Author Topic: [Irgendwo ist etwas verloren gegangen... ]  (Read 948 times)

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[Irgendwo ist etwas verloren gegangen... ]
« on: July 13, 2017, 02:21:26 PM »
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[...] Und doch ist sie gar nicht leicht zu beantworten, diese Frage nach Henne und Ei – oder eben nach der Popmusik und der Rebellion von 1968. Und während Radio Bremen gerade seinen 70. feiert und den „Beat-Club“ mit all seinen Anekdötchen aus der Mottenkiste holt, wird dieser Mythos von individuellen Aufbrüchen und der Genese einer Pop-Nation Deutschland auch anderswo neu verhandelt. So fragen sich linke Kulturschaffende von heute und Avantgardisten von damals, was da schief gelaufen ist, wo diese befreite Gesellschaft denn sein soll, bitte – und warum die Top-Ten-Charts heute so geschlossen dumm wie deutsch singen. Irgendwo ist etwas verloren gegangen. ...

... In der Sendung wurden auch die Briefe verlesen, von denen auf dem Höhepunkt des Erfolgs wöchentlich Tausende eingetrudelt sein sollen. Die wütenden BürgerInnen dem öffentlichen Gelächter auszusetzen, das war laut Seidel die Absicht Bornemanns. Lässt sich der „Beat-Club“ in diesem Sinne als zeitgemäße politische Intervention verstehen, so blieb er letztlich dem Spektakel verhaftet. Die sozialgeschichtlichen Hintergründe der unter anderem aus der US-Bürgerrechtsbewegung gespeisten Popmusik beispielsweise, sie blieben in der Regel außen vor.

... Geändert hat sich das 1973 mit der Radio-Bremen-Radiosendung „Roll over Beethoven” von Klaus Kuhnke, Peter Schulze und Manfred Miller: Neben den Inhalten der Songs reflektierte die Reihe auch die Produktionsbedingungen, den Aufstieg der Label-Monopole etwa und den noch heute tobenden Kampf ums Urheberrecht.

Da war im Radio zu erfahren, wie bereits in den 1920er-Jahren standardisiert wurde, was bis heute als Folk und Traditional gehandelt wird. Auch die Zensur fand Eingang in die Debatte oder auch der patriarchale Blick, den der Markt hier auf insbesondere schwarze Musiker warf, die vermeintlich kulturelle Eigenarten in der Musik unterhaltsam zur Schau stellten.

Später sagten die Macher, sie hätten mit der Sendung einem Mangel begegnen wollen – dem „eines brauchbaren, nämlich materialistischen Abrisses der Geschichte der populären Musik“. Und da waren sie in den 70er-Jahren mittendrin im Streit um Kulturbegriffe und der Auseinandersetzung mit jenen Linken, die Musik für politische Zwecke instrumentalisierten.

Heute haben sich die Kulturwissenschaften solcher Fragen angenommen und sie regalmeterweise ausdifferenziert. Irgendein Gemeinsames aber von Massenkultur und Kritik, das scheint vorbei zu sein. Nicht nur auf Radio Bremen.


Aus: "Soundtrack einer verpassten Revolution" Jan-Paul Koopmann (2. 1. 2016)
Quelle: https://www.taz.de/!5260020/
« Last Edit: July 14, 2017, 03:14:20 PM by Textaris(txt*bot) »

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[Irgendwo ist etwas verloren gegangen... ]
« Reply #1 on: July 13, 2017, 03:02:20 PM »
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[...] Das neue Buch "Eigenblutdoping" von Diedrich Diederichsen bietet, wie wir es von Deutschlands Pop-Pythia gewohnt sind, erneut eine staunenswerte Fülle an eindringlichen Reflexionen zum gesellschaftlichen Stand von Musik, bildender Kunst und Literatur. Sein Leitthema ist diesmal der Zusammenhang von Künstlerperson, Leben und Werk, von inszeniertem Lifestyle, von intimer und öffentlicher Person bei Künstlern und Nichtkünstlern. Als Motto und Leitmotiv dieser keinen dialektischen Hakenschlag auslassenden kunstsoziologischen Überlegungen könnte ein Diktum aus Theodor W. Adornos Vorrede zur "Negativen Dialektik" dienen: "Seitdem der Autor den eigenen geistigen Impulsen vertraute, empfand er es als seine Aufgabe, mit der Kraft des Subjekts den Trug konstitutiver Subjektivität zu durchbrechen". So macht sich der dribbelstarke Denker der Dissidenz in diesen für den Hamburger Kunstverein 2006 und 2007 als Vorlesungsreihe konzipierten Kapiteln auf die Suche nach den künstlerisch vorgeprägten Subjektmodellen seit den 1960er-Jahren.

