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Author Topic: [Moral und Kunst, Künstler und Moral ... ]  (Read 2527 times)

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[Moral und Kunst, Künstler und Moral ... ]
« on: January 03, 2018, 11:17:19 AM »

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[...] Kunst und Moral - Fremde oder gar Feinde? ... Es ist schwerlich zu leugnen, dass wir auch heute noch allergisch auf Kunst reagieren, die gegen die gerade üblichen Schön- und Umschreibungen der Welt verstößt. Die verbreitete Schwärmerei für die Autonomie der Kunst hält die wenigsten davon ab, sie der Zensur durch konventionelle Moral oder Political Correctness zu unterwerfen. So werden lange verehrte Kinderbücher umgeschrieben, weil man sich plötzlich an dem Wort „Neger“ stößt, oder Huckleberry Finn von der Liste der empfohlenen Schullektüre gestrichen, da die Figur Jim ein antiquiertes Bild des kindlichen Schwarzen vermitteln könnte (Booth 1988:3f., 457ff.). Welche Kunstwerke hier der moralischen Zensur entzogen, welche ihr unterworfen werden, scheint lediglich vom Grad ihrer Exklusivität oder Popularität abzuhängen. So wird Der Ring des Nibelungen, ein Genuss für die relativ kleine Gruppe der Wagner-Liebhaber, seit je aufgeführt, ohne die geringste Rücksicht darauf zu nehmen, dass die Gestalten des Alberich und des Mime bei Wagner antisemitischen Klischees entsprechen. Die in den ersten Folgen der populären amerikanischen Fernsehserie Breaking Bad dargestellte Entwicklung Walter Whites vom biederen Lehrer zum brutalen Drogenbaron, die als lustvolle persönliche Befreiung inszeniert wurde, stieß hingegen – ungeachtet ihrer artistischen Würdigung durch diverse Preise – auf heftige Kritik, die sich erst beruhigte, als Walter Whites Treiben in den späteren Folgen in die persönliche und familiäre Katastrophe mündete.

Nun mag man dies für einen falschen Umgang mit Kunstwerken halten. Aber stellt die moralische Kritik an der „falschen Botschaft“ (der Belohnung der Bösen), die von solchen Narrativen ausgehen könnte, wirklich eine grundsätzliche moralische Zumutung an diese (Film-) Erzählungen dar? Das mag in Einzelfällen gewiss so sein, wenn im Nachhinein Kunstwerke zensiert werden, weil sie den je neuen Normen der Political Correctness nicht entsprechen, oder wenn die Kritik von einer ängstlichen Konventionalität ausgeht, die weder der Komplexität der Filmkunst, noch der moralischen Mündigkeit der Zuschauer gerecht wird. Was in Narrativen wie Breaking Bad geschieht und wie es filmtechnisch und künstlerisch vermittelt wird, überlegen sich Drehbuchautoren, Kameraleute, Schauspieler und Regisseure jedoch immer schon mit Blick auf die erwartbaren moralischen Reaktionen der Zuschauer; ihre zu erwartende Schockiertheit oder Befremdung ist in die narrative Konstruktion der modernen Serie ebenso mit eingebaut wie in die Theaterstücke seit der Antike und in den modernen Roman. Moral (im Sinne sowohl der thematisierten Moral als auch der antizipierten moralischen Reaktionen der Kunstkonsumenten) ist immer schon Teil des Sinnganzen, nicht etwa etwas Sinnfremdes.

... Die wichtige kantische Einsicht, dass die ästhetischen Kriterien der Beurteilung von Kunst andere sind als die moralischen, ist daher nicht mit der irrigen Vorstellung zu verwechseln, die Kunst sei ein von sozialen, moralischen und politischen Fragen abgeschirmter Bereich. Dass es gute Gründe gab und gibt, Kunst vor bestimmten gesellschaftlichen und politischen Vereinnahmungen zu schützen, steht dabei außer Frage.

... aus platonischer Sicht stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Moral und Kunst vor allem als Frage nach der Wahrheitsfähigkeit der Kunst: Inwieweit ist Kunst nur Nachahmung von äußerem Schein, inwieweit kann sie sich – evtl. auch mit Hilfe der Philosophie – dem nicht augenscheinlichen Wesen der Dinge nähern und es veranschaulichen? Eine Dichtkunst, die das nicht leisten kann, ist in ihren sittlichen Auswirkungen gefährlich.

... Lessing denkt sich die Entwicklung von Mitgefühl nicht als ein primitives emotionales Mitschwingen mit den dargestellten Gefühlen im Theater, sondern führt sie auf eine komplexe Konstellation zurück, zu der klassische Strukturelemente der Tragödie, aber auch die Selbstwahrnehmung des Zuschauers gehören. Die narrative Konstellation orientiert sich an den Strukturelementen der aristotelischen Poetik: Mitgefühl entsteht, wenn das Schicksal des Helden vom Glück ins Unglück umschlägt, aber nicht in ein banales kleines Unglück, sondern eines, das im Verhältnis zum persönlichen Verschulden unverhältnismäßig groß erscheint. Die emotionale Reaktion des Zuschauers auf das dargestellte Unglück steht bei Aristoteles in Beziehung zu der moralischen Natur der Hauptperson: Diese darf nicht schlecht sein, sondern muss zu den eher guten, aber nicht ganz vollkommenen Personen gehören, damit eine Identifikation möglich wird. Daran orientiert sich auch die Reflexion auf die Beziehung zwischen Zuschauer und Tragödienheld bei Lessing: Die Furcht, die das Schicksal der anderen bei uns auslöst, entspringt unserer Ähnlichkeit mit der leidenden Person, ist also eigentlich ein auf uns selbst bezogenes Mitleid. Dieses aber setzt voraus, dass wir noch Grund haben, für uns selbst zu fürchten: Weder der Verzweifelnde, noch der Übermütige kann mit anderen Mitleid haben (Lessing 1973:578ff.). So wird die dramatische Konstellation, die die aristotelische Katharsis bewirkt, bei Lessing zu einer Art Technik der Erzeugung moralischer Gefühle: Mitgefühl wird durch die Manipulation der narrativen Bedingungen hervorgerufen, die beim Zuschauer sympathetische Identifikationen hervorrufen.

