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[Das Einbrechen der Realität in die Sphäre der Kunst ...]

Started by Textaris(txt*bot), February 10, 2025, 01:28:05 PM

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Textaris(txt*bot)

Quote[...] Ist Kunst nur Kunst oder immer auch Verantwortung?


Aus: "Beklemmendes Gewissensdrama" Sabine Leucht (2.3.2025)
Quelle: https://taz.de/Mephisto-in-Muenchen/!6070054/

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Quote[...] Der auf dem Roman von Klaus Mann fußende Film Mephisto wurde 1981 von István Szabó mit Klaus Maria Brandauer in der Hauptrolle gedreht.

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Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Gustaf_Gr%C3%BCndgens (24. Februar 2025 )

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Quote[...] Für den Fischer Film Almanach 1982 war Mephisto ,,weit mehr als die Verfilmung eines berühmten Schlüsselromans". Er nannte die Schlussszene, in der Höfgen ruft: ,,Ich bin doch nur ein Schauspieler!"


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Mephisto_(Film) (8. Februar 2025)

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Quote[...] Mephisto – Roman einer Karriere ist der sechste Roman des Schriftstellers Klaus Mann, der 1936 im Exilverlag Querido in Amsterdam erschienen ist. Er wurde 1956 erstmals in Deutschland im Ostberliner Aufbau-Verlag verlegt.

... Erzählt wird die Geschichte des Schauspielers Hendrik Höfgen von 1926 im Hamburger Künstlertheater bis zum Jahr 1936, als dieser es zum gefeierten Star des sogenannten Neuen Reiches gebracht hat.

... Nach dem Tode Gründgens' klagte dessen Adoptivsohn und Alleinerbe Peter Gorski erfolgreich gegen die Publikation in der Bundesrepublik Deutschland und die Veröffentlichung des Romans Mephisto durch die Nymphenburger Verlagshandlung. Während das Landgericht Hamburg die Klage noch abgewiesen hatte und das Buch daraufhin veröffentlicht worden war, gab das Oberlandesgericht Hamburg mit Urteil vom 10. März 1966 der Klage statt. Die hiergegen gerichtete Revision des Verlags wurde vom Bundesgerichtshof mit Urteil vom 20. März 1968 zurückgewiesen. Aufgrund einer Verfassungsbeschwerde des Verlags konnte das Bundesverfassungsgericht sich in seiner Mephisto-Entscheidung vom 24. Februar 1971 erstmals mit dem Verhältnis zwischen Kunstfreiheit und den Grundrechten Dritter befassen. Im konkreten Fall gewichtete das Gericht den postmortalen Persönlichkeitsschutz höher als die Kunstfreiheit nach Art. 5 Abs. 3 GG, hielt dem Bundesgerichtshof allerdings vor, er habe fälschlich auf das Allgemeine Persönlichkeitsrecht des verstorbenen Gustaf Gründgens nach Art. 2 Abs. 1 GG abgestellt, da dieses nur lebenden Personen zukomme. Es könne sich allenfalls auf den postmortalen Persönlichkeitsschutz berufen werden, was allerdings in diesem Fall Erfolg habe. Die Entscheidung erging mit drei zu drei Stimmen, was eine Zurückweisung bedeutete. Zwei der drei Richter, die gegen die Zurückweisung stimmten, formulierten jeweils ihre abweichende Meinung, die auch (wie beim Bundesverfassungsgericht üblich) in die amtliche Entscheidungssammlung im Anschluss an die Entscheidung aufgenommen wurde.

Im Jahr 1981 wurde der Roman trotz des bestehenden Urteils in der Bundesrepublik im Rowohlt Verlag veröffentlicht. Vorher konnte man ihn jedoch aus der DDR beziehen, wo er bereits 1956 im Aufbau Verlag veröffentlicht worden war und sechs Auflagen erreicht hatte.

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Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Mephisto_(Roman) (1. Februar 2025)

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Quote[...] Was für ein großartiger Beginn dieses Familienromans aus dem Jahr 1938! Dank einer Neuausgabe im Aufbau Verlag kann Der eiserne Gustav nun neu entdeckt werden. Denn erstmals erscheint dieser 800-Seiten-Wälzer nicht verstümmelt oder verfälscht, sondern in der von Rudolf Ditzen, wie Hans Fallada mit bürgerlichem Namen hieß, intendierten Originalfassung. Am Schicksal einer gewöhnlichen Berliner Familie entfaltet das Werk das kulturelle und sozialpsychologische Panorama jener Zeit.

... Der eiserne Gustav war ein Auftragswerk für die Filmgesellschaft Tobis; Goebbels höchstpersönlich war an diesem Roman interessiert und verlangte, dass die Geschichte der Hackendahls erst mit der Machtergreifung Hitlers endete. Also schrieb Fallada, in einer Mischung aus Wut und Frustration, einen neuen Schluss, den ,,Nazi-Schwanz", wie er ihn nannte. Darin gewann Heinz Hackendahl als SA-Mitglied neues Selbstbewusstsein, ausgerechnet, schließlich ist Gustavs jüngster Sohn mit seinem Anstand und Idealismus doch der große Sympathieträger dieses Romans.

Dem heutigen Leser ruft dieser nazi-genehme Romanschluss Thomas Manns berühmtes Wort in Erinnerung, wonach allen im Dritten Reich gedruckten Büchern ein ,,Geruch von Blut und Schande" anhafte. Die rekonstruierte Fassung mit dem ursprünglichen Schluss zeigt jedoch, dass Der eiserne Gustav schon von Beginn an auch Stellen enthielt, die doch etwas mehr als nur ,,komplex" sind, wie die Herausgeberin sie bezeichnet. Wie jene Passagen, in denen die deutsche Niederlage und die Folgen des Versailler Vertrags thematisiert werden. Denn die Kritik, die Falladas Erzähler am Umgang der Siegermächte mit dem geschlagenen Deutschland äußert oder an deutschen Politikern, die sich dem Willen der Sieger vorschnell unterworfen hätten, war im Jahr 1938 vor allem eines, nämlich wunderbar kompatibel mit der herrschenden NS-Ideologie.

Gewiss, vom Rassenwahn der Nazis ist im ,,eisernen Gustav" nichts zu finden, und Gustavs Fahrt nach Paris steht ganz im Zeichen von Versöhnung mit dem einstigen ,,Erzfeind". Doch schon im Vorgängerroman Wolf unter Wölfen von 1937, Falladas erstem Erfolgstitel in der NS-Zeit, war es gerade die Kritik an den Verhältnissen in der Weimarer Republik gewesen, die dem Autor die Anerkennung der NS-Literaturkritik sicherte. Es ist offensichtlich, dass der Volksschriftsteller eine ähnlich anpassungsbereite Erzählstrategie auch im ,,eisernen Gustav" verfolgte. Und zwar nicht erst nach Goebbels später Intervention, sondern, wie die rekonstruierte Originalfassung belegt, von Anfang an.

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Zu: Hans Fallada: Der eiserne Gustav.
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Jenny Williams.
Aufbau Verlag, Berlin 2019.
831 Seiten, ISBN-13: 9783351037604



Aus: "Der Nazi-Schwanz" Oliver Pfohlmann (2020)
Quelle: https://literaturkritik.de/fallada-der-eiserne-gustav-der-nazi-schwanz,26976.html
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Quote[...] Esra ist ein autobiografischer Liebesroman des deutschen Schriftstellers Maxim Biller. Das 2003 bei Kiepenheuer & Witsch erschienene Werk, das intime Details der unglücklichen Liebe des Autors zu einer in Deutschland lebenden Türkin enthält, war Ausgangspunkt einer juristischen Auseinandersetzung, die zum Verbot der Veröffentlichung des Romans führte. Von der Literaturwissenschaft wurde es auch als Werk der Autofiktion bezeichnet.

... Der Roman befasst sich mit einer komplizierten Liebesgeschichte der Protagonisten, dem jüdischstämmigen Adam und der türkischstämmigen Esra. Die Beziehung der beiden ist geprägt von Eifersucht und Argwohn bis hin zum Verfolgungswahn. Beide trennen sich und kommen wieder zusammen. Schließlich scheitert die Beziehung an der Schwangerschaft Esras. Neben den komplizierten Persönlichkeiten wird die Beziehung auch durch den jeweiligen kulturellen Hintergrund und das verwandtschaftliche Umfeld der beiden Hauptfiguren geprägt. Eine besondere Rolle nimmt hierbei die Hassbeziehung Adams zu Esras Mutter ein.

Der Roman greift eine Vielzahl von Details aus dem Leben der später am Rechtsstreit beteiligten realen Personen im Roman auf, so zum Beispiel hochrangige tatsächlich verliehene Preise. Hierdurch machte er Esra und ihre Mutter identifizierbar. Dabei greift der Roman gleichzeitig seine eigene Wirkung auf, etwa wenn Esra Adam erklärt, dass sie sich eben nicht mit intimen Details in seinen Kolumnen oder Büchern wiederfinden möchte. Dies kann man durchaus im Zusammenhang mit Billers Literaturkonzept sehen, dass die Literatur das Leben widerspiegeln solle.[2] Allerdings weist der Roman in nicht unwichtigen Schlüsselszenen Abweichungen zu den realen Vorbildern auf, auch solche, die ihrerseits ehrenrührig sind. Für den Leser ist so nicht erkennbar, wo tatsächlich reale Gesichtspunkte realer Figuren beschrieben werden und wo dies nicht der Fall ist und die Fiktion beginnt.

Die Veröffentlichung des Werkes wurde 2003 kurz nach dem Erscheinen untersagt, da das Landgericht München I die Persönlichkeitsrechte des Vorbilds für ,,Esra", Ayşe Romey, einer in Deutschland lebenden Schauspielerin, und deren ebenfalls in der Öffentlichkeit stehenden Mutter, Birsel Lemke, verletzt sah.

... Ende 2005 legte der Verlag Verfassungsbeschwerde gegen das Verbot ein. Am 13. Juni 2007 lehnte das Bundesverfassungsgericht die Beschwerde mit fünf zu drei Stimmen ab (BVerfGE 119, 1).

... Im Falle der Mutter, so das Gericht, soll diese Fiktionalität dem Leser gegenüber klar hervorgetreten sein. Daher wurde ihr gegenüber die Beeinträchtigung des Persönlichkeitsrechts als durch die Kunstfreiheit gerechtfertigt gewertet. Im Falle der Tochter hingegen griff die Fiktionalitätsvermutung nicht, da eine Beeinträchtigung des Wesenskerns des Persönlichkeitsrechts, der Intimsphäre, durch Beschreibungen des Sexuallebens vorgelegen habe, die der Leser für wahr halten müsse. Hieraus ergibt sich die Formel: Je mehr eine künstlerische Darstellung besonders geschützte Dimensionen des Persönlichkeitsrechts [d. h. die Intimsphäre] berührt, desto stärker muss die Fiktionalisierung sein, um eine Persönlichkeitsrechtsverletzung auszuschließen.

... Zu den literaturgeschichtlichen Streitfällen, die als Vorläufer des Esra-Prozesses zitiert werden, gehören der Prozess um den Schlüsselroman Aus einer kleinen Garnison von Fritz Oswald Bilse (1903) und der Streit um Thomas Manns Buddenbrooks (1901). Streitpunkt war in diesen Fällen stets, inwiefern Schriftstellern das Recht zusteht, lebende Personen literarisch darzustellen.

