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Author Topic: [Menschen in Schichten und Klassen... ]  (Read 416396 times)

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Textaris(txt*bot)

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[...argumentiert Jones]
« Reply #455 on: March 03, 2015, 10:44:57 PM »

Owen Jones (born 8 August 1984) is a left-wing English columnist, author and commentator. He is a regular columnist for The Guardian....
http://en.wikipedia.org/wiki/Owen_Jones_%28writer%29

Quote
[...] Es geht um Politiker, die später direkt in gut bezahlte Jobs zu Großkonzernen wechseln, Regierungsvertreter, die Banker um deren Gehälter beneiden, und Journalisten, die sich trotz sechsstelliger Jahresgehälter für „middle class“ halten.

[Owen] Jones, der zuletzt das erfolgreiche „Chavs“ über die Diskriminierung der Arbeiterklasse veröffentlichte, zeichnet in „The Establishment“ nach, wie es so weit kommen konnte. Das Establishment beschreibt er als eine gut vernetzte Gruppe von Wohlhabenden, die nicht durch Verschwörung, aber durch „soziale Beziehungen“ für ihren Machterhalt sorgen.

Noch in den 1960er Jahren habe das Establishment ganz anders ausgesehen. Der politische Konsens sei ein linker gewesen, die Labour-Partei fest im Sattel, die Gewerkschaften mächtig und das rechte Lager über die eigene Niederlage entmutigt. Doch mit den Krisen in den 1970ern – dem Ende des Goldstandards, dem Vietnamkrieg und einer Reihe von Streiks wegen Inflation – habe es eine koordinierte Kampagne von rechten Ideologen und Thinktanks gegeben, die den politischen Konsens weit nach rechts rückten.

Mit Margaret Thatcher sei dieser Rechtsruck in konkrete Politik gegossen worden. So sehr, dass auch spätere Labour-Regierungen nicht aus ihm ausbrechen konnten: Als Tony Blair 1997 die Wahl gewann, versprach er, die Steuern nicht zu erhöhen. Unter „New Labour“ gingen Privatisierungen weiter, der eingeführte Mindestlohn blieb – dank Lobbyisten – ein „Armutslohn“. Gerade weil die Labour-Regierungen unter Blair und Gordon Brown den Thatcherismus nicht infrage gestellt hatten, sei dieser zum neuen „common sense“ geworden, argumentiert Jones.

...


Aus: "Buch über Elite in Großbritannien: „Thatcherismus“ als Common Sense" (03.03.2015)
Quelle: http://www.taz.de/Buch-ueber-Elite-in-Grossbritannien/!155519/

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Thatcherismus ist die Bezeichnung für die Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik von Margaret Thatcher, der britischen Premierministerin von 1979 bis 1990. Es handelte sich ursprünglich um einen von der marxistischen Linken geprägten Kampfbegriff, der bereits vor Thatchers Regierungsantritt geprägt wurde. Später übernahmen Anhänger von Thatcher den Ausdruck und versahen ihn mit einer positiven Konnotation. ... In den USA wurde der Begriff Reaganomics, benannt nach dem US-Präsidenten Ronald Reagan, verwendet, der eine ähnliche Politik verfolgte. Thatcher und Reagan verband eine persönliche Freundschaft. ...
http://de.wikipedia.org/wiki/Thatcherismus (3. April 2014)

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Textaris(txt*bot)

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[Die Botschaft ist klar... ]
« Reply #456 on: March 12, 2015, 03:52:17 PM »

Quote
[...] Viele Länder geben sich die größte Mühe, ihre Grenzen zu sichern. In den USA patrouillieren schwer bewaffnete Polizisten durch Texas, auf der Suche nach illegal einreisenden Mexikanern. Europa drängt brutal Hilfesuchende aus Afrika zurück, Tausende versuchen übers Mittelmeer in die Europäische Union zu gelangen. Oft bezahlen sie die riskante Überfahrt mit dem Tod.

Die Botschaft ist klar: Arme Menschen sind unerwünscht. Doch für Reiche sieht die Welt ganz anders aus: Wer Geld ins Land bringt, ist willkommen. Aufenthaltsgenehmigungen für die Philippinen oder Panama sind etwa mit 65.000 Euro und 70.000 Euro vergleichsweise günstig zu haben. Wer nach Großbritannien will, muss hingegen umgerechnet fast drei Millionen Euro bezahlen.

Die Anlagemöglichkeiten für einreisewillige Investoren sind vielfältig: Mal muss eine Immobilie erworben oder Geld in die darbende Landwirtschaft investiert werden, mal sind neu geschaffene Arbeitsplätze die Voraussetzung. Manchmal wird auch einfach direkt in einen Staatsfonds eingezahlt. Cash gegen Pass.

...


Aus: "Was ein Visum wo kostet - der Überblick: Reich darf rein" Vanessa Steinmetz (12.03.2015)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/wo-man-visum-und-aufenthaltsgenehmigung-kaufen-kann-a-1021363.html

« Last Edit: March 17, 2015, 09:40:51 AM by Textaris(txt*bot) »
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[Ein falsches Gefühl der Berechtigung... ]
« Reply #457 on: March 17, 2015, 10:20:29 AM »

Quote
[...] Ich kenne die Gefahr, mich über die Enttäuschung, dass ich das Ende des Kapitalismus wohl nicht selbst erleben werde, mit der Genugtuung hinwegzutrösten, dass ich mittlerweile in der „feinen Gesellschaft“ akzeptiert werde. Bei mancher Gelegenheit begann mich schon dieses Gefühl der Selbstzufriedenheit zu beschleichen – es ist ein hässliches, zersetzendes Gefühl.

Meinen persönlichen Tiefpunkt erlebte ich auf einem Flughafen. Irgendeine solvente Organisation hatte mich eingeladen, um eine Grundsatzrede über die europäische Krise zu halten, und mir ein aberwitzig teures Ticket für die Erste Klasse gekauft. Auf dem Weg zurück nach Hause, ich war müde und hatte bereits mehrere Flüge hinter mir, ging ich an der langen Schlange wartender Economy-Class-Passagiere vorbei zu meinem Gate. Plötzlich bemerkte ich mit Schrecken, wie leicht ich mir den Gedanken zu eigen machte, ich sei dazu berechtigt, am „gemeinen Volk“ vorbeizugehen. Mir wurde klar, wie leicht man vergessen kann, was mein linkes Bewusstsein immer gewusst hat: dass nichts sich besser reproduziert als ein falsches Gefühl der Berechtigung.

...


Aus: "Der Freidenker" Ein Essay von Yanis Varoufakis (Ausgabe 0915 | 16.03.2015)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/der-freidenker-1

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[Wir erleben seit der Durchsetzung... ]
« Reply #458 on: March 17, 2015, 02:20:37 PM »

Quote
[...] Mach' Abitur, geh' an die Uni - dann findest du auch einen guten Job. Ein Hochschulabschluss gilt als bester Schutz vor Hartz IV. Die Arbeitslosenquote unter Akademikern liegt bei weniger als drei Prozent. Claus Meisner trifft jedoch im Jobcenter immer wieder auf Akademiker. "Die meisten schämen sich und erklären erst einmal: Ich bin nicht so wie die anderen, die da draußen sitzen." ...


Aus: "System Hartz IV: "Wir statten Arbeitgeber mit billigem Menschenmaterial aus"" Hannah Beitzer, Berlin (9. März 2015)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/system-hartz-iv-wir-statten-arbeitgeber-mit-billigem-menschenmaterial-aus-1.2375543

---

Quote
[...]  Und für die Unterschichten wurde der Niedriglohnsektor eröffnet, wo immerhin viele Arbeitsplätze entstanden sind.  ... Mittelständler, die "hidden champions" und die großen Familienunternehmen. Sie gelten als Rückgrat der deutschen Wirtschaft, halten zumeist dem Standort die Treue, schaffen Arbeitsplätze in der Fläche und kümmern sich um ihre Leute und ihre Region. Banken und Finanzmärkte halten sie möglichst aus ihren Unternehmen heraus. Wo möglich, finanzieren sie Investitionen über Eigenkapital. Sie lassen ihre Gewinne soweit wie möglich im Unternehmen, reinvestieren sie also. Das macht die Unternehmen krisenfest, fällt ihnen aber bei den Vermögenssteuern auf die Füße. Daher empfinden viele gestandene Mittelständler die Vermögenssteuer als persönliche Kränkung.  

Quote
   Infamia
    vor 2 Stunden 45 Minuten

Irgendwas ist faul

Heute in der Welt: "Stephen Schwarzman, Chef des Finanzinvestors Blackstone, dürfte als erster Mensch ein Milliarden-Jahresgehalt erhalten. Sein Steuersatz wird trotzdem niedriger liegen als der einfacher Angestellter."

Ich bin alles andere als neidbesetzt. Wer viel verdient, soll viel verdienen und von Steuersätzen jenseits der 50% halte ich ausgesprochen wenig. Geld ist dieser Tage eben extrem flüchtig  ...  Aber wenn ein Milliardär einen niedrigeren Steuersatz als ein einfacher Angestellter hat, dann läuft irgendwas extrem schief.

Quote

    Heimweh04
    vor 1 Stunde 58 Minuten

In dem Zusammenhang  sind auch die Beitragsbemessungsgrenzen zu den Sozial- und KV-Beiträgen ein Unding.



Quote
   memmo
    vor 2 Stunden 41 Minuten

Das wird nichts

"Das reichste Prozent der Deutschen besitzt ein Drittel des Gesamtvermögens. Würde man nur einen Teil dieses Wohlstand besteuern, es brächte dem Staat jährlich Milliarden."

Dumm nur, dass eine Handvoll aus dem oberen Teil dieser 1 Prozent die Politik unter Kontrolle und keine Lust auf mehr Steuern haben.


Quote
   bauzille
    vor 2 Stunden 1 Minute

Vermögenssteuer als persönliche Kränkung
das trifft es! Und zwar auf dem gleichen Niveau, wie sich die Idioten von Pegida persönlich gekränt fühlen, wenn ein Nichtarier vor ihnen an der Supermarktkasse steht. Persönliche Kränkungen: Da könnte ich ihnen eine fast unendliche Liste von staatlichen Regelungen aus der Sozialgesetzgebung nennen. Diesen Terminus in Zusammenhang mit einer "Reichensteuer" zu stellen, ist symptomatisch für die heutige Verücktheit der Politik.


Quote
   redhouse
    vor 1 Stunde 33 Minuten

Klassenkampf?

"In Steuerdebatten schlägt der Klassenkampf voll durch."

Das ist aber etwas simpel. Wir erleben seit der Durchsetzung des Kapitalismus - wie Piketty und andere überzeugend festgestellt haben - eine kontinuierliche Umverteilung vom Faktor Arbeit auf den Faktor Kapital bzw. von unten nach oben. Kein Klassenkampf sondern schlichtweg ökonomische Realität. Das angehäufte Kapital wird immer mehr unproduktiv investiert (z. B. Immobilienblasen, Devirate, griechische Staatsanleihen etc.), wird auf Kosten der Realwirtschaft und des Staates (Bankenrettungen) weiter vermehrt usw. Dieses auf immer zunehmender Ungleichheit beruhende Wirtschaftssystem zerstört sich selbst und muss daher korrigiert werden.

"Neid und Missgunst sind wohl die Beweggründe."

Nein. Es ist eine ökonomische und soziale Notwendigkeit. Diesen Vorwurf des Neids finde ich auch ziemlich kontraproduktiv.

"Ich werde hoch beteuert, also muss es anderen auch so ergehen."

Wenn Normalverdiener hoch besteuer werden und Vermögende oder Erben praktisch gar nicht ist das schlichtweg obszön, so what? Wir reden hier ja nicht über Omas Häuschen oder Beträge von ein paar hunderttausend €.


Quote
   Gunigunde
    vor 1 Stunde 30 Minuten

Vermögenssteuer als persönliche Kränkung?

Nein, nein, die Reichen empfinden JEDE Steuer als persönliche Kränkung. Die Leistungen des Staates (Schulen,Unis, Infrastruktur, Polizei, Armee etc.) gerne ausnutzen und noch murren, wenn im Winter die Einfahrt zur eigenen Garage morgens um 6 Uhr vom städtischen Winterdienst noch nicht abgestreut ist. ...


Quote
   Kommentarfunktion
    vor 1 Stunde 25 Minuten

Beitragsbemessungsgrenzen

"In dem Zusammenhang sind auch die Beitragsbemessungsgrenzen zu den Sozial- und KV-Beiträgen ein Unding."

Sehe ich wie Sie - allerdings umgekehrt...
Es hat für mich nichts mit 'Gerechtigkeit' zu tun, wenn jemand - bei nicht-gedeckelter Beitragsbemessungsgrenze - z.B. 1000 oder 2000 Euro monatlich in eine gesetzliche Krankenversicherung einzahlen müsste. Oder hat man als Gut- oder Besserverdiener kein Anrecht auf ein angemessenes Preis-Leistungs-Verhältnis?
Wobei diese Einkommensklassen dann ja eh in die PKV abwandern würden.

Quote

    Heimweh04
    vor 59 Minuten

Gegenfrage: Ist nicht jedem zuzumuten, 15% vom Einkommen für die GKV zu bezahlen?



Quote
   smoke_bob
    vor 1 Stunde 5 Minuten

Kapitalismus?

Politische Allmacht, die sich überall austobt, die Menschen mit allen Möglichkeiten ausnimmt/reguliert und ein Papiergeldsystem mit staatlichem Monopol sind plötzlich kapitalistisch? Interessant.

Beschäftigt ihr Kapitalismus-Kritiker euch eigentlich mal mit der Materie, oder definiert Ihr nach Belieben?

Quote
   panorama
    vor 46 Minuten

Buchtipp dazu:

J. Kocka: Geschichte des Kapitalismus.

Ein interessantes, schmales Taschenbuch auf wissenschaftlichem Niveau, an ein bis zwei Tagen locker zu lesen. Der Autor forscht seit Jahrzehnten dazu.



Quote
   Tobias87
    vor 51 Minuten

... „Deutscher Neid ist weltbekannt. Haben wollen aber bitte ohne eigene Leistung.“

Die aktuelle Vermögensverteilung ist vieles, aber doch kein Spiegelbild persönlicher Leistungen. ... Außerdem ist es bekannt, dass sich der sozioökonomische Status tendenziell von Eltern auf ihre Kinder vererbt. Denn wenn die Eltern gut verdienen und Akademiker sind, steigt die Chance, dass auch die Kinder einen hohen Bildungsabschluss erreichen, was wiederum die Chance steigert, dass sie eine gut bezahlte Arbeit bekommen. Weitere Nachteile auf dem Arbeitsmarkt entstehen, wenn man weiblich ist und/oder nicht gängigen Vorstellungen vom Deutsch Sein entspricht. Jetzt die Preisfrage: Für welche pränatalen Leistungen wird jemand belohnt, der als Sohn des Chefarztes Dr. Müller und nicht als Tochter des Maurers Ali Yildiz geboren ist?

Solange es keine Chancengerechtigkeit gibt, ist Leistungsgerechtigkeit eine Chimäre, mit der die Privilegien der Besitzenden legitimiert und zugleich das Bemühen um Chancengerechtigkeit als „Neiddebatte“ verunglimpft werden kann.


...


Aus: "GerechtigkeitReichtum besteuern, aber ohne Vermögenssteuer" Gastbeitrag von Stefan Bach (17. März 2015)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/geldanlage/2015-03/reichtum-vermoegenssteuer

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Richard G. Wilkinson (Richard Gerald Wilkinson; * 1943) ist ein britischer Gesundheitswissenschaftler und emeritierter Professor. ... Große Bekanntheit erlangte Wilkinson, als er 2009 gemeinsam mit Kate Pickett das Buch The spirit level veröffentlichte, in dem sie einen Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und gesellschaftlichen Problemen darlegten. Zusammen mit Pickett und Bill Kerry gründete er im selben Jahr den Equality Trust, der sich mit der Aufklärung über die Folgen der Ungleichheit und mögliche Maßnahmen zu deren Reduzierung befasst. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_G._Wilkinson (14. September 2014)
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Quote
[...] STANDARD: Lässt sich sagen, dass soziale und ökonomische Ungleichheit uns früher sterben lassen?

Richard Wilkinson (Epidemiologe): Die Antwort darauf ist simpel: Ja, Ungleichheit bringt uns um. Je ungleicher eine Gesellschaft ist, desto größer sind die sozialen Probleme. Ungleiche Gesellschaften schneiden bei der Lebenserwartung schlechter ab, es gibt mehr Drogensüchtige, mehr psychische Erkrankungen wie Depression, mehr Kriminalität. Wie stark der Einfluss ist, sieht man in den Vereinigten Staaten: Die USA waren in den 1950er-Jahren eines der Länder mit der höchsten Lebenserwartung. Heute sind sie in der Statistik irgendwo zwischen Platz 25 und 30. Warum? Die Ungleichheit ist in den USA seit den 50er-Jahren explodiert. In Japan war die Entwicklung umgekehrt. Das Land lag nach dem Krieg weit hinten, seit den 80er-Jahren leben Japaner statistisch aber am längsten. In der besagten Zeit hat Japan die soziale Ungleichheit rapide zurückgedrängt.

STANDARD: Allgemein gilt, dass Lebensstil und medizinische Versorgung darüber entscheiden, wie alt wir werden.

Wilkinson: Die Medizin wird überschätzt. Es ist schwer, überhaupt einen Zusammenhang zwischen Gesundheitsausgaben pro Kopf in einem Land und der Lebenserwartung zu finden. Das Gleiche gilt für die Zahl der Ärzte und Krankenbetten. Das heißt nicht, Medizin wäre nicht effektiv. Aber ihr Einfluss wird von anderen sozioökonomischen Faktoren überschattet. Es ist so wie im Krieg: Lazarette sind wichtig. Für die Zahl der Opfer in einer Schlacht sind sie aber nicht entscheidend.

... STANDARD: Bei Stressfaktoren denken die meisten Menschen [...] an Beruf und Karriere.

Wilkinson: Individuell ist es sicher stressiger, wenn jemandem droht, seinen Job oder sein Haus zu verlieren. Aber auf gesellschaftlicher Ebene sind die größten Stressfaktoren zu niedriger sozialer Status, eine schwierige frühe Kindheit und schlechte soziale Kontakte.

STANDARD: Wie genau macht nun soziale Ungleichheit krank?

Wilkinson: Materielle Unterschiede verstärken den Einfluss, den Klasse und sozialer Status auf die Gesundheit haben.

STANDARD: Ein Beispiel bitte.

Wilkinson: Es gibt in den USA und Großbritannien arme Regionen, in denen die Lebenserwartung um 20 Jahre niedriger ist als in wohlhabenden Gegenden. Das dürfte noch niemanden überraschen. Unzählige Studien zeigen aber, dass solche Ungleichheiten die Lebenserwartung in allen sozialen Schichten negativ beeinflussen. Es sieht also so aus, dass etwa 95 Prozent einer Gesellschaft gesünder leben, wenn mehr Gleichheit herrscht. In Gesellschaften mit großen materiellen Unterschieden ist die Angst der Menschen vor einem sozialen Absturz und damit auch der erwähnte soziale Stress größer: Also Reiche wie Arme fürchten sich mehr.

STANDARD: Sie kommen in Ihren Studien sogar zu dem Ergebnis, dass Verteilungsgerechtigkeit für die Lebenserwartung in einem Land wichtiger ist als der absolute Wohlstand in einer Gesellschaft.

Wilkinson: Ja, wobei das nicht für ärmere Gesellschaften wie Entwicklungsländer gilt. Hier ist der absolute Wohlstand der wichtigste Faktor. Ist aber einmal eine gewisse Wohlstandsschwelle überschritten, kommt es stärker auf die Verteilung an. Es ist aber wichtig, zu sagen, dass die Lebenserwartung auch in Industrieländern mit steigender Ungleichheit steigt. Aber sie könnte stärker steigen.

STANDARD: Sind soziale Einflussfaktoren bei allen Krankheiten gleich wichtig?

Wilkinson: Es gibt Erkrankungen, bei denen das soziale Gefälle keine oder kaum eine Rolle spielt, etwa bei Krebs. Zwei der häufigsten Krebserkrankungen, Brustkrebs und Prostatakrebs, sind bei Reichen genauso verbreitet wie bei Armen. Bei Infektionskrankheiten, Erkrankungen der Atemwege, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Unfällen ist Ungleichheit hingegen ein wichtiger Faktor.

STANDARD: Wie kann ich als Einzelner von Ihren Studienergebnissen profitieren? Darf man jetzt rauchen, wenn man sich dafür drei Freunde mehr zulegt?

Wilkinson: Nein, bitte nicht. Die Untersuchung zeigt ja nur, dass Freunde wichtiger sind und nicht dass man das eine mit dem anderen kompensieren kann. In ungleicheren Gesellschaften haben Menschen mehr Angst davor, wie andere sie beurteilen. Deshalb sind Depression und Schizophrenie verbreiteter. Gleichzeitig zeigen Studien, dass Menschen in so einem Umfeld auch eher dazu neigen, sich besser darzustellen, als sie sind, um bestehen zu können. In ungleicheren Gesellschaften ist also auch Narzissmus verbreiteter. Vielleicht sollten wir uns bewusster werden, wie stark Dinge jenseits unserer individuellen Sphäre unser Wohlbefinden beeinflussen.

...

Quote
Meine Erfahrung ist

dass Menschen, die sich über zuwenig Einkommen beklagen

- notorische Bildungsverweigerer sind
("was interessiert mich, was vor 70 Jahren war", "Mathematik ist schrecklich", wieso soll ich mich weiterbilden, wozu habe ich einen Beruf erlernt?")

- außerordentlich konsumorientiert und hedonistisch leben

- rauchen und Alkohol trinken und zugleich die Problematik desselben leugnen oder bagatellisieren

Quote
DrSchatwal vor 2 Tagen
und meine Erfahrung ist, dass ihre Wahrnehmung weniger Erfahrung zuzuordnen ist, sonder unreflektierter Überheblichkeit.



Quote

    Rotes Käppchen vor 2 Tagen

Es geht ja auch um Chancen - die sind jedoch nur gleich, wenn die Ausgangslage passt. So muss etwa die Chance auf gute Bildung jedem offenstehen, und nicht nur jungen Leuten, deren Eltern tausende von Euros dafür investieren können. Dazu kommt, dass Verteilungsgerechtigkeit nicht gleichzusetzen ist mit absoluter Gleichverteilungen - gewisse Ungleichheiten lassen sich nicht vermeiden, etwa wenn jemand eine bessere Ausbildung, mehr Erfahrung, Fleiß oder ein besonderes Talent hat. Sobald aber jemand das 300-fache wie jemand anderes verdient, kann man das nicht mehr mit Mehrleistung oder Talent argumentieren. Fairness ist das Schlüsselwort bei der ganzen Verteilungsdebatte.

Quote
    Martin Schwarzbauer, vor 2 Tagen

Einkommensunterschiede

"Sobald aber jemand das 300-fache wie jemand anderes verdient, kann man das nicht mehr mit Mehrleistung oder Talent argumentieren."
Ist das so? Wollen Sie dafür argumentieren oder reicht es Ihnen, das als unumstößliche Wahrheit zu postulieren?
Wie bestimmt sich, was jemand verdient? Kann es nicht sein, dass einzelne Menschen so vielen anderen einen so wertvollen Dienst erweisen, dass sie im Vergleich zu anderen, die nur relativ wenigen einen gewöhnlichen Dienst erweisen, so viel mehr Wert erzeugen?

Sie sollten sich fragen, was Unternehmen dazu bewegt, einzelnen Mitarbeitern so hohe Gehälter zu bezahlen - die tun das nämlich nicht ohne Grund, sondern weil es derzeit rational ist; das Symptom zu bekämpfen ist nicht der richtige Weg.



Quote
sensortimecom #1, vor 2 Tagen

Ohne Ungleichheit (Diversität, Heterogenität, Arbitrage etc.) funktioniert unser gesamtes Wirtschafts- und Finanzsystem nicht. Das ist nicht gemacht für eine heile Welt, auch nicht für eine bürokratisierte, gleichförmige Welt. Nicht einmal für eine gerechte Welt mit moralischen Prinzipien.
Dieses System wurde geschaffen von Gaunern für Gauner. Will ich die Gauner abschaffen, muss ich auch das System abschaffen.



Aus: "Epidemiologe Wilkinson: "Die Antwort ist simpel: Ungleichheit bringt uns um"" András Szigetvari (15. März 2015)
Quelle: http://derstandard.at/2000012911001/Epidemiologe-Wilkinson-Die-Antwort-ist-simpel-Ungleichheit-bringt-uns-um

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Quote
[...] Die Einkommensunterschiede haben nach Angaben der OECD von Mitte der 1980er Jahres bis zur Mitte der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts deutlich zugenommen. Vor allem von Mitte der 1980er Jahre bis Mitte der 1990er Jahre war eine deutliche Erhöhung zu beobachten. Seitdem hat sich die Ungleichheit erneut, wenngleich nur leicht erhöht. In beiden Zeitspannen hat die Ungleichheit in Deutschland schneller zugenommen als im OECD-Mittel. ...
Aus: "Liste der Länder nach Einkommensverteilung; basierend auf dem Gini-Koeffizienten" (14. Februar 2015)
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Liste_der_L%C3%A4nder_nach_Einkommensverteilung
« Last Edit: March 17, 2015, 04:52:56 PM by Textaris(txt*bot) »
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Textaris(txt*bot)

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[In den vergangenen 20 Jahren ist demnach... ]
« Reply #459 on: March 18, 2015, 02:32:48 PM »

Quote
[...] BERLIN taz | Spitzenverdiener VW-Chef Martin Winterkorn strich 2014 mit 15,6 Millionen Euro 7 Prozent mehr Gehalt ein als im Vorjahr. Kollege Norbert Reithofer von BMW kam immerhin auf 7,2 Millionen Euro, im Jahr seines Amtsantritts 2006 waren es noch 3,8 Millionen. Dagegen bekommen Beschäftigte am Ende der Einkommensskala immer weniger. Nach einer Untersuchung der arbeitgebernahen Bertelsmann-Stiftung hat das Fünftel der Erwerbstätigen mit dem geringsten Einkommen seit den 1990er Jahren inflationsbereinigt Lohneinbußen von 2 Prozent hinnehmen müssen.

Während die Niedriglöhner Abstriche machen mussten, konnte sich das Fünftel mit den höchsten Gehältern im Schnitt über ein Plus von 2,5 Prozent freuen. Die 30 Vorstandsvorsitzenden der im DAX gelisteten Unternehmen verdienten allein 2014 mit im Schnitt 5,3 Millionen Euro 9 Prozent mehr als Vorjahr.

Die Herren werden außertariflich bezahlt. Bei den meisten Beschäftigten führt allerdings gerade das zu Reallohneinbußen. Hauptgrund für die zunehmende Ungleichheit der Einkommen in Deutschland ist nach Auffassung der Bertelsmann-Stiftung die Erosion der klassischen Tarifvertragsarbeitsverhältnisse. Zwischen 1996 und 2013 hat sich in Deutschland der Anteil der Unternehmen, für deren Beschäftigte ein Tarifvertrag verbindlich ist, von 60 Prozent auf 32 Prozent fast halbiert. ...


Aus: "Tarifflucht führt zu mehr Ungleichheit" Anja Krüger (18.03.2015)
Quelle: http://www.taz.de/Studie-zur-Einkommensschere/!156666/

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Quote
[...] Tarifverträge waren in der Bundesrepublik stets ein wichtiger Kern der Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften. Doch diese Kooperation löst sich zunehmend auf - und das macht sich bei den Löhnen in Deutschland bemerkbar. Diese haben sich einer Studie zufolge in den vergangenen Jahren immer stärker auseinanderentwickelt. Grund sei die Tarifflucht vieler Betriebe, heißt es in einer Studie der Bertelsmann-Stiftung und des ifo-Instituts.

Während die Beschäftigten im oberen Fünftel der Einkommensskala seit Mitte der Neunzigerjahre ihre Reallöhne steigern konnten, sanken sie für das untere Fünftel deutlich ab. Verantwortlich für diese Entwicklung sei "zu 43 Prozent die stark rückläufige Zahl" der tarifgebundenen Unternehmen, heißt es in der Untersuchung. Dagegen leiste der verstärkte internationale Handel mit lediglich 15 Prozent einen eher geringen Beitrag zu dieser Entwicklung.

