen Volkstumsforschers und Publizisten Wilhelm Heinrich Riehl, den Bärbel Kuhn (Saarbrücken) in das Zentrum ihres Beitrags ,,Bürgerliches Familienidyll. Zum Wandel der Geschlechterverhältnisse und –rollen" rückte. Während Riehl in seinen Arbeiten die ,,natürliche Ungleichheit" zwischen Mann und Frau begründete und sie ganz in ihren ,,häuslichen Wirkungskreis" verwies, verliefen die Lebensläufe seiner vier Töchter in ganz anderen Bahnen: Nur eine Tochter heiratete, während zwei von ihnen eine Ausbildung absolvierten und außerhalb des Hauses finanziell lukrativen Berufen nachgingen. Obwohl bereits zu Lebzeiten Riehls die Alltagspraktiken das von ihm konstruierte Familienideal mit seinen starren Geschlechterrollen vielfach ad absurdum führte, blieben seine Schriften auch nach seinem Tod (1897) in bürgerlichen Kreisen attraktiv und erfuhren in den 1920er und 1930er eine Renaissance mit ersten völkischen Interpretationen.

Zu einem unabdingbaren Element bürgerlicher Lebensführung gehörte die ,,gekonnte" Selbstinszenierung und die Neigung, den eigenen Sehnsüchten in symbolhaften Formen Ausdruck zu verleihen, die in der vierten Sektion ,,Bürgerliche Ikonen. Sehnsüchte und Inszenierungen" (Leitung: Dieter Ziegler, Bochum) diskutiert wurden. Claudia Euskirchen (Köln) näherte sich dem Thema mit einer Betrachtung der Kunstsammlung August Thyssens. Auf seinem Alterswohnsitz Schloß Landsberg trug einer der ökonomisch einflußreichsten Wirtschaftsbürger seiner Zeit u.a. zahlreiche Kopien nach Werken ,,Alter Meister" des 17. Jahrhunderts, eine kleine Portraitgalerie berühmter Staatsmänner (Kopien wie Originale), Werke aus der Düsseldorfer Malerschule und zahlreiche Plastiken aus dem Umfeld der Berliner Bildhauerschule zusammen. Euskirchen sieht bis auf eine - allerdings bedeutende Ausnahme - keine Veranlassung, Thyssen als einen programmatischen Sammler zu charakterisieren: In der geschäftlichen Liaison und der Auseinandersetzung mit dem Franzosen Auguste Rodin, von dem der Großunternehmer mehrere Marmorplastiken erwarb, habe Thyssen Leidenschaft, Enthusiasmus und Zähigkeit bewiesen. Hier bündelten sich bei August Thyssen nach Auffassung Euskirchens Mut, Selbstbewußtsein, Sinn für unternehmerisches Handeln, aber auch das Bekenntnis des Sammlers zur Individualität.

Karl Christian Führer (Hamburg) legte in seinem Beitrag zum ,,Bürgerlichen Geschmack" mit einer Analyse der zahlreichen Theaterskandale der 1920er Jahre den Blick auf die Differenzen im künstlerisch-moralischen Urteil und die Erosion allgemein akzeptierter ästhetischer Maßstäbe frei, an der das Bürgertum in der Weimarer Zeit buchstäblich gelitten habe. Noch ganz in der Tradition des Kaiserreichs stehend und in seinem Kunstverständnis konservativ orientiert, öffnete sich das bürgerliche Theaterpublikum in seiner großen Mehrheit nur selten neuen Inszenierungsformen wie der offenen Darstellung von Sexualität. Die zeitgenössischen Skandale entzündeten sich nicht nur, wie Führer feststellte, an den Inhalten und Inszenierungen der Stücke, sondern gerade auch an der ,,Zweiteilung des bürgerlichen Publikums": Aggressionen und Proteste bezogen sich weniger auf das als provokant empfundene theatralische Ereignis selbst als auf die Tatsache, daß es Publikumsgruppen gab, die enthusiastisch applaudierten, wo andere befremdet reagierten.

Zu den Sehnsüchten der Bürgerinnen und Bürger gehörte schließlich auch die Hoffnung, nach dem Tod im kollektiven Gedächtnis der bürgerlichen Gesellschaft zu verbleiben. Den Entwicklungen von Denkmalen und Friedhöfen als ,,Orte ästhetischer Selbstinszenierung" ging Eckhardt Treichel (Frankfurt am Main) nach. Während in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf den kommunalen Friedhöfen die gemeinsame Formsprache des Klassizismus sowie eine Ikonographie, die den Tod ,,ästhetisch entschärfte", die gemeinsamen kulturellen Leitbilder des städtischen Bürgertums demonstrierten, löste sich das einheitliche Erscheinungsbild der Friedhöfe seit den 1860er Jahren allmählich auf. In der ästhetischen Gestaltung und der Symbolik zeichneten sich nunmehr eine Tendenz zur Verweltlichung und ein größerer Individualismus ab. In den Jahren nach der Jahrhundertwende lassen sich nach Eckhardt Treichel Reformbewegungen ausmachen, die sich gegen die modernen Großstadtfriedhöfe richteten und die Friedhöfe als ,,Ort des stillen Totengedenkens" zurückgewinnen wollten. Trotz der zunehmenden bürokratischen Reglementierung der Friedhofskultur, die nach dem Ersten Weltkrieg hinzu kam, blieben allerdings, so die Beobachtung Treichels, dem Bürgertum genügend Spielräume, um ihre Sepulkralkultur jeweils individuell zu gestalten.

Die zahlreichen Einzelergebnisse zeigten nachdrücklich, wie sehr die bürgerliche Welt, ihre Institutionen und Vorstellungen über die ,,richtige" Lebensführung, im Bürgertum selbst in die Diskussion gerieten. Der ,,offene Suchprozeß nach akzeptablen Regeln einer angemessenen Lebensführung", wie es Werner Plumpe in seinem Eröffnungsvortrag beschrieb, die ,,Erosion bisheriger Gewißheiten, der innere Zerfall und die äußere Relativierung traditionaler canones und Orientierungssysteme"[Drehsen, Volker/ Sparn, Walter: Die Moderne: Kulturkrise und Konstruktionsgeist, in: Dies. (Hg.): Vom Weltbildwandel zur Weltanschauungsanalyse. Krisenwahrnehmung und Krisenbewältigung um 1900, Berlin 1996. ] prägten spätestens nach 1900 den bürgerlichen Zeitgeist.

Über die präzise Charakterisierung der Strukturveränderungen, über ihre genaue ,,soziale Reichweite" und besonders über ihre Folgewirkungen für die Geschichte des Bürgertums im 20. Jahrhundert darf indes weiter gestritten werden: Ob sich der Prozeß eher als ,,Erosion" oder als ,,Formwandel" beschreiben läßt, ob er das Bildungs- und Wirtschaftsbürgertum zeitgleich und mit der gleichen Intensität betraf, ob der tiefgreifende Wandel einem ,,irreversiblen Bruch mit der Tradition des Bürgertums" gleichkommt, ,,nach dem von Bürgertum und Bürgerlichkeit in einer historisch räsonablen Weise sinnvoll nicht mehr zu sprechen ist" (Werner Plumpe), oder ob das Bürgertum samt seiner Wertpräferenzen die Jahre des Strukturwandel nicht zumindest insoweit ,,überlebte", um später als ,,Phönix aus der Asche" die Gesellschaftsgeschichte der Bundesrepublik nachhaltig zu beeinflussen, ist längst noch nicht abschließend beantwortet [Wehler, Hans-Ulrich: Deutsches Bürgertum nach 1945: Exitus oder Phönix aus der Asche., in: Geschichte und Gesellschaft .27 (2001), S. 617 – 634.].

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Aus: "Tagungsbericht: Bürgertum und Bürgerlichkeit zwischen 1870 und 1930. Kontinuität und Wandel" Jörg Lesczenski (H-Soz-Kult, 17.06.2003)
Quelle: https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/fdkn-118938


Textaris(txt*bot)

Quote[...] Dass wir in einer Gesellschaft leben, in der die Kränkung zum täglichen Erleben gehört und Menschen in den eigenen Ressentiments gefangen sind, das hat der Historiker und Philosoph Jürgen Große schon in den drei Miniaturen-Bänden ,,Der gekränkte Mensch" filigran und bildhaft analysiert. Die große Freiheit einer Gesellschaft, die ihren Mitgliedern nicht einfach einen Platz zuweist, den sie ein Leben lang ausfüllen müssen, macht sie nicht wirklich glücklich. Den wo Glückserfüllung zum Grundversprechen gehört, sorgt jeder nicht erfüllte Wunsch für eine Kränkung.