Die Erwartungen Lessings an das Theater als eine moralische Bildungsinstitution haben nicht alle Zeitgenossen geteilt.

... Wie schon die Diskussion des Mitgefühls bei Corneille und Lessing zeigt, hängt die Bedeutung, die man dem Theater im späten 18. Jahrhundert für die moralische Bildung zuschrieb, damit zusammen, dass man die bloß rationale Überlegung sowohl mit Blick auf die moralische Motivation als auch die Fähigkeit, sich in die Perspektiven anderer zu versetzen, für ethisch unzureichend hielt. Auf das Theater konzentrieren sich somit die Hoffnungen der Aufklärungskritik, die sich gegen die Illusionen und Folgeschäden eines verengten Rationalitätsverständnisses richtet. Ihren Höhepunkt findet diese Entwicklung im ästhetischen Idealismus bei Schiller: dem Gedanken, dass die Dichtkunst auf das Gute, das Schöne und das Wahre gerichtet sei, und dass diese drei Dinge auch unverzichtbar zusammenpassten, sich wechselseitig stützen müssten.

... Viele Diskussionen zum Verhältnis von Kunst und Moral seit dem zwanzigsten Jahrhundert drehen sich um die Frage, was die Kunst zur Entwicklung eines Bewusstseins moralischer Normen leistet und inwiefern sie hier eine konventionelle Moral stützt oder geeignet ist, sie kritisch oder subversiv zu unterwandern.

...


Aus: "Kunst und Moral" Maria-Sibylla Lotter (2016)
Quelle: https://www.kubi-online.de/artikel/kunst-moral

« Last Edit: June 22, 2022, 12:40:52 PM by Textaris(txt*bot) »
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[Verhältnis zwischen Kunst, Moral und Künstlern... ]
« Reply #1 on: January 03, 2018, 11:24:33 AM »

Quote
[...] Ist der eben noch hochgepriesene, mit zwei Oscars, Golden Globes und Emmy Awards ausgezeichnete und erst 2016 von Prince Charles als Amerikaner und langjähriger Direktor des Londoner Old Vic Theatres zum britischen Ritter geschlagene Schauspieler Kevin Spacey nunmehr zur völligen Unperson geworden?

Wir müssen die ganze MeToo-Debatte um sexuellen Missbrauch, im Film- und Fernsehgeschäft wie in der übrigen Gesellschaft, hier nicht ausführlich wiederholen. Aber der Fall Kevin Spaceys, der im Unterschied zum Hollywood-Produzenten Weinstein selbst ein Künstler ist, darf in mehrerlei Hinsicht als besonders gelten.

Am 15. Februar, dem Eröffnungstag auch der Berlinale 2018, wird in den deutschen Kinos Ridley Scotts neuer Film „Alles Geld der Welt“ über die einstige Entführung des Milliardärsenkels John Paul Getty anlaufen. In dem bereits abgedrehten und fertig geschnittenen Film hatte Spacey den grausam geizigen, das Leben seines Enkels riskierenden Familienboss J. P. Getty verkörpert. Ende Oktober aber behauptete der bis dahin nicht sehr bekannte Schauspieler Anthony Rapp, vor über 30 Jahren habe der damals 26-jährige Spacey ihn als erst 14-Jährigen bei einer Party in Spaceys Wohnung angefasst und körperlich „belästigt“. Wie der Junge auf diese Party kam, wurde nicht weiter erörtert.

Spacey reagierte per Twitter, er könne sich an den Vorfall nach drei Jahrzehnten nicht erinnern, entschuldige sich aber für den Fall eines im Alkoholrausch ein „unangemessenen“ Verhalten. Dazu machte er erstmals öffentlich bekannt, „inzwischen das Leben eines schwulen Mannes“ zu führen. Fast postwendend erklärte die Firma Netflix, Spacey als Hauptdarsteller der TV-Erfolgsserie „House of Cards“ zu entlassen und einen mit Spacey gedrehten Film über den homosexuellen Autor Gode Vidal unter Verschluss zu halten.

„Alles Geld der Welt“ wird dagegen gezeigt. Aber nicht mehr mit Kevin Spacey. Regisseur Ridley Scott hat seinen Star aus dem mehr als zweistündigen Film herausgeschnitten und in neun Tagen für etwa sechs Millionen Dollar die entsprechenden Szenen mit Christopher Plummer als Milliardär Getty nachgedreht und einmontiert. In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ erklärte der 80-jährige Altmeister Scott dazu, es sei vor allem darum gegangen, die bisherigen 45 Millionen Dollar Produktionskosten nicht umsonst ausgegeben zu haben. Also keine zuvörderst moralische, eher eine geschäftliche Entscheidung.

Im SZ-Interview wird Scott allerdings auch nach dem Verhältnis zwischen Kunst, Moral und den Künstlern gefragt. Der Regisseur: „Man muss die Person von ihrem Werk trennen.“ Scott verweist etwa auf die Gemälde des Franzosen Balthus und seine Darstellung kindlich junger Mädchen in lasziven Posen. „Es sind unbehagliche, teils verstörende Gemälde.“ Aber ihn selbst interessiere dabei nicht, was ein Künstler „privat macht. Ich beurteile ausschließlich seine Kunst“. Und bei dem von ihm gleichfalls bewunderten Akteur Spacey? Der hätte „wegen dieser Skandale“ den Film, sprich „das Gemälde zerstört!“

Tatsächlich sind bei einem Schauspieler als Darsteller Werk und Person nicht zu trennen. Der Akteur wird so selbst zum Werk. Und Proteste gegen einen Film oder eine Aufführung würden alle sonst beteiligten Künstler in Mitleidenschaft ziehen. Trotzdem bereitet der Film-Fall Kevin Spacey jetzt Unbehagen.

Technisch ist das, was bei „Alles Geld der Welt“ passiert, gewiss machbar. Aber Schauspieler, ihre Besetzung mit bestimmten Rollen sind künstlerisch (und damit auch menschlich) nicht einfach austauschbar wie Requisiten. Regisseure beharren normalerweise darauf, dass ihre einmal gewählten Schauspieler für sie der Inbegriff ihrer Inszenierung seien.