In den vergangenen 20 Jahren ist demnach der Anteil der Unternehmen, die nach Tarif zahlen, von 60 Prozent auf mittlerweile 35 Prozent gesunken. Der Anteil der tarifgebundenen Beschäftigen fiel von 82 auf 62 Prozent. "Dieser Rückgang ist der stärkste Treiber für die wachsende Lohnungleichheit", heißt es in der Studie. Denn im gleichen Zeitraum stiegen die Reallöhne inflationsbereinigt im oberen Fünftel um 2,5 Prozent, während das Lohnniveau im unteren Fünftel um zwei Prozent zurückging.

Trotz dieser Entwicklung sei die Lohnungleichheit in Deutschland immer noch weniger groß als im Durchschnitt des Industrieländer-Klubs OECD, hieß es. Allerdings seien die Löhne in Deutschland in den vergangenen beiden Jahrzehnten stärker auseinandergedriftet als beispielsweise in den USA und Großbritannien.

Als Hauptgrund sieht die Studie vor allem den veränderten Arbeitsmarkt. Neue Arbeitsplätze seien vor allem durch flexiblere Bezahlung im Niedriglohnsektor entstanden. Laut Statistischem Bundesamt waren 2006 rund 19 Prozent im unteren Lohnbereich beschäftigt, 2010 waren es bereits fast 21 Prozent.

Ein weiteres Ergebnis der Untersuchung ist, dass es zwischen national und international tätigen Unternehmen ein Lohngefälle gibt. Bereits Mitte der Neunzigerjahre zahlten exportorientierte Betriebe einen um elf Prozent höheren Bruttolohn. Bis 2010 wuchs dieser Unterschied auf knapp 15 Prozent.

"Wir brauchen in Deutschland mehr Anstrengungen, um die Einkommensungleichheit zu verringern und dabei die Beschäftigungsverluste möglichst gering zu halten", forderte der Chef der Bertelsmann-Stiftung, Aart De Geus. Zudem müsse der Staat verhindern, dass die Löhne im Zuge des Wettbewerbs immer stärker nach unten gedrückt werden. Auch nach Einführung der Mindestlöhne bestehe hier weiter Handlungsbedarf.

mmq/Reuters/dpa

Quote
marthaimschnee heute, 11:56 Uhr
Moment! Also der Chef von Bertelsmann fordert das Aufhalten der Lohndrift und staatliche Maßnahmen, wobei die Berteslmänner all die "Reformen", die diesen ausplünderungsartigen Zustand maßgeblich mit gefördert und verursacht haben? Das ist entweder scheinheilig, oder schizophren!


Quote
Ziel erreicht
dachauerthomas heute, 11:52 Uhr
die Arbeitgeber haben ihr Ziel erreicht, weniger Tariflohn, viel Niedriglohn, kombilohn durch die Hintertür in form der Aufstocker.


Quote
Einkommensungleichheit
"Armenhaus" heute, 11:55 Uhr
Um auf die Einkommensungleichheit aufnerksam zu machen brauch es den Chef der Bertelsmann-Stiftung, ( Aart De Geus) - Tolle Zustände in Deutschland was meinen den unsere Super - Ministerien dazu explizit die von Rot/RotGrün ..?? - Oder fühlt sich von denen keiner zuständig ...?!


Quote
flexiblere Bezahlung per 1 Euro Job
capitain_future heute, 12:04 Uhr
Ich denke kaum das es Reiche und Hochschul Bildungsmenschen überhaupt interressiert,WER für Sie die harte körperliche Drecks Arbeit macht. Ob diese dann für 4,5 oder sogar 6 Euros netto verdienen wem juckt dass schon,wird eben das Fleißband höher und schneller gestellt oder die Arbeitsprozesse noch "flexiblere" hoch geschaltet. Wer es nicht schafft fliegt raus! Die Elite ist Weit weg vom Staub,Lärm und Dreck...

...


Quote
Wen wundert es
oposit heute, 12:07 Uhr
Laut diversen Artikeln zum Thema Einkommensungleichheit wird sich die Schere weiter öffnen und die Verarmung auch in Deutschland weiter zunehmen. Schuld sind Neoliberalismus und Turbokapitalismus. Müssen wir uns da wirklich über Ausschreitungen wie heute bei Blockupy wundern? ...


Quote
Wie doll es denn anders gehen?
Sonia heute, 13:05 Uhr
Jeder kann in diesem Land Unternehmer werden mit allen damit verbundenen Risiken und Gewinnen bei Erfolg. Ein Unternehmer geht das Risiko allein ein, auch die Pleite. Wenn Arbeitnehmer mehr an den Gewinnen beteiligt werden wollen, dann aber in gleichem Umfang, wenn sich Gewinne minimieren. Zu Letzterem sind Arbeitnehmer selten bereit. Wollt ihr Millionäre werden, dann gründet selbst ein Unternehmen, büffelt für eine Ausbildung, die sich lohnt. Im internationalen Wettbewerb mithalten zu können heißt auch, Produkte zu einem Preis zu verkaufen, der unter dem des Konkurrenten liegt. Mit unseren jetzigen Löhnen wird es schwieriger, mit höheren unmõglich. Was haben Mitarbeiter von mehr Lohn, wenn Kollegen dafür entlassen werden? ...


Quote
Je besser
romaval heute, 12:07 Uhr
es der breiten Bevölkerung geht, desto mehr wird gejammrt. Was ist besser: Arbeit im Niedriglohnbereich oder arbeitslos? Viele der im Niedriglohnbereich angesiedelten haben nun einmal nicht die Ausbildung und oftmals auch nicht den Willen mehr zu lernen und sich anzustrengen. Aber so etwas darf man natürlich nicht sagen. Oder ?


Quote
Die bösen Folgen der Agenda 2010
MichaelundNilma heute, 12:25 Uhr
Als Folge der Agenda 2010 und der Einführung von Hartz 4, sowie der Ausweitung von Leiharbeit, wurde der Boden bereitet für Lohndumping und dem damit verbundenen Abbau von Kündigungsschutz. ...


usw ...


Aus: "Studie: Tarifflucht trifft vor allem Schlechtverdiener" (18.03.2015)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/loehne-ungleichheit-entsteht-durch-tarifflucht-a-1024155.html

« Last Edit: March 19, 2015, 03:50:45 PM by Textaris(txt*bot) »
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[Aber es ist das gutmütige Lachen derer... ]
« Reply #460 on: March 18, 2015, 02:38:48 PM »

Quote
[...] Hallo, ihr Berufsmusiker und freien Journalisten, ihr wissenschaftlichen Mitarbeiter mit euren befristeten Verträgen, ihr Geisteswissenschaftler, ihr Mittdreißiger in den Altbauwohnungen in den gefragten Wohnlagen mit Staffelmieten, dieses Buch ist für euch. Kristine Bilkaus Debütroman "Die Glücklichen" könnte von jedem von euch handeln, und in gewisser Weise tut es das auch, auch wenn die Protagonisten in diesem Fall Georg und Isabell heißen und ein Pärchen sind, das mit einem Baby namens Matti irgendwo in Hamburg wohnt.

Isabell ist Cellistin. Sie arbeitet im Orchestergraben eines Musicals. Abends fährt sie zu den Aufführungen, bei denen sie jedes Wort der Schauspieler oben auf der Bühne mitsprechen könnte. Keine Anstellung im Symphonieorchester. Keine Plattencover, die sie im Kleid mit dünnen Trägern zeigen. Aber immerhin genug, um Risottomischungen in durchsichtigen Tütchen zu kaufen, außerdem getrocknete Wildfeigen, Rosenkandis, Bio-Lavendelblütenhonig, Pfefferschokolade und Maronenaufstrich für das Frühstück. Den mag Georg so gern.

Georg ist Redakteur bei einer Tageszeitung. Tagsüber sitzt er an seinem Schreibtisch, um Texte zu redigieren, die andere geschrieben haben, und Themenpläne zu verwalten. Und manchmal fährt er sogar irgendwo hin und schreibt dann ein Porträt über ein Aussteigerpärchen auf irgendeinem Bauernhof. Keine preisgekrönten Reportagen aus den Krisenregionen dieser Welt. Aber immerhin genug, um sich zusammen mit Isabell die Miete leisten zu können für die Altbauwohnung mit Blick auf den Ahornbaum und den wackeligen Kacheln in der Küche und den Flügeltüren und dem Musikzimmer und Mattis Fingerabdrücken an den Fenstern und dem Kinderzimmer mit Polsterecke und der Speisekammer, in der manchmal drei, vier lila Köpfe Rotkohl herumrollen, weil jede neue Biokiste im Winter einen neuen Kopf Rotkohl mit sich bringt, und im Sommer Zucchini, Zucchini, Zucchini.

Die Häuser in ihrem Viertel sind bonbonrosa, hellgelb und türkis gestrichen, die gusseisernen Geländer der Balkone mit Blumen überwuchert, die in bunten Tontöpfen wachsen. Wenn unten in ihrer Straße mal wieder eine neue Manufaktur oder Galerie aufmacht oder ein Bäcker, dessen Brötchen noch handgemachter aussehen, lachen sie oben an ihrem Holzküchentisch darüber. Aber es ist das gutmütige Lachen derer, die dazugehören und genauso gut unten in der Schlange stehen könnten.

Doch irgendwann kommt ihnen dieses Gefühl abhanden, wie selbstverständlich dazuzugehören. Vielleicht beginnt es mit dem Zittern in Isabells Hand, das eines Abends ihr Cello-Solo begleitet und von dem sie augenblicklich ahnt, dass es sie den Job kosten wird. Physiotherapie. Attest. Ersatz. Vielleicht beginnt es damit, dass da plötzlich nicht nur Nachrichten über die Welt in Georgs Zeitung sind, sondern auch Nachrichten über Georgs Zeitung in der Welt. Sparmaßnahmen. Insolvenz. Kündigungen. Vielleicht damit, dass plötzlich Bauarbeiter auf einem Gerüst vor ihrem Fenster stehen und eines Tages ein Kronleuchter im Treppenhaus brennt. Sanierung. Aufwertung. Mietpreiserhöhung.

Isabell und Georg müssen plötzlich rechnen. Er rechnet heimlich im Kopf aus, wie lange sich zwei Arbeitslose diese Miete noch leisten können. Sie rechnet, welchen Bruchteil der Miete ihr neues Kleid mit dem Plisseerock kostet. Vor allem aber rechnen sie plötzlich damit, dass sie sich in naher Zukunft ihre alte Identität nicht mehr leisten können, dass sie sich getäuscht haben, als sie dachten, später einmal werde alles automatisch gut, und ihnen stünde dieses Leben zu. "Er hat gedacht, sich den Anspruch auf Sicherheit verdient zu haben. Doch es gibt keinen Anspruch auf Sicherheit." Die schleichende Angst vor dem sozialen Abstieg lässt sie giftig werden, müde und einander fremd.

Bilkau gelingt es, die vagen Verschiebungen, die kaum festzumachenden Verluste und die omnipräsente Angst an präzisen Ereignissen entlang zu erzählen. Mit Sachlichkeit und protokollarischem Ernst, die keinen Unterschied machen zwischen den Verfärbungen der Ahornbaumblätter und der Verdüsterung der Stimmung. Sie braucht dafür kaum Rückblicke, keine Vorgriffe, keine Raffungen und keine gedehnte Zeit. Bilkau erzählt so gleichmäßig, als schlüge ein Metronom, wie es zweifellos in Isabells Musikzimmer steht, lautlos im Hintergrund dieses Textes. Bilkau erzählt mit eben jener leichten Selbstverständlichkeit und Feinheit, mit der sich Isabell Cello zu spielen wünscht.

"Die Glücklichen" hat etwas zu erzählen über diese Generation, das es so womöglich noch nicht zu lesen gab. Und wenn ihr diesen großartigen Roman hoffentlich lest, ihr Berufsmusiker und Journalisten, ihr Geisteswissenschaftler und Mittdreißiger in euren Altbauwohnungen mit der Staffelmiete, dann lest weiter bis zu seinem ungewöhnlichen und beruhigenden und verdienten Happy End, das mit einem Pop-up-Flohmarkt beginnt und im Park endet und süßer schmeckt als jedes Petit Four von jeder kleinen Konditorei für 3,90 Euro das Stück.

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Heute, 09:08 von cektop

...ein Randgruppenthema...


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   Heute, 09:33 von Pfaffenwinkel
Doch, gab es schon zu lesen.
Über genau dieses Präkariat schrieb bereits Helmut Kuhn in seinem Roman "Gehwegschäden".


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   Heute, 09:44 von kein_gut_mensch
Aha

Ein typisches Buch des Bildungsbürgertums. Fern ab der Realität in der Menschen die in dieser Situation schon leben seid sie Teenager sind. Es gibt in Deutschland genug Menschen die gerne erstmal diese Verlustängste haben würden. Eine absolut weltfremde Oase dieses Bildungsbürgertum. Jammern auf hohem Niveau.


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Heute, 11:08 von Abel Frühstück

Zitat von otto_iii
"Brotlose Künste wurden in vergangenen Jahrhunderten von denjenigen betrieben, die es sich von Haus aus leisten konnten (Schöngeister, Boheme). Damit ist die Gesellschaft auch ganz gut gefahren."

Sie haben von Kunst und Künstlerbiografien aber so was von keine Ahnung. Meine Güte. ...


usw ...


Aus: "Abstieg eines Paares: Hallo, ihr prekären Existenzen, dieses Buch ist für euch" Maren Keller (18.03.2015)
Quelle: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/kristine-bilkau-die-gluecklichen-a-1023995.html

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[Es begann... ]
« Reply #461 on: March 18, 2015, 05:02:43 PM »

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[...] Es begann, als alle um mich herum erwachsen wurden, Jobs hatten, Kinder zur Welt brachten und für ihre Zukunft festere Rahmen zimmerten. Bis dahin schienen sich meine Freunde alle ähnlich zu sein. Es ging uns gut, aber übermäßig wohlhabend wirkte keiner. Die meisten waren aus der Provinz in die große Stadt gezogen, fingen dort neu an, als urbane Nomaden. Die Kindheit, die Herkunft, das Elternhaus – all das diente lediglich als Material für Anekdoten und war weit weg. Wir hatten studiert und danach alle Facetten der modernen Arbeitswelt kennengelernt: Zeitverträge, Werkverträge, feste Stellen. Gratisarbeit, Ausbeuterlöhne, gutes Gehalt. Wir wohnten zur Miete, allein oder mit anderen, mit Dielenboden im Hinterhaus oder mit Teppich im Neubau, aber doch irgendwie alle gleich. Dachte ich zumindest.

Der Erste, der mein festes Bild ins Wanken brachte, war ein Freund, der mit seinem Gehalt immer gerade so über die Runden kam. Und trotzdem zog er plötzlich aus der kleinen Studentenwohnung mit Kohleheizung in sein eigenes Townhaus in einer der besten Gegenden der Stadt. Da war ein anderer, der immer umherreiste, nirgendwo Fuß fasste und immer bescheiden lebte, auch weil sein Einkommen manchmal nur knapp für den Monat reichte. Und auf einmal durchkämmte er die Immobilienangebote nach Dachgeschosswohnungen im Halbmillionensegment. Der eine besaß von heute auf morgen eine eigene Bürowohnung, die andere ein Ferienhaus in Frankreich, der Dritte eines in der Schweiz.

... Manche wollten gar nicht über die Quellen ihres plötzlichen Wohlstands reden, andere sprachen einsilbig von „Eltern“, „vorgezogenem Erbe“ oder „Schenkung“. Andere erzählten knapp, dass ihr neuer Lebensstandard in erheblichem Maße von Eltern und Großeltern finanziert wurde. Langsam ahnte ich, dass wir uns vielleicht doch viel weniger glichen, als ich gedacht hatte, dass nun, wo wir erwachsen waren, plötzlich doch wesentlich wurde, was die Eltern, die man nur von flüchtigen Verwandtschaftsbesuchen kannte, in der fernen Provinz eigentlich so machten. Und was deren Eltern getan hatten. Konnte es sein, dass es einen Faktor gab, der für uns, alle um die dreißig, die Frage „Wie wirst du leben?“ mitentscheiden würde? Einen Faktor, an den ich bis dato nie gedacht hatte? Die Antwort auf die Frage: „Bist du Erbe oder nicht?“

... Der Wissenschaftler Christoph Schinke hat im Juli 2012 an der Pariser Ecole d’économie genau das getan, was auch mich jetzt umtreibt: Er hat die verfügbaren Studien verglichen und die Zahlen Plausibilitätschecks unterzogen. Das heißt, er hat die Daten zu Sterbefällen mit den Vermögenssummen verschnitten. Er hat berechnet, wie hoch vermutlich der Erbanteil am Bruttoinlandsprodukt ist. Er hat überlegt, wie lange eine Generation im Schnitt das Vermögen hält – und wie viele Jahre es braucht, bis das Gesamtvermögen einmal „umgeschlagen“ wurde.

250 Milliarden Euro also. Das ist fast so viel wie der gesamte Bundeshaushalt des Jahres 2014; mehr als das Doppelte der Kosten aller Kindergärten, Schulen und Universitäten des Landes; fünfmal so viel wie die Gesamtausgaben für alle Hartz-IV-Empfänger und die sie versorgende Verwaltung. Insgesamt, so schätzen Soziologen, werden bis zum Jahr 2020 zwischen zwei und vier Billionen Euro vererbt worden sein. Es ist das Vermögen der Wirtschaftswundergeneration, begründet in den Jahren nach dem Krieg, vermehrt in den Hochkonjunktur-Jahrzehnten der alten Bundesrepublik, explodiert in den Jahren um die Jahrtausendwende. Eine „gewaltige Erbschaftswelle“, die mächtigste, die es je gab, lese ich immer wieder.

Und eigentlich sind das ja erfreuliche Nachrichten: Den Menschen in diesem Land ging es offensichtlich so gut, dass sie mehr Vermögen anhäufen konnten als je zuvor: Die Bundesbank schätzt, dass die Deutschen im Jahr 2011 gut sieben Billionen Euro besaßen. Geld. Immobilien. Aktien. Das ist mehr als das Doppelte der jährlichen Wirtschaftsleistung des Landes – und dreimal so viel wie die gesamte Staatsverschuldung. „Europa redet darüber, dass wir unseren Kindern so viele Schulden hinterlassen. Aber die Wahrheit ist, dass wir ihnen mehr Vermögen hinterlassen als jede andere Generation zuvor“, sagt der französische Star-Ökonom Thomas Piketty im Interview mit der Süddeutschen Zeitung.

Und in der Studie „Erbschaften 2011“ lese ich: „Die Wirtschaftswunderkinder der Nachkriegszeit konnten eine ungestörte Vermögensbildung betreiben. Es ist die einkommensstärkste und vermögendste Erbengeneration, die Deutschland je gesehen hat.“ Gut sieben Billionen. Rein rechnerisch sind das knapp 90.000 Euro für jeden Deutschen. Das klingt nach einem gesunden Startkapital. Allein: Diese letzte Ziffer auf meinem Block ist nichtig, nicht mehr als Zahlenspielerei. Denn das gewaltige Vermögen verteilt sich nicht gleichmäßig auf alle Bürger. Und auch das mit der Erbschaftswelle ist eine schiefe Metapher. Klingt es doch so, als würden alle von einem warmen Geldstrom getränkt werden. Doch dem ist nicht so.

Korrekt müsste es eigentlich heißen: Einigen Menschen in diesem Land ging es so gut, dass sie mehr Vermögen anhäufen konnten als je zuvor. Der Gesamtbesitz der Deutschen hat zwar historische Spitzenwerte erreicht, aber davon merken die meisten gar nichts. Die ärmere Hälfte der Bevölkerung besitzt zusammen ein mickriges Prozent des Vermögens, die reichere Hälfte satte 99 Prozent. Aber auch dieser Wert sagt noch nicht so viel aus. Denn der größte Anteil des Vermögens ballt sich bei den oberen zehn Prozent. Je nach Rechenmodell besitzen sie zwischen mehr als der Hälfte und zwei Dritteln der gesamten privaten Reichtümer des Landes.

Warum wird um die Sache mit dem Erbe nicht gestritten, debattiert und gerungen in diesem Land, das in Sachen Empörung doch ansonsten nicht gerade zimperlich ist? Widerspricht es nicht unserer Grundüberzeugung, wonach es vor allem demjenigen gutgehen soll, der Fleiß und Ideen einsetzt, nicht dem, der in die richtige Familie hineingeboren wird?

Wäre solch eine Erbengesellschaft also grundsätzlich ungerecht, undemokratisch und unmodern? Oder völlig in Ordnung, weil es ein Urtrieb des Menschen ist, seinen Kindern etwas weiterzugeben? Weil es ihn seit jeher dazu gebracht hat, sich anzustrengen, etwas aufzubauen, etwas, das das eigene Leben überdauern soll?

Kann sich ein Land wie Deutschland glücklich schätzen, weil die Alten so viel Wohlstand weitergeben können? Oder trifft eher das zu, was der Soziologe Heinz Bude behauptet: „Nichts“, so schreibt er, „ist ungünstiger und unangenehmer für den Bewegungscharakter einer Gesellschaft als die Herrschaft gebildeter Rentiers“?


Aus: "Konflikt um Milliarden-Vermögen: Das Land der Erben" Julia Friedrichs (16. März 2015)
Quelle: http://www.cicero.de/kapital/was-geld-mit-menschen-macht-wir-erben/58994

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[Je nach Quelle wird diese Generation... ]
« Reply #462 on: March 26, 2015, 11:09:35 AM »

Quote
[...] Als Generation Y (kurz Gen Y) wird in der Soziologie diejenige Bevölkerungskohorte genannt, deren Mitglieder im Zeitraum von etwa 1990 bis 2010 zu den Teenagern zählten. Je nach Quelle wird diese Generation auch als Millennials (zu deutsch etwa die Jahrtausender) bezeichnet. Welche Eigenschaften Mitgliedern dieser Gruppe zugeschrieben werden können, wird in den Medien vielfältig diskutiert.

In ihrem Buch „Die heimlichen Revolutionäre – Wie die Generation Y unsere Welt verändert“ aus dem Jahr 2014 geben der Soziologe Klaus Hurrelmann und der Journalist Erik Albrecht den ersten systematischen Überblick über alle bisherigen Untersuchungen zu diesem Thema, ergänzt um authentische Äußerungen von Generationsangehörigen. ... Die Ypsiloner sind Meister im Improvisieren. Ihr Lebenslauf verliert die Gradlinigkeit, die noch für die Eltern typisch war. Leben ist für die Generation Y viel weniger planbar als früher. Bei allem Stress, den sie durchaus empfinden, genießen die Ypsiloner das auch, weil es sie unabhängig und frei macht. Sie sind „Egotaktiker“, die alle wichtigen Lebensentscheidungen nach den unmittelbaren Vorteilen und Nachteilen für die eigene Person und ihr Wohlbefinden abschätzen. ... Die Generation Y ist nicht unpolitisch. Sie definiert Politik allerdings anders als bisher gewohnt. Viele früher als „politisch“ definierte Themen sind für die Ypsiloner heute eher eine Frage von Konsum, Ethik oder Lifestyle. Die Generation Y kämpft nicht für eine neue Gesellschaftsordnung wie andere Generationen vor ihr. Aber sie will nach ihren eigenen Vorstellungen leben. Sie geht nicht auf die Barrikaden, aber auch keine falschen Kompromisse ein. Bildung, Beruf, Freizeit, Familie, Politik – die Ypsiloner leben ihr Leben heute einfach nach ihren Vorstellungen. Damit verändern sie unsere Gesellschaft. Das macht sie zu „heimlichen Revolutionären“, die traditionelle Muster des Lebens fast unmerklich unterwandern und verändern. ...

... Als „Gegenpol“ bzw. Verlierer dieser Generation bezeichnen Susanne Finsterer und Edmund Fröhlich im gleichnamigen Buch die Generation Chips, die zu viel Medien konsumierten, sich einseitig ernährten und von der gesellschaftlichen Teilhabe weitgehend ausgeschlossen seien. Dieser nicht klar abgegrenzten Bevölkerungsgruppe gehören hauptsächlich Menschen aus der Unterschicht, welche durch das fehlende Engagement der Eltern um die schulischen Belange ihrer Kinder geprägt ist, an. ...


Aus: "Generation Y" (16. März 2015)
Quelle: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Generation_Y&oldid=139829522
// https://de.wikipedia.org/wiki/Generation_Y

---

Quote
[...] Bei Personalverantwortlichen in Deutschland kommt die Generation Y nicht gut weg. Mehr als drei Viertel der Recruiter bescheinigt den jungen Akademikern einen ausgeprägten Narzissmus (79 Prozent). Dies geht aus der aktuellen Studie "Generation Y" hervor, für die die Freelancer-Vermittlung Elance-oDesk sowie das Marktforschungsinstitut Red Brick Research hierzulande 200 Recruiter sowie 1049 Akademiker der Generation Y befragt haben. Demnach bemängeln die Recruiter auch die hohe Anspruchshaltung und die geringe Unternehmensbindung der Berufseinsteiger. Hartes Arbeiten und eine gleichbleibende Leistung schreiben sie eher älteren Kollegen zu.


Aus: "Vorstellungsgespräche mit der Generation Y führen"  Judith-Maria Gillies (26.03.2015)
Quelle: http://www.computerwoche.de/a/vorstellungsgespraeche-mit-der-generation-y-fuehren,3104835

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[Den Angaben zufolge... ]
« Reply #463 on: March 26, 2015, 02:15:24 PM »

Quote
[...] In Deutschland sind die Reallöhne 2014 so stark gestiegen wie noch nie seit Beginn der Erhebungen. ... Den Angaben zufolge profitierten vor allem höher qualifizierte Arbeitnehmer von dem Lohnanstieg. So war der nominale Verdienstzuwachs der Arbeitnehmer in leitender Stellung mit einem Plus von 4,1 Prozent überdurchschnittlich hoch. Die Verdienstanstiege Angelernter und Ungelernter lagen mit 1,5 und 1,2 Prozent deutlich unterhalb der Gesamtentwicklung. ...


Aus: "Geringe Inflation: Reallöhne steigen - aber nicht für alle" (26.03.2015)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/realloehne-steigen-so-stark-wie-noch-nie-a-1025673.html

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[ ...was ist das eigentlich?]
« Reply #464 on: April 01, 2015, 03:38:38 PM »

Quote
[...] [SPD-Bundesvize Thorsten Schäfer-Gümbel:] Die SPD wird Themen der arbeitenden Mitte stärker nach vorne stellen.

Die arbeitende Mitte, was ist das eigentlich?

[SPD-Bundesvize Thorsten Schäfer-Gümbel:] Gemeint ist die berufstätige Sandwichgeneration, die Familie und Beruf unter einen Hut bringen muss. Menschen, die jeden Tag aufstehen, hart arbeiten, aber keine Reichtümer nach Hause bringen, egal ob Arbeiter, Angestellte oder Freiberufler und Selbstständige, die Familie haben und immer öfter ihre Eltern pflegen.

...

Was interessiert solche Leute wirklich?

[SPD-Bundesvize Thorsten Schäfer-Gümbel:] Im Grunde drei große Fragen: Bekomme ich mit meinem Einkommen ein gutes Leben hin? Wie ergeht es meinen Kindern in einer sich schnell verändernden Welt? Und wie steht es im Alter mit meiner Absicherung, mit Gesundheit und Pflege? ...


Aus: "Thorsten Schäfer-Gümbel über die SPD: „Hartz löst Abstiegsängste aus“" Das Interview führte Ulrich Schulte (01.04.2015)
Quelle: http://www.taz.de/Thorsten-Schaefer-Guembel-ueber-die-SPD/!157424/

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[Viele Gesichter... ]
« Reply #465 on: April 08, 2015, 11:21:10 AM »

Quote
[...] Gegen eine Haltung, die sich nimmt, was sie will, und dabei auf Geschmack keine Rücksichten nimmt, solange es irgendwie Genuss, Wohlbehagen oder auch Gefallen findet, setzten die Intellektuellen, so Hecken, auf wahre Werte, auf Niveau und Distinktion. Sie mahnen eine Gesellschaft – mithin eigentlich eine ganze soziale Klasse – zum Einhalten, die offensichtlich unter das Kuratel der Geschmack- und Konsumwächter gestellt gehört.

