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Author Topic: [Zum Spannungsfeld der Musikindustrie... ]  (Read 62230 times)

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Textaris(txt*bot)

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[Zum Spannungsfeld der Musikindustrie... ]
« on: June 13, 2005, 11:34:42 AM »

Was gibt es eigentlich wirklich dagegen zu sagen, vergnügt zu sein?
Aus: "Wer manipuliert hier wen?" - Zur Jahrhundertwende triumphiert die Kulturindustrie - viele Intellektuelle können das nur schwer ertragen - VON DIRK KNIPPHALS - DEUTSCHES ALLGEMEINES SONNTAGSBLATT, 28. August 1998 Nr. 35/1998


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Wir leben in einem Beruf, in dem man gefallen muss.
Peter Maffay  (zeit.de, 13.11.2012)


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Quote
[...] Berthold Seliger über Popkultur und "Kreativwirtschaft" als Gentrifizierung ...

 Mittlerweile wurde es irgendwie geschafft, einstmals fortschrittliche und emanzipatorische Positionen wie die für Frieden, Menschenrechte, Feminismus, Ökologie so zu entzahnen und umzuwandeln, dass sie sich problemlos in ein neoliberales Konzept einfügen. Mit dem Begriff Independent, der einstmals in der Musik als eine Art Bio-Siegel galt, ist Ähnliches geschehen. Können Sie das erklären?

Berthold Seliger: Ja, wie ein Begriff, der ursprünglich einfach nur Produktionsbedingungen jenseits der Musikindustrie beschrieb, zu einem Verkaufsargument für Konsum heruntergewirtschaftet wurde, das ist schon signifikant. Massen-Indie sozusagen.

Ich glaube, die Kulturindustrie saugt immer alles auf und macht daraus ein eigenes Ding, eine industrielle Ware. Bis Punk mit dem Clash-Stück "Should I Stay Or Should I Go" in der Levis-Werbung angekommen war, hat es noch 10 oder 15 Jahre gedauert, bei Grunge dauerte es nur noch etwa ein Jahr.

Die Perfektion, mit der etwas irgendwie Widerborstiges und Rebellisches zum Teil des Mainstreams gemacht und zu etwas Affirmativen umgebogen wird, nötigt mir Respekt ab. Den Kapitalismus darf man eben niemals unterschätzen, und die Kulturindustrie ist eine Speerspitze des Kapitalismus.

...

Aus: ""Eine Arbeitswelt inszenieren, in der sich Sklaverei wie Freiheit anfühlt" Reinhard Jellen (09.03.2014)
Quelle: http://www.heise.de/tp/artikel/41/41080/2.html


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Quote
[...] Als Musikindustrie werden heute umgangssprachlich Unternehmen bezeichnet, die Musik auf Tonträgern produzieren, vertreiben und bewerben. Der Begriff beinhaltet sprachlich, Musik würde industriell produziert werden und ist damit abwertend. Entsprechend bezeichnet sich die Musikbranche selbst nicht als Musikindustrie, sondern verwendet selbst Begriffe wie Musikwirtschaft, Musikbranche und Musikbusiness.

[...] Als mit der Erfindung von Phonograph und Grammophon um 1880 Tonträger an Bedeutung gewannen, wurde der Begriff der Musikindustrie als reiner Fachbegriff für sich entwickelnde industrielle Massenproduktion von Trägermedien geprägt. Er bezog sich damals auf die wirtschaftlichen Vorgänge zur Herstellung und den Verkauf von Musik.
Der Begriff umfasst heute die Talentsuche und Herstellung von CDs (Labels, Presswerke und Studios), die Werbung und Promotion (Fernsehen, Film, Musikvideos, Rundfunk, Printmedien, Internet und Konzerte), den Vertrieb und Verkauf (Einzelhandel, Webshops), die Musikverlage, Urheberrechtsgesellschaften (BMI) und Verwertungsgesellschaften (GEMA) bis hin zu den Interessenverbänden (IFPI).

...


Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Musikindustrie (25. Oktober 2008)

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Quote
[...] Die Kritik geht meist in die Richtung, dass Subkulturen, die sich innerhalb der Popkultur gebildet haben, wie Rock'n'Roll, Beatmusik, Punk, Post-Punk/New-Wave, Techno und Hip-Hop, durchaus subversives Potential besitzen und Widerständigkeit hervorrufen. [...] Auch wenn die genannten Phänomene durchaus zeitweise subversiv und widerständig waren, so wurden sie letztlich doch in den Kapitalismus integriert und konnten ihm oft genug neue Impulse geben. Das Kulturindustrie jede Nische bedient, hat sich also auf lange Sicht bewahrheitet. Die Zeit der Subkulturen scheint mittlerweile endgültig vorbei zu sein und die Pop-Theorie diskutiert über die „Pop-Splitter“.[8] Trotzdem gibt es immer wieder zeitgenössische Künstler die stellenweise subversives Potential entfalten können.

Generell kann festgehalten werden, dass es im Bereich der Pop-Theorie, weiterhin zwei unterschiedliche Positionen gibt, die versuchen Populärkultur zu erklären und zu analysieren: jene die sich an Kritischer Theorie und der Kulturindustrie-These orientieren und jene, die unter anderem mit Hilfe poststrukturalistischer Theorie versuchen, Subversion nachzuweisen.

...


Aus: "Kulturindustrie - Aufklärung als Massenbetrug" (2. August 2008)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kulturindustrie_-_Aufkl%C3%A4rung_als_Massenbetrug

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Quote
[...] Das Spektakel ist die Ideologie schlechthin, weil es das Wesen jedes ideologischen Systems in seiner Fülle darstellt und zum Ausdruck bringt: Die Verarmung, die Unterjochung und die Negation des wirklichen Lebens. (S. 182) Das Spektakel ist die ununterbrochene Rede, die die gegenwärtige Ordnung über sich selbst hält, ihr lobpreisender Monolog. (S. 24) Es ist die Sonne, die in dem Reich der modernen Passivität nie untergeht. Es bedeckt die ganze Oberfläche der Welt und badet endlos in seinem eigenen Ruhm. (S. 17) Es ist das Gegenteil des Dialogs. (S. 19) denn es stelle alles zur Debatte - nur nicht sich selbst

...


