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Author Topic: [Menschen in Schichten und Klassen... ]  (Read 485138 times)

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Textaris(txt*bot)

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #1330 on: September 22, 2022, 12:42:20 PM »

Dem Anpassungsdruck des Betriebs arbeitet dabei die Anpassungswilligkeit derjenigen entgegen, die in ihn hinein wollen.

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[...] Louis lässt "auf der Suche nach Freiheit" seine proletarischen Wurzeln hinter sich, um nach und nach Teil des französischen Bildungsbürgertums zu werden. Er trainiert sich sein lautes Lachen und den nordfranzösischen Akzent ab, lernt, mit Gabel und Messer umzugehen, und als er einen reichen Sponsor kennenlernt, lässt er sich seine Zähne richten. Aus Eddy wird auf Vorschlag der Mutter seiner besten Freundin Édouard – ein Mann, der sich eine Krawatte binden kann und es auf eine der besten Unis Frankreich schafft, der sich von reichen, älteren Männern aushalten lässt und bald genauso über sündteure Weine wie über Massenet parliert.

... Es sind allerdings der Soziologe Didier Eribon (Rückkehr nach Reims) und dessen Freund Geoffrey de Lagasnerie, die dem blutjungen Louis erst eine wirkliche Perspektive geben. Die Freundschaft zu ihnen ermutigt ihn zur Lektüre-, dann zur Schreibarbeit, die in der Publikation des ersten, mittlerweile in 35 Sprachen übersetzten Buches mündet. "Ich hielt in Harvard, Berkeley und an der Sorbonne Vorträge und war von diesem Leben erst beeindruckt, dann genervt, dann angewidert."

... In die Schilderung seiner "éducation bourgeoise", die eng mit seiner sexuellen Identitätsfindung verbunden ist, mischen sich bei Louis viele zweifelnde Töne.

...


Aus: "Neuer Roman von Édouard Louis: Wie man zum Bildungsbürger wird" Stephan Hilpold (21. September 2022)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000139255481/neuer-roman-von-edouard-louis-wie-man-zum-bildungsbuerger-wird


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Pyg Malia

Die künstlerische Literatur befindet sich heute im Abseits. ... Im Perlentaucher gab's mal einen interessanten Essay, der sagt, dass in Bezug auf Kunst und Literatur alles langsam wieder so wird, wie es früher war: https://www.perlentaucher.de/essay/das-hirngespinst.html


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[...] "Essay: Das Hirngespinst" Peter Truschner (22.11.2016)

Warum die Debatte um den literarischen Nachwuchs in die Irre geht: Nicht die jungen AutorInnen sind das Problem, sondern der Betrieb, in den sie hineinwollen.

In den letzten Jahren hat sich im deutschsprachigen Feuilleton eine beachtliche Menge an Beiträgen [https://www.perlentaucher.de/essay/perlentaucher-debatte-literaturkritik-im-netz.html] angesammelt, in denen immer wieder Zweifel an der Qualität des literarischen Nachwuchses laut werden, eine Debatte ist entstanden, die zuletzt ausführliche Essays im Perlentaucher zur Folge hatte. Viele Beiträge dieser Debatte sind, wenn es um die Literatur als solches geht, in Wahrheit vernachlässigbar, etwa der viel zitierte Beitrag von Florian Kessler in der Zeit [https://www.perlentaucher.de/essay/postpost-wege-aus-dem-ich-nachwuchsliteratur-literaturdebatte-charlotte-krafft.html?highlight=florian+kessler], der dort die Bombe platzen lässt, dass bürgerliche Institutionen wie Literaturinstitute mehrheitlich von bürgerlichen StudentInnen aus der gut situierten Mittelschicht besucht werden. Ebenso willkürlich sind Spekulationen, die die Wurzel des Übels im vermeintlich mangelnden Anteil von AutorInnen migrantischer Herkunft in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur vermuten (Maxim Billers Artikel in der Zeit: [http://www.zeit.de/2014/09/deutsche-gegenwartsliteratur-maxim-biller]). Selbst wenn diese viel zu kurz greifenden Erklärungsversuche einen Mehrwert hätten, der der Debatte zuträglich wäre, verfehlten sie den Punkt dennoch klar - einfach, weil die Debatte an sich ein Hirngespinst ist, das sich von einer Reihe falscher Vorstellungen nährt, die man sich von der Literatur und dem Kulturbetrieb als solches macht. Um Licht in dieses Dunkel zu bringen, ist es notwendig, dieses zähe Amalgam aus historischen Missverständnissen und aktuellen (Fehl-)Entwicklungen zu entwirren.

Der Rahmen, in dem sich diese Debatte bewegt, ist jener Verzerrung geschuldet, die man Literaturgeschichte nennt. In dieser verqueren Heldengeschichte sind zum Beispiel Kafka, Musil, Joseph Roth und Broch maßgebende Protagonisten ihrer Zeit - dabei waren sie so gut wie unbekannt, komplette Außenseiter, die zum Teil in bescheidensten Verhältnissen leben mussten und von Kritik und Publikum im Grunde kaum wahrgenommen wurden. Erfolg, Geld und Hymnen seitens der Kritik wurden - wenige Ausnahmen bestätigen hier nur die Regel - anderen zuteil, die heute vergessen sind.

Auch wenn es wie eine Polemik klingt, gibt es in Wahrheit keinen plausiblen Grund anzunehmen, dass das heutige Literaturbetriebspersonal so ohne weiteres in der Lage ist, den James Joyce oder die Gertrude Stein der Gegenwart zu erkennen und zu fördern - erst recht im Jahre 2016, in dem der Buchhandel wieder an die Stelle der Literatur getreten ist und KritikerInnen, LektorInnen und LiteraturdozentInnen die Aufgabe zukommt, den Bücherstrom vom Verlag zum Publikum einigermaßen gehaltvoll zu regulieren, auch wenn das bedeutet, dass man bei Gelegenheit Bücher wie "Feuchtgebiete" zu kulturellen Ereignissen hochstilisiert und den Autor des guten und durchdachten Debüts "Schimmernder Dunst über Coby County" gleich mal mit Handke und Houellebecq auf eine Stufe stellt.

Wer das für eine üble Nachrede jener Art hält, wie sie AutorInnen gern absondern, mag einer in diesem Sinn weniger verdächtigen Stimme wie der von Giovanni Di Lorenzo, dem Chefredakteur der Zeit, Gehör schenken, der ein viel sagendes Profil jenes Personals liefert, das im heutigen Kulturbetrieb zum Einsatz kommt: "Unser Personal ist zu einheitlich sozialisiert. Die Milieus sind zu ähnlich. Wenn Redaktionen neue Leute holen, holen sie jemanden, 'der zu uns passt'. Außerdem wollen wir bei der Beurteilung auf der richtigen Seite stehen. Man stellt sich nicht so gerne gegen den Rest, denn dann kriegt man selbst ein paar Spritzer ab." Hand aufs Herz: Wer würde sich von einem derart beschriebenen Personal erwarten, dass es die innovativsten, mutigsten und ungewöhnlichsten Werke seiner Zeit erkennt, fördert oder hervorbringt? Und ist es nicht ein wenig skurril, wenn Heike Kunert da dem literarischen Nachwuchs ausgerechnet in der Zeit vorwirft [http://www.zeit.de/kultur/2015-07/30-jahrbuch-der-lyrik-buchkritik/komplettansicht], er sei "erschreckend professionell" und es mangele seinen Hervorbringungen an "Unerhörtem"?

Eine weitere historische Verzerrung stellt die Periode nach dem Zweiten Weltkrieg dar. Die Deutschen hatten nach dem Holocaust das Bestreben, sich zu entnazifizieren und als Kulturnation neu zu erfinden. Unter dem Eindruck des Wiederaufbaus kam es zu einem kulturellen Wandel, der von der 68er Generation befördert wurde. Es entstand eine offene Kulturszene, die dem Widerstand gegen das Überkommene, Reaktionäre verpflichtet war, und sich dabei trotzdem vom Geld des Wirtschaftswunders nährte, das von offizieller Seite dazu verwendet wurde, Deutschlands Ruf in der Welt wiederherzustellen. Es gab eine beispiellose Nachfrage nach Menschen, die in den Künsten ausgebildet waren - eine Situation, die nicht nur dem Aufbruch geschuldet war, sondern schlicht der Tatsache, dass so viele Menschen ermordet worden oder ins Exil gegangen waren, dass es schlicht an Personal mangelte. Diese Umstände erklären, warum so schwierige und exzessive Menschen wie Rainer Werner Fassbinder im Kulturbetrieb reüssieren konnten oder warum ein aus England zurückkehrender, egomanischer Theaterzampano wie Peter Zadek rasch Aufnahme fand. Beide Karrieren wären so in der heutigen Situation im deutschsprachigen Raum undenkbar.

Mit der allgemeinen, kapitalistischen Profitgier der neunziger Jahre war diese Phase kritischer Transparenz (nicht nur) in (West-)Deutschland vorüber. Kein Wunder: Es ist eine Ausnahme-Zeit gewesen, die sich dennoch in vielen Köpfen als Status Quo festgesetzt hat. Viele kulturelle Phänomene - die Hinwendung zum Mainstream, zur Eventkultur, zum Starkult, zum Affektiven und Affirmativen - werden als Indikatoren des kulturellen Niedergangs beschrieben, während in Wahrheit nur wieder die Normalität einkehrt, wie sie abgesehen von jener Ausnahmezeit nach dem Zweiten Weltkrieg immer schon vorgeherrscht hat.

Für die Kunstschaffenden bedeutet das eine soziale und politische Marginalisierung sowie eine finanzielle Prekarisierung; eine Gleichstellung von künstlerischem Rang und finanziellem Erfolg; eine Umwertung von Begabungen in Ressourcen, die es erlaubt, die Arbeitskraft vor allem junger Menschen als PraktikantInnen, AssistentInnen und freie MitarbeiterInnen auszubeuten, während das Establishment ausschließlich damit beschäftigt ist, seinen Bestand zu wahren.

Abstiegsangst und Besitzstandswahrung führen immer zum Konformismus - zum vorauseilenden Gehorsam und zur Absicherung nach innen und nach außen. Womit wir wieder bei Giovanni Di Lorenzos Anforderungsprofil für heutige KulturarbeiterInnen wären.

Dem Anpassungsdruck des Betriebs arbeitet dabei die Anpassungswilligkeit derjenigen entgegen, die in ihn hinein wollen. Die jungen Leute sind informierter als jede Generation zuvor und wissen nur zu gut, dass nichts, was in den letzten zwanzig Jahren für eine kulturelle Innovation stand, seinen Ursprung im deutschsprachigen Raum hat - auch, weil es die dafür unabkömmliche Start Up-Mentalität nicht gibt. Sie wissen auch, dass eklatant mehr Leute in den Künsten ausgebildet werden, als am Ende davon werden leben können. Das macht aus Mitstreitern von Beginn an Konkurrenten auf der Jagd nach der möglichst renommierten Referenz und dem Erfolgs-Lebenslauf - der Regisseur Dominik Graf spricht von einer "Nadelöhr-Situation", die den Nachwuchs erpressbar und schneller zu Kompromissen bereit macht. An einer Schauspielschule schaut das dann zum Beispiel so aus, dass es keinen interessiert, was man wie macht und warum, sondern nur, wer es macht und wo - je prominenter der Name des Regisseurs und des Ortes, desto besser. Charlotte Kraft beschreibt im "Perlentaucher" den Open Mike Wettbewerb sinngemäß als "traumhafte Verheißung", da er "eine exklusive Abkürzung in den Literaturbetrieb (sic!)" darstelle. Im besten Fall komme man so zu "Preisen, Aufmerksamkeit, Geld und Ruhm".

Für viele stellt sich das Problem ohnehin nicht. Nach einigen Seminaren und Workshops an Hochschulen traue ich mich zu sagen: Der Ehrgeiz der Mehrheit des künstlerischen Nachwuchses zielt nicht auf die Kunst, sondern zum Beispiel auf die Eigentumswohnung, in der man es sich mit seinem MacBook und einem Latte Macchiato am Schreibtisch gemütlich machen kann. Die heimlichen, unaussprechlichen Idole heißen dabei eben nicht James Joyce oder Gertrude Stein, sondern Mutti und Vati beziehungsweise der konsum- und mainstreamintensive Wohlstand, in dem die meisten aufgewachsen sind. Die Generation ihrer Eltern lebt dabei konsequent vor, wie man sich mit den Verhältnissen arrangiert und es sich dabei so bequem wie möglich macht.

Das trifft sich wiederum mit der Mehrheit des heutigen Publikums, das beim Gedanken an die nächste Handtasche und das nächste Smartphone nicht von irgendwelchen unangenehmen und komplizierten Sachverhalten gestört werden will und sowieso nicht auf Kunst an sich steht, sondern nur auf solche, die Erfolg hat oder Erfolg verspricht.

Ruben Zumstrull bringt folgerichtig die Lehre, die er dem Hildesheimer Studiengang "Kreatives Schreiben"  entnommen hat, in der Zeit auf den Punkt: "Lieber ein vorsichtiges Projekt fehlerlos umsetzen, als sich beim Versuch, etwas Gewaltiges zu schaffen, eine Ungereimtheit zu erlauben."

Literaturinstitute wie Leipzig und Hildesheim sind - nicht anders als Kulturredaktionen oder Schauspielschulen - ohnehin keine Brutstätten des Neuen und "Unerhörten", sie stellen eher eine Art "TÜV" dar, der seine AbsolventInnen für den Betrieb und seine Spielregeln fit macht. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Das Seltsame ist, dass die KritikerInnen der "Schreibschul-Hegemonie" sich darüber völlig im Klaren sind - kein Wunder, die LiteraturredakteurInnen und LektorInnen stehen in ständigem Austausch mit den DozentInnen aus Leipzig und Hildesheim, unterrichten dort manchmal sogar selbst. Warum sie trotzdem immer wieder über den so ausgebildeten Nachwuchs jammern? Christiane Kiesow drängt sich im Perlentaucher der Eindruck auf, "dass die Kritik am literarischen Nachwuchs oft eher eine Generationskritik ist". Meiner Generation gelingt es tatsächlich perfekt, aktuelle Problemlagen - Klimawandel, Finanzkrise, Flüchtlingskrise, unsichere Renten, Konsumwahn und so weiter -, für die sie entscheidend verantwortlich ist, auf die sogenannte "Generation Y" abzuwälzen und geradezu besessen auf ihr herumzuhacken.

[...] Dennoch gibt es keinen Grund zu verzweifeln, da es schlussendlich immer auf Einzelne ankommt und was sie aus den Möglichkeiten machen, die sie vorfinden: Als Rainald Goetz' Roman "Johann Holtrop" sich nicht auf der Long List des Deutschen Buchpreises fand, weil viele es nicht goutierten, wie er darin die Bertelsmannsippe mit hohem Wiedererkennungswert vorführte, war es der Kritiker Ijoma Mangold, der Goetz in der Zeit ausführlich Gelegenheit gab, sein künstlerisches Anliegen darzulegen.

Peter Truschner


Aus: "Essay - Das Hirngespinst" Peter Truschner (22.11.2016)
Quelle: https://www.perlentaucher.de/essay/das-hirngespinst.html

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« Last Edit: September 22, 2022, 12:47:51 PM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #1331 on: September 22, 2022, 06:50:04 PM »

Quote
[...] Berlin Dieser Fund wirft Fragen auf: In einem Bankschließfach des früheren SPD-Bundestagsabgeordneten Johannes Kahrs sollen 214.800 Euro in bar gelegen haben. So berichtet es die „Bild“-Zeitung.

Die Staatsanwaltschaft Köln äußerte sich auf Anfrage des Handelsblatts nicht konkret zu dem brisanten Vorgang. Die Ermittler teilten jedoch mit, dass „gegen drei Beschuldigte am 28.09.2021 mit Durchsuchungsbeschlüssen des Amtsgerichts Köln“ vorgegangen worden sei.

Das Geld fanden sie bei einer Durchsuchung, die in Zusammenhang mit illegalen Cum-Ex-Geschäften steht. So bezeichnen Finanzexperten Aktiendeals, bei denen die mehrfache Rückerstattung von Kapitalertragsteuern beantragt wird, die jedoch nur einmal gezahlt wurden. Die Ermittler durchsuchten Kahrs“ Privatwohnung und fanden darin Papiere, die auf ein Schließfach hinwiesen.

Die Staatsanwaltschaft griff daraufhin offenbar auf ein Konto von Kahrs bei der Hamburger Sparkasse zu und durchsuchte das Schließfach. Auch der NDR berichtet, dass sich darin 214.800 Euro und 2400 US-Dollar befunden hätten.

Ob das Bargeld mit den Cum-Ex-Geschäften zusammenhängt, ist aber vollkommen unklar. Es wurde durch die Ermittler auch nicht sichergestellt. Kahrs selbst hat auf eine Anfrage nicht reagiert.

Was hat es mit der Herkunft des Geldes auf sich? Offenbar gibt es Indizien dafür, dass es mit der Cum-Ex-Affäre um die Hamburger Warburg Bank in Verbindung steht. Es könnte eine Gegenleistung für den mutmaßlichen Einsatz von Kahrs sein, die Bank vor einer Steuerrückzahlung in Millionenhöhe zu bewahren.

Das ist bislang noch völlig ungesichert. Der Anfangsverdacht der Begünstigung zur Steuerhinterziehung wird deshalb geprüft. Im Zentrum des Vorgangs geht es um die Frage, warum die Finanzbehörden der Hansestadt 2016 zunächst darauf verzichtet haben, aus illegalen Cum-Ex-Geschäften einbehaltene Steuermillionen von der Bank des Unternehmers Christian Olearius zurückzufordern. Der Banker soll sich damals nach einer Razzia bei seiner Bank unter anderem an Kahrs gewandt und um Hilfe ersucht haben. Diese sei ihm auch zugesagt worden.

Der Warburg-Skandal ist auch deshalb heikel, weil Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zu diesem Zeitpunkt Erster Bürgermeister Hamburgs war – und Kahrs nicht nur sein Parteifreund, sondern auch ein Vertrauter war. Mindestens ein Treffen zwischen Scholz und Olearius ist belegt.

Der Bundeskanzler bestreitet jede Einflussnahme auf die zunächst nicht eingeforderte Steuerrückzahlung von insgesamt rund 90 Millionen Euro. An die Inhalte der Gespräche mit den Warburg Bankern kann er sich nach eigenen Angaben nicht richtig erinnern.

Von einer möglichen größeren Bargeld-Summe im Besitz von Johannes Kahrs wusste Scholz auch nichts. Das könne er ausschließen, sagte Regierungssprecher Steffen Hebestreit am Montag in Berlin.

Scholz werde sich Ende kommender Woche erneut den Fragen des Untersuchungsausschusses zum sogenannten Cum-Ex-Skandal um die Hamburger Warburg-Bank stellen. „Auch dort wird alles, was sachdienlich zu sagen ist, behandelt werden“, sagte Hebestreit.

Fragen dürfte es dann auch zu einer Durchsuchung der E-Mails, Kalendereinträge und Anhänge von Scholz geben, die seit dem 1. Januar 2015 eingegangen waren. Das berichtet das „Hamburger Abendblatt“ am Montag und beruft sich auf Unterlagen, die Mitgliedern des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses in Hamburg vorliegen. Der Sprecher der Bundesregierung sagte dazu, ihm sei von der Durchsuchung der Scholz-Mails nichts bekannt.

Der Parlamentarische Untersuchungsausschuss geht der Frage nach, ob politischer Einfluss geltend gemacht wurde, damit die Hamburger Finanzverwaltung 47 Millionen Euro hinterzogenes Steuergeld nicht von der Warburg Bank zurückfordert.

Vonseiten der Opposition mehren sich die Forderungen nach einer schnellen und lückenlosen Aufklärung der Sache. Sollte Kahrs die Herkunft des Geldes nicht erklären, sondern schweigen, liege der Verdacht nahe, dass diese Summe mit dem Skandal zu tun habe, sagte der ehemalige Bundestagsabgeordnete der Linken, Fabio De Masi, am Montag dem Deutschlandfunk. Dann wäre dies auch ein Problem für Bundeskanzler Scholz, der damals Erster Bürgermeister von Hamburg war.

De Masi betonte, Hauptaufgabe von Kahrs sei es gewesen, die Treffen zwischen Scholz und Vertretern der Privatbank zu arrangieren. Scholz soll nächste Woche im Untersuchungsausschuss der Hamburger Bürgerschaft zur Cum-Ex-Affäre aussagen.

CDU-Generalsekretär Mario Czaja kritisierte, dass Olaf Scholz freiwillig nichts zur Aufklärung des Kahrs-Skandals und seiner Verstrickungen in die Cum-Ex-Geschäfte beitragen wird. „Seine Aussage vor dem Untersuchungsausschuss in Hamburg wird vermutlich wie in der Vergangenheit große Erinnerungslücken und blankes Nichtswissen beim Kanzler offenbaren“, sagte Czaja dem Handelsblatt.

Doch nicht nur diese mangelnde Gewissenhaftigkeit für einen Regierungschef sei erschreckend. „Vor allem sollte uns alle mit Sorgen erfüllen, dass der Kanzler in den kommenden Wochen mehr mit sich, seiner Partei und seinen lieben Genossen beschäftigt sein wird als mit den Geschicken unseres Landes in einer historisch zugespitzten Situation“, sagte der CDU-Generalsekretär.

Am Dienstag forderte die Opposition, den Untersuchungsauftrag des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses in der Hamburgischen Bürgerschaft auszuweiten. „Es verdichten sich die Hinweise, dass die „Nachlässigkeit“ der Finanzverwaltung unter der Verantwortung des damaligen Finanzsenators Peter Tschentscher nicht nur Cum-Ex-, sondern auch Cum-Cum-Geschäfte und andere missbräuchliche Aktientransaktionen umfasste“, sagte Fraktionschef Dennis Thering. Zudem sei davon auszugehen, dass weitere Hamburger Kreditinstitute beteiligt seien, insbesondere die frühere HSH Nordbank und heutige Hamburger Commercial Bank.

Der 58-jährige  Kahrs hatte 2020 alle politischen Ämter niedergelegt, nachdem er im parteiinternen Rennen gegen Eva Högl um das Amt des Wehrbeauftragten den Kürzeren gezogen hatte.


Aus: "Scholz-Emails durchsucht: Kanzler gerät in Hamburger Steueraffäre unter Druck" Thomas Sigmund (08.08.2022)
Quelle: https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/cum-ex-affaere-scholz-emails-durchsucht-kanzler-geraet-in-hamburger-steueraffaere-unter-druck/28582532.html

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[...] Die Thüringer Generalstaatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren gegen den ehemaligen CDU-Bundestagsabgeordneten Mark Hauptmann eingestellt. Es gebe keinen für eine Anklageerhebung notwendigen hinreichenden Tatverdacht wegen Bestechlichkeit von Mandatsträgern im Zusammenhang mit Maskengeschäften, teilte die Ermittlungsbehörde am Donnerstag in Jena mit.

Auch der vom Thüringer Oberlandesgericht angeordnete Vermögensarrest in Höhe von 997.000 Euro mit dem Ziel, unrechtmäßig erworbenes Geld zu sichern, wurde aufgehoben.

Die Generalstaatsanwaltschaft sieht demnach wegen eines vorangegangenen Beschlusses des Bundesgerichtshofs (BGH) in einem ähnlichen Fall keine rechtliche Handhabe gegen Hauptmann, obwohl sich der Verdacht gegen ihn erhärtet habe.

Seit März vergangenen Jahres lief ein Ermittlungsverfahren gegen den CDU-Politiker. Wohnräume von Hauptmann, sein Bundestagsbüro und mehrere CDU-Kreisgeschäftsstellen in Südthüringen wurden durchsucht. Die Ermittler sahen damals „greifbare tatsächliche Anhaltspunkte“, dass der Abgeordnete im Zusammenhang mit der Vermittlung von Maskengeschäften von einer Firma Provisionszahlungen eingefordert habe.

Über eine von ihm gegründete Gesellschaft soll er laut damaligem Verdacht für seine Vermittlungstätigkeit einen hohen sechsstelligen Eurobetrag in Rechnung gestellt haben, der von der Firma auch geflossen sein soll. Ein weiterer Gegenstand des Verfahrens war das mutmaßliche Engagement Hauptmanns für die Interessen Aserbaidschans, Vietnams und Taiwans. Dabei ging es um kostenpflichtige Anzeigen in dem vom CDU-Politiker herausgegebenen „Südthüringen Kurier“.

Zwar konnte der ursprüngliche Verdacht gegen Hauptmann, umfangreich bei der Vermittlung von Masken gegenüber Behörden und Gesundheitseinrichtungen unter Ausnutzung seines Bundestagsmandats tätig geworden zu sein, erhärtet werden, wie die Generalstaatsanwaltschaft erklärte. Jedoch sah sich die Ermittlungsbehörde „aus rechtlichen Gründen an der Anklageerhebung gehindert“.

Hintergrund ist demnach ein BGH-Beschluss vom Juli in einem vergleichbaren Verfahren der Generalstaatsanwaltschaft München um die Maskengeschäfte des ehemaligen CSU-Bundestagsabgeordneten Georg Nüßlein und des bayerischen CSU-Landtagsabgeordneten Alfred Sauter. Der BGH sieht im Verhalten der beiden in der CSU-Maskenaffäre keine strafbare Bestechlichkeit.

https://www.tagesspiegel.de/politik/nusslein-und-sauter-bekommen-geld-aus-maskengeschaften-zuruck-5413393.html

Dem Urteil zufolge nahmen sie im Sinn des Strafgesetzes nicht ihr Abgeordnetenmandat wahr, als sie gegen eine Gewinnbeteiligung Maskenverkäufe vermittelten. Diese Wahrnehmung des Mandats umfasse die Arbeit im Parlament, also im Plenum oder in parlamentarischen Gremien.

An diese Rechtsauffassung sieht sich nun auch die Thüringer Generalstaatsanwaltschaft gebunden. Ein Nachweis, dass der CDU-Politiker Hauptmann bei der Vermittlung von Maskengeschäften gerade auch im parlamentarischen Bereich tätig werden sollte, konnte demnach „nicht hinreichend sicher erbracht werden“. Gleiches gelte auch für den Vorwurf des Engagements für die drei genannten Staaten.

Hauptmann hatte nach den Vorwürfen sein CDU-Bundestagsmandat niedergelegt. In seinem Südthüringer Wahlkreis trat anschließend der von der CDU nominierte ehemalige Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen bei der Bundestagswahl an, was bundesweit für Schlagzeilen sorgte. Maaßen scheiterte allerdings. (AFP)


Aus: "Ermittlungen in Maskenaffäre eingestellt: Ehemaliger CDU-Abgeordneter Hauptmann darf 997.000 Euro behalten" (22.09.2022)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/maskenaffare-ermittlungen-gegen-cdu-abgeordneten-hauptmann-eingestellt-8672425.html

Quote
Paul_Kalbautzke
22.09.22 14:50
Dann wissen wir jetzt also, dass die 997.000 Euro für die Dienstleistung, die der CDU Politiker erbracht hat, ehrlich verdient waren.
.
Mich würde allerdings doch noch interessieren, wie lange der Politiker für die 997.000 Euro gearbeitet hat und worin seine Qualifikation dabei bestand.


Quote
herjeh
22.09.22 14:32

Mitarbeiter in einer Kantine, oder eine Krankenschwester, die ein übrig gebliebenes Brötchen zu sich nehmen, werden entlassen.


Quote
TuniFynn
22.09.22 16:45
@JeanLuc7 am 22.09.22 16:33

    Unmoralisches Verhalten ist nicht strafbar - und gerade bei den Abgeordneten wurde die Strafbarkeit so eng gefasst, dass weder Hauptmann noch seine CSU-Kollegen belangt werden können, obwohl jeder weiß, dass sie sich die Hände schmutzig gemacht haben.

Siehe im Vergleich dazu das Spektakel um die 750.- € nicht bezahlte Strafe für 3 Mal Schwarzfahren eines Syrers und die Gewalt-Eskalation im Zusammenhang mit dem Besuch der Polizei. Ich möchte nicht urteilen, da ich letztlich nichts Konkretes weiß. Nur eines: Der Syrer musste 750.- € rausrücken, wobei durchaus zu vermuten ist, dass er diesen Betrag für die Existenz seiner Familie benötigte. Dies spielte keine Rolle, da er das Recht gebrochen hatte. Ein Hauptmann, ungleich kriminellerer Energie, darf knapp 1 Mio. Euro behalten...
Man muss sich nur einmal die Relationen vor Augen führen.
https://www.tagesspiegel.de/berlin/das-ist-mein-land-du-bist-hier-gast-berliner-polizist-beleidigt-familie-in-eigener-wohnung-rassistisch-8643700.html


Quote
Rembrandt66
22.09.22 13:38

Ich finde dieses Ende des Verfahrens unbefriedigend. Dennoch halte ich es für wichtig, dass Hauptmann kein Mandat mehr hat und nach dieser Nummer auch wohl eher nicht mehr gewählt werden dürfte.


Quote
Pat7
22.09.22 15:07

@Rembrandt66 am 22.09.22 13:38
Die knappe Million Euro sind ein hervorragendes Trostpflaster.


Quote
beimertown
22.09.22 12:57

Dem Urteil zufolge nahmen sie im Sinn des Strafgesetzes nicht ihr Abgeordnetenmandat wahr, als sie gegen eine Gewinnbeteiligung Maskenverkäufe vermittelten.

Wenn dem so sein sollte, kann ich hier nur für die Einführung eines Compliance Beauftragten mit entsprechenden Befugnissen votieren. Ist in jedem größeren Unternehmen üblich. Verstoß gegen die Regularien hat in der freien Wirtschaft im Regelfall eine fristlose Kündigung zur Folge.


...
« Last Edit: September 22, 2022, 06:56:52 PM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #1332 on: September 27, 2022, 04:10:42 PM »

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[...] Der Wohnungsriese Vonovia will Mieter notfalls kündigen, die über Monate ihren Zahlungsverpflichtungen etwa für die stark gestiegenen Nebenkosten nicht nachkommen. „Letzter Ausweg: Versendung der Räumungsaufforderung“, heißt es in Dokumenten zu einem Investorentag, die Vonovia am Dienstag vorlegte.

Vonovia-Chef Rolf Buch betonte indes, dass Mieter, die im Falle einer finanziellen Schieflage auf den Konzern zugehen, in ihren Wohnungen bleiben könnten. „Wenn ein Mieter Probleme hat und mit uns in Kontakt tritt, finden wir eine Lösung“, sagte Buch Reuters. „Er wird nicht gekündigt“, versprach der Vonovia-Chef. „Nur bei Mietern, die absolut nicht mit uns reden wollen, sieht es anders aus.“

„Wir haben kein Interesse daran, dass Menschen ihre Wohnung verlieren“, unterstrich Buch. Vonovia habe „das diskutierte Kündigungsmoratorium von Anfang an unterstützt“. In den Dokumenten für den Investoren-Tag beschrieb der Konzern detailliert sein Vorgehen im Fall ausbleibender Zahlungen.

Vonovia gehe nach einem Stufen-Modell vor. Der Konzern trete mit Mietern in Kontakt, um die Gründe für Zahlungs-Versäumnisse zu erfahren, hieß es dort weiter. Könne der Mieter etwa Hilfen vom Staat erhalten, informiere ihn Vonovia, wie er an diese kommen könne, damit die öffentliche Hand den Mieter unterstütze. Komme der Mieter trotz eines Angebots individueller Lösungen durch Vonovia weiter seinen Verpflichtungen nicht nach, lasse der Konzern ihm eine formelle Zahlungsaufforderung zukommen.

Summierten sich die Rückstände dann auf den Wert von zwei Monatsmieten, könne es notfalls in einem letzten Schritt zur Räumungsklage kommen. Danach könne die betroffene Wohnung neu vermietet werden.

Durch die anziehenden Gas-Preise können die Nebenkosten-Abrechnungen für Mieter sprunghaft steigen. Rund 55 Prozent der Heizungen in Vonovia-Beständen werden nach früheren Angaben des Konzerns mit Gas versorgt. Vonovia hatte angekündigt, nachts Heizungsleistungen zu reduzieren, um Gas zu sparen. Auch Vorauszahlungen werden erhöht, um ein Polster zu bilden. Der Bochumer Konzern besitzt rund 490.000 Wohnungen in der Bundesrepublik.

Vonovia selbst kämpft mit den Folgen der galoppierenden Inflation - denn Zinsen und auch Baukosten ziehen deutlich an. Buch will deshalb Investoren an Bord holen. Für Wohnungsbestände in Schweden und Baden-Württemberg sucht Buch bereits Partner.

Vonovia werde bald in Gespräche mit Investoren eintreten, entsprechende Informationsschreiben seien schon an Interessenten verschickt worden, hieß es in den Dokumenten für den Investoren-Tag.

Zudem bereite das Management Immobilien-Pakete zum Verkauf vor. Auch bei den Pflege-Immobilien, die die Tochter Deutsche Wohnen zur Disposition gestellt hat, sollen Gespräche mit Investoren über einen Verkauf rasch beginnen, hieß es weiter. Die Deutsche Wohnen besitzt nach eigenen Angaben insgesamt 72 solcher Einrichtungen für Senioren in mehreren Bundesländern. Vonovia stehe bei den Verkaufsplänen aber nicht unter Druck und werde Immobilien-Pakete nicht zu Schleuderpreisen abgeben.

Der über die Jahre durch milliardenschwere Zukäufe gewachsene Bochumer Immobilienriese hatte angekündigt, nun Investoren für Gemeinschaftsunternehmen mit ins Boot holen zu wollen. Er strebt Gemeinschaftsprojekte etwa mit Pensionsfonds an. Die Bochumer wollen sich zudem über die Jahre von Wohnungen und Einfamilienhäusern im Volumen von rund 13 Milliarden Euro trennen. „In Zeiten höherer Zinsen ist es sinnvoll, Schulden zu reduzieren“, hatte Vonovia-Chef Buch den Kurs begründet. (Reuters)


Aus: "Stark gestiegene Nebenkosten: Vonovia will Mieter mit Zahlungsrückständen notfalls kündigen" (27.09.2022)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/stark-gestiegene-nebenkosten-vonovia-will-mieter-mit-zahlungsruckstanden-notfalls-kundigen-8688799.html
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« Reply #1333 on: September 27, 2022, 04:19:31 PM »

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[...] Fast 30 Prozent der Beschäftigten in Ostdeutschland bekommen im nächsten Monat eine Gehaltserhöhung. Besonders viele sind es im thüringischen Sonneberg mit 44 Prozent. Das ist der Anteil der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die weniger als zwölf Euro in der Stunde verdienen und deshalb von der Erhöhung des Mindestlohns von aktuell 10,45 Euro auf zwölf Euro profitieren. Einer neuen Studie des Wissenschaftlichen Instituts der gewerkschaftlichen Böckler-Stiftung (WSI) zufolge profitieren im Osten 29,1 Prozent von der Lohnanhebung und im Westen 16,1 Prozent.

In Berlin und Brandenburg kommt der höhere Mindestlohn nach Angaben des DGB 570 000 Beschäftigten zugute, in Berlin beträgt der Anteil an der Gesamtbeschäftigung 17,8 Prozent und in Brandenburg 28,2 Prozent. In Teltow-Fläming erhalten sogar 43,1 Prozent der Beschäftigten mehr Geld von ihrem Arbeitgeber, im Saale-Orla-Kreis sind es 40 Prozent und in Vorpommern-Rügen immerhin 39 Prozent. Am anderen Ende der Skala liegen die „reichen“ Städte und Gemeinden im Westen mit viel Industrie. Die fünf Kreise, in denen die Bruttostundenlöhne eher selten unter zwölf Euro liegen, finden sich mit Ausnahme der VW- Stadt Wolfsburg (7,9 Prozent) alle in Süddeutschland: Erlangen (8,1 Prozent), der Landkreis München (9,7 Prozent), Stuttgart (10,3 Prozent) und schließlich Darmstadt mit 10,9 Prozent.

Als der gesetzliche Mindestlohn 2015 eingeführt wurde, damals bei 8,50 Euro, waren knapp vier Millionen Beschäftigungsverhältnisse betroffen. Von dem Sprung auf zwölf Euro profitieren dagegen jetzt nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) rund acht Millionen Erwerbstätige, da sie derzeit weniger als zwölf Euro verdienen.

Das WSI der Böckler-Stiftung kommt dagegen nur auf 6,6 Millionen Beschäftigte auf Grundlage der Daten des Sozioökonomischen Panels des DIW. Eine Erklärung für die Differenz könnte sein, dass das Panel die Zahl der geringfügig entlohnten Beschäftigten (450-Euro-Minijobber), die in hohem Maße von Niedriglöhnen betroffen und überwiegend im Westen zu finden sind, unterschätzt. Die 6,6 Millionen seien deshalb vermutlich zu gering angesetzt, meinen die WSI-Autoren.

Fakt ist: Von dem Sprung auf zwölf Euro profitieren mindestens zwei Millionen Beschäftigte mehr als seinerzeit bei der Einführung des Mindestlohns von 8,50 Euro. Trotzdem gibt es in diesem Herbst keine Horrorszenarien von Arbeitgebervertretern und Ökonomen über den Verlust Hunderttausender Arbeitsplätze. „Eine Prognose über die Beschäftigungswirkung der geplanten Mindestlohnerhöhung stellt sich aus heutiger Sicht als sehr schwierig dar“, schreibt das zur Bundesagentur für Arbeit gehörende IAB. Aus den Erfahrungen der bisherigen Mindestlohnerhöhungen lasse sich indes „vorsichtig schlussfolgern, dass der Mindestlohn moderat über die bisherige Höhe hinaus angehoben werden kann, ohne dass ein wesentlicher Beschäftigungseinbruch zu erwarten wäre“.

Die Mannheimer Ökonomen Tom Krebs und Moritz Drechsel-Grau haben im Auftrag der Böckler-Stiftung nur positive Wirkungen berechnet und befürchten negative Beschäftigungseffekte erst bei einem Sprung auf mindestens 13 Euro. Die zwölf Euro jedoch kosten Krebs und Drechsel-Grau zufolge zumindest langfristig keine Arbeitsplätze, sondern induzieren einen Anstieg der Produktivität (plus 1,0 Prozent), eine Steigerung der gesamtwirtschaftlichen Produktion (1,5 Prozent) und Mehreinnahmen der öffentlichen Hand von 20 Milliarden Euro pro Jahr (Steuern und Sozialabgaben). Außerdem reduziere die Erhöhung des Mindestlohns die Zahl der erwerbstätigen Arbeitslosengeld-II-Empfänger (Aufstocker) und mithin die Sozialausgaben. Die Studie der Mannheimer liegt indes ein Jahr zurück - damals waren weder Krieg noch Rezession absehbar.

2022 blieben die zumeist alle zwei Jahre erfolgten Erhöhungen des Mindestlohns hinter der allgemeinen Lohnentwicklung zurück. Für 2021 und 2022 hatte sich die Mindestlohnkommission, die sich paritätisch aus Arbeitgebern und Gewerkschaftern zusammensetzt, im Sommer 2020 auf vier Erhöhungen verständigt. Zum 1.1.2021 ging es hoch auf 9,50 Euro und dann in drei weiteren Schritten bis auf 10,45 Euro im Juli dieses Jahres. Die Arbeitgeber hatten sich in der Kommission auf die überplanmäßigen Erhöhungen in der Hoffnung eingelassen, das Thema Mindestlohn damit aus dem Bundestagswahlkampf heraushalten zu können. Das war ein teurer Irrtum [https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/arbeitgeber-hadern-mit-hoherem-mindestlohn-4305787.html].

„Durch die Mindestlohnanhebungen im Jahr 2022 entkoppelt sich der Mindestlohn spürbar von der allgemeinen Tariflohndynamik. Allein im Jahr 2022 ergeben sich Steigerungen von 22,2 Prozent“, klagt das arbeitgebernahe Institut der Wirtschaft (IW) in einer Stellungnahme für den Bundestag. Verhindern konnten die Arbeitgeber den Sprung auf zwölf Euro nicht, da diese Kernforderung des SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz im Koalitionsvertrag landetet und dann vom Arbeitsminister umgesetzt wurde.

Die Wirkungen der Mindestlohnerhöhung konzentrieren sich auf arbeitsintensive Dienstleistungssektoren wie Gastronomie, Logistik oder personennahe Dienstleistungen, fährt das IW fort. „In Westdeutschland wäre ein Mindestlohn von zwölf Euro eher zu verkraften als in Ostdeutschland“, weil im Westen die Arbeitsproduktivität höher ist als im Osten.

„Unter den sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen sind das Gastgewerbe und die Landwirtschaft von der Mindestlohnerhöhung mit etwa 50 Prozent mit Abstand am stärksten betroffen", ergänzt das IAB. Der Mindestlohn von zwölf Euro flankiert dabei einen Trend nach oben: Nur mit höheren Löhnen hat etwa das Gastgewerbe eine Chance, noch ausreichend Arbeitskräfte zu bekommen. Zum Beispiel Bayern: Im vergangenen März kam es im bayerischen Hotel- und Gaststättengewerbe zu einem Tarifabschluss, der für die unterste Entgeltgruppe eine stufenweise Erhöhung um insgesamt 27 Prozent auf 12,65 Euro bis April 2023 vorsieht.



Aus: "Gehaltserhöhung für Millionen: Der Mindestlohn steigt auf zwölf Euro" Alfons Frese (27.09.2022)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gehaltserhohung-fur-millionen-der-mindestlohn-steigt-auf-zwolf-euro-8689405.html
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« Reply #1334 on: September 28, 2022, 11:31:02 AM »

Quote
[...] Mehr als eine Million Menschen in Deutschland versorgen sich nach einer Umfrage auch an Tafeln mit Lebensmitteln. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) bezifferte die Zahl auf knapp 1,1 Millionen und bezog sich auf eine Umfrage aus dem Jahr 2020. Derzeit gehen die Tafeln selbst aber von deutlich höheren Zahlen aus.

"Die Lage ist bei allen Tafeln extrem angespannt", sagte eine Sprecherin des Dachverbands Tafel Deutschland. Hintergrund sind der Krieg in der Ukraine und steigende Preise. "Es kommen auch mehr Menschen, die einen Job haben." Die bundesweit rund 960 Tafeln verteilen an Bedürftige Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden können. Der Dachverband spricht inzwischen von deutlich mehr als zwei Millionen Kundinnen und Kunden, mehr als je zuvor.

Das DIW hat die Teilnehmer seiner Umfrage-Serie Sozio-oekonomisches Panel 2020 gefragt, ob aus ihrem Haushalt im Vorjahr jemand bei einer Tafel war. Es kommt so auf knapp 1,1 Millionen Menschen, die von den Angeboten profitierten. "Natürlich wirkt sich auch die derzeit hohe Inflation auf die TafelbesucherInnen aus", erklärte DIW-Forscher Markus Grabka zur aktuellen Lage. Hohe Energie-Vorauszahlungen führten auch Menschen mit nicht ganz geringem Einkommen in die Einrichtungen. Hinzu kämen viele Flüchtlinge aus der Ukraine.

Gleichzeitig werde die Versorgung schwierig, weil die Lebensmittelgeschäfte weniger Lebensmittel verschwenden, die sonst an die Tafeln gegangen wären. Beispiele sind Angebote mit "geretteten Lebensmitteln" im Ladenregal.

Nach Angaben der Tafeln sind die Besucherzahlen seit Jahresbeginn bundesweit etwa um die Hälfte gestiegen. In Berlin, wo auch viele ukrainische Flüchtlinge zuerst eintreffen, ist es noch mehr. Anfang des Jahres kamen pro Monat noch etwa 40.000 Menschen zu den 47 Berliner Tafeln, nun sind es deutlich über 70.000, wie Leiterin Antje Trölsch sagte. Viele davon seien vor dem Krieg aus der Ukraine geflüchtet. Hinzu kämen Deutsche, die die starken Preissteigerungen nicht mehr verkraften. "Leute, die es vorher irgendwie geschafft haben, kommen jetzt auch zu uns."