Seine Grundthese diagnostiziert, dass die einstmals emanzipatorisch intendierten Praktiken libertärer Projekte ästhetischer und sexueller Devianz nolens volens zum Motor des postfordistischen Kapitalismus mutiert seien. Dessen unbarmherzige Auswirkungen beruhten auf der Wirkweise derselben Prinzipien von Innovation und permanenter Abweichung, die den Kern avantgardistischen Künstlertums ausmachen. Diese Verschlingung von subversiven und affirmativen Potentialen inszenierter Abweichungen wird in dem kunstphilosophischen Großessay als genealogische Erzählung von Subjekt- und Star-Modellen der 1960er- bis 2000er-Jahre rekonstruiert. Der virtuose Nachvollzug - negativ, mithin unaufgelöst - dialektischer Verbindungen von Affirmation und Widerstand, die er in nahezu jedem Gebilde der Popkultur antrifft, macht den kritischen Poptheoretiker zum Erben von Adorno als Großmeister im Aufspüren ambivalenter ästhetischer und ideologischer Positionen in Kunstwerken.

Der suggestive Titel "Eigenblutdoping" meint die "Vermarktung der eigenen Lebendigkeit" - die überpointiert auch auf den Begriff des "Authentizitätspornos" gebracht werden - in denen neuerdings mehr und mehr Menschen im Nightlife, als Künstler oder im Privat-Fernsehen ihre ästhetisch und marktförmig zurechtkonstruierten Identitäten verkaufen. Was ehemals als abweichende und exhibitionistische Inszenierung individuelle Selbststilisierung oder gar Selbstbefreiung war, wurde seit den 1980ern als Funktionsmodell des Spätkapitalismus vereinnahmt. Die Crux heutiger Politisierung und Selbstverwirklichung liege nun darin, dass mit einfacher Flexibilität oder dem Anderswerden-Wollen des Individuums keine Opposition mehr stattfinde gegen den neoliberalen Mainstream. Denn "die Verhältnisse, denen man entkommen möchte, maskieren sich selbst als dynamisch, als x+1."

... Heutige Kunst kämpfe im übrigen (mindestens) einen doppelten Kampf: gegen die technische Überlegenheit der Kommunikations- und Werbekultur sowie gegen die politische und theoretische Gleichgültigkeit des Kunstmarktes, dem jegliche Legitimationsdiskurse schnuppe seien.

... Zu: Diedrich Diederichsen: Eigenblutdoping. Selbstverwertung, Künstlerromatik, Partizipation.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008. 




Aus: "Die negative Dialektik des Pop - Diedrich Diederichsen untersucht die Selbstverwertung von Künstlern" Bernd Blaschke
(Archiv / Frühere Ausgaben / Nr. 12, Dezember 2008 / Philosophie und Soziologie)
Quelle: http://literaturkritik.de/id/12510


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[Irgendwo ist etwas verloren gegangen... ]
« Reply #2 on: August 23, 2017, 10:11:37 AM »
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[...] Last week the writer Mark Fisher took his own life. His on/off struggle with depression was something he wrote about with courageous candour in articles and in his landmark book Capitalist Realism: is There No Alternative? Fisher argued that the pandemic of mental anguish that afflicts our time cannot be properly understood, or healed, if viewed as a private problem suffered by damaged individuals. ... He loved unsettling television and disruptive pop because these – along with the music press – had served as his education as a working-class boy cut off from high culture.


From: "Mark Fisher’s K-punk blogs were required reading for a generation" Simon Reynolds (18.01.2017)
Source: https://www.theguardian.com/commentisfree/2017/jan/18/mark-fisher-k-punk-blogs-did-48-politics

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Quote
[...] Wie viele andere habe ich Mark Fisher zuerst vor dem Laptop kennengelernt. In den Nullerjahren landete ich auf seinem Blog „K-Punk“ und hatte das Gefühl, dass die Zeit aus den Fugen geraten war. „K-Punk“ war ein Blog über Pop, aber ihm fehlte die geschwätzige Ironie des Popjournalismus, in der letztlich nur Verachtung für seinen Gegenstand liegt. Für Mark hatte sich über Pop die Welt erschlossen, und so betrachtete er die nostalgische Popkultur der nuller Jahre von den Rändern her. Sein Mittel war die akademische Kulturtheorie, in den falschen Händen selbst ein Ort der Geschwätzigkeit. Auf „K-Punk“ wurde sie zur Waffe gegen die endlose Wiederholung des Immergleichen.

... Als Ende der nuller Jahre das Bloggen durch die risikokapitalfinanzierten sozialen Netzwerke verdrängt wurde, zog er sich mehr und mehr aus dem Internet zurück und gründete mit zwei Mitstreitern den Verlag Zero Books. Der Verlag wurde für die frühen zehner Jahre das, was Merve für die 80er gewesen ist. Bei Zero Books erschienen die ersten Manifeste des „Spekulativen Realismus“, Architekturtheorie und immer wieder Texte, die mit Popmusik die Gegenwart ergründet haben.

Marks Buch „Capitalist Realism“ von 2009 („Kapitalistischer Realismus ohne Alternative?“, VSA) war einer der ersten Titel. Präzise seziert er dort die Widersprüche des britischen Neoliberalismus. Dieser gibt sich freiheitlich, aber produziert eine ermüdende Bürokratie. Er feiert die Kreativität, bringt aber eine Retrokultur hervor, die auf Nostalgie basiert.

