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Author Topic: [Menschen in Schichten und Klassen... ]  (Read 469100 times)

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Textaris(txt*bot)

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[Es braucht nicht viel... ]
« Reply #280 on: June 20, 2012, 10:09:08 AM »

Quote
[...] Es braucht nicht viel, um ein Kind glücklich zu machen: Vier Euro und 43 Cent pro Tag seien genug für ein sechsjähriges Mädchen, befand das Sozialamt Aachen in einem Bescheid an Frau Roberts (Namen von der Redaktion geändert) im Januar 2007. Als das Einkommen nicht mehr reichte, hatte sie für ihre Tochter Olivia Unterstützung beantragt. Damit Olivia genügend zu Essen hat und etwas zum Anziehen, Spielsachen und Bücher, notfalls ein Medikament bezahlt werden kann, und ab und an vielleicht sogar noch etwas übrig ist für einen Besuch im Kino.

Wenigstens doppelt so viel Geld hatte Frau Roberts sich erhofft – so wie es der Sozialstaat für deutsche Sechsjährige vorsieht. Doch gibt es für viele Kinder weniger, wenn sie keinen deutschen Pass haben. Frau Roberts stammt aus Liberia. Olivia, die im Jahr 2000 in Aachen geboren wurde, hatte eine humanitäre Aufenthaltserlaubnis. Statt Hartz IV gab es deshalb Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz.

„Warum soll ein ausländisches Kind weniger bekommen als ein deutsches Kind?“, fragt Eva Steffen. Sie arbeitet als Anwältin in Köln. Für Olivia legte sie eine Klage beim Aachener Sozialgericht ein. Das Gericht wies die Klage ab, und stützte sich auf den Wortlaut des Gesetzes. Steffen rief daraufhin das Landessozialgericht in Essen an. Die Richter in Essen haben ähnliche Bedenken wie die Anwältin, sie sind der Ansicht, dass das Asylbewerberleistungsgesetz verfassungswidrig ist: Die Leistungen seien „evident unzureichend“, um eine menschenwürdige Existenz zu gewährleisten. Zudem sei die Höhe der staatlichen Unterstützung „ins Blaue hinein“ geschätzt worden, statt den Bedarf der Betroffenen konkret zu berechnen. Das Landesozialgericht legte das Gesetz dem Bundesverfassungsgericht vor. Am morgigen Mittwoch wird in Karlsruhe verhandelt, in ein paar Monaten wird die Entscheidung fallen, ob das Sonderrecht für Migranten bestehen bleibt.

Das Asylbewerberleistungsgesetz gilt nicht nur für Kinder. Erwachsene erhalten etwas mehr als 200 Euro, und damit 40 Prozent weniger als Empfänger von Hartz IV. Anders als der Name vermuten lässt, sind nicht nur Personen betroffen, die einen Asylantrag gestellt haben, sondern auch diejenigen mit einer Duldung, die nicht abgeschoben werden können, etwa weil sie schwer krank sind oder sie keinen Pass ihres Herkunftslandes haben. Die Leistungen wurden 1992 festgesetzt und seitdem nicht angehoben, das Gesetz spricht noch von D-Mark.

...

Quote
Sisyphos Boucher 19.06.2012 12:49

Ich bin sprachlos. Dass Deutschland - eines der reichsten Länder in der EU - Flüchtlingen elementare Hilfe zum Überleben hierzulande vorenthält, um sie dazu zu pressen, so schnell als möglich Deutschland wieder zu verlassen, ist schlichtweg eine Schande. Der miese Kleingeist, der dahinter steht, beschämt mich.



Quote
Alien59 19.06.2012 13:57

Die Geschichte der Abschreckungspolitik seit 1980 wäre es wert, geschrieben zu werden ...


Quote
Querdenker 19.06.2012 15:46
@Sisyphos Boucher

Deutschland - eines der reichsten Länder in der EU? Schauen Sie mal bitte auf die Schuldenuhr.

Staatsverschuldung in Deutschland: 2.040.751.401.488 €

http://www.steuerzahler.de

Ach, schon sind es ein paar hundertausend mehr.



Aus: "Mehr als unwürdig" Matthias Lehnert (19.06.2012)
Quelle: http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/mehr-als-unwurdig

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[Gewollt sind sie nicht... ]
« Reply #281 on: June 21, 2012, 04:06:01 PM »

Quote
[...] Gewollt sind sie nicht, dafür reicht ein Blick ins Gesetz. Asylbewerber sollen mit wenig auskommen, und im Prinzip sollen es Sachleistungen sein, kein Geld. Gebrauchsgüter im Haushalt können geliehen werden. Mögliche Geldleistungen sind noch in D-Mark angegeben. Jetzt könnte das letzte Stündlein des ebenso strengen wie überkommenen Reglements geschlagen haben.

Das Bundesverfassungsgericht hat am Mittwoch deutlich gemacht, dass die Paragrafen sein Urteil wohl nicht überleben werden. Es werde zu klären sein, sagte der Senatsvorsitzende Ferdinand Kirchhof, ob der Gesetzgeber die Grundleistung "in einem transparenten und sachgerechten Verfahren, realitätsgerecht sowie nachvollziehbar, auf der Grundlage verlässlicher Zahlen und schlüssiger Berechnungsverfahren bemessen hat".

Eine rhetorische Frage. Hat er nicht. Dass mit dem geltenden Recht die aus dem Urteil zu Hartz IV stammenden Maßstäbe unerfüllt bleiben, bezweifelt nicht einmal die Bundesregierung. Sie arbeitet an einer Reform. Auf die entscheidende Frage, wie lange dies noch dauern werde, wusste die Vertreterin aus dem Haus von Ursula von der Leyens Sozialministerium allerdings auch am Mittwoch noch keine Antwort. "Absehbar", sagte Staatssekretärin Annette Niederfranke. "Wir haben uns auf den Weg gemacht."

Den Verfassungsrichtern liegen Beschlüsse des nordrhein-westfälischen Landessozialgerichts vor, das die aktuellen Sätze für verfassungswidrig hält. Sie liegen bei derzeit rund 220 Euro pro Erwachsenem, für die Kinder werden sie nach Alter berechnet. Die Regelleistung für Hartz-IV-Empfänger liegt bei 364 Euro neben Unterkunft und Heizung.

Die Fälle spiegeln das typische Schicksal jener, die Geld nach dem Asylbewerberleistungsgesetz erhalten. Längst geht es nicht mehr nur um politisch Verfolgte, sondern allgemein um Ausländer mit einem ungesicherten Aufenthaltsstatus, allen voran geduldeten (Kriegs-)Flüchtlingen. 130.000 Empfänger sollen es zurzeit sein, 90.000 davon hängen seit mehr als sechs Jahren in dem ungeklärten Status fest.

... Zum einen hatte es das Gericht schon in früheren Urteilen zugelassen, dass es neben der Sozialhilfe ein Sondersystem des Asylunterhalts geben darf. Klar ist auch, das Gericht legt keine neuen Mindestgrenzen fest, sondern belässt dem Parlament politischen Gestaltungsspielraum.

Zum anderen steht Deutschland in Europa nicht allein da. Die Europäer wollen ein nivelliertes System, um den ungewünschten "Pull-Effekt" auszuschalten, der Flüchtlinge von einem Land in ein anderes hinüberzieht, in dem sie bessere Umstände erwarten. Im Klartext: Deutschland kann nicht teuer machen, was der gemeinsame Asylraum EU billig haben will. Zugleich kann es den grundrechtlichen Anspruch auf das Existenzminimum nicht ignorieren.

Den Rechtsvertreter der Regierung Kay Hailbronner zwang die Lage in manche Pirouette. Nicht allein der "mathematische Vergleich" mit Hartz zähle, sagte er, sondern auch die Folgen für die EU. Auf Unverständnis bei den Richtern traf auch, dass die Sätze nie angehoben worden seien, obwohl zuletzt zum Jahresanfang eine Prüfung angestanden hätte.

Menschen- und Flüchtlingsrechtler kritisierten vor Gericht vor allem die Situation der Kinder. Unabhängig von den Regeln für Erwachsene dürften sie nach internationalen Standards nicht länger unter der Ungleichbehandlung mit Sozialhilfekindern leiden, hieß es. Die Vertreterin des Sozialministeriums sagte zu, der Anspruch auf das Bildungspaket, den es für Kinder aus Hartz-Familien gibt, werde auch in dem reformierten Gesetz festgeschrieben. Ob das Sachleistungsprinzip noch zeitgemäß ist, werde evaluiert. Ein Urteil wird in einigen Monaten erwartet.


Aus: "Auch Flüchtlinge haben Anspruch auf Menschenwürde" Von Jost Müller-Neuhof (21.06.2012)
Quelle: http://www.zeit.de/politik/2012-06/asylbewerberleistungsgesetz-bundesverfassungsgericht

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[Sein politisches Engagement nehme zu viel Zeit in Anspruch... ]
« Reply #282 on: June 24, 2012, 04:35:12 PM »

Quote
[...] Johannes Ponader ist erwerbslos, doch er arbeitet rund um die Uhr als Geschäftsführer für die Piraten. Jetzt hat er ein Problem. Weil er Honorare für Talkshow-Auftritte erhält, will die Arbeitsagentur ihm die Unterstützung kürzen. Die Behörde kritisiert außerdem, sein politisches Engagement nehme zu viel Zeit in Anspruch. Ponader ist sauer.

Der erwerbslose politische Geschäftsführer der Piratenpartei, Johannes Ponader, hat Ärger mit der Arbeitsagentur. Ponader bestätigte dem Magazin "Der Spiegel", dass die Behörde ihn nach seinen ersten großen Talkshow-Auftritten gemahnt habe, als Empfänger von Arbeitslosengeld II müsse er seine Honorare angeben, da sich die staatliche Unterstützung entsprechend verringere.

Ponader hat nach eigenen Angaben allein für einen Auftritt bei Markus Lanz ein Honorar von 500 Euro erhalten. Die Arbeitsagentur bemängelte, dass Ponader zu viel Zeit für seine ehrenamtliche politische Tätigkeit aufwende.

Der Piraten-Funktionär kritisierte das Vorgehen der Agentur: "Ich werde vom Sozialsystem heftig hinterfragt, weil ich mich politisch engagiere und trotzdem Sozialleistungen beziehe. Das ist eine extreme Entartung des ganzen Systems", sagte er dem "Spiegel".


Aus: "Pirat Ponader hat Ärger" (24. Juni 2012)
Quelle: http://www.n-tv.de/politik/Pirat-Ponader-hat-Aerger-article6571741.html

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[Behördensprecherin Anja Huth bestätigte... ]
« Reply #283 on: June 25, 2012, 03:28:51 PM »

Quote
[...] Nürnberg - Die Jobcenter werden im großen Stil zu Kreditgebern für die Ärmsten: Immer mehr Hartz-IV-Empfänger brauchen zur Sicherung ihres Lebensunterhalts zinslose Darlehen der Bundesagentur für Arbeit (BA). Im Jahr 2011 mussten durchschnittlich pro Monat 18.400 sogenannte Bedarfsgemeinschaften bei ihrem Jobcenter einen solchen Kredit beantragen, um unvorhergesehene Sonderausgaben - wie Stromnachzahlungen oder Haushaltsgeräte - bezahlen zu können. Behördensprecherin Anja Huth bestätigte einen entsprechenden Bericht der "Bild"-Zeitung. Im Jahr zuvor lag diese Zahl noch bei 15.300, im Jahr 2007 waren es erst 9800.

Damit hat die Zahl der Darlehensanträge im vergangenen Jahr einen Rekordstand erreicht, sagte die BA-Sprecherin auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. In den Monaten März und August 2011 wurden demnach jeweils sogar mehr als 20.000 Anträge gestellt. Es sei insgesamt von Jahr zu Jahr ein kontinuierlicher Anstieg zu verzeichnen, seitdem die Behörde Daten dazu sammele.

Die Summe der Darlehen stieg von 2010 auf 2011 von monatlich durchschnittlich knapp vier Millionen Euro auf fünf Millionen Euro. Und auch im laufenden Jahr ist bislang kein signifikanter Rückgang erkennbar: Bis Ende Februar 2012 hatten bereits 17.600 Haushalte im Monatsdurchschnitt zinslose Kredite in Höhe von jeweils etwa 260 Euro beantragt.

Laut Huth sieht das Sozialgesetzbuch zinslose Darlehen für Hartz-IV-Bezieher vor, wenn dies dem "unabweisbaren Bedarf zur Absicherung des Lebensunterhalts" dient. Diese Regelung habe es auch schon vor der Einführung von Hartz IV gegeben, sagte Huth. Zahlen aus dieser Zeit lägen aber nicht vor.

Die zinslosen Darlehen werden aus Steuergeldern finanziert. Nimmt ein Hartz-IV-Bezieher wieder eine Erwerbstätigkeit auf, werden Rückzahlungen der zinslosen Kredite vereinbart.

Auch Johannes Teyssen, Chef des Energiekonzerns E.on, hatte vor einigen Wochen im SPIEGEL-ONLINE-Interview auf die steigenden Lebenshaltungskosten für die sozial Schwachen hingewiesen und einen Stromkosten-Zuschlag für Hartz-IV-Empfänger gefordert. Während der Anstieg der Heizkosten ausgeglichen werde, sei dies bei den Ausgaben für Strom nicht der Fall.

fdi/dapd

Quote
#9 Heute 12:41 von
theo-matthias
Ich will hier ja nicht eine Gruppe gegen die andere ausspielen,

    aber frage mich natürlich schon wie unsere Kleinstrentner das alles bewerkstelligen, wenn beispielsweise Haushaltsgeräte kaputt gehen, die Strom und Heizkosten steigen usw. Natürlich ist es richtig, dass Harz IV Empfängern da geholfen wird. Früher wurde halt ein Antrag beim Sozialamt gestellt und bei Bedarf auch bewilligt. Und was ist mit den Menschen die für 1000 Euro im Monat schuften, wer hilft denen. Die werden auch nix großartig übrig haben. Wir haben eben nicht nur notleidende Banken, sondern vor allem und in erster Linie mal Menschen. Für die sollte mal ein Rettungschirm aufgespannt werden! Es ist eine Schande das Menschen hier von den Almosen der Tafel leben müssen.

http://forum.spiegel.de/f22/notkredite-zahl-der-darlehen-fuer-hartz-iv-empfaenger-steigt-auf-rekordniveau-64295.html#post10430303


Quote
Heute 12:59 von
nixkapital
....

Quote
    Zitat von verpiler
    Ich gehe jeden Tag arbeiten, ohne mich oder gar meinen eigenen Staat zu verschulden.

    Die Leute sollen mal sparsamer sein. Wenn mein Leben schon fast ausschließlich aus Freizeit besteht, dann kann ich nicht auch noch zwei Schachteln Zigaretten täglich rauchen. Ein Klassiker, den man leider allzu häufig antrifft. Und das ist noch lange nicht alles.

    Der Staat sollte dazu bemächtigt werden, sich stärker in die Kanalisierung seines Geldes einzumischen. Ich bin immernoch für Gutscheine (auch wenn meine Meinung in dem Forum hier bisher nur sehr selten geteilt wird). Dann würden diese Kredite hinfällig werden, von denen wohl nur ein Bruchteil jemals wieder zurück gezahlt werden wird.

    ... ich gehe auch jeden Tag arbeiten, lebe bescheiden und schuldenfrei, aber ich entblöde mich nicht, Vorurteile abzusondern. Wie im Artikel geschrieben, wird der Bedarf ja geprüft. Gehen Sie mal davon aus, dass die Überwachung der H4ler um ein vielfaches lückenloser und genauer ist als bei der Steuerfahndung, bei der man aber viel mehr Geld einsammeln könnte, wenn man denn wollte. Bei den 'Arbeitsagenturen' wird also nicht ohne weiteres genehmigt, was Ihrer Seele Unbehagen bereiten sollte. ...

http://forum.spiegel.de/f22/notkredite-zahl-der-darlehen-fuer-hartz-iv-empfaenger-steigt-auf-rekordniveau-64295-3.html#post10430489



Quote
#24 Heute 13:00 von
dhanz
Quote
    Zitat von El Plagiator
    Ein großer Teil der Hartz4 Empfänger hat keine Aussicht jemals wieder in Arbeit zu kommen. Natürlich nehmen die Menschen Kredite auf die sie erst zurückzahlen müssen wenn die Hölle einfriert. Diese Menschen fühlen sich vom Staat im Stich gelassen, von Mitmenschen erniedrigt und von Politikern beleidigt. In so einer Situation verliert jeder seine noblen Prinzipien und nimmt was er kriegen kann.

    Es soll Menschen geben, die hatten nie noble Prinzipien.

http://forum.spiegel.de/f22/notkredite-zahl-der-darlehen-fuer-hartz-iv-empfaenger-steigt-auf-rekordniveau-64295-3.html#post10430495


Quote
#28 Heute 13:03 von
mr.zoui

Quote
    Zitat von verpiler
    ...
    Die Leute sollen mal sparsamer sein. Wenn mein Leben schon fast ausschließlich aus Freizeit besteht, dann kann ich nicht auch noch zwei Schachteln Zigaretten täglich rauchen. Ein Klassiker, den man leider allzu häufig antrifft. Und das ist noch lange nicht alles.

    Richtig, Sie haben noch die zwei Flaschen Korn vergessen.
    Bevor Sie aber vom Neid zerfressen werden sollten sie schleunigst kündigen...

http://forum.spiegel.de/f22/notkredite-zahl-der-darlehen-fuer-hartz-iv-empfaenger-steigt-auf-rekordniveau-64295-3.html#post10430531


Quote
#31 Heute 13:05 von
muellerthomas

Quote
    Zitat von verpiler
    Ich gehe jeden Tag arbeiten, ohne mich oder gar meinen eigenen Staat zu verschulden.
    Die Leute sollen mal sparsamer sein.

    Richtig, wir sollten alle den Gürtel enger schnallen und wenn dann endlich der Staat weniger ausgibt, die Haushalte weniger konsumieren und die Unternehmen weniger investieren, dann geht es allen endlich gut.

http://forum.spiegel.de/f22/notkredite-zahl-der-darlehen-fuer-hartz-iv-empfaenger-steigt-auf-rekordniveau-64295-4.html#post10430549


Quote
#34 Heute 13:06 von
ikke2
genau

Quote
    Zitat von verpiler
    Ich gehe jeden Tag arbeiten, ohne mich oder gar meinen eigenen Staat zu verschulden.

    Die Leute sollen mal sparsamer sein. Wenn mein Leben schon fast ausschließlich aus Freizeit besteht, dann kann ich nicht auch noch zwei Schachteln Zigaretten täglich rauchen. Ein Klassiker, den man leider allzu häufig antrifft. Und das ist noch lange nicht alles.

   ... "Jawoll" antwortete der Stammtisch.

http://forum.spiegel.de/f22/notkredite-zahl-der-darlehen-fuer-hartz-iv-empfaenger-steigt-auf-rekordniveau-64295-4.html#post10430563


Quote
#39 Heute 13:07 von
luc2000
Notkredite für Hartz 4-Empfänger

    Nichts gegen Hartz 4-Empfänger, jeder kommt mal in Notsituationen, aber Menschen in Anstellung haben nicht solche Ausweichmöglichkeiten für Notsituationen. Bankkredite sind schon längst nicht mehr einfach zu bekommen für Anschaffungen u.a. Viele Löhne reichen nicht einmal aus für normale Lebensführung. Wie wollen Hartz 4-Empfänger dem "Notkredit" zurückzahlen wenn sie bisher keine Rücklagen bilden konnten, oder wird es ab Kreditgewehrung monatl. Raten von monatl. Bezügen sofort abgezogen? Wäre logisch um eine Rückzahlung sicher zu stellen(?) Anderseits hätte ein Hartz 4-Empfänger ab Kreditempfang monatl. weniger zum Leben, ein Teufelskreislauf!

http://forum.spiegel.de/f22/notkredite-zahl-der-darlehen-fuer-hartz-iv-empfaenger-steigt-auf-rekordniveau-64295-4.html#post10430581


Quote
#54 Heute 13:15 von
hsc71@gmx.de
Falsche Darstellung

    Die Darlehen werden monatlich vom Regelsatz abgezogen bis zur Tilgung und nicht erst bei Aufnahme einer Arbeitstätigkeit.

    Zu beachten ist auch, daß Hartz IV Empfänger keinen anderweitigen Kredit oder einen Dispo auf dem Konto erhalten können/dürfen. Also mal eben das Konto ein bischen überziehen wenn z.B. eine Waschmaschiene kaputt geht oder sonst eine anderweitige aussergewöhnliche Belastung auftritt geht nicht. Ich mußte einer Freundin auch mal 200€ borgen, damit sie die Zugfahrt zur Beerdigung ihrer Oma zahlen konnte ohne den rest des Monats zu hungern. Das Job Center sagte ihr nämlich, daß dies von Ihrem Regelsatz zu bestreiten sei und es dafür kein Darlehen gäbe. Sie war aber gerade erst 2 Monate aus dem Studium und konnte von dem bischen Regelsatz für 2 Monate noch keine 200€ ansparen.

http://forum.spiegel.de/f22/notkredite-zahl-der-darlehen-fuer-hartz-iv-empfaenger-steigt-auf-rekordniveau-64295-6.html#post10430677


Quote
#99 Heute 13:38 von
blackouttotal
Wulffs Dispo

    Naja, unser Ex-BP hat sich ja auch über Monate selbst nen zinslosen Kredit über 10k€ gewährt.

...

http://forum.spiegel.de/f22/notkredite-zahl-der-darlehen-fuer-hartz-iv-empfaenger-steigt-auf-rekordniveau-64295-10.html#post10430933



Aus: "Zahl der Darlehen für Hartz-IV-Empfänger steigt auf Rekordniveau" (25.06.2012)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/immer-mehr-hartz-iv-empfaenger-brauchen-darlehen-der-bundesagentur-a-840762.html

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[Die Brüder sind die Haupterben... ]
« Reply #284 on: June 25, 2012, 04:52:31 PM »

Quote
[...] Die Koch-Brüder gehören zu den mächtigsten Spendern im US-Wahlkampf. Dabei haben die meisten Amerikaner von den Unternehmern noch nie gehört.  ... Die Brüder, 72 und 76 Jahre alt, sind die Haupterben von Koch Industries, dem zweitgrößten privaten Unternehmen des Landes. Der Umsatz liegt heute bei über 100 Milliarden Dollar, das Konglomerat mit Sitz in Wichita, Arkansas, beschäftigt weltweit 70.000 Mitarbeiter in 60 Ländern. Der verschwiegene Konzern besitzt Ölraffinerien und Pipelines, stellt Einwegbecher, Düngemittel und Holz her. Die Brüder gehören mit je 25 Milliarden Dollar Privatvermögen zu den zehn reichsten Amerikanern. Koch Industries ist größer als Microsoft.

... Die Koch-Dollar fließen nicht nur in die Parteikassen. Mit zahlreichen Stiftungen haben Charles und David Koch, Wahl-New-Yorker und zwei der bekanntesten Philanthropen der Stadt, ein riesiges Netzwerk an einflussreichen konservativen Organisationen aufgebaut. Das 1974 von Charles Koch gegründete liberale Cato Institute gehört zu den am häufigsten zitierten Thinktanks im Land. Das Mercatus Center, ein von den Koch-Brüdern finanziertes Forschungszentrum an der George Mason University in Virginia, ist laut der Umweltorganisation Greenpeace das "Sturmgeschütz der Klimawandel-Leugner".

Alle Gelder und Organisationen des "Kochtopus" nachzuvollziehen, sagt Randy Barrett vom Center for Public Integrity, würde lange dauern. Weitgehend unbekannte Gruppen wie "PatientsUnitedNow", "SayNoCapandTrade" oder "SickofSpending" trommeln in Washington gegen CO2-Abgaben, hohe Sozialausgaben oder ein staatliches Gesundheitssystem. "Es ist kaum zu beweisen, aber sie wehren sich vor allem gegen Gesetze, die ihr eigenes Geschäft behindern", sagt Kert Davies von Greenpreace.

Quote
    albert.berlin
    25.06.2012 um 15:08 Uhr

Der Feudalismus des 21. Jahrhunderts

Interessant am Artikel ist eigentlich nur der Hinweis auf die Tatsache, dass sich die wirklich Reichen (und damit Mächtigen) der heutigen Zeit nicht beim Namen nennen lassen, sich hinter Beteiligungen, Firmennamen, Gesellschaften, Banken, etc. verstecken, so z.B. die Erben der Rothschild Dynastie (Ach ja, die haben ja dieses tolle Weingut oder wie war das?).

Sie haben aus den fehlern der Zeit gelernt. Einen König konnte man schließlich zum Teufel jagen, wenn er es "zu bunt" trieb...

http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-06/us-wahlkampf-koch-brueder/seite-2?commentstart=1#cid-2143589



Aus: "Wie die Koch-Brüder mit Milliarden gegen Obama kämpfen" Von Thorsten Schröder (25.06.2012)
Quelle: http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-06/us-wahlkampf-koch-brueder

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[Irgendwann brachte der Postbote den finalen Räumungsbescheid... ]
« Reply #285 on: June 26, 2012, 07:41:49 PM »

Quote
[...] Manchen Schätzungen zufolge haben bis zu 300.000 Menschen in Spanien bei Zwangsräumungen ihre Wohnungen verloren, seit die Immobilienblase im Jahr 2007 platzte.

