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Author Topic: [Menschen in Schichten und Klassen... ]  (Read 485146 times)

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Textaris(txt*bot)

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #1260 on: February 15, 2022, 05:09:50 PM »

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[...] „Arbeit“, so war die Erzählung überschrieben. Darin leuchtet Aydemir ihren familiären Hintergrund im Hinblick auf die Bedingungen aus, unter denen Migranten der ersten Generation in Deutschland oft in einer Art Parallelwelt zum bundesrepublikanischen Alltag existierten. Der Zustand, den Aydemir skizziert, ist schizophren. Einerseits wurden die so genannten Gastarbeiter angefeindet, andererseits aber waren sie unabdingbar geworden für das Funktionieren und die Erhaltung des Wohlstands des Landes:

„Ich bin im Deutschland der Neunzigerjahre aufgewachsen, in dem die widersprüchlichen Parolen ‚Ausländer sind faul‘ und ‚Ausländer nehmen uns die Arbeit weg‘ teilweise aus denselben Mündern miteinander konkurrierten. In meiner eigenen Familie, die über das Anwerbeabkommen zwischen der BRD und der Türkei in den frühen Siebzigerjahren eingewandert ist, konnte es sich weder jemand leisten, faul zu sein, noch, irgendwem die Arbeit wegzunehmen. Alle arbeiteten immer in den Jobs, die nicht für Deutsche, sondern für sie vorgesehen waren. Leute wie mein Großvater wurden angeworben, weil sie leichter ausgebeutet werden konnten als inländische Arbeiter_innen.“

... Es geht um das Aufeinanderprallen gesellschaftlicher Klassen, um diejenigen, die für das System ihre Körper ruinieren, und um diejenigen, die davon profitieren, um „Kanaken“ und um „Kartoffeln“, wie Aydemirs Figuren es ausdrücken, um Ausgebeutete und Ausbeuter:

„Und nächste Woche beginnt auch für dich endlich die Rente, Hüseyin. Sie nennen es Frührente, doch nichts daran fühlt sich früh an.“
„Sie“ – das sind die Almans, die Biodeutschen in ihren Einfamilienhäusern mit Partykeller; die am Wochenende Minigolf spielenden Bürgerfamilien, die ihren als selbstverständlich empfundenen Wohlstand absichern, indem sie die anderen, die Fremden, kleinhalten und auf ihre Plätze verweisen. Die radikale Subjektivität und die Unversöhnlichkeit der Außenseiterperspektive mögen nicht immer gerecht sein, und doch sind sie in ihrer Wucht erkenntnisstiftend. So also fühlt sich das an. Die deutschen Arbeitswelten und deren Undurchlässigkeit gehören zu den Generalthemen von „Dschinns“.

... Ja, die Biodeutschen in Aydemirs Roman sind Rassisten, Ausbeuter, Ignoranten, Opportunisten oder auch alles zusammen. Doch ist es absolut legitim, das Ohnmachtsgefühl einer unterprivilegierten Gruppe gegenüber einer Mehrheitsgesellschaft literarisch auszuformen. „Dschinns“ ist auch ein Buch des Nichtankommenkönnens. Das ist auch in Hüseyins und Emines Familie selbst als tiefer Graben zwischen den Generationen zu spüren.
Als Bild für das nie verbalisierte, sprachlich und rational kaum zu fassende Unbehagen, das alle Generationen dieser Familie auf unterschiedliche Weise erfasst, führt Peri, Sevdas jüngere Schwester, das Phänomen der Dschinns ein. Den alten Volksglauben an einen bösen Geist überträgt Aydemir auf ihre Figuren. Es ist eine diffuse, schwer greifbare Mischung aus Scham und Angst, die ihr Leben bestimmt

... Identität und fluide Sexualität, weibliche Selbstermächtigung und staatliche Gewalt gegen marginalisierte Gruppen, Rassismus, Klassismus und ein patriarchalisch geordnetes Wertesystem – es gibt kaum ein Schlagwort des aktuellen Diskurses, das Fatma Aydemir auslässt. „Dschinns“ ist sowohl ein Buch der Zeit als auch des Zeitgeistes. Kein gelungener literarischer Text, in der Form unausgegoren, in seiner politischen Agenda oft wenig subtil. Aber dessen ungeachtet ist „Dschinns“ auch ein bemerkenswerter, vibrierender, atmosphärisch angespannter Text, der nicht nur unsere Gegenwart, sondern auch den historischen Kontext beleuchtet. Man merkt ihm in seinen starken Passagen an, warum er geschrieben werden musste.

Fatma Aydemir: „Dschinns“
Carl Hanser Verlag, München
368 Seiten




Aus: "Fatma Aydemir: „Dschinns“Leben ohne Partykeller" Christoph Schröder (13.02.2022)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/fatma-aydemir-dschinns-100.html

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Quote
[...] Die „Kanakenseite“ und die andere: Fatma Aydemirs Roman „Dschinns“ findet einen neuen, eigenen Ton, um von Migration zu erzählen.

Fatma Aydemirs zweiter Roman „Dschinns“ ist ein Familienroman, er ist ein Gesellschaftsroman. Er erscheint in dem Jahr, in dem das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei 51 Jahre alt wird. Dieses Abkommen hat die deutsche Gesellschaft verändert und das Leben derjenigen, die gekommen sind, bis in die zweite und dritte Generation. Das ist der Hintergrund dieses Romans.

... Fatma Aydemir spricht in ihrem Roman unterschiedliche Aspekte des Migrationsspagats an, arrangierte Ehen, das Trauma der bei den Großeltern in der Türkei zurückgelassenen Gastarbeiterkindern, die Verleugnung der kurdischen Identität, die Einsamkeit der Gastarbeiter-Hausfrauen auf hier 68 Quadratmetern Deutschland, Racial Profiling, Sexualmoral – all diese Dschinns, die Geister, die in den Leben der Familienmitglieder herumspuken. Auch Ungerechtigkeiten, von denen man als Angehöriger der Mehrheitsgesellschaft wenig Ahnung hat.