Drei Viertel der Menschen, die Tafeln 2019 nutzten, lebten von Grundsicherung, wie das DIW herausfand. Viele seien von Armut bedroht und gesundheitlich beeinträchtigt. Besonders häufig nutzen Alleinerziehende und Paare mit Kindern die Tafeln. Ein Viertel der Menschen, die von den Tafeln profitierten, seien Kinder. Pro Monat und Kopf gaben Tafelnutzer laut DIW etwa 210 Euro für Lebensmittel aus - 30 Euro weniger als Nicht-Tafelbesucher. Gemessen am Nettoeinkommen war es jedoch nahezu doppelt so viel. Tafeln würden also vor allem genutzt, um unzureichendes Einkommen zu kompensieren, folgern die Forscher.

Und das Einkommen reiche wegen der steigenden Preise bei immer weniger Menschen, heißt es bei den Tafeln. "Wir schicken jede Woche Leute nach Hause", berichtete kürzlich die Potsdamer Einrichtung angesichts des gestiegenen Andrangs. Bundesweit hat laut Dachverband bis zum Sommer jede dritte Tafel einen Aufnahmestopp eingeführt, weil Lebensmittel oder Helfer fehlten.

 Berlin konnte einen Aufnahmestopp bislang verhindern. Dort sind zusätzliche Ausgabestellen eröffnet worden, wo Menschen sich Lebensmitteltüten abholen können. Ehrenamtliche Helfer würden aber gebraucht. "Wir suchen immer Menschen, die uns unterstützen - beim Fahren der Touren, beim Tütenpacken und beim Verteilen", sagte Trölsch.

Tafeln könnten staatliche Armutsbekämpfung nicht ersetzen, meint DIW-Forscher Jürgen Schupp. "Dass vor allem Familien Tafeln nutzen müssen, wirft kein gutes Licht auf die soziale Absicherung von Kindern", so Schupp. "Die Ampelkoalition muss jetzt zügig die Kindergrundsicherung auf den Weg bringen."

Quelle: ntv.de, vmi/dpa


Aus: "Vielerorts Aufnahmestopp Ansturm auf Tafeln steigt drastisch" (28.09.2022)
Quelle: https://www.n-tv.de/wirtschaft/Ansturm-auf-Tafeln-steigt-drastisch-article23615962.html
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« Reply #1335 on: September 28, 2022, 12:22:48 PM »

"Inflation: Die Zahl der Bedürftigen bei den Tafeln steigt" (28. September 2022)
... Weil die Preise besonders für Lebensmittel stark steigen, sind immer mehr Menschen auf die Unterstützung der Tafeln angewiesen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW)  geht davon aus, dass sich knapp 1,1 Millionen Menschen mit Lebensmitteln von der Tafel versorgen. Die Tafeln selbst schätzen die Zahl sogar noch deutlich höher: Der Dachverband spricht inzwischen von deutlich mehr als zwei Millionen Kundinnen und Kunden, mehr als je zuvor. Nach eigenen Angaben sind die Besucherzahlen seit Jahresbeginn bundesweit etwa um die Hälfte gestiegen. ...
https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2022-09/tafeln-inflation-lebensmittel-armut

Quote
there-is-no-free-lunch #19

98 Prozent kommen ohne Tafel aus.
Das ist eine super Quote.


Quote
Tatamei #19.1

Nur um die geht es in diesem Artikel nicht.


Quote
Der Mann aus der Oberpfalz #21

Armut ist wirklich ein Problem, gerade jetzt in Zeiten der Inflation. Wer kann etwas dagegen tun? Der Staat sicher nicht, der steht ohnehin schon mit dem Rücken zur Wand, auch wenn unsere Regierung immer wieder neue Hilfs- und Rettungsprogramme ankündigt. Das ist nur ein letztes Aufbäumen, wirklich zielführende Reformen (Steuersenkungen und Bürokratieabbau) sind nicht in Sicht.
Und die Tafeln? Die tun als gemeinnütziger Verein sowieso alles was möglich ist, um Armut zu lindern. Aber deren Mittel sind begrenzt, und neue Sponsoren werden sich in Zeiten wie diesen kaum finden. Bleibt nur noch eines. Bei weitem nicht alle von Armut Betroffenen sind unverschuldet in diese Situation gerutscht. Wenn all diejenigen, die arbeiten könnten, das auch machen würden, wäre schon ganz viel geholfen. Oder wie es im Buch Amos steht: Das Fest der Faulenzer ist vorbei.


Quote
Biagobaer #21.5

Ich verrate Ihnen etwas- viele die die Tafel nutzen arbeiten oder sind Rentner.

Deutschland hat den größten Niedriglohnsektor Europas.
Und unsere tollen " Leistungsträger" profitieren eben auch von der Ausbeutung der Niedriglöhner.
Es ist unverschämt so zu tun als seien die schlecht bezahlten Leute selber Schuld.
Diese Ausbeutung ist es, die anderen die " wohlverdienten" Urlaube mitfinanziert.
Denn würde man die Menschen ordentlich einstellen und ordentlich bezahlen, dann würden gerade die wohlhabenden Schnappatmung bekommen.Die guten " Leistungsträger", die so gerne auf die armen herab sehen und es okay finden wenn Rentner Flaschen sammeln gehen.

Ich ertrage diese Heuchelei nicht mehr.


Quote
Tordenskjold #21.4

Hohn und Spott für die Verlierer des Systems. Da sind wir dann bei der „spätrömischen Dekadenz“ des Herrn Westerwelle und bei einem süffisanten „selbst schuld“, wenn Menschen nur mit Hilfe staatlicher Transferzahlungen überleben können. Wer arme Menschen als „Faulenzer“ denunziert, der möge an seinem Sozialdarwinismus ersticken. Oder selbst mal in die unfreiwillige Abhängigkeit von unserem Sozialsystem abrutschen. Vielleicht ist es ja das Pfeifen im Walde, aus eigenen Abstiegsängsten resultiert ein Hass auf jene, die schon sozial angehängt wurden. AfD und FDP danken für Ihre menschenverachtenden Kommentare.


Quote
Sepp Tember #21.7

"Denn würde man die Menschen ordentlich einstellen und ordentlich bezahlen,"

Sie wollen doch jetzt nicht erzählen, dass man von 163 Monatsstunden à 12 Euro = 1956 Euro brutto sich nicht genug zu essen kaufen kann?


Quote
azhiaziam #24

Wir sind 3 Personen, 2 Erwachsene und ein Kind. Sparen müssen wir nicht, genügend Geld und Vermögen vorhanden. Ich hab für die letzten 6 Monate nachgeschaut was wir für den Lebensbedarf ausgegeben haben und auf den Monatsschnitt ausgerechnet: Einkäufe im Supermarkt 604€, Kleidung 213€, Strom 255€, Gaskosten 262€, Elektroartikel, 99€ in der Summe also 1178€/Monat.
Dazu Handy mit 37€/Monat, Telefonanschluß 39€, Versicherungen 103€ ergibt monatliche Ausgaben bei uns von 1357€
Wir sind Vermögensmillionäre und haben weder beim Einkauf noch bei den Ausgaben gespart, andere Ausgaben z.b. für Luxusartikel, Krankenversicherung usw hab ich hier mal weg gelassen.
Als Harz 4 Familie würden uns bei 700€ Miete und 200€ Heizkosten 1774€/Monat zustehen !
Ich frage mich WO das Geld in solchen Haushalten hin fließt wenn ich es als "Millionär" nicht schaffe solche Beträge auszugeben ?
Unsere Heizkosten steigen jetzt auf über 400€/Monat, selbst wenn ich die On Top rechne komme ich nicht auf den Betrag von 1774€/Monat !


Quote
llap #24.4

Rechnen Sie bitte nochmal nach. Ihre Rechnung stimmt weder bei der ALG-II Familie noch bei Ihnen.
Laut Ihren Zahlen hat die ALG-II Familie ohne Miet- und Heizkosten doch nur 874€ zur Verfügung.
Sie würden mit Ihren Ausgaben da nicht hinkommen.


Quote
azhiaziam #24.5

"Sie leben mE relativ sparsam, für Essen und Kleidung benötigen wir in der gleichen Konstellation mehr Geld."

Wir leben überhaupt nicht "sparsam", im Gegenteil, wir kaufen immer worauf wir Lust haben, einzig bei der Kleidung haben wir keine hohen Ansprüche. Unsere Freizeitgestaltung ist etwas anders, die verbringen wir im eigenen Garten, auf der Yacht oder im Wohnmobil, dadurch sind wir auch in der Freizeit Eigenversorger und nehmen unser eigenes Essen mit. Wir müssen also nicht z.b. im öffentlichen Schwimmbad zu Mittag essen.


Quote
azhiaziam #24.8

"Rechnen Sie bitte nochmal nach. Ihre Rechnung stimmt weder bei der ALG-II Familie noch bei Ihnen."

Bei mir waren im Haushaltsbuch die Gaskosten mit drin sowie die Stromkosten die wir tatsächlich haben.

Der ALG Bedarf der Beispielrechnung ist 1993€ bei 219€ Kindergeld,
Abzüglich 700 Miete und 200 Heizkosten verbleiben also 1093€/Monat.

Bei uns wären das dann äquivalent: Supermarkt 604€, Kleidung 213€ Elektroartikel, 99€ = 916€

Dazu Strom der "Normalfamilie" etwa 80€ =996€/Monat

D.h. wir kommen als "Millionäre" mit dem Geld hin, unsere "Luxuskosten" darf ich ja nicht mit einrechnen.



"Und doch scheint es der sparsam lebenden Familie an nichts zu fehlen. Sie klingen zufrieden. Warum klappt das also nicht bei Hartz4 Familien?"

Ich glaube es liegt an einem anderen Faktor !

Je mehr Freizeit jemand hat desto mehr Geld benötigt derjenige. Unser "Luxus" zwingt uns zum Arbeiten ! D.h. ich bin (zusammen mit meiner Frau und dem Kind) eigentlich den ganzen Tag am arbeiten. Pool sauber machen, Reparaturen am Haus, Garten, Yacht, Jetskis, Autos pflegen usw.

Zwischen Arbeit und Freizeit ist also bei uns kein Unterschied sodass wir einfach weniger Zeit zum Geldausgeben haben. Ich vermute dass die Harz 4 Freizeit einfach viel Geld kostet.

Mein Opa hat immer gesagt: "Wer Arbeitet hat keine Zeit zum Geldausgeben !"


Quote
Grünauge #24.12

"Pool sauber machen, Reparaturen am Haus, Garten, Yacht, Jetskis, Autos pflegen usw."

Fällt Ihnen eigentlich gar nichts auf?


Quote
azhiaziam #24.14

"Fällt Ihnen eigentlich gar nichts auf?"

Was soll mir da auffallen? Oder sollten dem Harz 4 Bezieher die Liegeplatzkosten der Yacht übernommen werden ?


Quote
think-different #24.15

@ #24

die gleiche diskussion und thematik gab es kürzlich im freundeskreis. auch das ergebnis war das gleiche, wir könn(t)en alle problemlos und ohne große einschränkungen im täglichen leben von den staatlichen transferleistungen leben.

natürlich mit verzicht auf luxusdinge wie guten rotwein, haushaltshilfe, golfclub oder drittwagen.

bzgl der energiekosten muss man jedoch auch fairerweise sagen, dass die in unseren haushalten üblichen A++ geräte nicht unbedingt in haushalten mit niedrigen einkommen zu finden sind, was letztlich schon ein kostenfaktor ist.


Quote
Tordenskjold #24.22

Das ist Realsatire. ...


Quote
Emil Galotti #26

Natürlich führt die Entwicklung der letzten Monate zu einem Anstieg der Menschen, die in finanzielle Not geraten, mit ungeheurer Wucht hat uns die erste Welle der Preissteigerungen erreicht, noch bevor der Winter überhaupt beginnt. Das Ausmaß der Gesamtbelastung ist aber überhaupt noch nicht absehbar.

Wenn man schon alle „Sparregister“ gezogen hat, bleibt eigentlich nur noch der Verzicht bei der Nahrungsaufnahme als letzte Instanz durch Einsparungen durchzukommen.

Daher ist es verständlich, zur kostenlosen Lebensmittelausgabe zu schreiten, wer freut sich nicht über eine Tüte voller Gratisartikel, auch wenn die Blätter vom Kohlrabi schon ein wenig schlapp erscheinen, und der Joghurt seine Verfallsdatum entgegen eilt.

Hier bei mir in Berlin, gibt es eine Kirche, die ebenfalls Lebensmittel verteilt, allerdings habe ich in vielen Fällen den Verdacht, dass wirklich bedürftige Menschen verdrängt werden, der Missbrauch zunimmt.

Auffällig die Anzahl junger Männer, die auf den Parkbänken sitzend, ein „Wegebier“ verzehren, ihren Kampfhund füttern, eingehüllt von Zigarettenrauch Telefonate führen, und analog zu den berühmten Fußballspielern ihr Territorium durch Speichelabsonderungen markieren.

Auch hier ist leider eine Fehlentwicklung zu verzeichnen, die den wirklich Hilfsbedürftigen arge Konkurrenz macht, welche die eigentlich gute Absicht einer solidarischen Gesellschaft partiell zunichte macht.


Quote
Tatamei #26.2

Vom Missbrauch der Angebote bei der Tafel zu reden lenkt ab vom eigentlichen Problem ...


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Emmigrand #30  —  vor 2 Stunden

Unsere Tafel und die in der nächsten Stadt äctzt unter der Last die durch die hohe Anzahl der ukrainische Kriegsflüchtinge. Daraus habe diese erst einmal die Einkäufe auf 1x pro Woche reduziert, für alle, und dazu noch einen Tag nur für Ukrainer eingerichtet.
So bekommen unsere Bedürftigen weniger, sind gezwungen, normal einzukaufen, was natürlich auf deren Gesamtausgaben auswirkt. Da schon arbeitende Menschen darunter leiden, stellen sie sich vor, wie es einem bedürftigen ergeht. Da sind Kinder überproportional betroffen.

Der Anteil an Migraten soll von 20 auf leicht über 40% angestiegen sein - lt. Statistik.
Die Regierung hat die Kriegsflüchtlinge einfach weitergereicht an einem an sich privaten, gemeinnützigen Verein anstatt sich eine eigenen Lösung zu denken.
Dadurch schmällert sich das Angebot erheblich: eigentlich für 4 Tage soll es reichen, heute gibt es für die letzten kein Brot mehr oder Kühlung, weniger Obst und Gemüse.
Das Problem. die Einlassgruppen sind so groß - etwa 150% mehr - als normal, dei Wartezeiten könne bis zwei Stunden betragen. Und die eigentlich freiwillige Helfer müssen mehr Stunden arbeiten, statt um 13.00 Uhr kann es bis 16.00 Uhr dauern, Abends genauso.

Entsprechend steigt die Agressivität, die Ukrainer sind auch nicht gerade zimperlich und verdrängen andere.
Ja, es ist ein Armutszeugnis für ein Land, das sich regelmäßig auf die Schulter klopfft ob deren Wirtschaftsleistung.


Quote
Ezra de Vayschluys #30.1

Klar. Böse Ukrainer.


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Scholz Papers - Erinnerungslücken #31

Ich selbst habe einen tieferen Einblick in die Arbeit der Tafel in meiner Heimatstadt.

Bis vor ungefähr zwei Jahren ist an einer Ausgabestelle der Tafel jeder Bedürftige noch mit zwei vollen Plastiktüten nachhause gegangen. Seit dem hat es einen deutlichen Wechsel bei Qualität und Quantität der Lebensmittel gegeben. Damals waren immer viele diverse Wurst- und Käsewaren dabei, es gab oftmals mehr an Angebot als schlussendlich mitgenommen wurde. Es blieb manches sogar über.

Seit dieser Zeit sind die Spenden der Geschäfte deutlich zurückgegangen, deutlich zugenommen aber hat auch die Zahl der Teilnehmer mit Migrationshintergrund.
Heute sind es nur noch wenige Lebensmittel die der einzelne bekommt, kein Vergleich mehr zu früheren Zeiten. Immer weniger zur Verfügung stehende Lebensmittel werden an immer mehr Bedürftige ausgeteilt. Die Gruppe nach Herkunft der Bedürftigen hat sich sichtbar verschoben.


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Andrea Bergpredigt #33

Ein Grund für die Nutzung der Tafeln, sind die hohen Zigarettenpreise. Wäre das Rauchen billiger, hätten viele Menschen mehr Geld für Lebensmittel.


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Emmigrand #33.1

Klar, die rauchen alle...


Quote
Golliwog's Cakewalk #33.5

So kann man das sehen. Eine andere Möglichkeit wäre, die Tabaksteuern so weit zu erhöhen, dass die Betroffenen das Interesse verlieren.


Quote
cr 43 #33.6

Rauchen nur für Reiche?

Und dann: Schoko-Konsum, Bier, Handy-Spiele. Auch die Preise erhöhen?


Quote
marcel589 #33.8

Natürlich. Wir wollen ja nicht, dass am Ende noch jemand Spaß am Leben hat, obwohl er gefälligst still leiden soll.


Quote
traktor72 #1

Warum heißt es nicht Armenspeisung? Könnte das Gefühl für die soziale Lage in unserem Land schärfen.



Quote
Sphinxfutter #1.1

Vermutlich weil das Gefühl vor allem bei denen geschärft wird, bei die es sowieso schon schwer haben: nämlich bei den Leuten, die sich entscheiden das Angebot der Tafeln anzunehmen.


Quote
Ein Held unserer Zeit #1.3

Es ist zu bezweifeln, daß so etwas in Politik und Medienlandschaft gewünscht wird. Seien wir doch mal ehrlich, wie nahe sind Politiker/-innen und Medienschaffende an dieser Lebenswirklichkeit? ...


Quote
Jinx Powder #1.8

Als Marketing- und Kommunikationsprofi stimme ich Ihnen zu.
Es gibt Fälle, in denen man eben nicht unreflektiert positiv kommunizieren, sondern Kernprobleme transportieren sollte.

"Tafel" ist keine Einladung zu einem Nachbarschaftsfest, sondern zutiefst erniedrigend und ein Armutszeugnis für das Land.


Quote
AH 99 #1.9

Wirklich? Armengeld statt Bürgergeld und alles wird gut?


Quote
Tordenskjold #2.2

Die Verarmung ganzer Bevölkerungsgruppen, die (trotz 40 Stunden Arbeit in der Woche) nicht über die Runden kommen, ist keine neue Entwicklung. Hier aber nur die Politik verantwortlich zu machen, greift zu kurz. Parteien, die für Sozialabbau und gegen Mindestlöhne sind, werden schließlich gewählt. Vielleicht hat sich auch schon so manch ein Wähler von der Realität verabschiedet und wählt jene, die ihm Steuersenkungen versprechen und die ihm erzählen, dass sich „Leistung lohnen soll“. In der Hoffnung, dass sie selber nie Wohngeld beantragen müssen.


Quote
MrBrutus #2.4

"Die Bundesregierung ist in der aktuellen Situation wirklich nicht zu beneiden."

Tja, das ist halt der Unterschied wenn man nur Opposition machen muss.
Hier kann man billigen Populismus mit 5 Euro pro Liter Benzin etc. betreiben ohne über die Konsequenzen nachzudenken.


Quote
felolie #9

Und das Schulmittagessen ist dieses Schuljahr von 3,60 auf 4,90 gestiegen. Macht bei drei Kindern und 20 Schultagen fast dreihundert Euro. ...


Quote
Ezra de Vayschluys #9.1

Dann machen Sie das doch so. Wir haben nachmittags zuhause gegessen, in der Schule gab's nur unsere Box.


Quote
Wolkenschaf #9.2

„von 3,60 auf 4,90 gestiegen“

In meiner Schulzeit 55 DDR Pfennige. Das Geheimnis, Schulessen wurde subventioniert, Kinder überhaupt weil man der Meinung war, ein Land ohne Kinder hätte keine Zukunft.


Quote
Ezra de Vayschluys #9.3

Und wo ist die DDR jetzt?

Richtig.


Quote
Wolkenschaf #9.4

Die ist wo sie hingehört.
Das ist nicht das Thema.


Quote
weltbild #9.5

In Finnland gibt es für Schüler kostenloses Mittagessen bis zur 8. Oder 9. Klasse. Und Finnland ist noch da. Richtig.


Quote
Biagobaer #16

Unsere Tafel hat Mittwochs und Freitags geöffnet. Die Leute kommen mit Bus und Bahn, ziehen Rolltaschen hinter sich her.Die Schlange windet sich an diesen Tagen durch die komplette Straße.Da stehen alte Menschen.Junge Menschen. Kinder. Sehr viele Migranten. Sie stehen da auch bei Regen. Es ist ein kleines Haus.Es können nicht alle gleichzeitig rein.Sie müssen auch nehmen was sie bekommen, das Essen kann nicht ausgesucht werden.Es muss schnell gehen damit alle bedient werden können. Die Helfer machen das ehrenamtlich.Ist kein leichter "Job". Es reicht oft nicht für alle. Es wird immer weniger gespendet. Auch von den Supermärkten nicht mehr. Die stehen da 1 Std im Regen teilweise. Und jetzt bitte wieder das Mantra "Deutschland ist ein sehr reiches Land. Wir habens ja, - Platz, Raum, genug für alle und jeden, niemand hungert. Und unsere Urgroßelteln ....." Floskel einfügen. ...


Quote
Ashrok #16.1

Es fehlt noch ein Hinweis auf die Kinder in Afrika und das Kapital, flüchtig wie ein Reh.


Quote
Crazy Turtle #34

Die Geschichte der Tafeln in Deutschland
1993 gründete sich die erste deutsche Tafel. Inzwischen gibt es über 960 Tafeln bundesweit. Die Tafeln sind damit die größte sozial-ökonomische Bewegung in Deutschland, die Lebensmittel rettet und an armutsbetroffene Menschen weitergibt.

Die Initiativgruppe Berliner Frauen e.V. gründete 1993 die erste deutsche Tafel in Berlin. Die engagierten Berlinerinnen wollten vor allem die Situation der Obdachlosen der Stadt verbessern. Von dem Konzept der New Yorker City Harvest inspiriert, schien der Gedanke, überschüssige Lebensmittel einzusammeln und diese an Menschen in Not und soziale Einrichtungen weiterzugeben, einfach und sinnvoll. Obdachloseneinrichtungen meldeten großen Bedarf an und Berliner Lebensmittelproduzenten und Einzelhändler signalisierten Unterstützung.

Durch das große Interesse der Medien verbreitete sich die Idee im ganzen Land. Im Oktober 1994 gründeten sich die Münchner und die Neumünsteraner Tafel. Mit der Gründung der Hamburger Tafel im November 1994 setzte sich die Tafel-Bewegung endgültig durch. Der gigantische Presserummel steigerte die Bekanntheit der Tafeln enorm und gab vielen den Ansporn, in der eigenen Stadt ebenfalls eine Tafel zu gründen.

Wer konnte ahnen, dass die Politiker durch diese Initiative ihre Hände in den Schoß legen?


Quote
Zarella #41

Ich verstehe, dass man irgendeine neutrale Bezeichnung für Bedürftige bei den Tafeln verwendet, aber "Kundinnen und Kunden" ist mir zu euphemistisch ...


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« Reply #1336 on: September 29, 2022, 07:31:59 PM »

Quote
[...] Hannover. Einer steigenden Zahl von Menschen in Deutschland vergeht nach einer neuen Umfrage die Lust am Arbeiten. Knapp die Hälfte der Arbeitnehmer (48 Prozent) würde demnach in Teilzeit wechseln, wenn ihr Arbeitgeber das erlaubte. Und 56 Prozent erklärten, dass sie schnellstmöglich die Arbeit an den Nagel hängen würden, wenn sie finanziell nicht auf den Job angewiesen seien. Das hat das Umfrageinstitut Yougov für eine alljährliche Berufsstudie ermittelt, die der Versicherer HDI am Dienstag in Hannover veröffentlichte. Die Demoskopen befragten im Juni und Juli 3891 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ab 15 Jahren.

Vor Beginn der Corona-Pandemie 2019 hatten nur 41 Prozent gesagt, dass sie bei ausreichenden Finanzen das Arbeiten am liebsten einstellen würden. Mehr als drei Viertel sagten, dass sie die Einführung der Viertage­woche in ihrer jeweiligen Firma begrüßen würden, eine große Mehrheit allerdings nur bei vollem Lohnausgleich.


Aus: "Lust am Arbeiten schwindet – vor allem bei jungen Menschen" (27.09.2022)
Quelle: https://www.rnd.de/wirtschaft/umfrage-lust-am-arbeiten-schwindet-vor-allem-bei-jungen-menschen-EJHGRR5Z5SDZSQTLY3GNGJEYMU.html

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Quote
[...] Einem Fünftel der Deutschen bleibt ein Nettoeinkommen von unter 16.300 Euro im Jahr.  ... Rund 40 Prozent hatten 2021 außerdem ein sogenanntes Nettoäquivalenzeinkommen von unter 22.000 Euro, teilte das Statistische Bundesamt am Mittwoch mit. Mit dem Begriff wird ein um Einspareffekte in Mehrpersonenhaushalten bereinigtes Pro-Kopf-Einkommen bezeichnet. ...


Aus: "Daten des Statistischen Bundesamtes: Einem Fünftel der Deutschen bleibt pro Jahr weniger als 16.300 Euro netto" (05.10.2022)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/daten-des-statistischen-bundesamtes-fur-2021-einem-funftel-der-deutschen-bleibt-pro-jahr-weniger-als-16300-euro-netto-8715133.html

-

Quote
Miriam Vollmer @miriam_vollmer

Ich wage mal zu behaupten, dass die interessantesten Dinge, die Menschen tun, beruflicher Natur sind. Menschen heilen, Verbrechen verfolgen, Dinge schaffen, etwas aufbauen. Ist mir ein Rätsel, wie Leute drauf sind, die lieber frei haben. Um was genau dann zu tun?

8:03 vorm. · 27. Sep. 2022  aus Berlin, Deutschland


https://twitter.com/miriam_vollmer/status/1574640883751862274

Quote
Nicolai von Neudeck @vonneudeck
·
27. Sep. Antwort an  @miriam_vollmer

Tja, das kommt ganz auf den Beruf und die Firma an. Es gibt eine große Menge Jobs, die fast nur aus unsagbar langweiliger wenig selbstbestimmter Fleißarbeit bestehen.


Quote
Miriam Vollmer @miriam_vollmer
27. Sep. Antwort an @vonneudeck

Augen auf bei der Berufswahl.


Quote
Landerichter @landerichter
·
27. Sep. Antwort an @miriam_vollmer und @vonneudeck

Sehr privilegierte Perspektive.


Quote
Carsten von Wissel
@cv_wissel
Antwort an  @miriam_vollmer

Wenn ich anhand eines einzigen Tweets zeigen müsste, was Konservatismus ist, würde ich sagen, der hier ist es.
Wollen zu können, was man soll, ist einerseits ein Privileg andereseits genau das, von dem Konservative träumen.
Sie wollen, dass man will, was gesollt wird.

... Beruflich Interessantes zu machen, was man gar noch machen will, das schaffen in dieser Gesellschaft vielleicht 5 %.

11:21 vorm. · 27. Sep. 2022


Quote
supatyp
@supatyp
·
27. Sep.
Antwort an @cv_wissel und @miriam_vollmer

Ich kenne ein paar von diesen 5%.


Quote
Carsten von Wissel @cv_wissel
27. Sep. Antwort an @supatyp
 und @miriam_vollmer

Ich auch.


...

Quote
Johannes Heinen @joheinen1
1:07 nachm. · 27. Sep. 2022

Zustimmung. Es gibt nichts erfüllenderes, als Pakete zu verladen, Kuhhälften zu zerlegen, die Fischauslage zu reinigen oder die ganze Nacht zwei Metallteile vom Band zu nehmen und zwei andere darauf zu legen, während einem ständig die Augen zufallen wollen. Wozu also Freizeit?

Auch viel besser als Freizeit ist so ein produktiver Vertriebsdruck, schließlich brauchen ALLE Menschen zwei Bausparverträge und die Doppelriester-Vertriebsstrategie tut allen so gut, dass die glücklichen Angestellten am liebsten 24/7 für 1460 Euro Klinken putzen würden.

Ich meine auch, wer Freizeit will um wieder stundenlang zu telefonieren und dabei auf der Couch abzuhängen, kann auch einfach aus einem Callcenter Handyverträge verticken und sich selbstverwirklichen, statt Gitte immer wieder die gleiche Geschichte zu erzählen...

Es ist auch so toll Menschen zu heilen 😍😍. 48 Stunden Schichten in der Notaufnahme ermöglichen es dir, dass du sehr vielen Menschen helfen kannst. Was will man denn zu Hause sinnvolleres machen?

Bei all diesen tollen Aktivitäten unterstützt dich Y-Food. Was das ist? Easy. Deine Mahlzeit - für wenn es mal schnell gehen muss und für eine Pause keine Zeit bleibt. 😇

Ich kenne auch viele die arbeitslos geworden sind und das Arbeitsamt vorschlug: Lass doch die Arbeit und gehe auf Safari. Aber nach kurzer Zeit wollten sie alle wieder auf die Baustelle.

In JEDEM Unternehmen kann man sich weiterentwickeln. Du kannst zum Beispiel Sicherheitsbeauftragter in einer Styroporfabrik werden und alle Kolleg:innen melden, die den Handlauf an der Treppe nicht nutzen.

Wozu von Kindern wach halten lassen, wenn man auch die ganze Nacht durch dieses ulkige kleine Fenster auf die Abfüllmaschine gucken kann, um im Falle einer Störung den roten Knopf zu drücken. Sorry, aber ich verstehe die Leute nicht, die lieber Familie haben.

Als jemand der mal in einem Paketzentrum gearbeitet hat kann ich das nur bestätigen. Meine Bandscheiben auch.

Ich liebte bei UPS besonders die Rasenmäher und bei der Post gilt: Nur Sperrgut macht wirklich Freude. :)

Oder einen Container voll Ikea Möbel aus- bzw einladen. Schlimmster Job ever.

Was die Leute sich so alles in ihrer Cappuccino-Pause bestellen, um dann wieder stundenlang das tun, was sie so sehr lieben :-)


https://twitter.com/joheinen1/status/1574717399751831552
« Last Edit: October 05, 2022, 12:27:51 PM by Textaris(txt*bot) »
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Textaris(txt*bot)

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #1337 on: October 06, 2022, 10:45:11 AM »

Quote
[...] Alleinerziehende und Alleinlebende sowie Rentner verfügen häufig über ein geringes Einkommen und können zusätzliche Belastungen kaum bewältigen. Alles in allem war 32 Prozent der Bevölkerung im vergangenen Jahr nicht in der Lage, unerwartet anfallende Ausgaben von 1150 Euro und mehr zu bewältigen, hat das Statistische Bundesamt ermittelt. Deutlich besser ist die Quote in den Niederlande, wo 15 Prozent keine Rücklagen haben. In Kroatien, Griechenland, Zypern und Lettland dagegen verfügen mehr als 40 Prozent der Bevölkerung nicht über ausreichende finanzielle Mittel für unerwartete größere Ausgaben.

Alleinerziehenden-Haushalte gehören hierzulande häufig zu den Haushalten mit geringem Einkommen. Fast zwei Drittel von Ihnen verfügten über weniger als 22.000 „Nettoäquivalenzeinkommen“. Für die Hälfte der Rentner gilt das auch. Alles in allem hatte nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes im vergangenen Jahr ein Fünftel der Bevölkerung ein „Nettoäquivalenzeinkommen“ von unter 16.300 Euro zur Verfügung.

Das Haushaltsnettoeinkommen, dividiert durch das statistische Gesamtgewicht des Haushalts - das von der Anzahl der Personen abhängt - ergibt das für jede Person des Haushaltes geltende Nettoäquivalenzeinkommen. Aufgrund dieser Methodik kommen die Statistiker zu dem Ergebnis, das zwei Fünftel der Bevölkerung 2021 ein Nettoäquivalenzeinkommen von unter 22.000 Euro im Jahr hatten. Zwei weitere Fünftel kamen auf ein Einkommen von 28.400 Euro und mehr.

Die Statistiker haben auch einen Blick geworfen auf die Energiepreise, die 2021 bereits deutlich gestiegen, aber erst in den vergangenen Monaten in der Folge des Angriffs auf die Ukraine dramatisch nach oben geschnellt sind. „2021 lebten 3,7 Prozent der Bevölkerung in Deutschland in Haushalten, die bei Rechnungen von Versorgungsbetrieben wie etwa Strom- oder Gasanbietern in Zahlungsverzug waren“, schreibt das Statistische Bundesamt. Damit lag der Anteil deutlich unter dem in Frankreich (7,1 Prozent), aber höher als in den Niederlanden (1,2 Prozent).

Im August bereits hatten die Statistiker Zahlen veröffentlicht, wonach fast jeder Sechste in Deutschland armutsgefährdet ist: 13 Millionen Menschen oder 15,8 Prozent der Bevölkerung. Inzwischen wird die Inflationsrate von zehn Prozent diesen Anteil weiter nach oben befördert haben. Eine Person gilt als armutsgefährdet, wenn sie über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung verfügt. 2021 lag dieser Schwellenwert für eine alleinlebende Person bei 15.009 Euro netto im Jahr, für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 31.520 Euro.

„Erwerbspersonen mit zuvor schon niedrigeren Einkommen haben sowohl während der Corona- Krise als auch während der vergangenen Monate überdurchschnittlich häufig Einkommen eingebüßt“, kommentierte Bettina Kohlrausch von der gewerkschaftlichen Böckler-Stiftung die jüngsten Zahlen der Statistiker. Vor allem Familien mit niedrigen Einkommen und einer hohen Konsumquote „müssen aktuell deutlich höhere haushaltsspezifische Inflationsraten tragen als wohlhabende Haushalte“, sagte Kohlrausch. In den kommenden Monaten werde sich zeigen, ob die Hilfsmaßnahmen der Bundesregierung ausreichten, um den Menschen finanzielle Sorgen und Belastungen zu nehmen. „Das wäre doppelt wichtig, für die Betroffenen und die gesamte Gesellschaft“, meinte die Böckler-Wissenschaftlerin.

Nach der Finanzkrise hatten sich die Einkommen ab 2010 bis zur Abschwächung der Wirtschaft 2019 erhöht - und zwar auch real, da die Inflationsrate vernachlässigbar war. Berechnungen des DIW zufolge erhöhten sich beispielsweise Stundenlöhne und Haushaltseinkommen inflationsbereinigt von 2013 bis 2018 um zehn Prozent. Die Niedrigeinkommensquote stagnierte bei rund 16 Prozent.


Aus: "Ein Drittel lebt von der Hand in den Mund" Alfons Frese (05.10.2022)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/ein-drittel-lebt-von-der-hand-in-den-mund-kein-geld-fur-unerwartete-ausgaben-8716927.html

https://www.zeit.de/wirtschaft/2022-10/einkommen-verteilung-armutsrisiko-statistik

Quote
Meister Roehrich #74

Seit Jahrzehnten waehlt die Mehrheit, primaer die s.g. Mittelschicht, eine Politik, die sich gegen ihre eigenen Interessen richtet und die eigentlich nur den obersten 10% der Bevoelkerung nutzt. So ist die jetzige Situation kein Wunder. Die obersten 10% brauchen keine oeffentlichen Schulen und Universitaeten, kein funktionierendes Renten- und Gesundheitssystem. Die brauchen auch keinen funktionierenden, oeffentlichen Nahverkehr oder gar die DB. Die haben alternative Loesungen.
Jetzt merkt auch die Mittelschicht, dass es fuer sie enger wird und der Abstieg droht. Die jetzige Situation (Pandemiefolgen / Ukrainekrieg / Lieferketten / Inflation) macht das besonders deutlich.
Problem ist aber auch, dass keine der im Bundestag vertreten Parteien eine Politik anbietet, die sich primaer an den Interessen der 90%, also der grossen Mehrheit im Lande ausrichtet. Warum ist das wohl so?

Frueher musste man in Richtung USA schauen, um zu sehen was auch auf Deutschland zukommt. Heute reicht ein Blick ueber den Aermekanal.


Quote
M. T. Cicero #16

Statistiken werden geschönt und auch Befragungen bilden hier selten die ganze problematische Realität ab. Dazu kommt der Anteil derer der nicht arbeitet, weil sie nicht mehr können aus Krankheiten heraus oder in Rente sind oder gerade Arbeitslos, auch jene bekommen überwiegend recht wenig Geld.

Das Gehalt soll übrigens im Durchschnitt schon 4100 Brutto betragen. Die meisten bekommen sehr wahrscheinlich eher unter 3000 Euro Brutto pro Monat. Der Durchschnitt blendet gern. Aber wenn 2 Personen jeweils 1500 Euro verdienen und eine Person 100.000 Euro, dann verdienen die beiden Personen dennoch nicht 34.000 Euro im Monat weil das der Durchschnitt ist.


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medscot #18

Was ist denn das Ziel?
In diesen Artikeln wird immer stillschweigend davon ausgegangen, dass es das Ziel ist, dass alle egal ob alleinerziehend (in der Regel ja eher getrennt erziehend) oder arbeitslos oder oder oder möglichst gleich viel Geld zur Verfügung haben.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich dieses Ziel vertrete.
Natürlich haben wir (als 7-Personen-Haushalt) pro Kopf keine 30.000 Jahreseinkommen ... und was heißt es überhaupt, dass die Effekte durch gemeinsames Leben herausgerechnet sind? Ich finde den Artikel ziemlich schwach ... ein paar Zahlen hinwerfen und das relativ ohne Kontext, reicht mir nicht wirklich.


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09871348723471234 #18.1

Das Ziel ist schlicht, dass Menschen, die ehrlich arbeiten, nicht ständig Angst haben müssen irgendwelche normalen Ausgaben nicht stemmen zu können!!


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GlobalPlayer5001 #19

Der Beitrag beschreibt recht nüchtern die Verhältnisse in Deutschland. Er wird jedoch in der Kommentierung genutzt, um das inzwischen verbreitete Narrativ zu bedienen, dass weite Teile der Bevölkerung "Opfer" einer Politik seien, die dazu führe, dass die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher würden. Eigenverantwortung und Selbstbestimmung spielen bei dieser Sichtweise nur eine untergeordnete Bedeutung.

Ich finde es würdelos, selbstständige Menschen primär als "Opfer" zu betrachten. Jeder und jede ist für sein/ihr Leben zunächst einmal selbst verantwortlich. Und zwar langfristig und umfassend. Ich muss mein Leben so planen, dass ich eine gesicherte Existenz habe, die mich auch durch Krisenzeiten bringt. Das fängt mit einer gewissen Leistungsbereitschaft in der Schule an, wird fortgeführt durch die Wahl einer soliden und zukunftsträchtigen Ausbildung (egal, ob akademisch oder praktisch), erstreckt sich auf meine Finanzmanagement und mein Konsumverhalten und bezieht sich auch auf so private Dinge wie Partnerwahl und Familienplanung. Ist eine solche ganzheitliche Lebensplanung heute niemandem mehr zuzumuten?


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Wahl-O-Mate Motzarella #19.1

Wir kennen doch ihre ultraliberale Position und die vollständige Negierung soziologischer Ursachenermittlung mittlerweile. Und nach wie vor blenden Sie konsequent aus, dass in einer sozialen Gesellschaft und einem sogenannten Sozialstaat eben auch zunehmend berücksichtigt werden müsste, dass eben nicht jeder seines Glückes alleiniger Schmied ist . Oder haben Sie sich ausgesucht, wohin Sie geboren wurden, welchen Gesundheitszustand Sie über lange Dauer haben, wer Ihre Familie ist? Das ist alles begrenzt, die Faktoren können nahezu unbeeinflussbar zusammenspielen. Aber was interessiert Sie das schon, Sie Möchtergern-Globalplayer.


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Tyralis #19.2

Warum erwähnen Sie all diese Punkte, die selbstverständlich sind? Oder gehen Sie implizit davon aus, dass die Mehrheit der im Artikel erwähnten Menschen davon ein oder mehrere Punkte nicht hinbekommt und deshalb vielleicht "zurecht" wenig verdient? Wäre die Annahme würdevoll?


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GlobalPlayer5001 #19.3

Warum immer gleich so aggressiv? Wir diskutieren doch miteinander und abweichende Meinungen sollten in einer Demokratie normal sein, oder?

Ich habe nirgendwo behauptet, dass alles planbar ist. Aber gegen die meisten Risiken kann man sich absichern, also z.B. gegen Krankheit, Berufs- oder Erwerbsunfähigkeit. Muss man halt nur machen und diese Risiken nicht einfach ignorieren.

Und dann das mit der Familie: Natürlich haben Sie recht, dass man sich nicht aussuchen kann, in welche Familie man geboren wird. Und natürlich ist es leichter, wenn man im Leben familiäre Unterstützung und Rückhalt hat. Macht das aber eine Lebensplanung für diejenigen unmöglich, die nicht dieses Glück in der Familienlotterie hatten? Ich denke nicht, zumindest nicht in einem Land, das Bildung und Ausbildung für alle nahezu kostenlos zur Verfügung stellt. Sicher, es macht es schwerer, aber es verhindert es nicht. Und die eigene Familie: Die kann man sich in der Tat aussuchen: Durch sorgfältige Wahl des Lebenspartners/der Lebenspartnerin, durch eine Familienplanung, welche die Anzahl der Kinder von der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Familie abhängig macht und durch eine verantwortliche Unterstützung *beider* Elternteile für ihre Kinder. Man muss nur wollen!

>>Oder gehen Sie implizit davon aus, dass die Mehrheit der im Artikel erwähnten Menschen davon ein oder mehrere Punkte nicht hinbekommt und deshalb vielleicht "zurecht" wenig verdient? Wäre die Annahme würdevoll?<<

Ob das "würdevoll" ist, vermag ich nicht zu sagen. Realistisch ist es in vielen Fällen wohl allemal. Wer die Augen offen gehalten hat bei der Berufs- und Partnerwahl, der endet in vielen Fällen nicht als armutsgefährdete/r Alleinerziehende/r. Ist keine Garantie, erhöht aber die Chancen ungemein.


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Stef_1980 #19.5

Jo, und wenn jemand einen Unfall hat, krank wir oder Angehörige sterben, dann hat er eben nicht genug „Eigenverantwortung“ gezeigt und ist selbst schuld. Von Kindern, die in sozial schwachen Familien aufwachsen ganz zu schweigen. Die Verachtung für arme Menschen, die aus Ihren Beiträgen spricht, ist erschreckend - und abstoßend.

... bei Ihren Ausführungen zu Familienplanung und Co frage ich mich, wie alt Sie eigentlich sind. Bisher war es für mich unvorstellbar, dass jemand mit einigen Jahren Erfahrung im selbständigen Leben als Erwachsener glaubt, alles sei derart gut planbar und vorhersehbar. Mir ist schon klar, dass die meisten Menschen beim Blick auf gescheiterte Existenzen denken: „das kann mir nicht passieren“ - aber eigentlich dürfte doch jedem Menschen klar sein, dass man immer auch selbst in Situationen geraten kann, in denen man die Hilfe der Gesellschaft braucht.


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r.schewietzek #19.7

Wie genau wollen Sie denn verhindern, selbst bei bester Lebensplanung, dass irgendwas Ihre Kreise stört?
Ein Unfall, und zack, ist Ihre Planung obsolet.
Ihr Partner trennt sich, und Sie sind plötzlich alleinerziehend. Ihr Arbeitgeber geht pleite, und zack, Sie stehen ohne Stelle da.

Sie haben wohl noch keine gravierenden Rückschläge erlebt?


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GlobalPlayer5001 #19.9

>>Natürlich bringt es nichts, sich als Opfer zu betrachten, aber ganz objektiv betrachtet SIND arme Menschen eben Opfer<<

Entscheidend ist doch, welches Verhalten man aus dieser Erkenntnis ableitet. Die Opferrolle kann zu Passivität führen ("ich kann ja eh nichts daran ändern") oder dazu motivieren, sich aus dieser Situation zu befreien. Letzteres ist mühsam und risikoreich, das ist mir schon bewusst, und viele Menschen werden auch die Charakterstärke nicht aufbringen, nochmal durchzustarten. Man muss aber auch sehen, dass es in Deutschland so leicht und so günstig wie in kaum einem anderen Land ist, in nahezu jeder Lebenssituation und in nahezu jedem Alter noch Abschlüsse nachzuholen, sich fortzubilden und damit die Position auf dem Arbeitsmarkt und - letztlich - auch die Einkommenssituation zu verbessern.


