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Author Topic: [Sympathie für die illegitimen Kinder der Vernunft (Drastik und Kunst)... ]  (Read 2403 times)

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Textaris(txt*bot)

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[...] Den Anstoß für die Geschichte wie für die Apologie des Drastischen liefert eine ehrlich neugierige Frage, die der Held und Briefschreiber Daniel zu Schulzeiten von seiner heimlichen großen Liebe Sonja gestellt bekam: 'Warum machst du das? Warum sieht du dir das an, warum hörst du diese gemeine Musik?' Nicht dass nur Sonja diese Fragen stellt, auch andere werden Daniel im Lauf seines Lebens immer wieder fragen, warum er sein Herz an so schmuddelige, unschöne bis ekelhafte Dinge wie Death Metal, Zombiefilme oder Hardcorepornos hängt. Aber Sonja ist die Person, die zählt. Entsprechend einer uralten Tradition der literarischen Liebeswerbung minnt Daniel mit einer mehr oder weniger verkappten Selbstanpreisung um die Gunst der Geliebten: schonungslos und ehrlich will er Zeugnis von sich ablegen, um die Verehrte von seinen Vorzügen zu überzeugen.

Allerdings erfolgt diese Selbstrechtfertigung nicht im Moment des akuten Verliebtseins, erst Jahre später löst sich der Emotionsstau, nach einem Klassentreffen, das ihm bezüglich der eigenen Kontaktunfähigkeit die Augen öffnet.  ... Wenn man den Gehalt dieser Apologie der Drastik unabhängig von der Rahmenhandlung betrachten möchte - Dath ermuntert geradezu ein solches Vorgehen, indem er eigene journalistische Arbeiten zum Thema in den Text integriert, aber von Daniel als die seinen zitieren lässt - fällt als erstes der fragmentarische oder gar skizzenhafte Charakter der Darstellung auf. Dath verstrickt sich ein wenig in seine eigenen Argumente: Drastik sei - in einer Formulierung, die fatal jenem "postmodernen Theoriekäse" ähnelt - der "ästhetische Rest der Aufklärung nach ihrer politischen Niederlage". Oder noch besser: "Drastik ist nachmythologisch, ohne antimythologisch zu sein, ist formalisierte Vernunft als Ästhetik innerhalb einer inhaltlich unvernünftigen Gesellschaft, ist der Positivismus von Schrecken, Geilheit, Macht und Ohnmacht".

Ungeachtet der Zweifel, ob solche Sätze die Geliebte zu rühren geeignet sind: Auch eine sachliche, an Argumenten orientierte Lektüre dürfte einige Verständnisschwierigkeiten mit sich bringen. Dath verbindet hier zwei seiner Lieblingstheorien, die sich aber kaum verbinden lassen. Die eine ist der Ästhetik zuzuordnen, sie betrifft die Formen des Drastischen und ihre Bedeutung, die andere - Daths radikale Kulturkritik - ist politischer oder besser ideologischer Natur.

Sein ästhetisches Argument verteidigt die konkreten Produkte drastischen Schaffens: "Gewalt ist immer überdeterminiert", sagt Dath. Eine mediale Gewalttat verweist auf keine äußere Ursache, keine Vorgeschichte, die notwendig zu dieser Gewalt führt. Eine Zombieattacke im Film bedeutet dementsprechend erst mal nicht mehr als einen blinden Angriff Untoter. Mord und Greueltaten auf dem Bildschirm stehen nur für sich selbst, genauso steht aber auch die Entscheidung des Zuschauers, sich dem auszusetzen, für sich selbst. Dath glaubt nicht an unbewusste oder pathologische Vorbedingungen, die den Genuss drastischer Kulturprodukte zu einer Kompensationshandlung machen würden.

Wer solche Szenen sieht, wird demnach sicher nicht selbst Passanten anfallen, genauso wenig wie jemand, der destruktive und aggressive Musik hört und Filme sieht, sich notwendig ein Schnellfeuergewehr kaufen wird, um Mitschüler und Lehrer niederzuschießen. Der Drastikkonsument sei als ganz normaler, ja durchaus bewusst und vernünftig handelnder Mensch zu betrachten, nicht als armer, kranker Irrer. Er ist kein willenloses Opfer eines niederträchtigen Produkts, er "züchtet" sich "seine Hornhaut", seine Abstumpfung "mit Bedacht". Drastik ist nicht "dionysisch", nicht als rauschhafte Entgleisung zu verstehen, sondern "apollinisch", als Produkt kristallklarer Vernunft, die dahin geht, wo's wehtut und den Schmerz aushält. Man kann den Dingen ins Auge sehen, allen Dingen, und daraus Überlegenheit ziehen. Was uns nicht umbringt, macht uns härter.

Und niemand sollte umgekehrt unverständliche Morde durch den Konsum von drastischen Kulturgütern zu erklären versuchen. Nur weil jemand keine 'normale' Musik hört, so Daths praktische Folgerung, ist die Ursache einer kriminellen Handlung nicht gleich im Konsum dieser Musik zu suchen.

Auch schlecht gemachte Filme oder Musik, die nach fiesem Krach klingt, können sehr bewusst und sehr gekonnt in Szene gesetzt sein. Die Drastiker in Ton und Bild möchte Dath nicht als haltlose Jugendverderber, sondern als hart arbeitende Handwerker verstanden wissen, die mit kühlem Kopf und einem "Präzisionsgebot" gehorchend immer neue, klare, schockierende Formen für Sex, Gewalt und Tod finden. Die Radikalität, mit der diese unweigerlich in jedes Menschenleben jederzeit einbrechen können, fängt kein konventioneller Ausdruck angemessen ein, es müssen ständig neue, schockierende Formen gefunden werden, um das Unverfügbare im Gedächtnis zu behalten.

Und hier - bei der abhärtenden und die permanente Gefährdung jedes menschlichen Lebens ins Bewusstsein rufenden Funktion der drastischen Darstellung - dockt Dath leider seine zweite These an, indem er der Provokation, die dem Drastischen innewohnt, eine aufklärerische Funktion zuschreibt. Im Bewusstsein der eigenen Gefährdung, so muss wohl Daths Theorie zusammengefasst werden, entwickelt das freie Subjekt einen kämpferischen Sinn für die eigenen Bedürfnisse, die es notfalls auch gegen Widerstände durchzusetzen gilt.

... Natürlich würde Dath nie soweit gehen, den realen Krieg zu fordern, auch wenn ein gewisser frohlockender Zug zur Aufstachelung durchaus auffällig ist. Denn letztendlich ist das martialische Gehabe doch wieder nur rein ästhetischer Natur: das Spiel mit Formen und Motiven aus Genreliteratur und -film soll in der Praxis nur wach machen, den Kopf frei halten, die Grenzen des Vorstellbaren strapazieren - und vor allem gefallen. Viele Worte werden hier gemacht, um zu rechtfertigen, dass man an der Simulation von Mord, Totschlag und Greueltaten Spaß haben könne. Und Spaß macht die Lektüre der Dath'schen Romane allemal, vor allem die letzten Veröffentlichungen zeigen die Fortschritte, die dieser Autor bezüglich eines eigenen Tons gemacht hat, während ältere Erzähltexte oft noch hölzern wirken. Sein schwieriges Unterfangen, die avanciertesten Theoriediskurse in die gesprochene Rede jener von ihm als Helden bevorzugten "anintellektualisierten Proleten" zu integrieren, sie zu beiläufig und authentisch gesprochener Sprache zu machen und damit in den Lebensalltag zu integrieren, hat spätestens mit "Für immer in Honig" Früchte getragen.

Eine solche Zusammenfassung der Theorie, egal ob in politischer oder ästhetischer Hinsicht, nun aber als Daths Position zu verstehen, hieße dem mit allen Tricks postmoderner Textmanipulation vertrauten Autor in die Falle zu gehen. Denn sobald theoretisch Position bezogen und vom Konkreten aufs Allgemeine geschlossen wird, spricht nicht Dietmar Dath, sondern eine seiner Figuren in seinen Büchern - und zwar kontextbezogen. Auch wenn dabei Texte Daths im Namen der Figuren zitiert werden, so beschränken sie sich doch auf begrenzte und vor allem kontrollierbare Themenbereiche. Die großangelegte Spekulation bleibt der Literatur vorbehalten - mögliches Scheitern durchaus einkalkuliert.