... Feridun Zaimoglu hat das Wort „Kanake“ in den 90er Jahren in die deutsche Literatur eingeführt, die der Enkelgeneration zugehörige Fatma Aydemir eignet es sich selbstbewusst an. In diesem Begriff ist jetzt eine hybride Identität aufgehoben. Etwas hat sich verändert, und Fatma Aydemir trägt dem Rechnung, indem sie nicht in erster Linie den sozialen Konflikt mit der Mehrheitsgesellschaft beschreibt. Sie interessiert sich dafür, wie sich der Aushandlungsprozess im Inneren ihrer Protagonisten fortsetzt.

...


Aus: "Fatma Aydemir „Dschinns“: Ein Teil von gar nichts sein" Susanne Lenz (15.02.2022)
Quelle: https://www.fr.de/kultur/literatur/fatma-aydemir-dschinns-ein-teil-von-gar-nichts-sein-91350146.html#idAnchComments

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/dschinns/978-3-446-26914-9/
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« Reply #1261 on: February 16, 2022, 12:10:10 PM »

Quote
[...] Wenige Tage nach dem 70. Thronjubiläum der Queen und rechtzeitig vor den umfangreichen Feiern im Sommer hat Prinz Andrew seinen Rechtsstreit mit einem Opfer sexuellen Missbrauchs beigelegt. Einem gemeinsamen Schreiben ihrer Anwälte an das New Yorker Zivilgericht zufolge haben der Neunte der britischen Thronfolge und Virginia Giuffre einen Vergleich geschlossen. Demnach verpflichtet sich der Herzog von York zur Zahlung einer "erheblichen" Summe an die Wohltätigkeitsorganisation der Frau, die als 17-Jährige dem damals 41-Jährigen im Umfeld des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein begegnete.

Über die infrage stehende Summe haben die Parteien Stillschweigen vereinbart, es dürfte sich aber um mehrere Millionen Dollar handeln. Unklar blieb zunächst, ob zusätzlich zur Zahlung für die Organisation, die sich für Opferrechte einsetzt, auch noch eine Summe für Giuffre persönlich anfällt.

Aus der Verlautbarung des New Yorker Gerichts wird jedoch deutlich, dass der 61-Jährige allerlei hässliche Kröten zu schlucken hatte. Ausdrücklich lobt der Herzog die 38-Jährige sowie andere Opfer sexuellen Missbrauchs für ihre "Tapferkeit", bedauert zudem die "unfairen öffentlichen Attacken" auf Giuffre. Ihm selbst sei nie daran gelegen gewesen, sich an der Verleumdung seiner Beschuldigerin zu beteiligen – eine Aussage, die in krassem Widerspruch zu dem Vorgehen von Andrews Anwälten steht. Diese hatten in den vergangenen Monaten keine Gelegenheit verstreichen lassen, ohne dass sie Giuffre als geldgierige Dauerprozessiererin darstellten, die mit unbewiesenen Vorwürfen Prominente ins Unrecht setze.

Die mittlerweile in Australien lebende US-Bürgerin hatte detaillierte Anschuldigungen gegen den Prinzen erhoben: Dreimal, je einmal in London, New York und in der Karibik, sei sie, damals noch minderjährig, vor zwanzig Jahren von Andrew sexuell missbraucht worden. Der Prinz beteuerte stets seine Unschuld: Er sei "dieser Lady" nie begegnet. Dabei war längst ein Foto im Umlauf, das Andrew mit Giuffre und seiner früheren Freundin Ghislaine Maxwell zeigt.

Unstreitig war zudem seine Freundschaft mit dem New Yorker Finanzjongleur Epstein, die er laut Gerichtsmitteilung nun "bedauert". Der mittlerweile verstorbene Epstein und die Tochter des Millionenbetrügers Robert Maxwell, so haben es mehrere Strafprozesse in den USA ergeben, betrieben jahrzehntelang einen Sexhandelsring und waren verantwortlich für die Ausbeutung und den Missbrauch von Hunderten junger Frauen.

Dem Konsens unter PR-Strategen zufolge ist der Ruf des Prinzen schwer, womöglich irreparabel beschädigt. Das liegt keineswegs nur an dem Vergleich mit Giuffre, der einem Schuldeingeständnis sehr nahe kommt. Die unappetitlichen Enthüllungen rund um Andrews Freundschaft mit den verurteilten Sexualstraftätern Epstein und Maxwell haben auch grundsätzliche Charakterschwächen des einst beliebten Prinzen zutage gefördert. Dessen Glaube an die eigene Bedeutung stand offenbar jahrzehntelang der angemessenen Behandlung von Bediensteten und Bekannten im Weg.

Solange das Königshaus, insbesondere Queen Elizabeth II, die schützende Hand über den Herzog hielt, blieben dessen Handlungs- und Redeweisen unter der Decke. Giuffres Klage öffnete die Fluttore: Plötzlich füllten immer neue Storys über den Mann mit stark ausgeprägter Libido und umgekehrt proportionaler Intelligenz die Gazetten. Jüngst beschwerte sich eine Masseurin über den Termin im Haus des Prinzen: Dieser habe in derber Ausdrucksweise Auskunft über ihre sexuellen Vorlieben verlangt.

Erst im Jänner hatte sich die Queen ausdrücklich von ihrem Drittgeborenen distanziert, Andrew musste sämtliche militärischen Dienstgrade und royale Schirmherrschaften zurückgeben. Öffentliche Termine für das Königshaus nimmt er schon seit mehr als zwei Jahren nicht mehr wahr. (Sebastian Borger aus London, 15.2.2022)


Aus: "Prinz Andrew kauft sich von Missbrauchsvorwürfen frei" (15. Februar 2022)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000133392998/prinz-andrew-kauft-sich-vonmissbrauchsvorwuerfen-frei

https://www.theguardian.com/uk-news/live/2022/feb/15/prince-andrew-duke-of-york-settles-sexual-abuse-lawsuit-with-virginia-giuffre-live-updates

https://www.bbc.com/news/uk-60393843

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Hans Ernesto Ziegenkäse

Leute wie er hätte vor 300 Jahren sie einfach öffentlich hinrichten lassen. Samma froh, dass blaues Blut nichts mehr zu melden hat.


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profeline

Vor 300 Jahren hätte kaum jemand auch nur eine Augenbraue gehoben, wenn sich ein Hochadeliger mit jungen Mädchen vergnügt. Auch nicht, wenn es später heisst, es sei nicht freiwillig gewesen.


