Author Topic: [Aspekte zum Journalismus... ]  (Read 18513 times)

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[Nirgends auf der Welt sei... ]
« Reply #45 on: December 01, 2015, 11:51:30 AM »
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[...] Nirgends auf der Welt sei "die Presse freier als in der Türkei" sagte der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan vor rund einem Jahr bei einer Rede in Ankara. Er sei sich da sehr sicher. Sogar Beleidigungen und Hetze gebe es in der türkischen Presse, auch gegen ihn selbst. Und wenn Erdogan etwas als Beleidigung auffasst - das ist die Realität in der Türkei -, dann schickt er seine Anwälte los, in letzter Zeit fast täglich. Journalisten und Redakteure werden reihenweise angeklagt, verhaftet, gefeuert.

Wer etwas schreibt, das dem Staatschef nicht genehm ist, wird als Terrorist bezeichnet und von der AKP-treuen Presse zum Abschuss freigegeben.  ...

Transparency International, Reporter ohne Grenzen und andere Organisationen zeigen sich zutiefst besorgt über den Zustand der Presse- und Meinungsfreiheit in der Türkei. Gerade in der jetzigen Situation, in der Erdogan ein Referendum über eine Verfassungsänderung hin zum Präsidialsystem vorbereitet, wäre lautstarke Kritik aus der EU so wichtig wie nie. Doch stattdessen lassen sich Angela Merkel und die anderen Staatschefs von Erdogan an die Zügel nehmen, weil sie sich von ihm Unterstützung beim Thema Flüchtlinge erhoffen. Ein fatales Signal.  ...


Aus: "Erdogan: "Die freieste Presse der Welt"" Gerrit Wustmann (01.12.2015)
Quelle: http://www.heise.de/tp/artikel/46/46705/1.html

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Quote
[...] Kurz vor dem EU-Sondergipfel mit der Türkei zur Flüchtlingskrise muss der Chefredakteur der regierungskritischen Zeitung Cumhuriyet ins Gefängnis. Gegen Can Dündar und den Hauptstadtkorrespondenten der Zeitung, Erdem Gül, sei am Donnerstag Haftbefehl erlassen worden, berichtete die Nachrichtenagentur DHA. Ihnen werde Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und Spionage vorgeworfen. Hintergrund ist ein von Dündar und Gül verfasster Bericht über angebliche Waffenlieferungen von der Türkei an Extremisten in Syrien. ...


Aus: "Türkische Journalisten wegen Bericht über Waffenlieferungen in Haft" (27.11.2015)
Quelle: http://www.heise.de/newsticker/meldung/Tuerkische-Journalisten-wegen-Bericht-ueber-Waffenlieferungen-in-Haft-3025015.html

« Last Edit: December 01, 2015, 12:23:57 PM by Textaris(txt*bot) »

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[Aspekte zum Journalismus... ]
« Reply #46 on: February 20, 2017, 09:52:25 AM »
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[...] Wiederkehrend trifft sich Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ausgewählten Journalisten zu Hintergrundgesprächen. Nach dem Willen der Beteiligten sollen die Inhalte nicht an die Öffentlichkeit gelangen, sie bleiben also geheim. Das Verwaltungsgericht Berlin hat das Kanzleramt nach einer Klage des Tagesspiegel-Redakteurs Jost Müller-Neuhof jetzt zu einer teilweisen Transparenz in dieser Praxis verpflichtet (AZ: VG 27 L 369.16). Die Entscheidung ist noch nicht rechtskräftig. Hier legt Müller-Neuhof die Hintergründe dar.

Es gilt strenge Vertraulichkeit, weshalb sich Beteiligte daran halten. „Unter drei“ heißt das im Journalistenjargon. Eingeladen wird telefonisch. Berichten darf niemand, nur Wissen sammeln. Trotzdem versuchen Journalisten, manche Aussage oder Information für eine Darstellung „unter zwei“ zu gewinnen, sie also zur öffentlichen Verwendung bei Nennung des Quellen-Umfelds freigegeben zu bekommen. Das sind oft „Regierungskreise“ oder „die Parteispitze“. Nur „unter eins“ darf die Information der genauen Quelle zugeschrieben werden („Merkel sagte, dass...). Zugleich nutzt die Regierung die Termine für ein Stimmungsbild. Merkel war früher selbst Pressesprecherin und weiß, wie man die richtigen Fragen stellt.

In der Anfrage vom Mai vergangenen Jahres an das Kanzleramt ging es um alle Treffen im Jahr 2016. Sowohl die, welche vom Kanzleramt organisiert wurden, als auch jene, in denen die Kanzlerin der Einladung von Journalisten gefolgt ist. Gennannt werden sollten Ort, Zeit, Themen sowie Medien und Teilnehmer; insbesondere bei Treffen, bei denen es um den Brexit, den Umgang mit der AfD sowie die Bewältigung der Flüchtlingskrise ging. Das Kanzleramt sollte auch erklären, welche Informationen Merkel dabei den Anwesenden konkret mitgeteilt hat. Außerdem wurde eine Übersicht erbeten, welche Medienvertreter außerhalb der Hintergrundgespräche einen persönlichen Termin bei Merkel hatten.

Das Presse- und Informationsamt verwies als Antwort auf ein Hintergrundgespräch Ende April, bei dem der neue Präsident des Bundesnachrichtendiensts (BND), Bruno Kahl, den Journalisten vorgestellt wurde. Die Kanzlerin habe daran ebenso wenig teilgenommen wie an Hintergrundgesprächen auf Einladung von Journalisten. Auf weiteres Drängen hieß es, dass eine Zusammenstellung der Termine nicht vorliege und sich nicht mit vertretbarem Aufwand erstellen lasse. Nach der Bitte darum, diejenigen Informationen mitzuteilen, die sich mit vertretbarem Aufwand erstellen ließen, erklärte das Bundespresseamt, es handele sich um „vertrauliche Runden“, bei denen die behandelten Themen „vielfältig“ seien. Zu Details gebe es keine Auskunft.

Das Zusammenspiel von Medien und Regierung ist vielfach in die Kritik geraten, dabei geht es um die Glaubwürdigkeit der Berichterstattung, sichtbar jetzt auch an den Konflikten in den USA. Dem Kanzleramt wurde frühzeitig erklärt, dass die Informationen zu einer Recherche über Verbindungen von Presse und Politik benötigt würden und die Ansichten der Kanzlerin zu den genannten Themen zudem von großem öffentlichen Interesse seien. Staatliche Stellen seien bei der Auskunftserteilung strikt zur Gleichbehandlung verpflichtet. Dem widerspreche es, bestimmte Informationen nur einem exklusiven Kreis von Medien zukommen zu lassen. Der Aufforderung, seine Ablehnung näher zu begründen, kam das Kanzleramt nicht nach. Hilfsweise wurde angeboten, die erbetenen Auskünfte zu den Treffen zunächst nur vertraulich zu verwenden und beim Berliner Verwaltungsgericht der Erlass einer einstweiligen Anordnung beantragt.

