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[Individualität im Spannungsfeld zur Gruppenstruktur (Notizen)... ]

Started by Textaris(txt*bot), May 12, 2021, 12:50:00 PM

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Textaris(txt*bot)

"Ein wenig Aufrichtigkeit, das ist die rarste Ingrediens der Gesellschaft." - Honoré de Balzac, Das Bankhaus Nucingen

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Quote[...] Kollektive Identität besteht aus Eigenschaften, die einem Kollektiv (Volk, Nation, Glaubensgemeinschaft) zugerechnet werden. Es sind nicht die tatsächlichen Gruppeneigenschaften, welche die kollektive Identität ausmachen, sondern Eigenschaften, von denen angenommen wird, dass sie existieren. Diese Eigenschaften können sich auf die Kultur, Sprache, Geschichte, Religion oder Ethnie beziehen. Ein Kollektivbewusstsein wird nicht natürlich erzeugt, sondern sozial konstruiert. Es resultiert bewusst oder unbewusst aus Interaktionen, die nach sozialen Mustern und Strukturen verlaufen. Die kollektive Identität kann sich auf eine gemeinsame Vergangenheit oder eine gemeinsame Vorstellung von Zukunft gründen. Sie muss in das Selbstkonzept der einzelnen Person eingebaut werden, um so im Denken und Handeln wirksam zu werden. Das bedeutet, dass die kollektive Identität für das Individuum dann als relevant erachtet wird, wenn die Person bereit ist, sich für eine Gruppenidentität einzusetzen und ihr Handeln und Denken danach auszurichten. Wenn sich demnach zum Beispiel jemand als Europäer fühlt, ist er auch bereit, sich für Europa einzusetzen. ...

... Mehrere Theoretiker sozialer Bewegungen haben kollektive Identitäten als ein konstitutives Merkmal sozialer Bewegungen hervorgehoben. Die gemeinsamen Merkmale, die als Kriterien der Gruppenzugehörigkeit oder der Ausgrenzung dienen, lassen sich wie folgt differenzieren. Zum einen in Unterschiede, Gegensätze oder Widersprüche der objektiven Lebenslage, womit vor allem positionale Ungleichheiten, wie Klassenlagen und Elitepositionen gemeint sind; zum anderen in Unterschiede des Verhaltens in Lebensstilen und Kulturen. Zu den Dimensionen kollektiver Identität zählen also auch gemeinsame Sitten und Bräuche, geteilte Werte, gemeinsame Interessen und Solidarität. Kollektive Identität erfordert immer ein Mindestmaß von Bewusstsein und Selbstbewusstsein innerhalb der Gruppe.

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Aus: "Kollektive Identität" (9. Mai 2025)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Kollektive_Identit%C3%A4t

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Quote[...]  ... Eine Gruppe gewinnt ihre Identität als Kondensat von Erfahrungen aus der Vergangenheit des Systems. Innerhalb der Gruppe erweisen sich bestimmte Themen und Verhaltensformen als anschlussfähig, wenn sie weitere Kommunikation stimulieren. Andere Themen und Verhaltensformen hingegen führen ins Leere und werden erfahrungsgemäß nicht wieder aufgenommen. Aus dieser Systemgeschichte heraus gerinnen Erwartungen darüber, welche Themen und Verhaltensweisen zur Gruppenidentität gehören – und welche nicht in die Gruppenkommunikation passen.
Ist einmal ein solcher thematischer Kern der Gruppe etabliert, so gewinnt das Sozialsystem Gruppe sein Eigenleben: In Äußerungen wird auf Gruppenidentität rekurriert, und alleine dadurch wird verstanden, dass es sich um Gruppenkommunikation handelt. Und es wird verstanden, dass an solchen Punkten weitere Gruppenkommunikation anschließen kann. Mit Hilfe der Gruppenidentität wird also im System operative Selbstreferenz erzeugt.
Die Mitglieder nutzen das Medium Gruppenidentität, um klar zu machen: Diese Äußerungen sind relevant für die Gruppe. Und alleine schon dieser Verweis auf die Gruppenidentität stellt im System Anschlussfähigkeit her.

... In der systemtheoretischen Terminologie könnte man von der Gruppenidentität als Mediumsprechen, das in der Nennung des Namens aber auch in der Äußerung von auf die Gruppe bezogenen Erwartungen immer wieder in konkreten Formen auftaucht. Es handelt sich aber nicht um ein Medium ähnlich wie Geld, wissenschaftliche Wahrheit und politische Macht.

... Jede Gruppe beobachtet die Welt nach Maßgabe der Gruppenidentität. Jede Information wird im System nur danach betrachtet: Was macht sie für einen Unterschied für die Gruppe und für die Differenz zwischen Gruppe und Außenwelt? Auf diese Weise generiert jede Gruppe ihre spezifische Umweltwahrnehmung mit eigenen Ritualen, Themen und Mythen (Dunphy 1972: 277ff).

Darin besteht die kulturelle Eigendynamik des Systems Gruppe: Es produziert nach Maßgabe der Gruppenidentität eine symbolische Abgeschlossenheit, die ihrerseits wieder in das System eingeführt und – unter Umständen – verstärkt wird. Die Gruppenkommunikation wird inhaltlich spezifiziert, soweit es Gruppenidentität und Umstände zulassen. Auf dieser Basis können Gruppen mit starker Gruppenidentität eine stark von der gesellschaftlichen Umwelt abweichen-de Gruppenkultur entwickeln mit eigenen Mythen, Werten und Normen. ...

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Aus: "SISS:Schriftenreihe des Instituts für Sozialwissenschaften der Universität Stuttgart No. 1 / 2001 --- Unser »wir« – ein systemtheoretisches Modell von Gruppenidentitäten" Jan A. Fuhse (2001)
Quelle: https://elib.uni-stuttgart.de/bitstream/11682/5441/1/gruppid.pdf

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Quote[...] Über den Prozeß der Zivilisation (1939) ist das erste große wissenschaftliche Werk des deutschen Soziologen Norbert Elias (1897–1990) und begründete seine Zivilisationstheorie. In diesem Werk beschreibt er den langfristigen Wandel der Persönlichkeitsstrukturen in Westeuropa im Zeitraum von etwa 800 bis 1900 n. Chr., dessen Richtung er mit dem Begriff Zivilisation kennzeichnet. ... Die Veränderung des menschlichen Verhaltens, der Affekte und Empfindungen, sieht Norbert Elias als einen Teil des Prozesses der Zivilisation. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cber_den_Proze%C3%9F_der_Zivilisation

Textaris(txt*bot)

Quote[...]  Politpunk (englisch political punk) bezeichnet den Teil der Punk-Szene, der Punk als Protestbewegung auffasst und versucht, auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam zu machen und sie zu bekämpfen. Musik ist das wichtigste Medium, mit dessen Hilfe diese Haltung transportiert wird; sie wird aber auch über Fanzines, Bücher, Websites, Diskussions- und Informationsveranstaltungen und direkte Aktionen kommuniziert. ... Gemeinsam ist den meisten politischen Punks eine im weitesten Sinne linke, antiautoritäre und antifaschistische Grundhaltung. Grundsätzlich abgelehnt werden Konservatismus, Wirtschaftsliberalismus, religiöser Fundamentalismus, Nationalismus, Patriotismus, Rassismus, Sexismus und Homophobie. Auf Grund dieser Tendenzen in der politischen Ausrichtung gibt es insbesondere in Deutschland gewisse Überschneidungen mit der autonomen Bewegung. Das spiegelt sich auch darin wider, dass Selbstorganisation bzw. der ,,Do-it-yourself"-Gedanke in der Politpunkszene eine wichtige Rolle spielt. Auch die Arbeiterbewegung, die Frauenbewegung, die Lesben- und Schwulenbewegung, die Umweltbewegung, die Tierrechtsbewegung, die Antikriegs- bzw. antimilitaristische Bewegung, und die globalisierungskritische Bewegung bilden wichtige Anknüpfungspunkte, ohne dass sich eine vollkommen einheitliche ideologische Haltung konstruieren ließe.  ... In der DDR, wo Punk sich von Anfang an gegen den ,,real existierenden Sozialismus" wandte, waren Gruppen wie Schleimkeim oder L'Attentat wesentlich radikaler und anarchistischer orientiert. ...


Aus: "Politpunk" (12. Oktober 2020)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Politpunk

Textaris(txt*bot)

Quote[...] Die soziale Rolle ist ein Begriff aus der Soziologie und Sozialpsychologie, der dem Theater entlehnt wurde. ... Kulturelle Rollen wirken im Alltagsleben als ,,Selbstverständlichkeiten" und werden oft erst durch starke Brüche, wie Umwandlung politischer Systeme, Stiftung von Religionen oder durch politische und soziale Konflikte bewusst und disponibel. So wurden zum Beispiel in der Spätantike durch das Christentum die Sklaven zu ,,Menschen" aufgewertet, denn auch für die Erlösung ihrer Seelen sei Jesus gekreuzigt worden. Durch die Frauenbewegung sind die als ,,weiblich" oder ,,männlich" charakterisierten kulturellen Rollen in den westlichen Industriegesellschaften erschüttert und differenziert abwandelbar geworden.

Als Grenzfall einer kulturellen Rolle ließ sich in den westlichen Gesellschaften die ,,totale Rolle" (Klaus Allerbeck) der ,,Studenten" auffassen, die sich ab den 1970ern dann zu einer sozial differenzierten Rolle unter anderen veränderte. ...


Aus: "Soziale Rolle" (18. Januar 2021)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Soziale_Rolle

Textaris(txt*bot)

Quote[...] Die westdeutsche Studentenbewegung der 1960er Jahre war eine linksgerichtete gesellschaftskritische politische Bewegung in der Bundesrepublik Deutschland und West-Berlin. Sie entstand parallel zu anderen Studentenprotesten in den USA und Westeuropa, die als 68er-Bewegung zusammengefasst werden.  ...

... Im Zusammenhang mit neuen Musikrichtungen wie Rock- und Beatmusik hatte sich währenddessen eine Jugendkultur entwickelt, die sich in ihren Ausdrucksformen von der etablierten Gesellschaft zu unterscheiden suchte, jedoch in ihrer grundsätzlichen Ausrichtung teils auch unpolitisch, unorganisiert und sicherlich in mancher Hinsicht systemkonform war.

Trotzdem wurde diese Jugendbewegung von vielen Erwachsenen als ernsthafte Bedrohung ihres überkommenen Lebensstils – insbesondere im Hinblick auf die Infragestellung einer strengen, religiös begründeten Sexualmoral, und den hergebrachten gesellschaftlichen Konventionen der 1950er (kulturell etwa bei Musik und Kleidung, Ablehnung von ,,Sekundärtugenden", Konsumismuskritik statt Wirtschaftswunder-Enthusiasmus) – aufgefasst und abgelehnt. Diese grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten haben viel zur rapide wachsenden Unversöhnlichkeit zwischen den Generationen gegen Ende der 1960er Jahre beigetragen. ...


Aus: "Westdeutsche Studentenbewegung der 1960er Jahre" (22. Februar 2021)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Westdeutsche_Studentenbewegung_der_1960er_Jahre

Textaris(txt*bot)

Quote[...] An einem späten Abend im Februar wird Lale Gül klar, dass sie das alles unterschätzt hat. Zwei Tage ist es erst her, dass ihr Buch ,,Ik ga leven" veröffentlicht wurde. Nun ist sie auf dem Heimweg von ihrer ersten Talkshow, und ihr Telefon steht nicht mehr still. 20-, 30-, 40-mal klingelt es. Die Anrufer, Verwandte oder Bekannte, empören sich, dass sie soeben forderte, in den Moscheen des Landes solle auf ­Niederländisch gepredigt werden. Und dann äußerte sie sich auch noch abschätzig über Koranschulen!

Was Gül nicht weiß: Dies war nur der Anfang. Als die 23-Jährige Studentin der niederländischen Literatur, geboren und aufgewachsen als Tochter anatolischer Gastarbeiter in Amsterdam, die Wohnung der Familie betritt, sitzt dort die halbe Nachbarschaft im Wohnzimmer. Alle zugleich fallen über sie her, die Vorwürfe fliegen ihr um die Ohren: ,,Wir Muslime haben es schon schwer genug!" – ,,Schämst du dich nicht? " – ,,Wie kannst du nur so ein Buch schreiben? Das sorgt für Hass und Rassismus!"

Das Erste, was auffällt, wenn Lale Gül über all das spricht, ist, wie abgeklärt sie dabei klingt. Dabei hat ,,Ich werde leben", so der Titel ihres Debüts auf Deutsch, ihr Leben gelinde gesagt auf den Kopf gestellt. Sie ist untergetaucht, wohnt an einem unbekannten Ort, Treffen mit Journalisten sind nur im Geheimen möglich. Eben stieg sie aus dem Taxi, auf das sie derzeit angewiesen ist, aus Sicherheitsgründen. Oft wird sie von jemandem aus ihrem Verlag begleitet. Wenn sie ihr Buch, das seit elf Wochen auf der Bestsellerliste steht, irgendwo signiert, geschieht das immer unangekündigt.

Lale Gül ist eine elegante Erscheinung. Das lange Haar trägt sie offen, dunkle Bluse und Hose, viel Schmuck. Sie hat einen langen Weg hinter sich, der in der Kolenkitbuurt begann. Dieses Viertel ganz im Westen Amsterdams, jenseits der Stadtautobahn, war vor Jahren als schlechtestes des Landes verrufen. Hier wurde sie als Kind täglich mit einem Euro zum Supermarkt geschickt, um diesen je zur Hälfte in Weißbrot und Frischkäse zu investieren, ihr Standardfrühstück und -mittagessen. In der Stadtteilbibliothek fand sie die Inspiration, weiter zu denken, über die graubraunen Wohnblocks mit beengten Behausungen hinaus. Die Bücher erschlossen ihr eine andere Welt.

Zu Beginn des Treffens ist sie sachlich und abwartend. Ihre Stimme klingt warm, sie wirkt ruhig und gefasst. Die eigene Situation beschreibt sie mit analytischer Schärfe: Sicherer fühlt sie sich, jetzt, da niemand sie zu finden weiß. ,,Ich habe mehr Ruhe in meinem Kopf." Andererseits: Sie vermisst ihren Bruder und die kleine, achtjährige Schwester, die sie über alles liebt und für die sie sich verantwortlich fühlt. Aber: ,,Ich musste weg von zu Hause. Ich konnte so nicht weiterleben." Die Stadt hilft ihren zwischenzeitlichen Unterschlupf zu bezahlen.

Es war irgendwann im März, als sie untertauchte, nach Dutzenden islamistischen Morddrohungen, die sie über Social-Media-Kanäle erhielt. Von jeder einzelnen hat sie Screenshots gemacht. ,,Schau hier", sagt sie und zeigt die Beweisstücke des Shitstorms an Militanz, der über sie hereinbrach, auf dem Bildschirm ihres Telefons. Ein Gruselkabinett erscheint, das sie präsentiert, ohne eine Miene zu verziehen: ,,Fotos von Waffen. Eine Pistole. Ein Maschinengewehr. Ein Video mit einem IS-Lied." Hat sie Anzeige erstattet? ,,Selbstverständlich. Jede Woche."

Was Lale Gül all diesen Hass eingebrockt hat, ist ihre mehr als 300-seitige Abrechnung mit dem stockkonservativen, türkisch-nationalistischen Milieu, in dem sie aufgewachsen ist. Sie empfindet es als ein Korsett aus erstickender Moral, in dem Musik und figurbetonte Kleidung verboten sind, doch das Kopftuch ab der ersten Periode obligatorisch ist. Ausgehen, flirten, Beziehungen gar werden ihr als junger Frau untersagt, selbst Freundschaften mit Jungs. Zwölf Jahre lang steht jedes Wochenende Indoktrinierung in der Millî-Görüş-Koranschule an, dazukommt die tägliche türkische Fernsehpropaganda aus der Satellitenschüssel.

Aus Sicht der Protagonistin Büsra geschrieben, ist ,,Ik ga leven" auch die Chronik einer jugendlichen Dissidenz bis hin zum Abfall vom Glauben. Schon früh lehnt sie sich gegen das strikte Regime der ultrareligiösen Mutter auf. Sie verschlingt Bücher in einem Haushalt, in dem außer dem Koran nichts gelesen wird. Drei Jahre lang hat sie eine geheime Beziehung zu einem Nichtmuslim in Den Haag, und die Beschreibung ihres sexuellen Erwachens ist so euphorisch, wie der Drang zum Ausbruch aus dem Tugenddiktat tief sitzt.

