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Author Topic: [Debattenkultur (Notizen)... ]  (Read 15571 times)

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Textaris(txt*bot)

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[Debattenkultur (Notizen)... ]
« Reply #35 on: November 14, 2018, 01:41:06 PM »

Quote
[..] Neumünster - Ein 34-Jähriger ist am Dienstagabend gegen 20.15 Uhr in Neumünster festgenommen worden, nachdem er seine Nachbarn in einem Mehrfamilienhaus in der Christianstraße mit einer Schreckschusspistole bedroht hatte. Dem vorausgegangen waren Streitigkeiten.

Ein 34-jähriger Hausbewohner hörte lautstark Musik und wurde von seinen Nachbarn angesprochen, die Lautstärke zu reduzieren. Daraufhin zog der Mann eine, wie sich später herausstellte, Schreckschusspistole aus dem Hosenbund. Er lud diese durch, richtete sie auf einen der Mieter und forderte sie auf zu verschwinden. Danach schloss er seine Wohnungstür wieder.

... In seiner Wohnung wurde die Schreckschusspistole aufgefunden und beschlagnahmt. Er selbst machte zur Sache keine Angaben.

Der Mann stand erheblich unter Alkoholeinfluss und wurde bis zum Mittwochmorgen im Polizeigewahrsam untergebracht. Da er sich diesen Maßnahmen widersetzen wollte, wird gegen ihn nun außer wegen Beleidigung und Bedrohung auch noch wegen Widerstand gegen und Tätlichen Angriff auf Vollstreckungsbeamte ermittelt. Ein entsprechendes Strafverfahren wurde eingeleitet.


Aus: "Mieter bedroht Nachbarn mit Pistole" (14.11.2018)
Quelle: http://www.kn-online.de/Lokales/Neumuenster/Polizeieinsatz-Ruhestoerung-in-Neumuenster-Strafverfahren-eingeleitet
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Textaris(txt*bot)

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[Debattenkultur (Notizen)... ]
« Reply #36 on: January 04, 2019, 03:21:04 PM »

Quote
brutalheim-كريم
@brutalheim
grad haben welche diskutiert ob man elmex morgens oder abends benutzt es ist so deutsch


brotlose kunst
@just_write_it
·
16 Std.
Antwort an @brutalheim
abends
🙃


Hei Hei
@__randoom__
·
15 Std.
next level: elmex Kids geht morgens und abends, aber nur für Milchzähne.


https://twitter.com/brutalheim/status/1080944163825291264

...

Quote
redcat hat retweetet
happyfeet

@12happyfeet12
Ich führe grundsätzlich keine Impfdebatten mehr, seit ich Patienten im Alter von 20 und 50 Jahren an Windpocken und Masern habe sterben sehen. Wir können über Wurstsorten oder Handytarife diskutieren, aber definitiv nicht über Impfungen! Da gibt es nichts zu diskutieren!


Voland
@VolandMephisto
·
19 Std.
Antwort an @12happyfeet12
ich mag ungarische Salami

Wasdnedsagsd?!
@ShadowchildN
·
22 Std.
Mehr Leberwurst für mich.

Andreas Kubasik
Andreas Kubasik
@AndiWug
·
16 Std.
Antwort an @12happyfeet12
Jeder hat seine Meinung. Pro und Contra. Wie haben die Leute das alles vor dem Impfgeschäft überlebt???

Pfannkuchenprinzessin
Pfannkuchenprinzessin
@melli_meter
·
22 Std.
Antwort an @12happyfeet12
Ich bin absolut kein Impfgegner & finde es auch schlimm, dennoch kenne ich auch 2 Fälle, da ist das Kind an einer Impfung gestorben und das andere Schwerbehindert. Kann bei solchen Leuten nachvollziehen warum sie dagegen sind. Aber, ja die meisten Impfgegner habe keine Argumente

Roland Frisch
@rofrisch
·
7 Std.
Da sind 2 Fälle, wo Leute trotz Rettungsboot gestorben sind. Trotzdem würde ich im Ernstfall nicht auf nen Platz im Rettungsboot verzichten.

Omnimodo Facturus
@OmniFactu
·
21 Std.
Antwort an @12happyfeet12
 und @JensFiege
Mit Paprikalyonern diskutiere ich nicht.

Dirk Rauen
@DirkRauen
·
1 Std.
Antwort an @12happyfeet12
Wie schaffen es Leute mit dieser Argumentation (kenne zwei....) sich tatsächlich als wissenschaftlich zu verkaufen?? Propaganda läuft!

paulii.mnk
@MnkPaulii
·
6 Std.
Antwort an @12happyfeet12
 und @mrs_prongs
Wusste gar nicht dass man sich gegen Windpocken impfen lassen kann. Ich dachte immer das hat man als Kind halt einmal und gut ist.

Der Pendler
@ArdbegForever
·
6 Std.
Antwort an @12happyfeet12
 und @perlenmarmelade
Das ist so eine Diskussion, die ich mit ner bekannten  zum Thema "Gurt" führen musste. Sie wollte sich nie anschnallen, weil ein Bekannter überlebt hätte, wenn er bei einem speziellen Unfall nicht angeschnallt gewesen wäre.

Prokrastinateur
@Prokrastinateu1
·
4 Std.
Antwort an @12happyfeet12
Wow, starkes Statement!
Und jetzt bitte noch ein Beitrag zum Thema #Homöopathie

🎃👻🦇🦇Störsender 🦇🦇👻🎃
🎃
👻
🦇
🦇
Störsender
🦇
🦇
👻
🎃
@KatiPierson
·
5 Std.
Antwort an @12happyfeet12
Wurst grundsätzlich nur aus ganzen Fleischstücke wie Schinken, kein durchgedrehtes Zeug. Wenn das rauskommt, was da reinkommt, dann kommen die Wursthersteller irgendwo rein, wo sie nie wieder rauskommen.
😉

Christian Steifen
@ChristianBloomy
·
20 Std.
Können wir dann nicht erstmal über ein Rauchverbot debattieren? ;)

o. timmermann
@oti28908737
·
4 Std.
Antwort an @12happyfeet12
Impfgegner sind nur gegen Argumente von Impfbefürwortern immun.

Signal77
@Signal77
·
20 Std.
Antwort an @12happyfeet12
Ich bin gegen Impfen. Dennoch sind meine Kinder durchgeimpft. Weil ich das Wohl der Gesellschaft über meine subjektive Meinung stelle.
Und ich steh eher auf Leberwurst. Die feine, im Naturdarm.

Allyouneed
@needfull_
·
22 Std.
Antwort an @12happyfeet12
 und @ausserirdischer
Aber Autismus. Und Spätfolgen. Und überhaupt. Impfen ist böse. Besser Globuli....
Sorry. Mit Impfgegnern diskutieren... Jedesmal so

Black Ace
@Bl4ck_4c3
·
22 Std.
Globuli helfen ja auch nur, wenn man sie mit nach links gedrehtem Granderwasser runterspült. Weiss doch jeder.
🤪

Allyouneed
@needfull_
·
22 Std.
Dank Twitter weiß ich sowas.


https://twitter.com/12happyfeet12/status/1080850067156856832
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[Debattenkultur (Notizen)... ]
« Reply #37 on: January 08, 2019, 10:58:07 AM »

Quote
[...] Zahlreiche sensible Daten deutscher Politikerinnen und Politiker sowie Prominenter sind im Internet veröffentlicht worden – unter anderem Handynummern, parteiinterne Dokumente, Kontodaten und private Chats. Betroffen sind auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Nur Politikerinnen und Politiker der AfD sind laut Bundesinnenministerium bislang vom Datenleak ausgeschlossen. ...


Aus: ""Ein schwerer Anschlag auf die Demokratie"" (4. Januar 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/digital/datenschutz/2019-01/hackerangriff-politiker-bundestag-daten-leak-liveblog

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Quote
[...] Der Bundestagsabgeordnete und Landesvorsitzende der AfD Bremen, Frank Magnitz, ist am Montag von mehreren Personen angegriffen und verletzt worden. Der Vorfall habe sich gegen 17.20 Uhr in der Nähe des Theaters am Goetheplatz ereignet, teilte die Polizei Bremen mit.

Aufgrund der Funktion des Geschädigten sei von einer politischen Motivation der Tat auszugehen. Der polizeiliche Staatsschutz und die Staatsanwaltschaft Bremen ermitteln demnach.

Nach Angaben der Bremer AfD wurde Magnitz von drei Vermummten attackiert. Er liege mit schweren Verletzungen im Krankenhaus. Dazu veröffentlichte die Partei ein Foto, das den Verletzten zeigen soll. Der AfD-Bundessprecher Jörg Meuthen verbreitete das Foto bei Twitter und schrieb, Magnitz sei "halbtot geschlagen" worden. Zahlreiche AfD-Politiker verurteilten den Angriff ebenfalls und wünschten Magnitz baldige Genesung.

Die Polizei nannte keine Details zum Angriff. Sie sucht Zeugen, die den Vorfall beobachtet haben.

Der Grünen-Politiker Cem Özdemir twitterte am frühen Dienstagmorgen, er hoffe, dass der oder die Täter bald ermittelt und verurteilt werden. "Auch gegenüber der AfD gibt es keinerlei Rechtfertigung für Gewalt. Wer Hass mit Hass bekämpft, lässt am Ende immer den Hass gewinnen."

Wenig später meldete sich auch Außenminister Heiko Maas zu Wort. "Gewalt darf niemals ein Mittel der politischen Auseinandersetzung sein - völlig egal, gegen wen oder was die Motive dafür sind", schrieb der SPD-Politiker bei Twitter. "Wer ein solches Verbrechen verübt, muss konsequent bestraft werden."

Der Bundestagsfraktionschef der Linken, Dietmar Bartsch, erklärte: "Es gibt keine Rechtfertigung für ein solches Verbrechen."

aar/kev/dpa


Aus: "Bremens AfD-Chef angegriffen und verletzt" (08.01.2019)
Quelle: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/afd-bremen-frank-magnitz-angegriffen-und-verletzt-polizei-sucht-zeugen-a-1246881.html

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Quote
[...] Meinungsdiktatur! Gesinnungsterror! Regelmäßig beschwören Konservative den Untergang von Demokratie, Meinungsfreiheit oder gleich dem gesamten Abendland. Dabei geht nur eines unter: ihre Diskurshoheit

Das Jahr war fast geschafft, da stand Deutschland doch noch einmal kurz vor dem Untergang. Von "grünlinker Bürgerkriegsgesinnung" schrieb ein Kommentator der Jungen Freiheit. "Bestmenschen" würden die "politische Gesinnung im Lande diktieren", echauffierte sich ein AfD-Vorsitzender. Kinder von Mitgliedern dessen Partei seien "die neuen Judenkinder", befand Ex-CDU-Rechtsaußen Erika Steinbach auf Twitter.

Was war da passiert? Hatten tatsächlich über Nacht Gestapo-ähnliche Antifa-Trupps die Macht übernommen, die Stammtische der Republik in Brand gesetzt und jeden, der kein "Refugees Welcome"-Logo vorweisen konnte, in die Gosse geprügelt?

Natürlich nicht. Der wahre Anlass für die Empörung war weitaus banaler: Eine Waldorfschule im Berliner Süden hatte einem Kind die Aufnahme verwehrt. Die Begründung: die Parteimitgliedschaft des Vaters. Damit hatten die Schulvertreter nicht nur gegen die eigenen Anti-Diskriminierungsbestimmungen verstoßen, sondern womöglich auch gegen das Berliner Schulgesetz.

Sicherlich ein Grund für Kritik, vielleicht sogar ein Fall fürs Schulamt. Aber war der Vergleich mit dem Stalinismus, wie ihn auch der Literatur- und Medienwissenschaftler Alexander Kissler im Deutschlandfunk heranzog, nicht etwas zu hoch gegriffen?

Man könnte über solche Fälle über das Ziel hinausschießender Empörung hinwegklicken, gehörte es nicht mittlerweile zum medialen Alltag, aus den nichtigsten Anlässen Weltuntergangszenarien zu generieren: Meinungsdiktatur! Kulturbarbarei! Gesinnungsterror! Tod der Debattenkultur! Moralische Erpressung! Sprachfaschismus! So hallt es beinahe täglich aus Feuilletons, Facebook-Feeds und Talkshows.

Die Anlässe sind so beliebig wie austauschbar: Mal ist es ein außer Kontrolle geratener Polizeieinsatz vor einer Flüchtlingsunterkunft, der das Ende des Rechtsstaats herbeiführt (FAZ). Mal wird aus ein paar linken Kunstkritikern, das "trojanische Pferd totalitärer Macht" (NZZ). Eine Kita-Broschüre erinnert da schon einmal schnell an Nazi-Kinderaufmärsche (Tichys Einblick). Und #metoo wird zum "feministischen Volkssturm", der alle Männer "ins Lager der moralisch Minderwertigen" einsperren wolle (Die Zeit).

Kein Fall echten oder vermeintlichen linken Fehlverhaltens dürfte im vergangenen Jahr energischere Weltuntergangprophezeiungen hervorgerufen haben als der Streit um ein Gedicht an einer Berliner Hochschule. Als Studentenvertreter der Alice-Salomon-FH ein Gedicht des Lyrikers Eugen Gomringer von ihrer Hauswand verbannen wollten, gab es sicherlich viele Gründe, die Entscheidung zu kritisieren: als überheblich, als Ausdruck fehlenden Respekts vor dem Künstler, vielleicht als Anflug studentischen Größenwahns.

Aber warum hatte man bei vielen Kommentaren zum Thema eher den Eindruck, es handle sich um einen UNESCO-Bericht aus Afghanistan oder Nigeria und nicht um einen Beitrag zu den Vorgängen an einer deutschen 3000-Leute-Uni? Von "Tugendterroristen" und "Schariapolizei", schrieb der Chefredakteur der "Welt am Sonntag" Peter Huth. Einen "erschreckenden Akt der Kulturbarbarei" machte Kulturstaatsministerin Monika Grütters aus.

Drohte aus Marzahn-Hellersdorf wirklich der "Generalangriff auf unsere Kultur und damit auf unsere Freiheit" (noch einmal Huth) oder sind es vielleicht doch eher die Köpfe mancher Kommentatoren, in denen der intellektuelle Ausnahmezustand ausgebrochen ist?

Der Vorwurf der Überempfindlichkeit trifft für gewöhnlich Linke. Diese - so eine Kritik aus konservativer Ecke - versuchten mit Sprechverboten, Moralkeulen oder dem Überstreichen von Hauswänden, ihre Welt in einen linken "Safe Space" zu verwandeln. Daran ist nicht alles falsch. Aber vielleicht lässt sich damit auch gut das Phänomen rechter Empörung verstehen: So wie einige Linke jedes fehlenden Gender-Sternchen als Manifestation patriarchalischer Machtanspruches deuten, reicht manchem hypersensiblen Konservativen im Zweifel schon ein #metoo-Tweet, um in die in die nächste Weltuntergangvision getriggert zu werden.

Mit der Resilienz eines genderfluiden Youtube-Influencers durchforsten Politiker, Feuilletonisten und Kommentatoren die nichtigsten Abweichungen von der konservativen Norm: Zu wenig Schweinefleisch in der Kita? Zu viele Brüste im Kika? Steht da etwa Südseekönig? Und dort ein Halal-Zertifikat auf der Toblerone?

Dabei hat der konservative Hypochonder nicht mit allem unrecht: Es findet derzeit tatsächlich ein Zivilisationsbruch statt. Aber nicht die Welt von Meinungs-, Kunst- oder Debattenfreiheit bricht derzeit zusammen, sondern die konservative Diskurshoheit.

Wenn sie den kleinsten Widerspruch zum Anlass nehmen, Meinungsfreiheit einzufordern, dann sehnen sie sich in Wahrheit allzu oft nach ihrem konservativen Safe Space zurück. Zurück in eine Zeit, bevor all die Muslime, Schwulen, Flüchtlinge und Feminist*innen anfingen, mit eigenen Meinungen und Interessen zu nerven.

Die gute Nachricht aber ist: Über all das und sein Gegenteil darf weiter gemeckert werden. Wer will, kann auch im neuen Jahr den Untergang von Demokratie, Freiheit und Abendland prophezeien. Die einen mit Gender-Sternchen, die anderen mit drei Ausrufezeichen. Auch in Zukunft wird kein Mann gezwungen werden, einen anderen Mann zu heiraten.

Nur wer möchte, kann das neuerdings tun. Auch morgen wird man noch ohne schriftliche Zustimmung Sex haben und eine Bratwurst essen können - letzteres auch breitbeinig in der U-Bahn. Und ab und zu wird ein Grünen-Politiker, eine Gender-Professorin oder eine Privatschule mit einer fragwürdigen Entscheidung von sich reden machen, ohne dass dadurch stalinistischer Gesinnungsterror Einzug hält. Außer vielleicht im eigenen Kopf. (Fabian Goldmann)



Aus: "Das Ende des konservativen Safe Space" Fabian Goldmann (07. Januar 2019)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Das-Ende-des-konservativen-Safe-Space-4266289.html

Quote
     Bellisperennis

mehr als 1000 Beiträge seit 14.06.2013
07.01.2019 20:54

Was passiert wenn Grüne ihre safe spaces verlassen?

Abschaltung der Kommentarfunktion:
https://www.journalistenwatch.com/2019/01/07/zu-kata-schulze/

Flucht:
https://web.de/magazine/politik/robert-habecks-rueckzug-social-media-poltiker-kritisieren-entscheidung-33502624


...

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Quote
[...] Andreas Winhart, Landtag Bayern

Warnte im September vor Flüchtlingen, die massenhaft Krankheiten einschleppten: „Wenn mich in der Nachbarschaft ein Neger anküsst oder anhustet, dann muss ich wissen, ist der krank oder ist der nicht krank? Und das müssen wir sicherstellen.“ Unkte, dass Kosovaren und Albaner künftig als mobile Pflegekräfte zu Deutschen „nach Hause kommen und die Bude ausräumen“.

 Thomas Seitz, Bundestag

Nannte Flüchtlinge „Migrassoren“, den Propheten Mohammed einen „sadistischen Blutsäufer und Kinderschänder“. Fand es richtig, „Menschen mit schwarzer Hautfarbe auch weiterhin Neger zu nennen“. Will die Wiedereinführung der Todesstrafe diskutieren – zur Abschreckung vor illegaler Einreise. Parteifreunde pflichteten ihm bei.

Gottfried Curio, Bundestag

Fiel im Parlament mehrfach durch fremdenfeindliche Parolen auf. Behauptete, die Bundesregierung habe ein „Millionenheer archaisch geprägter junger Männer ins Land gelassen, denen Frauen als Schlampen und Übergriffsobjekte gelten, wenn sie sich nicht der islamischen Unterdrückungskultur anbequemen“. Immerhin habe die Kanzlerin auch „Fachkräfte importiert: für Messerattacken“. Sprach über „Papa Gefährder, Mama Gefährder und die Gefährderbambini“. Letztere gingen in „Papas Enthauptungsunterricht“. Bezeichnete Vollverschleierte als „schwarzen Sack, der spricht“.

André Poggenburg, Landtag Sachsen-Anhalt

Beschimpfte in Deutschland lebende Türken als „Kümmelhändler und Kameltreiber“. Klagte in einem Chat, „Horden von ausländischen Kulturbereicherern“ würden „unsere Frauen angrapschen und anpöbeln“. Sprach von „Wucherung am Volkskörper“, wollte „linksextreme Lumpen“ von deutschen Hochschulen verbannen und diese „praktischer Arbeit“ zuführen. Erkundigte sich bei Parteifreunden im Chat, ob Bedarf an einer „Weiterbildung in Sachen ‚Erweiterung der Außengrenzen‘“ bestehe. Verschickte zuletzt einen Silvestergruß an die „Mitbürger unserer Volksgemeinschaft“.

Andreas Wild, Abgeordnetenhaus Berlin

Plädierte dafür, Flüchtlinge in Lagern aus Bauholz in entlegenen Gegenden unterzubringen. Schrieb, Angela Merkel wolle Deutschland „umvolken“, ein deutscher Staatsbürger mit deutschem Pass sei noch lange kein Deutscher. Fiel kürzlich auf, weil er zum Gedenken an die Opfer der Reichspogromnacht eine blaue Kornblume am Revers trug, die während der 30er Jahre als Symbol österreichischer Nationalsozialisten galt. Wild sagt, er habe davon nichts gewusst.

Christina Baum, Landtag Baden-Württemberg

Sprach von „schleichendem Genozid“ und einer bewussten „Umvolkung“ durch Zuwanderung. Hielt die Wahl der Grünen Muhterem Aras zur Landtagspräsidentin für ein „klares Zeichen, dass die Islamisierung Deutschlands doch voll im Gang ist“. Erklärte nach dem Urteil im NSU-Prozess, das Prinzip „Im Zweifel für den Angeklagten“ sei „aus rein politischen Gründen missachtet“ worden.

Stefan Keuter, Bundestag

Verschickte über Whatsapp Bilder von Adolf Hitler mit ausgestrecktem Arm, einer Duschkabine mit gekacheltem Hakenkreuz, einem Stahlhelmsoldaten am Maschinengewehr plus Kommentar: „Das schnellste deutsche Asylverfahren, lehnt bis zu 1400 Anträge in der Minute ab!“ Seine Erklärung: Er habe die Bilder nur übersandt, damit ein Mitarbeiter sie analysieren könne.

Nikolaus Kramer, Landtag Mecklenburg-Vorpommern

Sprach in einer Debatte über angeblichen Leistungsmissbrauch durch Asylbewerber mehrfach von „Negern“, bestand darauf, dass dies nicht rassistisch sei. Teilte in einem internen AfD-Chat ein Foto marschierender Soldaten der Leibstandarte SS Adolf Hitler mit der Aufschrift „Ein schwarzer Block ist nicht grundsätzlich scheiße“. Sprach später von einem Versehen. Pflegte Kontakt zur rechtsextremen pennalen Burschenschaft „Chattia Friedberg“. Gab an, nicht gewusst zu haben, dass die vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Glaubt, Männer seien „mehr für die Politik gemacht“ als Frauen, meint das aber nicht böse.

Frank Pasemann, Bundestag

Empfing im Juli 2018 mehrere Schlüsselpersonen der extremen Rechten in Räumen des Bundestags und begrüßte sie dort als „Freunde“: etwa den rechtsradikalen Burschenschaftler Philip Stein, dazu Michael Schäfer und Julian Monaco, beide früher im Bundesvorstand der „Jungen Nationaldemokraten“, der Jugendorganisation der NPD. Dass zwei hochrangige Ex-Kader der Neonaziszene dem Treffen beiwohnten, bereitete Pasemann nach eigener Aussage „keine Bauchschmerzen“. Er selbst hatte bereits im Haus der Identitären Bewegung in Halle einen Vortrag gehalten. Nannte den NSU-Prozess kurz vor Urteilsverkündung einen „Schauprozess“.

Ralph Weber, Landtag Mecklenburg-Vorpommern

Beschäftigt in seinem Wahlkreisbüro einen verurteilten Gewalttäter mit Neonazi-Vergangenheit, der lange im NPD-Umfeld aktiv war. Nahm den Mann mehrfach mit in den Landtag. Weber selbst warnte vor einem „großen Austausch“ und appellierte an alle „,Biodeutschen‘ mit zwei deutschen Eltern und vier deutschen Großeltern“, dafür zu sorgen, dass ihre Heimat auch in 30 Jahren von deutscher Leitkultur geprägt sei.

Wilhelm von Gottberg, Bundestag

Der Beamte im Ruhestand nannte den Völkermord am europäischen Judentum in einem Essay ein „wirksames Instrument zur Kriminalisierung der Deutschen“. Stimmte einer Aussage des italienischen Neofaschisten Mario Consoli zu, wonach „immer mehr Staaten die jüdische ,Wahrheit‘ über den Holocaust unter gesetzlichen Schutz“ stellten. Der Holocaust soll demnach „ein Mythos bleiben, ein Dogma, das jeder freien Geschichtsforschung entzogen bleibt“. Forderte, den „Kult mit der Schuld zu beenden“.

Stefan Scheil, Vorstand Rheinland-Pfalz

Zu seinen Lieblingsthemen gehört die Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs. Glaubt, Polen habe einen Krieg gegen Deutschland beginnen wollen, um das eigene Staatsgebiet zu erweitern. Spricht vom „Mythos Polen als ewiges Opfer“. Stellt Winston Churchill als einen Rassisten dar, der massenhaft Deutsche töten wollte. Nennt den deutschen Überfall auf die Sowjetunion einen „Präventivkrieg“ und hält die Schuld Deutschlands am Zweiten Weltkrieg für „durchaus relativ“. Vor seiner AfD-Karriere dozierte Scheil in Vorträgen bei Landsmannschaften und Hobbywissenschaftlern – inzwischen ist er Mitglied im Kuratorium der Landeszentrale für politische Bildung. Dort kritisiert er deren Gedenkarbeit für Opfer des NS-Regimes: Jugendliche des 21. Jahrhunderts sollten nicht „im Anklagemodus von vergangenen Verbrechensgeschichten belästigt“ werden, verpflichtende KZ-Besuche für alle Schüler seien „der Herausbildung politischen Selbstbewusstseins nicht förderlich“. Programme wie „Schule ohne Rassismus“ zielten offenkundig darauf ab, Schüler zur „kritiklosen Hinnahme jeder jetzigen und kommenden ,Vielfalt‘ anzuleiten“.

Alexander Gauland, Bundestag

Auch der Parteivorsitzende tätigte mehrfach Äußerungen, die Beobachter als geschichtsrevisionistisch werten. Am bekanntesten ist Gaulands Behauptung, Hitler und der Nationalsozialismus seien in 1000 Jahren deutscher Geschichte nur „ein Vogelschiss“. Monate zuvor hatte er bereits das Recht eingefordert, „stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“. Wollte außerdem die damalige SPD-Integrationsstaatsministerin Aydan Özoguz „in Anatolien entsorgen“ lassen.

Doris von Sayn-Wittgenstein, Landtag Schleswig-Holstein

Rief zur Unterstützung des rechtsextremen Vereins „Gedächtnisstätte“ auf. Dessen Mitgründerin ist die zigfache Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck-Wetzel. Laut Verfassungsschutz wurden im Verein deutsche Kriegsverbrechen relativiert und die Kriegsschuld des NS-Regimes geleugnet. Gegen Sayn-Wittgenstein ist inzwischen ein Parteiausschlussverfahren eingeleitet worden. Ob das Erfolg haben wird, ist allerdings unklar.

Wolfgang Gedeon, Landtag Baden Württemberg

Veröffentlichte mehrere antisemitische Schriften. Darin fragte er etwa, ob es nicht sein könne, dass „die Juden genügend Gründe für die ihnen entgegengebrachten Feindseligkeiten geliefert haben“. Gedeon glaubt an eine „freimaurerisch-zionistische“ Weltverschwörung. Die Alleinschuld Deutschlands am Zweiten Weltkrieg lehnt er ab – und auch „die Frage der Hauptschuld scheint mir nicht so eindeutig, wie es die offizielle, im Wesentlichen vom Zionismus diktierte Version vorgibt“. Gedeon bezog sich mehrfach auf die antisemitische Fälschung „Die Protokolle der Weisen von Zion“. Die Schrift ist seiner Einschätzung nach „mutmaßlich keine Fälschung“, wahrscheinlich handele es sich tatsächlich um die Mitschrift einer Geheimtagung. Das Parteiausschlussverfahren gegen ihn wurde eingestellt – nicht aus inhaltlichen Gründen, sondern weil Belege für Antisemitismus „nicht rechtzeitig vorgelegt“ worden seien.

Jens Maier, Bundestag

Bezeichnete Muslime als „Gesinde“ und „Schleiereulen“, erklärte den angeblichen „Schuldkult“ der Deutschen für „endgültig beendet“ und warnte vor der „Herstellung von Mischvölkern“ in Europa. Nannte Boris Beckers Sohn einen „kleinen Halbneger“. Bezeichnete die NPD als „einzige Partei, die immer entschlossen zu Deutschland gestanden hat“. Sagte bei einem Pegida-Auftritt, es genüge ihm nicht, dass die im Zweiten Weltkrieg bei der Bombardierung Dresdens zerstörte Frauenkirche wieder aufgebaut wurde: „Da muss noch mehr kommen. Ich will, dass Deutschland wieder aufersteht.“ Soll bei einer Veranstaltung des „Compact“-Magazins Verständnis für den norwegischen Rechtsterroristen Anders Breivik geäußert haben – dieser sei aus Verzweiflung über die Einwanderung von Kulturfremden zum Massenmörder geworden. Maier bestreitet diese Aussage. Der Veranstalter hat den Videomitschnitt gelöscht.

Björn Höcke, Landtag Thüringen

Prominentester Rechtsaußen der Partei. Nannte das Berliner Holocaustmahnmal ein „Denkmal der Schande“, sprach von „dämlicher Bewältigungspolitik“ und forderte „eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“. Unterstellte Afrikanern einen evolutionär bedingten „Ausbreitungstyp“. Das Landesschiedsgericht der AfD lehnte im Mai 2018 den Parteiausschluss Höckes ab. Der Thüringer Landeschef habe weder gegen die Satzung noch die Grundsätze oder Ordnung der Partei verstoßen. Einige Monate nach dem Beschluss stellte sich heraus: Einer der Landesschiedsrichter in dem Verfahren hat vor Jahren an einer Reise zu Lebensstationen Adolf Hitlers teilgenommen, vor dessen Geburtshaus eine Kerze angezündet und sich mit einer Decke mit Hakenkreuz und SS-Zeichen fotografieren lassen. Beim Kyffhäusertreffen 2018, einer Feier des völkischen Flügels der AfD, rief Björn Höcke „die Zeit des Wolfes“ aus. Polizisten empfahl er, sich dem Befehl ihrer Vorgesetzten zu widersetzen, sonst würden sie nach der Machtübernahme des Volkes zur Rechenschaft gezogen.

Alexandra Walter, Landtag Hessen

Fiel in sozialen Netzwerken mit radikalen Statements auf. Erklärte zum Verlauf des Zweiten Weltkriegs: „Verrat an jeder Ecke hat zur Niederlage Deutschlands nicht unwesentlich beigetragen.“ Nannte Migranten „Braungebrannte“, bezeichnete den verurteilten Kriegsverbrecher Dries Coolens als „tollen Menschen“, dessen Vortrag sie besucht habe. Walter erklärte später, sie könne sich nicht erinnern, die Kommentare selbst verfasst zu haben.

Siegbert Droese, Bundestag

Forderte „freien Waffenbesitz für jeden rechtstreuen Deutschen“ und warb dafür mit der Aussage „Volksbewaffnung hilft, Koransprengköpfe zu neutralisieren.“ Nannte Angela Merkel ein „SED-Schrapnell im Kanzlerbunker“. Forderte den Schulterschluss mit Pegida, ließ sich beim Besuch der Wolfsschanze mit der Hand auf dem Herzen vor den Bunkeranlagen fotografieren.

Roland Magerl, Landtag Bayern

Schimpfte Claudia Roth eine „hässliche Wanderwarze“. Ist auf Facebook mit diversen Rassisten und NS-Verherrlichern befreundet, zeigte sich bei einer Parteiveranstaltung im Shirt der rechtsextremen Modemarke „Ansgar Aryan“.

Peter Boehringer, Bundestag

Glaubt an die Existenz geheimer, global operierender Eliten, die im Hintergrund an einer sogenannten „New World Order“ (NWO) arbeiten – einer neuen Weltordnung. Die Gesellschaft solle dabei so verändert werden, dass die Eliten sie besser kontrollieren können. Auf Facebook erklärte Boehringer, in Deutschland steuere die NWO bereits die Bundesregierung, habe aber auch die evangelische Kirche, die Bahn, die CSU, die Grünen in Baden-Württemberg, diverse Hilfsorganisationen sowie die Deutsche Feuerwehr-Gewerkschaft infiltriert. Die Vereinten Nationen würden ebenfalls von der NWO gesteuert – dort seien allerdings auch die Freimaurer aktiv. Glaubt außerdem, die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten seien Teil einer gesteuerten Invasion. Sie erhielten für die Überfahrt nach Europa Geld, etwa aus Saudi-Arabien. Ziel sei, Europa zu islamisieren. Boehringer bestreitet, behauptet zu haben, die „Merkelnutte“ lasse zu, dass der deutsche „Volkskörper“ durch Flüchtlinge „gewaltsam penetriert“ werde. Allenfalls habe er solche Formulierungen in einer Mail an einen kleinen Personenkreis benutzt.

