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Author Topic: [Autonomie der Kunst als Mythos (Notizen)... ]  (Read 2667 times)

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Textaris(txt*bot)

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[Autonomie der Kunst als Mythos (Notizen)... ]
« on: November 24, 2011, 03:35:18 PM »

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"... Nehmen wir die Autonomie der Kunst als Mythos, an dem wir arbeiten. So verliert er seinen anti-aufklärerischen Schrecken. Alles an der Kunst ist in der einen oder anderen Form Problem. Es kommt nicht darauf an, sie zu lösen (auch nicht „symbolisch“), es kommt darauf an sie (mit) zu teilen. ..."
Aus: "KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 4/11" Von Georg Seeßlen
http://www.seesslen-blog.de/2011/11/22/kunstzeitschrift-nr-411/#more-1435
« Last Edit: June 22, 2022, 12:33:34 PM by Textaris(txt*bot) »
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Textaris(txt*bot)

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[Autonomie der Kunst als Mythos... ]
« Reply #1 on: April 12, 2022, 12:45:01 PM »

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[...] Das Beharren der russischen Operndiva Anna Netrebko darauf, sie sei „nur“ Künstlerin, bezeichnet Sasha Marianna Salzmann als Unsinn. Künstler seien so wenig unpolitisch wie Körper. Sie richteten sich an ein Publikum, sie entäußern sich, interagieren.

... Ein Richter am Internationalen Gerichtshof in Den Haag sei einmal gefragt worden, wie er das aushalte, die Berichte von Gräueltaten jeden Tag. Seine Antwort: Er schaut sich im Museum Vermeer an. Wenn es darum geht, wie die Kunst sich in Kriegszeiten engagieren kann, gilt es auch das zu verteidigen: die politisch-unpolitische Sphäre der Schönheit.


Aus: "Diskussion in der Akademie der Künste: Der Krieg und die Künste" (07.04.2022)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/diskussion-in-der-akademie-der-kuenste-der-krieg-und-die-kuenste/28236272.html
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[Autonomie der Kunst als Mythos... ]
« Reply #2 on: April 12, 2022, 12:49:49 PM »

Quote
[...] Helene Bertha Amalie „Leni“ Riefenstahl (* 22. August 1902 in Berlin; † 8. September 2003 in Pöcking) war eine deutsche Filmregisseurin, -produzentin und -schauspielerin sowie Drehbuchautorin, Schnittmeisterin, Fotografin und Tänzerin. Sie gilt als eine der umstrittensten Persönlichkeiten der Filmgeschichte.

... Als Riefenstahl 1987 ihre Memoiren veröffentlichte, waren die Reaktionen erneut geteilt. Während die New York Times das über 900 Seiten lange Werk trotz der Tatsache, dass sie ihr Werk in den Dienst der Nazis gestellt habe, als „fesselnd“ bezeichnete[123] und unter die 100 „bemerkenswerten“ Bücher des Jahres 1993 wählte,[124] beanstandeten andere ihre fehlende Selbstreflexion und die mangelnde kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.[61][125][126] Die Psychoanalytikerin und Autorin Margarete Mitscherlich bezeichnete Riefenstahl 1994 als „Superverleugnerin“.[61] Zu ihrem 100. Geburtstag am 22. August 2002 sowie anlässlich ihres Todes am 8. September 2003 veröffentlichten zahlreiche Medien Retrospektiven auf ihr Leben und Werk.[127][128][129] In ihrem Nachruf fasste die britische Times die Rezeption der Künstlerin zusammen: „Leni Riefenstahl war die einzige Frau, die als Filmemacherin uneingeschränkt Anerkennung fand. Aber damit hört die einhellige Zustimmung auch schon auf. Sie wurde als Bösewicht, Heldin, Lügnerin, Betrügerin, Rassistin, Opfer einer patriarchischen Gesellschaft und vorbildliche Künstlerin um der Kunst willen porträtiert. Vielleicht hat der Filmhistoriker Liam O’Leary die Widersprüche am besten auf den Punkt gebracht, als er sagte: ‚Sie war ein künstlerisches Genie und ein politischer Trottel‘.“[127][130]

... Riefenstahl selbst sah in der Reichsparteitagstrilogie und Olympia rein dokumentarische Werke und wies Vorwürfe nationalsozialistischer Propaganda der Öffentlichkeit bis zuletzt vehement zurück: „Triumph des Willens ist ein Dokumentarfilm von einem Parteitag, mehr nicht. Das hat nichts zu tun mit Politik. Denn ich habe aufgenommen, was sich wirklich abgespielt hat und habe es insofern überhöht, als ich keinen Kommentar dazu gemacht habe. Ich habe versucht, die Atmosphäre, die da war, durch Bilder auszudrücken und nicht durch einen gesprochenen Kommentar. Und um das ohne Text verständlich zu machen, musste die Bildsprache sehr gut, sehr deutlich sein. Die Bilder mussten das sagen können, was man sonst spricht. Aber deswegen ist es doch keine Propaganda.“[131]

In ihren Memoiren und diversen Interviews behauptete Riefenstahl außerdem, dass sie sich zunächst gesträubt habe, die Reichsparteitagstrilogie zu drehen. Sie habe keine Ahnung von ihrer Begabung als Dokumentarfilmerin gehabt und eigentlich nur als Schauspielerin arbeiten wollen. Hitler habe jedoch so lange auf sie eingewirkt, bis sie sich schließlich dazu bereit erklärt habe. Sie habe Hitler jedoch das Versprechen abgenommen, dass sie danach nie wieder einen Film für ihn oder die NSDAP drehen müsse.[33]