Aus: "Die Gesellschaft des Spektakels" (27. August 2008)
Die Gesellschaft des Spektakels (La société du Spectacle) ist das 1967 erschienene Hauptwerk des französischen Künstlers und Philosophen Guy Debord. Es handelt sich um eine philosophisch an Hegel, Marx und Lukács geschulte radikale Anklage der modernen westlichen und östlichen Industriegesellschaft, des Kapitalismus, der realsozialistischen Bürokratie, der Form der Ware und der modernen damit einhergehenden Regierungstechniken.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Gesellschaft_des_Spektakels


-.-

Quote
POP? "Jeder, der ein bisschen Durchblick hat, weiß, dass die heutige Musik einfach grausam ist. Es geht nur noch darum, ein aufpoliertes, durchgestyltes Produkt an junge Menschen zu verkaufen, DIE GAR KEINEN GESCHMACK haben. Und das hat nichts mit Musik zu tun, sondern nur mit Marketing. Oder würdest Du die Backstreet Boys als Musiker bezeichnen? Da geht es nur um das Video, die Puppen, die T-Shirts, was-auch-immer."


Joe Jackson; 2001; Quelle [wurde gelöscht, 2007]

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Quote
[...] In Zeiten, in denen die entscheidenden kulturellen Impulse von der Standardmaschine Pop ausgehen und ein unablässig tönender Datenstrom unsere Mitwelt terrorisiert, ist es nicht verwunderlich, wenn Musik nur noch als Dauerkaraoke für ein universales Lebensgefühl benutzt wird.

[...] Dass Musik inzwischen schon in ihrer schöpferischen Phase datenreduziert erdacht und erstellt wird, ist das Ergebnis einer phantasiereduzierten und positionskomprimierten Haltung zum Werk an sich und macht den Weg erst frei für den genormten Klangbrei unserer Tage. Solange Komponisten und Produzenten sich weiter vom Wesen der Musik abwenden und das schöpferische Moment zu Gunsten einer verbraucherorientierten Fabrikation aufgeben, ist der Regression und Verflachung in der Musik weiter Tür und Tor geöffnet.

[...] Ich hege übrigens beim Download eines meiner MP3-kodierten Stücke längst keine urheberrechtlichen Bedenken mehr, denn es handelt sich dabei um keine digitale Kopie des Werkes, sondern nur um einen unvollständigen Hinweis darauf. MP3 hätte eine politische Aktion sein können. Komponisten und Interpreten hätten ein hohes Maß an Verantwortung und Selbstbestimmung übernehmen können. Doch stattdessen zog man es wieder einmal vor, die ästhetischen und ökonomischen Geschicke weiterhin von der Industrie regeln zu lassen.

...


Aus "Überlegungen eines Musikers" von Mark Polscher (TP; 2001)
Quelle: http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/musik/9096/1.html

« Last Edit: March 13, 2014, 12:17:59 PM by Textaris(txt*bot) »
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[Pop + the automated consumer... ]
« Reply #1 on: June 13, 2005, 11:37:10 AM »

Quote
[...] Crass war eine von 1977 bis 1984 aktive Anarcho-Punk-Band aus England. Crass verstand sein Engagement vor allem als direkt politisch - Musik und die Subkultur waren demnach nur Mittel zum Zweck. Außerdem äußerten sie Kritik an ihrer Meinung nach kommerziellen Bands wie den Sex Pistols, The Clash und Patti Smith.

... Crass verweigerten sich trotz diverser Angebote konsequent der Musikindustrie. Wurden die ersten Platten noch bei kleinen Labels veröffentlicht, hatte die Band nach den ersten Erfolgen genug Geld, um die LPs und Singles selbst zu produzieren. ... Das Verhältnis zu den Massenmedien war schwierig. Der Anarchismus, den die Band propagierte, zog viel Kritik auf sich. Nachdem Crass als Kulturphänomen zu groß geworden war, um es ignorieren zu können, fanden sich fast nur negative Berichte in den britischen Medien. Ebenso hatte die Band verschiedentlich Probleme sowohl mit der regulären Polizei als auch mit Scotland Yard. Im Rundfunk nahmen sie zwar an einer Peel Session teil, landeten aber wenig später auf einer schwarzen Liste des Senders und erschienen nicht mehr.

...


Aus: "Crass" (1977 bis 1984)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Crass (8. Oktober 2016)




---

Quote
"Durch die ungezählten Agenturen der Massenproduktion und ihrer Kultur werden die genormten Verhaltensweisen dem Einzelnen als die allein natürlichen, anständigen, vernünftigen aufgeprägt."

...


Aus: "Dialektik der Aufklärung" (Horkheimer und Adorno)

-.-

Quote
[...] Was als Zusammenstellung von Werbevideos für neue Musikalben begann, wurde ein eigenständiges Stück Alltagskultur. Die Clips wurden gar nicht mehr als Werbung wahrgenommen.

...


Aus: "Was wäre die Welt ohne Werbung?" Peter Glaser (18.05.2013)
Quelle: http://futurezone.at/meinung/15863-was-waere-die-welt-ohne-werbung.php

-.-


Quote
[...] Advertising and marketing have advanced the ideological interlocking of codes with the consciousness of the every day consumer through product names as "Du darfst" (You may) or "Nimm zwei" (Take two). Cheerful post-behaviorism as self-service for the automated consumer. "Everyone according to his needs" changed from the libertarian slogan to the religious meta-concept of the late capitalistic supermarket's world of goods and the salvation army of positive thinking. In the preconscious stimulus response of the socially stressed primates, a hit fits like fleeing instead of standing firm to an exploding fast-food restaurant.

 

Source: http://web.t0.or.at/t0/codewar/page006.htm (the LINK is not working anymore, Date?, Author ?)

« Last Edit: October 24, 2017, 02:44:36 PM by Textaris(txt*bot) »
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[Die prekären Leistungen der Anpassung... ]
« Reply #2 on: June 13, 2005, 11:41:20 AM »

Quote
Weil die "Wahrheit" als Realitätsdruck nicht aushaltbar wäre, hilft die Kulturindustrie, das Fernsehen: Der Druck, unter dem die Menschen leben, ist derart angewachsen, daß sie ihn nicht ertrügen, wenn ihnen nicht die prekären Leistungen der Anpassung, die sie einmal vollbracht haben, immer aufs neue vorgemacht und in ihnen selber wiederholt würden.

...