... Marcel Reich-Ranickis Attacke gegen das deutsche Fernsehen, allerdings bei einer Fernsehveranstaltung, der Verleihung des deutschen Fernsehpreises, den er für sein Lebenswerk erhalten sollte, vorgetragen, ist von dieser Haltung getragen – und er beerbt dabei nur eine Vielzahl von Kritikern, die der Massenkultur nichts abgewinnen können, weil sie kein Hort der Aufklärung, sondern der bedingungslosen Unterhaltung ist.

... Dass das sogenannte „Unterschichtenfernsehen“ einem gebildeten und einigermaßen geschmackvollen Mitteleuropäer Abscheu einflößt und ihn an der geistigen Gesundheit seiner Konsumenten zweifeln lässt, hat an seinem Erfolg nichts geändert. Auch dass das Gelächter der Zuschauer solcher Formate nicht befreiend ist, wie (erneut) Horkheimer/Adorno formuliert haben könnten, sondern Ausdruck der Unterdrückung in der Gesellschaft ist, ist für einen politisch denkenden Menschen offensichtlich.

Und dennoch steckt in diesen Vorbehalten immer auch ein Stück paternalistischer Bevormundung einer sozialen Gruppe, die diese Formen des Konsums praktiziert. Es lässt sich der Wunsch dahinter entdecken, sich gegen die anarchischen Tendenzen zu stellen und die Welt wieder einer stabilen Ordnung zuzuführen, in der jeder weiß, wohin er gehört und in der die Geschmacklosigkeit ihre Grenzen kennt. Es bleibt darin das Dilemma erkennbar, dass eine dem Konsum notwendig ausgelieferte soziale Schicht (denn Konsum ist erst einmal nichts anderes als der Verbrauch von Gebrauchsgütern jedweder Art, und das nivelliert Kulturgüter jeder Art letztlich zu Konsumgütern) dem Konsum als Regelinstanz misstraut.

Vom Versagen der Intellektuellen, so Hecken, könne man in dreierlei Hinsicht sprechen: So hätten sie zum einen sich der Wahrnehmung des Konsums und dem Genuss verschlossen, sie hätten zum anderen darauf gewirkt, anderen den Zugang zum Massenkonsum zu verwehren, und hätten zudem für einen generellen Konsumverzicht plädiert. Schließlich habe gerade die politische Linke versagt, da sie den Widerspruch zwischen ihrem politischen Ziel, die breite Masse an die Macht zu bringen, und ihrem Widerwillen gegen den Geschmack derselben Masse nicht lösen könnte.

In vier großen Kapiteln schreitet Hecken danach die Positionen der 1950er-Jahre bis zur Gegenwart ab und entwirft dabei ein Weltbild, das zwar stark auf seine These zugerichtet ist (Versagen der Intellektuellen), aber dabei die Verkürzungen deutlich übertreibt. Denn unabhängig davon, dass Hecken einigermaßen beliebig zwischen literarischen Autoren, Essayisten, Philosophen, Politikern und Ökonomen springt, richtet er auch seine Interpretationen spezifisch aus: Jeder, der sich einigermaßen reflektiert mit der Entwicklung der Massen- und Konsumgesellschaft nach 1945 auseinandersetzt und dabei nicht zu allem Ja und Amen sagt (was man als Normativität des Faktischen kennengelernt hat), gerät Hecken zum Konsumverächter, der darüber hinaus eben nicht nur anderen den Zugang zum Konsum verwehren möchte, verächtlich auf den Müll der Massenkultur herabschauend, sondern sich auch noch bemüht, sich und seine Konsumgewohnheiten aus der Schusslinie zu bringen. Der typische Fall dessen, der den Balken im eigenen Auge nicht wahrnimmt, hingegen arg genau nach dem Splitter in dem des Nachbarn späht.

... Unabhängig von Geschmacksurteilen, von Kompetenz und Bildung, von intellektueller Arroganz oder paternalistischer Blindheit, ist es das gute Recht eines jeden, sich zu seiner Gesellschaft zu verhalten, wie er/sie es für richtig hält. Und das bezieht Kritik ausdrücklich mit ein.

Dass Kritik nicht nur begründet, sondern auch kontextualisiert werden muss, damit sie wahlweise sinnvoll oder funktional wird, gehört nun zu den Binsenweisheiten intellektuell redlicher Verfahren. Aber genau daran hapert es bei Heckens Schrift doch erheblich, was eben auch daran liegen kann, dass er mit ihr vor allem seine Exzerpthefte geleert und die Argumentation vernachlässigt hat. Das ist gerade deshalb sehr schade, weil er die Konsumgesellschaft und die Essayistik der Nachkriegsjahrzehnte zweifelsohne wohl so gut kennt wie kaum ein anderer. Welch eine Verschleuderung.


Aus: "In Heckens Welt: Thomas Hecken klagt das „Versagen der Intellektuellen“ vor der Konsumgesellschaft an"
Walter Delabar (Nr. 5, Mai 2011 / Philosophie und Soziologie)
Quelle: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=15474

---

Quote
[...] (ich schwöre, der Satz fiel genau so): „Um Euros betteln, aber, wenn niemand hinschaut, sein Smartphone checken – ist das nicht un-fass-bar!?!“ Einer gebildeten Frau aus dem Bekanntenkreis ist jene Bemerkung, nun ja, entfleucht. Kulturwissenschaftlerin, dreisprachig, selbst prekär, also: von Papa-Tochter-Überweisungen aus der westdeutschen Restwohlstandszone lebend.

Ja: Da war also ein frei herumlaufender Bettler (wieso haben die immer noch Freigang?), der einen Kommunikationsapparat der zweitneuesten Generation mit sich herumtrug (geklaut?), und das am helllichten Tag, auf offener Straße. Was denkt man da? Was dachte dann also offenbar die Papa-Tochter? Vermutlich etwas in der Art: Wer andere Leute um Kleingeld anhaut, der soll halt nicht twittern! Betteln und bloggen? Wo kommen wir da hin? Die Hand aufhalten und die WLAN-Verbindung schnorren, sich frech in unser aller Funkverbindungsnetz hinein-schmarotzen, das ist ja wohl typisch! „Wie kann der sich das denn leisten!?!“ Der Geist, der sich da Bahn bricht, ist leicht auf ein handliches Format zu verkürzen: „Wer zu den Verlierern zählt, soll sich gefälligst auch so benehmen!“

Nun hat der Hass auf sozial Schwächere viele Gesichter. Den einen liegt es eher, zu lästern; oder Witze zu machen; oder Jogginghosenstyle – ironisch gebrochen, hihi – für Trendmagazine als Sensation zu inszenieren; oder packende Erlebnisberichte über Begegnungen mit authentischen „Prolls“ zu verfassen. In jenen Fällen wird der Klassismus – so nennt die Soziologie inzwischen die Diskriminierung sozial Abgehängter – recht unverhohlen abgefeiert.

...

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denkenundhandelnbitte 05.04.2015 | 22:24

Warum tun Sie das, Frau Kullmann ?
Sie zitieren angebliche Idioten, die angeblich Idiotisches gesagt haben sollen und Sie haben's gehört und
WAS dazu gesagt ?

Sollten Sie geschwiegen haben, so scheuen Sie die direkte Konfrontation und wollen die von Ihnen festgestellte Problematik in diesem Forum zur Diskussion stellen. ...


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Ismene 05.04.2015 | 20:54

Ich hege den Verdacht, dass dieser "Hass" nur eine andere Form ist, sich gut zu fühlen. ... Ich weiß gar nicht, was ich schlimmer finden soll. Die Tatsache, dass eine große Zahl von Menschen gar nicht mehr die Möglichkeit (also nicht die Mittel) haben, in ihrem Konsumverhalten überhaupt zu variieren? Die Tatsache, dass Geiz offensichtlich gerade bei denen, die sich was anderes leisten könnten, geil zu sein scheint? Oder doch die Tatsache, dass vielleicht doch immer mehr Menschen nur vom Vergleich nach unten leben?

Liebe Grüße
Ismene


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lebowski 06.04.2015 | 14:10

Ja, schöne Sch..aber auch! Die Armen und Abgehängten wollen gar nicht die Weltrevolution sondern exakt denselben Konsumdreck, der für uns selbstverständlich ist.  Exemplarisch seien hier meine schwarzen Kollegen in der Zeitarbeitsbranche genannt, die sich nicht über den exzessiven Smartphonegebrauch echauffieren,  weil dem für Smartphones notwendigen  Coltanabbau im Kongo unzählige der schwarzen Brüder zum Opfer fielen, sondern die sich als Erstes vom zusammenmalochten Geld selber diesen elektronischen Knochen kaufen.

Das ist eben das Tragische am Konsum. Er erfüllt seine Versprechen sofort


...


Aus: "Plastikschrott in Jogginghosen" Katja Kullmann (04.04.2015)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/katja-kullmann/plastikschrott-in-jogginghosen

« Last Edit: April 08, 2015, 12:10:04 PM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #466 on: April 16, 2015, 10:40:27 AM »

In etlichen Bundesländern ist die Hauptschule als eigenständige Schulform entweder abgeschafft oder, wie im Fall der neuen Bundesländer, gar nicht erst errichtet worden. Sie existiert jedoch weiterhin in Form eines teilintegrierten Bildungsganges, das heißt die Bundesländer müssen durch ihr Schulsystem sicherstellen, dass der Hauptschulabschluss erworben werden kann. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Hauptschule (04/2015)

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[...] Wir wurden entsorgt, weil wir in einer bestimmten Phase des Lebens einfach nicht genug Leistung gebracht hatten. Wir waren "Abweichler", deren Strafe die ewige Verdammnis war. So fühlte sich die Hauptschule an. ... m Sammelbecken der Schulversager. Kurz nachdem ich zum ersten Mal den Klassenraum betreten hatte, beging ich schon den ersten Fehler. Ich setzte mich neben den größten Rüpel der Klasse, was ihn sichtlich sauer machte. Als Deutscher mit indischen Wurzeln bekam ich von ihm wiederholt ins Ohr geflüstert: "Scheiß Türke!" Das tat er solange, bis ich so sauer wurde, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben jemandem einen Schlag ins Gesicht verpasste. Auf dem Schulhof schauten Lehrer in diesen Fällen gern mal weg. Das Recht des Stärkeren regierte.

Meine Freunde von der Realschule hatten bald keine Zeit mehr für mich. Ich war uncool geworden. Das Prinzip einer eher unnatürlichen Selektion ließ mich eine Stufe tiefer in der Nahrungskette sinken.

Wir sprechen übrigens von einer Hauptschule in einer Kleinstadt im Norden Deutschlands, nicht in einem Brennpunktviertel einer Großstadt. Trotzdem gehörten aggressive Cliquen, Mobbing gegen Lehrer und wilde Zerstörungswut von Tag eins zu meinem Alltag. Sarrazin würde es kaum glauben, aber Jugendliche mit Migrationshintergrund konnte man an der Hand abzählen. Ich merkte schnell, dass meine Mitschüler mit ein paar Ausnahmen davon ausgingen, nichts zu können. Sie flüchteten in eine kleine übersichtliche Welt, in der Schule und Lernen abgewehrt wurden und sie sich durch exzessiven Konsum von Filmen, Fernsehen und Computerspielen ablenkten. Meist stammten sie aus prekären familiären und sozialen Verhältnissen.

Sprachschwierigkeiten und funktionaler Analphabetismus waren in den Klassen meiner Schule genauso normal wie mangelhaftes Schulmaterial. Darüber hinaus sorgte das Stigma der Hauptschule dafür, dass wir die Prophezeiungen stets auch erfüllten. Wenn Eltern, Lehrer, Freunde und Bekannte zu wissen glauben, dass dieses oder jenes Defizit ein unüberwindbares Hindernis für den ordentlichen Abschluss oder einen guten Job ist, dann wird diese Vorhersage zum gedanklichen Parasit, der nicht ruhen wird, bis er sich festbeißen und entfalten kann.

Ohne Zweifel gab es kluge Köpfe in unseren Reihen – deren Potenzial jedoch unentdeckt blieb. Wenn einer einen kreativen Aufsatz schrieb, musste es ein Plagiat sein. Wenn einer gute Klausuren ablieferte, musste ein Spickzettel im Spiel gewesen sein. Und hatte einer einen ausgefallenen Berufswunsch, dann mahnte der Lehrer: "Das Leben ist kein Wunschkonzert!". Das erinnert mich an eine Stelle im Hollywood-Blockbuster Interstellar. Der Schulleiter fordert von der Tochter des Helden, dass sie in der Schule nicht von der Mondlandung schwärmen solle: "Wir müssen die Kinder über diesen Planeten unterrichten und ihnen keine Geschichten erzählen, ihn zu verlassen!" Auch ich sollte die Hauptschule nicht verlassen.

Heute studiere ich. Das, was mich rettete, waren der sanfte Druck und die Erwartungen meiner Eltern. Sie haben von mir Disziplin und die Einhaltung von moralischen Regeln eingefordert. Ich hatte dadurch einen erheblichen Vorteil innerhalb der Klassengemeinschaft.

Das gesellschaftliche Etikett "Versager" muss verschwinden. Nur noch zehn Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland besuchen heute noch eine Hauptschule. Deshalb wurden Hauptschulen zu Recht in vielen Bundesländern abgeschafft, um faire Zukunftsperspektiven für Jugendliche in Deutschland zu forcieren. 

Bisher haben Hauptschüler, trotz des allseits bekannten Fachkräftemangels, sehr schlechte Chancen auf eine Ausbildung. Einer Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zufolge fängt ihre Ausgrenzung bereits in den Stellenausschreibungen an. Unternehmen versuchen, Jugendliche mit höherer Bildung anzulocken, selbst wenn die gar nicht notwendig ist für die Tätigkeit. Vielleicht kann sich der Hauptschulabschluss rehabilitieren, wenn er nicht mehr an die Schule der Versager geknüpft ist. Von alleine geht das sicher nicht: Benachteiligte Jugendliche müssen auch in den Gemeinschaftsschulen besonders gefördert werden, um ihr Selbstwertgefühl und ihre Talente zu stärken.

Ich kenne Menschen mit außergewöhnlichen Talenten, die nun arbeitslos sind. Nicht aufgrund von Arbeitsplatzmangel, sondern weil das deutsche Schulsystem sie als "nutzlos" abstempelte.

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    EinLeser69
    gestern 18:42 Uhr

Nicht nur die Hauptschule

... Diese Entwertung der Menschen, denen durch das Bildungskastensystem Versagen vorgeworfen wird, führt ferner dazu, dass diese Menschen um ihren Schmerz los zu werden ein unrealistisches Selbstbild erzeugen und so auch noch Bildungs- und Lernresistent werden.

Willkommen im Zeitalter des Privatfernsehens, in dem der Laute und Coole mehr ist, als ein intelligenter, gebildeter Mensch!


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    M.Kl.
    gestern 19:41 Uhr

Pflichte Ihrem Kommentar und dem Artikel uneingeschränkt bei ... Habe zwar auf keiner Hauptschule, aber auf einer Gesamtschule im ländlichen Raum (welche ich trotz der Empfehlung seitens der Grundschule, eine gymnasiale Laufbahn einzuschlagen, besuchte) ebenfalls viele Dinge ("Faustrecht" im Schulbus und auf dem Pausenhof, mangelnde Bereitschaft der Lehrer, die Fähigkeiten der Schüler tatsächlich wahrzunehmen und zu deren Entfaltung beizutragen, Plagiatsvorwürfe, obgleich die Lehrer nach vielen Jahren, die man auf einer Schule verbracht hat, so langsam mal wissen sollten, was man drauf hat, riesige Vorteile für Lehrer-/Akademikerkinder allein schon, weil sie ein "schulkompatibles Vokabular"/"lehrernahe" Denkweisen quasi mit der Muttermilch aufgesogen bzw. in die Wiege gelegt bekommen haben usw. usf....) erlebt.

Potenzial, Energie uns Selbstvertrauen der SchülerInnen verpuffen in Nebensächlichkeiten, Persönlichkeiten werden kleingehalten, Kleinigkeiten aufgebauscht, Talente ignoriert, Mobbing/Hierarchienbildung aufrund von Äußerlichkeiten oder z.B,. der von Ihnen angesprochenen ethnischen/geographischen Herkunft tun ein übriges. Und all diese Faktoren finden auf dem Notenpapier und bei Bewerbungen vermutlich absolut keine Beachtung.


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    8ball07
    gestern 23:17 Uhr

Lieber Herr Chaudhry
Sie sprechen mir aus dem Herzen. Auch ich habe diese dunkle Kapitel in meinem Leben durchlaufen. In einer fränkischen Kleinstadt besuchte ich eine Hauptschule mit einen Ausländeranteil von weniger als 5% (Ich bin übrigens selbst Deutscher).

5 Jahre meines Lebens verbrachte ich in dieser Hölle, meine Schulzeit dort war ein einziges Märtyrium. Als Kind hatte ich Lernprobleme und konnte mich schlecht konzentrieren, so landete ich letztendlich in dieser Pseudoschule.
Erschwerend kam hinzu, dass ich in meiner Entwicklung wohl etwas langsamer war als Gleichaltrige. Dies machte mich zu einem beliebten Opfer der etwa 50% aus asozialen Familien stammenden Mitschüler. Mobbing und Terror waren täglich Brot und ich kann noch von Glück sprechen das es noch beliebtere Opfer gab die meistens das aller Gröbste abfingen.

Nach dem sogenannten qualifizierten Hauptschulabschluss konnte ich an die Wirtschaftsschule wechseln. Ab da wurde es schlagartig besser und es folgten nach der mittleren Reife eine Kfm. Ausbildung und die Weiterbildung zum Fachwirt. Mit dem Fachwirt erlangte ich die Hochschulzugangsberechtigung und mittlerweile studiere ich im 3. Semester Elektrotechnik. Es läuft also trotz Hauptschule ganz gut und ich gehe jeden Tag gerne in die Uni, liebe das Umfeld und habe auch kein Problem bis Mitternacht zu lernen.

Dennoch werden die 5 Jahre Hauptschule immer ein Schatten auf meiner Seele bleiben. Ich verachte und hasse alle diejendigen die für dieses Schulsystem verantwortlich sind.


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    Petyr
    vor 9 Stunden 49 Minuten

Ein großartiger Titel, der den Nagel auf den Kopf trifft!

Ich habe die Schule aus der Perspektive eines Stotterers kennen gelernt. Dadurch konnte ich eines nicht sein, ein Mitläufer, jemand der sich von morgens bis abends sagen lässt, was er zu tun oder zu denken hat. Ich habe also die Schule aus einer speziellen Perspektive kennen gelernt, mein Bild ist jedoch dem Bild des Artikels sehr ähnlich: Schule als Raum der Quälerei, des Verhinderns und des Kampfes gegen jede Eigenheit und die unerschöpfliche Neugier und Offenheit, die doch das Wunderbarste an Kindern ist. Das Problem liegt jedoch nicht nur an den Lehrern sondern am ganzen System des Frontalunterrichts, des nicht enden wollenden Nachbetens und Wierderkäuens.

...

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    hmnuja
    vor 1 Stunde 47 Minuten

... Kinder, die (unabhängig von der Schulform) den Anschluß verlieren, fühlen sich als Versager und DAS ist, was sich u.U. ein ganzes Leben lang fortsetzt.  ... Das Problem an den Hauptschulen ist nicht nur, daß sie zum gesellschaftlichen Abstellgleis erklärt wurden, sondern vor allem, daß die Berufe, für die noch in den 80ern ein Hauptschulabschluß völlig ausreichend war, in Billiglohnländer ausgelagert oder wegautomatisiert wurden. Mittlerweile geht das auch den Akademikern so.

Statt ENDLICH darüber nachzudenken, wie gesellschaftlich mit dem Fakt umgegangen werden kann, daß es hier nie wieder Vollbeschäftigung geben wird, werden in den Regelschulen die musischen Fächer zusammengestrichen und universitär werden Fachidioten in möglichst kurzer Zeit ausgebildet, die niemand braucht.

Mir war so, daß in der Schule für's eigene Leben gelernt werden soll, nicht nur für die veränderlichen Bedürfnisse der Wirtschaft.




Aus: "Umgeben von Schwarzmalern" Tahir Chaudhry (15. April 2015)
Quelle: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-04/hauptschule-erfahrung

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[Die Aussagen... ]
« Reply #467 on: April 16, 2015, 04:26:48 PM »

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[...] BERLIN afp | Misshandlungen, menschenunwürdige Unterkünfte und monatelange Inhaftierungen: Pro Asyl hat eine „erniedrigende und unmenschliche“ Behandlung von Flüchtlingen in Bulgarien angeprangert.

Die Menschenrechtsorganisation rief die Bundesregierung am Donnerstag in Berlin auf, die Abschiebung von Flüchtlingen in das osteuropäische Land zu stoppen. Die Zahl der über Bulgarien in die EU kommenden Flüchtlinge ist in den vergangenen Jahren auch wegen des Bürgerkriegs in Syrien stark gestiegen.

„Das sind Menschen, die im Prinzip doppelt verfolgt sind: Erst in ihrem Herkunftsland, dann in Bulgarien“, sagte Pro-Asyl-Geschäftsführer Günter Burkhardt. Pro Asyl hat nach eigenen Angaben in den vergangenen Monaten „dramatische Berichte von Flüchtlingen“ gesammelt, die über Bulgarien nach Deutschland gekommen sind. „Sie berichten von unmenschlicher und erniedrigender Behandlung, bis hin zu Folter.“

Die Aussagen der Betroffenen hat Pro Asyl in einem 50-seitigen Bericht (pdf: http://www.proasyl.de/fileadmin/fm-dam/NEWS/2015/150415_Bulgarienbericht.pdf) mit dem Titel „Flüchtlinge in Bulgarien: Misshandelt, erniedrigt, im Stich gelassen“ zusammengefasst.

Darin wird etwa das Schicksal des irakischen Flüchtlings R. geschildert, der mithilfe eines Schleppers im Oktober 2012 von der Türkei aus nach Bulgarien gelangte. Dort habe die Polizei den Iraker schwer misshandelt: „Herr R. berichtet, dass er während seiner Inhaftierung in einem Polizeirevier und anschließend im Gefängnis Busmantsi über Tage hinweg unmenschlich und erniedrigend behandelt wurde bis hin zur Vergewaltigung durch Beamte.“ Im April 2013 wurde er aus der Haft entlassen, im Herbst des Jahres floh er dem Bericht zufolge weiter nach Deutschland.

Der Dokumentation zufolge ist das kein Einzelfall. Burkhardt spricht von einem „systematischen Muster“. Schutzsuchende berichten demnach etwa über Misshandlungen durch Fußtritte und Stockschläge, zum Teil bis zur Bewusstlosigkeit, oder über die Verweigerung des Zugangs zu einer Toilette über Stunden hinweg. Selbst Kinder sollen demnach gezwungen worden sein, auf dem Boden ohne eine Decke zu schlafen.

Auch sollen die bulgarischen Behörden Flüchtlingen selbst in Notfällen die medizinische Versorgung verweigert haben. Werden syrische Flüchtlinge anerkannt, müssen sie dem Bericht zufolge die Flüchtlingslager verlassen, wodurch sie „dann mittellos auf der Straße landen und rassistischen Angriffen schutzlos ausgeliefert sind“.

Infolge des seit mehr als vier Jahren andauernden Bürgerkriegs in Syrien hat die Zahl der Flüchtlinge in dem zu den ärmsten EU-Staaten gehörenden Bulgarien stark zugenommen. Kamen im Jahr 2012 noch 1.385 Flüchtlinge nach Bulgarien, waren es Pro Asyl zufolge im vergangenen Jahr bereits 11.080. Mehr als die Hälfte der Asylsuchenden sind demnach Syrer.

Angesichts der katastrophalen Bedingungen in Bulgarien suchten viele Flüchtlinge etwa in Deutschland Schutz, berichtete Pro Asyl. Über 4.000 Betroffenen drohe aber, wieder nach Bulgarien abgeschoben zu werden. Deutschland schob im vergangenen Jahr allerdings nur 14 Flüchtlinge tatsächlich nach Bulgarien ab.

Ebenso wie Pro Asyl forderte auch die Diakonie von der Bundesregierung dennoch, Abschiebungen nach Bulgarien komplett zu stoppen und den Betroffenen in Deutschland Aufenthalt zu gewähren. „Flüchtlinge mit erwiesenem Schutzbedarf dürfen nicht in einen EU-Staat abgeschoben werden, wo ihnen Obdachlosigkeit droht und sie keine Existenzgrundlage haben“, sagte Diakonie-Präsident Ulrich Lilie bei der Vorstellung des Berichts. Zudem müsse auf das Land eingewirkt werden, um die Lage der Asylsuchenden zu verbessern.

Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Christoph Strässer (SPD), nannte die Lage in Bulgarien ein bekanntes Problem. Das Thema müsse angegangen werden. Bei der Flüchtlingsproblematik reiche „Betroffenheitslyrik“ nicht aus, sagte Strässer. „Es folgt an politischen Schritten zu wenig.“


Aus: "Flüchtlinge in Bulgarien:„Erniedrigend und unmenschlich“" (16.04.2015)
Quelle: https://www.taz.de/Fluechtlinge-in-Bulgarien/!158243/

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[Die Internierung von... ]
« Reply #468 on: April 30, 2015, 11:16:02 AM »

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[...] Die Menschen sind in einem katastrophalen psychischen Zustand", sagt Professor David Isaacs, Kinderarzt aus Sydney. Der Mediziner kehrte jüngst von einem Besuch auf der kleinen Pazifikinsel Nauru zurück, wo Australien jene Asylsuchenden interniert, die es trotz extensiver Überwachung als Bootsflüchtlinge in australische Gewässer geschafft haben und von der Marine aufgegriffen wurden. Er sei schockiert gewesen von Lebensbedingungen, die an ein Gefangenenlager erinnerten. Frauen lebten in Angst vor Übergriffen anderer Inhaftierter und Wärter.

Das Warten auf einen Asylentscheid in Nauru oder einem zweiten Lager in Papua-Neuguinea kann Monate dauern, Jahre. Die Kinder litten am schwersten: "Ich sah ein sechsjähriges Mädchen, das sich mit einer Zeltschnur aufhängen wollte. Es hatte Verbrennungsspuren am Hals." Selbst wer als Flüchtling anerkannt wird - der Großteil der Internierten -, soll nie einen Fuß auf australischen Boden setzen dürfen, sagt Premierminister Tony Abbott.

Die Internierung von Asylsuchenden ist eines von zwei Standbeinen einer Flüchtlingspolitik, die Abbott Europa als Methode vorschlagen will, um die Welle von Flüchtlingen aus Afrika zu stoppen. Das andere ist die kompromisslose Rücksendung von Booten in die Herkunftsländer. "Seit Jänner 2014 gab es kein Boot mehr, keine Toten auf dem Meer", so Außenministerin Julie Bishop. Noch 2013 hätten 300 Boote mit insgesamt 20.000 Menschen an Bord "die gefährliche Reise nach Australien unternommen". 1200 seien im Meer gestorben.

Die offiziellen Zahlen sind zwar beeindruckend, sie sind aber nicht unabhängig überprüfbar. Die konservative Regierung hat den Umgang mit Flüchtlingen der Geheimhaltung unterworfen. Verfehlungen - etwa Äußerungen von Besuchern in Lagern oder Marinesoldaten auf See - werden von Canberra rigoros geahndet. Dazu kommt die geografische Isolation: Journalisten ist es praktisch nicht möglich, die Situation im Meeresgebiet zwischen Indonesien und Australien zu beobachten.

Flüchtlingsorganisationen klagen, Canberra liefere tamilische Flüchtlinge an die Marine Sri Lankas aus. In mindestens einem Fall soll die Rückführung in Folter und Tod eines Betroffenen geendet haben. Die Vereinten Nationen und humanitäre Organisationen meinen, mit der forcierten Rückführung und der Internierung auf unbestimmte Zeit verstoße Australien gegen eine Vielzahl von Abkommen zum Schutz von Asylsuchenden und Kindern.

Harsche Kritik gibt es von den UN auch an der restriktiven Flüchtlingspolitik Japans. 2014 wurde gerade einmal elf Personen Asyl gewährt. Heuer wurde der erste Syrer anerkannt und konnte seine Familie nach Japan nachholen. Seit der Einführung eines Asylsystems in Japan im Jahr 1982 wurden überhaupt erst 622 Menschen aufgenommen. Die Regierung untersucht im Moment, wie die Aufnahmeverfahren verbessert werden können.