In „Ghosts of my life“ von 2014 („Gespenster meines Lebens: Depression, Hauntology und die verlorene Zukunft“, Edition Tiamat) durchstreift er die Popkultur der Gegenwart auf der Suche nach den Überresten eines besseren Morgen. Im Dubstep von Burial hallt ihm die Euphorie seiner Erfahrungen auf Jungle-Raves nach, die englischen Riots von 2011 erkundet er mittels der Militanz der Filme des Black Audio Film Collective aus den mittleren 80ern. In einem großartigen Essay über Joy Division begreift er deren stilisierte Negativität als Vorhersehung eines depressiven Jetzt.

Wie Ian Curtis, der Sänger von Joy Division, war auch Mark ein Kind der britischen Arbeiterklasse, der dank des britischen Sozialstaats viel Zeit zum wilden Lesen hatte. Diese Herkunft konnte und wollte er niemals ablegen. Seinen ostenglischen Akzent hatte er sich an der Uni abtrainiert, seitdem konnte er die Privilegien des von der Mittelklasse geprägten Kulturbetriebs parodieren. Denn selbst als Mark längst Professor am Londoner Goldsmiths College war, hatte er das Gefühl, dort nicht wirklich hinzugehören.

Genau wie seine Klassenherkunft war auch die Depression eines der Gespenster, die ihn immer wieder heimgesucht haben.

... Im Mai 2015 war Mark Fi­sher in Köln zu Gast. Die Labour Party, in der er Mitglied war, hatte kurz zuvor die Parlamentswahlen deutlich gegen David Camerons Tories verloren. Aber Mark war voller Energie. Für ihn war es der Beginn einer neuen Form von Organisation – ihm war klar, dass der neoliberale Flügel der Partei abgewirtschaftet hatte. Die Wahl Jeremy Corbyns zum Labour-Vorsitzenden durch eine neue Basisbewegung ein paar Monate später hat ihm recht gegeben.

Am Abend hat Mark in einer Bar einen Vortrag über Depressionen gegeben. Der Raum war voll, das Publikum saß ihm buchstäblich zu Füßen. Mark hat eine Stunde über Depressionen geredet und, wie immer, hat er dabei Theorie, Politik und seine eigenen Therapieerfahrungen so gemischt, dass sich ein Moment der Gegenwart eröffnete.

„Wann wird das Sprechen über Gefühle ein politischer Akt?“, fragt er in seinem mittlerweile veröffentlichten Vortragstext und antwortet: „Wenn es Teil einer Praxis der Bewusstseinsbildung ist, durch die die unpersönlichen und intersubjektiven Strukturen sichtbar gemacht werden, welche in der Regel von der Ideologie vernebelt sind.“

Am Freitag hat sich Mark Fi­sher das Leben genommen. Er wurde 48 Jahre alt.


Aus: "Nachruf auf Mark Fisher: Die Geister seines Lebens" Christian Werthschulte (15. 1. 2017)
Quelle: https://www.taz.de/!5374241/

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[...] Es sind die Geister des Marktes, denen er in seinen Seminaren zu Leibe rückt. Fisher diagnostiziert ein kulturelles Erschöpfungssyndrom, das aus dem Zusammenbruch von Zeitlichkeit hervorgeht: Das Ende der Welt kann man sich vorstellen, das Ende des Kapitalismus nicht. Zur Illustration spielt er mit seinen Studenten gerne ein Spiel. Man nehme das Album einer beliebigen Band und beame sich damit zwanzig Jahre in der Zeit zurück. Inmitten ähnlich gelagerter Versuche fiele es nicht weiter auf. Umgekehrt ist der Schock des Neuen, den ein Stil wie Jungle in den Neunzigern auslöste, heute nur noch erahnbar. Wo die Zeit keine Richtung mehr kennt, können selbst avancierte Kulturprodukte bloß machtlos den Istzustand bezeugen. Das Verhexte des späten Kapitalismus, es liegt in seiner Fähigkeit, jede beliebige Vergangenheit wachzurufen, ganz ähnlich wie George A. Romero es in seinem Zombie-Filmklassiker Die Nacht der lebenden Toten vorgeführt hat. Der Slogan des Films liest sich wie eine frühe Paraphrase auf ein Vierteljahrhundert Neoliberalismus: Wenn es den Toten in der Hölle zu eng wird, müssen sie auf die Erde zurück.

Grundlegend neu ist der Befund nicht. Bereits Marx und Freud waren auf ihre Weise Hauntologen, Ersterer, indem er neben der Ökonomie auch die Metaphysik der Ware analysierte, Letzterer mit seiner Theorie von der Wiederkehr des Verdrängten. Den Begriff Hauntologie hat zuerst Jacques Derrida geprägt, die Vorstellung von der allmählichen Abschaffung der Zukunft wiederum geht auf Franco "Bifo" Berardi zurück, einen Theoretiker der italienischen Linken. Fishers Originalität besteht in der Anwendung solcher vorgefundenen Theoriebausteine auf die Bedingungen der Gegenwart. Er analysiert die "theologischen Mucken" (Marx) der Ware in den Tiefen des Digitalen und sucht das "Unheimliche" (Freud) im Vertrauten. Hauntologie wäre, so gesehen, Traumdeutung am kollektiven Unbewussten. Dass das massenhafte Auftauchen von Aliens, Replikanten, neuerdings auch wieder von altmodischen Vampiren, vom technischen Erfindergeist begünstigt wird, setzt Fisher voraus. Im 19. Jahrhundert spukten die Dämonen noch weitestgehend zwischen Buchdeckeln herum. Inzwischen sind sie in kulturindustriell entfesselter Form mitten unter uns.