Stets betonte Riefenstahl, dass sie sich nicht für Politik interessiert und sich keine Gedanken über die Wirkung ihrer Werke gemacht habe. In ihrem künstlerischen Wirken sei es ihr immer nur um Ästhetik, nicht um Ideologie gegangen.[132][133] Gleichwohl war sie bereit, ihren Einfluss zugunsten von Parteiinteressen einzusetzen. So intervenierte sie 1936 bei Goebbels gegen die Ernennung des vom Deutschen Archäologischen Institut ausersehenen Kandidaten zum Leiter des Zweiginstituts in Athen und verschaffte die Stelle einem Bewerber, der Landesgruppenleiter der NSDAP/AO in Griechenland war.[134] Auch soll sie 1934 gegenüber einem britischen Reporter ihre Begeisterung über Hitlers Buch Mein Kampf geäußert haben: „Das Buch machte auf mich einen enormen Eindruck“, bekannte sie. „Ich wurde ein überzeugter Nationalsozialist, nachdem ich die erste Seite gelesen hatte.“[135] Sie sei nur eine Mitläuferin des NSDAP-Regimes gewesen und habe erst nach dem Krieg von dessen Verbrechen erfahren. An den Chefredakteur der deutsch-jüdischen Exilzeitung Aufbau in New York, Manfred George, schrieb sie 1949: „Ich bin fast wahnsinnig darüber geworden, und ich fürchte, dass ich niemals mehr frei werden kann von dem Alpdruck dieses ungeheuren Leidens.“[76] In späteren Interviews beteuerte sie immer, die nationalsozialistischen Verbrechen zu verurteilen. Gleichzeitig wehrte sie sich gegen jeden Schuldvorwurf: „[…] wo liegt denn meine Schuld? Sagen Sie mir doch das. Ich habe keine Atombomben geworfen, ich habe niemanden verleugnet. Wo liegt denn meine Schuld?“[33]

...


Leni Riefenstahl
Herausgeber: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie.
Autor(en): Wikipedia-Autoren, siehe Versionsgeschichte
Datum der letzten Bearbeitung: 2. März 2022, 18:46 UTC
Versions-ID der Seite: 220729458
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Datum des Abrufs: 12. April 2022, 10:49 UTC

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[Autonomie der Kunst als Mythos... ]
« Reply #3 on: June 20, 2022, 03:09:53 PM »

Quote
[...] Die Behauptung, Kunst sei gänzlich unpolitisch, ist blauäugig. Sicher, manchmal haben sich Künstler in diese Haltung geflüchtet – zum Beispiel im Dritten Reich, als Maler nur noch Landschaften pinselten und Schriftsteller nur noch über die Liebe schrieben. Man nannte das "innere Emigration". Aber es war nichts anderes als ein Zeichen für die Beziehung von Kunst und Macht, Ausdruck für die Angst des Künstlers in der Diktatur. Denn auch Diktatoren stellen ästhetische Forderungen und wollen sich Künstler als Propagandisten verpflichten.

 
[...] Im Mittelalter war nahezu jede Kunst religiöse Propaganda für das Christentum, das die Machtbasis aller Herrscher darstellte. Diese Herrscher hielten sich ihre Kritiker als Hofnarren. Hier war das Ausmaß der Narrenfreiheit ein Zeichen der politischen Verhältnisse. Kaum löste sich das feste Weltbild des Mittelalters in Renaissance und Reformation auf, nahmen die Konflikte zwischen Kunst und Macht wieder zu. Abhängigkeit und Widerstand des Künstlers in dieser Zeit zeigt exemplarisch der Film Inferno und Ekstase am Beispiel von Michelangelo und seinem Auftraggeber Papst Julius II. Im Religionskampf der Reformation bezogen Künstler wie der Poet Hans Sachs oder der Maler Jörg Ratgeb deutliche Positionen. Ratgeb, der auch noch für die aufständischen Bauern Partei ergriff, bezahlte das mit dem Leben.

Der große William Shakespeare war, wie man spätestens seit dem Filmerfolg Shakespeare in Love weiß, abhängig vom Wohlwollen der britischen Aristokratie. Der große Molière eckte bei den Spitzen der Gesellschaft mit seinen gesellschaftskritischen Stücken immer wieder an und hatte nur Glück, dass sein Brotherr Ludwig XIV. ein Theaternarr war. Dass ein Künstler, der sich trotz  seiner Abhängigkeit von der Macht im Schaffensprozess frei wähnt, nur ein tragischer Narr ist, hat Goethe unnachahmlich in dem Drama "Tasso" gezeigt. Dabei wohnten auch zwei Seelen in Goethe selbst. In "Faust" weckte er als Dichter Verständnis für die Kindsmörderin Margarete. Als Minister und Politiker in Weimar unterzeichnete er für dasselbe Delikt ein Todesurteil. Gewalt gegen Citizen Kane, sogar Aufklärung und Demokratie haben das Spannungsverhältnis zwischen Kunst und Macht nicht wirklich geändert. Sie wirken sich auf jedes neue künstlerische Medium ähnlich aus. Nehmen wir [..] den Film, der allgemein als einer der wichtigsten in der Kinogeschichte gilt: Citizen Kane von Orson Welles. Weil sich der Pressezar Randolph Hearst in der Titelfigur karikiert sah, versuchte er die Aufführung des Films mit aller Gewalt zu verhindern. Ein anderes Beispiel: Die Verstrickungen von Filmemachern wie Veit Harlan oder Leni Riefenstahl in den Machtapparat des Nationalsozialismus sorgen bis heute für heftige Diskussionen, wenn ihre Streifen gezeigt werden.

Bert Brecht war wie viele andere Künstler von den Nazis in die Emigration nach Amerika getrieben worden. In Hollywood versuchte er, sein Brot auf dem "Markt der Lügen" zu verdienen, wie er schrieb. Vor dem Ausschuss des Senators Joseph McCarthy, der die vermeintlichen Kommunisten unter den Hollywood-Künstlern jagte, musste Brecht aussagen. In einem kleinen Gedicht hat er doch noch Stellung genommen zum Aufstand vom 17. Juni 1953 und der Regierung ironisch geraten, das ungehorsame Volk aufzulösen und ein anderes zu wählen. Günter Grass, der Brecht zur Theaterfigur machte, hat sich in Wahlkämpfen sogar parteipolitisch engagiert und musste sich in seiner Funktion als Künstler vom politischen Gegner deshalb als "Pinscher" bezeichnen lassen. So ist das, was sich zwischen den Künstlern und den Mächtigen abspielt, immer auch selbst ein Stück Machtkampf. Und damit wieder Stoff für die Kunst.