Und: Im möglichen Missbrauchs-Fall Kevin Spacey ist wohl nicht alles so eindeutig, wie es etwa bei den zahllosen Attacken des Produzenten Weinstein auf junge Frauen zu sein scheint. Anders auch als einst bei Roman Polanski und einer 13-jährigen Party-Bekanntschaft ist laut den Schilderungen von Anthony Rapp zwar von körperlichen Anzüglichkeiten, aber von keinem Sexualverkehr die Rede. Was nach dem Statement von Rapp noch etliche andere (erwachsene) männliche Kollegen von Spacey als Erfahrungen vor allem während dessen Londoner Theaterzeit am Old Vic vorgebracht haben, klingt dennoch unappetitlich. Klingt nach (situativem) Machtmissbrauch durch einen Prominenten. Ohne hier den strafrechtlichen Begriff der Vergewaltigung zu diskutieren oder über unbekannte Details zu spekulieren: Es gibt trotzdem bislang keine Anklage, es ist wenig oder nichts wirklich bewiesen – ganz abgesehen von der rechtsstaatlichen Unschuldsvermutung, an die sich vor allem in der amerikanischen Öffentlichkeit derzeit kaum noch jemand zu erinnern bemüht. Und selbst in Deutschland, wo im Film-, TV- und Showbusiness allerorts ohne konkrete Namensnennung debattiert wird, selbst hier herrscht ein Klima der teils gratismütigen, teils selbstgerechten Vorverurteilung.

Auch eine schlimme Kindheit, von der Kevin Spaceys älterer Bruder Randall Fowler in der „Daily Mail“ ausführlich berichtet hat (der Vater Spacey ein Nazi, Antisemit, Peiniger und sexueller Missbraucher in der Familie), selbst sie entschuldigt nichts, was ein mittlerweile berühmter Star mit seinen weniger privilegierten Mitmenschen privat oder in Ausnutzung seiner beruflichen Stellung womöglich treibt. Aber folgt aus dem Verdacht für den jetzt 58-jährigen Spacey ein – lebenslängliches ? – Berufsverbot, ein gar retrospektiver Bann?

Als die Künstler-Agentin Heike-Melba Fendel zu Gast bei Anne Will vor einigen Wochen auch nur ansatzweise erwähnte, dass es bei Kevin Spacey ohne gesicherte Fakten um den (dennoch nichts vorab entschuldigenden) Respekt gegenüber „einem der bedeutendsten lebenden Schauspieler“ gehe, umgab sie in der TV-Talkrunde sogleich eine eisige Wand.

Man muss heute gegenüber einem übertreibenden Rigorismus nicht gleich die früheren Bilderstürmer bemühen. Oder die modernen Bildmanipulationen eines Stalin, der den Mitrevolutionär Trotzki durch Retuschen bei Film- und Fotoaufnahmen aus der russischen Geschichte löschen wollte.

Aber, der bislang beispiellose Umgang mit dem Fall Spacey lässt einen weiter fragen: Sollen Roman Polanskis oder Woody Allens Meisterwerke, wie es in den USA zum Teil gefordert wird, aus dem cineastischen Gedächtnis verschwinden? Und was wäre mit Charlie Chaplin oder Marlon Brando, die es auch mit sehr jungen Mädchen hatten, und was mit all den noch immer bejubelten Sexsymbolen der Pophistorie?

Sicherlich ist unser Blick, nicht erst durch die Missetaten eines Strauss-Kahn oder Weinstein, geschärft. Und in der Kunstgeschichte weiß jeder halbwegs Kundige, wie viele barbusig stillende Madonnen, wie viele antike Göttinnen, Sklavinnen oder geraubte Sabinerinnen der Erbauung vor allem des männlich lüsternen Blickes galten. Wie ein Großteil der Aktmalerei überhaupt. Oft genug sind sie trotzdem größte Kunst und allemal Zeugnisse anderer Zeiten.

Das gilt auch für den berühmten nackten Amor des Caravaggio aus der Berliner Gemäldegalerie. Die Frage ist nur, ob man ausgerechnet dieser Tage das Gemälde aus seinem um das Jahr 1600 noch halb privaten und dann seit langem musealen Kontext herausnehmen soll und ziemlich knallig, mit dem fotorealistisch entblößten Glied eines etwa zwölfjährigen Modells als Plakatwerbung der Staatlichen Museen zu Berlin unter dem Motto „5.322.913 Kunstwerke 365 Tage 15 Museen“ auf Berliner Litfasssäulen kleben muss. Wie vor Weihnachten geschehen – und alsbald an der empfindlichsten Stelle mit allerlei Kritzeleien bedacht. Die Werbeaktion wirkte frech, doch nicht unbedingt sensibel.

Dennoch ist der wunderbare Künstler Caravaggio, mag er im Leben auch ein Messerstecher und womöglich Liebhaber Minderjähriger gewesen sein, gegen Angriffe auf sein Werk, die es immer wieder gibt, zu verteidigen. Wie auch Nabokovs (rein literarisch gebliebene) erotische Liebeserklärungen an junge Mädchen. Wie Louis-Ferdinand Célines grandioser Weltkriegsroman „Reise ans Ende der Nacht“ – obwohl der Autor zu einem rabiaten Antisemiten wurde. Gallimard wird Célines gegen Juden hetzende Pamphlete 2018 erstmals im Rahmen seiner Gesamtausgabe wieder drucken, aber, was sonst, mit historisch-kritischer Kommentierung.

Die Fallbeispiele sind ohne Zahl. Brecht etwa wurde nicht zu Unrecht sein Sex in Schreibarbeit verwandelndes Verhältnis zu seinen Geliebten und Koautorinnen vorgeworfen. Trotzdem hat Brecht in seinen erotischen Gedichten und mit den Heldinnen seiner Stücke einige der schönsten Frauenfiguren der Weltliteratur geschaffen. Es gehört eben zur Geschichte der Kunst wie zur gesamten Menschheitsgeschichte sehr oft: eine Disproportion von Talent und Charakter. Oft ist sie der Preis und bildet zugleich die humane, weil widersprüchliche Wahrheit der Kunst. Oder anders gesagt: Das Werk ist und weiß mehr als der Autor.