Quote
09871348723471234 #19.10

Schauen sie sich bitte die Kurven zwischen Produktivität und Gehältern (Wahlweise der letzten 25, 50, 75 Jahre - die Grundendwicklung ist jedes Mal die selbe) an und trauen sie sich dann nochmal zu behaupten, dass normal arbeitende Menschen keine Opfer sind!!!


"Arbeitsproduktivität und Einkommen: Arbeitnehmer/innen verlieren seit Jahrzehnten" (26. Februar 2014 | Patrick Schreiner)
Die Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigenstunde in Deutschland wächst seit Jahrzehnten beständig an. Pro Arbeitsstunde werden damit immer mehr Waren und Dienstleistungen produziert. Die abhängig Beschäftigten selbst aber profitieren davon nur unterdurchschnittlich: Ihr inflationsbereinigter Stundenlohn wächst weit weniger stark als ihre Produktivität. Kapital- und Gewinneinkommen hingegen profitieren. ...
https://www.blickpunkt-wiso.de/post/arbeitsproduktivitaet-und-einkommen-arbeitnehmerinnen-verlieren-seit-jahrzehnten--1177.html


Quote
GlobalPlayer5001 #19.13

>>trauen sie sich dann nochmal zu behaupten, dass normal arbeitende Menschen keine Opfer sind!!!<<

Oh, das traue ich mich durchaus. Denn niemand wird gezwungen so zu arbeiten, dass er/sie sich ausbeuten lassen muss. Es gibt die Freiheit der Berufswahl. Wem der Anteil an der Wertschöpfung für Arbeitnehmer zu gering ist, dem steht es frei, sich beruflich zu verändern oder sich selbstständig zu machen. Wer sich allerdings nicht verändern möchte, der ist auch kein Opfer.


Quote
Smoove13 #19.14

Betrachten Sie das ganze mal nach Branchen. Und das Problem ist, dass die Steigerung der Produktivität nicht in massenberufen stattgefunden haben.

Zum Beispiel hat die Landwirtschaft massiv an Produktivität gewonnen. Dort arbeiten genau deswegen immer weniger Menschen. Und vorrangig auch selbstständige. Daher ist Ihre Statistik ungenau. Man muss es dezidierter betrachten.

Durch die Erhöhung des Mindestlohns werden Sie nun vermutlich viele Branchen finden, die mehr Lohnwachstum haben als Produktivitätswachstum.
Als Kellner ist es schwer eine Produktivität zu steigern.

Andere Bereiche haben es einfacher ...


Quote
Gnurg #19.15

Ich stimme zu, dass man in Deutschland ein gutes, erschwingliches Bildungsangebot hat. Ich habe mein Abi auch auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt und noch studiert. Bis vor ein paar Jahren hätte ich auch zugestimmt, dass man mit Motivation viel erreichen kann. Nee, stimmt nicht, das glaube ich auch heute noch. Allerdings wird es zunehmend schwieriger, von seiner Arbeit alleine zu leben. Wenn Sie kein passives Einkommen haben, beispielsweise vermieten können, kann ein Rückschlag Sie schon in die Katastrophe reißen und die Chancen sind eben sehr hoch, dass Sie sich davon nicht mehr erholen, sondern im Gegenteil immer weiter abrutschen, egal, wie sehr Sie auch strampeln.

Das eigentlich ungerechte ist doch, dass große Firmen quasi unter ständigem Schutz stehen (Bankenrettung, Corona-Zugeständnisse), Sie als Soloselbstständiger aber beispielsweise Freiwild für Finanzämter und Banken sind, und Sie keinerlei Chance haben, sich dagegen zu wehren wenn mal wieder irgendwelche astronomischen "Nachzahlungen" ins Haus flattern, die Sie niemals abbezahlen können.

Ich bin da mittlerweile völlig desillusioniert. Dem Staat, der Politik und dem Beamtenapparat geht es halt nicht im Geringsten um eine funktionierende Gesellschaft. Ich traue da niemandem mehr, die wollen nicht helfen oder ihrer Aufgabe gerecht werden. Warum auch - Beamte kriegen völlig unabhängig ihrer Leistung oder ihrer Mängel weiterhin Geld und werden bei Versagen sogar noch befördert. Völlig assozial ist das imho.


Quote
Zantoris #19.16

So läuft aber unser Wirtschaftssystem nicht. Mal ganz abgesehen davon, ob es überhaupt zielführend ist, wenn nur noch jeder studiert, würde unsere Gesellschaft doch schnell zuammenbrechen, wenn plötzlich niemand mehr die schlechter bezahlten Jobs macht.

"Ich muss mein Leben so planen, dass ich eine gesicherte Existenz habe, die mich auch durch Krisenzeiten bringt.''

Ein Großteil der Bevölkerung scheint etwas falsch zu machen, wenn die Rücklagen fehlen. Vielleicht haben Sie da noch ein paar schlaue Tipps? Es reicht doch schon, wenn man während Corona im "falschen" Beruf gearbeitet hat oder jetzt die gestigenen Energiepreise durch den Angriff der Russen auf die Ukraine. Das waren jetzt nur zwei Punkte der letzten Jahre, die so nicht vorhersehbar waren. Von plötzlichen Krankheiten haben wir noch gar nicht gesprochen.


Quote
plataoplomo #19.17

Selbst wenn alle Deutschen ihrem Rat folgten und eine gute Bildung hätten und Arzt, Dipl.Ing, Rechtsanwalt, Raketenwissenschaftler, leitender Beamter oder erfolgreicher Gründer wären, wer, verdammt nochmal würde dann kassieren, putzen, pflegen, Regale einräumen, liefern, bedienen, Gärten pflegen, halt alle einfachen aber notwendigen Dienstleistungen erbringen? Niemand? Mit ihrer realitätsfremden neoliberalen Ideologie verschieben Sie das Problem nämlich nur von Person A nach B. Wenn A nicht mehr putzen würde weil es erfolgreicher Rechtsanwalt geworden ist putzt halt Person B unter den gleichen schlechten Bedingungen. Es ist ein strukturelles Problem, kein individuelles. Wann verstehen sie das endlich?


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GlobalPlayer5001 #19.18

>>Das eigentlich ungerechte ist doch, dass große Firmen quasi unter ständigem Schutz stehen (Bankenrettung, Corona-Zugeständnisse), Sie als Soloselbstständiger aber beispielsweise Freiwild für Finanzämter und Banken sind, und Sie keinerlei Chance haben, sich dagegen zu wehren wenn mal wieder irgendwelche astronomischen "Nachzahlungen" ins Haus flattern, die Sie niemals abbezahlen können.<<

Ich bin freiberuflich tätig und gehöre somit zu dem von Ihnen angesprochenen "Freiwild". Ich habe sicherlich auch keine allzu hohe Meinung von der Qualität der Arbeit der Finanzverwaltung, aber mit willkürlichen und "astronomischen" Nachzahlungen bin ich noch nie konfrontiert worden.

Hinsichtlich der Bankenrettung rennen Sie bei mir offen Türen ein. Zum unternehmerischen Handeln gehört auch unternehmerisches Risiko. Dass das auf einmal nicht mehr gelten soll, sobald ein Unternehmen eine "systemrelevante" Größe erreicht hat, ist nicht zu rechtfertigen.

>>Das liegt daran, dass nicht nur Geld/Vermögen vererbt wird, sondern viel entscheidender: Erziehung, mindset etc.
Und das ist, neben monetärer Ausstattung ein wichtiger Faktor für den Lebensweg.<<

Sie haben ja so recht. Und das Vererben dieser Einstellung hat noch nicht einmal ein Vermögen der Eltern zur Voraussetzung. Denn es gibt durchaus viele Familien, die zwar nicht viel materiell zu vererben haben, ihren Kindern aber durchaus das Handwerkszeug für ein erfolgreiches Leben mitgeben, indem sie sich für ihre Kinder interessieren, sie unterstützen (materiell, aber vor allem auch intellektuell), sie bestärken und wertschätzen. Wer so aufgewachsen ist, ist gut für das Leben ausgerüstet, auch wenn nicht viel Startkapital vorhanden ist.


Quote
MrMiaggi #21

Der Neoliberalismus und die damit verbundene Umverteilung von unten nach oben ist die größte Gefahr unserer Demokratie! Wenn das ausbluten der Mittelschicht und ausbeuten der Geringverdiener zu Gunsten der Vermögenden nicht bald aufhört wird wird dabei früher oder später unser politisches System zusammenbrechen!


Quote
GlobalPlayer5001 #21.1

Wie oft wurde in den letzten siebzig Jahren das Ende des bösen Kapitalismus heraufbeschworen? Und jedes Mal hieß es: Das System wird kollabieren. Was ist tatsächlich geschehen? Die wettbewerbsorientierte Marktwirtschaft ist vital und zeigt gerade in Krisenzeiten ihre Stärken. Was wäre auch die Alternative? Ein planwirtschaftliches System mit zentraler Preisfestsetzung, bei dem es keine Marktpreise zur Indikation von Knappheiten mehr gibt und es deshalb zu massiven Fehlallokationen kommt? Hatten wir so etwas nicht schon mal in Deutschland? Das kann wohl kaum eine erstrebenswerte Alternative sein.

Das Problem der Kapitalismuskritiker ist und bleibt, dass sie kein geschlossenes und effizientes Gegenmodell vorweisen können. Ja, es kommt im Kapitalismus zu arm und reich, aber dafür werden Güter und Dienstleistungen in nachfragegerechter Menge angeboten und dezentral koordiniert. Und, fast noch wichtiger, es gibt niemanden (keinen Menschen, keine Behörde, keinen Staat) der den Menschen vorschriebt, was und wieviel sie erwerben dürfen.


Quote
XmasIsComing #21.2

Wir haben mittlerweile > 50% Staatsquote - Siehe
Europäische Union¹: Staatsquoten in den Mitgliedstaaten im Jahr 2021
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/6769/umfrage/staatsquoten-der-eu-laender/

Kohl sagte mal bei 50% beginnt Sozialismus.....


Quote
Fakten bitte #21.8

Wie bei Ihnen üblich wenn es um die existentielle Not vieler Menschen geht, wird diese von Ihnen komplett ausgeblendet: "Vor allem unerwartete Ausgaben stellen viele Menschen vor existenzielle Probleme: Der Anteil derjenigen, die wegen ihrer finanziellen Situation nicht in der Lage waren, größere und unerwartete Ausgaben aus eigenen Mitteln bezahlen zu können, lag bei fast einem Drittel. Dabei wurden ungeplante Ausgaben von mindestens 1.150 Euro gewertet. Damit stellten unvorhergesehene Ausgaben in Deutschland viel mehr Menschen vor große Schwierigkeiten als in vergleichbaren Ländern: In Frankreich betraf dies rund 28 Prozent der Bevölkerung, in den Niederlanden etwa 15 Prozent. Der Wert für Deutschland lag somit näher an Spitzenwerten in der EU von mehr als 40 Prozent, wie etwa in Kroatien, Rumänien, Griechenland, Zypern und Lettland."

Und durch eine Darstellung ersetzt die Ihre persönlichen Vorstellungen bestätigen sollen. Sinnlos auf diese völlig verzerrte Darstellung zum gefühlt 100sten Mal einzugehen. Fakten die diese Darstellung in Frage stellen werden mit endlosen Wiederholungen beantwortet bei denen der tatsächliche Sachverhalt ignoriert wird.

[ ... ]

Zum besseren Verständnis hier noch eine kurze Übersicht zu dem was in den letzten Jahrzehnten angerichtet wurde:

Hier das was allein die Steuerreformen der letzten Jahrzehnte seit 1998 angerichtet haben:
„In den Jahren 2001 bis 2005 kam es zwar im Rahmen der Reform zu massiven Steuersenkungen bei der Einkommen- und Körperschaftsteuer, gleichzeitig wurden aber indirekte Steuern erhöht. Dadurch verschob sich die Steuerbelastung von 1998 bis 2015 massiv von den wohlhabenden und reichen privaten Haushalten zu den weniger wohlhabenden und armen Haushalten. Im Durchschnitt über alle Einkommensgruppen stieg von 1998 bis 2015 die Steuerbelastung um 0,1 %, speziell für die untersten 10 % der Einkommen um 5,4 %, für die obersten 10 % sank sie um 2,3 %, für das Top 1 % der Einkommen sank die Steuerbelastung um 4,8 %.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Steuerreform_2000

Währen die Steuerlast für die oberste Schicht also massiv von den Steuersenkungen profitierte, wuchst die Last für die untersten 10 % an, was besonders auf indirekte Steueranhebung zurückzuführen ist. Das die Anhebung der Mwst. kontraproduktiv ist, wenn es ums Wirtschaftswachstum geht, wurde in der Coronakrise ein weiteres Mal deutlich. Diesmal wurde sie für ein begrenzte Zeit gesenkt um das Wachstum anzukurbeln. Warum wurde Sie vorher angehoben? Irgendwie mussten die Löcher im Staatshaushalt ja gestopft werden, die durch die Steuerentlastungen für Spitzenverdiener entstanden waren.


Quote
Fakten bitte #21.9

Traurigerweise ist dies die Realität.

Dazu:

"Marktwirtschaft: Die Superreichen gefährden die Demokratie"
https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-04/kapitalismus-demokratie-ungleichheit-globalisierung

"Neoliberalismus: Demokratie als Problem"
https://www.zeit.de/2014/38/neoliberalismus-august-von-hayek-kapitalismus

"Fast sieht es so aus, als würde sich die Systemwahl des 21. Jahrhunderts auf die Wahl zwischen einem autoritären Kapitalismus chinesischer Prägung und seinem gleichsam autoritären westlichen Pendant reduzieren. Dann gäbe es zwar zumindest zwei Wege – aber beide führten in die Knechtschaft."

"Neoliberalism has brought out the worst in us"
https://www.theguardian.com/commentisfree/2014/sep/29/neoliberalism-economic-system-ethics-personality-psychopathicsthic


Die Frage ist: Wie lange noch werden Menschen mit hohem Einkommen/Vermögen privilgiert und erhalten so einen besonders hohen Anteil am gemeinschaftlich erwirtschafteten Wohlstand, während diejenigen die diesen mit einem besonders hohen Anteil durch Ihre Arbeitsleistung erwirtschaften gegenüber Kapitaleinkommen massiv benachteiligt werden.

Dazu:
"Vermögenssteuern im Vergleich: Reichenparadies Deutschland"
https://www.sueddeutsche.de/geld/vermoegenssteuern-im-vergleich-reichenparadies-deutschland-1.1849026

Wobei die Grundsteuer die Luxusimmobilien gering besteuert einen ebenso hohen Anteil daran hat, wie die gerade bei hohen Vermögen niedrige Erbschaftssteuer.
Und hohe Kapitaleinkünfte gegenüber Lohneinkommen extrem begünstigt werden:

https://www.bbh-blog.de/alle-themen/steuern/verfassungswidrige-abgeltungssteuer/

"Ein Steuerpflichtiger mit einem Steuersatz von 45 Prozent hat durch die Abgeltungssteuer eine offenkundig geringere Steuerlast zu tragen. Immerhin wird sein Steuersatz fast halbiert."

"Dass Bezieher privater Kapitaleinkünfte mit 25 Prozent, aber andere Einkunftsarten aber mit bis zu 45 Prozent besteuert würden, sei verfassungswidrig."



Quote
Einfacher Bürger #25

Diese Situation ist nicht von heute auf morgen entstanden.
Sie ist vielmehr das Resultat jahrelanger, wenn nicht gar jahrzehntelanger Vernachlässigung der unteren Einkommensschichten.
Angefangen beim permanenten Rückgang von sozialem Wohnungsbau bis zu jahrelangem Zögern, den Mindestlohn zu erhöhen etc etc etc.
Die aktuelle Regierung wir angesichts der Krisen (und dessen Geldbedarf) da keine grundsätzliche Besserung schaffen können, höchstens die schlimmsten Auswüchse zu glätten.
Ach ja, zur Vernachlässigung der unteren Einkommensschichten passt dann auch die Verhätschelung der Reichen und Superreichen.
Denn auch die weit offen stehende Einkommens- und Vermögensschere ist nicht gestern vom Baum gefallen.


Quote
GlobalPlayer5001 #25.3

Zustimmung und Widerspruch:

Ja, diese Situation ist nicht von heute auf morgen entstanden, und
Ja, diese Regierung wird nichts Grundlegendes ändern, auch - wie von Ihnen angeführt - weil sie auch so schon Staatsausgaben in einer Höhe trägt, die kaum noch finanzierbar ist

Nur hinsichtlich der Ursachen für die Situation stimme ich Ihnen nicht zu. Es liegt weniger am sozialen Wohnungsbau oder am Mindestlohn, sondern die Einkommenssituation im unteren Fünftel der Gesellschaft ist vor allem darauf zurückzuführen, dass man dieser Gruppe jahrelang die Illusion gegeben hat, man würde für sie sorgen und dass sie nichts an dieser Situation ändern könnten. Sozialpolitik wurde von vielen unterschiedlichen Regierungen von Kohl über Schröder bis Merkel immer als Mittel zur Ruhigstellung der Betroffen verstanden. Eine Kultur der Weiterqualifikation, des lebenslangen Lernens wurde verhindert. Viele haben sich so in der "Opferrolle" eingerichtet.


Quote
Der Mann aus der Oberpfalz #25.2

"Ach ja, zur Vernachlässigung der unteren Einkommensschichten passt dann auch die Verhätschelung der Reichen und Superreichen."

Das Argument ist schwach. Letztlich könnte man ja auch aufführen, dass die hohen Sozialleistungen des Staates Menschen davon abgehalten haben, sich eine auskömmliche Beschäftigung zu suchen.


Quote
eve online #25.4

oh gott


Quote
GlobalPlayer5001 #25.8

>>Den Leuten müssen die Mittel in die Hand gegeben werden sich selbst zu helfen.<<

Diese müssen dazu aber auch die Bereitschaft haben. Daran mangelt es leider oft.


Quote
Kai Hamann #25.10

Leben und bezahlen, wie in Deutschland, verdienen und abgesichert sein, wie in einem Schwellenland passt nicht zusammen. Die umfangreichen Sozialleistungen verhindern, dass wachsende Wohlstandsunterschiede den Staat destabilisieren. Dass 2015 gegen harte Widerstände ein Mindestlohn eingeführt wurde, hat zumindest die Verweigerung auskömmliche Löhne zu bezahlen teilweise korrigiert. Für alles andere gibt es Sozialtransfers. Gut angelegtes Geld, weil sie für Solidarität sorgen, die es freiwillig nicht gibt.

Kai Hamann


Quote
plataoplomo #26

Das belegt wie weit der oft als Argument dafür, dass es uns ja gut geht angeführte Durchschnittsverdienst an der Realität vorbeigeht weil er durch wenige sehr hohe Verdienste nach oben verzerrt wird. Gesellschaftlich relevanter ist der niedrigere Medianlohn der aber kaum zur Beschreibung der gesellschaftlichen Realität herangezogen wird. Warum eigentlich, will man eine geschönte Realität präsentieren oder ist mathematisch/statistisches Verständnis zu wenig in Redakteursstuben verbreitet?


Quote
Der Mann aus der Oberpfalz #27

Kein schöner Artikel: Wieder einmal werden hohe Einkünfte bei selbstständigen bemäkelt. Das hat bei uns ja schon Tradition. Aber hat sich schon einmal darüber beschwert, dass diese Menschen oftmals auch doppelt so lange arbeiten wie abhängig Beschäftigte, dass sie das volle Risiko meist persönlich tragen oder dass sie im falle des Scheiterns auch nicht von einem sozialen Netz aufgefangen werden. Nein, das interessiert nicht. Hauptsache, wir können neidisch sein.

Und dann die Definition von Armut. Es ist ja die eine Seite, was mir an Geld zur Verfügung steht, die andere Seite ist die, was ich für dieses Geld bekomme. Klar, wenn ich in einem Ballungsraum wie München lebe und die dortigen Lebenshaltungskosten berappen muss, dann komme ich mit den genannten Beträgen nicht oder nur schwerlich über die Runden. Auf dem flachen Land sieht es da oftmals schon deutlich besser aus. Vielleicht sollte man solche Faktoren auch in die Definition von Armut mit einfließen lassen.


Quote
Ring Road #27.9

Nichts für ungut, aber ich sehe keine Beschwerde über höhere Einkommen im Artikel. Ungleiches wird ungleich vergütet... So what?


Quote
silverbeard8 #27.10

// Darum geht es ja auch nicht unbedingt. Es geht doch darum, dass man mit einem geringen Einkommen in der Großstadt tatsächlich arm ist, auf dem Lande jedoch nicht unbedingt. Trotzdem werden beide in einen Topf geworfen. //

Ich sehe das Problem eher in den ungerechten Mieten.


Quote
Emil Galotti #34

Es scheint, als ob wir bei vollem Bewusstsein und geschärften Sinnen in eine offenes Messer laufen, gleichzeitig von der Unfähigkeit befallen, die drohende Spaltung der Gesellschaft aufzuhalten.
Wir werden Zeugen eines immer größer werdenden Anteils unserer Mitbürger, die aus irgendwelchen Gründen nicht mehr Schritt halten können mit der Gangart dieses Landes.
Es gibt viele Faktoren, die dazu führen, besonders herausragend ist aus meiner Sicht das katastrophale Versagen in der Bildungspolitik.

Was erst einmal relativ harmlos erscheint, dass wir unsere Zukunft aufs Spiel setzen, wenn wir unseren Nachwuchs vernachlässigen, wenn die Elternhäuser schon im Ansatz versagen, die Grundbegriffe des sozialen Miteinanders ihrem Nachwuchs zu vermitteln, wenn die Schulen nach starken Regen geschlossen werden müssen, weil die Dächer und die Fenster undicht sind, das ganze Bildungssystem aus einem ganzen Konglomerat von Gründen stark ins Wanken gerät.

Wir haben Politiker, die jeden Tag nach Panzern schreien, aber niemanden, der auf gleichem Niveau das Wohl unserer Eleven anklagt, es gibt auch keinen Ausschuss zur Förderung von Jugendlichen, die fast jeden Tag die Schlagzeilen dominieren.

Wir haben 100 Milliarden für die Bundeswehr, und 200 Milliarden für Deckel und Bremsen, aber kein Geld für Schulen.

Laut einer Studie hat heute schon jeder zehnte Jugendliche keinen Abschluss, da tickt eine Zeitbombe mit größerer Wirkung, als es ein paar neue Panzer je erwirken können.


Quote
plataoplomo #35

Und wenn jetzt 3/5 25.000€ im Jahr haben und 1/5 verdient 100.000€ im Jahr haben die Deutschen im Schnitt 38.000€ im Jahr und alles ist gut. So funktionieren Durchschnittswerte mit denen ständig versucht wird gesellschaftliche Realitäten zu schönen. Sei es Einkommen, Vermögen oder Wohnungsgrösse.


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tiomay #36

"Hohe Einkommen sind hingegen vor allem bei unabhängig Erwerbslosen häufig:..."

Jetzt lest diesen Satz nochmal ganz langsam. Und dann überlegen wir mal, warum er komisch klingt.


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silverbeard8 #36.1

Weil wir uns nicht vorstellen können, das jemand soviele Aktien, Wohnungen oder Wertpapiere besitzt, dass der Gewinn zum Leben reicht?

Frau Kladden bekommt im Jahr etwa 1 Milliarde Euro Dividende von ihren BMW Aktien...


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Aus Oaktown #45

10.800€. Mein Nettoeinkommen 2022 bei zwei Teilzeitjobs neben dem Vollzeitstudium. Nicht gerade viel zum Leben... (Und nein, ich war bisher nicht BAföG berechtigt, bekomme auch sonst keine finanzielle Unterstützung).


Quote
Kaffebohne #45.1

Yo so in etwas war das bei mir auch zu Studentenzeiten.


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jgbk #45.3

Zwingt Sie irgendwer zu studieren.
Ich habe mit 16 angefangen zu arbeiten.


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Sumpfmeise #52

Auch wenn ich jetzt gleich in diesem Forum ,,Dresche" beziehe, sage ich trotzdem, dass ich diese ständig neuen Artikel über ,,Armut" in Deutschland nicht mehr hören kann.
Meine Mutti bekommt etwas über 700 Euro Rente ( Krankenschwester in der DDR, geschieden) und meine schwerkranke Schwester (Optikerin) stehen ungefähr 800 Euro zur Verfügung. Doch sie würden sich nicht anmaßen, sich als arm zu bezeichnen, denn sie sind fähig zu differenzieren und wissen, dass man nicht arm ist, wenn man eine Wohnung hat, eine Krankenversicherung und jeden Tag etwas zu essen und zum anziehen.
Wir sind in Deutschland aufgrund unseres Wohlstandes dermaßen abgehoben, dass wir uns schon für arm halten, wenn wir selber kochen müssen und nicht täglich Fleisch auf dem Tisch ist. Wir halten uns auch für arm, wenn der Urlaub mal wegfallen muss oder wir im Winter einen Pullover anziehen müssen.
Schämen wir uns nicht vor dem Großteil der Erdebevölkerung, welche tagtäglich buchstäblich ums Überleben kämpfen müssen?


Quote
jgbk #52.1

Danke


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Flansi Hick #52.2

"Meine Mutti bekommt etwas über 700 Euro Rente ..."

Es würde mich trotzdem brennend interessieren,wie man davon eine Miete incl. Umlage plus Lebenshaltungskosten finanziert.Ich halte das für unmöglich und würde das auch definitv als arm bezeichnen.


Quote
tiomay #52.3

Isso, Grüße an die Beiden.


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jgbk #52.4

Offensichtlich funktioniert es.


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Sumpfmeise #52.5

340 Euro Miete und noch ca 100 Euro für Versicherungen, Telefon, Fernseher.
Zum Leben bleiben Ihr dann ca 250 Euro übrig. Zudem hat sie in ihrem Arbeitsleben einige Euro gespart, da sie ja wusste, dass sie im Alter mal arm ist.
Als Kriegskind weiß sie, was Armut ist. Immer wieder höre ich von ihr den Satz; ,,ich habe doch alles, es gibt so viel Elend in der Welt". Aber sie war Krankenschwester und damit fähig zum Altruismus, zu Empathie und Bescheidenheit.

Von ihrem Gesparten ist übrigens mittlerweile nichts mehr übrig. Mit dem bissel Geld ist sie immer eine Woche in den Harz zum wandern gefahren. Nun ist sie zu alt dafür.

Und ja, es funtioniert, wenn man immer wenig Geld hatte, zum improvisieren fähig ist und ideelle Werte vor materielle Werte stellt. Vieles kann man leihen, etliche Kulturveranstaltungen sind kostenlos und wer gesund ist, kann vieles zu Fuß oder mit dem Rad unternehmen.
Schwierig wird es bei Krankheit, wenn man auf Hilfe und/oder auf kostspielige Mobilität angewiesen ist.

... Natürlich wird mein Hunger nicht besser, wenn ich weiß, dass woanders Menschen verhungern. Aber wir führen mittlerweile in Deutschland abstruse Diskussionen, statt den wirklich Bedürftigen zu helfen. Sich einen Urlaub nicht mehr leisten zu können oder auf den einen oder anderen Gaststättenbesuch verzichten zu müssen, ist keine Armut.


Quote
silverbeard8 #52.23

// Schämen wir uns nicht vor dem Großteil der Erdebevölkerung, welche tagtäglich buchstäblich ums Überleben kämpfen müssen? //

Nein, ich schäme mich nicht!

Ja, es ist traurig, dass es viele Länder gibt, in denen man einfach auf der Stasse verhungern kann.

Trotzdem leben wir in einem der 4 reichsten Ländern der Welt.
Wenn es bei uns unmöglich ist, von einem notwendigen Vollzeitjob ohne zusätzliche Sozialhilfe zu leben, wo sollte da dann sonst gehen?
Und dabei geht es nicht darum einen Urlaub zu bezahlen, sondern die Miete.

Andererseits erlebe ich, dass unsere Gutverdiener uns alle mit CumEx um 50 Milliarden Euro Steuern betrogen haben, ohne schlechtes Gewissen.
Die beiden reichsten Familien in Deutschland besitzen soviel wie 42 Millionen Deutsche.

Warum sollte ich mit soviel Ungleichheit und so wenig Solidarität zufrieden sein? Damit sich ein paar Leute noch mehr Aktien kaufen können?

Ich weiß übrigens nicht, wo man mit 700€ im Monat leben kann in Deutschland. In meiner Gemeinde reicht das vielleicht für die Warmmiete, ausser man will in einem umgebauten Keller oder einer Garage leben. Für Strom und Essen braucht man zusätzlich Geld. ...


Quote
MaBaGa #54

Vielleicht auch mal eine andere Sichtweise. Ich persönlich (Betreuung eines Querschnittsgelähmten im Privathaushalt) verdiene ca. 18.000/Jahr also ca. 1.500/Monat netto.
Kostenträger ist bei uns am Ende der Bezirk Oberbayern. Dieses Jahr gab es eine “satte” Lohnerhöhung um ca. 3,4 % was … sagen wir mal sehr überschaubar war. Die Kennziffern zur Inflationsrate kennen ja alle.

Gut, ich habe vielleicht eine andere Einstellung, weil ich mich noch nie auf den Staat verlassen habe/wollte.
Wie auch immer, wenn diese dilettantische Politik so weiter geht … im Zweifel muss/kann ich dann halt Bürgergeld in Anspruch nehmen, wenn mir bei Vollzeitarbeit sonst weniger bleibt

Reizvoller Gedanke, aber mache ich nicht, mein Schützling muss ja trotz allem versorgt bleiben. Könnte man dann soziale Verantwortung nennen.


Quote
tiomay #56

"Dies mache deutlich, wie wichtig die Erhöhung des Mindestlohns gewesen sei."

Nö - in einer Inflation einen weiteren Preis, nämlich den für Arbeitsleistung, künstlich zu erhöhen, hilft eigentlich keinem außer ebenjener Inflation.


Quote
Roden #56.4

Aus der Vogelperspektive mag sowas glasklar aussehen. Nur nutzt einem diese Erkenntnis nicht viel, wenn man vom Einkommen her sowieso schon am Abgrund steht.


Quote
Si Vis Pacem Destroy Fascism #57

"Die Daten zur Einkommensverteilung zeigen, dass große Teile der Bevölkerung mit wenig Einkommen auskommen müssen"

Großen Teilen der Bevölkerung sind aber offensichtlich damit zufrieden, denn große Teile der Bevölkerung haben 16 Jahre lang immer wieder die Parteien gewählt die für immer weniger (Netto-)Einkommen bei immer größeren Teilen der Bevölkerung gesorgt haben.

Diese Teile sollten sich daher jetzt besser nicht beschweren.


Quote
tiomay #57.1

Große Teile der Bevölkerung empfinden sich auch nicht als "arm". Noch nicht mal als Deutschland-arm, was zu generellem arm ein Unterschied sein dürfte.


Quote
NochNeMeinung #62

Ja, was soll denn das Geheule. Immerhin ist Einkommen doch erst ab 10000 EUR im Jahr steuerpflichtig. Da wird man doch wohl von satten 20000 EUR läppische 2207 EUR abgeben können. Das ist immerhin noch weniger als die Zinsabschlagssteuer auf Millionendividenden. Natürlich könnte man Dividenden genauso wie sonstiges Spitzeneinkommen versteueren, aber das würde den Reichen doch das weitere Reicherwerden ziemlich erschweren. Und damit nicht alle arm sind, müssen eben auch Opfer gebracht werden.


Quote
Hieruntenisteskalt #62.1

Bitte kennzeichnen Sie Ihren Beitrag als Satire.


Quote
Addy9875 #62.2

In diesem Fall war sie mal deutlich zu erkennen.


Quote
Gghjd #64

Was bleibt denn netto von einem Monatsgehalt mit Mindestlohn?


Quote
Addy9875 #64.1

Für einen Single ohne Kinder ca. 1440€ im Monat bei 12€/h und durchschnittlich 21 Arbeitstagen a 8h pro Monat.
Also 17280€ pro Jahr.


Quote
rev0luzzer #69

"16.300 Euro – diese oder eine geringere Summe steht einem Fünftel der Menschen in Deutschland pro Jahr als Nettoeinkommen zur Verfügung. "

Wer sind diese Menschen? Um die Ursachen zu bekämpfen, fehlen entscheidende Informationen wie Bildungsgrad und Herkunft.
Fakt ist, dass wir in den letzten Jahren vermehrt eine arme* bildungsferne** Zuwanderung erlebten.
Das erklärt zwar nicht komplett die Situation für 1/5 der Bevölkerung, ist aber dennoch signifikant. Ein Indiz ist dabei der hohe Migrationsanteil beim H4-Bezug.

* relativ zum Median in Deutschland
** relativ zum Median in Deutschland


Quote
E_Dantes #69.3

Das sind unter anderem mit 50 arbeitslos gewordene Akademiker und Fachleute, die keinen adäquaten Job mehr fanden und in den Niedriglohnsektor sanktioniert wurden. Besonders viele davon im Osten, da dort nicht so viele qualifikationsgerechte Jobs zur Verfügung stehen. Und: nicht alle können in den goldenen Westen ziehen...
Merke: im Niedriglohnsektor arbeiten nicht nur ungebildete!


Quote
Si Vis Pacem Destroy Fascism #69.5

"Fakt ist, dass wir in den letzten Jahren vermehrt eine arme* bildungsferne** Zuwanderung erlebten."

Fakt ist auch dass mein Ofenbauer seit Jahren keinen brauchbaren Azubi findet, auch keinen Biodeutschen mit Ariernachweis. Diese Kandidaten nutzen ihre reiche Bildungsnähe, sofern vorhanden, nur dazu kreative Ausreden zu erfinden warum bei ihnen die Arbeitswoche immer erst dienstags mittag beginnen kann und nicht Montag früh um 7:30.


...
« Last Edit: October 06, 2022, 12:18:42 PM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #1338 on: October 08, 2022, 12:10:30 PM »

Quote
[...] Die Konsumflaute macht Deutschlands letztem großen Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof offenbar schwer zu schaffen. Die Handelskette teilte mit, sie habe angesichts der wirtschaftlich angespannten Situation den nach dem Zusammenschluss von Karstadt und Kaufhof geschlossenen Integrationstarifvertrag mit der Gewerkschaft Verdi einseitig gekündigt. Ziel sei es, das Unternehmen "wieder insgesamt nachhaltig zu stabilisieren".

Die Möglichkeit zu diesem Schritt sei für solche Fälle im Tarifvertrag ausdrücklich vorgesehen, betonte das Unternehmen. Das bedeute aber nicht, dass Galeria nun nicht mehr tarifgebunden sei, hieß es weiter. Die Folge dieser Kündigung sei zum einen das "Einfrieren" der Vergütung auf dem aktuellen Lohnniveau und zum anderen die Verpflichtung, mit Verdi zu verhandeln, um den Tarifweg nunmehr an die neue Situation anzupassen.

Der Tarifvertrag war nach der Fusion von Karstadt und Kaufhof unterzeichnet worden und sicherte nicht nur den Erhalt von Standorten, sondern auch Entgeltsteigerungen für die Mitarbeiter analog zum Flächentarifvertrag.

Der Galeria-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Jürgen Ettl sagte, dass der Schritt keine unmittelbaren Auswirkungen habe. Doch werde die eigentlich vorgesehene schrittweise Annäherung der Löhne und Gehälter an das Tarifniveau damit erst einmal gestört.


Aus: "Galeria Karstadt Kaufhof kündigt Tarifvereinbarung" (07.10.2022)
Quelle: https://www.n-tv.de/wirtschaft/Galeria-Karstadt-Kaufhof-kuendigt-Tarifvereinbarung-article23636520.html

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« Reply #1339 on: October 10, 2022, 12:19:30 PM »

Quote
[...] Annie Ernaux schreibt, wie sie selbst einmal sagte, „im Imparfait, in einer fortgeschrittenen Vergangenheit, die die Gegenwart verschlingt“. Und doch war sie mir die wichtigste Inspirationsquelle. Weil ihre Bücher zeigen, dass es in Ordnung ist, literarisch „Ich“ zu sagen und sich von diesem „Ich“ nicht in der Pose des genialischen Schriftstellers zu distanzieren. Weil Ernaux beweist, dass in der Literatur eigentlich immer jene Geschichten am besten sind, die man einander nicht unbedingt bei einem netten Abendessen berichten würde. Vor allem aber, weil sie demonstriert, wie wichtig die literarische Parteinahme für diejenigen ist, die in der Kultur über lange Zeit hinweg systematisch unsichtbar gemacht worden waren.

Das setzt sich konsequent fort, wenn sie als Intellektuelle auftritt. Immer nimmt sie die Perspektive ihrer Herkunftsklasse ein. Das wirkt manchmal verkürzt, aber dafür rücken marginalisierte Stimmen ins Licht der Öffentlichkeit. Im Interview mit der Zeit sprach sie sich 2018 etwa für die Unterstützung der französischen Gelbwesten aus, die in den deutschsprachigen Leitmedien mit allerlei Stereotypen über „die bildungsferne Unterschicht“ bedacht worden waren. Unter anderem sagte Ernaux: „Ich finde es sehr einleuchtend, wenn die Gelbwesten sagen, ihr kümmert euch ums Ende der Welt, aber nicht ums Ende des Monats, an dem uns das Geld ausgeht.“ Zu militanten Aktionen auf den Champs-Élysées sagte sie, dort werde kein Pullover unter 500 Euro angeboten: „Wenn man so lange nicht gehört wird, ist offensichtliche Gewalt vielleicht nicht gerade gerechtfertigt, aber verständlich. Ich habe wegen dieser Boutiquen und Banken nicht allzu viele Tränen vergossen.“

...


Aus: "Literaturnobelpreis für Annie Ernaux: Eine Frau ihrer Klasse"Christian Baron (06.10.2022)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/cbaron/literaturnobelpreis-fuer-annie-ernaux-eine-frau-ihrer-klasse

https://de.wikipedia.org/wiki/Annie_Ernaux
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« Reply #1340 on: October 14, 2022, 11:31:03 AM »

Quote
[...] Das Bürgertum verlangte von Beginn an nach musischer Häuslichkeit.

Cosima Lutz - geboren 1974 in Pegnitz, studierte Literatur-, Theater- und Politikwissenschaften in Erlangen und Wien. ...

Der Knall muss sehr laut gewesen sein. Von hinten hatte sich der Kunstprofessor an sein Dienstmädchen herangeschlichen, in seiner großzügigen Wohnung im Babylon-Berlin der Zwanzigerjahre. Seine Gattin, eine griechische Pianistin, war gerade außer Haus. Die junge Frau stand auf einer Leiter und hängte die schweren Vorhänge auf, und er griff ihr unter den Rock, lag ja nahe. Blitzschnell drehte sie sich um, so erzählt es mein Vater, und verpasste dem Ästheten eine Ohrfeige, die sich, wie man so schön sagt, gewaschen hatte. Daraufhin war sie ihren Job los.

Ohne meine Großmutter, die mit ihren drahtigen Terminator-Armen zwei Jahre lang in diesem Pianistinnen-Haushalt gearbeitet hat, hätte ich vielleicht nie Klavierspielen gelernt. Und ohne eine Schlachtschüssel, doch dazu später. Ausgerechnet sie, ein fränkisches Mädchen vom Dorf, war es, die das Höhere-Töchter-Instrument schlechthin in unsere Familie brachte. Jenes, auf dem später ihre bürgerliche Schwiegertochter, meine Mutter, bis zuletzt spielte. Und auf dem auch ich, noch später, ein paar Lieblingsstücke lernte, die ich bis heute auswendig kann, als wären sie mit mir verwachsen.

Dieses "Frau-und-Klavier-Ding", wie es die US-amerikanische Singer-Songwriterin Tori Amos einmal nannte, ist schon eine seltsam innigliche Angelegenheit. Eine, wie es scheint, natürliche Verbindung aus Holz und Blut und Fleisch und Elfenbein. Aber was heißt "natürlich"?

Was für ein Mädchen "natürlich" ist und was nicht, überhaupt die Kategorie des Natürlichen als Maßstab fürs Geschlecht, legte das männliche Bürgertum Ende des 18. Jahrhunderts für alle Lebensbereiche sehr genau fest. Die Norm für musizierende Frauen prägte vor allem der Philologe, Pfarrer und Komponist Carl Ludwig Junker (1748 bis 1797) durch seine 1784 publizierte Abhandlung Vom Kostüm des Frauenzimmer Spielens ("Kostüm" meinte hier Sitte, Praxis). Demnach hatte eine Frau schon aus Schicklichkeitsgründen keinesfalls knautsch- oder schmallippig in ein Blasinstrument hineinzupusten oder wild wedelnd einen Bogen zu führen, womöglich noch gar breitbeinig auf einem Cello. Das alles hätte erstens ihrem zugewiesenen "Geschlechtscharakter" widersprochen, der Ruhe und Anmut auszustrahlen hatte. Zweitens hätte ein solch aufrüttelnder Anblick vom höheren Sinn des Werks abgelenkt, ja es geradezu "entwertet".

Praktischerweise ließ die unpraktische Damenmode mit ihren Korsetts, künstlich verbreiterten Hüften und steifen Ärmeln ohnehin kaum Waghalsigeres zu als das züchtig nur mit Fingerspitzen und Füßchen zu berührende Klavier. Eine weitere schickliche Ausnahme war die Laute: Die lag, wie die ausgebildete Flötistin und Publizistin Freia Hoffmann in ihrem Buch Instrument und Körper – Die musizierende Frau in der bürgerlichen Kultur (1991) schreibt, so ruhig im Schoß wie ein zu wiegendes Baby. Bürgerliches Rollenprofil "Frau = Mutter" erfüllt!

Adelige Damen ließen sich hingegen ungeniert mit Bass-Gambe, Geige und anderen Instrumenten in Rock'n'Rollerinnen-Pose für die Nachwelt abbilden. Genau darum ging es den Bürgerlichen: sich mittels Klavier abzugrenzen von "denen da oben" mit ihren ausschweifenden Sitten. Aber auch nach unten, vom lauten Gefiedel, Geschepper und Getröte der einfachen Leute.

Das zu ausdifferenziertem Wohlklang von piano bis forte fähige Klavier war die Mitte. Noch 1842 schrieb der Klavierpädagoge Carl Czerny – der Name klingelt manchen unangenehm in den Ohren –, dieses Instrument stehe "insbesondere für das schöne Geschlecht beinahe als das einzige schicklich Brauchbare" da. Abgesehen von ein paar Ausnahmen setzte sich diese Norm durch: 90 Prozent aller Instrumentalistinnen, die bis 1850 in Konzerten auftraten, fand Freia Hoffmann heraus, taten dies am Klavier. Weibliches Pianospiel war vor allem obligatorischer Bestandteil der neuen bürgerlichen Geselligkeit: Für die Hausmusik habe in jedem Haushalt, "der Anspruch auf kulturelles Niveau erhob", mindestens eine Pianistin zur Verfügung gestanden. Das Klavier als repräsentatives Möbelstück war manchmal sogar multifunktional auch als Schminkkommode zu verwenden.

Blickt man auf die im September veröffentlichte MaLisa-Recherche, hat sich seit dem 19. Jahrhundert offenbar nicht viel geändert, was das außerhäusliche Musizieren angeht: Die Musik in den deutschen Charts wird zu mehr als 85 Prozent von Männern komponiert, auf den Festivalbühnen liegt die Beteiligung von Musikerinnen bei unter zehn Prozent.

Ein Klavier, erst recht ein Flügel, war schwer und band die Frau zusätzlich ans Haus. Ihr Spiel sollte dem Hausherrn zur Ehre gereichen, doch das Können der Gäste durfte nicht in den Schatten gestellt werden. Das Klavier spielte dabei, nun ja, oft die zweite Geige: Gattin oder höhere Tochter begleiteten am Piano Gesangsdarbietungen oder die Violine, und zwar möglichst unter Vermeidung jeglicher Lang-Lang-Grimassen und orgiastischer Tori-Amos-Gebärden. Leidenschaft auszudrücken, das war den Männern vorbehalten: Sie durften als Solisten die ganze Palette interpretatorischer Möglichkeiten ausschöpfen, vom Gefühlvollen bis zum Kämpferischen. Für die Frau hingegen war im Grunde nur das sanfte Register erlaubt. Das erzeugte ein unlösbares Dilemma: Virtuosinnen, die mindestens so kraftvoll in die Tasten griffen wie ihre Kollegen, wurden von zeitgenössischen Musikkritikern schon mal als Mannweiber verunglimpft. Spielten sie dagegen zurückhaltend und entsprachen somit der Rollenerwartung an eine Frau, hieß es, sie seien der männlichen Komposition eben nicht gewachsen.