Aus: "Kunst und Macht - eine unendliche Geschichte" Von Herbert Heinzelmann (21.09.2006)
Quelle: http://www.kinofenster.de/filmeundthemen/ausgaben/kf0105/kunst_und_macht_eine_unendliche_geschichte/

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[Autonomie der Kunst als Mythos... ]
« Reply #4 on: June 20, 2022, 04:03:23 PM »

Quote
[...] Eine Zensur finde nicht statt, sagt die verantwortliche Kuratorin der Manchester Art Gallery, Clare Gannaway, aber das hat auch kein Beobachter behauptet. Wo es sich doch um einen Akt der Selbstzensur handelt, dass das Haus das Gemälde „Hylas und die Nymphen“ des englischen Malers John William Waterhouse aus seinen öffentlichen Sammlungen entfernt hat.

Der Vorwurf lautet, es handele sich um eine „erotische Fantasie“ aus viktorianischer Zeit, in der der weibliche Körper als „passiv-dekorativ“ oder als „femme fatale“ dargestellt werde. Allein das wäre ja ein Deutungsangebot, über das sich diskutieren ließe, und die Künste sind nun mal ein besonders opulentes Angebot an Interpretationsmöglichkeiten. Und schon wegen dieses immensen Reichtums muss man sie unbedingt schützen. Doch anstelle der ästhetischen Auseinandersetzung sagt man jetzt in Manchester: abhängen! Keine Gelegenheit soll mehr sein, sich mit dem Bild, 1896 entstanden, zu beschäftigen, und damit, nicht zuletzt, mit einem provozierenden Blick auf ein Thema der antiken Mythologie.

Soeben erst gab der Direktor des Städel Museums in Frankfurt, Philipp Demandt, zu bedenken: „Jeder Mensch hat das Recht, ein Kunstwerk zu mögen oder aber abzulehnen. Aber über all dem steht das Recht, sich eine eigene Meinung zu bilden. Und das kann der Betrachter nicht, wenn man ihm ein Kunstwerk vorenthält.“ Wie ernst man es in Manchester damit meint, ein Kunstwerk vorzuenthalten, lässt sich daran ersehen, dass auch die Postkarten aus dem Museumsshop entfernt wurden. Sollte es womöglich der nächste Schritt sein, dass die Sittenwächterperspektive nicht nur über die Geschichte von einem jungen Mann, der von nackten Nymphen in den Tod gelockt wird, ein Bilderverbot verhängt, sondern dass die Moralapostelperspektive sich anschickt, die Freiheit der Kunst überhaupt anzufechten? Demandt meinte in diesem Zusammenhang: „Erst hängen wir die Bilder ab, dann die Freiheit an den Nagel.“

Nicht nur in Manchester wird die Kunst durch einen Akt aus dem Geist eines Neo-Viktorianismus bedrängt, der sich sittlich gibt, tatsächlich jedoch im Namen einer aufgeladenen und an dieser Stelle verqueren Sexismus-Debatte fatal dekorative Vorstellungen von der Kunst entwickelt. Das ästhetische Urteil wird zurückgedrängt. Wenn es so weitergeht, dürfte die Autonomie der Kunst leiden. In Manchester wurde jetzt ein Bild zum Opfer.


Aus: "Die Kunst als Opfer" Christian Thomas (Erstellt: 03.02.2018Aktualisiert: 04.01.2019)
Quelle: https://www.fr.de/kultur/kunst/kunst-opfer-10977290.html

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Quote
[...] Wer die jüngsten Nachrichten aus der Kunstwelt verfolgt hat, mag durchaus der Meinung sein, "dass man um die Kunstfreiheit fürchten muss", wie Hanno Rauterberg kürzlich in der ZEIT schrieb. Die meisten dieser Nachrichten kommen aus New York. Im Frühling veranlasste die Künstlerin Hannah Black einen Protest gegen die Ausstellung des Gemäldes Open Casket (2016) von Dana Schutz während der Whitney-Biennale. Es zeigt die verstümmelte Leiche von Emmett Till, eines schwarzen Jugendlichen, dessen grausamer Mord im Jahr 1955 zur Formierung der Bürgerrechtsbewegung beitrug. Black warf Schutz, einer weißen Malerin, vor, dass sie sich Inhalte afroamerikanischer Kultur zu eigen mache und schwarzes Leid ausbeute.

Im Sommer wurde dann das New Yorker Guggenheim-Museum zum Ziel von Protesten, weil es verschiedene Werke ausstellte, die Grausamkeit gegen Tiere enthalten. In Sun Yuans und Peng Yus Video Dogs That Cannot Touch Each Other (2003) sieht man acht zähnefletschende Pitbulls, die über entgegengesetzte Laufbänder aufeinander zu hetzen und sich zerfetzen wollen. Anfang Dezember schließlich forderte die New Yorker Unternehmerin Mia Merrill das Metropolitan Museum dazu auf, das Gemälde Thérèse Dreaming (1938) des französischen Malers Balthus aus seiner Dauerausstellung zu entfernen oder es zumindest mit einem neuen Begleittext zu versehen. Mehr als 11.000 Menschen unterzeichneten ihre Petition, in der sie behauptet, Balthus’ Gemälde objektiviere Frauen und romantisiere die Sexualisierung von Kindern. Die Tatsache, dass das Museum das Gemälde zeige, ohne auf solche Probleme auch nur hinzuweisen, rechtfertige eine solche Sexualisierung, ja verherrliche sie sogar.

Seitdem wurden viele Stimmen laut, die solche Proteste verurteilen und die Museen dafür loben, sich von ihnen nicht beeinflussen zu lassen – oder sie, im Fall des Guggenheims, das die strittigen Hundevideos schließlich doch zurückzog, für ihre Nachgiebigkeit kritisieren. Aufrufen zur Zensur, ganz gleich, woher sie kommen, sollte man immer misstrauisch begegnen. Aber es lohnt sich, zu differenzieren. In den genannten Fällen ist der Ruf nach einer Beschränkung der Kunst nicht Ausdruck von Intoleranz, Hass oder Prüderie. Er wird von Protestierenden erhoben, die das Vermächtnis von Sexismus, Rassismus und andere Formen von Ungerechtigkeit in der Kunst thematisieren wollen. Dass ein solches Vermächtnis besteht, wird kaum jemand bestreiten können. Bisher hat die Kunstszene wenig dafür getan, es aufzuarbeiten oder die ihm zugrunde liegenden Ungerechtigkeiten zu korrigieren.