Der moderne Mensch fühlt sich also höchst unbehaglich in dieser Welt. Alles spiegelt ihm: Du bist deines eigenen Glückes Schmied, mach was draus! Doch jede Niederlage sorgt dafür, dass dieses Glücksversprechen zum Eingeständnis der eigenen Unvollkommenheit wird. Da hilft alle Show nicht, alles Aufbrezeln für den Laufsteg des Lebens.

Drinnen im Kopf weiß der aufgehübschte Mensch ja, dass er nicht genügt. Nicht genügen kann. Denn wo – versprochenermaßen – alles möglich ist, werden die Optionen unüberschaubar und jeder Versuch, in diesem Reich der unendlichen Möglichkeiten etwas zu werden, zu einem Tappen im Nebel. Und oft genug zu einer Verfehlung des eigenen Selbst. Manche sind ein Leben lang danach auf der Suche – und finden es nicht.

Also muss ja jemand Schuld sein an ihrem Ungenügen. In seinem Buch ,,Die kalte Wut" griff Große 2024 das Thema wieder auf und beschrieb recht eingängig, wie die zunehmenden Ressentiments in unserer Gegenwart zustande kommen und sich gegenseitig aufschaukeln. Denn der Bewohner der heutigen Konsumwelt spürt sehr wohl, wie unsicher seine Lage ist.

Sein sozialer Status ist prekär, hängt von Konjunkturen ab und kann in Krisen sofort gefährdet sein. Er ist nichts von Geburt – anders, als es einst der Adel war. Er kann etwas werden – aber nichts Endgültiges. Denn was er erwerben kann, sind nur labiler Status und eine Welt von lauter Dingen, die keinen dauerhaften Wert haben. Weshalb er zum Konsumieren verdammt ist, zur permanenten Bestätigung seines Erfolgs. Der ihm zwischen den Fingern zerrinnt.

Er nennt sich zwar gern Bürger. Aber jede eingehendere Analyse der heutigen Bundesrepublik – genauso wie der alten BRD und der hingeschiedenen DDR – zeigt, dass diese Bezeichnung für ihn eine Nummer zu groß ist, dass die beiden deutschen Landeshälften immer vor allem kleinbürgerliche Lebensräume waren. Was Große der alten BRD auch zugesteht.

Mit der DDR kann er nicht so viel anfangen, sonst würde er die einschlägigen Untersuchungen der Soziologie zum Konstrukt Arbeiter-und-Bauern-Staat kennen: Im Alltag war auch die DDR eine kleinbürgerliche Republik mit kleinbürgerlichen Träumen von Aufstieg, Status und Besitz. Selbst die Funktionäre der alleinseligmachenden Partei dachten in diesen Kategorien, selbst der allmächtige Geheimdienst.

Was da 1990 zusammenkam, hatte letztlich dieselben Träume und Vorstellungen von einem erfolgreichen Leben. Nur dass es den Neuankömmlingen aus dem Osten unendlich erschwert wurde, diese Träume auch zu erfüllen. Was eigentlich die Basis für eine wirklich gründliche Untersuchung des so gern malträtierten Ostdeutschen wäre: Wie sein Traum von einem bürgerlichen (und gesicherten) Leben millionenfach scheiterte und sich in Ressentiment verwandelt. Irgendwer muss ja schuld sein an diesem Scheitern.

Das freilich untersucht Große in diesem Buch nicht. Es hätte nahe gelegen, weil es den Urgrund der derzeit wallenden Ressentiments beleuchtet hätte. Ressentiments, die es in Ost wie West gleichermaßen gibt. Denn hüben wie drüben meldet sich das gekränkte Kleinbürgertum zu Wort.

Denn aus gutem Grund geht es davon aus, dass diese Gesellschaft ihm gehört. Denn sie ist durchdrungen von seinen Idealen, Träumen und Gefühlen. Was bei Große natürlich etwas analytischer klingt: ,,Der bürgerlich gemachte Mensch fühlt sich merkwürdig betrogen und weiß doch nicht wodurch. Seine Verstörtheit wird zur Dauergrimasse. Die gekränkten Mienen, die gepressten Münder tragen es einem auf allen Straßen entgegen ..."

Man kann es auch so formulieren: Der aus seinen alten Standesbanden geschleuderte Mensch fühlt sich arg unwohl in der Welt, die er nun bewohnt. Und er fühlt sich nicht angekommen, nicht wirklich zum Bürger geworden.

Denn er weiß, dass dazu mehr gehört: Unternehmertum, Selbstbewusstsein und Besitz. Er ahnt es – auch wenn ihm seine Medien davon nichts erzählen – dass es über ihm tatsächlich eine bürgerliche Klasse gibt, die Einfluss hat, Gestaltungsmacht und die nötige Rücksichtslosigkeit, ihre Interessen auch hemmungslos durchzusetzen.

Eine bürgerliche Klasse, auf die der alte Begriff vom Bourgeois noch allemal passt. Während dem kleinen Bürger bestenfalls der Citoyen bleibt, der Staats-Bürger, eine Rolle, mit der er zutiefst hadert, wie Große in mehreren Kapiteln feststellen kann.

Und dabei war das ja mal – nach Hitlerreich und verlorenem Krieg – die Rolle, in der er sich bewähren durfte, die er sich überziehen konnte, um flugs über Nacht zum braven Demokraten zu werden. Unschuldig in seiner neuen Rolle. Er musste jetzt nur noch die richtigen Parteien wählen, am besten – im Westen – die beiden großen Volksparteien.

Dann wäre alles gut, er wäre rehabilitiert und wieder respektiert. Und als Belohnung gab es Wirtschaftswunder und ,,Wohlstand für alle". Wohlverhalten wird mit der Fähigkeit zu wachsendem Konsum belohnt. Eine Art psychologische Plombe, die aber nicht mehr funktioniert, wenn das Aufstiegsversprechen vor den Augen der kleinen Bürger zerplatzt. Was bleibt dann?

Und hier wird es jetzt kompliziert. Jürgen Große versucht dem Phänomen mit einer Untersuchung der gesellschaftlichen Mitte beizukommen, der Mittelklasse (die etwas völlig anderes ist) oder dem Mittelstand (zu dem die kleinen Bürger schon mal gar nicht gehören). Es ist die Beleuchtung einer Empfindungssphäre, die sich nicht recht fassen lässt.

Auch nicht mit statistischen Daten zu Einkommen und Besitz. Und schon gar nicht mit Befragungen, wozu sich die Befragten eigentlich rechnen. Da wäre fast jeder Befragte überzeugt, zur Mitte zu gehören. Was dann gern als wohltemperiert und ausgeglichen verstanden wird. Einerseits. Und andererseits auch als maßstabgebend und normsetzend. Wer will schon zu den Extremen gehören?

Was deutlich wird: Es ist das falsche Empfinden eines statischen Zustands. Eine Wunsch-Verortung, die mit dem tatsächlich Gefühlten und Gedachten nicht übereinstimmt. Und auch schon lange nicht mehr mit der Zugehörigkeit zu einer der alten großen Volksparteien, die mal CDU/CSU und SPD hießen. Große geht davon aus, dass heute ganz andere Parteien die neuen Volksparteien sind: AfD und Grüne. Was zu beweisen wäre.

Aber es geht den Philosophen wie den Leuten im Nachbarhaus auch: Auch sie haben ihre Ressentiments, ihr gespürtes Unbehagen.

Auch ihnen geschieht ein Unbehagen in der Bürgerlichkeit: ,,Letztere ist traditionell ein Leben in der Spannung zwischen Absturz und Aufstieg, adaptiertem aristokratischen Kulturornament und andrängendem Plebejerelend relativ stabil als seelischer und sozialer Mittelstand mit entsprechend verfestigten Negativwerten (nicht in Trägheit versinken, aber auch nicht durch Hochleistung exzentrisch auffallen)", so Große.

Man fühlt, dass man nicht dazugehört, nicht wirklich zur Oberschicht gehört. Und fürchtet gleichzeitig, dass ein böses Geschick einen aus der Bahn kegelt, sodass man ruckzuck ganz unten landet – bei den Plebejern, Malochern und Proletariern. Die es immer noch gibt. Nur habe die Soziologen peinlichst aufgehört, über Klassen zu sprechen.

Bei Große tauchen die Proletarier wenigstens auf – all die Leute, die für ihren sauer verdienten Lohn malochen müssen. Und tatsächlich stolz darauf sind, wenn sie etwas geschafft haben. So gesehen drängt dieser Essay eigentlich hin zu einer sensiblen Analyse unserer Gesellschaft, wie sie wirklich tickt und fühlt.