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Aus: "Esra (Roman)" (24. Dezember 2024 )
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Esra_(Roman)

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Quote... Allerdings drängen die Komposition der Themen und ihre gewisse radikale Diesseitigkeit zu einer Frage nach den Lebensumständen und den unreflektierten Privilegien, die im Westeuropa auch in Zeiten des Krieges genossen werden. Und so stehen wir am Ende des Kaffee Latte und schauen etwas beunruhigt in den Geschichten des eigenen Lebens, in dem Maxim Biller mit hintergründiger Ironie gekramt zu haben schien.


Aus: "Der Kaffee Latte-Roman -Maxim Billers Geschichte einer scheiternden Liebe darf vorerst nicht weiter verbreitet werden" Lennart Laberenz (2003)
Quelle: https://literaturkritik.de/id/5935

Textaris(txt*bot)

#1
Quote[...] Die Giftgrube soziale Medien hat nicht nur Information und Desinformation extrem beschleunigt, sondern auch die Geschwindigkeit des Fallbeils, mit dem wir über Menschen urteilen. Getroffen hat es jetzt die Schauspielerin Karla Sofía Gascón. Eben noch war sie für ihre Rolle im Musicaldrama ,,Emilia Perez" umjubelt worden, in dem sie einen millionenschweren, mexikanischen Kartellboss spielt, der sich einer Geschlechtsumwandlung unterzieht und mit neuer Identität zur prominenten Aktivistin gegen die mordenden Kartelle wird. Als erste Transperson überhaupt wurde Gascón für einen Oscar nominiert und als Heldin gefeiert.

Innerhalb weniger Tage aber wurde die Spanierin, den Oscar fast schon sicher, mittels teils zehn Jahre alten Tweets vom Thron und unter den Bus geworfen. Netflix nahm sie aus der PR-Kampagne, geplante Auftritte und Reden wurden abgesagt und selbst ihr Regisseur distanzierte sich von ihr.

Was zum Teufel war passiert? Hatte jemand herausgefunden, dass sie auf Twitter mal einen Mord gestanden hatte? Ist sie ein Fake? Ein Vergewaltiger? Mitglied der SS? Nein, nichts dergleichen. Sie hat Bullshit erzählt.

George Floyd, dessen gewaltsame Tötung durch US-Polizisten ,,Black Lives Matter" begründet hatte, hatte sie als ,,drogenabhängigen Betrüger" bezeichnet, den Islam als ,,Infektionsquelle für die Menschheit, die dringend geheilt werden muss", und über die Oscar-Verleihung 2021 gesagt, dass die mit einem ,,afrokoreanischen Festival, einer Black-Lives-Matter-Demo oder einer Feminismusgala" zu verwechseln sei.

Die Journalistin Sarah Hagi, die diese und andere Tweets ausgegraben hat, unterstellt Gascón deshalb unter anderem, rassistisch, transphob, impfskeptisch und oscarbeleidigend zu sein. Gascón löschte daraufhin die Tweets und entschuldigte sich mehrfach per Instagram und in TV-Interviews. Sie sei in einer Scheißphase gewesen, erklärte sie. Aber auch, dass ihre Ironie offenbar als Angriff verstanden wurde.

Die Meinungen über ,,Emilia Perez" reichen von umwerfendes Spektakel bis totaler Trash, und an allem ist was dran. Am Samstag hat der Film zwar noch Spaniens wichtigstem Branchenpreis Goya in der Kategorie bester europäischer Film gewonnen. Dass die 13 Oscar-Nominierungen allerdings auch der Politisierung dieses Preises geschuldet sind, wird kaum jemand bestreiten.

Insofern ist Gascón, die ohne diese Politisierung weniger Chancen auf eine Nominierung gehabt haben dürfte, jetzt Opfer genau dieser Politisierung geworden. Sie taugt in den Augen vieler nicht mehr zur Heldin. Denn sie ist nicht frei von Fehlern.

Bestimmt gibt es bessere Filme über oder mit Transpersonen, bestimmt gibt es politisch fehlerfreiere Schauspielerinnen als Gascón, die ihre Fingerabdrücke auf Social Media nur unter professioneller Aufsicht hinterlassen. Sicher wäre es auch cooler gewesen, statt die Tweets zu löschen, sie als Zeugnis eigener Verfehlung stehenzulassen, und noch besser wäre gewesen, nicht auch noch von einer Verschwörung der Oscar-Konkurrenz zu sprechen. Aber das ist eben real life.

Es ist doch geradezu erfrischend, dass ein Hollywood-Star eben noch nicht die perfekte Rolle im realen Leben spielt. Von perfekten Entschuldigungen für frühere Verfehlungen wird die Welt sowieso nicht besser, wie wir in den letzten Jahren gesehen haben, in denen ,,Entschuldigung" öfter gesagt wurde als ,,Bitte, ein Bier!".

Das Allererstaunlichste aber ist, dass ausgerechnet ,,Emilia Perez" von der Unmöglichkeit handelt, der eigenen Vergangenheit zu entkommen: Emilia Perez, ehedem Manitas Del Monte, kann zwar ihr Geschlecht umwandeln und zur Aktivistin gegen die Mafia werden, den Zorn, die Besitzansprüche und Gewaltausbrüche, die sogenannte toxische Männlichkeit holen sie trotzdem immer wieder ein.

Dass der Regisseur Jacques Audiard, der sich diesen Plot ja so ausgedacht hat, seiner Hauptdarstellerin nun wegen ein paar dummen Tweets, die sie nicht mal verteidigt, derart in den Rücken fällt – er ließ wissen, dass er nach Aufdeckung der Tweets nicht mit Gascón gesprochen hat und auch nicht mehr mit ihr sprechen will –, ist der größte Skandal in dieser Geschichte. Hat er vergessen, was die Botschaft seines eigenen Films ist?

Dass wir unseren Prägungen nur schwer, wenn überhaupt entkommen können, ist inzwischen kein Thema mehr für freudomarxistische Selbsthilfegruppen in schummrigen Kellern. Umso mehr aber diese Erkenntnis zur Standardaussage geworden ist, umso mehr scheint die Bereitschaft, die auch auszuhalten, zu schwinden.

Wegen irgendeines Schrotts auf Twitter so zu tun, als sei das kurz vor einem Verbrechen gegen die Menschheit, und ständig zu fordern, sich zu distanzieren, sobald irgendwas nicht ganz okay ist, scheint inzwischen zu einem Bild vom Menschen geführt zu haben, das in ,,Emilia Perez" unter anderem anhand der Schönheits-OP-Industrie kritisiert wird: Perfektion. Der Fall Gascón ist ein groteskes und trauriges Beispiel dafür.


Aus: "Keine Heldin ohne Fehler" Doris Akrap (9.2.2025)
Quelle: https://taz.de/Skandal-um-Emilia-Perez/!6065018/

Emilia Pérez ist ein Spielfilm von Jacques Audiard aus dem Jahr 2024. Das Werk ist ein Musical-Thriller und handelt von einem mexikanischen Drogenbaron, der seine Vergangenheit hinter sich lassen und ein neues Leben als Frau beginnen möchte. Die Titelrolle übernahm die spanische transgeschlechtliche Schauspielerin Karla Sofía Gascón.
https://de.wikipedia.org/wiki/Emilia_P%C3%A9rez

QuoteDieLottoFee
09.02.2025, 23:27 Uhr

Sie war nur als Heldin etwas wert, jetzt wird sie fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel wegen Äußerungen, mit denen andere Karriere machen und Wahlen gewinnen. Einerseits will die Linke Helden und Heilige vom Thron stürzen, andererseits verzehrt sie sich geradezu nach dem perfekten Menschenwesen, dem sie nacheifern kann.


QuoteKlaus Franz, 07:04 Uhr

@DieLottoFee: Ich möchte Ihnen Recht geben und ergänzen, daß man vielleicht zu sehr und zu oft darauf abhebt, Menschen wahlweise zu verklären oder zu verdammen, was diesen, nach meinem Dafürhalten, meist beides nicht gerecht wird.


Quotev63, 00:37 Uhr
@DieLottoFee:

Für solche Aussagen wurden andere angegriffen und Rücktritte gefordert und Karrieren beendet. Aber bei einer T>ransfrau sollen andere Massstäbe gesetzt werden. Außerdem "die Linke" verzehrt sich nicht nach Helden und Heiligen.Verwechseln Sie hier mal nicht die politische Linke mit irgendwelchen pseudo Linken und selbsternannten Moralisten.


QuoteKanarios, 23:14 Uhr

Liebe Doris Akrap, ihr Artikel macht mich fassungslos. Und läßt mich ernsthaft an ihren journalistischen Fähigkeiten zweifeln. Wie Sie die unerträglichen Aussagen von Gascón so verharmlosen, das ist absurd.


QuoteJanix, 22:03 Uhr

Die Tweets sind Mist und zeigen, dass man als Trans genauso dumm oder klug sein kann wie andere auch.

Die kann man auch vom Film trennen, natürlich. Genauso wahr ist, dass ein Film, nur weil ein Trans mitspielt, nicht gleich ganz toll und progressiv und wasweißich ist, sondern dass mensch besser genauso scharf hinsieht, nicht mehr, nicht weniger.


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Textaris(txt*bot)

Quote[...] Schwer wiegt der Verrat; unerträglich ist der Verrat durch die Heldin. Nun zeigt sich die literarische Öffentlichkeit schockiert angesichts einer Enthüllung, die die im Mai verstorbene Nobelpreisträgerin Alice Munro betrifft: Munros zweiter Ehemann missbrauchte ihre leibliche Tochter seit deren neuntem Lebensjahr. Und die Autorin hielt ihrem Mann auch nach der Enthüllung des Verbrechens die Treue.

Munros Tochter Andrea Robin Skinner zeigte den Fall 2005 an (der Missbrauch fand in den 1970ern statt), ihrer Mutter offenbarte sie sich bereits in den 90er Jahren. Doch es dauerte bis nach Munros Tod, bis der Missbrauchsfall öffentlich wurde. Ganz so, als hätte die Autorin eine schützende Hand umgeben. Oder eben ein schützender Mythos: der Mythos von der selbstermächtigten Frau, die es zu literarischer Größe brachte. Gegen alle Widerstände.

Munros Geschichte, die – wie es sich gehört – ein Happy End zu haben schien, als die ,,Meisterin der kurzen Form" 2013 den Nobelpreis für Literatur erhielt, verwandelt sich nun vor den Augen der Welt in eine Tragödie, in der die missbrauchte Tochter mit dem Verrat durch die Mutter zu kämpfen hat. Je mehr man erfährt, desto ungeheuerlicher wird der Fall. Denn ihr Mann stritt die Vorwürfe nicht einmal ab, schob stattdessen dem Kind die Schuld zu, das sich wie eine Lolita verhalten habe.

Munro wiederum fühlte sich, so legt es ein Text der Tochter nahe, wie eine betrogene Ehefrau: Verraten fühlte sie sich nicht von dem Mann, der ihr Kind missbrauchte, sondern von ihrer Tochter, die ihr zweimal den Mann raubte: Weil er Sex mit ihr hatte (weil sie ihn angeblich ,,anstiftete") und sie nun Ehe und Ansehen der Autorin gefährdete.