... Für eine psychologische Lesart ist auch die auffällige strukturelle Ähnlichkeit zwischen Davids Weltbild und seiner Situation als zurückgewiesener Liebender bedeutsam - der emotional orientierungslose, nahezu handlungsunfähige D. ereifert sich für eine Theorie des Konkreten, Direkten, Zweifelsfreien, ein Gegengift für alles Diffuse, ein schmerzhaftes Abschneiden aller Uneindeutigkeiten. Der Zauderer wird zum Apologeten des Kampfes für Deutlichkeit - Blut darf reichlich fließen, aber nur auf dem Bildschirm.

...


Aus: "Von Schlitzern und Spritzern - Der seltsame Kosmos des Dietmar Dath" Ralf Schneider (Archiv, Nr. 12, Dezember 2005)
Quelle: http://literaturkritik.de/id/8841

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[...] Dietmar Dath, Die salzweißen Augen - Vierzehn Briefe über Drastik und Deutlichkeit, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005
ISBN 9783518417072, Gebunden, 216 Seiten


Klappentext: Damals in den "klebrigen siebziger Jahren", wollte Sonja wissen, was David an Heavy Metal, an Zombie- und Pornofilmen und Horrorcomics denn fasziniere. Jetzt, in den Briefen, holt er aus, zitiert Gräßliches und definiert theoretisch. Doch angetrieben wird seine Erklärung von der eigenen Geschichte: einem kaputten Elternhaus, der Sonjafixierung, Drogenerfahrung, einem Zusammenbruch.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 25.04.2006
Liebesbriefe ohne Liebe habe der Autor zu einem Roman zusammengefügt, schreibt ein ernüchterter Rezensent, wobei die mögliche Perspektive der angeschriebenen Sonja von vornherein ausgespart bleibt. In nahezu "klinischer Manier", so Wolfgang Lange, proklamiere der Briefeschreiber vor der unerreichbaren Geliebten seine Weltanschauung einer Ästhetik der drastischen Lebensäußerungen. In einer Art "Manifest wilden Denkens" fasse der Briefautor die "mentale Grundausstattung" der Pop- und Subkultur zusammen, nach der, so der Rezensent, alles Obszöne und Exzessive zur letzten Möglichkeit nicht nur der Lustgewinnung, sondern auch der Aufklärung erhoben wird. Für den Rezensenten zieht eine solche einseitige "Perspektive des zornigen jungen Mannes" neben der philosophischen auch eine literarische Schwäche mit sich. Zwar werde der dargebotene Theorieverschnitt durchaus "scharfsinnig" und "kenntnisreich" vorgetragen, doch habe das rücksichtslose und "brutale" Denken auch die Sprache infiziert. "Furchtbar deutsch" und kompromisslos, resümiert Rezensent Wolfgang Lange, und wahrscheinlich genau die richtige Lektüre für diejenigen, die auch die Diskurs-Romane eines Thomas Meinecke lieben.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.11.2005
Christoph Bartmann gestattet sich, mit Bewunderung auf den Kollegen Dath zu blicken, dieses "journalistische Aggregat des zeitgenössischen Wissens". Den Wissenschaftshistoriker, Heavy-Metal-Fan, Denker in den Seitenstraßen von Pop- und anderer Kultur und dort, wo andere Unkultur vermuten. Den Autor dicker Romane. Alles gehört zusammen, und wer sich beim Lesen von Daths Artikeln fragen mag, wie der Mann zu seinen Themen kommt, der lese dieses Buch, in dem laut Bartmann das Kunststück gelingt, die "körperlosen Ansichten des Feuilletons in glaubhaftes Figurendenken und -reden zu verwandeln". In "Lebensäußerung". Der Protagonist, rechtfertigt in seinen Briefen an eine stumm bleibende Angebetete aus der Schulzeit seine Liebe zur "Drastik" - Horror, Porno, Krach, Hauptsache Hardcore - als "Sympathie für die illegitimen Kinder der Vernunft". Bartmann ist überzeugt, und er ist sogar berührt. Sein Fazit: "Glücklicher hat der Übersprung vom Journalismus zur Literatur in letzter Zeit selten funktioniert."

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 19.10.2005
Zum Staunen bringt dieser essayistisch angelegte Roman den Rezensenten Andreas Merkel in jedem Fall - auch wenn er nach der Lektüre ebenso beeindruckt wie befremdet über den Autor konstatiert: "Dietmar Dath hat und ist als Autor ein Problem." Recht vollmundig schiebt er allerdings gleich zur Relativierung hinterher: "Aber es könnte das beste Problem sein, mit dem sich in diesem Bücherherbst auseinander zu setzen lohnt" - auch wenn es die eine oder andere "steile These" zu verdauen gilt. David, der Protagonist und Verfasser dieser insgesamt 14 Briefe über drastisch anmutende kulturelle Ausdrucksformen - von Splatterfilmen und Pornos und Death Metal - ist in den Augen Merkels eine Art Alter Ego des Verfassers. Dementsprechend mühsam ist es, sich in seine Sicht der Dinge einzuarbeiten. Worin seine Denkspur führt, wird laut Rezensent erst allmählich deutlich, auf "quälende, zunehmend aber auch spannende Weise" Gleichzeitig wird die Kluft zwischen den "hochästhetischen Reflexionen" des Erzählers und der "seltsam stuckrad-barresken Liebesgeschichte" immer größer. Hoch anzurechnen ist Dath nach Meinung des Rezensenten aber, dass er seinen Protagonisten sehenden Auges ins Unglück rennen lässt anstatt die sich auftuenden Abgründe zuzukleistern.

 Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.10.2005
Nadja Geer empfiehlt Dietmar Daths "zunächst etwas vatihaft abgeschmackt" wirkenden Briefroman all jenen als "prächtiges Kanonenfutter", die sich mitten hinein stürzen wollen in die Kämpfe um Moderne und Poststrukturalismus, politische Korrektheit und Neoliberalismus und noch einiges andere, die innerhalb der Linken in Deutschland gerade wieder ausgetragen werden. Natürlich enthielten die vierzehn Abhandlungen über "Drastik und Deutlichkeit", die Dath einen Heavy-Metal-hörenden jugendlichen Intellektuellen an ein "braves" Mädchen schreiben lässt, auch wieder viel "Anekdotisches und Sektiererisches" vornehmlich zum Popbetrieb, aber der Autor lasse sich nicht ablenken von seinem eigentlichen Ziel, den Konflikt zwischen Geist und Gefühl im Allgemeinen und das Verhältnis seines "zuweilen manischen" Protagonisten zu seinen Mitmenschen im Besonderen zu klären. Als Bonbon bekommt der Leser nebenbei mehr über den Forschungsstand zur populären Kultur mit als aus einer "Cultural Studies-Anthologie", versichert Geer. "Manchmal sogar mehr als einem lieb ist."


Aus: "Die salzweißen Augen" (2005)
Quelle: https://www.perlentaucher.de/buch/dietmar-dath/die-salzweissen-augen.html

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[...] Von Robert Zimmerman am 27. Dezember 2011
Format: Gebundene Ausgabe
Dietmar Dath ist ein Workaholic. ... "Die salzweißen Augen" sind meines Erachtens sein bestes Buch. Unterhaltsam schlägt Dath Brücken zwischen Deathmetal und Adorno, zwischen "American Psycho" und philosophischem Diskurs. Gleichzeitig arbeitet er sich akribisch an den Begriffen "Drastik" und "Deutlichkeit" und an der seiner ersten großen, doch unerfüllten Liebe ab - der er mit diesem Buch ein Denkmal setzt. Freilich lässt er seine breite Bildung immer wieder durchschimmern, böse gesagt: er gibt ein wenig ein. Doch wenn es jemand darf, dann Dietmar Dath. Wenn doch nur alle Theoretiker mit einem so luftigen Stil glänzen würden. ....