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kugelmugel

"stark ausgeprägter Libido und umgekehrt proportionaler Intelligenz"

Sehr nette Formulierung. Sehr gut gemacht, gefällt mir!!!


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schlussendlich

"Umgekehrt proportionale Intelligenz"

So geht also Qualitätsjournalusmus?


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Sir Gerald

Durchaus. Oder darf Qualitätsjournalismus nicht sagen, was Sache ist?


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Morc from Orc

In diesem Blatt halt sehr selektiv


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Dr. Viktor Frankenstein

Er sei "dieser Lady" nie begegnet.
Trotzdem zahlt er ihr 7 Millionen $ ...


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abracadabraham

Ein Problem dass sich mit Geld nicht lösen lässt lässt sich mit viel Geld lösen… altes bulgarisches Sprichwort



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Julius Ceasar 100 BC

Ich verstehe warum sie das Geld nimmt. Ein langer Prozess ist für sie auch belastend und eine Verurteilung ist nie sicher. Sein Ruf ist eh runiert ...


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soschaut'saus

"Prinz Andrew kauft sich von Missbrauchsvorwürfen frei"

Sorry, Nein!
Ein außergerichtlicher Vergleich ist kein "Freikaufen". Klingt zwar reißerisch toll, ist aber juristisch gesehen falsch.
Beide Seiten haben sich dazu entschieden - warum auch immer - die Sache besser doch nicht vor Gericht austragen zu wollen. Die Entscheidung ist zu respektieren und wenn man nicht über den Fall detailliert Bescheid weiß, sollte man auch nicht einfach so hinein zu interpretieren.


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NothingToSeeHere

Gesetze gelten nicht für Reiche. Nur ein weiterer Beweis...


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Rechtsdrehender Linker

Als Nichtreicher hätten sie auch solche Klagen nicht am Hals…


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xSamx
Geboostert gegen die Impfpflicht

Wäre spannend herauszufinden, wie hoch der Preis der "Gerechtigkeit" war.


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Weilichkann

"Gerechtigkeit" ist halt relativ.

Dass Geld für eine Stiftung, die sich um Opfer von sexueller Gewalt kümmert, gezahlt wird, hilft vielen Menschen, die Opfer solcher geworden sind.
Ein Prinz im Gefängnis stillt maximal den Rachedurst.
Mit einer Sache abzuschließen und das bestmögliche für raus zu holen ist nicht zwangsläufig schlecht.


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je m'en fous

Die Frage vom Prinzen im Gefängnis hat sich bei diesem Prozess ja gar nicht gestellt ..


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Mezzanin

Eine Win-Win Situation also.

Wenn so etwas einem Nichtprinzen passiert, dann kann sich keine Stiftung über frisches Geld freuen. Der Prinz kann sich weiterhin in seiner Villa aus dem Fenster hinausbücken und die schöne Aussicht genießen. ...


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der ghoul

thats the world we live in :/


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georgelser.blogsport.at

Einige hier im Forum haben anscheinend tatsächlich geglaubt, dass es zu einem Prozess kommen würde. Dabei war von vornherein klar, dass die Sache finanziell geregelt werden würde. Es war ja auch eine Zivilklage und nicht die erste Zahlung in der Angelegenheit.


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Waina Pawiasek

Frei gekauft mit britischem Steuergeld

Herrlich


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Vicky_Eisi

mit britischem Steuergeld

Das glaube ich nicht.

Nicht umsonst hat die Queen in einer öffentlichen Verlautbarung bekanntgegeben, dass sie ihm alle Titel entzieht und er sich als "privater" Bürger der Anklage stellen muss.
Ich denke, er musste ganz schön tief in seine Privatschatulle greifen, um diese Milliönchen locker zu machen.


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Cheneso

Und woher kommen die Millionen in der Privatschatulle? Wohl kaum von einem eight to five job!


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Loof Tschloss

Also, am Ende zahlt der britische Steuerzahler für das königliche Herumgepimpere.
Gut, dass wir die Monarchie abgeschafft haben.


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Bananenkrokodil

Naja, wozu unser Steuergeld teils verwendet wird, ist jetzt auch nicht so der Hit ...


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« Reply #1262 on: February 16, 2022, 12:15:14 PM »

Quote
[...] Tesla-Chef Elon Musk hat im vergangenen Herbst neben seinen breit angelegten Aktienverkäufen auch Papiere des US-Elektroautobauers im Milliardenwert gespendet. Die gut fünf Millionen Aktien waren zum Zeitpunkt der Spende im November nahezu 6 Milliarden Dollar (5,3 Milliarden Euro) wert.

Die Mitteilung bei der US-Börsenaufsicht SEC von Montag enthielt keine Hinweise darauf, wer die Papiere bekam. Die Spende könnte auch helfen, Musks milliardenschwere Steuerlast nach den Aktienverkäufen drücken.

Musk musste rund ein Jahrzehnt zuvor gewährte Aktienoptionen einlösen, bevor sie abliefen. Das zog wiederum eine Steuerrechnung nach sich – und um diese zu begleichen, musste der Tesla-Chef Aktien verkaufen. Musk ging weiter und ließ sich von Twitter-Nutzern in einer Abstimmung verpflichten, ein Zehntel seines Tesla-Anteils abzustoßen. Im Dezember schätzte er, dass er für das vergangene Jahr rund 11 Milliarden Dollar Steuern zahlen werde.

Der Kursanstieg der Tesla-Aktien in den vergangenen Jahren machte Musk zum mit Abstand reichsten Menschen der Welt. Der Finanzdienst Bloomberg schätzt Musks Vermögen in seiner Milliardärsrangliste aktuell auf 227 Milliarden Dollar (rund 200 Milliarden Euro). Er liegt damit weit vor Amazon-Gründer Jeff Bezos mit 180 Milliarden Dollar. (APA, 15.2.22)


Aus: "Elon Musk spendete Tesla-Aktien im Milliardenwert" (15. Februar 2022)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000133385664/elon-musk-spendete-tesla-aktien-im-milliardenwert

Quote
Cewis

Schau ma mal, wofür er gespendet hat.


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Schapek Hermann

Wie es aussieht an die WHO gegen den weltweiten Hunger. Das war in den letzten Wochen nachzulesen. Auch die öffentliche Diskussion zwischen seinen Anhängern und dem Chef der Weltgesundheitsorganisation. Woher ich das weiß, als 2 facher Teslabesitzer der ersten Stunde interessiert man sich ganz einfach.


