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[Zum Gefühl der Befremdung (Notizen) ... ]

Started by Textaris(txt*bot), September 21, 2009, 12:23:37 PM

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Textaris(txt*bot)

Quote[...] ,,Ob man Kafka liest oder einen Zusammenbruch des eigenen Identitätsbildes erlebt – die Auswirkungen sind in ihrer Struktur vergleichbar", so Proulx. ,,Man fühlt sich unwohl, wenn die erwarteten Zusammenhänge gebrochen werden. Hieraus wiederum entsteht der unbewusste Drang, sich auf die Dinge in der Umwelt einen Reim zu machen. Besagtes Gefühl des Unbehagens kann von einer surrealen Geschichte hervorgerufen werden, aber auch vom Vergegenwärtigen eigenen widersprüchlichen Verhaltens – eigentlich ist es egal wovon, man will es bloß loswerden. Deshalb ist man dann motivierter, neue Strukturen zu erlernen."

Anders sei es, wenn die betroffene Person erwarte, ein Gefühl der Befremdung oder Verwirrung zu erleben. Man muss schon von dem Unerwarteten überrascht werden und nicht in der Lage sein, sich einen Reim darauf zu machen. Erst dies bringe einen dazu, zu versuchen, woanders Sinnhaftes zu finden. ,,Wichtig zu erwähnen ist, dass man bei einer Prüfung wahrscheinlich nicht besser abschneiden wird, wenn man sich kurz vorher mit einer Kafka-Geschichte hinsetzt," fügt Proulx hinzu.

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Aus: "Kafka macht klug" Literatur, Alison Flood, guardian.co.uk (20.09.2009)
Quelle: http://www.freitag.de/kultur/0938-kafka-macht-klug


Textaris(txt*bot)

Quote[...] ,,Die Verwandlung" ist wahrscheinlich der Text, in der Kafkas Sprache und Bildwelt am konzentriertesten erscheint. Nicht von ungefähr sagt der große Kafka-Kenner Reiner Stach, dass man am besten mit der ,,Verwandlung" beginnen solle, wenn man Kafkas Werk kennenlernen will. Es ist zuerst im Herbst 1915 in Kurt Wolffs berühmter Reihe ,,Der jüngste Tag" erschienen. Der enigmatische erste Satz ist mittlerweile fast schon sprichwörtlich geworden und enthält bereits die gesamte Kafkasche Ästhetik: ,,Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt."

Hier ist jedes Wort wichtig; die beiläufig genannten ,,unruhigen Träume" etwa verweisen auf etwas Abgründiges, auf ein Lebensgefühl zu Beginn der Moderne, als die bürgerliche Gesellschaft sich ihrer selbst nicht mehr sicher war. ,,Entfremdung", dieses später oft totgerittene Wort, trifft die Atmosphäre in Kafkas Erzählwelt am deutlichsten. Das ,,ungeheuere Ungeziefer" ist etwas, was sich nicht bildhaft darstellen lässt. Kafka bestand seinem Verlag gegenüber darauf, auf dem Umschlag des Buches keinesfalls ,,das Insekt selbst" abzubilden, denn dieses ,,kann nicht gezeichnet werden". Das ,,Ungeziefer" ist aber auch nicht abstrakt, es ist kein Symbol: Es ist ein nichtrealistisches Bild, das mit Worten nicht vollständig erklärt werden kann. Es entzieht sich, und das ist das genuin Literarische daran, dem landläufigen und theoretisch noch so versierten Diskurs.

Was Gregor Samsa erlebt, ist ,,kein Traum", wie es einmal heißt. Es ist die normalerweise nicht sichtbare Kehrseite der Realität. Im Laufe der Erzählung wird die Familienkonstellation, in der sich Gregor Samsa bewegt, immer deutlicher: Er hat in den letzten Jahren nach dem Bankrott des Vaters die Familie ernährt, jetzt aber werden Mutter, Vater und Schwester wieder berufstätig und empfinden Gregor zusehends als überflüssig. Der Vater treibt ihn zweimal in sein Zimmer zurück, und als er sich ein weiteres Mal herauswagt, spielt die Schwester gerade ,,drei Zimmerherren", an die die Familie untervermietet hat, auf der Geige vor.