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Von buechermaxe am 29. Oktober 2006
Format: Gebundene Ausgabe
Drastik und Deutlichkeit. Egal ob in Film, Kunst oder Berichterstattung. Gleichgültig, ob in Sex, Sport oder Weltnachricht. Das kriegerische Vokabular, der monströse Vulgarismus in Form von Schlacht, Sieg und Niederlage regiert unsere Sprache, unsere Emotionen und unser Denken. Daths Buch aber öffnet im Blick auf die 70er Jahre, seine eigene Jugend und Jugendliebe im Puppenhaus Bundesrepublik in einer opulent-drastischen Sprache und Sichtweise das sprachliche Exerzierfeld, in der anhand verschiedenster filmischer Phänomene „die kulturindustrielle Form, die das Selbstwunsch- und –angstbild von modernen Menschen annimmt, wenn die sozialen Versprechen der Moderne nicht eingelöst werden“ benennt. Dath sucht in seiner Drastik und Deutlichkeit jene Sonja, in Briefen, die seine eigene Jugend war und findet dadurch Zugang zu zeitkulturellen medialen Phänomenen, gesellschaftlich-zivilisatorischen Sichtweisen, Abwärtstrends, Anspruchsverflachungen …

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Von Graf Pocciam 13. Januar 2006
Format: Gebundene Ausgabe
Um es vorweg zu sagen: Ich habe das Buch nur bis zur Hälfte gelesen. Dieser fiktive Briefschreiber, der in 14 Briefen an eine gewisse Sonja sehr gestelzt über Drastik doziert, ist allenfalls psychologisch interessant. Welches Motiv könnte jemand haben, eine Frau mit einem solchen Vortrag über die Unterhaltungs- und Subkultur der letzten 30 Jahre zu bombardieren?
Und was könnte Sonja neues aus den Briefen erfahren? Z. B., dass das verworrene Drehbuch zu Matrix mit seinen willkürlichen mythologischen Bezügen noch nicht mal den Ansprüchen der „Cyberpunks“ genügen kann. Nun, sollte sich Sonja je diesen Film angesehen haben – nicht der visuellen Effekte wegen, sondern um etwas über das Leben zu erfahren –, dann wäre auch sie ... allenfalls psychologisch interessant.
Dietmar Dath stopft den Darm seines Drastikessays mit soziologischen Begriffen so voll, dass sich eine prall gefüllte Bildungswurst ergibt – wenn auch die Deutlichkeit dabei auf der Strecke bleibt. Wem die Augen bei solchen Sätzen wie den unten zitierten nicht salzweiß werden, mag das überteuerte Büchlein immerhin lesen.
„Drastik, wie ich sie verstehe (...) ist nicht chthonisch, kommt nicht aus der „Bluturenge“ (Marx) irgendeiner vorsintflutlichen Unzivilisiertheit hervorgeschossen, steht nicht unter Wahndampf. Ihre Indienstnahme für gegenmoderne, anti-aufklärerische, irrationale Propaganda, vom rechten Flügel der surrealistischen Bewegung bis zum Poststrukturalismus und dem Rechtsaußen-Fraktionen der popkulturellen Gothic-, Black-Metal und Dark-Wave-Strömungen, ist genau das: eine Instrumentalisierung, die über Interessen und Absichten läuft, also nicht dem „Wesen der Sache“ entspricht, dem sie vielmehr sowenig gerecht wird wie die ideologische „Verwissenschaftlichung“ des altabendländisch-christlichen Judenhasses zum modernen „Rassenantisemitismus“ irgendeinem „Wesen der Wissenschaft.“

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VonKlaus Grunenberg VINE-PRODUKTTESTERam 26. August 2005
Format: Gebundene Ausgabe
... Denn alles, aber auch alles scheint machbar und vermarktbar zu sein, also auch die Drastik in Politik, in Kunst und in Makabrem.
Im Moment unserer Geschichte scheint es aber so zu sein, daß der Einzelne nicht sehr Einfluß nehmen kann auf notwendige Veränderungen (trotz Demokratie), somit fährt er schnelle Autos, fliegt in Urlaub oder schreibt sich seinen Frust von der Seele.
So wohl auch hier und das ist gut so.
Männer, die ihre Pubertät anscheinend sehr lange mit sich herumtragen, sind wohl garnicht so selten. Sie beginnen dann oftmals, sich mit wissenschaftlichen Dingen zu befassen, das Ding also, das sie umtreibt zu untersuchen und zu veröffentlichen.
Nocheinmal: das ist gut so. Und somit können wir alle teilnehmen an den Gefühlen, den Umtriebigkeiten aber auch den Eingriffen von oben, dieses alles selbst einwenig zu steuern.
Die neuerdings wieder leicht emporkommende Religiosität und der Versuch, auch z.B. Eucharistie im katholischen Sinn neu zu beleben mit all den bekannten Einzelheiten überkommener und nicht zu verstehender dogmatischer Energie, das ist auch - oder besser gesagt - birgt Drastik in sich und nicht zu wenig. Dies als kleine Abschweifung, aber nicht unbedingt uninteressanter.
Wir alle, mehr oder weniger, sind doch interessiert, warum und vor allem wie es funktioniert mit der Liebe und den Säften und mit der Energie in uns und zwischen uns Menschen. Dabei ist die Natur unser Anschauungsideal, doch nicht nur, denn die Phnatasie spielt uns so manchen Streich. Daß wir dabei beim Rückschauen auch schon mal zur Salzsäule erstarren können, wer ahnte das nicht.
Also, sind wir einwenig zufrieden mit dem, was uns Dietmar Dath bietet und wünschen wir uns eine reichhaltige Diskussion darüber, wobei man aber Naturwissenschaftler und vor allem Ärzte mit einbeziehen müßte. Also, die Aufklärung birgt ja doch wohl noch etwas an köstlicher Energie, wenn man so will und dies hier ist ein bestes Beispiel dafür. Natürlich könnte man sich auch zurücklehnen, durch die Weinberge streifen und den Herrgott einen guten Mann sein lassen, besser aber nicht.


Quelle: https://www.amazon.de/product-reviews/351841707X/ref=cm_cr_dp_see_all_btm?
« Last Edit: November 23, 2017, 04:52:05 PM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #1 on: November 23, 2017, 04:20:16 PM »

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[...] Natürlich erzählt Die salzweißen Augen auch ganz einfach eine in ihrer Peinlichkeit drastische Jugend und Deine Geschichte mit Sonja. Doch weil die Passagen zu Musik, Ästhetik, Form, Politik und - natürlich! - Drastik stärker in Erinnerung bleiben, würde ich behaupten, dass es eigentlich mehr um diese Überlegungen als um Sonja geht.

Du schreibst, es gehe Dir um Drastik; um "unpopuläre Massenkultur", jene "absichtlich besonders schlecht ausgeleuchteten, peinlichen und fiesen Winkel ..., wo schlechter Geschmack, schäbige Produktionsbedingungen, extreme Oberflächlichkeit ... Drogenmissbrauch, Prostitution und Psychopathologie einander die Hände zu einem Reigen reichen". Eine Verteidigungsschrift für Heavy-Metal-Bands und Pornos willst du nicht verfasst haben, aber irgendwie durchzieht eine derartige Argumentation Dein Buch dann doch. Immer wieder berichtest Du, wie Du Dich erst in der Schule, dann in der Musikzeitschrift Spex, der Du zeitweise als Chefredakteur vorstandest, und heute schließlich als Wissenschaftsredakteur der FAZ für Deinen Geschmack rechtfertigen musstest. Man hat das, bemerkst Du an einer Stelle durchaus beleidigt, nie ernst genommen. Bis dahin kann ich folgen: Es ist nicht blöder, Iron Maiden zu hören als neue elektronische Musik, über Splatter kann man so intelligent oder dumm sprechen wie über Godard.