Aber Große deutet mit seiner Fokussierung auf AfD und Grüne an, dass es heute zwei wesentliche Formen von kleinbürgerlichem Artikulieren gibt: die Blaubürgerlichkeit (,,Alternativspießertum von rechts") und die Grünbürgerlichkeit. Man könnte an dieser Stelle gespannt sein, wie er diese beiden bürgerlichen Empfindungsfelder untersucht.

Aber tatsächlich fokussiert er sich nur auf eines – die Grünbürgerlichkeit. Wobei ja stimmt: Auch hier gibt es Formen des Ressentiments, der öffentlich demonstrierten Gefühligkeit, der geäußerten Moralität.

Große spricht zwar immer wieder von den Grünen. Aber ganz zum Schluss merkt man, dass er eigentlich ein ganz anderes Phänomen aufs Korn nimmt, das sich beileibe nicht bei einer einzigen Partei und ihren Wählern auffinden lässt: Es sind die Bobos, die von David Brooks 2000 so in die Begrifflichkeit gesetzten ,,bourgeois bohémien".

Ein sozialer Typus, der in den westlichen Ländern seit den 1990 Jahren sichtbar geworden ist – in zumeist akademischen Berufen erfolgreich, erfolgsbewusst und gleichzeitig darauf bedacht, weiterhin rebellisch zu wirken, sich also immer neue Zeichen von Subkulturen zuzulegen, frei nach dem Motto: Ich hab's geschafft, aber ein Rebell bin ich doch noch.

Für Große verbinden sich im Bobo klassische bürgerliche Ansprüche: ein zutiefst materialistischen Denken mit übersteigerten moralischen Ansprüchen, die man nun den Anderen, den kleinen Bürgern unter die Nase reibt. Verständlich, dass er die Bobos so überhaupt nicht mag.

Der ,,Ampel"-Regierung von 2021 bis 2025 attestiert er gar eine stark vertretene Bobo-Mentalität. Man ahnt also, woher sein Unbehagen kommt. Das durchaus seine Berechtigung hat. Denn von regierenden Parteien erwartet man eigentlich keine moralischen Belehrungen, sondern praktische Problemlösungen.

Aber hängt es nur an Parteien? Die Frage bleibt offen am Ende. Auch weil Große ganz offensichtlich die Ressentiments anderer kleinbürgerlicher Milieus auslässt, regelrecht ausblendet. Und da geht es nicht nur um die AfD, die sich zu einer einzigen Ressentiment-Partei entwickelt hat, die ganz offensichtlich das Unbehagen der kleinen Bürger am besten abzugreifen vermag, indem sie es verstärkt und verwildern lässt.

Aber wie ist das eigentlich mit den sogenannten bürgerlichen Parteien? Sind die frei von Ressentiments und höheren Moral-Attitüden? Daran darf gezweifelt werden. Schon gar in einer Zeit, in der der erhobene Zeigefinger geradezu zum ersten Instrument politischer Wortmeldung geworden ist.

Und damit zur tatsächlichen Wortmeldung des kleinen Bürgers, der so gern die Mitte und den Maßstab von allem wäre. Und anderen nur zu gern erzählt, wie sie sich zu benehmen haben. Denn es sind ja immer die Anderen, die sein Unbehagen wachrufen, ihn daran erinnern, wie prekär und vorläufig seine eigene Existenz ist.

Und eigentlich lautet ja die Diagnose, dass unsere Gesellschaft ganz zwangsläufig eine durch und durch kleinbürgerliche Gesellschaft geworden ist, in der schon die geringsten Nuancen von Einkommen und Status darüber bestimmen, ob sich der kleine Bürger zur Mitte zählt, zur Oberschicht oder zu jener gefährdeten Gruppe der Erfolglosen, der immerfort der Abstieg in die Unterschicht droht.

Also gibt man sich alle Mühe, nicht nur mit wildem Konsum seinen Status herauszukehren, während man gleichzeitig alle anderen permanent darüber belehrt, wo ihr eigentlicher Platz ist.

Was natürlich nichts daran ändert, dass die sogenannte bürgerliche Gesellschaft permanent die tatsächlichen Verunsicherungen und Ungewissheiten produziert, die in der ach so viel beschworenen Mitte die Ängste um Abstieg und Verlust am Leben erhält. Disruption und Globalisierung sind ja keine seelischen Empfindungen, die sich die Leute nur einbilden.

Sie sind wesentliche Teile einer enthemmten Gesellschaft, in der Stabilität immer schon eine schöne Einbildung war, gleichzeitig aber immer wieder neues Wahlversprechen von Parteien, die damit bei jeder Wahl die Wähler einkauften, obwohl keine Partei dergleichen auch nur garantieren kann. Aber der kleine Bürger träumt davon. Und ist zutiefst gekränkt, wenn ihm dieser Traum nicht erfüllt wird.

Deswegen haben Parteien beim gelebten Kleinbürgertum die größten Chancen, wenn sie ihm einreden, alles könne und werde beim Alten bleiben. Niemand würde ihm etwas zumuten. Und die Steuern würden auch sinken. Wahlen sind reine Märchenstunden, eben auch deshalb, weil sich eine klare Mehrheit der Wahlbürger tatsächlich dem obskuren Ort zurechnet, der da Mitte genannt wird. Eine Mitte, die sich selbst dann noch als Träger der Gesellschaft begreift, wenn sie sich längst radikalisiert hat.

Noch so ein Aspekt, den Große antippt und der natürlich einen anderen Strang der Analyse nach sich ziehen würde: Wie sehr unser Bild von der Mitte und den Extremen den Blick darauf verstellt, dass es eine wohltemperierte und ausgeglichene Mitte gar nicht gibt.

Schon gar nicht in Zeiten, in denen die Pflege von Ressentiments zur Hauptbeschäftigung des politisierten Bürgers geworden ist, der sich so gern selbst als den Mittelpunkt der Welt versteht. Auch wenn er ahnt, dass er wohl nie dazu gehören wird. Und das macht natürlich wütend, hilflos und unsicher.

Zu: Jürgen Große ,,Gefühlte Bürgerlichkeit" Büchner Verlag, Marburg 2025


Aus: "Gefühlte Bürgerlichkeit: Jürgen Großes Suche nach der seelischen Mitte unserer Gesellschaft" Ralf Julke (24. November 2025)
Quelle: https://www.l-iz.de/bildung/buecher/2025/11/gefuhlte-burgerlichkeit-jurgen-grosses-suche-seelische-mitte-gesellschaft-639723

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Quote[...] Jürgen Groẞe: Gefühlte Bürgerlichkeit - Zur Seelengeschichte der späten Bundesrepublik

Im Deutschland der 2020er geht es gefühlsbetont zu. Achtsamkeit, Echtheit, Spontaneität, Verletzbarkeit, Zugewandtheit sind moralische Hochwertwörter geworden. Dies gilt für politisch-mediale Selbstdarstellungen wie für den alltäglichen Sprachverkehr. Zugleich verstehen sich die gefühlsbewussten Milieus als bürgerlich, als gutbürgerlich, als gute Gesellschaft, ja als Bürgergesellschaft.

Die Bedeutung von Bürgerlichkeit hat sich dabei stark verändert. Nicht mehr Besitz oder Bildung, sondern ein ethisch vertretbares Empfinden und ein damit verbundener Gerechtigkeitssinn verheißen gesellschaftliche Reputation. Eine neue Elite ist entstanden, die traditionell bürgerliche »Mitte«-Positionen besetzt und zugleich kulturerneuernd wirken will.

In Gefühlte Bürgerlichkeit beleuchtet Jürgen Große dieses Phänomen historisch und kritisch. Die geschichtlichen Linien werden von der bürgerlichen Empfindsamkeit im Aufklärungszeitalter bis zu aktuellen Kampfbegriffen wie »Schneeflocken«, »Wutbürger« und »Empörungskultur« gezogen.