Karsten Hilse, Bundestag

Glaubt, dass die „Ehe für alle“ von Strippenziehern im Hintergrund durchgesetzt wurde, um soziale Bindungen unter Menschen sowie deren Bezug zu Heimat und Traditionen zu kappen und diese zu einer „Grauen Masse“ zusammenzuschmelzen. Ziel sei, dass Menschen gegen „jedwede Umerziehung“ nicht mehr rebellierten. Fürchtet, dass nach der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare jetzt die Legalisierung von Polygamie und Pädophilie gefordert wird. Sang kürzlich auf einer Demonstration in Berlin ein umgedichtetes Kinderlied mit einer Drohung an Angela Merkel: „Sonst werden dich die Sachsen holen mit dem Luftgewehr.“

Petr Bystron, Bundestag

Gilt als langjähriger Unterstützer der Identitären, lobte sie bei einer Veranstaltung in Oberbayern als „tolle Organisation“ und „Vorfeld-Organisation der AfD“. Forderte, seine Partei müsse als „Schutzschild“ für die Identitäre Bewegung und Pegida fungieren. Ein Münchner Gericht befand, Bystron zeige „Anhaltspunkte für verfassungsfeindliche Bestrebungen“. Kürzlich stand Petr Bystron in der Kritik, weil er während einer Dienstreise nach Südafrika Vertreter der rechtsextremen Organisation „Suidlanders“ traf und mit ihnen auch einen Schießstand ausprobierte.

Hans-Thomas Tillschneider, Landtag Sachsen-Anhalt

Gilt als Hardliner in der Partei. Forderte das Bundesverdienstkreuz für Lutz Bachmann, bezeichnete Aids-Kranke als „Preis, den wir für ein dekadentes Gesellschaftsmodell zahlen“. Sprang gerade seinem Parteifreund Seitz bei: Die Forderung nach Wiedereinführung der Todesstrafe sei legitim. Tillschneider hat enge Kontakte zu den Identitären, unterhielt bis vergangenen Herbst ein Wahlkreisbüro in deren Zentrum in Halle. Der Auszug dort sei lediglich eine strukturelle Entflechtung, keine inhaltliche Distanzierung. Das Programm der Identitären unterscheide sich „nicht von den Zielsetzungen der AfD“. In einem Post auf seiner Homepage warnte er Parteifreunde vor der Illusion, einer Beobachtung durch den Verfassungsschutz entgehen zu können: „Mittlerweile definiert das Establishment ,Verfassungsfeindlichkeit‘ so, dass wesentliche Teile des AfD-Programms ,verfassungsfeindlich‘ sind. Jederzeit ließe sich eine Beobachtung etwa wegen ,Islamfeindlichkeit‘ begründen.“

...


Aus: "Was für eine Beobachtung der AfD spricht" Sebastian Leber (06.01.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/verfassungsschutz-vor-entscheidung-was-fuer-eine-beobachtung-der-afd-spricht/23831430.html

Quote
Pantagruel 07.01.2019, 15:38 Uhr
Diese hier vorgelegte "Liste der Schande" ist beinahe noch Gentlemen-Sprech, wenn man sie mit den offiziellen Facebook Verlautbarungen der Kreis- und Stadtverbände sowie einzelner Abgeordneter vergleicht. Auf Facebook hat das oftmals  "Stürmer"-Format, dort hat man, was die Entgleisungen betrifft, Pegida längst überholt.


Quote
southcross 07.01.2019, 16:19 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Pantagruel 07.01.2019, 15:38 Uhr

"Volksverräter", "Drecks-Brut, "Menschen-Vernichter", "eurasisch-negroide Mischrasse"


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minimal 07.01.2019, 15:32 Uhr
"Verkehrte Welt, so wirkt es in diesen Tagen. Die Verhältnisse scheinen Kopf zu stehen. Da sind Linke, die den Verfassungsschutz am liebsten abschaffen wollten und nun ihr Herz für ihn entdecken. Parteichefin Katja Kipping etwa forderte vor Kurzem, dass der Verfassungsschutz endlich gegen die AfD aktiv wird, auch wenn dies "das Problem nicht löst".
Andererseits überraschen AfDler: Die langjährige Beobachtung der Linkspartei, so sagte es Parteichef  Gauland neulich in kleiner Runde, sei schon immer falsch gewesen. Er habe das stets bedauert. Der Staat dürfe nun nicht denselben Fehler wiederholen. Bei der AfD. ...


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TichysKlogriff 07.01.2019, 15:11 Uhr
Die AfD ist an Widerlichkeit kaum zu überbieten.


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Felixmiller 07.01.2019, 11:29 Uhr
Danke für die Aushebung diese Blütensammlung des Widerwärtigen, die man in der Tat jedem unter die Nase reiben muss, der immer noch meint, das wären keine Nazis und diese Partei wäre nicht mit der NSDAP vergleichbar.

Als Ergänzung hierzu Niklas Frank, ehemaliger Stern-Reporter, der sich sein Leben lang an seinem Kriegsverbrecher-Vater Hans Frank abgearbeitet, im Rahmen eines ihm gewidmeten Seite-Drei-Porträts::

Frank hat sich lange geweigert, die AfD mit den Nationalsozialisten zu vergleichen. "Ich habe immer gesagt: Das sind keine Verbrecher, das ist ein riesiger Unterschied." Inzwischen hört er aber Sätze wie die von Markus Frohnmaier, der für die AfD im Bundestag sitzt. 2015 sprach er bei einer Demonstration in Erfurt: "Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet, dann wird wieder Politik für das Volk und nur für das Volk gemacht - denn wir sind das Volk, liebe Freunde." Frank sagt: "Das ist absolut mein Vater. Mittlerweile kann man sie mit gutem Recht vergleichen."

https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Frank

Ich halte aber die Verfassungschutz-Beobachtung für ein untaugliches Instrument. Erstens trägt dies zu deren Opfer-Status bei, zweitens delegiert man die Bekämpfung der AfD an eine Behörde, die selber keineswegs als zweifelsfrei bezeichnet werden kann und von einigen dieser trüben Gedanken zumindest infiziert zu sein scheint.

Drittens aber: Diese neuen Nazis zu bekämpfen muss Aufgabe der demokratischen Gesellschaft bleiben. ...


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Babsack 07.01.2019, 08:33 Uhr
Journalisten machen den Job weit besser als der Verfassungsschutz.


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scherzengel 06.01.2019, 22:54 Uhr

Nette Liste der Widerwärtigkeiten. Wäre ich Masochist, ginge mir einer ab. ...


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« Reply #38 on: January 08, 2019, 11:10:54 AM »

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[...] Seit sechs Tagen wird sie auf Twitter mit Hass überzogen. Männer wünschen ihr, sie möge vergewaltigt, verstümmelt, erschossen werden. Gemäßigtere nennen sie "Abfall", der entsorgt gehöre.

Was sich Nicole Diekmann, Korrespondentin aus dem ZDF-Hauptstadtbüro, zuschulden kommen ließ? Sie hatte zunächst auf ihrem privaten Twitter-Account am Neujahrstag zwei Wörter gepostet, die eigentlich eine demokratische Selbstverständlichkeit sind: “Nazis raus”.

Der Spruch wird seit mehr als 30 Jahren von Menschen benutzt, die nicht wollen, dass Nationalsozialisten in Deutschland je wieder Macht erlangen. Er ist eine Entgegnung auf die rechtsradikale Parole “Ausländer raus”, wurde nach den Morden von Mölln und Solingen gerufen, auch bei Gerhard Schröders “Aufstand der Anständigen” im Jahr 2000 und immer wieder am Wegesrand von Märschen Rechtsradikaler, die in Deutschland eine Diktatur errichten wollen.

“Nazis raus” bedeutet: Nie wieder Faschismus. Es ist ein Bekenntnis zum Grundgesetz, zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung, ja zur Bundesrepublik Deutschland an sich. Wer sollte sich von so einem Spruch angesprochen und angegriffen fühlen, außer vielleicht ein Nazi?

Dass eine Journalistin für ihre Haltung, die zum Glück auch 2019 einen gesellschaftlichen Grundkonsens widerspiegelt, Hass erfährt, sagt womöglich etwas über Diskursverschiebungen der vergangenen Monate aus. Vor allem aber über die Drastik, mit der Rechtsextreme virtuell, oft im Schutz der Anonymität, gegen Demokraten vorgehen.

Ähnliche Hetzkampagnen gab es zuletzt gegen die SPD-Politikerin Sawsan Chebli oder die Moderatorin Dunja Hayali. Der Journalist Richard Gutjahr hat bei der jüngsten re:publica eindrucksvoll beschrieben, wie er selbst gegen Hetzer vorgeht. Andere Opfer versuchen sich zu schützen, indem sie vorübergehend ihre Accounts in sozialen Netzwerken deaktivieren, also untertauchen in der Hoffnung, dass der "Shitstorm" vorüberzieht.

Nicole Diekmann entschloss sich für einen anderen Weg: Sie veröffentlichte einige der Kommentare und antwortete mit Ironie. Dadurch wurde es noch viel schlimmer. Denn neben Gewaltfantasien bekam Diekmann auch Reaktionen von Nutzern, die versuchten, sie in absurde Diskussionen zu verwickeln. Einer fragte: "Was ist denn für Sie ein Nazi?" Als ob das Wort nicht für sich stände. Um zu zeigen, wie albern die Frage ist, antwortete Diekmann: "Jede/r, der/die nicht die Grünen wählt."

Ich habe gelacht, als ich auf Twitter die clevere Antwort las. Und war erschrocken, als ich feststellen musste: Rechte verbreiteten ihren Witz weiter, behaupteten aber allen Ernstes, die Journalistin würde es tatsächlich so meinen. Und noch irrsinniger: Andere glaubten das. So geriet der Tweet in Kreise, die für Argumente überhaupt nicht mehr zugänglich sind: die Blase der Verschwörungstheoretiker. Eine Blase, in der Menschen an Chemtrails und Freimaurer im Bundestag glauben oder die behaupten, beim Anschlag vom Breitscheidplatz habe es 2016 gar keine Toten gegeben, weil die ganzen blutüberströmten Menschen eigentlich vom Staat bezahlte Schauspieler waren… Mit den Menschen in dieser Echokammer kann man nicht diskutieren, in diese Echokammer dringt keine Vernunft ein, dringt nur sehr viel Hass heraus.

...


Aus: "Ein "Nazis raus" und seine Folgen" Sebastian Leber (07.01.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/hass-im-internet-ein-nazis-raus-und-seine-folgen/23834704.html

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Amphitrite 07.01.2019, 20:47 Uhr
Ob das dem gesellschaftlichem Diskurs dienlich ist, nun ja. Wer definiert wie einen Neo-Nazi?
Steht man politisch sehr weit links, kann man selbst als Linker als Nazi bezeichnet werden, wie ein Forist ja schrieb. Oder das Beispiel Sarah Wagenknecht. Welcher Begriff dann für tatsächliche Neo-Nazis verwandt werden soll, kann ich nicht beantworten.
Steht Jemand sehr weit rechts, kann ein leicht links Stehender bereits als Linksextremist bezeichnet werden, wenn er bspw. nur sagen würde, dass es beim G20-Gipfel auch normale Gegner der Globalisierung gab. Das nur als Gegenbeispiel, hier geht es ja um Neo-Nazis.
Mir persönlich geht es gegen den Strich, wenn ein rechts stehender Mensch als Neo-Nazi bezeichnet wird, nur weil er meinetwegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung kritisiert.
Damit wird meiner Ansicht nach die dunkelste Zeit Deutschlands bagatellisiert, die NS-Ideologie, die ja genug an Grausamkeiten zustande brachte.
Ich denke, in der AfD gibt es nicht wenige Extremisten, dennoch halte ich auch Vergleiche mit der NSDAP für falsch.
Es ist relativierend, und ob es der Millionen Opfer des NS-Regimes gerecht wird, halte ich für äußerst fragwürdig. ... Die Gesellschaft sollte ihren Tonfall untereinander überdenken, sowohl rechts wie links.

Um unserem Herrn Steinmeier hinsichtlich eines respektvolleren Umgangs miteinander beim "streiten" auch mal beizupflichten.


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alleachtung 07.01.2019, 19:17 Uhr
Frau Diekmann hat es nicht nötig, hier im Forum oder sonstwo zu erläutern, was und wen sie mit "Nazis raus" meint.
Das erklärt sich aus aktuellen Gegebenheiten, im übrigen aus historischem Kontext, auch aus deutscher Geschichte nach 1945.
Allein der über sie hereinbrechende Shit- und Hassstorm bestätigt sie und verdeutlicht einmal mehr, wie sehr sie Recht hat.
Wir werden uns alle noch viel intensiver als bisher gegen die braune Mischpoke zur Wehr setzen müssen.


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Das_Grauen 07.01.2019, 19:15 Uhr
Wer ohne jeden Kontext "Nazis raus" tweetet, und auf eine berechtigte Nachfrage mit zweifelhafter Ironie antwortet, der hat einen Shitstorm redlich verdient!
https://mobile.twitter.com/nicolediekmann/status/1080205605497909252
In diesem konkreten Fall kann zugunsten Frau Diekmanns noch eingewendet werden, daß sie wohl verkatert war. Generell vermisse ich aber in Ihrer Timeline die neutrale Zurückhaltung, die viele Nachrichtensprecher bisher auszeichnete. Das wird auf die Dauer nicht gutgehen, fürchte ich. Da kann es jederzeit zu einem Habeck kommen!


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sannchen@zt 07.01.2019, 20:03 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Das_Grauen 07.01.2019, 19:15 Uhr

Vielleicht verraten Sie mir, in welchem Kontext "Nazis raus" stehen muss, um nicht Gefahr zu laufen, mit widerlichsten Mord-, Folter- und Vergewaltigungswünschen beantwortet zu werden? ...



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Pressekritiker2 07.01.2019, 18:37 Uhr

Nazis sind gar nicht so schlimm wie ihr Ruf. Ganz offensichtlich sind sie schlimmer (und ganz offensichtlich gelegentlich auch noch deutlich dümmer als erwartet).
Es scheint wieder mal an der Zeit zu sein, dass die Zivilgesellschaft ernsthaft wieder dagegen aufstehen muss. Hätte ich nie für möglich gehalten. So lernresistent aus der jüngeren Geschichte kann man eigentlich nicht sein. Dachte ich.

Dieses Idioten machen alles kaputt, was mit viel bitteren Lehren und viel Blut mühsam gelernt wurde. ... Niemand kann nun noch ernsthaft argumentieren, dass Leute, die derartiges Gedankengut verbreiten, noch in irgend einer Weise zur "bürgerlichen Mitte" gehören oder gar ein Recht dazu haben, weil sie "unzufrieden" oder "besorgt" sind.

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« Reply #39 on: February 05, 2019, 11:19:26 AM »

Quote
[...] Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter hat die Einladung von FDP-Vize Wolfgang Kubicki zu einem Biowein angenommen. Kubicki hatte Ende 2018 über Hofreiter gesagt, dieser könnte ihn "zu Dingen verleiten, die ich eigentlich nicht will: ihm eine knallen zum Beispiel". Vor weniger Tagen kündigte Kubicki dann an, er wolle die dadurch entstandenen Irritationen gerne bei einem Glas Biowein glätten.

"Am Anfang habe ich diese ganze Sache mit der Watschn ja gar nicht geglaubt", sagte Hofreiter dem "Kölner Stadt-Anzeiger". "Keine Ahnung, was ihn da geritten hat."

Die Einladung nehme er nun aber an: "Wer mich kennt, weiß, dass man mit mir immer ein gutes Glas Wein trinken kann." Sein Wunsch sei ein deutscher Bio-Riesling. "Und nach der Vorlage finde ich, bei der Qualität sollte sich Wolfgang Kubicki dann auch nicht lumpen lassen."

...


Aus: "Hofreiter nimmt Kubickis Wein-Einladung an" (05. Februar 2019)
Quelle: https://www.n-tv.de/politik/Hofreiter-nimmt-Kubickis-Wein-Einladung-an-article20842891.html

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« Reply #40 on: May 09, 2019, 01:53:59 PM »

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[...] Peter Hanack: Frau Professor Römmele, die Versuche, den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs zu unterbinden, scheinen zuzunehmen. Ist das auch Ihre Beobachtung?

Frau Professor Römmele: Das können wir tatsächlich vermehrt beobachten. Unsere Gesellschaft polarisiert sich nicht nur zunehmend, sondern verliert auch ihre Diskursfähigkeit. Die Bereitschaft, sich mit abweichenden Meinungen auseinanderzusetzen, sinkt.

Woher kommt das?

Frau Professor Römmele: Statt den Meinungsaustausch zu suchen, zieht man sich in seine entsprechenden Echokammern zurück und bestätigt sich und Gleichgesinnten all das, was man ohnehin schon wusste. Verlässt man diesen geschützten Raum, streitet man nicht mehr mit der Waffe des Arguments, sondern versucht, den politischen Gegner zum Schweigen zu bringen. Man wirft dem Gegner vor, unmoralisch zu sein, bezichtigt ihn der Lüge oder findet einen anderen Grund, warum man sich mit ihm nicht auf einer inhaltlichen Basis streiten muss.

Ist das eher in rechten Gruppen zu beobachten oder linken?

Frau Professor Römmele: Eine solche Diskursverweigerung ist nicht an bestimmte politische Vorstellungen geknüpft. Sobald sich in einer Strömung geschlossene Diskursräume bilden, in denen sich Meinungen widerspruchslos selbst bestätigen und auch radikalisieren können, beobachten wir, dass die Bereitschaft zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit politischen Gegnern sinkt. Das passiert derzeit vor allem im rechtspopulistischen und rechtsextremen Milieu, was aber nicht bedeutet, dass es nicht auch in anderen Gruppen passieren kann.

Welche Rolle spielen dabei die sozialen Medien?

Frau Professor Römmele: Die sozialen Medien sind sicherlich ein Verstärker dafür, wenn auch nicht die Ursache. Sie spielen bei zwei Dimensionen eine Rolle. Zum einen sind sie zunehmend Radikalisierungsräume, in denen sich Echokammern herausbilden, in denen keine Diskurse, sondern nur Selbstbestätigung stattfindet. Zum anderen verschärfen sie auch den Ton im Umgang mit dem politischen Gegner. Es fällt immer leichter, jemandem die politische Diskussionswürdigkeit abzusprechen, wenn man sich nicht persönlich gegenübersitzt.

Wer ist in der Pflicht, die Freiheit der Wissenschaft und des Austauschs auch sehr gegensätzlicher Meinungen zu verteidigen?

Frau Professor Römmele: Die politischen Akteure müssen zeigen, dass man gemeinsam diskutieren kann, auch wenn sich die Meinungen unterscheiden. Gleiches gilt auch für die Wissenschaft. Gerade hier sollte man stets die Auseinandersetzung suchen, um auch von gegensätzlichen Ansichten zu profitieren. Schließlich stellen sie immer eine Perspektiverweiterung dar. Letztendlich liegt es aber an jedem Einzelnen selbst. Jeder Einzelne ist in der Pflicht, sich bewusst zu machen, dass der Streit nicht etwas Störendes ist, sondern auch wahnsinnig produktiv sein kann. ...



Aus: "Andrea Römmele: „Unsere Gesellschaft verliert ihre Diskursfähigkeit“" Peter Hanack (09.05.2019)
Quelle: https://www.fr.de/frankfurt/unsere-gesellschaft-verliert-ihre-diskursfaehigkeit-12264384.html
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« Reply #41 on: June 11, 2019, 10:02:14 AM »

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[...] Eine Soziologie-Professorin und Islam-Expertin kündigte kürzlich eine Podiumsdiskussion über "Das islamische Kopftuch - Symbol der Würde oder der Unterdrückung?" an. Dazu lud sie streitbare Kontrahentinnen ein, die von einer Befürworterin des Kopftuchs als "Schleier der Freiheit" bis zu dezidierten Islam-Kritikerinnen reichten, darunter auch die stets polarisierende Krawallschachtel Alice Schwarzer.

Eine studentische "Initiative gegen anti-muslimischen Rassismus" warf der Professorin daraufhin sogleich Rassismus vor, forderte ein Verbot der Veranstaltung und - ihre Entlassung. Der Asta der Universität nannte dies eine "Hetzkampagne" und stellte sich hinter die Veranstaltung; eine solche Diskussion müsse möglich sein. Die Universitätsleitung unterstützte die Professorin ebenfalls und wies die vorgetragenen Ansinnen zurück.

Die Veranstaltung fand schließlich statt; dabei wurden die bekannten Standpunkte ausgetauscht, die von der Charakterisierung des Kopftuchs "als Flagge des politischen Islam" (Alice Schwarzer) bis zur von der Theologin Dina El Omari vorgetragenen Position reichten, es als "Zeichen einer selbstbestimmten Spiritualität" zu interpretieren. Vor dem Veranstaltungssaal hatten sich parallel die Kritiker*innen lautstark versammelt. Andere Podiumsteilnehmer*innen stellten das Kopftuch als Zwang dar, von dem die Frauen befreit werden müssten (Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi) oder bezeichneten es als Symbol der "sexuellen Apartheid", wie die Publizistin Nekla Kelec.

Was ist von der Kritik an der Veranstaltung als Forum, Ausdruck eines anti-muslimischen Rassismus zu halten? Wie immer muss man genau hinschauen und differenzieren:

1. Anti-muslimischen Rassismus gibt es bekanntermaßen auf Seiten insbesondere der völkischen Rechten durchaus: Der Islam gerät hier zum Sinn- und Zerrbild "fremdartiger" religiöser und kultureller Praktiken, die nicht zur Kultur und modernen Sichtweise des "abendländischen" Christentums passen würden - wie wenn in dessen Rahmen nicht fast zwei Jahrtausende lang ähnlicher Unsinn verzapft und nicht weniger vernunftfreie Ge- und Verbote praktiziert worden wären; erst die "Aufklärung" und der moderne Staat haben das religiöse Regelwerk ein Stück weit ins Privatleben zurückgestutzt; und auch dies (gerade in Deutschland) nur unvollständig. Mit Frauen hat der Katholizismus bekanntlich auch heute noch ein Problem und Kopftücher wurden von diesen bis in die 50er Jahre hinein gerade in den katholischen Landgemeinden ganz selbstverständlich getragen - wie heute noch in Polen und im christlich-orthodoxen Russland.

2. Die Religion dient hier als Sinnbild für das identitär Fremde, das nicht Integrierbare, was in praktischer Perspektive unsinnig ist: Können sich Zuwanderer ins alltägliche Leben integrieren, passen sie erfahrungsgemäß auch ihre religiösen Praktiken an diesen Integrationserfolg an. Gelingt die Integration nicht bzw. wird sie verweigert, kann eine mögliche Reaktion darin bestehen, dass nun trotzig die eigene "Identität" hochgehalten wird - mehr hat man ja nicht mehr vorzuweisen ....

3. Aber: Rechtfertigt dies die Zurückweisung jeglicher kritischen Diskussion über (zumindest von Teilen der Flüchtlinge praktizierten) den Islam, dessen Frauenbild und seine Geboten? Besteht die Akzeptanz islamischer Personen darin, dass man ihre Auffassungen für sakrosankt erklärt und sich nicht mehr kritisch damit auseinandersetzt?

Das kann nicht sein und führt zu einem "umgekehrten" Rassismus: Der religiöse Glaube oder bestimmte kulturell-soziale Praktiken werden zu qua regionaler Herkunft oder kultureller Zugehörigkeit untrennbar mit bestimmten Individuen verbundenen Wesensmerkmalen erklärt, so dass die Kritik daran gleich als unzulässige Infragestellung der Person, ihrer ominösen "Identität" erscheint. Eine derartige Identitätsbestimmung naturalisiert veränderliche Ideen, Glaubensvorstellungen, Positionen und Handlungsweisen und stellt insofern eine Elementarform eines modernisierten, kulturellen Rassismus dar.

4. Boris Palmer hat in einer SPIEGEL-Diskussion mit Hasnain Kazim eine rationelle Unterscheidung dazu getroffen - und dies gilt unabhängig davon, wie man Palmers Äußerungen zu manchen anderen Themen beurteilen mag!

Wer z.B. als Jude antisemitisch angegriffen wird, kann sich als Jude betroffen fühlen (und selbst das ist nicht selbstverständlich - vielleicht sieht er sich trotz Herkunft gar nicht mehr als Jude, sondern ist religionsfrei in Alltagspraxis und Denkweise!). Aber sich als Jude betroffen zu fühlen, wenn z.B. die Politik Netanjahus oder der israelische Umgang mit den Palästinensern kritisiert wird, stellt eine krasse Themaverfehlung dar: Israelische Politik, eine zionistische Staatsauffassung oder politische Konzepte bezüglich des Umgangs mit den arabischen Nachbarn sind kein natürlicher Bestandteil einer wie auch immer modellierten "jüdischen Identität", sondern der allgemeinen Diskussion und Beurteilung zugängliche politische Positionen, die objektiviert, als frei flottierende Standpunkte existieren und von vielen geteilt oder verworfen werden können, ohne dass diese dadurch ihre "Persönlichkeit" aufgeben müssen.

Eine "Opferidentität" für sich zu reklamieren, heißt, eine Eigenschaft wie die Religionszugehörigkeit und das Festhalten am damit verbundenen Regelwerk als Freibrief für eine Generalabsolution zu missbrauchen: Die reklamierte "Identität" begründet eine schützenswerte Sonderrolle als diskursfreien Raum, in dem die Auffassungen und Handlungsweisen des "identitären" Opfers keiner kritischen Analyse und begründeten Zurückweisung mehr unterzogen werden dürfen.

Derartige Zurückweisungen können in aufgeklärten Diskussionszusammenhängen natürlich nur in Gegenargumenten, also argumentativen Denkangeboten, bestehen, die bei Annahme eine neue Sicht auf das eigene Leben, Denken und Meinen ermöglichen. Damit muss keineswegs schon feststehen, dass man zufällig in eine muslimische oder katholische Familie hineingeboren wurde. Die Identität macht aus diesem Zufall eine Notwendigkeit, die sich auf liebgewonnene Denk- und Verhaltensgewohnheiten beruft, die qua schierer Existenz der kritischen Betrachtung entzogen sind, da sich das jeweilige Individuum als damit untrennbar verwachsen ansieht - eine zutiefst diskursfeindliche, strukturkonservative Grundhaltung.


Aus: "Zur Kritik der Identitätspolitik" Rainer Schreiber (10. Juni 2019)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Zur-Kritik-der-Identitaetspolitik-4437188.html

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     medienskeptiker, 10.06.2019 16:25

Ein Kopftuch zu tragen,ist eine veraltete Tradition.So wie Männer mit Krawatten

Oder noch bizarrer Juden mit Hut und Haargeflechten. Eine Gesellschaft die auf Menschen in veralteten Kleidungsstilen losgeht ist halt ebenso verknöchert und verschlossen.
Die Behauptung jede Frau die ein Kopftuch trägt-oder Muslima-Nonne oder bäuerliche Frau in Osteuropa wäre an sich schon unterdrückt - ist möglih aber als generelle Beschuldigung natürlich völlig unsinnig und abzulehnen.
Die Intensität und Emotionalität die dieser Frage zugeordnet wird - ist ein klares Zeichen wie hinterwäldlerisch unsere Gesellschaft in Wirklichkeit tatsächlich noch sind.


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    zimmet, 10.06.2019 16:32

Identitätspolitik in 50 Sekunden

"Life of Brian", "Ihr seid alle völlig verschieden!"

https://www.youtube.com/watch?v=rhJCQCk3sO0


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     cybergorf, 10.06.2019 18:33

leider ist die deutsche Übersetzung hier Mist

Es kommt der Satz: "think for yourselves!"

Was dann aber falsch mit "ihr müsst nur an euch selbst denken!" übersetzt wird.

Gemeint ist aber "fangt an selbst zu denken!"


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     Schlafender Drache, 10.06.2019 19:20

Und was ist mit Bärten?

Damit kann man mittlerweile auch als BIO-Deutscher schon mal aus dem Kirmeszelt fliegen. ...


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« Reply #42 on: June 26, 2019, 10:06:20 AM »

Quote
[...] Sicherheitskreise sagten dem Tagesspiegel, Stephan E. habe eingeräumt, Lübcke wegen dessen Äußerungen aus dem Oktober 2015 erschossen zu haben. Lübcke hatte damals bei einer Einwohnerversammlung rechten Flüchtlingsfeinden gesagt, sie könnten Deutschland jederzeit verlassen, wenn sie die Werte des Zusammenlebens nicht teilten.

Der CDU-Politiker Lübcke war in der Nacht zum 2. Juni mit einer Schussverletzung im Kopf auf der Terrasse seines Wohnhauses in Wolfhagen bei Kassel entdeckt worden. Er starb wenig später im Krankenhaus. ...


Aus: "Erschossener Kasseler Regierungspräsident: Tatverdächtiger Stephan E. gesteht Mord an Lübcke" Frank Jansen (26.06.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/erschossener-kasseler-regierungspraesident-tatverdaechtiger-stephan-e-gesteht-mord-an-luebcke/24494856.html
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« Reply #43 on: July 03, 2019, 02:39:53 PM »

Quote
[...] Die sogenannte Hate Speech führt einer Studie zufolge zur Einschränkung der freien Meinungsäußerung im Internet. Gut die Hälfte der Internetnutzer bringt sich aufgrund drohender Hasskommentare seltener mit ihrer politischen Meinung in Diskussionen im Internet ein, wie die von der Nichtregierungsorganisation Campact am Mittwoch veröffentlichte YouGov-Umfrage ergab. Dies zeige, wie die gefühlten Mehrheiten durch Hasskommentare verschoben werden

Im Durchschnitt seien acht Prozent aller Befragten bereits persönlich von aggressiven und abwertenden Hasskommentaren im Internet betroffen gewesen. Besonders ausgeprägt sei dies bei jungen Internetnutzern, bei den 18- bis 24-Jährigen seien bereits 17 Prozent von diesen Attacken betroffen gewesen.

40 Prozent der Befragten hätten Hate Speech im Internet bereits wahrgenommen, so die Studie. Auch hier sticht die Gruppe der Jüngeren heraus, dort waren es demnach 73 Prozent. 76 Prozent aller Befragten haben den Eindruck, dass Hasskommentare in den vergangenen Jahren zugenommen haben.

Negative Folgen der Hasskommentare seien für 33 Prozent der Befragten emotionaler Stress und für 27 Prozent Angst und Unruhe. 19 Prozent berichteten auch über Depressionen und 24 Prozent über Probleme mit dem Selbstbild. Weibliche Teilnehmer zeigten der Studie zufolge häufiger negative Auswirkungen als männliche.

YouGov befragte im April und Mai in einer repräsentativen Stichprobe 7349 Internetnutzer im Alter zwischen 18 und 95 Jahren. (AFP)


Aus: "Hate Speech schränkt freie Meinungsäußerung ein" (03.07.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/studie-zu-hasskommentaren-hate-speech-schraenkt-freie-meinungsaeusserung-ein/24520326.html
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« Reply #44 on: July 06, 2019, 02:02:08 PM »

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[...] In unserer Sommerserie zur Frage „Was ist Macht?“ drucken wir Texte der „The New York Times“-Reihe „The Big Ideas“. Bereits erschienen: Ex-US-General Wesley Clark zur Frage von Moral und militärischer Macht (30. Juni). Copyright: The New York Times Group. Übersetzung aus den Englischen: Anna Thewalt

In den vergangenen Jahren haben führende rechte Politiker eine raue Rhetorik gegen Minderheiten eingesetzt, vor allem gegen Immigranten. Die Geschichte hat uns gelehrt, dass Genoziden, Terrorismus oder ethnischen Säuberungen immer Perioden vorangegangen waren, in denen politische und soziale Bewegungen solch eine Rhetorik benutzten. Im nationalsozialistischen Deutschland wurden Juden als Ungeziefer bezeichnet, und die Nazi-Propaganda behauptete, Juden würden Krankheiten verbreiten. Vor den ethnischen Säuberungen an dem Volk der Rohingya in Myanmar fand eine Phase der Propaganda statt, in deren Folge Männer der Rohingya mit Vergewaltigungen in Verbindung gebracht wurden.