Die Japan Association for Refugees (JAR) hilft Asylsuchenden, die nach Japan kommen. Der Generalsekretärin Eri Ishikawa zufolge gibt es zwei Gruppen von Asylsuchenden. Die kleinere Gruppe ist anerkannt. Sie bekommt finanzielle Hilfe von den Behörden, und diese Menschen dürfen auch arbeiten, solange ihr Antrag bearbeitet wird.

Die andere, viel größere Gruppe hat kaum eine Chance, Asyl gewährt zu bekommen, sondern hat bestenfalls Aussicht darauf, geduldet zu werden. Diese Menschen dürfen meist nicht arbeiten, sie haben oft keine Bleibe, und ihre medizinische Versorgung ist nicht gewährleistet. In den drei Asylzentren des Landes gibt es zudem laut japanischen Medien keinen vollzeitbeschäftigten Arzt.

Die JAR ist nahezu die einzige NGO, die die Asylsuchenden unterstützt, lediglich in Nagoya und Osaka gibt es ähnliche Organisationen. So müssen Helfer etwa auf die mehr als 1000 Kilometer entfernte Insel Kyushu fliegen, um dort zu helfen. Mit Kritik an der Regierung hält sich Frau Ishikawa zurück. Das lange Prozedere sei auch einer Bürokratie geschuldet, die langsam arbeitet und keine Rücksicht auf die Schicksale der Menschen nimmt.

Es gibt keine größere Diskussion über das Flüchtlingsproblem in der japanischen Gesellschaft. Als Ende der 1970er-Jahre die Boatpeople aus Vietnam vor dem Krieg auch nach Japan kamen war das anders. Damals wurden 10.000 Flüchtlinge aufgenommen und waren ein Thema, das nicht verschwiegen wurde. (uw, tesk, DER STANDARD, 30.4.2015)


Aus: "Japan und Australien: Abschreckende Flüchtlingspolitik" (30. April 2015)
Quelle: http://derstandard.at/2000015063941/Japan-und-Australien-Abschreckende-Fluechtlingspolitik

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[Die Kältehilfe... ]
« Reply #469 on: April 30, 2015, 11:23:08 AM »

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[...]  Die im Dezember gestartete Kältehilfe in Wien läuft aus. ... Roman lebt seit über zwei Jahren auf der Straße. "Wenn es nicht regnet, bin ich im Park", erzählt der 44-Jährige. Bei Schlechtwetter verbringt er seine Zeit in Bahnhofshallen oder Tageszentren. Der gebürtige Deutsche ist einer von 500 Menschen, denen die "Kältehilfe" der Stadt Wien in den vergangenen Monaten zugutegekommen ist. Seit Dezember hatte er durch sie einen Schlafplatz in einem Notquartier in der Wiener Grillgasse. Am Donnerstag laufen die zusätzlichen Mittel aus.

"Wir gehen davon aus, dass die Menschen auf der Straße landen", sagt Markus Reiter, Geschäftsführer der Obdachlosenorganisation Neunerhaus. "Es passiert Ende April nur, was jedes Jahr passiert: Die Winterhilfe läuft aus", sagt Peter Hacker, Geschäftsführer des Fonds Soziales Wien: "Die Betroffenen wissen es längst. Es gab und gibt Rückkehr- und Integrationsgespräche mit Sozialarbeitern."

Von den 500 Leuten in den Zusatzquartieren seien 150 bereit, in ihren Heimatländern (Slowakei, Rumänien, Deutschland) einen Wiederanfang zu starten. "Sie haben Rückfahrttickets bekommen", sagt Klaus Schwertner, Generalsekretär der Wiener Caritas.

... Die Kältehilfe nutzt vor allem in Wien lebenden Obdachlosen aus dem EU-Raum oder anderen österreichischen Bundesländern, für die die Wohnungslosenhilfe der Stadt Wien nicht zuständig ist. "Um die Situation der Obdachlosen aus anderen Bundesländern zu lösen, braucht es dringend eine Art des Finanzausgleichs", sagt Schwertner.

Durch die Unterstützung bekommen Obdachlose über den Winter einen Platz in einer Notschlafstelle. Einlass ist jeden Tag um 19 Uhr. Es gibt Essen und Aufwärmmöglichkeiten. Um sechs Uhr werden die Besucher geweckt, eine Stunde später verlassen sie das Quartier. "Die Winterhilfeplätze haben das Ziel, zu verhindern, dass Menschen auf den Straßen erfrieren", sagt Hacker. Die normale Obdachlosenhilfe solle Menschen wieder fähig machen, eine Wohnung zu finden.

... Wien gibt jährlich 60 Millionen Euro für die Obdachlosenhilfe aus, "das ist im internationalen Vergleich vorbildlich", sagt Hacker. Um auf die Situation der Obdachlosen hinzuweisen, lädt die Obdachlosenzeitschrift "Augustin" am Donnerstag zum "Solischlafen im Stadtpark". Hacker ist von der Aktion wenig begeistert: "Die Probeübernachtungsaktion im Stadtpark ist politisch unerträglich." Neben Sozialorganisationen rufen etwa auch die grüne Gemeinderätin Birgit Hebein oder der Kabarettist Gerald Fleischhacker zur Übernachtung im Park auf. (Irene Brickner, Oona Kroisleitner, DER STANDARD, 30.4.2015)


Aus: "Wiener Notquartiere für 500 Obdachlose schließen" (30. April 2015)
Quelle: http://derstandard.at/2000015063840/Wiener-Notquartiere-fuer-500-Obdachlose-schliessen
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[Es hilft ja nichts... ]
« Reply #470 on: April 30, 2015, 12:12:32 PM »

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[...] Ich traue mich kaum nachzurechnen, was die Schuhe zusammen gekostet haben. Nein, keine Schuhe für mich, sondern dringend nötige für die beiden jüngeren Kinder. Die Große hatte gerade erst welche von ihren Freundinnen geerbt, die brauchte keine. Jeden Frühling, jeden Sommer, jeden Herbst und jeden Winter graust es mir aber davor, mit den Kindern in den Schuhladen zu gehen. Es tut mir weh zu sehen, wie sehr sie sich freuen, wenn wir Schuhe kaufen. Hätte ich mich als Kind darüber gefreut? Eher nicht. Reitstunden, Markenjeans, Skikurse oder Ausflüge in Freizeitparks – so etwas kennen meine Kinder nicht. Wir sind arm.

Es hilft ja nichts, ich sollte ungefähr wissen, wieviel Geld ich gerade für die Schuhe ausgegeben habe. Es waren drei Paar für die Jüngste, die sechs ist und jetzt Schuhgröße 29 hat: Halbschuhe, Sportschuhe, Hausschuhe. Dazu Halbschuhe für den Neunjährigen, der immer so bescheiden ist. „Du musst nicht so viel Geld ausgeben“, sagt er und umarmt mich im Laden.

Das tut weh. Ich gebe doch gern Geld für meine Kinder aus. Wenn ich es denn habe. Die Sandalen für den Sommer kaufen wir später, wenn ich weiß, dass sie bis September passen werden. Oder wenn die ersten Läden Sommerschuhe reduzieren. Dass ich 160 Euro für vier Paar Schuhe überhaupt hatte, war schon erleichternd. Es gibt Monate, da weiß ich nicht, wie ich unser Essen bezahlen soll. Besonders schlimm ist der Januar. Da buchen alle ab, Vereine, Versicherungen. Dann die Nebenkostenabrechung, Strom und so weiter.

Wie konnte mir das passieren? An mangelnder Bildung liegt es nicht, dass wir zu den Armen zählen. Eher an Naivität und der typischen Frauenfalle, in die ich getappt bin: Ich habe meinen Neigungen entsprechend studiert, Sprachwissenschaften. Meine Promotion schloss ich magna cum laude ab. Dazu habe ich eine Ausbildung als Journalistin und lange Arbeitserfahrung, als Angestellte und als freie Autorin.

Meine Zeugnisse und Arbeitszeugnisse sind hervorragend, ich bin überqualifiziert. Und ich bin alt. Das erste Kind bekam ich mit 34 Jahren, das letzte mit 42. Typisch Akademikerin eben. Dass ich einen Selbstständigen geheiratet habe und ohne Anstellung jahrelang in der Firma mithalf, war mein Fehler. Denn „unsere Firma“ war nach der Trennung plötzlich „seine“. Versprechen, die er mir gegeben hatte, galten nicht mehr. Gespart hatten wir nichts in der Ehe, alles immer in die Firma gesteckt. Vorgesorgt fürs Alter hatte er auch nicht, und so durfte ich bei der Scheidung die Rentenpunkte, die ich als Angestellte in den 13 Jahren Ehe gesammelt hatte, mit meinem Exmann teilen. Was ich mir mit der Erkenntnis schönrede, dass die Hälfte von fast nix weiterhin fast nix bleibt, denn vor der Scheidung hatte mein Rentenanspruch bei 480 Euro im Monat gelegen, danach bei etwas über 200 Euro. So oder so wird mir im Alter Sozialhilfe blühen.

Ich hatte mir das mal anders vorgestellt: Als ich noch eine glücklich verheiratete, beruflich erfolgreiche Mutter war, spielte Geld keine große Rolle für mich. Es war genug da, um die Doppelhaushälfte mit sechs Zimmern und Garten zu bezahlen. Die Kosten für die Kinderbetreuung und Putzfrau übernahm ich, denn der Mann argumentierte, wenn ich nicht arbeiten ginge, müssten wir das Geld dafür gar nicht ausgeben. Ich ging zum Frisör, wenn mir danach war, kaufte schicke Klamotten und Schuhe. Die Kinder erhielten zum Geburtstag Geschenke, auf die ich heute ein Jahr sparen würde, wie ein nagelneues Markenfahrrad. Dass so etwas Luxus ist, wurde mir bitter klar, als ich im Rahmen der Scheidung mit enormen Anwalts- und Gerichtskosten konfrontiert wurde. Plötzlich waren 2.000 Euro sehr viel Geld – Geld, das ich nicht hatte.

Dass ich die Kinder großziehe, und zwar seit fünf Jahren ganz allein, rechnet mir der Gesetzgeber praktisch nicht an. Dafür darf ich aber die Hälfte des Kindergelds an den Exmann abtreten. Und ich kann selbst nur 1,5 der 3 Kinder auf meiner Steuerkarte führen. Gerecht finde ich das nicht. Aber es ist normal. Wenn sich die Große Koalition dann wie vergangene Woche dafür feiern lässt, dass sie Alleinerziehende nun stärker steuerlich entlastet, kann ich darüber nur bitter lachen. Es geht um maximal 285 Euro – jährlich! Und die meisten Alleinerziehenden verdienen nicht mal so viel, dass sie den Freibetrag voll ausschöpfen können.

Ich habe ja noch Glück, dass ich überhaupt Unterhalt für die Kinder von meinem Exmann erhalte. Fast die Hälfte der 1,6 Millionen Alleinerziehenden bekommt nur unregelmäßig oder gar kein Geld für die Kinder von deren Vätern. 828 Euro bezahlt der Vater meiner Kinder jeden Monat für alle drei. Er findet bestimmt, dass das viel Geld ist. Es ist aber deutlich weniger, als die Düsseldorfer Tabelle vorsieht, sagt meine Anwältin. Nur machen kann man da nichts. Dumm gelaufen für die Kinder.

Und so leben wir zu viert von gut 2.000 Euro im Monat. Was erstmal wieder viel klingt, aber auf vier Personen verteilt in etwa das ist, was Hartz-IV-Empfänger zum Leben haben. Die Mieten hier in Konstanz sind teuer, die Lebenshaltung auch. Weggehen kann und will ich nicht. Das ist die Heimatstadt meiner Kinder, sie haben schon ihren Vater verloren, der sich ihnen nach der Trennung fast komplett entzog. Da möchte ich sie nicht auch noch aus ihrem sozialen Kontext reißen.

Der Unterhalt deckt die Warmmiete, und auch das auch nur, weil wir im sozialen Wohnungsbau untergekommen sind. Der ist heiß begehrt hier in der Stadt, denn Familien haben es schwer, überhaupt bezahlbaren Wohnraum zu finden. Vor drei Jahren habe ich alle Notstandskriterien der städtischen Wohnbaugesellschaft erfüllt: Ich war alleinerziehend mit drei Kindern, gerade arbeitslos geworden (betriebsbedingt gekündigt, vorher hatte ich einen super Job in der Schweiz), und obendrein hatte mir meine Vermieterin eine Eigenbedarfskündigung geschickt. Ich musste eine neue Bleibe finden. Für uns und die Katze. Wer vermietet schon an arbeitslose Alleinerziehende mit drei Kindern und Haustier? Ich sah uns schon bei meinen Eltern auf dem Dachboden einziehen.

Gut, dass ich rechtzeitig einen Wohnberechtigungsschein beantragt hatte. Der Staat hat uns geholfen, und er tut es weiterhin mit Wohngeld, dem bezahlten Kitaplatz für die Jüngste mit Mittagessen und dem Bildungspaket für Ausflüge, Schulsachen und einen Schwimmkurs. Ich selbst habe 2014 als freie Autorin etwa 400 Euro im Monat verdient. Das ist doppelt so viel wie im Vorjahr, und 2015 hoffe ich meine Einkünfte erneut zu verdoppeln. Einstellen wollte mich keiner mehr, trotz zahlreicher Bewerbungen. Aber sich mit 46 selbstständig zu machen, ist kein Spaziergang. Und jeden Monat nicht zu wissen, ob das Geld reicht, belastet mich sehr. Was ist, wenn ich krank werde? Niemand zahlt mir Urlaubstage, und wenn ich Deadlines nicht einhalten kann, weil die Kinder oder ich flachliegen, verliere ich Aufträge. So ist das halt.

... das Leben mit Kindern ist teuer: Sie brauchen Essen, Schuhe, sie wollen ins Schwimmbad, gelegentlich ein Eis. Ich achte darauf, dass wir pro Tag nicht mehr als fünf Euro pro Person für Essen ausgeben, damit noch Geld für all die Extras bleibt, die auch bedacht werden müssen. Geschenke für Kindergeburtstage, eine Zuzahlung zur Zahnfüllung, eine Tankfüllung für mein altes Auto, Fahrradreparaturen, Kleidung für die Kinder oder ein Friseurbesuch.

Nach Abzug unserer fixen Kosten bleiben uns 230 Euro pro Woche. Davon gebe ich etwa 125 Euro für Lebensmittel und Drogeriewaren aus. Bei den übrigen 105 Euro für Extras, die pro Woche für alle vier reichen müssen, wird einem schnell klar, dass man damit nicht weit kommt. Wir gehen nie essen. Ich kaufe die Milch von glücklichen Kühen auf der Weide nur, wenn das Haltbarkeitsdatum gerade abläuft und sie reduziert ist. Und ich schaue in allen Geschäften grundsätzlich zuerst in die Schnäppchenecke. Gibt es keine Schnäppchen, gehe ich wieder. Außer, wenn wir Kinderschuhe brauchen, das muss nun mal sein.

Ich selbst brauche nicht viel. Hauptsache, wir kommen über die Runden. Irgendwie klappt es immer. Und vielleicht können wir in ein paar Jahren mal wieder in einen Urlaub fahren, der diesen Namen verdient. Das wäre schön. Aber wichtiger ist es, dass alle gesund bleiben – und die Waschmaschine nicht kaputt geht, denn mein Budget ist eng. So wie das von sehr vielen Familien, seien sie alleinerziehend oder einfach nur kinderreich. Es ist normal. Leider.

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kami 28.04.2015 | 09:26

Ich habe den Eindruck, dass die Autorin etwas überzogene Ansprüche an die Gesellschaft hat (was vielleicht mit ihrem Lebensstil vor ihrer Scheidung zusammenhängt). Aufgabe des Staates ist nicht, allen Bürgern angenehme Lebensverhältnisse zu finanzieren, sondern sie vor dem Schlimmsten zu bewahren. Es gibt genug Menschen in Deutschland, die trotz Arbeit keine größeren finanziellen Spielräume haben und damit zurecht kommen müssen. Die Autorin räumt selber ihre Naivität ein, soll der Staat dafür gerade stehen, was die Frau offenbar verbockt hat?


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Robert 28.04.2015 | 14:04
@dame.von.welt

Ernsthaft diskutieren würde ich die Frage, wie eine Gesellschaft, die doch erlebbar sehr reich ist, mit ihren Kindern umgeht.  Nicht diskutieren kann ich das Verhältnis zwischen den beiden Gatten. Selbst wenn ich davon ausginge, dass die Darstellung der Autorin vollständig der Wahrheit entspricht, was ich-übrigens bei niemanden- nicht tue, bleibt es dabei, das Verhältnis zwischen zwei autonomen Subjekte von diesen selbst zu gestalten ist. Ich bin mir eben nicht sicher, dass andere darüber zu befinden haben.

Bleibt die Frage, ob es eine gesellschaftliche Aufgabe ist, einer freiberuflichen Journalistin den Lebensunterhalt zu sichern.  Ich bin im übrigen sehr wohl der Meinung, dass wir füreinander einstehen sollten.  Nur wird es andere Antworten von Menschen geben, die Kapitalismus nicht für vollendete Barbarei halten.


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Glaskugel 28.04.2015 | 15:23

Ich lese den Beitrag mit gemischten Gefühlen!

Einerseits kann ich  mir vorstellen, dass es bitter ist, Kindern nicht das bieten zu können, was man sich vorstellt. Nachvollziehbar, dass es nach dem Fall aus wohlhabenden Verhältnissen schwerer fällt, damit umzugehen. Ich kann auch nicht verstehen, wei wenig fürsorglich sich der Ex-Partner verhält, weiss aber, dass das nach einer Trennung vielfach passiert und wüsche mir nur, selbst nie in diese Situation zu kommen.

Gleichzeitig ist da natürlich auch das Anspruchdenken, das viele Kommentatoren bemängeln. Frau studiert etwas brotloses, arbeitet dann unentgeldlich in der Firma des Mannes, treibt keine Vorsorge und es entsteht schon der Eindruck, als erwarte sie, von der Gesellschaft eine gutbürgerliche Existenz finanziert zu bekommen. ...


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NullAchtFuffzehn 28.04.2015 | 17:45

Sozialen Abstieg? Das kann jeden treffen und das ist nun mal so PUNKT Ob sich die Frau voher Gedanken über die Frauen gemacht hat die das leben also "unten"? Doof wenn es dann einen selber trifft. ... Also wenn die frau jetzt 5000 euro unterhalt bekommen würde könnte sie das ja alles tuen mit Selbstverwirklichung usw. Interessant ist das je mehr geld/vermögen menschen haben desto weniger kinder bekommen diese. Innerhalb einer gesellschaft! Und als ganzes kann man auch sehen je wohlhabender ein land ist desto weniger kinder. ... Meine mutter sagte mir mal "Wer kinder haben will muss verzichten lernen wird dafür aber mehr bekommen" Vieleicht ist es der zeitgeist den wir haben. Viel dreht sich nur noch um geld ...



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pleifel 28.04.2015 | 20:05
@Marlen Hobrack

"Eine Ehe hält nicht zwangsläufig ewig und man sollte für den Fall, dass sie scheitert, vorbereitet sein. Alles andere ist Naivität."

Stimmt, mit dem Tod ist jederzeit zu rechnen. ...


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kami 28.04.2015 | 21:56
@Magda

Ich hatte den Artikel als Anklage gelesen. Sie meinen, dass es sich ja nur um einen Bericht über die aktuelle Lebenssituation der Autorin handelt. Ein Text, zwei unterschiedliche Lesarten, wobei Ihre zweifellos die sympathischere ist.


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Anni 28.04.2015 | 23:26

Ich kann manche Kommentare nicht nachvollziehen, ich finde nicht, dass die Autorin überzogene Ansprüche hat und es geht auch nicht um die sterotype Konstellation Frau vs. Mann; sie macht ja nicht die Männer an sich für ihre Situation verantwortlich. Sie schildert und wie ich finde, sehr plausibel,  ihr persönliches Dilema, welches Rückschlüsse auf die gesellschaftliche Problemlage zuläßt.


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kami 29.04.2015 | 12:19
@dame.von.welt

Ich habe mit über das "verbockt" auch noch mal Gedanken gemacht. Wie man handelt bzw. auf was man achtet, hängt immer auch von dem ab, was als üblich gilt. In meinem Umfeld (viele Grund- und Hausbesitzer) ist es üblich auf das zu achten, was die Autorin unglücklicherweise versäumt hat. Eheverträge, Absicherung gegenüber dem Partner usw. sind selbstverständliche Maßnahmen, die bei der Eheschließung getroffen werden und es gilt als fahrlässig, keine entsprechenden Vereinbarungen abzuschließen.

Im Umfeld der Autorin spielt das vielleicht keine große Rolle, sodass es ihr gar nicht in den Sinn kam, sich angemessen abzusichern. Ihre heutige Situation wäre dann dem Umstand zu verdanken, dass sie eben auf sich allein zurückgeworfen war und ihr keiner die Wichtigkeit einer vertraglichen Absicherung nahegelegt hat: In meiner Umgebung hätte die Autorin sich vielleicht abgesichert, während ich in ihrer Umgebung mich vielleicht auch nicht abgesichert hätte. Ihr daraus einen Vorwurf zu machen, wäre dann auch wieder wohlfeil.

Jedenfalls liefert der Verlauf des Blogs doch Stoff zum Nachdenken.


Quote
Oberham 30.04.2015 | 10:42

Nur Zahlen - auch ein Kassensturz:

Ein deutscher Mittelschichtshaushalt beansprucht ca. das dreifache des ökologisch Vertretbaren an Resourcen.
Ein deutscher "Unterschichtenhaushalt" ist auf Sklavenarbeit und Massenproduktion angewiesen, um das herrschende Anspruchsdenken halbwegs befriedigen zu können.
Von der "Oberschicht"  - die wir alle nähren - darf jeder selbst die Anspruchshaltung vermuten,
auch jene der "gewöhnlichen" Artgenossen in Schwellen- und Entwicklungsländern.

Wer nun denkt, das gehört nicht hierher, das tut nichts zur Sache, der möge mir erklären, weshalb er so denkt.

Wie war das noch, alle Menschen sind gleich!

Oder gilt der Spruch bei einem Homo Ökonomikus nur für die theoretische Philantropie und die bleibt als Geschwafel eben unwirksam!

Solange ein Drittel der Menscheit in abolutem Elend lebt und ein anderes Drittel so tut, als hätte es ein Recht den Planeten zu verwüsten, damit der "Lebensstandart" gesichert, ja möglichst permanent "verbessert" wird, solange verachte ich jeden, der mitspielt.



Aus: "Neue Schuhe sind Luxus" Christine Finke (Ausgabe 1715 | 28.04.2015)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/neue-schuhe-sind-luxus

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein zentrales Thema in diesem Blog mit dem Titel “Mama arbeitet”, weil es ein zentrales Thema meines Lebens ist. Ebenso vertrete ich die Anliegen von Alleinerziehenden, die keine starke Lobby haben. Das alles mache ich hier rein privat, es gibt ganz bewusst keine Werbung. Es ist meine Spielwiese. (Christine Finke)
http://mama-arbeitet.de/
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« Reply #471 on: May 05, 2015, 09:58:31 AM »

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[...] Die bayerische Staatsregierung will Flüchtlingen aus den Balkanstaaten Arbeitsverbote erteilen. Wie die SZ berichtet, hat das Innenministerium die Ausländerbehörden angewiesen, „grundsätzlich keine Beschäftigungserlaubnisse mehr zu erteilen oder zu verlängern", wenn die Person aus einem der „sicheren Herkunftsländer" kommt. Das soll auch Menschen treffen, die schon eine Arbeitserlaubnis bekommen hatten und ihr eigenes Geld verdienen.

„Die Versagung der Beschäftigungserlaubnis soll deutlich machen, dass mit dem Stellen aussichtsloser Asylanträge nicht das Ziel einer Beschäftigung in Deutschland verfolgt werden kann", heißt es in der Weisung. Die Maßnahme soll vor allem Einwanderer aus Osteuropa abschrecken, die sich hier bessere Verdienstmöglichkeiten erhoffen—darunter auch viele Roma. Der Bayerische Flüchtlingsrat kritisiert die Taktik als „Balkanphobie"—und außerdem, dass sie gegen geltende Absprachen verstößt, nach denen ein generelles Arbeitsverbot für Flüchtlinge höchstens drei Monate gelten darf.

Offenbar hat die CSU vergessen, dass sie noch bis vor Kurzem mit der Parole „Keinen Zuzug in die Sozialsysteme" versucht hatte, AfD-Wähler abzugreifen. Denn welche Logik steckt dahinter, Flüchtlinge am Arbeiten zu hindern—so dass sie dann gezwungen sind, Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen?

Flüchtlinge aus dem Senegal oder Ghana, die jetzt auch als sichere Herkunftsländer gelten, müssen teilweise bis zu zwei Jahre auf eine Asyl-Entscheidung warten. Statt dass die Menschen in dieser Zeit arbeiten und in die Sozialsysteme einzahlen, will Bayern sie auf Staatskosten in überfüllten Flüchtlingsheimen auf Sparflamme durchfüttern. Kann ja nicht angehen, dass ein einheimischer Bayer mit einem Rom um einen Job konkurrieren muss—am Ende ist der Rom noch besser!

Abgesehen davon, dass es für Flüchtlinge zermürbend ist, jahrelang herumsitzen zu müssen: Man muss kein Genie sein, um zu verstehen, dass es teurer ist, jemandem den kompletten Unterhalt zu zahlen, als ihn selbst arbeiten zu lassen. In einem Interview für VICE erklärte der Ökonom Michael Clemens die Auswirkungen von Einwanderung auf den Sozialstaat so:

„Diese Auswirkungen sind etwas, das die Länder selbst bestimmen. Im Vereinigten Königreich sind Asylbewerber beispielsweise reine Sozialhilfeempfänger, weil sie dort nicht arbeiten dürfen. Das liegt daran, dass die dortigen Wähler eine Politik unterstützen, die es Asylbewerbern quasi verwehrt, Steuereinnahmen zu generieren. Einige der Wähler beschweren sich dann allerdings auch gleichzeitig darüber, dass die Asylbewerber keine Steuern zahlen."

Offensichtlich glaubt die bayerische Regierung, dass ihre Wähler ähnliche Probleme mit grundlegender Logik haben—und passt ihre Politik entsprechend an.


Aus: "Zur Abschreckung: In Bayern bekommen Flüchtlinge Arbeitsverbot" Matern Boeselager (30.04.2015)
Themen: Bayern, CSU, Flüchtlinge, Arbeitsverbot, Deutschland, Politik
Quelle: https://www.vice.com/de/read/zur-abschreckung-in-bayern-bekommen-fluechtlinge-arbeitsverbot-362

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[Das Ausfallhonorar... ]
« Reply #472 on: May 27, 2015, 12:08:20 PM »

Quote
[...] Die ARD hat Thomas Gottschalk gerade 2,7 Millionen Euro dafür bezahlt, dass er nicht moderiert. Das hat einige verstört. Besonders die chronisch unterfinanzierte "Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm", die den Vertrag nun öffentlich gemacht hat. Die Zahl kam zustande, weil die ARD Gottschalk einen Vertrag gegeben hatte, der ihm für die Moderation von 144 Folgen der Vorabendserie Gottschalk Live! 4,6 Millionen Euro eingebracht hätte. Allerdings hätte er nach 70 Sendungen die verbliebenen Zuschauer namentlich begrüßen können, so gering waren die Einschaltquoten. Deshalb setzte die ARD die Show ab, und das Ausfallhonorar wurde fällig. ... Aus dem Vertrag geht hervor, dass die ARD bereit gewesen wäre, Thomas Gottschalk fast fünf Millionen Euro dafür zu bezahlen, dass er moderiert. ...

Quote
ex_pyx, 26.05.2015
Ich persönlich finde solche Gehälter genauso pervers wie Millionengehälter für unsere Ledertreter der Bundesliga.
Aber: Brot und Spiele halten das Volk zufrieden - da ist jeder Euro von der Politik gut investiert: wer sich amüsiert hält halt das Maul.


Quote
Ullli, 26.05.2015
Das teure Staatsfernsehen dient nur der Bundesregierung
Es ist traurig, dass bei ziemlich armen Menschen in Deutschland für ein Jahr rückwirkend die sog. "GEZ- Demokratieabgabe" durch Gerichtsvollzieher eingezogen wird, während bestimmte Moderatoren - wie z.B. Günter Jauch - im Jahr über zehn Millionen Euro einkassieren.