Auf dem Tisch des Sparkassenfilialleiters, der seinen echten Namen nicht in den Medien lesen will und den wir deshalb Señor Álvarez nennen, liegen noch die Werbeprospekte, die an die sorglosen Boom-Zeiten erinnern. "Es geht nicht um dein Haus, es geht um dich", heißt es darin. Doch mittlerweile sitzen in Álvarez' gläsernem Büro vor allem Menschen, denen die Hypotheken über den Kopf wuchsen und deren Haus und Habe die Bank pfändete.

... Im Jahr 2005 arbeitete Lamin Numke als Maurer, er verdiente rund 1200 Euro, seine Wohnung kostete 231.700 Euro. Die Caja Madrid finanzierte den Kaufpreis komplett, für eine monatliche Rate von 868 Euro. Doch dann platzte die Immobilienblase, und Numke verlor seinen Job. Er hörte auf, seine Hypothek zu bedienen, deren Zinsen schnellten in die Höhe. Die monatliche Rate betrug plötzlich 1400 Euro. Irgendwann brachte der Postbote den finalen Räumungsbescheid.

Numke arbeitet jetzt als Dachdecker und verdient 860 Euro. Die Caja Madrid gehört inzwischen zum Finanzkonzern Bankia, der nun auch Numkes Wohnung besitzt. Doch die ist nur noch die Hälfte des ursprünglichen Kaufpreises wert. Die restlichen 117.000 Euro der Hypothek schuldet Numke weiter seiner Bank. Zudem zahlt er der Bank monatlich 500 Euro Miete. Denn nach der Zwangsräumung hat sie ihn und seine Familie in einer anderen zwangsgeräumten Wohnung untergebracht. Ihr altes Apartment in der Calle Centeno steht noch immer leer.

...


Aus: "Immobilienkrise in Spanien Die Verbannten von Madrid"
Aus Madrid berichtet Stefan Schultz (26.06.2012)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/spanien-opfer-der-immobilienkrise-bekommen-keine-hilfe-a-840881.html

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« Reply #286 on: June 27, 2012, 10:17:35 AM »

Quote
[...] Es sind unvollständige Bilder, die dieser Begriff vor unserem inneren Auge entstehen lässt: Menschenhandel. Wir denken dabei an Frauen, die wie Ware erstanden und verschachert werden, deren Körper kriminelle Geschäftemacher zu erniedrigenden Bedingungen feilbieten. Der Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung ist eine furchtbare Sache, die aus guten Gründen öffentlich, von Medien etwa oder von der Politik, wahrgenommen wird. Wir denken zu Recht daran. Und wir ignorieren zu Unrecht, welche weiteren abstoßenden Phänomene sich hinter dem Wort verbergen. Der Menschenhandel zum Zweck der Arbeitsausbeutung beschäftigt dagegen bisher leider nur eine kleine Gruppe von Experten. Dabei verdienen es auch die Opfer dieses Verbrechens, dass man sich ihnen zuwendet, dass das ganze Delikt viel stärker in den Fokus allgemeiner Aufmerksamkeit gerät.

Da setzen windige Unternehmer auf Länder wie Rumänien, Litauen oder China skrupellose Vermittler an. Diese locken arbeitssuchende Männer und Frauen mit dem Versprechen hierher, in Deutschland gebe es für sie gut bezahlte Arbeit zu fairen Bedingungen. Die Bedingungen können dann so aussehen wie vor einiger Zeit in Bayern, wo osteuropäische Erdbeerpflücker zu viert in neun Quadratmeter kleinen Containern zusammengepfercht wurden. Für jede Nacht zog ihnen der Besitzer drei Euro vom Lohn ab. Der sollte, so hatte ein Agent es ihnen versprochen, bei 5,10 Euro die Stunde liegen. Die Erntehelfer erhielten höchstens 1,20 Euro. Zu essen bekamen sie nichts als Erdbeeren. So krass dieser Fall daherkommt – es ist kein Einzelfall.

In der Landwirtschaft oder auf dem Bau, im Gastgewerbe oder in Privathaushalten schuften etliche Arbeitsmigranten unter unwürdigen Umständen für dramatisch weniger Geld, als ihnen zugesagt worden war. Manche von ihnen gehen sogar ganz leer aus. Die wenigstens Betroffenen wehren sich – sei es, weil sie ihre Rechte kaum kennen; sei es, weil sie bedroht werden; sei es, weil sie Angst haben, mit leeren Händen in ihre Heimat abgeschoben zu werden, wo Angehörige große Hoffnungen in sie setzen. Es liegt in der Natur der Sache, dass niemand genau sagen kann, wie viele dieser Opfer es hierzulande gibt. Und es spricht alles für die Vermutung der Strafverfolger, dass das Dunkelfeld weit größer ist, als es die paar Dutzend Ermittlungsverfahren jedes Jahr vermuten lassen.

Gewiss, auch diese Form des Menschenhandels ist in Deutschland verboten. Aber das Strafrecht ist so eng formuliert, dass es die meisten Fälle nicht erfasst. Das könnte und müsste der Gesetzgeber dringend ändern. Hinzu kommt, dass nur wenige Betroffene wissen, an wen sie sich in ihrer Not wenden können, und auch nicht allen Behörden klar ist, wo sie aufmerksamer sein sollten. Hier täten zielgerichtete Informationskampagnen in großem Stil Not. Außerdem müsste man den Opfern, die bereit sind, gegen ihre Peiniger auszusagen, erlauben, im Land zu bleiben.

Schon richtig, es gibt etwa das Berliner Bündnis gegen Menschenhandel zum Zweck der Arbeitsausbeutung, das sich engagiert dieser Schandtaten annimmt. Es gibt einzelne Gewerkschafter, Politiker oder Polizeibeamte, die sich seit langem mühen, diesen Sumpf trocken zu legen. Aber sie sind noch zu wenige. Und es fehlt das öffentliche Interesse an diesem Skandal mitten in Deutschland.

Quote
20.06.2012
10:11 Uhr
Defrost sagt:
Erdbeeren müssen billig sein. Also können die Pflücker nicht teuer sein. Das nennt man Marktwirtschaft.



Aus: "Ausbeutung mitten in Deutschland" Von Ferdos Forudastan (20.06.2012)
Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/meinung/kolumne-ueber-erntehelfer-ausbeutung-mitten-in-deutschland,10808020,16423694.html

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« Reply #287 on: July 07, 2012, 10:48:22 PM »

Quote
[...] Die Väter hatten dagegen geklagt, dass sie mehr Kindesunterhalt zahlen sollten. In einem Fall war der Beschwerdeführer als Küchenhilfe mit einem geringen Verdienst beschäftigt. Das Amtsgericht verurteilte ihn, an seinen Sohn den Mindestunterhalt von 199 Euro monatlich zu zahlen. Damit bleibe ihm zwar nicht mehr sein gesetzlicher Selbstbehalt von 900 Euro, ihm sei aber noch ein fiktives Einkommen anzurechnen. Denn er könnte sich einen besser bezahlten Job suchen, urteilten die Richter. In den beiden anderen Fällen waren die Väter arbeitslos. Ihnen unterstellten die Amtsgerichte, dass sie eine Stelle finden könnten. Deshalb wurde bei ihnen ein fiktives Einkommen angenommen, was zu höheren Unterhaltsverpflichtungen führte.

Das Bundesverfassungsgericht stellte jetzt klar, dass es zwar grundsätzlich nicht zu beanstanden sei, fiktive Einkommen bei der Unterhaltsbemessung heranzuziehen. Die Gerichte hätten dies aber in den konkreten Fällen nicht ausreichend begründet. So sei bei dem aus Ghana stammenden Küchenhelfer, der nur über begrenzte Deutschkenntnisse verfügt, gar nicht klar, ob der Arbeitsmarkt für ihn einen besser bezahlten Job hergibt. In den beiden anderen Fällen sei nicht geprüft worden, ob die körperlich behinderten Männer objektiv überhaupt in der Lage wären, ein für den Kindesunterhalt anrechenbares Einkommen zu erzielen. (AZ: 1 BvR 774/10, 1 BvR 1530/11 und 1 BvR 2867/11).epd, dpa


Aus: "Karlsruhe verlangt genaue Prüfung des Unterhalts" (07/2012)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/V5S38t/709221/Karlsruhe-verlangt-genaue-Pruefung-des-Unterhalts.html

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[Der Anteil von... ]
« Reply #288 on: July 10, 2012, 04:06:24 PM »

Quote
[...] Die reichsten 10 Prozent aller volljährigen Personen verfügten im Jahr 2007 über 61,1 Prozent des gesamten Vermögens. 27,0 Prozent der Erwachsenen verfügten über kein Vermögen oder waren verschuldet.  ... Werden die Personen nach der Höhe ihres Nettovermögens geordnet und dann in zehn gleich große Gruppen (Dezile) eingeteilt, so zeigt sich für das Jahr 2007, dass das reichste Zehntel über 61,1 Prozent des gesamten Vermögens verfügte. Darunter hielten die obersten fünf Prozent 46 Prozent und das oberste Prozent etwa 23 Prozent des gesamten Vermögens. Auf der anderen Seite verfügten 27,0 Prozent der erwachsenen Bevölkerung über kein Vermögen oder waren sogar verschuldet. Gegenüber dem Jahr 2002 hat die Konzentration der Nettovermögen im Top-Dezil weiter zugenommen, in allen anderen Dezilen sind die entsprechenden Anteilswerte 2007 dagegen niedriger.

...


Aus: "Vermögensverteilung" (10.11.2008)
Quelle: http://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61781/vermoegensverteilung

-.-

Quote
[...] Paris - Die äußerst positive Entwicklung des deutschen Arbeitsmarkts wird von wachsender Ungleichheit bei den Einkommen überschattet. Die Lohnunterschiede seien deutlich gestiegen, heißt es in der jüngsten Arbeitsmarktanalyse der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), einem Zusammenschluss von 34 Industrieländern.

Die Organisation führt mehrere Gründe für die sich öffnende Lohnschere an:

    * Angesichts des zunehmenden Wettbewerbs sei in Deutschland der Anteil der Beschäftigten mit Tarifbindung von 72 Prozent auf 62 Prozent zurückgegangen.
   
    * Dies wiederum sei Folge des wachsenden Anteils von Minijobs und anderer Beschäftigungsverhältnisse, die nicht dem normalen Standard entsprechen.
   
    * Tarifverträge würden zudem immer seltener automatisch auf alle Unternehmen einer Branche ausgedehnt.
   
    * Und selbst Beschäftigte, die tariflich abgesichert seien, würden immer häufiger mit Ausnahmeklauseln konfrontiert, mit denen Firmen in Krisenzeiten hinter branchenüblichen Lohnerhöhungen zurückbleiben könnten.

Der Anteil von Löhnen, Gehältern und Lohnnebenleistungen am Nationaleinkommen ist laut der Analyse in Deutschland stark gesunken. Von 67 Prozent Anfang der neunziger Jahre sei der Anteil auf jüngst 62 Prozent zurückgegangen, teilte die OECD mit. Auch dies habe "zu steigender Ungleichheit beigetragen".

Gleichzeitig lobten die OECD-Experten die deutschen Erfolge im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit. In kaum einem Industrieland sank sie demnach in den vergangenen fünf Jahren so sehr wie in der Bundesrepublik. Für den Euro-Raum insgesamt bleiben die Aussichten hingegen weiter äußert düster. Bis 2013 sei mit einem weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit zu rechnen. Im Mai sei mit einer Quote von 11,1 Prozent ein neues Allzeithoch erreicht worden.

In Spanien ist nach OECD-Angaben mittlerweile rund jeder vierte Erwerbsfähige ohne Job (24,6 Prozent). Zum Vergleich: In Deutschland lag die Erwerbslosenquote nach Standard der Uno-Arbeitsorganisation ILO im Mai nur bei 5,6 Prozent.

Allerdings seien nicht alle Entwicklungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt positiv, schreibt die OECD. Fast die Hälfte der Arbeitslosen in Deutschland ist demnach länger als ein Jahr ohne Job - der Großteil dieser Gruppe sogar länger als zwei Jahre. Im OECD-Raum liegt der Anteil der Langzeitarbeitslosigkeit bei 35 Prozent.

ssu/dpa-AFX/dapd


Aus: "Lohn-Ungerechtigkeit in Deutschland wächst" (10.07.2012)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/deutscher-arbeitsmarkt-einkommensschere-oeffnet-sich-immer-weiter-a-843599.html

-.-

Quote
Heute 13:55 von
trewan

Zitat von munkelt
    Warm und trocken haben es in Deutschland auch die Arbeitslosen. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern. Das einzige was da immer bemängelt wird, ist die Höhe des H4-Betrags. Die wollen auch nur mehr Geld.

Punkt 1: Nicht jeder der Hartz-4 bekommt ist Arbeitslos. Ich und viele andere gehen 8 Studnen pro tag vollzeit Arbeiten und machen das selbe wie jeder festangestellte. Nur werden wir unterirdisch bezahlt und würden ohne Hartz-4 nicht einmal mehr Miete zahlen können.

Punkt 2: Jemand der behauptet Arbeitslose und Hartz-4 Empfänger hätten es Warm und Trocken der war nie selbst in der Lage. Denn einwas ist sicher wer soetwas gezahlt bekommt dreht jeden Cent immernoch 2mal um weil er es schlichtweg muss.

Also bitte ich Sie in aller höflichkeit nicht das verhalten von ca 0,5% der Arbeitslosen, das sind die die wirklich nur Schmarotzer sind, auf die Gesamtheit zu übertragen. Denn die Warheit ist die Firmen brauchen das Geld um Ihre Manager und Chefetagen zu finanzieren also entlassen sie lieber die Leute oder bezahlen sie auf unterster Stufe. Das ist Staatlich ja nicht verboten.

http://forum.spiegel.de/f22/oecd-studie-lohn-ungerechtigkeit-deutschland-waechst-65547-3.html#post10527440


Quote
Heute 13:52 von
Thaeve
Vorsorglich

    Ich möchte hier schon mal vorsorglich 2 Standartargumente jener, die diese Entwicklung gut finden den Wind aus den Segeln nehmen.

    1.) Wettbewerbsfähigkeit gegenüber dem Ausland insbesondere China
    Nur durch geringere Löhne können unsere Lohnstückkosten mit denen der BRIGS mithalten. Ohne das würde unsere Exportwirtschaft zusammenbrechen.


Kann schon sein, aber...
das erklärt die Lohnunterschiede INNERHALB eines Betriebes nicht.
Grade bei den exportabhängigen Großkonzernen ist eine Klassengliederung innerhalb der Belegschaften zu beobachten. Von gleichem Geld für gleiche Arbeit sind wir da oft meilenweit entfernt. Da entsteht eine Mehrklassengesellschaft selbst innerhalb eines Betriebes. Die Automobilbranche ist Vorreiter (VW, BMW, etc.)
Und es erklärt nicht, warum die niedrigsten und dreckigsten Löhne grade da gezahlt werden, wo eine Verlagerung der Arbeitsplätze nach China nicht zu befürchten steht. Stellvertretend für andere nenne ich mal Gebäudereinigung und Supermarktkasse.
Es steht kaum zu befürchten, daß ich meine Milch in Schanghai kaufe, weil LIDL seinen Supermarkt nach Asien verlegt, wenn in diesen Branchen endlich anständige Mindestlöhne gezahlt würden, von denen man ohne H4-Aufstockung leben könnte. So subventioniert der Steuerzahler Niedriglöhner zum Vorteil der Kapitaleigner - das kanns nicht sein.

2. Hätten mal was anständiges lernen sollen, dann hätten diese Leute auch vernünftige Arbeit.

Und wenn wir alle einen Doktortitel hätten - einer müßte dennoch das Büroklo putzen und einer müßte dennoch bei ALDI die Regale einräumen.
Kommt dann die Bermerkung "Hättest mal in was ordentlichem promovieren sollen und nicht grad in Germanistik"?

Einen Lohn zu lassen, der ohne Bettelei beim Staat zum Überleben reicht, sollte als moderne, humanistische und aufgeklärte Gesellschaft an sich eine Selbstverständlichkeit sein.
Selbst die Grundherren im Mittelalter hatten kein Interesse daran, daß ihre Leibeigenen verhungerten. (Das es vorkam hatte Ursachen in Mißernten und der logistischen Unfähigkeit gigantische Mengen Lebensmittel über weite Strecken transportieren zu können, gewollt war das nicht.)
Ich dachte eigentlich, wir hätten uns als Gesellschaft weiterentwickelt?

http://forum.spiegel.de/f22/oecd-studie-lohn-ungerechtigkeit-deutschland-waechst-65547-3.html#post10527414


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[Unterschichtskomödien sind nicht neu oder selten... ]
« Reply #289 on: July 12, 2012, 10:21:05 AM »

Quote
[...] Frank Gallagher liebt Alkohol, Drogen, Sozialhilfe und seine sechs Kinder. In dieser Reihenfolge. Die amerikanische Serie "Shameless" begegnet diesem tragischen Komplettversager mit dem einzigen möglichen Mittel: Humor. 

Niemand will den eigenen Vater bewusstlos in seiner Kotze liegen sehen, aber die Kinder von Frank Gallagher haben da einen gewissen Pragmatismus entwickelt. Wenn Papa mal wieder im Wohnzimmer oder in der Küche zusammengebrochen ist, dann lassen sie ihn dort liegen. Wenn irgendwelche Gliedmaßen den Weg versperren, werden sie mit dem Fuß zur Seite gekickt; wenn er zu sehr stinkt, ziehen sie ihn am Bein in einen anderen Raum. Ihn ins Bett zu tragen, hat nur Rückenschäden zur Folge und keinerlei Dankbarkeit. Die jüngste Tochter Debbie legt ihm aber manchmal ein Kissen unter den Kopf.

Die Gallaghers führen in Chicago ein Leben im Elend: Die Mutter ist abgehauen, der Vater ein arbeitsloser Säufer, der mehr Zeit in der Kneipe und im Koma verbringt als mit seinen sechs Kindern. Ja, die armen Kinder - manchmal schauen die sexbesessenen Nachbarn vorbei und sehen nach dem Rechten, sonst bleiben sie weitgehend sich selbst überlassen. Sie müssen das Geld für die Stromrechnung selbst zusammensammeln, gehen hin und wieder in die Schule, versuchen mit legalen bis halbbetrügerischen Nebenjobs ein bisschen was dazuzuverdienen, und ein paar von ihnen genehmigen sich bei all dem Stress auch mal ein Bier. Das ist das Einzige, wovon zu Hause immer genug da ist.


... Unterschichtskomödien sind nicht neu oder selten: Über die megaprollige Familie Flodder aus den Niederlanden hat man sich schon in den Achtzigern kaputtgelacht, im letzten Jahr haben es die (ebenfalls niederländischen) Super-Asis von "New Kids Turbo" im Kino zu weltweitem Ruhm gebracht. Die US-Serien "Roseanne" oder "Malcolm mittendrin" haben ihre wenig verdienenden Helden jahrelang durch den Alltag begleitet und dabei immer was zu lachen gefunden. "Shameless" aber ist etwas Besonderes. Denn anders als bei den Flodders oder "New Kids Turbo" sind die Gallaghers keine überzeichneten Cartoon-Proleten, die sich ständig gegenseitig an amüsanten Geschmacklosigkeiten überbieten. Und anders als bei "Roseanne" oder "Malcolm mittendrin" gibt es keine herzerwärmenden Belehrungen über familiären Zusammenhalt in schweren Zeiten. Sprich: "Shameless" ist im Gegensatz dazu erschreckend realistisch.

Diese Mischung aus Sozialdrama und Komödie bekommen normalerweise die Briten am Besten hin. Und so sind die Gallaghers und "Shameless" eigentlich auch eine britische Idee: das Original (in Deutschland auf DVD nur als UK-Import erhältlich) läuft seit 2004 erfolgreich und preisgekrönt in Großbritannien, spielt in Manchester, und ist gut genug, dass eine neue und auch noch amerikanische Version zunächst nicht als das zwingendste Anliegen dieser Welt erscheint.

Dass die US-Fassung trotzdem so gut funktioniert, liegt daran, dass die Macher mit Paul Abbott den Erfinder von "Shameless" ins Boot geholt haben. Und der achtet darauf, dass seine Schöpfung bei aller Amerikanisierung nicht verwässert oder überzuckert wird. Was wiederum auch nur möglich ist, weil die Serie in den USA beim Bezahlsender Showtime läuft, der die explizite Darstellung von Sex, Drogenkonsum und Gewalt zum Geschäftskonzept erklärt hat ...

Herz und Seele des Ganzen ist aber William H. Macy ("Fargo") als Alptraum-Patriarch Frank. Er spielt einen Mann, der seine Kinder vernachlässigt, manchmal sogar gewalttätig wird; einen Lügner und Betrüger, der zuerst immer nur an sich denkt und sonst nur an das nächste Bier - und trotzdem ist es schwer, ihn nicht irgendwie gernzuhaben. Frank Gallagher ist ein verabscheuungswürdiger Charakter, aber Macy umgibt ihn mit einer traurigen Resignation, die andeutet, dass da doch ein besserer Mensch drinstecken könnte.

Und vielleicht doch sogar ein ganz kleines bisschen Würde.


Aus: "Würde? Ist für Spießer!" Von Daniel Sander (12.07.2012)
Quelle: http://www.spiegel.de/kultur/kino/shameless-auf-dvd-exzellente-us-serie-ueber-sympathische-proleten-a-843887.html

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[In komplizierten instabilen Situationen... ]
« Reply #290 on: July 16, 2012, 10:50:40 AM »

Quote
[...]
Quote
Personen mit besserer Schulbildung tendieren zu stabileren Familienstrukturen mit Vätern, die sich verpflichtet fühlen. Schlechter (aus)gebildete Frauen finden sich mit größerer Wahrscheinlichkeit in komplizierten instabilen Situationen mit Männern, die kommen und gehen.
Sara McLanahan



Aus: "Die ökonomische Vernunft der Ehe" Thomas Pany (16.07.2012)
Quelle: http://www.heise.de/tp/artikel/37/37285/1.html

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[Er sei gelegentlich fassungslos... ]
« Reply #291 on: July 16, 2012, 12:18:58 PM »

Quote
[...] Bundestagspräsident Norbert Lammert hat die Höhe vieler Managergehälter in Deutschland heftig kritisiert. "Das ist nicht zu rechtfertigen, schon gar nicht mit entsprechenden Leistungs- und Verantwortungsdifferenzen. Das ist die Verselbständigung der Gehaltsfindung, die den Verdacht der Selbstbedienung nahelegt", sagte der CDU-Politiker der Süddeutschen Zeitung. Wenn die Wirtschaft sich aber nicht selbst Grenzen auferlege oder freiwillige Verpflichtungen nicht wirklich einhalte, "dann wächst der Druck zu gesetzlichen Regelungen".

Er sei "gelegentlich fassungslos über die Gedankenlosigkeit oder die Skrupellosigkeit, mit der solche Ansprüche geltend gemacht und durchgesetzt werden", sagte Lammert. Das gelte etwa für Finanzmakler, die die Folgen ihrer Fehleinschätzungen beim Steuerzahler anmeldeten und gleichzeitig vor Gericht für sich Bonusleistungen einklagten. "Die erstaunliche Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft, die noch vor 15 Jahren im Ausland als kranker Mann Europas galt, ist ganz wesentlich der Lohn- und Gehaltsdisziplin der Beschäftigten zu verdanken".

... "Unser Problem ist nicht, dass zu wenig Geld im System ist, sondern dass es zu wenig Regeln gibt", so Lammert.

Quote
    Chali
    16.07.2012 um 9:23 Uhr

Herr Lammert ist ein netter Mensch, gewiss. Es ist das Geständis symphatisch, dass er dem Treiben genauso hilflos ausgesetzt ist wie wir kleinen Leute auch. ...

http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-07/lammert-gehaelter?commentstart=1#cid-2185755


Quote
    christoph.
    16.07.2012 um 9:35 Uhr

An ihren Taten sollt ihr sie messen

... Herr Lammert und seine Partei sind jedoch maßgeblich beteiligt und haben die Weichenstellungen, die eine solche Entwicklung möglich gemacht haben, betrieben. Und dies geschieht jeden Tag weiter.

Solange diesen Worten also keine Taten folgen, und die Politik in etlichen Bereichen gerechtere Rahmenbedingungen schafft, bleibt das erstmal ein recht populistisches Lippenbekenntnis.

http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-07/lammert-gehaelter?commentstart=9#cid-2185776


Quote
    Schiffschaukelbremser
    16.07.2012 um 9:46 Uhr

Aber Herr Lammert, wir wissen doch, dass die Managergehälter so hoch sein müssen, um die BESTEN hier zu haben.
Deshalb gibt ja auch so "tolle Entscheidungen" - Manchmal fürchte ich, die würfeln im Bundestag darum, wer mal wieder etwas von sich geben muss um der arbeitenden Bevölkerung Sand in die Augen zu streuen. ... Scheinheilig ist das.

http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-07/lammert-gehaelter?commentstart=9#cid-2185792


Quote
    bezdomny
    16.07.2012 um 10:01 Uhr

Wohlfeile Worte und nichts als Blablabla im Sommerloch.
Die Regierung hätte doch längst die Möglichkeit gehabt,
etwas dagegen zu unternehmen. Und was ist
in den vergangenen 7 Jahren Merkel-Macht geschehen ?
Nichts.
Jetzt Krokodilstränen zu vergießen ist nur billige Stimmungsmache
und Stimmenfang, indem man vom eigenen Versagen ablenkt.
Eigentlich ist das unter Ihrem Niveau, Herr Lammert!

http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-07/lammert-gehaelter?commentstart=17#cid-2185811


Quote
    Halsflasche
    16.07.2012 um 10:11 Uhr

... Der Markt reguliert sich selbst. Greifen wir ein ist das ein Schritt zum Kommunismus.