... Es sind unterworfene Subjekte, die Fisher unters Brennglas legt, gejagte Jäger, ziellose Nomaden, traurige Hedonisten – wobei Letztere in der Überzahl sind, seitdem die gute alte Rebellion nicht mehr das ist, was sie einmal war, und der alte Mythos von Sex, Drugs und Rock ’n’ Roll sich durch seine Verwirklichung erledigt hat. Fisher beobachtet es tagtäglich an seinen Studenten: Sie können vieles, aber sie können es nur, solange sie an die stimulierende Matrix von SMS, YouTube und Fast Food angeschlossen bleiben. Noch deutlicher zeigt sich das Zusammenspiel von Überstimulierung und Erschöpfung in der neuen Clubmusik. Die Hits von Lady Gaga, David Guetta und Beyoncé – Fisher spricht von party hauntology – bedienen nicht nur ein Publikum, das weltweit zu den gleichen Rhythmen tanzt, in ihrer auf die Spitze getriebenen Funktionalität sind sie ein akustisches Pendant zu Viagra. Wie in der Pornografie geht es nur noch in zweiter Linie um Sex, Sinn der Sache ist es, möglichst schnell und effizient zum Ziel zu kommen: Arbeit ist Vergnügen, Vergnügen Arbeit.

... Anders als die Klassiker der Entfremdungstheorie, anders auch als der britische Kulturjournalist Simon Reynolds, der das permanente Stilrecycling der Popkultur 2011 in seiner mehrhundertseitigen Kampfschrift Retromania erstmals ketzerisch als Verlusterfahrung beschrieben hat, ist er kein Langstreckenanalytiker, er begnügt sich mit aphoristisch geprägten Anmerkungen, die ein konkretes Phänomen ins Auge fassen und abbrechen, wenn es fürs Erste ausgeschöpft zu sein scheint. "Para-akademisches Denken" nennt er sein Verfahren: Vom Wissenschaftlichen zum Esoterischen ist es immer nur ein Schritt. Freimütig bekennt Fisher, Derrida nur kursorisch gelesen zu haben, interessant wurde er für ihn erst, als britische Popmusiker sich von seinen Schriften inspirieren ließen. Popkultur als Tor zu Welt: Noch als Dozent horcht Fisher den Offenbarungen seiner Jugend hinterher. Die tiefenpsychologische Färbung seiner Analysen indes hat ihre Wurzel in einer anderen Erfahrung. Seit er denken kann, plagen ihn Anfälle von Depression. Der Kampf gegen die Geister der Postmoderne ist zugleich ein Kampf mit den eigenen Dämonen.

...  In den zwanzig Jahren, die vergangen sind, seit er zum ersten Mal den Gespenstern begegnete, ist der Zombie zur zentralen Metapher der Kapitalismuskritik aufgestiegen. Es gibt Zombie-Banken, Zombie-Länder, Zombie-Politiker und Zombie-Walks, das US-Gesundheitsministerium soll sogar eine "Zombie Task Force" gegründet haben, um die Bevölkerung auf bevorstehende Katastrophen vorzubereiten. Fisher teilt das Unbehagen, das sich darin ausdrückt. In der abstrakten, nicht einmal von Ökonomen angemessen verstandenen Sphäre der Geldkreisläufe sind Bilder eine Möglichkeit, das Unheimliche der Dauerkrise, in der wir stecken, greifbar zu machen.

Doch die Proteste der Menschen sind ihm zu brav, zu begriffslos, zu realpolitisch und zugleich zu utopisch in ihren Forderungen. Anders als den neuesten sozialen Bewegungen, die die Mächte der Finanzwelt anklagen und dabei immer schon von bestimmten Standpunkten aus sprechen, geht es ihm darum, den Ort möglichen Sprechens erst einmal zu bestimmen. Einen guten Kontakt mit seinen Dämonen zu pflegen kann ein erster Schritt sein, im Weiteren kommt es darauf an, sich als Teil des Problems zu begreifen, nicht als Teil der Lösung, denn die Gespenster, das sind wir.