[Theodor W. Adorno: Prolog zum Fernsehen (1963)]
« Last Edit: August 27, 2008, 01:27:50 PM by Textaris(txt*bot) »
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[Der Geist in der Maschine... ]
« Reply #3 on: June 13, 2005, 12:06:31 PM »

Quote
[...] Es ist nicht nur so, daß wir in einer Vorstellung gelebt haben, die Welt sei eine große Maschine, wir haben uns auch eine Kultur eingerichtet die diesem Bild zu entsprechen versucht. Die Maschine, die Mechanisierung des Lebendigen die damit verbundene Quantifizierung und Standardisierung ist eines der großen Symbole der industriellen Kultur. Die High-Tech-Kultur ist dabei bis in unser Bewußtsein vorzudringen und die Art und Weise wie wir träumen zu beeinflussen [...]
Die Ehrfurcht vor der Maschine, ihrer Eleganz und Perfektion hat längst unser Bewußtsein eingeholt und ist dabei uns immer tiefer in eine funktionale Existenz zu treiben.

...

 

Aus: "Der Geist in der Maschine" von Peter Münch (21.2.95)
Quelle: http://www.wendelstein.com/privat/gegenwartsfragen/Der%20Geist%20in%20der%20Maschine%202.htm


« Last Edit: August 27, 2008, 01:28:33 PM by Textaris(txt*bot) »
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[der geist, den sie den massen einbläst... ]
« Reply #4 on: June 13, 2005, 12:52:29 PM »

Quote
[...] die profitgier [ ] sie sei das leitmotiv des kapitalistischen systems. darüberhinaus geht es der kulturindustrie an erster stelle weder um die massen, noch um die technik oder die kommunikation sondern um den geist, den sie den massen einbläst. der geist, der dem system innewohnt, besteht sozusagen aus einem skelett, aus "einem gerüst starr konservierter grundkategorien", das immer neue umhüllungen trägt.


le lounge électronique (found @ June 13, 2005)
Quelle: http://groscurth.manilasites.com/stories/storyReader$76
« Last Edit: October 08, 2007, 02:50:40 PM by lemonhorse »
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[Wer manipuliert hier wen?... ]
« Reply #5 on: June 13, 2005, 12:56:07 PM »

Quote
[...] "Wir leben im Zeitalter der globalen Kulturindustrie." Längst habe sie sich den Sport, den Fußball zumal, unterworfen. Große Markennamen wie Coca-Cola oder die Sportschuhfirma Nike seien inzwischen ein Bestandteil der internationalen Popkultur. Überhaupt seien Werbesendungen von der neuesten Videokunst kaum zu unterscheiden und von den Videoclips auf den Musiksendern MTV oder Viva schon gar nicht. Die globalen Kulturindustrien durchdringen, so Lashs Fazit, inzwischen alle Lebensbereiche.
Was also zur Jahrhundertwende triumphiert, das ist die Kulturindustrie. Und nichts spricht dagegen, dass sie ihren Siegeszug im kommenden Jahrhundert fortsetzt.

[...]...ist die simple Tatsache, dass sich die Kulturindustrie zu einem bunten, hoch komplexen und ausdifferenzierten Feld entwickelt hat.
Schließlich: Was hat sie nicht alles für großartige Meisterwerke hervorgebracht! Der amerikanische Western, die Beatles, Andy Warhol, "Raumschiff Enterprise" und viele, viele Popbands, Kinofilme, Fernsehserien und anderes mehr - all das sind Erzeugnisse der Kulturindustrie! Wer würde ernsthaft behaupten, all das sei nur dazu da, damit, wie Adornos Weggefährte Herbert Marcuse es ausdrückte, "die Menschen sich glücklich fühlen können, auch wenn sie es gar nicht sind"? Das kann im Ernst doch wohl niemand.
Außerdem ist die Kulturindustrie, wenn sie es denn jemals war, heute längst nicht der einheitliche Block, als den Adorno sie sich vorstellte. Selbst wenn man an Manipulation in diesem Bereich glaubt, ist noch gar nicht sicher, wer hier wen manipuliert.

[...] Planbar jedenfalls sind Erfolge keineswegs. Das hat schon so manche große amerikanische Filmproduktionsfirma erfahren müssen, als vermeintlich sichere Blockbuster zu Flops gerieten. Im Bereich der Popmusik mögen heutige Teeniebands konstruierte Produkte sein. Aber sie richtig zu konstruieren, das ist eben die Kunst.

[...] So ist es wohl an der Zeit, zu einem abgeklärten Umgang mit der Kulturindustrie zu finden. Statt einer Kulturkritik, die aufs Ganze geht, ist eher eine Prüfung des jeweiligen Einzelfalls angesagt.

[...] Wer ist heute schon einverstanden mit dem großen Ganzen? Dennoch: Was gibt es eigentlich wirklich dagegen zu sagen, vergnügt zu sein?


Aus: "Wer manipuliert hier wen?" - Zur Jahrhundertwende triumphiert die Kulturindustrie - viele Intellektuelle können das nur schwer ertragen - VON DIRK KNIPPHALS
DEUTSCHES ALLGEMEINES SONNTAGSBLATT, 28. August 1998 Nr. 35/1998

Quelle: http://www.sonntagsblatt.de/artikel/1998/35/35-s8.htm

« Last Edit: October 08, 2007, 02:51:46 PM by lemonhorse »
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[Gesetzmäßigkeiten von Angebot und Nachfrage... ]
« Reply #6 on: June 13, 2005, 01:01:28 PM »

Quote
[...] Spätestens seitdem die populäre Kultur ihren Siegesmarsch [ ] angetreten hat, folgt die Kulturproduktion den Gesetzmäßigkeiten von Angebot und Nachfrage. Während es in der Romantik noch schick war, wenn ein Maler beim Malen verhungerte (außer natürlich für den Maler selbst), rührt nun keiner mehr den Pinsel an, ohne vorher den Erfolg seines Bildes per Sponsoring-Verträge sichergestellt zu haben. Die Kunst, die Adorno noch als Kunst bezeichnete, führt heute nurmehr ein Schattendasein abseits der medialen Verwertung. Der "Text, der keinen Leser braucht", ist out. ...