:P

http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-07/lammert-gehaelter?commentstart=17#cid-2185828


Quote
    tchonk
    16.07.2012 um 10:36 Uhr

Was sagt das aus?

"Der Markt reguliert sich selbst. Greifen wir ein ist das ein Schritt zum Kommunismus."

Was heißt "der Markt reguliert sich selbst"?
Alles reguliert sich selbst.
Es ist nur die Frage, ob einem das Resultat gefällt!!!

http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-07/lammert-gehaelter?commentstart=33#cid-2185882


Quote
    ray_block
    16.07.2012 um 10:18 Uhr

... Falls es noch nicht so weit durchgedrungen ist: Selbstbedienung ist das alles beherrschende Kalkül in einer Wirtschaft mit frei aushandelbaren Einkommen! Sobald sich jemand oberhalb des gewerkschaftlich organisierten Lohnbereichs befindet wird frei verhandelt und da wird dann Angebot und Nachfrage die Endhöhe zum maßgeblichen Lohnfindungswerkzeug. Wer etwas gut kann und dann noch gut verhandelt/verkauft, der bekommt eben mehr als der Rest. Sentimentalitäten, genauso wie gesellschsaftliche Abwägungen und sonstige sozialromantische Gedankenspiele sind in dieser Logik fehl am Platz.. und übrigens auch als Schwäche (die bestraft wird) verpöhnt.

Nicht, dass ich das toll fände, aber so ist es nunmal.

http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-07/lammert-gehaelter?commentstart=17#cid-2185840


Quote
    townsyndrom
    16.07.2012 um 11:33 Uhr

genau. und weil wir alle viel lieber in einer marktwirtschaft leben als in einer demokratie, kommt es uns fast schon anmassend vor, wenn dann ausgerechnet ein mitglied der gesetzgebenden gewalt über möglichkeiten nachdenkt, dem "so ist es nunmal" der marktmächtigen ein "so ist es nunmal" der staatsmächtigen zur seite zu stellen : )

http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-07/lammert-gehaelter?commentstart=41#cid-2186023


Quote
    heraclitus
    16.07.2012 um 10:19 Uhr

... Diese Personen, um die es hiergeht, beschäftigen in der Regel keine Leute (das tun mittlelständische und kliene Unternehmer- um die geht es hier nicht!) - sie haben Positionen inne mit gigantischen Bezügen, die in keinem Verhältnis zu ihrer Arbeitsleistungen stehen. Oder erklären sie mal, was der Barcley-Boss (16 Mio), HRE-Funke, Nonnenmacher oder die Mercedes-Chefs (haben ihren Konzern Milliardenverlsute zugefügt durch das Chrysler-Abenteuer) oder Middelhof (hat Karstadt in den Ruin geführt) oder ein KK-Chef leisten oder geleistet haben?
Trotz des großen Schadens haben viele Manager ihre Irrwitzbezüge bekommen. Der "normale" Arbeitnehmer wird bei Schädigung der Forma entlassen. Sie können es drehen und wenden wie sie wollen- das System ist aus dem ruder und erfordert eine Korrektur, wenn wir nicht abstürzen wollen.

http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-07/lammert-gehaelter?commentstart=25#cid-2185846


Quote
    Karst
    16.07.2012 um 10:21 Uhr

Gut gebrüllt

"Gut gemacht ist immer besser als gut gesagt" - Benjamin Franklin.

Und man sollte lieber darauf achten, was jemand tut, als auf das was jemand sagt.

Fakt ist: die Politik erzählt uns seit Jahren wir hätten über unsere Verhältnisse gelebt und müssen sparen usw.
Fakt ist auch: die Politiker erhöhen sich selber dauernd die Diäten und die Gehälter und weigern sich, die UN Konvention gegen Korruption umzusetzen und verdienen ein vielfaches während ihrer Abgeordnetenzeit und auch oft danach mit lukrativen Posten.
Fakt ist auch: Herr Lammert sichert sich bis Jahre nach seinem Ausscheiden als Bundestagspräsident Dienstwagen und co.

Vor diesem Hintergrund: als Heuchelei abzutun. ...

http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-07/lammert-gehaelter?commentstart=25#cid-2185849


Quote
    JimNetz
    16.07.2012 um 10:24 Uhr

Man wird von Wölfen nicht erwarten können daß sie sich von Gras ernähren. In Krisenzeiten gilt der Typus Manager synonym mit 'Macher', heißt als derjenige der etwas bewegt, der den Karren aus dem Dreck und wieder in die Gewinnzone zieht, ohne Rücksicht auf Verluste. Genau so will ihn der Shareholder haben. Daß sich ein solcher Typus dort wo es um ihn selbst, seine eigenen Einkünfte geht, anders verhält, wäre sehr seltsam.

...

http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-07/lammert-gehaelter?commentstart=25#cid-2185853


Quote
    Hoffnungsschimmer
    16.07.2012 um 10:25 Uhr

Endlich hat ein "hochrangiger" Politiker den Mut, sich eines der schlimmsten Moraldefekte in unserer Gesellschaft anzunehmen. Danke und weiter so, Herr Lammert!

http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-07/lammert-gehaelter?commentstart=25#cid-2185859


Quote
    nosferatoo
    16.07.2012 um 10:28 Uhr

Lucrum sine damno alterius fieri non potest.*

Sehr geehrter Herr Bundestagspräsident Lammert,
Ihre Kritik an hohe Managergehältern ist rührig, but no less no more.
Was ist aber mit den "Luschen" bei den Verfassungsschutzbehörden: Bauen Mist, sind unfähig ihr Amt auszuüben und gehen jetzt auf Steuergeld in Frühpension. Wird die Rechtmäßigkeit der Ansprüche nicht geprüft?
Herr Bundestagspräsident, wenn Sie beklagen, das Finanzmakler sich vom Steuerzahler helfen lassen aber andererseits Boni einklagen, dann ist es der Gesetzgeber, der dies Möglichkeiten geschaffen hat.
Herr Bundestagspräsident, Ihre Einschätzung bei der Rolle des Bundestags in der Eurokrise ist wohl der Zugehörigkeit zur Partei geschuldet. Die Kanzlerin treibt den Bundestag vor sich her und verlangt innert eines Tages eine Entscheidung, da ja mal wieder alles ALTERNATIVLOS ist.
Die Lohn- und Gehaltsdisziplin der Werktätigen hat hat aber auch bei der Bundesregierung zu keiner Zurückhaltung geführt. Gebühren und Steuern wurden kräftig erhöht, notwendige Dinge, z.B. Pässe, unverschämt verteuert und Laufzeiten verkürzt.
Zum Schluß: Die Kritik soll nur ein Ziel verfolgen: In nächster Zeit werden massive Einschnitte auf uns Bürger zukommen wegen der Beschlüsse in der Eurokrise, daher mal schnell die Leistungsträger öffentlich getadelt. Und noch einmal: Die REGELN macht die POLITIK. Also dann mal ran ans Werk, dann kommt auch der Segen vom Souverän.

* Lang ist der Weg durch Lehren, kurz und wirkungsvoll durch praktische Beispiele (Seneca).

http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-07/lammert-gehaelter?commentstart=25#cid-2185864


Quote
    BorisBlanck
    16.07.2012 um 10:53 Uhr

... Was Herr Lammert allerdings verschweigt, ist dass Seilschaften aus Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften eben dieses System erst ermöglichten und später verstetigten. Wer zudem Banken grundsätzlich für "systemrelevant" hält und deren Rettung als "alternativlos" bezeichnet, erklärt nicht nur der Demokratie den Bankrott sondern hebelt auch wesentliche marktwirtschaftliche Grundprinzipien schlichtweg aus. Da das Verhalten von Bankern und anderen Akteuren an den Finanzmärkten ohne Konsequenzen bleibt, verhalten sie sich auch dementsprechend wie Feudalherren im Mittelalter.

http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-07/lammert-gehaelter?commentstart=33#cid-2185917


Quote
    ray_block
    16.07.2012 um 12:04 Uhr

... Lammert zeigt sich schockiert, appeliert und bittet, bettelt und hüstelt ein bisschen rum. Er sprich sich nicht für ein Diktum des Staates aus, oder wenigstens einen Governance Pakt, nachdem sich die Markteadikalen selbst beherrschen sollen, oder aber vom Rest fortan geschnitten werden. Nichts!

Es ist ein billiger Apell über den noch nicht einmal gelacht wird, verbunden mit dem Hinweis auf die theoretisch mögliche Gesetzeskeule, die aber niemals ausgepackt werden wird, weil ansonsten Lobbyisten, Kollegen und ehemalige und sonstige Hochleistungsabzocker damit drohen nach London abzuwandern.

Lammerts Äußerung ist nichts als ein lascher taktischer Versuch sich in den ausgeschaufelten Milliardengräben die Hände mal eben abzuputzen. Billig, durchschaubar und außerordentlich kontraproduktiv, wenn er denn tatsächlich eine Änderung der Selbstbedienung im Sinn hätte - oder wenigstens einen Hauch daran glauben würde.

http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-07/lammert-gehaelter?commentstart=41#cid-2186124





Aus: "Lammert verdächtigt Manager der Selbstbedienung" (16.07.2012)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-07/lammert-gehaelter
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[Von der Leyen zeigt sich unbeeindruckt... ]
« Reply #292 on: July 18, 2012, 10:12:52 AM »

Quote
[...] Berlin - Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) will nach den jüngsten Tarifabschlüssen in der Zeitarbeitsbranche bis auf Weiteres kein Gesetz zur Gleichstellung von Zeitarbeitern und Stammbeschäftigten auf den Weg bringen. Tarifliche Lösungen hätten aus ihrer Sicht Vorrang vor einer gesetzlichen Regelung, sagte von der Leyen dem "Handelsblatt". Auch Forderungen nach einer Befristung wies sie zurück. Gemeint ist hier die Dauer, wie lange Unternehmen Zeitarbeiter beschäftigen dürfen.

Damit lässt von der Leyen Forderungen der Gewerkschaften ins Leere laufen. Diese hatten nach ihren Erfolgen in den Tarifverhandlungen vehement eine gesetzliche Regelung gefordert. "Wir fordern von der Regierung, die Gründe für den Einsatz von Leiharbeitern wieder ins Gesetz zu schreiben", sagte der Chef der Industriegewerkschaft IG BCE, Michael Vassiliadis. Auch auf eine Befristung drängen die Gewerkschaft.

Von der Leyen zeigt sich unbeeindruckt. Sie habe "großen Respekt davor, was die Tarifparteien der Zeitarbeitsbranche gerade für die Branchen Stahl, Metall/Elektro und Chemie vereinbart haben: ansteigende Branchenzuschläge für Zeitarbeiter, die ganz dicht an gleiche Löhne für Zeit und Stammkräfte heranreichen", sagte die Ministerin. Sie begrüße auch, dass ähnliches jetzt in anderen Branchen wie Gesundheit, Druck, Logistik und Verkehr vorbereitet werde.

Am Montagabend hatte von der Leyen in einen Spitzengespräch mit Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt und dem Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Michael Sommer, die Entwicklungen in der Zeitarbeit bewertet. Verabredet sei nun, dass die tarifpolitischen Entwicklungen ausgewertet werden sollen. Im November werde dann überprüft, ob sich die Strategie bewährt hat und auch nicht tarifgebundene Arbeitgeber mitziehen.

cte/dapd

Quote
anderton heute, 08:46 Uhr

Warum sollte die das auch ändern? Steht doch die Regierung nicht im Dienste der Bürger, sondern dient ausschließlich den Konzernen. Die haben natürlich ein starkes Interesse an billigen Arbeitskräften, die sie bei zurückgehender Auftragslage wieder der Allgemeinheit aufbürden können. Sklavenhandel im Schutz der Regierung - mehr kann man dazu nicht mehr sagen. Wenn ich mir die Entwicklungen der letzten zehn Jahre anschaue, habe ich nur noch Verachtung für die Politiker und das politische System hierzulande übrig

http://forum.spiegel.de/f22/streit-ueber-zeitarbeiter-von-der-leyen-laesst-gewerkschaften-abblitzen-66120.html#post10573944


Quote
mallorcafan heute, 09:25 Uhr
Der zweite Trick bei dieser Situation: Sind Sie arbeitslos, müssen Sie auch Zeitarbeit annehmen, um keine Sperre der finanziellen Leistungen zu bekommen. So schliesst sich der Packt zwischen Regierung und Wirtschaft.

http://forum.spiegel.de/f22/streit-ueber-zeitarbeiter-von-der-leyen-laesst-gewerkschaften-abblitzen-66120.html#post10574207



Aus: "Von der Leyen lässt Gewerkschaften abblitzen" (18.07.2012)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/zeitarbeit-von-der-leyen-will-keine-gesetzliche-regelung-a-845013.html

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[Das Kalkül das dahinter erscheint... ]
« Reply #293 on: July 19, 2012, 11:42:24 AM »

Quote
[...] Das Urteil war überfällig. Asylbewerber müssen mehr Geld bekommen und zwar auf dem Niveau von Sozialhilfe und Hartz-IV, entschied das Bundesverfassungsgericht. Die derzeitigen Sätze von 225 Euro seien mit dem Grundsatz einer menschenwürdigen Existenz nicht vereinbar. Bis der Bundestag die Leistungen neu regelt, gelte eine Übergangsregel: Betroffene erhalten von nun an Leistungen in Höhe von 336 Euro pro Monat, das gilt auch rückwirkend ab 2011 für noch nicht rechtskräftige Bescheide.

Für die Politik ist die Entscheidung der Karlsruher Richter eine Ohrfeige. Der Staat hat sich nicht darum gekümmert, Flüchtlingen und Asylbewerbern eine menschenwürdige Existenz zu bieten. Seit 1993 wurden die staatlichen Hilfen nicht mehr angehoben, obwohl die Preise deutlich stiegen.

Das Kalkül, das dahinter erscheint, ist ein zynisches: Asylbewerber sollen sich bloß nicht zu wohl fühlen in Deutschland. Die willkürliche Einweisung in bestimmte Unterkünfte – unabhängig davon, ob Verwandte oder Bekannte in der Nähe wohnen –, die oft schlechten Wohnverhältnisse in den Asylbewerberheimen und auch die niedrigen Sätze sollen abschreckend wirken.

Das Bundesverfassungsgericht hat direkt darauf Bezug genommen und konstatiert, dass "migrationspolitische Erwägungen" keine Rolle spielen dürften, was die Höhe der Leistungen angehe. Auch müsse das Existenzniveau gemessen an den Verhältnissen in Deutschland festgelegt werden – nicht an denen im Herkunftsland des Betroffenen.

Wie kann mit 225 Euro dem Grundrecht auf eine menschenwürdige Existenz entsprochen werden? Diese Frage beschäftigte schon die Diskussion um Hartz-IV, dessen Regelsatz allerdings 35 Prozent höher liegt. Das angesprochene Grundrecht umfasst neben der "physischen Existenz" auch die "Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen" und "ein Mindestmaß an Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben". Doch die Realität von Asylbewerbern sieht anders aus. Ihr Alltag ist davon bestimmt, sich überhaupt ausreichend ernähren zu können. Und nicht krank zu werden, denn nur in lebensbedrohlichen Situationen wird der Arztbesuch bezahlt.

... Es ist Zeit für einen anderen Umgang mit Asylbewerbern und Flüchtlingen. Das Verfassungsgericht hat nun einen wichtigen Schritt getan, damit jene nicht mehr als Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Jetzt ist der Bundestag am Zug.

Quote
zelotti 18.07.2012 17:53

Irgendwie kommt es dann aber auch zu Komflikten, wenn das Abstantsgebot fehlt, wenn ein anerkannter genauso viel bekommt wie ein Bewerber.



Quote
Nostradamus 19.07.2012 00:30
@zelotti

@ZELOTTI:

Mit dem Unsinn des "Abstandsgebotes" werden ja auch die Hartz4-Beträge klein gehalten. Die übrigens bei genauer und realistischer Betrachtung ebenfalls nicht dem Sozialstaatsgebot genügen. Egal, was einige Richter verklausuliert von sich geben.

Aber Ihr Argument ist auch sonst völlig haltlos, denn ein man erwirbt mit Anerkennung des Status "Asylant" keine Sonderrechte in Sachen Sozialhilfebezug. Das ist absurd! Es geht schlicht und einfach um die Mindestbezüge, die eine gewisse Grundsicherung ermöglichen. Da hat schon das BVerfG gesagt, dass diese Mindestbezüge "vom Grundsatz her unverfügbar" sind und "absoluten Charakter" besitzen. Letztlich entspringt Ihr Argument auch einer typisch deutschen Denke. Ich bin mir ziemlich sicher, dass kein anerkannter Flüchtliing einem Asylbewerber die paar Kröten missgönnt.



Aus: "Keine Menschen zweiter Klasse" (18.07.2012)
Quelle: http://www.freitag.de/autoren/bvb/keine-menschen-zweiter-klasse

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[Warum können sie nicht woanders... ]
« Reply #294 on: July 20, 2012, 08:52:57 AM »

Quote
[...]  "Ich bin empört. Ich bin wütend. Warum können sie nicht woanders kürzen?", sagte eine 54-jährige Beamtin, deren Weihnachtsgeld gestrichen wurde.

... Die regierende Volkspartei von Ministerpräsident Mariano Rajoy, die im Parlament eine absolute Mehrheit stellt, hatte am Donnerstag ein umstrittenes neues Paket gebilligt, mit dem der Haushalt bis Ende 2014 um 65 Milliarden Euro entlastet werden soll.

Unter anderem sollen die Mehrwertsteuer von 18 auf 21 Prozent angehoben und die Arbeitslosenhilfe gekürzt werden. "Es ist an der Zeit, zu sagen wie es ist", sagte Finanzminister Cristóbal Montoro zu Beginn der Debatte. "Die Finanzierung öffentlicher Leistungen mit weiteren Schulden wird uns vernichten."

... Ebenfalls am Donnerstag stimmte der Bundestag der Freigabe eines Hilfspakets von bis zu 100 Milliarden Euro für den spanischen Bankensektor zu. Die genaue Höhe des Rettungspakets werde bekannt gegeben, "sobald alle Überprüfungen der Banken abgeschlossen sind", hieß es in einer Stellungnahme des spanischen Wirtschaftsministeriums.

...


Aus: "Polizei setzt Gummigeschosse und Schlagstöcke ein" (20.07.2012)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/politik/massenproteste-in-spanien-polizei-setzt-gummigeschosse-und-schlagstoecke-ein-1.1417441

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[Die Bezüge der Minister sinken... ]
« Reply #295 on: July 20, 2012, 09:06:40 AM »

Quote
[...] Frankreichs Parlament hat am Donnerstag eine Sonderabgabe zur Vermögenssteuer beschlossen, die der Staatskasse 2,3 Milliarden Euro einbringen soll. Betroffen sind nur große Vermögen von mehr als 1,3 Millionen Euro. Im Herbst soll eine umfassende Reform der Vermögenssteuer ISF folgen.

Tags zuvor hatte die neue sozialistische Mehrheit die Steuerbefreiung für Überstunden rückgängig gemacht und die von der Vorgängerregierung beschlossene Erhöhung der "sozialen Mehrwertsteuer" von 19,6 auf 21,2 Prozent kassiert. Sie sollte im Oktober erhöht werden, um die Unternehmen im Gegenzug von Sozialabgaben entlasten zu können.

Diese Maßnahmen waren von den Sozialisten im Wahlkampf angekündigt worden. Insgesamt sollen Spitzenverdiener, Vermögende und Unternehmen 7,2 Milliarden Euro mehr Steuern zahlen. Angesichts des Haushaltsdefizits, das ohne Gegensteuern fast fünf Prozent erreichen würde, sollen Ausgaben in Höhe von 1,5 Milliarden Euro eingefroren werden. Der Nachtragshaushalt geht noch in den Senat und soll bis Ende Juli endgültig beschlossen sein.

Die Abgeordneten stimmten auch der Kürzung des Gehalts von Präsident François Hollande um 30 Prozent zu. Dasselbe gilt für Premierminister Jean-Marc Ayrault und die Mitglieder seines Kabinetts. Hollande und Ayrault sollen künftig nur noch 14.910 Euro statt bisher 21.300 Euro pro Monat erhalten. Die Bezüge der Minister sinken von bislang monatlich 14.200 Euro auf 9.940 Euro.

Quote
    Pünktchen
    20.07.2012 um 8:30 Uhr

Es wäre doch interessant, in einem Artikel eine Gegenüberstellung der Einkommen deutscher Abgeordneter, Minister einschl. Kanzlerin und der französischen darzustellen, ebenfalls die Bedingungen von Vermögenssteuer hier wie dort.

...



Aus: "Frankreichs Sozialisten kassieren bei Millionären" (20.07.2012)
Quelle: http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-07/frankreich-vermoegensteuer-mehrwertsteuer

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[Yang Yuanqing habe einen Teil seines... ]
« Reply #296 on: July 23, 2012, 11:26:17 AM »

Quote
[...] Der Vorstandschef des chinesischen Computerherstellers Lenovo reicht einen großen Teil seiner für das vergangene Geschäftsjahr erhaltenen Bonuszahlungen an Mitarbeiter des Unternehmens weiter. Yang Yuanqing habe einen Teil seines Jahresbonus im Wert von rund 3 Millionen US-Dollar unter 10.000 Lenovo-Mitarbeitern verteilt, berichtet CNN. Jeder der in der Produktion oder Verwaltung beschäftigten Angestellten habe im Schnitt einen Bonus von umgerechnet 314 US-Dollar erhalten.

Yang hat für das Ende März abgeschlossene Geschäftsjahr dem Bericht zufolge einen Bonus von 5,2 Millionen US-Dollar erhalten und so insgesamt rund 14 Millionen US-Dollar verdient. Der chinesische Computerhersteller hatte ein gutes Jahr: Lenovo konnte ein Umsatzplus von 37 Prozent auf 29,6 Milliarden US-Dollar verbuchen und den Jahresgewinn um 73 Prozent auf 473 Millionen steigern. (vbr)

Quote
20. Juli 2012 16:51
"im Schnitt einen Bonus von umgerechnet 314 US-Dollar"
Wolfgang Nohl, Wolfgang Nohl

Immer das selbe Problem bei solchen Rechnungen.

Was heißt im Schnitt?
Vermutlich wurde das Geld als prozentualer Aufschlag auf die
verschiedenen Gehälter der Mitarbeiter verteilt? Dann bekanen
Abteilungsleiter wahrscheinlich tausend Dollar, und Arbeiterinnen in
der niedersten Lohnguppe bekamen 5 Dollar.

Aber ich finde trotzdem, das ist eine nette und Geste,
an der sich die Manager anderer Konzerne
durchaus ein Beispiel nehmen könnten.

mfg Wolfgnag Nohl

Quote
20. Juli 2012 17:42
Re: "im Schnitt einen Bonus von umgerechnet 314 US-Dollar"
Meckertussi (445 Beiträge seit 12.04.11)

Wolfgang Nohl schrieb am 20. Juli 2012 16:51

> Vermutlich wurde das Geld als prozentualer Aufschlag auf die
> verschiedenen Gehälter der Mitarbeiter verteilt? Dann bekanen
> Abteilungsleiter wahrscheinlich tausend Dollar, und Arbeiterinnen in
> der niedersten Lohnguppe bekamen 5 Dollar.

Gewiss doch. *Vermutlich* ist das so.

Woher kommt eigentlich der Zwang bei vielen Menschen sich die Welt so
zu erklären, dass sie möglichst gut ins vorgefertigte eigene Weltbild
passt?

Quote
20. Juli 2012 19:19
Was denkst du?
Draglor (mehr als 1000 Beiträge seit 16.01.08)

Meckertussi schrieb am 20. Juli 2012 17:42

> Wolfgang Nohl schrieb am 20. Juli 2012 16:51
>
> > Vermutlich wurde das Geld als prozentualer Aufschlag auf die
> > verschiedenen Gehälter der Mitarbeiter verteilt? Dann bekanen
> > Abteilungsleiter wahrscheinlich tausend Dollar, und Arbeiterinnen in
> > der niedersten Lohnguppe bekamen 5 Dollar.
>
> Gewiss doch. *Vermutlich* ist das so.
Nun, irgend einen Grund wird es geben, dass sowohl der
Originalartikel als auch Heise von einem Durschnittsbonus sprechen.
Hätte es jeder gleich bekommen, wäre kaum eine solche Angabe gemacht
worden.
Natürlich kann es unterschiedliche Modelle geben, wie das verteilt
wird, aber dabei ist dann, ohne weitere Fakten, jede Vermutung genau
so gut wie alle anderen.

> Woher kommt eigentlich der Zwang bei vielen Menschen sich die Welt so
> zu erklären, dass sie möglichst gut ins vorgefertigte eigene Weltbild
> passt?
Das ist einfach nur natürlich. Es gibt hier ein Informationsdefizit
(die Verteilung ist nicht bekannt, nur der Mittelwert), wenn nun
jemand Vermutungen aufstellt, wie das zu erklären ist, ist es recht
logisch, dass er von dem auskennt, was er selber gehört und erlebt
hat und nicht von etwas, dass der eigenen Erfahrung komplett
widerspricht. Es ist ja nicht so, dass er es als Tatsache hingestellt
hätte, er hat klar ausgedrückt, dass das seine Vermutung ist.
Deine Reaktion ist übrigens das selbe in grün. Du hast eben so wie er
keine Ahnung, wie die Verteilung wirklich ist, wirfst ihm aber
aufgrund seiner Vermutung sofort vor, dass er "böse" ist. Wie kommst
du denn darauf, dass seine Vermutung falsch sein muss? Ist das etwa
so, dass du einfach auch von deinem Weltbild ausgehst, genau wie
derjenige, dem du das vorwirfst?