Vor Gericht wies das Kanzleramt auf die Interessen der Journalisten hin, die Gespräche zählten zum „Kernbestand des politischen Journalismus“. In die „grundrechtlich geschützte Vertrauenssphäre von Medien und Informanten“ dürfe nicht auf diese Weise eingegriffen werden, der Informationsfluss würde versiegen. Außerdem müsse es Wege geben, auf denen das Kanzleramt seine Ansichten mitteilt, damit die Dinge in den richtigen Kontext gesetzt werden könnten.

Das Kanzleramt muss Termine, Themen, Teilnehmer und Orte der Treffen offenlegen, ebenso Merkels geplante Treffen mit einzelnen Journalisten darüber hinaus. Inhalte müssen jedoch nicht mitgeteilt werden, auch nicht nur zur vertraulichen Verwendung.

Vertreter der Presse haben einen Auskunftsanspruch gegen Behörden. Das Bundesverwaltungsgericht leitet diesen aus Artikel 5 des Grundgesetzes ab, der die Pressefreiheit enthält. Grundsätzlich gilt damit: Journalisten dürfen im Rahmen ihrer „öffentlichen Aufgabe“ alles wissen, was eine Behörde weiß. Auskunftsersuchen dürfen nur abgelehnt werden, wenn es „berechtigte schutzwürdige Interessen gibt“, die ein Verschweigen rechtfertigen. Oft kann das eine Frage der Abwägung sein. Nach Ansicht der Richter war es das im vorliegenden Fall nicht. Um grundrechtlichen „Quellenschutz“ gehe es hier nicht, da staatliche Stellen an Grundrechte gebunden seien, sie aber nicht für sich in Anspruch nehmen könnten. Vorschriften wie die zur Vertraulichkeit aus der Satzung der Bundespressekonferenz (BPK) oder dem Pressekodex könnten keine rechtliche Wirkung entfalten. Sie seien nur „berufsethische Regelwerke“, deren Verletzung lediglich Sanktionen im Rahmen der freiwilligen Selbstkontrolle nach sich zieht.

...

Quote
2010ff 19.02.2017, 18:38 Uhr
Was mich sehr interessiert:

    Interessierte Bürger könnten daraus ablesen, welche Medien bevorzugt informiert werden. Umgekehrt könnten sie auch sehen, welche Medien die Regierung für ihre Zusammenarbeit mit Journalisten besonders bevorzugt.

Außerdem könnte der Verdacht widerlegt werden, dass nach bestimmten Treffen im Kanzleramt ausgewählte Medien Berichterstattung im Sinn und für die Interessen des Kanzleramtes praktizieren.

Man kann sich als Zuschauer ein eigenes Bild über die tatsächliche Unabhängigkeit der jeweiligen Medien von der Regierungspolitik - umgekehrt genauso - machen.


...


Aus: "Politik und Presse: "Unter drei" - die Sache mit den Hintergrundgesprächen" (19.02.2017)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/politik/politik-und-presse-unter-drei-die-sache-mit-den-hintergrundgespraechen/19413420.html

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[Aspekte zum Journalismus... ]
« Reply #47 on: October 17, 2017, 09:46:16 AM »
Quote
[...] Die maltesische Bloggerin Daphne Caruana Galizia ist durch eine Autobombe getötet worden. Sie hatte der Regierung Korruption vorgeworfen und Geldwäsche sowie Steuerhinterziehung aufgedeckt.

EU-Politiker haben mit Entsetzen auf den Anschlag auf eine maltesische Journalistin reagiert. "Brutaler Mord an Daphne Caruana Galizia: tragisches Beispiel einer Journalistin, die ihr Leben geopfert hat, um die Wahrheit ans Licht zu bringen", twitterte EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani. Die 53-jährige Bloggerin war am Montag ums Leben gekommen, als ihr Auto in dem Ort Bidnija in der Nähe ihres Hauses explodierte.

Die Hintergründe sind bislang unklar. Maltas Regierungschef Joseph Muscat sprach von einer "tückischen Attacke auf einen Bürger und auf die Meinungsfreiheit" und versprach, nicht nachzugeben, bis der Tod der Journalistin aufgeklärt sei. Dem staatlichen TV-Sender TVM zufolge hatte sich Caruana Galizia vor zwei Wochen an die Polizei gewandt, weil sie Morddrohungen erhalten habe.

Über die Grenzen Maltas hinaus hatte Caruana Galizia mit Berichten für Aufsehen gesorgt, dass eine in den sogenannten "Panama Papers" erwähnte Firma der Frau von Regierungschef Muscat gehöre. Muscat hatte diese Darstellung als Lüge bezeichnet.

"Ich bin tief schockiert über den Tod von Daphne Caruana Galizia“, teilte Sven Giegold, Abgeordneter der Grünen/EFA-Fraktion im EU-Parlament, mit. Caruana Galizia war Zeugin des Untersuchungsausschusses zu Geldwäsche und Steuerhinterziehung. Sie habe "eine entscheidende Rolle bei der Aufdeckung schwerwiegender Vorwürfe zu Geldwäsche und Korruption in Malta, einschließlich Anschuldigungen gegen hochrangige Mitglieder der maltesischen Regierung" gespielt, schrieb Giegold und fügte hinzu: "Solche Vorfälle erinnern an Putins Russland, nicht an die Europäische Union." (dpa)


Aus: "Mord an maltesischer Journalistin schockt die EU" (17.10.2017)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/malta-mord-an-maltesischer-journalistin-schockt-die-eu/20463854.html

"Panama-Papers-Journalistin auf Malta getötet" (16. Oktober 2017)
Man könne sich Galizia vorstellen wie eine Art WikiLeaks, geführt von einer einzigen Frau: Sie sei gegen Korruption und Intransparenz in Malta vorgegangen. Für beides sei der Inselstaat berühmt. ...
http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-10/daphne-caruana-galizia-malta-panama-papers


Daphne Anne Caruana Galizia geborene Vella (* 26. August 1964 in Sliema; † 16. Oktober 2017 in Bidnija)
https://de.wikipedia.org/wiki/Daphne_Caruana_Galizia


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[Aspekte zum Journalismus... ]
« Reply #48 on: January 16, 2018, 01:40:56 PM »
Quote
[...] BERLIN taz | Das Urteil ist hart: Für sechs Jahre muss der aserbaidschanische Journalist Afgan Muchtarli ins Gefängnis. Das entschied ein Bezirksgericht in der Hauptstadt Baku am vergangenen Wochenende. Er war wegen Schmuggels, illegalen Grenzübertritts sowie Widerstands gegen die Polizei angeklagt worden. Die Staatsanwaltschaft hatte acht Jahre Haft gefordert. Gegenüber der US-Nichtregierungsorganisation Komitee zum Schutz von Journalisten (CPJ) sagte Muchtarlis Ehefrau Leyla Mustafajeva, ihr Mann werde Berufung einlegen.

2015 waren die beiden mit der damals dreijährigen Tochter nach Georgien geflohen, da sie sich in Aserbaidschan nicht mehr sicher fühlten. Grund dafür waren Muchtarlis Recherchen und Berichte über Korruption im Klan von Staatspräsident Ilham Alijew. Der Autokrat ist seit 2003 in der Südkaukasusrepublik an der Macht. Derartige Veröffentlichungen hatten in der Vergangenheit auch schon für andere aserbaidschanische Journalisten im Gefängnis geendet.