Die Herren beklagen darauf ,,widerliche Verhältnisse", die Schwester aber, der Gregor in der ,,normalen" Familienzeit vorher noch gegen den Willen der Eltern ein Musikstudium finanzieren wollte, bezeichnet ihn jetzt als ,,Untier", das man ,,loswerden" müsse. Gregor stirbt in der folgenden Nacht: ,,An seine Familie dachte er mit Rührung und Liebe zurück."

Kafkas Textur ausschließlich auf ,,Masochismus" zurückzuführen, wie es zeitweilig geschehen ist, greift bei weitem zu kurz. Aber die Aporien der bürgerlichen Familie werden hier schonungslos aufgedeckt, und dass Gregor in seiner Sehnsucht nach Nähe das menschlichste Familienmitglied der Samsas ist, wird am Ende der Erzählung äußerst deutlich. Der Verlag C.H. Beck hat diesen Schlüsseltext der deutschsprachigen Moderne jetzt in seiner bibliophilen Reihe ,,textura" neu herausgebracht, mit einem Nachwort von Kurt Drawert, der auch nicht anders kann, als sich vor der Bedeutung dieser ,,Verwandlung" zu verbeugen.


Aus: "Kafkas befremdliches Insekt" Helmut Böttiger (26.05.2014)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/neuauflage-kafkas-befremdliches-insekt.950.de.html?dram:article_id=287455

Textaris(txt*bot)

#2
Quote[...] Ein kleiner Junge in einem Hotel in einer fremden Stadt. Er läuft durch die Gänge, seiner Mutter hinterher, die mit einem unbekannten Mann in ein Zimmer geht. Die beiden schlafen miteinander, der Junge horcht an der Tür und späht durch das Schlüsselloch. Dann läuft er zu seiner Tante zurück, die mit dem Erstickungstod ringt. Am nächsten Morgen stirbt sie. Anna und der Junge reisen ab. Im Zug liest Johan einen Zettel, den ihm die Tante mitgegeben hat. Darauf stehen Worte in einer Sprache, die er nicht versteht.

Heute kann sich niemand mehr vorstellen, was Ingmar Bergmans Film ,,Das Schweigen", aus dem diese Szenen stammen, vor sechzig Jahren in Deutschland auslöste. Filmclubs zerbrachen, Pfarrer verdammten, Staatsanwälte ermittelten, die ,,Aktion saubere Leinwand" entstand. Dabei zeigte Bergman Sex als leeren Akt in einer trostlosen Welt. Aber eben in dieser Sinnlosigkeit lag die Provokation, auf die die Moralhüter ansprangen. Mit dem ,,Schweigen" lernte das Kino, die Sprache Kafkas zu sprechen.

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Aus: "Gunnel Lindblom gestorben : Diese Gier nach Leben" Andreas Kilb (25.01.2021)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/lebensgier-schauspielerin-gunnel-lindblom-gestorben-17164447.html

Textaris(txt*bot)

Quote[...] Ein gewissermaßen zum Haneke-Klischee erstarrter Ansatz ist es, das Abgründige gerade im Gewöhnlichen zu suchen, in der vermeintlichen Hölle der behüteten Bürgerlichkeit. Man hat solche Familienbilder im deutschsprachigen Film einfach schon zu häufig gesehen: die hilflose Entfremdung zwischen Eltern und Kindern am Esstisch, das Herumstochern im Omelett. Sätze wie ,,Warum bist du nur so?"

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Aus: "Kalte Hölle Provinz" Jan-Philipp Kohlmann (24.02.2022)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/truebe-wolken-im-kino-kalte-hoelle-provinz/28097590.html

Textaris(txt*bot)

... vermutlich sei einiges davon gerade für viele Männer schwer auszuhalten. ...

QuoteFreitag war Nicole Seifert im Buchladen Eulenspiegel mit ihrem neuen Buch ,,Einige Herren sagten etwas dazu". Mit mir waren schätzungsweise gut 30 Menschen da.

Die Moderation von Angelina Gruschka war etwas merkwürdig, zwar freundlich aber eigentlich ohne jegliche Informationen zu Nicole Seifert.

Diese jedenfalls kann nicht nur hervorragend über das schreiben, zu dem sie dankenswerterweise forscht, sondern ist darüber hinaus eine ebenso unterhaltsame wie kluge Lesende.