Unter der Hand aber eröffnete das Klavier den vermeintlich stillgestellten Frauen auch eine neue Welt: Sie lernten am Klavier Musiktheorie und Komposition und konnten dadurch in Berufe einsteigen, die ihnen zuvor weitgehend verwehrt waren, sei es als Musiklehrerin oder als Komponistin. Sogenannte Dilettantinnen auf der Grenzlinie zwischen privatem und öffentlichem Raum, aber auch professionelle Pianistinnen prägten das musikalische Geschehen in Metropolen wie Wien oder Leipzig. Stars waren die blinde Maria Theresia Paradis, über deren Leben Barbara Albert einen das Sehen und Darbieten vielschichtig beleuchtenden Film Licht gedreht hat; oder Clara Schumann, aus deren Emanzipationsgeschichte Helma Sanders-Brahms das Kostüm-Melodram Geliebte Clara beigesteuert hat.

Was wird im Kino nicht alles hineingewuchtet in das Klavier und seine Beherrschung: Leistungsdenken, Erotik, psychische Ausnahmezustände, Familienzusammenführungen und immer wieder in Kombination alles dessen die Integration ausgegrenzter oder verhaltensauffälliger junger Menschen in die Gesellschaft. Da gibt es neben Vier Minuten von Chris Kraus  Für Elise von Wolfgang Dinslage natürlich auch einige Mann-und-Klavier-Filme, etwa Jacques Audiards Der wilde Schlag meines Herzens oder Der Klavierspieler vom Gare du Nord von Ludovic Bernard.

Doch gerade der Film läuft Gefahr, den alten male gaze zu reproduzieren. Zugleich kann er wie kein anderes Medium das Frau-und-Klavier-Ding auch anders erzählen. Weil er als Bild-und-Klang-Medium alle Aspekte des Instruments für seine Erzählung nutzen kann. Und zugleich die patriarchale Tradition der Frau als Bild in seiner Geschichte fest verankert hat, was zum Bruch und Spiel damit einlädt – oder zur Fortschreibung.

Räkelt sich 1989 Michelle Pfeiffer noch dekorativ auf dem vom Mann bespielten Flügel in Steve Kloves' Die fabelhaften Baker Boys, nimmt die Sache mit Jane Campions Das Piano eine etwas andere körperliche Wendung: Holly Hunter wird ein Finger abgehackt, nachdem sie mittels herausgelöster Klaviertaste eine Liebesbotschaft an ihren Lover gesandt hat. Dass sie, die Verstummte, mit der Taste symbolisch auch ihren Körper verschenkt, inspiriert ihren eifersüchtigen Mann zum bedauerlichen fortissimo auf seiner Gefühlsklaviatur mittels Axt.

Viel pointierter noch setzt Campion in ihrem aktuellen, Oscar-prämierten Film The Power of the Dog das bürgerliche Frau-und-Klavier-Ding in Szene. Sie erschafft darin sogar einen Gegenentwurf zu ihrem Erfolg Das Piano. Wieder erzählt sie von weiblicher Unterwerfung und Selbstbehauptung über das Verhältnis einer Frau zum Klavier. Während jedoch in Das Piano eine Verstummte durch das von ihr heftig begehrte Instrument zum Selbstausdruck findet, führt in The Power of the Dog das aufgenötigte Klavierspiel direkt in das Verstummen. Dies erzählt die Regisseurin in einer tragikomischen Persiflage auf ein Western-Duell: Rose, gespielt von Kirsten Dunst, eine einfache Frau, die früher zu Kinovorführungen klimperte, bekommt zu ihrem großen Schrecken von ihrem um Bürgerlichkeit bemühten Mann einen Stutzflügel geschenkt. Um sich auf hohen Besuch vorzubereiten, übt sie verzweifelt den Radetzkymarsch, heimlich belauscht von Benedict Cumberbatch, der ihren alles Bürgerliche und Weibliche hassenden Schwager spielt. Man sieht, wie beim Duell, erst nur seine Sporen. Buchstäblich von oben herab, vom Treppenabsatz aus, äfft er am Banjo dieselbe Melodie nach, schmückt sie virtuos aus, spielt die Möchtegern-Bürgerliche nieder. Ihr Sohn wird sie blutig rächen. Wie es generell nicht zu empfehlen ist, Frauen beim Klavierspiel und in ihrem Begehren zu stören. Blut fließt deshalb auch reichlich in Michael Hanekes Die Klavierspielerin; in Ursula Meiers La Ligne hat eine am Pianistinnenleben gehinderte Mutter eine gewalttätige Pianistinnentochter am Hals. Das Unterdrückte – Klassiker! – kommt zurück. Ein absichtlich zerbrochener Geigenbogen ist in Jan-Ole Gersters Lara nur das Äußerste an sichtbarer Gewalt, aber auch hier tobt sich eine verhinderte Pianistinnenlaufbahn in einer sich reproduzierenden dysfunktionalen familiären Verkettung aus. Und warum? Weil ein Professor reingepfuscht hat.

Ich gebe zu, einige Frau-und-Klavier-Filme reizen bei mir hochgradig den Czerny-Nerv. Nicht nur wegen ihres oft bemühten Scores aus Schlicht-Geklimper, das treuherzig als gefühlvolle Virtuosität verkauft und von Corinna Harfouch als Lara zu Recht als "musikantisch" und "gefällig" gegeißelt wird. Sondern auch wegen der "emotionalen" Verflachung des Themas, als ginge es dabei nicht auch um den Intellekt. Eine löbliche Ausnahme neben Lara oder The Power of the Dog ist Karim Aïnouz' Drama Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão: Hier bringt die Komposition Benedikt Schiefers etwas sacht Widerständiges schon in die Musik selbst, als sei sie eine Mittlerin zwischen den Natursounds und den im Film von einer der Schwestern gespielten Stücken von Grieg, Chopin und Liszt. Die Aufteilung des Frau-und-Klavier-Dings auf zwei Schwestern bietet zudem die Möglichkeit, pointiert vom Kontrollieren und Auslöschen weiblicher Selbstbestimmung sowohl im Körperlichen als auch im Künstlerischen zu erzählen. Es wäre verfehlt, wie die feministische Autorin Caroline Criado Perez das Klavier per se als sexistisches Instrument zu verstehen. Wie sie in Unsichtbare Frauen: Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert behauptet, seien die Tasten für Männerhände geschaffen, Frauen am Klavier also schon deshalb strukturell benachteiligt. Was für Sitzgurte und Bohrmaschinen zutrifft, ist bei der Klaviatur, deren Größe dem mechanischen Innenleben geschuldet ist, nicht nur zweifelhaft, sonst wären wohl kaum Kinder zu beeindruckenden Leistungen fähig. Caroline Criado Perez wiederholt auch alte Zuschreibungen. Denn wie Junker anno 1784 argumentiert sie mit angeblich "natürlichen" Voraussetzungen, nur dass sie der Frau damit indirekt die Eignung fürs Klavier abspricht, in bester Absicht.

Meine Großmutter übrigens, der das Spiel ihrer Berliner Dienstherrin am Flügel so gut gefallen hatte, kehrte nach Franken zurück, heiratete und bekam ein Kind, meinen Vater. Sie wollte ein Klavier. Nicht etwa, um selbst darauf zu spielen. Sondern um es zu hören. Sie fand, dass ihr musikalischer Sohn das Instrument lernen sollte. Eine alte Nachbarin hatte ein Blüthner-Klavier zu verkaufen. Nur Geld war keins da. Aber bei einer Verwandten im Nachbardorf würde es demnächst Schlachtschüssel geben. Wäre das etwas, Blüthner gegen Blutwurst? Der Deal war abgemacht. So lernte mein Vater auf dem Rücken bedauernswerter Schweine und Rinder das Klavierspiel.

Dieses Klavier mopsten dann nach dem Zweiten Weltkrieg US-Soldaten. Die kleine Familie hatte die Wohnung zu räumen, um Platz für die Alliierten zu machen, das Instrument blieb zunächst zurück. Als meine Großmutter es holen wollte, war es weg. Wild entschlossen fragte sie sich durch, erfuhr, dass es einige Kilometer entfernt in einer Kaserne stand, verschaffte sich dort – ohne ein Wort Englisch zu sprechen – Einlass und rauschte geradewegs bis zum Chef durch. Ihr Auftritt war so überzeugend, dass sich die GIs nicht nur sofort bereit erklärten, ihr das Piano zurückzugeben, sondern es auch eigenhändig zurücktransportierten.

Hätte mein Vater dann nicht Klavierunterricht bekommen, hätte er dort auch nicht seine spätere Frau kennengelernt, meine Mutter. Die Aufnahmeprüfung am Konservatorium hatte sie schon bestanden, doch hatten ihr die Eltern, ein nach dem Krieg "verstummtes" (wie meine Mutter sagte) Lehrerehepaar, trotz eigener künstlerischer Neigungen verboten, Musikerin zu werden. Also lernte sie Krankengymnastin. Meine Oma, die eisern zu sparen verstand, legte ihrer Schwiegertochter den nötigen Betrag zur Anschaffung eines eigenen Instruments aus. Der Weg des Klaviers in unsere Familie war matrilinear.

Es war ein einfaches, aber wunderschön orange glänzendes, in den Höhen wie den Tiefen warm und klar klingendes Instrument. Für mich ist es bis heute so etwas wie die Stimme meiner Mutter. Es gibt ein Foto, auf dem sie hochschwanger an den Tasten sitzt und sich lachend umdreht. Manchmal, wenn die Hausarbeit erledigt war, ließ sie ihre schlanken Hände aufgeweicht vom Putzwasser über die Tasten gleiten. Wenigstens ein bisschen noch.

Im Film Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão sagt die Pianistin Eurídice, sie liebe es, beim Klavierspielen zu verschwinden. Das perfide Komplizentum des Klaviers besteht ja gerade darin, dass es ein Der-Welt-Abhandenkommen ermöglicht. Denn in diesem Abhandenkommen liegt die Chance, dem Eigentlichen, Ungebändigten und vor allem: selbst Erschaffenem Ausdruck zu geben.

Eines der kürzesten Gedichte meiner Mutter geht so: "Gestern siebzehn Uhr habe ich seit Langem wieder einmal auf meinem geliebten Klavier" – an dieser Stelle ließ sie eine Lücke von zwei Zeilen – "Staub gewischt." Als ihr Gedächtnis schwand, Worte und Namen verblassten, ließ sie weiterhin ihren Schumann und Haydn erklingen, und das ließ sie da sein, bis zuletzt. Für sie war das Instrument offenbar ein wohlwollendes männliches Wesen. Nach ihrem Tod fanden wir einen Notizzettel mit ihrer unsicher gewordenen, aber immer noch charaktervoll geschwungenen Handschrift: "Mein liebes Klavier, mein Freund. Bringst mir Freude und Erinnerung."



Aus: "Eine seltsam innigliche Angelegenheit" Cosima Lutz (13. Oktober 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2022-10/klavier-frauen-buergertum-the-piano-jane-campion/komplettansicht

Quote
FlorindaGrove #3

Ein schöner Artikel! Auch heute noch gehört das Lernen eines Instrumentes für mich zur „bürgerlichen“ Erziehung dazu…..ich selbst „musste“ Klavier lernen, da meine Großeltern zu arm waren, um meiner Mutter Unterricht geben lassen zu können, also musste ich das dann stellvertretend für sie übernehmen. Leider habe ich zwar viel Liebe für dieses Instrument, aber nur sehr wenig Talent.

Zum Glück - endlich in der dritten Generation - ist da mein Sohn, der auf eigenen Wunsch im Alter von 5 Jahren mit dem Klavierspiel begann und bei dem Talent und Freude zusammenkommen….es gibt für mich nichts Schöneres, als das von Klaviermusik durchflutete Haus.


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« Reply #1341 on: October 19, 2022, 10:35:21 AM »

Quote
[...] An diesem nationalen Streiktag in Frankreich verpasst Damien seine übermäßig lange Mittagspause. Seit einigen Monaten muss der Hafenarbeiter von Marseille zwischen elf und 15.15 Uhr, also vier Stunden und 15 Minuten lang Pause machen. Das bedeutet, er verlässt frühmorgens seine Wohnung und betritt sie erst wieder bei Einbruch der Dunkelheit. In Frankreichs größtem Hafen lotst Damien täglich Hunderte Urlauberinnen und Geschäftsleute auf große Personenschiffe – "mitten in den Abgasen", wie er sagt.

Bezahlt wird ihm dafür der französische Mindestlohn von elf Euro. "Unsere Arbeitsbedingungen verschlechtern sich von Jahr zu Jahr", sagt der jungenhafte 33-Jährige. Wie viele hier möchte er anonym bleiben. Viele Streikende fürchten um ihre befristeten Verträge. "Ich kann nur hoffen, dass wir Niedriglöhner uns zusammentun", sagt Damien.

Von einem gemeinsamen Kampf träumt seine Gewerkschaft CGT schon lange, und am Dienstag haben tatsächlich viele Berufsgruppen ihre Arbeit niedergelegt: Lehrerinnen, Arbeiter in Atomkraftwerken, Schaffner, die Angestellten in Kantinen und Kindertagesstätten und Krankenschwestern schlossen sich dem Aufruf an. Hafen- und Raffineriearbeiter demonstrierten zusammen in Martigues, rund 30 Kilometer von Marseille entfernt. Sie fordern zehn Prozent mehr Lohn – "bescheiden" nennt dies die Gewerkschaft, weil ihr CEO sein Gehalt um 50 Prozent erhöht habe. 

Zu den Streikenden nach Martigues zu gelangen, ist allerdings nicht leicht: Ein Taxifahrer winkt ab – zu weit, er wolle nicht schon wieder an einer Tankstelle anstehen. Denn seitdem die Gewerkschaft CGT vor 14 Tagen zum Streik aufgerufen hat, um für höheren Lohn in der profitablen Ölbranche zu kämpfen, fehlt in mehr als einem Drittel der Tankstellen Benzin oder Diesel. Manche schließen, an anderen bilden sich Hunderte Meter lange Schlangen.

Am Hauptbahnhof in Marseille hat man einen weiten Blick über die acht Kilometer lange Industriezone am Mittelmeer, die Altstadt und die goldene Statue über dem Fischereihafen. Hier streiken die Bahnangestellten, nur jeder zweite Lokführer arbeitet an diesem Tag. Viele Regionalzüge fallen deshalb aus. Sie stehen oft deshalb hier, weil die Regierung vor wenigen Tagen einige der streikenden Raffineriearbeiter zur Arbeit zwang: Sie wurden frühmorgens von der Polizei abgeholt und zu den Raffinerien gebracht, um dort wieder Sprit herzustellen.

Zugführerin Charlotte Marin, sagt: "Die Zwangsarbeit ist eine ungeheure Attacke auf unser Streikrecht." Die junge Frau in der Jeansjacke sagt, auch ihr Gehalt müsse angehoben werden, sie habe zuletzt nur 1,4 Prozent mehr erhalten, weit unter der aktuellen Inflation von sechs Prozent. "Ich habe keinen Rhythmus mehr im Leben. Manchmal fange ich um drei Uhr morgens an zu arbeiten und am nächsten Tag um 19 Uhr."

Vom Bahnhof geht es also zu Fuß durch Marseille. Andere sind an diesem sonnigen Morgen wegen der Streiks mit dem Fahrrad unterwegs. Auf den Boulevards hinab zum Mittelmeer demonstrieren viele verschiedene Gruppen, etwa Oberschüler und ihre Lehrerinnen. "Fuck die Reform des lycée", ist auf einem Pappschild zu lesen.

Auf den Mauern des Hafens wurde ein Graffito gesprüht, mit einem verunstalteten Gesicht von Präsident Emmanuel Macron. Am Gewerkschaftsgebäude hängen noch Plakate von vergangenen Streiks für höhere Löhne. Hier an den Docks in Marseille war die Gewerkschaft schon immer stark – und die Arbeit hart. Es ist ein ungemütlicher Ort, mehr als zehn Millionen Tonnen Rohöl und chemische Stoffe werden am Hafen jährlich umgeschlagen, 200.000 Container verladen. Es riecht wie an einer Tankstelle. Täglich fahren hier zudem Schiffe mit Tausenden Personen an Bord zur französischen Insel Korsika und den nordafrikanischen Staaten. Die Autoschlange für die Abfahrt nach Algerien schiebt sich nur langsam vorwärts, auf vielen Dächern sind Matratzen und Möbel geschnallt, die Hafenautobahn donnert in 30 Meter Höhe über die Passagiere hinweg.

Ahmed kommt gerade aus einer der stählernen Sicherheitstüren, er ist etwas spät dran für die Demonstration in Martigues. "Gucken Sie sich um", sagt der Elektriker im roten Overall, "wir sind hier alle Tagelöhner wie im Mittelalter." Die meisten hätten befristete oder Saisonverträge für den Sommer, müssten am Wochenende und in der Nacht arbeiten und verdienten kaum mehr als den Mindestlohn. Früher habe er sich mittags mit den Kollegen ein Gericht im Restaurant oder einen Snack in der Bäckerei geleistet, heute bringe jeder sein belegtes Baguette mit. Aber das interessiere die da oben nicht, sagt er und zeigt mit ölverschmiertem Finger auf das stählern blitzende Verwaltungsgebäude des Hafens.

Auch die Regierung schien sich lange nicht für die Forderungen der Gewerkschaften zu interessieren. Stets beklagten sie in den vergangenen zwei Wochen die "Blockade" des öffentlichen Lebens und die "Geiselhaft", in die die Raffineriearbeiter die Bürgerinnen nehmen würden. Am frühen Morgen dieses Streiktages nun forderte die Regierung zum ersten Mal die Manager großer Firmen auf, das Gehalt zu erhöhen. "Wir haben ein Lohn-Problem", sagte Innenminister Gérard Darmanin in einem Radiointerview. Ein Arbeiter sollte einen gerechten Lohn erhalten.

Ist das schon ein kleiner Gewinn der Streikenden? "Sie wollen nur verhindern, dass wir weiter revoltieren", sagt Damien, der Autoeinweiser. Noch bis zum Abend stimmten die Beschäftigten in den Betrieben ab, ob sie erneut die Arbeit niederlegen wollen. Viele hier beklagen, wie "dreckig" und "giftig" ihr Job sei.

Als er hier vor 13 Jahren anfing zu arbeiten, erzählt Damien, habe er ab und zu nach seinen Schichten ein Wattestäbchen in die Nase gesteckt – und schwarz vor Schmutz wieder herausgezogen. "Die Abgase hier, das Schweröl, das muss mir auch erst mal einer ausgleichen", sagt er. Seine überlange Pause versucht er inzwischen zu verschlafen: Häufig döse er mittags auf einer Parkbank in der Sonne, um die Zeit zu überbrücken. So könne er abends wenigstens länger wach bleiben.


Aus: "Streik in Frankreich: "Wir sind hier alle Tagelöhner wie im Mittelalter"" Eine Reportage von Annika Joeres, Marseille (18. Oktober 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2022-10/streik-frankreich-raffinerie-hafen-gehalt/komplettansicht

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Kapaster d.J. #2

Ich habe wenig bis gar kein Verständnis für Leute, die die jetzige Krise für Arbeitskämpfe ausnutzen.
Schon gar nicht im Energiebereich.


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Archibald555 #2.1

"Schon gar nicht im Energiebereich."

Wenn ihnen dieser Bereich wichtig ist, warum wollen sie die Leute nicht anständig bezahlen?


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WerOhneIdeologieIstWerfeDenErstenStein #2.3

Genau so ein schwaches Argument wie: Bitte bestreikt den Zugverkehr doch nur dann, wenn die Züge am wenigstens ausgelastet sind.
Streiks müssen wehtun und unangenehmen sein, um Wirkung zu erzielen.


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Kapaster d.J. #2.5

Ok, ich bin Arzt. Ich warte mit meinem Streik, bis Sie krank werden.


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KaroR #2.10

Sie krebsen mit ihrem Gehalt als angestellter Mediziner oder dem Gewinn ihrer Praxis an der Mindesteslohngrenze?


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Kiel-Bewohner #2.15

"Ok, ich bin Arzt. Ich warte mit meinem Streik, bis Sie krank werden."

Als Arzt bewegen Sie sich in deutlich anderen Gehaltsgruppen als die im Artikel geschilderten Arbeiter und Arbeiterinnen. Es erstaunt mich allerdings, dass Sie in ihrem Beruf so wenig Mitgefühl mit den Streikenden haben, die schon aufgrund ihrer beschriebenen Arbeitsbedingungen ein deutlich höheres Risiko tragen, vorzeitig zu ihren Patienten zu werden.



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Kapaster d.J. #2.16

Was wollen Sie?
Ich bin überhaupt kein Arzt, das war doch nur ein Beispiel für die Ausnutzung einer Notsituation für einen Arbeitskampf.
Und wenn Sie meinen, alle Ärzte würden adäquat bezahlt, so irren Sie.


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okop68 #4.4

»Aber es ist auch ein wenig dem System geschuldet, daß die Gewerkschaften eben nicht vor Ort da streiken, wo die Menschen schlecht bezahlt werden, sondern gleich immer das ganze Land in Geiselhaft nehmen.«

Das nennt sich Solidarität.


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Merlin20 #11

In Frankreich haben die Menschen gelernt welche Macht sie haben, in Deutschland hat man sich immer nur vor den Obrigkeiten in den Staub geworfen. Hier hat niemand gelernt welche Macht die einfachen Leute eigentlich haben können.


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Kiel-Bewohner #8

Der Artikel beschreibt ganz gut den Konflikt zwischen Kreuzfahrtpassagieren, Zugreisenden oder Autofahrern, deren Bestreben möglichst billig ans Ziel zu kommen dadurch Rechnung getragen wird, dass die Anbieter der Leistungen diejenigen, die mit ihrer Arbeit diese Leistungen überhaupt erst ermöglichen, zumindest teilweise mit Hungerlöhnen abspeisen.
Ich würde lieber etwas mehr für ein Zugticket bezahlen, wenn ich dafür wüsste, dass ich mit ausgeruhtem Zugpersonal unterwegs bin und davon ausgehen könnte, pünktlich anzukommen.



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Molinés #20

Schauen Sie bitte in Deutschland genauer bei Systemgastronomie ( große Ketten),LKW- Fahrern, Zustellern etc. hin,da sieht es häufig ähnlich aus. ...


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« Reply #1342 on: October 19, 2022, 11:02:55 AM »

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[...] Durchsuchung bei der Deutschen Bank im Steuerskandal um Cum-Ex-Aktiendeals: Staatsanwälte, Polizei und Steuerfahnder haben am frühen Nachmittag in der Zentrale des größten deutschen Geldhauses in Frankfurt nach Beweisen für die Geschäfte zulasten der Staatskasse gesucht. "Wir bestätigen, dass im Rahmen der seit 2017 laufenden Ermittlungen gegen die Bank in Sachen Cum-Ex die Staatsanwaltschaft Köln an unserem Standort in Frankfurt zurzeit eine behördliche Maßnahme durchführt", teilte ein Sprecher der Bank mit. "Wie bereits seit Beginn der Ermittlungen 2017 kooperiert die Bank weiterhin vollumfänglich mit der ermittelnden Behörde", erklärte der Sprecher.

Die federführende Staatsanwaltschaft Köln bestätigte ohne die Nennung von Namen, es würden "Durchsuchungsbeschlüsse gegen ein Bankinstitut in Frankfurt am Main und weitere Konzerngesellschaften sowie gegen eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft" vollstreckt. Darüber hinaus würden Privatwohnungen von zehn Beschuldigten durchsucht. "Die Maßnahmen stehen im Zusammenhang mit verfahrensgegenständlichen Cum-Ex-Geschäften sowie verwandter Steuerhinterziehungsmodelle. Die Maßnahme dient insbesondere der Auffindung relevanter Kommunikation in Form von E-Mails und sonstiger schriftlicher Korrespondenz", teilte die Ermittlungsbehörde mit.

 Bei Cum-Ex-Geschäften schoben mehrere Beteiligte Aktienpakete mit ("cum") und ohne ("ex") Ausschüttungsanspruch rund um den Dividendenstichtag hin und her. In der Folge erstatteten Finanzämter Kapitalertragsteuern, die gar nicht gezahlt worden waren. Dem Staat entstand ein Milliardenschaden. Seit Jahren ermitteln mehrere Staatsanwaltschaften zu dem Komplex. Erste Strafprozesse endeten mit Schuldsprüchen.

An der aktuellen Durchsuchung waren nach Angaben der Staatsanwaltschaft Köln neben mehreren Vertretern der Behörde insgesamt 114 Ermittler mehrerer Polizeidienststellen in Nordrhein-Westfalen, Steuerfahnder aus Nordrhein-Westfalen, Hessen und Bayern sowie das Bundeszentralamt für Steuern und EDV-Sachverständige beteiligt.

Quelle: ntv.de, mau/dpa


Aus: "Beweise für Steuerbetrug gesucht Cum-Ex-Razzia bei der Deutschen Bank" (18.10.2022)
Quelle: https://www.n-tv.de/wirtschaft/Cum-Ex-Razzia-bei-der-Deutschen-Bank-article23658874.html

« Last Edit: October 19, 2022, 11:11:16 AM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #1343 on: October 19, 2022, 11:15:58 AM »

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[...] Besondere Ehre für Hollywood-Star Daniel Craig: Der ehemalige James-Bond-Darsteller wurde mit dem Orden of Saint Michael and Saint George ausgezeichnet. Auch dem von ihm dargestellten Agenten 007 wurde diese Ehre in den Romanen des britischen Schriftstellers Ian Fleming zuteil.

Der 54-jährige Schauspieler erhielt die Auszeichnung für seinen herausragenden Beitrag in den Bereichen Film und Theater von Prinzessin Anne auf Schloss Windsor. Craig darf sich nun Companion of the Order of St Michael and St George (CMG) nennen. Auf den offiziellen Social-Media-Accounts der königlichen Familie wurde ein Foto von Craig veröffentlicht, auf dem er die Ehrung entgegen nimmt. Anne, Schwester von König Charles III., trug eine Marine-Uniform, als sie dem Schauspieler den Orden an einem Band um den Hals legte.

Die Royals ließen es sich nicht nehmen, im Kommentar auf die Bond-Filme anzuspielen. "Wir haben Sie erwartet ..." heißt es dort - ein bekannter Satz aus den Agenten-Streifen, in denen unter anderem Bösewicht Blofeld diesen Satz zu dem berühmten Geheimagenten sagt.

Daniel Craig spielte James Bond ab 2006, bevor er 2021 mit dem Film "Keine Zeit zu sterben" die Rolle an den Nagel hing. Vor der Veröffentlichung seines letzten Bond-Films wurde der britische Darsteller von der Royal Navy zum Ehrenkommandanten ernannt - ein weiterer Rang, den auch die Figur 007 innehat.

...

Quelle: ntv.de, uzh/spot


Aus: "Besondere Ehrung: Daniel Craig schlüpft noch mal in James-Bond-Rolle" (18.10.2022)
Quelle: https://www.n-tv.de/leute/Daniel-Craig-schluepft-noch-mal-in-James-Bond-Rolle-article23659498.html

https://de.wikipedia.org/wiki/James_Bond

https://de.wikipedia.org/wiki/James_Bond_007_%E2%80%93_Im_Geheimdienst_Ihrer_Majest%C3%A4t

"Globale Sicherheit und ironische Selbstkontrolle - Die James-Bond-Filme der 1960er-Jahre" Marcus M. Payk (Heft 2/2010)
Um Anerkennung als legitimes Objekt wissenschaftlichen Fragens muss die Populärkultur längst nicht mehr kämpfen. Zwar dürfte es kaum möglich sein, die vielfältigen Ansätze zur Massen- und Unterhaltungskultur auch nur des späten 20. Jahrhunderts auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, aber unter den dabei bevorzugt behandelten Gegenständen müsste wohl den James-Bond-Filmen ein prominenter Platz eingeräumt werden. ...
https://zeithistorische-forschungen.de/16126041-Payk-2-2010

"Ein türkischer 007 in Berlin" Can Dündar (30. April 2022)
... Seit einem Jahr läuft im staatlichen Sender TRT die Serie Teşkilat (zu deutsch: Die Organisation) und erreicht sehr hohe Einschaltquoten. Teşkilat ist eine Art Promotionserie für den türkischen Nachrichtendienst MIT. Er stellt Aktivitäten und Erfolge des Geheimdienstes im In- und Ausland so dar, dass die Zuschauer stolz auf den Geheimdienst sein können.  ...
https://www.zeit.de/kultur/2022-04/tuerkei-staatsfernsehen-propaganda-journalismus-recep-tayyip-erdogan

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« Last Edit: October 19, 2022, 11:24:00 AM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #1344 on: October 23, 2022, 12:42:59 PM »

... Wer die Nachfolge von Dietrich Mateschitz antritt, ist offen. Seit ein paar Jahren wird sein Sohn, den Mateschitz mit seiner ehemaligen Lebensgefährtin hat, entsprechend aufgebaut.   ...

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[...] Der österreichische Milliardär und Gründer des Energydrink-Unternehmens Red Bull, Dietrich Mateschitz, ist tot. Er starb nach längerer Krankheit im Alter von 78 Jahren. Das Unternehmen informierte am späten Samstagabend seine Mitarbeiter. Auch Red Bulls Formel-1-Team bestätigte die Nachricht.

Mateschitz prägte mit seinem Unternehmen und seiner Marketingstrategie über viele Jahre den Sport weltweit. Zum Imperium des Österreichers gehören neben dem Fußballbundesligisten RB Leipzig unter anderem auch der Eishockeyclub Red Bull München sowie die Formel-1-Teams Red Bull und Alpha Tauri, ehemals Toro Rosso. Weltweit stehen zahlreiche Sportler bei Red Bull unter Vertrag.

"Was Mateschitz erreicht hat und was er für so viele Menschen auf der ganzen Welt und in verschiedenen Sportarten getan hat, ist unübertroffen", sagte Red-Bull-Racing-Chef Christian Horner am Rande einer Formel-1-Veranstaltung in Austin im US-Bundesstaat Texas.

Der in der Steiermark geborene Unternehmer galt als Marketinggenie. Nach anfänglichem Interesse an Architektur hatte sich Mateschitz entschlossen, Betriebswirtschaftslehre an der Wiener Hochschule für Welthandel zu studieren. In den Siebzigerjahren arbeitete er zunächst im Marketing verschiedener Firmen, unter anderem bei Unilever, Jacobs und dem Zahnpastahersteller Blendax, bevor er sich mit Red Bull selbstständig machte.

Bei einem Asienbesuch hatte Mateschitz die stimulierende Wirkung des Energiegetränks Krating Daeng (Roter Stier) kennengelernt und eine Geschäftsidee erkannt. Energy- und Aufputschgetränke waren zu dieser Zeit in Europa und den USA noch völlig unbekannt. 1983 erwarb Mateschitz in Asien die Lizenz für ein solches Getränk. Ein Jahr später gründete er zusammen mit der thailändischen Unternehmerfamilie Yoovidhya die Red Bull GmbH, an der er zu 49 Prozent beteiligt war.

Red Bull – sein gelbliches, kohlensäurehaltiges, nach Gummibärchen schmeckendes Getränk, dessen Rezeptur er von einem thailändischen Energydrink abgewandelt hatte – verkaufte sich nach der Markteinführung 1987 erst schwierig, stieg dann aber über die Jahre zum Weltmarktführer auf. Sein Werbeslogan "Red Bull verleiht Flügel" wurde weltberühmt.

Gleichzeitig baute er sein Firmenimperium weiter aus, kaufte Sportvereine und Medien und wurde so zum Multimilliardär. Das Magazin Forbes listete ihn Ende September unter den Superreichen der Welt mit einem Vermögen von 19 Milliarden Dollar (19,7 Milliarden Euro) auf Rang 75.

Als er 2005 in die Formel 1 einstieg, wurde sein Team Red Bull Racing noch als Partytruppe belächelt, fünf Jahre später aber als Weltmeister geachtet. Mit Sebastian Vettel holte das Team viermal nacheinander den Titel in der Fahrer- und in der Konstrukteurswertung. Anfang Oktober wurde dann der Niederländer Max Verstappen als Red-Bull-Pilot zum zweiten Mal Weltmeister.

Mateschitz war markant, aber auch diskussionswürdig. Er fiel auch mal durch rechtspopulistische Äußerungen auf. Der firmeneigene Sender Servus TV wurde kritisiert, weil er auch Verschwörungstheoretikern und Querdenkern eine Plattform gegeben haben soll. 

Mateschitz sei für ihn der beeindruckendste Unternehmer, "den wir in Österreich je hatten, wenn nicht weltweit", sagte Mercedes-Teamchef Toto Wolff. "Er hat eine Marke kreiert und einen Bereich, den es vorher nicht gab. Was er für den Sport gemacht hat und wie viel er dem Sport gegeben hat, hat es davor nicht gegeben."

Die Nachricht vom Tod des Österreichers erreichte Red Bulls Formel-1-Teams unmittelbar vor der Qualifikation zum Großen Preis der USA. Beide Teams, Red Bull und Alpha Tauri, traten aber an. "Er war ein unglaublich visionärer Unternehmer", sagte Formel-1-Geschäftsführer Stefano Domenicali. "Ich werde ihn sehr vermissen, genau wie die ganze Formel-1-Familie."

Wer die Nachfolge von Dietrich Mateschitz antritt, ist offen. Seit ein paar Jahren wird sein Sohn, den Mateschitz mit seiner ehemaligen Lebensgefährtin hat, entsprechend aufgebaut. 


Aus: "Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz ist tot" (23. Oktober 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2022-10/red-bull-gruender-dietrich-mateschitz-tot

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Liebe Leserinnen und Leser,
im Kommentarbereich dieses Artikels wollen wir Ihnen mit einem Kondolenzbuch die Möglichkeit geben, Ihre Erinnerungen und Gedanken zu teilen. Die Wahrung der Pietät ist uns bei Todesfällen wichtig, weswegen alle Kommentare vor der Veröffentlichung geprüft werden.

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Miami-HH #7

Mal sehen ob Red Bull tatsächlich Flügel verleit.
Wir werden es wohl nie erfahren.


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WissenIstMacht888 #24

Der Herr Mateschlitz war sicherlich ein Marketing Genie, angesichts der Tatsache, dass er einen schlecht schmeckenden, vollkommen überteuerten Softdrink zu einem Welterfolg gemacht hat. Wie sagt man so schön: "Aus Scheisse Gold machen".


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« Reply #1345 on: October 23, 2022, 02:02:10 PM »

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[...] ZEIT ONLINE: Hannelore Bublitz, worüber denken Sie gerade nach?

Hannelore Bublitz: Ich denke darüber nach, wie es gesellschaftlichen Eliten eigentlich gelingt, weitgehend unter sich zu bleiben. Ich finde es auffällig, wie sehr, trotz der grundsätzlichen Idee der offenen Gesellschaft, sowohl Macht- als auch Leistungs- oder Geldeliten sich aus sich selbst heraus rekrutieren. Und mich interessieren besonders die verborgenen Codes, die Regeln, die man nirgendwo nachlesen kann, mit denen diese Kreise verschlossen werden.

ZEIT ONLINE: Warum beschäftigt Sie das gerade jetzt?

Bublitz: Das ist einerseits biografisch motiviert. Ich bin als Arbeitertochter Professorin geworden und habe mich im Laufe meines Forschungslebens immer wieder damit beschäftigt, welche Welten hier eigentlich aufeinanderprallen. Und jetzt, da ich emeritiert bin, schaue ich darauf noch einmal mit besonderem Interesse zurück. Gleichzeitig sind wir gesellschaftlich an einem Punkt, an dem viele eine "Refeudalisierung" beobachten, ein Begriff, den der Soziologe Sighard Neckel eingeführt hat, also eine ständische Verfestigung sozialer Herkunft.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Bublitz: Eigentlich kultivieren wir ja das Bild einer offenen Gesellschaft, die nicht festgelegt ist durch Klassenstrukturen. Es gab Jahre, da war es unanständig, diesen Begriff überhaupt zu nennen. Das wurde immer schnell korrigiert: "Sie meinen wohl Schicht!" Eigentlich wurde davon gar nicht mehr ausgegangen. Moderne Gesellschaften hat man gerne als kontingent beschrieben, als könnte auch alles ganz anders sein. Aber ich denke: Die Verhältnisse sind festgefahren. Klassengrenzen werden strikt gewahrt. Es handelt sich wieder um geschlossene Kreise. Kreise, aus denen Menschen nicht oder nur sehr schwer heraus- oder eben reinkommen.

ZEIT ONLINE: Wenn Sie sagen "wieder geschlossene Kreise", wann haben sie sich denn wieder geschlossen?

Bublitz: Meiner Meinung nach war das nie richtig weg. Aber in verstärkter Weise passierte es in den letzten 20 Jahren. In den Achtzigerjahren hat der Soziologe Ulrich Beck den Begriff der Individualisierung prominent gemacht, es ging um sogenannte Bastelbiografien: mein Leben als Projekt. Das wurde vielfach aufgegriffen, im Grunde bis heute. Aber viele überlasen, was Beck damals schon schrieb: Individualisierung bedeutet nicht, dass die Klassenverhältnisse nicht mehr existieren. Im Gegenteil, sie sind schärfer geworden, aber die Herkunft zählt gesellschaftlich nicht mehr. Das heißt, man kann sie nicht mehr einsetzen als Erklärungsmuster. Vorher hatte man in Arbeiterfamilien vielleicht noch gesagt: "Die höhere Schule? Das ist nichts für uns." Jetzt zählte es nicht mehr als Muster der eigenen sozialen Fortbewegung. Beck schrieb, wir seien alle Individuen, aus Ständestrukturen "freigesetzt". Wohlgemerkt: Keineswegs sind sie aufgelöst, wir seien nur daraus freigesetzt. Und diese nie verschwundenen Klassenstrukturen bekommen wieder mehr Gewicht. Man ist weniger daraus freigesetzt, wenn wir bei dem Wort bleiben wollen, je mehr wieder das Erbe über sozialen Status entscheidet.

ZEIT ONLINE: Das ist auch das Thema der extrem erfolgreichen Bücher des Wirtschaftswissenschaftlers Thomas Piketty. Er sagt: Erben habe heute wieder das Gewicht, das es im 19. Jahrhundert hatte.

Bublitz: Ja, Piketty legt ausführlich dar, dass man es allein durch Arbeit heute nicht mehr schafft, ein komfortables Auskommen zu haben, sondern dass es eben Erbschaften sind, die heute zunehmend die Gesellschaft strukturieren. Das ist eine ernüchternde Diagnose. Sein Rezept dagegen liegt in einer höheren Besteuerung großer Vermögen. Als die gerade zurückgetretene Liz Truss jüngst das Gegenteil versucht hat, also die Reichsten weniger zu besteuern, kam sie nicht durch mit diesem Vorschlag, selbst bei ihren eigenen konservativen Parteikollegen. Es gibt ein parteiübergreifendes Problembewusstsein dafür, dass etwa 10 Prozent der Weltbevölkerung 90 Prozent des Vermögens besitzen. Nur die Ideen, wie man dieser Konzentration entgegenwirken könnte, unterscheiden sich. Aber wenn in der Vergangenheit gemachtes Vermögen der wahrscheinlichste Weg zu zukünftigem Vermögen ist, dann wird es für die Erben umso wichtiger, diesen Status zu erhalten, und es geht zunehmend darum, die Zugänge dazu abzusperren.

ZEIT ONLINE: Wie werden die Zugänge denn abgesperrt?

Bublitz: Da gibt es natürlich eine Reihe geschäftlicher und politischer Praktiken. Aber meine Beobachtung ist: Erbe wird, neben dem Materiellen, in entscheidender Weise auch kulturell weitergegeben. Erben sind nicht einfach Erben, sie werden dazu gemacht. Sie halten nicht einfach die Hand auf, sie müssen sich in den Kreisen der "Auserwählten" bewähren, bestimmte Erwartungen an sie erfüllen und eine Reihe an Codes und Zeichen lernen. Auch wenn das nicht direkt mein Forschungsgegenstand ist, finde ich interessant, dass derzeit viele Serien das Thema aufgreifen. Billions, Succession oder die Neuauflage vom Denver Clan handeln alle davon, wie Erben gemacht werden und unter ihnen ein Konkurrenzkampf stattfindet. In Denver Clan gibt es eine Szene, da sagt die Tochter zu ihrem Vater, dem Patriarchen Blake Carrington: "Die erste Generation schafft das Geld an, die zweite versucht, es zu verwalten, und die dritte bringt alles durch." Genau das zu verhindern, darum geht's. Wer kann das Familienunternehmen führen? Wer ist wie loyal der Familie gegenüber? Wer hat die Kompetenzen, die nötige Härte, die sozialen Fähigkeiten, das Netzwerk zu erhalten und weiterzuspinnen? Da kriegen auch die Erben die Krise. Aber da sind natürlich ganz andere Ressourcen da, um sie darin zu unterstützen, in diese Rolle reinzuwachsen.

ZEIT ONLINE: Wie sehen diese Codes und Zeichen aus, die die Erben lernen?

Bublitz: Das sind unzählige Kleinigkeiten, die Haltung, der Blick, die Frisur, der Haarschnitt. Pierre Bourdieu, der die "feinen Unterschiede" sozialer Klassen ja genau untersucht hat, spricht von einer "Haltung zur Welt". Das heißt auch Gestik, Mimik, Ausdrucksformen. Das sind Dinge, die Sie von klein auf lernen können und die Ihnen dann in Fleisch und Blut übergehen. Wenn Sie nicht so aufwachsen, können Sie versuchen, sich diese Dinge abzuschauen und sie zu imitieren, aber das bleibt extrem schwer und womöglich fallen Sie doch auf. Ich habe das immer wieder erlebt. Wenn ich als Mädchen bei Schulfreundinnen zum Essen war, wo die Haushälterin das Essen auftrug, habe ich immer geschaut, was die anderen mit diesen oder jenen Gabeln machen, und es versucht zu imitieren. Später an der Universität ging es mir wieder so.

ZEIT ONLINE: Was sind denn die Codes der Academia?

Bublitz: Da war es vor allem eine Art zu sprechen. Ich habe Bourdieu, der selbst auch Arbeiterkind war, einmal in Düsseldorf reden hören und ich dachte: Der redet wie ich! Sehr lebendig mit Händen und Füßen, das sieht man dort sonst nicht. Auch die Art, Kritik zu äußern, ist sehr zurückhaltend und versteckt. Man wahrt Distanz, der Blick am besten ein bisschen desinteressiert. Ich habe immer gehört: Man sieht dir an, was du denkst. Und das ist schlecht, man sollte seine Mimik schon besser unter Kontrolle haben.

ZEIT ONLINE: Sie nennen Eliten, die sich abgrenzen, auch "Glaubensgemeinschaften". Was ist daran für Sie religiös?

Bublitz: An der Weitergabe des Erbes sind einige quasi-religiöse Formen beteiligt. Komplizenschaft, Korpsgeist, ganz wichtig aber auch: symbolische Ein- und Abschließungen. Altsprachliche Gymnasien waren etwa traditionell Orte der Abgrenzung. Latein und Griechisch zu lernen, Sprachen, die man nicht sprechen kann, die also weniger Nutzen und einen reinen Bildungscharakter haben. Ein Instrument lernen, das richtige natürlich, Violine und nicht etwa Schlagzeug. Das stundenlange Üben, mit dem man Disziplin zeigt, das sind auch Routinen und Rituale. Bourdieu spricht von liturgischen Bedingungen, die Eliten für Zugehörigkeit einfordern. Es muss alles stimmen: die Kleidung, die Anordnung der Dinge, das Dekor bis zu bestimmten Handgriffen.

ZEIT ONLINE: Aber wenn es "Glaubensgemeinschaften" sind, woran glauben sie?