Kevin Spacey übrigens habe ich vor gut sechs Jahren in der weltweit gezeigten Inszenierung von Sam Mendes als Richard III. am Londoner Old Vic leibhaftig erlebt. Er spielte Shakespeares Mörderkönig als furioses, von diabolischem Witz befeuertes Monster. Ungeheuerlich. Ja: genial. Sein Regisseur, der mit ihm auch den Oscar-Gewinner „American Beauty“ gedreht hat, sagte über Spacey damals: „Ich hatte immer das Gefühl, er wurde geboren, um diese Rolle zu spielen.“


Aus: "Künstler können Monster sein" Peter von Becker (03.01.2018)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/kultur/metoo-debatte-und-kevin-spacey-kuenstler-koennen-monster-sein/20806416.html
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[Verhältnis zwischen Kunst, Moral und Künstlern... ]
« Reply #2 on: January 03, 2018, 12:31:22 PM »

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[...] Die Welt ist nicht schwarz-weiss, sie hat leider ganz viele Schattierungen und die machen es verdammt schwer, in ihr zu leben und zu urteilen. Auch einer, der moralisch ein Schwein ist, kann einen künstlerischen Blick auf Dinge haben, der toll ist, der tief ist, der wahr ist. Wenn man diesen anerkennt, akzeptiert man nicht gleich sein moralisches Vergehen mit.

Das Kunstwerk entstand nicht im luftleeren Raum. Es entstand in und durch den Menschen, der durch sein anderes Tun ein Ekel, ein unmoralischer Mensch, ein Betrüger oder was auch immer ist. Aber wenn er es geschaffen hat, steht es auch für sich. Als Kunst. Das vollendete Werk ist vom Künstler losgelassen. Er wendet sich dann Neuem zu. Das sagen ganz viele Künstler über ihre Werke: Sie brüten und schaffen – dann lassen sie los. Und dann passiert ja auch viel damit durch die Reaktionen der Betrachter. Das Werk gehört quasi ihnen, da sie dann daraus durch die Rezeption was machen.

Drum schaue und höre ich mir weiter Werke von Künstlern an, die ich moralisch fragwürdig finde. Ich neigte noch nie zum Fan-Kult. Mir ist relativ egal, wer hinter einem Werk steht. Entweder es überzeugt mich oder nicht. Das gibt den Ausschlag, ob es meine Zeit wert ist – oder nicht. ...


Aus: "Moral, Künstler und Kunst" Sandra von Siebenthal (30.10.2017)
Quelle: https://denkzeiten.com/2017/10/30/moral-kuenstler-und-kunst/
« Last Edit: June 20, 2022, 04:26:19 PM by Textaris(txt*bot) »
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[Moral und Kunst, Künstler und Moral ... ]
« Reply #3 on: October 19, 2022, 04:12:48 PM »

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[...] Was ist eigentlich ein "Skandal"? Und was ist ein "Skandalregisseur"? Was sind "skandalöse Äußerungen"? In letzter Zeit gibt es eine Inflation des Wortes "Skandal".

Alleine in diesem Jahr hatten wir es in Deutschland nahezu monatlich mit neuen sogenannten "Skandalen" zu tun und zwar zunehmend im Kulturbereich. Allen voran die jetzt zuende gehende documenta, davor die Kritik an Meinungen zum Ukraine-Krieg und Russland oder zur Coronapolitik der Regierung, die von den herrschenden Meinungen der Medienentscheider abwichen.

Zuletzt aber auch der österreichische Regisseur Ulrich Seidl und sein Film "Sparta", der in der vergangenen Woche beim Festival von San Sebastian Premiere hatte. Zuvor war er einer wochenlangen, von Boykott- und Cancel-Forderungen begleiteten medialen Diffamierungskampagne ausgesetzt, obwohl kaum einer den Film überhaupt gesehen hatte.

Die documenta gilt als Skandalausstellung, Seidl als Skandalregisseur. Der Begriff des Skandal ist dabei allzu oft eine Chiffre für "mögen wir nicht" oder für "verdient Rufmord".

Denn klar ist, dass der Begriff "Skandal" ganz objektiv ein Ereignis oder ein Menschen meint, der Anstoß oder Aufsehen erregt. Etwas veraltet ist auch die neutralere, weniger wertende Benutzung des Wortes im Sinne eines großen Lärms und Radaus. Skandal wird häufig, so schreibt es Wikipedia, "synonym zum Begriff Affäre verwendet". Skandal hat dabei wenig mit legitimer Aufklärung und viel mit künstlicher Empörung zu tun, mit gemachter Aufgeregtheit.

Die Frage ist vor allem, wer eigentlich darüber entscheidet, wann etwas zum Skandal wird. Wir erinnern uns an die sogenannten "Skandalfilme" der 1950er und 1960er Jahre: Filme wie "Die Sünderin" oder Ingmar Bergmans Werk "Das Schweigen".

Damals kämpfte eine "Aktion saubere Leinwand" gegen sogenannte "Skandalfilme". Und ein bisschen hat man den Eindruck, als ob genau so eine "Gruppe saubere Leinwand" heute wieder aktiv ist.

Die Skandalisierung ist dabei tatsächlich in erster Linie eine Folge des Wertverlusts und Bedeutungsverlusts klassischer Medien im Zuge der Digitalisierung. Tageszeitungen und Printmagazine kämpfen ums Überleben.

Die Folge ist die Entertainisierung von nahezu allen Medien, die Folge sind Vulgarisierung, Infantilisierung und Boulevardisierung von Inhalten wie Präsentation, ein allgemeiner Populismus; die Folge sind Niveauverlust und Kommerzialisierung.

... Natürlich hat die mediale Skandalisierung des Kulturbetriebs auch einfach die Funktion, von vermeintlich schwierigen, problematischen, intellektuellen oder gar (Gott behüte!) "elitären" Formen und Inhalten der eigentlichen kulturellen Werke abzulenken – zugunsten einer "guten", also einfach erzählbaren Geschichte.

