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Author Topic: [Musikästhetik ist als philosophische Disziplin... ]  (Read 111 times)

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Textaris(txt*bot)

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[Musikästhetik ist als philosophische Disziplin... ]
« on: July 13, 2017, 02:03:55 PM »

Quote
[...] Musikästhetik ist als philosophische Disziplin Teil des Denkens über Musik mit dem spezifischen Bezugspunkt der Reflexion und ästhetischen Erfahrung musikalischer Werke und Prozesse. Dabei variieren Gegenstand und Methoden musikästhetischer Betrachtungen. Die begriffliche und wissenschaftssystematische Konzeption einer Disziplin der Ästhetik im, für die moderne Philosophie, prägenden Sinne erfolgte Mitte des 18. Jahrhunderts durch A. G. Baumgarten; sie soll sich, seinem Entwurf entsprechend, mit der sinnlichen Erkenntnis allgemein, mit der Erkenntnis von Kunst und Schönem im Besonderen und mit dem Verstehen und Bewerten von Kunstwerken in historischen Zusammenhängen beschäftigen. ...

Seit etwa 1920 wird der Begriff des Expressionismus auch in Bezug zur Musik verwendet, um das Auftreten neuer musikästhetischer Phänomene zu Beginn des 20. Jahrhunderts erklären und einordnen zu können. Als Gegenbegriff zum musikalischen Impressionismus ist der musikalische Expressionismus Ausdruckskunst, die Kunst des Ausdrucks des (eigenen) Innern. Durch ihn werden ästhetische Ideale und Normen des 19. Jahrhunderts – Schönklang, Diatonik, Metrik – verzerrt. Seine grundlegende Idee, Ausdruck als Gegenbegriff zur Form zu etablieren, findet der Expressionismus in der Konzeption der Neudeutschen Schule, doch verkehrt er weitere konzeptionelle Ansätze dieser ins Gegenteil. In den Kompositionen des Expressionismus findet sich die Idee, dass ein Verstehen des Hörenden zur Essenz des Ausdrucks der Musik selbst gehört, nicht mehr wieder. Somit werden Kompositionen nicht an Ansprüchen oder Erwartungen des Hörenden ausgerichtet. Vielmehr zeigen sich in ihnen Versuche, Möglichkeiten des musikalischen Ausdrucks von Gefühlen realisieren zu wollen. Im Überschreiten der Grenzen des Bewusstseins soll sich dem eigenen Wesen, das jenseits des Bewusstseins liegt, angenähert werden.
In der Kompositionspraxis werden diese Versuche im Überschreiten der Tonalität als Erweiterung hörbar. Auch werden im Expressionismus musikalische Gattungen (Symphonie, symphonische Dichtung, Kammermusik, Lied, Ballade, Oper, Kantate) werkimmanent vermischt und ihre Grenzen überschritten. Arnold Schönberg versucht, durch die Verwendung verschiedener Kunstgattungen in "Die glückliche Hand" (1924), die Idee einer Synästhesie zu verwirklichen.


Aus: "Musikästhetik" (29. Juni 2017)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Musik%C3%A4sthetik

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Quote
[...] Der musikalische Expressionismus entstand um 1906. Im Unterschied zum musikalischen Impressionismus, der die Wahrnehmung äußerer Erscheinungen der Dinge abbildet, formulieren die expressionistischen Kunstrichtungen Seelenregungen des Menschen. ... Theodor W. Adorno charakterisiert:
    „Das expressionistische Ausdrucksideal ist insgesamt eines der Unmittelbarkeit des Ausdrucks. Das bedeutet ein Doppeltes. Einmal sucht die expressionistische Musik alle Konventionselemente der traditionellen zu eliminieren, alles formelhaft Erstarrte, ja alle den einmaligen Fall und seine Art übergreifende Allgemeinheit der musikalischen Sprache – analog dem dichterischen Ideal des ‚Schreis‘. Zum andern betrifft die expressionistische Wendung den Gehalt der Musik. Als dieser wird die scheinlose, unverstellte, unverklärte Wahrheit der subjektiven Regung aufgesucht. Die expressionistische Musik will, nach einem glücklichen Ausdruck von Alfred Einstein, Psychogramme geben, protokollarische, unstilisierte Aufzeichnungen vom Seelischen. Sie zeigt sich darin der Psychoanalyse nahe.“ ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Expressionismus_(Musik) (2. Februar 2017)

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Textaris(txt*bot)

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[Der Streit um den ästhetischen Blick... ]
« Reply #1 on: July 13, 2017, 02:13:26 PM »

Quote
[...] Das emanzipatorische Potential des "ästhetischen Blicks" - Kunst und Politik zwischen Bourdieu und Rancière

Jens Kastner: Der Streit um den ästhetischen Blick. Kunst und Politik zwischen Pierre Bourdieu und Jacques Rancière, Turia + Kant, Wien 2012, 140 Seiten