 

Aus: "Adorno im Zeitalter der populären Kultur" von Alexander Remler
Quelle: http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/buch/2765/1.html
« Last Edit: May 20, 2014, 01:52:22 PM by Textaris(txt*bot) »
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[Die Kontrollgesellschaft bejaht den Spass... ]
« Reply #7 on: June 13, 2005, 01:05:36 PM »

Quote
[...] Auf der anderen Seite benützt die Kulturindustrie ursprünglich subkulturelle Ideen von Subversion und Dissidenz als Marktstrategie. [...] Chritoph Gurk geht in seinem interessantem Beitrag der Frage nach, «wem die Popmusik gehört». [...] Er betont darin, dass Popmusik als Medium [ ] nur wirksam sein kann, solange sie sich am Markt bewährt, ebenso wird der ideologische Einfluss einer Platte vom Marktgeschehen dominiert. Die Plattenindustrie formt individuelle Bedürfnisse auf das Massenprodukt hin.
«Alternative» Musik zählt so zu den wenigen Wachstumsbereichen der Tonträgerindustrie. Heute ist es ohne weiteres möglich, mit einer Platte den Wunsch nach Differenz auf ein Massenprodukt zu lenken, ohne dass sich der Konsument gleichgeschaltet fühlen muss. So lassen sich auch Produkte vermarkten, die widerspenstiger nicht sein könnten. Dabei dienen die Anfangserfolge der Independents den Majors als Testlauf. Vom früheren Konkurrenzverhältnis ist da nicht mehr viel geblieben. Parallel dazu stellt Gurk eine horizontale und eine vertikale Integration fest. Bei der ersten werden konkurrierende Unternehmen aufgekauft (75 bis 90 Prozent der Absatzgebiete werden von vier bis sechs Firmen kontrolliert) und bei der zweiten werden Unternehmensbereiche einer anderen organisatorischen Ebene (Vertrieb, Studios, Presswerke, etc.) erworben. Das Resultat sind unüberschaubare Medienkonglomerate, «deren Aktivitäten alle Lebensbereiche durchdringen, regulieren und kommerziell verwerten können». [...] Ruth Mayer, welche das Phänomen HipHop genäuer unter die Lupe nimmt, kommt zum Schluss, dass sich subversive Images hervorragend verkaufen. Eindeutige Wertmasstäbe wie weiss/schwarz, reich/arm, zentral/marginal würden nicht mehr greifen. Die Rhetorik der Andersartigkeit sei verfügbar geworden. [...] der Rahmen diese Erelbnisses ist klar definiert: «Die heutige Kontrollgesellschaft bejaht den Spass, aber sie kontrolliert und verändert ihn von innen».



Von jok - Aus "Pop in der Kontrollgesellschaft" (gefunden am 13.06.2005)
Quelle: http://www.pda.ch/vorwaerts/1997/33kultur.html
« Last Edit: October 08, 2007, 02:54:05 PM by lemonhorse »
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[Musik +die affektive Haltlosigkeit der Massen... ]
« Reply #8 on: June 13, 2005, 02:21:12 PM »

Quote
[...] Musik, die an die affektive Haltlosigkeit der Massen appelliert, ist, wie die Diktatoren wissen, ein nahezu unwiderstehliches Mittel, die Kritikfähigkeit des gesellschaftlichen Bewußtseins zu zerstören.


Aus: "Nicht fraglos mehr das Gute? - Mentalitätsgeschichtliche Aspekte zum Terminus der Musikverabreichung"
von Norbert Bolin; Datum (?)
Quelle: http://www.uni-koeln.de/phil-fak/muwi/publ/fs_fricke/bolin.html
« Last Edit: October 08, 2007, 02:55:33 PM by lemonhorse »
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[Wahrnehmungsoptimierte Aufbereitung und Zielgruppenorientierung... ]
« Reply #9 on: June 13, 2005, 02:43:14 PM »

Quote
In einer Zeit des Umbruchs der musikalischen Kommunikation durch die elektronischen Medien, durch neue digitale Werkzeuge der Produktion und Vermittlung erhält die Frage nach ästhetischen Kategorien von Musik eine neue Aktualität. Die traditionelle Methode einer historisch orientierten Ästhetik, einen Kanon gültiger Werke mit ihren Autoren und Prinzipien zu reflektieren, bleibt in dieser Situation zwar berechtigt, bedarf jedoch eines grundlegenden Perspektivenwechsels hin zur medialen Existenz von Musik. [...] [und] erzwingen eine neue Sicht auf Musik in den Medien [...]

Tatsächlich ist es höchste Zeit, Grenzpfähle und Wachttürme einzureißen zwischen einer Elite-Subventions-Repräsentations-Klassik-Avantgarde-Hochkultur und einer oft nur scheinbaren Subversionskultur [...].

Im medienmusikalischen Bereich haben sich längst andere Gemeinsamkeiten und Differenzen etabliert. Zu den Gemeinsamkeiten gehören etwa die medienästhetischen Strategien der Produktion und des Marketing. Die wahrnehmungsoptimierte Aufbereitung und Zielgruppenorientierung des Medienprodukts betrifft alle Stile, Genres und Gattungen, Musik unter den technischen und soziokulturellen Bedingungen des Mediums wechselt von der direkten Kommunikation in die neue Realität (massen) medialer Kommunikation. Zu den Differenzen und veränderten ästhetischen Funktionen [...] gehört im wesentlichen die Art, wie medienästhetische Strategien eingesetzt, inszeniert und rezipiert werden. [...]

Die vollständig nach Zielgruppen kalkulierte 'kalte', marktwirtschaftliche Produktstrategie, der sich künstlerische Intention, musikalische Struktur und Präsentation unterordnen müssen, ist die Vorgabe eines Werks, das im Studioslang als "Produktion" bezeichnet wird. Diesem oft zynischen Broterwerb steht die Wahrheit der Kunst einer Gemeinschaft von Wissenden und Eingeweihten gegenüber, die entweder noch oder nicht mehr an an den Ausbruch des Wahren, Schönen, Ursprünglichen, vom Marktkalkül Unabhängigen aus dem engen Ghetto der Szene in die Konsumwelt glauben. [...]

Das Primat von ökonomischer Effizienz der Kulturindustrie einerseits und der Anspruch von Künstler und Publikum auf ästhetische Wahrheit andererseits ist zwar kein sich ausschließender Gegensatz mehr, er hat sich jedoch nicht in postmoderner Beliebigkeit aufgelöst. Die Wahrheit des Konsums und die Wahrheit der Kunst sind nicht so einfach zur Übereinstimmung zu bringen.