In den Vereinigten Staaten gab es die Theorie vom „Superpredator“, zu Deutsch „Super-Raubtier“. Die Anzahl von Gewaltverbrechen ging ab 1993 zurück, eine Tendenz, die im gesamten Jahrzehnt zu beobachten war. Dennoch begannen Kriminologen ab 1996, eine unbegründete Panik vor den „Super-Raubtieren“ zu verbreiten – vor „verhärteten, erbarmungslosen Jugendlichen“, wie sie der Wissenschaftler John Dilulio nannte. Dies führte zu einer neuen Welle an Landesgesetzen mit heftigen Urteilen für Minderjährige. In den neunziger Jahren half die Bezeichnung von jungen schwarzen Männern als „Schläger“ und „Gang-Mitglieder“ durch Politiker dabei, die USA zum Staat mit der höchsten Inhaftierungsrate zu machen. Schwarze Amerikaner stellen 40 Prozent der Inhaftierten, während sie nur 13 Prozent der US-Gesamtbevölkerung ausmachen.

Die Macht über ein Individuum zu haben bedeutet, das Verhalten oder die Gedanken anderer gemäß der eigenen Wünsche zu verändern. Eine Möglichkeit, das Verhalten anderer zu kontrollieren, ist durch Zwang. Ein deutlich besserer Weg ist es, ihr Pflichtgefühl zu ändern. Wenn du jemanden davon überzeugen kannst, dass sie das tun sollten, was du von ihnen möchtest, ist deine Macht echte Autorität. Aber haben Worte wirklich die Fähigkeit, unser Verhalten zu ändern?

Literatur zu Marketingstrategien lehrt, dass Rhetorik einen signifikanten Einfluss auf Verhaltensweisen haben kann. Ein Beispiel: Stellt man Menschen rein hypothetische Fragen, verschieben sich unbewusst ihre späteren Präferenzen und Verhaltensweisen in dramatischer Art und Weise. In einer 2001 von den Marketingprofessoren Gavan Fitzsimons und Baba Shiv herausgegebenen Studie wurde den Teilnehmern im Vorhinein gesagt, dass ihnen rein hypothetische Fragen gestellt werden würden. Eine Gruppe wurde Folgendes gefragt: „Wenn wissenschaftliche Studien beweisen würden, dass Kuchen, Gebäck und Ähnliches nicht annähernd so schlecht für die Gesundheit wären wie bislang angenommen, und im Gegenteil sogar große gesundheitliche Vorteile mit sich bringen, wie würde sich das auf Ihren Verzehr solcher Lebensmittel auswirken?"

Den Studienteilnehmern wurde gesagt, dass es in der Studie darum gehe, welche Auswirkungen ein sich veränderndes Umfeld auf die Meinung der Konsumenten bezüglich bestimmter Produkte habe. Sie wurden schließlich in einen Raum geführt, in denen ihnen die Auswahl zwischen zwei verschiedenen Snacks angeboten wurde: Schokoladenkuchen oder Obstsalat. Einer weiteren Gruppe, der Kontrollgruppe, wurden keine hypothetischen Fragen gestellt.

In der Kontrollgruppe entschieden sich 25,7 Prozent für den Kuchen. Im Gegensatz dazu nahmen sich 48 Prozent von denen, die vorher die hypothetische Frage gestellt bekommen hatten, einen Schokokuchen. Die Gruppenmitglieder zu drängen, sorgfältig über ihre Wahl nachzudenken, führte schließlich nur dazu, dass 66 statt 48 Prozent den Kuchen wählten. Den Teilnehmern war ganz offensichtlich nicht bewusst, dass sie durch die hypothetischen Fragen manipuliert worden waren, da sie ohne Ausnahme bestritten, dass ihre Wahl von Fragen vorangegangener Interviews beeinflusst worden war. Jeder und jede behauptete, dass seine oder ihre Wahl unabhängig von den hypothetischen Fragen getroffen wurde.

In den republikanischen Vorwahlen 2001 traten George W. Bush und John McCain gegeneinander an. Vor der Wahl im Bundesstaat South Carolina stellten Mitglieder der Kampagne von George W. Bush möglichen republikanischen Erstwählern eine hypothetische Frage: „Würden Sie eher für oder eher gegen John McCain stimmen, wenn Sie wüssten, dass er Vater eines unehelichen schwarzen Kindes wäre?“ George Bush gewann anschließend die Vorwahlen in South Carolina.

Dies ist ein Fall in dem die Sprache, die Art und Weise, wie etwas ausgedrückt wird, Macht besitzt; in einer hypothetischen Frage wird schließlich keine Begründung angegeben, warum man der Hypothese Glauben schenken sollte. Ein weiteres Beispiel sprachlicher Manipulation, vorgenommen vom Sozialpsychologen Christopher Bryan und seinen Kollegen: Wenn wir Sie fragen „Wie wichtig ist es, ein Wähler zu sein?“ werden Sie viel eher zur Wahl gehen als nach der Frage „Wie wichtig ist es, zu wählen?“ Die erste Frage führt dazu, dass Sie Ihre Eigenschaften in Bezug auf das Wahlverhalten reflektieren, die zweite führt nur dazu, dass Sie Ihre Pläne hinterfragen.

Rhetorik hat Macht, sie beeinflusst Einstellungen, Verhaltensweisen und das wahrgenommene Pflichtgefühl. Wer die Mechanismen von hasserfüllter Rhetorik versteht, erkennt auch die Gefahr, die dieser innewohnt. Rhetorik kann etwa empfundene Verpflichtungen verändern, indem sie Empfehlungen für bestimmte Gewohnheiten ausgibt. In einem 2012 veröffentlichten Artikel mit dem Titel „Genozidale Sprachspiele“ beschreibt der Philosoph Lynne Tirrell, wie die die Mehrheit stellenden Hutu in den Jahren vor dem Genozid in Ruanda ihre Tutsi-Nachbarn „Kakerlaken“ und „Schlangen“ nannten.

Schlangen haben in Ruanda einen schlechten Ruf, sie sind oft giftig. Tirrell schrieb, dass „in Ruanda Jungen stolz sind, wenn ihnen zugetraut wird, Schlangen die Köpfe abzuschneiden“. Tutsi „Schlangen“ zu nennen stellte eine Verbindung her zwischen dem Abschlachten eines Tutsi und der heldenhaften Tat, Schlangen zu töten. Nennt man Immigranten Eindringlinge, so hat dies den Effekt, sie mit Taten in Verbindung zu bringen, die man sonst mit feindlichen Einbrechern verbindet. Wenn jemand gleichzeitig das Wertesystem des Nationalismus vorantreibt, wird mit der Benutzung des Wortes „Eindringling“ für Immigranten ein ganz bestimmter Umgang empfohlen: Gewalt.

Diese Rhetorik hat eine Macht, weil sie Menschen dazu verleitet, Macht gegen Immigranten als obligatorisch anzusehen. In einer Rede im Oval Office im März verurteilte US-Präsident Trump Immigranten als „illegale Fremdlinge“. Er sagte weiter: „Menschen hassen das Wort ‚Invasion', aber das ist es. Es ist eine Invasion von Drogen und Kriminellen und Menschen.“ Wenn die rhetorische Macht, die damit verbunden ist, Immigranten als Eindringlinge zu bezeichnen ebenso wie die Autorität des Präsidenten ausgeweitet wird, kann dies das empfundene Pflichtgefühl besonders signifikant verschieben.

Rhetorische Macht scheint eine magische Idee zu sein. Die Tatsache, dass die Kraft der Wörter weniger ernst genommen wird als andere Formen von Macht, trägt allerdings nur zu ihrer Bedeutung als soziale Kraft bei. Rhetorische Macht verändert unsere Einstellungen durch Manipulation. Doch Manipulation ist meistens etwas verborgenes, wohingegen Sprache im Offenen stattfindet. Diese Offenheit normalisiert die Praktiken, die die Rhetorik empfiehlt.


Aus: "Serie "Was ist Macht?" Rhetorik kann eine dunkle Kraft sein"  Jason Stanley David Beaver (05.07.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/serie-was-ist-macht-rhetorik-kann-eine-dunkle-kraft-sein/24530926.html

Quote
Gophi 08:31 Uhr
Unterschätze niemand die Macht des gesprochenen Wortes.
Inzwischen muss man "des getwitterten Wortes", eines Youtube-Beitrages etc. hinzufügen.

Was wir sagen, entspringt unserem Denken. Was wir hören, beeinflusst unser Denken, ob wir es wollen, oder nicht. Das bedeutet nicht, dass wir allem, was wir hören, gleich hinterherlaufen, aber es bewegt etwas in unseren Gedanken. Und wenn wir es dann wieder und wieder hören, kann es Einzug in unsere Gedankenwelt erhalten, ohne dass wir das bewusst reflektieren.

Sehr deutlich wird das bei jenen Pegida-Demonstranten, deren Wertespektrum sich bereits soweit verschoben hat, dass sie Mord für ein legitimes Mittel der Auseinandersetzung halten. Aber auch in der Gesellschaft als Ganzem hat sich Denken und Sprache nach rechts verschoben. Manches, das heute offen geäußert wird, hätte vor 20 Jahren noch einen Sturm der Entrüstung ausgelöst.

Parallel dazu erleben wir täglich eine Verrohung im Umgang miteinander. In Freibädern, im Verkehr, im Umgang mit Rettungs- und Sicherheitskräften. Zufall? Nein, das steht in einem unmittelbaren kausalen Zusammenhang. Wie wir miteinander reden, so behandeln wir uns auch. Keiner kann hassen, ohne selber hässlich zu werden.

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[Debattenkultur (Notizen)... ]
« Reply #45 on: August 08, 2019, 12:32:33 PM »

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[...] In aktuellen Debatten wird oft einem öffentlichen Streitgegenstand – etwa einer Karikatur, einem Film, einer Äußerung oder auch einer Geste – ein persönliches Empfinden, zum Beispiel religiöser Art, oder ein persönliches Gefühl, etwa verletzter Intimität, gegenübergestellt. Aber das ist eine irreführende Gegenüberstellung. Sie reduziert religiöse Menschen, Frauen oder Angehörige von Minderheiten lediglich auf deren Empfindung. Damit macht man sie zu bloßen Empfindungsmaschinen, die zu keinem reflektierten Urteil fähig sind. Doch jeder und jede, egal, woher sie kommen und was sie glauben, können mehr als nur empfinden. Sie können auch ihre Empfindungen kritisch reflektieren, sie unter Umständen auch revidieren – denn Empfindungen sind bekanntlich das Trügerischste – und zu einem Urteil gelangen. ... Es ist unzureichend, zu sagen: »Ich fühle mich verletzt«; man kann aber sehr wohl sagen: »Ich beurteile das als verletzend.« Dabei kann man sich dann allerdings auch irren und den Irrtum nachgewiesen bekommen. Diese Urteilsfähigkeit ist das Allgemeine an uns, und das Einzige, was Anerkennung ermöglicht und verdient. Diese Fähigkeit darf man von jedem und jeder verlangen. Diskriminierung hingegen beginnt genau damit, dass man – meist in wohlmeinender Absicht – bestimmten Leuten diese Fähigkeit abspricht und aufhört, sie ihnen abzuverlangen.

...

ROBERT PFALLER ist Philosophieprofessor. Lehrt an der Kunstuniversität Linz. Geboren 1962 in Wien. Radikaler Gegner von Rauchverboten, obwohl er wegen Nebenhöhlenproblemen kaum raucht. Seine Aphorismen sind legendär, etwa: »Wir sollten nicht den Tod fürchten, sondern das schlechte Leben« oder »Statt zu fragen, wofür wir leben, fragen wir uns nur noch, wie wir möglichst lange leben«. Lebt in Wien.

Das Werk (u. a.)
Wofür es sich zu leben lohnt. Elemente materialistischer Philosophie. S. Fischer 2011
Kurze Sätze über gutes Leben. S. Fischer 2015
Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur. S. Fischer 2017




Aus: "Robert Pfaller im Interview: Was sind für Sie Pseudolinke?" Stefanie Mooshammer, Peter Unfried (2019)
Quelle: https://taz.de/Robert-Pfaller-im-Interview/!169159/
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[Debattenkultur (Notizen)... ]
« Reply #46 on: August 12, 2019, 09:30:14 AM »

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[...] [Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Zuletzt erschien sein Buch „Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung“.]

Herr Pörksen, Sie arbeiten als Professor für Medienwissenschaft an der Exzellenzuniversität Tübingen. In welcher Filterblase leben und arbeiten Sie denn so?

Das ist eine Fettnapf-Frage, oder? Ich könnte so tun, als sei ich – im Unterschied zum leider ziemlich belämmerten Rest der Menschheit – frei von Vorurteilen, den Verführungen und den Eigentümlichkeiten meines Milieus. Aber das stimmt natürlich nicht. Deshalb zurückgefragt: Worauf wollen Sie hinaus?

Meine Frage: Ist die Filterblase dicht, die Mono-Diät im Informationsuniversum total? Oder kommt man da raus?

Das hängt von der eigenen Bereitschaft ab, sich aus dem Gehäuse der eigenen Vorurteile zu befreien, eine zweite Natur der Offenheit zu trainieren, sich überraschen zu lassen. Und natürlich kommt man da raus, klar.

Ich behaupte: Schon wer sich nur ein paar Minuten auf Twitter oder Facebook treiben lässt, sich durch ein beliebiges Kommentarforum klickt, taucht ein in ein Multiversum der Wirklichkeiten. Und er macht die Erfahrung, dass die ganze Filterblasenidee eigentlich eine Filterblase für Netztheoretiker ist, ein einigermaßen bizarres, jede Alltags- und Medienerfahrung verhöhnendes Scheuklappen-Modell, das einem selbst Scheuklappen aufdrückt - und das verhindert zu sehen, was wir doch eigentlich permanent erleben: die manchmal beglückende, oft stressige Sofort-Konfrontation mit immer anderen Ansichten im Medium der digitalen Öffentlichkeit.

In mehreren Essays haben Sie sich vom „außerordentlich mächtigen Denkbild der aktuellen Netzdebatten, der Filterblase“ entfernt. Gab es dafür einen bestimmten Auslöser, ein bestimmtes Motiv?

Tatsächlich, ja. Vor gut zwei Jahren begann ich, mir Notizen für ein Buch über die veränderte Kommunikation durch digitale Medien zurechtzulegen und las nebenher und am Abend den „Zauberberg“, jenen bedrohlich schillernden und gleichzeitig so irrwitzig komischen Roman von Thomas Mann, der in einem Sanatorium in den Schweizer Alpen spielt. Hier sitzen kränkelnde, keuchende, Blut hustende Luxuswesen herum, atmen in dicke Decken gehüllt die kühle Bergluft, versuchen der Welt abhandenzukommen.

Aber das gelingt ihnen nicht, denn am Vorabend des Ersten Weltkriegs hat sich die Luft der Epoche geändert. Mit einem Mal herrscht, wie es in einem Schlüsselkapitel heißt, „kriselnde Gereiztheit“. Die Atmosphäre ist explosiv. Tag für Tag gibt es infektiöses, giftiges Gerede, aufschießende, ansteckende, sich endlos fortzeugende Wut. Und deutlich wird: Selbst hoch oben auf dem Berg kann man sich dem Stimmungsschicksal der eigenen Gegenwart nicht entziehen.

Sie haben bei der „Zauberberg“-Lektüre an das digitale Zeitalter gedacht.

Genau. Die Tages- und Abendlektüren begannen zu verschwimmen, Thomas Mann erschien mir als der meisterhafte Analytiker der atmosphärischen Agitation. Und die These meines Buches war plötzlich da. Vernetzung verstört. Sie verhindert die Flucht in die informationelle und die emotionale Isolation.

Ähnlich wie die vor sich hin wütenden Sanatoriumsinsassen können wir uns auch heute kaum entziehen. Wir sehen, auf unser Smartphone blickend, alles, was so geschieht: die neuesten Berichte von einer Schießerei in den USA, die Pöbelei eines US-Präsidenten, der auf Twitter mit der Größe seiner Atomsprengköpfe prahlt, Bilder des obszönen Reichtums und der obszönen Armut, Banales, Berührendes und Bestialisches, Katzenvideos und die Postings von Rechtsterroristen, die sich gerade noch auf der Website 8chan gegenseitig aufpeitschten.

Und wir kommen uns im digitalen Dorf unerträglich nahe, können einander eben gerade nicht, in unseren vermeintlich abgeschlossenen Filterblasen hockend, ausweichen. Das ist, neben sehr viel Ungerechtigkeit in dieser Welt, die mediale Tiefenursache der großen Gereiztheit.

Wollen Sie dementieren, was Eli Pariser in seinem Buch „Filter Bubble“ festgestellt hat? Man sieht, was man sehen will, man hört, was man hören will, man erfährt, was eigene Annahmen bestätigt.

Ich will nicht dementieren, dass wir – anthropologisch gesehen – bestätigungssüchtige Wesen sind. Die Macht des „confirmation bias“ zu bestreiten, wäre absurd. Aber ich bestreite entschieden, dass Eli Parisers Filter-Bubble-Theorie mehr ist als eine Modethese, ein flottes Wort ohne analytische Kraft, das gerade mal für den Smalltalk der Gesellschaftsanalyse taugt, aber auch nicht für mehr.

Sie langen kräftig hin. Wie lautet die Begründung?

Ich will drei Begründungen liefern. Zum einen widerspricht die Filterblasen-Idee unserer alltäglichen Erfahrung. Eigentlich keine gute Voraussetzung für eine Theorie, die mehr sein will als ein empiriefernes Gedankenspiel, oder? Das Wesen des Netzes besteht in der Verlinkung. Und jeder Link katapultiert einen womöglich in eine andere Wirklichkeit; man klickt nur drauf – und schon ist man in einer anderen Realität, einer neuen Welt. Diese Erfahrung kann jeder jeden Tag machen. Zum anderen widerspricht die Filterblasen-Idee einer zentralen Annahme der Netzwerk-Soziologie, die besagt: Schwache Verbindungen – sogenannte „weak ties“ – programmieren die Informationsvielfalt.

Was bedeutet diese Einsicht für die Kritik des Filterblasen-Modells?

Man muss sich klarmachen: Jugendliche haben durchschnittlich etwa 400 Facebook-Freunde. In diesem Beziehungsuniversum der schwachen Verbindungen ist die Konfrontation mit immer anderen Ansichten außerordentlich wahrscheinlich, auch das spricht gegen die Horrorvision einer irritationsunfähig gewordenen Gesellschaft, die aus einer Ansammlung von unverbundenen, algorithmisch voneinander getrennten Realitätssphären besteht.

Und schließlich machen die bisherigen Studien allesamt zweierlei klar: Unsere digitale Informationswelt ist trotz der personalisierten, selbstlernenden Empfehlungsalgorithmen sehr viel vielfältiger als gedacht. Und das, was wir eine Filterblase nennen, ist eigentlich ein Indikator unseres Informationsverhaltens, Ausdruck der allgemein menschlichen Bestätigungssehnsucht, die Eli Pariser in eine algorithmisch-technische Manipulationsidee verwandelt.

Noch mal nachgefragt: Was ist das daran so schlimm?

Schlimm ist das vielleicht nicht wirklich, aber empirisch falsch und gesellschaftspolitisch fatal, weil man so suggeriert: Lasst uns nur Überraschungsalgorithmen basteln und ein paar hübsche Zufallsblitze programmieren, dann ist alles wieder gut! Bildungsprozesse werden so zu einer Frage des Softwaredesigns, der andere Mensch gerät aus dem Blick.

Sie sehen eine solche Theorie als die Repräsentation eines Denkens, das Sie ablehnen.

Ja. Es handelt sich um ein Paradebeispiel der gegenwärtig verbreiteten Verführungs- und Manipulationsphantasien, die mal von übermächtigen Frames, dann vom raffinierten Mikrotargeting, schließlich, wie in diesem Fall, von allgegenwärtigen Algorithmen handeln. Ich kann diesen Quatsch freihändig formulierender Apokalyptiker zunehmend weniger ertragen und würde sagen: Solche Theorien sind tatsächlich ein Symptom, und zwar für die Arroganz, den Antiliberalismus und den Aufklärungspessimismus ihrer Vertreter, die das potenziell mündige Subjekt und das eigenständige Individuum in ihren Großthesen vorschnell verabschieden.

Man verfällt in Resignation...

... denkt sich selbst und andere wehrlos und betreibt über den Umweg vermeintlich kritischer Analysen eine Entmündigung höherer Ordnung, die nur eigene programmatische Ratlosigkeit maskiert.

Wie lautet die Konsequenz?

Vielleicht brauchen wir für eine Humanisierung der Verhältnisse auch eine Humanisierung der Theorien. Wir müssen, anders gesagt, vom Menschen sprechen, wenn es um Menschen und seine selbst verschuldete Unmündigkeit geht. Die Stilisierung von Algorithmen zum Angstgegner führt uns davon weg.

Wenn das Denkbild der Filterblase irreführend, ja falsch ist, was ist dann richtig?

Ich selbst spreche – im Sinne eines Vorschlags und hoffentlich in ausreichender Distanz zum Digi-Blabla des Konferenzzirkus – vom Filterclash, dem Aufeinanderprallen von Parallelöffentlichkeiten, die in radikaler Unmittelbarkeit kollidieren. Und behaupte: Die Vernetzung der Welt macht den Filterclash unvermeidlich. Man kann sich zwar einigeln, aber vermag einander nur schwer auszuweichen, ganz so, als lebe man in einem belagerten Tal, in dem man immer auch das helle oder dunkle Tal der anderen sieht.

Und eben diese fortwährende Konfrontation, der Distanzverlust im Verbund mit konstanter „Feindberührung“ polarisiert, erzeugt die große Gereiztheit und die Bewusstseinslage eines fragilen Fundamentalismus, so meine These. Wir leiden unter einem informationstechnisch produzierten Dissonanz- und Differenzkoller.

Nach ihrer Argumentation dürfte es Impfgegner und all die Verschwörungstheoretiker nicht geben, die sich immer mehr in ihre Eigenwelten zurückziehen. Es gibt sie aber. Wie das, Herr Pörksen?

Natürlich, es gibt jede Menge ideologische Selbstverhärtung. Und man kann sich leichter denn je in sein Selbstbestätigungsmilieu und die Bekenntnisgemeinschaft der Wahl zurückziehen, auch das stimmt. Aber man kann dem anderen eben doch nicht ausweichen, und darauf kommt es mir an. Auch der Impfgegner wird sich unter vernetzten Bedingungen immer wieder und in seinem eigenen Kommunikationskanal Kommentaren ausgesetzt sehen, die seinen Ansichten radikal widersprechen.

Es gibt Echokammern, in die man sich bewusst hineinbegeben hat, die aber auf die Echokammern der anderen Seite prallen?

Absolut. Und damit stellt sich die Frage, wie man die Gleichzeitigkeit des Verschiedenen, also Schließung und Öffnung, Abschottung und Konfrontation, zusammendenken kann. Die Antwort hat der Netztheoretiker Michael Seemann geliefert. Er unterscheidet positive und negative Filtersouveränität.

Was ist damit gemeint?

Man kann sich aktiv in seine Wirklichkeitsblase hineingoogeln, kann für jede Idee einen Beleg, für jeden Irrwitz einen sogenannten Experten finden. Das meint positive Filtersouveränität. Und das Netz kommt der Bestätigungssehnsucht sehr weit entgegen, stellt von der Logik des Empfängers auf die des Empfängers um, der sich – einerseits – seine Wunschwirklichkeit zusammensucht. Andererseits kann man jedoch der Weltsicht der anderen nicht entkommen, kann sich eben gerade nicht effektiv abschotten, isolieren. Negative Filtersouveränität ist in der vernetzten Welt nicht zu haben.

Die meisten Theorien und Modelle sehen den kommunizierenden Menschen in einer akuten Gefährdungslage. Entweder überwältigt oder unterinformiert, mehr scheint nicht drin zu sein. Existiert nicht auch der Souverän, der nach und nach gelernt hat, im Universum der Algorithmen seinen eigenen Algorithmus zu entwickeln?

Das ist schöner Gedanke, aber eben diese Poesie der Autonomie geht in den aktuellen Debatten gerade verloren. Es gibt, ausgelöst durch den Trump-Schock, den Brexit, das Wideraufflammen des Nationalismus und den Aufstieg der Rechtsparteien eine neuartige Macht des dystopischen Denkens in der gesellschaftlichen Mitte, die den populistischen Narrativen des Niedergangs und dem dumpfen Lärm der Boulevardmedien formal ähnlich ist.

Aber was bleibt, im Ernst gefragt, wenn man das Sterben der Demokratie, den Tod der Wahrheit verkündet und das postfaktische Zeitalter ausruft? Was bleibt, wenn man Ende von Moral und Menschlichkeit im digitalen Datenstrom prophezeit, wie dies der gefeierte Historiker Yuval Harari tut? Ich würde sagen: Liberale Zeitgenossen sind zu einem Minimum an Aufklärungsoptimismus verpflichtet. Sonst bleiben nur die Flucht in den Fatalismus und eine apokalyptische Eskalationsrhetorik, die selbst zur Überhitzung des Kommunikationsklimas beiträgt.

Die Melancholie des Analogen, die Gereiztheit des Digitalen – was kommt danach?

Vielleicht noch mehr Melancholie und Gereiztheit, aber ich weiß es nicht.

Was wäre der Wunsch?

Eine medienmündige Gesellschaft, die gelernt hat mit dem Geschenk des Informationsreichtums und der Medienmacht eines jeden Einzelnen umzugehen.

Und wie kommt man dahin?

Mein Vorschlag: Wir müssen von der digitalen Gesellschaft der Gegenwart zur redaktionellen Gesellschaft der Zukunft werden. Was ist damit gemeint? Ich behaupte: In den Maximen des guten Journalismus steckt eine Ethik für die Allgemeinheit. Ganz konkret: „Analysiere Deine Quellen! Prüfe erst, publiziere später! Höre immer auch die andere Seite! Mache ein Ereignis nicht größer als es ist, orientiere Dich an Relevanz und Proportionalität!“ Im Moment sind wir medienmächtig, aber noch nicht medienmündig. Das ist das Kernproblem. Aber in der redaktionellen Gesellschaft der Zukunft sind diese Maximen ein Element der Allgemeinbildung, die schon in der Schule gelernt werden. Aber erneut: Das ist ein Wunsch, noch weit entfernt von der Realität.


Aus: "„Wir kommen uns im digitalen Dorf unerträglich nahe“" Joachim Huber (11.08.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/interview-mit-medienwissenschaftler-poerksen-wir-kommen-uns-im-digitalen-dorf-unertraeglich-nahe/24888922.html

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[Debattenkultur (Notizen)... ]
« Reply #47 on: September 28, 2019, 09:05:13 PM »

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[...] Politikerinnen müssen sich so einiges gefallen lassen. Wie viel, darüber hat jetzt das Landgericht Berlin geurteilt. Laut Urteil muss die grüne Bundestagsabgeordnete Renate Künast hinnehmen, unter anderem als „Drecks Fotze“, „Stück Scheiße“ und „Schlampe“ bezeichnet zu werden. So wurde sie öffentlich auf Facebook betitelt.

... Künast war vor Gericht gezogen, um durchzusetzen, dass Facebook die persönlichen Daten der Kommentatoren herausgibt, damit sie rechtlich gegen sie vorgehen kann. Liegt eine Beleidigung, also eine Straftat vor, müssen die großen Plattformen mit Strafverfolgern zusammenarbeiten. Insgesamt 22 Kommentatoren hatten sie in einem Thread unter einem Post des rechtspopulistischen Bloggers Sven Liebich mit teils drastischen Worten beschimpft.

Laut Beschluss des Gerichtes handelt es sich in keinem der 22 Fälle um eine Beleidigung. Die Äußerungen seien allesamt „zulässige Meinungsäußerungen“. „Sie sind zwar teilweise sehr polemisch und überspitzt und zudem sexistisch“, räumt das Gericht in seiner Begründung ein. Künast habe dies jedoch mit ihrem Verhalten selbst provoziert.

„Von einer Schmähung kann nicht ausgegangen werden, wenn die Äußerungen im Kontext einer Sachauseinandersetzung steht“, heißt es weiter in der Begründung. Die Kommentare hätten jedoch alle einen „Sachbezug“ gehabt – und seien somit keine Beleidigungen oder Schmähungen.

Die „Sachauseinandersetzung“, auf die sich das Urteil bezieht, dreht sich um folgendes: Am 27. März hatte der rechte Blogger Sven Liebich, besser bekannt als Verfasser von „Halle-Leaks“, auf Facebook einen Beitrag über Künast veröffentlicht. Darin verweist er auf einen Artikel der Welt, in dem es um die schwierige Vergangenheit der Grünen in Bezug auf Pädophilie geht. Der Beitrag gibt auch eine Episode aus dem Berliner Abgeordnetenhaus wieder, in dem Künast damals 1986 saß.

    Während eine grüne Abgeordnete über häusliche Gewalt spricht, stellt ein CDU-Abgeordneter die Zwischenfrage, wie die Rednerin zu einem Beschluss der Grünen in Nordrhein-Westfalen stehe, die Strafandrohung wegen sexueller Handlungen an Kindern solle aufgehoben werden. Doch statt der Rednerin ruft, laut Protokoll, Renate Künast dazwischen: „Komma, wenn keine Gewalt im Spiel ist!“

Liebich versah den Artikel mit dem Kommentar „Komma, wenn keine Gewalt im Spiel ist, ist Sex mit Kindern doch ganz ok“. Das Gericht sieht das als zulässig.

Die Liste der Beleidigungen, die das Gericht einzeln durchgeht und jeweils begründet, warum diese nicht als Beleidigung zu werten seien, liest sich absurd. Die Äußerung „Knatter sie doch mal einer so richtig durch, bis sie wieder normal wird!“ sei zwar „geschmacklose Kritik … mit dem Stilmittel der Polemik“. Allerdings gehe es dabei nicht darum, Künast herabzusetzen, sondern lediglich darum, ihre Äußerung zu kritisieren.

Die Äußerungen „Stück Scheiße“ und „Geisteskranke“ werden als „Auseinandersetzung in der Sache“ gewertet. Selbst die Bezeichnung „Drecks Fotze“ bewege sich „haarscharf an der Grenze des von der Antragstellerin noch hinnehmbaren“. „Auch in dem Kommentar ‚Schlampe‘ kann eine von der Äußerung im kommentierten Post losgelöste primär auf eine Diffamierung der Person der Antragstellerin und nicht auf eine Auseinandersetzung in der Sache abzielende Äußerung nicht gesehen werden. Vielmehr ist auch dieser Kommentar ein Beitrag in einer Sachauseinandersetzung.“

Die Argumentation des Gerichtes stützt sich auf die immer gleiche Logik: Weil das Thema von Künasts Zwischenruf aus dem Jahr 1986 – also die Entkriminalisierung von Sex mit Minderjährigen, die die Grünen in NRW damals beantragten – selbst „im sexuellen Bereich“ liege und zudem „erhebliches Empörungspotential“ berge, müsse sie sich als Politikerin „auch eine sehr weit überzogene Kritik gefallen lassen“.

Anwalt Riemschneider sagt, der Artikel in der Welt habe den Zusammenhang damals nur bruchstückhaft wiedergegeben. „Pädophilie beziehungsweise Geschlechtsverkehr mit Kindern wird und wurde von Frau Künast zu keinem Zeitpunkt befürwortet, gutgeheißen oder akzeptiert“. Sie habe auch nie solche Anträge innerhalb ihrer Partei unterstützt. Mit dem Zwischenruf habe sie lediglich den falschen Einwurf der CDU-Politikerin in der Debatte korrigieren wollen. Riemschneider kündigte an, in die nächste Instanz zu gehen.

Ob Künast sich nun missverständlich ausgedrückt hat in der Hitze der damaligen Debatte, sollte jedoch ohnehin nebensächlich sein. Denn auch das rechtfertigt keine sexistische Schmähung als „Fotze“ oder „Schlampe“.