Die anschließende Diskussion war für mich überraschend scharf. Es gab kluge Nachfragen, aber auch Angriffe. So sei es aber doch nicht gewesen, sagt ein Herr, der selbst, wie er sagt, seit den 60er Jahren im Verlagswesen tätig gewesen ist, und dort eigentlich immer nur mit Frauen zu tun gehabt hat. Anderen wiederum geht das Aufdecken der Missstände nicht weit genug. Ich bin immer irritiert, wenn das Publikum so übergriffig wird und denkt, es müsste die Autorin über etwas belehren.

Als die Veranstaltung zu Ende ist, sagt B., die ich dort getroffen habe, vermutlich sei einiges davon gerade für viele Männer schwer auszuhalten. Und meint damit, mit diesem Verhalten, mit den Verhältnissen konfrontiert zu werden. Die ihr reines Bild, das sie von sich haben, beschädigen.

Wie auch immer, Seifert selbst erzählte während der Lesung, dass bei ihrer Premierelesung im LCB viele junge Autorinnen anwesend waren, die erzählten, einige der immerhin teilweise fast 80 Jahre zurückliegenden Begebenheiten, selbst erlebt zu haben. Um so wichtiger ist dieses Buch.


Aus: "Einige Herren sagten etwas dazu" muetzenfalterin (30. Juni 2024)
Quelle: https://muetzenfalterin.blogda.ch/2024/06/30/einige-herren-sagten-etwas-dazu/

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Kontext:

QuoteIm meinem neuen Buch wird es um die Autorinnen der Gruppe 47 gehen. Denn bei den legendären Treffen der Nachkriegszeit war Ingeborg Bachmann nicht die einzige Frau – sie war nur die einzige, die anschließend miterzählt wurde. Ilse Schneider-Lengyel, Ruth Rehmann, Gisela Elsner, Barbara König, Gabriele Wohmann, Helga M. Novak und andere gerieten hingegen langsam, aber stetig in Vergessenheit. Kamen sie in einer Geschichte der Gruppe 47 doch mal vor, dann nicht als ernstzunehmende Autorinnen ihrer Texte, sondern als begehrenswerte Körper oder tragische Wesen. In ,,Einige Herren sagten etwas dazu", Die Autorinnen der Gruppe 47, das im Februar 2024 bei KiWi erscheint, setze ich diesen Erzählungen die eigenen Erfahrungen der Frauen bei den Tagungen entgegen, erzähle von ihrem Leben in der Nachkriegszeit und von ihren Texten.
https://nachtundtag.blog/ueber/ (Stand: 07/2024)

https://nachtundtag.blog/2024/02/11/einige-herren-sagten-etwas-dazu/

Textaris(txt*bot)

,,Wie ein Schauspieler, der sich von seiner Rolle hinreißen lässt, ging ich in manchen Augenblicken tatsächlich in Julia auf; dies war meine eheliche Lagerstatt, dies meine Elfenbeinkämme und Fläschchen mit Duftwassern, die weiße Stirn, die Brüste, die sich einer Liebkosung darboten, die sich öffnenden Lippen waren die meinen. Schiere Entgleisungen. In Wirklichkeit erreichte unsere Beziehung zu dieser Zeit ihre maximale Distanz."

Quote[...] Susan Taubes war ein äußerlich und innerlich zerrissener Mensch. 1928 in Budapest geboren und aufgewachsen floh sie 1939 mit ihrem Vater, einem bekannten jüdischen Psychoanalytiker, nach New York. Sie studierte in Harvard, Jerusalem und Paris Philosophie und promovierte mit einer Arbeit über Simone Weil.

1949 heiratete sie den Religionsphilosophen Jacob Taubes, bekam Kinder, trennte sich aber 1961 wieder von ihm. Nach einer Lehrtätigkeit an der Columbia University in New York wandte sie sich mehr und mehr dem Schreiben und der Theaterarbeit zu und beteiligt sich am literarischen Zirkel ihrer Freundin Susan Sontag. 1969, kurz nach dem Erscheinen ihres ersten Romans, ,,Nach Amerika und zurück im Sarg", nahm sie sich das Leben.