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« Reply #1263 on: February 23, 2022, 03:18:24 PM »

Quote
[...] 23.786.400.000 Euro investierten Käufer von Grundstücken und Häusern im vergangenen Jahr in Berlin – fast ein Drittel mehr als im Vorjahr (plus 31 Prozent). So viel Geld ist laut Gutachterausschuss für Grundstückswerte noch nie in der Stadt auf dem Immobilienmarkt umgesetzt worden. Für diese Zahlen werden alle wirksam unterzeichneten notariellen Kaufverträge ausgewertet.

... In Berlin wurden im vergangenen Jahr 18519 Wohnungen verkauft – das sind 22 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Allerdings mussten die Käufer auch mehr Geld bezahlen: Dieser sogenannte Geldumsatz stieg um 37 Prozent auf 7,6 Milliarden Euro. Die Wohnfläche, die dabei erworben wurde, stieg lediglich um 22 Prozent.

Umgerechnet ergibt sich dadurch eine Preissteigerung für eine Eigentumswohnung um 14 Prozent.

... Unverändert begehrt sind Mietwohnhäuser sowie Wohn- und Geschäftshäuser bei Investoren. Fast 1000 Wohn- und Geschäftshäuser wurden in 2021 verkauft, 11 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Umsatz stieg dagegen um 50 Prozent auf 7,461 Milliarden Euro.

Daraus leiten die Gutachter eine Änderung des mittleren Kaufpreises um plus 11 Prozent ab. Bei den Mietwohnhäusern stieg der mittlere Kaufpreis um sieben Prozent, Miethäuser im Wert von 2,4 Milliarden Euro wurden verkauft – ein Plus von 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

... „Die Zahlen zeigen, dass es keine anhaltende Marktberuhigung im Immobilienhandel gibt“, sagte die Staatsekretärin für Mieterschutz und Quartiersentwicklung Ülker Radziwill (SPD). Der steigende Geldumsatz auch bei Mehrfamilienwohnhäusern deutet auf steigende Mieten hin – der Käufer muss mehr Geld wieder herein bekommen.

...


Aus: "So viel Geld wie nie in Berliner Immobilien investiert – Preise steigen weiter" Ralf Schönball (23.02.2022)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/rekordwert-von-23-8-milliarden-euro-so-viel-geld-wie-nie-in-berliner-immobilien-investiert-preise-steigen-weiter/28095772.html

Quote
dostoprimechatelnost 13:34 Uhr

Die EZB hat in den letzten 8 Jahren 7 Billionen Euro aus dem Nichts erschaffen. ... Hätte die EZB diese 7 Billionen verschenkt, dann wäre jeder EU-Bürger, vom Baby bis zum Greis um 15.500€ reicher.

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« Reply #1264 on: March 03, 2022, 12:03:09 PM »

... sowie aufgrund der Unantastbarkeit ...

Quote
[...] Madrid – Die spanische Justiz hat die Einstellung aller Ermittlungsverfahren gegen den ehemaligen König Juan Carlos I. verkündet – und damit einer Rückkehr des früheren Staatsoberhaupts nach Spanien den Weg geebnet. Fallengelassen wurden die drei Ermittlungsverfahren gegen den 84-jährigen Ex-Monarchen nach Angaben der Staatsanwaltschaft vom Mittwoch unter anderem aus "Mangel an Beweisen, Verjährung sowie aufgrund der Unantastbarkeit", die Juan Carlos als Staatsoberhaupt genossen habe.

... Felipe distanzierte sich seither mehrfach von seinem Vater. Unter anderem entzog er Juan Carlos im vergangenen Jahr den für Ex-Monarchen üblichen Zuschlag von 200.000 Euro aus dem Königshaus. (APA, 3.3.2022)


Aus: "Spaniens Justiz stellt alle Ermittlungen gegen Ex-König Juan Carlos ein" (3. März 2022)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000133796028/spanische-justiz-stellt-alle-ermittlungen-gegen-ex-koenig-ein

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Jeff Lebowski

Satire?


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Lutong

So ist das in Monarchien (se UK). Fast österr. Verhältnisse!


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Tobias Braun

Dazu fällt mir ein Abschnitt aus Andrea Camilleris Buch "M wie Mafia" ein, in dem er unter dem Stichwort "Gerechtigkeit" vor allem sizilianische Sprichwörter anführt, die sich mit dem (Miß-)Verhältnis von sozialer Schicht und Anwendung von Gesetzen befassen.

Dort heißt es sinngemäß: "Bei den Großen wird das Gesetz AUSGELEGT, bei den anderen wird es ANGEWANDT". (Vgl. S. 57)

P.S.:
Zeitliche Naheverhältnisse zur österreichischen Innenpolitik sind daher nur scheinbar und zufällig.


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« Reply #1265 on: March 04, 2022, 10:59:52 AM »

Quote
Christian Reinboth
@reinboth
Drei Tage Krieg und eine Grundgesetzänderung zur Bereitstellung von 100 Milliarden EUR plus >2% BIP p.a. für Rüstungsgüter liegen auf dem Tisch. ...

5:34 nachm. · 27. Feb. 2022


https://twitter.com/reinboth/status/1497973466531774466

... Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey befürworten drei von vier Deutschen das geplante Sondervermögen für die Streitkräfte. Kritik kommt von der Oppositionspartei die Linke und vereinzelt auch aus den Regierungsparteien SPD und Grüne. Vertreter der Friedensbewegung fordern, keine F-35-Kampfflugzeuge für die Bundeswehr zu beschaffen und alle US-amerikanischen Atombomben aus Deutschland abzuziehen. ...
https://www.dw.com/de/100-milliarden-f%C3%BCr-die-bundeswehr-was-nun/a-60982976

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rbb|24 @rbb24

Öffentliche #Schulen in #Berlin müssen sich vorerst auf drastische Kürzungen einstellen. Wegen der notwendigen Einsparungen in den Haushalten aller Senatsverwaltungen seien auch Kürzungen im Bereich der Bildung notwendig, heißt es zur Begründung.

2:59 nachm. · 3. März 2022

...