Genauso misstrauisch sollte man deshalb werden, wenn ein Aufruf zur Entfernung von Kunstwerken, der zugleich mehr Gerechtigkeit in der Kunstwelt einfordert, pauschal beiseite gewischt wird. Besonders gilt das, wenn er nicht aus einer institutionellen Machtposition vorgebracht wurde – von Regierungen, Museen oder einflussreichen Kritikern –, sondern aus der Perspektive der Opfer: In den drei genannten Fällen sind die Protestierenden entweder marginalisierte Gruppen (Frauen oder Nichtweiße) oder sie sprechen für jene, die nicht für sich selbst sprechen können (Tiere).

Mia Merrills Petition gegen Balthus' Gemälde – ein historisches, kein zeitgenössisches Kunstwerk – hat nun eine besonders heftige Reaktion hervorgerufen: "Erspart uns die moralische Hysterie, die ein neues Zeitalter der Zensur ankündigt", schrieb Rachel Cooke im Guardian. Sie kritisiert die Aufgebrachtheit der Protestierenden, doch beim ersten Blick auf ihren Artikel kann man die Überschrift auch genau umgekehrt deuten. Balthus' Gemälde ist nicht zensiert worden, das Metropolitan Museum hat die Petition mit ihren 11.000 Unterschriften rundheraus abgelehnt. Besteht die Hysterie also nicht viel eher in der Behauptung, dass einige wenige Stimmen von Minderheiten, die von Kunstinstitutionen im Großen und Ganzen ignoriert worden sind, im Begriff seien, einen kunstweltlichen Polizeistaat zu errichten? Die Medienreaktion auf Merrills Petition geben mehr Anlass zur Sorge als die vermeintliche Gefährdung des Gemäldes selbst.

Schauen wir uns den Balthus-Fall genauer an: Thérèse Blanchard, ein Lieblingsmodell des 1908 als Balthasar Klossowski geborenen französischen Künstlers, war zwölf oder dreizehn, als das Bild 1938 entstand. In Thérèse Dreaming, wie auch in anderen Gemälden und Fotografien, die Balthus von ihr anfertigte, wird das junge Mädchen als zugleich unschuldig und sexy porträtiert: Ihr Rock ist hochgerutscht, sie lehnt sich zurück, die Augen sind geschlossen und sie bemerkt, wie es scheint, den Streifen weißer Unterwäsche nicht, der zwischen ihren Beinen hervorlugt. Balthus hat bis zu seinem Tod im Jahr 2001 bestritten, dass diese und andere seiner Arbeiten etwas Sexuelles beinhalten. Nur lüsterne Betrachter könnten Derartiges in ihnen sehen, sagte er.

Für die Frage, unter welchen Umständen dieses Bild heute gezeigt werden sollte, sind Balthus' Selbstauskünfte allerdings irrelevant. Und auch die Reaktion der Betrachtenden ist für die heutige Bewertung nicht entscheidend. Zwar spricht Merrill in ihrer Petition von ihrem "Schock" beim Anblick des Gemäldes. Zentral ist für sie aber nicht das Unbehagen des Publikums, sondern die Ausbeutung des abgebildeten Mädchens selbst. Hier liegt der wichtigste Unterschied zwischen ihrer Zensurforderung und den Protesten gegen andere strittige Kunstwerke wie etwa Andres Serranos Fotografie Piss Christ (1987), die ein Plastikkruzifix in einem mit dem Urin des Künstlers gefüllten Glas zeigte, oder Robert Mapplethorpes X Portfolio (1978), in dem der Künstler Sexszenen aus der schwulen Subkultur darstellte. Auch von diesen Werken fühlten sich damals viele Menschen brüskiert. Allerdings kam bei ihrer Herstellung niemand zu Schaden. "Worauf es ankommt, ist, dass wir von einem Künstler sprechen, der sehr junge Mädchen aufforderte, in sein Atelier zu kommen und sich auszuziehen", sagte Merrill in einem Interview mit der New York Times zu ihrem Protest gegen Balthus. "Was macht das mit der Frage nach Einverständnis?"

Die Vehemenz der Reaktionen auf Merrills Petition erklärt sich sicherlich daraus, dass sich ihr Argument auf eine sehr große Zahl von Kunstwerken aus dem westlichen Kanon übertragen ließe. Balthus' pädophiler Blick ist ein Extrembeispiel einer sehr vertrauten Art von Machtmissbrauch: Eine mächtige Person (in diesem Fall ein bekannter Künstler, der wohlhabend und ein Mann ist) verwendet ihre Privilegien dazu, Menschen auszunutzen, die keine Kontrolle darüber haben, wie sie porträtiert werden oder was mit ihrem Körper geschieht. Wie viele von Männern hervorgebrachte Kunstwerke beruhen auf einer solchen Ausbeutung von Frauen? Wie viele Kunstwerke von Weißen zeigen eine solche Ausbeutung von Nichtweißen? Wenn die Antwort auch nicht "die große Mehrheit" lauten mag, so ist es doch sicherlich ein nicht unerheblicher Anteil.

In der Washington Post widerspricht Philip Kennicott dem Vorschlag von Merrill, dass das Met, wenn es das Gemälde nicht aus der öffentlichen Sammlung entfernen will, es doch mit einem neuen Bildtext rekontextualisieren könnte, der die problematischen Aspekte des Werks thematisiert. "Aber selbst das wäre bereits ein Zugeständnis zu viel", schreibt Kennicott: "Nach diesem Maßstab müsste das Museum Hunderte, wenn nicht Tausende von Warnhinweisen anbringen, und das nicht nur für Werke von heterosexuellen Männern mit einem erotischen Interesse an Mädchen." Und wenn wir damit anfangen zu fragen, ob man Balthus' Gemälde heute noch zeigen dürfe, schreibt Jerry Saltz im New York Magazine, dann müssten wir dieselbe Frage auch für Werke von Michelangelo, Carravaggio, Modigliani, Degas und Picasso und vielen anderen großen Künstlern beantworten.