Der nachgelassene Roman, ,,Klage um Julia", sowie die mit ihm jetzt veröffentlichten Erzählungen sind Texte, die eng mit dem Leben von Taubes verbunden sind. Während sie in den Erzählungen in mehr oder weniger klassischer Form Probleme thematisiert, die auch mit ihrer Biografie verbunden sind, erzählt sie in ,,Klage um Julia" mithilfe eines der Avantgarde verpflichteten Ich-Erzählers, dessen Rolle bis zum Ende nicht genau geklärt wird.

Er selbst bezeichnet sich als ,,Berater" Julias; gleichzeitig weiß er alles über sie, kann ihr überallhin folgen. Manchmal, könnte man sagen, erscheint er als eine Art freudsches Ich-Ideal, während Julia selbst emotionale Entscheidungen fällt, die dem Es zuzuordnen wären. Manchmal entgleitet ihm Julia; oft sind beide nicht zu trennen. Gleichbleibend ist nur, dass der Erzähler immer die Realität im Auge behält. Und versucht, Julia auf ein Leben in dieser Realität vorzubereiten.

Von ihren Eltern ist in dieser Hinsicht nicht viel zu erwarten. Für sie ist ihre Tochter ein interessantes Phänomen, nicht ein Kind, für das sie Verantwortung tragen. Weil sie ihr – zum Unmut des Erzählers – alles durchgehen lassen, liegt die Vermutung nahe, dass darin die Ursache für Julias Unfähigkeit besteht, eine eigene stabile Identität herauszubilden. Auch in Liebesdingen konstatiert der Erzähler ihr Sprunghaftigkeit und Narzissmus. Die Heirat mit Peter Brody, einem reichen älteren Mann, beschreibt er als Versuch, sich durch die Anerkennung einer Autorität Grenzen zu setzen.

Daraufhin scheint Julia auch für einen Moment lang den Forderungen des Ich-Ideals, das der Erzähler repräsentiert, zu entsprechen. ,,Wie ein Schauspieler, der sich von seiner Rolle hinreißen lässt, ging ich in manchen Augenblicken tatsächlich in Julia auf; dies war meine eheliche Lagerstatt, dies meine Elfenbeinkämme und Fläschchen mit Duftwassern, die weiße Stirn, die Brüste, die sich einer Liebkosung darboten, die sich öffnenden Lippen waren die meinen. Schiere Entgleisungen. In Wirklichkeit erreichte unsere Beziehung zu dieser Zeit ihre maximale Distanz."

In ,,Klage um Julia" ging es Susan Taubes darum, die Widersprüche und Komplexität zwischen Körper und Geist, zwischen Ich und Es, zwischen den Forderungen der Realität und den spontanen individuellen Wünschen einer Frau zu erzählen. ,,Von Kindheit an", schreibt die Schriftstellerin Francesca Wade in ihrem instruktiven Vorwort, hatte Taubes ,,die alltägliche Annahme, dass der Mensch ein Selbst, eine Seele oder irgendeine Art von Kern besitzt, mit dem er geboren wird und den er von der Wiege bis zur Bahre mit sich trägt, infrage gestellt."

Taubes' Zerrissenheit zwischen ihrer ungarischen Kindheit, der Flucht und dem Leben mit ihrem Vater in New York, ihren Wünschen und den äußeren Ansprüchen an sie als Frau, all das ging in ,,Klage um Julia" ein. Auch ihre Affinität zur Religion spielt eine Rolle (Susan Taubes' Großvater war Großrabbiner in Budapest, ihr Mann Jacob Taubes tief religiös). Sie stand im Widerspruch zu ihrer säkularen Intellektualität.

All diese Widersprüche sind in ihren Roman und ihre Erzählungen eingegangen. Ihre Protagonistinnen sind zwar Opfer der patriarchalen Gesellschaft, lassen sich aber nicht darauf reduzieren. Die universellen, über die Geschlechterrollen hinausgehenden Eigenschaften ihrer Figuren, die gleichzeitig die individuelle Situation der Frau nicht verraten, machen ihren Roman und ihre Erzählungen dabei so interessant.