Was durch die mediale Skandalisierung des Kulturbetriebs aber tatsächlich vor allem geschieht, ist, dass eine Gesellschaft ihre Mitglieder normieren möchte. Sie möchte Anstand, Moral, Sitte; sie möchte, dass alle das tun, was alle tun sollen.

Und die Kunst ist seit jeher das widerständigste Element jeder Gesellschaft. Die Künstler sind genau diejenigen Individuen, die beispielhaft zeigen und allen anderen vorführen, dass andere Entscheidungen möglich sind, dass Moral etwas Individuelles ist und letztlich persönlicher Willkür und Entscheidung unterliegt, dass sie sich im Einzelfall zeigt und nur im Unterscheidungsakt gegenüber einem Mainstream beweist, aber nicht Im-Sich-Fügen an eine Mehrheit.

Die Mehrheit reagiert darauf verständlicherweise allergisch. Sie verlangt Normierung. Normierung liegt nun aber nicht im Interesse aller Einzelnen und wahrscheinlich noch nicht einmal im Interesse einer Gesamtheit.

... Es geht bei Kultur entgegen dem Vorurteil nie alleine um den Selbstverwirklichungsdrang eines Genies oder die Willkür weniger privilegierter, sondern es geht bei Kultur immer um ihre Funktion. Ihre Funktion für die Gesellschaft.

Wozu braucht die Menschheit Kunst? Warum gibt es eigentlich Kunst? Kunst und Kultur haben, seitdem es sie gibt, mindestens drei gesellschaftliche Aufgaben.

Zum einen Sinnstiftung und Identitätsschaffung. Kultur ist Mittel und Ort zur Selbstverständigung der Gesellschaft und in der Folge zur Selbstdefinition der Gesellschaft. Selbstbestimmung, Sinngebung, mitunter Religionsersatz.

Kunst muss als Fortsetzung der Religion mit anderen Mitteln und als Fortsetzung der Philosophie mit anderen Mitteln verstanden werden. Als "neue Mythologie" wie es der Philosoph G.W.F. Hegel im "Ältesten Systemfragment des deutschen Idealismus" beschreibt.

Die zweite Aufgabe von Kunst und Kultur sind Verklärung und Idealisierung. Kunst leistet die symbolische Repräsentation der Gesellschaft, die Auratisierung und Mythologisierung der Verhältnisse, sie verleiht in der Selbstdarstellung der Gesellschaft Charisma.

Kunst und Kultur kann für die Gesellschaft einnehmen und verführen, sie von ihren schönsten Seiten zeigen, die schlechten Seiten mit Glanz und Glamour versehen. In der Kunst – auch in den mit Arnold Gehlen "nicht mehr schönen Künsten" – sieht man schöne Menschen schöne Dinge machen.

Kunst ist damit auch Propaganda, auch Trost, auch Erklärung des Lebens, schöner Schein, ernstes Spiel.

Die dritte Aufgabe von Kunst und Kultur ist Kritik, Irritation, Provokation und Infragestellung der Gesellschaft. Sie ist Verbesserung und Optimierung der Gesellschaft durch ihre Infragestellung. Kunst in diesem Verständnis ist Mittel und Anlass und Auslöser und Motor zur Selbstverbesserung der Gesellschaft, zur Selbstkorrektur.

Kunst ist gerade auch als Antithese zur Gesellschaft ein Mittel ihrer langfristigen Stabilisierung. Wer eine Gesellschaft, wie sie ist, zerstören will, muss daher ihre Künste zerstören.

Genau das tun die neuen Controller und Optimierer und ihre unwissenden, aber willigen Diener in den Medien helfen ihnen dabei, woke und naiv wie sie sind.

Kunst war bisher Platzhalter des Offenen, des ganz Anderen. Kunst war Aufmerksamkeitsmotor für Leerstellen, für Unerfülltes, für noch zu leistendes, Utopisches. Kunst war symbolische Repräsentation des Nichts; sie war Platzhalter und Medium des Nicht-Identischen.

Mitunter gewinnt man den Eindruck, dass das, was nun im Rahmen der neuen Normierung der Künste durch Skandalisierung ihres alten widerständigen Kerns stattdessen gefordert wird, eine Art neuer sozialistischer Realismus ist.

Man wünscht sich eine Kultur, die den "Neuen demokratischen Menschen" abbildet, den "Arbeiter an der Wokeness", den Arbeiter an der idealen Gerechtigkeit. Kultur darf nicht länger Sand im Getriebe sein. Kultur soll nur noch Schmiermittel der immer geölter und schneller schnurrenden Gesellschaftsmaschine sein.


Aus: "Medienkritik: Hört auf, "Skandal" zu schreien!" Rüdiger Suchsland (24. September 2022)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Medienkritik-Hoert-auf-Skandal-zu-schreien-7274688.html?seite=all


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[Moral und Kunst, Künstler und Moral ... ]
« Reply #4 on: October 19, 2022, 04:18:23 PM »

Quote
[...] Welche Künstler wären nicht mehr tragbar, weil ihr Lebenswandel und ihre Kunstwerke bürgerliche Moral-Vorstellungen negieren? Hier der Anfang einer beliebig zu verlängernden Liste: Michelangelo, Francis Bacon, Gaughin, Degas, Picasso, Jonathan Meese, Balthus, Caravaggio, Cellini, Dali, Egon Schiele, Max Beckmann, Baselitz, Cindy Sherman, Klaus Staeck ...

... Idealerweise ist ein Museum oder eine Kunstausstellung dann ein 'safe space': ein geschützter Raum, in dem Besucher, so unterschiedlich sie sein mögen, dennoch alle sicher davor sind, von etwas behelligt zu werden, das sie als unangenehm empfinden. An die Stelle des Schutzes der Kunst vor Aggressionen, wie ihn der Grundsatz der Kunstfreiheit garantieren soll, tritt der Schutz des Publikums vor Zumutungen, die von Kunstwerken ausgehen.