Bublitz: Daran, dass sie zu Recht da sind, wo sie sind. Dass ihnen nicht alles in den Schoß gelegt worden ist, sondern sie es hart erarbeitet haben. Dass sie begabt sind oder bestimmte Leistungen erbracht haben. Auch wenn es nur eine Geldelite ist, dazuzugehören, erzeugt eine Art Rechtfertigungsdruck und daraus können quasi-mythische Geschichten erwachsen, warum man eine ganz besondere Familie ist zum Beispiel.

ZEIT ONLINE: Von Bourdieu kennt man die Begriffe "kulturelles" und "symbolisches Kapital". Sie sprechen auch von psychischem Kapital. Was meinen Sie damit?

Bublitz: Ich meine damit eine psychische Ausstattung, die man mitbekommt: Stärke, Selbstbewusstsein, Wissbegierde, weil man gelernt hat, dass sich Bildung und Leistung unmittelbar auszahlen können, was bei anderen Schichten nicht unbedingt der Fall ist. Aber auch Zugang zu Unterstützung, professionell oder familiär, wenn psychische Probleme auftauchen. Als ich meinen Eltern gesagt habe, ich wolle studieren, hat meine Mutter gesagt: "Wenn du meinst!" Wie viel psychisches Kapital brauchen Sie wohl, um zu sagen: "Ja, ich schaffe das"?

ZEIT ONLINE: Sie sagen, man kann die Regeln nirgendwo nachlesen. Jetzt scheint es aber ein gesteigertes Interesse zu geben, diese doch zu durchschauen oder sich anzueignen. Es gibt populäre Sachbücher wie etwa Habitus, das verspricht: "Machen Sie sich bereit für Ihren Aufstieg", indem man hier die Codes der Reichen beigebracht bekommt. Auf TikTok und Instagram wird unter Hashtags wie #oldmoney versucht, den Style der Eliten zu zeigen. Wenn diese Codes so wichtig sind, wie Sie sagen, sind das dann die Karriereratgeber von heute?

Bublitz: Ich habe schon darauf gewartet, dass Sie mich fragen: Wenn das so schwierig ist, wie kommt man dann hinein? Aber bei solchen Ratgebern wäre ich skeptisch. Es ist eher ein jahrelanger Lernprozess, ein Nachmachen und Perfektionieren, wie ein Schauspieler.

ZEIT ONLINE: Aber es ist doch interessant, dass mit Ratschlägen darauf ausgewichen wird: Dass sie vielleicht weniger davon handeln, wie man bald befördert wird und mehr Geld verdient, sondern wie man sich die kulturellen Codes der Wohlhabenden aneignet.

Bublitz: Das Interesse daran hat auch damit zu tun, dass für viele undurchsichtig ist, wie sie dahin kommen. Eben dass es allein durch Arbeit vielleicht nicht mehr gelingt, wie Piketty sagt. Auf Accounts wie Rich Kids of Instagram stellen junge Erben ihren Reichtum ziemlich plakativ aus. Sie halten goldene Kreditkarten in die Kamera oder blättern in Geldscheinen. Und ich denke, Teil der Attraktivität dieses recht plumpen Protzes ist es, dass so wenige Wege dahinführen und dass unklar ist, welche.

ZEIT ONLINE: Ist dieses geschmacklose Protzen noch ein Code der Eliten?

Bublitz: Ja, das ist ja auch eine Elite, eine sehr bestimmte Geldelite. Jeff Bezos hat sich kürzlich die größte Segeljacht der Welt bauen lassen und in Rotterdam gab es zunächst Pläne eine Brücke abzubauen, damit sie aus dem Hafen hätte fahren können. Das ist nicht sehr anders. Aber dazu kommt sicher, dass dieses Protzen in den sozialen Medien noch mehr zum Alltag gehört, als es analog der Fall ist. Hier wird demonstrativer Konsum noch wichtiger, weil man sich ständig präsentiert und dabei eben seinen Stand klarmachen will. Wenn ich behaupte, wir leben wieder in einer Ständegesellschaft, die sich aber selbst nicht als solche begreift, dann bedeutet das auch: Es ist eine Ständegesellschaft, in der man Reichtum zeigt. Früher durften die Angehörigen bestimmter Stände nur bestimmte Dinge tragen, ausgewählte Farben oder Gewänder. Damit war klar, wohin man gehört. Heute steht der Luxus theoretisch allen offen, die es sich leisten können. Und wer es sich nicht leisten kann, greift auf billige Kopien – zum Beispiel von Designerhandtaschen – zurück. Deshalb muss man sich neue Dinge einfallen lassen, um sich davon abzusetzen. Und das endet beim Protzen mit Dingen, die sich weniger leicht kopieren lassen. Zum Beispiel eine Jacht.


Aus: "Hannelore Bublitz: "Erbe wird auch kulturell weitergegeben"" Maja Beckers (22. Oktober 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2022-10/hannelore-bublitz-eliten-codes-erben/komplettansicht

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MaxiPower #34

Sehr interessant und bestätigt meine persönlichen Beobachtungen. Mein Mann kommt aus einer gut mittelständischen Familie, aber mit adeligen Vorfahren. Ich aus einer Arbeiterfamilie. Mein akademischer Grad ist zwar höher, er bewegt sich in solchen Kreisen wie oben dargestellt aber viel selbstverständlicher und sicherer, während mir das alles fremd ist. Sprich, er kennt die Codes wahrscheinlich durch Herkunft unbewusst. Und es öffnet definitiv viele Türen.


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destination #36

Man kann deutsche, französische und amerikanische Eliten und deren Codes nicht munter durcheinander werfen. Französische Eliten zeichnen sich zuallererst durch eine umfangreiche Bildung aus. Dort wird niemand Selfies von goldenen Kreditkarten veröffentlichen. Auch Kleidung, Autos, Wohnen werden nicht laut nach außen getragen. Eine Zugehörigkeit zu einer Elite zeigt sich vor allem in der Sprache und der Belesenheit. Leute wie Bezos, die ihren Reichtum öffentlich zur Schau tragen, sind in Frankreich verpönt und gelten als unkultiviert. Deutschland hängt irgendwie dazwischen.


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RegWelt #36.1

Genau so ist es es, Protzen ist nicht elegant, sondern einfach nur beschämendes Verhalten! Gute Bildung und ein paar grundlegende Manieren in Kombination mit Understatement und Bescheidenheit ist wirklich ist Trumpf, egal in welchen Kreisen man sich bewegt. Zur Bildung gehört übrigens auch anderen Menschen zu zuhören und durch deren Erzählungen mehr über andere Lebenssituationen zu erfahren und zu lernen. So bin ich erzogen worden!


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Oschpele #2

Entfernt. Bitte formulieren Sie Kritik sachlich und differenziert. Danke, die Redaktion/tba


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differenziert #2.5

Ziemlich gut beobachtet:

"Ich würde sagen, dass trifft so ziemlich den Nagel auf den Kopf:
Diese Arroganz des "Wir haben es uns verdient und ihr nicht".
Diese Arroganz hat, wenn man darüber nachdenkt, etwas faschistoides.
Nur das die Nazis dachten, ihnen sei aufgrund der Rasse die Überlegenheit in die Wiege gelegt worden."

Mancher wird vielleicht bei dem Vergleich protestieren und meinen Sie verharmlosen den Faschismus. Aber wenn man an die vielen hunderttausenden Toden denkt durch Hunger und Unterernährung in der Welt, ist dies wieder ein relevanter Begriff, "...Diese Arroganz hat, wenn man darüber nachdenkt, etwas Faschistoides.".


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schmodddermonster #2.6

letztendlich ist jeder erfolg eigenverdienst und jeder misserfolg schicksal ;-)
ich schätze es stimmt weder das eine noch das andere.


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Nennt mich Freiheit #5

Ich weiß ja nicht wo diese "Elite" mit Geld anfängt. Aber jeder, wirklich jeder kann zumindest seine Umgangsformen schulen und sollte (!) dies auch tun.
Nichts ist schlimmer als beim Essen neben jemanden zu sitzen, der die Suppe schlürft, der schmatzt, der sein Messer abschleckt.
Meine Eltern haben von klein auf, trotz Sparessen auf dem Tisch, immer auf eine anständige Haltung und Essensmanieren geachtet. Das kam mir später zugute.
Ich komme nicht aus reichem Hause, habe aber allein durch meine Arbeit so viel angesammelt, dass es bis zum Lebensende reichen sollte, selbst wenn ich sofort zum Arbeiten aufhörte.
Wenn ich heute dann in einem "höheren"gesellschaftlichen Kreise speisen muss, so brauche ich weder anderen zusehen wie sie ein Gabel benutzen, welche Besteckteile von außen nach innen, oben nach unten, wie eine Auster, wie ein Hummer gegessen wird.
Nein - es wird nicht nur vererbt, wie Wissen kann man Umgangsformen schulen und trainieren von klein auf. Man muss nur wollen.
Und man muss sich etwas sagen lassen können. Daran dürfte es heute scheitern. Keiner ist mehr kritikfähig.


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Leonzulu #5.1

wenn sie glauben dass sich diese im artikel beschriebenen verhaltensformen auf simple essmanieren beschränken wären sie in diesen kreisen möglicherweise deplazierter als sie denken :)


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Ludwig van Wegen #8

Welcher halbwegs sauber tickende Mensch will schon freiwillig zu diesen „Eliten“ dazugehören. Der gar nicht so geheime Code geht nämlich so: sei ein skrupelloser A… und du bist dabei.


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FeineErdnüsse #9

In anderen Milieus gewinnt man eben Anerkennung, wenn man die gerade gültigen Pronouns kennt - etwas, dass Arbeiterkinder nicht kennen, aber Professorinnen schon eher. Jedes Milieu hat seine Codes. Nicht nur die Elite. Der Mensch neigt zum Stammesdenken. Als aus armen Verhältnissen komme ich, bin trotzdem Fan des bürgerlichen Ideals: eine gewisse Distanziertheit, Manieren und Rücksicht. Etwa Nachts die Mucke ausmachen, wenn der Nachbar drum bittet und ihm nicht dafür in die Fresse hauen.


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Halbhollaender #12

Frau Bublitz stellt durchaus die richtigen Fragen, reduziert die Antwort darauf jedoch auf vorwiegend monetäre Aspekte. Meine Nachbarn, gesunder Mittelstand, bereiten gerade die Einschulung ihres zweiten Kindes vor. Man lebt vegetarisch (nicht vegan), betrachtet sich als politisch fortschrittlich (irgend etwas zwischen leicht links und leicht rechts der empfundenen Mitte), wichtet Kultur sehr hoch, glaubt, Wunderkinder zu haben (sie irren wie 99,9% der anderen Eltern) - und fordert von der Schule die besondere Berücksichtigung dieser Kriterien. Am Ende landen sie in einer Schule, deren Elternschaft wie Clone von sich selbst wirkt.
Dem bildungsfernen Honk hingegen, egal ob reich oder arm, ist die Wahl der Schule wurscht. Im Idealfall liegt sie neben einem Kiosk, bei dem man beim begleiteten Schulgang gleich das angesammelte Leergut der letzten Woche abgeben kann.
Eine Sprengung des gesellschaftlichen Schichtenmodells kann m.E. nur gelingen, wenn Bildung (gerade in den unteren Schichten) einen höheren Stellenwert (oder spezielle Förderung) bekommt. Dann gäbe es vermutlich auch weniger 'Irrläufer' auf ostdeutschen Marktplätzen.


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hiru #14

Interessanter Artikel, habe mir über diese Eliten nie wirklich Gedanken gemacht


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Herko #14.1

Das war ein Fehler! Ich habe den Habitus der Eliten jahrzehntelang studiert und bin jetzt mehrfacher Milliardär!
(Nee, Spaß, ging mir genauso wie Ihnen …)


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Herr_Rossi #15

Entfernt. Bitte verzichten Sie auf überzogene Polemik. Danke, die Redaktion/tba


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AlaskaS #16

""An der Weitergabe des Erbes sind quasi-religiöse Formen beteiligt" Der Zusammenhang scheint mir im Hinblick auf die "quasireligiösen Formen" viel direkter zu sein.
Der mittelalterliche Lehnsherr sah sich von Gott auf die Stelle gesetzt, auf die er erblichen Anspruch hatte. Das beginnende Bürgertum auch. Der Rest sollte gefälligst sein von Gott gewähltes Geschick tragen. Allenfalls durch Almosen wurde versucht, das eigenen Gewissen (sofern vorhanden) zu beruhigen.
Die neuzeitlichen Lehnsherren, denen ganze Industrien zu Diensten sind, haben auch einen Gott; er nennt sich Geld/Bilanz/Umsatz. Oder hat man schon mal von einem armen Milliardär gehört?
Von Geld und Macht qua Erbschaft gesegnet, ist es leicht immer Oberwasser zu haben. Der Traum von einer Gesellschaft, in der jeder nach seinen Bedürfnissen und seinen Fähigkeiten auskömmlich lebt, wie in "Planet der Habenichtse" von U.K. Le Guin ist nicht anders als Marxens philosophische Fantasie mit der derzeit dominanten Säugetierspezies nicht realisierbar. Oder wenn man ein bisschen rumhegelt, der Knecht braucht den Herren, der Herr den Knecht.


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NoKoloris #16.1

"... Von Geld und Macht qua Erbschaft gesegnet, ist es leicht immer Oberwasser zu haben. ..."

leichter in jedem Fall, automatisch aber auch nicht: mir sind nicht wenige Beispiele bekannt, bei denen die Erben überfordert waren und das Geld ziemlich schnell bei Leuten gelandet ist, die sich deutlich besser damit auskannten.

Sehr prominent und ganz sicher nicht alleine in dieser Riege: Frau Schickedanz.

[https://de.wikipedia.org/wiki/Madeleine_Schickedanz]


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differenziert #22

Ja ein wichtiges, gutes und mutiges Interview, sogar die Fragen sind überlegt und sinnvoll.

Inhaltlich nicht neues, aber wichtig, dies immer wieder zu kommunizieren.
Ich nannte es bisher Neofeudalismus, aber Refeudalisierung trifft den Prozess recht gut. Beide Begriffe haben ihre Stärken.


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azhiaziam #23

Was die Autorin hier völlig vergisst ist die Tatsache dass "die Erben" i.d.R schon vor der Erbschaft auf die Firmennachfolge oder Tätigkeiten dort konditioniert werden, eigenes Vermögen wird in solchen Kreisen also lange vor der Erbschaft geschaffen.

Ich komme aus einer Familie die im Bauwesen tätig war, dort lernt man schon früh Geschäftssinn und die Grundlagen wie man erfolgreich Häuser baut und auch verkaufen kann. So habe ich mein eigenes Vermögen zu Lebzeiten meiner Eltern gemacht, ohne Erbe, ohne Bürgschaften.

Wenn irgendwann das Erbe anfällt (ich hoffe die Beiden leben noch lange) ist das noch ein Zubrot, für meinen Lebensunterhalt aber nicht mehr erforderlich.

Wahrscheinlich werden wir diese Immobilien dann in die Familien Betriebsgesellschaft aufnehmen und weiter führen, verkaufen muss ich die jedenfalls nicht.



"einflussreicher familiärer Beziehungen"...

Das Stimmt, selbst für mich als "Kleinreichen" waren die sozialen Kontakte sehr wichtig, das ist aber etwas was man sich innerhalb einer Gemeinde durchaus erarbeiten kann.

Oft wird vergessen dass soziale Kontakte, die Pflege dergleichen und Engagement durchaus Vorteile bei Geschäften bietet.

Das fängt auf der kleinsten, kommunalen Ebene schon an !
Wer da die Klaviatur beherrscht kommt auch an lukrative Objekte und verdient damit Geld ;-)

Übrigens ist dieses Thema, nämlich der Umstand dass z.b. Bauprojekte nicht nach festen Kriterien sondern nach Wohlwollen des Gemeinde/Stadtrates vergeben werden, noch nie irgendwo aufgetaucht bzw hinterfragt worden.



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KaroR #23.3

Dankeschön für Ihre Antwort. Das was sie beschreiben, ist ja (leider) üblich.
Es ist aber für mich nicht besonders überraschend, da es sich bei den kommunalen Entscheidungsträgern eben auch um "Mitglieder" entsprechenden lokale "Eliten" handelt.

Leider führt das zu dem bekannten "Filz", in der sich die entsprechenden Menschen gegenseitig "Vorteile" verschaffen. "Eine Hand wäscht die andere",
im schlimmsten Fall Korruption.

Das ist aber für ein funktionierendes Gemeinwesen, das auf Regeln und nicht auf Beziehungen basieren sollte, schädlich.


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Der Wahrheit die Ehre #23.6

"Oft wird vergessen dass soziale Kontakte, die Pflege dergleichen und Engagement durchaus Vorteile bei Geschäften bietet."

Man nennt das schon seit je her "Klüngel" und "Vetternwirtschaft".

Dabei sollte man nie vergessen, dass das das exakte Gegenteil einer Leistungsgesellschaft ist !

Ein Musterbeispiel welches ich selbst erlebt habe. Eine Wohnungsbaugesellschaft einer Stadt. Ich komme als Leiter Vertrieb zum Vorstand der Wobau, um uns als neuen mittelständischen Bauelemente Hersteller vor zu stellen.

Fast schon höhnisch wird nach rechts gezeigt. Einer der Vorstandsmitglieder sei Geschäftsführer des in der Stadt ansässigen Bauelementeherstellers, man benötige keine Angebote.
...


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Hans-Peter Blume #24

Die Verfasserin wird sich darüber freuen, daß Latein-Kenntnisse seit vielen Jahren fürs Abitur nicht mehr erforderlich sind.
Soziologen sollten sich eigentlich nicht darüber wundern, daß gleich und gleich sich immer gern gesellt haben, und zwar in der mittelalterlichen Ständegesellschaft mehr als heute.


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Fehrberlliner #25

Die materiellen und institutionellen Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenlebens geraten im postmodernen Identitätskarneval zusehends aus dem Blickfeld.

In dem Maße, wie die Masse der sozialen „deplorables“ weiter anwächst, kümmert sich die Linke vornehmlich um die Ansprüche von ethnisch, sexuell und kulturell definierten Identitätsverbänden. Die Verlierer der allseitigen gesellschaftlichen Mobilisierung dürfen angesichts der linken Obsession mit Identitätspolitik mit keiner Solidarität mehr rechnen.

Die Unbrauchbaren, Ausgesonderten und Deklassierten werden höchstens mit Anerkennung für ihre devianten Lebensformen abgespeist, anstatt dass im Kampf um gesellschaftliche Ressourcen für ihre soziale Gleichheit gestritten wird.

Allerdings ist auch die rein symbolische Zuwendung, mit der postmoderne Identitätsverteidiger die ökonomisch Abgehängten in paternalistischem Gestus bisweilen noch bedenken, wenn sie besorgt vor »Klassismus« warnen, an klare Bedingungen geknüpft. Ihr Platz in der Manege der diskriminierten Minderheiten wird den Armen nur zuerkannt, solange sie sich benehmen, also keinen Diesel fahren und an der Wahlurne nicht für den Brexit oder populistische Parteien stimmen.

Wird der ungeschriebene Verhaltenskodex der politisch korrekten Gemeinde der Besserverdienenden aber verletzt, schlägt die Sorge um die identitären Gruppenrechte der Unterschicht in offene Pöbelverachtung um, in Hass auf den „white trash“, der für Rechtsruck und Klimawandel verantwortlich sei.

Ihr Kampf um „diversity“ und „affirmative action“, also Quotenregelungen für unterrepräsentierte Minderheiten, betrifft vor allem die oberen Einkommensschichten, bedeutet dabei aber nicht einfach eine Vernachlässigung der Abgehängten, sondern ist ein Projekt zur Zementierung brutalster sozialer Ungleichheit.

Die Idee der sozialen Gerechtigkeit ist in der Ideologie der Antidiskriminierung dergestalt transformiert, dass als ihre Ursache nicht mehr Herrschaft und Ausbeutung ausgemacht werden, sondern die intentionale oder strukturelle Benachteiligung von Minderheiten.

Es bleibt einzig die Hoffnung darauf, die für den Volks-, Kultur- oder Identitätskampf Begeisterten zu ernüchtern, auf dass sie wieder die soziale Wirklichkeit in Augenschein nehmen.


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mlutzmlutz #25.2

Das haben Sie schön geschrieben. Ohne Ironie.


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Ein Held unserer Zeit #26

Man nag es "Ständegesellschaft" oder auch "Neo-Feudalismus" nennen, am Ende läuft es darauf hinaus,, was im Text genannt wird,, daß 10% (geschätzt) so ziemlich das Meiste an Vermögen und Nacht exklusiv für sich horten. Und sich ganz exklusiv daran er freuen und sich strikt vom Rest, den Plebs abgrenzen.

Wie man aus so einer Situation hibauskommt (so man es denn will), zeigen zwei prominente historische Beispiele, die römische Republik der Antike und die franzõsische Revolution. In beiden Fällen war es mit höheren Zahlen an Menschen opfern erkauft, aber - zivilisatorisch hat es uns durchaus weiter gebracht.

Ob das die Angehörigen der besagte 10% irgendwie auch nur periphär interessiert, ist dabei eher nebensächlich. Ganz pragmatisch kann (!) man sich da durchaus Marat mit seiner Förderung nach "1000 Köpfen" anschließen,, zum Wohle des Restes der gesamten Gesellschaft.


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Heraklit2020 #27

Insgesamt ist das Ergebnis dieses Interviews wohl eher dünn. Man kann viele Dinge so sehen, es geht aber auch anders rum.


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Colby Carrington #27.1

Da widerspreche ich entschieden. Man erfährt beispielweise, dass es eine Neuauflage des "Denver-Clan" gibt.


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pragmatismforpolitics #41

Nach meiner Beobachtung kommt jeder gut zurecht, der ein freundliches und höfliches Selbstbewusstsein hat, aber nicht angeberisch auftritt.
Und das völlig unabhängig vom Einkommen oder Herkunft.


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boosterwillig #41.1

Na dann ist ja alles gut. ...


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Thea70 #43

... Insgesamt, meine Meinung, werden über die Familien auch Skills weitergeben, die nicht zum Schulstoff gehören. Mein Vater hatte ein Aktiendepot, irgendwann hatte ich auch eins und hab mich mit ihm ausgetauscht, meinen Kindern hab ich eines angelegt. Und ich versuch es Ihnen alterentsprechend auch zu erklären. Jemand, der in einem Elterhaus aufwächst, in dem Aktien keine Rolle spielen, der kann das nicht nachvollziehen. ...


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Gipfelstürmer #50

Wer von der Natur und der Familiengeschichte bevorteilt ist, sollte seine Position nutzen um die Welt zu einem besseren Ort für möglichst viele Menschen zu machen. Diese Fürsorge sichert auch in jeder Hinsicht den Frieden. Die katholische Soziallehre bietet hier Hilfestellung.


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Zeitabzuhauen #50.1

Zum Beispiel Tebartz-van Elst?

[https://de.wikipedia.org/wiki/Franz-Peter_Tebartz-van_Elst]


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Horst with no name #56

Es mag vielleicht eine anekdotische Beobachtung von mir sein oder der trivialen Tatsache Rechnung tragen, dass ich einfach auch älter werde, aber analog zu dem von Bublitz beschriebenen Erstarren der Klassenstrukturen nehme ich insgesamt eine zunehmende Bedeutung von materialistischen Lebensentwürfen wahr, die die Undurchlässigkeit dieser Klassenstrukturen wiederum verschärft.

Ging es zu Beginn des Jahrtausends vielen in der sicher geglaubten Illusion von grenzenlosem Wachstum und Wohlstand für alle noch um das postmaterialistische ausprobieren experimenteller Lebensentwürfe, so kommt heute für mich langsam so ein "Schlussverkauf"-Gefühl auf. Jede*r versucht schnell noch so viel Wohlstand und materiellen Besitz anzuhäufen wie möglich, bevor es durch Klimawandel, Ressourcenknappheit, Systemkrise etc. zu spät ist.

Womöglich hat das auch was mit der Zuschaustellung von absurdem und verschwenderischem Reichtum in den sozialen Medien zu tun, dass ja nicht nur viele - im Gegensatz zur faktisch Situation - als akzeptabel empfinden, sondern sich zum Vorbild nehmen. Oder, wie gesagt, ich werde halt einfach älter und auch materialistischer...


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PetraLustig #58

Alles nur Neid. Ohne die reiche Oberschicht würde es Zeitschriften wie das goldene Blatt nicht geben. Und dann ?


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Wahl-O-Mate Motzarella #61

Die Diskussionen hier sind sehr amüsant. ...


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« Reply #1346 on: October 23, 2022, 02:09:41 PM »

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[...] Bei der Deutschen Post kommt es nach Unternehmensangaben derzeit wegen Personalengpässen und der Pandemie zu Zustellproblemen. Aufgrund sehr hoher Infektionszahlen fielen Mitarbeiter in einigen Betriebsstätten "reihenweise" aus, sagte Thomas Schneider, Betriebschef des Post- und Paketgeschäfts in Deutschland, der Bild am Sonntag. Zudem sei die Situation auf dem Arbeitsmarkt derzeit sehr angespannt. Es sei "schwieriger, gute Leute zu finden".

Schneider fügte hinzu, Beschäftigte, die während der Lockdowns zur Post gewechselt hätten, seien wieder in ihre früheren Berufe zurückgekehrt. Deshalb gebe es "aktuell Herausforderungen in der Briefzustellung in einzelnen Gegenden". Im Schnitt komme es an einem Werktag "in rund 100 von unseren bundesweit über 50.000 Zustellbezirken dazu, dass die Briefzustellung ausfallen muss".

Aufgrund von Personalengpässen in der Zustellung komme es bei jedem zwölften Brief zu Verzögerungen – in der Regel aber nur um einen Tag, sagte Schneider. "Wir stellen immer noch mehr als 80 Prozent aller Briefe am nächsten Werktag und über 95 Prozent nach zwei Tagen zu."

Das Unternehmen sucht laut Schneider derzeit dringend Personal, vor allem Briefträger. "Wir haben in den letzten vier Wochen über 3.000 neue Zustellkräfte eingestellt", sagte er. In Hinblick auf die Vorweihnachtszeit sei jedoch weitere Verstärkung notwendig.


Aus: "Deutscher Post fehlt Personal für Zustellungen" (23. Oktober 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/arbeit/2022-10/pandemie-personal-deutsche-post-zustellungen

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Zeitschriftenleser #6

Warum gehen die Leute in den alten Beruf zurück?
Warum kann man die nicht halten?


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Fragestellerin #17

Seit Jahren gibt es Zustellprobleme bei der Post. "Hohe Corona-Infektionszahlen führten "reihenweise" zu Personalausfällen." das halte ich für eine willkommene Ausrede.


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swab #11

"Es sei "schwieriger, gute Leute zu finden". "

Bei diesem Satz musste ich angesichts der tollen Arbeitsbedingungen der Zusteller doch etwas schmunzeln.


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Mantis81 #8

Ich weiß von unsrem ehmaligen Briefzusteller, er hat gekündigt, das fast im Jahresrhythmus die Zustellbezirke größer wurden. Er hat bei mir immer geklingelt wenn er auf Toilette musste und hat mit mir kurz geredet.

Überstunden und lange Arbeitszeiten sind anscheinend Alltag.
Er hat Samstags noch um 18 Uhr Briefe zugestellt, unvorstellbar langer Arbeitstag, Beginn 6:00 Uhr, Arbeitsende am Abend.
Unfassbar wie die Post eine Gewinnoptimierung auf den Rücken der Briefzusteller betrieben wird.

...


Quote
BoNT #25

Schneider fügte hinzu, Beschäftigte, die während der Lockdowns zur Post gewechselt hätten, seien wieder in ihre früheren Berufe zurückgekehrt.

Was ja nicht unbedingt für den Arbeitgeber Deutsche Post AG spricht, würde ich meinen.


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Salmon Luedenscheidt #15

... Das neoliberale Dogma der Privatisierung ...


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« Reply #1347 on: October 24, 2022, 07:47:11 PM »

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Sabine Nuß@SabineNuss

bini adamczak@bini_adamczak
In Deutschland besitzen zwei Menschen mehr als die ärmere Hälfte der Bevölkerung.
2:11 nachm. · 21. Okt. 2022
| https://twitter.com/bini_adamczak/status/1583430712027680769
["DGB Verteilungsbericht 2021: Ungleichheit in Zeiten von Corona" - https://www.dgb.de/themen/++co++37dffeb0-5bc3-11eb-ac48-001a4a160123]

Das ist, weil die zwei so fleißig waren. #Privateigentum #Ideologie

11:16 nachm. · 21. Okt. 2022


https://twitter.com/SabineNuss/status/1583567875746713600
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« Reply #1348 on: October 26, 2022, 11:20:50 AM »

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[...] Als erste europäische Großbank öffnet die Schweizer UBS ihre Bilanzbücher und überrascht mit soliden Quartalszahlen. Vor allem Reiche und Superreiche parken ihr Geld wieder vermehrt bei dem Institut, das auch von der Krise des Rivalen Credit Suisse profitiert.

Die UBS hat im Kerngeschäft mit Millionären und Milliardären wieder Fahrt aufgenommen. Nach einer Delle im zweiten Quartal trugen Reiche und Superreiche im Sommer wieder mehr Geld zur Schweizer Großbank. Die solide Bilanz habe in dem von wirtschaftlichen und politischen Verwerfungen geprägten Umfeld Kunden angelockt. Doch auch bei der UBS hinterließen die Turbulenzen an den Finanzmärkten Bremsspuren, weil viele Kunden weniger Wertpapiere handelten. Entsprechend sackte der Gewinn des Konzerns im dritten Quartal um 24 Prozent auf 1,73 Milliarden Dollar ab.

 "Ich habe viel Zeit mit Kunden aus aller Welt verbracht, und ihre Rückmeldungen waren sehr einheitlich", erklärte Konzernchef Ralph Hamers. Sie seien besorgt über die Inflation, die Energiepreise, den Krieg in der Ukraine, die Nachwirkungen der Pandemie, die Verlangsamung der Wirtschaft und Zinserhöhungen. Dies wirke sich auf die Stimmung der Anleger aus. "Und wir gehen davon aus, dass dies mindestens bis zum Ende des Jahres so bleiben wird."

Dennoch bekräftigte Hamers die Ziele und stellte weitere Aktienrückkäufe in Aussicht. Während Profi-Kunden weiterhin kräftig Devisen und Anleihen handelten, hielten viele Privatkunden die Füße still. "Die Privatanleger bleiben im Allgemeinen an der Seitenlinie und warten auf Anzeichen einer Verbesserung", erklärte Hamers.

Gleichzeitig lockte die Bank aber zusätzliches Geld von bestehenden und neuen Kunden an, vor allem aus Asien. Der Nettoneuzufluss der gebührengenerierenden Vermögenswerte kletterte auf 17,1 Milliarden Dollar. Auf das Jahr hochgerechnet entspricht dies einer Wachstumsrate von rund fünf Prozent. Über den Zyklus peilt die Bank ein jährliches Plus von mehr als fünf Prozent an. Es scheine, dass UBS auch im dritten Quartal von der Krise des Rivalen Credit Suisse profitiert habe und dies voraussichtlich auch im vierten Quartal tun dürfte, erklärten die Analysten von JP Morgan.

Auch Konzernchef Hamers bestätigte, dass UBS einer Reihe von Konkurrenten Geschäft abgenommen habe. Für das vierte Quartal stellte er ebenfalls Neugeld-Zuflüsse in Aussicht. Die Experten der Luzerner Kantonalbank strichen mit Blick auf das dritte Quartal ebenfalls die positiven Neugeld-Zuflüsse hervor. Auch unter dem Strich habe die Bank besser abgeschnitten als erwartet. "In einem schwierigen Umfeld hat UBS ein erfreuliches Resultat abgeliefert", erklärte Analyst Daniel Bosshard. Im Vergleich zu so manchem Wettbewerber befinde sich die UBS in ruhigem Fahrwasser. Die Aktie des Zürcher Instituts verteuerte sich um 4,2 Prozent.

 Die Bank schloss im Quartal besser ab, als Analysten erwartet hatten, obwohl sie in allen vier Divisionen weniger als im Vorjahr verdiente. Am deutlichsten war der Rückgang im Investmentbanking, wo der Vorsteuergewinn um 47 Prozent einbrach. Vor allem im Geschäft mit Fusionsberatung und Kapitalmarkt-Transaktionen herrschte Flaute. Auch die großen Wall-Street-Häuser hatten für das dritte Quartal wegen schrumpfender Provisionen im Investmentbanking und höheren Rückstellungen Gewinneinbrüche erlitten. Die UBS legte als eine der ersten europäischen Großbanken den Zwischenbericht vor. Die Deutsche Bank folgt am Mittwoch, die Credit Suisse am Donnerstag.

Quelle: ntv.de, mau/rts


Aus: "Schweizer Großbank UBS lockt wieder Reiche an" (25.10.2022)
Quelle: https://www.n-tv.de/wirtschaft/Schweizer-Grossbank-UBS-lockt-wieder-Reiche-an-article23673642.html

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[...] Der Autobauer Mercedes-Benz hat im dritten Quartal den Umsatz deutlich gesteigert und den Konzerngewinn auf vier Milliarden Euro verdoppelt. Das Unternehmen kann trotz der unsicheren Konjunkturlage weiter auf hohe Verkaufspreise setzen. Im dritten Quartal erhöhte sich der Konzernumsatz dank eines gestiegenen Absatzes, des gestiegenen Anteils teurerer Autos und dank einer »guten Preisdurchsetzung« um 19 Prozent auf 37,7 Milliarden Euro. ...

Ähnlich gut lief es bei der Deutschen Bank: Das Geldinstitut hat trotz des schwierigen wirtschaftlichen Umfeldes im dritten Quartal einen überraschend hohen Milliardengewinn erzielt. Vor Steuern verdiente das Institut rund 1,6 Milliarden Euro – fast dreimal so viel wie ein Jahr zuvor und so viel wie seit 2006 nicht mehr, wie Deutschlands größte private Bank mitteilte. Unter dem Strich entfiel auf die Aktionäre ein Gewinn von gut 1,1 Milliarden Euro, fast sechsmal so viel wie im Vorjahreszeitraum. Analysten hatten im Schnitt deutlich weniger erwartet. Vor allem gestiegene Zinsen gaben dem Institut Auftrieb.

»Die Deutsche Bank liegt voll auf Kurs, ihre Ziele für das Jahr 2022 zu erreichen«, sagte Vorstandschef Christian Sewing. Damit rechnet der Manager weiterhin mit einer Rendite von acht Prozent auf das materielle Eigenkapital, was Analysten bisher für unrealistisch hielten. In den ersten neun Monaten lag diese Kennziffer bei 8,1 Prozent. Ein Jahr zuvor hatte sie lediglich 4,8 Prozent erreicht. Am Finanzmarkt kamen die Nachrichten am Morgen gut an. Im vorbörslichen Handel auf der Plattform Tradegate legte die Deutsche-Bank-Aktie im Vergleich zum Xetra-Schlusskurs vom Vorabend um rund drei Prozent zu.


Aus: "Trotz Krise: Milliardengewinne bei Mercedes-Benz und Deutsche Bank" (26.10.2022)
Quelle: https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/mercedes-benz-und-deutsche-bank-melden-hohe-gewinne-a-ff76b172-471b-45f1-87ab-ee8ce86d45be

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Marcus

Ach wie schön, dass es derzeit auch Gewinner gibt. Schön zu sehen. Daraus entsteht ganz bestimmt viel Gutes!


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Karl

Auf jeden Fall. Von der Dividende fahren wir 3 Wochen nach BaIi in den Urlaub und unterstützen die dortige Wirtschaft und die Menschen.


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Lebegern

Deutlicher kann die Schieflage beziehungsweise das Wohlstandsgefälle nicht zum Ausdruck gebracht werden. Während der aller größte Teil der Bevölkerung sparen muss und große Sorgen hat, füllt sich eine kleine Minderheit an den Folgen der Krise die Taschen.


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Zero

Bei Mercedes wird zumindest etwas erschaffen, wo die Bank ihre Gewinne gemacht hat und auf wessen Kosten, das interessiert doch viel mehr.


Quote
Joomee

Wenn ich mir die Kommentare so anschaue, wird Deutschland nicht an der Politik zu Grunde gehen - sondern an der latenten Wirtschafts- und Unternehmerfeindlichkeit der Gesellschaft… Ich frage mich immer, warum die versammelte Linke dieser Republik nicht alle selbst reihenweise Unternehmen gründen - und alle ihre Vorstellungen von Gewinnen, hohen Löhnen, traumhafte Arbeitsbedingungen etc. umsetzen? Weil meckern, lamentieren und fordern vielleicht doch einfacher ist, als selbst machen?


Quote
Tobias

Solange die Kapitaleinkünfte schneller wachsen als die Arbeitseinkommen, ist alles in Ordnung. ...


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« Reply #1349 on: November 02, 2022, 04:38:19 PM »

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[...] Liz Truss vergöttert Margaret Thatcher – und scheiterte als britische Premierministerin ausgerechnet an den Folgen der Politik ihres Idols. Der Neoliberalismus stösst weltweit an seine eigenen Grenzen.

Die Episode muss bürgerlichen Politiker:innen auch hierzulande zu denken geben: Liz Truss wollte als neue britische Premierministerin das Werk ihres Idols Margaret Thatcher weiterführen, die ab 1979 von Grossbritannien aus die globale neoliberale Revolution eingeläutet hatte – und beendete damit ihre Politkarriere schneller, als ein Salat verwelkt, wie das Finanzblatt «The Economist» böse bemerkte.

Anders als vielerorts behauptet, waren es jedoch nicht allein die Investor:innen, die Truss stürzten, indem sie die Finanzmärkte auf die Achterbahn schickten. Auch die britische Zentralbank hatte ihre Finger mit im Spiel.

Truss, die sich unlängst in der Ukraine wie Thatcher während des Falklandkriegs auf einem Kampfpanzer ablichten liess, hatte nach ihrer Amtsübernahme Anfang September die grösste Steuersenkung seit einem halben Jahrhundert angekündigt: Stempelsteuern sollten gestrichen, ein Deckel für Boni abgeschafft und die Spitzensteuersätze für Reiche von 45 auf 40 Prozent gestutzt werden. Sie verfolge damit drei Prioritäten, rief Truss ihrer Partei zu: «Wachstum, Wachstum, Wachstum!»

Damals, als Thatcher das Ruder übernahm, steuerte die Wirtschaft wie heute auf eine Rezession zu, während die Inflation nach oben schoss, wird sich Truss gesagt haben. Und was tat ihr Idol? Die Steuern für Reiche senken (wobei sie auch die Mehrwertsteuer anhob), während sie den Kampf gegen die Inflation der Bank of England überliess. So wie es US-Ökonom und Prediger Milton Friedman riet.

Nach Bekanntgabe von Truss’ Plänen sackte das Pfund in die Tiefe, während die Zinsen für den verschuldeten Staat senkrecht in die Höhe schossen. Die Investor:innen zweifelten, dass der Staat für seine Schulden würde geradestehen können. Dies jedoch nur deshalb, weil Zentralbankchef Andrew Bailey die Zügel seit Sommer wie kaum ein anderer Amtskollege angezogen und den Leitzins auf 2,25 Prozent hochgeschraubt hatte. Zwar schritt er kurz ein, um den grossen Crash zu verhindern; von seinem grundsätzlichen Kurs liess er sich jedoch nicht abbringen.

Als Thatcher 1979 ihre Revolution einläutete, hatten Europa und die USA dreissig üppige Jahre hinter sich. Dies mit einem Wirtschaftssystem, das heute vielen bereits als linksextrem gelten würde, obwohl es nach dem Krieg auch von Rechten mit aufgebaut worden war: Wichtige Betriebe waren verstaatlicht, die Steuern erhöht und der Sozialstaat stark ausgebaut worden. Mächtige Gewerkschaften sorgten für steigende Löhne. All dies trieb den Konsum und damit das Wachstum an – so wie es der liberale britische Ökonom und Vordenker John Maynard Keynes vorgesehen hatte.

Dreissig Jahre nach dem Krieg waren die Staaten so wenig verschuldet wie kaum je zuvor. Auch untere soziale Schichten sassen im Lift nach oben. Dies bot Thatcher oder dem kurz nach ihr gewählten US-Präsidenten Ronald Reagan viel Platz, um sich auszutoben: Tiefe Schulden ermöglichten nicht nur Steuersenkungen für Reiche und Konzerne, sondern auch höhere Zinsen – je tiefer die Schuld, desto höhere Zinsen können sich Staaten leisten. Nach dreissig goldigen Jahren – die auch die Inflation antrieben – war es zudem einfacher, Härte zu fordern: Im Rausch von Friedmans Wirtschaftsdoktrin schraubte US-Notenbankchef Paul Volcker die Zinsen auf rund zwanzig Prozent. Damit schickten die Zentralbanken weltweit Millionen Arbeiter:innen in die Arbeitslosigkeit – und halfen so, die von ihnen gewonnene wirtschaftliche Macht zu zerschlagen.

1985 liess Thatcher zudem den Streik der Bergarbeiter mit Polizeiknüppeln beenden. Seither jagt in allen Ländern eine Deregulierung des Arbeitsrechts die nächste. Die Arbeitsmärkte wurden so umgekrempelt, schrieb die Bank für Internationalen Zahlungsverkehr (BIZ) kürzlich, dass die «Macht der Arbeit, Preise zu setzen», entschieden geschwächt worden ist.

Die Welt, die Truss bei Amtsantritt vorfand, ist trotz äusserlicher Ähnlichkeiten mit den siebziger Jahren nicht mehr dieselbe. Die Politik der letzten vierzig Jahre hat die Ungleichheit in den Industrieländern drastisch verschärft, wie unzählige Studien belegen, was zu einem steilen Anstieg der Schulden geführt hat: Da die sinkenden Löhne der unteren Schichten den Konsum und damit das Wachstum gefährdeten, kompensierten die Staaten dies unter anderem mit Sozialleistungen. Weil sie jedoch gleichzeitig die Steuern senkten, mussten sie dafür Schulden aufnehmen. Statt Reiche zu besteuern, lieh man sich nun das Geld lieber bei ihnen.

Insbesondere Grossbritannien kurbelte den Konsum an, indem es den Leuten durch die Deregulierung der Banken erlaubte, sich selber zu verschulden. Als diese Schuldenblase 2008 in der Finanzkrise platzte, lud sich die Regierung zur Rettung der Banken einen Teil der Schulden auf die eigenen Schultern, sodass die Staatsschuld innert Kürze von 42 auf 87 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) sprang. Weltweit sind die Schulden von Staaten und Privathaushalten laut Internationalem Währungsfonds von rund 60 auf heute 160 Prozent geklettert.

Damit die Leute und die Staaten ihre Schulden stemmen konnten, senkten die Zentralbanken die Zinsen ab den achtziger Jahren wieder allmählich – bis sie nach 2008 auf null fielen. Mit der schuldengetriebenen Nachfrage wurde lediglich die Nachfrage ersetzt, die durch den sozialen Kahlschlag weggefallen war. Entsprechend blieb die Inflation tief.

Die Welt, die Truss bei Amtsantritt vorfand, ist trotz äusserlicher Ähnlichkeiten mit den siebziger Jahren nicht mehr dieselbe. Die Politik der letzten vierzig Jahre hat die Ungleichheit in den Industrieländern drastisch verschärft, wie unzählige Studien belegen, was zu einem steilen Anstieg der Schulden geführt hat: Da die sinkenden Löhne der unteren Schichten den Konsum und damit das Wachstum gefährdeten, kompensierten die Staaten dies unter anderem mit Sozialleistungen. Weil sie jedoch gleichzeitig die Steuern senkten, mussten sie dafür Schulden aufnehmen. Statt Reiche zu besteuern, lieh man sich nun das Geld lieber bei ihnen.

Insbesondere Grossbritannien kurbelte den Konsum an, indem es den Leuten durch die Deregulierung der Banken erlaubte, sich selber zu verschulden. Als diese Schuldenblase 2008 in der Finanzkrise platzte, lud sich die Regierung zur Rettung der Banken einen Teil der Schulden auf die eigenen Schultern, sodass die Staatsschuld innert Kürze von 42 auf 87 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) sprang. Weltweit sind die Schulden von Staaten und Privathaushalten laut Internationalem Währungsfonds von rund 60 auf heute 160 Prozent geklettert.