Die Essenz des Buchs, das die Niederlande seit Monaten in Atem hält, über das in allen Medien berichtet und in Freundeskreisen diskutiert wird, ist die eines individuellen Lebensentwurfs, der sich mit Verve gegen ein autoritäres Kollektiv richtet: ,,Kind Gottes, Dienstmädchen, konformistisches Mitglied des Gemeinwesens, keusche Ehefrau eines koranfesten Gatten. Ich bekomme Flecken im Gesicht, wenn ich daran denke." Mit diesen Worten verweigert die Protagonistin den ihr zugedachten Platz. Sie legt ihr Kopftuch ab und entzieht sich allen Versuchen einer arrangierten Hochzeit.

Gründlich seziert sie dabei immer wieder ihre Umgebung, erklärt die eigene Gedanken- und Gefühlswelt, die Frustrationen, die Wünsche, die Schlussfolgerungen. Vielfach springt sie zwischen autobiografischem Roman und Essay hin und her, und natürlich ist das Ganze auch ein Manifest im Namen von Aufklärung und individueller Freiheit. ,,Ich dachte", sagt Lale Gül, ,,dass man gar nicht anders könnte, als mich zu verstehen, wenn ich das alles so gründlich es geht erkläre. Aber da war ich wohl etwas naiv."

Rückblickend muss sie fast lachen darüber, wie unvorbereitet sie auf diesen Sturm war. Je mehr sie ins Plaudern gerät, desto mehr vermitteln kleine Details einen Eindruck vom Entstehungsprozess dieses Buchs. Etwa, dass sie den Eltern erst nichts davon erzählte, bis der Vater unvermittelt den Karton mit den Autorin-Exemplaren in Empfang nahm. ,,Hast du ein Buch geschrieben?", fragte er verdutzt, als er ihr Foto auf dem Umschlag sah. ,,Ach, nur eine Liebesgeschichte", so ihre lakonische Antwort. ,,Ich dachte, ein paar Interessierte würden es lesen, Freundinnen, Bekannte. Und dass sich einige in der gleichen Lage darin wiederfinden."

Womit sie nicht rechnete, war das Medieninteresse und die Dynamik, die daraus folgte. Ihr Alltag wird zum Spießrutenlauf: Empörte Nachbarn klingeln, es hagelt aggressive Anrufe von Verwandten aus der Türkei, auf der Straße wird sie beschimpft und bespuckt. Dazu kommen die Morddrohungen. Eine Zeit lang traut sich die Debütantin kaum noch aus dem Haus.

,,Mein Vater ist der Briefträger im Viertel. Jeder dort weiß, wo ich wohne." Auch aus den Medien zieht sie sich in dieser Zeit zurück. Sie erwägt, die gerade erst begonnene literarische Karriere gleich wieder zu beenden. Später beschließt sie, nicht mehr über den Islam zu schreiben, weil das Leben ihr zu lieb ist.

Auch das Verhältnis zu den Eltern ist nun zum Bersten gespannt. Sie sorgen sich um sie und sind zugleich wütend und verletzt. Der Vater wird überall auf seine vermeintlich ehrlose Tochter angesprochen, bis ihm permanent die Hände zittern. Die Mutter, schon länger depressiv, droht mit Selbstmord und sagt ihrer Tochter, sie hätte lieber einen Stein geboren. Wer sich wundert, wie die Frau mit 23 Jahren in dieser Situation so ruhig wirkt, findet hier einen Hinweis. ,,Irgendwann schaltest du deine Emotionen aus", sagt Lale Gül.

Anfang März gibt sie in der Tageszeitung Trouw ein bemerkenswertes Interview. ,,Die Niederlande sind ein individualistisches Land. Im Rest der Welt ist es ziemlich normal, dass du deine Familie behalten willst", sagt sie dort. Und dass es sie nicht glücklich machen würde, mit ihr zu brechen. Sie berichtet von Abenden auf dem Sofa, mit Tee und türkischen Seifenopern im Fernsehen. ,,Dann geht es nicht um ideologische Unterschiede, sondern wir sind eine gesellige Familie, und das finde ich auch wieder schön."

In einer Situation freilich, die derart unter Spannung steht, wird der Raum für solche Zwischentöne mehr als knapp. Im Nachhinein sieht sie die Sache so: ,,Deine Familie ist eigentlich dein safe house, wo du immer hinkannst, wenn es dir nicht gut geht. Eine Beziehung kann enden, Freundschaften können sich verlieren. Darum wollte ich den Kontakt nicht abbrechen. Meine Eltern sind keine schlechten Menschen, nur sehr konservativ. Aber ihre Liebe ist eben nicht bedingungslos. Irgendwann hätte ich mein Glück ihrem opfern müssen."

Dass niemand anderes als der rechtspopulistische Politiker Geert Wilders indirekt den endgültigen Bruch auslöste, ist bezeichnend dafür, wie tief Lale Gül zwischen die Fronten einer chronisch überhitzten Debatte geraten ist. Bei der letzten Fernsehdebatte vor den Parlamentswahlen Mitte März lobt Wilders ,,diese tapfere türkische Frau, die den Islam verlassen hat und nun bedroht wird. Das ist der Beweis, dass der türkische Islam sich in den Niederlanden nicht integriert". Lale Gül erklärt später in niederländischen Zeitungen: ,,Die Hölle brach los, als ich von Geert Wilders gepriesen wurde. Das war der Tropfen, der das Fass überlaufen ließ."

Obwohl der Wahlkampf von der Coronakrise dominiert wird und das Thema Identität keine große Rolle spielt, bekommt die Debatte um ihr Buch in dieser Zeit zusätzliche Brisanz. Zeki Baran, Vorsitzender des ,,Mitbestimmungsorgans der Türken in den Niederlanden" und Mitglied der sozialdemokratischen Arbeitspartei, nennt es ,,Hetzerei" und wittert eine Verschwörung: Absichtlich sei es kurz vor den Wahlen veröffentlicht worden, um die politische Rechte zu stärken.

Die Partei DENK wiederum, besonders stark im Milieu der ,,Nederturken", plaziert eine Anzeige auf der Website einer türkischen Zeitung, wonach sie gegen ,,Feinde des Islams" vorgehen werde – just über einem Artikel, der Lale Gül als eben solche bezeichnet. Ein Parteisprecher macht dafür einen Algorithmus verantwortlich. Der DENK-Vorsitzende im Amsterdamer Stadtrat, Numan Yılmaz, kritisiert kurz darauf die Bedrohungen gegen die Schriftstellerin, wirft ihr aber zugleich vor, sie sei islamophob und verfolge eine PR-Kampagne.

Freilich hat sich Lale Gül in ihrem Buch auf eine Art exponiert, wie es innerhalb der türkischstämmigen Communitys selten geschieht: Als ihr der Vater durchaus aufdringlich dazu rät, den DENK-Gründer Tunahan Kuzu zu wählen – ,,der Einzige im Parlament, der an unsere Interessen denkt" –, lässt sie ihn abblitzen: ,,Er steht für identitäre Bubble-Interessen." Der Vater nennt sie daraufhin eine ,,Nestbeschmutzerin, die sich als Maskottchen der rassistischen Niederlande hergibt". Die Tochter sieht in dieser Rhetorik freilich einen Hinweis darauf, wie ähnlich sich die migrantische DENK und die Rechtspopulisten in ihrem Fokus an die vermeintlich eigene Bevölkerungsgruppe sind.

Eigentlich kann sie schon mit diesen Kategorien rein gar nichts anfangen, weil sie ihre Identität ganz anders definiert. Türkisch, niederländisch, amsterdamerisch: Sie ist all das – und vor allem Letzteres. Man hört ihr das an. Und es klingt auch im Buch durch, das sich nicht nur ab und zu in akademischen Diskursen über Gruppenidentität oder Integration ergeht, sondern auch den Straßenslang der Hauptstadt geradezu kultiviert. Es sind die beiden Welten der Grenzgängerin Lale Gül, die im Gespräch berichtet, dass just der raue Amsterdamer Einschlag von Lesern anderswo im Land oft als zu grob empfunden werde.

Offensiv ist das Werk auch in einem übertragenen, symbolischen Sinn: Von Beginn an kann man ihr dabei zusehen, wie sie ihr eigenes geistig-kulturelles Terrain absteckt, das weit über den Horizont eines Migrantenkinds aus der Kolenkitbuurt herausgeht. Einem Nietzsche-Zitat folgen gleich fünf von Eduard Douwes Dekker, der unter seinem Pseudonym Multatuli zum Klassiker der niederländischen Literatur wurde. Und kann es für eine Schriftstellerin wie sie eine deutlichere Standortbestimmung geben, als der Leserschaft gleich im ersten Absatz einen ,,Cruijff'schen Ratschlag" zu erteilen? Was Lale Gül mit Johan ­Cruijff, dem begnadeten Amsterdamer Fußballspieler der 1970er und 1980er Jahre, verbindet, ist dieser Lokalkolorit, der nach armem Viertel riecht.

Ähnlich selbstbewusst markiert Lale Gül ihre gesellschaftliche Position: ,,Ich identifiziere mich mit säkularen Türken, aber nicht mit religiösen, und genauso wenig habe ich was mit religiösen Niederländern am Hut", erklärt sie. Ihr Buch, das sich nicht selten wie sarkastische ethnografische Erkundungen liest und dabei durchaus Humor beweist, spiegelt dies wider: Da vergleicht sie die orthodoxen Muslime mit dem niederländischen Städtchen Staphorst im fundamentalistisch-calvinistischen bible belt und nennt ihr Umfeld in Amsterdam-West ,,eine Art orientalische SGP". Letztere ist die Partei der Hardcore-Calvinisten, die erst im Jahre 2013 Frauen auf ihren Wahllisten zuließ.

Was Lale Gül schwer gegen den Strich geht, ist der kulturelle Relativismus manch Progressiver im Land. ,,Sie denken, die islamische Kultur besteht aus schönen Kopftüchern und der Geselligkeit des Ramadans." Vergessen werde dabei, dass sich Schwule in solchen Communitys nicht outen können und man Frauen, die über ihr Leben selbst bestimmen wollen, als ,,Huren" bezeichnet. ,,Neulich wurden in einem Artikel Feministinnen zitiert, die mich mutig fanden, sich aber kein Urteil anmaßten, weil es sozusagen nicht ihre Kultur sei."

Es gibt einen Aspekt, der diese Frau aus den gängigen Mustern und Gesetzmäßigkeiten des niederländischen Diskurses hervorhebt. Mehrfach kam es vor, dass IslamkritikerInnen oder Abfällige wie durch magnetische Kräfte von rechten Parteien angezogen wurden. Lale Gül scheint für diese Dynamik nicht empfänglich. Was vielleicht damit zu tun hat, dass der Vater ihres Exgeliebten Geert Wilders' PVV nicht nur wählt, sondern auch mit Spenden unterstützt. Und ausgerechnet zu diesem Vater, der sie am Anfang wegen des Kopftuchs, das sie damals noch trug, kritisch beäugte, baute sie eine besonders herzliche Beziehung auf.

Der Rahmen dieser Beziehung spiegelt den asymmetrischen Frontverlauf der ganzen Debatte. Auf den Straßen Den Haags schlägt dem jungen Paar immer wieder unverhohlen Rassismus entgegen. Doch ausgerechnet der väterliche Wilders-Wähler bietet ihnen irgendwann an, sie zu verteidigen – körperlich, versteht sich. An seinen politischen Vorlieben indes ändert das nichts. Und während er die Freundin seines Sohns fest in sein Herz geschlossen hat, darf seine Tochter auf gar keinen Fall mit einem muslimischen Jungen nach Hause kommen. Eine Logik, die Lale Gül von ihrer eigenen Familie in Amsterdam seltsam bekannt vorkommt.

Nun, da sie diese, ihre eigene Familie hinter sich gelassen hat, liegt vor ihr ein neues Leben mit Freiheiten, die sie zuvor niemals besaß. Vorerst aber kann Lale Gül davon wenig genießen. Sie lebt weiter im Versteck, auch wenn die Bedrohungen nach zwei Festnahmen inzwischen abgenommen haben. Während die Niederlande langsam die ersten Coronabeschränkungen aufheben, dauert Lale Güls Lockdown an. Wenn in diesen Tagen an ihrer Universität die Vorlesungen wieder beginnen, ist ihr bei diesem Gedanken mulmig zumute. Sie fragt sich, wie sie dort überhaupt hinkommen soll.


Aus: "Bedrohte Autorin in den Niederlanden: Zwischen allen Fronten" Ein Artikel von Tobias Müller (5.5.2021)
Quelle: https://taz.de/Bedrohte-Autorin-in-den-Niederlanden/!5765575/

QuoteKatholischer Atheist
5. Mai, 17:53

Na, da bin ich ja mal gespannt auf die Kommentare ...


QuoteVolker Scheunert
6. Mai, 11:14

Was mich - selbst Vater einer Tochter - erschuettert, ist Folgendes:

"Aber ihre Liebe ist eben nicht bedingungslos. Irgendwann hatte ich mein Glueck ihrem opfern muessen." Was geht in den Koepfen solcher Eltern ab? Es gibt bestimmt auch heute noch "bio-"deutsche oder -niederländische Eltern, die ihren Toechtern sagen: "Mit einem Auslaender brauchst Du Dich bei uns nicht mehr blicken zu lassen." Dieser Wahn aber, als kleine, aber im Selbstverstaendnis einzige nach Gottes Willen lebende, Gemeinschaft in einer zutiefst gottlosen und rassistischen Umgebung, von jedem Mitglied, besonders den weiblichen, absolute Loyalitaet zu fordern, hat etwas zutiefst Paranoides. Das laesst sich auch bei manchen christlichen Gruppierungen, bei rechtsradikalen Sekten, und, zumindest frueher, durchaus auch bei lesbischen Separatistinnen beobachten. Abweichler:innen, Ketzer:innen, Individualist:innen, Aussteiger:innen und "Verraeter:innen" können da froh sein, wenn man sie ohne allzuviel Psychoterror oder gar Morddrohungen ziehen laesst. Ich wünsche Lale Guel weiterhin viel Kraft und jede Menge gute "Wahlverwandtschaft" (nicht Geert Wilders!), auf dass sie ihren eigenen Weg weitergehen kann. Wer weiss, vielleicht kommt auch ihre Familie irgendwann zur Besinnung, und sieht ein, dass ihre freiheitsliebende Tochter ihre Liebe und Loyalitaet verdient, und nicht ihre konformistische Gemeinschaft.


QuoteSonntagssegler
Montag, 14:07

@Volker Scheunert Unsereins muss sich natürlich mit schlecht fundierten Analysen über einem ferne Communities zurückhalten.

Mir ist allerdings in dem Artikel die extrem konservative Mutter aufgefallen. Ich erinnere mich, das dieses Verhalten bei Frauen in Migrantengruppen oft darauf zurückzuführen ist, dass Frauen bei der Integration in die "neue" Welt" extrem benachteiligt sind und sich außerhalb der Familie keine respektvolle Position erarbeiten können.

Daher reduzieren sie ihre Position auf Kompetenzen, die sie aus ihrer alten Heimat mitnehmen konnten, also Familie und Tradition.

Mit zunehmender Bildung der Mädchen/Frauen zerfällt das Muster.

Im Übrigen scheinen ja auch diese Leute in dem Viertel ziemlich krass zu sein. Unsere türkischen Nachbarn wären entsetzt.


QuoteWaldo Montag, 13:59

Starke Frau ....


QuoteSonntagssegler Montag, 13:58

Selten wird ein Mensch bei der taz so uneingeschränkt angehimmelt. Hat es etwa den Autor beim Schreiben erwischt - und womöglich mich beim Lesen mitgerissen?


QuoteJohnBowie
gestern, 20:52

@Sonntagssegler Sehr frustrierend finde ich, dass sich wohl in den letzten 40 Jahren sehr wenig getan hat.

Ich hatte mit zarten 14 Jahren eine türkische Freundin und wurde freundlich von jungen Türken, die irgendwie von unserer realtiv heimlichen Beziehung erfahren hatten, mit gut gemeinten, freundlichen Worten bedroht.

Uns blieb keine Wahl.

Wenige Jahre später reagierte eine junge Frau mit Kopftuch beim Einkauf im Supermarkt auf mich. Ihr Mann, der ihr vorausging, bemerkte etwas und wurde argwöhnisch. Wir gingen schnell und unauffällig weiter.

Niemand sonst nahm Notiz.


QuoteinsLot
6. Mai, 10:06

Zitat: Neulich wurden in einem Artikel Feministinnen zitiert, die mich mutig fanden, sich aber kein Urteil anmaßten, weil es sozusagen nicht ihre Kultur sei.