Quote
    Heimweh04, 26.05.2015

"Ausfallhonorar"
... Ich finde, wir sollten dieses Modell unbedingt in unserer Arbeitswelt einführen: Wem vorzeitig gekündigt wird, dem sollte demnach sein entgangenes Gehalt-entweder bis zum Ende der Befristung oder bis zum Renteneintrittsalter weiterhin bezahlt werden....weil es gab da mal einen Vertrag....


...


Aus: "Gottschalks Herdprämie" (26. Mai 2015)
Quelle: http://www.zeit.de/kultur/film/2015-05/ard-gottschalk-honorar

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[Die Entwicklung der letzten Jahre... ]
« Reply #473 on: June 08, 2015, 03:22:16 PM »

Quote
[...] Im Jahre 2013 musste die Deutsche Post im Vergleich zu 2012 einen Umsatzrückgang um 0,8 % auf 55,080 Mrd. € hinnehmen. Dem entgegen erhöhte sich der Gewinn von 2,665 Mrd. € um 7,4 % auf 2,861 Mrd. € (Konzernergebnis von 1,640 auf 2,091 Mrd. €). Diese bedeutet eine Steigerung der Umsatzrendite von 4,8 % auf 5,2 %. Da sich das Ergebnis pro Aktie von 1,36€ auf 1,73€ erhöhte, soll auch die Dividende von 0,70€ je Aktie um 0,10€ angehoben werden.

Die Entwicklung der letzten Jahre zeigen ein ambivalentes Bild. Der Konzern erzielte im Jahr 2006 einen Umsatz von 60,5 Milliarden Euro und einen Gewinn (EBIT) von 3,87 Milliarden Euro. Verglichen mit 2005 wurden damit der Umsatz um 35,8 % und der Gewinn um 2,9 % gesteigert. Die starke Erhöhung des Umsatzes ist vor allem auf den Erwerb des Logistik-Konzerns Exel zurückzuführen. Das Jahr 2006 zeigte aber auch einen Rückgang des Netto-Konzerngewinns um 14,3 % auf 1,92 Milliarden Euro. Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass der Konzern im abgelaufenen Geschäftsjahr seinen Anteil an der Postbank auf 50 % plus eine Aktie verringert hat. Daher entfällt eine anteilig geringere Summe des Jahresergebnisses auf die Aktionäre der Deutschen Post. Die Dividende wurde von 0,70 auf 0,75 Euro angehoben, was einer Ausschüttungssumme von etwa 903 Millionen Euro entspricht.

Im Jahr 2007 erzielte der Konzern bei Umsätzen von 63,5 Milliarden Euro (+4,9 % gegenüber dem Vorjahr) einen Gewinn von 3,20  Milliarden Euro (−17,3 %). Für den Rückgang des EBIT macht die Deutsche Post Einmaleffekte wie eine Wertberichtigung des Anlagevermögens im Geschäftsbereich „EXPRESS Americas“ verantwortlich. Gegenläufig zum gesunkenen EBIT wurde die Dividende je Aktie gegenüber 2006 von 0,75 auf 0,90 Euro erhöht, um einen Ivestitionsanreiz zu setzen.

Im Jahr 2011 (2010) erzielte der Konzern bei Umsätzen von 52,83 (51,5) Milliarden Euro (+2,8 % Vorjahr) einen Gewinn von 2,44 (1,8) Milliarden Euro (gegenüber 231 Millionen Euro im 2009).

...


https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Post_AG#Kennzahlen (Stand: 08.06.2015)

---

Quote
[....] Was wir bei der Post gerade erleben, ist ein äußerst scharf geführter Tarifkonflikt, in dem beide Seiten nicht nur mit guten Argumenten versuchen, die Öffentlichkeit für sich einzunehmen. Hintergrund ist, dass die Post in ihrem Paketgeschäft die Löhne für neue Mitarbeiter massiv senken möchte. In neu gegründeten Tochter-Gesellschaften sollen zwar Tausende neue Jobs geschaffen werden, aber zu deutlich schlechteren Bedingungen als der komfortable Haustarifvertrag der Post. ...

...  Dagegen kämpft ver.di mit aller Macht - und mit Recht. Zwar zahlt die Post ihren Mitarbeitern tatsächlich deutlich mehr als die Konkurrenz, sie kann und sollte sich das aber leisten. Denn das Unternehmen steht glänzend da und fährt seit Jahren Rekordergebnis nach Rekordergebnis ein. In einer solchen Situation durch billigere Tochterfirmen eine Zweiklassengesellschaft zu etablieren, ist nicht gerechtfertigt und schadet dem Betriebsklima.

Wirklich dramatisch wäre es, wenn das Unternehmen tatsächlich das Streikrecht antastet und Mitarbeiter systematisch unter Druck setzt. Hier steht Aussage gegen Aussage. Die Post spricht von Einzelfällen, die Gewerkschaft will ein System dahinter erkennen. Bisher sieht es nicht so aus, als ob bei der Post tatsächlich flächendeckend Mitarbeiter eingeschüchtert wurden.

...


Aus: "Vorwürfe gegen die Post Ein Armutszeugnis" Torsten Beermann, WDR Köln (13.05.2015)
Quelle: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/post-streik-113.html

---

Quote
[...] Eine Umsetzung der Verdi-Offerte würden für den Konzern Mehrbelastungen von rund 300 Millionen Euro bedeuten. Für das Unternehmen würde dies „eine spürbare Verschärfung unseres bestehenden Wettbewerbsnachteils“ ergeben.


Aus: "Der unbefristete Streik der Postboten geht los" (08.06.2015)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/verdi-ruft-auf-der-unbefristete-streik-der-postboten-geht-los-13635637.html

---

Quote
[...] Insgesamt sind von dem Tarifkonflikt rund 140.000 Beschäftigte der Deutschen Post betroffen, Gewerkschaft und Arbeitgeber streiten sich um deren Bezahlung und Arbeitszeit. Konkret geht es im Kern um den Aufbau von 49 regionalen Gesellschaften für die Paketzustellung. Die dort beschäftigten rund 6000 Paketboten werden nicht nach dem Haustarif der Post bezahlt, sondern erhalten die oft niedrigeren Löhne der Logistikbranche.

Ver.di will erreichen, dass sie tariflich unter das Dach der Post zurückkehren. Im Gegenzug wollte die Gewerkschaft für 2015 auf eine lineare Lohnerhöhung verzichten, forderte aber eine Einmalzahlung von 500 Euro und ein Lohnplus von 2,7 Prozent für 2016.

Die Gewerkschaft hatte ihr Angebot mit einem Ultimatum versehen, das bereits am Donnerstag vergangener Woche ablief. Die Post lehnte die Forderungen am Montag explizit ab. Diese leisteten keinen Beitrag zur Zukunftssicherung für Mitarbeiter und Unternehmen, begründete Personalchefin Melanie Kreis. Der Ver.di-Vorschlag bedeutete eine Mehrbelastung von rund 300 Millionen Euro, so Kreis.

...

Quote
Was viele nicht wissen:
traurigeWahrheit heute, 14:30 Uhr

In der Paketbranche herrschen noch richtige Wildwest Methoden. Das es mit der Post/DHL überhaupt noch einen Anbieter gibt, wo gestreikt werden kann, ist ein Wunder. Normalerweise hat man es in dieser Branche nur mit (Schein)Selbstständigen zu tun. Hermes, UPS, GLS oder DPD umgehen so geschickt den Mindestlohn (Selbstständige bekommen keinen Mindestlohn) und zahlen auch keine Sozialabgaben (z.B keine Rentenversicherung, das erledigt dann der dumme Steuerzahler). Tja, und man hat den grossen Vorteil, das man sich nicht über so lästigen Arbeitnehmerrechten wie Streiks ärgern muss. Welcher Selbstständige streikt schon gegen sich selber? Hat schon was, diese (Schein) Selbstständigkeit!



Aus: "Deutsche Post: Briefträger und Paketboten streiken ab heute Nachmittag" (08.06.2015)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/deutsche-post-brieftraeger-und-paketboten-streiken-ab-montagnachmittag-a-1037724.html

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[Zunehmend berichten Projektentwickler... ]
« Reply #474 on: June 08, 2015, 04:25:49 PM »

Quote
[...] Wer in den nächsten Jahren in Frankfurt eine Hochhauswohnung sucht, hat die Qual der Wahl. Etwa 500 solcher Turmwohnungen sind im Bau, weitere sind in Planung. Deutschlands Stadt der Bankentürme hat nach zögerlichen Anfängen nun auch die Edel-Wohnhäuser für sich entdeckt. „Da steckt das ganze Thema Rendite, Sicherheit und Luxury drin“, charakterisiert Thomas Beyerle, Chef-Researcher des Immobilienkonzerns Catella, das Phänomen der wachsenden Türme, das in Ansätzen auch in Berlin, Stuttgart und München zu beobachten ist. So unterschiedlich die Vorhaben sind: Überall geht es um exklusives Wohnen.

... Zunehmend berichten Projektentwickler, dass das hochpreisige Marktsegment schon gesättigt sei. Tatsächlich halten sich in Frankfurt, aber auch in anderen Städten wie Düsseldorf, Köln und Hamburg die Inserate für die superteuren Wohnungen teils erstaunlich lang auf den Immobilienseiten. Wie es heißt, müssten die Anbieter den Käufern in einigen Fällen Zugeständnisse machen - durch direkten Preisnachlass oder durch Zugaben wie Einbauküche inklusive.

„Früher ging das Penthaus immer als Erstes weg. Heute ist das nicht mehr der Fall“, sagt etwa die Entwicklerin Iris Dilger, Geschäftsführerin der Wohnkompanie Rhein-Main. Nach ihrer Einschätzung ist die Zielgruppe, die sich in Frankfurt „High-End-Preise“ leisten kann, schon weitgehend bedient.

... Eine absolute Luxusimmobilie zeichnet sich für ihn durch ihre erstklassige Lage aus - und durch ein streng begrenztes Angebot. Die entsprechende Ausstattung ist selbstverständlich.

Alfred Hildebrandt, der sich um die Vermarktung des Porsche Design Towers kümmert, ist sich sicher, dass er das richtige Produkt hat. Er will den Turm auf jeden Fall hochziehen. „Wir haben das Objekt von vornherein so auf finanzielle Füße gestellt, dass es auch durchgezogen wird.“ Mitte 2018 soll es fertig sein - mit „Porsche Design Suiten“ und einem Abschlagplatz für Golfspieler.

Quote
Ludmilla Millenowitsch  1  (LuMiH) - 08.06.2015 15:22

In vielen Städten ist die Zielgruppe für Premium-Wohnungen begrenzt

Ach, echt?



Aus: "Wohnungsbau: Wer braucht schon so viel Luxus?" Rainer Schulze und Birgit Ochs (08.06.2015)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/immobilien/luxusimmobilien-13620797.html

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[Der Eindruck blieb... ]
« Reply #475 on: June 08, 2015, 04:36:27 PM »

Quote
[...] Im ganzen Jahr 2014 hat die Bank 1,6 Milliarden Euro an Bußgeldern gezahlt. Doch das Kapitel Rechtsstreitigkeiten ist noch lang nicht abgeschlossen. ... Nicht nur die Höhe der Strafen, auch das Verhalten der Bank bei der Aufklärung sorgte fortlaufend für Kritik. So hatten sowohl die britischen als auch die amerikanischen Behörden der Bank in der Aufarbeitung der Libor-Affäre Fehlinformation und Verzögerungstaktik vorgeworfen. Viele Aktionäre zeigten für solches Verhalten zuletzt wenig Verständnis. Für den von Jain und Fitschen mit großen Worten angekündigten Kulturwandel spreche es zumindest nicht, wie Redner auf der Hauptversammlung hervorhoben. ...

... Auch unmittelbar nach der Großrazzia im Jahr 2012, hatte sich Fitschen mit seinem Verhalten viel öffentliche Kritik eingehandelt. Denn unter dem Eindruck der hochgerüsteten Polizisten hatte sich Fitschen dazu hinreißen lassen, beim hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU) anzurufen und sich über das Vorgehen zu beschweren. In der Öffentlichkeit und auch in der Politik war das gar nicht gut angekommen. Der Eindruck blieb, da meine wohl einer, er stehe über dem Gesetz.

...


Aus: "Teure Skandale: Die Deutsche Bank wird zur Rechtsabteilung"  Tim Kanning (08.06.2015)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/die-deutsche-bank-wird-zur-rechtsabteilung-13634359-p2.html

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[Seit einigen Jahren sind auch... ]
« Reply #476 on: June 10, 2015, 11:54:28 AM »

Quote
[...] Die zirkuläre Migration hingegen wird als Win-win-win-Situation verkauft: Die spanische Landwirtschaft profitiert durch billige Arbeitskräfte ohne Folgekosten; die Saisonarbeiterin profitiert durch einen Lohn, der achtmal höher liegt als beispielsweise in Marokko; und das Herkunftsland profitiert, weil die Arbeitsmigration einen positiven und damit geradezu entwicklungspolitischen Effekt auf die wirtschaftliche Entwicklung dort hat – so werden jedenfalls die bilateralen Abkommen mit überwiegend afrikanischen Staaten begründet.

... Seit einigen Jahren sind auch subsaharische Afrikaner gern gesehene Saisonarbeiter in Andalusien. "Arbeitsam", "keine Konflikte", "bescheidener Lebensstil" sind nach Lindners Studie die Attribute, die Landwirte an ihnen schätzen. Diese Gruppe habe die wenigsten Probleme, sich an Hungerlöhne und miese Wohnverhältnisse – teilweise in Hütten ohne Strom und Wasser – anzupassen.

... Ihnen verdanken die spanischen Landwirte ihren sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg zu Unternehmern. Auch spanische Landarbeiter zählen zu den Profiteuren der Arbeitsmigration, sie stehen nicht mehr auf der untersten Stufe der sozialen Hierarchie.

...


Aus: "Spanien: Einmal Drecksarbeit und zurück" Susanne Kaiser (10. Juni 2015)
Quelle: http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-06/spanien-migranten-arbeitskraft-landwirtschaft

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[Im Fachjargon werden... ]
« Reply #477 on: June 11, 2015, 01:56:37 PM »

Quote
[...] Deutschlandweit geht es um rund 21.000 betroffene Jugendliche, schätzen die DJI-Experten - exakte Zahlen gibt es nicht. Im Fachjargon werden die Betroffenen als "entkoppelte Jugendliche" bezeichnet - sie fallen durch alle Raster. Eines der Probleme: Sie leiden "unter zunehmenden seelischen und psychosozialen Störungen", schreiben die Forscher. ...


Aus: "Ohne Ausbildung, Wohnung, Hilfe: Deutschlands vergessene Jugendliche" Armin Himmelrath (11.06.2015)
Quelle: http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/ohne-schule-ausbildung-wohnung-entkoppelte-jugendliche-a-1038121.html
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[Der Zutritt dorthin ist für... ]
« Reply #478 on: June 13, 2015, 01:13:13 PM »

Quote
[....] eine kleine, unscheinbare Bankkarte ist die Eintrittskarte für so vieles: in die Arbeitswelt, in den Wohnungsmarkt, in den Sportverein, letztendlich könnte man wohl sagen: in die deutsche Gesellschaft.

Der Zutritt dorthin ist für Flüchtlinge ohnehin alles andere als leicht und nicht selten wird er ihnen bei dem Versuch ein Konto zu eröffnen, noch einmal erschwert. Vergangene Woche schrieb das Bundesfinanzministerium einen Brief an die Deutsche Kreditwirtschaft und den Sparkassen- und Giroverband. Der Brief liegt der Süddeutschen Zeitung vor. Darin ist von mehreren Fällen die Rede, in denen Kreditinstitute und Sparkassen Asylsuchenden Konten verweigert hätten, in Bayern und Baden-Württemberg.

Nachfragen bei Flüchtlingsräten und -beratungen in anderen Bundesländern zeigen: Das Problem ist fast allen bekannt, egal ob in Hessen, Rheinland-Pfalz oder Sachsen-Anhalt. Noch besteht in Deutschland zwar kein Rechtsanspruch auf ein Konto, weder für Flüchtlinge noch für Deutsche. Doch zum einen haben sich die öffentlich-rechtlichen Sparkassen selbst zur Einrichtung eines Guthabenkontos für "jede Privatperson" verpflichtet. Zum anderen begründen die Banken ihr Vorgehen oftmals sehr zweifelhaft.

Da ist zum Beispiel die junge Frau aus Eritrea, die zum Sommer eigentlich einen Ausbildungsplatz hat - aber noch immer kein Konto, berichtet Gundula Pohl von der Flüchtlingsberatung des Diakonischen Werkes im hessischen Bad Hersfeld. Oder ein Flüchtling aus Gambia, der bei einer Fast-Food-Kette arbeitet und sein Gehalt vom Konto eines Kollegen ausgezahlt bekommen muss, berichtet ein Sozialarbeiter aus Baden-Württemberg. In beiden Fällen befinden sich die Geflohenen momentan noch im Asylverfahren und besitzen daher eine sogenannte Aufenthaltsgestattung. Sehr oft, auch bei den beiden, steht darin "die Personalangaben beruhen auf den eigenen Angaben des Inhabers", da die Betroffenen ihre Identität anders nicht belegen können. Die Banken argumentieren dann, dass solch ein Dokument kein zulässiger Ausweisersatz nach dem Geldwäschegesetz sei. In Paragraf Vier ist dort festgelegt, dass die Kreditinstitute die Identität ihrer Vertragspartner mit Hilfe eines gültigen Ausweises oder eines entsprechenden Ersatzes prüfen müssen.

Dabei ändert der Hinweis, dass die Angaben vom Inhaber selbst stammen, nichts daran, dass das Dokument als Ausweisersatz gilt. In seinem Schreiben wies das Bundesfinanzministerium die Banken darauf hin. Spricht man mit Flüchtlingsräten- und -beratungen, fallen immer wieder Namen unterschiedlicher Banken - das eine Kreditinstitut, bei der die Kontoeröffnung in jedem Fall an jedem Ort funktioniert, scheint es nicht zu geben. "Es gibt regionale Unterschiede, aber im Großen und Ganzen ist es egal zu welcher Bank man geht, das Problem taucht überall auf", sagt Sebastian Röder vom Flüchtlingsrat Baden-Württemberg.

Er sei mit dem Mann aus Gambia unter anderem bei der Sparkasse und der Postbank gewesen. Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband räumt ein, die Problematik sei bekannt, aber nur "im Einzelfall". Die Postbank möchte sich ohne Kenntnis der Namen und Adressen der Betroffenen nicht äußern. "Ob noch im Asylverfahren oder geduldet, ob bei der Sparkasse oder der Sparda-Bank: es geht gar nichts", sagt auch Gundula Pohl. Die örtliche Sparkasse in Bad Hersfeld beruft sich auf die Gesetzeslage, "diese müssen wir selbstverständlich beachten". Sollten Personen die Anforderungen nicht erfüllen, würden die Hintergründe erläutert. Die Sparda-Bank Hessen gibt an, sollte es zu Ablehnungen gekommen sein, handele es sich um "Einzelfälle". Seit Jahren haben vor allem auch geduldete Flüchtlinge immer wieder Schwierigkeiten Konten zu eröffnen. Wer geduldet ist, muss eigentlich aus Deutschland ausreisen, kann das aber momentan nicht, weil zum Beispiel der Reiseweg zum Rückkehrort versperrt ist oder das Land die Aufnahme verweigert. Auch hier berufen sich die Banken auf das Geldwäschegesetz, im Gegensatz zur Aufenthaltsgestattung sind die Duldungspapiere allerdings tatsächlich meist kein gültiger Ausweisersatz.

Das Problem liegt in diesem Fall also weniger bei den Banken als beim Gesetzgeber - was die Situation für die Betroffenen nicht einfacher macht: "Es ist geradezu der Regelfall, dass die Duldungspapiere nicht als Ausweisersatz ausgestellt werden", sagt Marei Pelzer von Pro Asyl. Denn dazu müsste der Flüchtling nicht nur seine Identität zweifelsfrei nachweisen, sondern auch, dass er, wenn er keinen Nationalpass hat, sich einen solchen unter zumutbaren Umständen nicht besorgen kann. Ist das nicht zu belegen oder ist die Ausländerbehörde der Ansicht, dass er den Pass aus eigenem Verschulden nicht bekommt, erhält er ein Duldungspapier, das ausdrücklich nicht als Ausweisersatz gilt. Für die Bank ist die Sache dann klar: abgelehnt, nächster Kunde.

"Dabei ist es nicht immer die Schuld der Flüchtlinge, dass sie keinen Pass haben oder keinen bekommen", sagt Karin Diehl, Rechtsanwältin für die Diakonie Hessen. Manchmal würden Botschaften generell keine Pässe ausstellen oder die Umstände seien eben nicht zumutbar: "Eritrea verlangt zum Beispiel die regelmäßige Zahlung einer Revolutionssteuer". Oft resultiere die Ablehnung in den Filialen auch aus Unsicherheit der dortigen Mitarbeiter, glaubt Nadja Hitzel-Abdelhamid von der Antidiskriminierungsstelle Brandenburg: "Die haben Angst, etwas falsch zu machen und gegen das Geldwäschegesetz zu verstoßen. Also lehnen sie lieber ab". Jurist Sebastian Röder sieht noch einen anderen Grund: "Flüchtlinge sind für Banken einfach keine attraktiven Kunden, unter dem Strich verdienen sie an ihnen nichts".

...


Aus: "Wenn Flüchtlinge kein Konto kriegen" (13.06.2015)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/verwehrte-teilhabe-wenn-banken-fluechtlingen-ein-konto-verweigern-1.2517913

"Das Recht auf ein Konto kommt Anfang 2016"
http://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-06/bankkonto-fluechtlinge
« Last Edit: June 13, 2015, 01:16:10 PM by Textaris(txt*bot) »
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[Die Studie legt zudem nahe... ]
« Reply #479 on: June 15, 2015, 09:45:42 PM »

Quote
[...] Trotz der aktuellen Mickerzinsen ist das private Geldvermögen 2014 um 11,9 Prozent gewachsen. Zu dem Ergebnis kommt eine neue Studie der Boston Consulting Group. Das Vermögen stieg von 146,8 auf 164,3 Billionen Dollar - ein Zuwachs von 17,5 Billionen Dollar. Das entspricht dem 4,5-fachen der gesamten Wirtschaftsleistung Deutschlands. Schon 2013 waren die privaten Geldvermögen um 12,3 Prozent gewachsen.

... Inzwischen haben private Haushalte mehr als das Doppelte dessen angelegt, was die Welt in einem Jahr erwirtschaftet. Dabei berücksichtigt die BCG-Studie noch nicht einmal den Besitz an Immobilien oder nicht-börsennotierter Firmen. Und der Trend setzt sich fort: Bis 2020 rechnet die Studie mit einem durchschnittlichen Vermögenswachstum von sechs Prozent - Jahr für Jahr. Der IWF prognostiziert für diesen Zeitraum in keinem Jahr ein Wirtschaftswachstum von mehr als vier Prozent.

Ähnliches hatte der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty "Das Kapital im 21. Jahrhundert" prophezeit: Demnach wachsen die Einkünfte aus Kapitalanlagen in der Regel stärker als die gesamte Wirtschaftsleistung. Er sieht darin eine wichtige Ursache für die zunehmende globale Ungleichheit.

Die Studie legt zudem nahe, dass die Vermögen nicht nur sehr ungleich verteilt ist - sondern auch, dass diese Ungleichheit weiter zunimmt. So besaßen (Dollar-)Millionärshaushalte im vergangenen Jahr 41 Prozent des gesamten privaten Geldvermögens. Im Jahr 2013 war es noch ein Prozent weniger. Die Zahl der Millionärshaushalte wuchs 2014 von 15 auf 17 Millionen (plus 13,3 Prozent), die meisten davon in den USA (sieben Millionen Haushalte), gefolgt von China (vier Millionen Haushalte). Bis zum Jahr 2019 werden Millionäre bereits 46 Prozent des weltweiten Geldvermögens besitzen, prognostizieren die BCG-Experten.

Warum vor allem die Reichen immer reicher werden, geht ebenfalls aus der Studie hervor. Von dem enormen Vermögenszuwachs im vergangenen Jahr wurden lediglich 27 Prozent wirklich neu angespart, etwa aus dem Arbeitseinkommen. Der weitaus größere Teil des neuen Reichtums, nämlich 73 Prozent, entspringt dem alten Reichtum: Es sind Zinsen oder andere Erträge des bereits angelegten Kapitals. 


Aus: "Studie zu Privatvermögen: Zahl der Millionärshaushalte wächst um über 13 Prozent" (15.06.2015)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/vermoegen-zahl-der-millionaershaushalte-waechst-weltweit-um-13-prozent-a-1038873.html

---

Quote
Umverteilungsorgie
peter78 heute, 18:29 Uhr
Das muss die linke Umverteilungsorgie sein, vor der die Reichen und Mächtige so furchbar viel Angst haben. ...


http://www.spiegel.de/forum/wirtschaft/studie-zu-privatvermoegen-zahl-der-millionaershaushalte-waechst-um-ueber-13-prozent-thread-308505-1.html#postbit_30414315

Quote
Nichts neues
ediart heute, 19:26 Uhr
... Die Oligarchen hier zu Lande sind sehr versöhnt mit unserer Regierung haben daher auch nichts zu fürchten.


http://www.spiegel.de/forum/wirtschaft/studie-zu-privatvermoegen-zahl-der-millionaershaushalte-waechst-um-ueber-13-prozent-thread-308505-3.html#postbit_30417941

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[Eine Frage der Perspektive... ]
« Reply #480 on: June 15, 2015, 10:02:49 PM »

Quote
[...] Im Bundestagswahlkampf 2013 präsentierten die Grünen ambitionierte Pläne: Sie wollten den Spitzensteuersatz erhöhen, das Ehegattensplitting abschaffen und eine Vermögensabgabe einführen sowie langfristig eine Vermögenssteuer. "Zeit für den grünen Wandel" war der Titel des Wahlprogramms der Partei – sozialer, besser, umverteilter sollte Deutschland werden.

Das Konzept fiel bei den Wählern durch, am Wahlabend blieb der Balken für die Grünen bei 8,4 Prozent stehen. Die linken Ideen hatten offensichtlich die kaufkräftigen Grünen-Wähler verschreckt: Schließlich wollten sie die Deutschen schon ab einem zu versteuernden Jahreseinkommen von 60.000 Euro mit dem Spitzensteuersatz belasten. Da fühlte sich mancher grün-affine Ingenieur oder ITler in Gefahr. Seitdem ist die Steuerpolitik ein schmerzhaftes Thema für Grüne.

...  Nun wollen die Grünen diesen Einstiegsbetrag deutlich anheben. "Die 60.000 Euro-Grenze war ein Fehler. Wir haben Menschen als reich definiert, die es nicht sind. Das widersprach unseren Zielen als Grüne, nämlich dass wir die steuerliche Mittelschicht entlasten wollen", sagt Deligöz, die für die Partei im Haushaltsausschuss sitzt.

...

Quote
    schlomoschorsch, 15.06.2014

Alles eine Frage der Perspektive
Ich verdiene nicht mal die Hälfte davon und zähle in meinem Freundeskreis noch zu den Großverdienern. ;-)


Quote
    Für die Überwindung der Unmenschlichkeit, 15.06.2014

... Der Denkfehler der sog. "Realos" (eine Definition des Begriffes spare ich mir, sonst wird mein Account gesperrt) liegt darin, zu glauben (glauben die das wirklich?), dass man Ökologie und Wirtschafts- und Sozialpolitik tatsächlich von einander trennen könnte.

Die Grünen regen sich über die Menschen auf, die nicht im Bioladen kaufen, sondern bei Lidl und Kik. Gleichzeitig ist es ihnen scheißegal, dass in Deutschland inzwischen jeder 5. Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor arbeitet. ...

... Ich nehme Ex-Pazifisten, die Kriege für ein probates Mittel der Politik halten, ohnehin nicht ab, dass ihnen die Ökologie irgendwie am Herzen liegt.



Aus: "Realos brechen mit dem Robin-Hood-Prinzip" (15. Juni 2015)
Quelle: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-06/gruene-steuer-vermoegenssteuer-plaene
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[In den letzten zehn Jahren... ]
« Reply #481 on: June 21, 2015, 01:35:21 PM »

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[...] Seit Tagen klingelt der Zusteller nicht mehr. In den Sortierzentren stapeln sich die Postsendungen bis unter die Decke. Geburtstagsgeschenke, Online-Bestellungen und Behördenbescheide bleiben liegen. Jeder vierte Brief und jedes fünfte Paket kommt zu spät.