Am 29. Mai 2017 wurde Muchtarli am hellichten Tag im Zentrum der georgischen Hauptstadt Tiflis entführt und nach Aserbaidschan gebracht. Bis heute ist nicht geklärt, ob auch der georgische Geheimdienst an der Aktion beteiligt war.

Vor Gericht hatten Muchtarlis Anwälte gefordert, alle Anschuldigungen fallen zu lassen, da der Fall politisch motiviert sei. Auch Muchtarli selbst wies alle Vorwürfe zurück. „Ihr könnt uns festnehmen oder töten, aber es werden andere kommen und den Kampf fortsetzen. Unser Hauptziel ist nicht Ilham Alijew zu stürzen. Unser höchstes Ziel ist, den Menschen Hoffnung zu geben“, sagte er in seinem Abschlussplädoyer.

Der aserbaidschanische Politikwissenschaftler Chikmet Gadschisade wertet den Fall Muchtarlis als Versuch der Staatsmacht, verstärkt auch auf Regimegegner Druck auszuüben, die Aserbaidschan verlassen hätten und vom Ausland aus weiter gegen ihre Heimat politisch aktiv seien. Das alles diene der Abschreckung, zitiert das Onlineportal Echo Kawkaza den Wissenschaftler. Nach Angaben von CPJ sitzen in Aserbaidschan derzeit zehn Journalisten im Gefängnis. Im Sommer 2017 wurde der Chefredakteur der Internetseite Turan, der einzigen noch unabhängigen Nachrichtenagentur Aserbaidschans, Mehman Alijew, festgenommen. Der Vorwurf lautet auf Steuerhinterziehung.


Aus: "Sechs Jahre Haft für Recherche" Barbara Oertel, Ressortleiterin Ausland (16. 1. 2018)
Quelle: https://www.taz.de/Aserbaidschanischer-Journalist-verurteilt/!5474554/

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[Aspekte zum Journalismus... ]
« Reply #49 on: February 28, 2018, 02:49:58 PM »
Quote
[...] Der slowakische Journalist Ján Kuciak hat vor seiner Ermordung über die italienische Mafia recherchiert. Er wollte ein Netzwerk von Verbindungen der kalabrischen 'Ndrangheta bis in höchste slowakische Regierungsstellen offenlegen. Mehrere slowakische Medien veröffentlichten nun den unvollständig gebliebenen Text in Zusammenarbeit mit dem Internetportal Aktuality.sk, für das Kuciak gearbeitet hatte.

Die 'Ndrangheta soll sich im Osten der Slowakei den Recherchen zufolge auf Steuerbetrug mit gefälschten Rechnungen spezialisiert haben. Auch EU-Förderungen seien Ziel des Betrugs gewesen.

Nach Kuciaks Recherchen ist es der Mafia gelungen, Verbindungsleute in das Büro des sozialdemokratischen Regierungschefs Robert Fico einzuschleusen. Sollten die Recherchen stimmen, hätte die Mafia so Zugang zu geheimen Staatsinformationen bekommen können und wären über geplante Sicherheitsmaßnahmen informiert gewesen.

Wie die Tageszeitung Sme berichtet, wird auch die Hauptberaterin von Fico, Mária Trošková, verdächtigt. Sie hatte vorher für italienische Unternehmer gearbeitet, die von der Justiz in Italien verdächtigt werden, Verbindungen zur Mafia zu haben.

Ministerpräsident Fico verteidigte Trošková. Unschuldige Menschen würden mit einem Doppelmord in Verbindung gebracht werden, zitiert Sme den Ministerpräsidenten.

Der britische Journalist Tom Nicholson sagte, Kuciak habe betrügerische Zahlungen von EU-Geldern an in der Slowakei wohnhafte Italiener mit Verbindungen zur kalabrischen Mafia untersucht. "Ján und ich arbeiteten mit Geheimdienstdokumenten", schrieb Nicholson bei Politico. Der slowakische Geheimdienst kenne bereits "die Namen der Gangster".

Der 27-jährige Journalist Kuciak und seine Verlobte Martina Kusnirova waren am Sonntag in ihrem Haus in der Nähe von Bratislava erschossen worden. Berichten zufolge waren neben den Leichen scharfe Schusspatronen zurückgelassen worden. Dies wird als Warnsignal an mögliche weitere Opfer gedeutet. Die slowakische Polizei hatte angekündigt, eng mit den italienischen Behörden zusammenarbeiten zu wollen.

Kuciak hatte immer wieder über Fälle von mutmaßlichem Steuerbetrug berichtet. Dabei schrieb er vor allem über prominente Unternehmer, die laut seinen Recherchen Geschäftsverbindungen zur organisierten Kriminalität sowie zu den regierenden Sozialdemokraten haben. Der Unternehmer Marián Kočner hatte Kuciak öffentlich wegen dessen Artikeln gedroht.


Aus: "Ermordeter Journalist recherchierte über Mafia" (28. Februar 2018)
Quelle: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-02/slowakei-jan-kuciak-mord-italienische-mafia-regierung

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[Aspekte zum Journalismus... ]
« Reply #50 on: April 17, 2018, 07:23:06 AM »
Quote
[...] Der russische Journalist Maxim Borodin ist am Sonntagmorgen gestorben. Der 32-Jährige war drei Tage zuvor aus noch ungeklärten Gründen vom Balkon seiner Wohnung aus dem fünften Stock in einem Mehrfamilienhaus im russischen Jekaterinburg gestürzt. Nachbarn hatten den Reporter gefunden und Rettungskräfte verständigt.

Nach Angaben der Ermittler handelt es sich um einen "unglücklichen Vorfall". Sie sehen kein Anzeichen für ein Verbrechen und unterstellen dem Journalisten Suizid.

Anlass für eine "ernsthafte Besorgnis" sieht dagegen Harlem Désir, Beauftragter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) für die Freiheit der Medien. In einem Tweet forderte er eine "rasche und gründliche Untersuchung". Auch Organisationen wie Reporter ohne Grenzen machen sich für eine "sorgfältige und unvoreingenommene Aufklärung" stark. Nach Angaben des Komitees zum Schutz von Journalisten wurden seit 1992 in Russland 58 Reporter getötet.

Borodin hatte für den Pressedienst Nowi Den (Neuer Tag) gearbeitet und teils gefährliche Recherchen durchgeführt. ...

Quote
Dogwalker #13

>>Die Ermittler gingen "von einem unglücklichen Vorfall" aus ...<<
Seltsam nur, dass diese "unglücklichen Vorfälle" immer regierungskritische Journalisten treffen...


...


Aus: "OSZE will Aufklärung über Tod eines russischen Reporters" (16. April 2018)
Quelle: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-04/maxim-borodin-investigativer-journalismus-todesfall-russland-pressefreiheit

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[Aspekte zum Journalismus... ]
« Reply #51 on: September 11, 2018, 01:59:48 PM »
Quote
[...] Nach einer legendären ZDF-Anstalts-Sendung im Januar 2015 , in deren Verlauf die Herren Uthoff und von Wagner mit ein paar Strichen die moralische Verkommenheit vieler eingebetteten Alpha-Autoren und stets bestens informierten Hauptstadtjournalisten an die Wand warfen und vor allem deren Nato-und CIA-PR herausstellten, begannen in Deutschland endlich ein paar Kollegen aus ihrem Tiefschlaf zu erwachen und gegen den Strich zu recherchieren.