Von da jedoch schlägst Du eine weite Brücke. Du sprichst zunächst von einer Analogie zwischen Drastik und Aufklärung. In Horror- und Pornofilmen sehe man, dass Dinge Folgen haben - nach einem Unfall steckt eine Glasscheibe im Auge, Sex führt zu Samenerguss. Insofern sei Drastik, so Deine Argumentation, eine Ästhetik der Vernunft: kausale Verknüpfungen würden gezeigt: "Dass Drastik auf diesem verqueren Weg an das Versprechen der Aufklärung erinnert, man könne den Dingen ins Augen sehen, wie sie sind, ist ihre erhebende Seite und die Quelle des ästhetischen Genusses ihrer besseren Produkte". Auch dieser These kann ich folgen. Doch dann begibst Du Dich auf einen wahren Parforceritt. Du behauptest, dass es vor allem die Antimodernen seien, die die Drastik - aus ziemlich dummen Gründen - ablehnten. Mit diesem Vorwurf scheint ein breiter Kreis gemeint zu sein: von alten Spex-Kollegen und FAZ-Vorgesetzten bis hin zu Adorno/Horkheimer, Michel Foucault, Deleuze/ Guattari und Judith Butler. Du bezeichnest sie als antiaufklärerische Antiintellektuelle.

Dagegen mimst Du den Streiter für die Moderne. Du behauptest, dass jeder, der "hinter die große Industrie zurück möchte, grausam und dumm" sei, weil erst die Massenproduktion ein Wohlsein der Menschen ermögliche. Du wirfst den Kritikern des Staatlichkeitsapologeten Thomas Hobbes Esoterik vor, lässt über Foucault und Deleuze den Satz fallen, sie seien obskurantistisch, und klagst schließlich - schon wieder etwas beleidigt -, ein Verteidiger der Aufklärung mache sich heute "entschieden unbeliebt".

Natürlich sollte der Begriff der Entwicklung gegen romantische Sentimentalitäten verteidigt werden - ganz in dem Sinne, dass links ein Synonym für prozessual und rechts für Fixierung ist, wie der neue Documenta-Kurator Roger Buergel unlängst in einem Interview (Felix Guattari zitierend) gesagt hat. Aber wie Du von da auf den Gedanken kommst, Foucault und andere seien reaktionär, wenn sie die Repressivität von Aufklärung und Liberalismus entschlüsseln, ist mir wirklich schleierhaft.

In den Passagen, in denen Du Dich darauf beziehst, steckt so viel Verve, ja fast schon Verachtung, dass ich mich frage, ob hier nicht ein eigenartiger Kurzschluss stattgefunden hat. Für mich liest sich die Verteidigungsschrift von Moderne und Aufklärung wie ein Rückfall in jene unsägliche Zeit, als Linke auf esoterischste Weise an den objektiven historischen Ablauf der Dinge glaubten: erst Feudalismus, dann bürgerliche Gesellschaft, industrieller Sprung und schließlich geordneter Einmarsch in die sozialistische Weltgesellschaft. Viel Vergnügen!

Wenn Du schreibst, Du wärst nicht gern Frau in Afghanistan und lebtest nicht gern im Mittelalter, affirmierst Du mit dieser allgemein durchgesetzten, aber trotzdem blödsinnigen Gleichsetzung den ganzen geschichtsdeterministischen europäischen Herrschaftsmüll: Hier ist die Mitte, der Rand muss modernisiert werden. Als wäre Afghanistan in 40 Jahren international geführten Kriegs nicht überaus erfolgreich modernisiert worden. Als wäre Frauenunterdrückung das Mittelalter und nicht - ebenso wie MTV und Internet-Cafés - das entfaltete 21. Jahrhundert.

Die Taliban sind eben nicht nur, wie Du behauptest, Ausdruck gescheiterter Aufklärung, sondern auch Produkt ganz real materialisierter Vernunft. Ohne Informations-, Geheimdienst-, Verkehrs- oder Waffentechnologien, die es ohne Aufklärung nicht geben könnte, sähe es in der Welt und in Afghanistan anders aus - ob besser oder schlechter, weiß ich nicht zu sagen. Genau das macht die Widersprüchlichkeit des Zivilisatorischen ja aus. Industrie bringt nicht nur preiswerte Jeans für uns hervor, sondern auch Sklavenarbeit in Peking und Djakarta. Und noch allgemeiner: Weder Wissenschaft noch Technik können neutral sein, ständig werden Herrschaftsverhältnisse in sie neu eingeschrieben. Das Fließband etwa wurde nicht erfunden, weil es effizienter ist, sondern um die Handlungsabläufe der Arbeiter besser kontrollieren und unterwerfen zu können. Die Suche nach der Vernunft hatte nie nur die Emanzipation aus der Unmündigkeit zum Ziel, sondern produzierte in konkreten Verhältnissen auch immer Herrschaft mit. Genau der Irrsinn dieses inneren Risses ist es, der die Kritik von Aufklärung und Vernunft, ob nun vorsichtig wie bei Adorno oder radikaler wie bei Foucault und Deleuze, so lesenswert macht.

Wahrscheinlich kennst Du diese Argumente besser als ich. Man kann ihnen, je nach Folie, die man heranzieht - freischwebende Berliner Nischenexistenz oder das Leben in der Favela von São Paulo - sicherlich unterschiedliche Bedeutung beimessen. In Zeiten jedoch, in denen viele junge Linke in Deutschland vom globalen Süden (von Urlaubsdörfern einmal abgesehen) nichts mehr wissen wollen, die zivilisatorische Wirkung von US-Kriegen preisen und keine Ahnung davon haben, dass es jenseits esoterischer Ökobewegung auch eine linke Determinismus- und Technikkritik gab, finde ich es ärgerlich, wenn etwas in so überflüssiger Weise vereinfacht und zurecht gelegt wird.

Abgesehen davon, lieber Dietmar Dath: große Schreibe, gutes Buch!

Dietmar Dath: Die salzweißen Augen. Vierzehn Briefe zur Drastik und Deutlichkeit. Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005, 224 S.


Textarchiv feuilleton (literatur, theorie, kritik), Raul Zelik: "Lieber Dietmar Dath - Briefrezension eines Briefromans"
(Freitag 23.12.2005), Brief an den Autor (23.12.2005)
Quelle: https://www.raulzelik.net/kritik-literatur-alltag-theorie/106-lieber-dietmar-dath-briefrezension
Quelle #2: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/lieber-dietmar-dath
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« Reply #2 on: November 23, 2017, 04:29:55 PM »

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[...] In Die salzweißen Augen beschränkt sich Dath [...] auf den Konflikt zwischen Hirn und Herz. Zwar baut David, sein fiktiver Verfasser von 14 Briefen über "Drastik und Deutlichkeit", auch hier wieder viel Anekdotisches und Sektiererisches ein, schimpft über die Engstirnigkeit im Popbetrieb und lamentiert über das Unverständnis, das ihm aufgrund seiner Vorliebe für kulturindustrielle Drastik entgegenschlägt, verliert dabei aber nie sein Ziel aus den Augen: der eigenen Wahrheit näher zu kommen.  ... Sichtbar wird die Einsamkeit eines himmelstürmenden Geistes, die Tragik eines Heavy-Metal-Fans, der sich mit Goethes Faust identifiziert. ...  Science-Fiction, Heavy Metal, Amokläufer, Pornografie – das sind die drastischen Objekte der analytischen Begierde des Briefschreibers. Dessen "Sachkompetenz in drastischen Ästhetica" wird von den Journalistenkollegen geschätzt, und in der Tat ist es unübertrefflich, wie antikonventionell sich David dem kulturellen Trash annähert. Dass er jedoch Sonja mit seinen massenkulturellen Vorlieben intellektuell belästigt, seinen "analytischen Apparat zum Drastikverständnis" vor ihr "auspackt", zeigt, wie nahe echte Leidenschaft und Übergriffe nebeneinander liegen. ...