Aus: "Mark Fisher: Der Gespensterforscher" Thomas Groß (26. Februar 2015)
Quelle: http://www.zeit.de/2015/07/kuenstliche-intelligenz-mark-fisher/komplettansicht

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« Reply #3 on: November 23, 2017, 04:36:25 PM »
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[...] Für echte Rockfans, so wie mich, waren KuschelRock-Alben immer schon systematische Körperverletzung. Und tatsächlich gibt es sogar beim kuscheligen Kuschelrock einen zwischenmenschlichen Risikofaktor - denn es sollen auch immer wieder sich anbahnende Beziehungen platzen, weil er in ihrem Regal KuschelRock-CDs entdeckt. ... Kuschelrock-Alben werden übrigens nicht nur für die lieben Kleinen rausgebracht, sondern auch für ältere Semester, denn ab irgendeinem Punkt besteht das Leben mehr aus Erinnerungen als aus Absichten, und sehnsuchtsvolle Erinnerung ist ein beliebtes Mittel, der Ratlosigkeit zu begegnen! Deshalb waren auch 1987 schon Procol Harums A Whiter Shade Of Pale, When A Man Loves A Woman von Percy Sledge und Without You von Nilsson zwischen all diesen irgendwie seifigen Love Songs jener Zeit verstreut wie Rosenblätter im Badeschaum.  ... Doch wie Karl Marx bereits im ersten Band vom KAPITAL erkannte: Der Rock ist ein Gebrauchswert, der ein besonderes Bedürfnis befriedigt. Und erst recht trifft das auf Kuschelrock zu! ... Ja, toll zum Kuscheln ... Aber nirgends steht geschrieben, wie man Rockmusik zu konsumieren habe: Vielleicht ja so, wie mir, als ich noch jünger war, mal eine Frau sagte, als ich mir vor der Wohnungstür die Schuhe auszog: Den intellektuellen Überbau lässt Du aber auch draußen, okay?

...


Aus: "30 Jahre Kuschelrock" Eine Glosse von Laf Überland (23.11.2017)
Quelle: http://www.deutschlandfunkkultur.de/30-jahre-kuschelrock-gift-fuer-singles-gefuehlskonserven.2177.de.html?dram:article_id=401357

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« Reply #4 on: February 20, 2018, 11:19:41 AM »
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[...] Es gibt jetzt eine Sammlung der Texte des 2010 verstorbenen Journalisten und Musikers Martin Büsser. Sie heißt: Für immer in Pop.  ...  der Mythos vom einsamen Genie und Künstler, der mit der vermeintlichen Banalität der Welt nichts anfangen kann. ... Dagegen hat Martin auch immer angeschrieben, gegen das: „Wir wollen doch einfach nur Musik machen. Politik stört doch nur.“ ...

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karamasoff | Community, 19.02.2018

... nur noch Bands an deren Songs man sich schon nach 5min nicht mehr erinnert. Abertausende gesungene Lieder zum Niederlassen und böse-Welt-vergessen, oder was auch immer im Text steht...ist eh scheissegal, denn der Popzirkus hat schon lange den Wechselzustand erreicht, über den Adorno im Text "Jargon der Eigentlichkeit" treffend analysierte: "...in soziale Rollen sich nicht prompt einfügenden...".

Der Fetisch- und Warencharakter der Musik, formalisiertes Geplänkel. Was einmal avantgardistischer freejazz (der tatsächliche Punk in der Musik) war, nimmt heute den Raum ein des Maschinenbedienens, quadratmeterweise modulare Synthwände, die sich locker selber modulieren könnten. Der Modulierende selbst braucht keine Kenntnis mehr über Musik, weder strukturell noch historisch noch sonstwie. Der Ritus ist die Struktur, der des Steckens ,Schraubens und Drehens. Es fehlt, aber man arbeitet daran, nur noch die Geste des Wischens.

Die andere Seite des Pop ist noch schrecklicher. Hiphop/Rap ist via RnB-Warenauszeichnung zur neuen spießigen Schlagermusik mutiert (man muss nur die Texte vergleichen). Es gab sogar in der volkstümlichen Musik so etwas wie durch Medien subventionierten Punk. Aber auch hier war der Verdacht, daß es sich um das Heim ins Reich holen der Jugend handelte richtig. Inzwischen, nachdem sogar der ultrakonservativste Dorfhorst mit Instrument auf den Zug alternativer (NEUER!) volkstümlicher Musik aufsprang wird wieder formal gejodelt und strukturell geseppelt. Die Heerscharen auf Volksmusik- und Schlagerevents frenetisch abfeiernde Jugend lässt mich jedenfalls nichts Gutes ahnen.

Die geballte Ladung nichtssagende Mitte. Der Jargon der Langweiligen.




Aus: "Kritiker der Kritiker" (18.02.2018)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/kritiker-der-kritiker


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« Reply #5 on: June 22, 2018, 12:46:08 PM »
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[...] War die Musik früher besser? Fast könnte man es meinen. Musikfans, die mit Folk, Rock oder Punk aufgewachsen sind, rümpfen jedenfalls indigniert die Nase, wenn es um die heutige Musik geht. Techno ist ihnen zu kühl, im Hip-Hop fehlen ihnen die Harmonien, und die Pop-Stars seien nicht authentisch. Mit Abscheu oder Zynismus beschwören sie deshalb einen musikalischen Niedergang herauf. Nun mag Musik Geschmacksache sein. Oft hat man allerdings den Eindruck, die Senioren der Pop-Kultur würden über den Pop der Gegenwart lästern, um ihre eigenen Mythen zu retten.