Zu:
Jürgen Groẞe: Gefühlte Bürgerlichkeit
Zur Seelengeschichte der späten Bundesrepublik
Büchner-Verlag, Marburg. Erschienen am 29. September 2025.
Hardcover mit Fadenheftung und Lesebändchen
ISBN 978-3-96317-420-9


Quelle: https://www.buechner-verlag.de/buch/gefuehlte-buergerlichkeit/

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Quote[...] Als der bekannte Redakteur der Exilzeitschrift "Die neue Weltbühne" Hermann Budzislawski im Herbst 1948 nach Deutschland zurückkehrte und Professor für internationales Pressewesen an der Universität Leipzig wurde, bezogen er und seine Frau ein großzügiges Wohnhaus in der Leipziger Innenstadt und entwickelten im Erwerb von Biedermeier-Möbeln für ihr neues Heim kunsthistorische Expertise. Mit großzügigem Gehalt, Dienstmädchen und Fahrer konnten die Budzislawskis bald einen bürgerlichen Lebensstil in der DDR aufleben lassen, der ihnen in den vorangegangenen Jahren des Exils nicht möglich gewesen war. Vergleichbare Formen eines bürgerlichen Habitus fanden sich auch im sozialistischen Polen, wie etwa in der Familie des Soziologen Zygmunt Bauman. In Warschau und anderen polnischen Städten der 1950er und 1960er Jahre verstanden sich die Angehörigen dieses Milieus als aktiver Teil im Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft und pflegten dabei zugleich einen elitären Lebensstil, der u.a. große Wohnungen und Personal, aber auch den Besuch angesehener Schulen und die Mitgliedschaft in besonderen Diskussionsklubs einschloss.

Die Beiträge von Daniel Siemens und Agnes Arndt zum vorliegenden Band, denen diese Beispiele entnommen sind, weisen auf die spannungsvolle Verwicklung von bürgerlichen Lebensformen und anti-bürgerlichen Zielvorgaben in autoritären europäischen Staaten des 20. Jahrhunderts. Angesichts der Tatsache, dass die vergleichende Bürgertumsforschung - einst ein Flaggschiff der Geschichtswissenschaften in Deutschland - der Frage nach der Rolle des Bürgertums im Aufstieg des Nationalsozialismus erhebliches Gewicht zumaß, heben die Herausgeber des Bandes zu Recht hervor, dass die geringe Zahl an Untersuchungen zu Bürgerlichkeit in den deutschen und europäischen Diktaturen verwundert. Weder die nationalsozialistische noch die sozialistische anti-bürgerliche Ideologie spiegelten die Realität ihrer Gesellschaften wider, obgleich beide Regime im Zuge der politischen Rahmung und Beschränkung von Öffentlichkeit bürgerliche Identitäten unter Veränderungsdruck setzten. Moritz Föllmer und Bernd Weisbrod haben bereits vor einigen Jahren auf die Vielfalt der Dissonanzen und Kompromisse aufmerksam gemacht, die das bürgerliche Verhaltensrepertoire in der Zeit des 'Dritten Reichs' bestimmten und transformierten. [Bernd Weisbrod: Schlussdiskussion, in: Wie bürgerlich war der Nationalsozialismus?, hg. von Norbert Frei, Göttingen 2018, 382-383; Moritz Föllmer: Culture in the Third Reich, Oxford 2020, 163-166.]

Die Herausgeber des Bandes fordern vor diesem Hintergrund, die Frage nach der Geschichte von Bürgerlichkeit im 20. Jahrhundert nicht auf die Maßgaben bürgerlicher Lebensformen des 19. Jahrhunderts zu reduzieren, sondern vielmehr die Transformation und Dynamik bürgerlicher Werte in der Vergesellschaftung von Mittelschichten ins Zentrum zu stellen. Dabei weiten sie den Blick auf den Autoritarismus des 'Dritten Reichs' und der DDR aus und beziehen ergänzende Studien zur Türkei, Polen, Ungarn und Portugal mit ein.

Es ist kaum nötig zu erklären, dass diese Auswahl nicht dem Versuch eines systematisch angelegten Vergleichs, sondern den unterschiedlichen Forschungsinteressen der Beiträge geschuldet ist. Interessante Einblicke in die Transformationsgeschichte von Bürgerlichkeit unter den Bedingungen europäischer Diktaturen bietet der Band allemal und stößt daran anschließende Fragen an. Neben den bereits erwähnten Kapiteln von Arndt und Siemens gilt dies etwa für die Rekonstruktion verschiedener Facetten von Bürgerlichkeit, die Michael Schwartz anhand des Schriftstellers und Drehbuchautors Erich Ebermayer vorstellt. Ebermayer entstammte einer großbürgerlichen Juristenfamilie und verkehrte zu Weimarer Zeiten mit Thomas Mann und Stefan Zweig. Als Homosexueller und Republik-Anhänger geriet Ebermayer nach 1933 ins Visier der Gestapo, entkam jedoch durch die Protektion seines Cousins, dem Chef der Reichskanzlei Philipp Bouhler. Bouhler verhalf Ebermayer auch zu Kontakten in die NS-Kulturelite und förderte seinen baldigen Erfolg als Drehbuchautor von Unterhaltungsfilmen - gekrönt vom "Nationalen Filmpreis" 1936. Einerseits distanzierte Ebermayer sich privat von Rassegesetzen und Novemberpogrom und nutzte sein bildungsbürgerliches Selbstverständnis zur Abgrenzung von NS-Funktionären auf Abendgesellschaften. Andererseits glaubte er eine verwandte Hochschätzung der sozialen Rolle des Künstlers in der NS-Kulturpolitik zu erkennen und passte seine künstlerischen Ambitionen der populären nationalsozialistischen Unterhaltungsindustrie an.

Die Nachzeichnung der biographischen Spannungen, in die bürgerliche Identitäten von Ebermayer, Budzislawski oder des Philologen Victor Klemperer (Blanka Koffer im Band) in Nationalsozialismus und DDR gerieten, machen zugleich deutlich, dass eine zusätzliche Schärfung der Perspektive auf die Historizität der politischen Dimension von Bürgerlichkeit für viele Beiträge hilfreich gewesen wäre. Angesichts des Umstandes, dass Bürgerlichkeit nicht zuletzt auf ein politisches Projekt zurückgeht und Diktaturen gerade diese Dimension bürgerlicher Formen der Vergesellschaftung berühren (und verunsichern), scheinen die von Agnes Arndt am Ende ihres Beitrags aufgeworfenen Fragen zentral: Was bedeutet die Anpassung an nicht-demokratische Verhältnisse für überkommene Werte wie bürgerliche Freiheit und Autonomie? Was bedeutet eine Transformation der Praxis von Bürgerlichkeit im autoritären Kontext des 20. Jahrhunderts für das politische Verhältnis zum Staat? Arndt selbst erklärt in ihrem Beitrag, wie das bürgerliche Milieu polnischer Städte der 1950er Jahre mitverantwortlich für jene gesellschaftlichen Ressourcen war, die in der Opposition der 1970er und 1980er Jahre zum Ausdruck kamen.

Den Herausgebern ist zuzustimmen, wenn sie in ihrer aufschlussreichen Einleitung gegen das Aufspüren bürgerlicher Restmilieus in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts argumentieren - eine Vorstellung, die bereits im Begriff den Gedanken transportiert, Bürgerlichkeit sei eine feststehende Sozialformation vorangegangener Zeiten. Genauere Beobachtungen zur politischen Dimension der Transformation von Bürgerlichkeit anhand der im Band vorgestellten Fallstudien würden jedoch auch Rückschlüsse auf eine längerfristige Rekonstruktion der Geschichte von Bürgerlichkeit zulassen, die dann weder vor den Grenzen von nicht-demokratischen Regimen haltmachen noch innerhalb der Grenzen von Diktaturen des 20. Jahrhunderts stehenbleiben müsste. Auf diese Weise würden nicht zuletzt Fragen der historischen Forschung aufgenommen und weitergetragen, deren Bearbeitung in den letzten Jahrzehnten auf eigentümliche Weise in den Hintergrund getreten ist. Diesbezüglich bieten die Beiträge des Bandes vielfache Anregungen, die in an sie anschließenden Untersuchungen weiterzuführen und zu vertiefen wären.


Aus: "Ingo Loose / Christian Rau / Michael Schwartz (Hgg.): Bürgerlichkeit in Diktaturen"
Philipp Müller (Ausgabe 25 (2025), Nr. 3 - Rezension von: Bürgerlichkeit in Diktaturen)
Quelle: https://www.sehepunkte.de/2025/03/39442.html


Christian Rau, Ingo Loose, Michael Schwartz
Bürgerlichkeit in Diktaturen. Perspektiven auf die Kulturgeschichte europäischer Gesellschaften im 20. Jahrhundert
https://metropol-verlag.de/produkt/buergerlichkeit-in-diktaturen-perspektiven-auf-die-kulturgeschichte-europaeischer-gesellschaften-im-20-jahrhundert/

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#3
Quote[...] Unterschichten gab es immer - nur der Umgang mit ihnen variiert. Das Buch "Bürgerlichkeit ohne Bürgertum" zeigt den Zwischenstand der neuen deutschen Bürgerlichkeitsdebatte.