Aus: "Erzählungen: Großer Geist und Drang: Dietmar Daths unerwiderte Liebe zur Massenkultur" Nadja Geer (13. Oktober 2005)
Quelle: http://www.zeit.de/2005/42/L-Darth

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« Reply #3 on: November 23, 2017, 04:56:57 PM »

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[...]  Den Schlüssel zu den Filmen, Bands und Büchern seines Lebens findet er in der 'Drastik’, jener Überdeutlichkeit, die im genauen, oft zeitlich gedehnten Blick auf Unangenehmes eine ganz eigene Intensität erzeugt, wie sie der Postmoderne eigentlich abhanden gekommen war – zu sehr hat das Uneigentliche, das Ironische, die Gefühlswelt relativiert. Erst in der Drastik finden wir auf die Erde und zum Körper zurück. D. – offenbar nicht / und gerade doch mit dem Autor D. identisch – findet diese Drastik in den surrealen Splatterfilmen von Lucio Fulci (ÜBER DEM JENSEITS), in den fast kindlich grausamen Gonzo-Pornos von Rocco Siffredi, dem satanistischen Metal von Cradle of Filth und den Romanen von Bret Easton Ellis. Es geht ihm nicht um die gepflegte Gewalt des Mainstreams, wie sie Quentin Tarantino und Stephen King etabliert haben – ihre ironischen Gesten und narrativen Ausflüchte gleichen eher einer Entschuldigung. Dath geht es um das vermeintlich 'Selbstzweckhafte’, das sich der rationalen Zuschreibung entzieht, das den destruktiven Akt selbst feiert: Drastik als selbstverweisende Transgression. Dabei steckt sein Buch voller Verweise und amüsanter Entdeckungen. So bietet er den grandiosesten Verriss, den die überschätzte MATRIX-Trilogie je erleben musste. Und einige großartige Argumente gegen die Zensur.

"Was ist Drastik? Der ästhetische Rest der Aufklärung nach ihrer politischen Niederlage." Am Ende jedoch steht jener letzte Hort des selbstverweisenden Authentischen: die Liebe, unzeitgemäß und gar nicht postmodern 'warm’.


Aus: "Die salzweißen Augen: Vierzehn Briefe über Drastik und Deutlichkeit" Marcus Stiglegger (20??)
Quelle: http://www.ikonenmagazin.de/rezension/Dath.htm

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[...] Während Königin Daenerys Targaryen auf ihrem Drachen über das Schlachtfeld braust, kämpfen unten die Lannister-Männer gegen das Reitervolk der Dothraki. Blut spritzt aus durchgeschnittenen Hälsen, Körper werden von Speeren durchbohrt, sichelförmige Schwerter hacken Arme ab.

Die Fantasy-Serie „Game of Thrones“ ist extrem erfolgreich, insgesamt hat sie in den vergangenen Jahren 255 unterschiedliche Fernsehpreise gewonnen. Einige Folgen habe ich mehr als einmal gesehen: Zunächst freiwillig, zu Hause, aus Interesse. Und dann im Rahmen von „Programmprüfungen“ bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF), für die ich ein paar Wochen im Jahr Fernsehinhalte unter Jugendschutzkriterien evaluiere. Private Fernsehsender lassen bei der FSF die Filme und Serien, die sie zeigen, regelmäßig durch einen Ausschuss prüfen. Der Antrag auf Altersfreigabe entscheidet darüber, ob der Film im Tages-, Abend- oder Nachtprogramm läuft.

Bei einer solchen Prüfung sitzen wir PrüferInnen gemeinsam in den Räumen der FSF, gucken in die Röhre, die schon lange keine mehr ist, und bewerten die Filme nach so genannten „Wirkungsrisiken“: Kann ein Programm entwicklungsbeeinträchtigend sein, weil es zum Beispiel übermäßig ängstigend auf Kinder wirkt, es also zum Beispiel in ihrer direkten Lebenswelt spielt, in die eine Gefahr eindringt, die sich nicht überwältigen lässt? Oder weil es sozialethisch desorientierend für sie ist, wenn etwa riskantes, antisoziales, ungerechtes Verhalten positiv dargestellt wird?

Bei Szenen wie der oben beschriebenen aus „Game of Thrones“, in der Kampfszenen schick wie Ballettchoreos daherkommen, wird auch das Risiko der „Gewaltförderung“ beurteilt: Nutzen positiv charakterisierte ProtagonistInnen vor allem oder ausschließlich Gewalt, um das zu bekommen, was sie wollen? Ist diese Gewalt ästhetisiert – spritzt das Blut etwa in Slow-Motion aus den Hälsen, hat der Kampf etwas Stilisiertes, wirken die Geräusche von zersplitternden Knochen und Metallklingen im Fleisch besonders laut und vordergründig? Sieht man das Opfer aus der Täterperspektive?

Mit Gewalt habe ich nicht nur bei der Arbeit als FSF-Prüferin zu tun. Reelle, nicht-fiktionale, körperliche Gewalt erlebe ich, erleben wir alle täglich aus der Distanz. Über die Medien, etwa wenn Hunderte größtenteils männliche junge Menschen Böller gegen das Haus des „Drachenlords“ in Mittelfranken werfen, um ihren Hass gegen den Mann, der im Netz immer wieder durch misogyne und rassistische Kommentare aufgefallen ist, auch real auszuleben. Oder wenn Männer (und wenige Frauen) in Chemnitz oder anderen Städten nicht-weiße Menschen zusammenschlagen. Überhaupt bei jeder kriegerischen Auseinandersetzung, von der ich höre, bei jeder Schlägerei, die ich sehe, jedem Gewaltverbrechen, über das ich lese. Am eigenen Leib erlebe ich seltener Gewalt, eher ihre Vorstufe, die Aggression: Wenn mich ein Autofahrer mit rotem Gesicht aus dem Autofenster anbrüllt, weil er nicht gesehen hat, dass für mich als Radfahrerin noch die Grünphase gilt. Wenn ich bei überfüllten Konzerten versuche, mit dem Bierbecher in meine Reihe zurückzukehren, und Männer auch nach einem freundlichen „Entschuldigung?“ ihre Ellenbogen in meinen Körper drücken. Als Kind habe ich ebenfalls körperliche Gewalt erlebt, durch meine Familie.

Seitdem frage ich mich, wie sie zustande kommt. Was sie ist und wofür sie gut ist: Ist sie nur „ein stummer Schrei nach Liebe“, wie die Ärzte singen? Hat sie ein Geschlecht? Entstammt sie der Angst? Oder der Gier? Oder den Hormonen? Kann sie ein Blitzableiter sein, noch Schlimmeres verhindern? Gehört sie zu einem „natürlichen“ Auf-und-Ab, wie die so genannten Kliodynamiker behaupten, die sich mit dem mathematischen Modellieren von historischen Entwicklungen beschäftigen?

Und wenn sie doch so schlimm ist, diese Gewalt – wieso feiern wir sie in der Fiktion derartig ab? Werden immer realistischer in unseren Gewaltdarstellungen, lassen neuerdings vermehrt Frauen zuschlagen, choreografieren die Kampfszenen elegant wie Tänze? Warum erregt uns Gewalt, fasst uns emotional an? Mein innerer Film- und Fernseh-Nerd fragt die Jugendschützerin in mir zudem regelmäßig voller Bammel: Stimmt es, was gewalthaltigen Formaten – und Video- und Computerspielen ohnehin – übel nachgesagt wird, dass diese sogar Gewalt triggern können?

Der 1980 verstorbene Psychoanalytiker und Sozialpsychologe Erich Fromm hat zu dem Thema 1973 ein Buch herausgebracht, das als Standardwerk der Gewaltforschung gilt. Es heißt „Anatomie der menschlichen Destruktivität“, und er definiert darin verschiedene Arten der Aggression, gutartige und bösartige. Eine „konformistische“, die aus Gehorsam passiert – der Pilot, der keinen wirklich aggressiven Akt vollbringt, wenn er in seinem Flugzeug den Knopf für die Bombenklappe drückt, dennoch ist seine Bombardierung der Stadt ein Akt der Gewalt. Und eine „instrumentelle“, die als Mittel zum Zweck gilt – man schadet jemandem, weil man etwas will, was er oder sie gerade hat.

Fromm kennt die „Pseudoaggression“, die Schaden anrichten kann, ohne dass eine Absicht dazu besteht – dazu zählt er die „spielerische Aggression“, und findet sie in Sportarten wie Fechten oder Schwertkampf. Die „Aggression als Selbstbehauptung“ gehört laut Fromm ebenfalls zur „Pseudoaggression“, und nur bei ihr besteht angeblich ein Zusammenhang zum Geschlecht.

Sind Männer gewalttätiger als Frauen? Bereits in den vierziger Jahren hat ein Forscher namens Edward A. Beeman Tierversuche durchgeführt, bei denen kastrierte Ratten, denen das Testosteron entzogen wurde, weniger Kampfeslust an den Tag legen.