Ich finde, dieser Satz ist Beispielhaft für das Kernproblem der Identitätspolitik! Ansonsten sehr interessanter Artikel.


QuoteMarco Moreno
6. Mai, 07:33

Danke Tobias Müller für diesen Artikel. Er macht mir einmal mehr deutlich, wie sehr es darum geht den anderes Denkenden auszuhalten, einmal in den multiethischen Gegenden. Rassistische Pöbeleien durfte ich von Biodeutschen und Niederländern ebenso erfahren, wie religiös motivierte Verurteilungen, vollkommen unabhängig davon, welchem Gott gehuldigt wird. Hier wie dort darf, in erster Linie Mann, ein Nazi, oder irgendein Fundamentalist sein, der permanent damit beschäftigt ist, mich, oder mein Liebsten, in unserer/ meiner Freiheit und Würde herabzusetzen. Ich bin so müde dieser Anfeindungen, dieser geistigen Enge, Kleinherzigkeit und Ignoranz, dass ich mich frage wie lange ich noch bereit bin, die anderen zu ertragen. Nochmals danke für den Artikel und ja, auf das auf die Lale gut aufgepasst wird.


Quotehessebub
5. Mai, 22:38

Aufklärung all over again. Man sollte Frau Gül mit Lessing-Preisen und Schiller-Medaillen überhäufen.


QuoteDr. McSchreck
5. Mai, 21:57

Klasse Artikel, der gerade gegen Ende die typischen Gut-Böse-Schemata komplett hinter sich lässt. Ein bisschen wie ein alter Bruce-Springsteen-Song....


QuoteKarl Kraus
5. Mai, 21:20

Warum sind eigentlich so viele Leute so wahnsinnig bescheuert?


QuoteLowandorder
6. Mai, 08:44

@Karl Kraus Eine gute eine Frage. Erschütternd das Ganze.



Textaris(txt*bot)

Identitätspolitik (englisch identity politics) bezeichnet eine Zuschreibung für politisches Handeln, bei der Bedürfnisse einer spezifischen Gruppe von Menschen im Mittelpunkt stehen. Angestrebt werden höhere Anerkennung der Gruppe, die Verbesserung ihrer gesellschaftlichen Position und die Stärkung ihres Einflusses. Um die Mitglieder einer solchen Gruppe zu identifizieren, werden kulturelle, ethnische, soziale oder sexuelle Merkmale verwendet. Menschen, die diese Eigenschaften haben, werden zu der Gruppe gezählt und häufig als homogen betrachtet. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Identit%C3%A4tspolitik

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Quote[...] Identitätspolitik gründet auf dem eigentlich noblen Gedanken, die gesellschaftliche Position und den Einfluss historisch benachteiligter Gruppen zu verbessern, ob Frauen, Einwanderer, Homosexuelle oder People of Color. Identitätspolitik ist die Forderung nach gleicher gesellschaftlicher Teilhabe für alle Gruppen und äußert sich beispielsweise im Ruf nach Frauenquoten, gendergerechter Sprache oder im Engagement gegen Alltagsrassismus.

Das Problem liegt im fast ausschließlichen Fokus auf tatsächlich oder vermeintlich oder benachteiligte Gruppen. Dieses Gruppendenken, das teilweise schon ins Tribale umschlägt, wie im Falle der niederländischen Übersetzung der afroamerikanischen Dichterin Amanda Gorman, als einer weißen Übersetzerin aufgrund fehlender "Erfahrungswelt" die Fähigkeit und Berechtigung abgesprochen wurde, ein Gorman-Gedicht ins Niederländische zu übertragen, zieht zwischen mutmaßlich Privilegierten und Benachteiligten klare Grenzen.

Das ausschlaggebende Kriterium, ob jemand benachteiligt ist und daher besondere politische Vertretung braucht, war für Linke traditionell der sozioökonomische Status einer Person, der sich aus verschiedenen Faktoren, wie formalen Bildungsabschlüssen, Beruf und Einkommen, kultureller Praxis, Möglichkeiten gesellschaftlicher und politischer Teilhabe, Wohnort und Eigentumsverhältnissen ergibt. In der Identitätspolitik sind die Trennlinien aber klarer, das vordergründige Kriterium für Benachteiligung ist hier die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, die sich meistens schnell an äußerlichen Merkmalen erkennen lässt.

Das erleichtert die Einordnung einer viel zu komplexen Welt ungemein: Privilegiert, wenn nicht sogar Ausbeuter und Unterdrücker, sind automatisch weiße heterosexuelle Männer, benachteiligt sind dagegen unter anderem Frauen, Afroamerikaner, Migranten, LGBT-Personen und alle intersektionalen Gruppen, die sich daraus ergeben können. Identitätspolitik perpetuiert auf diese Weise die gefährliche Illusion, Unterdrücker und Unterdrückte anhand äußerlicher Merkmale schnell und unkompliziert erkennen zu können - eine "linke" Wahnvorstellung, die mit der Eliminierung von Brillenträgern unter Pol Pot einst ihren traurigen Höhepunkt erreicht hat. ...


Aus: "Identitätspolitik: Woke und weltfremd" Teseo La Marca (31. Mai 2021)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Identitaetspolitik-Woke-und-weltfremd-6057488.html?seite=all

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Quote[...] Europäische Gesellschaften sind laut einer Studie identitätspolitisch in zwei verfestigte Lager gespalten. "Wir sehen zwei ausgeprägte Gruppen mit entgegengesetzten Positionen, die wir 'Verteidiger' und 'Entdecker' nennen", erklärte der Psychologe Mitja Back in Münster. Die ersten Auswertungen deuteten hin auf eine "Konfliktlinie zwischen den beiden Gruppen, die fast spiegelbildliche Meinungen zeigen".

Ihnen gehöre ein erheblicher Teil der Bevölkerung – zusammen ein Drittel – an, heißt es in der Umfrage. In den beiden Blöcken seien Einstellungen zu nationaler Zugehörigkeit, Demokratie und Vertrauen in die Politik komplett entgegengesetzt. Auch beim Gefühl einer Bedrohung durch Migranten und Musliminnen oder einer gefühlten eigenen Benachteiligung zeige sich eine starke Polarisierung.

[ ...

"Identitätspolitik: Ok, soll das jetzt so bleiben?"  Nele Pollatschek (22. April 2021)
... Ich bin für identitätspolitischen Universalismus, macht ihr mit? ...
https://www.zeit.de/kultur/2021-04/identitaetspolitik-diskriminierung-universalismus-liberalismus-kritik-essay

...]

Die Analyse sieht eine Spaltung der Gesellschaft und einen grundlegenden Konflikt um die Identität. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zählen in Deutschland demnach 20 Prozent der Bevölkerung zu den "Verteidigern" und bemessen den Anteil der "Entdecker" mit 14 Prozent. Rund die Hälfte der "Verteidiger" gab etwa an, sich durch Muslime und Geflüchtete bedroht zu fühlen. 60 Prozent sprachen sich für ein enges Konzept von ethnisch-religiöser Zugehörigkeit aus. Globalisierungseffekte wie Migration, Finanzkrisen, die Klimakrise oder die Pandemie verstärken den Konflikt nach Einschätzung der Autorinnen und Autoren. 

In einem "semi-autoritär geführten Land wie Polen" lägen die zwei Gruppen zusammen sogar bei 72 Prozent. Dies zeige, dass sich polarisierte Positionen zu Mehrheiten ausweiten können, sagte Psychologe Back. 

Der Politik empfehlen die Forschenden, sich nicht auf eine Seite der polarisierten Positionen zu schlagen. Weder in liberalen Demokratien noch in autoritär geführten Ländern habe das zur Lösung des Konflikt beigetragen, da sich immer mindestens eine Gruppe ausgegrenzt fühle. Die teils weit auseinander liegenden Forderungen beider Gruppen müssten stattdessen auf ihren funktionalen Kern zurückgeführt werden. "So lässt sich herausfiltern, welche Positionen für jede Gruppe nicht aufgebbar sind, und welche verhandelbar. Nur so lässt sich eine Grundlage für Kompromisse finden, die derzeit noch unmöglich erscheinen, sowie Raum für einen Dialog ohne Abwertung."

Die internationale Bevölkerungsumfrage war auch in Frankreich, Schweden und Polen durchgeführt worden. Insgesamt rund 5.000 Menschen hatte das Marktforschungsunternehmen Kantar Ende 2020 befragt. Die Aussagen der Studie gelten den Autoren zufolge in vielen Bereichen ganz ähnlich auch für Frankreich und Schweden.

Die Forschungsergebnisse stammen von einer interdisziplinären Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Exzellenzclusters "Religion und Politik" an der Universität Münster. Unter ihnen ist auch der Soziologe Detlef Pollack.

...


Aus: "Umfrage: Studie sieht Europa in zwei identitätspolitische Lager gespalten" (17. Juni 2021)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2021-06/umfrage-spaltung-gesellschaft-demokratie-politik-migration-polarisierung

17.06.2021: ,,Erstmals empirischer Nachweis für identitätspolitische Spaltung"
Viola van Melis Zentrum für Wissenschaftskommunikation
Exzellenzcluster ,,Religion und Politik" an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
https://idw-online.de/de/news770915


Textaris(txt*bot)

QuoteDIESE LOWER CLASS JANE @rtikulation 3:58 nachm. · 20. Juni 2021

Ich sehe ein Problem in der linken Szene bezüglich einer gewissen Abgrenzungswut, das Problem ist der Anspruch an ,,saubere" Persönlichkeiten , das schließt die Komplexität des Menschen aus und untergräbt Lernprozesse.

Dass im Vorfeld schon sortiert wird wer würdig ist aufgrund von Sprache oder Milieuzugehörigleit am Diskurs teilzunehmen ist ein Symptom einer verakademisierten linken die ihre nationalesozialistiche Vergangenheit der Gesellschaft selbst noch nicht aufgearbeitet hat.

Und damit meine ich nicht man soll mit rechten reden sondern man soll nicht jede Person wie eine Rechte behandeln nur weil sie nicht politisiert, sensibilisiert oder geschult ist.

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https://twitter.com/rtikulation/status/1406612331019255813

Textaris(txt*bot)

#7
Quote[...] Meron Mendel (Bildungsstätte Anne Frank) [ ] sieht in der mangelnden Bereitschaft der Kulturszene zum Kampf gegen Antisemitismus deren begründete Sorge, von der amtierenden rechten israelischen Regierung vereinnahmt zu werden. Selbst lautstark (antiisraelisch) auftretende Künstlerinnen wie Candice Breitz, die wie Adania Shibli sogar gegen eine Kritik in der taz prozessierte, seien nach Mendel illegitimerweise gecancelt worden.

...


Aus: "Von stillen Boykotten und den Möglichkeiten der Gegenwehr" Andreas Fanizadeh (4.12.2025)
Quelle: https://taz.de/Antisemitismus-im-Kulturbetrieb/!6127278/

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Quote[...] Als der Psychologe und Islamexperte Ahmad Mansour am Dienstag zur Diskussion ins rbb-Fernsehstudio kommt, ist er nicht allein. Auf Schritt und Tritt folgen ihm Personenschützer, bereit, Angriffe auf Leib und Leben des bekannten Buchautors sofort abzuwehren. Die Bedrohungen, die ihn erreichen, haben schon seit einigen Jahren ein erschreckendes Ausmaß. Aber seit dem 7. Oktober, dem Massaker der Hamas in Israel, haben die Hassbotschaften noch einmal zugenommen.

Auf X (früher Twitter) hat Mansour einige "Botschaften", die ihn erreicht haben, öffentlich gemacht: Er sei ein Heuchler, Zionist und Verräter, heißt es da, ein Hurensohn und Bastardkind. Und weiter: "Möge Allah dich Kuffar vernichten", schreibt einer, und: "Dich sollte man..." ein anderer. Selbst vor Vergewaltigungsfantasien im Hinblick auf Ahmad Mansours Familie schrecken die Hater nicht zurück.

Auch die Anwältin Seyran Ates, die bereits 1984 Opfer eines Attentats geworden war, bei dem sie selbst schwer verletzt und eine ihrer Mandantinnen getötet wurde, steht seit einiger Zeit unter Polizeischutz. Die Drohungen sind so konkret geworden, unter anderem durch Anhänger des sogenannten Islamischen Staats (IS), dass die Frauenrechtlerin und ihre Mitstreiter:innen sich entschlossen haben, den offenen Betrieb der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee bis auf weiteres einzustellen. Damit ist die einzige muslimische Begegnungsstätte, die auch für queere Menschen offenstand, geschlossen.

Ates und ihre Mitstreiter:innen hatten sich klar für das Existenzrecht Israels ausgesprochen und sich in aller Deutlichkeit vom Terror der Hamas distanziert. Das hat ihnen noch mehr Gegner eingebracht als das Hissen der Regenbogenfahne an der Moschee im letzten Jahr. "Sie schicken uns Nachrichten wie: man müsste uns enthaupten und ein Exempel statuieren", berichtet Ates im Interview mit rbb24 Recherche, und ergänzt: "Es nimmt zu, so dass ich einfach erschöpft und müde bin." Der Schließung zum Trotz melden sich jedoch weiter Menschen bei der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, teils mit Solidaritätsadressen, teils auf der Suche nach Hilfe. Die will ihnen die Begegnungsstätte auch weiterhin zukommen lassen.

Ahmad Mansour macht auch nach den neuerlichen Drohungen weiter mit seiner Aufklärungsarbeit, tritt in Fernsehsendungen und bei Veranstaltungen auf, gibt Interviews. Aber es ist schwerer geworden: "Ich bin viel gewohnt, aber diese Heftigkeit der letzten zwei Wochen macht mir schon Angst", räumt er im Gespräch mit rbb24-Recherche ein, "aber da steht was viel Größeres als mein Empfinden auf dem Spiel. Und zwar die Zukunft dieses Landes, die Zukunft Deutschlands, die Zukunft unseres Zusammenlebens."

Und es geht natürlich auch um ihn und seine Familie: "Das ist eine Verantwortung, über die ich natürlich nachdenken muss." Trotzdem hat er sich entschieden, weiterzumachen. Denn sonst müsste er sich fragen: "Was bringt es uns, wenn Ahmad Mansour oder Constantin Schreiber oder andere vernünftige Menschen in diesem Land aufhören? Wird das für die nächste Generation besser? Wird die Meinungsfreiheit bewahrt dadurch? Ich meine nicht."

Zur Bedrohungslage von Menschen wie Ates oder Mansour passen auch die aktuellen Meldungen über Bombendrohungen gegen Medienhäuser und Schulen oder die mutmaßlichen Anschlagsplanungen eines Duisburger Islamisten [tagesschau.de]. Die Berliner Polizei teilte am Mittwoch mit, das Landeskriminalamt befasse sich derzeit mit über 740 Strafverfahren im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt. Bei der Staatsanwaltschaft Berlin gibt es laut Auskunft der Pressestelle bislang ein entsprechendes Ermittlungsverfahren, neben dem Ermittlungsverfahren zum Brandanschlag auf die Synagoge in der Berliner Brunnenstraße, das die Generalstaatsanwaltschaft führt.

https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2023/10/bundesweite-bombendrohungen-berlin-auch-betroffen.html

"Nach Festnahme in Duisburg Haftbefehl gegen vorbestraften Islamisten erlassen" (25.10.2023)
[...  Vor der Durchsuchung in Duisburg gab es offenbar den Tipp eines ausländischen Geheimdienstes, dass Tarik S. nach pro-israelischen Demonstrationen in NRW gesucht habe. Aus Sicherheitskreisen erfuhr der WDR, dass Tarik S. wohl Zugang zu einem Lkw haben soll. Im Dezember 2016 war der islamistische Attentäter Anis Amri mit einem Lkw in Berlin in den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gefahren und hatte zwölf Menschen getötet. Am Mittwochnachmittag wurde gegen ihn Haftbefehl erlassen. Der 29-Jährige soll sich gegenüber einem Chatpartner in Syrien zur Begehung eines islamistisch motivierten Anschlags auf eine pro-israelische Demonstration bereit erklärt haben. ...]
https://www.tagesschau.de/inland/regional/nordrheinwestfalen/duisburg-ermittlungen-terrorverdaechtiger-100.html

Auch Seyran Ates hat große Angst vor der Massivität der Bedrohungen. Sie habe den Eindruck, dass sich sogar in Deutschland eine Art "Blutrausch" breit mache, besonders unter jungen Männern. Doch ihre eigene Angst sei nichts gegen das Leid der Zivilbevölkerung im Nahen Osten, besonders auch im Gaza-Streifen: "Ich bin jeden Tag dankbar dafür, dass wir in einem System leben, in dem es Personenschutz gibt für Menschen wie mich. Ich bete jeden Tag für die Personenschützer. Und ich bin dankbar, dass dieser Staat mich beschützt."