Die Umwälzung von 1989 hat auch im kommunistischen Weltteil die Grundprinzipien einer bürgerlichen Gesellschaftsordnung - ökonomischer Privatbesitz, politische Selbstorganisation, freie kulturelle Selbstverständigung - wiederhergestellt. Die Versuche des 20. Jahrhunderts zu kollektiven, staatlich reglementierten Vergemeinschaftungen wurden zu den Akten gelegt. Trotzdem bedeutet 1989 mehr als eine nachholende Revolution, weil die nun zusammenwachsende posttotalitäre Weltgesellschaft (auf Englisch: commercial-civil-creative society) längst im Bewusstsein der anderen Möglichkeit, also ihrer eigenen Nicht-Notwendigkeit existiert.

So argumentiert der Soziologe und Hellmuth-Plessner-Verehrer Joachim Fischer in dem anregenden Sammelband "Bürgertum ohne Bürgerlichkeit", der die neue deutsche Bürgertums-Debatte zu einem Zwischenabschluss führt. Diesen weit gefassten, über Habitus- und Stilfragen hinausreichenden Bürgerlichkeitsbegriff sieht Fischer anderen soziologischen Gegenwartskonzepten wie "Kapitalismus" oder Systemtheorie oder gar beschreibenden "Wimmelbegriffen" wie "Risikogesellschaft", "Erlebnisgesellschaft" oder "planetarisches Kleinbürgertum" als deutlich überlegen an:

Denn er rückt die neue Weltgesellschaft in eine historische, dabei nicht geschichtsphilosophische Perspektive, und er gewichtet die Anteile von Unternehmens- und Kapitaleigentum, von zivilgesellschaftlicher Initiative und von individuellem Biographie-Design gleich; es gibt also nicht die eine ökonomische Basis, die den ganzen Rest erklärt, sondern es geht immer noch um die nur in der "okzidentalen Stadt" (Max Weber) entwickelte, äußerst wandelbare westliche Lebensform.

Das mag bedenken, wer vieles am neuen Bürgerlichkeitsdiskurs geschwätzhaft findet; selbst wenn man "Bürgerlichkeit" beispielsweise in der deutschen Nachwende-Gesellschaft nur als eines von mehreren Lebensstilangeboten relativiert, muss man doch zugeben, dass eben die Pluralität solcher Angebote etwas prinzipiell Bürgerliches ist. Auch wer sich für den stilistischen Proletarier-Retro entscheidet, tut dies, solange die Grundordnung bleibt, wie sie ist, im bürgerlichen Rahmen. Damit ist festgestellt, dass es mindestens zwei Ebenen in der heutigen Bürgerlichkeitsdiskussion gibt: die gesellschaftstheoretische einerseits und die immer noch ständische andererseits. Dies - übrigens eher unfreiwillig - immer wieder zu verdeutlichen, ist ein Verdienst dieses recht heterogenen Bandes.

Dort findet man ätzende Befragungen aus linksparteilich-klassentheoretischer Sicht ebenso wie hochfahrende Unterschichtsverwerfungen und Lebensführungs-Appelle aus den brillanten Federn von Karl Heinz Bohrer und Norbert Bolz. Marx und Nietzsche erstehen gleichermaßen aus ihren Gruften. Dazwischen tummelt sich der gewohnt ausgeruhte Heinz Bude, dem Joachim Fischer als lustigem "Theorietaktiker" ausdrücklich den seriösen "theoriestrategischen" Rahmen schaffen möchte.

Bude nämlich beobachtet im Übergang von der alten Bundesrepublik zur Berliner Republik die Ablösung eines klassenübergreifenden, sozialpartnerschaftlichen Modells der "Arbeitnehmergesellschaft" durch eine fordernde Bürgerlichkeit, die auf Eigenverantwortung, Familiensinn, Gemeinwohlorientierung setzt, natürlich in nach-adelig meritokratisch erneuerter Version. Bude wiederholt dabei seine schon 2005 vorgestellte deutsche Generationentypologie, die vom "Weimarer Restbürger" (Beispiel Hellmuth Becker), dem "skeptischem Neubürger" (etwa Joachim Fest) zum "postrebellischen Willensbürger" (Joschka Fischer) reicht.

Das Andere der Bürgerlichkeit - zählen überhaupt mehr als 20 Prozent unserer Gesellschaft im engeren Sinn dazu? [Wie ist es mit den jüngst [bezogen auf das Jahr 2010] neuentdeckten "Unterschichten" und dem Staat?]

An die Unterschichten, die es, wie Hans-Ulrich Wehler gegen sozialdemokratische Tüteligkeit festhält, selbstredend immer gegeben hat, richten sich Angebot und Appell zur Verbürgerlichung (Fördern und Fordern); ihnen gilt auch die Verachtung der altneuen Elite, die mit der Zeitschrift Merkur den Sozialstaat als Mutti verachtet.
Der Staat soll nur das Regelwerk für Geselligkeit und Markt sichern, ohne den Menschen deswegen die Gemeinschaftsformen vorzuschreiben. Von Fall zu Fall lässt er sich vom Protest aus der "bürgerlichen Mitte" zu Schlichtungsgesprächen bewegen.

Man merkt dem aus einer Tagung in Neuhardenberg im Jahre 2007 hervorgegangenen Band an, dass er im Kern bereits vor der Finanzkrise entstand. Seither sind die Sicherungsfunktionen des globalen Staatenverbunds wieder dramatisch ins Bewusstsein gerückt; und dass staatliche Friedensaufgaben nicht nur Recht und Ordnung, sondern auch soziale Grundsicherung umfassen, akzeptieren wir heute wieder leichter.

Die Transferleistungen, die der Staat den Wohlhabenden abverlangt, schützen diese vor sozialen Unruhen, ja selbst vor Bettelei. Und bei aller Skepsis gegen ökonomistische Reduktionen: Ohne stabiles Finanzwesen funktioniert der ganze Laden nicht. So beobachten wir derzeit bei Euro und Dollar den dramatischen Versuch, wieder einmal die Grundlagen der bürgerlichen Welt zu retten.

Zu: HEINZ BUDE, JOACHIM FISCHER, BERND KAUFFMANN (Hrsg.): Bürgerlichkeit ohne Bürgertum. In welchem Land leben wir? Wilhelm Fink Verlag, München 2010. 231 Seiten


Aus: ""Bürgerlichkeit ohne Bürgertum: "Heute mal ein Proletarier"" Gustav Seibt (7. Dezember 2010)
Quelle: https://www.sueddeutsche.de/kultur/buergerlichkeit-ohne-buergertum-heute-mal-ein-proletarier-1.1033115

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Heinz Bude (Hg.), Joachim Fischer (Hg.), Bernd Kauffmann (Hg.)
Bürgerlichkeit ohne Bürgertum
In welchem Land leben wir?
Wilhelm Fink Verlag, München 2010
ISBN 9783770546275
Kartoniert, 232 Seiten
https://www.perlentaucher.de/buch/heinz-bude-joachim-fischer-bernd-kauffmann/buergerlichkeit-ohne-buergertum.html


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#4
Vivian Gornick (* 14. Juni 1935 in New York) ist eine US-amerikanische Journalistin, Essayistin und Schriftstellerin.
https://de.wikipedia.org/wiki/Vivian_Gornick

Joachim C. Fest (bürgerlich: Joachim Vinzenz Maria Fest; * 8. Dezember 1926 in Berlin; † 11. September 2006 in Kronberg im Taunus) war ein deutscher Zeithistoriker, Herausgeber und vielgelesener Autor.
https://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_Fest

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... Besonderes Augenmerk wird darauf gelegt, dass die Familie, und insbesondere Joachim, der Musik und Literatur sehr zugetan war – so sehr, dass ,,Nicht ich" oft wie eine unbeschwerte Familienerinnerung über das bürgerliche Leben in Friedenszeiten klingt. Immer wieder und ausführlich schildert Fest, was er während des Krieges gerade liest oder hört: Eine Radiosendung von Figaro ist für ihn prägend; die Auseinandersetzung mit Friedrich Schillers Werk ist entscheidend; er hat sich in die italienische Renaissance verliebt und erwägt, sie zu seinem Lebenswerk zu machen. Als er etwa vierzehn Jahre alt ist und kurz davor steht, Buddenbrooks zu lesen, sagt ihm Dr. Meyer, mit dem er regelmäßig über Literatur spricht: ,,Kaum etwas im Leben ist vergleichbar mit dem Vergnügen, ein solches Buch zum ersten Mal zu lesen." Man kann sich gut vorstellen, dass Menschen wie die Fests, die so tief im Bürgertum verwurzelt waren und so fest an die unbestreitbare Überlegenheit der deutschen Zivilisation glaubten, ,,ihren Gefahrensinn verloren hatten". Johannes selbst sagte, er werde ,,nie verstehen, warum jeder, der sich Hitler widersetzte, früher oder später unweigerlich im Stich gelassen wurde". Er hatte gedacht, so etwas ,,könnte im finstersten Russland oder auf dem Balkan passieren, aber doch nicht in ihrem gesetzestreuen Land. Was war geschehen? Diese Frage wurde von allen Seiten gestellt, aber niemand hatte eine Antwort." ...