Erich Fromm fragt in seinem Buch rhetorisch: „Welche biologische Funktion könnte ein feindseliges, den weiblichen Partner schädigendes Verhalten des männlichen Partners haben?“ Und antwortet, dass es sich bei der von ihm so genannten, vor allem männlich konnotierten „Aggression als Selbstbehauptung“ eben nicht „um ein an sich feindseliges oder angriffslustiges Verhalten“ handelt, sondern „um eine Aggression, die dazu dient, dass man sich durchsetzt“. Durchsetzen müsse sich der Mann unter anderem, weil „die anatomischen und physiologischen Bedingungen der Sexualfunktion des Mannes erfordern, dass der Mann fähig ist, das Hymen zu durchstoßen, und dass er nicht durch Angst, Zögern (…) davon abgehalten wird“.

Diese Worte enthalten fraglos ein Verständnis von „aktiver“ männlicher und „passiver“ weiblicher Sexualität, das nicht nur prinzipiell überholt ist, sondern das auch Gefahr läuft, von Männern ausgeübte, sexuelle Gewalt psychologisch und biologistisch zu entschuldigen. Als Feministin sträuben sich mir dabei sämtliche Achselhaare. Doch Fromm hatte das vorausgesehen. Er schreibt: „Da die zur Selbstbehauptung dienende Aggression die Fähigkeit des Menschen, seine Ziele zu erreichen, erhöht, vermindert sie beträchtlich das Bedürfnis, den anderen auf sadistische Weise zu beherrschen“. Mit anderen Worten neigt jemand, der zufrieden ist, weil er ein Ziel erreicht hat, etwa durch seine besonders starken „zur Selbstbehauptung dienenden“ Aggressionen, seltener dazu, anderen Schaden zuzufügen.

Fromm trennte also schon damals die sexuelle Gewalt, die er dem „destruktiven, sadistischen Charakter“ zuordnet, von der Sexualität – genau wie wir nicht erst seit #metoo wissen, dass sexueller Missbrauch vor allem Machtverhältnisse wiedergibt. Auch wenn manche TäterInnen qua anatomischem Unterschied, etwa größerer Muskelmasse, öfter von ihr Gebrauch machen als andere, kennt Gewalt, so scheint es, vielleicht doch kein Geschlecht. Dass unterm Strich sowohl bei der sexualisierten als auch bei jeder anderen körperlichen Gewalt Männer den weitaus größeren Täteranteil stellen, liegt nach dieser Argumentation schlichtweg daran, dass sie es können. So banal das klingt.

Die Psychotherapeutin Esther Knichel von der Berliner TherapeutInnenvereinigung „Vivelia“ glaubt ebenfalls nicht an eine Verbindung zwischen Hormonen und Gewalt: „In vielen Studien wurde herausgefunden dass es da keinen direkten Zusammenhang gibt“, sagt sie. „Man ist sich heute sicher, dass stattdessen die Lerngeschichte, die Prägung eine wesentliche Rolle spielen: Was man im Kindes- und Jugendalter durch die Erziehung lernt, bestimmt, wie wir später mit Aggression umgehen.“ Knichel spricht von „operanter Konditionierung“: Wenn ein gewalthaltiges Verhalten als Kind bestraft wird, zeigt man es später seltener, wenn es belohnt wird, verhält man sich als Erwachsener eher wie die Axt im Wald.

Wieso aber sollte es diese Konditionierung auch schon in Prä-Gesellschaften gegeben haben? Wurde gewalthaltiges Verhalten, aus welchen Motiven auch immer, etwa schon in der Jungsteinzeit belohnt? Von just sesshaft gewordenen Menschen, die Tausende von Quadratkilometern Platz hatten, um ihr zotteliges Vieh zu weiden? Und sich inmitten dieser Weiten kaum auf die Füße traten?

Es gibt tatsächlich Orte, wie zum Beispiel im rheinland-pfälzischen Herxheim, wo man in Grubenanlagen sehr viele menschliche Knochen gefunden hat. Der Prähistoriker Hermann Parzinger glaubt, diese Orte könnten ein Hinweis darauf sein, dass es zu einem kulturellen Umbruch im europäischen Raum kam. Er glaubt, dieser Umbruch sah so aus, dass „diese große, einheitliche Kultur der Linearbandkeramik um 5000 vor Christi in viele kleinere zerfiel und es zu einer Regionalisierung kam“.

Die „Linearbandkeramik“ bezeichnet die älteste bäuerliche Kultur der europäischen Jungsteinzeit, in der Gefäße mit Bandmustern verziert wurden. In dem jungsteinzeitlichen Ausgrabungsort Herxheim, das ist das Besondere, waren anscheinend nicht hungrige Fremde für das Töten von Männern, Frauen und Kindern verantwortlich, sondern Angehörige derselben Kultur, eines Nachbardorfs etwa. „Herxheim ist irritierend“, sagt Parzinger, denn „wenn man nur Vorräte erbeuten wollte, oder Rohstoffe, dann reicht es, wenn man sie erobert, die kräftigsten Verteidiger umbringt, und mit der Beute verschwindet“. Jene Regionalisierung, zu der es in dieser Zeit kam, könnte also „Abgrenzung“ bedeuten – und daraus resultierend der Wunsch, das Fremde auszulöschen.

In seinem Buch datiert Fromm den Anfang dieser bestimmten Art von systematischer Gewalt ebenfalls in die Jungsteinzeit – es wurde enger, die territoriale Verteidigung setzte ein. Und bei sesshaften Menschen gibt es mehr zu klauen als bei Nomaden. Doch bedeutet das, dass der Mensch der Alt- und Mittelsteinzeit ein friedliches Geschöpf war? Parzinger glaubt das nicht und verweist darauf, dass einfach sehr wenige Quellen erhalten sind. Auch der Homo Heidelbergensis vor 40.000 Jahren kannte eventuell eine Gewalt, die über die instrumentelle Aggression hinaus reichte: „Ich würde schon davon ausgehen, dass es nicht nur friedlich zuging. Wir haben Waffen, Pfeilspitzen, Speere für die Jagd gefunden – aber wer sagt uns, dass sie nur für die Jagd auf Tiere verwendet wurden?“

Wie die Gewalt damals verarbeitet wurde, wann und ob eine Empathieentwicklung stattfand, ist eine ebenso wichtige Frage. Seit dem Neandertaler, etwa 130.000 Jahre vor unserer Zeit, gibt es beispielsweise Gräber, wurden die Toten also bestattet – und nicht einfach so liegen gelassen. „Empathie und auch die Entdeckung des Jenseits spielten da vermutlich eine Rolle“, sagt Parzinger.

Felix Randau verarbeitet diese Gedanken in seinem Film „Der Mann aus dem Eis“. Er zeigt die mögliche Geschichte des „Ötzi“, jener Neolithikum-Mumie aus dem Tisenjoch, die 1991 in den Ötztaler Alpen gefunden wurde. Randau hat eine Figur konstruiert, die ein persönliches Drama erlebt: Die Frau und die Kinder von Kaleb, so heißt der Ötzi im Film, werden von fremden Männern umgebracht. Kaleb macht sich auf die Suche nach ihnen, findet sie und rächt sich an den Mördern. Doch am Ende verzichtet er darauf, auch deren Familie umzubringen – vielleicht, weil er durch eine eigene Leiderfahrung das Leiden anderer Menschen wahrzunehmen lernt: „Ich wollte, dass die Figur diesen Schritt aus dem Kreislauf der Gewalt heraus macht“, sagt der Regisseur. „Es geht nicht um Erlösung, aber es gibt eine Erkenntnis: Die Empathie erwacht.“ Inszeniert hat er die gewalthaltigen Szenen seines Films, den Mord an Kalebs Partnerin beispielsweise, die von einem Eindringling mit den Händen erwürgt wird, in einer brutal realistischen Weise: Fast lautlos, nicht elegant choreografiert, kaum geschnitten. „Ich wollte Gewalt zeigen, nicht bewerten, nicht ästhetisch darstellen, nur in ihrer Dumpfheit abbilden“, sagt Randau.