Susan Taubes: ,,Klage um Julia und andere Geschichten". Aus dem Englischen von Nadine Miller. Friedenauer Presse,Berlin 2024, 333 Seiten


Aus: "Erzählungen von Susan Taubes: Geisterhafte Entgleisungen" (7.1.2025)
Quelle: https://taz.de/Erzaehlungen-von-Susan-Taubes/!6059169/


Textaris(txt*bot)

#6
Quote[...] Gruppenführer Musk has decided to double down with a surprise appearance at an Alternative für Deutschland rally.


Quelle: https://boingboing.net/2025/01/26/elon-musk-tells-germans-not-to-feel-guilt-over-countrys-past-at-far-right-rally.html

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QuoteAuchUns, 25.01.2025

Das ist so bizarr, da schmust der reichste Mann der Welt mit der AfD (zugeschaltet auf Provinz-Veranstaltung) und erzählt den Leuten dort wie sie denken und fühlen sollen. Absolut jeder hätte einen vor zwei Jahren für verrückt gehalten, wenn er so etwas prognostiziert hätte.


Ein Kommentar zu: "Elon Musk ruft bei AfD-Veranstaltung zu Nationalstolz auf" (25. Januar 2025)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2025-01/afd-elon-musk-wahlkampf-halle

Textaris(txt*bot)

Quote[...] Es beginnt oft leise. Hier ein falsches Wort zu viel, dort ein richtiges zu wenig. Mit der Zeit schlagen diese kleinen Hagelkörner feine, unsichtbare Risse in Familien. Dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis eine Kleinigkeit den fragilen Frieden zerbricht. Bei mir war es ein Video. Ein Verwandter hatte es mir geschickt, kurz nach Beginn der russischen Großinvasion im Februar 2022. Zu sehen war die Putin-Influencerin Alina Lipp, die von der "Befreiung" der Ostukraine sprach. Ich, die gerade Fluchthilfe für ukrainische Freunde organisierte, saß fassungslos vor dem Bildschirm. Zum ersten Mal in meinem Leben blockierte ich einen Verwandten auf WhatsApp. Es fühlte sich an, als wäre er plötzlich gestorben. Kurz darauf blockierte ich auch zwei Cousinen, die mich in Putinsprech von den brüdervolkfreundlichen Absichten des Kremls überzeugen wollten.

Vor drei Jahren glaubte ich, dass es allein Russlands Krieg war, der Streit in unsere Familien gebracht hatte. Heute weiß ich, dass das Problem viel tiefer lag und bei weitem nicht allein mich betraf. Den vermeintlich plötzlichen Bruch mit Familienangehörigen erlebten auch andere "Mitgebrachte", wie uns die Sozialforschung nennt. Uns, die als Kinder oder Jugendliche vor etwa 30 Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland eingewandert sind. Die meisten gehören wie ich zu den rund 2,5 Millionen russlanddeutschen Aussiedlerinnen und Spätaussiedlern. Online sind wir mittlerweile gut vernetzt, das war in den Monaten nach dem russischen Großangriff von Vorteil. Damals schrieben wir uns in den sozialen Netzwerken viele Nachrichten und fühlten uns so weniger allein. Eine 16-Jährige berichtete damals, dass sie zu Hause ausziehen musste, weil die Schusslinie zwischen Russland und der Ukraine plötzlich quer durch die elterliche Wohnung verlief. Eine andere Russlanddeutsche war aus dem Familienchat geschmissen worden, weil sie es gewagt hatte, gegen Moskaus Krieg zu argumentieren. Zuerst war sie wütend, dann kam der Schmerz, wie er meist entsteht, wenn in Familien nicht mehr gesprochen wird. Er hinterlässt eine Wunde dort, wo eigentlich Wärme und Verbundenheit sein sollten.