Doch wäre ein solcher 'safe space' nicht ziemlich einfältig? Wenn "jeder Stein des Anstoßes beseitigt" werde, dann heiße das, so die Philosophin Juliane Rebentisch, dass man "die bürgerliche Öffentlichkeit vor der Konfrontation mit den Symptomen der eigenen Gewaltgeschichte bewahren" wolle. Aber nicht nur das. Was nämlich bedeutet es für die Zukunft der Kunst, wenn Unabhängigkeit und Autonomie schon allein deshalb nicht mehr angebracht sind, weil dann die Gefahr viel größer ist, dass sich irgendwann irgendjemand verletzt fühlt, als wenn die Werke von vornherein auf eine möglichst eng gefasste und präzise adressierte Meinungsäußerung reduziert werden? (Wolfgang Ullrich)

... Die weitere Debatte über die Kunstfreiheit sollte auf die Frage konzentriert sein, wie wichtig es ist, dass es etwas gibt, das der Beurteilung nur nach Kriterien der jeweiligen Gegenwart entzogen ist. Braucht es nicht etwas, das als Dokument anderer Weltbilder und Maßstäbe bewahrt wird oder das mit anderen Weltbildern und Maßstäben experimentieren darf? (Wolfgang Ullrich)


Aus: "Tabubrecher! Wie moralisch soll Kunst sein?" (Sendung vom Do., 10.5.2018 8:30 Uhr, SWR2 Wissen, SWR2)
Quelle: https://www.swr.de/swr2/kunst-und-ausstellung/broadcastcontrib-swr-23232.html

-.-

Quote
[...] Auktionen für Superreiche, unverständliche Monumentalkunst in Galerien – es scheint, als habe die Gegenwartskunst sich längst von der wirklichen Welt, ja auch vom Publikum abgewandt. Nein, das ist nicht so, glaubt Kunsttheoretiker Wolfgang Ullrich.

... Aber hat es nicht etwas Entlarvendes, wenn zum Beispiel ein Künstler wie Sterling Ruby, der immer wieder in seiner Kunst gesellschaftliche Fragen thematisiert, in einer Berliner Galerie riesige Wandteppiche ausstellt, die zwar irgendwie die Zustände in der Textilindustrie und die Stoffpraktiken in marginalisierten Communities aufgreifen, diese Werke aber so gigantisch sind und mit fast 500.000 Euro so teuer, dass das Publikum bloßer Zaungast dieser künstlerischen Aufklärung bleibt? Für Wolfgang Ullrich ist Sterling Ruby ein Superbeispiel für einen Künstler, der in der postautonomen Kunstproduktion angekommen ist.

„Der will ja hier nicht nur Kunst machen. Für den sind die Stoffe auch soziohistorische Dokumente. Die hat er zum Teil selbst produziert, zum Teil irgendwo erworben. Die sind zum Teil noch aus dem 19. Jahrhundert. Und er selber bemüht sich darum, ganz viele Diskurse daran aufzuhängen. Da geht es um den Gender-Diskurs: Wer hat diese Stoffe irgendwann gemacht? Wofür sind sie verwendet worden? Da geht es um Minderheitendiskurs. Da geht’s um Kulttechniken, die von Schwarzen vor allem gepflegt wurden. Da geht’s um religiöse Minderheiten wie die Amish People, die mit bestimmten Stoffen repräsentiert sind. Also er hat ganz viele Diskurse mit aufgerufen – und das soll ausdrücklich der Fall sein. Man soll diese Bildwerke nicht nur als Kunst betrachten, sondern auch als Aufruf, die eigene politische Sensibilität zu steigern.“
Dass sie damit trotzdem nur für Reiche produziert sind, die sich mit dem Statussymbol auch noch das gute Gewissen und die moralische Integrität dazukaufen wie in einem modernen Ablasshandel, stellt für Ullrich in diesem Fall kein Problem dar. Denn Ruby betreibe auch ein Modelabel. „Aus denselben Stoffen, aus denen er Kunst macht, macht er dann auch Hosen und Jacken und Flaggen und alles Mögliche andere, also sieht sich ausdrücklich auch als Künstler und als Modedesigner und auch eben als jemand, der sich auch noch als politischer Aktivist betätigen möchte.“

Dass die Kunst sich also nicht nur der Gesellschaft zugewandt hat, zeigt sich für Ullrich nicht nur daran, dass Kunst heutzutage nicht nur Kunst sein will, sondern auch Mode oder politischer Aktivismus. Vielmehr zeigt sich gerade an der Versteigerung in New York, dass Kunst – und insbesondere Warhol – längst zu einer Marke geworden und damit Teil der Popkultur ist. Hier spielt der Besitz des Originals kaum mehr eine Rolle.
„Gerade der hohe Preis eines solchen Werks schafft dann doch auch wieder mehr Verbindung zwischen der Kunst und einer breiteren Öffentlichkeit. Weil, für Pop-Kultur sind ja Zahlen immer wichtig, vor allem große Zahlen, superlativische Zahlen – wie viele Exemplare sind verkauft worden, in welchen Charts stand dieser und jener Song? Dass das ein Rekord ist für ein Werk des 20. Jahrhunderts, macht dieses Werk auch für eine breitere Öffentlichkeit aufregend. Insofern kommt es hier eher sogar zu einer Überwindung von Distanz, von Entfremdung zwischen Kunst und Publikum.“.

...


Aus: "Kunsttheoretiker Wolfgang Ullrich - Verliert die Kunst den Bezug zur Gesellschaft?" Moderation: Thorsten Jantschek (08.10.2022)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/tacheles-108.html

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Quote
[...] Die Frage nach der Moral in der Kunst ist eine der wichtigsten Debatten in der Gegenwartskunst der letzten Jahre – für nicht wenige Kritiker und Kritikerinnen wird Kunst derzeit viel zu sehr nach moralischen, nach „außerkünstlerischen“ Maßstäben beurteilt, nach einer neuen political correctness: Postkolonialismus, #metoo oder toxisches Sponsoring sind hier wichtige Schlagworte.
Tatsächlich nehmen wir fast selbstverständlich an, dass Kunst etwas mit „Freiheit“ zu tun hat, eben mit der „künstlerischen Freiheit“ oder „Autonomie“, und was sollen da moralische Einwände? Entscheidend scheint zu sein, ob es gefällt – und vielfach verstanden und verstehen sich Künstler ja auch als Tabubrecher gegen moralische Verlogenheit.