Auch wenn sie es nicht ausdrücklich sagen, nehmen Kennicott, Saltz und viele andere Kritiker an, dass eine solche Hinterfragung des Kunstkanons unverhältnismäßig, gefährlich oder lächerlich, in jedem Fall aber ein schwerwiegender Fehler wäre. Solche Debatten laufen oft aus dem Ruder: Hannah Black wurde in der Kontroverse um Dana Schutz wiederholt mit Hitler oder Stalin verglichen, Jonathan Jones stellte Merrills Petition im Guardian auf eine Stufe mit dem Vorgegehen des Islamischen Staates gegen Kunstwerke.

In einer Sache haben diese Kritiker freilich recht: Was in der Debatte um Thérèse Dreaming infrage steht, ist nicht ein einzelnes Gemälde, sondern unser Verhältnis zum Kunstkanon insgesamt. Doch das Argument, das unweigerlich folgt, dass nämlich eine Neubewertung des Kanons völlig unverhältnismäßig wäre, ist fadenscheinig. Die Forderung an die Kunstwelt, Ausbeutung abzulehnen und sie nicht weiter unter dem Deckmantel der Kunstfreiheit zu feiern, ist nicht einfach aus der Luft gegriffen. Sie bezieht sich auf eine Unterdrückungsgeschichte, die diese schönen, meisterhaften und wichtigen Kunstwerke begleitet und legitimiert hat und von ihnen im Gegenzug selbst legitimiert wurde. Ist es da wirklich zu viel verlangt, ein paar Bildunterschriften zu ändern? Oder auch ein paar Tausend Bildunterschriften?

Kuratoren steht es frei, eine solche Rekontextualisierung von Gemälden als Lösung der beklagten Probleme abzulehnen. Aber die beklagten Probleme verschwinden dadurch nicht. Wenn sie darauf bestehen wollen, Kunstwerke zu zeigen, die Ausbeutung nicht nur abbilden, sondern selbst auf Ausbeutung beruhen, dann müssen sie auch dafür sorgen, dass ihre Ausstellung die Ausbeutung nicht legitimiert oder normalisiert. Ganz gleich, ob man mit den Zielen der Protestierenden übereinstimmen möchte oder nicht, es ist doch schwer zu leugnen, dass Gewalt, die sich gegen Kunst wendet, im Vergleich zur Gewalt, die Menschen angetan wurde, verblasst.

Widerstand gegen Kunst – sei sie physisch, wie im Fall der konföderierten Denkmäler, die nun in den Südstaaten der USA abgebaut werden, oder intellektuell, wie im Fall der Aufrufe, Werke aus Museen zu entfernen oder sie mit kritischen Begleittexten zu versehen – sollte man nicht verharmlosen. Aber die Forderung, dass wir unser Verhältnis zum westlichen Kunstkanon ändern sollten, ist nicht weniger plausibel als die, dass Monumente des auf Sklaverei beruhenden Südstaatenregimes zerstört werden müssen: Solche Monumente repräsentieren nicht bloß eine vergangene Unterdrückung, ihre Präsenz im öffentlichen Raum legitimiert diese Unterdrückung auch in der Gegenwart.

Indem sich das Metropolitan Museum auf das Argument zurückzieht, Balthus’ Gemälde stamme aus einer anderen, vergangenen Zeit, verkennt es eine solche Kontinuität von Geschichte. Das Werk mag aus einer anderen Zeit stammen, aber die sexuelle Ausbeutung, die es glorifiziert, gibt es noch heute. Deshalb verweist Merrills Petition auch auf die #MeToo-Bewegung.

Ein Sprecher des Museums, Kenneth Weine, sagte, dass "Denkmäler wie dieses uns eine Möglichkeit zur Diskussion geben; die bildende Kunst ist eines der bedeutendsten uns zur Verfügung stehenden Mittel, über die Vergangenheit und die Zukunft nachzudenken". Weines Aussage weist eine weitere Unzulänglichkeit auf: die unermüdliche Betonung von "Diskussion" und "Dialog" über strittige Kunst als Selbstzweck. Sie bedeutet nichts anderes, als dass man über Sexismus, Rassismus, Grausamkeit gegen Tiere und andere Formen von Ungerechtigkeit immerzu diskutieren sollte, es aber aber völlig inakzeptabel findet, wirklich etwas gegen sie zu tun. Soll Redefreiheit in Tatenlosigkeit münden?

Nach Hanno Rauterbergs Einschätzung in der ZEIT verkennen Petitionen wie die gegen Thérèse Dreaming das Wesen von Kunstwerken, das darin liegt, Idee und nicht Handlungsanweisung für das wirkliche Leben zu sein. "Diese Unterscheidung aber, zwischen Fiktion und Wirklichkeit, geht verloren." Einem Betrachter wie Rauterberg, der die Herabsetzung und Entmündigung, die Frauen regelmäßig widerfährt, nie erlebt haben dürfte, kann ein Gemälde wie Thérèse Dreaming tatsächlich wie eine Fiktion, wie etwas rein Theoretisches erscheinen. Aber jene, die sich beim Anblick des Gemäldes mehr mit dem Modell als mit seinem Maler identifizieren, verstehen, dass die bloße Darstellung einer Handlung auch die Verherrlichung der Handlung selbst bedeuten kann.

Die wirklich wichtige Unterscheidungslinie verläuft deshalb nicht zwischen zwischen Fiktion und Wirklichkeit, sondern vielmehr – wie Ginia Bellafante es in einem der wenigen Artikel formulierte, die der Kontroverse sachlich begegnen – "zwischen Kunst, die Ausbeutung imaginiert oder dokumentiert, und Kunst, die aktiv an Ausbeutung beteiligt ist". Dogs That Cannot Touch Each Other ist keine Darstellung von Grausamkeit – es ist Grausamkeit. Das Video auszustellen, das aus der Performance hervorging, heißt, diesen Missbrauch zu billigen und ihn somit fortzusetzen. Man kann argumentieren, dass auch Thérèse Dreaming ein Dokument der Ausbeutung ist – keiner körperlichen Ausbeutung eines Tieres, sondern der sexuellen Ausbeutung eines Kindes, das zu jung war, um zu verstehen, wozu es aufgefordert wurde, und zu weiblich, als dass seine Einwände, wenn es welche hatte, anerkannt worden wären.