Doch genau so argumentiert das Gericht – und sitzt damit einem gängigen Denkfehler auf: Es setzt Sexualität und Sexismus gleich. Die Kammer argumentiert, Künast habe sich zu einem Thema aus dem Bereich der Sexualität geäußert und deswegen seien sexistische Beleidigungen wie „Schlampe“ oder „Fotze“ eine angemessene Kritik in der Sache. Dass dieser Fehler selbst Richterinnen und Richtern unterläuft, zeigt wie tief dieses Denken noch verankert ist.

Künast ist bei weitem nicht die einzige prominente Frau, die mit solchen Kommentaren um Netz konfrontiert ist. Gerade Politikerinnen werden besonders häufig zur Zielscheibe von sexistischer Beleidigungen und Drohungen auf Plattformen wie Facebook und Twitter. Zuletzt hatte der Fall Sigi Maurer in Österreich viel Aufmerksamkeit bekommen. Auch dort war in einem Beleidigungsfall ein absurdes Gerichtsurteil ergangen.

Organisationen wie der Juristinnenbund weisen schon seit längerem darauf hin, dass Hetze und Gewalt im Netz eine geschlechtspezifische Dimension haben. Dazu zählt unter anderem der Umstand, dass Frauen spezifisch als Frauen abgewertet werden.

Die Argumentation der Kammer, die Wortwahl der Kommentatoren sei eine Auseinandersetzung in der Sache, wirkt vor diesem Hintergrund besonders absurd. Dass Künast mit eben diesen Begriffen beleidigt wurde, hat wenig damit zu tun, dass es in ihrer Äußerung um Pädophilie ging. „Schlampe“ und „Fotze“ sind Standardbeleidigungen, wenn Politikerinnen oder Prominente sich im Netz äußern – egal ob es um Straßenverkehr, Steuerpolitik oder Hochzeitsfotos geht [ https://www.brigitte.de/aktuell/gesellschaft/im-internet--shitstorms--wenn-der-hass-explodiert-10171684.html ].

Seit einem Jahr soll eigentlich das Netzwerkdurchsetzungsgesetz Abhilfe dagegen leisten. Strafbare Äußerungen müssen von den großen Plattformen wie Twitter und Facebook seitdem binnen 24 Stunden aus dem Netz gelöscht werden. Ein gängiger Kritikpunkt am Gesetz: Nicht das Löschen, sondern die Strafverfolgung muss das Ziel sein. Nur so werde man im Netz für mehr Affektkontrolle sorgen und Betroffene schützen.

Das aktuelle Urteil zeigt: Das Problem geht viel tiefer. Wenn sexistische Beleidigungen selbst vor Gericht nicht als solche erkannt werden, dann ist nicht die Rechtslage das Problem. Es ist die Vorstellung, dass Frauen nach wie vor selbst die Schuld dafür tragen, wenn sie im Netz sexistisch beleidigt werden.


Aus: "Demokratie: Urteil: Politikerin Künast darf auf Facebook beschimpft werden" (19.09.2019)
Quelle: https://netzpolitik.org/2019/urteil-politikerin-kuenast-darf-auf-facebook-beschimpft-werden/


"Drecksfotzenrichter fällen geisteskrankes Urteil gegen Renate Künast, das Justizia wie eine Schlampe aussehen lässt, die auf den Sondermüll gehört" (Donnerstag, 19. September 2019)
Berlin (dpo) - Sollte man diesen Stücken Scheiße die Fresse polieren? Drecksfotzenrichter am Berliner Landgericht haben heute in einem geisteskranken Urteil gegen Renate Künast entschieden, dass sie alle (!) Beschimpfungen, die in diesem Artikel stehen, als nicht beleidigend hinzunehmen hat.
Offenbar wurden die Richter als Kinder ein wenig zu viel gefickt – denn sie entschieden, dass es sich bei den Beleidigungen um "Auseinandersetzungen in der Sache" handelt. Wie genau die hohlen Nüsse zu diesem Urteil kamen, ist derzeit noch unklar.
Sicher scheint jedoch, dass der Urteilsspruch der gehirnamputierten Justiz-Schlampen und -Schlamper vermutlich zu einem Anstieg wüster Beschimpfungen im Internet führen wird.
Unabhängige Beobachter empfehlen nun, die Sondermüll-Richter mal richtig durchzuknattern, bis sie wieder normal werden – möglicherweise wird das Urteil dann revidiert.
Bis dahin meint der Postillon: "Ferckt, ihr Drecksäue!"
https://www.der-postillon.com/2019/09/berliner-landgericht.html

-

Quote
[...] Das Verwaltungsgericht Meinigen hat in einem Eilverfahren entschieden, dass der thüringische AfD-Chef Björn Höcke als Faschist bezeichnet werden darf. Die Antragsteller haben dem Gericht zufolge "in ausreichendem Umfang glaubhaft" gemacht, "dass ihr Werturteil nicht aus der Luft gegriffen ist", sondern auf einer überprüfbaren Tatsachengrundlage beruht. Das berichten unter anderem Spiegel Online und die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Hintergrund ist eine Demonstration gegen eine AfD-Veranstaltung mit dem Kundgebungsthema "Protest gegen die rassistische AfD insbesondere gegen den Faschisten Höcke", die die Stadt Eisenach verboten hatte. Sie hatte zuvor zur Auflage gemacht, dass "die Bezeichnung Faschist" für Höcke "im Rahmen der Versammlung untersagt" sei. Die von der Stadt Eisenach angeführte strafrechtliche Relevanz des Begriffs als Beleidigung sah das Verwaltungsgericht Meiningen ebenso nicht wie eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit.

Ihre Entscheidung begründeten die Richter damit, dass es um eine "die Öffentlichkeit wesentlich berührende Frage" gehe, bei der "die Auseinandersetzung in der Sache (...) im Vordergrund steht". Der Schutz der freien Meinungsäußerung überwiege demnach der Möglichkeit, dass die Bezeichnung "Faschist" ehrverletzenden Charakter haben könne.

Die Initiatoren beriefen sich vor Gericht auf ihr Grundrecht der Meinungsfreiheit und begründeten ausführlich, warum es sich bei der Bezeichnung Höckes als Faschist um ein zulässiges Werturteil handele. Dazu hatten die Antragsteller zahlreiche Zitatstellen aus einem Höcke-Buch sowie Presseberichte über den AfD-Politiker vorgelegt.

Höcke tritt bei den Landtagswahlen am 27. Oktober in Thüringen als Spitzenkandidat der AfD an. Der Politiker ist Wortführer des rechtsnationalen AfD-"Flügels" und fällt immer wieder mit völkischen und fremdenfeindlichen Äußerungen auf. Unter anderem bezeichnete er das Holocaust-Mahnmal in Berlin als "Denkmal der Schande" und rief zu einer 180-Grad-Wende in der Erinnerungspolitik auf.


Aus: "Björn Höcke darf als "Faschist" bezeichnet werden" (28. September 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-09/afd-bjoern-hoecke-faschist-verwaltungsgericht-meinigen

Quote
1 Bernd #36

Hat er sich aber auch hart erkämpft & verdient!


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Liebling der Moderatoren und Redaktion #28

Wir haben Meinungsfreiheit in Deutschland. Und die Gerichte sind unabhängig. Und unsere Gerichte sind sehr gut. Das beweist nicht nur dieses Urteil sondern auch das im Fall Künast.


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Roger Smith #28.1

Bemerkenswert wie viele Menschen den Unterschied zwischen Meinung und Beleidigung nicht kennen.


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Cronbachs Alpha #34

Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.


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« Reply #48 on: November 10, 2019, 03:01:57 PM »

Quote
[...] Haben wir verlernt, vernünftig miteinander zu reden? 58 Prozent der Deutschen sagten vor kurzem laut einer Umfrage, sie hielten die Meinungsfreiheit in der Öffentlichkeit für eingeschränkt. Das kann man, vor dem Hintergrund der Drohungen gegen den deutschen Grünen Cem Özdemir und rechtsextremer Gewalttaten gegen Andersdenkende im Nachbarland, als erfolgreiche rechte Einschüchterung interpretieren. Man kann es als Ergebnis der "Haltet den Dieb!"-Strategie der rechten AfD betrachten, die in den jüngsten Wahlkämpfen genau das behauptet hatte.

Es könnte aber auch die Furcht des Einzelnen sein, mit seiner Meinung anzuecken. Denn in liberalen Demokratien darf zwar jeder alles sagen, sofern es nicht gegen das Recht verstößt – aber es darf auch jeder widersprechen, so laut er will.

Ein Freibrief für Gehässigkeiten, Untergriffe und persönliche Attacken ist das trotzdem nicht. Wer redet, muss vorher denken und sich bestmöglich informieren (etwa durch das Lesen von Büchern anstelle von Twitter-Meldungen). Und er sollte mitbedenken, dass man seinen Argumenten auch Nachdruck verleihen kann, ohne andere zu verletzen.

Dieser Meinung ist offenbar auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen. Zur Eröffnung der Buch Wien sagte er, junge Menschen müssten lesen können, um Abgründe zu erkennen. Anlässlich der Feierlichkeiten zum 160-jährigen Bestehen des Presseclubs Concordia betonte Van der Bellen die Bedeutung von Qualitätsjournalismus, der "Facts" von "Fake" sauber zu trennen wisse – und den Bürgern im Zeitalter der Informationsflut Sicherheit gebe. Aber gebe es auch "Tendenzen, guten Journalismus zu hindern".

Die gibt es in der Tat: Sie werden sichtbar, wenn Politiker mediale Kritik immer schlechter ertragen. Wenn sie lieber ihre eigenen Wahrheiten auf Instagram und Facebook lesen und wenn sie Inserate in Millionenhöhe an gefälligen Journalismus verteilen. Dann kommen gute Journalisten ökonomisch unter Druck.

Dazu kommt, dass die großen Internetplattformen nicht so gebaut sind, dass sie vernünftige Debatten und hochwertigen Diskurs fördern. Millionenfach geteilt wird dort, was emotionalisiert – nicht das, was zum Nachdenken anregt.

Als Erste haben diese Logik Populisten und Demagogen begriffen. Sie haben wesentlich dazu beigetragen, dass man mitunter den Eindruck hat, öffentlicher Diskurs sei, wenn Menschen einander anschreien.

Es wäre freilich zu einfach, die Schuld für den Niedergang der Streit- und Debattenkultur den rechten Donaldisten und Populisten in die Schuhe zu schieben. Das hat auch Barack Obama erkannt. Vor kurzem schlug der ehemalige US-Präsident kritische Töne gegenüber jungen Aktivisten an. "Wenn ihr nur mit Steinen werft, werdet ihr nicht weit kommen", sagte er. Wenn jede noch so kleine Verfehlung, jedes moralische Stolpern eines Mitstreiters sofort Anlass zu (öffentlicher) Ächtung durch die anderen sei, dienten auch die Wohlmeinenden ihrer guten Sache nicht. Im Gegenteil.

Wir sollten schleunigst lernen, wieder konstruktiv zu streiten. Die künftige Regierung könnte mit gutem Beispiel vorangehen. Nicht das geschönte Darstellen falscher Harmonie sollte ihr Ziel sein – sondern der gepflegte Disput, die fundierte inhaltliche Auseinandersetzung ohne Untergriffe. Das brächte Österreichs Demokratie auf jeden Fall ein Stück voran. (Petra Stuiber, 10.11.2019)


Aus: "Petra Stuiber: Wir müssen besser streiten"  Kommentar Petra Stuiber (10. November 2019)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000110852063/wir-muessen-besser-streiten

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Lizz

Es gibt seit einigen Jahren nur schwarz/weiß, egal welche Seite, brauchst dir nur die Migrationspolitik ansehen. Wer nicht pro Open Borders ist, ist ein Nazi. Da brauchst nix diskutieren, hat keinen Sinn.


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gyuri

Und wer kein Nazi ist, ist automatisch pro open borders?


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Wödmasta81

Die Wehleidigkeit kommt primär aus den USA, Stichwort Triggerwarning. Dauerbeleidigte Dauer-Correctness ist das Gift ...


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Quargelsemmerl

Wie verhandelt man mit Menschen, auf die weder Fakten noch Vernunft oder Logik einsichtig reagieren?
Wie überzeugt man Menschen, die Solidarität, Mitleid und Menschenliebe hämisch als Schwäche abtun und Egoismus, Niedertracht und Faustrecht als erstrebenswerte Norm?

In all meinen nun doch schon gehäuften Lebensjahren habe ich dafür kein praktikables Rezept gefunden.
Mit denen streiten ist sinnlos. Da könnte man genauso gegen eine Mauer reden.
Ignorieren ist auch nicht gut. Schweigen ist für Dritte allzu oft eine gefühlte Form der Zustimmung. ...


...
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[Debattenkultur (Notizen)... ]
« Reply #49 on: December 12, 2019, 07:13:58 PM »

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Natascha Strobl @Natascha_Strobl

Was ist die furchtbarste politische Phrase oder rhetorischer Kniff die bzw der noch immer von Politiker_innen verwendet wird?
Ganz oben für mich „bei den Menschen da draußen“ „Am Ende des Tages“ „Herr/Frau xy lassen Sie mich bitte ausreden“ „Vorher möchte ich noch sagen...“

Gefolgt von technischen Erklärungen zu „Kampagne“ „Slogan“ „Plakatwellen“ „Claims“ statt einfach die Inhalte zu sagen. Oder die Botschaft erklären statt sie zu vermitteln. Da krieg ich wirklich Zustände.

„Ein Stück des Weges gemeinsam gehen“ - argh, zu abgelutscht sorry Kreisky

4:15 AM - 11 Dec 2019


https://twitter.com/Natascha_Strobl/status/1204736336617492480?s=03


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𝘙𝘰𝘭𝘢𝘯𝘥 𝘛𝘩𝘢𝘭𝘦𝘳 @RolandThaler
Dec 11 Replying to @Natascha_Strobl

Frau Strobl, sie werden mir sicherlich zustimmen, dass eine seriöse Antwort für ihre Frage erst nach Diskussion in den Gremien möglich ist.


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Cifer @teskariel
Dec 11Replying to @Natascha_Strobl

Weshalb das "lassen Sie mich bitte ausreden"?


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Natascha Strobl @Natascha_Strobl
Dec 11

Weil es so elend Zeit kostet und bei Itvs mit zB Wolf strategisch eingesetzt wird um zu Verzögern.

Neue Unterhaltung auferstandene_Karteileiche @Karteileicherl
11. Dez.

Und um den Eindruck zu erwecken das Gegenüber sei unhöflich
#Anpatzen #TonePolicing


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Ulrich Rößl @SON_OFsevenless
Dec 11

"Fakt ist" knapp gefolgt von: "ich habe immer ganz klar gesagt"


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Siobhán Geets @SiobhanGeets
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

Die Menschen "von da abholen, wo sie stehen".


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Notyetaguru @notyetaguru
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

„Der kleine Mann auf der Straße“


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SockenPuppe @SuppenPocke
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl @Floskelwolke

"Fakt ist", gefolgt von einer These oder persönlichen Meinung.
"Wir haben viel gemacht/geschafft beim Thema xy" ohne ansatzweise konkret zu werden


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Edward de Vere @EdDeVere
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

"Ich sage Ihnen ganz offen..."


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tanja malle @scharlatanja
11. Dez.

"in aller klarheit " "ehrlich gesagt" "am ende des tages" "die menschen da draußen"


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likedeeler @likedeeler3
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

"Da, denke ich, sind wir auf dem richtigen Weg."


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Irene Czermak @ICCzermak
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

"Dafür werden wir auch weiterhin kämpfen.." und davor irgendeine Wischiwaschi Initiative, Antrag, Abstimmung, Entwurf zu einem komplexen Thema, das seit langem bekannt und Problem behaftet ist.


Quote
Kaethe Gl @kaethe_gloe
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

"XY ist ein Meilenstein", "ein Schritt in die richtige Richtung", "haben ein XY-Paket geschnürt"


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Michael Mazohl @MichaelMazohl
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

„Die Richtung stimmt.“


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Gazal Köpf @itsameitsashe
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

"Machen wir doch Schluss mit..."
"Meine Hand ist ausgestreckt..."
"Die Leute da draußen..."
"Ich bin der tiefsten Überzeugung, dass..."
"Es kann doch nicht sein, dass..."
"Erklären Sie das mal der Verkäuferin..."
"Ich habe in ganz Österreich mit Menschen gesprochen..."


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ElisaPot  @Elipo1
11. Dez.

Aber was bleibt dann noch?


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Lando w0ot
‏ @w0_ot 22 Std.vor 22 Stunden

stille. herrliche, ohrenbetäubende stille


Quote
Gazal Köpf @itsameitsashe
21 Std.vor 21 Stunden

oder vll mal echter inhalt? glaubwürdige vermittlung von ideen und werten? ich weiss, ich weiss... ich verlang arges zeug


Quote
An even Pizza (tweets by staff outside) @UnevenPizza
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

Meine lieben Freunde


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David Millmann  @DavidMillmann
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

"Wie auch Sie genau wissen, ..."
"Das Problem ist doch ganz ein anderes: ..."
"Der/die einfache BürgerIn will..."


Quote
Mina @hummelinaufruhr
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

„Ein „Weiter so“ darf es nicht mehr geben“

... macht genau so weiter


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Beatrice Mariam Ostermann @beaostermann
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

Zur Weißglut bringt mich ebenfalls "bei den Menschen da draußen" (Umkehrschluß:"wir in unserem Raumschiff da oben od was", gefolgt von von "ehrlich gesagt,....." (was sonst? "unehrlich gesagt"?)


Quote
Daniel Retschitzegger @DanielRetschitz
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

„Leistungsträger“, „Soziale Hängematte“ und „Lassen Sie mich bitte nur einen Satz vervollständig“ inklusive 12 Zeilen Schachtelsatz


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Thomas Diesenreiter @tdiesenreiter
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

"Wir müssen besser kommunizieren"


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laura pizzeroni golddigger @stromberger1
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

Auf Augenhöhe


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Oliver Rautenberg @AnthroBlogger
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

"Klare Kante"


Quote
Nils Pickert @pickinese
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

Mit Augenmaß.


Quote
Major @LornaBDelaney
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

"in der Mitte der Gesellschaft angekommen"
"die schwäbische Hausfrau"
"aber die Arbeitsplätze"


Quote
Judith Pühringer‏ @fraufee
    11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

Bei allem Respekt aber bitte haben Sie Verständnis dafür, dass...


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redcat @__redcat
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

Die Menschen in diesem Land


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vielleicht Caro Wiesauer @caro234
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

Erlauben Sie mir bitte  in dieser komplexen Angelegenheit doch etwas ausholen zu müssen,....


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Robert Kainerstorfer @rkainers
11. Dez.

"Wir müssen die Leute abholen, wo sie stehen."


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b.schrenk @b_schrenk
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

Die Kinder sind unsere Zukunft


Quote

Phil @philenotfound
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

Profil schärfen


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ksmichel @ksmichel2
11. Dez.Antwort an @Natascha_Strobl

... ein Argument als "Ideologie" zu bezeichnen, um es zu entwerten.


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Brettford @P_Brettford
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

Ich hasse die Antworten auf sehr konkrete Nachfragen in Form von: "Die eigentliche Frage ist doch [*beliebiges Bullshit-Geschwafel abseits vom Thema*]."


Quote
Klarnamen sind Schall und Rauch @newborl
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

"Meine liebe Frau X., ..."


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Ronald Krentz @rokr
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

"Die Frage ist doch..." gefolgt von Ablenken, Ausweichen und dem Versuch, eigenes/anderes Thema zu setzen, Diskussion in gewünschte Bahn zu lenken.


Quote
Klare Sicht @KlareSicht1
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

"Das Machbare" als Euphemismus für "mehr erlaubt und die Lobby/Wirtschaft nicht".

Die Sätze mit Modalpartikeln beginnen, wie z. B. "Na ja, ..."


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Viola Martin-Mönnich @Viola_Moennich
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

"Da gehe ich ein Stück weit mit."


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Benni Bärmann @benni_b
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

Am Wahlabend: "Es ist uns nicht gelungen unsere Erfolge/Botschaft zu vermitteln."


Quote
Frau Hellmann @FrauHellmann
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

"Das verstehen die Menschen nicht."


Quote
Hari Winkler @HariWinkler
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

"Jetzt hat erstmal der Wähler das Wort."


Quote
Herwig Huber @herwig_huber
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

"Schaun Sie,..."


Quote
Peter Rubey @fotopezi
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

...wir müssen dieses Ergebnis erst einmal evaluieren!


Quote
𝖦𝗋𝖾𝗀𝗈𝗋 @DerGreg0r
11. Dez.

"Es braucht" = "Ich will", nur in neutral und unabhängig wirkender Mogelpackung.


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Frau Sonne @annasonne1234
24 Std.vor 24 Stunden

“Wenn ich im Wahlkreis unterwegs bin...“


Quote
Jutta Ditfurth Verifizierter Account @jutta_ditfurth
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

„Wir nehmen Geld in die Hand“


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Christian Obkircher @chrbkr
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

"Vielen Dank für diese Frage, aber lassen sie mich zuerst..."


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Kategor_Imperativ @kateg_Imperativ
11. Dez. Antwort an @Natascha_Strobl

Wir brauchen ein neues Narrativ!


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LightCurves ist sauer! @LightCurves
11. Dez.

wir müssen glaubhaft vermitteln, wofür wir stehen.


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[Debattenkultur (Notizen)... ]
« Reply #50 on: July 18, 2020, 04:28:11 PM »

Quote
[...] "Während wir dies von der radikalen Rechten nicht anders erwarten, breitet sich auch in unserer Kultur zunehmend eine Atmosphäre von Zensur aus", hieß es jüngst in einem offenen Brief von 153 Intellektuellen (darunter auch Noam Chomsky, Margaret Atwood oder Salman Rushdie), der gleichzeitig in Harper’s Magazine, Le Monde, La Repubblica und der ZEIT erschien.

Seine Botschaft in einem Satz: "mehr Toleranz" für abweichende Meinungen. Der Aufruf ist bedenkenswert: Ein "Klima der Intoleranz" greife nicht nur in radikal rechten Kreisen um sich, die ohnehin intolerant seien, sondern vielmehr "in allen Lagern". Auch die politischen Gegner der radikalen Rechten müssten aufhören, weiter in "ideologischer Konformität" zu verharren, die eigene Kritik zum "Dogma" verkommen zu lassen und der verbreiteten Tendenz zu frönen, "komplexe politische Fragen in moralische Gewissheiten zu überführen".

Dass sich über diesen Aufruf gerade diejenigen Linken empörten, die sich hiervon nicht zu Unrecht angesprochen fühlen durften, war ebenso wenig überraschend wie der Umstand, dass viele ihrer Empörung in kurzen Tweets Ausdruck verliehen. Natürlich entging ihnen die Ironie, dass sie ihre Kritik an dem Aufruf in eben jenem Duktus der "moralischen Gewissheit" formulierten, den der Brief zuvor problematisiert hatte. Doch auch damit war zu rechnen, denn tatsächlich wird unsere Zeit zunehmend und in nicht unerheblichem Maße von "linken" Gestalten geprägt, die alle genannten Momente in sich bündeln: einen Hang zu Konformität, krasser Komplexitätsreduktion und moralistischer Dogmatik.

Wie der Philosoph E.M. Cioran einmal hellsichtig bemerkt hat, kann es geschehen, "daß die Linke, die in die Mechanik der Macht verstrickt … ist, ihre Tugenden verliert, daß sie erstarrt und die Übel erbt, die gewöhnlich der Rechten eignen". Diese Beschreibung trifft unsere kulturelle Situation sehr genau.

Eine erstarrte und ins Pädagogische abgedriftete Linke, die sich durch ihre Weigerung bestimmt, "ihr eigenes Machtstreben zu reflektieren, ihren Aufstieg in den akademischen und kulturellen Institutionen" (Michael Hampe), ein dergestalt zur Karikatur verkommener Linksliberalismus, der vergessen hat, dass er nicht mehr unter allen Umständen subversiver Underdog ist, sondern sich an Universitäten oder in Social-Media-Kontexten explizite Machtzentren geschaffen hat, bringt einen epochalen Menschenschlag hervor: den digitalen linken Spießer.

Dieser droht die Linke leider für Leute von außerhalb dieser Blasen mittelfristig noch unattraktiver zu machen, als sie es ohnehin schon ist, denn auch und gerade für politische Bewegungen gilt: An ihren Langweilern sollst du sie erkennen. Der neue linke Spießer betrachtet Gegenwart und Vergangenheit mit puritanischem und polizeilichem Blick und genießt es, unablässig den Wuchs der Diskurshecken zu prüfen, mit der Gartenschere in der Hand.

Wahlweise stört er sich an den Scherzen von John Cleese oder Terry Gilliam, an einer Zeile von Nick Cave oder Steely Dan, an einer Karikatur von Ralf König oder an den Witzchen des Theoretikers Slavoj Žižek, von dem sein konservativer Freund Tylor Cowen behauptet, er habe den Humor eines "moderate right-winger", worauf sich Žižek gegenüber Cowen empört verteidigt: "Als ich jung war, war das noch linker Humor!"

Die linken Spießer begegnen allen unsensibel scherzenden oder gar andersdenkenden Zeitgenossen mit offener Verachtung, beweisen aber eine hohe Sensibilität, sobald man ihre eigene progressive Rolle in Zweifel zieht. Dies zu tun, ist jedoch nötig, denn ihr Zorn trifft in jüngerer Zeit sogar historische Figuren, auf deren Schultern sie stehen könnten, wenn sie deren Erbe nicht verspielten. Die Folge jener "ungeheuren Herablassung der Nachwelt" (eine Wendung von E.P. Thompson, die immer wahrer wird) ist ein äußerst abgeflachtes Verhältnis zur großen Andersheit namens Geschichte, die neuerdings ebenfalls von allen krummen Zweigen, von allen Irritationsmomenten bereinigt werden soll – jedenfalls sind es deftige Werturteile, die gegenwärtig geistesgeschichtliche Verdienste überschatten.

Zuletzt teilten bekannte italienische Linksintellektuelle, Politikerinnen und Aktivisten in den sozialen Netzwerken, anknüpfend an den alten Slogan von Lonzi, mannigfach ein Bild mit der Aufschrift "Sputiamo su Hegel" ("Wir spucken auf Hegel"): Der deutsche Philosoph – so  der sozial-mediale Tenor – sei letztlich nämlich nichts weiter als ein bösartiger Sexist gewesen. In der Verkürzung abstrus, aber ein exemplarischer Fall, finden doch in Deutschland längst vergleichbare "Debatten" statt (wobei hierzulande zufälligerweise Kant unter Beschuss gerät).

Es ist bedauerlich, dass ein Teil der Linken nicht mehr liest und wenn doch, dann bestenfalls Memes und Twitterbotschaften, zumindest ist das der Referenzrahmen, in dem dann die weitere Auseinandersetzung stattfindet. Aber spuckt nicht, wer auf Hegel spucken möchte, zugleich auch auf die bedeutende Rolle, die dieser für die Entwicklung des emanzipatorischen Denkens gespielt hat – und noch immer spielt: bei Judith Butler, Axel Honneth oder Jacques Rancière? Kennen die neuen linken Militanten die feministische Hegellektüre von Simone de Beauvoir, in der die Dialektik von Herr und Knecht analog zum Emanzipationsverhältnis von Mann und Frau gedacht wird? (Von den zahlreichen feministischen Lektüren der Antigone-Diskussion bei Hegel ganz zu schweigen...)

Gewiss: Der Hinweis darauf, dass die Beziehung zwischen Hegel und dem Feminismus auch gegenwärtig im Zentrum ernsthafter internationaler Debatten steht, ist für diejenigen, die den Autor der Phänomenologie des Geistes auf stumpfsinnige Weise abtun möchten, vollkommen uninteressant: Er lässt sich nämlich kaum für die eigene mediale Selbstinszenierung verwerten, die ja auch und gerade die Nicht-Leser unter den Linken motiviert. Aus demselben Grund geht sie auch jene Ambivalenz buchstäblich nichts an, die darin liegt, dass Hume, Kant oder Hegel zweifelsfrei rassistisch oder sexistisch schrieben und trotzdem ein unverzichtbarer Teil der europäischen Geistestradition sind, welche die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei, die Erklärung der Menschenrechte oder die gesetzliche Gleichberechtigung der Geschlechter hervorbracht hat.

Ganz unbestreitbar haben sie die Geschichte der Emanzipation mitgeprägt. Ob die neuen Linken ernstlich dem Aberglauben anhängen, wonach sich ein historischer Akteur jederzeit am eigenen Schopf aus der Geschichte ziehen könnte, um aus dem ahistorischen Ideenhimmel das moralisch Richtige zu deduzieren, ist am Ende schwer zu sagen. Sicher ist nur, dass es sie unablässig danach drängt, sich öffentlichkeitswirksam als moralische Instanz zu präsentieren, und dass sich jeder echte Spießer – auch der linke und digitale – durch sein Bedürfnis verrät, permanent als besonders tadelloses oder moralisch sattelfestes Exemplar unserer denkwürdigen Spezies wahrgenommen zu werden.

Das Schlimmste an den gegenwärtigen Spießern ist nun aber nicht, dass sie ahistorisch denken, jedes (vermeintlich) verunglückte Wort zur Würde des Skandals erheben, ständig Situationen des Verdachts organisieren (Wer hat was zu wem gesagt?) oder aus den Menschen wieder reumütige Geständnistiere zu machen versuchen. Das alles ist bloß schlimm. Schlimmer als schlimm ist, dass sie sich immer noch widerständig und "alternativ" fühlen, obwohl sie längst einem kulturell tonangebenden Milieu angehören. Eine unerlässliche Voraussetzung von Toleranz – und dieser Satz steht fest – liegt im ehrlichen Selbsteingeständnis von eigener Macht, auch diskursiver Macht (zum Beispiel an den Universitäten).

Nur die, die wissen, dass sie über Macht verfügen, können sich überhaupt die Frage stellen, ob sie andere tolerieren, das heißt: aushalten, erdulden möchten – oder eben nicht. Hieraus folgt: Die neopuritanische Linke muss sich darüber ehrlich machen, dass ihre Adepten in vielen politisch-kulturellen Konstellationen mittlerweile zu nichts anderem als Figuren der Macht geworden sind. Bislang versuchen sie es wortreich zu vermeiden, doch gerade sie hätten es nötig, sich ein Mantra von Adorno, einem maßgeblichen Vertreter der lesenden Linken, in Erinnerung zu rufen: "Wer innerhalb der Demokratie Erziehungsideale verficht" – mahnte dieser nämlich streng – "ist antidemokratisch, auch wenn er seine Wunschvorstellungen im formalen Rahmen der Demokratie propagiert."

Dass eine solche demokratische Gesinnung derzeit bei vielen Linken wenig praktische Würdigung erfährt, mag auch von der althergebrachten Arroganz herrühren, mit der insbesondere die einflussreichen französischen Linksintellektuellen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – vor und nach 1968 – über liberale Demokratien nachgedacht haben. Denn be­zeich­nen­derweise interessiert sich etwa Deleuze noch in den Neunzigerjahren gerade für ein "Demokratisch-Werden, das nicht mit den faktischen Rechtsstaaten zusammenfällt", während bei Barthes, Foucault, Lacan oder Kristeva demokratietheoretische Reflexionen fast gänzlich ausgespart werden. Anders als in früheren Zeiten, in denen der vielerorts immer abwegiger wirkende Terminus "linksalternativ" einen realen Sinngehalt hatte, fällt es indessen heute ins Gewicht, wenn diskursmächtige Linke immer noch in Begriffen wie "Subversion", "Aufstand", "Ereignis", "Unterlaufen", "Rebellion", "Widerstand" oder "Ungehorsam" denken, statt sich über die ganz konkrete demokratische Vermittlung progressiver Ideen den Kopf zu zerbrechen. Am Ende dieses Gedankens wird eine Linke, die ihre reale Diskursmacht leugnet, zwangsläufig moralisch totalitär. Sie duldet eben keinen Widerspruch, weil Widerspruch per se falsch ist. Die Macht, die sie hat, reicht ihr nicht, sie möchte sie weitestmöglich ausdehnen. Das aber zielt dann weder in faktischen Rechtsstaaten noch in anderen Gebilden auf einen demokratisch organisierten Diskurs.