Selbst Literaturstar Margaret Atwood, eine enge Freundin der Autorin, zeigt sich in Interviews geschockt und ratlos. Munro ist eine Ikone, gerade für die Frauenbewegung, und das hängt mit ihrer Geschichte zusammen. Wie so viele Frauen ihrer Generation war sie eine junge Hausfrau und Mutter, als sie mit dem Schreiben begann. Die Lebensumstände bedingten die Form ihres Schaffens: die ,,kleine" Form, die Kurzgeschichte, deren besondere Stärke im Sezieren der psychischen Zustände der eigenen Figuren besteht, mit absoluter Schonungslosigkeit. Plötzlich muten die Titel ihrer Kurzgeschichten und Bücher wie Ein-Satz-Geschichten eines Ichs an, das etwas zu verbergen hat über das eigene Liebes Leben und pikiert fragt: Wozu wollen Sie das wissen?

Das Bild der einsamen Dichterin, die ein künstlerisch prekäres Leben führt, in dem sie ständig aufgerieben wird zwischen den Anforderungen des Privaten, der Gesellschaft und des eigenen Schaffens, ist ein wirkmächtiges Narrativ. Auch der Mythos, der Sylvia Plaths tragischen Tod umgibt, hängt mit der prekären Doppelrolle als Dichterin und Mutter zusammen. Ergänzt wird die Erzählung der Selbstbehauptung der Autorinnen durch das Verhängnis, das man Mann nennt. In Munros Fall offenbart sich bei der Re-Lektüre von Interviews, in denen sie von ihrem Mann spricht, eine gehörige Portion Abhängigkeit von demselben. Etwa wenn ihr Mann in einem Interview mit dem New Yorker am Tisch erscheint, damit sie nichts Falsches sage, wie sie scherzhaft anmerkt.

Zu einer feministischen Ermächtigungserzählung gehört auch die Macht der Mutter, die als preisgekrönte Autorin unabhängig sein könnte von dem Mann, der missbraucht. Allerdings gilt ebenso die Binse von den künstlerischen Ikonen, die zuletzt Mensch sind: bisweilen masochistisch, abhängig und blind für die eigenen Verstellungen.


Aus: "Tiefer Fall einer feministischen Heldin: Alice Munro schwieg zu Missbrauch ihrer Tochter" Marlen Hobrack (16.07.2024)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/marlen-hobrack/alice-munro-schwieg-zu-missbrauch-an-tochter-sturz-einer-feministischen-heldin

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Quote[...] Es ist beinahe schon eine Binsenweisheit, dass das Werk vom Autor zu trennen ist. Rückschlüsse von der Biografie auf den Autor trivialisierten die Literatur, predigte einst Michel Foucault, sie seien deshalb irrelevant. Doch im Leben lassen sich solche theoretischen Grenzziehungen meist nur schwer aufrechterhalten.

So taucht verlässlich jedes Mal, wenn ein Skandal um einen Künstler an die Öffentlichkeit gelangt, die Frage auf, ob man sich das Werk noch zu Gemüte führen darf. Darf man noch Filme von Woody Allen oder Kevin Spacey sehen? Darf man noch Bücher von Junot Díaz lesen, darf man noch Michael Jackson hören, oder, in jüngerer Zeit, P. Diddy und Jay-Z?

Seit dem vergangenen Sommer beschäftigt diese Frage auch die kanadische Nation, wenn von Alice Munro gesprochen wird, der Literatur-Nobelpreisträgerin, deren Kopf eine Briefmarke ziert und die vom zurückgetretenen Premierminister Trudeau als nationale Ikone bezeichnet wurde. Literaturprofessoren ringen damit, wie mit ihrem unzweifelhaft herausragenden Werk umzugehen ist. Buchhandlungen wissen nicht, ob und wohin sie Alice Munros Bücher in die Regale stellen sollen. Und Kollegen sorgen sich darum, welches Licht die Affäre um Munro auf die gesamte kanadische Literatur wirft.

Ausgelöst wurde die nationale Schockwelle durch einen Aufsatz von Munros Tochter Andrea Robin Skinner im Toronto Star, in dem sie offenlegte, wie sie von ihrem Stiefvater sexuell missbraucht wurde und wie ihre Mutter sie nicht nur nicht beschützt, sondern bei der jahrzehntelangen Vertuschung der Vorgänge mitgewirkt hat. Nun haben sowohl die New York Times als auch der New Yorker in investigativen Stücken von epischer Länge das Familiendrama, das sich über 50 Jahre hinzog, im Detail ausrecherchiert.

Einig waren sich die Autoren dabei vor allem in einem: Man kann, ja man sollte sogar unbedingt weiterhin Alice Munro lesen. Gleichzeitig bestehe ein unbedingter Zusammenhang von Autorin und Werk. Das Werk der Alice Munro ist nicht nur ohne das Familiendrama nicht zu verstehen. In vielerlei Hinsicht ist das Werk Teil des Familiendramas.

Im Oktober 1993 erschien im New Yorker eine Kurzgeschichte von Alice Munro mit dem Titel ,,Vandals". Die Hauptfigur Bea, eine geschiedene Frau mittleren Alters, die klare autobiografische Züge trägt, verfällt einem Mann namens Ladner, einem charismatischen Armeeveteranen. Die beiden ziehen auf ein entlegenes Landgut, zu dem ansonsten nur zwei vernachlässigte Kinder aus der Nachbarschaft Zugang haben. Nach und nach erfährt Bea, dass Ladner eines der Kinder, Liza, seit Jahren sexuell missbraucht. Bea fühlt sich tief in den Schmerz des Kindes ein, doch sie ist unfähig, Ladner zu konfrontieren oder ihn zu verlassen. Am Ende zerstört Liza in einem Akt des Zorns und der Rache das Haus des Paares.

Kurz zuvor, im Jahr 1992, hatte Andrea Robin Skinner, die mittlerweile 25 Jahre alt war und an schweren psychosomatischen Symptomen wie Migräne, Schlaflosigkeit und Bulimie litt, endlich den Mut gefasst, mit ihrer Mutter darüber zu reden, was in ihrer eigenen Familie vor sich gegangen war. Seit sie neun Jahre alt war, wurde Andrea Skinner von Alice Munros zweitem Mann, einem Weltkriegsveteranen namens Gerald Fremlin, sexuell missbraucht. Zu mehreren Gelegenheiten hatte Fremlin das Mädchen ganz unumwunden vergewaltigt.

Andrea Skinner hatte den Missbrauch bislang aus den gleichen Gründen für sich behalten, aus denen die meisten Missbrauchsbetroffenen stillhatten. Sie trug Scham- und Schuldgefühle mit sich, und sie hatte Angst davor, die Familie zu zerstören. Als ihre Mutter ihr von einem Roman erzählte, in dem eine junge Frau nach ihrem sexuellen Missbrauch Selbstmord begeht, schöpfte Andrea Skinner Hoffnung, auf Mitgefühl zu stoßen.

Doch diese Hoffnung wurde enttäuscht. Alice Munro verließ zwar vorübergehend Fremlin. Andrea Skinner besuchte ihre Mutter, war von deren Reaktion jedoch enttäuscht. Es sei ihrer Mutter nur um sie selbst gegangen und um ihr Gefühl, betrogen worden zu sein, schrieb sie in ihrem Aufsatz im Toronto Star. Fremlin hatte in der Zwischenzeit die Anschuldigungen abgetippt und mit ausführlichen Randkommentaren versehen. Der Unterton war, dass Andrea, wie Nabokovs Romanfigur Lolita, die Schuld trage, weil sie ihn ,,verführt" habe.

Nach kurzer Zeit zog Alice Munro zu Fremlin zurück. Der Kontakt zwischen ihr und ihrer Tochter brach bis zu Munros Tod ab. Welches Mitgefühl auch immer Munro für ihre Tochter verspürt haben mag, sie konnte es nur in ihrer Kunst ausdrücken. Im wahren Leben war sie bereit, für ihren zweiten Mann die Beziehung zu ihrer Tochter aufs Spiel zu setzen.

,,Vandals" ist nicht das einzige Werk, in dem Munro eine Klarheit beweist, die sie so im wirklichen Leben nie an den Tag legen konnte. ,,Labor Day Dinner" aus dem Jahr 1981 handelt von einer weiteren geschiedenen Frau, Roberta, die mit einem neuen Lebensgefährten zusammenlebt. Roberta lädt zu einem Feiertag ihre Töchter ein, die schockiert davon sind, wie sich ihre Mutter in der Beziehung zu dem neuen Mann verändert hat. ,,Er möchte sie und uns alle versklaven und sie vollführt einen ständigen Drahteilakt, um ihn nicht zu erzürnen."

In der Geschichte ,,Dulse" besucht die weibliche Hauptfigur eine Therapeutin, um ihre Beziehung zu einem Mann namens Duncan zu diskutieren. Sie weiß, wie groß die Kompromisse sind, die sie eingeht, um mit diesem Mann zusammenzuleben und gesteht zugleich, dass sie nur glücklich sein kann, wenn sie ihn zufriedenstellt.

Man kann diese Geschichten, wie jedes Kunstwerk, als unabhängige Stücke Literatur lesen. Jahrzehntelang wurden sie auch so behandelt, solange Alice Munro in der Öffentlichkeit den Schein eines intakten Privatlebens aufrechterhielt. Nach den Enthüllungen ihrer Tochter ist es freilich schwer geworden, sie vom Leben losgelöst zu sehen.

Munro wollte diese Trennung unter allen Umständen aufrechterhalten. Als im Jahr 2005 der Literaturwissenschaftler Robert Thacker eine Biografie über sie schrieb, baten alle drei Töchter der Schriftstellerin ihn inständig, den Missbrauch durch den Mann, mit dem Munro noch immer zusammenlebte, doch bitte mit aufzunehmen. Als er sich mit dem Kommentar weigerte, das sei ,,nicht die Art von Buch", das er schreiben wolle, reagierte Andrea Skinner mit einer zornigen Mail, in der sie Unverständnis dafür zeigte, wie er ,,einen solchen zentralen Aspekt von Munros Leben aussparen" könne. Munro selbst sagte dazu: ,,Das wäre dann das Einzige, worüber die Leute reden. Ich habe lange dafür gearbeitet, die zu sein, die ich bin."

So drang der Missbrauch erst 19 Jahre später ins Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit. Dabei war die Information für jeden, der es wissen wollte, bereits seit 2004 zugänglich. Nachdem sie wieder einmal einen Zeitschriftenartikel über das ,,charmante Paar" Munro/Fremlin gelesen hatte, ging Andrea Skinner mit den kommentierten Briefen Fremlins zur Polizei. Er gestand den Missbrauch und wurde verurteilt. Andrea Skinner wollte nicht, dass er ins Gefängnis geht, stattdessen zahlte er eine beträchtliche Summe an eine Einrichtung, die Opfer sexuellen Missbrauchs betreut.

Doch wie der Munro-Biograf wollte niemand etwas davon wissen, nachdem sich Andrea Skinner nach langer Therapie dazu entschlossen hatte, über ihren Missbrauch zu sprechen. Erst nach Alice Munros Tod 2024 nahm sich der Toronto Star des Themas an und übernahm einen Essay von Andrea Skinner, der vorher auf der Website des Therapiezentrums Gatehouse erschienen war.