Sendung: rbb24 Abendschau, 26.10.2023, 19:30 Uhr
Beitrag von Jo Goll und Torsten Mandalka


Aus: "Freigeistige Muslime erleben noch mehr Anfeindungen als sonst" (25.10.2023)
Quelle: https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2023/10/berlin-hamas-terror-liberale-muskime-anfeindungen-ungeahntes-bedrohungspotential.html

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Quote[...] Jamila, 28

Ich habe mich sehr lange nicht getraut, mich politisch mit meiner palästinensischen Identität auseinanderzusetzen. Die Familie meines Vaters kommt ursprünglich aus Gaza, ist aber schon in den Sechzigern und Siebzigern geflohen, erst nach Kuwait, dann in die Ukraine, je nachdem, wo sie eine Chance auf Asyl hatte. Die meisten Verwandten leben inzwischen in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ich bin in Deutschland aufgewachsen, Palästina fühlt sich sehr weit weg an. Meine eigene Identität war dadurch schon immer sehr verschwommen.

Seit Beginn des Kriegs schreiben mir viele nicht palästinensische Freund:innen, fragen, wie es mir geht. Es ist natürlich schön zu wissen, dass sie an mich denken, aber es fühlt sich auch komisch an – irgendwie bin ich betroffen, irgendwie aber auch nicht. Ich bin nicht dort, habe keine Familie in Gaza. Ich struggle nicht wie die Leute vor Ort.

Ich mache mir über die Debatte und den Umgang mit Palästinenser:innen hier in Deutschland Sorgen. Ich war geschockt, als ich gelesen habe, dass am Ernst-Abbe-Gymnasium ein Lehrer einen Schüler mit Palästinaflagge geschlagen haben soll. (An einem Berliner Gymnasium soll es zu einer gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen einem Lehrer und einem Schüler gekommen sein, Anm. d. Red.) Ich habe Politikwissenschaften auf Lehramt studiert und an Schulen in Neukölln und Kreuzberg gearbeitet. Ich habe selbst miterlebt, wie hilflos das Lehrpersonal mit den Perspektiven und Lebensrealitäten ihrer palästinensischen Schüler:innen umgegangen ist. Es gab bei dem Thema Nahostkonflikt im Unterricht gar keinen Platz für Geschichten außerhalb Deutschlands, der Fokus lag sehr darauf, welche Verantwortung Deutschland als Täterland der Shoah gegenüber Israel hat. Das ist natürlich eine total zentrale Frage, aber für die palästinensischen Schüler:innen ist das nicht der erste Bezug zum Thema. Vor allem nicht, wenn sie vor Ort Familie haben, die aktiv von den Konflikten und der Besatzungspolitik Israels betroffen ist. 


Aus: "Palästinenser in Deutschland: "Es ist frustrierend, wie wir mit der Hamas gleichgesetzt werden"" Protokoll: Meret Weber (21. Oktober 2023)
Quelle: https://www.zeit.de/zett/politik/2023-10/palaestinenser-deutschland-angst-krieg-israel

QuoteT. Kruck

Danke an die ZEIT für solche Stimmen!


Quoteplane perplex

Ich finde es frustrierend, dass ihr so viel leiser seid als die Hamas-Anhänger.


QuotesplashX

In der öffentlichen Wahrnehmung dominieren leider die Pro-Hamas-Kundgebungen, weniger die mäßigenden Stimmen, das zieht leider alle in den Dreck. Ist natürlich auch spannender drüber zu berichten...


Quotebentewarholm

Warum gibt es keine Lichterketten für den Frieden von Palästinensern in Deutschland oder eine Aktion wie "Mütter gegen Terror"? Deshalb bleibt der Eindruck, dass der Terror, der Hass und die Gewalt doch irgendwie gerechtfertigt wird und man sich so mitschuldig macht. Irgendwann kann man dann auch dem Gastgeberland nicht immer nur "Differenzierung" zumuten, man muss es selbst machen.


QuotesplashX

Wäre schön, aber auch als "Neutraler" darf man nicht mit den Pro-Hamas Aktivisten in einen Topf geworfen werden. Und eine "Geburtspflicht" für eine bestimmte Haltung gibt es auch nicht, d.h. in einem Rechtsstaat darf man sich raushalten.


QuoteSönke Henning Tappe

Frustrierend?

Ich habe in den vergangenen zwei Wochen mit Dutzenden (pro)Palästinensern über Social Media kommuniziert.
Kein einziger möchte sich distanzieren und die Hamas als Terrororganisation bezeichnen.
Frustrierend, nur anders, als dargestellt.


Quote19Donnie88

So ist das mit der kollektiven Schuld, so wie wir Deutschen bis heute für die widerlichen Verbrechen der Nazis geradestehen müssen und das auch zu jeder Zeit tun, könnten sich auch palestinenser mal gerade machen und sich in dieser absolutheit von diesen greueltaten der Hamas distanziert.

Genau das passiert aber weder in einem dieser Berichte noch irgendwo anders auf der Welt oder muss ich von einer gewissen Sympathie in der Breiten masse der Palästinenser ausgehen.

Vielleicht einfach mal weniger in die Opferrolle stellen und mal die Sache ganz klar benennen.


QuoteSophie 15

Die Kommentarspalte zeigt mal wieder, wie gut es sich vom Sofa "Revolution" schreien lässt. Natürlich ist der Terror der Hamas völlig unmenschlich und mit nichts entschuldbar. Die Realität der meisten Palastinänser*innen hat aber den Nachteil, dass andere unschuldige Familienmitglieder o.Ä. wahnsinnig gequält werden könnten, wenn sie mit Kritik aus der Ferne in Verbindung gebracht würden.


Quote19Donnie88
Antwort auf @Deutsch-Brasilianer

Dann muss man Palestina befreien genauso wie man Nazi-Deutschland befreit hat, was gibt es denn für eine andere Möglichkeit?


QuoteMeierei

Die Interviewten sind sehr jung, das muss man zugestehen. Aber es reicht nicht, sich als Palästinenser hinzustellen und sich schlecht behandelt zu fühlen. Wo ist denn die Demo der Palästinenser, die gegen die Verbrechen der Hamas demonstriert? Wenn man als Palästinenser aktuell nichts tut und den Hamas-Leuten die Straße überlässt, darf man sich nicht beschweren. Das ist bitte als dringender Appell an unsere Mitbürger aus Palästina zu verstehen.


Quotezeofbrü

Auch von den Interviewten kam in den Texten oben nicht ein Wort des Bedauerns über die Massaker an den Israelis und die Entführten.


Quotespülmittel
Antwort auf @zeofbrü

"Auch von den Interviewten kam in den Texten oben nicht ein Wort des Bedauerns über die Massaker an den Israelis und die Entführten."

Und, schließen Sie daraus, dass sie die Massaker nicht bedauern oder verurteilen? Habe in den diversen Foren hier etliche Kommentare zum aktuellen Konflikt geschrieben. Nie ging mich jemand an, dass ich nicht mein Bedauern über die Massaker ausgedrückt hätte.


QuoteWarnieweg
Antwort auf @spülmittel

Die Texte oben sind aber weit mehr als nur ein kleiner Kommentar mit 1500 Zeichen. Die Palästinenser oben beschreiben ausführlich ihre Herkunft, familiäre Situation, ihre Erfahrungen hier seit dem Massaker, ihre Gefühlswelt, ihre Sorgen, Ängste und Nöte - nur Mitleid mit den jüdischen Opfern oder Bedauern über die Taten der Hamas oder ein Ausdruck der Abscheu darüber, das äußern sie nicht. Für sie fing der Horror offensichtlich erst mit der Verteidigung Israels an. Und auch jetzt, wo sie gebeten wurden, zu berichten, fällt Ihnen nicht ein, dass vor Israels Raketenbeschuss ja noch was passiert ist, zu dem sie selbst mal Stellung beziehen könnten.


Quotegorgo

Die Hamas möchte die Gleichsetzung von Palästinensern mit Hamas.


QuoteSonnenau

Danke für diesen Artikel.

Diese Stimmen sind wichtig - und ich kann die Frustration verstehen.
Ich kann auch nachvollziehen, dass die genannten Personen in Ruhe trauern und ihre Ruhe vor Fragen möchten,
auch dass ihre Wahrnehmung von Israel eine andere ist als die mancher unbeteiligter Deutscher.
Dennoch ist diese Thematik ein heißes Eisen, denn: Es ist ein Pogrom passiert, durch die Hamas, was eine Zäsur darstellt. Darin sind sich die meisten einig. ...


Quoteorkdaling

Jeder der (auch wenn er den Terror von Hamas ablehnt) nur eine kleine kritische bemerkung zu Israele Vorgehen macht ist sofort Antisemit, Beitræge werden nicht verøffentlicht.

Jeder der lesen kann und/oder Verbindung zu juedischen Buergern hat, der weiss das zB in USA Capitol von Juden demonstriert wird - "bombt nicht in unseren Namen" und man hørt das es auch in Israel kritische Stimmen gibt, besonders was den Umgang mit den Palestinensern und der Zweistaatlichkeit angeht.


QuoteLarsvL

Vielen Dank für diese Berichte. Sie sind wichtig. Leider ist es so, dass das Thema so symbolisch aufgeheizt ist. Zum Beispiel gibt es viele Araber, die sich mit den Palästinensern solidarisieren, aber nicht wirklich einen persönlichen Bezug haben. Bei den Verteidigern der israelischen Haltung ist das ähnlich. So wird der Konflikt und die Not der Menschen instrumentalisiert. Es geht dann um Prinzipien, nicht um menschliche Schicksale und Lebensläufe.


...

Textaris(txt*bot)

QuoteFeel Tank Chicago

" ...  In den Feel Tanks versuchten sich die Beteiligten anhand verschiedener Strategien und in unterschiedlichen Formaten mit der Frage nach dem Verhältnis von Politik, Emotionalität und Affektivität zu beschäftigen. Ihr Hauptanliegen war es dabei, die Intensitäten von ,,political feelings" zu erkunden. Insbesondere interessierten sie sich für das politische Potential von ,,bad feelings" wie Hoffnungslosigkeit, Apathie, Angst, Furcht, Benommenheit, Verzweiflung und Uneindeutigkeit. Die verschiedenen Gruppen verstanden sich als aneinandergrenzende, dezentral organisierte Bezugsgruppen mit disparaten Ansätzen. Die Feel Tanks sollten affektives Gegenstück zu den sogenannten Thinktanks sein, die seit dem späten 20. Jahrhundert in ihrer Funktion als Ideenpools für die US-amerikanische Politik zum Symbol moralischer Eindeutigkeit und Hyperrationalität geworden sind. ..." | Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Feel_Tank_Chicago

Grausamer Optimismus
Jahr: 2024, ISBN 978-3-942214-51-3
Grausamer Optimismus, Lauren Berlants affekttheoretische Studie über neoliberale kapitalistische Gesellschaften, widmet sich den affektiven und phantasmatischen Bindungen an die Objekte und Schauplätze kapitalistischer Austeritäts- und Workfare-Welten.
https://www.bbooks.de/verlag/grausamer-optimismus

Lauren Gail Berlant (* 31. Oktober 1957; † 28. Juni 2021) war eine US-amerikanische Wissenschaftlerin, Kulturtheoretikerin und Autorin. Berlant hatte die George M. Pullman Distinguished Service Professur für Englische Sprache und Literatur an der University of Chicago inne, wo sie von 1984 bis 2021 lehrte. Berlant schrieb und lehrte über Themen wie Intimität und Zugehörigkeit in der Populärkultur, in Bezug auf die Geschichte und das Phantasma der Staatsbürgerschaft. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Lauren_Berlant

...

Textaris(txt*bot)

Quote[...] Oft ist in der Psychologie von Introvertierten und Extrovertierten die Rede. Psychiater Rami Kaminski will einen dritten Typus identifiziert haben. ... Er arbeitet seit über 40 Jahren als Psychiater und war unter anderem als Chefpsychiater des US-Bundesstaates New York tätig. Sein Buch ,,Wie schön es ist, nicht dazugehören zu müssen. Weder Intro noch Extro: Die besondere Gabe der Otrovertierten" ist 2025 im Kailash Verlag erschienen.

Katja Kullmann: Herr Kaminski, das Prinzip ,,Wir gegen die" greift weltweit um sich. Ob in der sogenannten Identitätspolitik oder im Nationalismus: Das Denken in Freund-Feind-Gruppen nimmt zu. Glücklicherweise gibt es Menschen, die weitgehend immun dagegen sind, sagen Sie, und haben jenen Leuten nun ein Buch gewidmet.

Rami Kaminski: Man könnte diese Leute als freiwillige Außenseiter bezeichnen: Sie hegen eine tiefe Skepsis gegen Gruppenbildungen jeglicher Art und halten sich davon fern. Es ist ein Phänomen, das ich in meiner Praxis seit Jahrzehnten beobachte: das Fehlen eines Gemeinschaftssinns. Die Unfähigkeit, sich irgendeiner Gruppe zugehörig zu fühlen, sei es einer Freizeitclique, dem Bürokollegium oder, in großem Maßstab, einer Nation. Dieses Merkmal findet sich in allen Altersklassen, Geschlechtern und Ethnizitäten, egal ob arm oder reich. Die Betroffenen kommen sich in Gruppen stets wie Beobachter oder Besucher vor. Manche sagen auch, sie gehen mit einem Alien-Gefühl durchs Leben, immer mit dem Eindruck, nicht richtig dazuzugehören. Und eigentlich auch gar nicht dazugehören zu wollen.

Katja Kullmann: Sie sprechen von den ,,Otrovertierten".

Rami Kaminski: ,,Otro" wie ,,other" – ,,anders". Bislang kennen wir den Introvertierten und den Extrovertierten, Begriffe des Psychiaters Carl Gustav Jung. Die introvertierte Person richtet ihren Blick überwiegend nach innen, mal um sich vor der Außenwelt zu schützen, mal um sich selbst zu überprüfen: Mache ich alles richtig in meiner Umgebung? Die extrovertierte Person hingegen blüht im Außen erst so richtig auf, braucht die anderen, ein Publikum, um sich selbst zu spüren. Beide sind also stark auf ihre Gruppenumgebung bezogen. Die otrovertierte Persönlichkeit aber schaut weder nach innen noch nach außen, sondern in eine andere Richtung – weit über das Gruppengetriebe hinaus. Das macht den Otrovertierten zu einem äußerst wertvollen Zeitgenossen, gerade in Zeiten wie diesen. Er kann der Kanarienvogel im Bergwerksstollen sein.

Katja Kullmann: Sie meinen: Der otrovertierte Mensch kann andere vor einer Katastrophe warnen?

Rami Kaminski: Vor hasserfüllter Massenhysterie, vor Menschenfeindlichkeit, religiösem Fanatismus, faschistischen Tendenzen – ja.

Katja Kullmann: Erklären Sie das bitte.

Rami Kaminski: Die gruppenbezogene Persönlichkeit ist empfänglicher für das Fantasma des nationalistischen Patriotismus – weil sie über weniger innere Freiheit verfügt. Sie macht meist kaum einen Unterschied zwischen der sie umgebenden äußeren und ihrer inneren Welt, bezieht vieles unmittelbarer auf sich selbst, fühlt sich eher belästigt oder persönlich angegriffen, regt sich schneller auf, achtet ständig auf die anderen, die ,,eigenen" und die ,,fremden" Leute. Eine solch gruppenbezogene Weltsicht hat den Effekt, dass man sich letztlich wohl niemals wirklich unbeobachtet fühlt. Das begünstigt Unzufriedenheit, Selbstbefangenheit und Aggressionen gegen andere. Es ist eine Art von Tribalismus – ein sehr viel engeres Lebensgefühl als bei einem Otrovertierten, dem Gruppenregeln tief in seinem Innern schnuppe sind.

Katja Kullmann: Können Sie das mit dem Tribalismus noch etwas konkreter erläutern?

Rami Kaminski: ,,Auf welcher Seite stehst du?": Das wäre eine typische Frage eines Tribalisten. Die Tribalisten sind eine Untergruppe der gruppenorientierten Persönlichkeiten, hochaggressiv und derzeit sehr laut. ,,Bist du ein richtiger Amerikaner?", heißt es etwa bei uns in den USA jetzt ständig. Aber: Wer bestimmt, was ein richtiger Amerikaner ist? Die angebliche Mehrheit? Ein autoritärer Herrscher? Ein otrovertierter Mensch ist für solche Verallgemeinerungen oder Gruppenhysterien kaum anfällig. Er braucht die Bestätigung durch andere nicht so sehr, deshalb ist sein Blick auf Gruppendynamiken klarer, schärfer, kühler.