Was die alte poststrukturalistische linke Avantgarde angeht, so bestach sie aus heutiger Sicht freilich durch ihren – für die linken Spießer der Gegenwart empörenden – Mangel an moralistischer Dogmatik. Sie verehrte de Sade, studierte Heidegger und rehabilitierte mit Nietzsche einen der politisch unkorrektesten Autoren der Geistesge­schichte. Im Übrigen betonte etwa Foucault, dass sich Fragen der Ent-Unterwerfung niemals dogmatisch, systematisch oder gar verwaltungstechnisch entscheiden ließen; vielmehr zähle der subversive Umgang mit Einzelfällen. Und auch Richard Rorty – der ein zentraler Vertreter der sogenannten postmodernen amerikanischen Linken war – glaubte nicht daran, dass sich gesellschaftliche Wirklichkeiten mit starren sprachlichen Regeln verändern ließen. Vielmehr brauche es idiosynkratische Einbildungskraft – "kreativen Sprachmissbrauch" –, eine Position, zu der sich auch Judith Butler einmal bekannt hat.

Den dominanten Strang der gegenwärtigen Linken, die mit dogmatischen Lösungen flirtet, ohne ihren Underdog-Status aufgeben zu wollen, vermag dies ebenso wenig zu beunruhigen wie der Umstand, dass sie keine funktionierenden ökonomischen Konzepte hat, um der sozialen Frage zu begegnen – man denke etwa an die exorbitanten Mietpreise oder an die prekären Lebensbedingungen des neuen Dienstleistungsproletariats. Aber auch das ist nicht verwunderlich, kann doch ökonomische Konzeptlosigkeit überhaupt als ein Grund dafür angesehen werden, sich mit derart verbissenem pädagogischen Eifer auf das Feld der Kultur zu stürzen.

Es geht nicht darum, jedes Interesse für Begriffe oder jede differenziertere Bewertung historischer Persönlichkeit zu diskreditieren. Die Verbissenheit aber, mit der man Debatten mit zugleich geleugneter diskursiver Macht moralistisch zu dominieren versucht, führt letztlich zu populistischer Reaktanz und schwächt die Linke noch dort, wo sie reale Probleme bekämpft. Denn natürlich gibt es, anders als es die politische Rechte behauptet, tatsächlich strukturellen Sexismus und Rassismus in Deutschland, und unter denen, die in universitären oder sozial-medialen Kontexten diskursmächtig sind, finden sich auch Menschen, die in anderen gesellschaftlichen Kontexten benachteiligt oder marginalisiert werden. Das Problem der Linken besteht offenkundig nicht darin, dass sie sich den Reaktionären entgegenstellt, die sich das kulturelle Zeichensystem der Fünfzigerjahre zurückwünschen und auf alle Ewigkeit stillstellen möchten. Sondern darin, dass sie diesen Kampf mit den zensorischen Instinkten führen möchte, die lange Zeit der politischen Rechten gehörten (anstatt an das selbstständige Urteil mündiger Menschen zu appellieren) und dass sie noch dazu die Klassendimension unterschlägt, die allen diesen Kämpfen inhärent ist.

Dass heute die AfD bei manchen Wahlen mehr Arbeiter-Stimmen erhält als jede andere Partei, ist in jedem Fall auch ein trauriges Zeugnis für die naserümpfende, spießig gewordene Linke, die in ihren schlechtesten Momenten zugleich den Eindruck erweckt, einen Klassenkampf "von oben" zu betreiben: eine Rebellion der tadellosen Vier-Zimmer-Altbau-Bourgeoisie gegen das schrecklich vulgäre, unaufgeklärte und politisch unkorrekte Proletariat. Solange die Linke das nicht begreift, werden sich ihre politischen Gegner die Hände reiben.



Aus: "Identitätspolitik: Die digitalen linken Spießer" Ein Gastbeitrag von Jan Freyn (18. Juli 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2020-07/identitaetspolitik-linke-intoleranz-zensur-demokratie-meinungsfreiheit/komplettansicht

Kontext: https://www.zeit.de/2020/29/cancel-culture-liberalismus-rassismus-soziale-gerechtigkeit

Quote
EinHistoriker #23

"Wie der Philosoph E.M. Cioran einmal hellsichtig bemerkt hat..."
Vielleicht bin ich ja auch nur ein moralisierender Linker, aber ich bezweifle, dass Cioran, ein Antisemit, Anhänger der rumänischen Eisernen Garde und Bewunderer Hitlers ein geeigneter Zeuge gegen die echte oder angebliche Linke ist.



Quote
kosmokrator #23.1

Sie bestätigen genau den Artikel. Welch verachtenswerte Anschauungen auch immer Cioran (oder jeder Mensch) hatte, dies diskreditiert nicht automatisch alle Aussagen.

Luther als Antisemit hat durchaus treffende Kritik am Katholizismus geäußert.

Che Guevara hat trotzdem dass er ein skrupelloser Mörder war manche sozialen Misstände korrekt angeprangert.

Die amerikanischen Gründerväter haben mit der amerikanischen Verfassung ein wunderbares Meisterwerk vollbracht obwohl sie zum Teil Sklaven hatten.

Usw.usf.

Die Welt ist nicht schwarz und weiß. Hauptsächlich besteht sie aus Grautönen.
Und eine infantile Vereinfachung aller Zusammenhänge ist auch ein merkmal der regressiven Linken. Genau wie der extremen Rechten.


Quote
Thore-lk #58

Bravo!

Leonardo da Vinci: "Jede kleine Ehrlichkeit ist besser als eine große Lüge."


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« Reply #51 on: August 20, 2020, 03:55:08 PM »

Quote
[...] Das Problem heißt, so nennen wir mitteljungen Leute das, oversharing. Übersetzt: zu viel mitteilen. Jede Aussage wird heutzutage mit einer Geschichte aus dem eigenen Leben gekontert. Ach, Sie fahren am Wochenende in die Uckermark? Da habe ich mir neulich beim Wandern den Fuß verstaucht! Ach, Sie haben sich den Fuß verstaucht? Ich habe mir kürzlich Nierensteine entfernen lassen! Ach, Sie hatten Nierensteine? Die Katze meines Sohnes hatte Krebs!

Gespräche, die so verlaufen, haben jede Form verloren. ...


Aus: "Geburtstalk" Anna Mayr (19. August 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/2020/35/alter-unterhaltungen-jungsein-merkmal
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« Reply #52 on: August 24, 2020, 11:25:04 AM »

Quote
[...] Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro hat einem Reporter mit Schlägen ins Gesicht gedroht. "Ich habe Lust, Dir auf den Mund zu schlagen", sagte der Staatschef zu dem Journalisten der Zeitung "O Globo", der ihn zur möglichen Rolle von Präsidentengattin Michelle Bolsonaro in einer politischen Affäre befragt hatte. Andere anwesende Reporter beschwerten sich über die Bemerkung des Präsidenten, woraufhin dieser ohne weitere Worte den Ort verließ.

Der Journalist von "O Globo" sowie auch Kollegen anderer Medien hatten Bolsonaro bei einer Begegnung vor der Kathedrale der Hauptstadt Brasília zu dem Bericht eines Magazins befragt, in dem die Ehefrau des Staatschefs in Verbindung mit einer Affäre um die Zweckentfremdung von Staatsgeldern gebracht worden war.

"O Globo" reagierte empört auf Bolsonaros Verbalausfall und betonte, dass der Reporter bei der Befragung des Staatschefs seine Arbeit in "professioneller Weise" getan habe. Solche Einschüchterung zeige, dass Bolsonaro nicht seine Verpflichtung anerkenne, als Diener des Staates "der Öffentlichkeit Rechenschaft abzulegen".

Laut dem Bericht des Magazins "Crusoe", zu dem die Reporter nachgehakt hatten, soll Michelle Bolsonaro in den Jahren 2011 bis 2016 auf ihrem Bankkonto Zahlungen von dem pensionierten Polizeioffizier Fabrício Queiroz erhalten haben. Queiroz ist mit dem heutigen Staatschef befreundet und war früher als Berater des Präsidentensohns Flávio Bolsonaro tätig. Gegen Queiroz und Flávio Bolsonaro ermittelt die Justiz, weil sie Gelder, die für die Gehälter von Staatsbeschäftigten bestimmt waren, für andere Zwecke abgezapft haben sollen. Flávio Bolsonaro war früher Regionalabgeordneter des Bundesstaats Rio de Janeiro, inzwischen gehört er dem Senat in Brasília an.

Quelle: ntv.de, vmi/AFP


Aus: "Bolsonaro droht Reporter mit Schlägen" (Montag, 24. August 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/politik/Bolsonaro-droht-Reporter-mit-Schlaegen-article21990561.html
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« Reply #53 on: August 26, 2020, 10:36:45 AM »

Quote
[...] Eins vorweg: Wenn Sie das Coronavirus für eine Erfindung halten und Bill Gates für den heimlichen Chef einer Weltverschwörung, dann sollten Sie besser nicht weiterlesen. Oder falsch: Gerade dann sollten Sie weiterlesen! Schon klar: Egal, was wir von der gelenkten und lügenhaften Mainstream-Fake-Presse hier schreiben, Sie werden es uns ohnehin nicht glauben. Dabei ist es überaus erfrischend, sich mit den Argumenten anderer auseinanderzusetzen. Deshalb wollen wir das an dieser Stelle tun – voilà: Fünf Dinge, mit denen Corona-Leugner anderen in der Pandemie ziemlich auf die Nerven gehen.

1. Kein Maß

Die Zustände, unter denen wir in Deutschland leben, sind die besten, die dieses Land je erlebt hat. Wer hier lebt, kann frei seine Meinung sagen, ohne Repressionen oder Schlimmeres befürchten zu müssen; die Demokratie ist stabil, die staatlichen Strukturen funktionieren reibungslos, es gibt sauberes Trinkwasser und ein dichtes soziales Netz. Vor allem ist unser Gesundheitssystem so gut, dass es selbst eine Pandemie in Schach halten kann, die es nach Meinung vieler Coronaleugner gar nicht gibt. Wer deshalb ernsthaft davon überzeugt ist, das Tragen von Papier- oder Stoffmasken – von Masken! – sei ein Akt staatlicher Bevormundung und ein massiver „Eingriff in unsere Freiheitsrechte“, der hat offenkundig noch nie von Ländern gehört, in denen Freiheitsrechte wirklich massiv eingeschränkt werden, von Nordkorea über Weißrussland bis nach China oder Tschetschenien. Die Kritik an den angeblich so „repressiven“ Maßnahmen in der Corona-Pandemie entbehrt deshalb jeder Verhältnismäßigkeit. Angesichts der Bilder im Frühjahr aus Spanien oder Norditalien, wo die Krankenhäuser von schwer- und schwerstkranken Covid-19-Patienten überfüllt waren und die Leichen der Gestorbenen in der Nacht mit Militärfahrzeugen in improvisierte Leichenhallen geschafft werden mussten, sind Maskenpflicht, Kontaktbeschränkungen und Nies-Etikette ein mehr als vertretbarer Preis dafür, dass Deutschland die Pandemie bislang sehr gut gemeistert hat.

2. Keine Toleranz (für Fehler)

Ja, es stimmt: Manche Politiker haben zu Beginn der Krise noch anders geredet als ein paar Monate später. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hielt eine allgemeine Maskenpflicht noch im März nicht für geboten – um sie wenige Wochen später dann plötzlich doch für sinnvoll zu erachten. Auch Infektiologen wie Christian Drosten von der Berliner Charité haben sich in den vergangenen Monaten immer wieder selbst korrigiert – und schon begann in den Kreisen jener, die Behörden, Politiker und die Vertreter des „Systems“ ohnehin für Scharlatane halten, wieder das Geraune von „Fake-News“. Wie billig – und wie unehrlich. Denn: Dieses Virus ist neu, und nicht nur die Politik, sondern auch die Forschung mussten sich erst Stück für Stück mit ihm und der neuen Bedrohung vertraut machen. Falschannahmen und Fehleinschätzungen, die man wenig später wieder korrigieren muss, weil sie von neuen Forschungserkenntnissen überholt wurden, sind dabei nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Und sie sind nicht automatisch ein Zeichen mutwilligen Betrugs oder von „Fake-News“, sondern einer Wissenschaft, die zu ihrer Fehlbarkeit steht und dadurch umso glaubwürdiger wird. Dasselbe gilt für Politiker: Lieber Volksvertreter, die offen mit Fehleinschätzungen umgehen und hoffentlich aus ihnen lernen, als ein egomaner, besserwisserischer Präsident wie Donald Trump, der sich schon zu Beginn der Pandemie zum größten denkbaren Fachmann für Corona-Fragen stilisierte und den Amerikanern unter anderem den gefährlichen Ratschlag gab, sich Desinfektionsmittel zum Schutz gegen das Virus zu spritzen.

3. Der Generalverdacht

Die Corona-Pandemie ist für viele ein gefundenes Fressen, die ohnehin ein tiefes Misstrauen gegenüber der Politik hegen. Deshalb sind die Proteste gegen die Pandemiemaßnahmen auch ein Sammelbecken für viele, die ihren Frust loswerden wollen: Frust über die Flüchtlingspolitik der Merkel-Regierung und die wachsende Ungleichheit zwischen Arm und Reich; über das Gefühl der Machtlosigkeit und die empfundene Bevormundung der „kleinen Leute“; über unsere immer unübersichtlicher werdende Welt und angebliche „Chemtrails“, mit denen eine vermeintliche Riege mächtiger Verschwörer um Bill Gates sich die Welt untertan machen will. Statt zu differenzieren und rational zu argumentieren, ventilieren viele nur noch ein diffuses Unbehagen gegen „dieses System“ und „die da oben“, denen per se jede Aufrichtigkeit abgesprochen wird.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es ist richtig und notwendig, Politiker, Behörden, Ärzte und Forscher kritisch zu hinterfragen und nicht jede vermeintliche Wahrheit unwidersprochen hinzunehmen. Das gilt für die Corona-Pandemie genauso wie für alle anderen Zeiten auch. Und selbstverständlich kann man die Corona-Maßnahmen, die die Regierung getroffen hat, über- oder untertrieben, noch angemessen oder schon zu freiheitseinschränkend finden. Doch dieser für eine Demokratie eigentlich lebenswichtige „kritische Bürgersinn“ ist bei manchen längst aus dem Ruder gelaufen, weil er nur noch der Legitimation eines destruktiven Widerstands gegen „dieses System“ dient: Hauptsache, dagegen – weil nicht sein kann und darf, was gerade „Mainstream-Meinung“ oder gängiger Forschungsstand ist.

Wer aber jeglichen wissenschaftlichen Fakt schon deshalb ablehnt, weil es in Zeiten des Internets für jede Zahl eine Gegenzahl gibt und jede Erkenntnis schon im Moment ihrer Veröffentlichung von selbsternannten „Experten“ in irgendeinem obskuren Netzforum „widerlegt“ wird, der darf an gar nichts mehr glauben. Nicht daran, dass die Welt eine Kugel ist – und schon gar nicht an den alleinigen Wahrheitsanspruch der obersten Verschwörungstheoretiker. Niemand kann für sich in Anspruch nehmen, die ultimative Wahrheit zu vertreten, kein Politiker, kein Wissenschaftler, aber eben auch kein Attila Hildmann. Und so lange keine besseren Fakten verfügbar sind, müssen wir uns mit denen begnügen, die wir haben. Das erfordert Kraft und Geduld, die viele nicht (mehr) aufbringen wollen oder können. Lieber erfinden sie – oder glauben an – alternative Fakten.

4. Der Egozentrismus

Nun könnte man ja sagen: Lasst denen, die nicht an die Gefährlichkeit des Coronavirus glauben wollen, doch ihre Meinung! Lasst sie doch protestieren und dabei keine Maske tragen – denn das versteht man doch unter Freiheit in einer Demokratie: anderer Auffassung sein zu dürfen, ohne deshalb Repressionen befürchten zu müssen. Richtig: Jeder hat die Freiheit, sich mit einem Virus anzustecken, an das er gar nicht glaubt. Und natürlich dürfen Tausende in Berlin gegen die Corona-Maßnahmen auf die Straße gehen. Wenn sie dabei aber einen neuen Infektions-Hotspot heraufbeschwören und nicht nur sich selbst, sondern auch viele andere gefährden, dann hat das nichts mehr mit Freiheit zu tun, sondern mit Ignoranz. Statt zu sagen, ich glaube zwar nicht an Corona, aber aus Solidarität mit denen, die an das Virus glauben, trage ich trotzdem eine Maske, kreisen gerade viele angebliche Kämpfer für die Bürger- und Freiheitsrechte nur um einen Fixstern: um sich selbst. Dabei ist es ein bisschen wie mit dem Rauchen, das im öffentlichen Raum aus gutem Grund seit vielen Jahren sukzessive reglementiert wurde: Wer rauchen und seine eigene Gesundheit ruinieren möchte, der soll das tun – aber ohne dadurch andere Menschen zu gefährden. Und wer nicht an die Gefährlichkeit des Coronavirus glaubt, etwa weil er jung und weniger gefährdet ist, der sollte sich selbst nicht zum Maßstab aller Dinge erklären. Sondern auch an die Älteren und Gefährdeten denken, bevor er die Maske im Supermarkt abnimmt.

5. Die Diskussionskultur (der Kritiker der Corona-Skeptiker)

Richtig gelesen: Wir nehmen sie auch in Schutz, diejenigen, die die Corona-Maßnahmen skeptisch sehen. Denn gerade darum geht es doch: die Dinge differenziert zu betrachten. Deshalb ist es ein Problem, wenn die SPD-Vorsitzende Saskia Esken die Anti-Corona-Protestler pauschal als „Covidioten“ bezeichnet. Schließlich gibt es unter jenen, die sich kritisch über die Pandemiemaßnahmen äußern und dafür auf die Straße gehen, sehr viele sehr kluge Menschen. Sie argumentieren differenziert, wägen Argumente ab, sind bereit, ihre Meinung auch zu ändern, wenn sie zu neuen Erkenntnissen gekommen sind. Eine pauschale Bezeichnung dieser Kritiker als „Covidioten“ ist nicht konstruktiv und schürt noch die Vorbehalte gegenüber „denen da oben“, die die Bedenken vieler Bürger angeblich nicht ernstnehmen.

Es ist legitim, Menschen auf das Heftigste zu kritisieren, die wilde, unreflektierte Verschwörungstheorien über das Virus und seine Herkunft verbreiten und für Argumente nicht (mehr) zugänglich sind. Aber das ist es nur dann, wenn man gleichzeitig diejenigen ernst nimmt, die noch bereit zur rationalen Diskussion sind. Eine Debatte erfordert schließlich die Bereitschaft zur Einsicht. Auf beiden Seiten.


Aus: "Kolumne „Fünf Dinge“: Fünf Dinge, die an Corona-Leugnern nerven" Oliver Georgi (26.08.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/stil/leib-seele/fuenf-dinge/verschwoerungstheorien-diese-fuenf-dinge-nerven-an-corona-leugnern-16918502.html
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« Reply #54 on: September 03, 2020, 11:16:59 AM »

Quote
[...] Aufbauschen, skandalisieren, beschimpfen: Unsere Gesprächskultur verkommt immer öfter zu strategischer Kommunikation. Das funktioniert, indem gezieltes Falschverstehen zur Taktik wird ...

Kein kommunikativer Trend ist so auffällig wie der sich in den sozialen Medien, in Talkshows und auf Demos austobende Hang zur rechthaberischen Fehlinterpretation. Zum Einsatz kommen dabei vor allem drei rhetorische Kampftechniken.

Die erste ist die Strategie der Nicht-Interpretation: Man weigert sich, „zwischen den Zeilen“ zu lesen, nimmt jedes Wort für bare Münze. Damit geht jegliche Doppelbödigkeit des Gesprächs verloren, auch alles Hintergründige und vor allem jede Ironie.

... Die zweite Taktik ist die gezielte Falschinterpretation.

... Die dritte Technik ist die Überinterpretation. Was sonst nur Karikaturen können, ist auf Twitter Modus Vivendi: Wer die Absage einer Hygiene-Demo begrüßt, ist Anhängerin der Merkel-Diktatur, wer auf die Demonstrationsfreiheit pocht, ist ein „Covidiot“. Und wer Kant gegen den Vorwurf des Rassismus verteidigt, verteidigt zugleich auch den Rassismus ...

Traurig ist, dass die Tugend hermeneutischen Wohlwollens dem Laster des hermeneutischen Generalverdachts weicht: Man ist sich stets sicher, und zwar rechts wie links, dass das Gegenüber ein viel schlechterer Mensch ist, als das aus seinen manifesten Äußerungen hervorgeht. Deshalb will man ihn nicht mehr verstehen. ... Verweigertes Verstehen macht freudlos und verbissen.  ...


Aus: "Verrohte Gesprächskultur: Der Wille zum Missverständnis" Arnd Pollmann (30.08.2020)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/verrohte-gespraechskultur-der-wille-zum-missverstaendnis.2162.de.html?dram:article_id=483182
« Last Edit: September 03, 2020, 11:21:31 AM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #55 on: September 03, 2020, 12:24:36 PM »

Quote
[...] In Paris hat heute ein großer Prozess zum islamistischen Terror-Anschlag auf die Redaktion des Magazins Charlie Hebdo begonnen. Am 7. Januar 2015 töteten die Brüder Said und Chérif Kouachi 12 Personen, Mitglieder der Redaktion des Satire-Magazins, einen Techniker, einen Personenschützer und einen Mann, der sich ihnen bei ihrer Flucht auf der Straße in den Weg stellte. Als ein zentrales Motiv für die Bluttat in der Redaktion wurde Rache für Mohammed-Karikaturen genannt. Unter den Mordopfern befanden sich die Zeichner Cabu, Charb, Honoré, Tignous und Wolinski.

Die beiden Täter wurden zwei Tage später von der Polizei gestellt und erschossen. Im Prozess, der als historisch bezeichnet, geht es um Hintergründe des Anschlags, der lange vorbereitet worden war. Der Prozess wird gegen Helfer des terroristischen Anschlags geführt. Es gibt 14 Hauptangeklagte, wobei drei nicht anwesend sind - sie gelten als tot oder verschollen in Syrien oder dem Irak.

Ungefähr zweihundert zivile Parteien sind vertreten, etwa hundert Anwälte beteiligt. Die Anhörung wurde auf 49 Tage angelegt, wie Le Monde berichtet. Der Prozess werde in voller Länge gefilmt, was seine historische Bedeutung untermauere, so die Zeitung.

Interessant ist aber auch seine aktuelle Bedeutung. Der Prozess holt das Problem des radikalen Islamismus wieder zurück in die Aufmerksamkeit, die von News bestimmt wird. Dort dominierte seit Monaten das Corona-Thema. Mit dem Prozessauftakt kommt eine Bedrohung wieder zur Sprache, die Frankreich lange Zeit in Atem hielt, der Anschlag auf Charlie Hebdo, der zeitgleich von einem anderen tödlichen Terrorakt auf einen koscheren Supermarkt und eine Polizistin begleitet wurde, war der Anfang einer Serie von monströsen Terroranschlägen im Nachbarland.

Die Debatte, wie mit der auf brutale Weise bittere Realität gewordenen Gefahr der Radikalisierung umgegangen werden soll, beherrschte den politischen Betrieb und die Fragen zur Selbstverständigung der Republik. Die Debatte mag von der Corona-Krise überdeckt worden sein, totgelaufen ist sie nicht, weil in ihr auch die Meinungsfreiheit verhandelt wird.

Das aktuelle Cover der Extraausgabe von Charlie Hebdo zum Prozessbeginn nimmt diesen Faden direkt auf. Unter der Überschrift "Tout ça pour ça?" (übersetzt etwa: "Und das alles dafür?") wird eine neue Mohammed-Karikatur umrahmt von den weltweit bekannten früheren präsentiert. Im Mittelpunkt des Titelblatts vom 2. September ist der ganz in Schwarz gekleidete Prophet zu sehen, der sich zerknirscht die Hände vor die tränenden Augen hält. "Es ist hart, wenn man von Idioten geliebt wird", so die Sprechblase dazu. Der Text neben dem gezeichneten Propheten lautet: "Mohammed, überfordert von den Fundamentalisten".

Es gab dazu auch eine Wortmeldung aus dem Libanon. Macron, der sich gestern dort aufhielt, wurde auf das Titelblatt von Charlie Hebdo angesprochen. Er antwortete darauf, dass er sich als Präsident nicht einzumischen habe, und sprach sich nicht nur für die Pressefreiheit, sondern auch explizit für das Recht auf Blasphemie aus. Er verband diese Freiheiten allerdings mit einem Appell an einen respektvollen, zivilen Umgang mit diesen Freiheiten und mit der Pflicht (devoir), "keinen von Hass geprägten Dialog anzustiften".

Hier wird es schwierig, wer definiert die Grenzen des Respekts, das Zumutbare, worauf richtet sich der Respekt, auf Personen, auf Inhalte? Der Streit über die Versuche, Hassreden durch Gesetze zu unterbinden, ist ein Teil dieses mit emotionalen Minen bestückten Geländes, wo es keine fixen Antworten gibt.

Geht es um Befindlichkeiten und Haltungen der Öffentlichkeit, wie sie sich in einer Ifop-Umfrage zur Meinungsfreiheit zeigt, so macht sich Charlie Hebdo Sorgen um die Jugend. Das zugespitzte Fazit lautet:

    Wenn man die Meinungsfreiheit verteidigen will, muss man aufhören, jung zu sein.

    Charlie Hebdo

Begründet wird dies mit Aussagen, die die Altersgruppe von 15- bis 24-Jährigen zur Einschätzung der Täter des Terroranschlages auf die Redaktion und zu den Karikaturen bei einer Interviewbefragung Anfang bis Mitte August abgegeben hat (1 020 Personen, repräsentativ für die Bevölkerung Frankreichs).

Auf die Frage, ob die Attentäter zu verurteilen sind, hätten 88 Prozent insgesamt und 72 Prozent der Muslime die Brüder Kouachi völlig verurteilt, was, so die Charlie-Hebdo- Autoren, zeige, dass 12, respektive 28% "sie sympathisch finden oder es ihnen egal ist". Dieser Anteil sei auffallend höher bei den 14- bis 24-Jährigen. Dort wurden lediglich 72 Prozent insgesamt und 62 Prozent der Muslime die Attentäter völlig verurteilen.

"Das erhöht deutlich die Popularität der Mörder und ihrer Akte", so der Schluss der Autoren. Sie untermauern ihren Eindruck noch mit dem Ergebnis, dass sich bei den 15- bis 17-Jährigen zeigt. War es 2016 noch ein Prozent unter ihnen, die den Anschlag nicht verurteilten, so sind es bei der aktuellen Umfrage 22 Prozent.

Bei der Frage zur Einschätzung der Mohammed-Karikaturen verfestigt sich der Eindruck der Charlie-Hebdo-Autoren. 47 Prozent der 15- bis 24-Jährigen würden die Empörung über die Veröffentlichung der Karikaturen verstehen. In der Gesamtbevölkerung sind es 29 Prozent. Unter den Muslimen 73 Prozent - und 83 Prozent unter den Muslimen im Alter zwischen 25 und 34 Jahren.

Auf die Frage, ob die Publikationen Recht oder Unrecht hatten, die Karikaturen zu veröffentlichen, "verteidigten nur 59 Prozent der Bevölkerung die Meinungsfreiheit", so Charlie-Hebdo. Bei den 15- bis 24 Jährigen sind es noch weniger, nämlich 35 Prozent. 69 Prozent der Muslime bewerteten die Veröffentlichung als unnütz. Der Anteil steigt bei den 15- bis 24-jährgen Muslimen auf 72 Prozent.


Aus: "Charlie Hebdo: "Wenn man die Meinungsfreiheit verteidigen will, muss man aufhören, jung zu sein"" Thomas Pany (02. September 2020)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Charlie-Hebdo-Wenn-man-die-Meinungsfreiheit-verteidigen-will-muss-man-aufhoeren-jung-zu-sein-4884273.html

Quote
     -fdik-, Volker Birk, 02.09.2020 17:55

Würde ich versuchen, andere möglichst öffentlich zu beleidigen? Nein.

Muss jeder aushalten, von Satire betroffen zu sein und sich beleidigt zu fühlen?

Ja.


Quote
     Birdy407, 03.09.2020 10:05

  Selber Schuld

Wer sich über andere Menschen glauben lustig macht.... selber Schuld.

Ich habe da kein Mitleid.

Über Leute lustig machen die eh schon nichts anderes haben als ihren glauben....
Gaaaanz Unten angekommen würde ich sagen.


Quote
     owm3, 03.09.2020 10:12

Re: Selber Schuld

Du hast also Verständnis dafür, wenn ein gläubiger Christ jemanden erschlägt, der seinen Heiland verunglimpft? ...


Quote
     Birdy407, 03.09.2020 10:14

Re: selber Schuld

owm3 schrieb am 03.09.2020 10:12:

    Du hast als Verständnis dafür, wenn ein gläubiger Christ jemanden erschlägt, der seinen Heiland verunglimpft?

    https://i2.wp.com/sciencefiles.org/wp-content/uploads/2016/02/titanic-dose.jpg?resize=328%2C233&ssl=1


ne aber ich habe Verständnis dafür wenn eine große Zeitung sich über Muslime lustig macht und dann dafür die Quittung bekommt.

Muslime sind was das betrifft sehr empfindlich - die schicken dich hald dann zu ihrem Allah

Karma nennt sich das

what goes around comes around


...

Quote
     König mit Krone, 03.09.2020 10:30

Re: selber Schuld

Diese versagen sich alles selbst, WEIL sie eine "Religion" haben.

Ganz unten angekommen und andere herunterziehend wegen Religion, dagegen gehört aufgestanden und Flagge bzw Karikaturen gezeigt. Zudem wäre mir neu, dass die Scheichs und Emirs und Kefirs der arabischen Halbinsel sonst nichts anderes mehr haben und ausgerechnet jene die brutalste und perverseste aller Auslegungen weltweit mit Milliarden Dollar ihres Benzingelds verbreiten und dabei von den anderen religionsverstrahlt pervertiert-evangelikalen Doomsday-Kranken unterstützt, gefördert und protegiert werden.


Quote
     fensterfisch, 03.09.2020 03:22

Meinungsfreiheit ist kein Ponyhof

Man muss nicht hinter jedem geschmacklich grenzwertigen Witz stehen. Aber man sollte grundsätzlich gegen Denk- und Sprechverbote sein. ...


...
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« Reply #56 on: September 27, 2020, 05:08:23 PM »

Quote
[...] Als Motiv habe er die erneute Veröffentlichung umstrittener Mohammed-Karikaturen durch "Charlie Hebdo" genannt, die er "nicht ertragen" habe.

Vor dem einstigen Sitz der "Charlie Hebdo"-Redaktion hatte ein Angreifer am Freitag zwei Journalisten einer Agentur mit einem Hackmesser attackiert und schwer verletzt. Kurze Zeit später wurde der Hauptverdächtige in der nähe des Tatorts festgenommen. Nach eigenen Angaben ist er 18 Jahre alt und kommt aus Pakistan.

... Sie wurden im Gesicht schwer verletzt. Der Angriff war unglaublich gewalttätig“, sagte Hermann. „Es gab eine echte Bereitschaft zum Töten.“ Hermann kritisierte, dass das Gebäude während des seit Anfang September laufenden Prozesses gegen mutmaßliche Helfer der Terrorserie im Januar 2015 nicht geschützt wurde.

...


Aus: "Verdächtiger gesteht Messerattacke in Paris" (26.09.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/er-habe-die-mohammed-karikaturen-nicht-ertragen-verdaechtiger-gesteht-messerattacke-in-paris/26219180.html

Quote
Firebird 15:51 Uhr
Antwort auf den Beitrag von mcgyver 26.09.2020, 19:11 Uhr

    Ich verstehe auch nicht, warum Charlie Hebdo nun zum zweiten Mal diese Karikaturen veröffentlicht. Es war doch absehbar, dass wieder ein Anschlag stattfinden würde und vielleicht war das nicht mal der letzte. 

Hm, so haben die Attentäter wohl auch gedacht.


Quote
countrylover 26.09.2020, 16:47 Uhr

    Als Motiv habe er die erneute Veröffentlichung umstrittener Mohammed-Karikaturen durch "Charlie Hebdo" genannt, die er "nicht ertragen" habe.