Quelle: https://twitter.com/rbb24/status/1499383844302200832


"3.000 statt bis zu 28.000 Euro Berliner Schulen müssen mit drastischen Kürzungen rechnen" Do 03.03.22 | 15:17 Uhr
https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2022/03/berlin-oeffentliche-schulen-drastischen-kuerzungen-haushalt.html

Die Kommentarfunktion wurde am 03.03.2022 um 18:50 Uhr geschlossen. Die Kommentare dienen zum Austausch der Nutzerinnen und Nutzer und der Redaktion über die berichteten Themen. Wir schließen die Kommentarfunktion unter anderem, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt.

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[....] Dass Wladimir Putin wegen des Ukraine-Kriegs auf der Anklagebank landet, ist nach Einschätzung des Völkerrechtsexperten Matthias Hartwig praktisch ausgeschlossen. Zwar habe Russland ohne Frage einen schweren Verstoß gegen das Völkerrecht begangen, sagte Hartwig der Nachrichtenagentur AFP.

Der Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Heidelberg sieht aber zahlreiche Hindernisse für eine Strafverfolgung des russischen Staatschefs.

...


Aus: "Putin wird wegen Ukraine-Kriegs wohl nicht vor Gericht kommen" Sarah Maria Brech (05.03.2022)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/viele-hindernisse-fuer-strafverfolgung-putin-wird-wegen-ukraine-kriegs-wohl-nicht-vor-gericht-kommen/28133568.html

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[...] Ob Nudeln, Kaffee, Bier oder Toilettenpapier: Für die Preise in Supermärkten und beim Discounter scheint es im Moment nur noch eine Richtung zu geben - aufwärts. Und der Krieg in der Ukraine dürfte den Preisen nun noch einmal einen Schub geben. ...


Aus: "Lebensmittel werden demnächst noch teurer" (05.03.2022)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/preisdruck-durch-den-ukraine-krieg-lebensmittel-werden-demnaechst-noch-teurer/28133606.html

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[...] In der Ukraine tobt Putins Krieg und Hunderttausende von Menschen sind auf der Flucht. In der Art und Weise, wie viele westliche Medien und Politiker:innen darüber sprechen, zeigt sich oft unverhohlener Rassismus. Dies wurde bereits in den ersten Tagen des Krieges deutlich, als US-amerikanische und britische Korrespondent:innen aufgebracht betonten, dass die Ukraine "kein Dritte-Welt-Land" wie "Irak oder Afghanistan" sei, sondern "europäisch" und "zivilisiert". Bei BBC meinte ein ukrainischer Ex-Staatsbediensteter sogar, dass er besonders emotional sei, weil die Opfer "blond und blauäugig" seien. Und bei Frank Plasbergs Hart aber fair schwadronierten einige der Gäste inklusive des Moderators von "unserem Kulturkreis" und die Feigheit jener "wehrfähigen, starken Männer", die 2015 nach Deutschland kamen und angeblich nicht Manns genug waren, ihre Heimat zu verteidigen.

Von Politiker:innen hörte man Ähnliches. Jean-Louis Bourlanges, ein französischer Politiker, bezeichnete ukrainische Geflüchtete als "hochqualifiziert", der bulgarische Premierminister sagte: "Das ist nicht die Flüchtlingswelle, die wir kennen, sprich, Menschen, über deren Identität wir uns nicht sicher sein können, die Terroristen gewesen sein könnten."

Kurz und knapp: Weiße Europäer:innen haben den "guten Flüchtling" gefunden. Jener, der die Hilfe verdient hat. Hier der tapfere Ukrainer, der sein Land verteidigt. Dort der feige Syrer oder Afghane, der Frau, Kind und Land zurückgelassen hat, anstatt zur Waffe zu greifen. Dass in ihren Ländern seit Jahren oder teils sogar Jahrzehnten Krieg herrscht und Menschen irgendwann einfach nicht mehr kämpfen können, für einen Diktator wie Assad auch nicht kämpfen wollen – oder wie die Kurd:innen in Rojava nach wie vor kämpfen – dafür gibt es kaum Verständnis. 

... Bundesinnenministerin Nancy Faeser kündigte vor Kurzem an, dass ukrainischen Geflüchteten schnell und unbürokratisch geholfen werden soll. Sie sollen kein Asylverfahren durchlaufen und sofort Schutz für bis zu drei Jahre erhalten. Auch der Zugang zu Krankenversicherung und Arbeitsmarkt soll so schnell wie möglich gewährt werden. Das ist gut, wichtig und notwendig.

Und dennoch fragt man sich, warum all dies nicht für die Menschen aus Syrien galt, die wie die Ukrainer:innen heute vor Putins Bomben und dessen Schergen Baschar al-Assad geflüchtet sind. Warum galt das nicht für all die Afghan:innen, die in den letzten Jahren aufgrund von Krieg und Zerstörung ihr Land verlassen haben? Die zuletzt im vergangenen August nach der Rückkehr der Taliban in Kabul nicht mal von jenen Deutschen, mit denen sie jahrelang zusammengearbeitet haben – Stichwort Ortskräfte – evakuiert wurden? 

... Keiner ukrainischen Person wünsche ich ein ähnliches Schicksal wie das der nach Deutschland geflohenen Afghan:innen, Iraker:innen, Kurd:innen oder Syrer:innen. Viele, die von Krieg und Leid betroffen sind, gönnen ihnen die angekündigte Abschaffung der deutschen Bürokratie. Ob sie wirklich eintritt, ist eine andere Frage. Der Rassismus jener Kulturkämpfer:innen, die in diesen Tagen die Geflüchteten aus der Ukraine für sich instrumentalisieren, ist lang bekannt – geradezu zynisch in einem Land, in dem Polenwitze, antislawischer Rassismus und die Ausbeutung osteuropäischer Arbeitskräfte zum Alltag gehören. 


Aus: "Guter Flüchtling, schlechter Flüchtling" (Ein Kommentar von Emran Feroz 4. März 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/zett/politik/2022-03/rassismus-ukraine-krieg-fluechtlinge-migration

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sonneleipzig #3

Man sollte das Thema mal ganz anders aufziehen und hier müssen wir uns alle an die eigene Nase fassen. Wenn es um Flüchtige geht, da wird ganz schnell über Rassismus gesprochen. Das ist aber nur der eine Teil.