Was denkst du?

Draglor

Quote
20. Juli 2012 19:31
Re: Was denkst du?
Meckertussi (449 Beiträge seit 12.04.11)

Draglor schrieb am 20. Juli 2012 19:19

> Du hast eben so wie er
> keine Ahnung, wie die Verteilung wirklich ist,

Deshalb stelle ich auch keine Vermutungen an.

> wirfst ihm aber
> aufgrund seiner Vermutung sofort vor, dass er "böse" ist.

Wo denn?

> Wie kommst
> du denn darauf, dass seine Vermutung falsch sein muss?

Woher soll ich denn wisse ob sie falsch oder wahr ist. Das weiß doch
keiner hier.

Aber viele fühlen sich offenbar berufen mal wild drauf los zu
spekulieren. Wie es halt so am Stammtisch zugeht.

Man weiß zwar nichts, aber das ganz genau.






Aus: "Lenovo-Chef verteilt seinen Bonus an Mitarbeiter" (20.07.2012)
Quelle: http://www.heise.de/newsticker/meldung/Lenovo-Chef-verteilt-seinen-Bonus-an-Mitarbeiter-1649014.html

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[Wie deutsche Kunden ihr Geld steueroptimiert... ]
« Reply #297 on: August 11, 2012, 01:15:49 PM »

Quote
[...] Nach einem Bericht der «Financial Times Deutschland» sollen Schweizer Banken bereits für deutsche Kunden Vermögen nach Singapur transferiert haben. Mit dem Ankauf von Daten der Schweizer Grossbank UBS seien die Ermittler in den Besitz von Unterlagen gekommen, die belegen sollen, wie Schweizer Banken Steuerhinterziehern helfen, ihr Vermögen in Fernost zu verstecken, berichtet die Zeitung. ... Zu den erworbenen Daten sollen auch Videos der Schweizer Grossbank UBS gehören, in denen «hochrangige Mitarbeiter» Anleitung geben, wie deutsche Kunden ihr Geld «steueroptimiert» bei der UBS anlegen können. Das Material sei so herausragend, dass die Ermittlungen gegen die Bank in den Vordergrund rückten. ... (sda/dpa/muei;horm)


Aus: "NRW: Schweizer Banken schleusen Schwarzgeld in andere Länder"
Freitag, 10. August 2012, 10:04 Uhr, Aktualisiert 11.08.2012, 4:14 Uhr
Quelle: http://www.tagesschau.sf.tv/Nachrichten/Archiv/2012/08/10/International/NRW-Schweizer-Banken-schleusen-Schwarzgeld-in-andere-Laender

-.-

Quote
 

Quote
Erich Heini (erichheini) - 10.08.2012 10:53 Uhr

Riesenüberraschung

Wer hätte das gedacht ??

Quote
 Peter Ambros (Lilo11) - 10.08.2012 13:05 Uhr

... Wobei ich erneut frage, woher die Riesensummen kommen, wenn echtes Schwarzgeld verschoben wird. Wo kann man so große und ertragreiche Geschäfte am Finanzamt vorbei machen? Da liegt doch etwas anderes im Argen?


Quote
Uwe Bussenius (uwebus) - 10.08.2012 16:32 Uhr

Was ich nicht verstehe ist, warum ein Schwarzgeldbesitzer dieses Geld auf einem Konto führt statt es in Schließfächern zu lagern. Wer Millionen am Fiskus vorbei geschleust hat ist doch auf Zinseinnahmen nicht mehr angewiesen, sondern kann sich seine Beute in Form von Cash US$, CHF oder sonstiger international halbwegs sicherer Währung und Gold einlagern. Und Schließfachinhalte werden von Banken m.W. nicht überwacht und elektronisch gespeichert, so daß sich nur der doofe Schwarzgeldbesitzer über eine CD entdecken läßt. Wenn der deutsche Finanzminister alle Steuerhinterzieher über deren Schwargeld erwischen möchte, müßte er sämtliche Schließfächer unter Aufsicht öffnen und kontrollieren lassen, und das nicht nur in Deutschland, sondern mindestens europaweit. Ich bin überzeugt, daß die Mafia ihre "Einkünfte" (die das normale Schwarzgeld weit übersteigen) nicht auf Bankkonten lagert, sondern in Cash, welches dann über legale Wege weiß gewaschen wird. Aber da traut sich wohl selbst ein Finanzminister nicht dran.

Quote
Michael Klein (MPOKlein) - 10.08.2012 23:26 Uhr

Was ich nicht verstehe ....

Um es - aus 30-jähriger Erfahrung als Richter krass auszudrücken - was Sie nicht verstehen ist einfach die gnadenlose Dummheit von Straftätern jeder Art. Im konkreten Fall geht es um Gier, man willl halt einfach noch mehr. Ich höre immer wieder den Satz: .... ich werde doch nicht so dumm sein, xxxx zu tun, und kontere ihn immer mit dem aus Erfahrung gewonnenen Satz, dass "90% meiner Kunden schlicht bekloppt" sind. Danach ist betretenes Schweigen im Gerichtssaal, weil die Betroffenen genau wissen, dass ich Recht habe.



Quote
Miklas Ross (miklasross) - 10.08.2012 12:56 Uhr

bezeichnend

Das ist nur die Spitze eines monströsen Eisberges.
btw... aber verbal auf die Griechen einprügeln, das hat was.


Quote
fridolin hinterhuber (montaxx...) - 10.08.2012 12:30 Uhr

Spatzen.

Dieses "pikante Detail" pfeifen in Zürich die Spatzen schon seit langem von den Dächern und jeder,der mag,kann es in CH-Tageszeitungen nachlesen.Banken lassen sich nicht so leicht Butter und Kaviar vom Brot nehmen.Auch wenn die Ausreden zum Steuerbetrug wechseln wie die Kleidermode (früher war es die Angst vor Kommunisten,heute ist es die desolate Lage des Euro,morgen wieder etwas anders),der Tatbestand des Betrugs bleibt ebenso wie die Gier der Banker,am einträglichen kriminellen Ringelreihen teilzunehmen...





http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/steuerdaten-cds-deutsches-schwarzgeld-koennte-nach-singapur-geflossen-sein-11850798.html#comments

-.-

Quote
[...] in Nordrhein-Westfalen habe es vom 5. Juli bis 2. August insgesamt 93 Selbstanzeigen gegeben, heißt es in dem Bericht. In den Vormonaten sollen es jeweils weniger als 20 gewesen sein. In Baden-Württemberg hätten sich in der ersten Augustwoche 117 Steuerhinterzieher bei den Finanzbehörden offenbart. Seit 15. Juli seien es 287 Selbstanzeigen gewesen. In Berlin hätten sich vom 27. Juni bis 8. August 61 Steuerhinterzieher bei den Behörden gemeldet nach 42 im ganzen zweiten Quartal. Auch in Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein zeige der Trend nach oben.

...

Quote
PublicTender heute, 07:37 Uhr

... Wer Steuern hinterzieht betrügt die Gemeinschaft in der er lebt.

http://forum.spiegel.de/f22/schwarzgeld-der-schweiz-steuer-cd-kauf-loest-welle-von-selbstanzeigen-aus-68311.html#post10750302


Quote
frubi heute, 07:34 Uhr

.. Ich kann doch auch kein H4-Betrug begehen und mich danach selbst anzeigen.

http://forum.spiegel.de/f22/schwarzgeld-der-schweiz-steuer-cd-kauf-loest-welle-von-selbstanzeigen-aus-68311.html#post10750299


Quote
georges_danton heute, 08:09 Uhr
"Steuersünder". Wann hört endlich diese Verharmlosung auf, die CDU, FDP und SPON betreiben? ...

http://forum.spiegel.de/f22/schwarzgeld-der-schweiz-steuer-cd-kauf-loest-welle-von-selbstanzeigen-aus-68311-2.html#post10750360




Aus: "Steuer-CD-Kauf löst Welle von Selbstanzeigen aus" (15.08.2012)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/kauf-von-steuer-cds-selbstanzeigen-steigen-deutlich-a-850079.html

« Last Edit: August 15, 2012, 09:37:08 AM by Textaris(txt*bot) »
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[Die Prüfungen ... ]
« Reply #298 on: August 20, 2012, 04:14:52 PM »

Quote
[...] Die Prüfungen durch Steuerfahnder führte in den Jahren 2010 und 2011 zur Einleitung von knapp 42.000 Strafverfahren. Der Umfang der Geldbußen erhöhte sich 2011 gegenüber dem Vorjahr von 1,7 Millionen auf 11,3 Millionen Euro. Das Volumen von Geldstrafen nahm dagegen etwas ab, von 29,1 auf 28,9 Millionen Euro.

...


Aus: "Steuerfahnder bescheren Staat Plus von vier Milliarden Euro" (20.08.2012)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/steuerfahnder-bescheren-staat-plus-von-vier-milliarden-euro-a-850994.html

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[Middelhoff und Esch einigen sich... ]
« Reply #299 on: August 21, 2012, 04:44:00 PM »

Quote
[...] Im Mittelpunkt des Teilverfahrens standen Chartergebühren und Unterhaltskosten für Middelhoffs 33 Meter lange Luxusyacht "Medici" vom Typ Mangusta 108. Vor gut fünf Jahren hatte Middelhoff die Yacht von einem Konsortium um Esch gechartert. Mehr als 72.000 Euro zahlte er jeden Monat, nur um das Boot zu besitzen. Dazu dann noch die Liegegebühren, das Geld für Minimum drei Mann Besatzung, Diesel, Steuern. Heute dagegen will sich Middelhoff das alles nicht mehr leisten; er hat den Vertrag gekündigt und die Zahlungen für die "Medici" gestoppt. Die Fortsetzung der Geschäftsbeziehung sei ihm nicht zumutbar. Schließlich hätten ihm die anderen Beteiligten durch falsche Beratung massive Vermögensschäden zugefügt, argumentierte er laut Gericht.

Der jetzige Deal ist nach SPIEGEL-Informationen, dass Middelhoff im Streit um die Luxusyacht eine Schuld in Höhe von 2,5 Millionen Euro anerkennt. Der Manager hatte bisher immer angegeben, er habe das Schiff nicht gemietet, sondern per Mietkauf erwerben wollen. Nun soll er den Informationen zufolge anerkennen, dass Eschs Interpretation des Vertrags richtig ist. Esch gewähre im Gegenzug einen Zahlungsaufschub um 13 Monate. Wenn Middelhoff dann nicht zahlt, droht die Vollstreckung ins Vermögen. Weiterhin streitig sei die Frage, wer von nun an den Unterhalt für die Yacht zahlt.

Middelhoff hatte auf Anraten Eschs und der Oppenheim-Bank viel Geld in sogenannte Oppenheim-Esch-Fonds investiert. Der frühere Manager wirft Esch vor, sich dabei durch völlig überhöhte "weiche Kosten" - etwa für Kapitalvermittlung oder Marketing - bereichert zu haben. Esch bestreitet das allerdings und argumentiert, dass "weiche Kosten" aus Steuerersparnisgründen explizit erwünscht waren.

Für Middelhoff und Esch könnte ein Vergleich willkommene Entlastung bringen. Denn beide Männer sehen sich mit zahlreichen Rechtsstreitigkeiten konfrontiert. So versucht der Arcandor-Insolvenzverwalter Hans-Gerd Jauch vor Gericht von Middelhoff wegen angeblicher Pflichtverletzungen und überhöhter Bonuszahlungen Schadensersatz einzuklagen.

Esch sieht sich unter anderem mit hohen Forderungen der Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz konfrontiert, die ihn und das Bankhaus Sal. Oppenheim wegen falscher Beratung auf Schadensersatz in Höhe von 1,9 Milliarden Euro verklagt hat.

...

Quote
glen13 heute, 14:48 Uhr

Zwei sympathische Menschen haben sich gütlich geeinigt. Was für eine schöne Nachricht mitten im Sommerloch.


Quote
Genau dieses Verhalten.....
gerd33 heute, 15:25 Uhr

Quote
[Zitat von stefanaugsburg] ....... Diese zwei Herren ....... sind für mich der Inbegriff der egoistischen, gierigen und moralisch verkommenen New-Economy Clique, die nichts anderes, als Ihr eigenes Portemonnaie im Sinn haben - und das am Besten mit geringstmöglichem Risiko und größtmöglichem Aussaugen anderer Menschen. .....

..... zeichnet einen fähigen Geschäftsmann aus. das Streben nach Geld kommt auf Platz 3, gleich nach dem Streben nach Macht (1) und Sex (2). Es kann eben nicht jeder Mensch Sozialarbeiter werden. Und was das "Aussaugen" betrifft: Ich denke, dass keiner der Investoren mit vorgehaltener Waffe zur Unterschrift gedrängt wurde. Die Investoren hatten vielmehr die gleiche Absicht wie Middelhoff und Esch: Reichtum mit geringstmöglichem Risiko.


Quote
Unglaublich!
Europa! heute, 15:25 Uhr

Wenn ich mir vorstelle, dass eine solche Pfeife mal das Kommando über Tausende von Arbeitsplätzen gehabt hat, die dann auch prompt verloren gegangen sind, wird mir noch nachträglich schlecht. ...


Quote
Test For Echo
rudolf_mendt heute, 15:34 Uhr

Die nehmen sich ja wohl beide nicht viel. Middelhoff zieht Madeleine über den Tisch und fährt Karstadt mit Vollgas gegen die Wand. Wird seinerseits aufs Feinste von Maurer Esch poliert, der wiederum eine lange Blutspur in Köln hinter sich herzieht. Hm, man sollte sich die Rechte sichern...


Quote
zynik heute, 16:00 Uhr

Na Gott sei dank. So sehen wohl die elementaren Probleme unserer "Elite" aus. Wäre das nicht eher eine Meldung für die Bunte? Trotzdem wie immer schön zu lesen, dass man Niveau nicht kaufen kann.


Quote
Na dann ...
kaiser-k heute, 16:02 Uhr

... können die entlassenen Karstadt-Angestellten ja wieder ruhig schlafen.


http://forum.spiegel.de/f22/millionenforderungen-middelhoff-und-esch-einigen-sich-im-luxusyacht-streit-68807.html


Aus: "Middelhoff und Esch einigen sich im Luxusyacht-Streit" (21.08.2012)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/middelhoff-und-esch-einigen-sich-aussergerichtlich-a-851190.html

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[Laut der Studie... ]
« Reply #300 on: August 23, 2012, 02:14:30 PM »

Quote
[...] Hamburg - Der amerikanischen Mittelschicht ging es 2010 deutlich schlechter als zehn Jahre zuvor. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Meinungsforschungsinstituts Pew. Demnach ist die US-Mittelschicht im vergangenen Jahrzehnt nicht nur stark geschrumpft - die verbliebenen Mitglieder verloren auch noch an Einkommen und Wohlstand.

Laut der Studie fiel das mittlere Einkommen einer amerikanischen Mittelschichtsfamilie von 72.956 Dollar im Jahr 2000 auf 69.487 Dollar im Jahr 2010 - ein Minus von fünf Prozent. Noch drastischer fiel der Rückgang beim Wohlstand aus, den das Institut als Vermögen abzüglich Schulden definiert. Hier ging der mittlere Wert sogar um 28 Prozent zurück - von 129.582 Dollar auf 93.150 Dollar.

Hauptgrund für den Wohlstandsverlust ist die schwere Wirtschaftskrise seit 2007. In den drei Jahren bis 2010 fiel der Wohlstand um fast 40 Prozent. Bei den Einkommen ist der Trend weniger eindeutig, doch auch sie fielen vor allem seit 2007.

"Der Glaube daran, dass der Lebensstandard der Mittelschicht ständig steigt, gehört zur amerikanischen Gründungsidee", zitiert die "Financial Times" Pew-Vizepräsident Paul Taylor. "Mittlerweile hat die Mittelschicht ein kleineres Stück von einem kleineren Kuchen."

Das Pew Research Center hatte für die Studie 1287 Amerikaner befragt, die sich der Mittelklasse zugehörig fühlen. 85 Prozent von ihnen sagten, es sei heutzutage für Normalbürger schwieriger, ihren Lebensstandard zu halten, als noch vor einem Jahrzehnt.

Ihren Glauben an eine erfolgreiche Zukunft haben die meisten Amerikaner trotz des schlechten Jahrzehnts behalten. 43 Prozent der Befragten gaben an, der Lebensstandard ihrer Kinder werde besser sein als ihr eigener, immerhin 26 Prozent rechneten mit einer Verschlechterung.

stk

Quote
Willkommen im 21 Jahrhundert!
unixv heute, 12:56 Uhr
Wir in DE, haben es auch nicht glauben können was unsere Sozen da fabriziert haben, alles für die Märkte und Banken, bald nichts mehr für den Bürger. 1€ Sklaven, Minijober, arme Rentner, prekäre Arbeitsverhältnisse, korrupte Politiker! Selbst Chinesen würden sich hier nicht mehr wohl fühlen, kleiner verdienst, große Miete, teure Lebenshaltungskosten und fast unbezahlbare Energie, machen hier das Leben zum Überlebenskampf! Dieses €uropa ist so toll, aber nur für Banken, Politiker und Beamte!

http://forum.spiegel.de/f22/schrumpfende-einkommen-horror-jahrzehnt-fuer-us-mittelschicht-68966.html#post10810701





Aus: "Horrorjahrzehnt für US-Mittelschicht" (23.08.2012)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/die-einkommen-der-amerikanischen-mittelklasse-schrumpfen-a-851665.html

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[1973... ]
« Reply #301 on: August 29, 2012, 05:22:24 PM »

Quote
[...]  Seit mehr als einer Generation stagniert das Jahreseinkommen der breiten amerikanischen Mehrheit. Dagegen verdreifachten sich die Einkünfte derer an der Spitze. 1973 war ein typisches Chefgehalt 26-mal so hoch wie ein durchschnittliches Gehalt, aber im heutigen Amerika ist es mehr als 300-mal so hoch. ...


Aus: "Wie Träume unser Wirtschaftsleben beeinflussen"
 Heike Buchter | Thomas Fischermann | Angela Köckritz (29.08.2012)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-08/wirtschaftskraft-traeume
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[Und wenn solche Studien dazu beitragen... ]
« Reply #302 on: August 29, 2012, 05:53:25 PM »

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[...]  Ihm [Stefan Quandt] gehören 104.747.120 BMW-Aktien. Er würde keine verkaufen, aber andere handeln, und so gibt es ständig einen Börsenpreis. Gegenwärtig werden für BMW-Aktien 59 Euro bezahlt. Demnach sind Quandts Papiere 6,2 Milliarden Euro wert – plus Aufschlag, weil es ein Paket von immerhin 17,4 Prozent ist.

Mit der Beteiligung an dem erfolgreichen Autohersteller, zu dem auch die Marken Mini und Rolls-Royce gehören, erzielt Quandt sensationell hohe Einkünfte. Im Mai flossen 241 Millionen Euro Dividende auf sein Konto. Zum Vergleich: Der Clan der Porsches und Piëchs kassierte 104 Millionen, die ganze Siemens-Sippe 165 Millionen Euro. In Deutschland gibt es keinen, der mehr Dividende einstreicht als der 46-Jährige. Unter den Superreichen dieses Landes ragt Stefan Quandt in diesem Sommer heraus.

Wenn man den Multimilliardär fragt, was er mit den Ausschüttungen anfängt, erfährt man wenig. »Wir verwenden das Geld, um das Vermögen zu stabilisieren«, sagte Quandt in seinem bislang einzigen Interview mit der ZEIT im vergangenen Jahr. Er lehnte es ab, nähere Auskunft zu seinen Verhältnissen zu geben.

... Dreißig Jahre ist das her, Stefan Quandt war sechzehn und ging aufs Gymnasium. Seine Kindheit in Bad Homburg war behütet und beschützt verlaufen. Sicherheitsleute brachten ihn zur Schule und holten ihn ab, man hatte Angst vor Entführungen und dem RAF-Terror. Mit dem Fahrrad durch die Felder zu fahren wie andere Kinder, das war für die Quandt-Sprösslinge nicht drin.

Ihr Vater war fast blind, er konnte nicht mit seinen Kindern spielen oder Sport treiben. Aber er war ein guter Zuhörer, der jede Stimmung auffing, die in einer Stimme mitschwang. In den Sommerferien schipperte die Familie auf ihrer Motorjacht Seebär im Mittelmeer oder vor den Küsten Dänemarks herum. Zu Hause in der Villa auf der Ellerhöhe ging es dagegen förmlich zu, der Butler trug eine weiße Jacke. Von der Arbeit des Vaters, der mittags zum Essen heimkam, erfuhr der Sohn wenig. Er interessierte sich für Sport.

Herbert Quandt bereitete den Erbfall sorgfältig vor. Es ging um nicht weniger als das größte deutsche Industrievermögen, das sich in Privatbesitz befand. Nachkommen aus drei Ehen waren zu bedenken.

...

Quote
    Steppenwolf_49
    29.08.2012 um 11:27 Uhr

Ein Beispiel für uns alle!

Vor 35 Jahren arbeitete ich als Assistent in einem Kaufhaus in Bad Homburg. In Erinnerung ist mir geblieben, wie freundlich Frau Quandt mir begegnete und wie wohlerzogen Ihre Kinder waren. Eine Familie, von der es leider in Deutschland kaum noch welche gibt.
Jeder, der dies anders sieht, folgt nur dem Neid in seinem Herzen.

http://www.zeit.de/2012/34/Stefan-Quandt?commentstart=33#cid-2279953


Quote
    Seldon-X
    29.08.2012 um 10:17 Uhr

Stille Macht lautet der Titel des Artikels.
Welche Macht hier im Stillen ausgeübt wird, welche Einflußnahmen stattfinden, ...Fehlanzeige.
Etwas kritisches Hinterfragen, historische Zusammenhänge Aufzeigen, ...Fehlanzeige.
241 Millionen leistungsloses Einkommen: 3 Millionen Kinder zu impfen kostet 8 Mio (http://www.hispaniola.eu/...), Schulen für 13 Mio Kinder in Afrika zu bauen 13 Mio (http://www.schulenfuerafr...)
Der Mann könnte mit seinem Jahressalär >20000 HartzIVer durchbringen...usw. usf.

Und was macht er: Das Vermögen konsolidieren... Hut ab vor solchen Leistungsträgern!
Homestory auf super-Illu-Niveau.

...

http://www.zeit.de/2012/34/Stefan-Quandt?commentstart=25#cid-2279798


Quote
    Robert Walpole
    29.08.2012 um 16:44 Uhr

Das ist wirklich ein lupenreiner Schwanengesang

Der Terminus "Grosskapitalist" ist wirklich ein Reizwort, welches bei vielen Leuten das selbständige Denken ausblendet. Ich selbst bin weder ein "Grosskapitalist" noch ein "Kleinkapitalist", sondern ein schlichter Realist. Die Quandt's hatten bestimmt zum Teil Glück, möglicherweise auch das Glück der Tüchtigen. Wenn Stephan Quandt, der mir persönlich überhaupt nicht unsympathisch ist, seine alles andere als bescheidenen Dividenden kassiert, bereitet mir das keine schlaflose Nacht. Ich lebe mein Leben, er seines. Wenn er für die Rettung dieser Solarfirma ein Angebot gemacht hat, dann ist das seine Sache. Er kann mit seinem Geld machen, was er will. Für alle, die es noch nicht begriffen haben: Auf Wikipedia die Bedürfnispyramide von Maslow konsultieren. Genau so ist das Leben.

http://www.zeit.de/2012/34/Stefan-Quandt?commentstart=33#cid-2280557



Quote
    Heimweh04
    29.08.2012 um 10:24 Uhr

RE: Stille Macht

Ein Verwendungszweck dieses leistungslosen Einkommens ist jedoch hier noch nicht erwähnt worden- Politische Landschaftspflege:

"Seit dem Jahr 2002 spendete die Familie Quandt etwa 2 Millionen Euro an deutsche Parteien. Der größte Anteil der Spendensumme ging dabei an die CDU. Die Schwesterpartei CSU und die FDP erhielten ebenfalls Spenden. Zuletzt am 27. November 2009 erhielt die CDU jeweils 150.000 Euro von Johanna Quandt, von Stefan Quandt sowie von Susanne Klatten.[7]
Betrachtet man heute die Parteispenden der Konzerne BMW (ca. 1,5 Mio. Euro) und Altana (ca. 1,1 Mio. Euro) ebenfalls als Spenden der Familie Quandt, so zählt die Familie zu den größten Einzelspendern deutscher Parteien."

http://de.wikipedia.org/wiki/Quandt_(Familie)#Parteispenden_der_Familie_Quandt

http://www.zeit.de/2012/34/Stefan-Quandt?commentstart=25#cid-2279814


Quote
    Iannis
    29.08.2012 um 9:58 Uhr

... 241 Millionen leistungsloses Einkommen, keinen Finger muss der Herr dafür rühren. Und davon zahlt er vermutlich nur 25% Kapitalertragssteuer und wird auch noch als "Leistungsträger" gefeiert.