Ein guter Grund für europäische Tageszeitungen wie z.B. dem TSP nun erst recht die Mohammed-Karikaturen zu veröffentlichen und damit Solidarität mit den schwerverletzten Redakteuren in Paris zu zeigen.


Quote
Pumpi-macht-Stress 26.09.2020, 14:02 Uhr

Ideologien/Religionen vertragen schwer die Freiheiten in einer westlich-pluralistischen und demokratischen Gesellschaft. Einge der Foristen werden natürlich wieder die erneute Veröffentlichung der Karikaturen kritisieren: Ach, man muss nicht erneut Öl ins Feuer gießen.  Aber das Öl, ein heilsames Balsam, ist nicht das Problem - Feuer hat nicht nur Bücher verbrannt sondern au f den Scheiterhaufen religiöser Fanatiker brannten Menschen, bizarrerweise auch Tiere. Ach ja, Religionen sind was feines - sie geben uns Halt im morden, verbrennen, erstechen, hängen.


Quote
mansfield 26.09.2020, 16:07 Uhr
Antwort auf den Beitrag von ZyanKarli 26.09.2020, 15:13 Uhr

    Oder können Sie sich an aktuelle  Attentate von in ihrem Glaubensempfinden verletzten Buddhisten/Juden/Christen erinnern?

Na ja, z.B. als Gynaekologe, der Abtreibung vornimmt, wuerde ich mich in den USA sehr unsicher fuehlen. Was aber nicht von der Tatsache ablenkt, dass ich den Safalfismus als sehr gefaehrlich empfinde.


Quote
Pumpi-macht-Stress 26.09.2020, 18:20 Uhr
Antwort auf den Beitrag von ZyanKarli 26.09.2020, 15:13 Uhr

    Warum nehmen Sie alle Gläubige in Sippenhaft?

Sie sollten auf die Nuancen achten: Ich spreche von Ideologien/Religionen die "letzte Wahrheiten" verkünden, nicht von Gläubigen, die mal mehr oder weniger angefasst sind wenn es Kritik hagelt.


...

"Mann nahe Paris enthauptet: Neun Festnahmen - Macron spricht von islamistischem Terroranschlag" (17.10.2020)
Der Lehrer war am Freitag auf offener Straße ermordet worden. Anti-Terror-Fahnder gehen von einem Zusammenhang mit den umstrittenen Mohammed-Karikaturen aus. In der Nähe von Paris ist ein Geschichtslehrer offenbar im Zusammenhang mit den umstrittenen Mohammed-Karikaturen auf offener Straße enthauptet worden. Nach der Tat am späten Freitagnachmittag nahe einer Schule in Conflans Saint-Honorine schaltete sich die französische Anti-Terror-Staatsanwaltschaft ein. Der von der Polizei angeschossene mutmaßliche Täter starb nach Angaben aus Justizkreisen später. ... Bei dem Mordopfer handelt es sich nach Polizeiangaben um einen Geschichtslehrer, der seinen Schülern im Rahmen seines Unterrichts über Meinungsfreiheit die Mohammed-Karikaturen gezeigt hatte. Die Polizei war nach Ermittlerangaben zu der Schule nordwestlich der französischen Hauptstadt gerufen worden, weil Augenzeugen einen Verdächtigen in der Nähe beobachtet hatten. Als die Beamten vor Ort eintrafen, fanden sie die Leiche des Lehrers. ... Laut „Le Monde“, die sich auf Polizeikreise beruft, behandelt der Lehrer in seiner Klasse das Thema Meinungsfreiheit im Zusammenhang mit den Karikaturen Mohammeds. Dieser Aspekt sei der Grund, weshalb die Anti-Terror-Staatsanwaltschaft die Ermittlungen übernommen habe. ... Frankreich wird seit Jahren von islamistischen Anschlägen erschüttert – dabei starben mehr als 250 Menschen. Daher ist die Terrorgefahr fast ständig im Bewusstsein der Menschen. Erst vor einigen Wochen hatte es vor dem ehemaligen Redaktionsgebäudes des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ eine Messerattacke gegeben. Als Motiv hatte der Täter die erneute Veröffentlichung umstrittener Mohammed-Karikaturen genannt, die er „nicht ertragen“ habe. (Tsp, dpa, AFP)
https://www.tagesspiegel.de/politik/mann-nahe-paris-enthauptet-neun-festnahmen-macron-spricht-von-islamistischem-terroranschlag/26283278.html
« Last Edit: October 17, 2020, 11:11:34 AM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #57 on: September 28, 2020, 12:46:01 PM »

Quote
[...] ntv.de: Der Titel Ihres neuen Buches ist "Das gespaltene Land". Meinen Sie damit noch eine Trennung in Ost- und Westdeutschland?

Hans-Joachim Maaz: Ja, auch. Aus meiner Sicht ist das Land weiterhin oder auch erneut in West- und Ostdeutschland gespalten. Es gab ja diese Euphorie mit der Wende und der Hoffnung der DDR-Bürger, dass jetzt alles besser wird - mehr Demokratie, bessere Konsummöglichkeiten, Reisefreiheit. Aber das hat nicht so lange angehalten. Es gab dann doch eine spürbare Ernüchterung. Für viele Menschen sind diese Hoffnungen nicht aufgegangen. Aber für besonders wichtig halte ich, dass selbst Menschen, denen es deutlich besser ging, nicht zufriedener wurden. Sie leiden an den westlichen Lebenszwängen.

ntv.de: Was meinen Sie mit westlichen Lebenszwängen?

Hans-Joachim Maaz: Im Osten war man gut beraten, sich unterzuordnen, sich ins Kollektiv einzupassen, sich zurückzuhalten und nicht zu kritisch zu sein. Im Westen muss man laut sein, sich darstellen und verkaufen können. Das sind zwei sehr unterschiedliche Sozialisationen. Das ist der Grund, warum es diese Spannungen und ein Unverständnis zwischen Ost und West gab. Aber inzwischen erleben wir eine umfassendere gesellschaftliche Problematik, bei der die bisherige Konsum- und Wachstumsgesellschaft des Westens eine kritische Grenze erreicht hat. Das zeigt sich an der Finanz- oder Klimakrise oder an der Migrationsproblematik. In dieser Krise gibt es jetzt neue Gegensätze.

ntv.de: Welche Gegensätze sind das aus Ihrer Sicht?


Hans-Joachim Maaz: Menschen müssen sich an gesellschaftliche Verhältnisse anpassen, auch gegen ihr eigenes Wollen und Vermögen. Das führt oft dazu, dass sie gestresst und unzufrieden sind oder sich entfremdet verhalten müssen. Die bisherigen gesellschaftlichen Erfolge wurden durch solche Anpassungen erreicht. Wenn für eine zunehmende Zahl von Menschen die soziale Sicherheit nicht mehr gegeben ist, der Wohlstand und die Konsummöglichkeiten, dann sind sie geängstigt und verunsichert. Dann werden die persönlichen Ängste wieder aktiviert, die durch Kompensierung befriedet waren. Das ist aus psychotherapeutischer Sicht der Grund für die Spaltung, nicht nur zwischen Ost und West, sondern auch Alt und Jung, Mann und Frau, Stadt und Land, Migrationsfeinde und -freunde oder Coronamaßnahmenbefürworter und -gegner.

ntv.de: Wie definieren Sie an dieser Stelle Spaltung?

Hans-Joachim Maaz: Spaltung ist eine Reduzierung des kritischen Nachdenkens. Es ist ein primitiver seelischer Abwehrmechanismus, bei dem es nur schwarz oder weiß gibt. Ich beobachte, dass diese Spaltungen immer feindseliger werden. Das ist für mich Ausdruck einer seelischen Abwehr. Man möchte einen Schuldigen finden. Dann wird der eigene Anteil an einem falschen Leben und der Notwendigkeit, sich verändern zu müssen, erträglicher.

ntv.de: Nehmen denn Ost- und Westdeutsche in dieser Gesellschaftskrise verschiedene Positionen ein?

Hans-Joachim Maaz: Wenn wir davon ausgehen, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann, haben die Ostdeutschen damit Erfahrung. Sie wissen, wie es ist, wenn man sich anpassen muss und diese Anpassung plötzlich sinnlos wird. Das ist eine bittere und schmerzliche Erfahrung, aber auch eine, die hilft, bestimmte Dinge kritischer zu sehen. Und die haben die Westdeutschen nicht. Die Ostdeutschen sind aber mit dieser Erfahrung einfach sensibler und allergischer gegenüber gesellschaftlichen Entwicklungen oder auch politischer Heuchelei oder falschen medialen Darstellungen. Die Kritik, die aus dem Osten kommt, hat damit viel zu tun – dass man den Medien und Politikern nicht mehr traut. Das kennen Ostdeutsche. Deshalb ist die Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen stärker als im Westen. Dass es Pegida gibt und eine höhere Zustimmung für die AfD, das erkläre ich mir damit. Das ist nicht vordergründig politisch gedacht, sondern als Gesellschaftskritik.

ntv.de: Sie sprechen von unvereinbaren Polen, einem Entweder Oder, die meisten Menschen sind aber eher im Sowohl-Als-Auch unterwegs.

Hans-Joachim Maaz: Ich finde auch, dass ein gutes demokratisches Leben immer "Sowohl Als Auch" ist. Das ist die gesündere Variante, und das gibt es immer noch. Es haben eben immer beide Seiten Recht, es gibt nicht die eindeutige objektive Wahrheit. Es ist ja die Grundlage einer Demokratie, dass man Dinge so oder so sehen kann. Ich beobachte aber, dass das "Sowohl als Auch" zunehmend zu einem "Entweder Oder" wird. Das ist die Spaltung, der psychosozial primitive Abwehrvorgang oder die gestörtere Haltung. Damit nehmen die Feindseligkeiten in der Gesellschaft zu.

ntv.de: Wie kann man das ändern?

Hans-Joachim Maaz: Was wir brauchen, ist, dass wir alle Positionen zu Wort kommen lassen und ein wirklich kritischer Disput möglich wird. Das wird immer weniger. Stattdessen wächst die Tendenz zu sagen, das sind die ganz Bösen, mit denen reden wir nicht. Wenn in einer Gesellschaft auffällige Außenseiter- und Extrempositionen entstehen, dann bringt Abwertung nichts. Das sind Symptomträger einer gesellschaftlichen Entwicklung. Da muss man sich fragen, warum es mehr Kriminelle, Extremisten oder Gewalttäter gibt.

ntv.de: Innerhalb der pluralistischen Meinungsbildung werden ja diese verschiedenen Positionen durchaus diskutiert. Wie kann man das Einander-Zuhören auch im therapeutischen Sinne besser ermöglichen?

Hans-Joachim Maaz: Ich bin da anderer Meinung. Wenn sich heute jemand deutlich gegen Migration ausspricht, dann hat er es wesentlich schwerer, wird mehr kritisiert und abgewertet, als jemand, der für Migration ist. Es wäre wünschenswert, wenn es so wäre, dass alle Positionen diskutiert würden. Deshalb fürchte ich, dass sich die Verhältnisse zuspitzen, dass immer mehr Meinungen, die andere nicht hören wollen, ausgesperrt oder diffamiert werden.

ntv.de: Sie rufen dazu auf, das eigene Leben kritisch zu bewerten, statt vermeintlich Schuldige zu suchen. Was sehen Sie dabei für Defizite?

Hans-Joachim Maaz: Ich glaube, bei der Betrachtung des Nationalsozialismus und der DDR kommt die individuelle Beteiligung zu kurz. Solche Systeme sind nicht nur denkbar durch eine auffällige, pathologische Elite, sondern nur durch ein stützendes Mitläufersystem. Ich verwende dafür den Begriff der Normopathie und meine, dass etwas Gestörtes für normal gehalten wird, wenn eine Mehrheit diese Meinung vertritt. Das hat etwas mit dem menschlichen Grundbedürfnis zu tun, zu einer Gruppe dazuzugehören. So entsteht die Gefahr, dass man auch einer kollektiv falschen Meinung anhängt. Das kennen wir aus dem Nationalsozialismus und aus dem DDR-Sozialismus. Ich erkenne das auch in dieser aus meiner Sicht narzisstischen Gesellschaft. Wichtig ist, auf sich und auf seinen eigenen Anteil zu schauen. Was ist meine Schuld, wo bin ich Opfer, aber auch Täter einer gesellschaftlichen Fehlentwicklung? Das geschieht nicht ausreichend.

ntv.de: Steht 30 Jahre nach der Wiedervereinigung mehr persönliche Weiterentwicklung an, damit sich die Gesellschaft weiterentwickeln kann?

Hans-Joachim Maaz: Das wäre mein Wunsch. Ich sehe Zusammenhänge mit der Entwicklung des Kindes. In den ersten Lebensjahren wird die Persönlichkeit geprägt, die dann für ein Leben weiterwirkt. Deshalb ist es die beste Investition, wenn man für die beste Frühbetreuung von Kindern sorgt. Dann bekommt man emotional sichere, stabilere, friedfertigere Menschen, als wenn man die Kinder schlecht behandelt. Es wäre gut, wenn Politik und Wirtschaft das mehr berücksichtigen würden. Gerade gibt es die Tendenz, sehr rasch eine Fremdbetreuung zu favorisieren. Das sehe ich und viele meiner Kollegen kritisch, Krippe vom ersten bis dritten Lebensjahr eher nein, Kindergarten eher ja. Dazu gehört aber ökonomische und psychologische Unterstützung.

ntv.de: Sie werben sehr für das Zuhören, warum?

Hans-Joachim Maaz: Häufig ist es so, dass man nur darauf wartet, bis man die Stelle findet, an der man sein Argument anbringen kann. Das ist kein gutes Zuhören. Für meine Arbeit ist das aktive Zuhören wichtig. Mir sagt jemand etwas, aber ich höre nur das, was ich hören kann und will. Das ist mitunter sehr verzerrend zu dem, was gesagt wird. Also versuche ich zu formulieren, was ich verstanden habe und frage, ob das richtig ist. Eventuell wird das bestätigt oder präzisiert. So wird auch das Gemeinte mit verstanden. Das könnte schon in der Schule geübt werden. Das wünschte ich mir auch in der Gesellschaft und auch im Bundestag.

ntv.de: Politiker würden vielleicht argumentieren, dass zur politischen Auseinandersetzung eine gewisse Zuspitzung dazugehört. Schließt sich das aus?

Hans-Joachim Maaz: Entscheidend ist die Grundhaltung. Wenn ich immer davon ausgehe, ich muss den Gegner fertigmachen, schwächen und unbedingt meine Position durchsetzen, dann halte ich das für schädlich für das soziale Auskommen. Das ist keine Verständigung. Die Schärfe einer Aussage sollte in den Inhalten bestehen. Dafür muss man sich Mühe geben, die vertretenen Inhalte gut zu begründen. Eine Beschimpfung des Gegners ist das Gegenteil von dem, was gutes Zuhören bedeutet. Auch da gibt es wieder Parallelen zu Eltern-Kind-Beziehungen. Wir empfehlen auch da immer Ich-Botschaften statt Du-Botschaften, also zu sagen: Ich empfinde das so und nicht Du bist so. Die Ich-Botschaft hält die Beziehung lebendig, die Du-Botschaft belastet sie.

ntv.de: Sie selbst schauen auch auf 30 Jahre im wiedervereinigten Deutschland zurück. Wie fällt Ihr persönliches Fazit aus?

Hans-Joachim Maaz:

Ich habe sehr unter den DDR-Verhältnissen gelitten, weil ich mich da nicht einordnen wollte. Ich bin dann bei der Kirche untergeschlüpft und war dort sehr zufrieden, weil ich da frei arbeiten konnte. Ich war begeistert über den Zusammenbruch der DDR und war auch aktiv bei den Demonstrationen. Dann habe ich die neuen Verhältnisse genossen und auch beruflich neue Möglichkeiten gefunden. Das war alles positiv. In den letzten Jahren bin ich enttäuscht über die Entwicklung in ganz Deutschland. Ob das bei der kindlichen Frühbetreuung ist oder bei den demokratischen Defiziten, die ich sehe, das entsetzt mich. In der DDR gab es eine starke politisch-ideologische Abhängigkeit, heute gibt es eine starke und zunehmend auch moralische Abhängigkeit. Aus meiner Sicht steht in beiden Fällen als Resultat ein unsicherer und abhängiger Mensch. Das bleibt mein Thema. Ich unterscheide zwischen äußerer und innerer Demokratie. Es fehlt aus meiner Sicht die innerseelische Verankerung demokratischen Erlebens bei vielen Menschen, und das gefährdet demokratische Verhältnisse.

Mit Hans-Joachim Maaz sprach Solveig Bach


Aus: "Hans-Joachim Maaz im Interview "Ostdeutsche sensibler bei Veränderungen"" (Samstag, 26. September 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/politik/Ostdeutsche-sensibler-bei-Veraenderungen-article22058173.html

Hans-Joachim Maaz (* 17. Februar 1943 in Niedereinsiedel, Böhmen) ist ein deutscher Psychiater, Psychoanalytiker und Autor. ... 2017 war Maaz Unterzeichner der von der Dresdener Buchhändlerin und Pegida-Sympathisantin Susanne Dagen initiierten Unterschriftensammlung Charta 2017, die das Verhalten des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels im Hinblick auf die Proteste gegen die Präsenz von als rechts eingeordneten Verlagen bei der Frankfurter Buchmesse kritisierte. Nach den Ausschreitungen in Chemnitz 2018 warb er um Verständnis für die Demonstranten, wehrte sich gegen deren generelle Einordnung als Rechtsextreme und kritisierte in diesem Zusammenhang pauschalisierende Reaktionen der Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) und der Bundesregierung. ... ... 2020: Das gespaltene Land. Ein Psychogramm. Beck, München 2020, ISBN 978-3-406-75087-8.
https://de.wikipedia.org/wiki/Hans-Joachim_Maaz

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[Debattenkultur (Notizen)... ]
« Reply #58 on: September 30, 2020, 11:09:46 AM »

Quote
[...] Ständige Unterbrechungen und Beleidigungen: Das erste TV-Duell zwischen Donald Trump und Joe Biden hinterlässt verärgerte Zuschauer. Der Moderator konnte kaum mäßigen.

Chaos, Unterbrechungen und Beleidigungen haben das erste TV-Duell von US-Präsident Donald Trump und seinem Wahlherausforderer Joe Biden geprägt. Trump gab bei der Fernsehdebatte den Ton vor, indem er dem Präsidentschaftskandidaten der oppositionellen Demokraten ständig ins Wort fiel. Biden wiederum bezeichnete Trump als "Lügner", "Clown" und "Rassisten" – und fuhr ihn einmal mit den Worten "Halt den Mund, Mann!" an.

Laut des Konzepts sollten sechs Themenblöcke für jeweils 15 Minuten diskutiert werden. Der Moderator stellt eine Frage, die Kandidaten haben jeweils zwei Minuten für ihr Statement, danach folgt eine offene Diskussion. Diese Struktur fiel schnell auseinander, der erfahrene TV-Journalist Chris Wallace vom konservativen Fernsehsender Fox News hatte als Moderator der Debatte große Probleme, Trump zur Ordnung zu rufen. Er versuchte wiederholt, ihm Einhalt zu gebieten und ermahnte ihn, die Regeln der Debatte einzuhalten. Der angesehene Journalist blieb dabei allerdings meist erfolglos.

Biden wiederum lachte immer wieder – um deutlich zu machen, dass er sich von dem Präsidenten nicht provozieren lassen wollte. Er reagierte häufig mit einem ironischen Lächeln und wehrte sich gelegentlich mit leicht resigniertem Ton. "Würden Sie mal die Klappe halten, Mann?", fragte er an einer Stelle. Und: "Es ist schwer, mit diesem Clown auf den Punkt zu kommen." Häufig sprach er auch direkt in die Kamera, um sich an die Fernsehzuschauer zu wenden.

Neben den ständigen Unterbrechungen mit lauter Stimme warf Trump seinem Rivalen vor, die "radikale Linke" habe ihn um den "kleinen Finger gewickelt". Der frühere Vizepräsident sei zudem alles andere als "schlau". Der Präsident attackierte Biden auch für Geschäfte von dessen Sohn Hunter in der Ukraine und mit China. Außerdem mokierte er sich darüber, dass sein 77-jähriger Herausforderer wegen der Corona-Pandemie so häufig eine Schutzmaske trage – "die größte Maske, die ich jemals gesehen habe".

Biden hielt dagegen – und fuhr selbst scharfe Attacken gegen den Präsidenten. "Alle wissen, dass er ein Lügner ist", sagte der Ex-Vizepräsident. Er machte Trump für das verheerende Ausmaß der Corona-Krise in den USA mit bislang mehr als 205.000 Toten verantwortlich. Er habe schon im Februar über die Gefahr durch Covid-19 Bescheid gewusst, sagte Biden. "Er hat gewartet und gewartet und gewartet. Er hat noch immer keinen Plan." Biden bezeichnete Trump als "schlimmsten Präsidenten, den Amerika jemals hatte". Trump sei außerdem ein "Hündchen" des russischen Präsidenten Wladimir Putin.

... Bei den Zuschauern kam das Spektakel nicht gut an. Befragt nach ihrem überwiegenden Gefühl beim Anschauen der Debatte antworteten in einer CBS-Blitzumfrage mehr als zwei Drittel (69 Prozent), die Diskussion habe sie vor allem verärgert. Nur 31 Prozent fühlten sich davon unterhalten. In der Umfrage mit mehreren Antwortmöglichkeiten gaben zudem 19 Prozent an, sie seien nach der Sendung pessimistisch. Lediglich 17 Prozent erklärten, die Debatte sei für sie informativ gewesen. Den Ton der Diskussion, bei der vor allem der republikanische Amtsinhaber Trump seinem Herausforderer wiederholt ins Wort fiel, empfanden 83 Prozent der Befragten als negativ, nur 17 Prozent als positiv.

Auf die Frage, wer die Debatte gewonnen hat, nannten 48 Prozent Biden und 41 Prozent Trump. Rund zehn Prozent bewerteten den Ausgang als unentschieden.

Die erste TV-Debatte zwischen Trump und Biden fünf Wochen vor der Präsidentschaftswahl am 3. November wurde in der Case Western Reserve University in Cleveland im Bundesstaat Ohio ausgetragen. Der in Umfragen zurückliegende Republikaner Trump und der Demokrat Biden werden vor der Wahl noch in zwei weiteren Fernsehdebatten am 15. Oktober und am 22. Oktober aufeinandertreffen.


Aus: "TV-Duell zwischen Biden und Trump: "Würden Sie mal die Klappe halten, Mann?"" (30. September 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-09/tv-duell-donald-trump-joe-biden-debatte-corona-politik-rbg-nachfolge

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marcelmuellberg #9

Die präsidiale Schlammschlacht ist wie ein Unfall in Zeitlupe.
Man weiß, es ist schlecht, aber man kann nicht wegsehen.


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Nightrider #9.1

“Never wrestle with pigs. You both get dirty and the pig likes it.”


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this is so contemporary #10

Ich finde es unglaublich wie es ein Mann in einer Machtposition wie Trump nicht einmal schafft sich an einfachste Kindergartenregeln zu halten, wie ist der bitte dort hingekommen? ...


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Einfacher Bürger #10.1

"...wie ist der bitte dort hingekommen?"

"...wie Trump nicht einmal schafft sich an einfachste Kindergartenregeln zu halten,"

Genau deshalb.

Eine Menge Amerikaner hatten die etablierten US-Politiker einfach satt - was ich sogar verstehen kann. Dass sie mit Trump vom Regen in die Traufe gekommen sind, ist diesem Teil der Amerikaner dann auch schon egal. Dass so eine Einstellung überhaupt entstehen kann, macht klar, was Republikaner und Demokraten in den letzten Jahrzehnten versaut und gesät haben.
Das ist die Ernte.


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Dynamite Larry #14

Wallace war nicht echt zu beneiden. Aber ich finde, er hat seinen schwierigen Job heute recht gut erledigt.


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Instant Karma #28

Wenn ich jemals einen US-Präsidenten erlebt habe, der in aller Öffentlichkeit versucht hat, sein Gegenüber verbal zu vergewaltigen, dann heute morgen.
Ich habe einige Jahrzehnte in angelsächsischen Ländern verbracht, dies war wirklich auch sprachlich und geistig der Tiefpunkt, the absolute low point of my experience of a debating culture, thanks to the present incumbent. Biden sollte die zwei weiteren vorgesehenen Debatten mit diesem Schlägertyp absagen.
Oder der Moderator sollte einen Knopf haben, der bei Unterbrechungen Trump auf "stumm" schalten kann. Biden konnte in der ersten halben Stunde kaum seine kurzen zwei Minuten Statements formulieren, Mr. Wallace hätte eigentlich die Debatte abbrechen müssen, da sich Trump nicht an die vereinbarten Regeln hielt.


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Tendulkar #37

Die ‘Diskussion’ hat für mich gezeigt: Trump kennt nur eine Regel - seine eigene, Biden hat versucht ihm regelkonform zu begegnen!
Die Wähler werden entscheiden welche Vorgehensweise sie unterstützen!


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Dunciad #39

"Finden sie eine Diskussionskultur wie die von Trump für einen US-Präsidenten tatsächlich für angemessen?"

Ja. Das ist keine Papstwahl.


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Die Kommentarfunktion könnt ihr uns nehmen #41

Sehr starker Auftritt von Trump, der Biden sprichwörtlich alt hat aussehen lassen. Ich denke, die Wahl wird nun für Trump noch leichter zu gewinnen sein.


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Henry C. Chinaski #41.2

Man sollte so früh am Morgen noch nix trinken...


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FormSinn #50

Und auf solche Krawall-TV-Auftritte stützen die Amerikaner ihre Wahlentscheidung? ...


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Herr Wolke #58

Biden hat eigentlich alles richtig gemacht, als er die meiste Zeit nach dem Motto gehandelt hat: Laß Dich nicht auf eine Diskussion mit einem Idioten ein .... er zieht Dich auf sein Niveau herunter und schlägt Dich dann mit seinen Waffen.


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Abdul Alhazred #67.1

Naja, er hat ja den richtigen Ansatz von seinen Beratern reingehämmert bekommen "rede nicht mit Trump, rede mit den Leuten da draußen". Leider hat er sich oft von Trump aus der Fassung bringen lassen, die Geschichte über seinen Sohn am Ende war so gewiss nicht geplant - das war rein emotional.


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ClimateJustice #73

Die Taktik von Trump war offensichtlich Distracting. Denn inhaltlich konnte er nur verlieren.

Insofern muss man sagen, Trumps Taktik ist aufgegangen. Dass Menschen von diesem constant bullying abgestoßen werden, ist ihm gleichgültig. Er hat nur zum inneren Zirkel der Trump-Sekte gesprochen. Er glaubt irrigerweise, dass dessen Mobilisierung ihn über die Ziellinie bringen wird.


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Mahatma Pech #74

Biden ist der schlechteste Gegenkandidat, den man gegen Trump hätte ins Rennen schicken können. Ein guter Rhetoriker hätte Trump an diesem Abend mühelos in die Schranken weisen können.


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Kay-Ner #74.2

Selbst der Moderator hat das nicht geschafft und seine Mühen das zu verbergen.

Auch ein guter Rethoriker weiß, das Schweigen & Reden lassen, manchmal schon ausreichend sind.
Trump hat durch sein Verhalten gegenüber dem Moderator und dem Gegenkandidaten mehr über sich & seine Eigenschaften belegt, als Biden jemals verbal hätte platzieren können.

Ich weiß ich nicht welch heroischen Leistungen von einem Rethoriker erwarten.
Wie wären Sie denn mit Trump umgegangen, wenn der einen dauernd unterbricht?


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ottonis #75

Das fundamentale Problem bei Debatten mit Trump ist, dass es fast unmöglich ist, *die* richtige Umgangsform mit ihm zu finden:

Hält man sich an die Regeln und Gepflogenheiten, an feine Umgangsformen, erscheint man als Schwächling, der sich nicht wehren kann.

Schiesst man hingegen zurück, indem man ihm über den Mund fährt oder beleidigt, steigt man unweigerlich auf sein Niveau herab und erscheint als "auch nicht besser" als er, ganz davon abgesehen, dass Trump im "Bullying" absolute Weltklasse ist.

Da Trump sich an keine Regeln hält, gibt es aus meiner Sicht nur zwei Möglichkeiten:

1. Entweder keine direkte Interaktion mit ihm, also keine direkte Debatte

oder:

2. Strikte Regeln in Bezug auf Umgangsformen, deren Bruch jedes Mal zu einer direkten Strafe führt, z. B. 2 Minuten Redepause für den "offender", während der der Opponent reden darf.

Letzteres würde Trump derart durcheinander bringen, dass er innerhalb von 10 Minuten jede Debatte verlieren würde.


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Lionardo di ser Piero #75.2

Und nun stellen wir uns mal vor, dass das nicht nur in Debatten so ist, sondern jeden Tag im Weißen Haus, wenn sich irgendwelche Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter zu internen Besprechungen mit ihm treffen oder Papiere vorlegen.

Kann dabei eine Politik rauskommen, die rational und zielgerichtet ist?


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Lionardo di ser Piero #75.4

Der Punkt ist: Herr Trump hat von der ersten Sekunde an laut und heftig losgepoltert. Wie ein Duracell-Häschen mit frischen Batterien – die mit der doppelten Spannung.

Damit waren in den ersten Sekunden die Herren Wallace und Biden überrumpelt, komplett ohne Rhythmus. Biden hat sich dann irgendwie wieder gefangen, der Moderator kam aber nie wieder richtig in Takt. Zumal Trump dann auch immer wieder solche polternden Vorstöße einstreute, sowohl Wallace als auch Biden permanent ins Wort fiel.

Der Moderator hatte nie den Hauch einer Chance.


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ClimateJustice #78

16 öffentliche Lügen an jedem Tag seiner Amtszeit hat Trump bis zum 9. Juli produziert: https://www.washingtonpost.com/graphics/politics/trump-claims-database/ Mindestens. Seit Beginn der heißen Wahlkampfphase dürfte das Lügenbarometer durch die Decke geschossen sein. Seine gestrige Performance kommt noch on top.


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kajot #81

Mit Trump erblickt uns eine für einen Präsidenten unfassbare Primitivität und Skrupellosigkei. Und dafür, dass es generell unmöglich ist, mit derartigen Menschen eine zivilisierte, wenn nicht gar konstruktive Diskussion zu führen, hat sich Biden gut geschlagen. Wahrscheinlich hätte Kamala Harris - als ehemalige Staatsanwältin gewohnt, mit zwielichtigen Gestalten umzugehen - eine bessere Figur gemacht, aber dann hätte die gesamte verblendete, da auf Trump eingeschworene Rechte wahrscheinlich "Sozialistin" oder "Antifa-Aktivistin" geschrien.
Diese Wahl ist ein gigantischer Schein-Wettkampf, denn es ist nun einmal Faktum - da belegbar -, dass Trump permanent lügt, sein Amt missbraucht, sich durch das Amt bereichert, Vetternwirtschaft betreibt, das Gesetz beugt, Zeugenaussagen beeinflusst, das Finanzamt und die Banken betrügt und vor allem für über 200.000 tote Amerikaner einen großen Schuldanteil trägt.
Und was spricht für ihn?

Einzig die angeblichen "Fake News".


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Azog der Schlämmer #86

... Biden konnte Trump nicht in die Augen sehen. Jedes mal wenn Trump das Wort ergriff, stockte Biden und schloss schmerzerfüllt die Augen, um danach hilfesuchend in Richtung Moderator zu schauen. Er schien stehend K.O. Trump war unbeirrbar in seinem Drängen. Trump erzieht viel Quatsch, aber er hat Energie, Biden ist einfallslos und schwach.


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  vom Brocke #94

Einer der Tiefpunkte der demokratischen Debatte. Und der Beweis, dass der aktuelle Präsident eine armselige Fehlbesetzung ist.


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QoS #95

Habe jetzt die FAZ, die SZ, die ZEIT, den Spiegel, die WELT und lokale Medien gelesen. Wie unterschiedlich doch die Wahrnehmungen sind.


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Dombaumeister #95.1

Nennt sich Meinungsvielfalt.