Der Journalist und Autor Stephen Marche führt das Schweigen auf eine spezifisch kanadische Neigung zurück, Ärger zu vermeiden und Dinge herunterzuspielen. Dazu gehört etwa die Epidemie des Massenmords an indigenen Frauen, die bis vor Kurzem gesellschaftlich kaum thematisiert und skandalisiert wurde.

Was Alice Munro betrifft, so beschleicht Marche der dringende Verdacht, dass die selbstquälerische Unterdrückung des Unaussprechlichen nicht zuletzt ein Quell für ihre Produktivität und ihre Brillanz war. Für ihn sind Kunst und Leben in diesem Fall untrennbar.

Für Andrea Robin Skinner, die sich nie mit ihrer Mutter versöhnte, bleibt zumindest ein kleiner Trost. In ihren letzten Lebensmonaten, schon von schwerer Demenz gezeichnet, sagte Alice Munro, dass sie unter keinen Umständen ,,neben diesem Pädophilen beerdigt" werden wolle. Erst im Tod konnte sie sich aus der toxischen Verschlingung mit ihrem Partner lösen.

Ihre schlimmste Befürchtung wurde dennoch nicht wahr. Die Menschen wenden sich nicht von Alice Munros Werk ab. Es wird begierig neu gelesen. Wenn auch nun mit einem deutlich veränderten Blick.


Aus: "Umstrittene Literaturnobelpreisträgerin: Der Quell ihrer Brillanz" Sebastian Moll (10.2.2025)
Quelle: https://taz.de/Umstrittene-Literaturnobelpreistraegerin/!6066487/

QuoteWhite_Chocobo
10.02.2025, 10:01 Uhr

Einerseits finde ich den Artikel sehr interessant, weil er die biografischen Verbindungen und Verstrickungen thematisiert. Andererseits finde wirkt es auf mich so, als ob hier - wie so oft, wenn es um (Mit-)Täterinnenschaft innerhalb von Missbrauchskontexten geht - etwas relativiert wird. Da ist die Beziehung zu dem charismatischen Veteranen, von dem die arme Frau nicht loskommt, da ist der kanadische Geist der Verdrängung usw. Was soll daraus folgen? Jede:n andere:n hätte wahrscheinlich nicht so viel künstlerische Nachsicht getroffen.

Um es zusammenzufassen: Die Autorin hat offenbar jahrzehntelang den ihr bekannten Missbrauch ihrer Tochter gedeckt und sogar darüber geschrieben - man kann sagen, für sich aufgearbeitet, man könnte aber auch sagen kapitalisiert (monetär, karrieretechnisch). ...



Textaris(txt*bot)

Quote[...]  Familiäre Verwerfungen und politische Radikalisierung: mit bissigem Witz erzählt Christoph Peters von den tiefen Rissen, die unsere Gesellschaft durchziehen. »Einer der besten Schriftsteller der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.« Christoph Schröder / SWR 2

Es ist der 9. November 2022. Der russische Angriff auf die Ukraine überschattet das private wie das öffentliche Leben. Am Abend wird die erste Einzelausstellung des aufstrebenden Künstlers Fabian Kolb in der berühmten Berliner Galerie Konrad Raspe eröffnet. Fabians Familie, Eigentümer der letzten Krefelder Krawattenmanufaktur, ist eigens für dieses Ereignis angereist. Sein Onkel, Hermann Carius, alternder Chefideologe der ,,Neuen Rechten" im Bundestag, denkt über einen medienwirksamen Auftritt bei der Vernissage nach, während Fabians Vater hofft, die internationalen Kontakte seines Schwagers zu nutzen, um weiterhin Ware nach Russland zu exportieren. Je näher die Ausstellung rückt, desto stärker werden Fabians Zweifel, ob er tatsächlich bereit ist, sich auf all die Kompromisse einzulassen, die eine internationale Karriere als Künstler mit sich bringen, zumal sein Galerist sich plötzlich mit schweren Vorwürfen ehemaliger Mitarbeiterinnen konfrontiert sieht.

»›Nirgends hatte Gott eine Spur hinterlassen‹, so beginnt der Roman ›Innerstädtischer Tod‹ von Christoph Peters. Der Autor wirft darin einen hellsichtigen Blick in unsere Gesellschaft.« ― Johannes Schröer / Domradio

»Ein Buch zur Stunde zu unserer Zeit.« ― Dresdner Morgenpost am Wochenende

»Ein dicht und spannend, dringlich und durchdringend erzählter Roman.« ― Bernd Berke / revierpassagen.de
Über den Autor und weitere Mitwirkende
Christoph Peters wurde 1966 in Kalkar geboren. Er ist Autor zahlreicher Romane und Erzählungsbände und wurde für seine Bücher vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Wolfgang-Koeppen-Preis (2018), dem Thomas-Valentin-Literaturpreis der Stadt Lippstadt (2021) sowie dem Niederrheinischen Literaturpreis (1999 und 2022). Christoph Peters lebt heute in Berlin. Zuletzt erschienen von ihm bei Luchterhand die ersten beiden Teile einer an Wolfgang Koeppen angelehnten Trilogie: "Der Sandkasten" (2022) und "Krähen im Park" (2023).


Quotemichael starke

Äußerst lesenswert

Sehr präziser, lebendiger, tiefer Einblick in die Seelen der Angehörigen der sogenannten Oberschicht der politisch, wirtschaftlich oder gesellschaftlich einflussreichen Personen.
Bravo


QuoteYanis

Wunderbarer Schlussakkord

Bewertet in Deutschland am 20. September 2024

Wer hätte gedacht, dass ein Roman, in dessen Zentrum ein Alexander-Gauland-Double steht, derart bewegend und derart komisch sein kann?! Große deutsche Erzählkunst, der Gegenwart und Berlin abgelauscht, Respekt!


QuoteMarieOn

Feine Geschichte voller Ironie

Bewertet in Deutschland am 21. Oktober 2024

Fabian Kolb hat es geschafft, er darf seine Werke in der Konrad-Raspe-Galerie nicht nur ausstellen, nein ihm zu Ehren will der Galerist eine Vernissage geben. Nachdem Russland unter Putin der Ukraine unter Selenski den Krieg erklärt hat, herrscht in der deutschen Gesellschaft große Unsicherheit, das wissen sich Künstler und Galerist zunutze zu machen. Jetzt trägt der Saal, ein ehemaliges Gotteshaus, das Mal des Krieges vor sich her. Der Raum ist gespickt mit Objekten aus Holz, Eisen und Leder. Kadaver, die ihre Extremitäten dem Blau des Himmels entgegenrecken, versehrt durch aufbrechende Wundmale.

Fabians erste Planung sah vor, mit seiner Installation die Post Corona Leere zu vermitteln. Stille, Ruhe nach dem Sturm, die Atmosphäre demütige Kontemplation, aber wir befinden uns in schnelllebigen Zeiten und nun musste etwas Erschütterndes her.

Konrad Raspe umgibt sich gern mit jungen Assistentinnen, die ebenso gut modeln könnten. Seine irrsinnig schöne Frau hat die fünfzig gerade erst überschritten, beäugt ihren Mann mit begründetem Argwohn, weniger, weil er sich außereheliche Unterhaltung sucht, sondern weil sie damit rechnet, dass eine der jungen Dinger einen Skandal vom Zaun bricht.

Fabians Onkel hat ihn, im Gegensatz zu seinen Eltern die letzten Jahre protegiert. Die elterliche Gunst ging flöten, nachdem Fabian sich deutlich für ein Kunststudium aussprach, statt die väterliche Krawattenfirma zu übernehmen. Nun werden die Äußerungen des 1. Vorsitzenden der Neuen Rechten, seines Onkels, der im Bundestag vom Fliegenschiss der Vergangenheit faselt, zunehmend obskur.

Fazit: Christoph Peters hat eine ungemein unterhaltsame Geschichte geschaffen. Mit großer Ironie und bissigem Humor spricht er das Undenkbare aus, zeigt uns die Gedanken aller Beteiligten. Die des sensiblen Künstlers, der echte moralische Bedenken hegt. Die seines Cousins, der nie die Anerkennung seiner Mutter bekommen wird und das durch seine Mildtätigkeit zu kompensieren versucht. Des Galeristen, der seine Profilierungsneurose offen auslebt. Des alten Onkels, der trotz seines Geschichtsstudiums und seiner Belesenheit die Schuldfrage umkehren will. Die Geschichte wird temporeich erzählt, gespickt mit Informationen, die gut recherchiert sind, ohne dass ich mich belehrt fühlte oder gelangweilt hätte. Definitiv ein lesenswerter Roman, der mir Spaß gemacht hat.


Quelle: Amazon / Über: Innerstädtischer Tod: Roman Gebundene Ausgabe – 11. September 2024
Herausgeber: ‎ Luchterhand Literaturverlag (11. September 2024)
Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 304 Seiten
ISBN-10 ‏ : ‎ 3630877478
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3630877471

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Quote[...] Nein, man kann dem Roman nicht vorwerfen, leichtsinnig gewesen zu sein. Mit Fahrradhelm-Vorsicht schnallt er sich noch vor Beginn einen dieser Sätze vor, die man in letzter Zeit häufiger gelesen hat: "Dieses Buch ist ein Roman." Kontrolle ist besser als Vertrauen, und so steht da, als literarisches Werk knüpfe es "an reales Geschehen und an Personen der Zeitgeschichte an". Diese sanft reingeknüpfte Realität allerdings strickt sich gerade mit glühenden Nadeln in die Geschichte hinein.

Der Galerist Johann König sowie seine Frau Lena König fühlen sich wegen eines Romans des Schriftstellers Christoph Peters in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt. In der vergangenen Woche reichten sie einen Antrag am Landgericht Hamburg ein auf den Erlass einer einstweiligen Verfügung, nach der das Buch Innerstädtischer Tod, das im Luchterhand Verlag erschienen ist, nicht mehr verbreitet und veröffentlicht werden darf. Und fast genau 18 Jahre nach dem historischen Urteil zu Esra, dem heute verbotenen Liebesroman des Schriftstellers Maxim Biller, droht der Kunstfreiheit im Deutschland des Jahres 2025 ein vielleicht noch um einiges tieferer Schnitt. Oder?