Diese Damen und Herren darf man natürlich nicht noch stärker belasten, sonst könnten sie ja eventuell ins Ausland fliehen. ...

http://www.zeit.de/2012/34/Stefan-Quandt?commentstart=17#cid-2279761


Quote
    jadajos
    29.08.2012 um 9:29 Uhr

Endlich mal wieder ein Artikel über die Quandts und ihre großen Herzen, bei der ZEIT darf ja kein Jahr ohne ebensolchen vergehen. Gab es mal wieder einen Sektempfang? Dazwischen dann faszinierende Titel, die der BILD kaum besser einfallen, wie "Ja, wir dürfen wieder stolz sein" (danke für die Erlaubnis Herr Gauck) sowie die hanebüchenen Kommentare des Herrn Joffe. Da fällt mir ein, dass ich meine Abo-Kündigung noch gar nicht abgeschickt habe.

http://www.zeit.de/2012/34/Stefan-Quandt?commentstart=17#cid-2279698



Quote
    Mathematiker
    28.08.2012 um 23:45 Uhr

Ist die Zeit die neue Bunte?

Ich bin doch etwas entsetzt, solche Homestories bei der Zeit finden zu müssen.

Aber fassen wir mal kurz zusammen:
Die Familie Quandt verdankt, wie eigentlich fast alle Unternehmerdynastien, ihren Reichtum der lukrativen Verbindungen zur NSDAP und hat auch ohne größere Blessuren den Untergang des Regimes verkraftet. Damals haben fast alle Rüstungskonzerne auch Zwangsarbeiter oder teilweise sogar KZ-Häftlinge beschäftigen müssen. Da ist auch nichts gegen einzuwenden, wenn diese ordentlich behandelt worden sind. In diesem Falle also: Wurden sie? Spannend wäre auch noch der Aspekt, ob sich Quandt, wie Flick oder Neckermann, auch an jüdischen Firmen bereichert hatte.

Zu Stefan Quandt lässt sich eigentlich nur folgendes sagen: Bei diesen Vermögenswerten vermehrt sich das Vermögen fast von alleine, wenn man nicht so doof ist, wie die Schickedanz. Sein eigenes Unternehmertum scheitert wohl kläglich. Aber das ist bei dem finanziellen Background auch nur Spielgeld und Zeitvertreib.

http://www.zeit.de/2012/34/Stefan-Quandt?commentstart=9#cid-2279373




Aus: "Stefan Quandt Stille Macht" (28.08.2012)
Quelle: http://www.zeit.de/2012/34/Stefan-Quandt?

-.-


Quote
[...] Die Erben der Industriellenfamilie Quandt haben ihr Archiv geöffnet und die Rolle des Unternehmens im Dritten Reich untersuchen lassen. Der Historiker Joachim Scholtyseck sagt im Interview: Familien-Patriarch Günther Quandt war "ein Teil des NS-Regimes".

Katrin Heise: "Der Aufstieg der Quandts - eine deutsche Unternehmerdynastie", so heißt das Buch des Historikers Joachim Scholtyseck. Die Mitglieder der weitverzweigten Industriellenfamilie Quandt waren oder sind - je nachdem, ob die Firmen noch bestehen - beteiligt am Autobauer BMW als auch an der Batteriefirma VARTA und dem Chemieunternehmen ALTANA. Zurück geht der Reichtum auf Günther Quandt und seine Söhne Herbert und Harald. Wie eng die Verstrickung in nationalsozialistische Verbrechen waren, dem widmet sich die umfangreiche, gerade herausgekommene Studie von Scholtyseck. Ihn hatten die Erben Quandts unter anderem das Familienarchiv geöffnet. Ein Dokumentarfilm des NDR aus dem Jahr 2007 hatte die Familie tief getroffen und den Anlass für letztendliche Transparenz gegeben. Joachim Scholtyseck ist Professor für Geschichte an der Universität Bonn, bekannt durch Arbeiten zum Dritten Reich oder auch über auch Robert Bosch. Guten Tag, Herr Scholtyseck!

Joachim Scholtyseck: Guten Tag, Frau Heise!

Heise: Günther Quandt war wegen seiner Batterie- und seiner Waffenherstellung ja ungeheuer wichtig für das Dritte Reich. Wie tief war er verstrickt in das System der Nationalsozialisten?

Scholtyseck: Er war ziemlich tief verstrickt. Vielleicht könnte man sogar sagen: Mehr als verstrickt. Denn verstrickt hört sich immer so etwas an, als ob man unschuldig in das Räderwerk geraten sei, und Günther Quandt, der ja ohnehin schon sehr reich gewesen ist - die Familie war schon vor dem Dritten Reich reich -, hätte sich nicht so stark involvieren müssen, wie er das getan hat. Und diese Involvierung zeigte sich etwa darin, dass er schon direkt nach 1933 diese Sparte der Rüstung, also die deutschen Waffen- und Munitionsfabriken, aber auch die Dürener Metallwerke, die sehr wichtig waren für die Aluminiumindustrie, wie auch die Mauserwerke in Oberndorf im Schwabenland sehr stark ausgebaut hat. Und das allein zeigt schon, dass er eben auch ein Teil des NS-Regimes wurde.

Heise: Ein Teil wurde ... er profitierte ja auch im großen Maße von Arisierung, hat sich da auch aktiv irgendwie immer erkundigt und geguckt, er profitierte von Zwangsarbeit in hohen Zahlen. Wie sehr entsprach die Nazi-Ideologie aber seiner eigenen? Wie sehr war er Antisemit?

Scholtyseck: Ja, das ist ein ganz interessanter Aspekt. Er hat sich beteiligt, er hat profitiert, er konnte das aber tun, ohne dass er wirklich ein überzeugter Nationalsozialist gewesen wäre. Also, dieser NS-Ideologie stand er eher kritisch sogar gegenüber. National und Sozialismus, das war natürlich eben etwas, was vielen Unternehmern auch etwas fremd war, dieser linke Anteil am Nationalsozialismus, und das hatte er eben auch daran gemerkt, dass er 1933 ein paar Monate von diesen braunen Revolutionären in Haft gesetzt worden war. Aber das bedeutete eben nicht, dass er doch eben in erheblichem Maße mitgemacht hat. Also, kein Nationalsozialist im eigentlichen Sinne und auch kein Antisemit. Das musste man aber auch nicht sein, um eben sich trotzdem dann ohne großes Nachdenken an den Arisierungen zu beteiligen.

Heise: Zu beteiligen und auch reich zu werden. Sie haben eben schon betont, Quandt war auch vorher schon reich. Aber der Grundstock für den Reichtum seiner Erben, der wurde doch im Dritten Reich gelegt, kann man das so sagen?

Scholtyseck: Der Grundstock würde ich nicht sagen. Der Grundstock wurde tatsächlich schon im 19. Jahrhundert gelegt. Aber dieser Reichtum wurde immer weiter vermehrt. Und da machte das Dritte Reich keine Ausnahme. Günther Quandt hat ja in seinen Erinnerungen - die sehr kritisch gesehen werden müssen, weil das sehr selbstrechtfertigend nach 1945 verfasst worden ist - er hat selbst betont, dass er in den ersten Jahren des Dritten Reiches durchaus gut verdient habe. Und das ist eben tatsächlich untertrieben, er hat sehr gut verdient - nicht nur in diesen sogenannten Friedensjahren, sondern auch in den Jahren des Zweiten Weltkrieges, und auch durch die Zwangsarbeit gab es eben einen erheblichen Zugewinn, der nach 1945 dann dazu dienen konnte, ein neues Imperium wieder aufzubauen.

Heise: Sie gucken ja sowohl in die Kaiserzeit zurück als auch dann auf das Entnazifizierungsverfahren beispielsweise und auch auf die Unternehmensentwicklung im Nachkriegsdeutschland. Wie beurteilen Sie eigentlich die Rolle der Söhne, Herbert und Harald Quandt.

Scholtyseck: Ja. Beide Söhne waren natürlich noch vergleichsweise jung. Wenn man sich die Akten anschaut, dann sieht man, dass Günther Quandt tatsächlich der Familienpatriarch war, der das Sagen hatte. Die beiden Söhne standen daher durchaus im Schatten. Harald Quandt ging dann als Soldat in den Zweiten Weltkrieg und spielte unternehmerisch bis 1945 keine Rolle. Aber Herbert Quandt, den er ja als Unternehmensnachfolger auch heranzog, wurde immer stärker in die Betriebe aufgenommen und beteiligte sich auf diese Art und Weise natürlich auch an den Verbrechen des Nationalsozialismus, denn er hatte beispielsweise Personalverantwortung für eine Trockenbatteriefirma - Pertrix in Berlin -, wo es Zwangsarbeiter und auch KZ-Arbeiter gab. Und für die trug er letztlich die Verantwortung.

Heise: Und beide Söhne und ihre Nachkommen beteiligten sich dann eben auch an dem Schweigen nach dem Zweiten Weltkrieg. Über Aufarbeitung der Nazivergangenheit der Unternehmerfamilie Quandt spreche ich mit dem Historiker Joachim Scholtyseck. Herr Scholtyseck, es gab ja eine NDR-Dokumentation aus dem Jahr 2007 und es gab auch eine Familienbiografie von Rüdiger Jungbluth, einem Wirtschaftsjournalisten, also ganz überraschend waren die Erkenntnisse, die Sie jetzt haben, ja nicht. Ihnen gegenüber hat sich diese schweigsame Familie aber ganz anders geöffnet. Welche Quellen standen Ihnen zur Verfügung?

Scholtyseck: Ich habe in diesem Fall multiarchivalisch gearbeitet. Es war schon ein sehr großer Vorteil, dass die Familie mir praktisch unbegrenzten Zutritt zu dem sogenannten Familienarchiv gewährt hat, ...

Heise: Was sie vorher noch nie gemacht hatte.

Scholtyseck: ... was sie vorher noch nie gemacht hatte, und das war auf der einen Seite wichtig, zeigt aber eben auch, dass die Familie nach dem Film umzudenken begann. Und was für mich dann noch wichtiger war, mir wurde zugesichert, dass ich diese Ergebnisse, die ja jetzt eben tatsächlich nicht sehr schön für die Familie sind, dass ich diese Ergebnisse von der Familie unredigiert veröffentlichen darf, und dass dieses sogenannte Familienarchiv dann auch in ein öffentliches Archiv überführt wird, damit die Ergebnisse, die ich vorgelegt habe, auch für die kritische Öffentlichkeit überprüfbar sind.

Heise: Also Sie hatten den Eindruck, dass die Nachkommen - das sind Stefan Quandt und seine Kusine Gabriele Quandt vor allem - dass die tatsächlich an schonungsloser Transparenz - auch schonungslos den eigenen Vätern gegenüber, denn das waren eben Herbert und Harald Quandt - ja, sie wollten wirklich schonungslose Aufklärung?

Scholtyseck: Ja, ob sie das jetzt wirklich wollten, wissen Sie, das ist immer ganz schwer zu sagen. Aber ich hatte für mich persönlich bei meinen Recherchen den Eindruck, dass es eben ihnen, der Familie auch daran gelegen war, alle Fakten auf den Tisch zu bekommen und die eben auch der Öffentlichkeit präsentieren zu können, dass man sagt: Es soll jetzt tatsächlich in vielen Archiven, in allen zugänglichen Archiven soll geforscht werden, was ist denn jetzt nun eigentlich gewesen. Und das ist eben eine Offenheit, die sich stark von dem unterschied, was jahrzehntelang eben so die Familientradition gewesen ist.

Heise: Die Aufarbeitung von solchen Familienunternehmen oder überhaupt von den deutschen Unternehmen, die hat ja so richtig begonnen mit einer umfangreichen Arbeit zur Deutschen Bank - das ist zirka 15 Jahre her. Was war damals eigentlich der Auslöser?

Scholtyseck: Ja, das ist eben auch eine Entwicklung, die man nachvollziehen kann. In den 50er- und 60er-, teilweise auch noch in den 70er-Jahren, da hatten die Unternehmen tatsächlich eben auch Angst, sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Man sagte: Warum sollen wir das machen, wenn das andere Unternehmen nicht machen? Das ist die Konkurrenzsituation. In den 70er- und 80er-Jahren änderte sich das natürlich in starkem Maße. Es war auf der einen Seite ein ganz neuer Blick auf die Zwangsarbeit, deren Dimensionen immer deutlicher wurden, und neue Generationen hatten es auch einfacher, wenn man den Großvater untersuchen lässt - das ist immer noch etwas anderes, als wenn man den Vater untersuchen lässt. Also insofern hatte diese Studie über die Deutsche Bank, die Sie erwähnt haben, tatsächlich Pioniercharakter. Andere große Aktienunternehmen sind gefolgt, weniger die Familienunternehmen, das ist natürlich ...

Heise: Die scheinen jetzt aufzuarbeiten. Was ist der Eindruck, oder aus welchem Grund kommt das jetzt zur Häufung? Ich habe beispielsweise Boss erwähnt, auch die C&A, also Brenninkmeijers, lassen in die Archive gucken.

Scholtyseck: Ja, da könnte man sogar noch andere Firmen nennen, etwa Oetker oder Boehringer. Das sind also Familienunternehmen, die jetzt stärker wirklich in den Fokus geraten und eventuell auch Interesse haben, ihre Geschichte aufzuarbeiten. Es ist natürlich immer schwieriger für ein Familienunternehmen, in die eigenen dunklen Zeiten zurückzuschauen, als für eine anonyme Aktiengesellschaft. Da kann man sagen: Ja, das waren die Manager, das waren die Betriebsleiter. Und hier sind es natürlich Familien, die eine Tradition haben, die auch eine Tradition gepflegt haben. Und wenn man da eben feststellt, der Großvater ist vielleicht gar nicht ein so toller Unternehmer gewesen - ich drücke das jetzt mal etwas salopp aus -, dann ist es für Familienunternehmen sicherlich etwas schwieriger als für Aktiengesellschaften und große Publikumsgesellschaften. Aber dieser Trend, der ist tatsächlich, wie Sie gesagt haben, Frau Heise, zu erkennen, und das wird wahrscheinlich auch nicht ausbleiben. Es ist auch gut, dass solche Dinge auf den Tisch kommen und nicht weiter solche weißen Flecken in der Geschichtswissenschaft, gerade der Geschichte des Dritten Reiches, übrigbleiben.

Heise: Was wird mit den Ergebnissen angefangen, die diese Studien dann zeitigen?

Scholtyseck: Also ich denke, dass in der heutigen Zeit unternehmerische Verantwortung genauso wichtig ist wie in Zeiten der Krise und in Zeiten der Diktatur. Und wenn solche Studien dazu beitragen, dass Unternehmen und Familien nur auf dem Papier so etwas wie unternehmerische Verantwortung übernehmen, dann ist das eben ein Zeichen für eine funktionierende Demokratie und eine funktionierende Marktwirtschaft, die auch ein soziales Gewissen haben muss.

Heise: Professor Joachim Scholtyseck, Historiker an der Universität Bonn. Vielen Dank, Herr Scholtyseck, für dieses Gespräch!

Scholtyseck: Gerne, Frau Heise!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.



Aus: ""Ziemlich tief verstrickt" - Historiker über die NS-Vergangenheit der Quandts" (26.09.2011)
Quelle: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/1563337/


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[Man habe es mit einem längerfristigen Trend zu tun... ]
« Reply #303 on: September 11, 2012, 08:58:35 AM »

Quote
[...]  Mittlerweile arbeitet jeder fünfte Beschäftigte in Betrieben mit zehn und mehr Beschäftigten für einen Niedriglohn. Der Prozentsatz hat sich von 18,7 im Jahr 2006 auf 20,6% im Jahr 2010 deutlich vergrößert. Das geht aus einer Erhebung des Statistischen Bundesamt hervor, die heute veröffentlicht wurde.

Man habe es mit einem "längerfristigen Trend" zu tun, kommentierte Roderich Egeler, Präsident des Amtes, die Erhebung, die auf einem Mikrozensus basiert. Egeler bezeichnet das Datenmaterial der Erhebung als "umfassenste und genaueste Quelle für die Verdienstsituation in Deutschland". Darin zeigte sich auch ein weiterer Trend, auf den Kritiker der Wirtschaftspolitik in Deutschland seit Jahren aufmerksam machen: Dass sich der Abstand zwischen den Einkommensschichten weiter vergrößert hat ...

Der wachsende Anteil der Niedriglohnbezieher wird bei dem von Gabriel und von der Leyen neu lancierten Diskussion zur Altersarmut und Mindestrente mithineinspielen und in die Bildungsdiskussion ("Geringqualifizierte sind häufiger atypisch beschäftigt", Roderich Egeler).

Eine aktuelle Studie zur Bildungssituation bestätigt ebenfalls ein längst bekanntes Phänomen: Dass der gesellschaftliche Aufstieg aus schlechteren und benachteilgten Verhältnissen über den Bildungsweg in der Wirklichkeit weitaus weniger der Fall ist, als dies in vielen Diskussionen behauptet wird. Von Chancengleichheit kann laut der Studie namens "Aufstiegsangst?" nicht die Rede (SZ: http://www.sueddeutsche.de/karriere/bildungsstudie-warum-viele-arbeiterkinder-aufstiegsangst-haben-1.1463913) sein:

"Die Chancen, die allgemeine Hochschulreife (das klassische Abitur) zu erreichen, sei für Schüler aus gebildeten Elternhäusern noch immer etwa siebenmal höher als für Schüler aus bildungsfernen Familien."

...


Aus: "Der schwierige Weg zu besseren Verhältnissen" Thomas Pany (10.09.2012)
Quelle: http://www.heise.de/tp/blogs/8/152755

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[...] Wie funktioniert Macht? Was sind ihre Mechanismen, wie ist ihre Wirkung? Und warum scheinen manche fast wie von selbst mächtiger zu sein als andere? Der Managertrainer Reiner Neumann hat sich ausgiebig mit diesen Fragen beschäftigt. Er schult Vorstände, Geschäftsführer und Personen des öffentlichen Lebens. In seinem Buch Die Macht der Macht beschreibt er, wie Macht wirkt, psychologisch und strukturell. Das Buch richtet sich vorrangig an Führungskräfte.

... Feldstudien von amerikanischen Psychologen stellen fest: Machtmenschen legen oft Verhaltensweisen an den Tag, die man eher von Soziopathen kennt.

... Der Autor beschreibt beispielsweise, woran man nonverbale Machtspiele erkennt. Wenn kein Stuhl angeboten wird, der Gesprächspartner eine wichtige Verhandlung immer wieder unterbricht, um Telefonate zu führen, das Gegenüber bei wichtigen Ausführungen den Kopf schüttelt, ironisch lächelt, laut auflacht oder laut in den Unterlagen blättert, sich von der Körpersprache größer macht, aufsteht und vielleicht sogar herunterstarrt und Anweisungen gibt. So gut wie jeder – ob Führungskraft oder normaler Mitarbeiter – hat solche Verhaltensweisen schon erlebt.

...  Die Macht der Macht ist ein spannender und niveauvoller Ratgeber nicht nur für Führungskräfte mit jeder Menge wertvoller Hinweise.

Quote
    Spitzbub
    13.09.2012 um 8:46 Uhr

Ich kenne mehrere Singles, die von sich behaupten, wegen einer neuen Liebe nicht umziehen und den Arbeitsplatz wechseln zu wollen. Das zeigt, wie groß die Macht der Arbeitgeber ist.




Aus: "Die Wirkung von Macht verstehen"  Von Tina Groll (13.09.2012)
Quelle: http://www.zeit.de/karriere/beruf/2012-08/rezension-macht-buch-reiner-neumann/

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[Demnach... ]
« Reply #305 on: September 18, 2012, 09:34:33 AM »

Quote
[...]  Der private Reichtum in Deutschland wird insgesamt immer größer. Davon profitieren in erster Linie die Reichen. Sie werden immer reicher und besitzen 53 Prozent des Gesamtvermögens. Das geht aus dem vierten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung hervor, berichtet die Süddeutsche Zeitung. Die Analyse wird vom Arbeitsministerium alle vier Jahre vorgelegt.

Demnach hat der Wohlstand in Deutschland vor allem in den letzten Jahren kräftig zugenommen. Zugrunde liegt der Analyse das Nettovermögen, zu dem etwa Immobilien, Geldanlagen, Bauland oder Ansprüche aus Betriebsrenten gehören. Das Nettovermögen der Privathaushalte habe sich in den letzten 20 Jahren von 4,6 auf rund zehn Billionen Euro mehr als verdoppelt. Allein in den letzten fünf Jahren zeigt sich ein Anstieg von 1,4 Billionen. Der Reichtum ist jedoch überaus ungleich verteilt: So besitzen "die vermögensstärksten zehn Prozent der Haushalte über die Hälfte des gesamten Nettovermögens". Ihr Anteil sei in den Jahren immer weiter gestiegen. Allein von 1998 bis 2008 ist ein Anstieg von acht Prozent festzustellen. Anders bei der unteren Bevölkerungshälfte: Sie besitzt nur ein Prozent des gesamten Nettovermögens.

Bei der Lohnentwicklung zeigt sich ein ähnliches Bild: Im oberen Bereich der Bevölkerung sei sie positiv steigend, die unteren 40 Prozent der Vollzeitbeschäftigten hätten jedoch nach Abzug der Inflation Verluste hinnehmen müssen. "Eine solche Einkommensentwicklung verletzt das Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung", heißt es in dem Bericht.

... Das Nettovermögen des Staates ist im Vergleich zwischen 1998 und 2008 um über 800 Milliarden Euro zurückgegangen. Dies sei bereits seit zwei Jahrzehnten zu beobachten. Wegen der Finanz- und Wirtschaftskrise und den damit verbundenen Rettungsmaßnahmen des Staates sei "eine Verschiebung privater Forderungen und Verbindlichkeiten in staatliche Bilanzen feststellbar".

...


Aus: "Armutsbericht: Deutschlands Reiche werden auch in der Krise reicher" (18.09.2012)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-09/armuts-und-reichtumsbericht-2012

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[Es sind die Armen, die Bildungsfernen, das Prekariat... ]
« Reply #306 on: September 23, 2012, 01:03:44 PM »

Quote
[...] Buschkowsky sagt, natürlich gebe es unzählige gelungene Integrationsbeispiele, aber um die gehe es in diesem Buch eben nicht. ... Auch Bozkurt ist SPD-Mitglied, er ist Vorsitzender der Berliner Arbeitsgemeinschaft Migration. "Seine Aussagen sind rassistisch", sagt er. "Er definiert eine Gruppe von Menschen als das Nicht-Deutsche, als das Andere, und diffamiert sie dann." Buschkowsky, so empfindet das sein Parteifreund, "bürgert permanent Menschen aus". ...


Aus: "Buschkowsky, ein willkommener Provokateur" Lenz Jacobsen (16.10.2012)
Quelle: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2012-10/buschkowsky-neukoelln-spd


-.-

Quote
[...] Ein Mann sieht schwarz. Heinz Buschkowsky, Bürgermeister von Neukölln und nun auch Verfasser eines 397 Seiten langen Beitrags zur Integrationsdebatte, hat für eine nicht ganz kleine Bevölkerungsgruppe in seinem Neukölln nur noch Pessimismus übrig. Es sind die Armen, die Bildungsfernen, das Prekariat, das in Neukölln zu großen Teilen aus Menschen mit Migrationshintergrund besteht. Es sind die, die in Buschkowskys Worten am „gesellschaftlichen Schnuller“ hängen.

Die Wendung sagt einiges über Buschkowsky, sein Neukölln – und über ein in Deutschland verbreitetes Verständnis von Sozialpolitik. Buschkowsky weiß natürlich und schreibt das auch, dass die Herkunft aus einer Einwandererfamilie niemanden dazu zwingt, ganz unten in der Gesellschaft vor sich hin zu leben – allerdings haben es Einwanderer viel schwerer. Buschkowskys Buch ist voller Beispiele von Aufstiegswillen, Interesse und Freude an Leistung, erbracht von Menschen und unter Umständen, die kein Mittelschichtskind so je erlebt haben dürfte. Buschkowsky mag sein Neukölln, das liest man aus jeder Zeile. Er mag das Gemisch von Leuten, er schwärmt von der Hindu-Community und seiner Lieblingschinesin, deren „Ente kross“ ihn ganz offensichtlich oft und nachhaltig über erlittenen Frust im Dienst hinweggetröstet hat. Was er nicht mag, sind die Leute, die den Schnuller auf Lebenszeit im Mund behalten wollen.

Die gehören zu den lebenden Klischees, zu den Hauptdarstellern des Neuköllner Straßen- und Nachtlebens, zu den Profiteuren der Schattenwirtschaft, sie bewohnen die Parallelgesellschaft, die Buschkowsky für ein Hauptproblem seines Bezirks hält: Menschen mit Migrationshintergrund, die in Berlin, in Deutschland gar nicht ankommen wollen – und ihre Kinder als Garanten staatlicher finanzieller Zuwendungen betrachten. Ihre Vorfahren kamen aus dem Nahen Osten, aus dem Libanon oder aus Palästina oder aus entlegenen Gebieten der Türkei. Sie kamen nicht als „Gastarbeiter“, sondern als Flüchtlinge – was unter anderem bedeutete, dass sie hier nicht arbeiten durften. Sie waren abhängig vom Staat und von Sozialhilfe, sie sind es geblieben mitsamt Kindern und Enkeln.