Für Generationen von Rockern, Mods und Punks war die Pop-Kultur weit mehr als eine ästhetische Bewegung, mehr auch als ein musikalisches Angebot. Im Pop öffneten sich neue Horizonte und Lebensräume. Während sich die Massen im Mainstream zu einem anonymen «Man» aggregierten, erstritt sich die Jugend in wechselnden Pop-Szenen ein «Wir». Es feierte sich selber mit neuen Sounds. Nach aussen hin protestieren sie gegen überkommene Traditionen, Institutionen, Autoritäten. So festigte sich eine rebellische Identität, ein geradezu heroisches Selbstbild, das aber immer weniger zur herrschenden Pop-Kultur passt.

Die Pop-Musik hat sich so schnell entwickelt und in immer neuen Bewegungen verästelt, dass sich kein eigentlicher Kanon herausgebildet hat. Das Verständnis für musikalische Entwicklungen ist hier so gering, dass das Neue jeweils vom Himmel zu fallen scheint. Man erfährt es nicht als Erweiterung einer Tradition (wie in Klassik oder Jazz). Auch bei den Retro-Bewegungen geht es weniger um die Pflege eines Vermächtnisses als um zufällige Moden. Die rasche Folge der Trends hat einen ästhetischen Relativismus zur Folge, in dem sich der Sinn einer «Pop-Geschichte» verliert – deshalb wirkt der Begriff an sich geradezu deplatziert.

Die kohäsive Kraft der Pop-Tradition wird heute durch weitere Faktoren geschwächt. Die Krise des Musikbusiness, verursacht durch die Digitalisierung, ist nicht ohne Wirkung auf die soziale Wirklichkeit der Pop-Kultur geblieben. Es wird weiterhin Musik geschaffen – und immer wieder auch künstlerisch wertvolle. Den gewachsenen Netzwerken von Produktion und Rezeption, von Stars und Fans aber wurde quasi die ökonomische Basis entzogen.

Der deutsche Pop-Kritiker Georg Seesslens analysiert die Entwicklung in seiner Essay-Sammlung «Is This The End?». Im Sinne linker Kulturkritik habe er Kulturindustrie und Pop lange als Gegensatz betrachtet, schreibt er. Die Industrie schien Kunst zur Ware zu degradieren, während Pop die Ware zur Kunst erhob. Mit dem Niedergang der Pop-Industrie aber zeige sich, wie eng beide verflochten waren. So eng, dass die Krämpfe der Industrie auch die sogenannten Indie-Szenen ins Fahrwasser der Krise rissen.

Seesslen hält Pop primär für ein soziales Phänomen. Es geht ihm um das Wir-Gefühl von Subkulturen und Szenen, das sich früher in der Entourage einzelner Acts, Labels und Klubs gebildet hat, um Allianzen zu stiften – zwischen Künstlern, Produzenten, Konzertveranstaltern, Grafikern, Verkäufern, Kritikern und Publikum. Wenn Acts nun fallengelassen werden und Labels eingehen, lösen sich Bands und Banden auf. Die freischwebenden Kreativen müssen schauen, wie sie alleine über die Runden kommen. Möglicherweise haben sie der Lifestyle und das Do-it-yourself-Prinzip des Punk auf das Prekariat vorbereitet.

Wo Pop früher Gemeinschaft schuf, wittert Seesslen heute allenthalben Hierarchie, Konkurrenz, Vereinzelung. Symptome dafür findet er etwa in den Casting-Shows, in denen sich ein Graben öffnet zwischen Siegern und Losern. Was aber wird aus abgehalfterten Verlierern, die sich nicht mehr getragen fühlen von einer Fan-Kultur? Für Seesslen sind sie prädestiniert dazu, vom Pop abzulassen und den Provokateuren des Populismus auf den Leim zu gehen.

Der Zerfall der Musikindustrie lässt sich an rückläufigen Zahlen festmachen. Eine Krise der Pop-Kultur zu belegen, ist hingegen problematisch. Auch Seesslen kann aus mehr oder weniger gesicherten Annahmen bloss mehr oder weniger plausible Schlüsse ziehen. Wo seine Analyse aber an Grenzen stösst, da werden seine Thesen überraschenderweise von literarischen Fiktionen gestützt. Immer öfter trifft man in zeitgenössischen Romanen nämlich auf prägnante Figuren, die den Niedergang von Pop und Pop-Business quasi am eigenen Leib erfahren.

In Michael Chabons «Telegraph Avenue» (2012) etwa verwandelt sich die Melomanie der Plattenhändler Archy und Nat in Hass. Musik habe uns so weit gebracht, «dass wir inzwischen mit beknackten iPods und Knöpfen in den Ohren rumlaufen». Man kann den Frust verstehen. Der Roman zeigt, wie sie der Untergang des Plattenladens «Brokeland Records» – nomen est omen – um ihren Lebenssinn bringt. Die Fan-Romantik, mit der einst Nick Hornby im Kultroman «High Fidelity» ein Musikgeschäft ausgestattet hatte, ist in «Telegraph Avenue» muffiger Nerd-Tristesse gewichen. Nat und Archy werden von einem CD-Grossisten bedrängt. Schlimmer noch: Angesichts der digitalen Revolution droht ihnen der Konkurs. Im stürmischen Niedergang des Platten-Business aber lässt Chabon auch die Glocken eines Wertezerfalls läuten.