Katja Kullmann: Ursprünglich kommen wir ohnehin alle als Otrovertierte zur Welt, schreiben Sie.

Rami Kaminski: Richtig. Kein Baby kann sich aussuchen, in welche Familie, welche Einkommensklasse, welche Glaubenswelt es geboren wird. All diese Zuordnungen interessieren es auch nicht! Kein Baby hasst irgendwen. Das wird ihm erst nach und nach beigebracht, im Namen der Kultur, der Religion, der Nation, von wem auch immer. Der erwachsene Otrovertierte hat sich eine Spur dieser frühkindlichen Wachheit erhalten. Jede Gruppe, sei es die Familie, ein Sportclub, eine Partei, unterliegt ja einer geteilten Dynamik: Einerseits geht es um Zugehörigkeit, andererseits um Ausschluss. Diese Dynamik von Anbindung und Abgrenzung beruht meist auf willkürlichen oder rein symbolischen Kriterien, das ist also nie etwas Natürliches, immer etwas Menschengemachtes – so nimmt es ein otrovertierter Mensch instinktiv wahr.

Katja Kullmann: Und deshalb will er oder sie sich den Regeln der Gruppe nicht fügen?

Rami Kaminski: Das Gruppengetue gibt der otrovertierten Person nichts. Sie kann weder daran glauben noch sich damit identifizieren, zweifelt die Sinnhaftigkeit von Gruppenregeln an, findet sie ärgerlich oder lächerlich. Dabei sind Otrovertierte durchaus gern mit anderen zusammen. Nur eben nicht rund um die Uhr. Und tendenziell lieber zu zweit als zu zwölft. Es geht ihnen im Zusammensein mit anderen eher um Qualität als um Quantität.

Katja Kullmann: Ein Alltagsbeispiel?

Rami Kaminski: Nehmen wir einen beruflichen Empfang oder eine Hochzeitsfeier: Otrovertierte fühlen sich dort unwohl, sie können mit Small Talk nichts anfangen. Meist bilden sich bei solchen Anlässen Untergrüppchen, hier stehen Leute aus Abteilung X, dort die aus der Clique Y – für einen Otrovertierten ist das anstrengend, er kann sich nicht entscheiden, wem er sich anschließen soll, und findet das stressig. Aber: Er oder sie kann stundenlang auf demselben Partysofa sitzen, in ein intensives Gespräch mit einer Einzelperson vertieft. Ob es um Kunst, Kochen oder Politik geht: Der otrovertierte Mensch ist in der Lage, sich voll und ganz auf ein Thema einzulassen und damit auch auf sein individuelles Gegenüber. ,,Mit dir kann man sich unheimlich gut unterhalten": Dieses Kompliment bekommt ein Otrovertierter oft zu hören. Und daraus ergibt sich auch seine hoch entwickelte Toleranz- und Empathiefähigkeit.

Katja Kullmann: Toleranz und Empathie? Inwiefern?

Rami Kaminski: Nun, wenn man anderen von einem persönlichen Problem erzählt, erhält man oft Ratschläge wie: ,,Ach, so ähnlich war es bei mir auch mal." Oder: ,,Ich an deiner Stelle würde einfach dieses oder jenes tun." Eine otrovertierte Person würde so nicht reden. Er verfügt über die Fähigkeit, seine eigene Perspektive von der des anderen zu unterscheiden.

Katja Kullmann: Das bedeutet?

Rami Kaminski: Statt von sich selbst zu erzählen, würde ein otrovertierter Mensch eher sagen: ,,Erzähl mir mehr von deinem Problem, wann genau fing das an?" Otrovertierte bewerten andere nicht so schnell, schon gar nicht nach irgendwelchen angeblich allgemeingültigen Rastern. Sie haben auch selten das Gefühl, etwas zu verpassen, nur weil sie nicht an dieser oder jener Kollektivveranstaltung teilnehmen. Das ist eine große Stärke: Wenn man ohne Wettbewerbsgedanken durchs Leben gehen kann. Was angeblich gerade ,,in" ist und was ,,passé", worüber ,,man" spricht und worüber nicht, Statussymbole, ,,Follower"-Zahlen und andere Ranking-Methoden: Das alles lässt otrovertierte Menschen weitgehend kalt.

Katja Kullmann: Nicht jeder Otrovertierte wird aber zum stolzen Rebellen, viele entwickeln Anpassungsstrategien, wie Sie schreiben.

Rami Kaminski: Das stimmt. In meine Praxis kam eine Mutter, die sich um ihren 15-jährigen Sohn sorgte: Er werde oft eingeladen, nehme aber so gut wie nie an Sportveranstaltungen oder Teenie-Streichen teil. Als der Junge vor mir saß, zeigte sich: Er war sich der Erwartungen seiner Eltern und seiner Mitschüler voll bewusst. Otrovertierte sind gern allein. ,,Mir ist nie langweilig, ich brauche den Rummel nicht": Solche Dinge hörte ich auch von dem Jungen. Da er die anderen nicht brüskieren wollte und auch nicht wollte, dass man ihn für ,,unnormal" hielt, nahm er gelegentlich doch an Gruppenveranstaltungen teil und tat so, als ob es ihm Spaß machte.Ich nenne diese Taktik ,,Pseudo-Extrovertiertheit": Viele Otrovertierte spielen bis zu einem gewissen Grad mit, geben vor, engagiert dabei zu sein, und machen sich dadurch zwar beliebt, leiden aber manchmal ganz schön darunter.

Katja Kullmann: Sie betreiben soziale Schauspielerei – kann man das so sagen?

Rami Kaminski: Innerlich sind sie Außenseiter, äußerlich benehmen sie sich aber oft wie Insider. Gerade weil sie die sozialen Spielregeln so analytisch betrachten, können sie sich ihnen scheinbar mühelos anpassen. Doch die Scharade kostet eine Menge Energie, vor allem in der Pubertät. Ab etwa 25 Jahren, wenn mehr Selbstbestimmung möglich ist, wird es für die meisten Otrovertierten besser.

Katja Kullmann: Wobei es wohl auch im Job schwierig sein kann: Sogenannte Teambuildingmaßnahmen wie ,,Bowling für die ganze Abteilung" sind in vielen Firmen heute Pflicht.

Rami Kaminski: Oh ja, eine Hölle für den Otrovertierten, Gruppen-Feeling auf Kommando: eine Qual! Auch der Sinn von ,,Meetings" erschließt sich ihm nicht immer. Deutlicher gesagt: Nein, der Otrovertierte ist nicht unbedingt ein guter Teamplayer – eher ein begnadeter Solist als ein Orchestermusiker.

Katja Kullmann: Und wie sieht es in der Liebe aus?

Rami Kaminski: Die otrovertierte Persönlichkeit ist zu tiefen, verlässlichen Bindungen fähig, verspürt aber nicht den Drang, mit dem anderen zu verschmelzen, möchte ihn nicht verändern, gönnt ihm viel Raum und Zeit und wünscht sich dieselben Freiräume auch umgekehrt. Das Problem: Mitunter fühlt sich die andere Seite deshalb ,,nicht richtig geliebt". Bei heterosexuellen Paaren kommt hinzu, dass er und sie oft glauben, eine bestimmte Gruppe, ihr jeweiliges Geschlecht, repräsentieren zu müssen, nach dem Motto: Dies und das ist ,,typisches Männerverhalten", dieses und jenes ist ,,typisch Frau" – alles alberne und lästige Verhaltensregeln, aus Sicht der otrovertierten Person. Sie kann und will gewisse romantische Paarerwartungen also nur schwer oder gar nicht erfüllen. Auch deshalb sind viele über längere Phasen – und nicht ungern – Single.

Katja Kullmann: Woran liegt es, dass manche Menschen so sind und andere nicht? Die Otrovertiertheit kann man nicht erlernen, schreiben Sie.

Rami Kaminski: Genau. Und man muss sie auch nicht ,,kurieren". Es handelt es sich nicht um eine psychische Störung, sondern um ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal. Man hat es oder man hat es nicht, so wie manche Linkshänder sind und andere nicht. Seit vier Jahrzehnten in der Praxis denke ich nun schon über diese Fragen nach: Warum leben manche Menschen mit diesem distanzierten Verhältnis zu ihrer Gruppenumgebung? Und warum empfinden gerade diese Menschen ihr Leben als besonders reich und erfüllend? Die Forschung steht da im Moment noch ganz am Anfang.

Katja Kullmann: Was schwebt Ihnen im Weiteren vor?

Rami Kaminski: Mit ein paar Kollegen habe ich das Otherness Institute gegründet, eine Plattform, auf der wir Material zum Thema sammeln und an die Menschen sich wenden können, die sich von dem Konzept angesprochen fühlen. Mittlerweile haben sich mehr 26.000 Menschen bei uns gemeldet. Das ist in keiner Weise repräsentativ, aber immerhin verfügen wir über eine erste kleine Datenbasis, die wir nun systematischer auswerten wollen. So viel zeichnet sich schon ab: Es gibt wohl doch mehr Otrovertierte da draußen, als ich ursprünglich angenommen hatte. Und das halte ich, wie gesagt, für eine gute Nachricht – wir können sie gerade wirklich gut gebrauchen.

Katja Kullmann: Als Kanarienvögel mit antifaschistischer Warnfunktion ...

Rami Kaminski: Sagen wir so: Otrovertierte Menschen nehmen sehr fein wahr, wann eine Gesellschaft – die ja nichts anderes als eine besonders große Gruppe ist – einen fanatischen Spasmus erlebt. Es kann nicht schaden, ihnen gerade jetzt aufmerksam zuzuhören.

...


Aus: "Psychiater über Otrovertierte: ,,Manche Leute gehen mit einem Alien-Gefühl durchs Leben""
Interview von Katja Kullmann (1.11.2025)
Quelle: https://taz.de/Psychiater-entdeckt-dritten-Persoenlichkeits-Typ-neben-introvertiert-und-extrovertiert/!6121550/

QuoteJanix, 00:04 Uhr

Es ist für einen Laien nicht genau Asperger, was er da beschreibt, es geht in die Richtung. Er sieht es dabei wohl nicht als Störung, sondern als mögliche Stärke. Vielleicht hilft daher dieser Analyseansatz.

Niemand hat das Recht zu gehorchen, meinte H. Arendt in einem ihrer bekanntesten Sätze. Wer mitschwimmt, ermöglicht Diktaturen, Fehlentwicklungen wie Erderwärmung, ... erst. Eine Gesellschaft ohne Otros wäre schlimm, eine nur mit Otros vielleicht dabei auch.


QuoteAugenhöheStattTribalismus

02.11.2025, 13:29 Uhr

Na, endlich etwas dass das Thema "Tribalismus" und Stammesdünkel berührt!

Ihr seid damit ziemlich die Ersten in der deutschen Presselandschaft.
Hier die neurowissenschaftliche Basis dazu:

"The science behind 'us vs. them' | Dan Shapiro, Robert Sapolsky & more | Big Think" (09.05.2021)
https://youtu.be/14XSzWT4vI0


P.S.: Was der Autor nicht zu wissen scheint. R.D. Laing nannte die hermetischen "Wir"-Gruppen den Nexus. Im Nexus existiert keine Individualität mehr, die Gruppe hat eigene Regeln und weniger Freiheit. Stichworte Verein, Partei, Nation, Volksgruppe etc.


QuoteLou Andreas-Salomé

Klingt genau nach der Beschreibung auf dem (autistischen) Spektrum befindlicher Menschen. Welche sich ebenfalls selten mit Gruppenbildung & -gebaren anfreunden können, selten Einsamkeit, stattdessen Erfüllung im Alleinsein empfinden. Auch die Dynamiken der Anpassungsleistungen an soziales Interagieren sind hinreichend aus dem Spektrum bekannt, das sogenannte Masking von Autisten, die ihrem Umfeld genüge tun wollen (müssen) & dann eben zum Fußballspiel gehen aber idR lieber zu 2. als zu 12. den Nachmittag verbringen. Denn wenn, wie es häufig vorkommt noch AD(H)S eine Rolle spielt, überfordert ohnehin die Gesellschaft massiv & konzertierte sich der Outro lieber auf 1 als auf 12 Personen. Ist da aber zu 150 % präsent & interessiert wie der andre tickt, ohne Querverweise auf eigenes Erleben. Viel zu oft wird Menschen auf dem Spektrum vorgeworfen, sie wären nicht empathisch. Meines Erachtens ist das genaue Gegenteil der Fall. Prägungsbedingt und je nach (unverständigem) Elternhaus, sind junge Neurodivergenten gezwungen, in hohem Maße ihre Umgebung zu erfühlen um die eigene Sicherheit zu gewährleisten. Vielleicht partizipiert Hr. Kaminskis Otherness Institute wenn er Autisten inkludiert.


...

Textaris(txt*bot)

#10
Zu: https://www.derstandard.at/story/2000132186801/warum-romy-schneider-keine-kaiserin-der-herzen-ist : ... VergebenerCommunityName, 31. Dezember 2021, 09:10:32: " ... Also für mich ist Romy Schneider eine Kaiserin der Herzen. Zumindest solange der Film dauert. ... Andere brauchen Rauschgift und Alkohol, um sich die Welt schöner zu machen und gute Laute zu bekommen. Bei mir genügt ein 90-minütiger Sisi-Film. Und NEIN, ich schäme mich ÜBERHAUPT NICHT dafür. Und JA, ich weiß nach 90 Minuten, dass das nicht die Realität war. ..."
-.-
Stone17, 31. Dezember 2021, 09:06:11: " ... Ich hab mir gestern seit meiner Kindheit erstmals wieder einen der Sissi-Filme angesehen. Viel heile Welt hab ich da aber nicht gesehen um ehrlich zu sein. ..."
-.-
Polly Esther, 31. Dezember 2021, 07:31:06: " ... Einer Welt, in der Frauen bestenfalls zu gefügigen, sich aufopfernden, dem Kaiserreich dienenden, unmündigen Personen deklariert wurden, deren Freiheiten und Lebensentscheidungen immer von Männern abhängig und somit eingeschränkt waren. Leider wahr. Und deshalb um so erstaunlicher dass bei den Sisi-Filmen wohl deutlich mehr weibliches als männliches Publikum vor den TV-Geräten einfindet. Weshalb das so ist, das wäre mal eine Analyse wert. ..."

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QuoteAmbivalenz (lateinisch ambo ,,beide" und valere ,,gelten") bezeichnet einen inneren Zustand, der wesentlich geprägt ist von einem inneren Konflikt. Dabei bestehen in einer Person sich widersprechende Wünsche, Gefühle und Gedanken gleichzeitig nebeneinander und führen zu inneren Spannungen.
In der Allgemeinsprache gebräuchlicher ist das Adjektiv ambivalent (zwiespältig, doppelwertig, mehrdeutig, vielfältig, zweideutig). Eugen Bleuler verwendete den Begriff erstmals 1910 während eines Vortrags. Für ihn war Ambivalenz ein Hauptmerkmal der Schizophrenie. Im heutigen Sprachgebrauch, auch im klinischen Bereich, versteht man unter ,,Ambivalenz" aber kein Symptom einer Krankheit, sondern das Erleben einer konflikthaften, von gegensätzlichen Aspekten geprägten Bewertung der Situation oder eines Objekts. Dieses Erleben basiert auf der erworbenen Fähigkeit, auf Abwehr durch Spaltung zu verzichten und gegensätzliche Erlebniszustände zu ertragen. ...


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Ambivalenz (15. November 2025)

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Quote[...] Kaitlyn ist 25, liebt Trump und Männer, die führen, lehnt Sex vor der Ehe ab und Liberale. Unsere Autorin fährt mit ihr zusammen in den Urlaub. Wie lassen sich mit Trump-Fans Freundschaften führen?

taz FUTURZWEI | Kaitlyn könnte meine anderen Freunde nie treffen. Niemals. Schon ein gemeinsames Kaffeetrinken würde auf eine Volleskalation hinauslaufen.

Das Urteil wäre auf beiden Seiten vernichtend. Das ist nicht überraschend, denn Kaitlyn ist Trumpianerin. Kein Sex vor der Ehe und keine Schminke sind genauso Teil ihres Standard-Repertoires wie die Politik der derzeitigen US-Regierung. Manchmal klingt sie wie die Obersprecherin des Weißen Hauses. ,,Progressive people are loud and pushy," [,,Progressive Menschen sind laut und aufdringlich"] sagt Kaitlyn gerne.

Progressive sind wie ein Kaugummi, auf das man versehentlich tritt: Längst am Boden, nur noch lästig. Für Kaitlyn ist die Sache klar. Trump materialisiert den Sieg über die völlig verirrten Wokies und das Ende der Hegemonie ihrer Minderheitsideologie.