Bald stießen sie im Internet auf ganz offen abgedruckte vertragliche "Spielregeln", die zunächst mal für festen Mitarbeiter des Springer-Verlags gelten. Seither wird da munter herumgefummelt und kalibriert von Seiten der Chefetagen und man möchte damit den Bürgern sagen, dass das doch alles nur vage Betriebsanleitungen seien, Orientierungshilfen für junge Mitarbeiter und eben nette Hinweise, Petitessen eigentlich, keiner Erwähnung wert.

... Es gehört zum Komplettversagen der Linken, dass sie sich die Sache mit der Lügenpresse von den Dumpfbacken der Pegida aus der Hand nehmen ließ und seither jede substanzielle Medienkritik mit einer umständlichen und würdelosen Distanzierung von der AfD einleiten muss. Da man diesen Kampf sang- und klanglos vergeigte, verliert sich das aktuelle Rückzugsgebiet des wahrhaftigen Journalismus im parzellierten Weltreich der Off-Medien und den Social-Media Magazinen, Blogs und Foren.

... Anstatt im Dienst und Geist der Dialektik zu streiten - es muss ja nicht gleich mit Hegel, Bloch und Adorno zu tun haben - und sich die Leviten zu lesen, versanden die Debatten im verzagt altklugen Sing-sang sermonaler Konsensmessen. In einer Endlosschleife spulen die Couchbesetzer ihre Sprachregelungen, Tabusetzungen und neofeudalen Moralcodes ab. Mit zelotischer Verbissenheit machen sich diese immer gleichen Infotainer jedes Thema zu eigen: Mietpreisbremse, nervöse Märkte, Soziales, Nullzinsrisiko, Fassbomben, hellenisches Klienteldrama und, logisch, ja, Bildung, Bürokratieabbau, Maidan, Maut, Entlastung der mittleren Einkommen, NSU, NSA, Flüchtlinge, Videobeweis, Biodiesel, Cum-Ex, Hitlers Sackratten und abgehängte Schlecker-Frauen.

In diesen Schlaflabors ("Da bin ich ganz bei Ihnen") hätte kein Scholl-Latour mehr Platz, kein Frank Schirrmacher, Jean Améry, kein Balzac, Grass oder Goethe. Hier sitzen die Duz-Freunde des Guten, Hayali und Seppelt und Theveßen und Kleber und Mascolo. Die so redlichen wie unsichtbaren echten Kollegen werden in Abwesenheit diffamiert als Verschwörungstheoretiker, Putin-Trolle, Europagegner und Rechts- oder Links-Populisten.

Zu Füßen der Raute zeigenden Freiheitsstatue in Apricot schwadroniert die Echokammerelite von der westlichen Wertegemeinschaft, der offenen Gesellschaft, des liberalen Pluralismus, der Entfaltung des Gender-Individuums, den freie Märkten und der Verteidigung irgendwelcher transatlantischer Ideale. Man kann es nicht mehr hören und nicht mehr sehen und nur hoffen, dass der Russe und sein Hacker endlich den Strom abstellen.

Auch kann man die staatliche Sprachverwahrlosung nicht mehr ertragen. Ich mag nur ein Beispiel anführen, nämlich die inflationäre wie beiläufige Erwähnung von den "Menschen, die sich abgehängt fühlen". Das bezieht sich offenbar auf die kleinen Trottel von der Straße, die da draußen hinter der Mattscheibe im Land herumstreunen und deren Einzelschicksale zwischen Jobcenter, Krankschreibung, Eckkneipe, Pflegeloch, Discounthallen und Teilzeitirrsinn verziffert werden.

Naht irgendeine Wahl überbieten sich die urplötzlich so volksnahen Empört-und-betroffen-zugleich-Groko-Charmeure darin, jetzt endlich diese verlorenen Seelen "abzuholen" und "einzufangen" und sie "zurück ins Boot" zu holen. Es ist auch die besorgte Rede von der "Augenhöhe" und davon, dass man die Mühseligen und Beladenen "wieder ernst nehmen" wird - also diese RTL-II-Gimpel, halb White Trash, halb dunkeldeutsches Pack.

Der Zynismus der christlich-liberalen Biomoralisten besteht darin, Millionen von Mitbürgern bis tief in den Mittelstand hinein das Recht abzusprechen, abgehängt zu SEIN. Mit perfider Arroganz werden die Abgehängten auf sich selbst zurückgeworfen. Anschluss verpasst? Euer Problem.

Mehr leisten, mehr Ego-Shooting, mehr Anpassung an unsere schöne neue Wertewelt, einfach mal ein bisschen durch die Institutionen marschieren wie Joschka auf seinem langen Weg in den Schoß seiner Ziehmutter Madeleine Albright, die 1996 meinte: "Ja, ich glaube, die halbe Million Kinder, die wegen der US-Irak-Sanktionen starben, waren den Preis wert." Ihr rundlicher Ziehsohn, einst Vietnamkriegsgegner, dann balkanischer Kriegstreiber und heute ein stirnrunzelnd halluzinierendes Nato-Strichmännchen residiert in einer abgedunkelten Villa im Berliner Nobelviertel Dahlem und bezieht Entgelte von bis zu 30.000 Euro für trostloses Geschwätz.

Fischer wie Schröder oder das Elend namens Scharping sind gloriale Beispiele dafür, wie sich die parlamentarische Betriebsamkeit in eine jämmerliche Simulation von Demokratie verwandelt hat. Gerade die rotgrünen Anteile unseres Wahrheitsregimes tun sich hervor dabei, inzwischen jedes freie frische Denken zu konfiszieren und real-bestehende Interessengegensätze und Widersprüche zu kaschieren.

... Ach ja, der Journalismus: Diese hypnotisierten Top-Schreiber bei Zeit, FAZ, Welt, Spiegel, SZ und wer sich im Wendekreis des Talentschuppens des moralisch verwahrlosten Irrsinns sonst noch nährt, hätten es zu Willy Brandts Zeiten mit einiger Mühe gerade noch in die Rubrik "Vermischtes" geschafft.

...


Aus: "Two Riders were approaching: Der Anfang vom Ende der deutschen Medien" Wolf Reiser (11. September 2018)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Two-Riders-were-approaching-Der-Anfang-vom-Ende-der-deutschen-Medien-4158735.html?seite=all

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     NullNullNull, 11.09.2018 00:56

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« Reply #52 on: December 18, 2018, 10:31:13 AM »
Quote
[...] Im zu Ende gehenden Jahr sind weltweit mindestens 80 Journalisten, Bürgerjournalisten und andere Medienmitarbeiter in direktem Zusammenhang mit ihrer Arbeit getötet worden, 15 mehr als im Vorjahr. Mehr als die Hälfte von ihnen kam in nur fünf Ländern ums Leben: in Afghanistan, Syrien, Mexiko, Jemen und Indien. Ähnlich sieht es bei den 348 weltweit inhaftierten Medienschaffenden aus. Mehr als die Hälfte von ihnen sitzt in nur fünf Ländern im Gefängnis: in China, Ägypten, der Türkei, Iran und Saudi-Arabien. Das geht aus der Jahresbilanz der Pressefreiheit 2018 hervor, die Reporter ohne Grenzen (ROG) am Dienstag veröffentlicht hat.