Buschkowsky fährt alle Klischees auf, die man kennt, um deutlich zu machen, wen er meint: Vor allem die jungen Männer in den schwarzen, tiefergelegten S-Klasse-Mercedessen mit der Vierfach-Auspuffanlage Modell röhrender Hirsch, die für nichts so viel Zeit verwenden wie für die ornamentorientierte, millimetergenaue Rasur ihrer Bärte; die älteren Frauen, verschleiert und bekopftucht, die nur arabisch sprechen und trotzdem bestens informiert sind über das, was ihnen von Amts wegen zusteht. Die Jugendlichen, die auf den Spielplätzen ihre kriminelle Energie ausleben, ein bisschen Kleingeld erpressen. Die Trupps von Männern jeden Alters, die jede Streifenwagenbesatzung in Not bringen, wenn die gegen jemand vorgehen will, der auf der Hermannstraße in der zweiten Reihe parkt, weil er zu faul ist, hundert Meter zu laufen. Was all diese Leute verbindet, ist laut Buschkowsky nicht ihre Herkunft, sondern ihre „Bildungsferne“. Die macht diese Leute zu lebenslangen Schnuller-Süchtigen, sie macht den Bezirk arm und das Bürgeramt gleich neben dem würdigen alten Rathaus zu einem Hort der Tristesse, auf dessen Fluren, wie ein Hinweisschild besagt, der Verzehr alkoholischer Getränke verboten ist.

Neukölln, mattschwarz: So wirkt der Bezirk durch des Bürgermeisters Brille betrachtet. Man findet die Klischees, wenn auch nicht in der Masse, die man erwartet, wenn man nur das Buch gelesen hat. Die Sonnenallee ist mit ihren arabisch beschrifteten Geschäften tatsächlich Schlagader in einem Einwandererkiez, in dem man nicht deutsch sprechen muss, um zurechtzukommen. Sprachlich passen sich längst eher die Deutschen an: „Rechtsanwältin – Avukat“ steht auf dem Türschild einer biodeutschen Juristin. Die Hermannstraße ist, vom Hermannplatz ausgehend, eine Folge von Internetcafés, Telecafés, Spielcasinos – Betrieb schon mittags –, Läden, in denen „weltweiter Geldtransfer in Minuten“ ermöglicht wird. Dann, seltsam fremd, das Geschäft für „orthopädische Schuhtechnik“ und der „Steinmetzmeister“ neben einem der großen schönen alten Friedhöfe mitten im Bezirk.

Orthopädische Schuhe und Grabsteine weisen Kulturpessimisten den Weg, wohin die Reise auf der Hermannstraße geht. Doch schon die Flucht in eine Seitenstraße Richtung Tempelhofer Flugfeld führt in das nett-jung-alternative Neukölln, in dem sich sogar ein Modeladen wie „Rita in Palma“ inszenieren kann und Harley-Freunde ihre bejahrten Kräder beim „Shovel Service“ richten lassen können.

Doch in Anbetracht junger Männer hinter Kinderwagen würde Buschkowsky auf die nächste seiner zahlreichen Erkenntnisse aus einem langen Neuköllner Politikerleben kommen: Neukölln ist nett und spannend und krass und abwechslungsreich, solange man nicht die Zukunftschancen seiner Kinder ruiniert, indem man sie in Neukölln zur Schule schickt. Auch darüber schimpft Buschkowsky seit Jahren, auch das ist, wie die Geschichten von den frustrierten Polizisten, die gegen falsch parkende Fahrer der erwähnten tiefer gelegten Mercedesse gar nicht mehr vorgehen, bezirksbürgermeisterliches Herrschaftswissen, gewonnen in zahllosen Gesprächen und Sitzungen und Diskussionen, die es gebraucht hat, um aus Heinz Buschkowsky den humorigen Alarmisten zu machen, der er ist. So einfach und traurig ist es: „Die Dichte der sozialen Probleme Neukölln-Nord ist etwa doppelt so hoch wie in der gesamten Stadt.“ Jeder zweite Jugendliche unter 18 lebt von Hartz IV.

Als Politiker und Buchautor hat Buschkowsky zwei Motive. Das eine heißt Neukölln, das andere ist Groll auf die Gutmenschen und politisch Korrekten, die jahrzehntelang einen klaren Blick auf die Probleme der Integration verhindert haben. Der Inbegriff der Betreiber dieser „Gaukler-Politik“ ist für ihn der frühere Integrationsbeauftragte Günter Piening. Eine Ausnahme macht Buschkowsky für Thilo Sarrazin. In Sarrazins Wohnzimmer haben die beiden diskutiert, jetzt verbindet sie die These, der Ausgangspunkt aller Probleme und der Ansatz für alle Lösungen sei die „Bildungsferne“ in Unterschichtfamilien.

Sarrazin findet Buschkowskys Buch „authentisch“, der Mann aus Neukölln sei ein „handelnder Lokalpolitiker mit Herzblut“. Anders als andere ist Buschkowsky in Europa herumgereist und hat Ideen gesammelt. Auch die finden sich – und machen mitsamt Buschkowskys Witz und seiner ansatzweise vorhandenen Selbstironie „Neukölln ist überall“ zu einer Provokation aller Betrachter der Verhältnisse, die immer noch meinen, ein bisschen Quartiersmanagement und ausführliches Debattieren über Sprachtests werde schon reichen, um die inzwischen wenigstens erkannten Probleme zu beseitigen. Unfug, sagt Buschkowsky: Die Probleme werden immer größer.

Quote
   rathauspiefke
    22.09.2012 23:23 Uhr

Sensationell
" ... Buch, das sogar die Zustimmung seines SPD-Genossen Thilo Sarrazin findet."
Na was für eine Überraschung! Damit hat nun wirklich niemand gerechnet.



Quote
    von Brotkrume
    23.09.2012 07:09 Uhr
 
Differenzierung

Ganz offensichtlich gibt es riesige Unterschiede zwischen Buschkowsky und Sarrazin (und übrigens auch zu Helsig) Und man täte sehr gut daran, da sehr deutlich zu differenzieren.

Der erste Unterschied steht schon gleich im ersten Satz: Buschkowsky liebt seinen Bezirk. Das ist eine ganz andere Grundeinstellung als die negativ zerfetzende Sarrazins. Der weit wichtigere Unterschied ist ein anderer, wenngleich er sich aus dem ersten ableitet: Buschkowsky differenziert. Er macht nicht irgendwelche Gene, ganze Bevölkerungsgruppen, ganze Glaubensrichtungen aus, schmäht sie und nagelt sie pauschal als Wurzel allen Übels an die Wand. Bei ihm findet man nicht die Kopftuchmädchen, die Sarrazin pauschal verunglimpft. Buschkowsky hetzt auch nicht gegen den Gemüsehändler.

Jetzt wird wieder das Argument kommen, dass Sarrazin das ja alles nicht so gemeint hat und nur provoziert, damit endlich Mal zur Sprache kommt, was sich sonst keiner traut. FALSCH! Solche Diffamierung ganzer Bevölkerungsgruppen ist nicht nur sachlich falsch, sondern schadet der Gesellschaft - und sie löst das Problem nicht, sondern verschärft es! Man holt diese Menschen, die nur einen Teil dieser Bevölkerungsgruppe ausmachen, nicht dadurch in die Gesellschaft rein, in dem man die ganze Bevölkerungsgruppe schmäht und so nur Hass und Zwietracht säet.

Sarrazin hat erfolgreich geschafft, dass sich weite Teile der Gesellschaft nicht mehr schämen, wenn sie pauschal gegen Türken, Moslems oder HartzIV-Empfänger poltern und in diesem Kontext plötzlich legitim werden soll diesen Gruppen "im Notfall" auch ein paar Rechte zu entziehen. Herauskommen Äußerungen, die Sarrazin im Detail nicht gesagt hat, deren Nährboden er aber ohne Bedenken bereitet.

Sarrazin ist destruktiv, Buschkowsky frustriert, aber konstruktiv. Er will nach oben kommen, ohne dafür auf ganzen Bevölkerungsgruppen rumzutrampeln, die Sarrazin niedertritt oder absaufen lassen will. Zwischen beiden liegen Welten!


Quote
    von dali
    22.09.2012 16:48 Uhr

Armer Buschi
... Das Lob von Sarrazin ist ja fast 'n Todeskuss.
Das hat er nun wirklich nicht verdient...

http://www.tagesspiegel.de/berlin/trotz-kritik-an-ihm-selbst-sarrazin-lobt-buschkowskys-neukoelln-buch/7168312.html



Aus: "Neuköllns Bürgermeister Buschkowsky ist überall" Werner van Bebber (22.09.2012)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/berlin/neukoellns-buergermeister-buschkowsky-ist-ueberall/7168764.html

-.-

Quote
[...] Bisher gibt es bei den Buschkowsky-Kritikern eine wenig beachtete Gemeinsamkeit mit den Gegnern von Sarrazin. Sie verweisen auf rassistische Textstellen und vergessen die soziale Dimension. Wie Sarrazin hat sich auch der Neuköllner Bürgermeister schon öfter über freche Erwerbslose ausgelassen, deren einziges Ziel nicht Arbeit um jeden Preis sei

Wenn er jetzt schreibt, dass Integration eine Bringschuld sei, dass die "einheimische" Bevölkerung ihr Land im Großen und Ganzen eigentlich ganz gut finde und von Zugewanderten, auch denen der 2. und 3. Generation, eine Anpassung an die hiesigen Lebensweisen erwarte, dann grenzt er auch alle die Menschen mit aus, die die Zustände hier überhaupt nicht gut finden. Gerade in Neukölln boomt der Niedriglohnsektor und die Zahl der Hartz IV-Empfänger mit und ohne Lohnarbeit steigt. Davon sind Menschen betroffen, deren Eltern nach Deutschland eingewandert sind, aber auch alte Neuköllner und zunehmend auch die sogenannten jungen Kreativen, die nach Nordneukölln ziehen.

In diesem Sinne bekommt der Slogan "Neukölln ist überall" eine ganz neue Bedeutung. Es ist ein Labor für schlechte Arbeitsbedingungen, Niedriglohn und Hartz IV. Doch Buschkowsky versteht es genau wie Sarrazin, diese sozialen Zustände mit den sich daraus ergebenden Problemen zu kulturalisieren, indem er den Jugendlichen, deren Vater eingewandert ist, zum Problem erklärt und nicht die sozialen Verhältnisse, die auch die Menschen tangieren, die schon seit Generationen hier leben. Diese Aufteilung wird von dem Großteil der Betroffenen nachvollzogen. Das ist der Grund von Buschkowskys Beliebtheit über Neukölln hinaus. In der Ignorierung dieser sozialen Dimension besteht auch der blinde Fleck vieler Buschkowsky- und Sarrazin-Kritiker.


Aus: ""Heinz Buschkowsky schlägt Alarm"" Peter Nowak (26.09.2012)
Quelle: http://www.heise.de/tp/blogs/8/152853

-.-

Quote
[...] Herr Buschkowsky, Ihr Buch „Neukölln ist überall“, das vor drei Wochen erschien, hat zu heftigen Auseinandersetzungen über die Integrationspolitik geführt. Wollten Sie mit dem Buch provozieren?

Heinz Buschkowsky: Das Buch soll durchaus Unruhe auslösen. Mein Ziel ist es, die Diskussion über die Integrationspolitik wieder anzuschieben und Lösungsansätze voranzubringen. Mir ist die rituelle politische Auseinandersetzung über Einwanderung und Integration zu unehrlich und scheinheilig.

Was ist daran unehrlich?

Heinz Buschkowsky: Ich habe in meinem Buch die Wirklichkeit beschrieben, wie sie jeder selbst sehen und erleben kann. Die organisierte Empörung ist wie erwartet sofort über mir zusammengeschlagen - vom Rassismus bis zum Höhepunkt einer Verbindungslinie zum norwegischen Massenmörder Breivik. Es gibt politische Kreise, die mit der Realität nicht umgehen können.
Da schreckt man vor keiner Injurie zurück, um unliebsame Mahner mundtot zu machen. In linken Arbeitskreisen, einschließlich meiner Partei, herrscht Wirklichkeitsverweigerung bis zur Selbstverleugnung. Diese letzten Protagonisten der Multikulti-Romantik sind die eigentlichen Bremser notwendiger Entscheidungen und Veränderungen in der Integrationspolitik. Gipfel und Sonntagsreden anstelle von Handeln, das ist das Problem.

Wie groß ist das Problem?

Heinz Buschkowsky: Wer behauptet, dass Parallelgesellschaften, asymmetrische Entwicklungen, Gewaltbereitschaft, Nicht-Anpassen-Wollen und „das eigene Ding“ machen, Vielehen und eigene Rechtsfindung nur in Neukölln zu finden sind, der verkennt die Realitäten. Die Kehrseite der gelungenen Integrationskarrieren sind die Einwandererschichten, die sich der deutschen Gesellschaft und ihren Regeln entziehen. Sie gibt es von Kiel-Gaarden bis München-Hasenbergl. Wenn wir weiter tatenlos zusehen, werden Stadtviertel wie in London oder am Rande von Paris die Folge sein.

Ihnen ist Rassismus vorgeworfen worden. Trifft Sie das?

Heinz Buschkowsky: Die Wirklichkeit kann nicht rassistisch sein. Nicht jeder, der dieses Wort benutzt, scheint zu wissen, was es wirklich bedeutet. Der gerade erschienene Grundschulvergleich über den Wissenserwerb von Viertklässlern in Deutschland beschäftigt sich an mehreren Stellen mit den sehr schlechten Leistungen türkischstämmiger Kinder und ihrem Familienhintergrund. Sind dieser Bericht und seine Autoren auch rassistisch, weil er sagt, wie die Situation in unseren Schulen ist?
Ich schreibe darüber, wie wir Kinder bildungsferner Einwandererschichten zu mehr Chancengerechtigkeit und einem selbstbestimmten Leben verhelfen, anstatt sie nahtlos von der Schule zum Jobcenter zu begleiten.

Ihnen wird vorgeworfen, dass Sie die Missstände anprangern, statt Ihrer Verantwortung als Bezirksbürgermeister von Neukölln bei der Abschaffung der Missstände nachzukommen.

Heinz Buschkowsky: Das kann nur jemand sagen, der das politische System in Berlin nicht kennt. Es gibt keinen Bezirk, in dem so viele erfolgreiche Integrationsprojekte entwickelt wurden wie in Neukölln. Deswegen wurden wir auch in den europaweiten Kreis der Intercultural Cities berufen. Das geht von Stadtteilmüttern über Schulstationen und Sprachzentren bis zum Campus Rütli, Berlins erstem Ganztagsgymnasium, den meisten migrantischen Auszubildenden aller Bezirke, ein geschlossenes Integrationskonzept und ein Leitbild.

Da können viele mit der großen Klappe sich etwas abschauen. Ein Bezirksbürgermeister bestimmt noch nicht einmal die Größe von Schulklassen oder Kita-Gruppen, kann keine Lehrer einstellen oder Ganztagsschulen gründen. Wenn ich das alles könnte, würde Neukölln anders aussehen.

...

Welche Forderungen erheben Sie?

Heinz Buschkowsky: Wir sind aus demografischen Gründen auf Einwanderung angewiesen. Aber wir brauchen eine konzeptionelle Einwanderung. Das heißt, wir schauen hin, wer kommt. Sie soll die Gesellschaft stärken und voranbringen und kein Testbetrieb für das Sozialsystem sein. Die Menschen kommen freiwillig zu uns, weil sie ein besseres Leben erwarten als in ihrer Heimat.
Sie müssen die Bereitschaft mitbringen, sich integrieren zu wollen, Teil der deutschen Gesellschaft zu sein und mit uns nach den Lebensregeln zu leben, die für alle gelten. Dafür brauchen sie keine Lederhosen anziehen und auch keine Weißwurst zum Frühstück essen, sondern lediglich die Normen einer pluralistischen demokratischen Gesellschaft auch für sich akzeptieren.
Integration muss man steuern, das ist harte Arbeit. Der Weg zur Chancengerechtigkeit führt über Kita-Pflicht, Ganztagsschulen und Einhalten der Regeln. Im Konfliktfall muss Staat drin sein, wo Staat dransteht.

Die ehemalige Ausländerbeauftragte Berlins, Barbara John, hat Sie für Ihr Buch kritisiert und gemahnt, Sie mögen die Einnahmen daraus für ein Integrationsprojekt in Berlin spenden. Tun Sie das?

Heinz Buschkowsky: Die Gemeinschaft erhält mit fast der Hälfte einen gerechten Anteil. Man nennt das Steuern. Aber ich bin bereit, auf jeden Euro, den Frau John von ihrem privaten Geld in Neukölln spendet, einen weiteren draufzulegen.



Aus: "Buschkowsky: "Ich habe die Wirklichkeit beschrieben"" von Antje Sirleschtov (10/2012)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/politik/neukoellns-buergermeister-im-gespraech-buschkowsky-ich-habe-die-wirklichkeit-beschrieben/7253190.html

« Last Edit: October 16, 2012, 04:49:36 PM by Textaris(txt*bot) »
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[Auf dem Parkplatz... ]
« Reply #307 on: September 25, 2012, 10:07:39 AM »

Quote
[...] Duisburg-Hochfeld ist ein Stadtteil, der mit wenigen Strichen trist gezeichnet ist. Hier bröckelt der Putz von verfallenden Häusern - nur einen Steinwurf von der Innenstadt entfernt. Auf dem Brückenplatz, dem Tor zum Quartier, liegen Schnapsflaschen unter Bänken. Neben einem knietiefen Brunnen vergammelt eine Handtasche. Ein paar Schritte weiter stehen vier Jugendliche auf einem Kindergartendach, schmeißen Lehmbrocken auf Passanten.

Und die Situation verschlimmert sich ständig. Seit knapp zwei Jahren ist Hochfeld zu einem Anlaufpunkt für Roma aus Bulgarien geworden. In etlichen Nebenstraßen bestimmen sie das Bild: abgerissene Frauen, armselige Männer, dürftig bekleidete Kinder, vor kaputten Fenstern. Mittlerweile sollen über 4000 Roma hier leben. In dunklen Hinterhöfen verkaufen Roma-Frauen ihre Körper ; oft für wenige Euros. Und auf einem Arbeitsstrich mitten im Viertel lassen sich Roma-Männer in aller Öffentlichkeit für schwarze Handlangerjobs mie­ten. Die meisten von ihnen kommen aus der bulgarischen Kleinstadt Shumen.


Doch dieses Bild beschreibt nur einen Teil der Wahrheit. Hochfeld hat sich nicht aufgegeben. Entlang der Hauptstraße boomen türkische Cafés neben Billigshops. Die Straßen sind dicht bevölkert. Die Verwaltung unterstützt mit ei­nem Stadtteilbüro den Umbau des Quartiers, und in einigen Straßen finden sich renovierte Altbauten neben Bruchbuden.

Michael Willhardt ist einer von denen, die nicht aufhören für ihr Hochfeld zu streiten. Er hat den Klüngelclub mitbegründet, einen Zusammenschluss von Immobilienbesitzern aus dem Viertel. „Hochfeld ist toll“, sagt er. Hier seien die interessantesten Parks von Duisburg, es gebe eine einzigartige, geschlossene Bebauung aus der Gründerzeit – zehn Minuten vom Hauptbahnhof. „Hochfeld hat was zu bieten.“ Umso wichtiger ist es für ihn, dass die akuten Probleme gelöst werden.

 Und die sind in der Tat vielfältig. Die meisten Roma kommen an der Wanheimerstraße, Ecke Heerstraße an. Hier halten am Abend die maroden Kleinbusse aus Shumen und bringen neue Menschen. Ge­genüber auf einem Parkplatz stehen zerrissene Ledersofas in einem Gebüsch. Jetzt am Vormittag vertreiben sich vor allem Roma-Männer hier ihre Zeit. Sie warten auf irgendjemanden, der ihnen Geld gibt für ein wenig Arbeit. Ein Türke aus Recklinghausen hält mit einem Transporter an. Er bietet zehn Euro für zwei Stunden Arbeit. Zwei Roma steigen ein. Ob sie ihr Geld kriegen, ist offen. Das wissen hier alle.

Schräg gegenüber vom Arbeitsstrich hat der Verein „Zukunfts-Orientierte Förderung“ sein Büro. Eduard Pusic ist hier Sozialarbeiter. Im Auftrag des Jugendamtes kümmert er sich Roma-Familien. Pusic berichtet von den Problemen. Davon, dass Roma-Männer oft kein Geld für ihre Arbeit bekommen würden. Wie sollten sie sich auch wehren? Sie haben Angst vor der Polizei und kennen deutsche Gerichte nicht. Es gebe Vorarbeiter, die würden den Roma ein Drittel des Lohnes abziehen und sich das Geld in die eigene Tasche stecken. Selbst wenn Sozialarbeiter wie Pusic nachfassen, ändern die Vorarbeiter nichts. Warum auch, wenn ein Roma abhaut, gibt es einen neuen, der übernimmt. „Manchmal wird denen gesagt, die sollen einen Monat zur Probe arbeiten und dann werden sie gefeuert für den nächsten Arbeiter auf Probe.“

Etliche Roma bezahlen zudem in den schlechtesten Häusern in Hochfeld die höchsten Mieten im westlichen Ruhrgebiet. Pusic berichtet von Kosten in Höhe von 200 Euro je Matratze. „Die Roma wissen nicht, was das Leben hier kostet. Sie sind froh überhaupt Arbeit und einen Platz zum Bleiben zu finden.“ Anders gesagt: Sie werden ausgebeutet.

Und dann die Kinder. Ein Jugendamtsmitarbeiter berichtet davon, wie sie in Kakerlakenverseuchten Wohnungen hausen. Krankheiten sind die Folge. Erst vor kurzem sind hier Menschen an offener Tuberkulose gestorben – mitten in Duisburg. „Oft können wir wenig für die Kinder machen. Wir dürfen erst kommunales Geld für sie ausgeben, wenn das unmittelbare Kindswohl bedroht ist. Das ist es aber nicht, wenn sie im Dreck leben.“

Nun will die Stadt reagieren. Allen voran der zuständige Jugenddezernent Karl Janssen setzt auf eine langfristige Strategie, um das „schwierige gesellschaftliche Problem“ in den Griff zu kriegen. „Die Menschen müssen integriert und ihre Würde geschützt werden“, sagt er. Die Roma hätten wie alle Europäer das Recht auf Hilfe. Jedoch: „Wir werden darauf achten, dass die Gesetze eingehalten werden.“ Illegale Prostitution, Schwarzarbeit und Sachbeschädigung würden nicht geduldet.

Die Schulpflicht, so Janssen, müsse durchgesetzt werden, zur Not müssten die Roma-Kinder mit Bussen in andere Stadtteile und Städte gebracht werden. Zudem müssten Bildungs- und Sprachbarrieren abgebaut werden. Das alles könne aber Duisburg nicht allein leisten. „Wir bezahlen den Preis für die europäische Freiheit. Das ist richtig. Aber diesen Preis müssen alle zahlen.“

Janssen sagt, er erwarte finanzielle Hilfe von der EU und vom Bund. Und er erwarte die Unterstützung der Nachbarstädte, wenn die Roma in Hochfeld integriert würden. „Wenn wir wie Dortmund auf Verdrängung setzen, dann haben als nächstes Oberhausen und Mülheim das Problem.“

Michael Willhardt freut sich über die Aktivität. „Das Problem muss grundsätzlich gelöst, nicht eingemauert werden, da hat Janssen recht.“ Bis das geschafft sei, müsse man viel Geduld haben. Insoweit wäre es schön, wenn schon mal die Straßenreinigung öfter käme.


Aus: "Duisburg-Hochfeld zwischen Strich und Verfall" David Schraven (05.09.2011)
Quelle: http://www.derwesten.de/staedte/duisburg/duisburg-hochfeld-zwischen-strich-und-verfall-id5033454.html



-.-

Quote
[...] Murat C* (*Namen geändert) sucht nicht das Weite, er sucht Arbeit in Duisburg. Deshalb steht er hier, am so genannten „Bulgaren-Strich“ in Hochfeld. Dies ist ein kleiner, schäbiger Sandparkplatz, oben im Winkel von der Wanheimerstraße und der Heerstraße, begrenzt von einer fensterlosen Hauswand mit einer lustig-kunterbunten Fassade und dem launigen Slogan drauf: „Schöner Wohnen in Hochfeld“.

Auf dem Parkplatz: Bulgarische Roma, ältere Männer, jüngere Männer, fast alle angereist aus dem ostbulgarischen Ort Schumen. Sie stehen in Gruppen zusammen, oder sitzen zu zweit oder zu dritt in Autos – warten und rauchen. Irgendwann kommt ein Kleinbus vorbei, sechs Mann steigen ein, Murat ist dabei. Der Kleinbus fährt davon. Zu irgendeiner Baustelle, mit einem frischen halben Dutzend billigster Hilfsarbeiter für die Drecksarbeit. Für 3 Euro pro Stunde.

Nebenan auf der Wanheimer Straße verlässt eine schwarzhaarige, bleiche, sehr junge Frau, ein Teenager noch, eine Teestube. Wie alt mag sie sein? In einem Hinterzimmer hat sie eine ganze Nacht lang sexuelle Dienstleistungen erbracht. Für fünf Euro pro Handlung. Auch sie stammt aus Ostbulgarien, ist eine Roma und sucht seit ein paar Monaten in Duisburg ein besseres Leben.

Etwa 4000 Zuwanderer , die meisten Roma, so schätzt Karl-August Schwarthans, Geschäftsführer der Awo-Integrations gGmbH, sind seit 2007 aus Südosteuropa, aus Bulgarien und Rumänien, nach Duisburg gekommen. Nach Hochfeld , Laar , Meiderich, Bruckhausen und Marxloh . Dort gebe es viele von den furchtbaren „Schrott-Immobilien“, in die kein Hiesiger mehr einziehen würde, geschweige denn Miete zahlen würde. Diese werden jetzt überaus gewinnbringend mit bulgarischen Großfamilien belegt - viele sogar überbelegt.