Wenn Gewalt immer schon im Menschen, sogar im Vor-Menschen, angelegt war, und aus verschiedenen Gründen ausgelebt wurde – ist es dann nicht blauäugig, sie nicht auch im fiktionalen Bereich zu erwarten und zu umarmen? Dass die Bilder und Geschichten, die der Mensch schafft, genauso von Brutalitäten wimmeln, wie es die Realität tut, kann einen doch eigentlich nicht wundern. Denn die gewalthaltige Fiktion, die Schlachten bei „Game of ­Thrones“, die stilisierten Schlägereien beim Actionfilm „Atomic Blonde“, die wuchtigen, sichtbaren Körpertreffer in der Spionkomödie „Bad Spies“ spiegeln nur, was eh in uns allen schlummert. Und immer wieder – privat und in Kriegen – unaufhaltsam hervorbricht. So wie es der Wissenschaftler und Kliodynamiker Peter Turchinin in seinen Büchern vertritt: Kriege treten nach seiner „Population-Warfare“-Hypothese regelmäßig und vor allem reziprok zum Druck durch steigende Bevölkerungsdichte auf. Ähnlich hatte Fromm auch schon argumentiert, und unter anderem das aggressivere Verhalten von eingesperrten Tieren mit unserem Gebaren im kleiner werdenden Raum von wachsenden Städten verglichen. Wir brauchen uns quasi nicht zu wundern – wenn man die Flasche immer mehr zusammenpresst, knallt uns der Korken um die Ohren.

Für den Film- und Kulturwissenschaftler Marcus Stiglegger ist Gewalt Kommunikation. „Eine mitunter physische Kommunikation, die auf Körperkollision aus ist, und damit eine Art Kräftespiel enthält.“ Zwischen der fiktionalen und der realen Form gibt es seiner Ansicht nach einen großen Unterschied: Bei der inszenierten Darstellung „ist physische Gewalt eine Erzählform, ein körperbasiertes Narrativ. Und wir haben früh gelernt, ein solches Narrativ als eine Fiktion zu akzeptieren, als Ersatz für echte Sprache.“ Als medienkompetenter Erwachsener verstehe man diese Sprache, sagt er, und es sei naiv, die Wahrnehmung dieser Sprache der Wahrnehmung von Gewalt in der Realität gleichzusetzen. Die Gewöhnung an – vielleicht sogar immer gröbere – fiktionale Gewalt, findet Stiglegger, sei ein Teil dieser Medienkompetenz, und enthalte auch die Fähigkeit, diesen Schrecken anders zu rezipieren. Ihn weniger faszinierend zu finden. Von Gewalttriggern könne also keine Rede sein.

Das sieht übrigens auch die Psychotherapeutin Esther Knichel so. Menschen, die bereits ein hohes Gewaltpotenzial in sich tragen, würden wahrscheinlich auch ohne einen zusätzlichen Trigger durch Film oder Spiel Gewalt ausüben. Das legen auch die meisten aktuellen Studien zum Thema nahe.

Während ich in den Nachrichten schon wieder von Gewalt auf der Straße lese, von Menschen, die sich zusammenrotten, um andere zu verfolgen, hört man in unserem Hinterhof derweil Schreie und dumpfe Geräusche, es klingt, als ob mehrere Menschen aufeinander losgehen würden. Vielleicht hätte man sie als Kinder mehr belohnen, streicheln und küssen sollen, sobald sie etwas Friedliches oder Nettes tun. Vielleicht muss man sie separieren, damit der Gruppenzwang nicht mehr greift. Oder man akzeptiert, dass Gewalt immer wieder in Wellenbewegungen über die Gesellschaft kommt, weil sie in uns allen drin ist und nie weg sein wird.

Ich öffne das Fenster, und will gerade „Ruhe!“ brüllen. Dann überlege ich es mir anders, und rufe „Friede!“. Eventuell werfe ich gleich sicherheitshalber noch ein paar Blumen hinterher.


Aus: "Woher kommt die Lust auf Gewalt?" Jenni Zylka (27. 10. 2018)
Quelle: https://taz.de/Horror-im-Film/!5538034/
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[...] An sich eine lapidare Meldung: Nach Beschluss des Amtsgerichts Tiergarten ist der Horrorfilm „Tanz der Teufel“ nicht mehr länger nach § 131 StGB (Gewaltverherrlichung) beschlagnahmt.

Da dieses De-facto-Totalverbot vom Tisch ist, bietet sich dem Rechteinhaber Sony nun die Möglichkeit, bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) eine Indexstreichung des 1981 entstandenen, 1984 erstmals per Gerichtsbeschluss eingezogenen Films zu beantragen.

Einer rechtlich sicheren Veröffentlichung des Films stünde im absehbaren Erfolgsfall nichts mehr entgegen. Auch im Fernsehen könnte er dann laufen.

Als dies vor Kurzem bekannt wurde, kamen manchem Horrorfan dennoch Tränen der Rührung. Denn das als Spaßprojekt unter Freunden mit einer 16-mm-Kamera im Wald realisierte Langfilmdebüt des heute längst in Hollywood angekommenen Regisseurs Sam Raimi genoss in Deutschland infolge seiner Zensurgeschichte lange Legendenstatus: Seine angeblichen Gewaltexzesse waren Gegenstand zahlreicher Schulhofspekulationen.

Klandestin kursierende Videokopien der x-ten Generation galten als Trophäen mit dem Ruch des Verbotenen. Sie zeigten den Film zwar farbentsättigt und verrauscht; doch die angestachelte Fantasie setzte dies erst richtig in Gang. Demgegenüber tritt heute eher der Charme des Handgemachten zutage; der Atmosphäre des (im Übrigen von Coen-Bruder Joel Coen montierten) Splatterklassikers tut dies keinen Abbruch.

Vor diesem Hintergrund wirkt das lange währende staatliche Totalverbot nur noch absurder, als es eh schon ist, wenn ein Staat seinen mündigen Bürgern fiktionale Werke begütigend vorenthält: Das heutige Kino ist längst viel drastischer und realistischer – mitunter schon ab FSK 16.

Für die Fans ändert sich eh nichts: Sie haben den Film längst zu Hause – illegal aus dem Netz oder als Sammleredition, importiert etwa aus Österreich, wo es eine ähnliche Verbotspraxis nicht gibt und DVD-Labels an deutschen Kunden gut verdienen. Auch auf gängigen Online-Videoportalen ist der Film im Nu zu finden.

Die sehr deutsche, sehr bürokratische Praxis des Indizierens und Beschlagnahmens ist in der heutigen Medienkultur so possierlich und anachronistisch wie eine Videokassette, kostet aber viel Steuergeld, das woanders besser aufgehoben wäre.

War die BPjM für die Videokinder der 1990er noch der Gottseibeiuns, ist sie heutigen Kids wahrscheinlich kaum mehr ein Begriff. Im Zeitalter niedrigschwelliger Zugänglichkeiten hat sie auf deren Medienkonsum keine Auswirkung.

Dass Sony in Sachen „Tanz der Teufel“ plötzlich rege wird, dürfte handfeste Gründe haben: Im September nimmt Amazon die Serie „Ash vs Evil Dead“ ins Streamingangebot auf. Deren zehn Episoden bilden nach zwei Kinosequels den bereits vierten Teil von „Tanz der Teufel“ und für Sony wohl Anreiz genug, um beim Amtsgericht wegen alter Geschichten anzuklopfen.

Vielleicht macht das Schule: George A. Romeros stilprägender Zombiefilm „Dawn of the Dead“, im Ausland als Meisterwerk gefeiert, ist in Deutschland noch immer schmerzlich unter Verschluss.


Aus: "Horrorfilm von 1981 auf dem Index: Legendenstatus „Gewaltexzess“" Thomas Groh (16. 8. 2016)
Quelle: https://taz.de/Horrorfilm-von-1981-auf-dem-Index/!5330205/

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mowgli
16.08.2016, 15:03

Was muss man eigentlich für ein Mensch sein, um zu schreiben: "George A. Romeros stilprägender Zombiefilm 'Dawn of the Dead', im Ausland als Meisterwerk gefeiert, ist in Deutschland noch immer schmerzlich unter Verschluss"?