Der Roman Innerstädtischer Tod, der in einem Schreiben der Rechtsanwaltskanzlei Schertz Bergmann zerpflückt wird, erschien bereits im September 2024. Erst kürzlich, unter anderem durch ein Lob des Fernseh-Literaturkritikers Denis Scheck, "des Streiters für das Gute, Schöne, Wahre", nahmen die Antragsteller Johann und Lena König davon Notiz. Peters' Roman ist der letzte Teil einer Großstadttrilogie, im Zentrum steht ein junger Künstler in Berlin, dessen Kunst den überdrehten Aufmerksamkeitslogiken seiner Welt folgend meist als "really disturbing" kategorisiert wird. Dieser Künstler steht kurz vor dem internationalen Durchbruch, bevor er eine "Marke" wird, bevor er sich endgültig in die überhitzte internationale Kunstwelt stürzen kann, Art Basel, Frieze, Biennale. Und er steht unmittelbar vor einer Ausstellungseröffnung bei dem Berliner Stargaleristen "mit Dependancen in New York, Shanghai, Abu Dhabi" namens Konrad Raspe. Dann werden allerdings Vorwürfe bekannt gegen den Galeristen Raspe, es geht um sexuelle Belästigung, und der Künstler findet sich in dem Dilemma zwischen Karriere und Moral wieder. Zwischen alldem vibrieren die Ereignisse des Jahres 2022, Russland bombardiert Lwiw, die Angst vor einem Atomkrieg blitzt auf, man bestellt frischen Ingwer-Minze-Tee und Karottenkuchen, ein Abgeordneter der Neuen Rechten sitzt in einer Mercedes-Limousine und lässt sich von einem "Fahrer mit morgenländischem Migrationshintergrund" zum Borchardt chauffieren, ein Bild-Chef wurde gefeuert, nachdem ihm unangemessenes Verhalten gegenüber Mitarbeiterinnen vorgeworfen wurde, und anhand der sexuellen Spannung zwischen der Frau des Galeristen und dem Künstler verhandelt Peters noch "die Selbstermächtigung der reifen Frau". Kurz: ein Roman, der sich wie ein frisch gewaschener Welpe im Gegenwartsschlamm der Zeit wälzt.

Das Ehepaar König will sich nun in dem Roman-Galeristen Konrad Raspe und seiner Ehefrau Eva-Kristin wiedererkennen. Der Roman lasse laut Antragsschreiben nicht erkennen, welche Elemente genau erfunden wurden und welche der Realität entsprechen. Ähnlich wie der Galerist im Buch war auch Johann König eine schillernde Persönlichkeit der Kunstszene, ein Popstar, über den schon immer viel geredet wurde. Im Jahr 2022 veröffentlichte die ZEIT einen Artikel, in dem mehrere Frauen Johann König sexuelle Belästigung vorwarfen. König klagte dagegen und bekam vom Oberlandesgericht Hamburg in Teilen recht, in Teilen nicht. Peters allerdings sammelte, anders als die Journalisten, keine eidesstattlichen Erklärungen, er habe nicht im Umfeld von König recherchiert, sagt er. Der Ausgangsort eines Schriftstellers ist und bleibt der Schreibtisch, von dem aus er sich raus in die Welt denkt. Oder wie Wolfgang Koeppen sein Handwerk beschreibt: "Der Skribent sitzt zu Hause an seinem Tisch, er saugt sich's aus den Fingern."

Man erreicht Christoph Peters genau dort, beim Kampf mit dem nächsten Roman, in einem Haus der Villa Massimo bei Rom. Peters hat in den letzten Nächten wenig geschlafen, er wirkt aufgeregt, redet schnell, nein, mit so was habe er absolut nicht gerechnet. Der Disclaimer vor dem Roman sei eine Anlehnung an Wolfgang Koeppens Trilogie des Scheiterns, ein Zwinkern in Richtung literarischer Vergangenheit, in Richtung Koeppens berühmter Großstadtromane, denen ähnliche Sätze vorangestellt waren. "Wo Wolfgang Koeppen den Papst auftreten lässt, ist es bei mir der Berliner Erzbischof", sagt Peters. "Den kenne ich natürlich nicht persönlich, also denke ich mir aus, wie der sein könnte, als Mensch, als Bischof. So mache ich das mit allen Figuren." Er erzählt von der Frau des Galeristen im Roman (sie trägt enges Leder, ist ehemalige Wedding-Plannerin und fast 50 Jahre alt) und von Lena König (ist Kunsthistorikerin, jünger, vermutlich dezenter gekleidet). Peters erklärt, warum die Galerie in seinem Roman in einer ehemaligen Kirche aus der wilhelminischen Zeit stammt, während Johann König seine Galerie in der brutalistischen Sankt-Agnes-Kirche eröffnet hat. Warum überhaupt eine Kirche, andererseits: Gibt es nicht einige umgewidmete Kirchen? Warum klagt der Dackelkrawatten tragende AfD-Mann Alexander Gauland nicht auch, dem mit paranoidem Schielen Richtung Realität der Forellenkrawatten tragende rechte Abgeordnete Hermann Carius nachempfunden ist?

Und plötzlich ist man da, wo man nie hinwollte, wühlt in einem Roman herum, will Realität und Fiktion auseinanderfriemeln. Der Roman sei laut Verlag sowieso bereits vor der Veröffentlichung juristisch geprüft worden. "Machen wir uns nichts vor", sagt Peters. "Ich bin seit 35 Jahren im Kunst- und Literaturbetrieb unterwegs und habe unzählige Übergriffigkeiten aller Art an Kunstakademien, in Galerien, in der Literaturszene gesehen und davon gehört. Ich brauche wirklich keinen Zeitungsartikel, um mir so ein Szenario auszudenken." Aber der Fall König, der fand doch Eingang in den Roman? "Natürlich schwingt dieser Fall im Echoraum mit, so wie die Fälle Dieter Wedel und Harvey Weinstein mitschwingen. Alle diese Geschichten sind in dieser Zeit medial präsent, nicht nur die des Antragstellers." Außerdem betont der Verlag noch mal in einem Schreiben, das der ZEIT vorliegt, dass den Galeristen im Roman ein wesentliches Merkmal von Johann König unterscheide: Er hat keine eingeschränkte Sehfähigkeit.

Man kann Wörter und Gesichter und Zeitungsartikel und literarische Sätze noch ewig sortieren, und vielleicht wird das sowieso bald ein armer Richter machen müssen, der mitten in der Kollision von Kunstfreiheit und Persönlichkeitsschutz abwägen muss, welches Rechtsgut höher steht. Der Verlag will, wenn nötig, bis zur letzten Instanz gehen. Nur stellt sich gerade bei Peters' Roman die Frage, wie weit ein Schriftsteller verfremden muss, damit sich niemand gemeint fühlt. Wo sich meist sowieso alle gemeint fühlen. Insbesondere bei einem Roman über den Berliner Kunst- und Literaturbetrieb.

Die Literatur in Deutschland hat Erfahrung mit Menschen, die sich hinter Romancharakteren entdecken. Schon in Thomas Manns Buddenbrooks erkannten sich einige Zeitgenossen selbst. 1971 erließ das Bundesverfassungsgericht ein Urteil über Klaus Manns Mephisto, in dem es um den Schauspieler und Regisseur Gustaf Gründgens geht und seine Arrangements mit den Nazis. Der Adoptivsohn Gründgens' klagte, das Gericht gab ihm 1971 recht. Aber auch wenn Gustaf Gründgens' Ehre damit nachträglich verteidigt wurde, schärfte das Urteil den Blick für die Hürden, den Kunstcharakter des Literarischen. So leicht klagt es sich am Ende nicht gegen ein Buch.

Und auch deswegen, als 2003 der Prozess um Maxim Billers Roman Esra begann und man dachte, die Zeiten seien großzügiger geworden, fühlte sich die erneute Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts im Jahr 2007 wie eine kalte Dusche für die Literatur an. Billers ehemalige Partnerin und deren Mutter hatten sich in ihren Persönlichkeitsrechten eingeschränkt gefühlt. Die Richter folgten ihnen teilweise: zu viele Details der persönlichen Beziehungen, zu groß die Wiedererkennbarkeit bei sehr negativer Zeichnung der Figuren. Die ehemalige Lebensgefährtin bekam recht, die Mutter hingegen nicht. Das Gericht setzte sich sehr detailliert mit dem Eigenrecht des Künstlerischen auseinander. Es betonte, nur eine eindeutige und rufschädigende Wiedererkennbarkeit eines Menschen in einem fiktionalen Werk rechtfertige es, das Persönlichkeitsschutzrecht über die künstlerische Freiheit zu stellen. Allerdings nur, wenn zweifelsfrei eine reale Person absichtlich und böswillig gemeint ist.

Bis heute darf Billers Buch nicht verbreitet, wohl aber gelesen werden. Das Urteil rief damals Proteste in der Kultur hervor. Prominente Autoren wie Elfriede Jelinek, Günter Grass und Regisseure wie Luc Bondy, Peter Zadek oder Helmut Dietl solidarisierten sich mit dem Autor. Viele befürchteten die Rückkehr einer Zensur oder warnten vor der legendären Schere im Kopf von deutschen Schriftstellern. Der Streit blieb ungeschlichtet. Wo die einen die Würde einer Frau gewahrt sahen, wunderten sich die anderen, dass die Kulturgesellschaft den Richterspruch klaglos akzeptierte. Immerhin muss man erwähnen, dass das Bundesverfassungsgericht es sich nicht leicht gemacht hatte. In beiden wichtigen Fällen gingen die Entscheidungen knapp aus und zogen auch unter Juristen eine breite Kommentierung nach sich.

Während allerdings Maxim Biller, wie in vielen seiner Romane, aus dem eigenen Leben schöpft, greift Peters nach draußen, in das Berlin des Jahres 2022. Wie soll man einen "Hauptstadtroman", der sich in der Tradition Wolfgang Koeppens verstehen will, aber bei dem man natürlich an Fauser, Kästner, Keun denken kann, ohne Hauptstadtpersonal schreiben? Ohne die Orte und Geschichten, die Persönlichkeiten, ohne zappelige Galeristen, narzisstische Künstler, ohne Borchardt, Galerien, specialty coffees? Was selbstverständlich den Reiz dieser Gattung ausmacht, der Leser begegnet der eigenen Gegenwart, erkennt, ahnt, verwirft, sieht Orte und Menschen plötzlich anders. Ist es nicht genau das, was man sich von einem gegenwartsgeladenen Roman wie dem von Peters verspricht? Wie soll Literatur kritisieren können, ohne zumindest grob Richtung Welt deuten zu dürfen? Wie hätte Stuckrad-Barres jüngster Sensationsroman Noch wach? bitte ohne den Berliner Axel-Springer-Kosmos, ohne Diekmann, Reichelt und Döpfner funktionieren sollen? Übrigens stand der Rechtsanwalt Schertz dem Schriftsteller Stuckrad-Barre gegen das Bild-Imperium schützend zur Seite. ("Du schreibst das Buch, das du schreiben musst, und ich bring dir dann den Müll runter", erzählt Stuckrad-Barre in einer Doku über Schertz.) Der Anwalt jener Kanzlei, die jetzt für Johann König einen Antrag auf einstweilige Verfügung gegen Peters' Buch eingereicht hat.

Sollte das Gericht den Antragstellern recht geben, bedeutete das eine tiefe Verunsicherung für die Literatur. Wie weit müssen Schriftsteller künftig verfremden? "Falls das Buch verboten wird, ist es mit der gesellschaftlich relevanten Literatur in Deutschland vorbei", sagt Peters schließlich mit bitterem Ton am Telefon. "Wenn es nicht mehr ausreicht, dass man dezidiert fiktionale Räume baut mit dezidiert fiktionalen Figuren, die Dinge tun, die historische Figuren niemals getan haben – was bleibt dann noch übrig? Nature-Writing oder Fantasy."