Ihre neuen Bewohner sprechen kein einziges Wort Deutsch, nur sehr wenige können lesen oder schreiben, sie sind bettelarm, haben oft viele Kinder, und führen mit drei Euro Stundenlohn ein trübes Leben im Untergrund. Schwarthans: „Sie haben keinerlei Anspruch auf Hartz IV, allenfalls Kindergeld oder Wohngeld-Zuschuss.“

Konsequenz: Blühende Schwarzarbeit, eine legale Sklaverei der Scheinselbstständigen, dazu eine kriminelle Kinderprostitution – bislang unbehelligt, mitten in Duisburg. Oftmals, so sagt Schwarthans, seien es sogar die einheimischen Migranten, die die Neu-Migranten mit Wuchermieten und vorenthaltenen Lohnzahlungen ausbeuten. Es gibt Spannungen.

Schwarthans: „Aber niemand soll bitte glauben, dass dieser Zuzug ein vorübergehendes oder gar lokales Phänomen ist, das man entweder aussitzen oder in eine Nachbarstadt abschieben könnte.“ Sie kamen, um zu bleiben.

Seit dem EU-Beitritt von Bulgarien und Rumänien im Januar 2007 schwappt eine Welle der Armut aus Südosteuropa gen Westen, auf der überaus menschlich nachvollziehbaren Suche nach einem besseren Leben.

Und vor zwei Jahren, so sagt der Awo-Experte, habe er den Oberbürgermeister der Stadt aufgefordert, zu diesem neuen Migrationsthema einen „Runden Tisch“ einzurichten. Schwarthans: „Aber erst jetzt, im Sommer 2011, beginnt man in der Stadt, sich der Situation zu stellen.“ Nach den Sommerferien wolle man ein Handlungskonzept vorlegen. Vor zwei Jahren seien es 1600 Roma stadtweit gewesen, heute leben alleine im Stadtteil Hochfeld bereits mehr als 2500 Bulgaren und stadtweit seien es weit über 4000. Jeden Monat kämen schätzungsweise 130 Zuwanderer neu hinzu. Und alle Hilfssystem, auch die der Arbeiterwohlfahrt, seien derzeit noch nicht recht darauf eingestellt. Aber das werde sich jetzt ändern.

Da ist der kleine Verein ZOF (Zukunfts-Orientierte Förderung e.V:), der sich im Auftrag des Jugendamtes seit einem halben Jahr um dieses Thema kümmert. Seit zwei Monaten hat ZOF auch ein Beratungsbüro in Sichtweite des „Bulgaren-Strichs“. Für Sozialarbeiter Eduard Pusic, ein Deutscher mit bosnischer Herkunft, ist diese Aufgabe „eine total neue Erfahrung. Wir haben es hier mit Armut unter Hartz-IV-Niveau zu tun. Oft muss ich erst Basisbedürfnisse befriedigen, wie Essen besorgen, sofort, heute noch, für Mutter und Kind. Unfassbar!“ Seine Aufgaben: Die Sozialarbeiter des allgemeinen Sozialen Dienstes zu den bulgarischen Familien begleiten, soziale Not und Härten abmildern, informieren, Ängste nehmen. Den regelmäßigen Schulbesuch der Kinder organisieren. Für Kinder ohne Kita im Beratungsbüro stundenweise und kostenlos ein sprachförderndes Angebot machen.

Eine Aktion, wie sie der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy mit Roma in Frankreich exerziert hatte und für die er EU-weit massivst gescholten wurde, wäre auch für Pusic undenkbar: Den Roma einfach 100 Euro Bargeld und ein Flugticket nach Schumer in die Hand drücken und ab mit ihnen.

...



Aus: "Roma in Duisburg-Hochfeld - Legale Sklaverei für 3 Euro die Stunde" Stefan Endell (26.07.2011)
Quelle: http://www.derwesten.de/staedte/duisburg/roma-in-duisburg-hochfeld-legale-sklaverei-fuer-3-euro-die-stunde-id4907216.html

« Last Edit: September 25, 2012, 11:48:31 AM by Textaris(txt*bot) »
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[Vom eigentlichen Konflikt... ]
« Reply #308 on: October 01, 2012, 01:38:18 PM »

Quote
[...] Die Debatte um Altersarmut geht in die falsche Richtung, sagt Leser Michael Feindler. Der Generationenkonflikt lenke vom wahren Problem ab.

Das Wort Generationenvertrag nervt. Ich kann es nicht mehr hören, ohne mich zu ärgern – vor allem über diejenigen, die es mit dem Thema Altersarmut [http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-09/interview-altersarmut-studie-2] in Zusammenhang bringen. Sie streuen Gerüchte über den Bruch dieses Vertrages.

Offensichtlich hat sich meine Generation der 20- bis 35-Jährigen von der Politik in die Irre führen lassen. Wir glauben inzwischen selbst, der Hauptkonflikt der nahen Zukunft bestünde zwischen uns und einem Heer von Greisen, die nur eines im Sinn haben: sich auf Kosten der Jungen einen schönen Lebensabend zu machen.

Diese Behauptung ist zynisch, unwahr und lenkt vom eigentlichen Konflikt ab. Das wahre Problem benennt der amerikanische Unternehmer Warren Buffet, der laut Forbes-Magazin der drittreichste Mann der Welt ist. Schon vor Jahren äußerte er in einem Interview mit der New York Times: "Es herrscht Klassenkrieg, richtig. Aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen." Es geht nicht um dem Kampf jung gegen alt, sondern um den zwischen arm und reich.

Auch in Deutschland lässt sich das feststellen. Die politischen Reformen der vergangenen zwölf Jahre haben die Wohlhabenden und insbesondere die Arbeitgeber schrittweise entlastet. Der Spitzensteuersatz und die Unternehmenssteuer wurden gesenkt. Dann wurde der Niedriglohnsektor konsequent ausgebaut, wodurch die Arbeitgeber sich die Kosten für die Sozialversicherung sparen. Da ist es kaum verwunderlich, wenn in den Staatskassen immer größere Lücken entstehen. Die Schuld jedoch dem demographischen Wandel zuzuschreiben, ist eine Verdrehung der Fakten.

Die Privatvermögen in Deutschland wachsen schneller als die öffentlichen Schulden. Es wäre durchaus möglich, allen Bürgern eine humane Rente zu garantieren – vorausgesetzt, alle gesellschaftlichen Schichten beteiligen sich an der Finanzierung des Rentensystems – und zwar gemäß ihrer Möglichkeiten. Stattdessen gibt es Pläne zur privaten Alters- und Krankheitsvorsorge, die nichts weiter sind als eine Subventionierung privater Versicherungsunternehmen.

Nicht der Generationenvertrag ist das Problem, wenn wir über Altersarmut diskutieren. Der Fehler ist, dass der Sozialstaat seit Jahren zugunsten der Wohlhabenden demontiert wird.

Quote
    zappp
    01.10.2012 um 9:41 Uhr

Die Arbeiterklasse soll sich am eigenen Schopf aus dem Dreck ziehen. Darauf laufen die Vorschläge von Frau vdL und Herrn Gabriel hinaus. Die etwas besserverdienenden Arbeitnehmer sollen die Aufstockung der Geringverdiener durch Beiträge bzw. Rentenverzicht finanzieren. Die privaten Vermögen, die Einkünfte aus selbständiger Arbeit, Kapital und Grundbesitz bleiben unangetastet. Wahrhaft konservativ.



Quote
    mr. head
    01.10.2012 um 10:05 Uhr

Sand in den Kopf und weiter Klassenkampf spielen

Sehr geehrter Herr Feindler, Sie nehmen ein Zitat von Warren Buffet, reisen es aus dem Kontext um Ihre "These" zu belegen und merken gar nicht, dass eben jenes Zitat ironisch gemeint war und überhaupt nicht zur Unterstützung Ihrer These passt. Es ist schön, wenn Sie gerne heute noch Klassenkampf spielen, aber in der Tat ist das Problem der Altersarmut nicht das Problem zwischen Arm und Reich sondern zwischen jung und alt.

Sie gehören evtl. auch zu jenen, die nicht verstehen, dass das Problem der Rentensysteme ein mathematisches und kein ideologisches ist. Als die Rente "erdacht" wurde ging man davon aus, dass nur wenige Menschen ein hohes Alter erreichen werden. Die meisten würden wenige Jahre nach Rentenbeginn versterben. Außerdem galt in dieser Zeit die Rahmenbedingung, dass auf Frau 3,X Kinder kamen, die Gesellschaft als wuchs und damit immer mehr aktive Arbeitnehmer einen Rentner über deren Beiträge versorgen.

Dann kamen die 60er und 70er und die Menschen begannen (mit besseren Einkommen) lieber zu konsumieren, zu reisen und sich "selbst zu verwirklichen". Ich sehe es ja in meiner Familie, meine beiden Omas hatten beide 5 Kinder, jedes ihrer Kinder hat wiederum 1,6 Kinder. Es ist also nicht einmal ein Kind da um ein Elternteil zu versorgen.

Es ist naiv zu glauben, man können das Problem über "umverteilen" lösen. Deutschland hat nicht so viel Reichtum um +20 Millionen Rentner zu verhalten.


Quote
    Bekassine
    01.10.2012 um 10:06 Uhr

Es geht nicht um Umverteilung, sondern Beteiligung ALLER

an dem Generationenvertrag. Solange nicht alle wie in der Schweiz in das Rentensystem einzahlen, bleibt das Ganze schief. Im übrigen, die private Versicherung funktioniert letztlich auch nicht anders oder glauben Sie allen Ernstes, da habe jeder sein persönliches und stetig anwachsendes Konto?!
Das ist das wirkliche Kettenspiel, dessen Gewinne vor allem bei den Versicherungskonzernen bleiben.
Die Produktivität ist derartig gestiegen, dass eine Grundrente für alle gewiss gestemmt werden könnte.
Aber es ist natürlich einfacher nach dem Motto "Teile und herrsche" die schwächeren Gruppen der Gesellschaft aufeinander zu hetzen, damit die Starken und Reichen ungestört von revolutionären Umtrieben ihren Geschäften nachgehen können.


Quote
    Bekassine
    01.10.2012 um 10:09 Uhr

... Und wenn immer weniger Leute in hochrationalisierten Abläufen ihr Auskommen finden, warum z.B. keine Abgabe als Maschinensteuer oder Maschinen-Rentenbeitrag?


Quote
    bluemilla
    01.10.2012 um 10:09 Uhr

Solidargemeinschaft ALLER

Ein wesentlicher systematischer Fehler liegt m.E. darin, dass nur ein geringer Teil der Einkommen in die Renten- und Sozialversicherungen einzahlen. Dies zu ändern ist unabdingbar. Also
- alle Beamten
- alle Selbständigen, Unternehmer/Unternehmen, Privatiers...
- alle Einkommen (auch solche aus Finanzgeschäften)
tragen zu gleichen Teilen bei.
Das System muss wenigstens einigermaßen gerecht und plausibel sein, um dauerhaft von einer Mehrheit mitgetragen zu werden.


Quote
    Schandmaul1987
    01.10.2012 um 10:23 Uhr

Kurz, knackig und gut.
Das was Sie in 6 kurzen Absätzen schreiben, schaffen andere bezahlte Journalisten nicht in x Artikeln.
Gratuliere Ihnen zu diesem Artikel und den Redakteuren im Hintergrund, die soetwas durchwinken.
Vllt wachen wir ja wirklich bald auf....


Quote
    no-panic
    01.10.2012 um 10:38 Uhr

Klassenkampf ist im vollen Gang

Ja, es ist ein Klassenkampf im Gange und die Reichen liegen in Führung. Die Vermögen der Reichen wachsen stetig während die Zahl der Menschen, die von ihrer Arbeit leben können, immer kleiner wird. Immer mehr Vollzeitarbeiter sind auf Almosen des Staates angewiesen (Aufstocker), immer mehr Menschen finden gar keine Vollanstellung mehr. Daran verdienen die Unternehmen, die Manager und die Aktionäre!
Der Arbeitsmarkt hat keinen Platz mehr für noch mehr Arbeitnehmer, Kinder sind also kontraproduktiv, sie werden die Sozialkassen nur noch mehr belasten.
Es geht auch nicht nur um die Rente, es geht um die ganze Palette der Sozialversicherungen. Es muss ein neuer Verteilungsschlüssel gefunden werden, ein Schlüssel, der alle Einkommen einbezieht. Einkommen aus selbstständiger Arbeit, aus Vermietungen, aus Zinszahlungen, aus Vermögen, aus Erbschaften und so weiter. Jedes Einkommen muss prozentual belastet werden, und zwar zu einem für alle gleichen Prozentsatz!
Alle Menschen in diesem Land profitieren direkt oder indirekt von den Sozialleistungen, da auch die Infrastrukturen, wie zB im Bereich Gesundheitswesen, durch die Sozialabgaben tragfähig gehalten werden. ...


Quote
    Antipopulist
    01.10.2012 um 10:58 Uhr

Maschinensteuer ?

Sie vergessen, dass wir in einem offenen Wettbewerb mit anderen Ländern in Asien, Osteuropa, etc. stehen, wenn Sie versuchen Maschinen bzw. eigentlich Kapital zu besteuern. Solange es noch kein europäisches Sozialversicherungsystem gibt, führt dieses blose Umverteilen nur zu Abwanderung von Produktivität und dazu, dass der "Rententopf" nur noch kleiner wird, denn auchen die Renten müssen erst einmal verdient werden. Insofern ist auch ihr Ruf nach dem Staat und einer Maschinensteuer obsolet, da wir nicht in einer Staatswirtschaft leben. Die Probleme unserer Zeit lassen sich schon gar nicht mit Ansätzen aus dem 18 Jahrhundert lösen.


...


Aus: "Der Generationenvertrag ist nicht das Problem" Von Michael Feindler (Leserartikel) | (01.10.2012)
Quelle: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2012-09/leserartikel-generationenvertrag-altersarmut

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« Reply #309 on: October 04, 2012, 03:02:38 PM »

Quote
[...] Athen - Aus Wut über nicht gezahlte Löhne haben rund 150 griechische Werftarbeiter das Gelände des Verteidigungsministeriums in Athen gestürmt. Im Hof des Regierungsgebäudes protestierten sie gegen ausbleibende Löhne. "Wir hungern. Wir haben seit sechs Monaten kein Geld bekommen. Wir verelenden", skandierten sie.

Wegen der dramatischen Finanzkrise und der drastischen Kürzungen gibt der griechische Staat der Werft von Skaramangas keine Aufträge mehr. Die Demonstranten setzten sich auf die Treppe vor dem Eingang des Ministeriums und forderten, den Verteidigungsminister zu treffen. Generalstabschef Michalis Kostarakos trat vor die Demonstranten, konnte sie aber nicht zum Rückzug bewegen. Es kam zu Zusammenstößen mit der Polizei. Die Beamten setzten Schlagstöcke ein, um die Menschen aus dem Ministerium zu drängen. Fernsehbilder zeigen einen Mann mit Blut im Gesicht sowie Polizisten, die die Protestler wegtragen. Die Werft Skaramangas führt hauptsächlich Aufträge der Streitkräfte aus.

Für Aufregung sorgt in Griechenland auch der Fall einer 2010 verschwundenen und jetzt wieder aufgetauchten elektronischen Datei mit 1991 mutmaßlichen griechischen Steuersündern. Das Geld soll auf Bankkonten in der Schweiz eingezahlt worden sein. Ein Ausschuss des Parlaments versucht nun Klarheit zu schaffen. Die griechische Presse sprach am Donnerstag von einem "Wirrwarr ohnegleichen".

Der USB-Stick mit der Datei sei zunächst 2010 von der damaligen französischen Finanzministerin Christine Lagarde an den damaligen griechischen Finanzminister Giorgos Papakonstantinou übergeben worden, heißt es. Der habe sie anschließend an den damaligen Chef der Steuerfahndung (SDOE) in Griechenland weitergegeben. Allerdings habe der von dieser Datei keinen Gebrauch gemacht, weil sie nicht aus legalen Quellen gestammt hätte. Die griechische Presse vermutet, dass Steuerhinterziehung vertuscht werden sollte.

In den Fall wurde auch der heutige Chef der Sozialisten, Evangelos Venizelos, verwickelt. Als er 2011 Finanzminister geworden sei, habe ihn die Steuerfahndung über den Fall der mutmaßlichen Steuersünder informiert, heißt es weiter. Er habe aber damals keine genauen Anweisungen gegeben, wie man mit diesem USB-Stick weiter umgehen solle. "Meine Aufgabe ist nicht, elektronische Daten auszuwerten", sagte Venizelos. Er habe aber angeordnet, dass jeder Fall von Steuerhinterziehung strafrechtlich zu verfolgen sei.

anr/dpa/Reuters/dapd


Aus: "Griechische Werftarbeiter stürmen Ministerium" (04.10.2012)
Quelle: http://www.spiegel.de/politik/ausland/griechenland-werftarbeiter-dringen-in-verteidigungsministerium-ein-a-859452.html

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« Reply #310 on: October 07, 2012, 06:07:38 PM »

Quote
[...] Ohne Schröders Agenda 2010 stünde Deutschland heute nicht so gut da. Die Journaille lobt ungern die Regierenden, aber trotzdem: Ohne Schröders Agenda 2010 stünde Deutschland heute nicht so gut da. Erinnern wir uns an seine legendäre Rede im Bundestag 2003: »Wir werden Leistungen des Staates kürzen, Eigenverantwortung fordern und mehr Eigenleistung abfordern müssen.« Rot-Grün senkte Steuern, lockerte den Arbeitsmarkt auf und verschärfte mit Hartz IV den Anreiz zur Arbeitssuche. Aus fünf Millionen ohne Job sind heute weniger als drei Millionen geworden; das Defizit tendiert gen null. ...


Aus: "Vorbild Schröder"  Josef Joffe (12.05.2012)
Quelle: http://www.zeit.de/2012/20/01-Europa/seite-2

-.-

Quote
[...] Wie schön, dass die Agenda 2010 in diesen Wochen zu neuen Ehren kommt. Seit es in Europa fast allen schlechter geht als den Deutschen, gilt Gerhard Schröders Sozialreform als Motor unseres ökonomischen Erfolgs. Eines wird dabei gern vergessen: Mit der Agenda wollte Schröders Regierung den Bürgern mitteilen, dass sie sich endlich richtig reinhängen müssen, wenn sie den Anschluss an die Globalisierung nicht verlieren wollen. Gemeint waren damit alle Deutschen. Gesagt wurde es aber nur den Ärmsten. Zum Beispiel am 14. März 2003 in Schröders Regierungserklärung: »Niemandem (...) wird künftig gestattet sein, sich zulasten der Gemeinschaft zurückzulehnen. Wer zumutbare Arbeit ablehnt, (...) der wird mit Sanktionen rechnen müssen.« Die Unterschicht wurde angeschrien, damit alle anderen es hörten.

Plötzlich fragte sich die Nation: Wer zum Teufel sind diese nichtsnutzigen Typen? Diese vier Millionen Arbeitslosen, die einfach nicht verschwinden wollen aus der Statistik, im Land von Siemens und Mercedes, dem Land der Dichter und Denker, der Disziplin und Pünktlichkeit? Die Antwort war schnell gefunden: Schnorrer, die dem Sozialstaat auf der Tasche liegen, den ganzen Tag auf der Couch abhängen, den Fernseher anstarren, Fertiggerichte essen und die Bude nur verlassen, wenn sie Bier und Zigaretten brauchen. Die bei RTL2 Einblick in ihre Wohnungen und Leben gewähren, die sie nicht im Griff haben. Die geschmacklose Klamotten tragen, viel Sex mit vielen Menschen haben und davon erzählen. Die mehr Geld für ihre Hunde, Katzen oder Schlangen ausgeben als für ihre Kinder.

Diese Faulen hatten kein Recht, die Fleißigen mit nach unten zu ziehen.

Es gibt eine treffende Wendung im Englischen für das, was der Unterschicht seit Jahren widerfährt: blaming the victim, dem Opfer die Schuld zuschieben. Die Unterschicht selbst sei es doch, die die Faulen hervorbringe, das System gefährde, Verrat an der Gesellschaft begehe!

Die Agenda mag ihre Rehabilitierung verdient haben. Nur die Unterschicht wurde nie rehabilitiert. Niemand hat sich entschuldigt bei den Menschen ganz unten. Sie wurden nicht noch einmal neu angesehen, sie wurden überhaupt nie wirklich angesehen. So können sie nicht mit Würde leben. So können sie nichts von der Gesellschaft lernen. Und die Gesellschaft nichts von ihnen.

... Um die moderne Verachtung gegen die da unten zu verstehen, muss man ein Stück zurückgehen in der Geschichte. Der Unterschicht wurde nicht erst mit der Agenda 2010 die Schuld für gesellschaftliche Fehlentwicklungen gegeben. Um dem Arbeiter in der gesellschaftlichen Hierarchie ein Upgrade zu verschaffen, machte Karl Marx, Sohn einer bedeutenden Rabbinerfamilie, die Untersten der Unteren zum »Lumpenproletariat«, das er als einen »Auswurf, Abfall, Abhub aller Klassen« beschrieb, als »passive Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft«, nutzlos für den Klassenkampf. Oda Olberg, Tochter eines Marineoffiziers, Feministin und später bekannte Journalistin der Arbeiterklasse, bezeichnete sie als »Entartete, die mit Anwartschaft auf sozialen Schiffbruch geboren werden«. Die Idee der Rassenhygiene, so empfand es die Sozialdemokratin, wurde erst durch die Nazis korrumpiert.

Die Nazis selbst sprachen von »Asozialen«, ein Begriff, der sich bis heute gehalten hat. Gemeint waren all jene, die unfähig waren, sich in die Gemeinschaft einzufügen. Obdachlose, Bettler, Prostituierte oder Alkoholiker zählten zum Abschaum. Eine Zumutung für die sonst so fleißige, vor Kraft strotzende Mehrheit, eine Gefahr für das deutsche Erbgut. In den Konzentrationslagern erkannte man sie an einem schwarzen Winkel an der Kleidung.

In der Nachkriegszeit war die Unterschicht zunächst vergessen. Zum Gründungsmythos des neuen Deutschland gehörten Trümmerfrauen und hemdsärmelige Männer, keine Verlierer. Verloren hatte man ja bereits den Krieg. Man war so sehr mit dem Wirtschaftswunder beschäftigt, dass die Armut verdrängt wurde. Soziologen sprachen von einer »nivellierten Mittelstandsgesellschaft«, in der alle gleich waren – mit der gleichen Chance zum Aufstieg.

Dieses Versprechen gilt weiterhin. Nur nicht für die Unterschicht. Die packt das nicht. Warum? Weil sie es in Wahrheit nicht will. Sagt die Mittelschicht.

... Mit der Agenda fand die Entfremdung der Sozialdemokratie von den sozial Schwächeren ihren Abschluss. Offenbar wollten die ja gar nicht aufsteigen. Oder konnten es nicht. Die SPD war enttäuscht von den Armen und die Armen von der SPD. So verlor die Unterschicht ihre politische Vertretung. Diejenigen, die keine Arbeit hatten, hatten auch keine Lobby, nicht in der Regierung und nicht in den Talkshows.

Wenn sich die Gesellschaft die Unterschicht anschaut, dann immer mit den Augen der Mittelschicht. Eine Gruppe mit Geld, Macht und Wissen beurteilt aus ihrer Warte eine Gruppe ohne Geld, ohne Macht, ohne Wissen – oder jedenfalls nicht mit dem Wissen, das als klassische Bildung anerkannt ist. Es ist der Blick der entscheidenden Stellen. In der Politik, in den Redaktionen, den Verlagen, den Ämtern, den Universitäten. Die Mittelschicht bestimmt die Sichtweise.

Irgendwann fand die Mittelschicht, dass Schlanksein besser, gesünder und attraktiver ist als Dicksein. Politiker fingen an, Marathon zu laufen, Manager schwitzten in der Mittagspause auf dem Laufband. Die Mittelschicht fand fortan auch, dass es zu viele Dicke gab. Vor allem waren diejenigen dick, die über geringere Bildung verfügten. Die Dicken waren also auch doof, und die schlauen Schlanken riefen ihnen von oben zu: Nehmt ab! Werdet so wie wir! Ihr müsst es nur wollen!

Natürlich ist Schlanksein gesünder, genauso wie Arbeiten und sich aus eigener Kraft und Anstrengung zu bilden besser für den Einzelnen und für die Gesellschaft ist – aber geht es bei der Kritik an denen »da unten« tatsächlich um die »da unten«, die man um ihretwillen zur Räson bringen wollte? Geht es der Mittelschicht nicht vor allem um die Abgrenzung vom Übel? Um die Selbstvergewisserung: Ich lasse mich nicht so gehen wie die? Um eine schon äußerliche Identifizierung der Störenfriede? Sind schlechtes Essen und Faulsein wirklich das alleinige Problem der Unterschicht? Und der Alkohol?

Was die Mittelschicht fühlt, prägt die Atmosphäre. Zurzeit fühlt die Mittelschicht vor allem Wut. Und Angst vor dem eigenen Abstieg. Angstwut, eine brisante Mischung.