Wo sind die Medien wenn es um den Krieg im Jemen geht? Wie oft wurde darüber berichtet im Vergleich zum Krieg in der Ukraine? Ein zwei Artikel hin und wieder im Vergleich zu einem Nachrichtenregen der jetzt die Hälfte der Medien einnimmt.
Wo sind die politischen Reaktionen und die strengen Sanktionen gehen den - beim Jemen - Aggressor Saudi Arabien? Wo sind die Sanktionen gegen Brasilien, weil sie dort die Indigenen und ein ganzes Ökosystem abschlachten?
DAS ist zutiefst widerwärtig. Putin ist der Böse (ist er ja auch, klar), aber dass man das so klar über die Verantwortlichen anderer Kriege sagt, das fehlt mir massiv.

Erst wenn die Menschen dann hier ankommen, dann interessiert es uns, rechts wie links. Vorher ist es den Meisten die hier den Rassismus gegenüber Flüchtenden anprangern schlichtweg egal.
Vor allem das Traurige ist ja: Flucht ist immer Mist, egal woher. Weil die meisten Menschen doch viel lieber in ihrer Heimat leben wollen, sicher, in Frieden und mit Perspektive.


Quote
Tywin Lannister #3.1

Umso näher etwas passiert, desto betroffener und besorgter ist man selbst. Das ist völlig normal.

Oder sind sie jeden Tag genau so besorgt auf Grund der täglichen Terroranschläge in der Welt, wie am Tag der Anschläge von Paris, Brüssel oder Berlin? Nein natürlich nicht


Quote
Thawn_ #3.2

Aus meiner Sicht ist der gesamte Artikel nichts als Whataboutism.


Quote
Lisa Marie Simpson #3.3

What about ist etwas sehr wichtiges und richtiges. Daran zu erinnern, dass z.B. Afghanen 20 Jahre Krieg hinter sich haben. Das Iraker Krieg hinter sich haben. Das die Niederschlagung des IS noch nicht lange her ist. Das Syrien noch immer im Kriegszustand und weit entfernt von Normalität ist. Das Libyen nicht stabil ist. Man in Eritrea zum Wehrdienst verpflichtet wird. Die Oromo für Unabhängigkeit kämpfen. Saudi-Arabien andere Länder unterdrückt. Es gäbe mehr zu erzählen und das Mittelmeer ist nicht so weit weg. Das Boko Haram immer wieder Frauen versklavt.
Die Hilfsbereitschaft gerade ist toll. Bei Ortskräften aus Afghanistan, als das Land an die Mörderbande fiel, vernahm man deutlich geringere Bereitschaft.


Quote
PabloNeruda #6

Überall auf dieser Welt gibt es Menschen, die nicht verstehen, dass jeder Mensch wertvoll ist. Jeder Mensch hat das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Das bedeutet: niemand darf von anderen verletzt werden. Das bedeutet aber auch, niemand darf andere verletzen. Alle Menschen sind in ihrer Würde gleich.


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kosmokrator #7

Die Antwort auf all die berechtigten Fragen des Autors kann man erhalten wenn man sich mit Peter Singers 'shallow pond' Gedanken-Experiment auseinandersetzt.

Sprich warum würden wir einen Menschen der ein ertrinkendes Kind nicht aus einem Tümpel zieht weil er seine neuen Schuhe nicht ruinieren will als moralisches Monster deklarieren, aber nicht ebenfalls jeden der sämtliche finanziellen Ressourcen die ihm/ihr zur Verfügung stehen einsetzt um andere Kinder in Not irgendwo auf der Welt zu helfen, sprich eigentlich jeden von uns der nicht jeden Cent oberhalb des Existenz-Minimums.


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EinTollerName #7.1

Weil Betroffenheit psychologisch nun einmal sehr viel mit Nähe zu tun hat. Familiäre Nähe, geographische Nähe, kulturelle Nähe, identitäre Nähe, Nähe des Erlebnishorizontes.

Solidarisierung ist auf individueller Ebene kein rationaler, sondern ein emotionaler Akt. Darüber kann man sich moralisch beliebig erheben, psychosozial ist der Mensch nun einmal so gepolt, zwischen "nahen" und "fernen" Mitmenschen zu unterscheiden und deren Belange mit einem unterschiedlichem Maß an Empathie zu begegnen.

Das gilt ja auch umgekehrt: Fernkampfwaffen sind bei Generälen beliebt, weil die Soldaten für ihren Einsatz viel weniger Skrupel überwinden müssen, als wenn sie die Menschen töten müssten, die ihnen Auge in Auge gegenüber stehen.


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Kawin #7.3

Diese diffusen Gefühle von "fernen" und "nahen" Menschen lassen sich relativ leicht überwinden, wenn man bereit ist, in jedem Menschen erstmal den Menschen zu sehen und ihm offen zu begegnen. Die Technik unserer Zeit macht das extrem leicht.

Wenn das nicht nur mir, sondern vielen, vielen Menschen schon gelungen ist, warum sollte das nicht allen gelingen?


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EinTollerName #7.4

... ich halte es für eine Illusion, dass Sie wirklich alle Menschen "gleich" sehen.


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Kawin #7.5

Ich glaube, Sie wollen mich absichtlich missverstehen.

Darum will ich konkret werden. Es muss nicht unbedingt so sein, dass eine ukrainische Flüchtlingsfamilie in mir mehr Empathie und Hilfsbereitschaft auslöst als eine afghanische oder eine syrische, nur weil mir die orientalischen Mentalitäten fremder sind.

Es reicht vollkommen aus, sich diese unbekannten Menschen gleichermaßen als Menschen vorzustellen, die unter den unglaublichen Härten der Flucht leiden.


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LydiaFinselberger #9

Vielen herzlichen Dank für diesen längst überfälligen Kommentar! Sie sprechen mir aus der Seele! Kein Wort mehr über die immer noch überfüllten Flüchtlingscamps in Griechenland und die Überforderung der griechischen Regierung. Kein Wort über die pushbacks an unseren Grenzen - Europa ist eben ein exklusiver Club. Nur die "richtigen" dürfen auf schnelle Hilfe hoffen. Hier wird die Verteidigung unserer "westlichen Werte" als Farce enttarnt.