Diesen Schmerz kennt auch Katja*. Sie habe ich ebenfalls online kennengelernt. Wie in vielen postsowjetischen Familien markierte der russische Großangriff in Katjas keinen plötzlichen Wendepunkt. Er setzte nur eine letzte Bruchlinie. Das Verhältnis zu ihren Eltern war schon in ihrer Kindheit in Russland angespannt gewesen. Der Vater war alkoholkrank und stets bereit, seine Wut auf Arbeitskollegen oder die Mutter an Katja auszulassen. Mit dem Umzug 1992 änderte sich vieles, doch innerhalb der Familie erschreckend wenig. "Wir wurden zu Gehorsam erzogen. Ich habe mich auch in Deutschland wie eine Sklavin gefühlt", erinnert sich Katja. Nach außen gaben sich die Eltern perfekt integriert: arbeitsam und dankbar für die Aufnahme in Deutschland – bis sie plötzlich begannen, sich in die russische Kultur zurückzuziehen.
"Wir sind Russen und stolz darauf, sagten sie, dabei ist mein Vater Russlanddeutscher. An Russland fand er plötzlich alles toll und in Deutschland würde alles falsch laufen", erinnert sich Katja. Vor etwa 15 Jahren sei das gewesen. Der Ton ihres Vaters sei aggressiver geworden und habe dem aus dem russischen Staatsfernsehen geähnelt, das die Eltern neuerdings empfingen. Obwohl ihre Eltern nie politisch waren, stritten sie immer häufiger über Katjas migrationsfreundliche Einstellung. "Plötzlich feierten sie sogar die Sowjetunion", sagt sie. Für Katja war diese Entwicklung unbegreiflich, waren ihre Eltern doch einst froh gewesen, der Sowjetdiktatur entkommen zu sein. Der Streit eskalierte, als Katjas Brüder ihren ukrainischen Ehemann vor einigen Jahren "Faschist" nannten. Es war das eine Wort zu viel. Danach herrschte Funkstille.

Wie konnte der Graben zwischen Katja und ihrer Familie so tief werden? Viktoria Bachmann, promovierte Psychologin und selbst Russlanddeutsche, hat eine Erklärung. Sie arbeitet seit Jahren mit Patientinnen und Patienten aus der ehemaligen UdSSR und beobachtet immer wieder, wie die unvereinbaren Einstellungen, die durch den Krieg zutage treten, Familien auseinanderreißen. Ein wesentlicher Faktor sei die Kreml-Propaganda, die seit Putins Machtübernahme im Jahr 2000 die Sowjetära verklärt. Doch diese Propaganda würde weniger Wirkung entfalten, wenn die Älteren nicht schon durch autoritäre Erziehung und die Sehnsucht nach einer starken Führung geprägt wären, erklärt Bachmann. Viele fühlen sich in Deutschland entwurzelt, ihre Berufsabschlüsse wurden nicht anerkannt, ihr Selbstwert habe gelitten.
In dieses Vakuum dringe die Propaganda des Kremls – über Fernsehen, TikTok, WhatsApp. Da sei man schnell in einer Blase und werde immer mehr von den immer gleichen Horrorgeschichten über "Gayropa" oder eine angebliche "Islamisierung" Deutschlands angefüttert. Ältere Russlanddeutsche suchen dann Trost in alten Sowjetfilmen, die sie an ihre Jugend erinnern, und landen schnell bei Politpropaganda. "Unsere Eltern sind in ihrer Entwicklung zurückgefallen. Sie leben in der Vergangenheit, weil sie keine Zukunft mehr sehen", sagt Bachmann.

Ein vollständiger Kontaktabbruch, wie er bei Katja stattfand, ist laut Bachmann eher selten. Häufiger schleiche sich eine Distanz zwischen die Generationen. "Die Älteren haben oft gelernt, dass es ein klares Richtig oder Falsch gibt. Sie tun sich schwer damit, zu akzeptieren, dass ihre erwachsenen Kinder eigene Lebensentwürfe und Ansichten entwickeln", sagt sie. Die jüngere Generation, die in Deutschland aufgewachsen ist, bewegt sich freier und kennt ein "breiteres Verhaltensrepertoire", wie Bachmann es nennt. Was für die Kinder Ausdruck von Freiheit und Individualität ist, empfinden die Eltern jedoch oft als Bedrohung ihrer eigenen, konservativen Werte. So wächst zwischen beiden Seiten eine "massive Sprachlosigkeit", die durch den Krieg noch lauter geworden ist.