Ohne jemals von Pierre Bourdieu und seinen Theorien gehört zu haben, wusste Nicole instinktiv, was es auf sich hatte mit diesem Habitus. Der französische Soziologe, Vater Bauer, Mutter Hausfrau, fragte sich, warum die Menschen so waren, wie sie waren, wie sie ihren Platz in der Welt fanden und was das mit ihrer sozialen Herkunft zu tun hatte. Der Habitus, schrieb er, »bezeichnet im Grunde eine recht simple Sache: Wer den Habitus einer Person kennt, der spürt oder weiß intuitiv, welches Verhalten dieser Person verwehrt ist. Mit anderen Worten: Der Habitus ist ein System von Grenzen.«

... Als die Agenda 2010 durch war, hätte man darauf hoffen können, dass die Verachtung der Unterschicht nachlässt. Aber das passierte nicht. Man hörte nicht auf, die da unten niederzureden. CDU-Fraktionschef Volker Kauder sagte, es gebe »in Teilen der Gesellschaft bereits Verwahrlosung«. Wolfgang Clement schrieb als Arbeits- und Wirtschaftsminister in das Vorwort einer Broschüre aus seinem Ministerium: »Biologen verwenden für ›Organismen‹, die zeitweise oder dauerhaft zur Befriedigung ihrer Nahrungsbedingungen auf Kosten anderer Lebewesen – ihren Wirten – leben, übereinstimmend die Bezeichnung ›Parasiten‹.« Es war klar, wer gemeint war.

Der Historiker Paul Nolte erklärte in seinem Buch Generation Reform, dass bereits in vorindustrieller Zeit der »kulturelle ›Eigensinn‹ der Unterschicht sich häufig als höchst sperrig, als resistent gegenüber der Disziplinierung durch eine hegemoniale adlige oder bürgerliche Kultur erwiesen« habe. Umerziehen ließen die sich also auch nicht so einfach. Und heute? Finde eine Politik der »fürsorglichen Vernachlässigung statt«. Es stelle sich ohnehin die Frage, ob die Mittelschichten überhaupt noch Vorbild sein könnten, so Nolte, »angesichts der Tatsache, dass sich proletarisierte Verhaltensstandards inzwischen bis weit in die Gruppen hineingefressen haben«. Die Mitte wird von unten bedroht. Angefressen.

Die Journalistin Inge Kloepfer sah 2008 in ihrem Buch Aufstand der Unterschicht ein ganzes »Heer der Ausgeschlossenen, Chancenlosen, Entbehrlichen«, die uns »allen«, also den hart Arbeitenden, »buchstäblich zu Leibe rücken. Ein Szenario, das im Jahr 2020 Realität sein kann. Da werden die Streetworker nicht helfen, die sich zusammenrottende Jugendliche auf Straßen und in öffentlichen Parks ansprechen, um diese tickenden Zeitbomben des sozialen Unfriedens zu entschärfen.« Wie gesagt: Wutangst eben.

Wenn oben und unten nicht auseinanderdriften, wenn Selbstausgrenzung und Diskriminierung sich nicht weiter gegenseitig verstärken sollen, dann sind heute andere Fragen wichtig: Geben wir das meiste Geld tatsächlich nach unten hin aus, oder bleibt es nicht doch mit Ehegattensplitting oder Elterngeld oben und in der Mitte? Ist das Bild, das von der Unterschicht öffentlich gezeichnet wird, nicht arg einseitig? Zeigt es nicht die Minderheit in dieser Minderheit? So als würde man aus der Oberschicht immer nur die Geizigen und Gierigen porträtieren?

...

Quote
    tagesschau
    07.10.2012 um 12:02 Uhr

Das ganze Spiel dient der Spaltung zwecks Herrschaftssicherung.
Bis jetzt klappt es.


Quote
    OmarShamshoon
    07.10.2012 um 12:15 Uhr

Die Klassengesellschaft hat nie aufgehört zu existieren.


Quote
    r.schewietzek
    07.10.2012 um 12:18 Uhr

... Respekt, Frau Özlem Topçu, Sie haben die Situation unseres Gesellschaftswesens auf den Punkt gebracht.
Leider fehlt ein Hinweis darauf, wie schnell man heutzutage vom Angehörigen der Mittelschicht zum Angehörigen der Unterschicht wird. Ein Bekannter von mir hat es so ausgedrückt:
Was liegt zwischen dir und Hartz-IV? 15 Monate!
Es wäre auch interessant, mal einen Artikel darüber zu lesen, wieviel Kreativität, Fantasie und revolutionären Ansichten in der Unterschicht verloren geht bzw. nicht dargestellt wird. Bei der Nichtbetrachtung und Nichtbeachtung der Unterschicht wird auch das Potential nicht beachtet, das man dort finden kann - und das schadet unserer Gesellschaft insgesamt.


Quote
    kannnichtsein
    07.10.2012 um 12:27 Uhr

schichten

hmmm, finanziell gehören doch sehr viele menschen zur unterschicht, ein großer teil davon ist sehr gebildet, hat aber jobs in denen es nicht viel zu verdienen gibt (z.b. musiker) und legt auch nicht soviel wert darauf.

wie lange noch wollen wir in diesen alten geldorientierten mustern denken?

wenn ich an unterschicht denke dann an studenten mit sido auf dem ipod, neoliberlare it-girls , rtl-2 produzenten und konsumenten (nicht statisten für scripted r.).....

unterschicht ist im kopf!


Quote
    joericardo
    07.10.2012 um 12:42 Uhr

Unwahres wird nicht wahrer, indem man es gebetsmühlenartig wiederholt.Die Agenda 2010 hat mit positiven wirtschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre in Deutschland nichts zu tun. Es wurden Löhne gedrückt, Lebensplanung durch die Abschaffung sicherer Arbeitsverhältnisse verunmöglicht, den Zeitarbeitsfirmen ihre Wegelagerei erleichtert und die sogenannte Unterschicht noch weiter diskriminiert und die Mittelschicht bewusst in Existenzängste gestürzt.
... Doch was wirklich absurd ist: der Staatshaushalt wurde durch die menschenverachtende Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe nicht um einen Euro entlastet - es wurde sogar deutlich teurer als vorher!
Doch vor allem der gesellschaftliche und menschliche Schaden dieser kapitalhörigen Gesetze ist in Geld nicht aufzuwiegen.
Und rein prophylaktisch - ich bin selbständiger Arbeitgeber und weder ich noch meine Mitarbeiter beziehen staatliche Transferleistungen.


Quote
    Präludium
    07.10.2012 um 12:51 Uhr

... Es war schon immer leichter - gesellschaftlich - von oben nach unten zu sehen.


Quote
    lxththf
    07.10.2012 um 12:58 Uhr

Klischees

Auch der Autor denkt in Klischees. Woher stammt das Wissen, dass die "Mittelschicht" auf die "Unterschicht" herabblickt? Ab wann zählt man zu welcher Schicht? ...
Natürlich werden von den Privatsendern Klischees bedient und verbreitet, die Frage ist aber, wer kommt denn dazu, sich den Mist anzuschauen? Sicher nicht die Mittelschichtler, die in Schichtarbeit gefangen sind.
... Ein Uniabschluss wird heute häufiger angestrebt, als z.B. noch vor 10 Jahren (ca. 400.000 Studierende mehr). Ausserdem ist man als Akademiker nun keineswegs davor sicher, nicht schnell in die untere Schicht abzurutschen. Ganz im Gegenteil. Es gibt genügend Studenten, die Ihr Studium über Darlehen finanzieren und mit einem 5stelligen Schuldenbetrag starten und im Anschluss an das Studium nicht direkt einen Job finden.
Wenn man von einer Unterschicht spricht, ist das ein Begriff, den man sehr differenziert betrachten muss. ...
Wo ordnet man eigentlich dann den wachsenden Niedriglohnsektor ein?


Quote
    lxththf
    07.10.2012 um 13:53 Uhr

Die Spaltung der Gesellschaft ist so alt, wie die Welt selbst und wird es immer geben. Sie ist natürlich und hat Gründe, auch wenn wir diese moralisch ablehnen.


Quote
    derralf
    07.10.2012 um 14:27 Uhr

Soziale Abgrenzung und mangelndes Empathievermögen sind die Zauberwörter und die Wurzel allen Übels. Dies zieht sich allerdings durch alle Gesellschaftsschichten. Die breite Mittelschicht ist hier allerdings besonders aktiv, da sie in ihrer Selbstgerechtigkeit und Rechtschaffenheit ganz prima nach unten und oben austeilen kann. Nach unten allerdings besonders gerne und besonders laut. ... Solange wir als Gesellschaft diese Eigenschaften zu unserem Eigennutz und Eigenschutz pflegen, wird die Politik hier keinen Handlungsbedarf für einen echten Paradigmenwechsel sehen. Und der tut Not! Die derzeitige Sozialpolitik trennt und stigmatisiert. ...


...



Aus: "Arm, aber stark"  Özlem Topcu (07.10.2012)
Quelle: http://www.zeit.de/2012/40/Unterschicht-Armut-Hartz-IV/


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[Während die Bevölkerung... ]
« Reply #311 on: October 07, 2012, 06:13:39 PM »

Quote
[...] Washington - Die Abgeordneten in den beiden Häusern des US-Kongresses haben die Immobilien- und Finanzkrise überraschend gut überstanden, was ihre privaten Finanzen angeht. Das ist ein Ergebnis eines aufwendigen Rechercheprojektes, dessen Ergebnisse die "Washington Post" am Sonntag auf ihrer Website präsentiert. Der Vermögens-Median amerikanischer Haushalte fiel der US-Notenbank zufolge von 2007 bis 2010 um 39 Prozent. Der Median ist der Wert, der die untere Hälfte einer betrachteten Verteilung von der oberen Hälfte trennt. Dieselbe Kennzahl stieg der "Washington Post" zufolge dagegen um fünf Prozent, wenn man nur die Vermögen der Abgeordneten und Senatoren im US-Kongress betrachtet.

Kurz: Während die Bevölkerung der USA durch die Krise gewaltige Teile ihres Vermögens einbüßte, wuchs der Reichtum der meisten ihrer Volksvertreter stetig weiter.

... Insgesamt, heißt es im Auftaktartikel, habe man bei 73 Parlamentariern mögliche Verbindungen zwischen konkreten Gesetzesvorhaben, die sie unterstützten, und eigenen Geschäftsinteressen oder den Interessen ihrer Familien festgestellt.

Glaubt man den Schätzungen der "Washington Post" hatte die Krise innerhalb des Kongresses zumindest einen ausgleichenden Effekt: Im Jahr 2004 habe das geschätzte Durchschnittsvermögen der Republikaner noch 44 Prozent über dem der Demokraten in Senat und Abgeordnetenhaus gelegen. Nach der Krise jedoch sei dieser Unterschied "so gut wie verschwunden".

...


Aus: "US-Abgeordnete wurden in der Krise noch reicher" (07.10.2012)
Quelle: http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-kongress-wie-reich-sind-die-abgeordneten-der-usa-a-859937.html

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[Es habe sich damit dem Rekordwert... ]
« Reply #312 on: October 09, 2012, 09:33:55 AM »

Quote
[...] 500 Milliarden Euro - der Wohlstand der 500 reichsten Deutschen übertrifft die Wirtschaftsleistung der Schweiz.

... Die reichsten Deutschen haben einem Bericht des Manager Magazins zufolge kaum negative Auswirkungen der Schulden- und Euro-Krise auf ihre Vermögenslage verspürt.

Im Gegenteil - die Superreichen des Landes seien noch reicher geworden, berichtete das Manager Magazin am Montag vorab. Um gut 4 Prozent auf 319,85 (Vorjahr: 307,35) Milliarden Euro sei das Vermögen der Top 100 gewachsen. Es habe sich damit dem Rekordwert des Jahres 2008 genähert, als 324,6 Milliarden Euro erreicht worden seien.

Aus der Aldi-Familie kommen demnach weiter die reichsten Deutschen. Karl Albrecht (92) sowie Berthold (58) und Theo Albrecht jr. (62), die Söhne seines 2010 verstorbenen Bruders Theo, hätten sich auch 2012 die Plätze eins und zwei unter den reichsten Deutschen behauptet. Die beiden Aldi-Familien verfügten wie im Vorjahr über ein Vermögen von 17,2 und 16 Milliarden Euro.

... In fast allen Branchen - mit Ausnahmen im Einzelhandel und Finanzsektor - seien kräftige Zuwächse erzielt worden.

... Das größte Wachstum verbuchte Hasso Plattner (SAP), dessen Vermögen in den vergangenen 12 Monaten um 900 Millionen auf 5,95 Milliarden Euro gestiegen sei, schrieb das Blatt.

...


Aus: "Reichste Deutsche werden immer reicher" (08.10.2012)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/geld/ranking-des-manager-magazins-reichste-deutsche-werden-immer-reicher-1.1490818

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[Zugespitzt heißt das (Strompreis)... ]
« Reply #313 on: October 15, 2012, 05:13:38 PM »

Quote
[...] Während auch auf Hartz-IV-Empfänger 2013 höhere Stromkosten zukommen, bleibt die Großindustrie mit besonders großem Stromverbrauch verschont. ... Strom wird deutlich teurer. Im kommenden Jahr steigt die Ökostromumlage von 3,6 Cent auf 5,3 Cent pro Kilowattstunde. Bis zu 90 Euro mehr muss ein Vier-Personen-Haushalt dann für Strom zahlen. ... während die privaten Haushalte damit den Preis für die Energiewende tragen, ist ein bedeutender Teil der Stromverbraucher von der Umlage befreit: die Industrie mit besonders hohem Stromverbrauch. Auf rund die Hälfte des Stromverbrauches der Industrie müsse die Umlage nicht bezahlt werden, sagt der Energieexperte und Wirtschaftswissenschaftler Uwe Leprich.

Umweltverbände, Verbraucherschützer und Sozialverbände laufen inzwischen Sturm gegen diese Regel, denn: Was die Industrie nicht zahlt, wird über die Stromrechnung auf alle anderen Verbraucher umgelegt. Mit rund 4,7 Milliarden Euro werde die Industrie 2013 aus der Umlage gefördert, hat Greenpeace in einer Studie ausgerechnet.

Zugespitzt heißt das: Auch Hartz-IV-Empfänger subventionieren über den Strompreis die Großindustrie. Pro Kilowattstunde sind das 1,5 Cent - also fast so viel wie die derzeitige Erhöhung.

...


Aus: "Ökostrom mit sozialer Schieflage" Von Oliver Hollenstein (15.10.2012)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kosten-der-energiewende-oekostrom-mit-sozialer-schieflage-1.1492025

« Last Edit: October 17, 2012, 10:45:38 AM by Textaris(txt*bot) »
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[Und dann gibt es die ganz Schlimmen... ]
« Reply #314 on: October 17, 2012, 11:08:08 AM »

Quote
[...] Chav, is a stereotype and pejorative epithet commonly used, chiefly in the United Kingdom. The stereotype was popularised in the British mass media to refer to working-class youth subculture in England. ...


Source: https://en.wikipedia.org/wiki/Chavs

-.-

Quote
[...] Chavs: The Demonization of the Working Class, Jones's first book, addresses the British working class and the 'chav' stereotype which was popular when the book was published. The book was widely discussed ...


https://en.wikipedia.org/wiki/Owen_Jones_%28writer%29 (15 October 2012)

-.-

Quote
[...] Ein Buch des Historikers, Gewerkschafters und Journalisten Owen Jones über die Stigmatisierung der Arbeiterklasse in der britischen Gesellschaft schlägt riesige Wellen. In den Primetime-Talkshows werden seine von den etablierten Medien als „Polemik“ und „Provokation“ reflektierten Thesen zum Niedergang und der Zerschlagung der Organisationsstrukturen der Arbeiterklasse diskutiert – vor allem die Folgen, ihre permanente Verunglimpfung und Demütigung.

... Klassenhass gehöre mittlerweile „zum festen Grundbestand der britischen Kultur“, sagt Owen Jones. Der Verantwortung der Vierten Gewalt und der Kulturindustrie für diese Entwicklung sollte nicht unterschätzt werden. In dieser Sphäre „gibt es die Arbeiterschicht eigentlich gar nicht mehr. Es gibt nur noch die nette Mittelschicht, die Häuslebauer, für die die Daily Mail schwärmt. Und dann gibt es die ganz Schlimmen“, zitiert Jones die Guardian-Kolumnistin Polly Toynbee. Boulevardzeitungen, zum Beispiel die Sun oder der Daily Mirror, berichten über Kriminalität, Drogensucht, misslungene Schönheitsoperationen, schlechte Ernährung und Verfettung der „Asozialen“ – direkt aus ihren schmutzigen Wohnzimmern, in denen sich leere Bierdosen und Pizza-Hut- und McDonald’s-Verpackungen bis zur Decke stapeln. Die Fernsehserie „Shameless“ zeigt hässliche Karikaturen von Proletarier-Familien in Manchester: Faulheit, Chaos, Dreck, Alkoholismus. Super Nannys nehmen sich der vernachlässigten Kinder an. Strenge Talkmaster stellen die „Rabeneltern“ im Vorabendprogramm vor Millionenpublikum an den Pranger. In der Reality Show „How Clean Is Your House?“ werden ihre verkommenen Behausungen ausgemistet; in „The Biggest Loser“ fettleibige „Exemplare“ zur Schau gestellt. Und stets wollen die Sensationsmedien dabei glauben machen, dass Erwerbslosigkeit, Armut, Elend, die vielen Peinlichkeiten das Ergebnis individuellen Versagens, der Dummheit und des schlechten Charakters der „Prolls“ sind – nicht einer durch und durch ungerechten Gesellschaft, geprägt von üppigen Steuergeschenken für die Reichen, Lohndrückerei, verweigerten Bildungschancen und zwanzig Prozent Jugendarbeitslosigkeit.

Jones verweist auf die Auswüchse der neoliberalen Ideologie: Laut der ehemaligen Premierministerin Großbritanniens, Margret Thatcher, einer Schülerin Milton Friedmans („Er war ein intellektueller Freiheitskämpfer“), gibt es gar „keine Gesellschaft. Es gibt einzelne Frauen und Männer und Familien“. Und die haben selber Schuld, wenn ihr Leben nicht wie das des blaublütigen Millionärssohns, Eton-Schülers und derzeitigen Premiers David Cameron verläuft.

... Der „Neoliberalismus hat die sozialdestruktiven und antizivilisatorischen Entwicklungstendenzen eines späten Kapitalismus verstärkt“, meint der Soziologe Werner Seppmann. (6) Dass der Neoliberalismus sogar ein Rückfall in den finstersten Sozialdarwinismus ist, veranschaulicht Owens Studie auf eindringliche Weise. „Im Laufe der Jahrhunderte wurde gesellschaftliche Ungleichheit immer wieder durch die Dämonisierung der Menschen am unteren Ende gerechtfertigt.“ Sie sei „das ideologische Fundament einer ungleichen Gesellschaft“ und habe die politische Funktion, Ausbeutung, Unterdrückung und Entrechtung als normal erscheinen zu lassen: „Unten ist, wer dumm, faul und unmoralisch ist.“

... Der Skandal besteht vor allem darin, dass der neoliberale Umbau Großbritanniens – das gilt auch für Deutschland und andere europäische Länder – in weiten Teilen nicht von rechten Parteien, sondern von den Sozialdemokraten gestaltet und exekutiert wurde. Die Labour Party sei auf die Welt gekommen, um die Lebensumstände der Arbeiter zu verbessern. Heute wolle sie „Menschen höchstens dabei helfen, ihr zu entkommen“, so Jones Resümee der 112-jährigen Geschichte der britischen Sozialdemokratie. Die Führung der Labour Party hatte schon in den 1980er-Jahren die Minenstreiks nicht unterstützt und die Arbeiter während ihres letzten großen Gefechts verraten. Über die Jahre hat Labour seine Leitlinien immer mehr der neoliberalen Agenda angepasst. „In Tony Blairs New Labour hatten die Anwälte der Klassenpolitik der Reichen das Sagen“ und der Labour Party „den Stempel Thatchers aufgedrückt“. In deren Politik stehe „die Flucht vor dem Arbeiterdasein im Vordergrund“, kritisiert Jones. „New Labour machte daraus kein Hehl.“ Gordon Brown bestritt seinen Wahlkampf 2010 mit dem Slogan „Die größte Mittelschicht aller Zeiten“. Das ist eine Politik, die die Arbeiterklasse zur Selbstverleugnung treiben soll.

Labour ging sogar zum offenen Angriff auf sie und ihre Errungenschaften über. Jones nennt ein Beispiel: Der Sozialberater der Brown-Regierung, David Freud – später lief er zu den Konservativen über –, hat 2008 gefordert, zwei Millionen Empfänger von Arbeitslosenunterstützung zur Arbeit zu zwingen, obwohl es nur eine halbe Million offener Stellen gab. Es war ein Sozialdemokrat, Tony Blair, der  1998 die sogenannten Anti-Social Behaviour Orders (ASBO) einführte, durch die Menschen wegen „antisozialem Verhalten“ – dazu gehört nicht nur öffentliches Fluchen, Spucken und Alkoholgenuss, sondern auch Breakdance-Vorführungen – mit zivilrechtlichen Sanktionen wie Platzverweisen belegt werden können. Reiche müssen die ASBO in der Regel nicht fürchten: Das asoziale Verhalten von Angehörigen des berüchtigten Bullingdon Clubs – einer Studentenverbindung für Superreiche in Oxford, in der auch David Cameron und Londons Bürgermeister Boris Johnson Mitglied waren – beispielsweise, die als extrem gewaltbereit gelten und traditionell im Vollrausch die Einrichtungen von Pubs und Restaurants zerlegen, bleiben grundsätzlich unbehelligt. Die oberen Zehntausend werden von Labour hofiert, die Armen drangsaliert. „Wir zwingen die Leute zu schlecht bezahlter Arbeit mit dem niedrigsten denkbaren Mindestlohn. Dann bist du schuld, wenn du nicht aus der Armut kommst. Diese Einstellung ist so von oben herab wie im 19. Jahrhundert“, zitiert Jones einen gewerkschaftsnahen Abgeordneten vom linken Flügel der Labour Party.  

... Im Vereinigten Königreich sind die Klassengegensätze traditionell krasser, die Kluften zwischen Arm und Reich noch tiefer als in Deutschland. Entsprechend aggressiver sind die Auswüchse des Hasses auf das „riff-raff“ („Gesocks“).
Aber auch hierzulande ist eine signifikante Zunahme von Sozialchauvinismus und Ressentiments gegen „die da unten“ wahrnehmbar. Bild verbreitet, beispielsweise mit der Kreation und Überzeichnung von Figuren wie „Karibik-Knut“ und „Florida Rolf“, seit Jahrzehnten den Mythos vom massenhaften „Sozialbetrug“. Einige Privatsender haben regelrechte Hetzjagden auf Sozialhilfe-, später auf Hartz IV-Bezieher gestartet.

In Reality Shows wie „Frauentausch“ darf der Zuschauer in die unterirdischen Lebenswelten stinkefauler „Prolls“ hinabsteigen. TV-Schuldenberater betreuen coram publico ketterauchende Jogginghosen-Träger, während die „Punkt 12“ beim RTL-Mittagsjournal ihre ersten „Kleinen Feiglinge“ zum Frühstück vernaschen. „Extrem schön“ verwandelt gönnerhaft hässliche kik-Entlein in schöne Versace-Schwäne. Die der neoliberalen Logik entspringende Botschaft der Sendungen: Nehmen Sie Ihr Schicksal selbst in die eigene Hand, dann „werden Sie geholfen“.

... „Die Regierung Schröder-Fischer steht vor der historischen Aufgabe des langen Abschieds von der Volksgemeinschaft“, schrieb Götz Aly 2004 auf dem Höhepunkt der Anti-Hartz IV-Proteste (mit „Volksgemeinschaft“ meinte er die sozialen Sicherungssysteme als angebliches Erbe des NS-Staates) (10) – eine Herausforderung, die die Sozialdemokraten mithilfe der neoliberalen Grünen mit Bravour gemeistert haben. „Wer arbeiten kann, aber nicht will, der kann nicht mit Solidarität rechnen. Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft“, hatte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder in Bild schon 2001 allen mit rechtspopulistischem Zungenschlag gedroht, die in den Boulevardzeitungen als „Sozialschmarotzer“ gehandelt werden. Derartige Stimmungsmache lenkt gut von der Tatsache ab, dass längst nicht genug Lohnarbeit für alle da ist – schon gar nicht angemessen vergütete. Ex-SPD-Parteichef Kurt Beck empfahl einem Arbeitslosen: „Wenn Sie sich waschen und rasieren, finden Sie auch einen Job.“ Nivea und Gillette als Wundermittel gegen Rezession? Schröder forderte sogar, widerspenstige Arbeitssuchende härter ranzunehmen, und begrüßte Sanktionen: „Das ist richtig so. Ich glaube allerdings, dass die Arbeitsämter die entsprechenden Möglichkeiten noch konsequenter nutzen können.“ Wie Schröders Agenda 2010 bewiesen hat, bedeutet das Wort „Reform“ – das hat Jones für den britischen Arbeitsmarkt feststellt – auch für Sozialdemokraten „nicht mehr sozialer Fortschritt, sondern Rückschritt und Kürzung“.

... Es war kein Zufall, dass die Armen 2011 in der Stadt mit dem größten Sozialgefälle der Welt den Aufstand probten (die reichsten 10 Prozent besitzen 273-mal mehr als die ärmsten 10 Prozent) in einem Land, in dem derart große Ungerechtigkeit herrscht, dass dem einen Prozent ganz oben 23 Prozent und der gesamten unteren Hälfte nur sechs Prozent des Wohlstands gehören.

Immer mehr Angehörige der Arbeiterklasse verstehen, dass sie diejenigen sind, die die Krise am härtesten trifft und dass sie von den Happy Few als Bauernopfer verheizt werden. ...

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Aus: "„Den Prolls die Fresse polieren“"
Der Hass auf die Arbeiterklasse hat Hochkonjunktur
Von SUSANN WITT-STAHL (17. September 2012)
Quelle: http://www.hintergrund.de/201209172242/feuilleton/zeitfragen/den-prolls-die-fresse-polieren.html

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