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Black Mirror #12

Ja, auch ich habe in diesen Tagen ein etwas mulmiges Gefühl bei der überbordenden Hilfsbereitschaft der Deutschen - die auf der einen Seite großartig ist, aber tatsächlich auch sehr selektiv. In einigen Facebook-Gruppen, wo sich darüber ausgetauscht wurde, war in den letzten Tagen öfter von "richtigen" Flüchtlingen die Rede, viele sagten, sie engagierten sich jetzt zum ersten Mal und wollten gerne "eine Mutter mit einem Kind" bei sich aufnehmen. Auch das ist alles wichtige Hilfe, aber es bleibt ein seltsamer Nachgeschmack, weil die gleichen Leute eine starke Abwehr gegen die Aufnahme von (männlichen) Geflüchteten aus "anderen Kulturkreisen" in Deutschland generell zeigen.

Auf der anderen Seite: Die schiere geographische Nähe rückt tatsächlich auch für mich diesen Krieg und das Leid näher als in vielen anderen Krisenregionen, es liegt nur ein Staat zwischen uns und der Ukraine, da hat die stärkere Betroffenheit vielleicht auch erstmal gar nichts mit Hautfarben/Religionen etc. zu tun - das würde ich hierbei mitbedenken.


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CZ #12.1

Die Begeisterung über syrische Flüchtlinge war zu Kriegsbeginn auch sehr groß. Die wurden teilweise am Bahnhof willkommen geheißen. Gastarbeiter wurden damals auch sehr freundlich aufgekommen. Eine große Begeisterung löste auch die Wiedervereinigung aus.

Im Alltag jedoch lässt so etwas irgendwann nach und Stereotypen und Vorurteile nehmen überhand. Ich denke den Ukrainern wird das auch nicht anders ergehen.


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Juniperus #14

Danke, dass das mal einer sagt! Mein erster Gedanke, als es hieß "Die Geflüchteten aus der Ukraine dürfen Ihren Bestimmungsort frei wählen und die deutsche Bahn transportiert sie kostenlos" war: Warum konnten wir das für die Geflüchteten aus Syrien nicht auch tun? Wir lernen also: 1. und 2. Klasse gibt es nicht nur bei der Bahn sondern es gibt auch Geflüchtete erster und zweiter Klasse. Nicht falsch verstehen: Ich finde gut und richtig, was für die Menschen aus der Ukraine getan wird (und leider ist selbst das nicht annähernd ausreichend), aber wenn ich Syrer oder Afghane wäre (bin ich nicht, ich bin einer von den "guten" blonden blauäugigen), ich käme mir total verarscht vor. Und übrigens: Es ertrinken weiterhin jeden Tag Afrikaner im Mittelmeer. Aber das ist dann wohl die dritte Klasse Geflüchteter - juckt uns also nicht weiter. Hoffentlich fangen wir bald mal an zu begreifen, dass Not, Verzweiflung und Elend überall auf der Welt gleich sind. Das wir alle gleich sind. Es gibt keine "Brudervölker" im Osten oder "Europäische Nachbarn" und "Dritt-Welt-Länder", es gibt nur MENSCHEN. Furchtbar, das dieser Rassismus so tief in unserer Gesellschaft verankert ist.


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Paraibu #20

Flüchtlinge aus dem Nahen Osten sind nunmal oft (NICHT IMMER!) eben keine echten Flüchtlinge, sondern Wirtschaftsmigranten. ...


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cgoise #20.1

Und das Argument ('kein Kriegsflüchtling') wollen Sie allen Ernstes Leuten aus Afghanistan, Syrien, Eritrea, dem Kongo, etc. etc. hinhalten? Soll das ein Witz sein, oder ist das schon fast krankhafte Arroganz? Und zum Thema Wirtschaftsflüchtlinge: was glauben Sie denn, warum es so viele osteuropäische Länder als ganzes und deren Bürger als Individuen in die EU zieht. ...


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vomendeher #27

Was ein guter Bericht. Es mag wohl auch damit zusammenhängen, dass viele Menschen wenig Bezug zu den Konflikten in entfernteren Regionen haben.

Da ist natürlich die „Russische Bedrohung“ eine persönlichere.
Menschen agieren wohl meist erst betroffen, wenn sie persönlich konfrontiert sind.
Das der Rassismus bei und tief sitzt wissen wir nicht erst seit Aladin El-Mafaalani.

[ " ... Aladin El-Mafaalani (* 1978 in Datteln) ist ein deutscher Soziologe und Hochschullehrer. Von 2013 bis 2018 war er Professor für Politikwissenschaft und Politische Soziologie an der Fachhochschule Münster. Seit 2019 ist er Ordinarius für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Erziehung und Bildung in der Migrationsgesellschaft an der Universität Osnabrück. Seine Bücher zu Migration und Bildung erreichen auch eine breite Leserschaft außerhalb des wissenschaftlichen Publikums. ... Sein 2018 erschienenes Buch Das Integrationsparadox – Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt war mehrere Wochen in den Bestseller- und Bestenlisten. El-Mafaalani stellt darin dar, dass sich Offene Gesellschaften diversen Gegenbewegungen ausgesetzt sehen, die er sowohl in fremdenfeindlichen und nationalistischen als auch in religiös-fundamentalistischen Bewegungen verortet. Diese Schließungstendenzen versteht er als unerwartete Nebenfolgen von grundsätzlich positiv zu bewertenden Entwicklungen der sozialen Öffnung und einer zunehmend zusammenwachsenden und integrativen Gesellschaft. Die gesellschaftliche Teilhabe nehme heute auf verschiedenen Ebenen und für verschiedene Gruppen zu, wodurch Verteilungs-, Interessen- und Zugehörigkeitskonflikte wahrscheinlicher werden und es in der Folge zu Neuaushandlungen und einer Beschleunigung sozialen Wandels komme. Entsprechend fordert er, eine konstruktive Streitkultur als Leitkultur zu begreifen. 2020 erschien das Buch Mythos Bildung, in dem El-Mafaalani die Probleme und paradoxen Effekte des Bildungssystems und dessen Dynamik und Trägheit aus unterschiedlichen Perspektiven analysiert...." | https://de.wikipedia.org/wiki/Aladin_El-Mafaalani]


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« Last Edit: March 05, 2022, 11:43:37 AM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #1266 on: March 07, 2022, 12:01:03 PM »

Quote
[...] Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) hat an sechs Standorten des Onlineversandhändlers Amazon zu Streiks aufgerufen. Ab der Frühschicht an diesem Montag bis einschließlich Dienstag sollen die Arbeiter ihre Arbeit niederlegen, teilte die Gewerkschaft in der Nacht zu Montag mit. Die Arbeitsniederlegungen finden am heutigen Equal Pay Day statt, der auf die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen aufmerksam machen soll, und am morgigen internationalen Frauentag. Betroffen sind Rheinberg, Werne, Koblenz, Bad Hersfeld mit zwei Standorten und Leipzig.