Auch sein literarisches Vorbild Wolfgang Koeppen verzweifelte an den vielen Bewerbern für seine Romanfiguren. "Ich höre, lese und staune, daß ich den oder jenen beschrieben (...) haben soll. Dabei wollte ich nur einen Tag meiner Zeit einfangen", schreibt er in einem Essay. Was ginge verloren, wenn es nur noch juristenfreundliche Attrappenliteratur gäbe, wenn die Figuren auffällig große Schnurrbärte tragen, kostümierte Faschingscharaktere, und wenn so nicht mal mehr die Literatur Sinn aus alldem machen kann, was uns Tag für Tag entgegenschlägt? Koeppen zeigt sich am Ende seines Essays kämpferisch: "Solange wir aber noch nicht wieder eingepfercht sind, werden wir uns, werde ich mich auf der Weide des Lebens, im Umkreis der Zeit tummeln." Und wo sonst gehören Schriftsteller hin?


Aus: ""Innerstädtischer Tod" von Christoph Peters: Roman unter Verdacht"
Marlene Knobloch und Thomas E. Schmidt - Aus der ZEIT Nr. 07/2025 Aktualisiert am 12. Februar 2025
Quelle: https://www.zeit.de/2025/07/innerstaedtischer-tod-christoph-peters-johann-koenig-verbot-galerist/komplettansicht

QuoteLasstWinnetouNachSachsen
vor 13 Stunden

Rückspiegelung: "Diese sanft reingeknüpfte Realität allerdings strickt sich gerade mit glühenden Nadeln in die Geschichte hinein."

"Kurz: ein Roman, der sich wie ein frisch gewaschener Welpe im Gegenwartsschlamm der Zeit wälzt."

Irgendwie sind Frau Knobloch und Herrn Schmidt hier die Metaphern durchgegangen.

In der Sache zeigen sie das Problem richtig, aber verkürzt: Künstlerische Freiheit vs. Schutz der Persönlichkeit. Was bei ihnen freilich fehlt, ist der Begriff und die Diskussion der Textsorte 'roman-à-clef' [https://de.wikipedia.org/wiki/Schl%C3%BCsselroman]... Bei der Beurteilung der ethischen und juristischen Dimension käme es darauf an, ob es ein solcher Roman ist.


QuotePaul Freyburger

Ich finde die Sätze witzig, treffend und stilistisch gelungen. Den Begriff "Schlüsselroman" kann sich ja jeder denken und offenbar halten die Autoren ihn nicht für einen Schlüsselroman.


QuoteKai Pirinha

Ein Problem liegt darin, Erlebtes als eigene Erfindungen auszugeben oder es entsprechend zu frisieren. Das nennt man wohl etwas verlogen ,,Fiktion". Vladimir Nabokov hat damit Schluss gemacht, indem er schrieb:

«Denn wissen Sie, ich finde es sehr viel ehrlicher, ein Buch über Leute zu schreiben, die man kennt, als sie durch den Wolf zu drehen und dann als eigene Erfindungen auszugeben!»

Ein anderes Problem liegt darin, dass die Leute heute so empfindlich reagieren. Dies hat natürlich auch damit zu tun, dass ein Buch nicht wie einst innerhalb seiner pappenen Deckel im Regal verbleibt, und sich im Grunde nur dem im richtigen Kontext erschließt, der es liest, sondern dass mit allen Werbemittel in alle Medien breitestmöglich hineinzustreuen bestrebt ist. Das ist bezüglich der Privatsphäre durchaus mit einem Verlust der Kontrolle und der informationellen Selbstbestimmung verbunden, und man möchte sich nicht gern als Blaupause einer fiktiven Realität verewigt sehen.

Naja, die Gericht müssen nun wieder einmal entscheiden, was Kunst ist und was nicht. Viel Spaß!


QuoteHagmar

Wie so viele neuere Bücher der letzten Zeit habe ich diesen Roman nach einer Weile entnervt weggelegt. Der Anfang gefiel mir gut, wie der junge Künstler noch kurz vor Ausstellungseröffnung total unsicher ist, über sein eigenes 'Werk', ist es überhaupt ein 'Werk'? Er begreift seine eigene 'Kunst' nicht, versteht nicht, was der Galerist hineininterpretiert, in ihm als Künstler sieht, aber die Maschine Kunstbetrieb ist schon dabei, ihn zu verschlingen. Es hat mich dann schnell nicht mehr interessiert, als was sie ihn wieder ausspuckt, denn es wurde mehr und mehr eine Art Schlüsselroman, mit sehr auffälligen Wiedererkennungsmerkmalen, z.B. eben Gauland. Das finde ich plump, und es lenkt ab, weil man dann unwillkürlich zuviele Gedanken auf Parallelen zur Realität verschwendet.

>>>Wie weit müssen Schriftsteller künftig verfremden?<<<

Sie müssen gar nicht verfremden, sie sollen gefälligst keine lebenden Vorbilder nehmen sondern glaubwürdige Figuren erfinden. Das wäre dann Kunst.


QuoteButterblumenblütenblatt

Man kann keine Figuren erfinden, die nicht in irgendeinem Aspekt irgendjemandem ähneln.


QuoteTafeldienst23

"Wo Wolfgang Koeppen den Papst auftreten lässt, ist es bei mir der Berliner Erzbischof", sagt Peters. "Den kenne ich natürlich nicht persönlich, also denke ich mir aus, wie der sein könnte, als Mensch, als Bischof. So mache ich das mit allen Figuren." Er erzählt von der Frau des Galeristen im Roman (sie trägt enges Leder, ist ehemalige Wedding-Plannerin und fast 50 Jahre alt) und von Lena König (ist Kunsthistorikerin, jünger, vermutlich dezenter gekleidet)"

Sie haben also nicht mal die erste Seite des Artikels zu Ende gelesen...


QuoteU. Hermes

Ach Hagmar, Schriftsteller benutzen die Realität, um ihre Fiktion zu erfinden, ihr Personal. Und wenn es um eine Gesellschaftssatire geht, ist Ähnlichkeit unumgänglich.


QuoteHagmar
Antwort auf @U. Hermes

Ach Hermes, dass Schriftsteller auch für ihre Fiktion sich am realen Leben orientieren, ist sogar mir klar. Wenn Figuren allerdings so wenig verfremdet sind, dass sie eindeutig wiedererkennbar sind, kann man nicht von 'Orientierung' sprechen. Zudem: Ich habe nirgendwo gelesenm, dass das Buch von Peters als GesellschaftsSATIRE verstanden werden sollte.


QuoteHagmar

Antwort auf @Butterblumenblütenblatt

Sie sagen es, IRGENDEIN Aspekt. Wenn es aber vor 'Aspekten' nur so wimmelt? :-)


Quoteskibidi-toilet-gyatt-damn

Antwort auf @Hagmar

Ach Hagmar, wenn Sie schon bestimmen wollen was Kunst ist, sollten Sie sich dessen bewusst sein, dass Kunst über ihre Labels hinausgehen kann, Kunst kann Elemente von Gesellschaftssatire enthalten ohne ausschließlich Gesellschaftssatire zu sein.



QuoteU. Hermes

"Der Roman lasse laut Antragsschreiben nicht erkennen, welche Elemente genau erfunden wurden und welche der Realität entsprechen."

Ach nee, man kann gar nicht feststellen, was erfunden ist? Ja, eben.

Bei Billers Esra fand ich wirklich unschön, dass ein Schriftsteller seine Fähigkeit zur persönlichen Abrechnung und Diffamierung seiner ehemaligen Partnerin nutzte. Würde man das hemmungslos dürfen, würde ich jeder Person abraten, sich mit einem Schriftsteller zu liieren. Oder sie sollte augenblicklich ein Gegenbuch schreiben (Beispiel: Natascha Wodin vs. Wolfgang Hilbig), um die Balance wieder herzustellen. Eine schöne Sache: Man kämpft dann auf Augenhöhe. (Dazu: Johannes Franzen: Indiskrete Fiktionen.)

Emmanuel Carreres Frau ließ sich in ihrem Ehevertrag zusichern, dass intime Details ihrer Beziehung tabu sind. Er brach den Vertrag und musste mit den Folgen leben. Richtig so.

Aber hier? Sehe nicht, dass das erfolgreich sein wird. Und wenn doch, schreiben alle nur noch magischen Realismus.


...

Textaris(txt*bot)

Der Generaldirektor der Staatsgemäldesammlungen Bernhard Maaz, der als Zuhörer zugeschaltet ist, verabschiedet sich schon nach wenigen Minuten wieder. Es wird heiß für ihn.

Quote[...] Reiner Zufall ist es nicht, dass Kulturstaatsministerin Claudia Roth kurz nach der Pressekonferenz zum bayerischen NS-Raubkunst-Skandal die Restitution einer Menzel-Zeichnung aus Bundesbesitz bekanntgibt und das als Erfolg verkauft. Währenddessen ist das Entsetzen groß in München über eine geleakte Liste mit 200 rot gekennzeichneten und damit als Raubkunst markierten Werken im Besitz der Bayerischen Staatgemäldesammlungen. Ganz offensichtlich wurde über Jahre Wissen zurückgehalten, um die Werke nicht an die Nachfahren zurückgeben zu müssen.

In Berlin erklärt Claudia Roth anlässlich der Rückgabe an die Erben des beraubten Breslauer Textilfabrikanten und Sammlers Leo Lewin derweil voller Genugtuung: ,,Wir schaffen volle Transparenz über die Bestände des Bundes, betreiben Provenienzforschung und kontaktieren die Erben." Damit desavouiert sich nicht nur den bayerischen Kunst- und Wissenschaftsminister Michael Blume (CSU), sondern springt auch ihrer Parteigenossin Sanne Kurz bei.

Als Sprecherin der Grünen für Kultur und Medien im Landtag sucht Kurz seit Jahren vergeblich Auskunft zu bekommen. Die Chance scheint gekommen, dass sich etwas ändern könnte. Erstmals werden durch Veröffentlichung der internen Papiere die Hinhaltetaktik, ja Täuschungsmanöver des Kultusministeriums nachweisbar.

Die von Susanne Kurz gemeinsam mit den Anwälten der Erben der jüdischen Galeristen Brüder Lion (Hannes Hartung), von Paul von Mendelssohn-Bartholdy (Ulf Bischof) und der Flechtheim-Nachfahren (Markus H. Stötzel) kurzfristig anberaumte, digitale Pressekonferenz hat es in sich. Massive Vorwürfe werden erhoben.

Eigentlich müsste jetzt etwas passieren. Der Generaldirektor der Staatsgemäldesammlungen Bernhard Maaz, der als Zuhörer zugeschaltet ist, verabschiedet sich schon nach wenigen Minuten wieder. Es wird heiß für ihn. Dabei gilt die Kritik nicht den Museen, wie Sanne Kurz betont: Sie würden ihre Arbeit machen und Provenienzforschung betreiben. Die Kritik gilt der Politik. Die letzte Entscheidung über eine Restitution liegt beim Minister, er trägt die Verantwortung.

,,Ich bin schockiert, wie dreist die Parlamentarier belogen werden", ist die Grünen-Politikerin noch immer fassungslos und kündigt eine Aufarbeitung des Skandals an. Sie hegt den Verdacht, dass durch die perfide Strategie das Grundstockvermögen des Freistaates geschützt werden soll. ,,Man spielt sich zum Untersuchungsrichter auf und entscheidet in eigener Sache," kritisiert Markus H. Stötzel scharf, obwohl es für zweifelhafte Fälle die Beratende Kommission als Instanz gibt. Dass sie umgangen wird, mag auch daran liegen, dass die Kommission in den letzten Jahren als zu restitutionsfreundlich gilt.