Aus: "Medienwerk und Konsumobjekt - Thesen zu einer Ästhetik der medialen Existenz"
von Musik von Rolf Großmann; Datum: (?)
Quelle: http://audio.uni-lueneburg.de/texte/medwerk/medwerk.htm (Der Link ist nicht mehr gültig)

« Last Edit: October 08, 2007, 02:56:13 PM by lemonhorse »
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[Sensitive Business Information... (Notiz)]
« Reply #10 on: June 13, 2005, 03:17:02 PM »

Quote
[...] Vor wenigen Tagen wurde ein [ ]Memo von MTV Europe öffentlich, in dem der Sender seine Mitarbeiter anweist, keine Videos mehr zu spielen, die gegen den guten Geschmack verstoßen oder die Gefühle der Öffentlichkeit verletzen könnten. Dazu gehören für MTV alle Titel, die sich mit "Krieg, Soldaten, Kriegsflugzeugen, Bomben, Raketen, Riots und Aufständen, Hinrichtungen" und ähnlichem auseinandersetzen. ...


Aus: "Der Kultur-Krieg" von Janko Röttgers (27.03.2003)
Quelle: http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/musik/14475/1.html

-.-

Quote

MTV (Europe):
Recommendations for the scheduling and content of videos and programmes

Dear all

In the light of the outbreak of war in Iraq in the last 12 hours, our recommendations for the scheduling and content of videos and programmes are as follows:

1. Video recommendations

Obviously, there will be heightened public sensitivity to representations of war, soldiers, bombing, destruction of buildings and public unrest at home. The ITC Programme Code requires us not to broadcast material which offends against good taste or is offensive to public feeling. We therefore recommend that videos featuring the following are not shown at the moment:

war
soldiers
war planes
bombs
missiles
riots and social unrest
executions
other obviously sensitive material

[...] Furthermore, videos with words such as "bomb", "missile", "war" or other sensitive words in the artist or song title should not be shown at the moment.

[...] If you are unsure about the suitability of a video or programme, please call the Broadcast Standards Managers: Mark (x6195 (HC)) Dan (x7734 (HC)) or Aurea (x6197 (HC)).

Mark
Mark Sunderland
Broadcast Standards Manager
MTV Networks Europe


From: http://www.internalmemos.com/memos/memodetails.php?memo_id=1424


-.-
Quote

From: Geissmar, Svenja
Sent: 25 March 2003
To: All At MTVNE
Subject: MTV Business Information/Confidentiality
Importance: High

Dear All At MTVNE,
As you may be aware an e-mail was issued last week by Mark Sunderland (Broadcast Standards, MTV UK) containing programme and video recommendations in the wake of the outbreak of war in Iraq. This e-mail was leaked via the internet by a member of our staff. From there, it was picked up by the press and has appeared, or been referred to, in several high profile publications. The e-mail advice contained information that was both confidential MTV business information and legally privileged. The leaking of such information represents a serious breach of MTV's business conduct and security procedures.
Many internal MTV documents contain confidential, sensitive business information and must not be passed on to anybody outside the company. [...]
If you pass confidential MTV business information to third parties outside the company this may constitute a serious breach of your contractual obligations to MTV and can result in disciplinary action being instituted against you.

If you have any questions about this issue please contact Svenja Geissmar.

Brent Hansen & Svenja Geissmar

Svenja Geissmar
Senior Vice President Corporate Business Affairs
& General Counsel


From: http://www.internalmemos.com/memos/memodetails.php?memo_id=1443

« Last Edit: November 23, 2010, 08:59:07 PM by Textaris(txt*bot) »
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[Lebensgefühl mit Hintergrundbeschallung... ]
« Reply #11 on: June 13, 2005, 03:35:54 PM »

Quote
[...] Ob Musik politisch ist? Ein weites Feld - allein die Definition von Politik würde uns hier erheblich aufhalten und in andere Regionen führen, doch natürlich bedarf die Frage immer wieder einer ausführlichen Betrachtung. Selbstverständlich hat Musik eine enorme soziale Kraft. Sie wurde zwar immer schon gern unterschätzt oder ihr am liebsten von vornherein abgesprochen, doch ich bin überzeugt, daß man mit und durch Musik, ohne sich dabei plumper Propaganda zu bedienen, sehr wohl substantiell Stellung beziehen kann und muß. Selbst wenn man die Musik auf ihren Unterhaltungs- und Gebrauchswert hin reduziert haben und dadurch verstümmelt wahrnehmen möchte, so nimmt die musikalische Energie und ihre Stärke, die Dinge in gesellschaftlichen Proportionen wahrzunehmen, in unseren Zeiten eher zu.

[...] Das, was von vielen als bedrohlich, düster oder mysteriös empfunden wird, entsteht ja aus einem kollektiven klanglichen Bewußtsein heraus. Alle musikalischen Parameter stehen doch permanent in direktem Zusammenhang zu Wahrnehmung und Empfindung.

[...] Die emotionale Wirkung dieser Art von Tonerlebnis ist kalkulierbar und kann eben auch ein Klima der Abstumpfung und Gleichgültigkeit begünstigen. Dafür bedarf es weder Text noch Handlung.

Zudem, und das erscheint mir angesichts unserer Betrachtung am wichtigsten, haben sich die klanglichen Mittel und ihre Äußerungen mit der heutigen Zeit verselbständigt. Sie erscheinen uns nicht mehr als Ergebnis ursprünglicher Kompositionen, sondern sind nun eingetaucht in eine globale kulturelle Erfahrung. Sie sind Allgemeingut geworden, das jeder jederzeit verwenden kann. Ihre auf wenige Verweise reduzierte musikalische und inhaltliche Essenz wird kalkuliert und ohne kompositorischen Kontext benutzt und im kollektiven Empfinden als eine genormte Emotion verstanden. Dieses Einverleiben von musikalischen Objekten, ja von Stilistiken ganzer Epochen, ist ein Phänomen unserer Zeit. In den letzten 50 Jahren hat sich der Umgang damit noch verschärft. Seit Beginn der Aufnahme- und Vervielfältigungsmöglichkeiten von Musik Anfang letzten Jahrhunderts, also der zeitlich und örtlich ungebundenen Präsenz eines Werkes, hat sich das Verständnis von musikalischem Schaffen und der Umgang mit komponiertem Material grundlegend verändert. Nahezu alles ist in die klebrigen Hände der Unterhaltungs- und Reklameindustrie gefallen, die die kulturelle Hinterlassenschaft als einen kommerziellen Rohstoff verwaltet und in einem universellen Gedächtnis speichert. Form, Struktur, Klang und Orchestrierung sind gekoppelt an klischeehafte Bilder, vorgefertigte Emotionen und Produkte.