Über 20.000 Postler streiken. In diesem Tarifkonflikt geht es nur vordergründig um mehr Lohn und weniger Arbeitszeit. Die Postbeschäftigten verweigern die Arbeit, um die Entwertung ihrer Arbeit zu verhindern. Sie wehren sich gegen die organisierte Tarif- und Mitbestimmungsflucht ihres Arbeitgebers. Der Vorstand des gelben Riesen unterläuft durch die Neugründung einer hausinternen Firma den eigenen Tarifvertrag. Ein Lohndumping-Trick mit dem bereits Schlecker und Karstadt auf den Bauch gefallen sind.

Im Januar gründete die Deutsche Post AG 49 neue Regionalgesellschaften, die DHL Delivery GmbHs. In den neuen Billiggesellschaften bekommen aktuell 6500 Paketzusteller weniger Lohn für gleiche Arbeit. Sie werden künftig nicht mehr nach dem Haustarifvertrag der Post AG, sondern nach den Tarifverträgen des Speditions- und Logistikgewerbes bezahlt. Die Zusteller müssen auf bis zu 20 Prozent ihres bisherigen Jahresgehalts verzichten. Die meisten Betroffenen waren zuvor bei der Deutschen Post AG befristet beschäftigt. In den letzten Jahren schuf der Post-Vorstand 26.000 befristete Stellen. Diese prekäre Arbeitskraftreserve hat das Unternehmen genutzt, um ihre Billigfirmen mit Personal auszustatten. Dabei setzte das Management den befristet Beschäftigten die Pistole auf die Brust: Gehaltskürzung oder Kündigung.

Mit der Gründung der DHL Delivery GmbHs bricht der Postvorstand einen mit ver.di ausgehandelten Vertrag zum Schutz vor Fremdvergabe. Der Vertrag schließt die externe und interne Fremdvergabe von Zustellbezirken bis Jahresende aus. Lediglich 990 Paketzustellbezirke durften im Pilotbetrieb von der Deutschen Post AG an andere Unternehmen vergeben werden. Für diesen Schutz verzichten die Beschäftigten unter anderem auf Kurzpausen und arbeitsfreie Tage. Auf den einseitigen Vertragsbruch hat ver.di mit einer Kündigung des Arbeitszeit-Tarifvertrags reagiert. Ver.di fordert jetzt eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf 36 Stunden bei vollem Lohnausgleich. Entweder soll der Vertragsbruch kompensiert werden, oder die Post AG setzt den Vertrag wieder in Kraft und wickelt die Regionalgesellschaften ab.

Post-Chef Frank Appel begründet die Lohnkürzungen mit mangelnder Wettbewerbsfähigkeit. Die Konkurrenten würden ihren Zustellern nur die Hälfte des Post-Tarifs zahlen. Deswegen sei eine Kürzung der Postgehälter unvermeidbar. Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich. Schließlich baut die Deutsche Post AG auf einem wachsenden Paketmarkt ihre Marktführerschaft Jahr für Jahr aus. Heute beherrscht der Bonner Konzern 43 Prozent des Paketmarktes. Vor fünf Jahren waren es lediglich 39 Prozent. Der gelbe Riese spielt in einer anderen Liga. Die Post AG hat das größte Zustellnetz und kann beim Ausliefern von Briefen und Paketen große Verbundvorteile realisieren. Diese hohe wirtschaftliche Leistungsfähigkeit beruht auch auf qualifiziertem Personal, dass gut bezahlt werden kann und muss.

Steigende Umsätze und eine hohe Produktivität lassen im Posttower die Kassen klingeln. Das Betriebsergebnis der Brief- und Paketsparte beläuft sich auf stolze 1,3 Milliarden Euro. Dies entspricht einer Umsatzrendite von 8,3 Prozent. Die Paketzustellung erwirtschafte zwei Fünftel des Konzerngewinns (EBIT). Letzterer verdoppelte sich in den letzten fünf Jahren auf fast drei Milliarden Euro. Kurzum: Die wirtschaftliche Lage der Post AG ist rosig. Das Unternehmen ist auf Wachstumskurs. Die notwendigen Zukunftsinvestitionen kann die Post AG problemlos aus ihren Gewinnen finanzieren.

Das gelbe Lohndumping hat allein den Zweck, die Taschen der Aktionäre zu füllen. Der Postvorstand hat seinen Anteilseignern bis 2020 ein jährliches Gewinnplus von acht Prozent zugesagt. Der Konzerngewinn soll auf fünf Milliarden Euro steigen. Ein solches weitreichendes Profitversprechen ist selbst unter Börsenschwergewichten unüblich. Mindestens die Hälfte des Gewinns soll an die Aktionäre ausgeschüttet werden. In den letzten zehn Jahren regneten mehr als acht Milliarden Euro auf die Eigentümer herab. Im laufenden Jahr wurde die Dividende wieder um sechs Prozent erhöht. Das ist Shareholder-Value-Kapitalismus pur. Postvorstand Appel, ein ehemaliger McKinsey-Berater, profitiert persönlich von der Aktionärspflege. Sein Jahresgehalt stieg letztes Jahr um 23 Prozent auf 9,6 Mio. Euro, davon sind 6,7 Mio. variabel.

Im Post-Tarifkonflikt hat die Politik eine besondere Verantwortung. Der Bund hält über die KfW-Bank 21 Prozent der Postaktien. Damit ist Berlin Hauptaktionär und im Aufsichtsrat vertreten. Die Tarif- und Mitbestimmungsflucht der Post AG verstößt gegen das Gemeinwohl. Das darf der größte Anteileigner nicht einfach durchwinken.

Doch damit nicht genug: Um den Widerstand der Beschäftigten und ihrer Gewerkschaft zu brechen, setzt die Post massiv Streikbrecher ein. Das Management versucht mit tausenden Beamten, Leiharbeitern, Werksvertragsnehmern oder mit Personal der eigenen Kunden den Betrieb aufrechtzuerhalten. Zu diesem Zweck hat der gelbe Logistikkonzern inzwischen sogar eine eigene Gesellschaft gegründet. So wird das Streikrecht ausgehöhlt. Hier muss die Politik einschreiten.

Die politisch gewollte Privatisierung und der Börsengang des ehemaligen Staatsmonopolisten haben den Renditedruck erhöht. Mit Steuermann Appel bestimmt die Logik der Kapitalmärkte die Geschäftspolitik. Die kurzfristige Entwicklung von Aktienkurs und Dividende ist wichtiger als die nachhaltige Entwicklung des Unternehmens mittels guter Arbeit und Investitionen.

Die europaweite Liberalisierung des Postmarktes hat die Einkommens- und Arbeitsbedingungen der Beschäftigten spürbar verschlechtert. In der Branche arbeitet heute jeder vierte Vollzeit-Beschäftigte für weniger als 2000 Euro. Viele Zusteller tragen nur als Minijobber oder Zeitarbeiter Briefe und Pakete aus. Jeder zehnte Postbote ist befristet beschäftigt. Die Arbeitsintensität und die körperlichen Anforderungen sind hoch, die Qualifizierungs- und Entwicklungsmöglichkeiten gering. Die Postliberalisierung ließ die Tariflandschaft erodieren. Anfangs unterschrieben die neuen Postdienstleister keine Tarifverträge, bekämpften Betriebsratsgründungen und versuchten die Gewerkschaft aus den Betrieben rauszuhalten. Das änderte sich erst mit dem erfolgreichen Kampf der Beschäftigten der Pin Mail AG für einen Haustarifvertrag. Heute sind DPD, UPS, Hermes und Andere in der Tarifbindung. Wildwest gibt es noch in der Zustellung. Nur die Post AG und UPS haben eine eigene tarifierte Zustellorganisation. Alle anderen Paketdienste arbeiten mit Subunternehmen.

Mitverantwortlich für die Entwertung und Entgrenzung der Arbeit im Postmarkt ist aber auch die arbeitsmarktpolitische Förderung unsicherer Beschäftigung. Die Entfesselung der Leiharbeit, die Förderung von Minijobs und Befristungen erhöhten den Druck auf Löhne und Arbeitsbedingungen. Deswegen können private Postdienstleister auf einem stark deregulierten Arbeitsmarkt legal Lohn- und Preisdumping betreiben. Der gesetzliche Mindestlohn wirkt dieser Abwärtsspirale entgegen, beseitigt aber nur die größten Verwerfungen.

Der geringen Entlohnung und sinkenden Arbeitsqualität in der Branche kann politisch entgegengewirkt werden. Eine gesetzliche Neuordnung der Leiharbeit nach dem Prinzip „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ würde Niedriglöhne zurückdrängen. Gleiches gilt für die Bekämpfung des Missbrauchs bei Minijobs und Werksverträgen. Darüber hinaus würde die Abschaffung der sachgrundlosen Befristung den Beschäftigten mehr Planungssicherheit geben.

Der Streik der Postler ist die härteste Auseinandersetzung beim gelben Riesen seit über 20 Jahren. In diesem Abwehrkampf geht es für die Beschäftigten und ihre Gewerkschaft um sehr viel. Sollte das Post-Management die ungleiche Bezahlung gleicher Arbeit erfolgreich durchsetzen, würde das neue Geschäftsmodell schnell Schule machen. Nach den Paketzustellern könnten die Briefträger ausgegliedert werden. So würde das gesamte Lohngefüge ins Rutschen geraten. Soweit darf es nicht kommen.

Die Post AG ist kein Sanierungsfall, sondern ein profitables Unternehmen. Vorstand und Aktionäre wollen aber ein noch größeres Stück vom Kuchen. Dafür sollen die Beschäftigten den Gürtel enger schnallen. Das ist mit ver.di nicht zu machen. Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben den Erfolg der gelben Post erarbeitet. Ihre harte Arbeit muss gut entlohnt werden. Den Missbrauch privaten Eigentums beantworten wir mit der Macht der organisierten Arbeit.



Dierk Hirschel war von 2003 bis 2010 Chefökonom des Deutschen Gewerkschaftbundes und ist seit 2010 Bereichsleiter Wirtschaftspolitik der Gewerkschaft Ver.di



Aus: "Rendite frisst gute Arbeit" Dierk Hirschel (19.06.2015)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/rendite-frisst-gute-arbeit

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[Am heutigen Dienstag um 19 Uhr... ]
« Reply #482 on: June 24, 2015, 11:54:51 AM »

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[...] Am heutigen Dienstag um 19 Uhr trifft die Queen am Flughafen Tegel ein, mit einem Sonderflugzeug der Marke Legacy 650. Empfangen wird sie vom Chef des Bundespräsidialamtes. Der Konvoi zum Adlon am Pariser Platz wird von 15 Weißen Mäusen begleitet, der Motorradstaffel der Polizei. Bereits eingetroffen ist ihr Royal Bentley: Den Wagen bringt sie gern mit, weil er große Scheiben hat, jeder rein- und sie rausgucken kann. Mit dabei ist natürlich auch Prinz Philip, 93, Herzog von Edinburgh, seit 67 Jahren sind die beiden verheiratet. Der Nahbereich des Hotels Adlon wird in der gesamten Zeit gesperrt, das betrifft auch die Behrenstraße. ...


Aus: "Elizabeth II. in Berlin - Das Programm der Queen - und die Sperrungen" Anke Myrrhe, Elisabeth Binder, Henrik Pommeranz (24.06.2015)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/berlin/elizabeth-ii-in-berlin-das-programm-der-queen-und-die-sperrungen/11953018.html

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[...]  Daniel Nicolai leitet seit 2001 das English Theatre in Frankfurt am Main, es ist mit etwa 70.000 Besuchern pro Jahr das größte englischsprachige Theater auf dem europäischen Festland. Der 51-Jährige wird beim Mittagessen der Queen im Frankfurter Rathaus mit ihr am Tisch sitzen.

"Die Einladung kam aus heiterem Himmel, es ist ein Ritterschlag für unser Theater. Die Queen und die Staatskanzlei richten damit einen Scheinwerfer auf uns, und das ist wirklich cool. Am Anfang habe ich mich sehr geehrt gefühlt, überhaupt dabei sein zu dürfen - ich hätte nie gedacht, der Queen wirklich nahe zu kommen. Inzwischen weiß ich aber, dass ich mit ihr, mit Volker Bouffier und Joachim Gauck und anderen an einem Tisch sitzen werde.

Von der Staatskanzlei gab es einen Brief mit Verhaltensregeln, darin steht zum Beispiel, dass man die Queen nicht nach Autogrammen fragt, sein Handy daheim lässt und sich erst hinsetzt, wenn sie Platz genommen hat. Auf solche Ideen wäre ich jetzt wirklich nicht gekommen, 'but you never know' es ist vielleicht besser, dass das Protokoll der Staatskanzlei 'Royale Hinweise' verschickt.

Am Theater schauen wir uns als Vorbereitung einen britischen Beitrag zu 'Royal Visits' an. Der Clip mit Mr. Bean heißt 'Meeting Royalty'. Jetzt weiß ich zumindest, was ich vermeiden sollte.

2006 durfte ich Prinz William kennenlernen, er war zur Fußball-WM nach Frankfurt gereist und wir haben uns bei einer Veranstaltung auf einem Gestüt getroffen. Händeschütteln, ein bisschen Smalltalk, das war's. Der Prinz war so klasse, britisch charmant und locker. Sagenhaft. Mit der Queen wird es sicher etwas förmlicher. Das Essen dauert etwa eine Stunde, und ich habe mir schon Gedanken zu einem möglichen Gespräch gemacht. Unsere Schnittstelle ist das Theater. Das ist für einen Einstieg ideal: weder politisch noch verfänglich, aber mit Optionen und hoffentlich trotzdem interessant.

Ich sitze an dem Tisch nicht als Privatperson, sondern als Vertreter des Theaters. Beinahe alle Mitarbeiter fragten als erstes: 'Was ziehst du an?' Ich denke, man sollte sich festlich kleiden, ein Theatermann hat da ziemlich viel Freiheit, man erwartet nicht, dass ich in 'black tie' erscheine.

Ob ich aufgeregt bin? Und wie! Zu viel Abgeklärtheit macht alt. ...

Quote
a.w.e.s.o.m.-o heute, 10:18 Uhr
Die Unterschiede zu BILD online kann man nur noch an der Anzahl der Rechtschreibfehler in den Kommentaren feststellen.

http://www.spiegel.de/forum/panorama/queen-elizabeth-ii-frankfurt-sie-ist-eine-wunderschoene-frau-thread-313713-1.html#postbit_30915466




Aus: "Queen Elizabeth II. in Frankfurt: "Sie ist eine wunderschöne Frau"" Protokolliert von Anna-Lena Roth (25.06.2015)
Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/elisabeth-ii-in-frankfurt-am-main-so-laufen-die-vorbereitungen-a-1039523.html

« Last Edit: June 25, 2015, 12:01:56 PM by Textaris(txt*bot) »
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[Herausfinden wollten die Wissenschaftler... ]
« Reply #483 on: June 25, 2015, 12:13:05 PM »

Quote
[...] Ein sicherer Arbeitsplatz schafft den Rückhalt und die materielle Sicherheit, die man für ein zufriedenes Leben braucht.  Diese Erkenntnis bestätigte Mitte Juni einmal mehr das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft in Köln [http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/die-deutschen-sind-gluecklich-iw-studie-zur-lebenszufriedenheit-a-1039204.html]. Nun hat sich eine Forschergruppe der Universität Münster des Themas aus der umgekehrten Perspektive angenommen, nämlich aus der Sicht von Menschen, die "atypisch" beschäftigt sind, wie die Soziologen es nennen: als Leiharbeiter, Minijobber oder Teilzeitbeschäftigte.

Diese "Arbeit abseits der Norm" bringe nicht nur weniger Geld ein als die der Normalarbeitnehmer - sie habe auch weitreichende Auswirkungen auf das Privatleben, schreiben die Forscher in ihrer aktuellen, von der gewerkschaftsnahen Hans-Boeckler-Stiftung geförderten Studie, die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Die damit verbundenen Risiken trügen vor allem Frauen.

Herausfinden wollten die Wissenschaftler, welchen Einfluss atypische Beschäftigungsverhältnisse auf Partnerschaft und Familie, soziale Netzwerke oder die gesellschaftliche Teilhabe haben. Eine Frage von zunehmender Bedeutung, denn in den vergangenen Jahrzehnten ist die Zahl der atypisch Beschäftigten deutlich gestiegen. Ein großer Teil des Jobwachstums seit den Neunzigerjahren ging auf die zunehmende Verbreitung solcher Beschäftigungsverhältnisse zurück. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes haben 2012 knapp acht Millionen Menschen so ihr Geld verdient.

Dabei betrachten die Forscher atypische Beschäftigung nicht pauschal als Teufelswerk, betonen aber den zwiespältigen Charakter: Während Arbeitnehmer befristete Stellen und Leiharbeit ganz überwiegend unfreiwillig und mangels alternativer Angebote übernähmen, sehe das bei Teilzeit- oder Minijobs auf den ersten Blick teilweise anders aus. Insbesondere Frauen entschieden sich häufig bewusst für einen solchen Job, um mehr Zeit für die Familie zu haben. Doch selbst wenn es sich "oberflächlich betrachtet" um eine freiwillige Wahl handele, steckten dahinter oftmals "strukturelle Zwänge", wie etwa fehlende Möglichkeiten der Kinderbetreuung oder die geringe Bereitschaft der Arbeitgeber, den Bedürfnissen von Familien Rechnung zu tragen.

Nicht verheiratete Paare trennen sich deutlich häufiger, wenn ein Partner in Leiharbeit beschäftigt ist oder wenn beide Partner atypische Jobs haben. Wobei unklar ist, ob die Arbeitssituation die Trennung tatsächlich auslöst. Bei Verheirateten sind hingegen keine signifikanten Abweichungen von den Durchschnittswerten zu beobachten.

Auch die Verankerung in sozialen Netzwerken scheint bei den Betroffenen weniger ausgeprägt. Sie können weniger auf den Austausch und die Unterstützung von Kollegen zurückgreifen als andere und sind auch weniger beteiligt, wenn es um die Vertretung von Arbeitnehmerinteressen gegenüber dem Arbeitgeber geht.

Zu Minijobs, Leiharbeit oder Teilzeit sehen die Forscher trotz der beschriebenen Nachteile auf absehbare Zeit keine Alternative. ...

Quote
Braucht es dafür eine Studie?
manuel.l. heute, 11:49 Uhr

Negativ wirken sich nicht nur die Unsicherheit und Unterbezahlung aus. Ein Job, der als "mies" deklariert wird; hinzu dem einzelnen keinen Spaß bereitet, schlägt sich logischerweise negativ auf das Gemüt aus. ...

http://www.spiegel.de/forum/wirtschaft/studie-zu-prekaer-beschaeftigten-mieser-job-mieses-leben-thread-313783-2.html#postbit_30920513

Quote
infonetz heute, 11:43 Uhr
Der Wähler bzw. die Mehrheit will es so und die Mehrheit profitiert auch davon das es viele mit geringem Einkommen gibt. Es ist nun mal so das es was Arbeit angeht ca. 70% sehr gut geht und ca. 30% schlecht. Das "witzige" ist ja das diese ca. 30% die jetzige Stütze unserer Wirtschaftsstärke sind. Das sagt ja selbst die Wirtschaft durch die Blume!

http://www.spiegel.de/forum/wirtschaft/studie-zu-prekaer-beschaeftigten-mieser-job-mieses-leben-thread-313783-1.html#postbit_30920121

...


Aus: "Studie zu prekär Beschäftigten: Mieser Job, mieses Leben" Michael Kröger (25.06.2015)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/arbeitsmarkt-prekaere-beschaeftigung-belastet-privatleben-a-1040484.html
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[Der Postvorstand kann... ]
« Reply #484 on: July 07, 2015, 10:11:17 AM »

Quote
[...] Der Ausstand ist beendet, es bleibt der Frust. Viele Postmitarbeiterinnen und -mitarbeiter fragen sich, wofür sie die vergangenen Wochen eigentlich gestreikt haben. Denn was die Gewerkschaft Verdi mit dem Postvorstand ausgehandelt hat, gleicht einer Kapitulationserklärung. Nach dem desaströsen Ende des Kitastreiks nun also die nächste Pleite.

Erneut enttäuscht die Gewerkschaft ihre Mitglieder. Freuen können sich hingegen die Aktionäre: Der Postvorstand kann an seinen aberwitzigen Renditezielen festhalten – auf Kosten der Beschäftigten. Die Postaktie machte direkt einen Freudensprung.

Es war ein Abwehrkampf gegen die Profitsucht des Konzerns – und Verdi hat ihn verloren. Erklärtes Ziel der Gewerkschaft war es, die Flucht der Post aus dem Haustarifvertrag zu verhindern. Deshalb sollten die Anfang des Jahres neu geschaffenen 49 Regionalgesellschaften für die Paketzustellung, in denen ein bis zu 20 Prozent niedrigerer Stundenlohn gezahlt wird, aufgelöst und die dort Beschäftigten wieder eingegliedert werden. Jetzt hat Verdi akzeptiert, dass es Paketzusteller erster und zweiter Klasse bei der Post gibt.

Was Verdi dafür bekommen hat? Sehr wenig. Der Lohnabschluss bleibt deutlich hinter denen in anderen Branchen zurück – und das, obwohl der ehemalige Staatsbetrieb Milliardengewinne schreibt. Die geforderte Arbeitszeitverkürzung fällt ganz aus. Immerhin gibt es eine Verlängerung des Kündigungsschutzes für die nächsten vier Jahre.

Das ist allerdings auch nur ein Jahr mehr, als es die Post von sich aus schon vor dem Ausstand angeboten hatte. Eines einmonatigen Streiks hätte es für dieses Ergebnis nicht bedurft.

Der Postvorstand hat mit harten Bandagen gekämpft, um Verdi kleinzukriegen. Sein Kalkül ist aufgegangen, weil der Gewerkschaftsführung jener lange Atem gefehlt hat, um diesen Arbeitskampf zu bestehen. Das ist eine Erkenntnis, die nicht nur für die Beschäftigten der Post bitter ist.

Quote
Seven, 06.07.2015, 22:51

Lieber Herr Beucker !
Ich möchte mich bei Ihnen bedanken für Ihre kritische Kommentar-Begleitung während unseres Streiks sowie natürlich alle anderen kritischen Kommentare, die ich lesen durfte.

Als Zusteller der Deutschen Post bin ich über das Tarifergebnis ... enttäuscht, um mal ein sehr entschärftes Wort zu bemühen.
Ich halte es für ein Kunststück von Verdi, grosse Teile der Bevölkerung, ja sogar der Politik hinter sich zu bringen und dann nach dem umfangreichsten Streik in der Geschichte des Unternehmens ein Ergebnis zu präsentieren, das einem Angebot der Arbeitgeberseite so sehr ähnelt.

"Gleicher Lohn für gleiche Arbeit !"

Dafür habe ich gekämpft, geträllert, gepfiffen und gejubelt. Mir wurde mehrfach beteuert... ich wurde geradezu angeschrien, dass es darum ginge !
Dass ich deswegen streike.
Und dieses Mal habe ich es wirklich geglaubt.
Und komme mir nun vor wie ein naiver Vollidiot im Regen.
Wie leer können Phrasen sein ?

Ich möchte noch auf Stefan Raab hinweisen, der da meinte, wie dämlich wir Postboten eigentlich sein könnten, wenn wir streiken... ?!
Dass wir die ganzen Berge ja dann doch noch wegbringen müssten... !
Tja, das steht uns ab morgen bevor.
In all seiner zynischen Schwachsinnigkeit hatte er recht.

Ich geh jetzt wohl besser schlafen, die nächsten Wochen werden Chaos pur.

Schade, Verdi. Wie schön wäre es gewesen, wenn es die Sache wert gewesen wäre.
So bleiben nur Resignation und Austritt.



Aus: "Kommentar Post-Streik: Fast schon eine Kapitulation" Pascal Beucker (06.07.2015)
Quelle: https://www.taz.de/Kommentar-Post-Streik/!5209956/

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[Dabei nahm der Sturz seinen Anfang 1989... ]
« Reply #485 on: July 09, 2015, 10:29:35 AM »

Quote
[...] Thomas Middelhoff (* 11. Mai 1953 in Düsseldorf) ist ein deutscher Manager. Er amtierte von November 1998 bis Juli 2002 als Vorstandsvorsitzender des Medienkonzerns Bertelsmann AG und von Juni 2004 bis Februar 2009 der Arcandor AG (bis 2007 KarstadtQuelle AG).

... Die Trennung zwischen Middelhoff und Bertelsmann im Juli 2002 ging auf Differenzen über die zukünftige Strategie des Unternehmens mit Reinhard Mohn, dem „Firmenpatriarchen“ der Bertelsmann AG, zurück. Strittig war insbesondere die Frage, ob das Unternehmen an die Börse gebracht und damit neues Geld zur weiteren Expansion beschafft werden oder ob die weitere Entwicklung aus dem Cashflow finanziert werden sollte. Weitere Streitpunkte waren auch Fragen der Unternehmenskultur. Middelhoff erhielt eine Abfindung in zweistelliger Millionenhöhe.

... In einem Rechtsstreit mit dem Arcandor-Insolvenzverwalter wurde Middelhoff am 9. September 2013 vom Landgericht Essen unter anderem wegen ungerechtfertigter Boni zur Rückzahlung von rund 3,4 Millionen Euro verurteilt. Middelhoffs Anwalt kündigte Berufung an.
Am 29. November 2013 berichtete Spiegel Online, Middelhoff habe einen Mahnbescheid über 120 Mio. Euro gegen die Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg und Hans-Gerd Jauch beantragt. Middelhoffs Anwalt begründete die Forderung mit „Imageschäden“ und „enormen geschäftlichen Schäden“. Die Insolvenzverwalter widersprachen der Forderung. ...

Am 14. November 2014 verurteilte ihn das Landgericht Essen wegen Untreue und Steuerhinterziehung zu drei Jahren Haft. Noch im Gerichtssaal wurde wegen Fluchtgefahr ein Haftbefehl erlassen und Middelhoff sofort in Untersuchungshaft genommen. Hintergrund war neben seinem ausländischen Wohnsitz unter anderem der Besitz eines zweiten Reisepasses mit einem Visum für China, den Middelhoff dem Gericht zu verbergen versucht hatte. Das Urteil ist derzeit nicht rechtskräftig. Nachdem die Gerichte zunächst mehrere Haftbeschwerden zurückgewiesen hatten, gewährte das Landgericht Essen Middelhoff Haftverschonung und entließ ihn am 29. April 2015 gegen Stellung einer Kaution in Höhe von 895.000 Euro aus der Untersuchungshaft. ...


Aus: "Thomas Middelhoff" (Stand 09.07.2015)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Middelhoff#Arcandor

---

Quote
[...] 104 Millionen Euro: So viel fordern die Gläubiger von dem ehemaligen Bertelsmann- und Arcandor-Chef Thomas Middelhoff. Dieser scheint nach Berichten von Süddeutscher Zeitung und WDR jedoch Vorkehrungen vor seiner Privatinsolvenz getroffen zu haben. Schon 2011 soll Middelhoff ein Anwesen in Bielefeld an eine Firma übertragen haben, deren Anteilseigner hauptsächlich seine Frau Cornelia und ihre fünf Kinder sind. Weitere Vermögenswerte in Form von Fondanteilen, Aktien und einem Festgeldkonto sollen ebenfalls von seinem Anwalt Hartmut Fromm verschoben worden sein, um diese vor dem Zugriff des Insolvenzverwalters zu schützen. Insgesamt sollen so Werte von 90 Millionen illegal vor dem 31.03.2015, dem Tag der Privatinsolvenz, "gerettet" worden sein. Thomas Middelhoff ist derzeit wieder auf freiem Fuß – gegen eine Kaution betrug 900.000 Euro.