Damit die Leute und die Staaten ihre Schulden stemmen konnten, senkten die Zentralbanken die Zinsen ab den achtziger Jahren wieder allmählich – bis sie nach 2008 auf null fielen. Mit der schuldengetriebenen Nachfrage wurde lediglich die Nachfrage ersetzt, die durch den sozialen Kahlschlag weggefallen war. Entsprechend blieb die Inflation tief.

Mit einer Staatsschuld von heute über 100 Prozent des BIP im Nacken blieben Truss’ Steuersenkungspläne chancenlos. Dies zumindest vor dem aktuellen Hintergrund, wo die Zentralbanken die Zinsen erhöhen wollen, um die Inflation zu senken. Wobei die Inflation gerade den Banken als Vorwand dient, um nach fünfzehn Jahren Nullzinspolitik endlich wieder höhere Zinsen zu fordern: Je höher die Zinsen, desto mehr Geld lässt sich verdienen.

Seit 2008 sind unter der Nullzinspolitik die britischen Schulden um über sechzig Prozent des BIP angestiegen, ohne dass dies ein:e Regierungschef:in bisher den Kopf gekostet hätte: Solange die Banken bei der Zentralbank gratis Geld erhielten, waren sie bereit, dem Staat immer weiter Geld zu leihen; umso mehr, als die Zentralbank ihnen die Schuldpapiere abkaufte. Truss stürzte jetzt, weil Zentralbankchef Bailey die Zügel angezogen hat. Sie wurde Opfer einer Zentralbank, die nicht nur unabhängig und mächtig ist, wie vom Thatcherismus angestrebt, sondern eine ebenso eiserne Politik verfolgt. Die britische Politik befinde sich an einem «dunklen Ort», twitterte die eher linke Wirtschaftsprofessorin Daniela Gabor.

Nach vierzig Jahren, in denen die Ungleichheit stetig zugenommen hat, leben derzeit zwanzig Prozent der Brit:innen in Armut, und die rasche Teuerung treibt Millionen auf die Strasse zum Protest. So war es für Truss anders als für Thatcher auch nahezu unmöglich, ihre Steuersenkung mit Sparmassnahmen zu kompensieren. Sie sah sich vielmehr gezwungen, sich für die Subventionierung von Erdgas zu entscheiden. Auch Truss’ Nachfolger Rishi Sunak wird es mit seinen Sparplänen nicht leicht haben.

An eine Grenze geraten schliesslich auch die Zinserhöhungen der Zentralbanken: Mit einer globalen Schuld bei Privathaushalten und Staaten von 160 Prozent des BIP steigt die Gefahr von Insolvenzen, die sich zu einer Finanzkrise ausdehnen. Die Uno spricht von einer «gefährlichen Wette» der Zentralbanken, die eine «Kaskade von Insolvenzen» zur Folge haben könnten. Es drohe ein Crash.

Kommt hinzu: Anders als in den siebziger Jahren, als die Inflation – neben den hohen Ölpreisen – stark durch die steigenden Löhne angetrieben wurde, ist zumindest in Europa der Hauptgrund heute das verknappte Angebot, wie in Studien der Europäischen Zentralbank nachzulesen ist. Je knapper Rohstoffe und andere Güter wegen Lockdowns in China oder des Kriegs gegen die Ukraine sind, desto stärker steigen die Preise. Das bedeutet: Mit den Zinserhöhungen soll nicht eine steigende Nachfrage gebremst werden, die das Angebot übertrifft und so zu Inflation führt. Die Nachfrage soll vielmehr auf ein geschrumpftes Angebot runtergestutzt werden, indem Menschen in die Arbeitslosigkeit getrieben werden.

Kurz: Zur Bekämpfung der Inflation sollen die Leute nicht langsamer reich werden, sie sollen ärmer werden. Inzwischen warnt selbst der eher rechte US-Ökonom Gregory Mankiw die US-Notenbank vor «Übertreibung».

Die Nachfrage könnte im Kampf gegen die Inflation auch anders gestutzt werden. Und zwar indem Vermögende höher besteuert werden. Sie stossen durch ihren übermässigen Konsum ohnehin zu viel CO₂ aus: So produzieren die reichsten zehn Prozent der Europäer:innen laut einer im «Nature»-Magazin publizierten Studie jährlich rund 29 Tonnen CO₂ pro Kopf, die untere Hälfte dagegen nur 5 Tonnen. Mit höheren Steuern für Reiche liessen sich auch die erdrückenden Schulden der Privathaushalte und der Staaten reduzieren – ihre Schulden sind die Vermögen der Begüterten. Mit der Hälfte der 211 Billionen US-Dollar, die das weltweit reichste Prozent laut Credit Suisse besitzt, liessen sich sämtliche Staatsschulden auf einen Schlag tilgen.

Truss meint, dass die Reichen mehr investierten, wenn man ihnen mehr in der Tasche lässt. Fakt ist: Obwohl seit 1979 die Unternehmenssteuern von über 50 auf unter 20 Prozent gekürzt wurden, sind die Investitionen laut Weltbank von 25 auf 17 Prozent des BIP geplumpst. Ein Bild, das sich in nahezu allen Industriestaaten zeigt. Das Geld landete vielmehr an der Börse, wo es die Preise der Wertpapiere in die Höhe trieb.

Dass einige noch immer daran glaubten, der Reichtum einiger weniger nütze am Ende allen, mache ihn «krank und müde», twitterte US-Präsident Joe Biden just einen Tag, bevor er Truss vor einem Monat in New York traf. Das sei «Voodoo-Ökonomie», meinte der spätere US-Präsident George Bush senior bereits 1980. Nach vierzig Jahren scheint dieser Voodoo an seine eigenen Grenzen zu stossen.


Aus: "Weltwirtschaft in der Krise: Thatchers Schuld" Yves Wegelin (Nr.  43 – 27. Oktober 2022)
Quelle: https://www.woz.ch/2243/weltwirtschaft-in-der-krise/weltwirtschaft-in-der-krise-thatchers-schuld/%21PXX7M0Y0MMV2

https://de.wikipedia.org/wiki/Margaret_Thatcher
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« Reply #1350 on: November 02, 2022, 04:44:26 PM »

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[...] BERLIN taz | Die Zukunft des Warenhauskonzerns Galeria-Karstadt-Kaufhof sieht mal wieder düster aus. Mindestens „ein Drittel“ der bundesweit 131 Filialen werde man schließen müssen, kündigte Galeria-Chef Miguel Müllenbach am Montag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung an. Auch Standorte in Berlin könnten betroffen sein. Das Unternehmen begründet die Notwendigkeit mit dem zurückhaltenden Konsumklima infolge der Inflation, doch Kri­ti­ke­r:in­nen fürchten, Signa gehe es in erster Linie um Immobilienspekulation mit den Kaufhausimmobilien und nicht um den langfristigen Erhalt des Warenhausgeschäfts.

Welche Warenhäuser konkret betroffen sein werden, stand am Dienstag noch nicht fest. „Die Beschäftigten sind entschlossen, für jedes einzelne Warenhaus zu kämpfen“, sagte Verdi-Gewerkschaftssekretärin Conny Weißbach der taz. Sie forderte Signa auf, die Bestandsgarantien der vor zwei Jahren abgeschlossenen Absichtserklärung einzuhalten, und erklärte, Verdi erwarte von der Politik Unterstützung für weitere Verhandlungen mit Signa über den Erhalt von Standorten.

Auch der Senat zeigt sich „not amused“ über die aktuelle Entwicklung. „Ich erwarte von den Unternehmen ein gutes Zukunftskonzept für alle Berliner Standorte und für alle seine Beschäftigten in Berlin“, teilte Wirtschaftssenator Stephan Schwarz am Dienstag auf taz-Anfrage mit.

Noch am Nachmittag traf der Wirtschaftssenator Signa CEO Timo Herzberg und Handelsverbandspräsidenten Nils Busch-Petersen. „Sowohl Signa als auch der Senat glauben an die Zukunft der Berliner Kaufhäuser und halten an den Zielen des gemeinsamen Letter of Intends fest“, erklärt Schwarz.

Laut dem im August 2020 zwischen Signa und dem Senat geschlossenen Deal sichert das Unternehmen drei- bis zehnjährige Bestandsgarantien für vier der damals sechs von Schließung bedrohten Warenhausfilialen zu. Im Gegenzug versprach der Senat, mehrere umstrittene Bauprojekte der Immobiliensparte Signas voranzutreiben. Schon bei der Unterzeichnung der Absichtserklärung bezeichnete die Linken-Abgeordnete Katalin Gennburg den Deal als „Erpressung“ und sprach von einer rechtlich fragwürdigen Verknüpfung von Baurecht und dem Erhalt von Arbeitsplätzen.

Für Letztere sieht es wieder einmal nicht gut aus. Laut Galeria-Chef Müllenbach sind nun betriebsbedingte Kündigungen „leider unumgänglich, um in dieser Situation den größeren Teil des Unternehmens zu retten“. Der Warenhauskonzern hat im letzten Geschäftsjahr ein Minus von 622 Millionen Euro eingefahren. Seit dem letzten Insolvenzverfahren 2021 hat Galeria in zwei Hilfsaktionen 680 Millionen Euro vom Wirtschaftsstabilisierungsfonds erhalten.

Unabhängig vom neuen Insolvenzverfahren laufen die Bestandsgarantien für die Standorte in der Willmersdorfer Straße und am Leopoldplatz Ende des nächsten Jahres aus. Bereits im August hatte die Geschäftsleitung den Angestellten der Filiale am Leopoldplatz eine betriebliche Kündigung aller Mit­ar­bei­te­r:in­nen angekündigt.

In Sachen Hermannplatz hatte der Senat die Planungsverantwortung für den Umbau des Karstadtgebäudes am Hermannplatz an sich gezogen und somit den Weg für das Projekt freigemacht, das am Veto des Bezirks Friedrichshain-Kreuzbergs zu scheitern drohte. Anfang September ließ Signa verlauten, noch 2023 mit einem Baubeginn zu rechnen. Das Karstadtgebäude soll komplett entkernt, erweitert und angelehnt an das historische Vorbild des im Krieg zerstörten Vorgängers von 1929 rekonstruiert werden. Geg­ne­r:in­nen des Projekts befürchten die weitere Verdrängung von weniger betuchten Be­woh­ne­r:in­nen der Umgebung.

Auch am Kurfürstendamm, wo Signa eine weitere Karstadt-Filiale abreißen lassen und durch ein Hochhausensemble ersetzen will, kommt die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Signa entgegen. Noch 2018 bezeichnete das Baukollegium, ein die Senatsverwaltung beratendes Expertengremium, die Hochhauspläne als „aufgeblasen“ und lehnte sie mit der Begründung ab, die Türme würden das Stadtbild stören. In einer Kooperationsvereinbarung zwischen der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, dem Bezirksamt von Charlottenburg-Wilmersdorf und Signa-CEO Timo Herzberg, die Anfang Oktober überraschend veröffentlicht wurde, gesteht man Signa nun zwei Türme mit einer Höhe von 120 Metern zu.

Mögliche Neuverhandlungen mit Signa für den Erhalt weiterer Filialen werden überschattet von den jüngsten Korruptionsvorwürfen gegen Unternehmensgründer René Benko. Am 18. Oktober durchsuchte die österreichische Staatsanwaltschaft die Räumlichkeiten der Firmengruppe. Dem österreichischen Milliardär wird unter anderem vorgeworfen, einem hohen Finanzbeamten einen gut bezahlten Posten in seinem Unternehmen angeboten zu haben, um im Gegenzug ein Steuerprüfungsverfahren, das zu der Zeit gegen Benko lief, positiv zu beeinflussen. Unter anderem vermutet die österreichische Staatsanwaltschaft, Benko habe Immobilien offiziell unter Wert verkauft, um Steuern zu umgehen. „Die Untersuchungen gegen Benko sind das allerletzte Warnsignal, um die Zusammenarbeit mit Signa zu beenden“, so Gennburg gegenüber der taz.

Trotz Insolvenzverfahren erzielt die Unternehmensgruppe mit ihrer Immobiliensparte üppige Gewinne. Möglich werden diese vor allem durch Wertsteigerungen, wie eine Analyse des US-amerikanischen Wirtschaftsmagazins Bloomberg von 2021 zeigt. Die Mieteinnahmen der Immobilien sind vergleichsweise gering. Durch die enormen Preissteigerungen am Immobilienmarkt konnte Signa aber stattliche Dividenden auszahlen und immer neues Kapital anlocken. Dadurch sei Benkos Geschäftsmodell enorm abhängig von steigenden Immobilienpreisen, so die Analysten.

Ex­per­t:in­nen vermuteten schon bei der Karstadt-Übernahme Signas 2014, das Unternehmen habe es vor allem auf Wertsteigerungen bei den oft attraktiv gelegenen Kaufhausimmobilien abgesehen. In Berlin scheint sich der Verdacht zu bestätigen. Die Filialen am Hermannplatz, Ku’damm und Alexanderplatz will Signa umbauen oder abreißen, um an der Stelle monumentale Bauprojekte mit deutlich größerer Geschossfläche zu bauen.

Die jüngsten Korruptionsvorwürfe wiegen angesichts von Signas Geschäftsmodell doppelt schwer. „Wenn Signa Schwierigkeiten bekommt, wird das Einflüsse auf die Kreditwürdigkeit und Finanzierung haben“, sagte der Sprecher für Stadtentwicklung der Grünen-Fraktion, Julian Schwarze. Im schlimmsten Falle könne Signa anstelle von Hochhäusern Bauruinen zurücklassen. „Es ist bedenklich, dass die Stadt da mitspielt.“


Aus: "Insolvenz bei Galeria-Karstadt-Kaufhof: Kaufhäuser dicht, Kasse gemacht" (2. 11. 2022)
Quelle: https://taz.de/Insolvenz-bei-Galeria-Karstadt-Kaufhof/!5888905/
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« Reply #1351 on: November 08, 2022, 11:28:44 AM »

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[...] Im Cum-Ex-Steuerskandal hat das Landgericht Frankfurt Haftstrafen gegen drei frühere Manager der Maple Bank verhängt. Der ehemalige Deutschland-Chef wurde wegen schwerer Steuerhinterziehung zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und vier Monaten und zu einer Geldbuße von 96.000 Euro verurteilt, wie das Gericht entschied. Damit muss erstmals ein früherer Bankchef in Deutschland wegen Cum-Ex-Geschäften ins Gefängnis. Zudem werden 2,9 Millionen Euro Taterträge aus seinem Vermögen eingezogen.

Ein zweiter Mann erhielt eine Haftstrafe von vier Jahren und zwei Monaten und muss 60.000 Euro Geldstrafe bezahlen. Ein dritter Ex-Banker bekam dreieinhalb Jahre Haft. Die beiden müssen zudem Erträge aus den Taten zurückzahlen, der eine eine Million Euro, der andere 805.000 Euro.

Milder kam ein vierter früherer Banker mit zwei Jahren auf Bewährung davon. Er hatte ein umfassendes Geständnis abgelegt und bei der Aufarbeitung des Falls geholfen, über den eineinhalb Jahre verhandelt wurde. Bei ihm werden aber 5,7 Millionen Euro an Taterträgen eingezogen.

Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt hatte den Männern vorgeworfen, ab 2006 "gemeinschaftlich Handelsstrukturen aufgebaut" zu haben, die Cum-Ex-Geschäfte ermöglichten. Der Steuerschaden wegen der Aktiendeals der Maple Bank wurde auf gut 388 Millionen Euro beziffert – eine beispiellose Höhe im Cum-Ex-Komplex, sagte Richter Werner Gröschel und sprach von "erheblicher krimineller Energie".

Die Maple Bank mit kanadischen Wurzeln war im Jahr 2016 von der Finanzaufsicht Bafin geschlossen worden, weil dem Geldhaus wegen einer Rückstellung zu Cum-Ex-Geschäften die Überschuldung drohte.

Bei Cum-Ex-Geschäften nutzten Banken und andere Finanzakteure eine Gesetzeslücke, um den Staat zu betrügen. Rund um den Dividendenstichtag wurden Aktien mit ("cum") und ohne ("ex") Ausschüttungsanspruch zwischen mehreren Beteiligten hin- und hergeschoben. Am Ende erstatteten Finanzämter Kapitalertragsteuer, die gar nicht gezahlt worden waren.

Dem deutschen Staat entstand Schätzungen zufolge ein Schaden von mindestens zehn Milliarden Euro. Erst 2012 wurde die Gesetzeslücke geschlossen. Der Bundesgerichtshof entschied 2021, dass Cum-Ex-Geschäfte als Steuerhinterziehung zu werten sind.

In den Cum-Ex-Skandal sind viele Banken verwickelt, es kommt immer wieder zu Razzien. Bisher gab es aber nur wenige Urteile. Erst vergangene Woche hatte das Landgericht Wiesbaden Bewährungsstrafen gegen zwei ehemalige Banker der HypoVereinsbank wegen Steuerhinterziehung und Beihilfe zur Steuerhinterziehung verhängt.

Mit dem Urteil gegen die Ex-Maple-Banker ist die strafrechtliche Aufarbeitung des Falls noch nicht abgeschlossen. Das Verfahren gegen einen weiteren Banker sowie zwei frühere Steueranwälte der Großkanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer war abgetrennt worden. Die Männer sollen den Aufbau der Cum-Ex-Handelsstrukturen mit Gutachten unterstützt haben. Gegen sie steht ein neuer Prozess bevor.



Aus: "Cum-Ex-Skandal: Frühere Maple-Banker müssen wegen Steuerhinterziehung ins Gefängnis" (7. November 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2022-11/cum-ex-skandal-maple-bank-steuerhinterziehung-gefaengnis
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« Reply #1352 on: November 14, 2022, 01:19:22 PM »

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[...] Arno Dübel freut sich aufs kommende Jahr. Denn dann werde er „zum Bürger befördert“. So steht es auf der Facebookseite des Mannes, der vor gut 20 Jahren als „Deutschlands frechster Arbeitsloser“ bekannt wurde, als „Sozialschmarotzer vom Dienst“ und „berühmtester Hartz-IV-Empfänger“.

Ach, was waren das aufregende Zeiten, damals, unter rot-grüner Regierung. Nach 16 Jahren Helmut Kohl schien alles neu. Eine Neue Mitte hatte Gerhard Schröder 1998 bei seinem Einzug ins Kanzleramt beschworen und die Menschen ermuntert, ihr Erspartes in die New Economy zu stecken, etwa in nagelneue Telekom-Aktien. „Achtung, wir haben jetzt Neoliberalismus!“, warnten kluge Leute, und wer nicht auf Anhieb kapiert hatte, was das wohl heißen mochte, bekam es 2001 von Gerhard Schröder noch mal erklärt: „Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft.“ Just in jenem Jahr begann die kleine Medienkarriere des Arno Dübel.

Dessen beruflicher Werdegang ist schnell erzählt: 1974 brach er eine Malerlehre ab – Punkt. Seither lebt Dübel von dem, was einem Langzeitarbeitslosen an Sozialleistungen zusteht. Erst hieß es Sozialhilfe. Dann Hartz IV. Nun also bald Bürgergeld. „Wer arbeitet, ist blöd“: So hat Dübel es in Dutzenden Talkshows verkündet. So gab er es der Bild zu Protokoll. Und so postet er es jetzt, mit 66, bei Facebook: „Das neue Bürgergeld ist die Chance auf ein noch schöneres Leben auf Kosten vom Deutschen Staat. Lasst die Leute arbeiten und nehmt mehr Geld ab 1. 1. 2023 mit.“

Vor lauter Krisen schien der Sozialschmarotzer zuletzt vergessen – doch nun, da es an die Abschaffung von Hartz IV geht, kehrt er auf die öffentliche Bühne zurück. Das ist nicht Arno Dübels Schuld, viele kennen ja nicht mal seinen Namen. Nein, der „Sozial­schmarotzer“ kann heute Heiko, Helga oder Hassan heißen, er muss kein dürrer Kettenraucher sein, damit wieder über ihn geredet wird.

Da ist etwa Mario Lochner, Finanzblogger und Redakteur bei Money, Ableger des Magazins Focus, das schon 1995 „Das süße Leben der Sozialschmarotzer“ zur Titelstory erhob. Neulich, zu Halloween, verglich Lochner bei Twitter die Menschen, die bald Bürgergeld beziehen werden, mit faulen Kindern, die anderen die Süßigkeiten klauen.

Die Junge Freiheit raunte vor drei Monaten mal wieder von der „sozialen Hängematte“, und der Vize-Fraktionschef der AfD im Bundestag, Norbert Kleinwächter, dachte laut über Menschen nach, die verlernt hätten, „in der Früh aufzustehen“ und stattdessen beigebracht bekämen, „auf der Couch zu liegen“.

Eleganter und behutsamer – fast schon zärtlich – klang es bei CDU-Chef Friedrich Merz, als er über den Menschentypus „Versorgungsempfänger“ sinnierte. Oder bei Michael Kretschmer, sächsischer Ministerpräsident, der im MDR herumdruckste: „Die Menschen, die jeden Tag arbeiten gehen, die etwas leisten, die fragen doch: Ist dieser Sozialstaat wirklich richtig austariert?“ Immerhin steht es schon in der Bibel: „Wer nicht arbeitet, soll nicht essen.“ August Bebel, Adolf Hitler, Josef Stalin und Franz Müntefering haben das zitiert – warum nicht auch ein Christdemokrat?

Die einen beklatschen das rhetorische Nachuntentreten. Die anderen verurteilen es als Zynismus im Trump-Stil. Manche sprechen von „Kulturkampf“. Viele tragen dieser Tage wieder das Wort „Sozialschmarotzer“ auf der Zunge, aber sie spucken es nicht aus. Man hört es trotzdem. Schließlich wissen heute alle Bescheid über die Symbolkraft von Namen und Vokabeln, über „Hate Speech“ und Klassismus, Wording und Framing.

Mit dem Bürgergeld will die Ampel-Koalition die Lebensumstände derjenigen, die aus dem geregelten Arbeitsmarkt geglitten sind oder nie drin waren, ein bisschen verbessern. Mit einem Hauch mehr Geld und Weiterbildungsangeboten, besseren Zuverdienstmöglichkeiten, einem höheren Schonvermögen, mit etwas mehr Zeit, Raum, Ruhe, um finanziell und sozial wieder auf die Beine zu kommen – bevor das Jobcenter den Druck dann doch wieder erhöhen kann. Skeptiker und Zweiflerinnen sprechen von Hartz V: einem billigen Upgrade des längst Bekannten.

Gewerkschaften und Sozialverbände jedoch begrüßen das Projekt. Es „reformiert ein Menschenbild“, meinte unlängst auch taz-Kollegin Anna Lehmann: „Der antriebslose Arbeitslose, der lieber Tiefkühlfritten vor der Glotze konsumiert, als sich um Arbeit oder Schulabschluss zu bemühen, ist passé. Stattdessen traut die Ampel den Menschen, wenn auch zaghaft, zu, dass sie tätige Mitglieder der Gesellschaft sein wollen.“

Anhaltende Arbeitslosigkeit und Aufstockungsbedarf haben viele Ursachen. Krankheit, die Alleinverantwortung für ein Kind, psychische Belastungen, eine Sucht, eine gescheiterte Freiberuflichkeit. Und eben die Arno-Dübel-Jahre, die Schröder-Ära. Hartz IV ist (auch) eine Folge von Hartz I bis III: Leiharbeit, Zeitarbeit, Scheinselbständigkeit – ideale Voraussetzungen für die Vermehrung der working poor, Menschen, die von ihren Jobs nicht leben können. Rund acht Millionen abhängig Beschäftigte arbeiten heute auf Niedriglohnniveau, 46 Prozent mehr als 1995.

Seit 2005, der Einführung der Hartz-Gesetze, habe sich die Mitte „nicht wieder erholt“, ist bei der nicht gerade kommunismusverdächtigen Bertelsmann-Stiftung zu lesen. 1995 zählten demnach 70 Prozent der Bevölkerung zu den mittleren Einkommensgruppen, inzwischen sind es knapp über 60. Laut Statistischem Bundesamt ist heute jeder Fünfte „von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht“.

Die „Multijobberin“, der „Flaschensammler“, die „Tafel-Kundin“: Sie alle sind in den Nullerjahren geboren und leben nun mitten unter uns. Anders gesagt: Die Wahrscheinlichkeit, selbst eines Tages zum „Versorgungsempfänger“ (Merz) zu werden, ist den Deutschen näher an die Pellen gerückt.

Karl Marx schimpfte auf das „Lumpenproletariat“, die „passive Verfaulung der untersten Schichten“. Der SPD-Mann Alfred Grotjahn sah in „Arbeitsscheuen“ und „Verwahrlosten“ 1912 „eine Gefahr und eine Bürde für jedes Gemeinwesen“. Die Nazis hetzten gegen „Ballast­existenzen“ und „Asoziale“. In den frühen Hartz-Jahren übernahmen sogenannte „Neue Bürgerliche“ den Job. Ihr Spektrum reichte von „altfränkisch bis exzentrisch, lokal bis global“, wie der Sozialwissenschaftler Wolfgang Kaschuba konstatierte: eine „Bourgeoisie ohne Bürgerlichkeit“.

Der Publizist Norbert Bolz, einst im Beirat des CDU-Wirtschaftsrats, lästerte 2009 über eine sozialstaatliche „Tyrannei der Wohltaten“, die eine „Sklavenmentalität“ hervorbringe. 2010 setzte der damalige Focus-Chef Wolfram Weimer eine Tirade über einen „linksliberalen, feministischen, sozialstaatsfixierten Multikulti-Wischiwaschi-Mainstream“ in sein Blatt. FDP-Mann Guido Westerwelle brachte die „spätrömische Dekadenz“ ins Spiel, sein Parteikollege Daniel Bahr grämte sich: „In Deutschland bekommen die Falschen die Kinder.“

Nur in der Feststellung, wer alles nicht dazugehörte, ließ dieses neu-bürgerliche „Wir“ sich fassen, und das SPD-Problem Thilo Sarrazin war dabei besonders akribisch: „Menschen, die in Trainingsanzügen rumschlurfen“, Langzeitarbeitslose („regulieren die Temperatur mit dem Fenster“), Hartzerinnen, die „durch Kinder ihren Lebensstandard verbessern“, „Kopftuchmädchen“ – eine „funktions- und arbeitslose Unterklasse“, die sich „verfestigt“ und „vermehrt“. Die Neue Bürgerlichkeit kippte in eine „Rohe Bürgerlichkeit“, wie der Soziologe Wilhelm Heitmeyer es 2011 formulierte. Und 2013 gründete sich dann die AfD.

Deshalb geben sich gerade alle Mühe, so vorsichtig wie möglich zu sprechen. Erst recht die Ampel-Parteien: SPD und Grüne, unter deren Ägide die Prekarisierung so richtig in Schwung kam. Und die FDP, die ihre Überheblichkeit den Verlierern gegenüber jahrelang so überdeutlich raushängen ließ. Aber natürlich auch die Union, die mit der AfD jetzt die Oppositionsbänke teilt und keinesfalls mit ihr verwechselt werden will.

Überraschenderweise hat Friedrich Merz kürzlich einmal etwas gar nicht so Dummes gesagt: Mit der Grundsicherung für Alte und Kinder werde es womöglich bald „nicht mehr viele geben in dieser Gesellschaft, die nicht auf irgendein soziales Transfersystem zurückgreifen können“. Die Neue Mitte: Sie verdünnisiert sich. Darauf muss man die Menschen vorbereiten. Man muss ihnen die Angst nehmen. Die Hartzerin wird zur Bürgergeldempfängerin – zur bedürftigen Bürgerin – irgendwie also: bürgerlich. Arno Dübel hat Recht. Es klingt wie eine Beförderung.


Aus: "Debatte ums Bürgergeld: Der Klang einer Beförderung" Katja Kullmann (14. 11. 2022)
Quelle: https://taz.de/Debatte-ums-Buergergeld/!5894082/

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« Reply #1353 on: November 15, 2022, 11:44:17 AM »

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[...] Die Gehälter der Topmanagerinnen und -manager in Deutschland sind im Jahr 2021 deutlich gestiegen. Die Vorstandsmitglieder von Spitzenkonzernen verdienten im Schnitt 469.000 Euro mehr als im Vorjahr, wie die Beratungsfirma EY mitteilte. Das ist ein Anstieg um 24 Prozent auf einen neuen Höchststand von im Schnitt 2,4 Millionen Euro. Die durchschnittliche Gesamtvergütung der Vorstandsvorsitzenden nahm demnach um 23 Prozent auf 3,3 Millionen Euro zu.

Frauen sind zwar deutlich seltener in den Vorständen vertreten, sie verdienten in vergleichbaren Positionen aber das siebte Jahr in Folge mehr als ihre männlichen Kollegen. Dadurch, dass die Vergütung weiblicher Vorstandsmitglieder im vergangenen Jahr im Schnitt weniger stark (17 Prozent) stieg als die der männlichen Vorstände (25 Prozent), reduzierte sich der Gehaltsvorsprung laut EY auf 348.000 Euro. Er lag damit auf dem Niveau von 2017.

Generell verdienten Frauen in Deutschland im vergangenen Jahr im Schnitt 18 Prozent weniger pro Stunde als Männer. Der Großteil des Unterschieds hat allerdings strukturelle Gründe: Frauen arbeiten zum Beispiel häufiger als Männer in Branchen und Berufen, in denen schlechter bezahlt wird und in denen sie seltener Führungspositionen erreichen. Außerdem haben Frauen häufiger als Männer Teilzeitstellen oder Minijobs.

Bei den Vorstandsvorsitzenden erübrigt sich der Geschlechtervergleich, da es kaum Frauen in diesen Positionen gibt. Unter den DAX-Unternehmen wird lediglich der Chemiekonzern Merck mit Bélen Garijo von einer Frau geführt. Sie verdiente im Jahr 2021 mit sechs Millionen Euro deutlich mehr als der Durchschnitt.


Aus: "Gehälter deutscher Vorstände sind deutlich gestiegen" (14. November 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2022-11/lohn-gehaelter-vorstand-frauen

Quote
Einfacher Bürger #5

"Im Vergleich zum Vorjahr haben Topmanager im Schnitt 469.000 Euro mehr verdient."

Na, da freuen wir uns doch mal.


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doc_seltsam #32

Ach wie schön, dass zumindest für einige Wenige eine existenzebrohende finanzielle Schieflage abgewendet werden konnte! ...



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barbos222 #36

Da kann ich ja ruhig schlafen, dass es wenigstens den DAX Vorständen gut geht.

Denen ist die "Lohn-Preis-Spirale" ja auch herzlich egal.


Quote
Earl Byrd #45

Die Spaltung der Gesellschaft, hier ist sie vollzogen. Von Menschen, die entweder unfähig sind, die Wirkung ihres Tuns zu beurteilen - oder denen das komplett egal ist. ...


Quote
Zwischenmensch #53

Es demotiviert und demoralisiert Gesellschaften, wenn die Unterschiede immer krasser werden - es wird sich auch auf demokratische Prozesse auswirken, denn Geld ist halt Macht, und viel Geld ist viel Macht. ...


Quote
person1.net #54

Eat the rich.


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svebert #56

Warum bekommen Vorstände 25% mehr und Arbeitnehmer werden mit 3-10% abgespeist? Ist das die Vorbildfunktion und das Teamwork, von dem die Manager so reden?


Quote
barbos222 #56.1

Nein, hier geht es darum, wer sich selbst das Gehalt auf Kosten anderer festlegen darf.


...
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« Reply #1354 on: November 17, 2022, 10:44:30 AM »

Quote
[...] In Deutschland hat im vergangenen Jahr mehr als jeder zehnte Einwohner auf überbelegtem Wohnraum gewohnt. Das geht aus Daten des Statistischen Bundesamtes hervor. Demnach waren 2021 rund 8,6 Millionen Menschen betroffen. Das entspricht einem Anteil von 10,5 Prozent an der Bevölkerung.

Vor allem Haushalte mit Kindern waren demnach betroffen. Bei ihnen lag die Überbelegungsquote bei 15,9 Prozent. In Haushalten mit zwei Erwachsenen und mindestens drei Kindern waren es sogar 30,7 Prozent, bei Alleinerziehenden 28,4. Die Überbelegungsquote bei Minderjährigen war mit 17,8 Prozent rund sechsmal so hoch wie etwa bei älteren Menschen ab 65 Jahren, dort waren es drei Prozent.

Als überbelegt gilt eine Wohnung, wenn sie über zu wenige Zimmer im Verhältnis zur Personenzahl verfügt. Dabei wird sich nach der europäischen Gemeinschaftsstatistik über Einkommen und Lebensbedingungen gerichtet, der sogenannten EU-SILC. Als überbelegt gilt demnach eine Wohnung, wenn etwa kein Gemeinschaftsraum oder kein einzelnes Zimmer je Erwachsenem vorhanden ist.

In Haushalten ohne Kinder lag die Überbelegungsquote mit 6,5 Prozent niedriger als über alle Haushaltsformen hinweg. Anteilig am seltensten lebten zwei Erwachsene ohne Kinder in überbelegten Wohnungen. Dort lag der Wert bei 2,7 Prozent.

Laut dem Statistikamt gab es einen deutlichen Unterschied zwischen Stadt und Land. So war der Anteil der Menschen in überbelegten Wohnungen in größeren Städten mit 15,5 Prozent rund dreimal so hoch wie in ländlichen Gebieten mit 4,9 Prozent.

EU-weit steht Deutschland besser da als der Durchschnitt. Die Überbelegungsquote in der EU lag im Jahr 2021 laut der Statistikbehörde Eurostat mit 17,1 Prozent deutlich höher als in Deutschland.


Aus: "Wohnungsmangel: Mehr als jeder Zehnte wohnt auf überbelegtem Wohnraum" (17. November 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2022-11/wohnraum-ueberbelegung-alleinerziehende-statistisches-bundesamt

Quote
ostrowo09 #22

Einerseits immer mehr qm pro Bewohner, andererseits immer mehr Überbelegung. Wie passt das zusammen? ...


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Der große Blaue #6

Wenn sie zu wenig Platz haben, sollen sie halt in größere Wohnungen ziehen!

(/s)


Quote
Unlock #6.2

Und wenn dafür das Geld nicht reicht, sollen sie halt härter arbeiten!


Quote
abrie #13

Ein Altbau in Berlin. Von sechs >150 qm-Wohnungen sind vier mit nur 1-2 Personen bewohnt. Wir, Boomer, leben hier seit >30 Jahren, inzwischen auf zu viel Raum. Eine Alternative ist nicht zu finden, vor allem nicht für einen Mietpreis von 10€/m2.
Bei Neuvermietung bliebe es dabei nicht, evtl. würde auch eine Umwandlung in Eigentum erfolgen. Es scheint ausweglos und ist sozial und ökologisch ein Unding.


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nogII #16

Hier im Haus wohnen Menschen allein/ zu zweit/ zu dritt/ zu viert auf ca. 150 qm. Da ich ungefähr weiß was die Altmieter bezahlen deren Kinder mittlerweile aus dem Haus sind, wundert mich das nicht und ich würde auch nicht ausziehen. Der Wohnungsmarkt bietet letztlich nur weniger Wohnraum für mehr Geld.


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Ollec #21  —  vor 18 Minuten
4

Es ist schon interessant, in den letzten Wochen und Monaten habe ich derart viele Zahlen und Statistiken zuvielen Themen Bereichen lesen dürfen z. B.

- Altersarmut
- immer mehr Kinderarmut
- immer mehr Menschen die kaum noch sparen können
- viele Studenten die Armuts gefährdet sind
- immer mehr Menschen bei der Tafel
- immer größerer Fachkräfte Mangel
- immer mehr Vorstände / CEO's die große Gehaltssteigerungen haben

Und viele viele andere Dinge, und nun liest man wieder was neues und alles ist negativ und hat keine gute Entwicklung. Was ist aus diesem Land geworden? Wir sind doch angeblich reich? Wie kann das sein? Wieso passiert nichts? Ist unsere Politik korrupt und eine Geisel der Wirtschaft?

...


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Boesor #21.2

Wenn Sie diesen Bericht richtig gelesen haben geht es um eine Überbelegung von gut 10%. Also umgekehrt 90%, die nicht in überbelegten Wohnungen wohnen.

Wenn man also Deutschland auf dem Weg zum "failed State" sieht, liegt das manchmal auch daran, das die Einordung von Zahlen nicht gelingt.

Alles eine Frage der Wahrnehmung.
Was wissen Sie denn über die Zustände in Japan oder Süd Korea?


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Wahl-O-Mate Motzarella #21.6

"Alles eine Frage der Wahrnehmung."

... Also entweder ich ordne Daten angemessen und nach bestimmten Kriterien ein oder ich nehme diese bloß irgendwie wahr. Beides als gemeinsames Argument zu verwenden und für gültig zu erklären ist da eher schwierig. Die Dinge verschlechtern sich in der Tat, messbar. ...


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fronti68 #24

Es gibt noch eine andere Form der Überbelegung, häufig anzutreffen in 1-R-Hochhauswohnungen. Dort gibt es häufig Belegungswohnungen des ambulant betreuten Wohnens für Strafentlassene, ehemalige Obdachlose, psychisch Kranke, Geflüchtete. Die Kumpels aus dem Knast, von der Platte oder dem Asylbewerberheim kommen dann vorbei zum Rauchen, saufen, Sex oder auch nur zum friedlichen Kochen und Feiern (bei letzteren), sind froh, dass einer ein Dach über dem Kopf hat.
Hier bei uns zündete neulich einer aus blanker Verzweiflug seine Wohnung an, um diese Saufkumpane loszuwerden. Konstruktivere Lösungen hatte er nicht gelernt.


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Der_Kommentierende #27

Wieder so eine Nachricht über eine fast belanglose Statistik. Wäre Überbelegung ein singuläres Problem, würde diese Nachricht Sinn ergeben. Als Symptom eines größeren Problems fehlt dessen Darstellung beziehungsweise die Aufnahme der Statistik in dieses.

Tatsächlich ist es doch genau umgekehrt. Würde diese Überbelegung nicht existieren, dann müsste man aufhorchen. So aber ist sie schlicht eine logische Folge, die zudem in ihrer Ausprägung abgeleitet werden kann. Angesichts der Wohungsproblematik und einem frei wuchernden Mietpreis, besonders in Ballungsräumen, kann es eben nicht anders sein, dass Menschen notgedrungen auf zu wenig Raum leben und dass dies um so mehr der Fall sein wird, je mehr diese Menschen gleichzeitig stärker von Armut gefährdet sind oder in einer Großstadt leben.

Das ist keine Nachricht wert. Würde man bei dieser sinnfreien Statistik etwas anderes festgestellt haben, wäre auch dies anders. So aber könnte man nur eine kurze Notiz machen: Auch bei der Überbelegung zeigt sich das Wohnungsproblem.

Ohnehin fehlen in der Nachricht wichtige Details. Etwa ab welchem Alter Kinder berücksichtigt werden oder ob Wohnungs- bzw. Oddachlose auch mitgezählt wurden. Dazu mangelt es ebenso an einer Facette der Gegenseite: Wieviel Wohnungsraum liegt ungenutzt brach herum oder wird für touristische Zwecke benutzt? Ach ja, wie gehen Zweitwohnungen ein?


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« Reply #1355 on: November 17, 2022, 11:26:16 AM »

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[...] Ein Kleinaktionär bezweifelt, dass Tesla-Chef Elon Musk eine Vergütung im Gesamtwert von 58 Milliarden Dollar verdient haben soll. Angesichts der Entwicklung des Unternehmens sei das sehr wohl gerechtfertigt, argumentieren dagegen Unternehmensvertreter. Dabei ist ihnen egal, ob und wie viel Zeit Musk für Tesla aufbringt.

Laut den Kläger-Anwälten ist es die höchste Bezahlung, die je ein Manager bekommen hat: Insgesamt 58 Milliarden Dollar ist das Paket aus Aktien-Optionen wert, das Tesla seinem Chef und Großaktionär Elon Musk 2017 zusprach, wenn dieser bestimmte Ziele bei Gewinn, Absatz und dem Aktienkurs erreichen würde. Auch dank dieser höchst ungewöhnlichen Entlohnung ist Musk inzwischen zum reichsten Mann der Welt aufgestiegen. Und obwohl sich der Aktienkurs von Tesla bis heute mehr als verzehnfacht hat, wovon alle Anteilseigner profitieren, muss Musk sich derzeit vor Gericht für seine Bezahlung rechtfertigen.

Musk weist in dem Prozess die Vorwürfe zurück. Als das Aktienpaket beschlossen worden sei, hätten Investoren gedacht, "dass wir scheitern und bankrottgehen werden", sagte er. "Wir waren damals in einer ziemlich harten Lage, wir verloren viel Geld", so der Mulitmilliardär. "Die Wahrscheinlichkeit eines Überlebens war extrem niedrig." Die Automobilindustrie habe sich lange Zeit über Tesla lustig gemacht. "Sie dachten, Elektrofahrzeuge sind ein Witz", sagte Musk. Der Durchbruch sei Tesla erst mit dem gewaltigen Erfolg seines Model 3 gelungen.

Die Anwälte des Klägers, eines Kleinaktionärs, beanstanden das Vergütungspaket auf mehreren Ebenen. Sie behaupten, die Aktionäre, die den Plan mit einer Mehrheit der Stimmrechte angenommen hätten, seien vom Tesla-Board, einem Gremium mit ähnlichen Aufgaben wie ein Aufsichtsrat einer deutschen AG, in die Irre geführt worden. Die angeblich unabhängigen Board-Mitglieder seien in Wirklichkeit Musks Freunde oder mit dem Teslachef geschäftlich verbunden gewesen. Diese hätten den übrigen Aktionären fälschlicherweise suggeriert, dass die für die milliardenschweren Ausschüttungen gesetzten Ziele, ohnehin kaum zu erreichen seien. Tatsächlich hat Tesla in wenigen Jahren einen Großteil dieser Finanzkennzahlen abgehakt. Der Beschluss von 2017 sei daher ungültig.

Vor allem aber bezweifeln die Klagevertreter, dass Musk die astronomische Entlohnung in der Sache verdient habe. Vor Gericht sagte die damalige Vorsitzende des für die Vorstandsgehälter zuständigen Board-Komitees, Ira Ehrenpreis, das Vergütungspaket sei so üppig ausgestattet worden, um Musk zu motivieren, hochgesteckte Ziele zu erreichen. Laut dem Kläger ist das allerdings wenig überzeugend. Die Wertentwicklung seines eigenen, milliardenschweren Tesla-Anteils - 2017 waren es etwa 21 Prozent - hätte Musk doch wohl ausreichend motivieren müssen.

Board-Mitglieder sind den Interessen der Gesamtheit der Aktionäre verpflichtet und dürfen daher keine unnötigen Ausgaben zulassen. Deshalb gehören in dem Prozess neben Musk auch die damaligen Mitglieder des Aufsichtsgremiums zu den Beklagten.

Die Anwälte des Klägers vermuten statt eines angemessenen Leistungsanreizes ein anderes Motiv hinter dem ungewöhnlichen Bezahlungsarrangement: Die mit ihm befreundeten Board-Mitglieder hätten Musk helfen wollen, Milliardensummen aus dem Konzern abzuzweigen und in sein eigentliches Herzensprojekt zu stecken: die bemannte Raumfahrt zum Mars. Musk spricht nicht nur immer wieder öffentlich von seiner Vision, die Menschheit zu einer "multiplanetaren Spezies" zu machen und mit Flügen zum Mars beginnen zu wollen. In einer E-Mail an den damaligen Topjuristen von Tesla schrieb Musk im Rahmen der Verhandlungen um seine Vergütung, er werde, "das Geld für den Mars verwenden, wenn ich erfolgreich bin".

Einen weiteren Angriffspunkt sehen die Klagevertreter in Musks Arbeitszeit. Sie bezweifeln, dass Musk, der bereits 2017 auch die Geschäfte mehrerer anderer Konzerne leitete, überhaupt ein richtiger Beschäftigter bei Tesla gewesen sei. Bestimmungen, wie viel seiner Zeit der Konzernchef Tesla widmen solle, enthält das Vergütungspaket nicht. Dies sei in den Verhandlungen nicht angesprochen worden, gibt das zuständige Board-Mitglied Ehrenpreis vor Gericht zu Protokoll. Schließlich habe es nie Zweifel am Engagement Musks gegeben, der ja zeitweise sogar in der Tesla-Fabrik in Nevada auf dem Boden geschlafen habe.