[...] Es ist oft zu beobachten, daß es den meisten auch heute noch darum geht, sich über ein romantisch verklärtes Künstlerbild des 19. Jahrhunderts zu definieren und die vermeintliche Anerkennung des zum Ende des 20. Jahrhunderts ausgestorbenen Bürgertums zu erhaschen. Mit einem solchen Selbstverständnis läßt sich aber heute nicht mehr musizieren. Es ist vielleicht nachvollziehbar, woher solches Buhlen, letztlich um wirtschaftliche und soziale Sicherheit, rührt, es ist aber umso absurder, wenn man beobachtet, daß das Publikum selbst das Interesse an solchen Konzeptionen verliert.
Die musikalischen Verhältnisse wandeln sich mit dem Verschwinden des konzertanten Bürgertums. An dessen Stelle tritt eine universale Masse, die klanglich mehr erlebt hat als alle Generationen vor ihr und das Ganze in einer einzigen Musik zusammenfaßt - in Popmusik.

[...] Es ist inzwischen unmöglich, sich der Umarmung der Popmusik zu entziehen. Man müßte jede Art von Öffentlichkeit meiden, um ihr nicht zu begegnen, um nicht von ihr erfaßt und berührt zu werden. In jedem Getränk tröpfelt ihre bescheidene Melodie, durch jeden Turnschuh trampelt ihr öder Rhythmus und es gibt wahrlich wenig Gegenden, in der die Popmusik nicht zu wirken vermag. Nun soll man nicht meinen, die Popmusik ist ein simples Konstrukt, welches in immer gleichem Gewand daher kommt. Nein, mit sicherem Gespür für zielgruppenorientierte Bedürfnislagen ertönt sie sozial geschickt in vielfältiger Stilistik und infiziert sowohl Berliner Symphonieorchester und sibirische Obertonsänger als auch Konzertbetrieb und Ausbildungsstätten. Doch ihr Wesen ist immer gleich: eilige Befriedigung standardisierter Gefühle, ständige Verfügbarkeit und Oberflächenfixierung auf einer ausschließlich kommerziellen, immer um Mehrfachauswertung bemühten Folie. Die Essenz der Popmusik ist nicht mehr die Musik, sondern ein Lebensgefühl mit Hintergrundbeschallung. Dabei hat Popmusik längst ihren historischen Wirkungskreis verlassen und ist im Stande, die Jahre zwischen Pubertät und Adoleszenz für alle auf ewig zu verlängern.

[...] Doch es gibt aus Sicht eines Komponisten keinen Grund zum Jammern. Im Gegenteil: Da ist sehr wohl ausreichend Raum, von der die Popwelt nichts wissen will und kann. Pop ist nicht an einem schöpferischen Prozeß interessiert. Pop hinterfragt keine künstlerischen Zusammenhänge. Pop kann nicht Musik sein, die aus ihrer Konzeption heraus Intoleranz und Unfreiheit vorzubeugen vermag. Pop ist reaktionär. In Pop soll man sich nicht musikalisch vertiefen, das dauert zu lang. Pop ist schnell und will viel verkaufen. Daraus ergibt sich für Komponisten und Interpreten mehr als nur eine ästhetische Konsequenz: Man muß den Zustand erkennen und sein musikalisches Schaffen jenseits dieser gewaltigen Reizüberflutung positionieren. So muß man sich vergegenwärtigen: Was ist nicht schon assimiliert? Wie kann ich Geist und Herz mit Musik bewegen, ohne mich des gefälligen und schlichten Popvokabulars zu bedienen, zumal es bei längerer Betrachtung offenkundig ist, daß Pop nicht bewegt, sondern lediglich stimuliert. Und ich möchte es an dieser Stelle nocheinmal wiederholen, ich differenziere hier bewußt nicht mehr zwischen Popmusik und der sogenannten klassischen Musik. Alle Beobachtungen beziehen sich auf die gesamte Musikwelt, wie wir sie heute erleben. Die Zeiten, in der das Hören und Spielen von europäischer Konzertmusik a priori einen anderen qualitativen Stellenwert hatte, sind vorüber.

[...] Das Gestalten von Musik mittels elektronischer Klangerzeugung sowie der Einsatz von elektroakustischer Aufführungspraxis ist prädestiniert für einen neuen Weg weitab einer traditionellen Konzertwelt. Gut, was heißt neu? Seit nahezu 100 Jahren bestehen verschiedene Möglichkeiten, Musik auf elektronischem Wege zu formen und aufzuführen. Und auch hier ist es die Unterhaltungsindustrie gewesen, welche die ungeheuren Fortschritte in der elektronischen Musik vorangetrieben hat. Dennoch haben sich in der Entwicklung gleich zu Beginn zwei verschiedene Absichten herauskristallisiert: Während man auf der einen Seite die technologischen Errungenschaften hauptsächlich zur Imitation von traditionellen Instrumenten einsetzte, und sich im weiteren Verlauf darum bemühte, ganze Instrumentengruppen durch elektronische Simulationen zu ersetzen, hat man sich in einer neuen Konzertmusik viel mehr auf die Formung von neuen und unbekannten Klängen konzentriert. Klänge, die sich auf keine bekannte Tonquelle beziehen und außerhalb jeder traditionellen Hörerfahrung liegen. Mit der Zeit wurden Formen und Strukturen realisierbar, und es tat sich ein vollkommen neuer tönender Kosmos auf. Elektronische Musik und ihre Kombination mit Instrument und Stimme birgt ein ungeheures Potential, welches entdeckt werden will und muß.

[...] Wie schon erwähnt war es die Popmusik, die die technologische Entwicklung der Elektronischen Musik vorangetrieben hat, und natürlich lauern auch hier die Gefahren der Assimilation durch das globale Gedächtnis. Der Traum von einer phantasieerfüllten und allseits kreativen Welt durch die Demokratisierung der Produktionsmittel ist leider ausgeträumt. War noch vor nicht allzu langer Zeit ein hoher finanzieller und zeitlicher Aufwand nötig, um Elektronische Musik zu gestalten, so hat die audiotechnische Entwicklung heute, nicht zuletzt auch durch den Einzug von rechnergestützten Systemen, einen Stand erreicht, der es quasi jedem erlaubt, bei geringem Budget klangerzeugendes Equipment bester Qualität einzusetzen. Und in der Tat, die Zahl der privaten Studios ist exorbitant gestiegen, und in fast jedem Kinderzimmer steht ein Rechner und ein Sampler, der es erlaubt, in Standardqualität zu produzieren. Und dies geschieht auch und zwar in einem Maße, daß niemand mehr die Flut an Veröffentlichungen überblicken, geschweige denn hören kann.