Wenn Kaitlyn ihre Welt beschreibt, kommt mir nichts bekannt vor. Alles geht gegen die progressiven Illusionen meiner Kindheit. Von denen bleibt sowieso nur noch die verstörende Realität einer sich entliberalisierenden Welt, in der sich immer weniger Menschen lieb haben. Wenigstens eine Gewissheit gibt es für uns noch. Am Niedergang sind Leute wie Kaitlyn schuld. Um es mit den Worten meiner anderen Freunde zu sagen, sie geht einfach gar nicht.

Wir haben uns in einem kleinen Dorf in einem US-amerikanischen Flyover State kennengelernt. Es war mein Auslandsjahr, 11. Klasse. Von einer anderen Girls-Clique war ich gerade abserviert worden. Mutmaßlich aufgrund meiner unbedarften Party-Erzählungen aus Berlin-Mitte, die sich nicht gerade um Keuschheitsringe drehten.

Kaitlyn wirkte lustig, provokant und vor allem – offen. Wir fuhren nach der Schule zum einzigen lokalen Etablissement, dem Dairy-Queen neben der Tankstelle. Über dem ersten Blizzard-Eis wurde klar: Sie findet alles politisch. Und für mich gibt es nichts, was es nicht ist. Schon damals waren wir nie einer Meinung, aber irgendwie war das okay, fast sogar aufregend.

Zu einer Zeit, als brave US-Familien längst nicht mehr über Politik redeten, wurden wir durch diesen beinah rebellischen Akt zu Freundinnen. Das ist zehn Jahre her und ich kriege immer noch fast jeden Tag Nachrichten von ihr. Und es geht immer voll zur Sache. ,,Charlie Kirk – was sagst du?", schreibt sie, da liege ich schon im Bett. Egal welchen Streit der Algorithmus provoziert, wir sind nie einer Meinung. Als ich die Anklage der Schauspielerin Blake Lively gegen ihren Regisseur Justin Baldoni wegen sexueller Belästigung als Befreiungsschlag sah, war sie der Meinung, der arme Mann werde verleumdet. In meiner Empörung über JD Vances Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz sah sie seine Kritik an angeblich fehlender Meinungsfreiheit in Europa restlos bestätigt.

Das zwischen uns läuft eigentlich alles digital und an meinem Freundeskreis vorbei. Nur im Sommer, da steht Kaitlyn immer wieder mal mit ihrem Koffer vor mir. Dann hören meine anderen Freundinnen von ihr. Wie kannst du mit so jemandem immer noch befreundet sein, stöhnen die auch vor diesem Urlaub. Tja, wie kann ich?

Und doch sitzen wir zu zweit am Strand einer kleinen Stadt am Ionischen Meer und trinken auf Plastikstühlen unsere Limos. Alkohol oder Kaffee gibt's auch im Urlaub nicht. Kaitlyns weißblonde Haare sind ganz glatt, ihr Kleid bedeckt wie immer ihre Schenkel. Sie kleidet sich modest. Religiöser Sprech dafür, Sexyness zu vermeiden.

,,Ich glaube einfach nicht, dass es das Patriarchat gibt," sagt sie gerade. Es ist erst Tag zwei und ich fühle mich schon wie ein eingesperrtes Vögelchen. Ich verweise auf Catcalling, Gender Pay Gap, die vielen sexuellen Übergriffe, die ich selbst erlebt habe, auf Femizide. Gewalt gegen Frauen liege leider inhärent in der Biologie der Männer, sagt Kaitlyn.

Aber das bedeute, wir Frauen müssten halt aufpassen, schlauer sein. Sie zwinkert ernsthaft. Zumindest hier sind wir uns einig: It's a Man's World. Aber sie stört nichts daran. Wie kannst du das nicht ungerecht finden, frage ich sie. Keine Reaktion. Kaitlyn erwartet von ihrem zukünftigen Mann, der strong leader of the household zu sein. Eine starke Führungspersönlichkeit. ,,Willst du etwa einen Weakling?", fragt sie und lacht. Wir laufen zum Strand. Die Sonne meint es gut, es ist viel zu heiß zum Reden.

Kaitlyn ist 25 Jahre alt und nach ihren Maßstäben perfektes Wife-Material: Eifrig bereit, Hausfrau zu werden. Aber sie ist auch fleißig, schlau, gut ausgebildet und hat einen hochkarätigen Job. Die letzten Jahre war sie überall auf der Welt. Für Liberale ist das unangenehm, die Hillbilly-Schablone passt nicht.

Als klassische Protestwählerin lässt sie sich auch nicht abwiegeln. Nichts ist ihr ferner, als wegen irgendetwas ,,ungerecht" zu schreien.

Nachdem die matchy Hotel-Handtücher ausgerollt sind, frage ich sie nach ihrer politischen Selbstbezeichnung. ,,I just believe in conservative values," sagt sie. Ich glaube an konservative Werte. Das bedeutet für sie: Alle sollen machen, was sie wollen. Aber das reiche den Progressiven nicht. ,,Sie wollen mich zwingen, ihren Unsinn auch noch gut zu finden," sagt sie jetzt empört.

Trumps Angriff auf demokratische Institutionen, auf Wissenschaft, Universitäten, Rechtsstaatlichkeit und Meinungsfreiheit, die Deportationen, die brutale Spaltung der Gesellschaft, alles prallt an ihr ab.

Mit einem Argument habe ich sie dann mal: Trump ist definitiv kein aufrechter Konservativer. Sie druckst rum. Ja, aber der Kampf gegen Wokeness spreche trotzdem für ihn. Die hegemoniale These in liberalen Kreisen erklärt es so: Obama war zu viel. US-Amerika war nicht bereit. Und das hier – Kaitlyns Agitation – ist der Backlash.

Reaktionäre Männerkörper wie der von Trump werden reanimiert und gestreichelt, weil die Progressiven fast ein wokes Regime installiert hätten.

Wir laufen ins warme Meerwasser und ich traue mich: ,,Bin ich nicht auch woke?", frage ich sie. Ihre Realität unterteilt die Welt politisch in konservativ-rechts (gut) und liberal-progressiv (bäh). Aus unerklärlichen Gründen habe ich es geschafft, nur als ,,liberal" durchzugehen, ohne die fatale zweite Zuschreibung. ,,Liberale Ideen klingen in der Theorie gut, aber in der Praxis sind sie nicht so toll," sagt Kaitlyn.

Als Beispiel führt sie die Toilettennutzung von Transfrauen an. Und hier wird es reaktionär, sie sieht zu viel Potenzial, dass verkleidete Männer sich so an Frauen vergehen. Generell gäbe es einen riesigen Trend. Alle wollten auf einmal trans sein. Ihre Argumentation ist völlig absurd. Ich weise sie bestimmt darauf hin, dass sie gerade noch behauptet hat, alle Menschen zu akzeptieren. ,,Nicht, wenn sie mich einschränken," sagt sie. So funktioniert das reaktionäre Argument, der vermeintliche Angriff auf die eigene Identität wird zur Legitimationsstruktur für inhärentes Unrecht.

Der große Vorteil an unserer digitalen Beziehung ist: Ich kann sie mit dem Handy einfach zur Seite legen. Hier am Strand geht das nicht. Bevor Kaitlyn jetzt weiterredet, gebe ich ihr schnell einen Kopfhörer. Wir hören Where is my husband? Eine Frage, die uns verbindet. Ich warne sie routinemäßig: Der Song benutzt ,,Swear Words". Böse Schimpfwörter wie ,,Fuck".

Während wir so im Sand liegen, kriege ich wieder das Gefühl, dass diese Freundschaft aus mir einen schlechten Menschen macht. Ich erinnere mich an gestern Abend. Da hatte Kaitlyn über einem Gyros-Pita mal wieder ihre rituelle Skepsis gegenüber der Klimakrise gepflegt, in kompletter Ignoranz der wissenschaftlichen Faktenlage. ,,Es war immer mal wärmer," sagte sie. Ich wehre mich mit allem, was ich weiß, aber das Schlimme in unserer gemeinsamen Woche ist: Oft habe ich ihr auch einfach nichts entgegenzusetzen. Sie lacht dann so gewinnerhaft.

Wir stehen auf den zwei Seiten der Gegenwart. Algorithmus und Populismus haben nur eine Mission, sie wollen uns immer weiter auseinandertreiben. ,,Also, ich könnte das nicht," sagte eine Freundin zu mir, bevor ich in den Urlaub fuhr. Kaitlyns Freundinnen sagen das Gleiche zu ihr. In den Peergroups, aus denen wir kommen, wird radikal sein belohnt. Selbstverständlich nur im eigenen Sinne. Vielleicht sind wir deswegen all die Jahre Freundinnen geblieben. Im Widerstand gegen das Narrativ der unvereinbaren Lebensrealitäten. Trotzig und bestimmt darin, dass Freundschaft doch auch mit Andersdenken möglich bleiben muss.

Aber das sagt sich so leicht. Die ganze Woche pendele ich zwischen zwei Perspektiven hin und her: Erstens, auch wenn Liberale es nicht wahrhaben wollen, Trump und seine Follower sind gekommen, um zu bleiben. Wenn wir keine Parallelrealitäten wollen, müssen Leute aneinander dranbleiben. Zweitens, für immer an Menschen festzuhalten – mögen sie noch so faktenfern und diskriminierend argumentieren – das geht nicht.

,,Was würdest du tun, wenn dein Kind homosexuell wäre?", fragt Kaitlyn mich in der Taverne.

Ich würde es lieben und unterstützen, was denn sonst?

,,Ich wäre damit nicht einverstanden," sagt sie, als wäre es eine Frage der Zustimmung. Ich weiß nicht, ob unsere Freundschaft vorbei wäre, wenn ich plötzlich eine Partnerin hätte. Das habe ich mich nie getraut, sie zu fragen. Für viele Menschen wäre dieser gemeinsame Urlaub spätestens hier vorbei. Mit guten Gründen. Aber ich bin hier. Ich kann das aushalten. Ich denke: Das ist ein Privileg, ich muss es nutzen.

Am Ende der Woche verabschieden wir uns am Flughafen. Ich bin müde und sehne mich nach Wohlfühl-Terrain, will zurück in meine Kuscheldecken-Peergroup, die mich einhüllt und versteht und immer bejaht. Aber kaum ist Kaitlyn weg, vermisse ich sie.


Aus: "Hilfe, meine Freundin mag Trump!" Paulina Unfried (24.12.2025)
Quelle: https://taz.de/Aushalten-mit-Trump-Anhaengerinnen/!vn6139458/

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Kontext: ... sie sieht zu viel Potenzial, dass "verkleidete" Männer sich so an Frauen vergehen. ...

Quote[...] Queer- und transfeindliche Rhetorik ist heute allgegenwärtig. Das ist nicht überraschend, denn auch früher flammte sie stets in Krisenzeiten auf.

Die AfD spricht von der ,,Trans Lobby", von ,,Männern, die sich einbilden, Frauen zu sein", setzt trans Menschen mit Pädophilen gleich und nennt sie ,,pervers". In Großbritannien hat sich die ,,Harry Potter"-Autorin J. K. Rowling einen Namen als Terf (trans-exkludierende radikale Feministin) gemacht, indem sie gegen trans Menschen hetzt und pseudofeministische Frauengruppen finanziell unterstützt.

Sie erreichten mit einer Klage, dass der britische Oberste Gerichtshof entschied, Geschlecht sei binär und Frauen nach dem ,,biologischen Geschlecht" zu bestimmen. In den USA betont Trump, es gebe nur zwei Geschlechter, und will per Dekret trans Menschen vom Frauensport ausschließen. In Russland wurde die ,,internationale LGBT-Bewegung" zu einer ,,extremistischen Organisation" erklärt.

,,In Zeiten nationaler und globaler Krisen werden sexuelle und ethnische Minderheiten häufig zum Sündenbock instrumentalisiert und für gesellschaftliche Probleme verantwortlich gemacht", sagt die kanadische Historikerin Dr. Jennifer Evans. Sie forscht zu zeitgenössischer deutscher und europäischer Geschichte mit Schwerpunkt auf Sexualität und Geschlecht. Marginalisierte Gruppen würden als Erklärung herangezogen, wenn Gesellschaften Antworten auf Krisen suchten.

Wenn marginalisierte Personen Rechte oder Privilegien errungen hätten, erlebten soziale Bewegungen zudem oft eine Gegenreaktion. ,,Je größer die Sichtbarkeit, desto größer die Spannung", erklärt Evans. Als Beispiel nennt sie den schwulen jüdischen Sexualforscher Magnus Hirschfeld, der in den 1920er Jahren das Institut für Sexualwissenschaften in Berlin gründete und große Fortschritte erreichte, bevor die Nationalsozialisten seine Arbeit zerstörten und ihn ins Exil trieben.

Hirschfeld stand kurz davor, mit seinem Anliegen, den Paragrafen 175 abzuschaffen, erfolgreich zu sein. Der stellte bis 1994 sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe. Hirschfeld hinterfragte die Binarität von Geschlecht und setzte sich für die Akzeptanz von trans Menschen ein. ,,Genau in dieser Phase der Sichtbarkeit begannen die Nazis, diese Errungenschaften wieder zu untergraben", so Evans. ,,Wenn wir glauben, alles erreicht zu haben, merken wir, dass der Kampf nie wirklich vorbei ist."

Unter der Merz-Regierung wird, anders als in den Vorjahren, die Pride-Flagge nicht mehr am Bundestag gehisst. Die Beschäftigten der Bundestagsverwaltung dürfen nicht als Teil ihres queeren Netzwerks am CSD teilnehmen. ,,Und das zu einer Zeit, in der wir an Universitäten eine starke Repräsentation von Frauen und Minderheiten erleben", sagt Evans.

Transfeindliche Sprache und Narrative verbreiten sich besonders schnell in den sozialen Medien. Schlagworte sind dabei ,,Gender-Indoktrination" oder ,,Gender-Ideologie", also die Annahme, dass LGBTIQ* ihre Ansichten über Geschlecht und Sexualität der Mehrheitsgesellschaft aufzwingen würden, oder die Behauptung, dass Kinder vor trans Menschen ,,geschützt" werden müssten.

Erst kürzlich hatte die AfD einen Antrag gestellt, das Selbstbestimmungsgesetz, dass es trans, intergeschlechtlichen und nichtbinären Personen erleichtert, ihren Geschlechtseintrag ändern zu lassen, wieder abzuschaffen. Bei der Sitzung fragte die AfD-Politikerin Birgit Bessin: ,,Wie steht es eigentlich um das Thema Pädophilie?"

Evans stellt klar: ,,Die pauschale Annahme, dass trans Menschen Kinder gefährden oder indoktrinieren würden, ist nicht mehr als ein Schreckgespenst – allerdings ein mächtiges, das emotionalisiert."

,,Queerfeindliche Rhetorik wird oft mit dem Schutz von Kindern gerechtfertigt, um eine ,moralische Panik' auszulösen", sagt Lisa Gaufman, die zu politischer Theorie, internationalen Beziehungen und Medien forscht. In der Politikwissenschaft spricht man von ,,Securitization", also der Darstellung eines Themas als Bedrohung, um politische Maßnahmen zu legitimieren.

,,Wird etwas als Gefahr für Kinder dargestellt, erzeugt das besonders starke emotionale Reaktionen und Zustimmung in der Bevölkerung." Diese Strategie funktioniert in Sozialen Medien besonders gut: Wut steigert Interaktionen und wird von Algorithmen bevorzugt, weil sie Aufmerksamkeit und somit Profit generiert.

Laut Gaufman spielt Wut auch in Desinformationskampagnen eine zentrale Rolle. Aktuell arbeitet sie an dem von der EU geförderten Projekt ,,De-Conspirator", das ausländische Einflussnahme durch Desinformation untersucht. Politische Akteur*innen nutzen diese als Instrument moderner Kriegsführung, um öffentliche Diskurse gezielt zu manipulieren und Spaltung sowie Polarisierung zu erreichen.

Dafür werden unter anderem queere Menschen instrumentalisiert. Ein Beispiel ist Russland, das laut einer Princeton-Studie von 2024 führend bei internationalen Online-Desinformationskampagnen ist. Eine solche Kampagne zielte etwa auf die EU, um Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine zu rechtfertigen und Zustimmung für den Kreml zu erzeugen.

Ein zentrales Propagandaargument des Kremls: Europa sei ,,verweichlicht", ,,gay" und ,,moralisch verfallen", da es LGBTIQ* akzeptiere. Russland dagegen inszeniert sich als starkes, männlich-dominiertes Land, das ,,traditionelle Werte" verteidige und Kinder schütze.