Das Problem all der leidenschaftlichen Plädoyers für die Kunstfreiheit liegt nicht zuletzt darin, dass die Prinzipien, die sie verteidigen, immer nur das Vorrecht weniger Menschen gewesen sind. Nach westlichen Gesetzen steht es Künstlern frei, sich so auszudrücken, wie sie es für richtig halten. Aber was dieser rechtliche Schutz nicht anerkennt und auch nicht ungeschehen machen kann, ist, dass bis vor nicht allzu langer Zeit fast ausschließlich weiße Männer in den Genuss kamen, diesen Schutz überhaupt in Anspruch zu nehmen. Abstrakte Prinzipien nützen wenig, wenn man praktisch daran gehindert wird, sie zu nutzen. Solange Frauen und andere marginalisierte Gruppen keinen gleichberechtigten Zugang zur Kunstwelt haben, bleibt das abstrakte Ideal der Kunstfreiheit ein liberales Trugbild.

"Müssen Frauen nackt sein, um ins Metropolitan Museum zu kommen?", fragten die feministischen Kunstrebellinnen The Guerilla Girls 1989 und stellten fest, dass "weniger als fünf Prozent der Künstler in der Abteilung Moderne Kunst Frauen, aber 85 Prozent der Akte weiblich sind". 2011 aktualisierten sie ihre Statistik: weniger als 4 Prozent Künstlerinnen und immer noch 76 Prozent Akte. "Weniger Künstlerinnen, mehr männliche Nackte. Ist das Fortschritt?", fragten sie. "Wir können unsere Masken wohl noch nicht an den Nagel hängen." Von Frauen geschaffene Kunst erwirtschaftet auch heute noch viel geringere Einnahmen (im Schnitt verdienen Künstlerinnen einer jüngeren Studie zufolge fast 50 Prozent weniger), sie erhält weniger Aufmerksamkeit und nimmt in Museen deutlich weniger Raum ein.

Warum also erregen sich unsere Kunstkritiker so viel mehr über die potenzielle Einschränkung der Kunstfreiheit eines weißen männlichen Malers als über den sehr wirklichen Mangel an Kunstfreiheit, unter dem unzählige marginalisierte Kunstschaffende leiden? Ist die fortgesetzte Abwesenheit von Frauen – nicht nur nach #MeToo, sondern nach Jahrzehnten des feministischen Aktivismus – nicht ein viel skandalöserer Akt des Auschlusses als der von Merrill vorgeschlagene? Wenn diese Kritiker – zufällig überwiegend weiß und männlich – die Kunstfreiheit verteidigen, dann verteidigen sie in Wirklichkeit jenen Status Quo, nach dem diese Freiheit verteilt ist.

Die Welt, in der diese Kritiker zu leben glauben, wäre eine bessere: eine Welt, in der wir Kunstwerke abstrakt und objektiv diskutieren könnten, weil die repressiven Bedingungen ihrer Herstellung und Verteilung sowie die Unterdrückung der in ihr Dargestellten nur noch historische Artefakte sind. Leider lebt niemand von uns dort, und wir übersehen manchmal, dass unsere eigenen Erfahrungen eben nicht universell sind – und dass das, was der einen Person lediglich provokativ erscheint, einer anderen Erniedrigung und Repression ist. Solange die Ausbeutung, die Balthus' Gemälde zugrunde liegt, weiterhin eine alltägliche Wirklichkeit für Frauen ist, wird das Gemälde, all seiner Qualitäten ungeachtet, diese Wirklichkeit bekräftigen.

"Der schützende Rahmen des Museums ist keiner mehr", beklagt Hanno Rauterberg. Indem Museen Einwände wie diejenigen Merrills einfach ignorieren, behandeln sie kreative und intellektuelle Freiheit nicht als Anrecht aller, sondern als Vorrecht weniger. Die Reden von der Kunstfreiheit bleiben das, was sie immer gewesen sind: ein Mythos.



Aus: "Zensur-Debatte: Mythos Kunstfreiheit" Julia Pelta Feldman (2. Januar 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/kunst/2017-12/zensur-debatte-kunstfreiheit-sexismus-metropolitan-balthus/komplettansicht

Quote
collie4711 #3

Bilderstürmer gab es zu jeder Zeit:
Deutsches historisches Museum
Bildersturm und Reformation
http://www.dhm.de/blog/2017/08/08/bildersturm-und-reformation/


Quote
Liberale Stimme #3.1  —  2. Januar 2018, 22:35 Uhr

Bilderstürmerei ist ziemlich lange her - vor der Aufklärung!


Quote
collie4711 #3.5  —  3. Januar 2018, 18:36 Uhr

Vor 75 Jahren hieß es entartete Kunst. Das war nach der Aufklärung.


Quote
MasterBlaster #7

Kunst darf keinen Beschränkungen unterworfen sein. Wer setzt der Zensur, wenn sie einmal verhängt wird Grenzen, wer definiert deren Grenzen? Wer sich an den Inhalten von Kunst stört, kann eine gesellschaftliche Debatte beginnen, um seinen Standpunkt klar zu machen, zu keiner Zeit hat es dazu bessere Möglichkeiten gegeben als heute. Wer aber das Abhängen von Bildern fordert, ist vom Verdammen von Kunst als entartet nicht mehr weit entfernt.


Quote
Anna Kowalska #7.2  —  3. Januar 2018, 0:54 Uhr

"Kunst darf keinen Beschränkungen unterworfen sein."

Aber natürlich. Die Künstler müssen sich, wie alle andere Bürger auch, an die Gesetze des Landes in dem sie leben halten.


Quote
martinez1992 #8  —  2. Januar 2018, 21:12 Uhr

Die Kritiker eröffnen einen Nebenschauplatz. Sie nicht willig die korrupten Strukturen des internationalen Kunsthandels offenzulegen. Oder auch nur die Frage zu beantworten, warum es heute so viele bekannte Künstlerinnen gibt, deren Abeiten bedeutungslos sind.

Als junge emanzipierte Frau halte ich auch die Skulptur 'Frau' von Giacometti aus.

frau kann alles machen. Es sollte nur Qualität haben. Nur ein paar Bilder alla Informel malen oder ein paar Schaufensterpuppen ausstellen reicht gutgebildeten Menschen nicht.
Jetzt wäre wieder der Kunstkritiker gefragt: Warum schaffen es Kunsthistorikerinnen, die massenweise Belangloses ausstellen, immer in die Leitung von Museen?