QuoteEin Auge zudrücken - Eine Erinnerung an den Alltag im Angesicht des Faschismus.
Von Vivian Gornick (Boston Review, Veröffentlicht in der Winterausgabe 2026)

Irgendwann Mitte der 1970er-Jahre verbrachte ich einen Abend mit Herrn Sperber – einem jüdisch-polnischen Emigranten, den ich nie unter einem anderen Namen kannte – in seiner Sozialwohnung in Lower Manhattan. Um Mitternacht bot mir Herr Sperber an, mich in ein Taxi zu begleiten, da es in der Gegend in letzter Zeit mehrere Überfälle gegeben hatte. Wir waren allein im Aufzug auf dem Weg nach unten, als er plötzlich auf halbem Weg zur Lobby hielt; die Tür öffnete sich, und da stand ein schwarzer Teenager. Bevor ich nachdenken konnte, griff ich nach dem ,,Schließen"-Knopf. Herr Sperber hielt die Tür jedoch auf und bat den erschrockenen Jungen in den Aufzug. Doch der Junge hatte meine Geste bemerkt, und sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich. ,,Schon gut", murmelte er. ,,Ich nehme den nächsten." Als sich die Aufzugtür schloss und ich wie gelähmt vor Scham dastand, wandte sich Herr Sperber mir zu und sagte ganz sanft: ,,Man muss menschlich bleiben bis zum letzten Augenblick."

Der Journalist und Historiker Joachim Fest veröffentlichte 2006 seine ,,Not I: Memoirs of a German Childhood" ("Nicht ich: Erinnerungen an eine deutsche Kindheit", Rowohlt Verlag, Reinbek 2006 ISBN 9783498053055, 320 Seiten), die 2006 erstmals auf Deutsch und 2012 in englischer Sprache erschien und letztes Jahr neu aufgelegt wurde. In "Nicht ich" geht es darum, bis zum letzten Augenblick Mensch zu bleiben.

Fest wurde 1926 in Berlin geboren, als Sohn eines konservativen katholischen Lehrers. Seine unerschütterliche christliche Moral machte ihn von dem Moment an, als die ersten SA-Männer auf den Straßen der Stadt auftauchten, zu einem überzeugten Gegner der Nazis. Selbstverständlich stand die ganze Familie – Frau und fünf Kinder – hinter diesem imposanten Familienoberhaupt. Aufgrund seines offenen Widerstands gegen die NSDAP verlor der Vater seine Arbeit, die Kinder wurden in der Schule bedroht, und die Nachbarn mieden sie. Die Familie Fest lebte, während die NSDAP an die Macht kam, in Armut und Isolation, aber bemerkenswert lange Zeit im Wesentlichen unberührt. Dann holte sie der Krieg ein.

Nachdem es den Fest-Brüdern zunächst gelungen war, der Hitlerjugend zu entgehen, wurden sie schließlich doch dazu gezwungen. Mit achtzehn Jahren, als er sich der Wehrpflicht nicht mehr entziehen konnte, trat Joachim der Wehrmacht bei, um der SS zu entgehen. Innerhalb eines Jahres geriet er in amerikanische Gefangenschaft und verbrachte zwei Jahre als Kriegsgefangener. Joachims älterer Bruder Wolfgang fiel an der Ostfront, und sein Vater Johannes war viele Monate in russischer Gefangenschaft. Obwohl nicht explizit erwähnt, deuten einige Textstellen darauf hin, dass Joachims Mutter und seine beiden Schwestern während der alliierten Besatzung Berlins (sprich: durch die Russen) sexuell missbraucht wurden. So wurde die gesamte Familie bestraft, erst als Minderheit der Anti-Nazis und dann als besiegte Deutsche.

Nach Kriegsende fanden die Fests wieder zusammen, agierten aber nie wieder als eine Einheit. Joachim Fest selbst wurde Radiojournalist im amerikanischen Sektor Berlins und feierte in den folgenden fünfzehn Jahren Erfolge als Autor und Redakteur beim deutschen Radio und Fernsehen. 1973 etablierte er sich mit der Veröffentlichung einer bedeutenden Hitler-Biografie als angesehener, wenn auch umstrittener Historiker der NS-Zeit: Zu einer Zeit, als es noch nicht populär war, die NS-Jahre auf diese Weise zu analysieren, argumentierte Fest, der Aufstieg der Partei sei darauf zurückzuführen, dass Millionen gewöhnlicher Deutscher Tag für Tag die Augen vor der schleichenden Zerstörung demokratischer Gesetze verschlossen und so zugelassen hätten, dass sich die Barbarei in ihren Herzen allmählich manifestierte. Über Hitler selbst schrieb Fest: ,,Er war nie nur ihr Führer, er war immer ihre Stimme. ... Das Volk erkannte sich wie elektrisiert in ihm wieder."

Nach seiner berühmten Hitler-Biografie schrieb Fest weitere Bücher über die NS-Zeit, darunter eines über den Architekten Albert Speer, einen hochrangigen NS-Minister. (1969 hatte Fest als Redaktionsassistent an Speers Memoiren mitgewirkt, was seinen Kritikern Anlass gab, ihm vorzuwerfen, Speer dabei zu helfen, die volle Verantwortung für seine Rolle in der Partei zu verschleiern.) Gleichzeitig erwarb er sich einen Ruf für redaktionelle Exzellenz, der ihm eine Stelle als Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, einer renommierten Institution der deutschen Zeitungslandschaft, einbrachte; diese Position bekleidete er zwanzig Jahre lang, von 1973 bis 1993. Erst gegen Ende seines Lebens beschloss er, eine Autobiografie über seine Familie und den Krieg zu schreiben. Wenige Tage vor der Veröffentlichung von ,,Nicht ich" starb Fest.

Fests Vater, Johannes, ermahnte seine Kinder, Selbstmitleid zu vermeiden und Ironie zu pflegen: Letztere Eigenschaft, so erinnert sich der jüngere Fest an die Worte seines Vaters, sei ,,die Eintrittskarte zur Menschlichkeit. Äußerlich zeigt man die Ernsthaftigkeit, die die Situation erfordert, innerlich aber schnippt man mit den Fingern über die Frustrationen." Doch so sehr Joachim seinen Vater auch liebte und bewunderte – und das tat er überaus –, scheint er zumindest einen Teil der Ermahnung des älteren Fest vergessen zu haben. Obwohl ,,Nicht ich" gewiss frei von Selbstmitleid ist, ist es überraschend direkt im Ton und in der Perspektive und somit völlig frei von Ironie. Die ernste, ausgeglichene Ruhe, die seine Prosa durchdringt, ist besonders auffällig und klingt, als ob der Autor eher die Konventionen des Memoirenschreibens des späten 19. Jahrhunderts als jene des frühen 21. Jahrhunderts respektieren wolle – ein Ton, der zugleich Stärke und Schwäche des Buches ist. Man schätzt die Ruhe, empfindet die emotionale Distanz jedoch als befremdlich. Zum Beispiel verliert der Vater seine Arbeit, und Fest schreibt: ,,Natürlich wurden unsere Mahlzeiten bescheidener. Es gab kein Spielzeug mehr, und Wolfgang bekam weder sein ... Modellrennauto noch ich meinen Fußball." Kaum ein weiteres Wort dazu. Der Leser bleibt gewissermaßen im Ungewissen: Was kostete die Familie das wirklich? Wie äußerte sich das im Alltag? Und wo bleibt die Mutter in all dem?

Später im Buch, als ein Freund der Familie scherzhaft meint, die Juden sollten nicht weggehen, weil das genau das gewesen sei, was die Nazis gewollt hätten, kommentiert Fest das nicht. Auch die Kürze, mit der Fest die Juden im Allgemeinen erwähnt, ist überraschend. Jeder sieht, wie das Leben der Juden nach und nach zum Erliegen kommt. Nehmen wir ihren Nachbarn und guten Freund, Dr. Meyer: Eines Tages kann er keine Zeitungen und Zeitschriften mehr abonnieren; am nächsten Tag muss er sein Fahrrad und seine Schreibmaschine abgeben; am übernächsten Tag darf er kein Haustier mehr halten oder Blumen kaufen. Dann verschwinden alle Juden einfach aus der Nachbarschaft. Bei einem Winterspaziergang mit seinen Söhnen erzählt Johannes den Jungen, dass jemand, den er kennt, in der BBC gehört habe, dass ,,die aus Deutschland deportierten Juden nicht, wie hier und da hinter vorgehaltener Hand gemunkelt wurde, einfach im freien Gelände ausgesetzt wurden, was schlimm genug gewesen wäre, sondern zu Zehntausenden ermordet wurden." Sie konnten einfach nicht glauben, dass selbst Hitlers Handlanger zu solch einer Gräueltat fähig waren. Und das ist im Grunde alles, was in ,,Nicht ich" über die Juden gesagt wird.

