Author Topic: [Kino und das Freudsche Menschenbild... ]  (Read 3516 times)

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Offline Textaris(txt*bot)

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[Kino und das Freudsche Menschenbild... ]
« on: December 07, 2009, 04:54:36 PM »
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[...]  Es ist immer wieder bemerkt worden, dass die Begründung der Psychoanalyse mit Freuds erster Veröffentlichung (Studien über Hysterie) gleichzeitig mit der Erfindung des Kinos stattgefunden hat. Traumdeutung und »Traumfabrik« haben beide 1895 die ersten Schritte gemacht. Der Film hat in seiner Überblendungs- und Rückblendungstechnik, aber auch in den unbegrenzten Möglichkeiten, die irreale Welt des Traumes und der Fantasievorstellungen ins Bild zu bringen, das Freudsche Menschenbild sozusagen nebenbei massenfähig gemacht. Freud selbst konnte mit dem Kino nichts anfangen; die ersten Versuche, die Geheimnisse einer Seele  (G. W. Papst, 1926) filmisch umzusetzen, fand er »albern«.

Das Kino seinerseits wusste, was es an Freud hatte: 1925 machte der Hollywood-Produzent Samuel Goldwyn ihm vergeblich den Vorschlag, gegen ein ansehnliches Honorar an der Verfilmung der berühmtesten Liebesgeschichten aller Zeiten mitzuwirken. Von Luis Buñuel über Jean Cocteau (Orphée), Ingmar Bergman (Wilde Erdbeeren), Federico Fellini (8 1/2) bis Alfred Hitchcock (Marnie) kann man die Spur Sigmund Freuds im Kino verfolgen. In Hitchcocks Spellbound , einem Psychoanalyse-Melodram, kommen sogar zwei Wirkungslinien Freuds zusammen: Salvador Dalí hat die Traumkulissen dafür gemalt. Und alles, was mit Seelenkrankheit und dem Mysterium des Unbewussten assoziiert wird, hat mit Hitchcocks Filmtitel Psycho ein vieldeutiges Allzwecklogo erhalten. Enthoben der wissenschaftlichen Beweisführung und der therapeutischen Strategie, ist die kreative Kraft der Psychoanalyse vielleicht nirgendwo so »bei sich selbst« wie im dunklen Höhlenraum des klassischen Kinos, wo Wirklichkeit und Täuschung, Vergangenheit und Gegenwart in der »Projektion« (auch hier ein psychoanalytischer Anklang) bewegter Illusionsbilder verfließen.

...


Aus: "Der Hausherr der Seele" Von Christoph Stölzl (ZEIT Geschichte 1/2006)
Quelle: http://www.zeit.de/wissen/mensch/zg_hausherr


Offline Textaris(txt*bot)

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[Denn die Begierde - ist sie nicht immer dunkel?... ]
« Reply #1 on: November 10, 2011, 11:49:59 AM »
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[...] Es ist das Jahr 1904. Sabina Spielrein gilt als Hysterikerin, und sie wird eine der Ersten sein, die im psychoanalytischen Setting durch assoziatives Sprechen geheilt werden wird. Am Ende, es ist das Jahr 1913, sitzt dieselbe Frau, die inzwischen ihrerseits Psychoanalytikerin ist, wieder in einer Kutsche, die sie für immer fortbringt von diesem Ort.

Dazwischen liegen Jahre, in denen C. G. Jung, ihr Arzt, sie nicht nur heilt, sondern auch mit ihr ins Bett geht, Jahre, in denen eine respektvolle Freundschaft zwischen Jung und Sigmund Freud entsteht und wieder zerbricht, Jahre, in denen die Psychoanalyse auch mit Hilfe von Sabina Spielrein als Theorie erblüht und in der Praxis Erfolge feiert. Jahre, in denen die alte Ordnung zerbricht und Europa sich rüstet, in Stücke zu gehen.

Wie gefährlich ist die Psychoanalyse und für wen? Das ist die Frage, die dieser Film stellt, was man dem deutschen Titel allerdings nicht mehr ansieht. Er ist das Ergebnis einer Reihe von Metamorphosen. Das Theaterstück von Christopher Hampton, das dem Drehbuch zugrunde liegt, heißt "The Talking Cure", während das Buch von John Kerr, das gleichfalls als Quelle des Films genannt wird, als "A Most Dangerous Method" Mitte der neunziger Jahre bekannt wurde. Dieses Buch heißt im Deutschen, je nach Ausgabe, "Eine höchst gefährliche" oder "Eine gefährliche Methode", und diesen Titel trägt Cronenbergs Film auch im Original: "A Dangerous Method".

Der deutsche Verleih hat daraus "Eine dunkle Begierde" gemacht, was angesichts des Themas, um das geht, dann doch unterkomplex scheint. Denn die Begierde - ist sie nicht immer dunkel? - liegt zwar am Grund von allem, wenn wir die Psychoanalyse ernst nehmen. Aber Thema von Stück, Buch und Film ist die Frage, was passiert, wenn wir ihrer habhaft werden - Sublimierung und die Entstehung einer neuen Theorie - oder uns ihr hingeben - Entsublimierung und Grenzüberschreitung. Es geht darum, zu verstehen, was uns quält und was uns treibt, und ob wir dadurch, dass wir darüber zu sprechen lernen, irgendetwas ändern können. Also noch mal: Wie gefährlich ist die Psychoanalyse und für wen?

... Triebe und Träume, das ist das Material, mit dem die Psychoanalyse arbeitet, und sie sind auch das Material des Kinos. Das ist, je nach Sichtweise, entweder eine sehr gute oder eine wenig vielversprechende Ausgangslage, um die beiden in einem Film zusammenzubringen. Eine sehr gute, weil das Kino der Logik innerer Vorgänge, welche die Psychoanalyse zu ergründen sucht, in seinen Bildern und ihrer Verknüpfung selbst auf der Spur ist. Eine wenig vielversprechende, wenn es um historisch verbürgte Situationen geht wie bei Cronenberg - dann sind wir doch nah dran am Kostümfilm, in dem in steifen Krägen und dem Rauch aus dicken Zigarren erstickt, worum es doch eigentlich gehen sollte: das Leid der Patienten und die Revolution des Denkens.

...


Aus: "Gefährdete Männer gestehen" Von Verena Lueken (08.11.2011 )
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/video-filmkritiken/video-filmkritik-gefaehrdete-maenner-gestehen-11521938.html


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[Kino und das Freudsche Menschenbild... ]
« Reply #2 on: August 15, 2019, 03:19:46 PM »
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[...] Die Träumer ist schon ein ziemlich unverschämter Film, und das vielleicht macht seine eigene Poesie aus. Einmal mehr hat sich Bertolucci in den drei so miteinander verbundenen Jugendlichen vor allem selbst porträtiert: Isabelles vorbehaltlose Liebe zum Kino, ihre Lust daran, jedes Detail und jede Wendung ihres Lebens zu inszenieren, Theos Lust am politischen und ästhetischen Diskurs (der sich mit der Poesie des Vaters nicht mehr einverstanden erklären kann). Und der pragmatische Matthew, der der schwankenden poetischen Radikalität der anderen nicht folgen kann, der Subjekt werden will in der Welt der Inszenierungen. Man könnte das Spiel gar als eine Beschreibung der verschiedenen Seelen-Instanzen Ich, Es, Über-Ich begreifen, eine jede im heftigen Clinch mit der anderen. ...


Aus: "Süße Revolution"  Georg Seesslen (22. Januar 2004)
Quelle: https://www.zeit.de/2004/05/Die_Tr_8aume/komplettansicht