Die Frustration der Anwälte der ausgetricksten Nachfahren ist greifbar. Hans Hartung hält die Reproduktion eines Bildes von Ferdinand Georg Waldmüller von 1840 in die Kamera, das sich seit 1949 im Besitz der Staatsgemäldesammlungen befindet. Seitdem weiß man auch, dass es von Hitlers Leibfotografen Heinrich Hoffmann stammt und damit unter Verdacht steht. Im Lost Art-Verzeichnis aber steht die ,,Junge Bäuerin mit drei Kindern im Fenster" erst seit 2013. Die für alle Museen geltende Selbstverpflichtung der Washingtoner Prinzipien, die Erben zu suchen sind, wurde ignoriert.

Bei Friedrich von Amerlings ,,Mädchen mit Strohhut" (um 1835) ist dagegen bekannt, dass es von den Brüdern Lion stammt, die durch Berufsverbot verarmt verkaufen mussten. Den Nachfahren wurde signalisiert, man stünde am Anfang der Recherchen; stattdessen lagen längst weitere Informationen vor. Die Erben werden zu Bittstellern degradiert, beschreibt Stötzel die Lage. Dies widerspreche dem Grundgedanken der Washingtoner Prinzipien als ein Versuch der Wiedergutmachung gegenüber den Nachfahren jüdischer Sammler.

Ulf Bischof berichtet bitter, dass auch im Fall der ,,Madame Soler" nicht alle Dokumente offengelegt wurden, wie sich durch die geleakte Bilderliste nun erweist. Obwohl das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste die Forschung zum Picasso-Werk förderte, blieben die Ergebnisse verschlossen. ,,Anspruch und Wirklichkeit klaffen auseinander", so der Anwalt und wünscht sich, dass den Proklamationen an Gedenktagen endlich Taten folgen. ,,Es ist viel Heuchelei im Spiel", pflichtet ihm Stötzer bei. ,,Offenbar brauchte es erst eine Indiskretion, einen Whistleblower, um darüber zu sprechen."

Doch was folgt daraus? Den Museen sind die Hände gebunden, sie dürfen nur recherchieren. Die Bewertung der gewonnenen Erkenntnisse übernimmt eine übergeordnete Stelle, um sie dann dem Minister weiterzugeben, der entscheidet. Die kürzliche Empfehlung des Generaldirektors der Gemäldesammlungen, die Picasso-Büste an die Flechtheim-Erben zurückzugeben, wurde prompt von höherer Warte wieder kassiert.

Der Skandal um die geleakte Liste könnte sich dennoch als Beschleuniger erweisen, dass sich etwas tut. Am 26. Februar dürfte es im Ausschuss für Wissenschaft und Kunst im Bayerischen Landtag turbulent werden. Ein Antrag der Grünen unter dem Titel ,,Bayern trägt Verantwortung. Transparenz und Digitalisierung in der Provenienzforschung vorantreiben" liegt bereits vor. Angesichts der aktuellen Entwicklungen soll ein Dringlichkeitsantrag folgen.


Aus: "Skandal um NS-Raubkunst bei den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen"  Nicola Kuhn (22.02.2025)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/skandal-um-ns-raubkunst-bei-den-bayerischen-staatsgemaldesammlungen-es-ist-viel-heuchelei-im-spiel-13249327.html

Als NS-Raubkunst, kurz Raubkunst, werden Kunstwerke bezeichnet, die während der Zeit des Nationalsozialismus unrechtmäßig oder auf moralisch fragwürdige Weise von den Nationalsozialisten erworben wurden (,,dienstlich" oder ,,privat") und deren Vorbesitzer ausnahmslos Verfolgte des NS-Regimes waren (,,NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter"). ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Raubkunst

Justitia, Fiat Justitia, Auf der Lauer oder Die Gerechtigkeit wacht ist ein Gemälde von Carl Spitzweg, das eine bewegte Geschichte hat. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Justitia_(Spitzweg)


Textaris(txt*bot)

Quote[...] Berlin taz | Der Roman ,,Innerstädtischer Tod" von Christoph Peters wird nicht verboten. Der Berliner Galerist Johann König, der sich in einer Figur des Romans wiedererkannt haben will, hatte darauf geklagt. Die Pressekammer des Landgerichts Hamburg hat mit Beschluss vom heutigen Tag den Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung ohne mündliche Verhandlung zurückgewiesen.

Damit bleibt der Roman frei verkäuflich. Gegen diese Entscheidung kann allerdings noch sofortige Beschwerde eingelegt werden. Ob die Kläger es tun werden, blieb vorerst unklar.

Der Fall hat die Feuilletons in den vergangenen Tagen ausgiebig beschäftigt. Eine der Figuren des Romans ist der fiktive Galerist Konrad Raspe, gegen den in dem Buch MeToo-Vorwürfe erhoben werden.

Das Gericht geht, Beobachtern des Prozesses zufolge, zwar davon aus, dass Johann und Lena König aufgrund der Übereinstimmungen zwischen ihnen und den fiktiven Romanfiguren Konrad und Eva-Kristin Raspe jedenfalls für einen Teil des Leserkreises erkennbar sind. Allein dies, so die Hamburger Juristen, reiche indes für die Annahme einer Persönlichkeitsrechtsverletzung nicht aus. Das Gericht musste eine Abwägung zwischen den Persönlichkeitsrechten der Antragsteller und der grundgesetzlich geschützten Kunstfreiheit vornehmen. Sie fiel zugunsten der Kunstfreiheit aus.

Im Hintergrund der Entscheidung steht, dass der Roman zwar auf reale Vorbilder rekurriert, dies dann aber als Grundlage für eine fiktionale Darstellung besonderer gesellschaftlicher Problemfragen nutze.

Tatsächlich ist Konrad Raspe in dem Roman nur eine Figur von vielen. Konzeptionell wichtiger ist, dass Christoph Peters das Personal und teilweise auch die Handlung aus Wolfgang Koeppens Roman ,,Tod in Rom" mit der Berliner Gegenwart zusammenbringt. So gibt es die Figur eines alterndes AfD-Funktionärs, der Preußens Klassizismus nachtrauert. Überzeugend tippt Christoph Peters dabei neorechte Narrative an.

Ein Verbot des Romans hätte schwerwiegende Folgen für das Schreiben aktueller politischer Romane insgesamt gehabt. Jede Anspielung auf reale Hintergründe hätte möglicherweise Verbotsprozesse durch Personen, die sich ungünstig porträtiert wähnen, nach sich gezogen. Insofern ist die Entscheidung des Gerichts sehr zu begrüßen.



Aus: "Kunstfreiheit wiegt schwerer" Dirk Knipphals (25.2.2025)
Quelle: https://taz.de/Gerichtsurteil-zu-Innerstaedtischer-Tod/!6072169/


Textaris(txt*bot)

Quote[...] Im Bochumer Schauspielhaus kommt es bei einer Premiere zu einem Zwischenfall. Nach Buhrufen und ,,Halt die Fresse"-Schreien stürmen zwei Zuschauer auf die Bühne und gehen auf einen Schauspieler los.

Bei einer Premiere am Schauspielhaus Bochum ist es zu Tumulten und einem tätlichen Angriff auf einen Schauspieler auf der Bühne gekommen. Mehrere Zuschauer hatten zuvor bereits lautstark ihren Unmut über den gut zehnminütigen ,,Monolog eines Faschisten" geäußert, der zum Ende des Stücks ,,Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten" kommt. Schließlich hätten zwei Zuschauer versucht, Schauspieler Ole Lagerpusch von der Bühne zu zerren, um den Monolog zu beenden, sagte ein Theatersprecher. ,,Es wurde handgreiflich."

Der Zwischenfall ereignete sich bereits am Samstag bei der deutschsprachigen Erstaufführung des Stücks in Bochum. Mehrere Medien hatten berichtet.

Das Stück des portugiesischen Autors Tiago Rodrigues sei bereits in einigen anderen Ländern gezeigt worden und habe auch dort teils heftige Zuschauerreaktionen provoziert. ,,Aber es ist noch nie vorgekommen, dass Zuschauer den Schauspieler tatsächlich körperlich angegangen sind", sagte der Sprecher des Schauspielhauses.

In dem Schlussmonolog hält ein faschistischer Regierungschef eine Rede, die immer radikaler wird, Fremdenhass, Schwulenhass und Frauenfeindlichkeit bedient. Aus dem Publikum habe es Buh-Rufe und Pfiffe gegeben. ,,Halt die Fresse", rief ein Zuschauer, während ein anderer entgegnete: ,,Das gehört zum Spiel dazu, du Idiot." Das berichtet die ,,WAZ" von der Premiere.

Schließlich seien zwei Männer aus dem Zuschauerraum auf die Bühne gestürmt und seien den Schauspieler körperlich angegangen, sagte der Sprecher des Schauspielhauses. Ein Kollege sei ihm zu Hilfe gekommen und habe die Situation vorerst klären können. Der Schauspieler sei nicht verletzt worden, auch die Polizei sei nicht eingeschaltet worden.

In einem Statement verteidigte das Theater die Inszenierung: ,,Das Schauspielhaus Bochum versteht sich als Ort der künstlerischen Auseinandersetzung, an dem kontroverse Themen und ästhetische Zumutungen verhandelt werden". Dass ein Schauspieler ,,in Ausübung seiner künstlerischen Arbeit körperliche Angriffe erfahren musste, hat uns zutiefst erschreckt, wir erachten diese Übergriffigkeit als vollkommen inakzeptabel". (dpa)


Aus: "Zuschauer greifen Schauspieler an, der Faschisten spielt" (17.02.2026)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/tumult-bei-theaterpremiere-in-bochum-zuschauer-greifen-schauspieler-an-der-faschisten-spielt-15260641.html

QuoteBenn23
17.02.26 16:20

Ich rufe beim Kasperletheater auch immer laut "Vorsicht, Kasper! Das Krokodil!" Man geht halt mit.


QuoteBantmut
17.02.26 17:39

    Buhs und ,,Halt die Fresse"-Rufe

Nicht das erste Mal, dass in Deutschland der Pöbel die Kunst zensiert. Gerne von linken "Aktivisten" genutztes "Stilmittel".


QuoteKasano
17.02.26 17:48
@Bantmut am 17.02.26 17:39

Behaupten jetzt die Rechten?


Quotezerb
17.02.26 17:18

Ach was. Das ist alles Teil der Inszenierung. So dämlich können Theaterbesucher doch gar nicht sein..... Oder?


Quoteschaunmermal
17.02.26 17:38

Generation Smartphone, die Fiktion nicht von der Realität unterscheiden kann.


QuotePaschulke_Anton
17.02.26 17:37

Das erinnert mich an Berichte über die ersten Filmvorführungen, bei denen Menschen dem ihnen aus der Leinwand scheinbar entgegenkommenden Zug ausweichen.


QuoteAlmaverde
17.02.26 16:58
Ich habe das Stück nicht gesehen.