Besonderes Augenmerk wird darauf gelegt, dass die Familie, und insbesondere Joachim, der Musik und Literatur sehr zugetan war – so sehr, dass ,,Nicht ich" oft wie eine unbeschwerte Familienerinnerung über das bürgerliche Leben in Friedenszeiten klingt. Immer wieder und ausführlich schildert Fest, was er während des Krieges gerade liest oder hört: Eine Radiosendung von Figaro ist für ihn prägend; die Auseinandersetzung mit Friedrich Schillers Werk ist entscheidend; er hat sich in die italienische Renaissance verliebt und erwägt, sie zu seinem Lebenswerk zu machen. Als er etwa vierzehn Jahre alt ist und kurz davor steht, Buddenbrooks zu lesen, sagt ihm Dr. Meyer, mit dem er regelmäßig über Literatur spricht: ,,Kaum etwas im Leben ist vergleichbar mit dem Vergnügen, ein solches Buch zum ersten Mal zu lesen."

Man kann sich gut vorstellen, dass Menschen wie die Fests, die so tief im Bürgertum verwurzelt waren und so fest an die unbestreitbare Überlegenheit der deutschen Zivilisation glaubten, ,,ihren Gefahrensinn verloren hatten". Johannes selbst sagte, er werde ,,nie verstehen, warum jeder, der sich Hitler widersetzte, früher oder später unweigerlich im Stich gelassen wurde". Er hatte gedacht, so etwas ,,könnte im finstersten Russland oder auf dem Balkan passieren, aber doch nicht in ihrem gesetzestreuen Land. Was war geschehen? Diese Frage wurde von allen Seiten gestellt, aber niemand hatte eine Antwort."

Sehr zurückhaltend formuliert der jüngere Fest seine eigene Einschätzung: ,,Als sie gegen Ende der Hitlerjahre wieder zur Besinnung kamen", waren bereits so viele schäbige Kompromisse und Verrätereien eingegangen oder begangen worden, dass ,,es zu spät war".

Beim Lesen von ,,Nicht Ich" musste ich unwillkürlich an die Geschichte des Aufstiegs eines autoritären Regimes denken, die sich darin abspielt, und an unsere aktuelle Situation hier in Amerika. Ich glaube nicht, dass wir auf eine Art Nazi-Deutschland im eigenen Land zusteuern – ganz im Gegenteil –, aber vieles, was Fest in seinem Buch beschreibt, erinnert mich unheimlich an die Ereignisse in den Vereinigten Staaten: Menschen werden von der Straße weg verhaftet und deportiert, Universitäten und Anwaltskanzleien werden bestraft, wenn sie sich einer bestimmten Ideologie nicht beugen, Tausende von Bundesangestellten werden über Nacht entlassen, unabhängige Behörden werden einfach abgeschafft, der Kongress versäumt es, seine Rechte und Pflichten wahrzunehmen, Richter werden an den Rand gedrängt. Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass ein amerikanischer Präsident eines Tages eine gerichtliche Anordnung ignorieren würde – und der Oberste Gerichtshof sein Recht dazu bestätigen würde!

Von einem Tag auf den anderen zerfällt das, was wir in Amerika immer als gesetzestreue Normalität betrachtet haben. Systematische Morde an politischen Gegnern oder Vernichtungslager gibt es zwar noch nicht, aber wer weiß? Was heute gilt, ist morgen nicht mehr sicher. Andererseits war es vielleicht nie sicher. Viele haben das amerikanische Recht und die Geschichte neu studiert und darin nicht nur zahlreiche Schlupflöcher entdeckt, sondern auch Strukturen, die von Anfang an den Aufstieg diktatorischer Macht hätten ermöglichen können.

Noch wichtiger ist meiner Meinung nach die unglaubliche Kapitulation, die sich im ganzen Land auszubreiten scheint. Kapitulation und Trägheit. Es ist die Trägheit – die tägliche Anpassung an den Aufstieg eines autoritären Regimes –, die am schockierendsten ist. Wir – also die Amerikaner – leben die meiste Zeit in der Behaglichkeit unseres Alltags. Abgesehen von Bränden, Überschwemmungen oder einem offenen Krieg berührt uns die Welt, die Geschichte schreibt, kaum. Meistens spielt sie sich dort drüben ab, und wir sind hier drüben. Ich beobachte mich selbst und sehe die Kluft deutlich sichtbar.

An einem ganz normalen Tag, so wie ich den Großteil meines New Yorker Mittelklasselebens verbracht habe, wache ich morgens auf, checke meine E-Mails und blättere durch die Times – Flugzeugabsturz in Maine, Unruhen im Iran, Riesenpandas im Tokioter Zoo –, dann frühstücke ich und plane meinen Tag: Arbeit am Schreibtisch, Lesen am Nachmittag und ein Treffen mit einer Freundin zum Abendessen. Was ich in der Times lese, lässt mich zwar kurz aufhorchen, erschaudern oder schmunzeln, beeinflusst aber meine Pläne für meinen gemütlichen Tag nicht wirklich. Die Welt, die Geschichte schreibt, ist immer noch da drüben, und ich bin ganz klar immer noch hier.

Seit Donald Trump vor einem Jahr sein Amt angetreten hat, hat sich mein Alltag so sehr verändert, dass ich morgens aufwache, die Times lese und mir sofort ein Gefühl der Beklemmung überkommt. Wieder einmal wurde ein Stück Normalität zerstört; demokratisches Recht wird außer Kraft gesetzt; das Leben der Menschen gerät aus den Fugen; wir werden jemanden bombardieren, der uns zurückbombt. Eine düstere Stimmung breitet sich um mich herum aus; Angst vermischt sich mit dieser Düsternis. Die Stunden vergehen. Ich denke: ,,So kann es nicht weitergehen! Irgendetwas muss passieren." Ja, es gibt Momente heftigen Widerstands, besonders gegen die Razzien der Einwanderungsbehörde ICE im ganzen Land, aber ich habe trotzdem das Gefühl, dass niemand etwas unternimmt – weder ich, noch der Kongress, noch irgendjemand, den ich kenne. Und der Tag geht weiter. Die Nachrichten in der Morgenausgabe der Times verlieren allmählich an Brisanz, während ich meinen Alltag erledige, und siehe da, die Welt geht nicht unter.

Letztendlich ist die Realität für viele von uns, dass niemand aus unserem Bekanntenkreis abgeschoben wird. Wir geraten nicht in Panik, wenn die Eierpreise explodieren oder die Mieten in Queens horrend sind. Am Ende des Tages ist unsere Angst, gelinde gesagt, ,,normalisiert". Wir gehen ins Bett und wachen am nächsten Morgen wieder auf, und eine weitere beunruhigende Nachricht füllt die Titelseite der Times. Anstatt uns davon aufrütteln zu lassen, bereiten wir uns lediglich darauf vor, den Schock zu verarbeiten.

Lesen Sie ,,Nicht ich" und Sie werden sehen, wie leicht das alles passieren kann – wie leicht wir alle zu braven Deutschen, zu "Good Germans" werden können - zu Bürgern die während und nach der Zeit des Nationalsozialismus den NS-Staat nicht unterstützt haben, aber dennoch schwiegen, wegschauten und keinen nennenswerten Widerstand leisteten.


From: "Turning a Blind Eye" Vivian Gornick (2025/2026)
Source: https://www.bostonreview.net/articles/turning-a-blind-eye/

Joachim Fest: Ich nicht
Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend
Rowohlt Verlag, 320 Seiten, Reinbek 2006
ISBN 9783498053055
https://www.perlentaucher.de/buch/joachim-fest/ich-nicht.html

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Good Germans is an ironic term ...
https://en.wikipedia.org/wiki/Good_German


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#5
... eine gemeinsame Kultur sei das gemeinschaftsstiftende Moment ...

Quote... Bürgertum und Bürgerlichkeit im 19. Jahrhundert:

... Abgesehen von [ ] sozialen Schranken erweist sich [ ] in der Geschichtsschreibung ein [ ] Aspekt als das zentrale Definitionsmerkmal des ansonsten recht heterogenen Bürgertums im 19. Jahrhundert: das Konzept der Bürgerlichkeit.