[...] Natürlich ist die Frage nach der Bedienbarkeit und der Schnittstelle zwischen Maschine und Benutzer eine der wichtigsten unserer Tage. Wie komme ich an die Unterfläche heran? Welche Motive habe ich? Welche Konzepte sind erforderlich und welche Methode ist die für mich geeignete? Heute, da fast alles technisch möglich ist und die klangliche Welten einem jeden offen stehen, fehlt es den meisten an Mut und Fleiß. Stattdessen macht sich eine neue Form des Schaffens breit, die genau der Aura unserer Zeit entspricht: Nicht neu erfinden, sondern neu zusammenstellen, so heißt die Devise im digitalen Dorf. Zugriff auf alles haben und auswählen für das eigene Bedürfnis und nicht für eine musikalische Erfahrung an sich.

Dieses Kopieren-und-Einsetzen-Bewußtsein, basierend auf einer seltsamen Kopplung von diffusen Verständnis für Allgemeingut und dramatischer Ideenlosigkeit, hat sich unabhängig von musikalischer Herkunft und Ausbildung als fester Bestandteil einer zeitgenössischen globalen Musikkultur etabliert. Dabei reichen die Erklärungs- und Rechtfertigungsmodelle von einem verwirrten „es sei schon alles vorhanden" bis hin zu einem obszönen „alles bezieht sich sowieso auf ein schon Gehörtes". Und so kommt es, daß die elektronische Popmusik auf der ganzen Welt gleich tönt. Man kategorisiert schon heute die stilistischen Phasen nicht nach künstlerischen Kriterien sondern nach Hersteller und Baureihe.
Doch das Problem der Oberflächenverkindlichung und Strukturverflachung betrifft sicher nicht nur die elektronische Popmusik. Wir dürfen nicht vergessen, wir befinden uns im Jahre 48 nach „Studie 1", und seitdem ist einiges geschehen.

[...] Der bloße Einsatz von Technik wird oft mißverstanden als ein Teil des ästhetischen Ausdrucks, und viele meinen immer noch, daß die Anwendung von elektronischer Ausrüstung an sich schon das Werk zu einer Elektronischen Musik macht.

[...] Die Welt der heutigen Interpreten- und Komponistengeneration ist geprägt von Existenzängsten, Konkurrenzgerangel und allgemeinem Leistungsdruck. Wirtschaftliche Interessen überdecken jede künstlerische Auseinandersetzung. Jeder bröselt so vor sich hin, und wenn am Ende des Tages jeder sein Notenpult aufgeräumt hat, dann ist man schon zufrieden. Ich frage mich, ob man unter solchen Umständen die Musik zu seinem Beruf machen sollte, ob nicht viele wieder mehr Freude an der Musik hätten, wenn sie weniger auf Ruhm und Geld schielten. Wer reich und berühmt werden will, der muß Popmusik machen oder zum Fernsehen gehen.


Bruchstücke aus: "Elektronische Musik und soziale Resonanz" Vortrag in Dresden (10/2001)
von Mark Polscher  http://www.polscher.de
Quelle: http://www.polscher.de/download/text/dzzmemsr.pdf
« Last Edit: August 27, 2008, 12:23:45 PM by Textaris(txt*bot) »
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Textaris(txt*bot)

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[Pay for Play... ]
« Reply #12 on: July 26, 2005, 12:36:05 PM »

Quote
[...] Urlaubsreisen, Elektronikartikel, Geschenke für Hörer-Wettbewerbe sowie Teile der Betriebskosten - so hat der Sony-Konzern New Yorker Radio-DJs für das Spielen seiner CDs "belohnt". Als erster Musikkonzern gestand das Unternehmen die Bestechung ein und räumte ein "falsches und unzulässiges" Verhalten ein. Mit der Zahlung von zehn Millionen Dollar wolle Sony nun den Streit beilegen, teilte der New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer mit.

Er hatte vor einigen Monaten eine Untersuchung in die Wege geleitet, die sich gegen die langjährige angebliche "Pay for Play"-Praxis ("zahlen für spielen") richtet, bei der unabhängige Mittelsmänner von Plattenfirmen bezahlt werden, damit sie dafür sorgen, dass Radiostationen bestimmte Lieder spielen. "Unsere Ermittlung zeigt, dass entgegen der Hörer-Erwartungen Lieder nicht wegen ihrer künstlerischen Qualität und Popularität zur Sendung ausgewählt werden, sondern Sendezeit oft von ungenannten Zahlungen an Rundfunksendern und ihren Mitarbeitern abhängt", sagte Spitzer.

Seine Ermittlungen basieren auf einem Bundesgesetz von 1960, nach dem Geldzahlungen und andere Anreize zum Senden von Musiktiteln unter Strafe gestellt wurde. Es war eine Reaktion auf einen Bestechungsskandal, in den einige damals sehr populäre Disc Jockeys verwickelt waren. Die Affäre wurde damals unter dem Namen "Payola" bekannt - eine Zusammensetzung aus "Pay" (zahlen) und dem damals weit verbreiteten Plattenspieler der Marke Victrola.


Aus: 'Sony gibt "Pay for Play" zu' (Stand: 26.07.2005 12:19 Uhr)
Quelle: http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID4563496,00.html
« Last Edit: October 08, 2007, 02:57:55 PM by lemonhorse »
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lemonhorse

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[Die anfallenden GEMA-Gebühren zahlt die Partei... ]
« Reply #13 on: August 25, 2005, 12:39:44 PM »

Quote
Mick Jagger wurde am 12. Dezember 2003 von Prince Charles zum Ritter geschlagen und damit Sir Mick Jagger.

Seitdem werden die Songs der Stones gerne für die Zwecke des Establishments verwendet. So wurde die Vorstellung von Windows 95 vor exakt 10 Jahren mit "Start me up" von den Stones begleitet – möglicherweise als dezenter Hinweis darauf, dass der Bootvorgang von Windows etwa genauso lange wie der Musiktitel benötigt. Bill Gates zahlte dafür auch entsprechend Tantiemen an die Plattenfirma der Rolling Stones.