Für Nat und Archy war der Plattenladen etwas Quasi-Religiöses, eine «Kirche des Vinyls». Sie beschäftigen sich dabei vor allem mit nachgelassenen Plattensammlungen, mit Preziosen aus Jazz und Soul, die sie als Händler wieder in Umlauf brachten. Durch den Rückgang der Nachfrage verwandeln sich die Platten jedoch buchstäblich in Scherben einer überlebten Tradition. So fühlen sie sich nun als «Arbeiter eines todgeweihten Aussenpostens». Wenn aber Leute wie Nat und Archy keinen Einfluss mehr nehmen auf die Szene, wo bleiben dann Expertise und Liebhaberei?

Ein ähnliches Schicksal erleidet auch Vernon Subutex, der Anti-Held aus dem gleichnamigen Roman (2015) von Virginie Despentes. Seit er seinen Plattenladen «Revolver Records» hat schliessen müssen, findet er keinen professionellen Anschluss mehr an die Gegenwart. Zunächst wird Subutex von einem Rockstar unterstützt, dem er einst zum Durchbruch verholfen hat. Nach dessen unerwartetem Tod aber fliegt der Plattenhändler aus seiner Wohnung direkt in die Gosse. Um sich über Wasser zu halten, ist er nun auf alte Bekanntschaften aus der Musikszene angewiesen.

Mit einer Mischung aus Sarkasmus und zärtlicher Herablassung führt die französische Autorin ihren Protagonisten nun durch eine versehrte Welt verhärmter Groupies, gescheiterter Musiker, peinlicher Altstars, eitler Produzenten, abgewrackter Fans. Hier hasst man unterdessen «die Erbärmlichkeit einstigen Glanzes». Und mit Musik wollen die wenigsten noch zu tun haben. Denn wo es keinen Gewinn mehr gibt, gebe es auch kein Prestige. Die Leute suchen sich deshalb neue Leidenschaften. Einer kokettiert mit dem Rechtsextremismus. Ein Investmentbanker feiert sein Kämpfer-Ego.

Patrice schliesslich, ein ehemaliger Punk-Bassist, vegetiert. Aus seinen Musikerjahren sind ihm bloss Tattoos und Erinnerungen an strapaziöse Zeiten geblieben – an aufreibende Tourneen, endlose Autofahrten, notdürftige Übernachtungen und Auftritte vor der zugedröhnten Jugend. «Er hatte die Nase voll vom Rock, von der Hardcoreszene und dem ganzen Mist», schreibt Despentes. «Man sagt nicht umsonst Subkultur.»

Unzufrieden mit der musikalischen Gegenwart ist auch Bennie Salazar, den die amerikanische Schriftstellerin Jennifer Egan in den Mittelpunkt ihres Episoden-Romans «Der grösste Teil der Welt» (2010) stellt. Salazar arbeitete vorübergehend in einem Plattenladen (namens «Revolver Records», wie jener von Subutex), bevor er eine Plattenfirma gründete und Karriere machte im Musikbusiness. Unterdessen verspürt der müde Fatzke, der sich zur Potenzsteigerung Goldflocken in den Kaffee streut, einen «totalen Hass auf die Branche, der er sein ganzes Leben gewidmet hatte». Der Hass fällt auf ihn selber zurück: «Bennie wusste, was er der Welt servierte, war Scheisse» – poppige Konfektionsware, nämlich.

Bennies Leben wird kontrastiert von der traurigen Existenz Scottys. Beide spielten einst zusammen in einer Punk-Band. Während Bennie als Bassist versagte, galt Scotty als begnadeter Sänger, bevor er dann in der Gosse landete. Zuletzt führt das Schicksal beide nochmals zusammen. In einer utopischen Zukunft lässt Jennifer Egan die Pop-Musik in einer Baby-Phase kulminieren – die Babys bestimmen nun die Trends, indem sie auf ihre klingenden Baby-Pads eindreschen. Just in dieser Baby-Kultur aber verhilft Bennie Scotty zu seinem Comeback. Das Konzert wird zwar zum musikalischen Desaster. Trotzdem feiert das Publikum den ausgedorrten Sänger als personifizierten Rocker-Mythos.

So unbedeutend die Tradition im Pop sein mag – es gibt nichtsdestoweniger eine Art kulturelles Verhängnis. In diesem Sinne jedenfalls muss man Virginie Despentes und Jennifer Egan verstehen. So überschattet die gegenwärtige Krise des Musikbusiness eben nicht nur die heutige Pop-Szene, vielmehr entwertet sie auch die Erinnerung an deren heroische Anfänge. Was früher wichtig war und gut tönte, scheint plötzlich überschätzt. Alte Allianzen halten nicht mehr. Und die Mythen manifestieren sich nur noch in der Parodie.