Hierunter versteht man ein Ensemble bestimmter Werte, Ideale, Normen und Verhaltensweisen. Nicht ein gemeinsamer Stand, noch eine gemeinsame Klasse, sondern eine gemeinsame Kultur sei das gemeinschaftsstiftende Moment dieser Sozialformation gewesen, so hat es Jürgen Kocka bereits 1987 beschrieben und viele Sozialhistoriker folgten ihm seitdem. 13 Die Vergesellschaftung des Bürgertums, seine Entw icklung hin zu einer relativ abgeschlossenen und damit identifizierbaren gesellschaftlichen Schicht, sei in erster Linie dadurch geschehen, dass man eine gemeinsame Kultur ausgebildet habe. Indem man Sozial und Kulturgeschichte miteinander verschränkte und so sowohl gesellschaftliche Strukturen und Prozesse als auch individuelles Handeln und Denken in den Blick nahm, erkannte man das Bürgertum als ,,soziokulturelle Einheit", die in einer gemeinsamen Kultur einen konstituierenden Faktor nach innen und eine n Abgrenzungsfaktor nach außen gewann. Basis für die als ,Bürgerlichkeit bezeichnete bürgerliche Kultur bildet ein recht weit gefasster Kulturbegriff, der Kultur als ein sich über die soziale Kommunikation und Interaktion entwickelnden Verhaltensstil versteht. ...

Schließlich [...] war ein Bürger nicht per se ein Bürger, sondern er hatte seine Zugehörigkeit zur gesellschaftlichen Formation des Bürgertums in der sozialen Praxis immer wieder unter Beweis zu stellen. Erst der spezifisch bürgerliche Habitus, der sich in der Beherrschung eines genuin bürgerlichen Kanons von Normen, Prinzipien und Konventionen in Lebensstil und Verhaltensweise repräsentierte, machte den einzelnen in den Augen von sich und anderen zum Bürger. Die Demonstration von Bürgerlichkeit generierte den Bürgerstatus des einzelnen im sozialen Miteinander. ...

Allerdings verfolgte das Bürgertum nicht nur das Anliegen, seine ihm eigene Kultur an die nachfolgenden Generationen innerhalb der Sozialformation weiterzugeben, sondern verband in seinem Denken den Wertekanon zugleich mit einem Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Unter seiner Ägide sollten bürgerliche Werte und Normen, Ideale und Verhaltensweisen Anerkennung in allen gesellschaftlichen Schichten finden.

Dieser Allgemeingültigkeitsanspruch stieß allerdings in zweifacher Hinsicht an seine Grenzen. Zum einen würde sich somit die Distinktionsfunktion von Bürgerlichkeit auflösen und dem Bürgertum sein Identitätsmittel rauben, was den bürgerlichen Kreisen Unbehagen bereitete, wollte man doch bei allem liberalen Denken seine Exklusivität wahren. Zum anderen taten sich objektiv bedingte Schwierigkeiten in der Umsetzung von Bürgerlichkeit in anderen Gesellschaftsschichten auf, weil diesen nicht die notwendigen Voraussetzungen zur Verfügung standen, wie etwa ein gewisses ökonomisches Kapital zur Finanzierung eines bürgerlichen Lebensstils, die Freisetzung von Frauen und Kindern, damit bürgerliche Kultur auch im häuslichen Raum praktiziert werden konnte und die Verfügbarkeit über freie Zeit, um Bürgerlichkeit in angemessener Weise betreiben zu können.

,, ,Bürgerliche Gesellschaft' meinte ein Modell wirtschaftlicher, sozialer und politischer Ordnung, die in Überwindung von Absolutismus, geburtsständischen Privilegien und klerikaler Gängelung das Prinzip rechtlich geregelter individueller Freiheit für alle realisiert, das Zusammenleben der Menschen nach Maßgabe der Vernunft gewährleistet, die Ökonomie auf der Grundlage rechtlich geregelter Konkurrenz marktförmig organisiert, die Lebenschancen nach Maßgabe von Leistung und Verdienst verteilt, die staatliche Macht im Sinne des liberalen Rechts- und Verfassungsstaates einerseits begrenzt und andererseits über Öffentlichkeit, Wahlen und Repräsentativorgane an den Willen mündiger Bürger zurückbindet und den Bereich von Kunst, Wissenschaft und Religion nicht nur im Sinne der [...] bürgerlichen Kultur strukturiert, sondern diesem Bereich zugleich ein hohes Maß an Selbstbestimmung (Autonomie) gewährt." (Kocka: Das europäische Muster, S. 23.)

Der Zusammenhang zwischen ,Bürgertum und ,Bürgerlicher Gesellschaft geht, wie die Definition von Jürgen Kock a zeigt, über die rein semantische Ebene weit hinaus. Im Zuge der Aufklärung in bürgerlich dominierten Assoziationskreisen im ausgehenden 18. Jahrhundert entstand dieses Idealbild einer zukünftigen Gesellschaft, das die genuinen bürgerlichen Norm und Wert vorstellungen in sich aufnahm, um diese in der angestrebten Verwirklichung dieser Zielutopie umzusetzen. Zugleich beinhaltet jene gesellschaftliche Vision einen weiteren Bedeutungsgehalt des Bürgerbegriffs: Das aus der Aufklärung stammende Ideal des Staats bürgers, dem neben gewissen Rechten auch bestimmte Pflichten zum Wohle der Gemeinheit zukamen, sollte sich in der Verwirklichung der Utopie von der Bürgerlichen Gesellschaft realisieren. Außerdem übernahm das Bürgertum nicht nur in der Entstehung dieses Id ealbildes eine wichtige Rolle ein, sondern verstand sich auch als Hauptvertreter desselben in der historischen Entwicklung des 19. Jahrhunderts. Allerdings offenbarten sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts und vor allem in seinen letzten Jahrzehnten zugleich die Widersprüchlichkeiten bürgerlichen Denkens in der Realisierung dieses Modells einer zukünftigen Gesellschaft.

Hatte man durch die konstitutionellen, sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen im Kaiserreich schon einen gewissen Grad der Verwirklichung erreicht, stoppte dieser Prozess in seinem weiteren Verlauf. Denn anders als durch die Prinzipien von Freiheit und Gleichheit gefordert, geriet die Ausdehnung dieser Grundsätze auf alle Bevölkerungsgruppen an ihre Grenzen. Insbesondere die Arbeiterschicht und der weibliche Anteil der deutschen Bevölkerung erfuhren, dass dem Allgemeinheitsanspruch des Ideals in der Realität ein Limit gesetzt war. (Jürgen Kocka beschreibt dies in seinem grundlegenden Bürgertumsaufsatz genauer: Während die Bürger in der Ausdehnung bürgerlicher Vorrechte auf die Frauen insbesondere die Verwirklichung des bürgerlichen Familienideals bedroht sahen, mochten sie der Arbeiterschaft eine entsprechende Gleichstellung nicht gewähren, da so ihr exklusiver und damit auch distinktiver Status innerhalb der Gesellschaft des Kaiserreiches obsolet geworden wäre (vgl. Kocka: Das europäische Muster, S. 28-32))
 
Die zunehmenden Demokratisierung der Gesellschaft des Kaiserreiches gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden von den bürgerlichen Kreisen als eine Bedrohung ihrer herausgehobenen Stellung verstanden die absolute Umsetzung des Gleichheitsprinzips und die Verallgemeinerung des bürgerlichen Wertehimmel hätten bürgerlicher Distinktion und damit bürgerlicher Exklusivität ein Ende bereitet.

... Das bürgerliche Changieren zwischen Verallgemeinerungsanspruch einerseits und Exklusivitätsdenken andererseits muss darum wohl letztlich als ein Ausdruck gesehen werden, trotz oder gerade wegen der eigenen Werte und Ideale in der Abschottung gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen seine eigene Existenz zu wahren.

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Aus: "Service Clubs nach 1945 - Stätten der Bürgerlichkeit?" (pdf, 351 Seiten)
Von der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Fakultät IV Human und Gesellschaftswissenschaften (Tag der Disputation: 31.01.2019)
zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie (Dr. genehmigte Dissertation von Frau Marie Christine Eschner geb. Potthoff geboren am 26. Juli 1980 in Haselünne
Quelle: https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://oops.uni-oldenburg.de/5103/1/escser19.pdf&ved=2ahUKEwjNqYiNs_eSAxU9SfEDHcnwG00QFnoECBoQAQ&usg=AOvVaw3VgJ_Jnd7kugYFxu3sM8Wl