Dabei verhandelt Kunst aber eben ununterbrochen Fragen der Moral, wahrscheinlich schon seit den allerersten Bildern. Allerdings gibt es einen feinen Unterschied zu beachten. In dem Moment, in dem man so tut, als sei zum Beispiel eine Malerei, die einen Künstler nackt im Selbstportrait zeigt, schon eine unsittliche Handlung – so als hätte der Künstler sich öffentlich entkleidet und zur Schau gestellt – vermengt man zwei zunächst einmal unterschiedliche Handlungen: das Malen und das reale Entblößen.
Dagegen wird gerne argumentiert: Bild und Realität, künstlerisches Handeln und reales Handeln seien doch sehr nah beieinander und aufeinander bezogen. Das ist zwar richtig, doch für seinen eigenen Umgang mit Bildern sollte man diesen feinen Unterschied dennoch im Hinterkopf behalten. Vielleicht lässt sich das gut an Sören Kierkegaards Schrift mit dem schönen Titel „Entweder – Oder“ zeigen, in der es explizit um die Wirklichkeit aus ästhetischer und ethischer Perspektive geht. „Entweder – Oder“ heißt, man muss sich ständig zwischen diesen beiden Perspektiven entscheiden. Der Ästhetiker ist bei Kierkegaard der Verführer, der selbstbezogen ist und verspricht und einen am Ende mit verlorener Unschuld sitzen lässt. Der Ethiker ist dagegen im Idealfall der Altruist, im Grunde also das, was viele heute als „Spaßbremse“ sehen, ein Langweiler, der seine eigenen Interessen zugunsten der Gemeinschaft hinten anstellt.

Was heute in der kapitalistischen Demokratie als Freiheit definiert wird, ist aber oft eigentlich eher ein ästhetisches Angebot als ein ethisches. Gerade in Corona-Zeiten fällt der plötzlich erwachte Gemeinsinn so sehr auf. Die ganz eigenen ästhetischen Fragen der Kunst werden aber im Kunstbetrieb heute auch mit der Ästhetik der Werbung überblendet. Und weil das so ist, verstehe ich grundsätzlich den Widerstand einer Online-Petition gegen das Gemälde „Thérèse träumend“ des Malers Balthus gut, das ein Mädchen im Kleid in lasziver Haltung mit leicht gespreizten Beinen zeigt.
Dieser Widerstand richtet sich weniger gegen die Kunst, als gegen ihre Verwendung. Museumsleute können sich natürlich immer mit der Kunstgeschichte herausreden, doch implizit wissen wir auch: Balthus hat dieses Gemälde ganz explizit als Skandalbild gemalt, und Museen tun fast alles, um ihr Publikum zu locken, und das Zeigen eines solches Gemäldes spielt dabei sicher eine Rolle.
Was im Einzelfall daraus folgt, ist eine andere Frage. Aber Kunst nur als „Ästhetiker“ anzuschauen – also weil sie unserem ästhetischem Selbstgefühl schmeichelt – reicht offenkundig nicht aus. Gerade weil Bilder immer Teil der Realität sind, müssen wir sie auch als Ethiker und Ethikerinnen ansehen, die sich in ihrem Ego zurückzunehmen wissen und die von der Realität nicht erwarten, dass sie nur ihnen allein gehört.

...


Aus: "Wie moralisch ist die Kunst?" Carsten Probst (12.04.2020)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/endlich-mal-erklaert-wie-moralisch-ist-die-kunst-100.html
« Last Edit: October 19, 2022, 04:26:58 PM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #5 on: October 19, 2022, 04:31:22 PM »

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[...] Unbemerkt, auf leisen Sohlen und ohne, dass es jemandem besonders aufgefallen wäre, ist eine der großen Errungenschaften des Menschen aus unserem Leben verschwunden: die Kunst. Nun ja, vielleicht nicht aus unserem alltäglichen Dasein, in dem wir noch immer gerne lesen, Musik hören, Ausstellungen besuchen und ins Kino gehen, wohl aber aus dem dazugehörigen Diskurs. Wer die Kunstdebatten der vergangenen Jahre verfolgte, machte eine interessante Erfahrung: Für Aufregung sorgten nicht ästhetische Kühnheiten, radikale Experimente oder originelle Verfremdungen, sondern allein Fragen nach der Identität der Künstler und ob die Werke den politisch-moralischen Ansprüchen unserer Zeit genügen.

... Der Philosoph G. W. F. Hegel hatte schon am Beginn des 19. Jahrhunderts das Ende der Kunst verkündet. Er glaubte, dass die Wissenschaften die Kunst überflüssig gemacht hätten. Das war voreilig. Gerade die Moderne hatte durch die Befreiung der Kunst aus den Fängen der Politik und Religion ungeheure Innovationen freigesetzt. Droht durch den moralischen Rigorismus unserer Tage, dem sich Künstler durchaus freiwillig an den Hals werfen, nun doch ein Ende der Kunst? Begnügen wir uns mit billiger Unterhaltung und penetranter Propaganda? Keine Sorge: Überzogene Moralvorstellungen, die im Leben mitunter sogar ihre Berechtigung haben mögen, führen in der Kunst zu Erstarrung, Langeweile und politischem Kitsch. Niemand hält so etwas auf Dauer aus. Die Kunst wird auch den aktuellen Versuchen, sie zu gängeln, entkommen.


Aus: "Das Ende der Kunst" Konrad Paul Liessmann (25.09.2022)
Quelle: https://www.wienerzeitung.at/meinung/glossen/2162674-Das-Ende-der-Kunst.html
« Last Edit: October 19, 2022, 04:41:01 PM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #6 on: October 20, 2022, 03:21:26 PM »

... So stimmen die ... Protestbriefe der Katholischen Kirche gegen „La dolce vita“ erheiternd ...
(Peter von Becker "Italienisches Kulturinstitut Berlin: Der Kinokosmos von Federico Fellini", 01.11.2021)

... Da sieht man schon, wie sich Sitten und die Bewertung dessen, was Sittenverstöße sind, geändert haben. ...

Quote
[....] DOMRADIO.DE: "Marcello, komm her" - Anita Ekberg steigt in den Trevi-Brunnen in Rom. Ist das auch die Szene, die Ihnen als erstes bei diesem Film einfällt?