Was muss geschehen, damit das Alltägliche aufhört, alltäglich zu sein? Wie verändert man die Wahrnehmung des Sozialen, um Emanzipation zu ermöglichen?
Und welche Rolle spielt die Wissenschaft dabei? Oder die Kunst?
Um diese Fragen tobt in Frankreich ein Streit, der aus mehreren Gründen bemerkenswert ist.
Zum einen ist da das schiere Niveau der Antagonisten: Jacques Rancière, der aufsteigende Stern am Himmel der französischen Philosophie, polemisiert gegen Pierre Bourdieu.
Zum anderen wäre da die Tatsache, dass die Polemik einseitig daherkommt: Denn Jacques Rancière streitet mit einem Toten - nicht eben ein Ausweis intellektueller Courage, zumal Bourdieu zu Lebzeiten selbst ein gefürchteter Polemiker war.
Und schließlich bleibt der Umstand, dass sich die Positionen der Kontrahenten politisch kaum unterscheiden.
Beide haben sich im Widerstand gegen die Verwüstungen des Neoliberalismus einen Namen gemacht, und beiden geht es um die Frage, welche Möglichkeiten Kunst, Wahrnehmung und Ästhetik besitzen, politische Veränderungen zu bewirken bzw. mitzubewirken.
Der Wiener Soziologe und preisgekrönte Kunstkritiker Jens Kastner hat nun eine Studie vorgelegt, die die in Deutschland bislang noch weitgehend unbekannte Kontroverse kompetent nachzeichnet. Sein Buch ist eine Mischung aus wissenschaftlicher Abhandlung und politisch-kunsttheoretischem Essay.
Im Wandern zwischen den Gattungen liegt sein Reiz. Denn einerseits stellt Kastner die Positionen von Rancière und Bourdieu sachlich, systematisch und gut verständlich dar.
Andererseits geht er im letzten Drittel seines Buches über sie hinaus und ergänzt die Diskussion um eine bewegungsanalytische Perspektive, die sehr vielversprechend ist. Durch produktives Mitdenken wird Der Streit um den ästhetischen Blick zu einer innovativen kultursoziologischen Leistung, in der man sich eigentlich noch mehr Kastner zwischen Bourdieu und Rancière gewünscht hätte.
Einen Gutteil seiner ebenso fundierten wie differenzierten Kritik verbannt Kastner in die Fußnoten. Das ist zwar akademisch wohlerzogen, aber eigentlich unnötig. Kastner versteht seine Studie als Einladung, die Bourdieu-Rancière-Kontroverse aus dem rein akademischen Feld zu lösen und an anderen Orten weiterzuführen.

Die geistige und sprachliche Klarheit seines Buches ist angesichts des extrem hohen Abstraktionsniveaus und der holprigen terminologischen Eigenheiten der Beteiligten besonders wohltuend. Sie könnte tatsächlich helfen, den Inhalt der Debatte einem größeren Publikum verständlich zu machen.

Kastner macht deutlich, dass bei aller Schärfe der Ausgangspunkt der Kontroverse für Bourdieu und Rancière eigentlich gleich ist: Beide verstehen Ästhetik als etwas, das über den spezifischen Raum der Kunst hinaus mit "allgemeinen Denk- und Wahrnehmungsmöglichkeiten" (S. 7) verknüpft und daher politisch bedeutsam ist. Sowohl Rancière als auch Bourdieu geht es um das "Problem der Politik der Ästhetik" (S. 12).

In ihrem Verständnis dieser Politik allerdings könnten ihre Positionen kaum gegensätzlicher sein. In seinem Werk "Die feinen Unterschiede" hat Bourdieu ästhetische Formen und die gesellschaftliche Art ihres Genusses als ordnungs- und letztlich herrschaftsstabilisierende Dispositionen identifiziert.

Die Behauptung, die Wirkung der Kunst stehe über den sozialen Realitäten, ist für ihn eine Verschleierung eben dieser Realitäten durch das zur Herrschaft strebenden Bürgertum. Für ihn gibt es konsequenterweise keine "Gleichgültigkeit des Schönen". Rancière sieht das anders. Für ihn ist Bourdieus Orientierung an sozialen Schichten und Klassen und seine entsprechende Zuordnung kultureller Praktiken kein Be- sondern im eigentlichen Wortsinn ein Festschreiben sozialer Ungleichheiten.

Die von Bourdieu analysierten sozialen Differenzen sieht Rancière als Ergebnis eines performativen Sprechakts der Soziologie. Ein statisches Modell verhindere die Wahrnehmung gelebter Regelbrüche - und damit soziale Emanzipation.

Die Feststellung, dass der "ästhetische Blick" zu einem sozialen Distinktions- und Differenzkriterium geworden sei, hält Rancière für banal.

Viel wichtiger ist ihm dessen Fähigkeit, Menschen aus gesellschaftlichen (Zu)Ordnungen ausbrechen zu lassen: "Die Ordnung wird überall dort bedroht, wo ein Schuster etwas anderes als Schuhe macht" (S. 44).

Kastner: "Während der ästhetische Blick für Rancière [...] einen Dissens definiert, ist er in der Analyse Bourdieus Ausdruck und Instrument einer Disposition der Herrschenden" (S. 83).