Nun hat das Amtsgericht Bielefeld am 13. April den Middelhoff-Insolvenzverwalter Thorsten Fuest ermächtigt, alle Übertragungen rückgängig zu machen. Fuest soll Haus und Aktienanteile für die Gläubiger sichern und so Teile der Millionenschulden zurückzahlen. Erst kürzlich hatte der Insolvenzverwalter geklagt, er habe "keinen Cent" mehr bei Middelhoff gefunden, um die rund 50 Gläubiger zufriedenzustellen. Hauptgläubiger sind die Privatbank Sal. Oppenheim, die Sparkasse Köln/Bonn und der Unternehmensberater Roland Berger. Zudem schuldet Middelhoff dem Land Nordrhein-Westfalen noch Steuern in Millionenhöhe.

Middelhoff zeichnete vor seiner Insolvenz alleine und mit seiner Frau acht geschlossene Immobilienfonds über die Privatbank Sal. Oppenheim und den Troisdorfer Immobilienunternehmer Josef Esch. Sie dienten vor allem Steuerersparnissen für das enorme Vermögen Thomas Middelhoffs. Lange hielten die anderen Fondsgesellschafter wie Madeleine Schickedanz oder die Schuhdynastie Deichmann still, obwohl die Middelhoffs ihren finanziellen Pflichten aus den Beteiligungen schon lange nicht mehr nachkamen.

Nun jedoch haben sich die anderen Anleger bei sechs der Fonds darauf geeinigt, die Middelhoffs aus den Gesellschaften auszuschließen. Sie nutzten dafür einen Passus des Vertragswerks, der es erlaubt, Gesellschafter zu entfernen, die Privatinsolvenz beantragt haben. Im Fall Middelhoff muss nun ein neutraler Gutachter bewerten, wie viel welche Anteile wert sind und ob das Paar Middelhoff noch etwaige Ansprüche durchsetzen kann.

Widerstand kommt zudem von Middelhoff selbst. Seine Anwälte halten die Ausschlüsse für unwirksam und führen an, dass die Verantwortlichen der Oppenheim-Esch-Gruppe bei dem Beschluss der Gesellschafterversammlung befangen waren, weil sich Middelhoff seit 2012 im Rechtsstreit mit der Gruppe befindet.

Quote
   Moriz
    13.06.2015 20:45 Uhr

Wenn man die Causa Middelhoff in den letzten Jahren verfolgt hat, jetzt noch einmal die Ereignisse liest und die Summen, die dabei verschoben wurden, dann ist es nicht mehr schwer, sondern schlicht unmöglich da nur ansatzweise so etwas wie Mitleid aufzubringen.
Für Middelhoff nicht, für seine Frau nicht und auch nicht für seine Kinder.

Ich habe bislang noch keine Äußerung von ihm vernommen, in der er aufrichtiges Unrechtsbewusstsein kundgetan hätte.
Mein Eindruck ist, dieser Mann lebt gedanklich und mental immer noch komplett in seiner "alten Welt".
Wenn der wirklich immer noch nicht realisiert hat, was ihm da gerade widerfährt, dann ist der für mich ein Fall für eine Therapie, die ihm wieder "real-realistisches Realitätsbewusstsein" beibringt!


...


Aus: "Von wegen Insolvenz - Middelhoff verliert vor Gericht" (13.03.2015)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/vermoegen-bei-thomas-middelhoff-sichergestellt-von-wegen-insolvenz-middelhoff-verliert-vor-gericht/11912536.html

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Die Sal. Oppenheim jr. & Cie. AG & Co. KGaA ist eine deutsche Bank mit Sitz in Köln. Sie wurde 1789 als Privatbank gegründet und gehörte Angehörigen der Familie Oppenheim. Seit Oktober 2009 ist sie eine Tochtergesellschaft der Deutschen Bank. Schwerpunkt der Geschäftstätigkeit ist die Vermögensverwaltung. ... (Stand 09.07.2015)
https://de.wikipedia.org/wiki/Sal._Oppenheim

Quote
[...]  Er gehe „keiner Tätigkeit“ nach, gibt Christopher von Oppenheim vor Gericht an. Seine Einkünfte: unregelmäßig. Er ordne seinen Besitz, sagt er, „ein komplexes Konstrukt“, was bedeute, dass er Immobilien und Beteiligungen für Verbindlichkeiten abstoße, die ihm durch die Arcandor-Insolvenz entstanden sind. Im Strudel dieser Firmenpleite wäre auch Oppenheim untergegangen, ein Notverkauf an die Deutsche Bank konnte das Geldhaus 2009 retten. Doch die Eigentümerfamilien Oppenheim, Ullmann, Pferdmenges, Marx, Strasoldo und von Wrede, die sich für ihre Geschäfte und ihren großbürgerlichen Lebensstil Geld von der eigenen Bank liehen, sind nun Schuldner des neuen Inhabers. Und bei einigen, so heißt es, übersteigen die Forderungen die hinterlegten Sicherheiten bei Weitem. Es liegt in Trümmern, was über Jahrhunderte das Geheimrezept der Familienbank war, der Zusammenhalt der Stämme, der gesellschaftliche Status.

... Dabei nahm der Sturz seinen Anfang 1989 mit dem größten Deal der Firmengeschichte. Für drei Milliarden D-Mark verkaufte Alfred von Oppenheim die Colonia-Versicherung. Ein Coup. Das verschaffte der Bank die nötigen Mittel zur technischen Modernisierung. Die stille Bindung der Gesellschafter war auf Jahre hinaus gesichert, was Christophers Vater, wie er dem „Spiegel“ sagte, als sein „größtes Verdienst“ betrachtete. Er baute sein Haus in einen spezialisierten Anbieter von Finanzdienstleistungen um und band die edelsten Unternehmerfamilien des Landes an sich. Diese investierten große Summen ihrer Millionenvermögen in zum Teil geschlossene Immobilienfonds, die die Bank gemeinsam mit dem Immobilienentwickler Josef Esch als exklusive Anlagemodelle auflegte. Es finden sich Namen wie die des Schuhimperiums Deichmann unter den Investoren, des Autoteilezulieferers Benteler, der Douglas-Besitzer Kreke, des Verlegers Neven DuMont, des Bankerben Wilhelm von Finck sowie zuletzt des SGL-Carbon-Chefs Robert Koehler. Solche Kunden umwirbt jede Bank. Bei Sal. Oppenheim, dem Traditionshaus, gegründet im Jahr der Französischen Revolution, fühlten sie sich aufgehoben, verstanden von Leuten, die selbst große Privatvermögen besaßen, mit Geld also offenkundig umzugehen wussten.

Nun klagen sie in etlichen Zivilverfahren, nicht angemessen über Risiken aufgeklärt worden zu sein. Darunter frühere Topbanker anderer Institute. Wie gerade vor ihnen Investitionsrisiken verschleiert werden konnten, ist eine pikante Frage. Allerdings haben Gerichte zwei ehemaligen Bankern der Deutschen Bank bereits Recht gegeben. Einer hatte als Zeichner eines Oppenheim-Esch-Fonds hohe Summen in den Kauf und die Renovierung des Karstadt-Hauses in Potsdam gesteckt, das der Konzern dauerhaft mieten sollte. Was der Kläger Axel Pfeil nicht erfuhr, dass die Mietgarantie nur durch verdeckte Zahlungen an Karstadt zugesichert werden konnte. Mit der Pleite des Unternehmens war diese Garantie hinfällig - und der Kläger sah offenbar die Chance, sich seine Geld zurückzuholen. Denn im Übrigen war er auch nicht von der Abmachung zwischen Fonds und Karstadt unterrichtet worden, Einsparungen bei den Baukosten nur unter sich aufzuteilen. Die Investoren blieben außen vor.

Aus solchen Deals spricht nach Ansicht vieler Beobachter die Handschrift des Mannes, der aus einfachsten Verhältnissen stammend zum Zampano der Kölner Klüngelkultur aufstieg und als Schlüsselfigur im Oppenheim-Desaster gilt. Josef Esch, 57 Jahre alt, Immobilienspekulant, Vermögensberater, gelernter Maurer. Das Verfahren gegen ihn wurde gegen Auflage einer Zahlung in Millionenhöhe teilweise eingestellt. Keiner der Oppenheimer wollte ihn belasten. Seine Rolle, ob nun als „Graue Eminenz“ oder als „Erfüllungsgehilfe“ der Bank ist undurchsichtig. Entschieden haben allerdings immer die Banker selbst.

 Eschs Aufstieg zum Partner ist eng mit dem so genannten Bauherrenmodell verbunden. Mit ihm entziehen sich vermögende Kunden dem Steuerzugriff des Staates, indem sie ihre Einkommen mit Krediten für Bauprojekte belasten. Etliche solcher Unternehmungen realisiert Esch in den 70er Jahren. Bei Zahnärztekongressen in Davos kommt der Kontakt zu Sal. Oppenheim zustande. Esch überlässt dem Direktor für Vermögensverwaltung seine Kundenadressen. Er darf selbst ein Konto bei der Upper-Class- Bank eröffnen. Einen wie ihn hat man geradezu gebraucht.

Esch ist gut darin, die Vorgaben der Bank zu erfüllen. Vertrauen wächst. Seine Immobilienprojekte werden immer größer. 1993 steigt Sal. Oppenheim in Eschs Holding ein, die zur Oppenheim- Esch-Holding wird. Sie bietet einem erlauchten Kundenkreis ab den 80er Jahren exklusive Beteiligungen an, die durch garantierte Mietzinsen abgesichert sein sollen. Dass deren Höhe vom marktüblichen Preis nicht gedeckt ist, spiele für die Kalkulation keine Rolle, lässt er seine Anwälte vor Gericht argumentieren. Sicherheiten und Verpflichtungen, Zinsen und Mieteinnahmen seien für jedes Projekt so ausbalanciert, dass sich die steuerlichen Vorteile rechnen. So verpflichtet sich etwa die Stadt Köln Mieten für neue Messehallen zu zahlen, die sich lediglich an Eschs Kalkulationen orientieren, nicht jedoch am realen Markt. Sein Meisterstück liefert er mit der Köln-Arena – heute Lanxess-Arena – ab. Annähernd eine Milliarde Euro sammeln Oppenheim und Esch von über 70 Anlegern ein, die durchschnittlich zwölf Millionen Euro einbringen. Denn Esch hat es geschafft, dass in einem Nebengebäude des Hallenstadions das technische Rathaus der Kommune untergebracht ist, so dass Mieteinnahmen auf Jahrzehnte konjunktursicher fließen.

Mit dem engsten Führungszirkel der Oppenheim-Bank verfolgt Esch allerdings andere Ziele. In diesen Kreis steigt Christopher von Oppenheim nach dem Tod seines Vaters 2005 auf. Leider sei er nicht wie jener, nämlich „das Schwergewicht“ gewesen, „der Entscheider, ohne den nichts ging“, sondern sah sich beinahe entmachtet. Bankvorstand Matthias Graf von Krockow versuchte, ihn zur BHF-Bank abzuschieben, die Sal. Oppenheim für 600 Millionen Euro erworben hatte. Informationen bekam er nur spärlich, er wurde nicht automatisch ins Vertrauen gezogen, sondern musste nachhaken. „Ich fühlte mich abgeschnitten.“ Es habe nicht seinem Naturell entsprochen, meint er allerdings, sich gegen die starken Charaktere im Haus durchzusetzen.

So wurde um Einfluss gestritten in der Familie. Graf Krockow vertrat als Sprecher der obersten Gesellschafterebene auch die Interessen des Schlenderhahn-Stamms, dem er durch seine Ehe mit Ilona Baronin von Ullmann angehört. Der direkte Draht zu Esch ließ die Ullmanns immer wichtiger werden. Kritische Stimmen aus dem Gesellschafterkreis, die vor einer „Abhängigkeit“ warnten, wurden abgewimmelt. Aber Baron Oppenheim glaubte, der Machtverschiebung nur dadurch begegnen zu können, dass er bei den Geschäften mitmischte, die die anderen betrieben. So würde er wenigstens wissen, erläutert er, was vor sich ging. Heute nennt er es eine „familienpolitische Maßnahme“. Das "sensible Gleichgewicht" der Stämme wollte "nicht stören".

In der Bank hat sich da längst eine informelle Parallelstruktur für so genannte „Esch-Kredite“ gebildet. Mit ihnen finanzierten Oppenheim-Kunden ihre Fondsbeteiligung. Die Kredite wurden anders als üblich nicht vom Geschäftsführungsausschuss der Bank genehmigt, sondern von den Partnern an der Bankspitze. Selbst hochrangigen Mitarbeitern wurde gesagt, dass es ihnen dafür an Kenntnissen mangele. „Die Kultur des Bankhauses Oppenheim“, sagt ein ehemaliger Abteilungsleiter, sei nicht darauf ausgelegt gewesen, „kontrovers mit einem persönlich haftenden Gesellschafter zu diskutieren“. Für Christopher von Oppenheim ist diese Abschottung der Entscheider unter Umständen sogar geboten: „Wenn man bei solchen Transaktionen das tut, was im Normalfall geschieht“, erklärt er vor Gericht, „nämlich die Fachabteilungen einzuschalten, umfangreiche Informationen einzuholen, Chancen und Risiken abwägen zu lassen, dann sind diese Geschäfte in der Regel schon gestorben, ehe sie ins Leben gerufen werden.“ Die Bankführung wollte „schnell und autonom“ handeln können.

Danach handelten sie auch beim Verkauf einer Frankfurter Immobilie. Mit 51 Millionen Euro hatten die mit Esch verbandelten persönlich haftenden Oppenheim-Gesellschafter in den Fonds eingebracht, der das Grundstück in der Bockenheimer Landstraße für die Bank entwickeln sollte. Das Gebäude sollte Sitz der Investmentsparte werden. Die Bankführung vermietete als Immobilieninvestor also ein Gebäude an ihr eigenes Unternehmen. Auf dem Höhepunkt der Bankenkrise 2008 wollte sie von Vermietung nichts mehr wissen und betrieb den Ankauf von 95 Prozent ihrer Fondsanteile durch die Bank. Kaufpreis: 130 Millionen Euro. Wie hoch der dadurch entstandene Schaden ist, hat vor Gericht eine Phalanx von Gutachtern aufmarschieren lassen.

Fataler für das Bankhaus war allerdings, dass es sich auf Eschs Spiel mit dem ganz große Geld einließ. Er hoffte, über die Aktienpakete der Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz, deren Vermögensverwalter er war, Einfluss auf den mit Karstadt fusionierten Konzern zu gewinnen. Über die Motive ist man unter den Beteiligten uneins. Einerseits wollte man offenbar die Karstadt-Immobilien in besten Innenstadtlagen nach dem üblichen Fonds-Modell verwerten. Andererseits ging es schlicht darum, Schickedanz als Großkundin nicht zu verlieren. Und natürlich dürfte eine Rolle gespielt haben, dass Graf Krockow, sein Schwager und Chef im Aufsichtsrat Georg Baron Ullmann und Christopher von Oppenheim sich über eine Esch-Firma Kredite von der eigenen Bank besorgt hatten, um sie an Madeleine Schickedanz weiterzureichen. Verdeckt. Als mit zunehmender Schieflage des Schickedanz-Engagements im Arcandor-Poker die Frage auftauchte, ob die Bank ihre Einlagen bei der Erbin nachträglich absichern sollte, wurde die Kreditabteilung außen vor gelassen. Denn die „neigte zu unkontrollierten Vorstößen“, wie Chef von Krockow gestand. Und das konnte man bei einer Premiumkundin wie ihr nicht gebrauchen. So unterblieb die Absicherung abermals, obwohl sie von den Partnern beschlossen war.

Dazu müsse man wissen, führt Christopher von Oppenheim einmal aus, „dass es bei Sal. Oppenheim üblich war, Kredite auch ohne feste Sicherheiten zu vergeben“. Die Ausfallraten seien gering gewesen. Und als Sicherheit stand ja in diesem Fall er mit seinem Vermögen ein.

Graf Krockow konnte bis Oktober 2008 die Illusion aufrecht erhalten, dass er über die Achse Esch-Schickedanz über die Vorgänge im Konzern bestens unterrichtet sei. Im Grunde beschränkte sich sein Wissen auf das, was ihm Konzernchef Thomas Middelhoff am Telefon mitteilte. Auch dessen Vermögen war in Oppenheim-Esch-Fonds reichlich gebunden. Man fühlte sich offenbar im selben Boot. In seinem Geständnis sagt Graf Krockow, dass es "ein Leichtes" gewesen wäre, sich bei den über den Fortgang der Rettungsbemühungen zu erkundigen. Er hielt es nicht für nötig. Seinen Partnern hatte er gesagt, er kümmere sich darum.

An den Moment, als Christopher von Oppenheim merkte, wie einsam es um ihn wurde, kann er sich gut erinnern. Die Bankenaufsicht ermittelte wegen der Schickedanz-Kredite. Ihre Bürgschaften sollten in irgendeine Form der Besicherung umgewandelt werden. Festgeld oder Kredite, irgendetwas, das man abbuchen konnte. Oppenheim war dafür, doch Graf Krockow sträubte sich. Er ging telefonierend durch den Garten des Barons, suchte mit Esch nach einer Lösung. Schließlich eröffnete er dem verdutzten Partner, dass er nicht mehr die Mittel habe. Und überhaupt habe seine Bürgschaft jemand ganz anderem gegolten. Es würde an Christopher hängen bleiben, CvO, dem Letzten seines Zeichens.


Aus: "Oppenheim-Prozess: 380 Millionen Euro zum Wohle der Bank" Kai Müller (08.07.2015)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/oppenheim-prozess-380-millionen-euro-zum-wohle-der-bank/12024540.html

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Quote
[...] Die Luxus-Bankiers von Sal. Oppenheim kommen mit einem milden Urteil davon. Nur einer wandert in den Bau, die anderen erhalten Bewährungs- und Geldstrafen. Ein zum wiederholten Mal ertappter Ladendieb muss mit härteren Bußen rechen. Sind es mal wieder die Kleinen, die man hängt, und die Großen, die man laufen lässt?

Die Richterin im Landgericht Köln musste über Angeklagte urteilen, die an ihrer eigenen Großspurigkeit gescheitert sind. Nur zu gern spielten sie die Bankiers der Schönen und Reichen. Die Bilder von Champagner-Empfängen auf Sylt, Poloturnieren und Golfevents, von Zigarre rauchenden Herren und Damen mit großen Hüten, finden sich noch immer im Archiv der Bank. Es war eine schillernde Zeit, in der die Vermögensberater klaglos ihren Dienst versahen und den betuchten Sal.Oppenheim-Kunden das Gefühl vermittelten, dass Adel und Geldadel zusammen ein uneinholbares Team ergaben.

Die völlig überdimensionierte Investition in den damals schon maroden Karstadt-Nachfolge-Konzern Arcandor und dessen Pleite setzte diesem Treiben ein Ende. Weil die Topbanker in einer eigenen Glitzer-Welt lebten und daneben weder die Kreditvergabe noch das Risikomanagement in ihrer Bank im Griff hatten, schlitterten sie mit Arcandor in den Abgrund.

Sie zogen dabei ein traditionsreiches Geldhaus mit nach unten, sie vernichteten Arbeitsplätze, sie verschleuderten ein wenig von dem Vermögen ihrer außerordentlich betuchten Kunden, und sie verloren letztlich auch ihr eigenes Geld als persönlich haftende Gesellschafter. Darin besteht ihre Schuld.

Die kriminelle Energie eines Bankers vom Schlage Gerhard Gribkowsky, der sich bei der BayernLB am Verkauf der Formel eins bereicherte, hatte bei Oppenheim niemand. Und auch die Zocker-Gene, mit denen Banker die Pleite von Lehmann und damit die schwerste Krise ihrer Branche heraufbeschworen – diese Zocke-Gene waren in der Oppenheim-Führungsetage in Köln weniger ausgeprägt als anderswo.

Deswegen ist das milde Urteil gerechtfertigt. Es geht nicht um Sippenhaft für einen Berufsstand, in dem viele immer wieder über die Stränge schlagen, sondern es geht um eine Bewertung der Taten dieser Angeklagten. Und das ist der Richterin gelungen.


Aus: "Die Großen lässt man laufen?" Oliver Stock (09.07.2015)
Quelle: http://www.handelsblatt.com/unternehmen/banken-versicherungen/kommentar-zum-sal-oppenheim-urteil-die-grossen-laesst-man-laufen/12033414.html

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Quote
[...] Egal, ob der eine oder andere der Verurteilten in die nächste Instanz zieht oder nicht: Das wahre Ausmaß ihrer Schuld können Bewährungsstrafen und selbst Haftstrafen jedoch kaum angemessen sühnen.

Die Geldmanager haben durch haarsträubendes Managerversagen eine der einst größten Privatbanken Europas in den Notverkauf getrieben. Und sie haben mit ihrem Lebens- und Managementstil die bösesten Unterstellungen bestätigt, die der Klasse der Hochvermögenden gerade in Deutschland immer wieder gemacht werden. ...

Die Gründe für den dramatischen Niedergang von Sal. Oppenheim konnte und wollte der Strafprozess nicht ermitteln. Aber indem sie zu Prozessbeginn erst mal die Zuständigkeiten und Abläufe in der Bank ausleuchtete, hat Richterin Grobecker die haarsträubende Führungsunkultur ins Licht gezerrt, die bei Sal. Oppenheim Einzug gehalten hatte:

• Persönlich haftende Gesellschafter, die die Ratschläge ihres Fachpersonals ignorierten.

• Aufseher, die solange weg- statt hinsahen, wie ihre jährliche Gewinnbeteiligung floss.

• Top-Bankiers, die ihre E-Mails nur sporadisch lasen und es als Zumutung empfanden, regelmäßig in Luxemburg, wohin sie die Bank Mitte 2007 offiziell verlegt hatten (man ahnt, warum), zu Vorstandssitzungen zusammen zu kommen.

• Fondsgeschäfte, bei denen getrickst und getäuscht wurde, damit die Anleger bloß keinen Verdacht schöpften, dass mancher hochtrabende Renditeplan niemals aufgehen konnte.

Angesichts der Personals, das die Bank leitete, war all das nicht einmal überraschend. Als da waren:

• Mit Christopher von Oppenheim ein Erbe und einziger Namensträger, der offenbar nie Bankier werden wollte und die Rolle als Vorstand mehr schauspielerte als tatsächlich ausübte.

• Mit Matthias von Krockow ein Institutsleiter, der sich in Geltungssucht und Selbstüberschätzung einem Bankfremden völlig auslieferte, nämlich Esch.

• Mit Dieter Pfundt ein Investmentbanking-Chef, der mit seinen aggressiven Methoden ein immer größeres Rad drehte (am Ende wenig erfolgreich, übrigens), sich ansonsten aber bequem heraushielt und so das Kollektivprinzip im Vorstand Lügen strafte.

• Mit Friedrich Carl Janssen ein Risikochef, der als gestandener Wirtschaftsprüfer vieles hätte besser wissen müssen, dem aber wohl die Kraft fehlte, seinen Kollegen die simpelsten Prinzipien des Bankmanagements einzubimsen.

All das zeigt, was auch in noch so stolzen Familienunternehmen passieren kann, wenn sich ein überbordendes Selbstbewusstsein, genährt von vergangenen Erfolgen, paart mit einer übermäßigen Gier nach noch mehr Geld und furchtsamen Aufsichtsgremien, die sich mit einem "Wir wissen, was wir tun" abspeisen lassen.

... Zum eklatanten Managementversagen kommt der nicht gerade kleine Beitrag der Oppenheim-Banker zum Imageverlust der Klasse der Hochvermögenden. Fast jedes Klischee wurde bedient: Man leistete sich ein eigenes Schloss, eine eigene Fluglinie, feierte rauschende Partys, und finanzierte einen guten Teil dieses feudalen Lebensstils mit Krediten, die man sich zu Vorzugskonditionen von der eigenen Bank hatte ausreichen lassen.

Sinnbild dieses Neureichengehabes war der Zigarre paffende Sal.-Oppenheim-Aufsichtsratschef Georg Baron von Ullmann. Als die Deutsche Bank Sal. Oppenheim übernahm, standen die Ex-Gesellschafter, die von Oppenheims, von Krockows und von Ullmanns, mit fast 750 Millionen Euro im Soll. Die tonangebenden Gesellschafter benutzten die Bank wie einen Selbstbedienungsladen.

Dass die allermeisten Hochvermögenden in diesem Land auf Protzereien verzichten, ihre Unternehmen verantwortlich führen und, meist mehr leise als laut, ihre beträchtlichen Mittel auch gesellschaftlich sinnvoll einzubringen versuchen, ist nur deshalb einer Erwähnung wert, weil der Gegensatz dieser - leider zu oft schweigenden - Vermögenden-Mehrheit zu Charakteren wie den Kölner Ex-Bankiers so krass erscheint.

Dass diese nun die Quittung bekommen haben für ihre geschäftlichen und privaten Ausschweifungen, dürfte nicht wenige ihrer einstigen Klassen-Kameraden freuen. Mehr gesellschaftlicher Absturz ist kaum vorstellbar.

Verdient ist er allemal.


Aus: "Eine Bank als Selbstbedienungsladen" Aus Köln berichtet Christoph Neßhöver (09.07.2015)
Quelle: http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/urteile-im-sal-oppenheim-prozess-a-1042820.html

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[...] Sabine Rau zählt nicht zu jenen exponierten Wirtschaftsfiguren, die den offenen Kampf gegen Sal. Oppenheim aufgenommen haben - von der Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz über den früheren Karstadt-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff bis zum Schuhhändler Heinz-Horst Deichmann, dem früheren VW-Chef Carl Hahn und dem Erben Wilhelm von Finck junior. Die Hochschullehrerin sieht sich vielmehr als Vertreterin der größten Gruppe von Gläubigern, die viel Geld mit den Immobilienfonds rund um den schillernden Vermögensverwalter und Immobilienunternehmer Josef Esch verloren haben. „Von denen halten fast alle den Mund, weil sie sich fürchterlich schämen“, sagt Rau. „Viele haben sogar nachgezahlt bis an die Schmerzgrenze.“ ...

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Jens Frisch  5  (frischer) - 31.01.2013 13:14

Wer mit dem Teufel ins Bett geht braucht sich nicht wundern, wenn er am nächsten morgen Mundgeruch hat.
Der Esch-Oppenheim Fonds hat neue Messehallen gebaut, die ca. 120 Millionen wert sind.
Jedoch müssen die Kölner Bürger bis zu 360 Mio. € zahlen - auf 30 Jahre gestreckt.
Im Oktober 2009 stellte der Europäische Gerichtshof die Rechtswidrigkeit der Vergabe des Messebaus an den Oppenheim-Esch Immobilienfonds fest: Der werte Herr Esch hatte so ziemlich jeden wichtigen CDU und SPD Politiker der Stadt geschmiert. ...


...


Aus: "Millionärin prangert die Deutsche Bank an" Joachim Jahn (30.01.2013)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/ehemalige-sal-oppenheim-kunden-millionaerin-prangert-die-deutsche-bank-an-12045265.html

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Quote
[...] Nach 126 Verhandlungstagen in über zwei Jahren steht vor dem Kölner Landgericht der Prozess gegen die früheren persönlich haftenden Gesellschafter des Bankhauses Sal. Oppenheim kurz vor dem Abschluss. Bis zuletzt verwahrten sich Matthias Graf von Krockow, Christopher Freiherr von Oppenheim, Friedrich Carl Janssen und Dieter Pfundt gegen den Vorwurf der gemeinschaftlich begangenen Untreue. Sie, sowie der Bauunternehmer Josef Esch, der sich nur noch wegen Verstoßes gegen das Kreditwesengesetz verantworten muss, sind still geworden. Die Schlussplädoyers der Verteidigung übernimmt eine Armada von Advokaten, jetzt schlägt die Stunde der Staranwälte.

... Zu verurteilen seien schlussendlich zwei pflichtwidrige Entscheidungen der Banker, die damit einen Schaden von über einhundert Millionen Euro zu verantworten hätten: Der Ankauf von Anteilen an einer Frankfurter Grundstücksgesellschaft und die Beteiligung an der Arcandor AG im Jahre 2008 ("Die Angeklagten wussten, was sie wollten, und sie kannten die damit bekannten Schwierigkeiten"). Dennoch offenbarte das fünfstündige Plädoyer nicht nur entscheidende Indizien für pflichtwidrige Verstöße gegen Vermögensbetreuungspflichten, es skizzierte auch die eigenwillige Arbeitsweise der Protagonisten, welche eine finanzielle Erfolgsgeschichte sondergleichen generierte. Angefangen bei der Einsetzung des Josef Esch als Bauherrn und Generalunternehmer, über die Entwicklung fragwürdiger Steuersparmodelle für die höchstvermögende Kundschaft, hin zur Auflegung zahlreicher geschlossener Immobilienfonds im Rahmen der komplexen Esch-Oppenheim-Holding.
 