Was bleibt übrig vom «Wir» der Rock-Szene, der Punk-Bewegung, der ganzen rebellischen Subkultur? Offenbar immer weniger. Ist es da ein Wunder, wenn ältere Generationen klagen? Das junge «Ich» hingegen, schwebend im virtuellen Netzwerk, hat ein weniger schwärmerisches Verhältnis zu Pop. Es zieht sich Kopfhörer über die Ohren und geniesst. Manchmal trägt es ein Groove durch die Zeit. Und manchmal wird es von einem Song überrascht wie von einem guten Witz oder einem grossen Werk.


Aus: "Der Plattenladen ist ein Scherbenhaufen. Zerfällt jetzt die Pop-Kultur?" Ueli Bernays (18.6.2018)
Quelle: https://www.nzz.ch/feuilleton/der-plattenladen-ist-jetzt-ein-scherbenhaufen-ld.1394370

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« Reply #6 on: October 15, 2018, 04:41:01 PM »
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[...] Seit 1980 hat das Magazin den deutschen Popdiskurs maßgeblich geprägt. Aufgrund sinkender Leserzahlen und Werbeeinnahmen wird die "Spex" nun aufgelöst. ... Wie die Redaktion der deutschen Zeitschrift Spex auf ihrer Website bekannt gibt, wird das Magazin nach 38 Jahren eingestellt. Als Gründe werden sinkende Auflagen und Abonnentenzahlen sowie ein angespannter Anzeigenmarkt genannt. Über vier Jahrzehnte hat die Spex einen Blick auf internationale Popkultur vermittelt, der akademische Diskurse mit großer Nähe zu Subkulturen und subjektivem Musikerleben verband.

Die Spex wurde 1980 von einem Herausgeberkollektiv in Köln gegründet, namensgebend war die Punkband X-Ray Spex. In ihren prägenden Jahren zwischen 1983 und 1999 gehörten Diedrich Diederichsen, Hans Nieswandt, Mark Terkessidis oder auch Dietmar Dath zum Autorenstamm. 

... Wie der Spex erging es in diesem Jahr mehreren Magazinen mit popkultureller Ausrichtung: Im April verkündeten sowohl Neon als auch Intro ihr Ende. Die Spex-Redaktion wird noch zwei Ausgaben produzieren, die nächste erscheint am 25. Oktober. Das letzte Heft wird voraussichtlich am 27. Dezember herauskommen.


Aus: "Musikzeitschrift "Spex" wird eingestellt" (15. Oktober 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/musik/2018-10/popkultur-spex-zeitschrift-eingestellt

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volumen #2

angespannter Anzeigenmarkt - ich höre es direkt knirschen. Es wollte halt keiner mehr lesen, den selbstreferentiellen Diskurs. Ich auch nicht. Wenn es natürlich auch ein wenig schade ist. Servus Spex.


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xion #2.1

Ganz ihrer Meinung. Die Spex drehte sich immer schneller im Kreis und diskutierte irgendwann den eigenen Schwanz. Ich hab irgendwann nach langem Augenzudrücken abbestellt. Leider gibt's keinen Ersatz. Aber der Verlust der SPEX trat schon vor längerem zu ihren Lebzeiten ein.


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slocum #4

Schade ist das schon. Allerdings hat sich das Blatt längst zur gegenseitigen Nabelschau einiger Leute entwickelt. Für mich praktisch nicht mehr relevant. Die meisten alten Hefte hab ich noch gestapelt in einer Ecke, in den letzten Jahren kamen kaum welche hinzu.


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Innenrüttler #10

In den späten 80ern und frühen 90ern in der öden Provinz war die monatliche Spexlektüre voller Offenbarungen und Trost. Vor knapp 10 Jahren habe ich, eigentlich auch schon etwas spät, das Abonnement gekündigt. Habe in der Stadtbibliothek immer mal wieder reingelesen, mäßig begeistert. Es ist schade, aber heutzutage kein echter Verlust mehr. Daher bleibt: Danke für die frühen Jahre der Begeisterung!


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Artimorty #13

Ich hatte es ein paar Male in den 80ern und 90ern versucht, mich mit der Spex anzufreunden. Hab einige bis heute gern gehörte Musiker und Songschreiber dadurch kennengerlernt. In meiner Erinnerung fand ich zu viel Apotheose drin und übrig bleibt bei mir nicht viel. Vielleicht am ehesten die Diederichsen-Hymnen auf bestimmte Pop-Bands, die ich immer noch liebe.


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the obscure lobster #13.1

Hehe. Sternchen für apoteose. [(Apotheose (altgriechisch ἀποθέωσις apothéōsis „Vergottung“) bezeichnet ursprünglich die Erhebung eines Menschen zu einem Gott oder Halbgott, wird aber auch nur zur Beschreibung einer Verherrlichung oder Verklärung verwendet. )]


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Clock DVA #18

Ein Sternchen und ein Tränchen für die SPEX - zwischendurch immer wieder gerne gelesen - trotz Kryptotalk.