Jacques Rancière macht in seinem posthumen Disput mit Bourdieu freilich nicht immer eine gute Figur. Das liegt aber weniger an einer unzulässigen Parteilichkeit des hervorragenden Bourdieukenners Kastner als daran, dass Rancières nie geleugneter philosophischer Idealismus seine Argumente oft zu unumstößlichen Behauptungen verkommen lässt.
Er will den Einzelnen und seine Fähigkeit zu kategorial ungehörigem Verhalten zurück in die Wissenschaft bringen. Das ist ebenso nötig wie lobenswert.
Nur hat man das Gefühl, dass er sich für dieses Unterfangen den falschen Gegner ausgesucht hat. Das emanzipatorische Potential der Soziologie Bourdieus unterschlägt er. Kastner kritisiert zu recht Rancières "maximal missgünstige Lektüre" Bourdieus (S. 67).

Kastner selbst bestreitet keineswegs ein emanzipatorisches Potential des "ästhetischen Blicks" - nur müsse es durch soziale Kämpfe erst durchgesetzt werden und sei diesen keineswegs vorgängig. Die Möglichkeiten sozialer Bewegungen, den "ästhetischen Blick" von einem Privileg zu einem Mittel sozialer Emanzipation zu machen, hält er für wesentlich. Kastner favorisiert eine anti-essentialistische Differenzposition, die ungeregelte Formen gesellschaftlichen Handelns ausdrücklich einschließt. Ein Ende der Debatte ist somit nicht abzusehen.


Aus: "graswurzelrevolution: 372" Martin Baxmeyer (Oktober 2012)
Quelle: http://www.graswurzel.net/372/kunst.shtml
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[Musikästhetik ist als philosophische Disziplin... ]
« Reply #2 on: July 13, 2017, 02:30:09 PM »

Quote
[..] Musik, sagt Ernst Bloch, verhält sich "seismographisch" zum gesellschaftlichen Sein. Dass er Musik als "den Spiegel des Utopischen" schlechthin verstand, hat nicht nur mit ihrem prozesshaften, auf etwas Kommendes verweisenden Aspekt zu tun, der eng mit dem antizipierenden Wesen des Menschen verbunden ist. Es geht auch um ein Überschreiten, gerichtet auf Verhältnisse, die noch werden – auf den Menschen, der noch wird.

... Utopien gibt es aus verschiedener Perspektive: Eine entspringt der Technikeuphorie, die sich seit der industriellen Revolution über den Wissenschafts- und Fortschrittsoptimismus des 19. Jahrhunderts in die Cyberwelt verlängert.

Elektronik und Syntheziser haben völlig neuartiges Klangmaterial zur Verfügung gestellt. Als Universalwerkzeug befeuert der Computer die Machbarkeitsphantasie. Utopisch erscheint dann gleichbedeutend mit synthetisch. Neu soll der Sound sein, aber ist es auch die Musik?

Utopisches Denken ist eines, das aus seinen eigenen Grenzen heraustritt - indem es sie reflektiert. Es geht darum, Denkweisen, die die technische Entwicklung unseres Jahrhunderts hervorgebracht hat, auf eben dieser historischen und philosophischen Höhe wirksam werden zu lassen: durch Selbstreflexion.

Oft wird das Utopische nur auf der Ausdrucksebene gesucht, mit Mitteln, die selbst noch konventionell sind. Dabei ist Musik mehr als nur Spiegel menschlichen Ausdrucks.

Am Ende geht es überhaupt nicht mehr um Ausdruck in der Musik, "sondern die Musik selber [steht] als Ausdruck zur Diskussion". "Konkrete Utopie" sagt Bloch und meint den Prozess der Verwirklichung, in dem die näheren Bestimmungen des Zukünftigen tastend und experimentierend hervorgebracht werden: als utopische Aspekte beim Erfinden, Spielen und Hören von Musik.

Was Musik seismografisch widerspiegelt, "bewegt sich immer zwischen den Polen Utopie und Ideologie". Wenn Musik die bestehende Ordnung ästhetisch reproduziert, erzeugt sie nur das illusionistische Bild einer heilen Gegenwelt. Auch die Arbeit am Sound ist dann nicht mehr als das Übermalen einer vergilbten Tapete.

Utopie ist neu, wesentlich anders, emanzipatorisch und kritisch auf die Gegenwart gerichtet.

Es gibt auch historische Musik, die utopisch ist; die ihren Relevanz nicht verloren hat, weil ihr ein Wahrheitsgehalt innewohnt, den die Verhältnisse nicht eingelöst haben.

Stefan George zitierend entlässt Arnold Schönberg seine Musik aus den Bestimmungen durch die Konvention: "Ich fühle Luft von anderem Planeten. Ich löse mich in Tönen kreisend, webend, dem großen Atmen wunschlos mich ergebend."


Aus: "Utopien in der Musik: "Durch Nacht zum Licht"" Carolin Naujocks (20.12.2016)
Quelle: http://www.deutschlandfunkkultur.de/utopien-in-der-musik-durch-nacht-zum-licht.2165.de.html?dram:article_id=374333

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