Der Angriffskrieg solle die Ukraine vor diesem Verfall retten. ,,In dieser Darstellung verkörpert Europa keine 'wahren Werte', sondern ist von liberaler, dekadenter LGBTIQ*-Ideologie unterwandert und verliert seine kulturelle Identität", sagt Gaufman. ,,Das knüpft an rechtsextreme Sichtweisen innerhalb Europas an, wo ebenfalls von einem Werteverfall die Rede ist."

Ohne einheimische Akteure sei die Verbreitung solcher Desinformation in Europa aber kaum möglich. ,,Sie knüpfen an bereits vorhandene Erzählungen und Spannungen im jeweiligen Land an", so Gaufman. Bei ihrer Forschung ist sie unter anderem auf die rechtsextremen Kleinstpartei der ,,Freien Sachsen" gestoßen, die über Telegram rechtsradikale, fremdenfeindliche und queerfeindliche Inhalte teilt.

Letztes Jahr beteiligten sie sich an fünf Anti-CSD-Demonstrationen und mobilisierten dabei hunderte Neonazis. ,,Rechtsradikale Gruppen in Europa greifen gerne queerfeindliche Desinformation auf. Dabei befürworten sie auch die Anti-LGBTIQ*-Gesetze Russlands", so Gaufman, ,,Russland gilt ihnen als Staat, in dem 'Frauen noch Frauen und Männer noch Männer sind'."

Evans betont: ,,Russland mag vielleicht besonders effektiv darin sein, queerfeindliches Gedankengut zu verbreiten, aber auch liberale Demokratien sind keine sicheren Zufluchtsorte – das sehen wir in Kanada, den USA und Deutschland." Hart erkämpfte Fortschritte könnten leicht wieder weggenommen werden.

,,Es ist nicht selbstverständlich, dass queere und trans Menschen in Demokratien akzeptiert werden." Dass trans Personen heute weltweit am meisten von Desinformation und Diskriminierung betroffen sind, sieht Evans auch als Kehrseite eines grundsätzlich positiven Wandels: die zunehmende Sichtbarkeit von trans Personen im öffentlichen Raum.

In Zeiten sozialer Spannung wurde Geschlechtsnonkonformität historisch immer wieder als gefährlich oder bedrohlich angesehen. Im Zentrum stand nicht die Angst vor bestimmten Identitäten, sondern vor ,,überschrittenen" Geschlechtergrenzen. ,,Die heutige Anti-Trans- oder Anti-Drag-Rhetorik kann als Fortsetzung dieser seit langem bestehenden Angst vor gender-crossing gesehen werden", erklärt Evans. Sie sieht darin heute jedoch eine Diskursverschiebung, ,,ein allmähliches Einsickern rechter Denkweisen in die politische Mitte."

Queere Geschichte müsse daher noch sichtbarer werden – in Schulen, Museen und Lehrbüchern. ,,Queer- und Trans-Geschichte ist Geschichte, kein Sonderthema", sagt Evans. Mit zunehmendem politischen Druck, Budgetkürzungen sowie der aktuellen Sparpolitik werde das jedoch immer schwieriger.

Queere Institutionen, die diese Geschichte bewahren – wie der Sonntags-Club, das SchwuZ oder das Schwule Museum in Berlin –, haben aktuell damit zu kämpfen. Es müsse in der Mitte der Gesellschaft ankommen, dass trans Menschen schon immer Teil der Geschichte waren und es sich nie nur um eine ,,Modeerscheinung" oder einen ,,woken Zeitgeist" gehandelt habe.


Aus: "Geschichte der Queerfeindlichkeit: Alter Hass im neuen Gewand" (12.11.2025)
Quelle: https://taz.de/Geschichte-der-Queerfeindlichkeit/!6129073/

QuoteIl_Leopardo

13.11.2025, 10:22 Uhr

Dass Kinder vor trans Menschen ,,geschützt" werden müssten, ist mir neu. Die AfD sollte mal lieber genauer bei Sportvereinen und kirchlichen Einrichtungen hingucken - und beim Missbrauch in den Familien.


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Textaris(txt*bot)

Quote[...] Ich hätte meinem Vater gerne das Video gezeigt und ihm geduldig erklärt, was vor sich geht, aber unsere Kommunikation unterliegt einer Sprachbarriere, die ich nicht immer überwinden möchte. Der fraktionslose Bundestagsabgeordnete Matthias Helferich, ehemals AfD, steht am Rednerpult im Reichstag. Er trägt einen Trainingsanzug im Gucci-Design, eine Goldkette sowie eine schwarze Bauchtausche. Die "Talahons", so warnt er in seinem kurzen Redebeitrag, wollten "den deutschen Pass, unsere Gelder, aber nicht Teil unserer Kultur werden". Mein Vater weiß nicht, was ein "Talahon" ist, und auch nicht, was "die Kultur" bedeutet, die heraufbeschworen wird. Sehr wohl aber, was es heißt, mit Worten zu leben.

Einige Menschen mit migrantischer Biografie versuchen jahrelang, sich von der Wirkmacht solcher Begriffe zu lösen, während andere sie bewusst als Zeichen ihrer Identität verstehen. Zwischen Selbst- und Fremdbezeichnungen liegt aber eine Welt, die etwas zu sagen hat. Denn der Diskurs in Bezug auf "migrantische Männlichkeit" hat sich längst davon verabschiedet, Betroffene auf Augenhöhe anzuhören. Es herrscht immer weniger Empathie. Und damit auch ein Klima gegen Menschen, die einen Platz in der Mitte möchten, ihn aber verwehrt bekommen.

Ich bin als Sohn eines Türkischlehrers und einer Putzkraft aufgewachsen. Das Rollenverständnis in unserer Familie unterschied sich nicht grundlegend von dem meiner deutschen Freunde: Mein Vater verdiente das Geld, meine Mutter übernahm die Care-Arbeit. Das war meine Orientierung. Ich hatte eine glückliche Kindheit. Was meine Freunde liebten, liebte ich auch. Ich spielte Fußball, sprang im örtlichen Schwimmbad vom Beckenrand und räumte nach dem Essen selten meinen Teller in die Spülmaschine. Ich lernte, dass ein Mann zu sein bedeutet, seine Freiheit zu schätzen, ohne darüber nachzudenken, wo die Grenzen für andere liegen. Mein Verhalten übertrug sich in die Pubertät: Hip-Hop hören, mit Mädels flirten üben und am Burger King hängen war unsere Idee von Freizeit. Spätestens als ich mir einen kurzen Boxerschnitt zulegte, sagte mein Vater, dass ich aussehen würde wie die Jungs vom Bahnhof, die nicht gern in die Schule gingen und herumpöbelten. Mein Vater wusste also, wer ein "Talahon" war, bevor er zum Social-Media-Trend auf TikTok wurde. Weil er alle schon in seiner Schulklasse hatte. Aber solche Begriffe nutzte er nicht, er lehnte sie sogar ab. Denn er kannte die Eltern der Kinder beim Namen sowie die Realität, mit der sie aufwuchsen. Als "Ausländerkind", als das man mich bezeichnete, hieß das für mich konkret, zu merken, dass mein Bart schneller wuchs als bei anderen Kindern, meine Brusthaare dunkler waren, dass Mädchen mich mochten, weil ich "leidenschaftlicher" war, und dass ich der Vorstellung eines "stolzen Türken" entsprechen wollte. Ich kam an den Punkt, zu glauben, dass ich nicht anders konnte. Weil meine Eltern aus der Türkei waren und wir muslimisch aufgewachsen sind. 

Viele meiner Freunde haben unterschiedliche Migrationsgeschichten. Einige sind die Enkel von so genannten Gastarbeiterinnen und Gastarbeitern, einige Söhne von politischen Verfolgten, andere wiederum kamen aus Spanien, Italien, Griechenland und Russland. Doch was wir gemeinsam hatten, war die Erkenntnis und die Hoffnung, dass wir alle Teil der Gemeinschaft sein wollten, aber vor allem Stereotype darüber entschieden, ob uns Empathie entgegengebracht wurde – oder Hass. Unsere Männlichkeit war uns wichtig, aber sie war immer auch Ergebnis der Gesellschaft, die sie durch Worte und Taten zu einem Stigma verformte und die soziale Ungleichheit, in der wir aufwuchsen, außer Acht ließ. Plötzlich lagen die Ursprünge der Probleme des Landes in unseren Körpern.

Das Problem der "toxischen Männlichkeit", der sexualisierten Gewalt gegenüber Frauen, der öffentlichen Sicherheit in deutschen Großstädten, der Überforderungen von Kommunen durch junge, geflüchtete Männer, das Problem des "importierten" Antisemitismus. Einige lernten, wie ich auch, damit präventiv umzugehen, indem sie sich ihre Brusthaare wegrasierten, ihre Muttersprache verschwiegen, auf den Straßen unauffällig liefen, fremde Menschen überhöflich grüßten. Wir duckten uns weg, damit wir anderen eine Angst nahmen, ohne zu realisieren, wie viel wir von unserem Selbstwert, ja auch unserer Identität hergaben. Andere wiederum trugen, wie auch ich, gleichzeitig Fremdbezeichnungen wie "Ausländer" als Krone. Denn es hieß, zum Glück, nicht zu sein wie die weißen, deutschen Jungs. Denn wenn sie uns nicht wollten, wollten wir sie erst recht nicht. Wir fielen für uns selbst auf, weil wir damit bestimmen konnten, wer wir sind. Diese Ambivalenz wie auch Fähigkeit, beides sein zu wollen, manchmal zu müssen, trägt sich bis heute in meine Realität. Es ist das Codeswitching, das viele rassifizierte Menschen kennen.
In meiner Kindheit wollte ich ein "Pascha" sein. Mein Vater nannte mich so und tut es bis heute bei seinen Enkeln. Das ist nichts Unübliches in türkischsprachigen Familien, auch wenn nicht allen bewusst ist, welches Männlichkeitsbild damit verbunden ist. Das bedeutet, den Teller erst serviert bekommen und danach nicht abzuräumen. Den CDU-Chef Friedrich Merz kennt er mittlerweile auch, aber Merz ist niemand, der die Namen der migrantischen Kinder und Väter kennt, über die er teilweise abfällig spricht. Sprache formt Wirklichkeit. Medien und Politik laden inzwischen die Luft mit Misstrauen auf, sodass aus Begriffen Gewicht für uns entsteht, das kaum zu ertragen ist. 

Merz und viele andere sehen nur einfache Antworten: Die Gefahr für die Gesellschaft gehe von "migrantischen Männern" aus. Seine Lösung unter anderem: Abschiebung. Wer so argumentiert, meine ich, externalisiert komplexe gesellschaftliche Probleme und leugnet gleichzeitig politische Verantwortung. Denn diese Rhetorik festigt den Generalverdacht gegenüber allen nicht weißen Männern, unabhängig vom Aufenthaltsstatus. Sie seien gewaltaffin, sexistisch, unkontrollierbar. Ein personifiziertes Defizit. 

Unsere Traumata geraten im Blick auf unsere Lebensrealität in Vergessenheit. Die NSU-Morde, der rechtsterroristische Anschlag von Hanau. Diese Gewaltkontinuitäten, die durch gesellschaftlichen Hass und Fremdmachung erst ermöglicht wurden, haben Männer zum Ziel gehabt. Und diese Gewalt brennt sich ein. Viele meiner Freunde haben wie auch ich den deutschen Pass, trotzdem erfahren sie Polizeigewalt in Form von gewaltvollen Eingriffen bei Demonstrationen, Passkontrollen an Bahnhöfen und wiederholten Streifefahrten durch "kriminalitätsbelastete" Orte wie zum Beispiel Neukölln, weil sich der Diskurs in das Gedächtnis von Justiz und Polizei schraubt, das Stigma von Gewaltaffinität manifestiert und dadurch rassistische Praxis legitimiert wird. Ich glaube, wir täten alle gut daran, uns zu fragen, wie viele innerliche Brücken bei diesen Jungs zusammenfallen, die es verdienen, nicht nur in ihren Defiziten gesehen zu werden, sondern als Ganzes. "Paschas", "Talahons", all diese Wörter sind Fäuste gegen uns geworden.

Ich gebe an Schulen in ganz Deutschland Workshops, manche von ihnen liegen in Stadtteilen, die das Stigma gegenüber diesen Jungs verstärken, sogenannte Brennpunktviertel. Dort spreche ich mit Jugendlichen, deren Muttersprache Arabisch oder Türkisch ist, über Männlichkeit, Geschlechtergerechtigkeit und Sexismus. Durch die Medien könnte der Eindruck entstehen, dass an diesen Schulen der Bedarf am größten ist. Von "kulturell bedingter toxischer Männlichkeit" ist die Rede, obwohl sie doch alle Männer betrifft.

Meine Erfahrung in den Klassenräumen zeigt deutlich, wie viele Jugendliche Begriffe wie "Talahon" kennen. Sie aber sind davon genervt, dass die Gesellschaft denkt, sie würden am Bahnhof hängen, sexistisch sein, gefälschte Gucci-Kappen tragen. Niemand fragt nach ihrer sozialen Lage, ihrem Aufenthaltsstatus, ihrer Geschichte. Sie suchen, zweifellos, Orientierung in Männlichkeitsdarstellungen, wie sie zum Beispiel auf TikTok geboten werden. Worte aber übersetzen sich in Stigmata. Ich habe den Fehler gemacht, zu denken, dass diese Diskurse in Zeitungen an mir, an diesen Jungs vorbeigehen. Sie ließen mich denken, dass nur ich an mir zu arbeiten hätte, ich der Fehler im System wäre, meine "Kultur" defizitär wäre. Das tue ich nicht mehr. Überall dort, wo ich mit migrantisch markierten Jungs und Männern spreche, verbindet sich Wut über ebendiese Verhältnisse mit der Einsicht, dass Andersartigkeit einen Rahmen schafft, der ihnen Sicherheit gibt. Und diese Sicherheit hieß für mich, meine Männlichkeit in diesem Zwischenraum zu verorten. Denn zu erwarten, sich selbst ständig zu entschuldigen, zu rechtfertigen, um anderen unbegründete Angst zu nehmen, führt zu Verunsicherung und auch zu Wut, die sich auf die Straßen überträgt. Diese Gewalt ist nicht zu entschuldigen. Sie muss aber Gleichzeitigkeiten aushalten, und das heißt, dass junge Männer Selbstwert und Anerkennung suchen, wenn sie ihnen verwehrt werden.

Ich weiß, wie schwer und problematisch Männlichkeit sein kann. Zu wie viel Gewalt sie führt, welche Verletzungen sie auslöst, wie viele Gefühle sie verwehrt. Welche Rolle Vorbilder im Aufwachsen für Jungs haben können. Meine waren in der Jugend Fußballer wie Thierry Henry oder Rapper wie Bushido, die sicher keine Feministen waren. Wir wuchsen in dem Glauben auf, dass wir eben Jungs sind, die irgendwann zu Männern werden. Aber es gab einen Unterschied: Meine weißen deutschen Freunde wurden von Stereotypen verschont, meine Männlichkeit wurde plötzlich "migrantisch" – und damit zum Problem erklärt. 

"Migrantische Männlichkeit" hat den Ruf, für einen gesellschaftlichen Kontrollverlust verantwortlich zu sein. Dagegen wehre ich mich mittlerweile. Denn wir müssen anerkennen, dass sie längst alle Grenzen der berechtigten Kritik überschritten hat. Frustration über die Verhältnisse richtet sich in den Debatten und der Politik oft gegen die, die ein Leben lang mit der Zuschreibung von Gewalt aufwachsen. Was wir stattdessen brauchen, ist die Arbeit mit Männern, um sie von der Gewalt zu lösen. Und keine Sprache, die (rassistische) Gewalt gegen sie legitimiert.

Wenn mich heute jemand fragt, ob ich ein "Pascha", "Talahon" oder Ausländer bin, sage ich Ja, weil ich mir bewusst bin, dass die politische Instrumentalisierung der Begriffe längst Teil meiner Identität geworden ist. Sie schenken mir Luft in einem Klima, das von Unwissenschaftlichkeit und Vereinfachung durchzogen ist. Gleichzeitig verstehe ich sie als Aufforderung, über Anteile davon zu sprechen, die Ungerechtigkeiten manifestieren. Wir müssen anfangen, rassistische Kontinuitäten in Begriffen aufzubrechen. Und anerkennen, dass Worte kein Kostüm sind, sondern manchmal der einzige Halt in diesem Land.