Hinzu kommt eine weitere Herausforderung, die den Konflikt verschärft: das Altern der Eltern. Mit dem Ruhestand verändert sich ihre Rolle. "In den Herkunftsländern hatte die Familie den höchsten Wert", sagt Bachmann. Doch nicht immer aus Liebe oder Verbundenheit, sondern oft aus Notwendigkeit – sie war der letzte Rückzugsort gegen das sowjetische Regime und seine Überwachung. Die Eltern, die ihre Kinder einst intensiv unterstützten, oft allein ihretwegen nach Deutschland gegangen waren, erwarten im Alter nun eine Gegenleistung: Rat, Trost und Nähe. Besonders dann, wenn sie, wie Katjas Eltern, isoliert von der Mehrheitsgesellschaft leben.
Gleichzeitig sind viele Eltern noch in Mehrgenerationenhaushalten aufgewachsen, in denen es selbstverständlich war, dass die Großmutter den Job aufgab, um die Enkel zu betreuen, und die Tochter beruflich kürzertrat, um die Eltern zu pflegen. Doch die Kinder von heute stehen selbst mitten im Leben, leben oft weit entfernt und wollen sich nicht aufopfern. Für die Eltern, die ohnehin oft das Gefühl haben, in diesem Land unerwünscht zu sein, wird das zur schmerzhaften Kränkung. Die Familie, ein letztes Andenken an die zurückgelassene Heimat, beginnt zu zerfallen – erst in der Wahrnehmung der Eltern, dann in der Realität, verstärkt durch politische Konflikte. Beide Seiten fühlen sich dabei missverstanden und sind enttäuscht. Lässt sich diese Kluft überhaupt noch überbrücken?

Ist wie bei Katja Gewalt ein Thema, müssen sich die Betroffenen fragen: "Kann ich verzeihen, ohne ständig negative Emotionen zu haben?", rät Bachmann. Bestenfalls könne es ein Gespräch geben, über gegenseitige Erwartungen, über die Vergangenheit. Auch der Fokus auf die Gemeinsamkeiten könne helfen sowie das Ausklammern von Themen wie dem Krieg gegen die Ukraine. "Es müssen klare Grenzen her, deren Überschreitung nicht toleriert werden darf", sagt die Therapeutin. Keine Politik am Tisch, so könne eine Regel lauten.
Bei Katja griffen keine Regeln mehr. Zu viele Themen waren zu Minenfeldern geworden. Heute bietet ihr nur noch die Distanz einen sicheren Raum, um Frieden zu finden. Der Abstand tue ihr gut, sagt sie, der Schmerz aber bleibe, vor allem dann, wenn sie sich ihrer Nichtzugehörigkeit bewusst werde. Etwa, wenn ihre Tochter fragt, warum sie nie Oma und Opa besuchen. "Ich habe lange versucht, sie aus allem rauszuhalten. Schließlich habe ich es ihr erklärt. Sie versteht mich, aber grundsätzlich bleibt es für uns schwierig, so ohne Familie", sagt Katja. Ab und zu rufen Tanten an und werfen Katja vor, eine schlechte Tochter zu sein. In einer Psychotherapie hat Katja ihre Erfahrungen verarbeitet. "Ich wollte heilen, weil ich sonst mein Leben nicht leben und auch kein Kind großziehen kann." Sie fühle keinen Groll mehr. "Ich denke, meine Eltern waren auch mal Kinder und selbst Opfer. Sie tun mir leid", sagt sie.

Auch ich habe meinen Frieden geschlossen. Nach einigen Tagen des Schweigens entschuldigte sich vor drei Jahren der Verwandte: Er sei sehr emotional gewesen, habe Dinge nicht richtig eingeordnet. Wir sprachen wieder miteinander. Selbst mit den Cousinen habe ich wieder Kontakt. Doch es bleibt ein zerbrechlicher Frieden, wie Eis, das unter unseren Füßen knirscht. Ein falsches Wort könnte alles zum Einsturz bringen. Also halten wir uns von den dünnen Stellen fern, lenken Gespräche meist auf unsere Kinder. In Zeiten wie diesen sind sie es, die uns kleine Inseln der Verbundenheit schenken – Augenblicke, die uns Hoffnung geben. Denn tief in uns, das spüre ich, will niemand in dieser Kälte verharren – in ihr gefangen fühlen wir uns aber weiterhin.

* Name zum Schutz der Person geändert, der richtige Name ist der Autorin bekannt.


Aus: "Eine Wunde dort, wo eigentlich Wärme sein soll" (23. Januar 2025)
Quelle: https://www.zeit.de/familie/2025-01/post-sowjetunion-familien-entfremdung-konflikt