Esch war es auch, welchem die Millionenerbin Madeleine Schickedanz später ihr Vermögen anvertrauen sollte (1). Im Rahmen immer neuer Kredite wurde sie ab 2001 zur Großaktionärin des damaligen Karstadt-Quelle-Konzerns gemacht, die entsprechenden Geschäftsbeziehungen wurden über die Oppenheim-Bank abgewickelt, so die Staatsanwaltschaft. Der sukzessive Niedergang von Karstadt, bzw. Arcandor besiegelte 2008 nicht nur das Engagement von Schickedanz, sondern in der Folge auch das Schicksal der mittlerweile in Luxemburg residierenden Oppenheim-Bank. Das Risikomanagement hatte versagt.

Die Prozesstage im Juni waren den Verteidigern vorbehalten, die ihre Schlussplädoyers hielten. Analog zur Einschätzung der Staatsanwaltschaft wurde immer wieder auf das Jahr 2005 verwiesen: Ein Annus horribilis, an dessen Anfang der Tod des Patriarchen Alfred Freiherr von Oppenheim stand, was zu umfassenden strukturellen und personellen Veränderungen im Bankhaus führte. Im gleichen Jahr scheiterte das Delisting von Karstadt-Quelle, im Sommer übernahm Thomas Middelhoff den Vorstandsvorsitz. Unter seiner Ägide wurde der Konzern als Arcandor AG operativ neu aufgestellt, u.a. durch den Verkauf der begehrten Warenhausimmobilien an den Whitehall-Fonds (Goldman-Sachs), welche in der Folge teuer zurückgemietet werden mussten. Im Laufe seiner Amtszeit sank der Aktienkurs von ca. 10,- Euro im Jahre 2005 auf 1,30 Euro pro Wertpapier im Februar 2009 (2). Vier Monate später wurde in Essen die Einleitung des Insolvenzverfahrens beantragt. Middelhoff wurde im November 2014 wegen Untreue und Steuerhinterziehung zu drei Jahren Haft verurteilt und wegen Fluchtgefahr umgehend inhaftiert. Im April 2015 gewährte das Landgericht Essen Haftverschonung und setzte ihn gegen Zahlung einer Kaution auf freien Fuß.
 
Dies dürfte den in Köln angeklagten Bankiers erspart bleiben. Rechtsanwalt Dr. Daniel Krause verwahrte sich gegen den Vorwurf, sein Mandant Graf von Krockow habe anmaßend und eigenmächtig gehandelt. Die sich aus dem Aktiengesetz ergebende Rechtswirkung sei ihm nicht bewusst gewesen. Zwar räumte er pflichtwidriges Verhalten gegenüber der Gesellschaft ein, der Pflichtenmaßstab sei jedoch auf luxemburgisches Gesellschaftsrecht abzustellen, wo Sal. Oppenheim ab 2007 residierte. Er appellierte im Hinblick auf die Strafzumessung "eine Entscheidung zu treffen, die dem Grafen eine Perspektive lässt." Die Apologien der anderen Angeklagten ähneln sich in der Argumentationsstruktur frappierend. "Eine Gefängnisstrafe wäre für einen solchen Mann (...) nicht schuldangemessen" postulierte Norbert Scharf, Anwalt des Barons von Oppenheim.
 
Auch Franz Salditt hob als Verteidiger von Friedrich Carl Janssen hervor, "dass es in seinem Leben einen strafrechtlichen Schatten nicht gegeben hat." Im weiteren Verlauf seines Plädoyers sezierte er die Trennschärfe zwischen Vorsatz und Fahrlässigkeit, lotete den Grenzbereich von "grob fahrlässig" bis "bedingt vorsätzlich" aus, stellte dem voluntativen Vorsatzelement die Würdigung der Billigung entgegen. Immer wieder wird auch "hohe Zeitnot" bemüht, die "schwer zu rekonstruierende chaotische Lage." Auch der für den Investmentbereich zuständige Dieter Pfundt habe nicht vorsätzlich gehandelt, räume aber ein, sich geirrt zu haben. Sein Anwalt Felix Dörr plädierte am 19. Juni, dem letzten Verhandlungstag, dementsprechend auf Freispruch. Der Einfluss der Nichtfamiliengesellschafter (Pfundt) sei im Bankhaus ohnehin traditionell deutlich geringer als der Einfluss der beiden adligen Familienstämme Lindenallee (Oppenheim) und Schlenderhan (von Krockow).
 
"Was der Bank nutzte, nutzte der Familie" (Salditt). Diese verhängnisvolle Verwobenheit mag über zwei Jahrhunderte Gültigkeit besessen haben, durch den eklatanten Niedergang des Hauses ist sie einstweilen geschichtlich überholt. Damit ist die Aufarbeitung der Geschäfte von Sal. Oppenheim allerdings noch lange nicht abgeschlossen. Es stehen zahlreiche Zivilprozesse an, in denen private Fondsanleger nicht erfüllte Renditeerwartungen geltend machen wollen. Auch die strafrechtliche Aufarbeitung scheint sich zu einem Fortsetzungsroman zu entwickeln. So berichtete die Süddeutsche Zeitung am 15. Juni 2015, dass Steuerprüfer und Staatsanwälte 28 Büros und Wohnungen durchsucht hätten, offenbar vor allem von Klienten von Sal. Oppenheim. Die Zeitung spricht von "schwerreichen Familien" und "vermögenden Kapitalanlegern". Der Verdacht: Steuerhinterziehung (3).
 
Der denkbar größte Schaden dürfte allemal der sein, der juristisch bislang kaum beleuchtet wurde: Der öffentlichen Hand wurden im Zuge zahlreicher Privatisierungen von Wohnungsgesellschaften und Stadtwerken elementare Teile ihrer Daseinsvorsorge entzogen. Beliebtes Modell waren zumeist sogenannte PPP-Vereinbarungen (Public-Private-Partnership), die eigentlich stets nach demselben Muster gestrickt sind: Immer zu Gunsten des Investors, immer zu Lasten der Allgemeinheit. Beteiligt war nicht selten das Bankhaus Oppenheim, so in Berlin, Bonn, Cottbus, Dresden, Gera, Kiel, Cuxhaven, Göttingen, Solingen, Bielefeld und Hanau (4). Auch die nur knapp gescheiterte Privatisierung der 42.000 Wohnungen der Kölner Wohnungsbaugesellschaften GAG und Grubo wurde von der Bank vorbereitet, die für ihr Gutachten drei Millionen Euro kassierte (5). Dies alles waren allerdings "peanuts" im Vergleich zu den großen Immobiliengeschäften, die im Verlauf der 2000er Jahre getätigt wurden. Nachdem die rot-grüne Bundesregierung mit dem Gesetz zur steuerlichen Freistellung von Veräußerungsgewinnen die Büchse der Pandora geöffnet hatte, wurden etliche geschlossene Immobilienfonds aufgelegt, welche die kommunalen Haushalte noch jahrzehntelang belasten werden.

So realisierte die Oppenheim-Esch-Holding in Köln den Komplex KölnArena/Technisches Rathaus, das Bezirksrathaus in Nippes, die Fernsehstudios in Ossendorf und das Dumont-Carree. Ihr vermeintliches Meisterstück aber war der Neubau der Kölner Messehallen. Weil das komplizierte Dreiecksgeschäft zwischen der Stadt, der Messe Köln und dem Fonds nicht ordnungsgemäß vergeben wurde hat der Europäische Gerichtshof 2009 die Rechtswidrigkeit des Deals festgestellt (6). Tatsächlich räumte der ehemalige Oberstadtdirektor Lothar Ruschmeyer, der nach Ende seiner Amtszeit ungeniert in die Geschäftsführung des Esch-Fonds wechselte, schon 2005 ein, dass es keine Ausschreibung, sondern nur eine "Art Ausschreibung" gab (7). Wenige Tage zuvor kam der WDR zu dem Ergebnis, dass die Stadt 360 Millionen Euro hätte sparen können, wenn sie mithilfe eines Kommunalkredits selber gebaut hätte. Der ehemalige Regierungspräsident Franz-Josef Antwerpes sprach von einem starken Stück ("Dann wurde ja der Rat gelinkt, aber nach Strich und Faden"), während der damals amtierende OB Fritz Schramma an dem kostspieligen Geschäft nichts Anrüchiges entdecken mochte. Er verteidigte die Vergabe an den Esch-Fonds mit der legendären Wortschöpfung, diese Angebot sei das "vorzugswürdigste" gewesen (8).

Getreu der lateinischen Binsenweisheit, dass es schwierig sei, darüber keine Satire zu schreiben ("Difficile est saturam non scribere"), verfasste der Kölner Kabarettist Heinrich Pachl das Theaterstück "Köln ist Kasse" welches 2006 uraufgeführt wurde. Ein skrupelloser Investor, ein willfähriger Lokalpolitiker und ein strippenziehender Verwaltungschef stehen im Mittelpunkt dieses bösen Kaleidoskops aus Klüngel und Korruption. "Die Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist quasi Sachzwang" erläuterte Pachl anlässlich seiner Inszenierung, die allein im Kölner Bauturm-Theater über 70 Mal aufgeführt wurde (9). Eine weitere lateinischen Binse, wonach über die Toten nichts, außer Gutes zu berichten sei ("De mortuis nil nisi bene") hinderte Werner Rügemer nicht daran, das Buch "Der Bankier - Ungebetener Nachruf auf Alfred Freiherr von Oppenheim" zu veröffentlichen (2006, Nomen Verlag, FfM). Dieses Buch verdankt seine Popularität vor allen den zahlreichen Prozessen, die von den Oppenheim-Anwälten angestrengt wurden und über die in der NRhZ berichtet wurde.
 
Es ist trotz einiger Schwärzungen auch heute noch äußerst lesenswert, zumal insbesondere die Aspekte Parteienfinanzierung, Arisierung oder eben die exorbitanten Vermögenssteigerungen juristisch gar nicht erst beanstandet wurden. Auch die abschließende Passage zum Komplex KölnArena/Rathaus ist nach gerichtlicher Prüfung wieder erlaubt: "Die Anmietung des Rathauses durch die Stadt (Köln) beim Investor Esch-Oppenheim auf die 30 Jahre Mietzeit gerechnet, erweist sich mit den Verpflichtungen im Kleingedruckten als ungleich teurer, als wenn die Stadt das Rathaus selbst hätte bauen lassen" (10).
 
Zusammenfassend kann bilanziert werden, dass es sich bei alledem zuvor Beschriebenen um nichts anderes als dreiste Umverteilung von unten nach oben gehandelt hat. Wenn die gewählten Konstrukte, Schutzmechanismen und Lügengebäude nun sukzessive zerfallen, möchte man Anthony Quinn als Alexis Sorbas zitieren: "Hast du jemals erlebt, dass etwas so bildschön zusammengekracht ist?"
 
Die Urteilsverkündung beim Landgericht Köln ist für den 9. Juli 2015 angekündigt. (PK)
 
Michael Scheffer war Mitglied der Initiative "BürgerInnen gegen Esch-Oppenheim" (BEO), die im vergangenen Jahrzehnt durch diverse Publikationen, Demonstrationen und Infoveranstaltungen versucht hat, Politik und Gesellschaft für die oben beschriebenen Aktivitäten zu sensibilisieren.
 
Quellen:
 
(1) http://www.zeit.de/2012/05/DOS-Immobilien-Esch
 
(2) https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Middelhoff
 
(3) http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/sal-oppenheim-geldadel-unter-verdacht-1.2522811
 
(4) Werner Rügemer: Privatisierung in Deutschland, Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2006, Seite 102
 
(5) Ebenda, Seite 132
 
(6) http://www.stadtrevue.de/archiv/archivartikel/2367-erschtternde-bilanz/
 
(7) http://www.ksta.de/koeln/-ich-habe-mich-als-opfer-gefuehlt-,15187530,13846872.html
 
(8) WDR-Reihe "die story", Ingolf Gritschneder und Georg Wellmann: Das Milliarden-Monopoly, 4.7.2005
 
(9) http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=10091
 
(10) http://www.nachdenkseiten.de/?p=2099


Aus: "Eins der größten Wirtschaftsverfahren der Nachkriegszeit geht zu Ende - Die Kölner Herren der Welt"
Michael Scheffer (Online-Flyer Nr. 517  vom 01.07.2015)
Quelle: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=21768
« Last Edit: July 09, 2015, 05:00:09 PM by Textaris(txt*bot) »
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[Die Reimanns machen bei Wella das Rennen... ]
« Reply #486 on: July 09, 2015, 05:05:54 PM »

Quote
[...] New YorkDer Konsumgüterkonzern Procter & Gamble aus den USA verkauft seine Kosmetikmarken wie Wella oder Oil of Olaz an den US-Kosmetikkonzern Coty. Coty zahle 12,5 Milliarden Dollar (11,3 Milliarden Euro) und bekomme dafür insgesamt 43 Marken, teilte P&G am Donnerstag mit. Das US-Unternehmen Coty wird von der deutschen Milliardärsfamilie Reimann kontrolliert.  ...


Aus: "Die Reimanns machen bei Wella das Rennen" (09.07.2015)
Quelle: http://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-konsumgueter/coty-sticht-henkel-aus-die-reimanns-machen-bei-wella-das-rennen/12034348.html

Quote
[...] Die Unternehmerfamilie Reimann aus der Umgebung von Mannheim und Heidelberg ist eine der wohlhabendsten Familien Deutschlands. Sie belegte 2012 mit einem geschätzten Vermögen von elf Milliarden Euro Rang vier in einer Liste der reichsten Deutschen. Die Familie hält über die ihnen gehörende Finanzholding Joh. A. Benckiser SE indirekt ein Anteil von 15,42 % am Reinigungsmittelhersteller Reckitt Benckiser, einem englischen Weltkonzern mit neun Milliarden britischen Pfund Umsatz, der an der Londoner Börse notiert ist.

...


Aus: "Reimann (Unternehmerfamilie)" (Stand 07/2015)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Reimann_%28Unternehmerfamilie%29

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[Denn auch wenn statistisch gesehen... ]
« Reply #487 on: July 14, 2015, 04:35:22 PM »

Quote
[...]  Denn auch wenn statistisch gesehen das durchschnittliche Einkommen der Polen heute bei rund 1.000 Euro brutto liegt, so verdienen doch die meisten „Durchschnittlichen“ nicht viel mehr als rund 520 Euro brutto. Eine durchschnittliche Rente liegt bei rund 500 Euro. Darüber hinaus gibt es ein großes Problem mit den sogenannten „Müllverträgen“: Arbeitnehmer genießen keinen Schutz wie bei normalen Arbeitsverträgen üblich.

Sie können von einem Tag auf den anderen entlassen werden, erhalten keine Abfindung und haben weder eine Kranken- noch eine Rentenversicherung (außer sie zahlen sie selbst). Sie unterliegen nicht dem normalen Arbeitsrecht, erhalten wegen der unsicheren Einkommenssituation keinen Kredit bei einer Bank usw. Schätzungen zufolge arbeitet rund jeder sechste Pole auf der Basis eines solchen „Müllvertrags“. Das sind rund 1,6 Millionen Bürger, die meisten davon junge Menschen. ...


Aus: "Debatte Polens Blick auf Griechenland: Kein Mitleid mit Athen"
Roman Imielski, Aus dem Polnischen Gabriele Lesser (14. 7. 2015)
Quelle: https://www.taz.de/Debatte-Polens-Blick-auf-Griechenland/!5212222/

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[In einem Praxishandbuch... ]
« Reply #488 on: July 27, 2015, 04:09:16 PM »

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[...] In einem Praxishandbuch der Bundesagentur für Arbeit wird darauf hingewiesen, dass nicht der Anwalt, sondern der Kläger – also der Arbeitslose – Anspruch auf Kostenerstattung habe. Und weiter: „Vor jeder Auszahlung von zu erstattenden Kosten (…) ist zu prüfen, ob gegen den Kostengläubiger Forderungen seitens des Jobcenters bestehen, die aufgerechnet werden können.“ Im Klartext heißt das: Wenn Arbeitslose dem Jobcenter Geld schulden, ist es gewünscht, dass das Anwaltshonorar mit diesen Schulden verrechnet wird. Die Anwälte gehen dann leer aus.

Das hat auch Folgen für die Menschen, die sie vertreten. „Wenn man seine Kosten nicht reinbekommt, kann es für Arbeitslose schwierig werden, einen Anwalt zu finden“, warnt Lara Heitmann, Sozialrechtsanwältin in Neukölln. Auch sie bekam in zwei Fällen das Honorar wegen der Schulden ihrer Mandanten nicht ausgezahlt. Viele Jobcenter erstatteten die Gelder nach wie vor, so ihre Erfahrung. Doch gerade in Friedrichshain-Kreuzberg häuften sich die Probleme. Von KollegInnen habe sie zudem von Fällen in Pankow und Spandau gehört.

„Für Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte wird es immer schwerer, den sozial Schwachen einen wirkungsvollen Zugang zum Recht zu gewährleisten“, kritisiert Marcus Mollnau, Präsident der Rechtsanwaltskammer Berlin, gegenüber der taz. Stattdessen würden sie für ihr Mitwirken an der Erteilung rechtmäßiger Bescheide „bestraft“. Seine Kammer setze sich dafür ein, „die gesetzlichen Regelungen zu ändern und ein Aufrechnungsverbot zu verankern“.

Bei der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg reagiert man gelassen auf die Vorwürfe. Das Verfahren werde bundesweit angewendet, so Jobcentersprecher Andreas Ebeling. Er betont, dass „die Jobcenter nach geltendem Recht“ handelten.

Das will Aglaja Nollmann so nicht hinnehmen. „Ich kann mir nicht leisten, umsonst zu arbeiten“, sagt sie. Im Sozialrecht verdienten Anwälte sowieso nicht gut. Für kleinere Kanzleien sei das „existenzbedrohend“. Weil Nollmann das Vorgehen der Jobcenter für verfassungswidrig hält, hat sie beim Sozialgericht Klage eingereicht. „Mein Mandant wird auf meine Kosten entschuldet, das kann nicht sein.“

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wxyz
Auch so etwas ist eine weiterere Zuspitzung, wie auch Nicht-Hilfeempfänger durch HartzIV sanktioniert werden. Ob man nun als Wohnungsmieter über die Heizkosten einen besonders sparsamen Hilfeempfänger als Nachbarn hat und diesen so mit finanziert, ob man von der Behörde geleimt wird, wenn man einem Hilfeempfänger etwas Geld zukommen läßt und dann feststellt, daß man in Wirklichkeit der Arge Geld gespendet hat, weil diese solche "Einnahmen" verrechnet usw., es führt in der Summe zu einer massiven Verfolgung Einkommensschwacher in Form von Ausgrenzung und der Schaffung einer gegen diese Bevölkerungsgruppe gerichteten Negativeinstellung. ...


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Andreas_2020
Der Klassiker: Schwache Menschen weiter schwächen, damit es eine perspektivlose Gruppe in der Gesellschaft gibt. Es ist unglaublich, mit welchen Methoden diese 'Behörde' arbeitet.



Aus: "Rechtsanwälte von Hartz-IV-Empfängern: Gut verteidigt, trotzdem pleite" Antje Lang-Lendorff, taz.berlin (27.07.2015)
Quelle: http://www.taz.de/Rechtsanwaelte-von-Hartz-IV-Empfaengern/!5215443/

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Textaris(txt*bot)

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[London ist auf dem Weg... ]
« Reply #489 on: August 18, 2015, 12:06:21 PM »

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[...] Obwohl sich der finanzielle Reichtum seit einiger Zeit von Europa und Nordamerika nach Asien und dem Mittleren Osten verschiebt, nimmt London immer noch einen Spitzenplatz ein, wenn es ums Geld geht. Das hat weitreichende Folgen für die Stadt. In mancher Hinsicht wird London zum Opfer seines eigenen Erfolgs, denn trotz der wirtschaftlichen Blüte nimmt die Ungleichheit zu. Die englische Hauptstadt beherbergt die höchste Zahl an Superreichen weltweit. Mehr als viertausend Menschen, die im Vereinigten Königreich leben, verfügen über jeweils mehr als zwanzig Millionen englische Pfund – die Zahl der Millionäre ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Auch residieren in keiner anderen Stadt der Welt so viele Pfund-Milliardäre – mehr als siebzig wohnten im Frühjahr 2014 in London, im ganzen Land sind es etwas mehr als hundert. Fast alle von ihnen sind aus dem Ausland zugezogen, aus dem Nahen Osten, Osteuropa und Asien.

London ist auf dem Weg, zu einem Zentrum der globalen Geldelite zu werden, die sich selbst – und ihr Vermögen – in London in Sicherheit glaubt. Denn tatsächlich ist der Sicherheitsfaktor der am häufigsten genannte Grund für den Zuzug. In London wird niemand festgenommen, exekutiert, ins Gefängnis gesteckt, und niemand muss fürchten, dass sein Geld konfisziert wird, weil es einem Machthaber gerade in den Sinn kommt. Im Gegenteil: England empfängt Menschen mit prallgefüllten Portemonnaies mit offenen Armen. So gelten für Begüterte vereinfachte Visabestimmungen und Aufenthaltserlaubnisse; auch Boris Johnson, Londons ehrgeiziger Bürgermeister, wirkt in dieser Hinsicht offenbar vertrauenerweckend: «Solange Boris am Ruder ist, können Milliardäre, die in London leben, sicher sein, dass kein Gesetz – national, regional oder lokal – erlassen wird, welches das Geldmachen erschweren wird», schrieb das Wirtschaftsmagazin «Forbes» im vergangenen Jahr. Andere Pluspunkte kommen hinzu. So ist London mit seinen fünf Flughäfen die am günstigsten gelegene und ausgestattete Stadt der Welt für Geschäfts- und Vergnügungsreisen. Nicht zu vergessen die kulturellen Attraktionen, die zur Lebensqualität beitragen und subventioniert werden – anders als im Rest des Landes, wo die Kultur meistenteils darbt. Hinzu kommen die berühmten Schulen und Internate, die als Investition in die Zukunft der Kinder und Eintrittskarten zu brillanten Karrieren gesehen werden.

Natürlich hat dieser Lebensstandard auch seinen Preis: Die Kosten für Liegenschaften im Top-Segment stehen in der britischen Metropole an dritter Stelle weltweit, nur Monaco und Hongkong sind noch teurer. Dennoch floriert in Englands Kapitale der sogenannte «Super Prime»-Bereich. In begehrten Stadtteilen wie Kensington und Knightsbridge erwerben begüterte Klienten Wohnungen und Häuser, oft als Feriendomizil oder als einen Wohnsitz unter vielen, aber auch als Anlageobjekte. Dementsprechend sind viele dieser Häuser mehrheitlich oder gänzlich unbewohnt und machen ganze Strassenzüge zu Geistervierteln.

Unterdessen verlassen Menschen mit nicht ganz so herausragenden Einkommen Gegenden wie Kensington und Chelsea und ziehen nach Clapham, Chiswick, Raynes Parks und Kilburn oder Stoke Newington im Norden der Stadt. Doch auch wer etwa in Stoke Newington, 45 Auto- oder Busminuten von der Innenstadt entfernt, vor 30 Jahren ein Haus für 50 000 Pfund erwarb, kann es heute für eine Million Pfund verkaufen. Denn der Kernbezirk der Stadt, in dem die Wohlhabendsten leben, erweitert sich ständig – die Zeitungen des von Immobilien fast schon besessenen Landes sind voll davon. Zugleich wurden und werden immer mehr Siedlungen mit Sozialwohnungen in London zerstört oder neu entwickelt, die Bewohner umgesiedelt – rund fünfzig sollen es allein in den vergangenen Jahren gewesen sein. Und nicht nur der Mittelstand und Einwohner mit geringem Einkommen, auch junge oder wenige verdienende Kreative werden an die Ränder und in die Vororte gedrängt. Wo gestern noch Hipster-Central war, ist heute der Jagdgrund der reichen «Yummy Mummies» und ihrer Familien.

Küstenstädte wie Brighton – längst etabliert – und Southend entwickeln sich mittlerweile zu Alternativen für Kunstschaffende, die sich London nicht mehr leisten können oder wollen. Andere Orte am Meer wurden zum «dumping ground of the poor», zur Müllhalde für die Armen, die dort billig unterkommen. Londons kreativer, umtriebiger Untergrund, der in erschwinglichen – das heisst heruntergekommenen – Umfeldern gedeiht, macht einer unaufhaltsamen Gentrifizierung Platz; die Stadt wird, wie der «Spectator» befürchtet, zu einem «Monaco ohne Sonne». Der einstige Sündenpfuhl, das Künstlerviertel Soho , stemmt sich einstweilen noch gegen diese Entwicklung.

Das ehemalige Sammelbecken der linken Intelligenzia, Islington, erlebt steigende Preise, und mit jungen Angestellten der Finanzindustrie etabliert sich dort eine neue, noch zahlkräftigere Einwohnerschaft. Doch auch sie gehört nicht mehr zur «ruling class». Rund 23 000 hochqualifizierte Kräfte arbeiten allein im Wealth-Management-Sektor. Doch weder ihre «fitnessgestählten Körper noch ihre Oxford-trainierten Gehirne» täuschten über die Tatsache hinweg, dass sie Bedienstete einer weitgehend ausländischen Plutokratie seien, monierte das konservative englische Magazin «The Spectator». Die Armen um Stratford haben unterdessen ganz andere Probleme: Nach der Aufwertung ihres Umfelds , welche die Olympischen Spiele mit sich brachten, kämpfen sie um ihren Verbleib vor Ort.

Der neue Reichtum ist nicht immer diskret. Er spielt sich auf, lärmt in und unter den Strassen Londons. Da dem Höhenwachstum der Stadt in historischen Nobelvierteln Grenzen gesetzt sind, wird unter alten, ohnehin schon riesigen Stadthäusern in die Tiefe gebaut – und wie. Die neuen unterirdischen Ausbauten führen schon einmal vier Geschosse in die Tiefe: An der Oberfläche ist nur die Spitze des Eisbergs dieser Häuser zu sehen, die dann auch tatsächlich «Iceberg Homes» genannt werden. Sie sind Oasen des Luxus, die in Design-Zeitschriften ihre Auftritte haben und Swimmingpools, Kinos, Bowling-Bahnen und gelegentlich ganze Autosammlungen beherbergen. Die Bauarbeiten zu diesen unterirdischen Palästen sind lärmig und staubig und versetzen die angestammte Nachbarschaft – die mancherorts gleich eine ganze Reihe von Tiefbauten in ihren Strassen erdulden muss – in Aufruhr. Auch die Planungsgenehmigungen entpuppen sich als Zerreissproben. Geschichten darüber sind zu vertrauten Dauerbrennern in Londoner Zeitungen geworden. Angeblich sollen in Kensington und Chelsea im Jahr 2001 noch 46 Ausbauanträge eingereicht worden sein, im Jahr 2013 waren es bereits 450. Nun will man den Boom per Gesetz stoppen.

... Einstweilen aber herrscht in London nicht nur über die unterirdischen Umtriebe der Gatsbys Verdruss: Über die jungen Männer aus dem Nahen Osten, die vor allem im Sommer mit ihren aufgemotzten «Super Cars» um die Blocks donnern und die ortsansässige Bourgeoisie zur Weissglut treiben, gab es schon Fernsehsendungen und Zeitungsartikel. Doch den Konflikt zwischen den «Boy Racers» und den lokal Ansässigen als Zusammenstoss der Kulturen zu bezeichnen, hält der linksliberale «Guardian» für verfehlt. In Wirklichkeit handle es sich um einen Zusammenstoss der Reichen mit den noch Reicheren.

Man kann das in London-typischer Manier mit einem Schulterzucken oder mit Häme quittieren. Der Luxus in den Kellergeschossen und die Maseratis und Lamborghinis auf den Strassen wirken noch wie Einzelerscheinungen und Marotten, die, von ferne betrachtet, einen gewissen Unterhaltungswert besitzen. Doch die Auswirkungen, die der Zustrom der Geldelite auf die Dynamik, das soziale Gefüge und das Erscheinungsbild der Stadt hat, sind längst Ernst geworden.


Aus: "Londons Superreiche verändern die Stadt: Krösus und seine Kinder" Marion Löhndorf (16.8.2015)
Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/kroesus-und-seine-kinder-1.18596134

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