Aus: "Hallo, hier spricht dein Talahon" Fikri Anıl Altıntaş (22. November 2024)
Quelle: https://www.zeit.de/familie/2024-11/migration-maennlichkeit-talahon-rassismus-jugendliche

Kontext: "Migration als Wahlkampfthema: Spahn kritisiert »kulturell vermittelte toxische Männlichkeit«"
CDU-Chef Friedrich Merz hatte mit seiner Aussage über »kleine Paschas« heftige Kritik ausgelöst. Ex-Gesundheitsminister Jens Spahn hat die Äußerung nun im CDU-Siegestaumel nach der Wahl in Berlin verteidigt.
(13.02.2023) | https://www.spiegel.de/politik/deutschland/jens-spahn-cdu-kritisiert-kulturell-vermittelte-toxische-maennlichkeit-a-f15ea5b4-b2ba-4248-b7f6-467fc54873a3

Textaris(txt*bot)

Houssam Hamade ist 1973 geboren, freier Journalist und Autor, sowie im ,,zweiten Bildungsweg" Masterstudent der Sozialwissenschaften an der Humboldt Universität. ...

Quote[...] Mein Bruder sammelte früher Briefmarken. Auf eine davon war er besonders stolz: Hitler war darauf abgebildet. Ich erinnere mich noch gut an eine Szene. Wir saßen in Beirut am Küchentisch. Mein Bruder zeigte mir und meinem Onkel Nabil die Briefmarke. Ich sehe Nabil nicken, mit dem Finger auf die grüne Briefmarke zeigen und im Brustton auf Arabisch erklären: ,,Das war ein guter Mann!"

Ich hatte damals keine Ahnung, warum mein Bruder, der deutlich älter ist als ich, die Augenbrauen zusammenzog und empört widersprach. Nein, das ist natürlich kein guter Mann, rief er. ,,Der hat viele Menschen umgebracht." Ich glaube nicht, dass sich daraus eine längere Diskussion entwickelte. Dafür war mein Onkel nicht der Typ. Wahrscheinlich hat er nur so etwas wie ,,doch" gesagt und die Diskussion war erledigt.

An dieser Stelle möchte ich eine Zwischenfrage stellen: Wie stellst Du dir meinen Onkel Nabil vor? Wie sieht er aus, wie ist er drauf? Was denkt er über Frauen und Juden und Religion?

Ein paar von Euch werden sagen, dass sie sich gar nichts vorstellen, weil sie ihn ja nicht kennen. Aber da würde ich spekulieren, dass ihr da ein wenig unehrlich seid. Menschen neigen üblicherweise dazu, sich sehr schnell ein Bild zu machen. Eines, das verblüffend präzise ausgemalt sein kann. Das tun Menschen nicht, weil sie doof sind, sondern weil das Gehirn schlecht auf Leerstellen klar kommt. Ich kann natürlich nicht wissen, was genau du dir vorgestellt hast. Aber viele von euch werden sich wohl einen konservativen, muslimischen Mann vorstellen, der antisemitisch ist und findet, Frauen sollten sich benehmen und ordentlich Kinder gebären. Wenn das bei dir nicht so war, herzlichen Glückwunsch. Ich kann nur sagen, dass Forschung immer wieder zeigt, wie sehr Araber und Muslime negativ über genau solche Bilder eingeschubladet werden. Keine Sorge, ich will keine Statistiken wälzen und dir auch nicht unterstellen, eine rassistische Person zu sein. Ich nutze nur das Beispiel, genauer über bestimmte Schubladen nachzudenken.

Vielleicht löse ich dazu mal das Rätsel um Onkel Nabil auf. Er trug keinen Islamistenbart, sondern einen sehr stylischen, dünnen Oberlippenbart zur Halbglatze. Und dazu lächelt er in meiner Erinnerung verschmitzt. Er trug weder Khamis noch Turban, sondern teure dunkelblaue Jeans, bunte Hemden und Anzugschuhe.

Aufgrund seiner Zustimmung zu Hitler könnte man annehmen, dass er antisemitisch war. War er vielleicht auch. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass er je über eine jüdische Weltverschwörung oder eine Finanzelite gesprochen hätte, die hinter den Kulissen die Welt kontrolliert. Er war auch nicht antiwestlich oder konservativ. Vielmehr benutzte er etwas zu oft französische oder englische Begriffe. Im Restaurant schnippste er nach der Bedienung und rief ,,maître!", wenn er was brauchte oder bezahlen wollte. Einmal flog er auf eine Geschäftsreise nach Florida und machte mich neidisch mit Fotos von ihm und einer sehr großen Micky Maus bei seinem Besuch in Disney World.

Seine Aussage über Hitler war natürlich widerwärtig. Darum hat sich mein Bruder damals auch so aufgeregt. Ob und in welchem Maß antisemitische Ideologie bei meinem Onkel eine Rolle spielte, kann ich heute nicht zuverlässig sagen. Ich glaube aber, dass sich sein Spruch besser mit einer Mischung aus Wir-gegen-sie-Denken, der geopolitischen Lage und einer grandiosen Unreflektiertheit erklären lässt als mit einem geschlossenen antisemitischen Weltbild. Israel hatte ungefähr zu dieser Zeit den Libanon mal wieder angegriffen und unterdrückte ganz generell die Palästinenser brutal, so die landläufige Meinung unter vielen Libanesen.

Worauf ich aber raus will: Ich nehme an, das Bild, das du dir spontan von meinem Onkel Nabil gemacht hast, unterscheidet sich erheblich von meinem echten Onkel Nabil. Schon klar, woher willst du auch wissen, wie er war? Das ist kein Vorwurf. Ich möchte damit nur illustrieren, dass die meisten von uns sehr starke Vorstellungen von bestimmten Gruppen haben. Ich finde es ein bisschen schwierig, das als ,,rassistisch" zu bezeichnen, wenn man auch die Rassentheorien der Nazis und Kolonisatoren als rassistisch bezeichnet. Aber es ist halt auch nicht nicht rassistisch.

Hört man ,,Moslem" oder ,,Araber", verbinden die meisten damit etwas Negatives. Irgendwie frauenfeindlich, rückständig, antisemitisch und so weiter. Und meistens sprechen wir dann von der ,,Kultur" bestimmter Länder. Oder wir sprechen gleich von ,,kulturellen Unterschieden". Ich selbst bin mit deutscher Kultur als Deutscher aufgewachsen. Wir haben schon immer zu Hause deutsch gesprochen, aber mit Verwandten und auf der Straße arabisch. Ich war in Beirut bis zu meinem zehnten Lebensjahr an einer deutschen Schule, der ,,Deutschen Schule Beirut". Ich konnte bis zu unserem Umzug nach Deutschland das ,,R" nicht rollen. Im Gegensatz zu meinen Geschwistern, die sich eher als arabisch verstehen, glaube ich. Als ich zehn wurde, sind wir vor dem Bürgerkrieg im Libanon in die Heimat meiner Mutter in eine schwäbische Kleinstadt gezogen. An den ,,Fuß der schwäbischen Alb", quasi.

Heute fühle ich mich eher als Friedrichshainer oder als jemand, der links und freiheitsliebend ist. Ist es also ein ,,kultureller Unterschied", dass ich die Haltung von Onkel Nabil zu Hitler zum Kotzen finde? Ein bisschen bestimmt. In Deutschland sagt man das nicht so einfach. Obwohl. Ich habe mal für ein paar Monate bei Daimler in der Achsschenkelschmiede in Sindelfingen gejobbt. Das gab sehr gutes Geld. Wir hatten dort einen Meister. Also einen Handwerksmeister. Ein kleiner Mann mit grauem Kittel. Der hatte zur Nazizeit als 14-Jähriger dort gearbeitet. Auf breitem schwäbisch erzählte er mir von ,,de Zwangsarbeiter". ,,Die wared immr ganz bloich" – die waren ganz bleich. Eine interessante und erschreckend präzise Beobachtung, fand ich immer. Und dabei grinste er ein bisschen. Ich konnte nicht deuten, warum. Der Meister war so einer, der fand, dass die Deutschen mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust auch nicht mehr ,,Dreck am Stecka" hätten als andere Völker. Und die Autobahnen seien ja trotzdem eine gute Idee gewesen. Ähnliche Sprüche habe ich in der schwäbischen Provinz oft genug gehört. ,,Des wär beim Adolf ned bassiert!".

Also, wie ist es nun mit den kulturellen Unterschieden? In genau diesem Fall war der Meister meinem Onkel Nabil deutlich näher als mir. Aber vielleicht lag das einfach am Alter. Neulich habe ich mich mit Stefan länger unterhalten. Einem jungen Mann, der im Schlüsselladen nebenan arbeitet. Er meinte dann, Verbrecher müssten viel härter bestraft werden. Ich habe ihn gefragt, was er konkret meint. ,,Naja, wer andere bestiehlt oder zusammenschlägt, der muss für mindestens zehn oder zwanzig Jahre ins Gefängnis! Damit er es auch spürt! Oder länger! Und da nichts mit Fernsehern und Fitnessraum. Einfach von morgens bis abends arbeiten!" Ok, der hat jetzt nicht gesagt, dass Hitler ein guter Mann war, aber es klang schon deutlich nach autoritären Bestrafungsgelüsten [https://houssamhamade.net/2025/11/18/gutes-buch-zerstorungslust/].

Mein Punkt ist: In jedem Land gibt es ganz verschiedene Leute. Vermutlich hast du, als du von Stefan oder dem Achsschenkelmeister gehört hast, gedacht: Ja, klar. Solche Leute gibt es. Aber das sind ja nicht alle Deutschen. Der eine ist alt, der andere halt vielleicht ein komischer Typ. Das stimmt auch. Andererseits hat ein Viertel der jungen Männer bei den letzten Bundestagswahlen die AfD gewählt. Außerdem: Denkst du auch so differenziert, wenn es um meinen Onkel Nabil geht?

Man neigt dazu, Leute aus der eigenen Gesellschaft als Individuen zu sehen. Leute aus anderen Ländern werden schnell zu Repräsentanten ihres Landes oder ihrer Kultur. Geht mir auch so. Ich komme im Urlaub in Griechenland an, der erste Taxifahrer ist unfreundlich und schon denke ich: ,,Die sind aber unfreundlich, die Griechen!"

Wenn Onkel Nabil Hitler gut findet, suchen wir die Erklärung schnell in seiner Herkunft oder seiner ,,Kultur". Wenn Stefan aus dem Schlüsselladen Scheiße labert, dann ist der halt ein komischer Typ, der mal ein Buch in die Hand nehmen könnte. Wie gesagt, der Spruch meines Onkels hat schon zum Teil etwas mit seiner Herkunft zu tun. In Deutschland gibt es jedenfalls eine viel stärkere Norm, Hitler nicht positiv darzustellen und Antisemitismus nicht offen zu äußern. Nicht offen, halt.

Jedenfalls kannst du dir den Großteil von Onkel Nabils Persönlichkeit nicht aus seiner Herkunft ableiten. Darin sind wir uns hoffentlich einig. Denk an den Versuch am Anfang des Textes. Vermutlich hast du nichts von seiner Liebe für Micky Maus, Bluejeans und dem Bleistiftbärtchen gewusst.

Der ist ja kein Roboter, der einfach ein Programm namens ,,arabische Kultur" abspult. Onkel Nabil ist ein Mensch, der von kulturellen Mustern geprägt ist, aber auch von ganz vielen anderen Dingen: seiner Familie, seinen Erfahrungen, seiner sozialen Lage, seiner Generation und was weiß ich noch. Und nebenher hat er auch noch seinen eigenen Kopf.

Es gibt kulturelle Muster und kulturelle ,,Unterschiede". Das zu leugnen ist Quatsch. Sprache, Erziehung, Religion, Normen, Essgewohnheiten oder Vorstellungen von Familie prägen Menschen. Es wäre unsinnig zu behaupten, all das hinterlasse keine Spuren. Empirische Forschung findet außerdem immer wieder durchschnittliche Unterschiede.

Muslime in Deutschland vertreten bei manchen Fragen im Durchschnitt konservativere Ansichten als Nicht-Muslime. Gleichzeitig kann bei anderen Unterschieden die soziale Lage wichtiger sein, und auch die Stärke der Religiosität spielt eine Rolle. Wenn man solche Unterschiede nicht sieht, kann man etwas Wichtiges nicht begreifen.

Viele liberale Deutsche (ich mag liberale Deutsche! Das ist kein Liberalenbashing!) neigen manchmal dazu, aus der berechtigten Sorge heraus, Leute aus anderen Ländern auszugrenzen, so zu tun, als gäbe es keine kulturellen Unterschiede. Gerade für Leute aus der ersten Generation kann das aber schlimm sein.

Der Soziologe Aladin El-Mafaalani erzählt, dass seine aus Syrien eingewanderte Mutter sich freut, wenn sie gefragt wird, woher sie kommt. Für sie ist das Interesse an ihrer Herkunft auch ein Interesse an ihr. Er selbst, der in Deutschland aufgewachsen ist, reagiert schon etwas gereizter, aber noch nachsichtig. Seine Töchter dagegen, die hier geboren wurden und sich selbstverständlich als Deutsche verstehen, stresst die Frage. Denn sie impliziert, dass sie nicht dazugehören.

Das ist eigentlich logisch. Für die erste Generation ist das Land, aus dem sie kommt, oft noch ein sehr konkreter Teil ihres Lebens. Leute, die ihre Kindheit in Damaskus verbracht haben, sprechen eine andere Sprache, essen anders, lachen über andere Witze und haben Erinnerungen an eine andere gemeinsame Lebenswelt. Bei ihren Kindern und Enkeln kann dieselbe Frage dagegen bedeuten, dass sie trotz allem immer noch als fremd angesehen werden. Dabei gehört die Geschichte ihrer Familien zur Geschichte Deutschlands.

Schon an diesen drei Generationen sieht man, wie schwierig es ist, von einer festen ,,Kultur" zu sprechen. Es gibt Kulturen und kulturelle Unterschiede. Das Problem ist, wir neigen dazu, sie zu vereinfachen. Manche treiben diese Vereinfachung so weit, dass nur eine Karikatur übrig bleibt. Sie wissen wenig über ein Land, aber umso genauer, wie ,,die Leute dort" angeblich sind. Oft ist die Vorstellung, die wir von der Kultur eines Landes haben, ein Sammelbecken für unsere Vorurteile und Wissenslücken.

,,Kultur" ist in Wirklichkeit eine sehr komplizierte Sache. Wer kann schon sagen, was ,,die deutsche Kultur" ist? Man kann einzelne Beispiele und Begriffe einwerfen, aber so richtig weiß man es nicht. Die deutsche Kultur ist wie die Kultur anderer Länder immer in Bewegung. Sie hängt von ganz vielen Einflüssen wie der Wirtschaftslage, historischen Erfahrungen, dem Internet, individuellen Entscheidungen, Zufall, amerikanischen Serien und K-Pop ab. Die deutsche Kultur heute unterscheidet sich krass von der deutschen Kultur der 1950er Jahre.

Der Sinologe und Philosoph François Jullien spricht deshalb lieber von ,,kulturellen Abständen". Das gefällt mir, weil ein Abstand nicht automatisch zwei klar voneinander getrennte Kulturen voraussetzt. Wenn man von kulturellen Unterschieden spricht, sucht man schnell danach, was ,,die Deutschen" von ,,den Arabern" unterscheidet. Ein Abstand kann dagegen je nach Person, Milieu und Lebensbereich größer oder kleiner sein.

Was ist also der kulturelle Abstand zwischen mir jetzt und meinem Onkel Nabil früher? Es gibt ihn. Bei der Bewertung Hitlers ist der Abstand riesig. Aber dieser Abstand ist kein Graben zwischen zwei geschlossenen Kulturen und schon gar keine vollständige Erklärung für zwei Individuen. In anderen Fragen stehe ich meinem Onkel näher als Stefan aus dem Schlüsselladen.

Mein Onkel Nabil ist nicht ,,die arabische Kultur". Er ist mein Onkel Nabil. Einer, der Hitler für einen guten Mann hielt, im Restaurant nach dem maître schnippste, mich mit seinem Besuch in Disney World neidisch machte und nicht die hellste Kerze auf der Torte war. Du weißt jetzt etwas mehr über ihn als am Anfang. Aber ziemlich sicher immer noch viel weniger, als ein Teil von Dir glaubt zu wissen.



Aus: "Der kulturelle Unterschied zwischen mir und meinem Onkel Nabil (der Hitler für einen guten Mann hielt)" Houssam Hamade (2026-08-22)
Quelle: https://houssamhamade.net/2026/08/22/der-kulturelle-unterschied-zwischen-mir-und-meinem-onkel-nabil-der-hitler-fur-einen-guten-mann-hielt/