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John Murphy #96

"Bei den Zuschauern kam das Spektakel nicht gut an. Befragt nach ihrem überwiegenden Gefühl beim Anschauen der Debatte antworteten in einer CBS-Blitzumfrage mehr als zwei Drittel (69 Prozent), die Diskussion habe sie vor allem verärgert. Nur 31 Prozent fühlten sich davon unterhalten. "

Ich habe das Duell nicht gesehen, also kann ich zum Inhalt nichts beitragen.

Was mich aber schon etwas schockiert ist die Feststellung, dass sich 31 Prozent der Zuschauer davon "unterhalten" fühlten. What?

Muss man von einem Politikerduell unterhalten werden? Geht es da nicht eher um Informationen und das, was die Politiker wollen? Oder werden diese Fernsehduelle von einem Drittel der Bevölkerung eher als eine Art Reality-Soap wahrgenommen?

Dann sollte es einen nicht wundern, wenn Trump auch die kommende Wahl gewinnt.


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Latouche Tréville #109

Biden hat verloren.

Letztendlich ist es egal, Weil der Supreme Court Trump sowieso zum Präsidenten machen wird, völlig egal, wie die Wahl ausgeht.
Noch so ein Duell, und Trump braucht den Supreme Court nicht.



Biden hat sich auf Trumps Niveau herabziehen lassen.

Das ist niemals gut. Stellenweise hat er sich verunsichern lassen und wirkte unkonzentriert. Auch nicht gut. Souverän ist anders.

48% zu 41% ist nicht sehr überzeugend.

Trump hat seinen radikalen Anhängern die Show geliefert, die sie haben wollten.
Biden muss in den beiden noch ausstehenden Duellen besser werden.
So wird das nichts.


Quote
Kay-Ner #109.3

Dafür das Trump unentwegt Biden ins Wort fiel, hat Biden sich Staatsmännisch & eloquent gezeigt. Dass ihm Trumpo dauernd ins Wort fiel und selbst der Moderator das kaum einschränken könnte (Mr President, we and your team agreed ...) kann man Biden nicht anlasten.


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spiegelwechsler #110

Laut Trumpfans übersteht "Sleepy Joe" doch kein Fernsehduell.
Was sagt man in der Blase denn jetzt dazu?


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fpwhaaat #110.2

Das Narrativ wurde schon im Vorfeld geschaffen: Biden stand selbstverständlich unter Drogen.


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Tico77 #110.3

Trump lieferte die beste Performance in der Geschichte der TV-Duelle. Wird das ernsthaft verbreitet? Ja, ernsthaft.
Andererseits ist der Foxnews-Moderator, offenbar von den Demokraten gekauft, an allem Schuld. Auch ernsthaft? Natürlich.


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8ball07 #113

Trump ist sich selber treu geblieben und hat gezeigt das er eine zweite Chance verdient hat.


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Karl Lauer #117

Verstörend ist das Trump im Stile eines Mafia-Paten nur von "my people" spricht. Wer soll das bitteschön sein?


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elfotografo #124

"Proud Boys – haltet euch zurück und haltet euch bereit." Trump.


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Latouche Tréville #117.2

Seine Wähler. Die Proud Boys. Bewaffnete Milizen. Die Leute, die ihn im Amt halten sollen, falls der Supreme Court ihn wider Erwarten doch nicht zum Präsidenten erklärt.


Quote
reasono #119

Der Artikel ist insofern tendenziös, als er unterstellt, dass beide Kandidaten schlechten Stil gezeigt hätten. Das ist absolut falsch. Trump hat sich aufgeführt wie ein missgelauntes Kleinkind.

Man stelle sich einmal vor, in der Debatte hätten sich zwei Trumps gegenüber gestanden.
Man stelle sich einmal vor, in der Debatte hätten sich zwei Bidens gegenüber gestanden.

Na? ...


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Latouche Tréville #119.1

"Trump hat nur ein Ziel gehabt: Das Zustandekommen einer Diskussion zu verhindern. Das ist ihm gelungen."

-> Und damit hat er das Duell gewonnen. ...


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Joanofarc #130

What a shame. Einem Narzissten beim Dekompensieren zuzusehen, macht keinen Spaß. Und hat mit Politik eigentlich nichts mehr zu tun. Man möchte fragen:, Ist ein Arzt anwesend?“


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Hofrat Behrens #150

Eine leidenschaftliche Debatte, voller Spontaneität und Emotionen. So spannend kann Fernsehen sein!


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Mia W. #150.1

Meine Oma hätte gesagt: "Sie haben einen Geschmack, wie ein krankes Huhn."


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Hau Tscho Hi #152

Diese TV Duell war eine gelungene Beschreibung des Zustandes, in dem sich die USA zur Zeit befinden. ...


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[Debattenkultur (Notizen)... ]
« Reply #59 on: November 19, 2020, 03:55:15 PM »

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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.11.2020
Überzeugend findet Rezensent Nico Hoppe die Kritik der französischen Feministin Caroline Fourest an der postmodernen Linken. In "Generation Beleidigt" legt sie dar, wie die linke Identitätspolitik mit dem Verweis auf die Herkunft Radikalismus verharmlost und zudem einen Opferkult aufbaut, der als lebenserhaltende Maßnahme für jene Diskriminierung und Privilegierung funktioniert, die von ihr eigentlich angeprangert wird. Wie genau es aber dazu kommen konnte, dass ursprünglich linke Ideale wie Diversität und Aufgeschlossenheit sich in ihr Gegenteil verkehrten, schafft sie leider nicht einleuchtend zu erklären, so der abwägende Rezensent.


Aus: "Caroline Fourest: Generation Beleidigt - Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei" (2020)
Quelle: https://www.perlentaucher.de/buch/caroline-fourest/generation-beleidigt.html

-

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[...] Will man in den USA einen Film machen, ist „Sensitivity Counselor“ fast so wichtig wie der Drehbuchautor, der Kameramann oder der Regisseur. Wie durch ein Minensucher leitet der Sensitivity Counselor das Filmteam über das Feld der Befindlichkeiten. Wird die Rolle des Transsexuellen auch durch einen Transsexuellen verletzt? Könnten Text oder Teile der Ausstattung eine Minderheit beleidigen? Darf der Regisseur überhaupt diesen Film drehen? Nehmen sich Weiße eines Thema wie Rassismus an, ist das schon einmal schwierig. Aber als Spike Lee den in Chicago spielenden Film Chi-Raq drehte gab es Kritik, dass Lee ja gar nicht aus Chicago kommt, sondern, in Atlanta geboren, in Brooklyn aufwuchs. Der Koch Jamie Oliver bekam Probleme, weil er ein Reisgericht mit einer jamaikanischen Gewürzmischung vorstelle – die in Jamaika allerdings nur für Hähnchengerichte genutzt wird.
Caroline Fourest Buch „Generation Beleidigt – Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei“ ist voll solcher Beispiele. Sind Yoga-Kurse kulturelle Aneignung?  Warum werden die Rollen von Indigenen beim Théâtre du Soleil nicht ausschließlich mit Indigenen besetzt? Mit der Frage, ob eine französische, feministische Laizistin sich über das Kopftuch äußern darf, wurde Fourest während ihrer Arbeit an einer amerikanischen Universität selbst konfrontiert. Und das sind noch die harmlosesten Beispiele, die sie beschreibt. Als der Biologieprofessor Bret Weinstein, ein engagierter Bürgerrechtler und Vorkämpfer gegen Diskriminierung jeder Art, sich an der Evergreen Universität dagegen aussprach, dass Weißen an einem Tag der Zugang zur Hochschule untersagt werden sollte, weil dies für ihn als „Bürgerrechtler – vielleicht sollte ich sagen, auch als Jude – inakzeptable (ist). Wenn die Leute anfangen, mir zu sagen, wohin ich gehen kann und wohin nicht, klingt das für mich wie ein Warnsignal.“ Studenten forderten daraufhin die Entlassung Weinsteins, bedrängten und bedrohten ihn. Auf Hilfe seiner Universität konnte er nicht setzen. Schließlich verließ er den Campus.

Es solche Vorfälle, um die es geht, wenn auch in Kontinentaleuropa über Cancel Culture diskutiert wird. Und nach der Lektüre des Buchs ist klar, dass solche Zustände verhindert werden müssen. Es geht darum, dass Gruppen an den Hochschulen und auch immer mehr in den Medien jeder Freiheit der Debatte einschränken, keine Diskussion mehr wollen und die Identität in das Zentrum rückt. Dürfen sich Weiße zu Rassismus reden? Laizisten zum Islam? In den USA, sagt die Autorin, hätten Professoren Angst, Themen anzusprechen, über die sich ihre Studenten aufregen. Zum Beispiel, wenn ihnen die Lektüre von Ovid zugemutet wird. Es droht Jobverlust. Braucht nicht jede Gruppe einen Safe-Space, in dem sie vor allen sie vielleicht irritierenden Ansichten geschützt ist? Fourest meint nein: Die Identitätspolitik, ein weitere Ausdruck der sich gegen den Universalismus und die Aufklärung stellenden Postmodernen, beschreibt sie als ein repressives System, dessen Protagonisten sich nicht gegen die Unterdrückung der Frau oder die Verfolgung von Homosexuellen stellen, sondern gegen Meinungs- und Kunstfreiheit. Profitieren von all dem nur die politische Rechte, denn der postmoderne Wahn schwäche die Linke. „Es ist Zeit, Luft zu holen und von neuem zu lernen, die Gleichheit neu zu denken, ohne der Freiheit zu schaden.“

Caroline Fourest "Generation Beleidigt: Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei", Edition Tiamat


Aus: "Im Fegefeuer der Befindlichkeiten" Stefan Laurin (19. November 2020)
Quelle: https://www.ruhrbarone.de/im-fegefeuer-der-befindlichkeiten/193166
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« Reply #60 on: November 25, 2020, 09:43:36 AM »

Quote
[...] Die Menschenwürde steht über der Meinungsfreiheit. So hat das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe einem Beschluss zufolge entschieden. Im konkreten Fall ging es um eine Kündigung wegen einer grob menschenverachtenden Äußerung. Diese hält das Gericht für rechtens. Der vom Beschwerdeführer geltend gemachte Anspruch auf ein freies Äußerungsrecht stehe dahinter zurück.

In dem Fall, mit dem sich die 3. Kammer des Ersten Senats befassen musste, hatte ein Mann in einer Betriebsratssitzung einen schwarzen Kollegen mit den Worten "Ugah, Ugah" angesprochen. Er selbst musste sich als "Stricher" bezeichnen lassen, "Ugah, Ugah" war aber keine direkte Reaktion darauf.

Weil der Mann zuvor schon eine Abmahnung wegen ähnlichen Verhaltens erhalten hatte, wurde er gekündigt. Diese Entscheidung hatte vor den Arbeitsgerichten durch alle Instanzen Bestand. Nun blieb auch die Verfassungsbeschwerde ohne Erfolg. Der Betriebsrat könne sich nicht mehr auf seine Meinungsfreiheit berufe. Einen schwarzen Menschen mit Affenlauten anzusprechen, ist demnach nicht nur eine derbe Beleidigung, sondern "fundamental herabwürdigend", hieß es in der Begründung.

Den Karlsruher Richtern zufolge schützt das Grundgesetz nicht nur die Meinungsfreiheit, es wendet sich auch gegen rassistische Diskriminierung. Die Arbeitsgerichte hätten beides zutreffend abgewogen. "Danach wird die Menschenwürde angetastet, wenn eine Person nicht als Mensch, sondern als Affe adressiert wird."


Aus: "Bundesverfassungsgericht stellt Menschenwürde über Meinungsfreiheit" (24. November 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-11/diskriminierung-urteil-bverfg-kuendigung-betriebsrat-menschenwuerde-meinungsfreiheit

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Jacky Brown #22

"Weil der Mann zuvor schon eine Abmahnung wegen ähnlichen Verhaltens erhalten hatte, wurde er gekündigt"

Unbelehrbar ...


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Lusu #4

Mich hätte echt mal interessiert welche angebliche "Meinung" der Kläger hier denn meint geäußert zu haben.


Quote
Simsalartist #4.2

Offensichtlich die Meinung, dass Menschen mit anderer Hautfarbe als seiner keine Menschen, sondern Affen sind.
Schön, dass das Gericht diese Meinung passend eingeordnet hat.


Quote
Peerchen #4.9

Ich denke eher, dass der Kläger denkt "Meinungsfreiheit" heißt alles sagen zu dürfen.

Dabei reicht ein Blick ins Gesetzbuch, dass das nicht stimmt - Neben Beleidigung und Herabwürdigung der Menschwürden sind ja auch andere verbale Äuerungen strafbar: Meineid, Erpressung, Üble Nachrede...


Quote
regreub #11

Die Gedanken sind frei!

Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte.
Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen.
Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.
Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter.
Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.


Quote
eisensau #11.2

Wahrscheinlich Charles Reade (1814–1884)


Quote
lassteskrachen #13

"Betriebsratssitzung einen schwarzen Kollegen mit den Worten "Ugah, Ugah" angesprochen. Er selbst musste sich als "Stricher" bezeichnen lassen"
Was ist das für eine Firma mit so einem Umgangston?


Quote
Durch Schaden wird man klüger_Aber niemals klug #13.1

Das habe ich mich auch gefragt.


Quote
fuerdieMitte #15

Absolut richtige Entscheidung. Interessant wäre hierzu die Abwägung warum alles was man so Frau Künast an den Kopf geworfen hat am Gericht zur freien Meinungsäußerung gezählt wurde - obwohl dies ebenso herabwürdigend war.


Quote
marcel_nrw #15.1

Die Begründung des Gerichts war, dass ein Spitzenpolitiker sich aufgrund seiner Position mehr gefallen lassen muss als Lieschen Müller. Kann man aber auch anders sehen.


[ " ...  Durfte Renate Künast in Kommentaren zu einem Facebook-Post als "Stück Scheisse", "Schlampe", "Drecks Fotze", als "hohle Nuß, die entsorgt gehört" und als "Sondermüll" bezeichnet werden? Im September 2019 beantwortete das Landgericht Berlin diese Frage mit Ja. Nun kommt es zu einem anderen Ergebnis und ändert seinen Beschluss von damals teilweise ab. Die Grünen-Politikerin will von Facebook die Daten der Nutzer, die sie in den Kommentaren zu einem Post wüst beschimpft hatten, um anschließend zivilrechtlich gegen diese Nutzer vorgehen zu können. Facebook ist gesetzlich zur Herausgabe der Daten verpflichtet, wenn die Kommentare strafbar sind - also etwa beleidigend. ...  Neu war für das Gericht auch, dass der Betreiber der Facebook-Seite seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet und "in vielen Presse- und TV-Beiträgen als Prototyp der deutschen 'Fake-News' Szene beschrieben" werde. Zudem sei dem Gericht inzwischen durch ein anderes Verfahren bekannt geworden, dass der Mann "öffentlich Hetze gegen Personen des liberalen bis linken politischen Lagers" betreibe, unter anderem auf einem eigenen Blog. All das rückt die Facebook-Kommentare aus Sicht des Gerichts nun in ein anderes Licht.  Maßgeblich sei nämlich, wie die Kommentatoren den Facebook-Post verstehen durften. Es mache einen "erheblichen Unterschied", ob sie davon ausgehen durften, dass Künast richtig zitiert worden ist. Da den Fans und Followern des Mannes aber der Ruf von dessen Blog bekannt sein dürfte, mussten sie wohl eher davon ausgehen, dass es sich um ein Falschzitat handelte: "Angesichts der für die Nutzer erkennbaren Hintergründe des Posts mussten sich ihnen Zweifel in Bezug auf die Authentizität des weiteren Zitates aufdrängen", heißt es in dem Beschluss. Durch das Falschzitat fehlt den Kommentaren damit jeglicher Bezug einer Auseinandersetzung mit dem tatsächlichen Zwischenruf von Künast während der Debatte von 1986. Im Einzelnen geht das Gericht deshalb nun davon aus, dass die Kommentare teilweise unzulässige Schmähkritik sind - also eine bloße Herabsetzung der Person, keinerlei Auseinandersetzung in der Sache. ..." | https://www.tagesschau.de/inland/kuenast-beleidigung-103.html (21.01.2020) ]

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Pardier #16

Hier hätte das BVerfG die Menschenwürde als konkurrierendes Schutzgut gar nicht bemühen müssen. Beleidigungen sind bereits vom Grundrecht der Meinungsfreiheit selbst nicht gedeckt, und zwar unabhängig davon, ob sie rassistisch motiviert sind oder nicht; vgl. Art. 5 Abs. 2 GG: "Diese Rechte finden ihre Schranken (...) in dem Recht der persönlichen Ehre."

Auch ein "Sie Volltrottel" berechtigt (nach Abmahnung) zur verhaltensbedingten Kündigung.


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Geai Raison #16.2

Was eine Beleidigung ist, kann man aber nur über die Abwägung mit der „Wahrnehmung berechtigter Interessen“ herausfinden, was dann wieder geradewegs zum Aufwiegen (manche sagen auch spöttisch: Schaukeln) der Grundrechte führt.

Wenn jemand einen besonders doofen Fehler macht und viel Schaden anrichtet, wird man den wegen des sachlichen Bezugs schon mal straflos als Volltrottel bezeichnen dürfen (müssen).

Etwas anderes ist eine rassistische Beleidigung, die den Persönlichkeitskern und damit die Menschenwürde berührt.


...
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« Reply #61 on: November 25, 2020, 05:41:35 PM »

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[...] In einer hitzigen Debatte über Verfassungsschutzfragen zeigt Thüringens Ministerpräsident einem AfD-Abgeordneten den Mittelfinger. Der Vorfall aus dem Sommer könnte Folgen für Ramelow haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nach einer Anzeige und beantragt die Aufhebung seiner Immunität.

Die Staatsanwaltschaft Erfurt hat die Aufhebung der Immunität von Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow von der Linkspartei beantragt. Es geht um den Vorwurf der Beleidigung, wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft sagte. Hintergrund ist ein Vorfall im Thüringer Landtag Mitte Juli, als Ramelow dem AfD-Abgeordneten Stefan Möller von der Regierungsbank aus den Mittelfinger zeigte. Außerdem hatte er ihn als "widerlichen Drecksack" bezeichnet und dies später vor laufender Kamera wiederholt. Möller erstattete daraufhin Anzeige.

Der Antrag auf Immunitätsaufhebung Ramelows ist nach Angaben des Thüringer Landtags bereits eingegangen. Ramelow genießt Immunität, weil er auch Abgeordneter des Parlaments ist. In Thüringen muss der Justizausschuss die Aufhebung der Immunität eines Abgeordneten beschließen. Vorsitzender dieses Ausschusses ist Möller selbst. Erst wenn der Ausschuss Ramelows Immunität aufgehoben hat, beginnen die Ermittlungen in dem Fall. Dem Antrag vorausgegangen war aber laut Staatsanwaltschaft eine erste Prüfung, ob sich aus den Vorwürfen ein Anfangsverdacht ergibt.

Die CDU-Fraktion sprach sich für die Aufhebung von Ramelows Immunität aus. "Provokationen von Links und Rechts schaden unserem Land", sagte ihr Vorsitzender Mario Voigt. Er forderte, dass der Vorfall in der Juli-Plenarsitzung "ohne Ansehen der Person" juristisch aufgearbeitet wird. "Selbstverständlich muss die Immunität des Ministerpräsidenten aufgehoben werden, wenn dies zur Aufklärung nötig ist."

 Der AfD-Abgeordnete Möller hatte während einer Diskussion über den Umgang mit NSU-Akten im Juli den Verfassungsschutz als skandalgeneigte Behörde bezeichnet. "Wer da schon alles Tolles beobachtet wurde, nicht wahr, Herr Ramelow?", sagte Möller schließlich in Richtung des Thüringer Regierungschefs. Ramelow zeigte Möller daraufhin den Mittelfinger. Ein Foto des Vorfalls existiert nicht. Tatsächlich wurde Ramelow vom Verfassungsschutz überwacht. Allerdings stellte das Bundesverfassungsgericht fest, dass die jahrelange Überwachung verfassungswidrig war.

AfD-Fraktionschef Björn Höcke legte Ramelow nach dem Vorfall einen Rücktritt nahe: "Wenn er einen Funken politischen und menschlichen Anstand besäße, würde er zurücktreten!", erklärte Höcke und nannte Ramelow amtsunwürdig.

Ramelow selbst gab sich später reumütig: "Dem Landtag gebührt mein Respekt als Verfassungsorgan. Den habe ich heute nicht im gebotenen Maße gezeigt", schrieb der 64-Jahre alte Politiker damals auf Twitter.

Quelle: ntv.de, mau/dpa


Aus: "Aufhebung von Immunität droht Mittelfinger gegen AfD bringt Ramelow in Not" (Mittwoch, 25. November 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/politik/Mittelfinger-gegen-AfD-bringt-Ramelow-in-Not-article22193003.html

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« Reply #62 on: December 09, 2020, 12:49:46 PM »

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[...] Drei Viertel der jungen Menschen in Deutschland sehen sich regelmäßig mit Falschnachrichten konfrontiert. In einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap gaben 76 Prozent der 14- bis 24-Jährigen an, dass sie mindestens einmal pro Woche im Internet oder in sozialen Medien auf Nachrichten oder Beiträge stoßen, bei denen sie das Gefühl haben, es handele sich um Falschinformationen. Jeder fünfte Befragte gab sogar an, dass dies mehrmals täglich vorkomme.

Im Vergleich zu den Vorjahren hat sich demnach der Anteil derjenigen, die es regelmäßig mit Fake News zu tun bekommen, deutlich erhöht. 73 Prozent der Befragten sehen zudem seit Beginn der Corona-Pandemie eine Zunahme an Falschnachrichten. Und zwei Drittel gaben an, dass es bei Corona schwerer als bei anderen Themen sei, glaubwürdige von unglaubwürdigen Nachrichten zu unterscheiden.

Mit 85 Prozent der Befragten wünscht sich eine große Mehrheit der jungen Deutschen das Thema Desinformation als verpflichtenden Bestandteil des Lehrplans an Schulen. Bisher würden Falschnachrichten nur bei 30 Prozent der Befragten im Unterricht thematisiert. "Dabei ist unter jungen Menschen in Deutschland längst Konsens, dass Medieninformationskompetenz genauso auf die Lehrpläne gehört wie Deutsch oder Mathematik", erklärte die Stiftungsvorsitzende Inger Paus.

Insgesamt fühlt sich zwar eine deutliche Mehrheit von 66 Prozent der Befragten sicher im Umgang mit Falschnachrichten und ist der Ansicht, diese "sehr" oder "eher sicher" als solche zu erkennen. Dennoch zeigt sich insgesamt auch Verunsicherung. Der Aussage "Weil es so viele Falschnachrichten gibt, weiß ich nicht mehr, welchen Informationen ich noch vertrauen soll" stimmten immerhin 53 Prozent der jungen Leute zu, 47 Prozent nicht.

Die meisten Befragten sind der Ansicht, dass die Verbreitung von Falschnachrichten eine Gefahr für die Demokratie ist. Für die Erhebung im Auftrag der Vodafone-Stiftung befragte das Institut Infratest dimap mehr als 2000 junge Menschen in Privathaushalten, die das Internet nutzen. Die Umfrage fand vom 11. bis zum 28. September statt.

Quelle: ntv.de, jug/dpa/AFP


Aus: "Fake-News-Boom verunsichert die Jugend" (Mittwoch, 09. Dezember 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/panorama/Fake-News-Boom-verunsichert-die-Jugend-article22223820.html
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« Reply #63 on: January 21, 2021, 12:21:30 PM »

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[...] Am Ende war es wie ein Dominoeffekt. Twitter. Facebook. YouTube. TikTok, Reddit, Pinterest. Nach dem Angriff von Donald Trumps Anhängerinnen und Anhängern auf das Kapitol entschied eine Social-Media-Plattform nach der anderen, Konten des noch amtierenden US-Präsidenten zu sperren.

Seitdem ist eine Debatte darüber entbrannt, ob eine private Firma das eigentlich darf beziehungsweise dürfen sollte: das Konto eines gewählten Staatsoberhauptes sperren. Während die einen diesen Schritt als "überfällig" bezeichnen oder als digitalen "Sumpf", der endlich trockengelegt werde, warnen andere, dass Social-Media-Plattformen in das Grundrecht auf Meinungsfreiheit eingreifen – oder dass es beunruhigend sei, wenn Privatunternehmen "de facto darüber entscheiden, was wir sehen dürfen".

Üben die Unternehmen nur ihr Hausrecht aus, so wie ein Wirt eben auch einen rüpeligen Gast rauswerfen darf? Greifen sie in die Meinungsfreiheit ein? Oder gar in die Demokratie, weil sie einem Staatsoberhaupt ein wichtiges Sprachrohr nehmen? Oder sehen wir einfach derzeit den Moment, in dem die Plattformen nicht länger so tun können, als stünden sie als unbeteiligte Beobachter am Spielfeldrand? Viele Fragen, die noch mehr Fragen aufwerfen, auf die es leider kaum einfache Antworten gibt.

Die Debatte darüber ist derzeit hitzig, dabei wird sie eigentlich schon seit vielen Jahren geführt. Spätestens seit dem US-Wahlkampf 2016, bei dem versucht wurde, bestimmte Wählergruppen mit manipulativen Tricks und Einmischungen von den Wahlurnen fernzuhalten, ist auch der breiten Masse bewusst geworden, dass digitale Angriffe auch große Auswirkungen auf unsere analoge Welt haben. Doch auch vier Jahre nach diesem Ereignis macht die Diskussion, wie soziale Netzwerke auf all das reagieren sollen, immer noch einen in weiten Teilen ratlosen Eindruck.

Denn sie weist weit über die wütenden Caps-Lock-Posts des Noch-Präsidenten der USA hinaus. Es geht um die Frage, welche Rolle soziale Medien in unseren Gesellschaften einnehmen. Wie viel Verantwortung sie dafür übernehmen müssen oder dürfen, was für Inhalte über sie transportiert werden, wie sie sie verstärken oder begrenzen. Es geht darum, wie Gesellschaften damit umgehen, dass Hass und Hetze im Netz andere Dynamiken entwickeln, als dies im Analogen der Fall ist. Es geht um das Problem, dass soziale Netzwerke, wenig überraschend, eben nicht nur dazu genutzt werden, Menschen zu vernetzen, sondern auch dazu, Gesellschaften zu spalten, Minderheiten einzuschüchtern, Menschen zu radikalisieren – und dass diese Radikalisierung dann auch in die Offlinewelt zurückschwappen kann.

Viele Lösungsversuche zielen auf die großen Techunternehmen ab. Verständlich, schließlich sind es ihre Portale, auf denen sich unter anderem Hetze, Lügen und gezielte Desinformation verbreiten – warum sollten sich Facebook, Twitter oder YouTube dann nicht auch um eine Lösung für sie bemühen müssen? Strittig ist dann aber schnell, wie genau diese Lösungen konkret aussehen können.

Schon lange pflegen die Plattformen eigene Richtlinien, die Nutzerinnen und Nutzer befolgen müssen: Auf Facebook sollten sie unter anderem nicht zu viel nackte Haut posten, auf YouTube kein Cybermobbing betreiben und auf Twitter andere Menschen nicht belästigen. Sonst droht ihnen das Gleiche wie Trump: Sie könnten ihren Account verlieren. Außerdem gelten natürlich überall auf der Welt Gesetze: Was Gerichte verbieten, müssen die Plattformen von den Seiten nehmen – nur ist dieser Weg in der Regel so langwierig, sind die zuständigen Behörden so unterbesetzt, dass Entscheidungen viel zu spät fallen, um Betroffene zu schützen.

Trotzdem haben sich die Unternehmen lange auf die Position zurückgezogen, dass sie nur eine Plattform bieten, inhaltlich aber nicht verantwortlich für das sind, was dort gepostet wird. Mark Zuckerberg sagte noch 2018 während einer Senatsanhörung, dass es nicht Facebooks Ziel sei, in politische Aussagen einzugreifen. Immer wieder spielte er sich als Hüter der Meinungsfreiheit auf. Twitter-Chef Jack Dorsey argumentierte damals noch ähnlich und sagte, man könne doch nicht ständig die Regularien wegen einiger Einzelfälle anpassen. Und auch YouTube-Chefin Susan Wojcicki sagte noch im vergangenen Jahr, die Plattformen seien neutral und fair.

In den USA, wo viele der Plattformen ansässig sind, gibt Section 230 des Communications Decency Acts von 1996 ihnen darin recht: Danach können Plattformen nicht haftbar für das gemacht werden, was Dritte dort äußern, sie dürfen allerdings moderierend eingreifen. Während einige Forscher wie die Netzbürgerrechtsspezialistin Danielle Citron dies kritisieren, weil Plattformen so von jeglicher Verantwortung für Inhalte befreit würden, verteidigt die Digitalbürgerrechts-NGO Electronic Frontier Foundation den Paragrafen als "das wichtigste Gesetz zum Schutz freier Meinungsäußerung im Netz". Derzeit wird in den USA heftig über Änderungen hierzu diskutiert: Donald Trump und die Republikaner sehen in den Moderationsbefugnissen der Plattformen Zensur, während Joe Biden und den Demokraten das Gesetz nicht weit genug geht. Biden äußerte kürzlich in einem Interview mit der New York Times die Idee, Section 230 aufzuheben. 

Dabei gingen die Richtlinien der Plattformen schon in der Vergangenheit nicht immer damit einher, was man gesellschaftlich akzeptabel findet und was nicht. So findet Facebook schon einen entblößten Nippel auf einem Bild oft sperrwürdig, was in den USA vielleicht auf Zustimmung stößt, in Deutschland aber gewöhnlich kein Grund zum Löschen wäre. Hass hingegen bleibt dagegen teilweise stehen, auch wenn er gemeldet wird. Doch es ist sicherlich auch einfacher, nackte Haut automatisiert zu erkennen als einen beleidigenden Textbeitrag, der auch einfach Satire sein könnte.

Ein Problem ist auch: Was Plattformen wegmoderieren und nach welchen Regeln, ist häufig eine Blackbox: Facebook, Twitter, aber auch neuere Anbieter wie TikTok statten ihre Moderationsteams zwar mit langen Regelwerken aus, was akzeptable Inhalte sind und was nicht, diese Dokumente sind aber in der Regel nicht öffentlich und verändern sich ständig. Und vor allem: Was darin steht, entscheiden die Plattformen eigenständig. Kritik gibt es auch immer wieder an den Arbeitsbedingungen für diejenigen, die eben jene Regelwerke dann anwenden müssen: Content-Moderatorinnen und -Moderatoren arbeiten häufig vom anderen Ende der Welt aus, müssen viele Entscheidungen binnen Sekunden treffen – und einige von ihnen sind von der Arbeit schwer traumatisiert.

In Bewegung geriet die Haltung der Techkonzerne erst nach der US-Wahl 2016 – zumindest ein wenig: Es zeigten sich Ansätze, zu überdenken, ob man eben nicht nur eine neutrale Plattform ist, sondern doch auch verantwortlich für die Inhalte. Nachdem etliche Berichte enthüllten, wie einfach sich Falschnachrichten im Vorfeld über die sozialen Netzwerke verbreitet hatten (auch wenn ihr tatsächlicher Effekt auf die Wahl mindestens strittig ist); wie offenbar versucht wurde, gezielt schwarze Menschen von der Wahl abzuhalten, konnten sich die Plattformen nicht mehr auf ihre neutrale Haltung zurückziehen, laut der sie doch nur der Überbringer der Meinung anderer waren. Das geschah auch, weil hier im großen Maßstab, nicht nur in Millionen Einzelfällen, offenkundig wurde: Wer Inhalte mithilfe von Algorithmen gewichtet, der kann sich nicht mehr als neutral bezeichnen, der entscheidet mit, was Menschen angezeigt wird und was nicht.

Es begann eine Trial-and-Error-Phase: Die Plattformen probierten so einiges, um die Probleme in den Griff zu bekommen. Facebook bastelte an seinem Algorithmus, der Clickbait und somit auch Fake News, die nur aus Geschäftssinn erstellt worden waren, zurückdrängen sollte; es begann eine Zusammenarbeit mit Faktencheckern, die Inhalte auf ihre Richtigkeit prüfen sollen; es baute zuletzt sogar ein Oversight Board auf, ein unabhängiges Gremium, das über besonders strittige Inhalte entscheiden soll. Twitter überlegte sich Regeln, die speziell für Staatsoberhäupter gelten, verbannte politische Werbung und begann, klar widerlegbare Beiträge als solche zu kennzeichnen und auf seriöse Quellen zu verweisen. Auch YouTube führte verstärkt Faktenchecks ein.