Aus dem Artikel entnehme ich, dass die Kernaussage:
,,Es gab irgendwann einmal faschistische Gewalt. Ist aber lange her. Die bekloppten Linken begehen heutzutage Serienmorde, wenn auch einige jüngere Linke lieber vegan leben. Da liegt es auf der Hand, dass es so etwas wie die AFD gibt."
Das solcherlei Kernaussagen starke Zuschauerreaktionen hervorrufen, wundert nun nicht, zudem die Kernaussagen massiv an den gesellschaftlichen Realitäten vorbeigehen und die tödliche Virulenz des neuerstarkenden Faschismus herunterspielen.


QuoteNaka
17.02.26 17:32
@Almaverde am 17.02.26 16:58
Also ist Gewalt okay, wenn man mit dem Gesagten nicht einverstanden ist.

Danke für diesen Offenbarungseid.


QuoteImposter
17.02.26 17:33
@Almaverde am 17.02.26 16:58

Zwischen "Starken Zuschauerreaktionen" und Gewaltanwendung sollte aber noch eine größere Hemmschwelle sein. Ich finde es traurig, dass sowas schon als normale Reaktion gilt


QuoteKasano
17.02.26 16:56
Soll solches Theater etwa nicht provozieren? Man sollte sich also nicht wundern, wenn die Zuschauenden dann auch Reaktionen zeigen.


QuoteNaka
17.02.26 17:26
@Kasano am 17.02.26 16:56

Gewalt ist also ganz okay, wenn's gegen die Richtigen geht und die noch dazu provozieren?


QuoteImposter
17.02.26 17:30
@Kasano am 17.02.26 16:56

Lässt aber auch tief blicken, dass die Reaktionen dann auch mit Gewalt durchgesetzt werden. Ein Spiegel unserer Gesellschaft? Ich hoffe nicht.


QuoteKasano
17.02.26 17:44
@Imposter am 17.02.26 17:30

Die Frage ist doch eher: warum führt man so etwas auf? Dass manche auf solche Worte und rechte Propaganda keine Lust mehr haben, ist doch allzu gut verständlich. Auch wie hier genau dieses von den Üblichen verteidigt wird.


Quotedokm
17.02.26 16:37

Der Schauspieler hat seine Rolle offenbar sehr gut gespielt, wenn solche Reaktionen kommen, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer nicht mehr zwischen Spiel und Realität unterscheiden können.
Erinnert mich an Klaus-Jürgen Wussow, der auch als Dr. Brinkmann um Diagnosen und Therapie gebeten wurde.


QuoteummeEcke
17.02.26 16:09

gab's schon mal in den 60zigern. 'Publikumsbeschimpfungen' von Peter Handke, da wurden wir als Zuschauer direkt angepöbelt. Handgreiflichkeiten gabs aber nicht, weil alle zwischen Theater und Wirklichkeit unterscheiden konnten. Ist heute vielleicht für manche unterbelichtete Zeitgenossen schwierig.


QuoteE_Escroc
17.02.26 15:46

Erinnert mich an den Aufruhr, den Roger Waters vor ein paar Jahren mit seiner Inszenierung von Pink Floyds "The Wall" entfacht hat, als er eine an Faschisten erinnernde Uniform auf der Bühne getragen und das Lied "In The Flesh" gesungen hat, in dem es um die Beschimpfung und Verunglimpfung Andersdenkender geht. Hier haben auch nicht alle Zuschauer verstanden, dass es sich um eine Inszenierung und eine Rolle handelt.


Quotemonsieurenfrance
17.02.26 16:34
@E_Escroc am 17.02.26 15:46

Der Vergleich ist an den Haaren herbeigezogen.


QuoteE_Escroc
17.02.26 17:37
@monsieurenfrance am 17.02.26 16:34

Inwiefern? Es ist ein weiteres Beispiel für das wachsende fehlende Verständnis dafür, was Kunst und Inszenierung ist.


Quotedostoprimechatelnost
17.02.26 15:30
Man sieht, woher der Haß kommt.

Man sieht weiterhin, wie sehr doch die Linken in ihrer Echokammer "Alles Faschisten" doch gefangen sein müssen, wenn sie nicht mehr zwischen Schauspieler und echte Personen unterscheiden können.


QuoteKlausKaminski
17.02.26 16:05
@dostoprimechatelnost am 17.02.26 15:30

Ich hab total überlesen, dass es Linke waren...
Aber klar, wer ins Theater geht muss ja ein Linker sein. Eh alles Spinner, die ins Theater gehen.


Quoteein_loser
17.02.26 16:24
@dostoprimechatelnost am 17.02.26 15:30

Wieso "die Linken"?


Quotesir_snackfurt
17.02.26 16:28
@dostoprimechatelnost am 17.02.26 15:30
Man sieht was man sehen will.

Ich sehe Leute, denen die Aufführung zu viel wurde. Das kann bei Theater schon mal passieren (und entschuldigt das Verhalten keineswegs).

Was sagen Sie zu Menschen, denen bei Gewaltdarstellungen unwohl wird? Es gab ja schon Aufführungen bei denen Zuschauer kollabiert sind. Ist das dann auch Echokammer?


Quoteexistenz
17.02.26 16:28

@dostoprimechatelnost am 17.02.26 15:30

Woher wissen Sie, dass die Ursache des Vorfalles wirklich eine politische Einstellung als Grundlage hatte?! Vielleicht gibt es da auch eine psychische Ursache - ein Alkohol, Drogenproblem ... oder einen marketing-gag, um Aufmerksamkeit zu erzielen. Alles nicht geklärt.


Quoteuwitteck
17.02.26 14:58

Geht es jetzt schon so weit, dass einige Realität und Fiktion nicht mehr auseinanderhalten können und Gewalt gegen Andersdenkende/Andershandelnde einsetzen ?


QuoteKaterjo
17.02.26 14:49

"Halt die fresse" und handgreiflichkeiten finde ich falsch.

Aber mir sagt sehr zu, dass das Stück, insbesondere der Monolog, so wirken, dass Zuschauer etwas tun möchten. Ich denke da an Nachgespräche im Theater mit Publikum, Leserbriefe und anderes.


Quoteexistenz
17.02.26 16:18
@Pat7 am 17.02.26 14:45

    Ist diese Istagram Generation nicht mehr in der Lage Realität von Fiktion / Schauspiel zu unterscheiden?

Woher wissen Sie, dass die Angreifer Instagram nutzten?


QuoteDirkKahl
17.02.26 14:22

...sprichwörtlich "Das Gehirn an der Garderobe abgegeben"


Quoteberberlin
17.02.26 14:25

Ist doch eine tolle Nachricht, dass das Theater dieses eine Mal für voll genommen wurde! Nur zur Erinnerung: Der Aufstand für die Unabhängigkeit eines belgischen Staates im Jahr 1830 brach nach einer Opernaufführung los...


QuoteAlmaverde
17.02.26 14:14

Es gibt Theaterkonzepte, die genau dieses Zuschauerverhalten begrüßen würden. Der Zuschauer eignet sich das Stück an, wird selber Teil der Inszenierung und entwickelt sie weiter.—Da hat doch nun wirklich ein Dialog stattgefunden.


QuotePat7
17.02.26 14:45
@Almaverde am 17.02.26 14:14

Gewalt ist nie Bestandteil irgendeines Dialogs.


QuoteAntiautoritaet2
17.02.26 14:59
@Almaverde am 17.02.26 14:14

Schlingensief hätte es geliebt...


QuoteCaldoverde
17.02.26 17:31
@Antiautoritaet2 am 17.02.26 14:59
Ich musste auch sofort an Schlingensief denken ... er fehlt so sehr.

Ich finde es interessant, dass das Stück so provoziert, dass die Leute vergessen, wo sie sind.
Aber es ist sicher auch richtig schwer, diese menschenfeindlichen rechtsradikalen Tiraden so lange ruhig auszuhalten, im Theater ist man ja nicht richtig frei sich zu entziehen. ...


QuoteThink1stSpeak2nd
17.02.26 13:53

Well, die einen verbreiten Fake-News, die sie dann für "die Wahrheit" halten, die anderen verwechseln gleich eine Theaterinszenierung mit der Realität. Intelektuell scheint hierzulande wirklich Hopfen und Malz verloren zu sein!


Quoteuwitteck
17.02.26 14:18
@Think1stSpeak2nd am 17.02.26 13:53

Immerhin ist das Dschungelcamp die beliebteste Sendung.


Quoteexistenz
17.02.26 15:04
@Think1stSpeak2nd am 17.02.26 13:53

    Intelektuell scheint hierzulande wirklich Hopfen und Malz verloren zu sein


Schlussfolgerungen aus dem Verhalten zweier Personen von 83 Millionen Deutschen zu ziehen, ist natürlich die Krönung von Intellektualität. ...


QuoteQueeerdenker
17.02.26 13:51

Wer ins Theater geht, im Museum Bilder anschaut, einen Film sieht, ein Buch liest, sollte Fiktion und Realität, Kunst und Leben wohl unterscheiden können. ...


QuoteSaturnV
17.02.26 13:50
Aus einem Artikel in der WELT erfährt man noch Details, die das Bochumer Publikum beschreiben:


"Mit sanfter Stimme beginnt Lagerpusch von Freiheit zu sprechen, von der Zukunft des Landes. Bald schon geht es gegen Minderheiten und Eliten. Alles Weitere ist kaum zu verstehen, weil einige Zuschauer laut ,,Aufhören!", ,,Nazis raus!" und ,,Halt die Fresse!" schreien. Aber auch: ,,Wer schießt?!" Andere flüchten aus dem Saal, lachen pikiert oder schweigen betreten.

Als der Schauspieler auf offener Bühne attackiert wird, geht das Ensemble gerade noch dazwischen. Es wirkt, als ringe Lagerpusch mit sich, überhaupt noch weiterzuspielen. Dann kommt eine junge Frau nach vorne und wirft eine Orange auf den Schauspieler. Es gibt zustimmenden Applaus im Saal. Niemand protestiert.

Innerhalb von Minuten hat sich der Saal in eine Szenerie wie mit einem Pranger im Mittelalter verwandelt. Ein sich selbst vermutlich als hochkultiviert und aufgeklärt bezeichnendes Publikum stürzt sich auf einen Schauspieler, als sei es der Teufel selbst. Auch das erinnert an voraufklärerischen Aberglauben."

https://www.welt.de/kultur/theater/plus6991e9a391e70faa33106e40/theater-gegen-rechts-dann-wirft-eine-junge-frau-eine-orange-auf-den-schauspieler-der-den-faschisten-spielt.html

Linke, die mit Apfelsinen schmeißen, weil sie Theater und Realität nicht mehr auseinanderhalten können........sowas trifft mein Humorzentrum.....


QuotePat7
17.02.26 14:47
@SaturnV am 17.02.26 13:50
Und Sie kennen natürlich die Täter/innen?

Wobei bei einigen ist ja alles jenseits der AfD / NPD und III Weg gleich links....


QuoteBargeld
17.02.26 15:16
@SaturnV am 17.02.26 13:50

Ich habe mir jetzt extra den Artikel in der Welt durchgelesen, weil ich mich fragte, wie Sie auf die Idee kommen, die Orangenwerferin sei eine Linke gewesen. Jetzt weiß ich - das kommt nicht aus dem Artikel, sondern aus Ihren Gedanken.

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