... 44 Medienschaffende starben in Gebieten mit bewaffneten Konflikten, 36 außerhalb solcher Gebiete. Wie schon im Vorjahr, so die Bilanz weiter, war Mexiko das Land ohne bewaffneten Konflikt, in dem die meisten Journalisten ermordet wurden. Über Korruption und Drogenkriminalität zu berichten, sei dort weiterhin lebensgefährlich. Der Schutz, der bedrohten Journalisten gewährt wird, ist oft unzureichend und inneffektiv.

... 49 der getöteten 80 Medienschaffenden seien wegen ihrer journalistischen Tätigkeit gezielt ermordet wurden. Die übrigen 31 kamen im Einsatz ums Leben. Unter den Getöteten waren 63 professionelle Journalisten, 13 Bürgerjournalisten sowie vier Tontechniker und Fahrer. Drei der Getöteten waren Frauen. In den vergangenen zehn Jahren wurden weltweit 702 professionelle Journalisten getötet.

Die Zahl getöteter Bürgerjournalisten hat sich im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppelt, von sieben auf 13. Bürgerjournalisten spielen gerade in Ländern mit autoritären Regimen und Kriegsländern eine immer wichtigere Rolle in der Berichterstattung, denn dort sind viele Regionen für professionelle Journalisten kaum zugänglich. Diese Regionen sind zugleich diejenigen, in denen unabhängige Berichterstatter besonders gefährdet sind.

Auch die Zahl der inhaftierten Bürgerjournalisten stieg 2018 sprunghaft an, so die Jahresbilanz von Reporter ohne Grenzen weiter im Wortlaut: um 40 Prozent von 107 auf 150. Nachdem sie bereits gegen traditionelle Medien hart durchgegriffen haben, würden Länder wie China, Ägypten, Iran und Saudi-Arabien jetzt ihre Unterdrückungsstrategien überarbeiten. Neue Internetgesetze etwa erleichtern es ihnen, gegen Online-Journalisten und Nutzer von sozialen Netzwerken vorzugehen.

Insgesamt saßen am 1. Dezember 2018 weltweit 348 Medienschaffende wegen ihrer Arbeit in Haft – mehr als die Hälfte von ihnen in nur fünf Ländern: in China (60), Ägypten (38), der Türkei (33), Iran (28) und Saudi-Arabien (28). In China sind unter den Inhaftierten 46 Bürgerjournalisten, die versuchen, der zunehmend scharfen Kontrolle der Kommunistischen Partei über traditionelle Medien zu entgehen.

Die Türkei bleibt laut ROG-Bilanz auch in diesem Jahr das Land, in dem weltweit die meisten professionellen Journalisten wegen ihrer Arbeit im Gefängnis sitzen. Dass es im Vergleich zu 2017 weniger sind, bedeute nicht, dass sich die Situation verbessert hat. "Viele der Freigelassenen sind nur unter Auflagen freigekommen und warten noch auf ihr Urteil in erster oder höherer Instanz."

Saudi-Arabien zog in diesem Jahr die internationale Aufmerksamkeit auf sich, als am 2. Oktober der regimekritische Journalist Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul ermordet wurde. Mindestens 28 weitere Medienschaffende sind zurzeit in Saudi-Arabien wegen ihrer Arbeit inhaftiert. 

...


Aus: "Weltweit 80 Journalisten getötet" Markus Ehrenberg (18.12.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/medien/reporter-ohne-grenzen-weltweit-80-journalisten-getoetet/23770956.html

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« Reply #53 on: December 22, 2018, 12:23:15 PM »
Quote
[...] Der Spiegel hatte am Mittwoch bekannt gegeben, dass Claas Relotius, der 33-jährige preisgekrönte Redakteur, Reportagen und Interviews ganz oder teilweise systematisch gefälscht hatte. Er habe dabei Charaktere, Zitate und Begebenheiten erfunden oder die Biografien von realen Protagonisten verfälscht. Relotius schrieb für das Nachrichtenmagazin seit 2011 knapp 60 Texte, seinen eigenen Angaben zufolge sind 14 betroffen. Der Spiegel kündigte eine umfassende Aufarbeitung an. Das Ausmaß der Fälschungen sei bisher noch unklar.

Relotius war bekannt für sehr aufwendige Reportagen über besondere Menschen, die zugleich politische und gesellschaftliche Probleme beleuchten. Von den Fälschungen betroffen sind laut Spiegel auch mehrere seiner preisgekrönten Erzählungen, darunter die Reportage Löwenjungen über zwei angeblich von der Dschihadistenmiliz IS entführte irakische Kinder und der Text Nummer 440 über einen vermeintlich im US-Straflager Guantánamo inhaftierten Islamisten. Nach Spiegel-Angaben hat Relotius seinen Vertrag bereits am Montag gekündigt.

Das Nachrichtenmagazin bezeichnete die Vorgänge als Tiefpunkt in seiner 70-jährigen Geschichte.

...


Aus: "US-Botschafter sieht die USA als Opfer der gefälschten Berichte" (21. Dezember 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2018-12/betrugsfall-beim-spiegel-us-botschaft-richard-grenell-kritik

Quote
MeisterGeist #3

Es sei zu befürchten, "dass die Leitung des Spiegel diese Art der Berichterstattung forciert und dass die Reporter offenkundig das liefern, was die Unternehmensleitung verlangt"

Zeitgeist eben


Quote
Freimuth #3.9

„Ich weiß, SPON ist vielen Konservativen bis ganz nach weit rechtsdraußen, ein Dorn im Auge weil er nicht stramm konservativ das berichtet was man hören will.“
Nein, der Spiegel kann berichten was er will, schließlich sind wir hier in einem Liberalen Land. Nur sollte die Berichterstattung der Wahrheit entsprechen.


Quote
Verbaler Spaltpilz #3.12

Natürlich sollte die Berichterstattung der Wahrheit entsprechen. Ich finde es aber interessant dass gerade jetzt Leute aus der Versenkung kommen die bei den offensichtlichen Lügen von RT, PI-News oder Facebook-Wahrheitspopheten sonst anscheinend keine Probleme haben. ...


Quote
Josef Bologna #3.13

Meine Güte, lesen Sie mal den BILD Blog. Die BILD lügt täglich mehrfach. Der Spiegel hatte einen Autor der gelogen hat. ...


Quote
Freimuth #3.17

Tut mir leid, ich lese keine BILD. Ich habe nunmal von dem Spiegel mehr erwartet - mein Fehler.


Quote
bavarius #3.22

"Es ist gewagt, die Bild pauschal als Lügenblatt zu betiteln."

Das ist überhaupt nicht gewagt, das ist nun einmal eine Tatsache. Ich würde sogar weiter gehen und BILD auch noch als ein Hetzblatt bezeichnen.


Quote
TGfkaTRichter #6.5

Witzigerweise wird eben diesem Spiegel aber garantiert beim nächsten Artikel über die Ukraine oder Assad vorgeworfen werden, Teil der Atlantikbrücke zu sein.


Quote
fragfix #6.9

"Die USA führt Kriege aufgrund von Lügen."