Martin Ostermann (Mitglied der katholischen Filmkommission): Ja, die ist natürlich ikonisch geworden und wird mittlerweile in vielfach anderer Hinsicht, völlig getrennt vom Film, zitiert. Der Titel "La dolce Vita" - "Das süße Leben" ist für sich genommen schon eine Aussage: unbeschwert sein, einfach die Zeit laufen lassen, genießen und sich treiben lassen, so wie es kommt. Dazu passt natürlich auch der Sprung in den Brunnen.

DOMRADIO.DE: In dem Film geht es um eine amerikanische Schauspielerin, die nach Rom kommt. Was macht diese Geschichte so außerordentlich?

Ostermann: Wenn man sich in die damalige Zeit hineinversetzt, wurde oft der Begriff des "Sittenbildes" benutzt. Das würde man heute so nicht mehr sagen. "Sittenbild" klingt ein wenig altertümlich. Damals war der Begriff durchaus noch gegenwärtig und das trifft es eigentlich. Die Episode mit Anita Ekberg, die eine Schauspielerin darstellt, ist nur ein Teil eines größeren Mosaiks. Es geht letzten Endes um Rom als Weltstadt. Rom selbst spielt eine Hauptrolle in dem Film. Es geht eigentlich um die Gesellschaft als moderne Gesellschaft, die für dieses süße Leben Zeit hat, Zeit zum genießen. Der Film ist 1959 entstanden, 1960 in die Kinos gekommen. Das war immerhin noch Nachkriegszeit.

DOMRADIO.DE: Was fand der Vatikan so schrecklich an dem Film?

Ostermann: Da ging es natürlich um genau dieses explizite Genießen. Es gab durchaus auch übrigens positive Stimmen katholischer Presse. Der "Cotidiano" zum Beispiel, das ist auch ein katholisches Blatt, hat damals schon von einem Meisterwerk geschrieben, musste das aber hinterher widerufen, weil der "L'Osservatore Romano" sehr eindeutig geschrieben hat, dass hier die Sitten verdorben werden. Da sind wir wieder bei dem Sittenbild. Da heißt es sogar, dass es einen Aufruf an die öffentliche Gewalt gab, dem Schutz der Volksgesundheit endlich Folge zu leisten und die guten Sitten und den Respekt wieder neu aufzurichten. Die Behörden sollten also dafür sorgen, dass dieser Film zurückgezogen wird. Das hat aber nicht funktioniert. Daraufhin hat man vom Vatikan aus zumindest das Prädikat der katholischen Filmzensur erlassen "für alle unzulässig", also ein guter Katholik sollte den Film nicht besuchen.

DOMRADIO.DE: Ist da aus heutiger Sicht noch ein Aufreger aus kirchlicher Sicht drin?

Ostermann: Das ist schon interessant. Die FSK, also die Freiwillige Selbstkontrolle, die zunächst mal den Jugendschutz im Blick hat - also nicht den Schutz aller Menschen, sondern mehr der Minderjährigen - hat 1998 eine Neubewertung des Films vorgenommen, was übrigens bei vielen Filmen passiert ist. Der hatte eine FSK18-Freigabe und ist 1998 auf FSK12 zurückgestuft worden. Da sieht man schon, wie sich Sitten und die Bewertung dessen, was Sittenverstöße sind, geändert haben.

DOMRADIO.DE: Was macht den Film nach über 60 Jahren so zeitlos, dass er uns immer noch etwas zu sagen hat und nun wieder in die Kinos kommt?

Ostermann: Ich denke Frederico Fellini ist ein Meisterwerk im Sinne der Bildsprache gelungen. Da sind ikonische Szenen enthallten, die für sich sprechen, ohne dass sich da direkt auch die Geschichte dahinter kenne, wie etwa der anfangs erwähnte Trevi-Brunnen. Das zweite ist sicherlich, dass es eine Zeitansage war, die weit über das Jahr 1960 hinausreicht: Was macht den Menschen eigentlich aus? Wie gestaltet er Beziehungen? Wie verbringt er seine Sehnsüchte? Auch ein stückweit so etwas wie spirituelle Krisen? In welche Richtung tendiert sein Glaube? Das alles kommt im Film vor. Der Film beginnt damit, dass eine große segnende Jesus-Statue mit einem Helikopter über Rom in den Vatikan transportiert wird. Es gibt auch eine Marienerscheinung in dem Film, die dann allerdings von der Klatschpresse eher ausgeschlachtet wird, als dass es sich tatsächlich um ein gläubiges Wunder handelt. Das sind alles Elemente, die wir heute multipliziert wieder neu haben. Das, glaube ich, macht den Film auch heute noch sehr sehenswert.

DOMRADIO.DE: Der Film dauert drei Stunden lang und war auch im Fernsehen zu sehen. Lohnt es sich Ihrer Meinung nach, sich den Film im Kino anzugucken?

Ostermann: Unbedingt. Der Film ist digital restauriert worden, also mit 4K abgetastet worden, den neuesten technischen Standards genügend. Die Bildsprache ist auch heute noch beeindruckend und maßgebend für viele Regisseure wie zum Beispiel Paolo Sorrentino, der gewissermaßen die Nachfolge von Fellini angetreten hat.

Außerdem lohnt es sich für die Atmosphäre: Wir flanieren durch Rom, wir genießen das Leben und wollen alles Mögliche erfahren, auf der zweiten Ebene gleichzeitig auch Stück weit Sinnkrisen und unerfüllte Sehnsüchte sehen. Dafür muss man eintauchen. Dieses Eintauchen, glaube ich, das gelingt nur wirklich im Kino. Im Fernsehen hat man zu viel Ablenkungsmöglichkeiten, sich dem Film zwischendurch zu entziehen. Da lohnen sich dann auch drei Stunden Kino.

Das Interview führte Heike Sicconi.


Aus: ""Ein guter Katholik sollte den Film nicht besuchen" - Weshalb Fellinis "La dolce Vita" den Vatikan schockierte" (17.07.2022)
Quelle: https://www.domradio.de/artikel/weshalb-fellinis-la-dolce-vita-den-vatikan-schockierte

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