Quote
Der Unterhörte #11

"Die aber ist ein liberales Trugbild."

Anhand solcher Aussagen sieht man: Der fortgeschrittene Liberalismus ist ein Trugbild. Kunstfreiheit ja, aber nur solange sich niemand beleidigt oder gekränkt fůhlt. Meinungsfreiheit ja aber nicht für "hass" und "hetze". Toleranz ja, Minderheiten kritisieren nein. Und als nächstes kommt wohl "Demokratie" ja, Regierungskritik nein. Der gesamte Liberalismus ist durchzogen von Trugbildern, Fehlinterpretationen auf Basis von Halb- und Unwahrheiten und täuscht auf verschiedene Weise den gesunden rationalen Menschenverstand. Für moderne Liberale ist Zensur absolut kein Problem, solange sie sich in ihrer Echokammer weder gestört noch angegriffen fühlen.


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MehowSri #11.2  —  3. Januar 2018, 1:51 Uhr

Sehr schön auf den Punkt gebracht. Dieses Verhalten nennt man Heuchelei.


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Paul Freiburger #11.4  —  3. Januar 2018, 13:32 Uhr

Ich bin ganz klar gegen die von Frau Feldman geäußerte Ansicht und halte so etwas nicht mehr für liberal, sondern für einen Tugendwahn.


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Zizi Electrique #12  —  2. Januar 2018, 21:16 Uhr

Allein schon an dem Gedanken die Kunst zu zensieren zeigt sich, wie kleingeistig und unfrei der gesamte Diskurs geworden ist.


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GanzImGlück #12.1  —  2. Januar 2018, 22:47 Uhr

Kunst darf alles (darstellen). Das sei Konsens, dachte ich. Aber es zeigt sich, dass die Moral- und Tugendwächter sich nur schlafend gestellt haben. Früher hieß die Begründung Gotteslästerung, heute ´Objektivierung der Frau´. Gleicher Geist, anderes Etikett.


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TomBuilder #18  —  2. Januar 2018, 21:34 Uhr

Fällt Frau Feldman eigentlich auf, wie epochenabhängig die Kunst-Maßstäbe sind, die sie einfordert? Wer hätte vor 200 Jahren nach freiem Willen, nach Geschlechterproporz, nach Beachtung von Rassenschranken gefragt, wenn er/sie ein Kunstwerk betrachtet hat?

Welche Maßstäbe werden wir in 100 Jahren anlegen? Die klimaneutrale Herstellung des Bildes? Die nachgewiesen nicht-ausbeutende Quelle der Farben? Die Erstellung des Bildes passend zum Geschlechter- und Hautfarben-Proporz?

Ob jemandem Kunst gefällt, ob er sie gut findet, das darf jeder selbst entscheiden (bisher).

Wenn die großen Museen nur noch Werke erwerben, erhalten und ausstellen, die keine nennenswerte Kritik hervorrufen, dann werden die Magazine in 100 Jahren leer-bereinigt sein. Kritik rufen die leeren Magazine dann nicht mehr hervor, alles politisch korrekt und kantenlos.


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integrity #20  —  2. Januar 2018, 21:38 Uhr

In der Tat ist und was die Freiheit der Kunst ein Mythos - allerdings nur in dem Sinne, dass Kunst zu keiner Zeit in einem kontextfreien Raum entsteht/enstanden ist: Kunst existiert niemals nur für sich selbst, sondern ist immer in gesellschaftliche Prozesse und Zustände eingebunden.

Wenn wir also über Kunst ernsthaft diskutieren wollen, dann eben nicht zuerst in dem Sinne, ob und was diesem oder jenem (dieser oder jener) gefällt oder auch missfällt, sondern zunächst einmal, ob wir den Begriff FREIHEIT (innerhalb der Kunst) weiterhin hochhalten wollen - oder eben nicht.

Ich jedenfalls bin unbedingt dafür, weil es ansonsten KEINEN RAUM mehr für einen ebenso unentbehrlichen Begriff geben kann, der ebenfalls BISLANG zum Kanon der Modernen Kunst gehört: WAHRHEIT.

Wahrheit ist innerhalb der Kunst ein Begriff, der selbstverständlich auch die Irrtümer und Idiotien von Kunstwerken mit einschließt. Als FORMTAT ist Kunst in ALLEN Äußerungen darum für alle jene unverzichtbar, die das Leben UNGEFILTERT und AUTHENTISCH übersetzt wissen wollen. Denn: Orientierung hat NUR, wer seine Ideologien ÜBERWINDETund bereit ist, das ANDERE / DEN Anderen wahrzunehmen. HYSTERIE HILFT EDENFALLS NIEMANDEM WEITER - KUNST BIETET UNS DIE CHANCE ZUR BEWUSSTSEINSERWEITERUNG....und das sollten wir uns nicht nehmen lassen.


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KlappeDie27ste #24  —  2. Januar 2018, 21:46 Uhr

Die Kunst wird wahrscheinlich nur überleben, wenn sie in den Untergrund geht, ins Darknet, wo sie sich dem Zugriff hypermoralisierender Bilderstürmerinnen entziehen kann.


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gender #37  —  2. Januar 2018, 22:14 Uhr

Sind die Besucher von Museen (nicht nur männliche natürlich) nicht in der Lage selber zu urteilen? Glauben wirklich immer noch genderbesorgte Pädagoginnen, dass es besonderer Aufklärung durch sie bedarf, damit das dumme Volk die Bilder der Welt aushält, ohne zum Rassisten, zum Antifeministen oder zu was eigentlich zu werden? Fallen sie doch mal über den "Dreck" im Fernsehen her, da werden wieder alte Nazifilme gezeigt, ewige Wiederholungen von Bondfilmen, als ob die nicht sexistisch sind, anstatt in so einer Art eine Kunstdebatte lostreten zu wollen, die unter dem Deckmantel man muss ja mal die Frage stellen, ob diese Bilder/Installationen etc. gezeigt werden dürfen anscheinend so objektiv ist. Abenteuerlich ist doch viel mehr ebenso wie bedenklich, undemokratisch und zutiefst autoritär die Frage nach der Legitimation von Bevormundung, Gängelung unter dem Verdikt von Bedenken. Mir graust vor dieser Debatte, weil sie keine ist, weil sie niemand braucht und weil es Zeit wird, dass sie mal die Frage stellen, ob der ungeübte Museumsbesucher wirklich erzogen und bevormundet werden muss, vielleicht ja auch der Theaterbesucher, der Opern- und Konzertbesucher, über die Bücher haben sich die Moralapostel ja schon vor Jahren hergemacht, deswegen wird jetzt in einem Deutsch geschrieben - mir graust davor!!! um es mit Goethe, auch gendermäßig nicht sauber, zu sagen!