Allerdings hat das Thema Arbeitszeit in den vergangenen Wochen eine neue Relevanz bekommen. Angesichts der Übernahme von Twitter durch Musk und des durch ihn dort ausgelösten Chaos, scheint zweifelhaft, dass sich der Manager überhaupt noch um seine anderen Unternehmen kümmern kann. Er twitterte sogar selbst aus dem Hauptsitz des sozialen Netzwerks: "Werde hier arbeiten & schlafen, bis die Organisation in Ordnung gebracht ist". Und vor wenigen Tagen gab er bei einer Veranstaltung am Rande des G20-Gipfels bekannt, er habe "zu viel Arbeit vor sich".

Dies - während Musk sich schon länger intensiv mit der zwischenzeitlich wieder abgesagten Übernahme von Twitter beschäftigte, während der Aktienkurs von Tesla allein in den vergangenen zwei Monaten um rund 40 Prozent fiel - könnte der Argumentation des Klägers in die Hände spielen.

Quelle: ntv.de, mit AFP


Aus: "58 Milliarden Dollar Chefgehalt: Musk rechtfertigt Rekord-Vergütung" Max Borowski (17.11.2022)
Quelle: https://www.n-tv.de/wirtschaft/Musk-rechtfertigt-Rekord-Verguetung-article23722377.html

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[...] Wer dachte, dass nach einer zweiten Entlassungswelle – rund 5.000 Leiharbeiter mussten zu Wochenbeginn gehen – langsam Ruhe bei Twitter unter Elon Musk einkehren würde, wurde schnell eines Besseren belehrt. Nun musste ein Mitarbeiter aus der Entwicklungsabteilung seinen Posten räumen, er wurde von seinem neuen Chef öffentlich gefeuert.

Begonnen hatte das Drama mit einem Tweet von Musk, in dem er sich öffentlich dafür entschuldigte, dass die Twitter-App "in vielen Ländern" so langsam sei. Er schob das auf "mehr als schlecht zusammengefasste 1.000 RPCs (Anm.: Remote Procedure Calls), nur um die Timeline anzuzeigen". Diese Kritik am Entwicklerteam wollte der Programmierer Eric Frohnhoefer so nicht stehenlassen.

"Ich habe circa sechs Jahre an Twitter für Android gearbeitet und kann sagen, dass das nicht stimmt", schrieb er als Replik. "Dann korrigiere mich bitte. Welche Zahl stimmt?", so Musk darauf. "Twitter ist super langsam auf Android. Was hast du getan, um das zu beheben?"

Frohnhoefer reagierte darauf mit einer ausführlichen Erklärung. So erklärte er, dass man "einen Haufen Arbeit" in die Verbesserung der Performance der App gesteckt habe, was sich auch in den Nutzeraktivitäten und Werbeausgaben abbilde. Für die Abfrage der Timeline, inklusive Bildern, Einstellungen und anderer Informationen, fänden nur rund 20 Abfragen statt.

Er sieht drei Gründe dafür, warum die App langsam ist. Als ersten nennt er die Existenz von zahlreichen Features, die aber kaum verwendet würden. Zudem habe man jahrelang Features und Wachstum vor die Performance gestellt und dementsprechenden Ballast in der Codebasis. Und das Warten auf Antworten seitens der Twitter-Server dauere ebenfalls sehr lange. Er schlug vor, dass man sich größeren Überholungen des Codes widmen und überlegen sollte, die Anzahl der Features deutlich zu reduzieren. Gegenüber der Frage eines anderen Nutzers erklärte er weiters, dass die Twitter-Apps gar keine RPCs vornehmen.

Bei Musk kam der öffentliche Widerspruch offenbar nicht gut an. Zunächst erklärte er, dass ihm "mehrere Twitter-Entwickler" bestätigt hätten, dass seine Begründung für die schlechte App-Performance stimme. Wenige Stunden später antwortete er auf eine Nachfrage zur Causa in einem später wieder gelöschten Tweet, dass Frohnhoefer entlassen worden sei.

Dieser bestätigte dies kurz darauf und änderte sein Profil, in dem nun steht, dass er auf Arbeitssuche ist. Der Vorgang wurde von zahlreichen Beobachtern kritisch kommentiert. Manche verteidigten Musks Entscheidung und vertraten die Ansicht, dass Frohnhoefer seinen Chef nicht öffentlich hätte korrigieren, sondern ihn auf internem Wege hätte kontaktieren sollen. Andere wiederum warfen dem Twitter-Chef vor, mit seinem Mitarbeiter abschätzig umgegangen und nicht kritikfähig zu sein.

Aber auch auf technischer Ebene sieht man Zerfallserscheinungen. In den Abend- und Nachtstunden mitteleuropäischer Zeit klagten zahlreiche Twitter-Nutzer, dass sie sich nicht in ihre Konten einloggen konnten oder aus diesen ausgesperrt wurden. Die Ursache, so stellte sich heraus, war ein Ausfall jenes Services, der für den Versand der Verifikationscodes der Zweifaktorauthentifizierung per SMS verantwortlich ist.

Die Codes kamen häufig gar nicht oder mit großer Verzögerung an, aufgrund derer sie nicht mehr gültig waren. Der Dienst gehört zur Infrastrukturabteilung von Twitter, die von den jüngsten Entlassungen unter Leiharbeitern stark betroffen sein soll. Es ist allerdings nicht das erste Mal, dass es zu Problemen beim Versand der SMS-Codes kommt, auch im Sommer 2020 kämpfte man temporär mit Problemen. Generell wird ohnehin aus Sicherheitsgründen empfohlen, entweder auf eine Authentifikations-App oder ein physisches Security-Token umzusteigen.

Während Werbekunden offenbar in Scharen abspringen und Musk behördlicher Ärger droht, könnten auch weitere Schwierigkeiten auf technischer Ebene folgen. Gergely Orosz, Branchenexperte und Autor bei "The Pragmatic Engineer", schreibt, dass ihm von Twitter-Mitarbeitern berichtet werde, dass zunehmend "kleine Dinge" aufhörten zu funktionieren und es an Entwicklern fehle, um sie zu reparieren. Das sei auch zu erwarten, wenn ein großer Teil der Belegschaft entlassen wird, ein anderer Teil aus freien Stücken kündigt und die Verbliebenen sich auf die Entwicklung neuer Features konzentrieren müssen.

Die Abgänge sorgten auch deswegen dafür, dass Behebungen länger dauern, weil nun weniger Leute an Bord sind, die sich mit den jeweiligen Diensten oder Features auskennen, die repariert werden müssen. Beim "alten Twitter", also vor Musks Übernahme, wäre so eine Situation undenkbar gewesen, da man genügend personelle Ressourcen zur Verfügung hatte. Mit weiteren erwartbaren Abgängen aufgrund der Limitierung der Homeoffice-Gelegenheiten und des Beginns der Fußball-WM in Katar in einer Woche, die für mehr Last bei Twitter sorgen wird, drohen weitere Probleme.

Dementsprechend vernichtend fällt Oroszs Fazit aus. Er habe noch nie eine in so kurzer Zeit und so schlecht durchgeführte Übernahme eines Tech-Unternehmens mitverfolgt und warnt: "Versuchen Sie das nicht bei Ihrer Firma, es sei denn, Sie wollen ähnliche Resultate sehen."

Allerdings betont er auch, dass Twitter dadurch nicht unbedingt erledigt sei. Das Unternehmen gehe aber jetzt durch eine "steinige Phase" und werde sich idealerweise schnell stabilisieren. Mit großen Ausfällen rechnet er gegenwärtig nicht. Er sieht aber die Notwendigkeit, dass der Konzern neue Entwickler an Bord holt, um wieder in ruhigere Gewässer zu kommen. Notfalls müsse man auch bereit sein, ehemaligen Angestellten sehr gut dotierte Kurzzeitverträge anzubieten. (gpi, 15.11.2022)


Aus: "Weiter Chaos bei Twitter: Musk feuert Entwickler öffentlich, User stundenlang ausgesperrt" (15. November 2022)
Quelle: https://www.derstandard.de/story/2000140852803/weiter-chaos-bei-twitter-musk-feuert-entwickler-oeffentlich-user-stundenlang

Quote
[K]

"Manche verteidigten Musks Entscheidung und vertraten die Ansicht, dass Frohnhoefer seinen Chef nicht öffentlich hätte korrigieren, sondern ihn auf internem Wege hätte kontaktieren sollen."

So eine BS business Antwort. Er hat wörtlich "plase correct me" geschrieben. ...


Quote
Kategorischer Interrogativ

Man kann sicher darüber streiten, ob man seinen Chef öffentlich widersprechen sollte. Aber wenn Musk schon hergeht und öffentlich meine Abteilung bloßstellt, würde ich mich auch wehren, besonders wenn es nicht korrekt ist. Und, dass ausgerechnet "free speech absolutist" Musk immer am meisten beleidigt ist und Leute für sowas kündigt ist schon extra lächerlich.


Quote
Tenuki

das "Management" weißs mal wieder besser ...


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Verbatim

Die ganzen Manager und Projektleiter werden das Ruder schon rumreißen.... dieses Entwicklerpack ist doch nur Ballast. /s


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Sepp Alpenrepp

Manche verteidigten Musks Entscheidung und vertraten die Ansicht, dass Frohnhoefer seinen Chef nicht öffentlich hätte korrigieren, sondern ihn auf internem Wege hätte kontaktieren sollen.

Das kommt raus, wenn man einem Narzissten öffentlich widerspricht. Wenigstens kann sich der Programmierer morgens noch in den Spiegel schauen, ohne zu kotzen. ;)


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« Reply #1356 on: November 22, 2022, 10:04:58 AM »

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[...] Das in den 1970er-Jahren gegründete Kaschmirlabel Iris von Armin wird heute von Sohn Valentin geführt. Ein Gespräch mit Mutter und Sohn über Luxusprodukte ...

...

Anne Feldkamp: Ein Pullover für 1.600 Euro ist für viele unerreichbar ...

Iris von Arnim: Manche sparen darauf.

Valentin von Arnim: Das ist natürlich eine Minderheit, die auf einen Kaschmirpullover wie auf eine Bottega-Handtasche spart. Aber es gibt durchaus eine Kundschaft, die den Abverkauf abwartet.

Anne Feldkamp: Ist es schwieriger geworden, Luxus zu verkaufen?

Valentin von Arnim: Die Nachfrage nach Luxus ist riesig, der Verkauf ist nicht das Problem. Es gibt eine extrem wohlhabende Oberschicht, die sich das leisten kann. Was sich verändert hat: Früher gab es eine Mittelschicht, die diese Produkte gekauft hat. Das tut sie heute nicht mehr. Für uns ist eher die Herausforderung, die passenden Fabrikationsstätten, das Material und die Techniker zu finden.

...

Anne Feldkamp: Wofür bezahle ich, wenn ich über 1.000 Euro für einen Pullover hinlege?

Iris von Arnim: Die Handarbeit und das Material, Kaschmirgarn ist teuer im Einkauf.

Anne Feldkamp: Versteht das auch eine junge Kundschaft?

Valentin von Arnim: Der erste Luxus, den Menschen sich in ihrem Leben leisten, sind Schuhe, dicht gefolgt von der Handtasche. Dann sind Klassiker wie ein Burberry-Trench dran und das Interieur zu Hause. Bis man Geld für "Quiet Luxury" ausgibt, ist man älter, das wird auch immer so sein. Unsere Zielgruppe ist zwischen 50 und 60. Dafür sind unsere Kundinnen sehr loyal.


Aus: "Modeunternehmer Valentin von Arnim: "Die Nachfrage nach Luxus ist riesig"" Anne Feldkamp (21.11.2022)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000140976812/modeunternehmer-valentin-von-arnim-die-nachfrage-nach-luxus-ist-riesig

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tommy 4009

spannendes Interview


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Trickbaby

Ich liebe den beißenden Geruch von Sarkasmus am Morgen. Danke.


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keinfünfuhrtee-lieberbier

hehehehe, Sie Schlimmer :)


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Wunderschöner Schmetterling

Ich hab eine Kaschmirunterhose. Kein Vergleich!!!


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Macchiato 2

Ok, ich hab gerade den Artikel über Pfandleihe gelesen. Und jetzt das…


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« Reply #1357 on: November 22, 2022, 07:41:51 PM »

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DER SPIEGEL @derspiegel

Geht es nach der Gewerkschaft, sollen Mitarbeiter der Deutschen Post deutlich mehr Geld bekommen. Der Konzern nennt die Forderungen »realitätsfern«. Im neuen Jahr könnten Streiks drohen.

6:34 nachm. · 21. Nov. 2022


https://twitter.com/derspiegel/status/1594746106214481921

"Forderung in Tarifverhandlungen Verdi will 15 Prozent mehr Lohn für Postangestellte" (21.11.2022)
Geht es nach der Gewerkschaft, sollen Mitarbeiter der Deutschen Post deutlich mehr Geld bekommen. Der Konzern nennt die Forderungen »realitätsfern«. Im neuen Jahr könnten Streiks drohen.
https://www.spiegel.de/wirtschaft/verdi-will-15-prozent-mehr-lohn-fuer-post-angestellte-a-db9f61d6-7c80-4a24-ac14-fbb414e6d8e1

Quote
Stefan Kronberg
@StefanKronberg
·
21. Nov.
Antwort an @derspiegel

15% sind alles andere als realitätsfern. Das ist eher das Minimum bei der Inflationsrate aktuell.


Quote
Eismann Mario @EismannMario

Antwort an @derspiegel

Realitätsfremde Lohnforderungen wegen realitätsfremden Preisen und irrealen Lebenshaltungskosten!


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« Reply #1358 on: November 23, 2022, 11:20:53 AM »

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[...] Rund um das Foxconn-Werk in Zhengzhou, wo rund 200.000 Menschen beschäftigt sind, war es bereits vor einigen Wochen zu Unruhen gekommen. Tausende Mitarbeiter hatten aus Angst vor einer Infektion oder den strikten Maßnahmen die Flucht ergriffen. ...


Aus: "Foxconn-Arbeiter gehen in Zhengzhou auf die Straße" (23.11.2022)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/foxconn-proteste-an-groesster-iphone-fabrik-in-china-18481034.html

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Quote
[...] Die Arbeiter im Foxconn-Werk im chinesischen Zhengzhou leben seit Wochen unter strengen Corona-Maßnahmen und dürfen das Gelände nicht verlassen. Videos zeigen, wie wütende Mitarbeiter mit Sicherheitskräften aneinandergeraten.

Beim Apple-Zuliefer Foxconn kommt es Medienberichten zufolge in China erneut zu Unruhen wegen der Arbeitsbedingungen infolge der Corona-Maßnahmen. Videos in den sozialen Medien zeigen mehr als hundert Menschen, die im Werk in der chinesischen Industriestadt Zhengzhou Absperrungen niederreißen und mit Personen in Schutzanzügen aneinandergeraten. Sie geben sich als Foxconn-Mitarbeiter aus.

Einige Videos zeigen Beschäftigte, die sich über die ihnen zur Verfügung gestellten Lebensmittel beschwerten, andere sagen, sie hätten die zugesagten Sonderzahlungen nicht erhalten. Die Authentizität der Videos ließ sich zunächst nicht unabhängig überprüfen. Foxconn ließ eine Anfrage zur Stellungnahme bislang unbeantwortet.

Das Werk in Zhengzhou ist für 70 Prozent der weltweiten iPhone-Produktion verantwortlich und beschäftigt rund 200.000 Arbeiter. Aufgrund der Corona-Situation in Zhengzhou arbeiten die Beschäftigten in einem sogenannten geschlossenen Kreislauf - ein System, bei dem die Mitarbeiter vor Ort leben und arbeiten, abgeschottet von der Außenwelt. Foxconn hat wegen der Beschränkungen mit einer hohen Unzufriedenheit unter seinen Mitarbeitern zu kämpfen. Mehrere Arbeiter haben das Werk fluchtartig verlassen. Die Firma versprach ihnen höhere Löhne, wenn sie zurückkehren würden. Apple rechnet wegen der Produktionsbeeinträchtigungen mit geringeren Auslieferungen beim iPhone 14.

Quelle: ntv.de, ino/rts


Aus: "Eingesperrt auf Werksgelände: Unruhen bei Apple-Zulieferer Foxconn" (23.11.2022)
Quelle: https://www.n-tv.de/wirtschaft/Unruhen-bei-Apple-Zulieferer-Foxconn-article23736173.html

... Seit 2006 sieht sich der Konzern schweren Vorwürfen ausgesetzt. Vor allem die geringen Löhne und unmenschlichen Arbeitsbedingungen werden kritisiert ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Foxconn

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« Reply #1359 on: November 23, 2022, 01:26:31 PM »

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[...] Das Bücherregal „Baggebo“, die Kommode „Kullen“ oder das Bett „Brimnes“. Viele der Verkaufsschlager des Möbelriesen Ikea haben eines gemeinsam: Bis zum Beginn des Krieges in der Ukraine wurden sie in einer der schlimmsten Diktaturen der Welt hergestellt, in Belarus.

Im Auftrag der französischen Online-Zeitung Disclose haben Mitglieder des investigativen Journalisten-Kollektivs We Report monatelang zu Ikeas Geschäften in Belarus recherchiert. Nun präsentiert Disclose die Ergebnisse gemeinsam mit diversen europäischen Partnermedien, darunter die taz. Nach dem Durchforsten von Hunderten Dokumenten und Interviews mit Dutzenden Zeugen kann nun eines der bestgehüteten Geheimnisse des gelb-blauen Riesen enthüllt werden: Das Unternehmen bezog Materialien, bei deren Herstellung Zwangsarbeit belarussischer Häftlinge zum Einsatz kam.

Tatsächlich bezogen die belarussischen Geschäftspartner des multinationalen Unternehmens unter anderem Holz, Vorprodukte wie Spanplatten, aber auch Möbel aus den Gefängnissen des Landes. Das geht aus Dokumenten hervor, die Disclose und seinen Partnern vorliegen. Konkret handelt es sich in vielen Fällen um Schuldnerlisten, die von den belarussischen Strafkolonien auf ihren Internetseiten veröffentlicht wurden. Unglaublich aber wahr, und für Ikea umso belastender: Die belarussischen Knast-Konzerne machen aus ihren Geschäftsaktivitäten kein Geheimnis.

Den Recherchen zufolge unterhielt etwa die Hälfte der großen belarussischen Ikea-Zulieferer in den letzten zehn Jahren Verbindungen zu Strafkolonien, für insgesamt zehn Unternehmen lässt sich eine solche Zusammenarbeit explizit nachweisen. Es handelt sich dabei um brutale Zwangsarbeitslager, die für Misshandlungen, Folter und das Verschwinden von Menschen bekannt sind und deren Werte im krassen Gegensatz stehen zu den von der schwedischen Firma propagierten Philosophie. In seinem Lastenheft versichert der Möbelriese seinen Kunden schließlich, dass er bei der Produktion seiner Waren weder auf „Zwangsarbeit“ noch auf „Gefängnisarbeit“ zurückgreift.

Ikea sollte wohl besser die Herkunft der Waren überprüfen, die unter dem Etikett „Made in Belarus“ verkauft worden sind. Insbesondere in seinen europäischen Filialen. Als Disclose im März eine Ikea-Filiale im ostfranzösischen Metz besuchte und einige Monate später in Straßburg und Leuna in Deutschland, stellte sie fest, dass in den Regalen nach wie vor belarussische Möbel zu finden waren, die möglicherweise mit der Zwangsarbeit belarussischer Gefangener in Verbindung gebracht werden können.

Ikeas Zusammenarbeit mit Belarus beginnt offiziell im Jahr 1999. Damals wurde die Schweizer Firma Ikea Trading SA beauftragt, sich fortan um die Entwicklung des Geschäfts in dem Land zu kümmern, das bereits damals von Alexander Lukaschenko regiert wurde, dem letzten Autokraten Europas und Bündnispartner Putins bis in den Ukrainekrieg. Im Jahr 2007 wurde dann in den Niederlanden ein weiteres, fast unsichtbares Unternehmen gegründet: Ingka Belarus BV, die belarussische Tochtergesellschaft von Ingka, dem Logistikzweig des schwedischen Konzerns.

In den zwanzig Jahren nach 1999 wurde der belarussische Staat, der nahezu 100 % der Wälder des Landes besitzt, nach Polen zum zweitgrößten Holzlieferanten des Möbel-Multis. Und einer seiner Billig-Lieferanten. „Go Belarus“ hieß die Strategie, die es dem multinationalen Konzern ermöglicht hätte, seine Einkäufe vor Ort zu verdreifachen, von 130 Millionen Euro an Aufträgen im Jahr 2018 auf 300 Millionen Euro im Jahr 2021, wie die staatliche Nachrichtenagentur berichtet. Die immer weiter zunehmende Unterdrückung der belarussischen Bevölkerung und die Brutalität eines Regimes, das seine zum Tode Verurteilten mit Kopfschüssen hinrichtet, führten dabei zu keinem Wandel bei Ikea.

Unter den langjährigen Partnern von Ikea, die besonders eng mit dem belarussischen Gefängnissystem zusammenarbeiten, konnte Disclose das Textilunternehmen Mogotex ausmachen. Das Unternehmen mit Sitz in Mogilev, einer Indus-triestadt im Osten des Landes, nähte Produkte für Ikea, darunter Tischdecken, Vorhänge und Handtücher. Den Recherchen von Disclose zufolge soll Mogotex mit mindestens vier Strafkolonien zusammengearbeitet haben.

Aus einer Schuldnerliste geht hervor, dass Mogotex noch im Sommer 2021 mit dem Arbeitslager IK-15 kooperiert haben soll. „IK-15 ist ein Ort des absoluten Horrors, wo Lukaschenkos Henker schalten und walten, wie sie wollen“, sagt Tsikhan Kliukach gegenüber Disclose. Der 19-Jährige war dort zehn Monate lang eingesperrt, zwischen Mai 2021 und März 2022, wie auch NGOs bestätigen. Das Verbrechen des jungen Mannes? Er hatte in Minsk an einer Demonstration gegen die Regierung teilgenommen.

Nach Kliukachs Angaben werden die politischen Gefangenen in dieser Strafkolonie besonders hart angegangen: „Viele politische Gefangene wurden geschlagen, mich eingeschlossen. Uns wurden Pakete, das Recht auf Korrespondenz und Besuche verweigert. Viele von uns landeten in einer Einzelzelle. Ich verbrachte dort insgesamt 55 Tage“, berichtet Zikhan Kliukach und erklärt, dass Häftlinge, die aus ideologischen oder politischen Gründen inhaftiert waren, „einen gelben Aufnäher auf der Brust tragen mussten“. Im Oktober listete die belarussische NGO Viasna 94 „beschäftigte“ politische Gefangene im Gefängnis IK-15 auf.

Zikhan Kliukach sagt, er wusste nicht, für welche Unternehmen in der Gefängnis-Fabrik IK-15 produziert wurde. Dass auch Ikea dazugehörte, würde ihn nicht überraschen. „Es gab Gerüchte, dass die Produkte aus der Kolonie nach Europa exportiert wurden“, erinnert er sich und fügt hinzu, dass seiner Meinung nach „Unternehmen in Belarus, die Produkte aus den Kolonien verkaufen oder verwenden, unter die Sanktionen fallen sollten, denn der Einsatz von Zwangsarbeit von politischen Gefangenen bedeutet Unterstützung für die Diktatur – und für den russischen Krieg“.

Laut einem Bericht mehrerer NGOs, der 2018 dem UN-Ausschuss gegen Folter vorgelegt wurde, haben die in dieser Kolonie angewandten Methoden zum Tod von mindestens einem Gefangenen, Alexander Lembovic, geführt. Angehörige hätten wegen des „Verdachts der Verweigerung angemessener medizinischer Versorgung“ Anzeige erstattet und seien von der Justiz abgewiesen worden. Eine andere NGO berichtet vom Fall Artyom Anishchuks, einem politischen Gefangenen aus der selben Strafkolonie, der Metallgegenstände geschluckt haben soll, um „der Folter und den Schlägen ein Ende zu setzen“. Anfang Mai listete die belarussische NGO Viasna 63 politische Gefangene auf, die in diesem IK-15-Gefängnis „beschäftigt“ waren.

Der Ikea-Zulieferer Mogotex hat laut einer Schuldnerliste im Jahr 2019 im Jugendgefängnis IK-2 Textilien eingekauft. Die Einrichtung mit Sitz in Babrujsk, einer 200.000-Einwohner-Stadt im Zentrum des Landes, ist für ihre besonders entwürdigenden Methoden bekannt. Das ging so weit, dass der Leiter von IK-2 zwischen 2006 und 2014 wegen der damaligen „unmenschlichen Behandlung politischer Gefangener“ auf der Sanktionsliste der EU stand. Erst kürzlich prangerte die litauische NGO Our House die Arbeitsbedingungen der Insassen von IK-2 an, die „2 bis 5 Rubel pro Monat“ erhielten, also weniger als zwei Euro. Der belarussische Durchschnittslohn betrug im September 2022 laut offiziellen Statistiken 1.637 Rubel, umgerechnet etwa 600 Euro. Disclose-Informationen zufolge haben zwischen 2014 und 2019 mindestens sechs belarussische Partner von Ikea mit diesem Jugendgefängnis zusammengearbeitet.

Zu diesen Partnern gehörte auch die Borwood-Gruppe, der größte Verband öffentlicher Holzproduzenten des Landes. Ein Borwood-Tochterunternehmen namens Vitebskdrev beauftragte das IK-2-Gefängnis beispielsweise im Jahr 2016 mit der Lieferung von „Holzbrettern“, wie eine von Dis­close eingesehene Schuldnerliste enthüllt. Borwood hat sich übrigens die Mühe gemacht, seine Holzprodukte nach den Standards von Ikea zu zertifizieren.

Laut Angaben des belarussischen Innenministeriums arbeiten allein in holzverarbeitenden Strafkolonien derzeit rund 8.000 Gefangene. „Die Produktion in den belarussischen Strafkolonien ist ein hochentwickelter Wirtschaftssektor mit Handelsunternehmen, die in diesen Kolonien gegründet wurden“, erklärt der Straßburger Politikwissenschaftler und Experte für Protestbewegungen in Belarus, Yauheni Kryzhanouski, gegenüber Dis-close. Diese Unternehmen betrieben kommerzielle Websites, die ganz „normal“ aussehen, abgesehen eines kleinen Hinweises „Produktion des Straf-Korrektiv-Systems“.

Das Beispiel des Gefängnisses Rypp 5 steht sinnbildlich für dieses System, das, ohne sich zu verstecken, Haft und Zwangsarbeit vermischt. „Unsere Organisation steht für natürliche Materialien, hohe Qualität und eine große Auswahl an Modellen“, heißt es auf der Website der Einrichtung, die mit den von ihr hergestellten Möbeln und ihren Exporten nach Russland, Frankreich und Deutschland wirbt. Neben Fertigprodukten bietet das Arbeitslager, das in Baracken und eine Produktionsstätte unterteilt ist, auch eine „Produktion auf Bestellung, unter Berücksichtigung Ihrer Wünsche“.

Rypp 5 geht mit der Zeit und hat sich sogar einen Instagram-Account eingerichtet, auf dem Fotos von Produkten veröffentlicht werden, die bei potenziellen Kunden Lust auf mehr machen sollen. Ein Zweisitzer-Sofa für 134 Euro: 62-mal „Gefällt mir“. Ein Schrank aus massivem Kiefernholz zum Preis von 137 Euro: 40-mal „Gefällt mir“. Wer auf den Fotos natürlich fehlt, sind die Gefangenen, die diese Produkte hergestellt haben. Laut der NGO Viasna werden dort derzeit mindestens sechs politische Gefangene festgehalten. Darunter Illia Dubski, ein 25-jähriger Mann, der eine fünfjährige Haftstrafe verbüßt, weil er angeblich einen Polizisten per Sprachnachricht bedroht haben soll.

Einige der in Rypp 5 hergestellten Möbel werden direkt in belarussischen Geschäften verkauft. Andere werden von der Firma Ivatsevichdrev erworben, einem großen staatlichen Möbelhersteller und weiteren Handelspartner von Ikea, wie aus Buchhaltungsunterlagen aus dem Jahr 2017 hervorgeht. Dieses Unternehmen, eines der größten im Bereich des Exports von Spanplatten, hat seine Holzprodukte übrigens ebenfalls nach den Standards des Möbel-Multis zertifizieren lassen.

Die Verbindungen mehrerer Ikea-Zulieferer zu belarussischen Strafkolonien seien „höchst problematisch“, kommentiert Martin Müller, Professor am Institut für nachhaltige Unternehmensführung der Universität Ulm in Deutschland und Lieferketten-Experte, der vorab einen Teil der Recherche-Ergebnisse einsehen konnte. Seiner Meinung nach hätte das Unternehmen seine Zulieferer, auch die indirekten, überprüfen müssen, um die Präsenz von Strafkolonien in der Kette auszuschließen. Dies gilt wohl umso mehr, als sich die diesbezüglichen Warnungen auch innerhalb des Unternehmens häuften. Verschiedene Ikea-Gewerkschaften hatten die Firma aufgefordert, ihre Geschäfte mit Belarus bis 2021 einzustellen, forderten „unabhängige Untersuchungen bei ihren Zulieferern im Land, um festzustellen, ob sie die Menschen- und Arbeitsrechte einhalten“. Auch Experte Müller sieht das so: „Jetzt muss es eine Untersuchung geben.“

Im März dieses Jahres, als Russland gerade überraschend in die Ukraine einmarschiert war, meldete sich Ikea öffentlich zu Wort. In einer unbemerkten Mitteilung kündigte der Großkonzern an, seine „Exporte und Importe“ aus Russland, aber auch aus Belarus, dem Hauptverbündeten von Wladimir Putin im Krieg, zu stoppen. Diese Entscheidung sei aus Solidarität mit den „Millionen von Betroffenen“ getroffen worden, erklärte das Unternehmen.

Von der taz mit den Vorwürfen zu Belarus konfrontiert, antwortete Ikea, dass der Konzern die vertraglichen Verbindungen mit Belarus seit den EU-Sanktionen Oktober 2020 abgebrochen hat. Außerdem verpflichte Ikea alle Zulieferer, sich an Standards zu halten, die mit den Vorgaben der Internationalen Arbeitsorganisation der UN übereinstimmen. Hinweisen, dass diese Standards gebrochen werden, gehe man sofort nach.

Doch angesichts der vorliegenden Informationen hätte die schwedische Firma ihre Zusammenarbeit mit der Diktatur wohl schon vor Jahren beenden müssen. Dies gilt umso mehr, wenn man bedenkt, dass Ikea nicht zum ersten Mal mit Häftlingsarbeit in Verbindung gebracht wird. Im November 2012 musste Ikea zugeben, dass es in den 1970er und 1980er Jahren politische Gefangene in der DDR beschäftigt hatte. Damals zeigte sich der Generaldirektor des deutschen Ablegers „tief betroffen“ von den Enthüllungen. „Ikea hat es nicht akzeptiert und wird es auch nie akzeptieren, dass politische Gefangene in der Produktion eingesetzt werden“, sagte er. Ein Versprechen, das der Konzern nicht halten konnte.

In Zusammenarbeit mit dem Non-Profit-Newsroom Disclose


Aus: "Material aus Strafgefangenen-Lagern: Ikea made in Belarus" Robert Schmidt, Alexander Abdelilah (17.11.2022)
Quelle: https://taz.de/Material-aus-Strafgefangenen-Lagern/!5892344/

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tomás zerolo, 17. Nov, 20:42

Liberalismus! Freiheit für Despoten! ...


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Rosmarin, 17. Nov, 14:12

Hat es im Autofahrerland Deutschland jemals interessiert, dass das Öl zum großen Teil aus Folterstaaten kommt?!


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ingrid werner, 17. Nov, 13:33

und ab Sonntag gibt's unsere durch Sklavenarbeit ermöglichte WM oben drauf. Mit Schweigeminute.


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DschäiBee, 07:38

Es war nicht nur IKEA, die billig in der DDR haben produzieren lassen. Meine Schwester hat anfang der 80er in der DDR als Näherin gearbeitet in einem Werk, das ausschließlich für C&A gefertigt hat. Keine Gefängnisarbeit.

Ich selbst hatte meine Lehrausbildung bei Formaplast, heute Jokey. Nahezu die gesamte Produktion an Badezimmereinrichtung aus Plastik sowie Gefrierdosen und alle möglichen Haushaltsgegenstände aus Plastik wurden dort hergestellt. Alles für IKEA, OTTO WOOLWORTH usw.

Die DDR war die Werkbank Westeuropas. Nach der Übernahme waren diese Arbeitsplätze natürlich zu teuer und wurden weiter nach Osten verlagert.

[https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/stiftung/aktuelles/studie-zur-ddr-zwangsarbeit-der-produktion-von-ikea-praesentiert]


Quote
Nilsson Samuelsson, 17. Nov, 14:18

IKEA = Neoliberaler Musterschüler

Gewinnmaximierung durch gezielte Ausbeutung von Menschen und Natur, Etikettenschwindel, social Washing und Greenwashing. Das war es.

Und da gehen wir noch alle fröhlich zum Einkaufen hin, ja?


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Cervo
17. Nov, 12:28

Soziale Verantwortung gibt es bei IKEA wohl nicht. Erinnert sich noch jemand an die Luxemburg-Leaks?

"Wie es Ikea schaffte, bei Milliarden-Gewinnen in einem Jahr nur knapp 50000 Euro Steuern zu zahlen."
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/luxemburg-leaks-steueroasen-hopping-mit-ikea-1.2213559

Von Ikea lass ich mich zukünftig nicht mehr duzen.

...


Quote
Florian Henig, 17. Nov, 12:08

... Nur ein weiterer Tag im Kapitalismus, der ohne Ausbeutung nicht funktioniert.


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adagiobarber, 17. Nov, 10:54

das interessiert doch die inhaber der ikea-family-card nicht! ...


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« Reply #1360 on: November 24, 2022, 12:53:14 PM »

Quote
[...] Sozialleistungen für alleinstehende Asylsuchende dürfen nicht pauschal gekürzt werden, wenn sie in Gemeinschaftsunterkünften leben. Eine pauschale Kürzung verstoße gegen das Grundrecht auf ein menschenwürdiges Existenzminimum, entschied das Bundesverfassungsgericht. Der Gesetzgeber könne nicht einfach davon ausgehen, dass diese Menschen weniger Geld bräuchten, als wenn sie allein lebten. 

Seit September 2019 bekommen die Betroffenen zehn Prozent weniger existenzsichernde Leistungen als alleinstehende Asylbewerber in einer eigenen Wohnung. Aktuell bekommen Menschen in einer Sammelunterkunft 330 Euro im Monat – so viel wie Menschen in einer Ehe oder einer Lebensgemeinschaft. Anderen alleinstehenden Asylsuchenden stehen 367 Euro zu.

Hintergrund ist die Klage eines Mannes aus Sri Lanka, der seit 2014 in Nordrhein-Westfalen in einer Gemeinschaftsunterkunft lebt. Für ihn greift im Asylbewerberleistungsgesetz eine Vorschrift, die für alle Menschen gilt, die sich seit mindestens 18 Monaten rechtmäßig in Deutschland aufhalten. Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts betrifft deshalb unmittelbar nur diese Gruppe.

Der Mann aus Sri Lanka hatte vor dem Sozialgericht in Düsseldorf argumentiert, dass er mit den übrigen Bewohnern nicht gemeinsam koche oder wirtschafte und darum kein Geld spare. Das Sozialgericht hielt die Leistungskürzung selbst für verfassungswidrig. Deswegen setzte es das Verfahren aus und holte die Meinung des Bundesverfassungsgerichts ein.

Dieses erklärte nun, die zum 1. September 2019 eingeführte "Sonderbedarfsstufe" verstoße gegen das Grundrecht auf Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums. Es sei nicht erkennbar, dass in Sammelunterkünften tatsächlich regelmäßig dadurch gespart werden könne, dass die Bewohner gemeinsam wirtschafteten. Leistungsbescheide, die noch nicht bestandskräftig sind, müssen darum rückwirkend ab September 2019 neu berechnet werden. Das ist allerdings nur der Fall, wenn jemand Widerspruch eingelegt oder geklagt hat. In allen anderen Fällen ist die Entscheidung aus Karlsruhe für die künftigen Leistungen zu berücksichtigen.

2019 war die damalige Bundesregierung aus Union und SPD der Ansicht, dass in den Sammelunterkünften ein Zusammenwirtschaften erwartet werden könne. Einspareffekte bestünden zum Beispiel beim Essen, "indem Lebensmittel oder zumindest der Küchengrundbedarf in größeren Mengen gemeinsam eingekauft und in den Gemeinschaftsküchen gemeinsam genutzt werden", heißt es in der Gesetzesbegründung. Deshalb wurde der Regelsatz gekürzt.


Aus: "Verfassungsgericht stoppt Leistungskürzung für bestimmte Asylsuchende" (24. November 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2022-11/bundesverfassungsgericht-leistungskuerzung-asylbewerber-sammelunterkunft

Quote
Sebastian Müller-Schmidt #3

Nicht das erste Mal, dass Bundesverfassungsgericht eingreifen muss, um dem billigen Populismus auf Kosten der Schwächsten Einhalt zu gebieten. ...


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Treverer3 #4

... ich höre schon das Geschrei von Blauen bis Springer...


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« Reply #1361 on: November 25, 2022, 10:43:30 AM »

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[...] Eine große Mehrheit der Menschen in Deutschland befürwortet einer Umfrage zufolge die geplanten strengeren Sanktionen beim Bürgergeld. Das geht aus dem aktuellen ZDF-Politbarometer hervor. Demnach halten es 74 Prozent der Befragten für gut, dass es nun doch von Anfang an strengere Vorgaben und Sanktionen für Arbeitslose geben soll. Bei Anhängern der Union halten dies 92 Prozent für gut, aber auch von den befragten SPD-Anhängern befürworten 68 Prozent die strengeren Strafmaßnahmen.

Die Erhöhung des Regelsatzes um 53 Euro beurteilen 44 Prozent der Befragten als "gerade richtig". Rund ein Viertel der Befragten hält diese für "zu wenig" (26 Prozent), und ähnlich viele halten sie für "zu viel" (23 Prozent).

Beim geplanten Bürgergeld geht es nach dem Kompromiss im Vermittlungsausschuss in die Schlussabstimmungen in Bundestag und Bundesrat. Damit soll das Gesetz in wesentlichen Teilen zu Beginn des neuen Jahres in Kraft treten können.

Der Vermittlungsausschuss von Parlament und Länderkammer hatte den bereits im Bundestag beschlossenen Gesetzentwurf in einigen Punkten verändert, nachdem er im Bundesrat gescheitert war. Die Union setzte etwa durch, dass Sanktionen bei ausbleibenden Bewerbungen von Anfang an gestaffelt möglich sind. Die erlaubte Vermögenshöhe wurde von 60.000 Euro auf 40.000 Euro gesenkt. Der heutige Hartz-IV-Regelsatz von 449 Euro für Alleinstehende soll auf 502 Euro angehoben werden. Das war wegen der stark gestiegenen Lebenshaltungskosten unstrittig.


Aus: "Mehrheit der Deutschen für strengere Bürgergeld-Sanktionen" (25. November 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2022-11/buergergeld-sanktionen-zdf-politbarometer-mehrheit

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$ophokles #7

Naja, dann ist die Medienkampagne ja geglückt. Die Leute neiden die, denen es noch schlechter geht und solange die am mittleren bis unteren Ende sich kabbeln, bleibt keine Zeit nach oben zu schauen und zu fragen, warum einige wenige immer reicher werden, während andere trotz! Arbeit nicht genug zum leben haben.


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Voggl242 #6

Hoffen wir mal, dass diese Mehrheit nie in die Verlegenheit kommt, Bürgerfeld zu beantragen. Warum auch der Mitte geht es gut. Überall schöne Betonvorgärten und üppige SUVs. Da kann doch jeder hin. Unser Schulsystem sortiert nicht aus und erben ähm Leistung lohnt sich ;-)


Quote
  Geistschreiber #9

'Die Erhöhung des Regelsatzes um 53 Euro beurteilen [...] und ähnlich viele halten sie für "zu viel" (23 Prozent).'
23 Prozent, die 53 Euro für zu viel halten. Was sind das für Leute?


Quote
Goldfischdompteur #12

Kaum wird eine Umfrage veröffentlicht, die den meist "Linken" Foristen hier nicht gefällt, wird wieder gegen den "Mittelstand" geschossen. Könnte es vl sein, dass die Umfrage ganz einfach die Stimmung im Land widerspiegelt oder passt das nicht ins Weltbild der meisten Foristen hier. Es kann nicht sein, was nicht sein darf also ist die Umfrage vermutlich unseriös, parfteiisch, verlogen etc.

Ich glaube ganz einfach die Umfrage spiegelt die Stimmung im Land denn die Menschen die morgens um 5 Uhr zur Arbeit gehen während Bürgergeldbezieher noch seelenruhig schlafen, oder Menschen die Samstagabend, wenn andere Party machen (auch Bürgergeldbezieher) arbeiten müssen einfach langsam die Schnauze voll haben.


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$ophokles #12.1

Kann durchaus sein, dass das die Stimmung ist. Genau diese Stimmung wird ja kritisert. Und Ihre Sprachbilder lassen halt wieder tief blicken, woher diese Stimmung kommt. Der hart Arbeitende, vs. der seelenruhig Schlafende Faulenzer. Das ist doch wirklich billigste Polemik.


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JeanLuc7 #14

Also haben es die üblichen Verdächtigen mal wieder geschafft, Arme gegen Ärmste auszuspielen. Die gleiche CDU, die jetzt die Sanktionen durchgesetzt hat, war übrigens auch gegen die Erhöhung des Mindestlohns. Hauptsache, Arbeitskraft bleibt billig.


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« Reply #1362 on: November 26, 2022, 11:03:24 AM »

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[...] Eine wachsende Zahl von Rentnerinnen und Rentner bezieht zusätzlich zur Rente Leistungen aus der sozialen Grundsicherung. Das berichtet das "RedaktionsNetzwerk Deutschland" unter Berufung auf eine Aufstellung des Statistischen Bundesamtes. Im Juni des laufenden Jahres erhielten demnach bundesweit fast 628.600 Menschen im Rentenalter Grundsicherungsleistungen. Das seien rund 51.000 Menschen mehr als noch im Juni 2021. ...


Aus: "Armut unter Rentnern wächst" (Stand: 24.10.2022)
Quelle: https://www.tagesschau.de/inland/rentner-grundsicherung-103.html

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[...] Wer in Deutschland studiert, ist deutlich stärker von Armut bedroht als der Rest der Bevölkerung. 2021 waren 37,9 Prozent der Studierenden armutsgefährdet. Zum Vergleich: In der Gesamtbevölkerung lag dieser Wert im vergangenen Jahr nur bei 15,8 Prozent. Das teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden im Vorfeld des Weltstudierendentags mit. Noch höher war das Armutsrisiko bei Studierenden, die allein oder ausschließlich mit Kommilitonen zusammenlebten - demnach galten 76,1 Prozent als armutsgefährdet.

Das Bundesamt gab die Zahlen anlässlich des Weltstudierendentags bekannt und bezog sich dabei auf erste Ergebnisse der Erhebung zu Einkommen und Lebensbedingungen (EU-SILC). Eine Person gilt demnach als armutsgefährdet, wenn sie über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung verfügt. 2021 lag dieser Schwellenwert für eine alleinlebende Person in Deutschland bei 15.009 Euro netto im Jahr oder 1251 Euro im Monat.

 Studenten mussten bei den Kosten für Wohnraum besonders tief in die Tasche greifen: So lag der durchschnittliche Anteil der Wohnkosten am verfügbaren Haushaltseinkommen für Studierende bei 31,6 Prozent und damit deutlich über der Wohnkostenbelastung der Gesamtbevölkerung mit 23,3 Prozent.