Ein Grund, diese Lügen aufzudecken. Kein Grund, selber zu lügen.


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Mährobotor #6.10

Also aus meiner Sicht, sind sie beim Spiegel ganz sicher Teil der Atlantic-Brücke.


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Mährobotor #6.11

Sie kämpfen für IHRE Wahrheit.


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Bavaria One #7

Das ist im Grund zu lustig, dass sich ein von Trump eingesetzter Botschafter über Fake News beschwert. ...


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Peter alt #11

Wenn ich mir die Artikel des „Spiegel“ über Trump anschaue (+ Titelbilder) kann ich verstehen, dass der Botschafter nicht „amused” ist. Eine so einseitige, undifferenzierte und denunzierende Berichterstattung hätte ich vom Spiegel niemals erwartet. Antiamerikanismus trifft es eigentlich schon.


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Sorgenkind #8

Cool, wusste gar nicht, dass der Spiegel so maßgeblichen Einfluß auf die US-Politik hat.


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Western gold rush #10

Ich finde den Kunstfälscher Beltracchi beeindruckender...


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petruz #21

Mh, meiner Meinung nach kommt der Präsidentendarsteller Trump noch zu gut weg bei unseren "linksliberalen" Medien. Schaut oder lest mal einen Tag eher linksliberale Medien wie CNN oder New York Times...


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Zeitleserwissenmehr #24

Ich erinnere mich noch an die Schweden-tweets von Donald Trump dienin Schweden für Kopfschütteln und Gelächter sorgten... Und an eine CNN-Europakarte in der auf Tschechien "Switzerland" gedruckt war. Shit happens. ...


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Unterlinner #31

Der Unterschied zwischen dem Spiegel und der Administration, die Herrn Grennel ins Amt gehievt hat, ist, für den Spiegel ist es ein Problem, dass ein Mitarbeiter nicht die Wahrheit gesagt hat. ...


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Stefan14 #67

Wirklich interessant zu sehen wie hier der Spiegel verteidigt wird. Allerdings das Blatt hat 'Fake News' verbreitet, voellig egal ob es nun nur ein oder mehrere Autoren waren. Der Schaden ist da, und wer kann es Grenell verdenken dass er sich jetzt ein bischen freut und das ausnutzt. Auf Trumps fake news zu verweisen macht hier ueberhaupt keinen Sinn. ...


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« Reply #54 on: December 25, 2018, 10:24:36 PM »
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[...] Was sich die Abgeordneten des EU-Parlaments wünschen, um des leidigen Themas der Desinformation Herr zu werden, haben sie schon im Spätsommer in einer Resolution kundgetan: Wer politische Kampagnen im Netz fährt, soll sie offenlegen, auch wer dafür bezahlt hat und wer dahintersteckt. Noch stark unter dem Eindruck des Skandals um Facebook und Cambridge Analytica setzte sich der zuständige Ausschuss mehrheitlich für eine weitgehende Transparenz ein.

Weil Transparenz im Zweifel aber nur reicht, um im Nachhinein festzustellen, wer hinter einer Desinformationskampagne steht, soll es zusätzlich aktive Maßnahmen geben. Der im Dezember dazu erschienene Aktionsplan der EU-Kommission fordert die Mitgliedsländer vor dem Hintergrund von über fünfzig bis 2020 in Europa anstehenden Wahlen zum aktiven Handeln und Eingreifen auf.

Dazu gehört nach derzeitigem Stand der Dinge auch noch Großbritannien. Dort schwelt allerdings ein hausgemachter Desinformationsskandal, der sich genau um dieses „aktive Handeln“ dreht, das die EU-Kommission einfordert. Unter dem Deckmantel des propagandistischen Abwehrkampfes gegen Russland hat eine von der Regierung finanzierte Social-Media-Einheit eine Kampagne betrieben – auch gegen die Labour-Opposition im britischen Parlament. Es geht also nicht um Russen oder Chinesen, sondern um die eigenen Leute, die hintenrum inländische politische Gegner diskreditierten.

Ganz offiziell war die Aufgabe der bezahlten Social-Media-Klicker, an britische Bürger Nachrichten mit Bezug zu Russland weiterzuleiten. Diesen Auftrag interpretierten sie offenbar auch dahingehend, dass sie versuchten, den Oppositionsführer der Labour Party, Jereym Corbyn, in ein schlechtes Licht zu rücken. Er wurde online als Marionette von Wladimir Putin hingestellt.

Die durchführende schottische Organisation ist als gemeinnützig registriert, gegründet und geleitet von ehemaligen Militärs und Geheimdienstlern. Sie hat sich einen akademisch klingenden Namen gegeben: „The Institute for Statecraft“. Nachdem das Vorgehen aufgeflogen ist, prüft nun die zuständige Behörde in Schottland, ob deren Aktivitäten wirklich dem Gemeinwohl dienen.

Der verantwortliche Minister Alan Duncan musste sich im britischen Parlament einem Verhör stellen, in dem vor allem oppositionelle Abgeordnete ordentlich Dampf abließen. Welche Argumente gegen russische Desinformationskampagnen man eigentlich noch hätte, wenn man es selbst nicht besser mache, wurde er gefragt, und wenn man nicht einmal offenlegen würde, mit welchen Mitteln die eigene Regierung die öffentliche Meinung zu manipulieren versucht.

Duncan erklärte, man habe nicht etwa Oppositionsführer Corbyn diskreditieren wollen, sondern einfach nur Nachrichten mit Russland-Bezug weitergeleitet. Das sei vollkommen unparteiisch gemeint gewesen. Zur Frage, warum nicht nur sein Ministerium, sondern auch die Nato und das Außenministerium der Vereinigten Staaten zu den Geldgebern der professionellen Meinungsmanipulierer gehörten, blieb Duncan allerdings wortkarg.

Der Skandal um das Institute for Statecraft zeigt, auf welch dünnem Eis die Versuche stehen, den ausländischen Desinformationskampagnen mit gleicher Waffe zu begegnen. In vielen westlichen Staaten wurden in den letzten Jahren Entitäten gebildet, die mit Gegenpropaganda den Einfluss von russischen Medienunternehmen wie RT, Sputnik oder RedFish Media auf die öffentliche Meinung eindämmen und kontern sollen. Je nach örtlichen Gegebenheiten sind das staatsfinanzierte Medien, nichtstaatliche Organisationen mit Regierungsfinanzierung oder auch direkt Geheimdienstabteilungen und Militäreinheiten.

Die Idee, den Methoden der Zersetzung des öffentlichen Diskurses und der Abschaffung einer gemeinsamen Wahrheit durch „mehr davon, nur mit anderen Vorzeichen“ zu begegnen, ist jedoch grundlegend falsch – egal ob aus Naivität oder Vorsatz. Natürlich können offene Gesellschaften nicht tatenlos zusehen, wie ihre Meinungs-, Presse- und Informationsfreiheit dazu genutzt wird, sie in immer kleinere Fragmente zu spalten. Die Antworten können jedoch nicht darin bestehen, einfach den jeweiligen politischen Gegner mit den gleichen Mitteln aus dem Arsenal der Desinformationsoperationen anzugreifen.

