Author Topic: [Zum Spannungsfeld der Musikindustrie... ]  (Read 90495 times)

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Offline Textaris(txt*bot)

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[Zum Spannungsfeld der Musikindustrie... ]
« Reply #120 on: August 06, 2019, 03:48:51 PM »
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[....] Das Werk des Philosophen Theodor W. Adorno war und ist trotz seiner Komplexität eine Fundgrube für die Popmusik. Aufgrund seiner oft aphoristischen Schreibweise bot sich die Rezeption Adornos geradezu an. „Daraus haben sich viele Zitate und Kalendersprüche ziehen lassen“, sagt Jens Balzer.

Der Popkritiker hat prominente Beispiele zum Studiogespräch mitgebracht. So auch von Rainald Grebe, der auf dem Album „1968“ sang: „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“. Einer der bekanntesten Sätze Adornos – den dieser aber völlig anders gemeint habe.

Der sogenannte Diskurspop – Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre – sei die Hochzeit der Adorno-Rezeption: Schon der Begriff „Hamburger Schule“ habe darauf hingedeutet, dass die Musiker und Songschreiber die geistige und kulturelle Verwandtschaft zur deutschen Sozialphilosophie, zur Frankfurter Schule, gesucht hätten, sagt Balzer. Sie hätten offensiv mit ihrer Belesenheit glänzen wollen.

Diese Art des kulturpessimistischen, intellektuellen Pop von weißen Männern spiele heute nicht mehr die gleiche Rolle wie damals – es gebe aber noch immer starke Spielarten des diskurs- und theoriegesättigten Pop. „Der gute Pop unserer Gegenwart ist – egal was Adorno von der Popmusik hielt – in einem guten und gehaltvollen Sinn adornitisch“, findet Popkritiker Balzer.


Aus: "Adornos Einfluss auf die Popmusik: Guter Pop ist adornitisch" Jens Balzer im Gespräch mit Mascha Drost (06.08.2019)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/adornos-einfluss-auf-die-popmusik-guter-pop-ist-adornitisch.2177.de.html?dram:article_id=455611
« Last Edit: Yesterday at 01:12:55 PM by Textaris(txt*bot) »

Offline Textaris(txt*bot)

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[Zum Spannungsfeld der Musikindustrie... ]
« Reply #121 on: Yesterday at 01:12:31 PM »
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[...] Eine Ausstellung in Zürich zeigt Arbeiten von Fotografen, die sich mit Punk beschäftigen und ihn dokumentierten – von den Siebzigern in Westberlin über die Achtziger im Osten bis nach China und Indonesien der vergangenen Jahre. ... »Für immer Punk, möcht ich sein …«, sangen die Goldenen Zitronen in den späten achtziger Jahren, bevor sie sich endgültig subtileren Formen der Subversion widmeten. Doch wer kann sich das schon dauerhaft leisten, in einer Welt, in der der Markt auch noch den letzten Punk zur Aufgabe zu drängen droht. Rückblickend muss man sagen, dass Punk weder so homogen war, wie viele meinen, und erst recht kein rein westliches Phänomen darstellte – und auch nicht tot ist. Eine Ausstellung in der Photobastei Zürich zeugt davon. Zum bekannten Blick auf die Szenen in Zürich, Berlin, London oder dem Ruhrgebiet gesellen sich die Fotografien, auf denen die Bewegungen in China, Indonesien, der UdSSR und dem postsozialistischen Russland abgebildet sind.

... Letztlich ist Punk in der Gesellschaft angekommen, vor der er fliehen wollte, weil er deren Transformationsprozesse mitmachte. Gerade Punk im Westen hatte mit dem Erbe der Protestbewegung zu kämpfen: Die Revolution war ausgeblieben, stattdessen gab es eine Liberalisierung der Gesellschaft, die sich gleichzeitig in eine Konsumgesellschaft verwandelt hatte und immer weniger Freiräume für diejenigen übrigließ, die vor der totalen Inwertsetzung flüchten wollten. Es gehört zur Logik der verwalteten Welt, dass Subversionsstrategien scheitern, okkupiert oder verharmlost werden. Der »Kompromiss zwischen ästhetischer Sublimierung und gesellschaftlicher Anpassung« (Adorno) bleibt ein fauler.

»Als wär’s das letzte Mal« hat der Fotograf Bruno Stettler sinnigerweise seinen Teil in der Ausstellung genannt, der sich mit der Szene in Zürich auseinandersetzt. In den späten siebziger und frühen achtziger Jahren hat er unter anderem die Konzerte von Sham 69, The Clash oder Black Flag im »Shit«, »No Fun« oder »Swindle« fotografiert. Und natürlich auch die lokalen Bands, aus denen unter anderem Stephan Eicher (Grauzone) und Yello hervorgegangen sind. Es war eine Szene, die sich ­parallel zu London, Berlin oder Düsseldorf entwickelte und autonom daherkam – im doppelten Sinne. Doch wer erinnert sich noch an Kleenex oder Mother’s Ruin? Und »Züri brännt« auch nicht mehr wie damals im Herbst 1981. Für Stettler hat die Ästhetik des Punk trotzdem überlebt: »Ich nutze für die Optik meiner Agentur das Unperfekte, Kaputte, das Understatement.« Promo mit den Mitteln des Punk, ein Treppenwitz der Geschichte als letzte Konsequenz?

Als wäre es Teil der Inszenierung, hat Facebook die Seite der Photobastei am 18. Januar für 30 Tage gesperrt. Der Sender SRF hatte in der Sendung »10 vor 10« einen Beitrag ausgestrahlt, in dem der Berliner Künstler Sven Marquardt zu Wort kam. Die Kamera schwenkte dabei über dessen Bilder. Sie zeigen »halbnackte Menschen in einer Post-Punk-­Ästhetik und auch nackte Busen und Brustwarzen«. Die Elemente verstießen gegen die Richtlinien des Social-Media Dienstes, heißt es. Von wegen sex sells!


Aus: "Bilder von Gegenentwürfen" Holger Pauler (31.01.2019)
Quelle: https://jungle.world/artikel/2019/05/bilder-von-gegenentwuerfen