Die Kanzlerkandidatin Angela Merkel und ihre Partei, die CDU, möchte sich auch gerne mit einem Stones-Song schmücken: Der Welthit "Angie" von 1973 läuft zum Ende der aktuellen Wahlkampfveranstaltungen, damit ihn die Besucher auf dem Heimweg vor sich hin summen und so am 18. September singend wählen gehen. Die anfallenden GEMA-Gebühren zahlt die Partei, eine GEMA-Sprecherin bestätigte der DPA, die CDU habe mit der Organisation einen Pauschalvertrag für die Nutzung der Musik und deren Abgeltung geschlossen. Dieser schließe auch Musikaufführungen bei Wahlkampfveranstaltungen ein.

Dass die Rolling Stones keinen Einspruch erhoben haben, sondern vermutlich vor Lachen auf dem Boden liegen, was für eine komische Partei wohl ausgerechnet dieses Lied im Wahlkampf spielen will, erklärt sich allerdings, wenn man sich den Song einmal genauer anhört. Ähnlich wie Ronald Reagan, der einst Bruce Springsteens bitterböses Vietnam-Veteranenlied "Born in the USA" nur aufgrund des Titels als vorbildlich-positiv-patriotisch lobte, will die CDU nun Angela Merkel mit einem zugegeben wunderschönen Musikstück assoziieren, das von leeren Taschen, Ziellosigkeit und in (Marihuana-) Rauch aufgegangenen verlorenen Träumen handelt.
Aus: "All die Träume, die wir einst hatten, sind in Rauch aufgegangen!" von Wolf-Dieter Roth (24.08.2005)
Quelle: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/20/20792/1.html


Quote
Schröder könnte "Age of Aquarius" als Intro wählen.
ein Kommentar von 'leider bereits' (24. August 2005 6:49)
Quelle: http://www.heise.de/tp/foren/go.shtml?read=1&msg_id=8681092&forum_id=83671
« Last Edit: November 23, 2010, 09:01:27 PM by Textaris(txt*bot) »
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lemonhorse

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[Ohne Liebe in unseren Seelen... ]
« Reply #14 on: August 25, 2005, 12:48:43 PM »

Quote
[...] «Wir sind überrascht, dass uns niemand um Erlaubnis gefragt hat», äußerte sich das britische Management der Rolling Stones im «Observer». «Wenn das jemand getan hätte, hätten wir nein gesagt.»

Und nicht nur das: Zudem scheint man bei der CDU vergessen zu haben, sich den Text des Stückes aus dem Jahr 1973 genauer anzusehen: «Angie, Angie, ist es nicht Zeit, dass wir goodbye sagen?», heißt es da. «Alle Träume, die wir so fest gehalten haben, scheinen sich alle in Rauch aufgelöst zu haben», und «Ohne Liebe in unseren Seelen und ohne Geld in unseren Mänteln – du kannst nicht sagen, dass wir zufrieden sind.»

[...] Die CDU scheint die eher pessimistische Zukunftsperspektive aus «Angie» allerdings nicht anzufechten: «Wir haben bei der GEMA angefragt, und was wir tun, ist korrekt», zitiert die britische Zeitung einen Parteisprecher. Das Problem ist allerdings, dass die GEMA in diesem Fall gar nicht zuständig ist. Werde ein Song - wie in diesem Fall «Angie» - an so exponierter Stelle verwendet, sei dies nicht über den Vertrag abgedeckt, den die Partei mit der GEMA für die Musikverwendung bei Wahlkampfauftritten habe, erläuterte GEMA-Sprecherin Elfriede Rossori der Nachrichtenagentur Associated Press.

[...] Schon des öfteren hatten sich Parteien Popsongs zur Unterstützung ihrer Wahlkampagnen ausgeliehen – und ebenfalls des öfteren waren sie damit auf wenig Gegenliebe bei den Urhebern gestoßen: «Ich will, dass die Leute wissen, dass ich keine Wahl hatte», kommentierte Norman Cook alias Fatboy Slim die Tatsache, dass sein Song «Right Here, Right Now» von der britischen Labour Pary im Jahr 2000 als Wahlwerbung benutzt wurde. Auch bei U2 bediente sich Labour, ohne zu fragen. «Wie können sie es wagen, unsere Musik dazu zu benutzen, um ihren Scheiß zu promoten?», war die Reaktion von Massive Attack darauf, dass ihr «Man Next Door» von den britischen Konservativen benutzt worden war. (nz)

Aus: "Rolling Stones ärgern sich über die CDU" (22. Aug 11:31, ergänzt 16:04)
Quelle: http://www.netzeitung.de/entertainment/music/354171.html

Quote
[...] Weder die Band noch deren Musikverlag und Rechtebetreuer wollen zur Zeit rechtliche Schritte dagegen unternehmen, dass der Stones-Song «Angie» auf Wahlkampfveranstaltungen für die Unions-Kanzlerkandidatin Angela Merkel abgespielt wird. «Wir halten den Ball flach und bitten die CDU lediglich darum, den Titel nicht zu Wahlkampfzwecken einzusetzen», sagte der Geschäftsführer der TJ Musikservice GmbH, Jens Ehlers, der «Leipziger Volkszeitung».

«So lange wir keine rechtlichen Schritte unternehmen, ist es der CDU unbenommen, den Titel einzusetzen, auch wenn wir klar mitgeteilt haben, dass weder die Autoren noch der Originalverlag der Rolling Stones dieses möchten», führte Ehlers weiter aus, der in Deutschland den Musikvertrieb Essex vertritt, den nationalen Vermarkter der Rolling Stones.

[...] Eine Gema-Sprecherin sagte der dpa, die CDU habe einen Pauschalvertrag für die Nutzung der Musik und deren Abgeltung geschlossen. Dieser schließe auch Musikaufführungen bei Wahlkampfveranstaltungen ein.

Das habe allerdings nichts damit zu tun, ob ein Urheber damit einverstanden ist, dass seine Musik auf bestimmten Veranstaltungen überhaupt gespielt wird, so die Sprecherin weiter. Dies müsse zwischen dem Rechteinhaber - in diesem Falle die Rolling Stones - und dem Veranstalter geklärt werden. Die Gema habe damit nichts zu tun.

[...] Der Welthit der Rolling Stones aus dem Jahr 1973 wird auf den Veranstaltungen mit Merkel regelmäßig nach Ende der eigentlichen Kundgebung und nach der Nationalhymne gespielt. Die CDU wolle vorerst daran festhalten, so der Bericht.

Aus: "CDU darf «Angie» nun doch spielen" (23. Aug 16:37)
Quelle: http://www.netzeitung.de/entertainment/music/354439.html
« Last Edit: November 23, 2010, 09:01:50 PM by Textaris(txt*bot) »
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