Denn bei der versprochenen Gegenpropaganda hören die Aktivitäten nicht auf. Der britische Skandal weitet sich bereits auf Spanien auf, wo die von britischen Staatsgeldern reichlich finanzierte Klitsche ebenfalls eine Social-Media-Kampagne vom Zaun brach. Diesmal ging es um einen Mann, den der neue spanische Regierungschef zum nationalen Geheimdienstaufseher benennen wollte. Dokumente, die aus dem Institute for Statecraft nach außen gedrungen sind, erwähnen ein ganzes Netzwerk spanischer Journalisten – für die Kampagne von den Briten gesteuert.

Diese Weiterungen sind angesichts der langen Geschichte der Versuche von Meinungsmanipulation durch Regierungen zwar nicht verwunderlich. Wenn die Mittel einmal vorhanden sind, werden sie auch eingesetzt – für die Ziele, die gerade opportun erscheinen. Ohne den Zwang, diese Einflussoperationen, ihre Akteure und ihre Finanzierung offenzulegen, sind sie aber nicht in demokratisch angemessener Weise kontrollierbar. Genau das hat das EU-Parlament nach dem Cambridge-Analytica-Skandal gefordert – und zwar nicht nur bei Propaganda gegen die Russen, sondern für jede Manipulationsoperation. Und da fangen vielleicht erfahrene Geheimdienstler an zu schwitzen.

Wer denn eigentlich die Brexit-Propagandakampagnen bezahlt hat, wie genau die schattigen Allianzen zwischen nationalistischen Europa-Feinden und russischen Destabilisierungsinteressen aussehen und welche Rolle dabei bestimmte Verlagsgruppen mit ihren Boulevardmedien und Social-Media-Operationen spielen, das sind die wirklich interessanten Fragen. So zu tun, als wären die Zerrüttung des öffentlichen Diskurses und die zunehmende Spaltung der Gesellschaft eine Art Naturgewalt und als ginge es nur um Social-Media-Bots oder Fake News und nicht um Machtinteressen, geht am Kern des Problems vorbei.


Aus: "Der hausgemachte Desinformationsskandal" Constanze Kurz (25.12.2018)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/aus-dem-maschinenraum/debatte-um-gezielte-desinformation-der-britischen-regierung-15957088.html
« Last Edit: December 25, 2018, 10:26:32 PM by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #55 on: January 04, 2019, 02:35:28 PM »
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[…] Am 2. Januar legte Patrick Bahners in der FAZ nach. Er hatte mit Hans-Joachim Lang gesprochen, ein Experte für die Geschichte der NS-Medizinverbrechen. Laut Lang hatte Menasse auf einem Vortrag in Tübingen im Dezember 2017 erwähnt, dass Hallstein seine Antrittsrede als EWG-Chef in Auschwitz hielt. Lang ließ sich den Band „Europäische Reden“ Hallsteins aus der Universitätsbibliothek kommen. Dort war sie nicht verzeichnet. Es gibt sie wohl nicht – und sie wäre auch ungewöhnlich gewesen: Hätte der oberste Beamte der EWG seine Antrittsrede ausgerechnet in der Volksrepublik Polen gehalten? Auschwitz als Gründungsmythos der EU passt perfekt in die Argumentation Menasses eines postnationalen Europa, das die Grenzen überwinden muss, um Frieden und Menschenrechte zu sichern.

Am 18. Januar wollte Malu Dreyer (SPD) Menasse in Mainz die Carl-Zuckmayer-Medaille verleihen. Menasse trete „für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie“ ein, äußerte die rheinland-pfälzische Landeschefin, als sie die Preisverleihung im August bekanntgab. Der Preisträger erhält neben der Medaille auch ein 30-Liter-Fass Nackenheimer Wein, der Lieblingswein Zuckmayers. Die Staatskanzlei will jetzt die Verleihung der Medaille prüfen und das Gespräch mit Menasse suchen. ...


Aus: "Wie der Fall Menasse ins Rollen kam" Martin Reeh (3.1 .2019)
Quelle: https://www.taz.de/Schriftsteller-erfand-Politiker-Zitate/!5560166/

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[...] Nun also Robert Menasse. Nur wenige Wochen nach Claas Relotius haben liberale Linke und Medien ihren nächsten Fälschungsfall. Der österreichische Schriftsteller hat über Jahre hinweg Zitate des ersten EWG-Kommissionschefs gefälscht, die Menasses Vision der Vereinigten Staaten von Europa besser legtimierten. Sogar eine Antrittsrede von Hallstein in Auschwitz hat Menasse erfunden.

In beiden Fällen haben die Sicherungsmechanismen versagt. Im Fall Relotius musste sein Kollege Juan Moreno auf eigene Faust recherchieren, weil seine Chefs zunächst Relotius und nicht ihm glaubten. Bei Menasse ist das Versagen noch eklatanter: Der Historiker Heinrich August Winkler begründete schon im Oktober 2017 in einem Spiegel-Essay, warum er die Hallstein-Zitate für falsch hielt. Niemand reagierte. Weder Menasse noch seine zeitweilige Co-Autorin Ulrike Guérot, weder der „Spiegel“ selbst noch andere Medien oder andere Institutionen im Kulturbetrieb.

Menasse hielt weiter Lesungen, schrieb Essays, nahm Ehrungen entgegen, ohne dass er auf die falschen Zitate angesprochen wurde. Weite Teile des linksliberalen Betriebs fühlen sich derzeit im Kulturkampf gegen Rechts – seine Antennen sind darauf gerichtet, rassistische Äußerungen von Provinzverwaltungen aufzuspüren. Fälschungen im eigenen Lager erkennen sie nicht.

Ebenso wie Relotius' hat auch Menasse das Schwarz-Weiß-Denken des Kulturkampfs bedient. Bei Menasse ist es die Position, dass die Nationalstaaten obsolet seien und die Vereinigten Staaten von Europa kommen müssten. Erst das hat den Österreicher in Deutschland richtig bekannt gemacht.

Dabei hat gerade diese sich selbst als pro-europäisch verstehende Position etwas sehr Deutsches: Es ist die Sehnsucht nach absoluten Lösungen statt mühsam Kompromisse auszuhandeln oder sich durchzumogeln. Und es ist zugleich eine Bewältigung der deutschen und österreichischen Geschichte: Weil Deutschland (und Österreich) mit Auschwitz ein einmaliges Verbrechen in der europäischen Geschichte begangen haben, sollen auch alle anderen ihre Nationalstaatlichkeit aufgeben. In Deutschland hat man nur wenig Verständnis dafür, dass Länder, die einmal Opfer der deutschen Geschichte wurden, schon wieder anders denken als man selbst.

Kann man etwas aus dem Fall Menasse lernen? Zumindest soviel: Es tut der liberalen Linken nicht gut, in Schwarz-Weiß-Mustern zu denken. Die fehlende Lust an differenziertem Denken führt auch zum Verlust, offenkundige Fälschungen zu erkennen oder wahrzunehmen. Menasse selbst fühlte sich berufen, Auschwitz für seine politischen Vorstellungen zu instrumentalisieren und Zitate zu erfinden – und dies auch noch als legitimes Mittel zu rechtfertigen. Dabei gewinnt man politisch so nichts: Der FPÖ wird es von jetzt an eine Freude sein, Menasse als Fälscher vorzuführen.