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MMMMCCCCMMMMCCCC #39  —  2. Januar 2018, 22:19 Uhr


Wer nicht verstehen will, dass es früher andere Paradigmen und gesellschaftlichen Normen gab und es so unglaublich schrecklich ist diese anzusehen (trigger warning) dem ist ein einem Kunstgeschichtsmuseum einfach nicht mehr zu helfen. ...


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Amicus philosophiae #44  —  2. Januar 2018, 22:33 Uhr

Wer will, findet in ziemlich vielen Kunstwerken der Vergangenheit Darstellungen, die es so nicht gäbe, wäre es in jenen Zeiten (nach heutigen Maßstäben) politisch korrekt zugegangen, ganz zu schweigen davon, daß es manche Kunstwerke dann insgesamt nicht gäbe. Da müßten wir nicht erst bei Michelangelo anfangen, der von einer Institution bezahlt wurde, von deren Praktiken sich sogar ihre heutigen Vertreter distanzieren, und auch nicht bei Mozart aufhören.

Alleine heute mehrere, von mit Gutmenschlichkeit getarnter Illiberalität und hanebüchenen „Argumenten“ nur so strotzenden Artikeln. Nur weil in den USA kleine Kinder nicht mehr nackt im häuslichen Hof herumtollen dürfen, muß man dies nicht auch für Deutschland übernehmen. Und nur weil man heute (zu Recht) keine Posingbilder von Kindern ins Museum oder Internet stellen würde, muß Thérèse 1938 nicht „ausgebeutet“ worden sein. Andere Länder, andere Zeiten, andere Sitten, anderes Empfinden.

Mein guter Vorsatz für dieses Jahr: Weniger Zeit für die „ZEIT“ und mehr für Kunst, Literatur und Wissenschaft.


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GrandCru #46  —  2. Januar 2018, 22:47 Uhr

Die neue "Kanon"-Debatte ist spannend, weil fraglos berechtigt. Aber sie müsste innerhalb von Kunst und von Ausstellungen selbst reflektiert werden. Das Tor für Verbotsforderungen sollte man nicht aufmachen. Voriges Jahr in Leipzig empfanden Leute 3 senkrecht aufgestellte Busse als "Schande" und "Kacke".
Balthus ist schon lange im Fokus. 2013: "He also had an inordinate fixation on girls who'd just hit puberty. 'Little girls are the only creatures today who can be little Poussins,' Balthus said late in life, ... The Met, not imprudently, has put a plaque at the start of the show that reads: 'Some of the paintings in this exhibition may be disturbing to some visitors.'"
Ich meine, die Debatte sollte tiefer und dialektischer ins Werk gehen. Mir fällt bei Balthus z.B. seine generelle Vorliebe für überspannt konstruierte, verrenkte schmächtige Körper auf, auch bei Männerdarstellungen. Da muss schon etwas mehr Bildbetrachtung her, auch Historie (Lucas Cranach's Venus abhängen?). Das ist doch alles Reflexionsmaterial, anhand dessen sich Männer, Frauen und KunstkrtikerInnen (!) selbst über ihren gelenkten Blick auf Kunst aufklären können. Besser als Zensur sind Kontraste aus Gegenbildern, z.B. nicht auf Sexiness fixierte Darstellungen von Frauen in der Kunstgeschichte. Aber das Kunstgeschichte auch Herschaftsgeschichte ist, wusste schon Benjamin, ist natürlich bitter und bedarf der Bearbeitung.


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TrueUp #48  —  2. Januar 2018, 22:53 Uhr

Ich verstehe den Punkt des Autors, eine berechtigte Fragestellung.

Jedoch - Otto Dix hatte einmal sinngemäß gesagt.

"Ich male das, was ich sehe"

Lassen wir es die Künstler doch weiter so halten.
Es gibt Dinge, die uns nicht gefallen. Dennoch existiert das Böse.

Alleine, wer soll bestimmen was
gemalt werden darf und was nicht?

Deshalb bin ich gegen Zensur. Ich würde eher auf Begleittexte setzen.


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Gladiola #53  —  2. Januar 2018, 23:06 Uhr

Der nächste logische Schritt wäre es, eine Bundeskulturkammer einzurichten, die rassistische, sexistische und sonstige entartete Kunst aus der Öffentlichkeit entfernt und den Künstlern Berufsverbot erteilt.


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Frank-Werner #53.1  —  2. Januar 2018, 23:13 Uhr

Gibt es - in abgeschwächter Form - schon: nennt sich BPJM (Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien).
Wird ein Film oder Spiel indiziert, so hat dies wegen des defacto Vertriebsverbots das kommerzielle Aus zu Folge.
Weshalb an zahlreichen Filmen und Spielen vor der Veröffentlichung in Deutschland das Zensurmesser angesetzt wird. Dabei herauskommen dann Filme, welche trotz ihrer Freigabe "ab 18" zensiert sind.


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Chetemti-biti #54  —  2. Januar 2018, 23:07 Uhr

Es ist ein Hohn, im 21. Jahrhundert eine derartig hanebüchene Rechtfertigung von Zensur und Index lesen zu müssen.

Müssen wirklich alle Gefechte für die Freiheit immer wieder neu geführt werden? Werden die alten Religionen und Priesterschaften nur immer durch neue Organistionen in neuen Gewändern, aber im ewig alten Geist ersetzt? ...


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R.Müller #58  —  2. Januar 2018, 23:19 Uhr

Wenn etwas zensiert werden soll, nur weil es sexistisch, rassistisch oder gewaltverherrlichend ist, dann müssten zu allerest Bibel und Koran verboten werden. Dagegen ist Balthus doch völlig harmlos. Warum also gerade bei ihm anfangen?


...
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