Wer allein oder in Wohngemeinschaften mit anderen Studierenden lebte, musste im Schnitt gut die Hälfte (51,1 Prozent) des verfügbaren Einkommens für Wohnkosten aufbringen. "Liegt die Wohnkostenbelastung auch nach Abzug möglicherweise erhaltener wohnungsbezogener Transferleistungen noch bei mehr als 40 Prozent, gelten Haushalte als überbelastet", so das Statistikamt. Im vergangenen Jahr lebte knapp ein Viertel der Studierenden in Haushalten, auf die das zutraf.

 Wie schwierig die Lage vieler Studierender ist, zeige sich laut den Statistikern auch darin, dass 38,5 Prozent bereits im vergangenen Jahr - und damit vor der Energiekrise - in Haushalten lebten, die nicht in der Lage waren, unerwartete größere Ausgaben aus eigenen finanziellen Mitteln zu stemmen - in der Gesamtbevölkerung war es knapp ein Drittel.

Die Bundesregierung hatte im September ein drittes Entlastungspaket als Ausgleich für die rasant steigenden Preise vorgestellt. Zu den Maßnahmen zählen auch Einmalzahlungen an Studierende. Damit sollen zusätzliche Belastungen, etwa durch eine größere Nachzahlung infolge der stark gestiegenen Preise für Energie, abgemildert werden.

 Dem Deutschen Studentenwerk (DSW) reicht das nicht. Die Bundesregierung müsse nachlegen, teilte das DSW in einer Pressemitteilung mit. Bei den Direkthilfen und Bafög müsse nachgebessert werden. "Studierende stehen in diesem Wintersemester vor einer dramatischen sozialen Notlage", sagte Matthias Anbuhl, Generalsekretär des DSW. "Sie kommen finanziell und psychisch auf dem Zahnfleisch aus der Corona-Pandemie - und wissen angesichts explodierende Preise oftmals nicht, wie sie nun Strom, Gas und Lebensmittel bezahlen sollen."

Das studentische Budget sei in aller Regel extrem auf Kante genäht, nun drohe diese Naht zu reißen. Gerade beim Bafög bestehe großer Handlungsbedarf: Grundbetrag und Wohnkostenpauschale müssten erhöht und die Sozialleistung automatisch an die Inflation angepasst werden. Das sei die beste Armutsprophylaxe.


Aus: " Statistisches Bundesamt Viele Studierende armutsgefährdet" (Stand: 16.11.2022)
Quelle: https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/studierende-armutsgefaehrdet-101.html

"Armutsgefährdete Studierende: Bundesregierung muss nachlegen" (16.11.2022)
https://www.studentenwerke.de/de/content/armutsgef%C3%A4hrdete-studierende-bundes

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[...]  Susanne Hansen sitzt im Frühjahr 2022 vor ihrem Computer und hat Angst. Angst davor, dass es Nachteile für ihre Familie haben könnte, wenn sie öffentlich von ihrem Leben erzählt - einem Leben in Armut. Denn sie schämt sich und sie kennt die Vorurteile: Arme seien faul, hätten es sich in der "sozialen Hängematte" bequem gemacht. Doch dann schreibt sie, über ihre Trennung, ihre zwei kranken Kinder und darüber, wie die Familie in Hartz IV rutschte. Ihre Geschichte ist eine von Hunderttausenden, erzählt auf Twitter unter dem Hashtag ichbinarmutsbetroffen.

Nutzer berichten, wie sie neidvoll auf gefüllte Teller in Restaurants blicken, wie sie aus Geldnot geliebte Gegenstände verkaufen müssen, sich am Monatsende kein Essen mehr leisten können und von der Sorge vor der nächsten Stromrechnung. Beispiele, die zeigen, was es heißt, arm zu sein, in einem reichen Land wie Deutschland.

Ein Forschungsgebiet von Holger Schoneville, Juniorprofessor für Sozialpädagogik an der Universität Hamburg. Gemeinsam mit Studierenden untersucht er die Tweets zur Armut. ...


Aus: "#ichbinarmutsbetroffen - Wie ein Hashtag Armut sichtbarer macht" (Stand: 30.10.2022)
Quelle: https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/armut-151.html


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[...] Die Armutsquote in Deutschland ist im vergangenen Jahrzehnt weiter gestiegen. Ein Drittel größer wurde der finanzielle Abstand für Haushalte unterhalb der Armutsgrenze. Eine Studie erkennt darin eine Gefahr für die Demokratie.

In Deutschland leben immer mehr Menschen in Armut. Zu diesem Ergebnis kommt der jüngste Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Die Quote der sehr armen Menschen, die weniger als 50 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben, ist demnach zwischen 2010 und 2019 um gut 40 Prozent gestiegen. Der finanzielle Rückstand von Haushalten unterhalb der Armutsgrenze habe sich um ein weiteres Drittel vergrößert.

https://www.wsi.de/de/faust-detail.htm?sync_id=HBS-008464 (2022)

 "Der soziale Stresstest hält wegen Rekordinflation und Corona-Pandemie weiter an", so WSI-Direktorin Bettina Kohlrausch. Schon in wirtschaftlich stabilen Zeiten sei der Rückstand der armen Teile der Bevölkerung immer weiter gewachsen und habe die gesellschaftliche Teilhabe für viele spürbar eingeschränkt.

Als arm gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens in Deutschland zur Verfügung hat. Für eine alleinstehende Person waren das 2021 laut statistischem Bundesamt 1251 Euro pro Monat. Anfang des vergangenen Jahrzehnts waren noch 14,3 Prozent der Menschen statistisch betrachtet arm. Im Jahr 2019 lag der Wert dann bei 16,8 Prozent.

Wenig Geld zur Verfügung zu haben wirkt sich demnach in allen Lebensbereichen aus. Haushalte mit einem Einkommen unter 2000 Euro netto im Monat hätten "einen schlechteren Gesundheitszustand, geringere Bildungschancen, und sind insgesamt mit ihrem Leben unzufriedener", so Kohlrausch. Das durchschnittliche Nettoeinkommen pro Haushalt betrug 2018 rund 3700 Euro pro Monat.

Einkommen privater Haushalte (14.10.2020)
Nach Einkommensgruppen (netto) und Einkommensquellen (brutto), 2018
https://www.bpb.de/kurz-knapp/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61754/einkommen-privater-haushalte/#:~:text=Das%20Nettoeinkommen%20der%20Privathaushalte%20in,Euro%20(durchschnittlich%207.607%20Euro).

 Menschen mit wenig verfügbarem Einkommen verzichteten schon vor der Krise besonders oft auf Alltägliches. Zum Beispiel das angemessene Heizen der Wohnung oder der Neukauf von Kleidung und Schuhen. Über eine Urlaubsreise denkt nur jeder zweite Haushalt mit niedrigem Einkommen überhaupt nach.

Die stark gestiegenen Kosten seit 2020 führen demnach auch dazu, dass immer mehr Menschen mit mittleren Einkommen einen deutlichen Spardruck spüren und ebenfalls viel verzichtet oder zumindest eingeschränkt wird. Bei Haushalten bis 3500 Euro Nettoeinkommen will rund jeder Dritte beim Lebensmitteleinkauf kürzertreten.

 Frühere Befragungen haben es bereits aufgezeigt, die aktuelle Studie des WSI zeigt es aber nochmals deutlich: Wer wenig am Wohlstand einer Gesellschaft teilhaben kann, neigt eher dazu das System als ganzes in Frage zu stellen.

Nur rund zwei Drittel der Menschen unterhalb der Armutsgrenze halten die Demokratie für die beste Staatsform. 59 Prozent finden, die Demokratie in Deutschland funktioniert gut. Das seien 11 Prozentpunkte weniger als in der Gesamtbevölkerung. "Armut und soziale Polarisierung können unsere Gesellschaft in ihren Grundfesten ins Wanken bringen", vor allem wenn sie sich verfestigten, so Kohlrausch.


Aus: " Studie Armut in Deutschland stark gestiegen" (Stand: 24.11.2022)
Quelle: https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/armut-in-deutschland-stark-gestiegen-101.html
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« Reply #1363 on: December 04, 2022, 12:49:10 PM »

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[...] Die Männer, die das System am Laufen halten, leben am Rande der Stadt. Abgeschieden, in einem Areal zwischen Bahngleisen und Autobahn, in einem vierstöckigen Betonbau hinter einem Zaun. Wäscheständer hängen vor den Balkonen. Klappstühle stehen vor den Eingängen. Darauf: Männer in Jogginghosen und Flipflops, die meisten um die 30 Jahre alt.

Mehrere Hundert Arbeiter leben in der Unterkunft im Rhein-Main-Gebiet, genauer soll man es nicht schreiben, sagen sie. Aus Angst vor dem Vermieter. „Șerpărie“, nennen sie das Wohnheim, rumänisch für „Slum“. Ein trauriger Ort. Dabei würde das System ohne Männer wie diese kollabieren. Ohne sie ginge nichts auf dem deutschen Bau.

Ein Samstagnachmittag im Oktober. In einem der Zimmer sitzen drei Männer auf ihren Betten. Die Köpfe rasiert, die Schultern breit. Drei kräftige Gestalten in einem viel zu engen Raum. Es riecht nach Essen und Seife. Ein großer Topf Nudeln dampft auf dem Tisch. Einer der Männer hat einen vollen Wäscheständer quer über sein Bett gestellt, sich selbst danebengequetscht. Auf dem Kühlschrank flimmert ein Fernseher, rumänischer Sender, der Ton ist ausgestellt.

„Feierabend“, sagt einer der Männer, fingert eine Bierdose aus einer Plastiktüte und stellt sie auf den Tisch. Er trägt ein blaues T-Shirt und beige Shorts, seine Füße stecken in Badeschlappen. Er bietet einem, wie alle hier, sofort das Du an. Fabiu soll er heißen. Seinen wirklichen Namen will er nicht nennen, aus Angst vor seinem Chef.

Fabiu ist ein sperriger Typ mit kratziger Stimme und herausforderndem Blick. Er arbeitet als Maurer, lebt seit fast zehn Jahren in Deutschland. „Sklaverei“ ist das erste Wort, das ihm einfällt, spricht man ihn auf seine Arbeit hier an. „Scheiße“ das zweite.

„Du wirst nicht so gut bezahlt wie die Deutschen“, sagt er. „Du hast nicht die gleichen Rechte.“

Fabiu wird betrogen, und das gleich mehrfach. Lohnabrechnungen und Stundenzettel, die er vorlegt, belegen das. Dass er nur einen Teil des Lohnes auf sein Konto überwiesen, den Rest bar bekommt, damit kann er noch leben. Er ist 47, denkt nicht an die Rente, hat kein Problem mit Schwarzarbeit. 2.500 Euro bekommt er hier pro Monat im Schnitt, gut 1.500 mehr als in Rumänien.

Was ihn wirklich wurmt: Dass sein Chef ihm und seinen Kollegen kein Urlaubsgeld zahlt. Dass ihm einige seiner alten Chefs keine Arbeitsverträge gegeben und ihn nicht bei der Krankenkasse angemeldet haben – und er jetzt, weil man gesetzlich zur Versicherung verpflichtet ist, 4.000 Euro Schulden bei der Kasse hat. Dass er die jungen Arbeiter auf den Baustellen einweisen muss, Typen um die 18, frisch aus Rumänien, keine Ahnung von nichts. Alles muss er ihnen erklären, sagt Fabiu, und bekommt dafür gerade mal 2 Euro pro Stunde mehr als sie.

Und dann die Stimmung auf dem Bau. Es gab diesen Tag, letztes Jahr im Herbst, da sei seine Geduld am Ende gewesen, sagt Fabiu. Die schwere Arbeit, der ewige Druck, das ewige Hetzen. Er ging einfach heim. Sein Chef behauptete daraufhin, er habe ein Baugerät beschädigt, und weigerte sich, den ausstehenden Lohn zu zahlen. 1.700 Euro. Fabiu wartet darauf, immer noch.

„Auf dem Bau“, sagt er, „jeder nutzt dich aus, wie er kann.“

Deutsche Po­li­ti­ke­r:in­nen verweisen gern auf die prekären Bedingungen, unter denen migrantische Arbeiter auf Baustellen im Ausland beschäftigt sind. Vor allem jetzt, zur Fußball-WM in Katar. Dabei gibt es auch hierzulande gravierende Missstände auf dem Bau. Die Situation ist sicher nicht mit der in Katar vergleichbar, wo die migrantischen Arbeiter vollkommen rechtlos sind, wo ihnen Pässe entzogen werden und wo mehrere Tausend von ihnen gestorben sind. Aber auch auf deutschen Baustellen werden Menschen ausgebeutet. Und das seit Jahren.

Das Baugewerbe in Deutschland galt dabei lange als boomende Branche. Die Nachfrage war groß, die Auftragsbücher der Unternehmen waren voll. Inzwischen ist das Gewerbe aufgrund des Ukrainekriegs und der gestiegenen Materialkosten ins Straucheln geraten. Die Bundesregierung hält an ihrem Ziel, 400.000 Wohnungen pro Jahr zu bauen, aber weiterhin fest. Nur: Wer soll die eigentlich bauen?

191.000 offene Stellen verzeichnete die Baubranche im ersten Quartal dieses Jahres. Dabei hatte der Arbeitskräftemangel den Bau schon vor Jahren erreicht. Und wie in der Pflege und der Landwirtschaft setzte man auch hier früh auf Arbeitskräfte aus dem Ausland.

Zuerst kamen die Polen. Sie haben sich inzwischen „hochgearbeitet“, man findet sie kaum noch im besonders anstrengenden Rohbau, viele arbeiten heute im Innenausbau, installieren Elektrik oder Sanitäranlagen. Dann kamen die Rumänen, heute eine der größten Gruppen auf dem Bau, aber auch Bulgaren, Kroaten und Serben. Inzwischen hat sich der Kreis weiter nach Osten ausgedehnt, außerhalb der EU. Es kommen Arbeiter aus der Türkei, Moldawien, Aserbaidschan und Georgien.

Fast 200.000 sozialversicherungspflichtig beschäftigte Ausländer arbeiten heute im deutschen Bauhauptgewerbe. In einigen Berufszweigen, etwa im Hoch-, Aus- und Trockenbau, machen sie gut die Hälfte der Beschäftigten aus. Hinzu kommen diejenigen, die keine Arbeitsverträge haben, die nicht offiziell registriert sind.

Fabiu ist kein Einzelfall. Im deutschen Baugewerbe ist ein krakenartiges Geflecht aus teils kriminellen Firmen entstanden; eine Schattenwelt, in der die Grenze zwischen Legalität und Illegalität verschwimmt. Die taz hat für diesen Artikel mit Gewerkschaftsvertretern, Sozialarbeitern, Arbeitgebern und mehreren osteuropäischen Arbeitern gesprochen. Sie geben Einblicke in ein System, das über Abhängigkeit und Angst funktioniert; ein System, bei dem die Leidtragenden ganz unten stehen.

Was macht das mit diesen Menschen, die ihre Familien zurücklassen, um hier in Deutschland Geld zu verdienen? Die hier moderne Wohnungen bauen, in denen sie nie leben, funkelnde Shopping Malls, die sie nie betreten werden? Die stattdessen zu dritt in Zimmern mit zwanzig Quadratmetern hausen, sich mit neun anderen Männern eine Toilette und eine Küche teilen?

Fabiu lebt seit sechs Jahren in diesem Heim, in diesem Zimmer im Rhein-Main-Gebiet. Bis hierher war es ein weiter Weg, mit vielen Brüchen.

Er beginnt in einem Dorf im Nordosten Rumäniens, eine der ärmsten Regionen des Landes. Die Wende 1989 bedeutete für Fabius Familie eine radikale Zäsur. Der Vater, Verwalter bei einer sozialistischen Genossenschaft, schlug sich fortan als Klempner durch. Die Mutter, Vizebürgermeisterin im Dorf, als Bibliothekarin. Es war ein Abstieg; für sie und die Menschen um sie herum. Das Land taumelte, allein in der Industrie brach die Hälfte der Arbeitsplätze weg.

Anfang der Neunziger setzte dann die erste Migrationswelle ein. Die Menschen gingen nach Israel, in die Türkei, andere bauten Ölförderanlagen im Irak. Später zog es die meisten nach Westeuropa. Wenn er heute zu Besuch in der Heimat ist, sagt Fabiu, sehe er dort keine bekannten Gesichter mehr.

Fabiu selbst hielt länger durch. Er hatte eine Ausbildung als Maurer gemacht, fand immer noch Jobs auf Baustellen. 2013 aber, die Folgen der Finanzkrise hatten Rumänien schwer gezeichnet, sah auch er keine Zukunft mehr im Land. 100 Euro zahlte er einem rumänischen Vermittler, der brachte ihn nach Deutschland. Seitdem hat er Wohnkomplexe in Frankfurt, Berlin und Stuttgart gebaut.

Inzwischen arbeitet er auf einer Großbaustelle. Fundamente betonieren, Wände hochziehen. Schwere körperliche Arbeit. Zehn Stunden pro Tag, samstags nochmal mindestens fünf. Ein Verstoß gegen das Arbeitszeitgesetz, mehr als acht Stunden pro Tag müssten in der Regel innerhalb von sechs Monaten ausgeglichen werden. Fabiu kennt das Gesetz nicht. Alle Kollegen würden so viel arbeiten, sagt er. „Normal.“

Fabius Alltag hier besteht aus Arbeit, dann kommt lange nichts. Weil der Bau kaum Zeit und Energie für anderes lässt. Nach Feierabend nochmal kurz zu Penny, dann Brötchen für den nächsten Tag schmieren, duschen, halb zehn ins Bett.

Über die Deutschen sagt er: „Ich komme mit denen in Berührung. Aber ich trinke kein Bier mit ihnen.“

Man bleibt unter sich. Es ist einer der Gründe, warum Fabiu in diesem Heim, in diesem Zimmer lebt. 330 Euro zahle er dafür, sagt er, 600 wären es für eine Einraumwohnung in der Stadt. Viel Geld. Und er wäre dann auf sich gestellt, abgeschnitten von seiner Community.

Hier aber teilt er sich das Zimmer mit zwei Männern, die kommen aus demselben Ort wie er, arbeiten für dieselbe Firma. Und wenn man doch mal Ärger mit dem Chef hat, sagt Fabiu, muss man nur in die „Kneipe“ gehen, sich umhören. „Zwei, drei Tage und man hat einen neuen Job.“

Die „Kneipe“, das ist der Mittelpunkt des Lagers, ein kleiner Laden am Kopf des Areals. Wodka- und Kornflaschen stehen hinter der Kasse im Regal. Es gibt Wein und Bier, Käse, Wurst und Konservendosen. Vor dem Laden steht ein langer Tisch mit einer Bank, der Kneipenbereich.

Inzwischen ist es Sonntag, später Nachmittag. Aus einer Boombox schallt rumänischer Pop. Die Box gehört einem betrunkenen Mann Mitte 40, er sitzt auf der Bank vor dem Laden, steht immer wieder auf, um mitzusingen.

Fabiu sitzt mit zwei anderen Arbeitern ein paar Meter weiter, an einem anderen Tisch, vor ihnen leere Bierflaschen. Fabiu nippt an einer Flasche Korn. Er trägt dasselbe Shirt wie gestern, sein Gesicht ist gerötet, die Stimme schwer.

Immer wieder kommen Männer vorbei, grüßen kurz, man gibt sich die Hand. Einige haben Angelruten dabei, andere kommen vom Pilzesammeln im Park. Der Umgang ist freundlich, fast herzlich. Der unbeschwerte Eindruck täuscht leicht darüber hinweg: Es ist eine Parade tragischer Biografien.

Da ist der 34-Jährige mit dem kantigen Gesicht. Aufgewachsen in einem rumänischen Waisenhaus. Hier in Deutschland hat jemand seinen Ausweis geklaut, eröffnete eine Baufirma damit, schloss 20 Handyverträge ab. Jetzt hat der Mann 10.000 Euro Schulden.

Da ist der 62-Jährige mit dem Rollator. Mit 22 verließ er Rumänien, arbeitete in der Sowjetunion, in Israel und Ägypten. Seit 15 Jahren ist er in Deutschland, arbeitete für etwa 20 Firmen. Meistens zehn Stunden pro Tag, offiziell war er immer nur vier angestellt. Jetzt ist er krank, keiner will ihn mehr. Er bekommt Arbeitslosengeld II. Demnächst wird er in Frührente gehen.

Da ist der 32-jährige Eisenflechter. Drei Bandscheibenvorfälle hatte er. Drei Mal sagte sein Chef, er solle beim Arzt nicht sagen, dass es ein Arbeitsunfall war. Drei Mal bekam er kein Krankengeld, niemand kümmerte sich. „Ich verstehe, dass wir Söldner sind“, sagt der Mann. „Aber im Krieg lässt man doch auch keine Verletzten zurück.“

Fragt man diese Männer, warum sie sich das antun, fremd in diesem Land, unter Deutschen und doch isoliert, mit schlechterer Arbeit und viel mieser bezahlt, ist die Antwort immer dieselbe: Die Kinder sollen es einmal besser haben als sie. Sie sollen studieren, sich ein Leben aufbauen in der Heimat.

Auch Fabiu hat Familie. Einen Sohn, eine Tochter, 16 und 15 Jahre alt. Sie sind zu Hause bei der Mutter, die als Verkäuferin in einem Kiosk arbeitet. 300 Euro verdiene sie dabei, sagt er; wenig, selbst für rumänische Verhältnisse. Sie telefonieren täglich. Zwei Mal im Jahr besucht er sie, meist für vier Wochen. Und er schickt Geld, 1.500 Euro pro Monat. Damit bezahlen sie unter anderem das Internat der Kinder.

Wie seine Frau das findet, sie mit den Kindern in Rumänien und er hier? Sie sei froh, wenn er zwischendurch zu Hause ist, sagt Fabiu. Und traurig, wenn er wieder geht. Aber sie könne es verstehen. „Gute Frau“, sagt er. „Herz am selben Fleck wie ich.“

Plötzlich wird es laut vor der Kneipe, eine Flasche zerbricht. Der Betrunkene mit der Boombox ist schwankend aufgestanden, vor ihm steht ein Mann in schwarzem T-Shirt, größer und kräftiger als er. Der Mann schreit den Betrunkenen an, dann schlägt er zu, der Betrunkene geht zu Boden. Der Mann in schwarz dreht sich um, kommt auf Fabius Tisch zugelaufen, er greift zwei Bierflaschen, schlägt sie routiniert gegeneinander, als habe er das schon unzählige Male getan, um mit den abgebrochenen Flaschenhälsen wieder auf den Betrunkenen loszugehen. Ein paar Männer gehen dazwischen. Es gelingt ihnen, ihn abzudrängen.

Szenen wie diese seien hier die Ausnahme, erklären Fabiu und die anderen ruhig. In der Regel seien die Menschen von der Arbeit zu erschöpft, um aufeinander loszugehen. Diese Woche aber habe es geregnet, die Männer mussten zeitweilig zu Hause bleiben.

Es ist eine raue Welt; eine, in der man sich behaupten muss, um nicht unterzugehen. Sei es im Wohnheim oder auch bei der Arbeit, im Umgang mit den Chefs. 300 Euro Energiekostenpauschale stehen Fabiu als Arbeiter zu, 250 hat er von seinem Chef bekommen. Immerhin. Aber auch nur, weil er gefragt hat. „Du musst ein bisschen Deutsch verstehen, bisschen aggressiv sprechen“, sagt Fabiu, „sonst kriegst du von denen gar nichts.“

In einem türkischen Café, keine zehn Minuten von Fabius Arbeiterheim entfernt, sitzt so ein Mann, der manchmal gar nichts kriegt. Einer, dem Fabius Durchsetzungskraft fehlt. Über den sie hier sagen: „Alle werden betrogen. Aber wenn du wie er bist, betrügt man dich noch mehr.“

Adrian. 49 Jahre alt, vom Leben gebeugte Schultern, runder Kopf, die Augen wässrig-grün. Auch er kommt aus Rumänien. Auch er heißt eigentlich anders.

Auch Adrian lebte lange in dem Heim. Im Frühjahr flog er raus. Die Nachbarn hätten zu laut Musik gehört, sagt er, und hätten es ihm in die Schuhe geschoben. Adrian sei im Vollsuff ins falsche Zimmer gelaufen, sagen ehemalige Kollegen, der Hausmeister wollte ihn raushaben.

Und Adrian wollte keinen Ärger. Er schlief zunächst in dem kleinen Gärtchen am Bahnhof, inzwischen übernachtet er in einer Notunterkunft. Er hatte vorher schon ein Alkoholproblem, auf der Straße fing er an, exzessiv zu trinken. Wenn Adrian von seinem Leben erzählt, verheddert er sich oft in den Jahren. In seiner Erzählung tauchen auf: das Ingenieursstudium in seiner Heimatstadt Suceava, seine Zeit als Taxifahrer. Die Zeit im Westen: Küchenhilfe in Italien, Erntehelfer in Niedersachsen, dann tingelte er mit einem Zirkus durch Deutschland, ein Foto auf seinem Handy zeigt ihn lächelnd vor zwei Kamelen. Über einen rumänischen Bekannten landete er schließlich auf dem Bau.

Wie um sich selbst zu vergewissern, zieht er einen Ordner mit Plastikfolien aus seinem Rucksack, sein Anker, der Beweis, das es wirklich ein Leben gab vor seinem jetzigen. Eine Kopie seines Abschlusszeugnisses ist darin, und die Geburtsurkunde seiner Tochter.

Fragt man Adrian nach einem Bild von ihr, muss er mit seinem Handy auf ihre Facebook-Seite gehen. Eine Frau um die 18, sie sieht ein bisschen aus wie Scarlett Johansson. Ein eigenes Bild hat er nicht. Ein zweites Foto auf ihrem Profil zeigt sie vor einem Haus. „Mein Haus“, sagt Adrian. Jetzt wohnen die Tochter, seine Ex-Frau und ihr neuer Mann darin. Der Mann hat inzwischen ein Kind mit der Frau. Und will nicht, dass Adrian Kontakt zu seiner Tochter hat. Adrian wiederum will keinen Ärger und akzeptiert es.

Adrians Geschichte ist die Geschichte eines Mannes, der für seine Familie ins Ausland ging. Und sie dabei verlor. Der studiert hatte und ohne handwerkliche Ausbildung in das Baumetier hineingerutscht ist. Ein Mann im falschen Leben.

Sein letzter Chef schuldet ihm noch Geld. Einen Stundenlohn von 12 Euro hatten sie mündlich abgemacht, sagt Adrian. Teilt man das Geld, das er bekommen hat, durch die Anzahl der geleisteten Stunden, kommt man auf einen Stundenlohn von 6,40 Euro. Lohnabrechnungen des ehemaligen Arbeitgebers und ausgefüllte Stundenzettel belegen das.

Warum er nichts gesagt hat? Er habe gehofft, dass das restliche Geld noch kommt, sagt Adrian. Und hatte Angst, dass er gar nichts kriegt, wenn er den Mund aufmacht: „Ich will keinen Ärger“, sagt Adrian. „Ich bin ja fremd in diesem Land.“

Der deutsche Bau ist kein rechtsfreier Raum. Es gibt den gesetzlichen Mindestlohn von 12 Euro, er gilt, seitdem der Branchenmindestlohn Ende letzten Jahres auslief. Und es gibt das Arbeitszeitgesetz, es regelt, wie lange jemand arbeiten darf.

Und doch arbeiten hier Männer wie Fabiu und Adrian, die ständig Überstunden machen. Die schwarz beziehungsweise nur teilweise ausbezahlt werden. Mitunter auch Männer, deren Wohnsituation vom Wohlwollen ihrer Chefs abhängt. Die beschaffen oftmals nämlich auch Zimmer für ihre Arbeiter, weil diese sich nicht auf dem Wohnungsmarkt auskennen. Wer sich dann beschwert, riskiert, nicht nur den Job, sondern auch das Dach über dem Kopf zu verlieren. Viele bleiben da lieber still.

Man kann sich das System Bau dabei wie eine Pyramide vorstellen. Ganz unten stehen die Arbeiter. Darüber kommen die sogenannten Subunternehmen. Baufirmen, meist mit Sitz in Deutschland, die häufig von Menschen mit türkischem oder serbischem Migrationshintergrund geführt werden. Sie sind es, die die Löhne schwarz oder auch gar nicht zahlen. Sie sind es, die unbequemen Arbeitern mitunter drohen, sie aus den Wohnungen zu werfen. Der Zoll spricht von einer Form der organisierten Kriminalität, mit einem Schwerpunkt im Rhein-Main-Gebiet.

Es ist schwer, an diese Menschen heranzukommen. Die Arbeiter wollen keine Namen nennen. Selbst Sozialarbeiter:innen, die die Arbeiter betreuen und regelmäßig mit den Firmen zu tun haben, wollen lieber keinen Kontakt herstellen.

Doch es gibt noch einen anderen Weg, sich den höheren Ebenen des Systems zu nähern. Damit das System Bau durchgängig läuft, braucht es Menschen, die es mit Nachschub versorgen, mit neuen Arbeitskräften. Menschen wie Sorin.

Sorin ist ein rundlicher Mann Anfang 50 mit hellen blauen Augen, die freundlich schauen, einen aber aufmerksam taxieren. Sein Deutsch ist deutlich besser als das der Bauarbeiter. Er stimmt einem Treffen nur unter der Bedingung zu, anonym zu bleiben, auch er heißt eigentlich anders. Wir treffen uns in einem Café am Frankfurter Hauptbahnhof.

Auch Sorin stammt aus Rumänien, 1991 ging er nach Deutschland. Weil er mit seiner Ausbildung als Glasbläser hier nicht weit kam, heuerte er auf dem Bau als Maurer an, arbeitete für verschiedene Firmen überall im Land. 2015 wurde er Personaler bei einem großen Subunternehmen, seitdem besorgt er Dokumente für die Arbeiter, hilft bei Anmeldungen auf dem Amt.

Doch Sorin hat noch einen anderen Job. Weil er schon so lange in Deutschland lebt, viele Leute kennt, fährt er nach Feierabend manchmal mit seinem BMW vor die Arbeiterheime, auch vor das von Fabiu. Er spricht dort mit den Menschen, die noch nicht lange im Land sind, die kein Wort Deutsch sprechen; Menschen, die nicht gut genug vernetzt sind, um allein Fuß zu fassen in dem Metier.

Er bringt sie dann mit den richtigen Männern in Kontakt. Mit Subunternehmen, die neue Arbeiter suchen. Ein „Vermittler“, auch wenn er dieses Wort nicht mag. Der Frage, für viele Firmen er das macht, weicht er aus.

Wie er das sieht, Menschen in ein System zu schleusen, von dem man weiß, dass sie dort betrogen werden? Sorin lässt einen auflaufen. Er würde nur an Firmen vermitteln, die ihre Arbeiter korrekt auszahlen, sagt er. Und dass er für die Vermittlung kein Geld nehme. Beides kann man getrost bezweifeln.

Dann sagt er: „Die Subunternehmen haben keine andere Wahl, als ihre Arbeiter zu betrügen.“ Und spricht von mafiaartigen Strukturen, bei denen das meiste Geld ganz oben in der Pyramide sitzt. Bei den deutschen Generalunternehmen: Renommierte deutsche Firmen, oftmals Familienunternehmen.

Sie sind es, die bei Ausschreibungen miteinander konkurrieren, auch bei denen der öffentlichen Hand. Um dabei ein möglichst günstiges Angebot abgeben zu können, gliedern viele die Arbeiten an günstige Subunternehmen aus – und entledigen sich damit auch ein stückweit der Verantwortung. Betrug, ungemeldete Arbeitsunfälle, falsch erfasste Arbeitszeiten – all das fällt in den Bereich der Subunternehmen. Die Generalunternehmen haften nur für den Mindestlohn.

Dass einige Generalunternehmen auch dabei nur widerwillig ihrer Verantwortung nachkommen, zeigt der „Fall Medusa“ vom Juni dieses Jahres, eine der größten Razzien der letzten Zeit. Im Zentrum stand ein Geflecht aus drei Subunternehmen aus dem Main-Taunus-Kreis. Sechs Hauptverdächtige wurden festgenommen. Der Vorwurf lautete auf Steuerhinterziehung und Betrug. Die Subunternehmen verloren ihren Auftrag. Über 150 Arbeiter wurden dadurch arbeitslos. Viele warten noch auf ihren ausstehenden Lohn.

Die Generalunternehmen haften auch in diesen Fällen für die Zahlung des Mindestlohns. Sieben Firmen waren in dem vorliegenden Fall als Auftraggeber involviert. Fünf von ihnen hätten die ausstehenden Löhne relativ zeitnah bezahlt oder eine entsprechende Bereitschaft signalisiert, heißt es bei der Gewerkschaft IG Bauen-Agrar-Umwelt. Zwei hätten sich lange geweigert, darunter das Unternehmen Brömer & Sohn GmbH, ein Familienunternehmen aus Wiesbaden.

Die taz hat mit einem rumänischen Arbeiter gesprochen, der für den ­verhafteten Subunternehmer ­tätig war. Der Mann sagt, der Geschäfts­führer von Brömer und dessen Vater seien eine Woche nach den Ver­haftungen auf die Baustelle gekommen, hätten sich aber geweigert, die fehlenden Löhne zu ­zahlen. Ihre Begründung: Sie ­hätten das Geld bereits an den Subunternehmer gezahlt. Für die IG BAU kein Argument: Es entbinde Brömer nicht von der Generalunternehmerhaftung nach dem Arbeitnehmerentsendegesetz.

Die Gewerkschaft vertritt nach eigenen Angaben zehn Arbeiter, die über die verhafteten Subunternehmer für Brömer tätig waren. Bei drei von ihnen sei Brömer jetzt – vier Monate nach der Verhaftung – bereit, die ausstehenden Löhne zu zahlen, sagt ein Gewerkschaftsvertreter. Darunter ist auch der Arbeiter, mit dem die taz gesprochen hat. Bei den restlichen sieben habe die Firma zugesagt, zu prüfen, ob die Männer wirklich auf der Baustelle tätig waren.

Die Firma Brömer selbst will sich auf Nachfrage nicht zu dem Vorgang äußern, verweist aber auf den Hauptgeschäftsführer des Bauindustrieverbands Hessen-Thüringen, Burkhard Siebert.

Siebert wiederum sagt, viele der von der Gewerkschaft vertretenen rumänischen Arbeiter habe der zuständige Polier von Brömer nie auf der Baustelle gesehen. Der Sachverhalt müsse „sorgfältig aufgeklärt werden“. Die Gewerkschaft widerspricht: Alle Männer seien dort tätig gewesen.

Sieberts Verband, der Bauindustrieverband Hessen-Thüringen, ist ein Zusammenschluss mittelständischer und großer Unternehmen der Bauindustrie, der sich als „Stimme der Branche“ versteht. Auch Siebert sieht ein Problem im System Bau. Für ihn liegt es allerdings in der Auftragsvergabe. Gerade bei öffentlichen Ausschreibungen bekomme fast immer der Anbieter mit dem billigsten Angebot den Zuschlag, sagt er. Häufig müssten Arbeiten dann an Subunternehmer vergeben werden, sonst sei man „nicht wettbewerbsfähig“. „Wenn die Politik hier etwas ändern will“, sagt Siebert, „muss das Vergabesystem reformiert werden.“ Die Vorgabe „billig, billig, billig“ sei das Problem.

Kostendruck und eine auf Dumping ausgelegte Vergabepraxis sind eine Erklärung, warum sich das System Bau in seiner Form so lange hält. Eine andere sind fehlende Kontrollen. Alle Arbeiter, mit denen die taz für diesen Artikel gesprochen hat, werden schwarz bezahlt. Aber: Kaum einer hat je eine Kontrolle auf einer Baustelle erlebt. Gewerkschaftsvertreter, mit denen man über das Thema spricht, bestätigen die Tendenz. Der Grund: Die zuständige Finanzkontrolle Schwarzarbeit des Zolls kommt mit der Arbeit nicht hinterher. Das liegt an fehlenden Arbeitskräften: Die Zahl der Personalstellen wurde zwar erhöht, derzeit sind es knapp 10.200, tatsächlich besetzt sind allerdings nur 8.500 Stellen. Die Gewerkschaft der Polizei, Bezirksgruppe Zoll, bemängelt aber auch chaotische Strukturen innerhalb der Behörde. Die Rede ist von einer wahren „Patchwork-Struktur“, von Einsatzbereichen, die nicht richtig zusammenarbeiten würden.

Es gibt in dieser Geschichte aber auch Institutionen, die für Verbesserungen kämpfen, die den einzelnen Bauarbeitern helfen. Da ist die Gewerkschaft. Da ist das Peco-Institut, ein gewerkschaftsnaher Bildungsverein, der die Kontakte zu den Männern hergestellt hat. Da sind aber auch die verschiedenen Beratungsstellen im Land, oftmals an Gewerkschaften angebunden, die sich für die Rechte osteuropäischer Arbeitskräfte einsetzen.

In einem Büro in der Nähe des ­Frankfurter Hauptbahnhofs sitzt ein Mann hinter einem gewaltigen Schreibtisch. 33 Jahre alt, schmale Statur, freund­liche, zugewandte Art. Anel Crnovrsanin ist Jurist und Berater bei einer dieser Organisationen, dem ­Europäischen Verein für Wander­arbeiterfragen.

Auch wenn er es lieber anders hätte: In sein Büro kommen die Menschen meist erst, wenn sie schon in der „Scheiße stecken“, wie er es nennt. Wenn sie über Monate keinen Lohn bekommen haben oder der Chef sie auf die Straße gesetzt hat. Die Geschädigten arbeiten auf dem Bau, aber auch in der Gebäudereinigung, Gastronomie, Pflege und Logistik.

Anel Crnovrsanin setzt sich dann mit ihnen hin, formuliert eine Zahlungsaufforderung an den Arbeitgeber, meist ein Subunternehmen. Da viele von denen allerdings die Angewohnheit hätten, Briefe zu ignorieren, greife er inzwischen häufiger zum Telefon, rufe die Firmen an. „Zähne zeigen“ nennt er das.

Viele Firmen hätten im ersten Augenblick Schwierigkeiten, ihn einzuordnen, sagt er. Dann aber würden die meisten verstehen: Sie haben ein Problem. „Wenn sich ein Arbeiter beschwert, fürchten sie, dass sich das bei den Kollegen herumspricht“, sagt Crnovrsanin. Andere hätten Angst, dass sie vor Gericht müssen oder Ärger mit dem Zoll bekommen.

Etwa die Hälfte der Subunternehmen zahle an diesem Punkt, sagt er. Bei der anderen Hälfte schalte er die Generalunternehmen ein. Stellen auch die sich quer, sei sein Spielraum ausgeschöpft. Dann bleibe den Geschädigten nur der Gang vors Gericht.

Die Zustände auf dem Bau und im Mindestlohnbereich sind lange bekannt. Crnovrsanin glaubt, über kurz oder lang würden sie zum Problem: „Deutschland wird als Standort zunehmend unattraktiv“, sagt er. Spricht man mit den Arbeitern, hört man schon jetzt häufiger Geschichten von Menschen, die in ihre Heimat zurückgehen. Weil in vielen osteuropäischen Ländern, darunter Rumänien, die Löhne steigen, vor allem in den großen Städten. Einige erzählen auch von Verwandten, die zu Hause geblieben sind, eine Existenz in der Land­wirtschaft aufgebaut haben – und denen es jetzt besser geht als den Arbeitern hier.

Fabiu sagt, er würde gern für ein deutsches Generalunternehmen arbeiten, aber die würden keine Ausländer einstellen. Vergangenes Jahr war er für drei Monate in Rumänien, mit zwei Kollegen hat er zwei Häuser gebaut. 7.000 Euro bekam er dafür, arbeitete allerdings auch 12 Stunden am Tag. Wenn es diese Jobs regelmäßiger gäbe, sagt Fabiu, würde er zurückgehen, „gleich morgen“.

Vor ein paar Jahren hat er ein altes Haus gekauft, bei sich im Dorf, es wird zurzeit restauriert. Ob er die Bauarbeiter richtig bezahlt? Fabiu zögert. „Nicht immer.“ Er hat in Deutschland so viele Maschen gesehen, andere abzuzocken. Wenn er in der Heimat ist, probiert er es auch.

Sascha Lübbe, 43, ist Reporter der wochentaz. Am meisten beeindruckt haben ihn die Offenheit der Arbeiter und ihr freundschaftlicher Umgang miteinander.


Aus: "Reportage aus dem Rhein-Main-Gebiet: Ganz unten im System" Sascha Lübbe (4.12.2022)
Quelle: https://taz.de/Reportage-aus-dem-Rhein-Main-Gebiet/!5897238/
« Last Edit: December 04, 2022, 12:53:57 PM by Textaris(txt*bot) »
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Textaris(txt*bot)

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« Reply #1364 on: December 04, 2022, 01:12:09 PM »

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[...] Die britische Königskrone ist zur Vorbereitung auf die Krönung von Charles III. aus dem Tower in London geholt worden. Wie der Buckingham-Palast in der Nacht mitteilte, soll die Edwardskrone für die Zeremonie am 6. Mai 2023 umgearbeitet werden. Nach dpa-Informationen muss der Umfang der Krone für Charles vergrößert werden.

Die aus purem Gold gefertigte und mit Edelsteinen wie Rubinen, Amethysten, Saphiren besetzte Krone gilt als Herzstück der britischen Kronjuwelen im Tower. Sie wurde 1661 als Ersatz für die im englischen Bürgerkrieg kurz zuvor eingeschmolzene originale Krone des letzten angelsächsischen Königs Edward the Confessor (gestorben 1066) angefertigt.

 Die Edwardskrone wird traditionell zur Krönung britischer Monarchen verwendet. Sie wurde auch von der im September gestorbenen Queen Elizabeth II. bei deren Krönung im Jahr 1953 getragen. Charles werde im Rahmen der Zeremonie aber auch die Imperial State Crown tragen, ließ der Palast wissen. Diese Krone war bei den Trauerfeierlichkeiten für die Queen auf deren Sarg platziert worden.

Unklar blieb zunächst, ob Königsgemahlin Camilla, die bei der Zeremonie ebenfalls gekrönt werden soll, die zuletzt von Queen Mum getragene Krone aufgesetzt bekommt. In die Krone der Mutter von Queen Elizabeth ist der aus Indien stammende weltberühmte Diamant Kohinoor eingearbeitet.

Einem Medienbericht zufolge hatten sich Vertreter der indischen Regierungspartei BJP kritisch zu einer möglichen Verwendung der Krone geäußert. Das könne Erinnerungen an die Kolonialzeit wecken, so die Bedenken, berichtete die britische Zeitung "The Telegraph" kürzlich. Der Palast teilte auf Anfrage mit, eine Entscheidung dazu stehe noch aus.

Quelle: ntv.de, jpe/dpa


Aus: "Juwelenstück passt nicht: Königskrone wird für Charles III. umgearbeitet" (04.12.2022)
Quelle: https://www.n-tv.de/leute/Koenigskrone-wird-fuer-Charles-III-umgearbeitet-article23761021.html

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Quote
[...] Erneute Ei-Attacke auf den König: Die britische Polizei hat einen jungen Mann festgenommen, der Charles III. beworfen haben soll.

Charles besuchte am Dienstag die Stadt Luton nördlich von London, um dort unter anderem einen neuen Sikh-Tempel zu eröffnen. Bei einem Rundgang warf dann jemand ein Ei, das den König allerdings verfehlte. Wie die Polizei der Grafschaft Bedfordshire mitteilte, wurde der Verdächtige, der zwischen 20 und 30 Jahren alt sein soll, vor dem Rathaus von Luton festgenommen und zum Verhör gebracht.

Vor knapp vier Wochen waren Charles III. und seine Frau Camilla bei einem Besuch im nordenglischen York schon einmal mit Eiern beworfen worden. Die Eier verfehlten das Königspaar nur knapp. »Dieses Land wurde mit dem Blut von Sklaven erbaut«, rief ein Mann damals, der kurz darauf von der Polizei festgenommen und später auf Kaution wieder freigelassen wurde.

...



Aus: "Mann festgenommen: König Charles erneut mit Ei beworfen" (06.12.2022)
Quelle: https://www.spiegel.de/panorama/justiz/koenig-charles-in-grossbritannien-mit-ei-beworfen-mann-festgenommen-a-67b7d003-5827-449f-acd1-bbbe94257b14
« Last Edit: December 06, 2022, 06:27:55 PM by Textaris(txt*bot) »
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