Aus: "Kommentar Journalismus und Fakezitate - Fälschen für Europa" Kommentar von Martin Reeh (3.1.2019)
Quelle: https://www.taz.de/Kommentar-Journalismus-und-Fakezitate/!5562629/

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nutzer, 12:04

"In Deutschland hat man nur wenig Verständnis dafür, dass Länder, die einmal Opfer der deutschen Geschichte wurden, schon wieder anders denken als man selbst."

schließlich machen wir es nun ja alles richtig....

Ein sehr guter Satz, der den selbstgerechten Blick in Deutschland auf sich selbst auf den Punkt bringt.


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ecox lucius, 12:03

"Es tut der liberalen Linken nicht gut, in Schwarz-Weiß-Mustern zu denken. "

Es tut niemandem gut in Schwarz-Weiß-Mustern zu denken.


...
« Last Edit: January 04, 2019, 02:40:48 PM by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #56 on: January 06, 2019, 02:14:05 PM »
Quote
[...] »In finanzieller Hinsicht«, so hat die Schriftstellerin Eva Demski mal festgestellt, »ist das Schreiben ein so unbeschreiblich demütigender Beruf, dass die meisten Kollegen um ihr Einkommen ein großes Theater machen müssen. Es ist ein so verlogenes Thema, es wird Ihnen keiner die Wahrheit sagen.« Das ist genau die Erfahrung, die ich gemacht habe. Nicht von ungefähr existiert in Autorenkreisen ein regelrechter Hass auf unbedarfte Partygäste, Schülerzeitungsjournalisten oder Schwiegereltern, wenn sie irgendwann mit der Standardfrage rausrücken. »Kann man davon leben?« Die Abneigung ist natürlich nur deshalb so groß, weil diese Frage verdammt noch mal berechtigt ist.

Ich nenne mal Zahlen. 2014 (da gab es die letzte Erhebung meines Wissens) hat der Deutsche Journalistenverband (DJV) 1.350 Freischreiber nach ihren Einkünften befragt. Die freien Zeitungs- und Magazinjournalisten verdienten am wenigsten (von Onlinejournalisten wurde gleich ganz abgesehen, das waren Hobbyautoren für den DJV). Ihr Einkommen lag bei durchschnittlich 1.395 Euro monatlich. Brutto! Als ich einem befreundeten Kollegen die Zahl nannte, zog er die Augenbrauen hoch: »So viel?« Wie gesagt, das sind Durchschnittswerte! Nur mal zum Vergleich: Ein Facharzt verdient mindestens das fünffache, ein Metzger fast das Doppelte, der Lagerist zieht gleich.

Es gibt ein paar Strategien, um das Elend zu minimieren. Mein Rezept, ich will keinesfalls von Erfolgsrezept sprechen, heißt Diversifikation. Ich schreibe für sehr unterschiedliche Zeitungen und Zeitschriften: regelmäßig etwa für NZZ, Rolling Stone, Taz, Zeit online, junge Welt, unregelmäßig für noch ein paar andere. Ich sage das nicht nur, um anzugeben, das auch, vor allem aber, um zu zeigen, dass man sich breit aufstellen muss, und zwar sowohl inhaltlich-thematisch als auch formal. Das heißt, ich produziere nicht nur Kritiken, Interviews, Reportagen zum Thema Musik, sondern beackere das Thema Popkultur insgesamt, schreibe auch und vor allem über Literatur, über den Kulturbetrieb, gelegentlich sogar über Fußball (als Teil der populären Kultur). Nicht zu vergessen literarische Texte, also Satiren, Feuilletons, Glossen, aber eben auch Kurzgeschichten und alle zehn Jahre mal einen Roman.

Auch innerhalb des engeren Bereichs Musikjournalismus sollte man sich um eine gewisse Vielseitigkeit bemühen, so meine Erfahrung. Es ist zwar wichtig, ein gewisses Profil zu haben, damit die Redakteure wissen, was man kann. Aber letztlich muss man Allrounder sein. So kümmere ich mich zwar vornehmlich um härtere Gitarrenmusik, Heavy Metal vor allem. Aber wenn ein neues Album von Neil Young, Springsteen, U2 oder auch Funny van Dannen abgefrühstückt werden muss und die Redakteure das nicht so gern selbst machen wollen, wird man auch mal dafür gebucht. Tatsächlich treten Redakteure gelegentlich mit Artikelangeboten an mich heran. Ich habe zudem ein paar feste Verabredungen, etwa Kolumnen hier und dort, da braucht es dann keine weiteren Absprachen mehr. Man liefert pünktlich, und das war’s. Die meisten Aufträge generiere ich aber dadurch, dass ich selbst Akquise betreibe, mit anderen Worten: hausieren gehe. Ein Thema erscheint relevant, bestenfalls interessiert es einen sogar, also bietet man seinen assoziierten Publikationen einen entsprechenden Artikel an. Irgendein Redakteur findet dann schon Gefallen daran, bisweilen mehrere, dann schreibt man gleich zwei oder drei Artikel.

Bei der eigentlichen Produktion ist vor allem eine Qualität gefragt, und die ist durchaus wichtiger als solche Sekundärtugenden wie stilistische Brillanz, wie ich leider zugeben muss: nämlich Sorgfalt und Präzision. Wenn als Abgabetermin Mittwoch vormittag verabredet wurde, liefert man nicht erst um 13 Uhr. Und wenn 4.500 Zeichen Länge verlangt sind, haut man keine 5.000 raus. Der beste Freischreiber ist einer, der keine Mühe macht. Das heißt natürlich auch, dass gewisse Qualitätsstandards eingehalten werden müssen. Wenn der Redakteur den Text noch aufwendig korrigieren oder gar umschreiben muss, fliegt man bald raus aus seinem Pool.

Zweite Strategie, um monetär nicht völlig auf den Hund zu kommen: Man darf sich nicht zu schade sein für Mehrfachverwertungen. Dabei denke ich nicht in erster Linie an Dubletten, also die etwas halbseidene Methode, wortgleiche Texte verschiedenen Publikationen unterzujubeln (wird online sowieso immer schwieriger und gibt dann auch meistens Ärger, weil Magazine und Zeitungen einen Text natürlich exklusiv für sich beanspruchen). Ich meine vielmehr die Verwendung der eigenen Produktion in unterschiedlichen Medien. Mit anderen Worten, man schreibt ein paar Artikel zu einem Thema, und die bilden dann später die Grundlage für ein Buch. Oder andersherum versucht man, ein paar Kapitel eines Buches vorab auszukoppeln. Wenn das Buch dann erscheint, geht die Verwertungskette weiter. Man wird zu Lesungen, Vorträgen oder Podiumsdiskussionen eingeladen. Gilt dann vielleicht als Spezialist für ein bestimmtes Fachgebiet und bekommt somit weitere Aufträge von der Journaille. Und wenn es läuft, wie es soll, hat man am Ende des Monats 1.395 Euro verdient. Brutto! Fragen Sie also nie einen freien Kulturjournalisten, ob er davon leben kann!


Aus: "1.395 brutto – wenn’s gut läuft" Frank Schäfer (05.01.2019)
Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/346604.journalismus-1-395-brutto-wenn-s-gut-l%C3%A4uft.html