Ich meine: Kann eigentlich alles in Ordnung sein mit jemandem, der einen Film "schmerzlich" vermisst, in dem die Nachbarstochter dem Ehemann einer Krankenschwester den Hals zerfetzt, woraufhin dieser zwar verblutet, jedoch wieder aufsteht um seine Witwe ebenfalls zu beißen? Oder sind da sämtliche Spiegelneuronen komplett ausgefallen?

Vermutlich haben sich genau das auch die deutschen Zensoren gefragt. Sie hatten wohl Angst, das Beißen würde Schule machen unter Leuten wie Thomas Groh. Mit jener "Mündigkeit", auf die der taz-Texter sich im seinem Text beruft, konnten sie dessen Faible offensichtlich nicht vereinbaren.

Nun ja. Vielleicht mussten sie ja derartigen Schrott selber verboten kriegen. Damals, meine ich, als sie noch keine großen Zensoren waren, sondern kleine Jungs und Mädchen, die nicht gut schlafen konnten nach dem Konsum von Filmen, die in ihren übermüdeten Köpfen eine persilgewaschene Reihenhaus-Realität mit der ekligen Fiktion kindischer Möchtegern-Regisseure zu einem seltsamen Amalgam verschmolzen haben...


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lalale
17.08.2016, 20:14

@mowgli kinder sollen das ja auch nicht sehen, dafür gibt's die FSK und hoffentlich verantwortungsbewußte eltern. diese filme richten sich an erwachsene menschen als zielgruppe. und deutschland ist das einzige land der sogenannten freien westlichen welt welches sich noch erdreistet volljährigen menschen zu verbieten was sie zu sehen haben und was nicht. gilt übrigens auch für computerspiele. man kann natürlich der meinung sein dass kinder und jugendliche wenn sie wollen da auch trotzdem rankommen. stimmt, tun sie aber mit den verboten auch, zumindest die die sich richtig reinhängen.


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Mephisto
17.08.2016, 04:25

Die Szene, die Sie schildern stammt aus der Neuverfilmung. Im Artikel geht es um das orginal (in Deutschland als "Zombie" bekannt).

Lesen Sie mal hier nach:

https://de.wikipedia.org/wiki/Zombie_(Film)

Romeros Zombiefilme haben immer einen gesellschaftskritischen Bezug, das sollte man auch wissen.



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müller
16.08.2016, 14:02

Gewaltexzesse und Horror sind – neben Titten – feine Zutaten für zeitgemäße Unterhaltung. Schön, dass der Autor des taz-Artikels das so offen vertritt. Da zeigt die Nachbarschaft zum BILD-Hochhaus doch langsam Wirkung.


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24636 (Profil gelöscht)
Gast
16.08.2016, 13:42

"doch die angestachelte Fantasie setzte dies erst richtig in Gang"

So war das. Der Film hatte unter den Kids (vermittelt über die älteren Brüder) einen Ruf. Wie man ihn dann zu sehen bekam, hatte die Fantasie einen entsprechenden Vorlauf und da der Film den genüßlich bewirtschaftet, eben durch Auslassungen und Verfremdung, war der Horror noch einer im Sinne des Wortes. Heute im Zeitalter von Daesh-YT-Videos kann das gar nicht mehr funktionieren. Es war aber einmal...


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[...] BERLIN taz | Die Zombie-Causa um Arte geht weiter. Ende Januar hatte der öffentlich-rechtliche Sender den Film „Zombie 2 – Das letzte Kapitel“ (Originaltitel „Day of the Dead“) um 0.20 Uhr ausgestrahlt und bereits einen Tag zuvor in der Mediathek zur Verfügung gestellt. Damit hat sich Arte strafbar gemacht, weil der Film in Deutschland wegen seiner Gewaltdarstellung indiziert und bundesweit beschlagnahmt ist.

Die Staatsanwaltschaft Baden-Baden hat wegen des Verdachts der Gewaltdarstellung nach §131 des Strafgesetzbuchs und des Verstoßes gegen §4 des Jugendmedienschutzstaatsvertrags nun ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt eingeleitet, sagte ein Sprecher der taz.

Bislang werde gegen Unbekannt ermittelt, weil die Namen von „eventuell verantwortlichen Personen noch festgestellt werden müssen“, sagte der Sprecher weiter. Gegen Arte selbst kann kein Verfahren eingeleitet werden, weil sich strafrechtliche Ermittlungsverfahren immer gegen bestimmte Personen richten.

Beschlagnahmte Filme unterliegen einem strengen Verbreitungs- und Werbeverbot. Wer sie der Öffentlichkeit zugänglich macht oder verbreitet, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr bestraft oder muss eine Geldstrafe zahlen.

§4 des Jugendmedienschutzstaatsvertrages bezieht sich auf unzulässige Angebote im Rundfunk und in den Telemedien, also etwa Streamingdiensten oder Mediatheken. Mit dem Ausstrahlen von „Zombie 2 – Das letzte Kapitel“ wäre es möglich, dass Arte gegen Absatz 5 (Gewaltverherrlichung), Absatz 8 (Verstoß gegen die Menschenwürde) und Absatz 11 (Indizierung auf Liste B und D der Bundeszentrale für Kinder und Jugendschutz, also Inhalte auf Trägermedien und im Netz, die strafrechtlich womöglich relevant sind) verstoßen hat.

Die explizite Gewaltdarstellung wurde „Zombie 2“ in Deutschland zum Verhängnis. Laut dem Portal „schnittberichte.com“ wurde die Version erstmals auf Videokassette 1990 vom Amtsgericht Berlin-Tiergarten beschlagnahmt. Über die Jahre folgten Indizierungen und Beschlagnahmen anderer Versionen. Auch andere Horrorfilme wurden in den 80ern beschlagnahmt, so etwa der damalige Videothekenschocker „Tanz der Teufel“ (Originaltitel „Evil Dead“).

Im Zombiefilm des Regisseurs George A. Romero („Crazies“, „Dawn of the Dead“) von 1985 wurde die Welt von einer Seuche dahingerafft. Militärs und Wissenschaftler haben sich in einem unterirdischen Bunker in Florida verschanzt und wollen mit Experimenten einen Ausweg aus der Katastrophe finden.

Arte hatte den Film laut eigener Aussage aufgrund eines Versehens gesendet bzw. in die Mediathek gestellt. Man bedauere diesen seltenen Vorfall und werde alle nötigen Maßnahmen ergreifen, damit er sich in Zukunft nicht wiederhole. Zuvor teilte eine Sprecherin des Senders der taz mit, dass der Film nicht mehr indiziert sei, weil er von der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) ein „Ab-18-Logo“ erhalten habe, wie es auch auf einer im Netz angebotenen DVD zu sehen sei.

Allerdings hat die FSK niemals ein „Ab-18-Logo“ für den Film vergeben, sagte eine Sprecherin der taz. Bei der im Netz auf DVD angebotenen Fassung handele sich um eine Fehlkennzeichnung. Die Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz (die frühere Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien) sagte, dass „Day of the Dead“ sehr wohl noch indiziert und beschlagnahmt sei.

Arte hatte sich schon in der Vergangenheit bei Horrorfans beliebt gemacht. 2013 hatte der Sender etwa den indizierten Slasherfilm „Freitag der 13.“ gezeigt. Zuvor lief Dario Argentos damals noch indizierter Horrorklassiker „Suspiria“, der allerdings nur in Frankreich ungeschnitten gesendet wurde. Sondergenehmigungen für indizierte Filmfassungen gibt es in Einzelfällen.

Womöglich nimmt sich bald ein Filmlabel des Klassikers „Day of the Dead“ an, um ihn aus dem Giftschrank zu holen. So hat etwa das Label Turbine Medien 2008 die deutschsprachigen Rechte des Horrorfilms „The Texas Chainsaw Massacre“ erworben, der seit 1985 beschlagnahmt war. Auch Sony ging erfolgreich gegen die Beschlagnahme von „Tanz der Teufel“ vor, woraufhin der Film sogar ab 16 Jahren freigegeben wurde. Vielleicht darf Zombie Bub bald auch legal auf heimischen Bildschirmen entlangschlurfen.


Aus: "Horrorfilm „Day of the Dead“ auf Arte: Zombies haben juristisches Nachspiel" Denis Giessler (7. 4. 2022)
Quelle: https://taz.de/Horrorfilm-Day-of-the-Dead-auf-Arte/!5848008/

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