In der Vergangenheit wurden immer wieder ausländische Fake-Accounts aus den Netzwerken entfernt, politische Werbung unterbunden, zweifelhafte Informationen mit Labels gekennzeichnet oder Möglichkeiten zur Verbreitung der Inhalte unterbunden.   

Allerdings zeigte sich schnell, dass diese Kontrolle auch mal nach hinten losgehen kann: Vor der Europawahl sperrte Twitter den Autor Tom Hillenbrand wegen satirischer Tweets. YouTubes automatisierte Informationstafeln dagegen konnten zwischen dem brennenden Notre-Dame 2019 und Bildern vom 11. September 2001 nicht unterscheiden. Und Facebook löschte einmal das ikonische Bild eines Mädchens, das vor einem Napalm-Anschlag im Vietnamkrieg flüchtet, weil es auf dem Foto nackt abgebildet ist.

Die Beispiele verdeutlichen: So sehr die Plattformen versuchen, dem Problem Herr zu werden – es geht bei Millionen Beiträgen nicht ohne Fehler. In einigen dieser Beispiele, aber auch in vielen anderen Fällen zeigt sich, dass es für betroffene Nutzerinnen und Nutzer äußerst kompliziert ist, schnell und wirksam Widerspruch gegen solche Entscheidungen zu ergreifen. Hinzu kommt: Auch wenn viele problematische Beiträge vielleicht herausgefischt werden, so werden es dennoch nie alle sein. Denn oft genug verlassen sich die Plattformen darauf, dass Menschen problematische Beiträge schon melden. Wenn dem aber nicht so ist, bleiben sie in vielen Fällen einfach stehen. Auch wenn sie gegen die Richtlinien der Plattformen verstoßen. 

Manche Experten kritisieren, dass sich Plattformen mit alldem nur schrittchenweise bewegen. Immer gerade so viel wie unbedingt nötig. Statt das Problem an der Wurzel zu packen. Aber was die Wurzel denn ist, ist ebenfalls umstritten: Manche verstehen darunter, bei politischen Inhalten ganz auf eine Sortierung durch den Algorithmus zu verzichten. Andere verstehen darunter das härtere Durchgreifen gegen aufwieglerische Accounts, sei es Trump, seien es die Zehntausenden QAnon-Accounts, die Twitter nun ebenfalls gesperrt hat. Was lange nicht möglich schien, plötzlich geht es.

Natürlich griffen die Plattformen in besonders prominenten Fällen auch schon früher hart durch. So entzogen sie dem früheren konservativen Medienstar Milo Yiannopoulos und dem Rechtsextremen Alex Jones ihre Konten. Auch Politiker müssen damit rechnen, dass Beiträge gelöscht werden. So entfernte Twitter etwa zwei Tweets des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro, als er 2020 Falschinformationen zum Coronavirus tweetete. Doch an den amtierenden US-Präsidenten wagte man sich lange nicht heran, zumindest als noch nicht absehbar war, dass er sein Amt verlieren würde – obwohl er klar Hetze, Hass und Falschinformationen verbreitete. Erst im Kontext der vergangenen Wahl begannen Facebook und Twitter, Posts des Präsidenten mit Warnhinweisen zu garnieren. Es musste erst etwas passieren, damit sich massiv etwas veränderte. Nicht wenige finden: viel zu spät, wie nicht zuletzt der Angriff aufs Kapitol Anfang Januar zeigte.

Dennoch bleibt bei vielen Beobachterinnen und Beobachtern ein mulmiges Gefühl dabei, dass nun Plattformen einen US-amerikanischen Präsidenten einfach rauswerfen können. Ja, man kann argumentieren, es handle sich um einen Einzelfall, ja, man kann argumentieren, die Plattformen übten nur ihr Hausrecht aus, ja, man kann argumentieren, er sei mehrfach verwarnt worden und seine zwei letzten Tweets hätten eben nun das Fass zum Überlaufen gebracht. Alles richtig.

Gleichzeitig verharmlost man gerade mit dem Hausrecht-Argument die Macht, die Plattformen wie Facebook, Twitter oder YouTube heute haben. Milliarden Menschen nutzen die Plattformen monatlich. Bei Twitter sind es zwar nur ein paar Hundert Millionen, doch die Plattform ist ein beliebtes Sprachrohr für Politiker, Journalisten und Meinungsmacherinnen, was hier geäußert ist, wird schnell weiterverbreitet.

Die sozialen Medien haben, gemeinsam mit wenigen anderen, längst ein kommunikatives Oligopol gebildet – und dies verleiht ihnen die Macht, die ihre Entscheidungen so fundamental macht. Wenn es viele große Plattformen gäbe, so wie es viele große Zeitungen, Radiosender und Onlinenewsseiten weltweit gibt, dann wäre schon viel weniger problematisch, was eine davon entscheidet. Klar, man kann immer auf eine andere Plattform wechseln, doch dorthin folgen oft nur die wirklich treuen Followerinnen und Follower. Wenn man ein Millionenpublikum erreichen will oder einfach dort sein will, wo die eigenen Freunde sind, kommt man um eines der großen Silicon-Valley-Unternehmen meist nicht herum.

Selbstverständlich hat niemand, auch kein US-Präsident, ein Recht auf solch ein Konto. Aber sind es wirklich die Plattformen, die darüber entscheiden sollten, ob er es behalten darf oder verliert? Denn die Plattformen sind längst mehr als ein Freizeitspaß. Der öffentliche und demokratische Diskurs findet inzwischen zu einem großen Teil in den sozialen Medien statt. Gibt man ein paar Techmilliardären nicht damit letztlich Diskurshoheit – oder gar die Macht über unsere Demokratie? Was ist denn, wenn die Unternehmen abweichende Meinungen nicht mehr haben wollen und vielleicht eine Person herauswerfen, deren Verortung weniger einfach ist als die des irrlichternden abgewählten US-Präsidenten? In der Vergangenheit hat Facebook journalistische Kritik an der eigenen Plattform bereits einfach weniger angezeigt.

Wenn man den Plattformen trotzdem ihr Hausrecht zugestehen will, so sollte man sich doch fragen, inwiefern das eigentlich mit unseren gesellschaftlichen Werten übereinstimmt. Sind die Richtlinien einer privatwirtschaftlichen Plattform diejenigen, denen wir als Gesellschaft uneingeschränkt folgen wollen? Das von Facebook gelöschte Bild aus dem Vietnamkrieg macht das deutlich: Von den Richtlinien des sozialen Netzwerks ist die Entscheidung gedeckt, die sehen in Nacktheit nun mal ein Problem. Das Foto ist aber von historischem Wert, es drückt die Gräuel des Vietnamkrieges aus wie kaum ein anderes Bild. Es mag das Recht der Plattformen sein, Accounts zu gewähren oder eben nicht, Beiträge zu löschen oder nicht. Nur spiegelt das im Zweifelsfall nicht wider, was für eine Debattenkultur, für eine Gesellschaft, eine Demokratie gut ist.

Gut, dann muss es doch einfach die Politik richten: Regulieren, und zwar bitte schnell! Diese Forderung ist ein verständlicher Reflex, schließlich regeln Politikerinnen und Politiker durch Gesetze alle möglichen Bereiche des öffentlichen Lebens. Bisher deutet sich jedoch an: Von selbst wird sich nichts ändern – oder zumindest nicht genug. Unternehmen bewegen sich nur dann, wenn sie müssen. Die Plattformen werden immer so lange wie möglich dagegenhalten. Beispiele wie die europäische Datenschutz-Grundverordnung zeigen, dass die Politik durchaus in der Lage sein kann, sinnvolle Gesetze für das Netz zu entwickeln, auch gegen Lobby-Interessen.

Nun gibt es ja durchaus schon Regeln für Äußerungen in sozialen Netzwerken. Im Analogen wie im Digitalen gibt es Beleidigungen, die als solche strafbar sind. Und doch zeigt sich in der Praxis, dass juristisches Vorgehen gegen digitales Beschimpfen, Hetzen und Aufwiegeln nicht einfach ist: Selbst bei eindeutigen Straftatbeständen kommt die juristische Reaktion oft mit einer solchen Verzögerung, dass Betroffenen ein Urteil wenig mehr als späte Genugtuung bringt – die Schmähung an hat sich dann längst schon verbreitet. Noch schwieriger ist es in Fällen, die vielleicht nicht justiziabel sind und in denen man trefflich darüber streiten kann, ob eine Äußerung noch als Meinungsbeitrag zählt oder einen zu sperrenden Inhalt darstellt.

Das deutsche Netzwerkdurchsetzungsgesetz etwa sollte Hass und Hetze schneller aus dem Netz befördern. Doch das ist gar nicht so einfach – weil Beiträge von den Urhebern gelöscht werden können, Nutzerinnen nicht unbedingt unter Klarnamen posten oder ihre IP-Adresse per VPN verschleiern. Und im Falle des NetzDG überträgt man die Verantwortung doch wieder hauptsächlich auf die Plattformen. Und die löschen vor allem nach eigenem Gusto, wie netzpolitik.org 2018 feststellte.

Braucht es also einfach eine andere Umsetzung dieses Rechts? Sollte man Gerichte beispielsweise besser ausstatten, gar einen Teil der Richterinnen und Richter nur dafür abstellen, über gemeldete Beiträge aus dem Netz zu entscheiden? Und zwar binnen 30 Minuten? Erstens würde das wahrscheinlich allein an der personellen Ausstattung scheitern. Zweitens ist ein Zeitraum, auch ein kurzer, im Kontext sozialer Medien oft schon zu lang: Was Prominente wie Trump twittern, verbreitet sich auch in 30 Minuten rasant – und so uneinholbar, dass auch eine Sperre höchstens noch symbolischen Wert hätte. Selbst wenn es schneller ginge: Wie sollen alle Beweise und Aussagen ernsthaft geprüft werden, wenn das unter Zeitdruck geschieht? Drittens würde dann möglicherweise auch dort eine einzelne Person entscheiden, was noch sagbar ist und was nicht. Und viertens wäre da die Frage, wie eine solche Regelung eigentlich überhaupt greifen soll – denn Gesetze werden zumeist national gemacht, sind für einen supranationalen Verbreitungsweg wie das Internet also de facto untauglich.

Hinzu kommt das Problem, dass die Idee einer Regulierung der Plattformen von staatlicher Seite immer von einer funktionierenden Gerichtsbarkeit ausgeht. Was aber, wenn die Frage, welche Inhalte auf einer Plattform stehen bleiben dürfen und welche nicht, von Gerichten getroffen werden, bei denen man von einer Orientierung an demokratischen Diskursen und Meinungsfreiheit nicht mehr ausgehen kann? Auch hier zeigt sich erneut: Einfach zu lösen ist das Problem nicht.

Was bleibt dann noch? Natürlich kursieren längst Ideen, die großen Techunternehmen zu zerschlagen – was ihre Macht vielleicht einschränken, ihre inhaltlichen Probleme jedoch nicht lösen dürfte. Um Letzterem beizukommen, gibt es Ideen, die stärker aus der Gesellschaft heraus regulieren würden. Man könnte sich eine Art Rundfunkrat für Plattformen vorstellen, der aus verschiedenen Interessenvertretern zusammengesetzt ist: Politik, Wirtschaft, NGOs, im besten Fall sogar einzelne Bürgerinnen und Bürger. Auch der könnte wahrscheinlich nicht innerhalb von Minuten über problematische Inhalte urteilen, könnte aber vielleicht für Grundsatzentscheidungen durchaus sinnvoll sein. Im Prinzip würde es also ähnlich funktionieren wie Facebooks Oversight Board, nur eben nicht von Facebook kontrolliert, könnte also möglicherweise eher als unabhängige Stelle anerkannt werden. Dann bliebe aber offen, was für Fälle er behandeln würde. Und ob allein die Zusammensetzung eines solchen Gremiums nicht schon bei manchen Menschen für eine Ablehnung eben jenes sorgen würde – etwa weil man es für nicht ausgewogen hält.

Auch Twitter-Chef Jack Dorsey äußerte 2019 eine Idee, die eher aus gesellschaftlicher Perspektive gedacht ist: Er kündigte an, eine Initiative namens Blue Sky zu fördern, in der Menschen zusammengeworfen werden, um einen dezentralen Standard für soziale Medien zu entwickeln. Er hätte den Vorteil, dass nicht eine einzelne Person über die Zukunft sozialer Medien entscheidet, sondern viele zusammen. Doch auch dieser Vorschlag wirkt einmal mehr wie eine Mindesthürde, über die die Plattformen gerade so zu springen bereit wären. Wenn überhaupt, schließlich müssten diese Regeln auch irgendwie verpflichtend sein.

Vielleicht müssen wir also einfach erkennen: Wer schnelle Lösungen fordert, negiert die Komplexität des Problems. Es ist bedenkenswert und brandgefährlich, soziale Netzwerke zu Richtern darüber zu machen, was sagbar ist und wer sprechen darf. Schwierig ist es auch, ihnen Intransparenz bei der Entscheidungsfindung und ihren Moderationsregeln durchgehen zu lassen.

Was sich festhalten lässt: Es ist nicht so, dass es an Vorschlägen mangelt, die sozialen Netzwerke zu regulieren, im Gegenteil, es gibt einen Haufen Ideen. Nur leider werfen diese, genau wie dieser Text, oft mehr Fragen auf, als dass man sie wirklich uneingeschränkt als Lösung empfehlen kann. Bei manchen Fragen der Meinungsfreiheit mag es helfen, sich einfach auf Regeln zu berufen, die es heute schon in der Offlinewelt gibt. In anderen Fragen ist das schwieriger. Auch, weil noch immer unbeantwortet ist, als was wir diese Plattformen sehen, welche Aufgaben wir ihnen eigentlich übertragen wollen. Begreifen wir sie künftig stärker als etwas, das sehr, sehr reichweitenstarken Massenmedien ähnelt, ergeben sich daraus anderen Konsequenzen, als wenn man sie einfach weiterhin vornehmlich als Marktplatz für die Haltungen, Meinungen, aber auch Lügen und Shanty-Clips anderer betrachtet – für deren Inhalte man nur dann geradestehen muss, wenn es strafrechtlich relevant ist. Auch wenn noch vieles unklar bleibt: Letztlich ist das aber eine Frage, die wir als Gesellschaft gemeinsam beantworten müssen und die wir nicht den Plattformen überlassen sollten.


Aus: "Social Media: Löschstatus – es ist kompliziert" Eine Analyse von Lisa Hegemann, Meike Laaff und Jakob von Lindern (20. Januar 2021)
Quelle: https://www.zeit.de/digital/internet/2021-01/social-media-donald-trump-hass-regulation/komplettansicht

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Zwischenmensch #9

Sehr gute Zusammenfassung der komplexen Problematiken...!

"Die Geister, die ich rief..."!


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secret77 #17

Für mich ist die Frage nicht, ob eine Firma das darf oder nicht, sondern es muss gelten: wer falsche Sachverhalte wiederholt als FAKTEN präsentiert und diese deshalb auch nicht belegen kann, die/der gehört eigentlich gesperrt, egal ob es nun Trump oder FOX News oder sonst wer ist. Die Frage ist nur: Wer hätte Trump sperren sollen, als er noch "mächtig" war? In Zeiten von schnell verbreiteten Lügen, deep fakes, etc brauchen wir andere Verfassungen, die Fakten und Wahrheiten besser schützen.


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Jaistdochwahr #17.1

Moment. Sie wollen also eine Verfassung, die es verbietet zu lügen?
Dass Trump einfach stumpf lügt ist ja nunmal nicht von der Hand zu weisen aber die Hälfte seiner im Lügencounter geführten 187324823748237493 Lügen sind politische Einschätzungen die dann einfach irgendein Faktencheck als Lüge bezeichnet, weil die Autoren die Fakten anders beurteilen und einschätzen.

Wenn Trump schreibt, dass durch den Bau der Mauer die Kriminalität sinkt, kann man das als Lüge kennzeichnen oder eben nicht. Da es eine Einschätzung ist und kein felsenfester Fakt.

Ähnlich könnte man Clinton mit einem Fakenewshinweis versehen, wenn sie schreibt Trump sei verrückt. Wenn die Autoren des Faktchecks eine andere politische Einstellung haben könnten sie schreiben, dass das kein Arzt offiziell Bescheinigt hat und blablub..

Lüge und Wahrheit sind abgesehen von naturwissenschaftlichen Fakten wie 2+2 meistens Einschätzungen die je nach Standpunkt anders aussehen.


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secret77 #17.2

"Moment. Sie wollen also eine Verfassung, die es verbietet zu lügen?"

Nein, ich will eine Verfassung, die es in wichtigen öffentlichen Bereichen ermöglicht, Lügnern das Sprachrohr abzudrehen.


"Wenn Trump schreibt, dass durch den Bau der Mauer die Kriminalität sinkt, kann man das als Lüge kennzeichnen oder eben nicht. "

Das ist dann eine Prognose von Trump. Und Sie selbst haben ja seinen "Lügencounter" angeführt. Es ist also offensichtlich möglich, öffentlich Fakten von Lügen zu unterscheiden.



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tartan #19

Bei dem guten Artikel fehlt ein Hinweis auf die Verschiedenheit des internationalen Rechts: Nicht nur die Traditionen sind in D anders als in den USA, so dass hier wie dort Gewalt bzw. Nippel moralisch anders gewertet werden, auch juristisch gibt es hier Besonderheiten (NS-Symbole) die es in den USA nicht gibt, aber auch umgekehrt. Und nochmal anders in F, oder anderen Ländern.


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Schlophia #24

Hier wird man schon manchmal wegen einer CSU-Kritik gesperrt, das ist eben das Privileg des Herausgebers.


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William S. Christ #27

Aus meiner Perspektive ist das ganz einfach.

Es gibt kein Recht auf Accounts bei FB, Twitter, Instagram, Youtube und anderen Social Media-Plattformen.
Oder kann mir jemand das ,,Grundrecht auf Twitter" zeigen?

Wenn jetzt jemand kommt und von Recht auf freie Meinungsäußerung redet: ja, das gibt es. Es beinhaltet aber nicht, dass ein privates Unternehmen sich zur Verbreitung dieser Meinungsäußerung zur Verfügung stellen muss.

Das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung bezieht sich auf das Verhältnis von Staat und Bürger - der __Staat__ darf nicht einfach ohne sehr guten Grund und Gesetz die freie Meinungsäußerung einschränken!
Das private Unternehmen aber stellt Nutzungsbedingungen auf, deren Bruch zum Ausschluss führen kann.

Die Nutzungsbedingungen dürfen selbst die Vorschrift enthalten, dass jeder Post mit ,,Käsekuchen" als letztem Wort enden muss, sonst Ausschluss.
Völlig legal. Es gibt kein Recht auf Account bei ihnen.

Wenn ich ein Geschäft habe und grundsätzlich erstmal jeder Interessent eintreten darf, eine Person aber ständig besoffen rumpöbelt und andere Kunden beschimpft, dann darf ich diese Person auch vor die Tür setzen und ihr Hausverbot erteilen.
Und sie kann sich NICHT darauf berufen, dass dies ihr ,,Grundrecht auf freie Meinungsäußerung verletze".
Und sie angeblich das Recht habe, bei mir Stress zu machen. Ich muss keine Bühne zur Verfügung stellen.

Die Plattformen müssen keine Hetzer und Verrückten dulden.


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« Reply #64 on: February 18, 2021, 02:40:29 PM »

Quote

Es sind wieder einige Anmerkungen eingegangen, die dazu geeignet sind, dass einige meiner Blogteilnehmer sich gegenseitig verletzt fühlen könnten. Ich möchte deshalb darauf verzichten, diese Beiträge freizuschalten. Ich fühle mich momentan überfordert, zwischen den unterschiedlichen Verletztheiten zu vermitteln.


Aus: "In „eigener“ Sache" (16. Februar 2021)
Quelle: https://klausbaum.wordpress.com/2021/02/16/in-eigener-sache-4/
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[Debattenkultur (Notizen)... ]
« Reply #65 on: April 30, 2021, 11:16:01 AM »

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[...] Die ZDF-Talkshow nahm den vielleicht aktuellsten Punkt in der Pandemie-Diskussion auf: „Freiheit, Solidarität, Widerspruch – Spaltet Corona das Land?“ Die Redaktion hatte die potenziellen Positionen hinreichend besetzt: Der Arzt, SPD-Politiker und Erster Bürgermeister Hamburgs, Peter Tschentscher, traf auf den Juristen und FDP-Politiker Wolfgang Kubicki, den Grünen-Bürgermeister von Tübingen, Boris Palmer, die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim und den Schauspieler Liefers.

... Dabei herrschte nicht Love & Peace & Eiscreme vor. Der Arzt im SPD-Politiker Tschentscher hat, darin intensiv unterstützt von der Chemikerin Nguyen-Kim, das Corona-Virus fest im Auge, während Kubicki und Palmer sich an der Unmäßigkeit der Corona-Maßnahmen abarbeiteten. Kann man machen, klar, doch wird das Virus ungefährlicher, wenn die „Freiheitskämpfer“ der FDP in Karlsruhe klagen? Kubicki beklagte die Ausgangssperre und pries erste Lockerungen in Schleswig-Holstein. Das brachte dann doch Tschentscher auf die Zinne: Kubicki untergrabe die Akzeptanz der Corona-Maßnahmen. Immerhin, Nguyen-Kim brachte in ihrem Schlusswort den Optimismus unter, dass es mit der Pandemie ein Ende haben werde. Wann genau, sagte sie nicht.

... Die 60 Minuten haben gezeigt, dass wenn auch de Geduldsfaden reißt, der Gesprächsfaden nicht gleich mit abreißen muss. Das Reden, das Diskutieren, das Nicht-einer-Meinung-Sein über Corona und die Folgen ist möglich, so Menschen bereit sind, zu reden, zu diskutieren, nicht einer Meinung sein zu wollen. Und im Anders-Denkenden nicht den Feind zu erkennen, sondern nur den, der eine andere Meinung hat.

... Das kommunikative Klima im Land ist dermaßen gereizt, dass solch ein Ergebnis einer Talksendung nachgerade gefeiert werden muss ...

...


Aus: "„Was ist Ihre Botschaft, Herr Liefers?“" Joachim Huber (29.04.2021)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/zdf-talk-zu-allesdichtmachen-was-ist-ihre-botschaft-herr-liefers/27146344.html
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Textaris(txt*bot)

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[Debattenkultur (Notizen)... ]
« Reply #66 on: May 03, 2021, 01:52:37 PM »

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[...] So steht es im Katechismus der Katholischen Kirche: „Unzucht ist die körperliche Vereinigung zwischen einem Mann und einer Frau, die nicht miteinander verheiratet sind. Sie ist ein schwerer Verstoß gegen die Würde dieser Menschen.“ An anderer Stelle heißt es: „Homosexuelle Handlungen verstoßen gegen das natürliche Gesetz. Sie sind in keinem Fall zu billigen.“ Solche Sätze sind vom Recht auf Meinungsfreiheit gedeckt. Sie können aber durchaus als Form der Diskriminierung und Hetze empfunden werden.
Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat eine „Charta der Meinungsfreiheit“ veröffentlicht. Sie umfasst elf Punkte. Ab diesem Montag, dem Internationalen Tag der Pressefreiheit, sind eine Woche lang bundesweit Aktionen geplant, auf denen auch über die Charta diskutiert werden soll. Unterstützt wird sie von mehreren Prominenten. Eine von ihnen, die Publizistin Jagoda Marinić, betont, alles müsse sagbar bleiben, „so lange es die Würde des anderen respektiert“. Außerdem müsse verhindert werden, „dass Menschen Hass und Hetze verbreiten“.



Elf PUNKTE – CHARTA DER MEINUNGSFREIHEIT
Elf PUNKTE vereint die Charta der Meinungsfreiheit, die zum Schutz und zur Förderung der offenen Debattenkultur beiträgt. Ihre Unterzeichnung ist eine Selbstverpflichtung die festgeschriebenen Leitsätze anzuerkennen, nach ihnen zu handeln und sie in das eigene Umfeld und Netzwerk zu tragen.
Unterzeichne die Charta und trage auch du dazu bei, das Recht auf Meinungsfreiheit gemeinsam mit uns zu einem sichtbaren und großen gesellschaftlichen Konsens zu machen. Die Charta soll auch allen helfen, die weltweit in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt, unterdrückt und verfolgt werden. Sie sollen sich darauf berufen können. ...

https://www.woche-der-meinungsfreiheit.de/charta-der-meinungsfreiheit

Dazu heißt es wörtlich in der Charta, Punkt 5: „Hetze und Hass werden nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt, sondern beschädigen sie. Die Meinungsfreiheit endet da, wo die Würde eines Menschen angegriffen wird.“ Und in Punkt 4: „Meinungsfreiheit verpflichtet zu einem Umgang, der von gegenseitigem Respekt, Zuhören, Ausredenlassen, Reflexion und argumentativem Abwägen geprägt ist."

Nein, das tut sie nicht. Meinungen können ironisch oder sarkastisch sein, zynisch oder verletzend, sie können in Polemik, Satire, Spott oder Pamphleten ausgedrückt werden. Sie können den Konsens gefährden, den gesellschaftlichen Frieden stören, wahr oder falsch sein. Verboten sind in Deutschland Mordaufrufe, Beleidigungen, Volksverhetzung und die Leugnung des Holocaust. Doch selbst die Verbreitung nationalsozialistischen Gedankenguts fällt „nicht automatisch aus dem Schutzbereich der Meinungsfreiheit“, wie das Bundesverfassungsgericht vor zehn Jahren feststellte. „Soldaten sind Mörder“: Auch das ist erlaubt.

Die Absicht des Börsenvereins ist zweifellos honorig und von der Hoffnung auf mehr manierliche Diskurse geprägt. Aber für Begriffe wie „Hass“ und „Hetze“, „Respekt“ und „Abwägen“ gibt es keinen objektiven Maßstab. Muslime fühlten sich in ihrer Würde durch Mohammed-Karikaturen in einer dänischen Zeitung verletzt. Das müssen sie aushalten, hieß es. Als dann ein 26-Jähriger aus Berlin-Hellersdorf das Bild des ertrunkenen Flüchtlingskindes Alan Kurdi mit den Worten kommentierte „Wir trauern nicht, sondern feiern es“, wurde nach einer harten Strafe gerufen. Einige Lockdowner äußern sich aktuell verächtlich über „Querdenker“, einige „Querdenker“ agitieren gegen eine vermeintliche „Corona-Diktatur“. So ist das in einem Gemeinwesen, zu dessen Wesen manchmal Gemeinheiten gehören.
Die Stärke einer Gesellschaft misst sich eben nicht in erster Linie an ihrer Fähigkeit zum rationalen, herrschaftsfreien Diskurs, sondern daran, wie viel Dissens sie aushält. Der Versuchung, im Namen einer Zivilität den erlaubten Diskussionsraum zu verkleinern, um Gefühle zu schonen, muss widerstanden werden. Die Freiheit des Wortes und der Rede zu verteidigen, kann auch heißen, Unerträgliches zu ertragen.


Aus: "Redefreiheit braucht keine Umgangsformen" Ein Kommentar von Malte Lehming (03.05.2021)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/zum-tag-der-pressefreiheit-redefreiheit-braucht-keine-umgangsformen/27147332.html

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Undine 12:38 Uhr

    Die Freiheit des Wortes und der Rede zu verteidigen, kann auch heißen, Unerträgliches zu ertragen.

Was aber, wenn aus unerträglichen Worten Taten werden?

Wir wissen doch längst, dass das Netz zu einer Radikalisierungsmaschine geworden ist und sich z.B. Rechtsextreme (wie die Attentäter von Halle oder Hanau) erst über das Netz radikalisiert haben.

[ ... Julia Ebner verfolgt hauptberuflich Extremisten. Undercover mischt sie sich unter Hacker, Terroristen, Trolle, Fundamentalisten und Verschwörer, sie kennt die Szenen von innen, von der Alt-Right-Bewegung bis zum Islamischen Staat, online wie offline. Ihr Buch macht Radikalisierung fassbar, es ist Erfahrungsbericht, Analyse, unmissverständlicher Weckruf.
Als Extremismusforscherin stellen sich ihr folgende Fragen: Wie rekrutieren, wie mobilisieren Extremisten ihre Anhänger? Was ist ihre Vision der Zukunft? Mit welchen Mitteln wollen sie diese Vision erreichen? Um Antworten zu finden, schleust sich Julia Ebner ein in zwölf radikale Gruppierungen quer durch das ideologische Spektrum. Sozusagen von der anderen Seite beobachtet sie Planungen terroristischer Anschläge, Desinformationskampagnen, Einschüchterungsaktionen, Wahlmanipulationen. Sie erkennt, Radikalisierung folgt einem klaren Skript: Rekrutierung, Sozialisierung, Kommunikation, Mobilisierung, Angriff. ... »Die Dimension von Extremismus über die neuen Kommunikationstechniken kann man kaum überschätzen. Denn insbesondere Jüngere haben sich von der etablierten Medienwelt eher verabschiedet. ... Dafür ein Bewusstsein geschaffen zu haben, ist Ebners anerkennenswertes Verdienst.«
Armin Pfahl-Traughber, bnr.de
Erschienen: 09.09.2019
suhrkamp taschenbuch 5007,
Klappenbroschur, 334 Seiten
ISBN: 978-3-518-47007-7
https://www.suhrkamp.de/buecher/radikalisierungsmaschinen-julia_ebner_47007.html]


Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Rechtsgut.

Müsste aber, um eine weitere gesellschaftliche Verrohung und individuelle Radikalisierung zu verhindern, nicht viel stärker als bisher über die Grenzen der Meinungsfreiheit nachgedacht werden?

In meinen Augen reicht dann nicht einfach der lapidare Hinweis:

    Für „Hass“ und „Hetze“ gibt es keinen objektiven Maßstab

Dann müssen halt objektive und verbindliche Maßstäbe geschaffen werden, weil man als Staatsbürger gewöhnlich nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten hat.

Verboten sind in Deutschland Mordaufrufe, Beleidigungen, Volksverhetzung und die Leugnung des Holocaust.

Was ein Mordaufruf ist, dürfte relativ klar sein. Bei Beleidigungen und Volksverhetzung sieht es schon anders aus. Darüber entscheiden dann i.d.R. Gerichte, an die sich nicht jeder wenden wird, der sich beleidigt oder eingeschüchtert fühlt.

Volksverhetzung scheint mir auch ein eher dehnbarer Begriff zu sein. Der Holocaust wird überdies heutzutage nicht so sehr geleugnet als relativiert, indem sich beispielsweise Rechtsextreme zu Opfern einer "Meinungsdiktatur" und zu Widerstandskämpfern erklären. Sie scheuen nicht einmal davor zurück, sich mit den Opfern des Nationalsozialismus gleichzusetzen (s. das Tragen von gelben Judensternen, Anne-Frank- und Sophie-Scholl-Vergleiche auf Querdenker-Demos).


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PaAllgZ 02.05.2021, 17:45 Uhr

Hetze und hasserfüllte Äußerungen sind Äußerungsformen tief verletzter Menschen!

— Man MUSS sich damit auseinandersetzen, um die Welt verändern und verbessern zu können!  — Hetze und Hass verstehen lernen - das ist die Aufgabe für eine Gesellschaft, die zum Frieden und Wohlstand streben will!

Die Motive und Gedankenmodelle, die zu Hass und Hetze hinführen, müssen transparent werden, offengelegt - und öffentlich diskutiert werden und auch richtig gestellt werden können!
Nur so können Legitimität, Demokratie und gleiche Rechte für Alle verteidigt werden!
Die Unterdrückung von Diskursen und Meinungen funktioniert nur um den Preis immer höherer populistischer Wut und Hass-Aufladungen.
Produziert Bücher und Lernsoftware!  — Statt „Charta-Papiere.“

Denn inzwischen muss die Gutenberg-Galaxis gegen Video-Streaming und Gaming verteidigt werden!


...

« Last Edit: May 03, 2021, 01:56:05 PM by Textaris(txt*bot) »
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