Ziel sei es, für die Beschäftigten einen Anschluss an den Tarif des Einzel- und Versandhandels zu erringen. Die ver.di-Streikleiterin in Bad Hersfeld, Mechthild Middeke, sagte zu den Arbeitsverhältnissen in den sogenannten Fulfillment Centern: "Amazon präsentiert sich gerne als Unternehmen, in dem Diversität und Gleichberechtigung hochgehalten werden. Tatsächlich jedoch bestimmt der Computeralgorithmus, was und wie viel von den Beschäftigten geleistet werden muss – Rücksicht auf die Persönlichkeit, die Leistungsfähigkeit oder die Lebensbedingungen der Kolleginnen und Kollegen ist dabei nicht vorgesehen."

"Die Folge sind Arbeitshetze und Leistungsdruck. Das macht krank und trifft besonders solche Beschäftigte, die neben der Arbeit bei Amazon weiteren Belastungen ausgesetzt sind. Das sind besonders oft Frauen, zum Beispiel alleinerziehende Mütter", sagte Middeke.


Aus: "Ver.di bestreikt sechs deutsche Amazon-Versandhäuser" (7. März 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2022-03/amazon-verdi-streik-tariflohn


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« Reply #1267 on: March 07, 2022, 12:50:26 PM »

Quote
[...] Die Sanktionen holen die Oligarchen ein: Frankreich beschlagnahmt die Luxusjacht von Igor Setschin, dem Chef des russischen Ölkonzerns Rosneft. Deutschland kassiert die Megajacht von Alischer Usmanow in Hamburg ein – nur Großbritannien klappert hinterher. Ob wegen juristischer Schwierigkeiten oder politischem Filz, die bisherige Bilanz der britischen Regierung, harte Sanktionen gegen russische Oligarchen umzusetzen, ist mager. Die Verlautbarungen der Regierung klingen vollmundig. Außenministerin Liz Truss sagt, dass die Sanktionen ein klares Signal sendeten, dass "wir die Oligarchen und Personen mit Verbindungen zum Putin-Regime und dem entsetzlichen Krieg treffen werden … Unser Ziel ist es, die russische Wirtschaft zu schwächen und Putins Kriegsmaschine zu zerstören".

Premierminister Boris Johnson behauptete zu Beginn des Krieges in der Ukraine gar, dass die Regierung andere Länder bei der Frage der Sanktionen anführe. Genau das war der britischen Öffentlichkeit mit dem Brexit versprochen worden. "Die Leute, die Putin stützen, haben hier die Kündigung erhalten. Hier ist kein Platz mehr für ihre illegalen Gelder", sagte Johnson. Eine Unabhängigkeit von der EU, so hieß es, würde es Großbritannien erlauben, Sanktionen schneller und härter umzusetzen als dies als Mitglied der EU möglich war.

Jetzt stellt sich heraus, dass das genau nicht der Fall ist. Im Gegenteil: Diese Woche wird die britische Regierung das lang geplante Gesetz gegen Wirtschaftskriminalität, die Economic Crime Bill, mit Hochdruck durch das Parlament drücken. In letzter Minute hat die Regierung noch einen Passus eingebracht, der es den Strafverfolgungsbehörden erlaubt, Sanktionen gegen Personen umzusetzen, wenn diese zumindest von anderen Jurisdiktionen, zum Beispiel von der EU, auf die Sanktionsliste gesetzt wurden. Der Grund: Bei der Umsetzung von EU-Recht in britisches Recht war das 2018 erlassene Gesetz zu Sanktionen und Geldwäsche (Sanctions and Anti-Money Laundering Act) so formuliert worden, dass es die Umsetzung von Sanktionen nicht erleichterte, sondern erschwerte. Bewirkt hatte das der Staranwalt Lord Pannick QC, zugleich Mitglied des britischen Oberhauses. Er sorgte dafür, dass Passagen im Gesetz aufgenommen wurden, die Betroffenen erleichterten, sich mit Blick auf die Menschenrechte gegen Sanktionen zu wehren. Pannick vertritt solche Klienten.

Betroffenen muss nachgewiesen werden, warum sie unter Sanktionen fallen, und es muss geprüft werden, ob der erhebliche Effekt der Sanktionen auf die Person verhältnismäßig ist. Es ist in London ein offenes Geheimnis, dass mehrere Personen, die Sanktionen fürchteten, der Regierung in den vergangenen Wochen schriftlich mit rechtlichen Schritten gedroht hatten. Und die Oligarchen sind klagefreudig, wenn es darum geht, ihr Vermögen und ihre Reputation zu sichern und Verleumdungsklagen zu lancieren.

Der konservative Abgeordnete Bob Seely nutzte vergangene Woche seine Immunität als Abgeordneter, um im Parlament zahlreiche Anwaltskanzleien zu nennen, die im Auftrag von russischen Oligarchen Verleumdungsklagen durchgeführt hatten. Dazu gehört nach seinen Aussagen der Anwalt John Kelly, der im Auftrag des Oligarchen Roman Abramovitsch gegen das Buch Putins Netz von der Autorin Catherine Belton vorgegangen war. Die Oligarchen Michail Fridman und Pjotr Awen hätten mit der Kanzlei CMS ebenfalls gegen Aussagen in dem Buch geklagt. Am Mittwoch hatte das Gericht eine Klage eines Minenkonzerns aus Kasachstan gegen den Journalisten und Autor Tom Burgis und sein Buch Kleptopia: Wie schmutziges Geld die Welt erobert gerade noch abschmettern können.

Es ist auch ein Grund, warum die britische Regierung es bisher versäumt hat, das Instrument der sogenannten unexplained wealth order zu nutzen, um Vermögen ganz offensichtlich illegalen Ursprungs zu beschlagnahmen. Dies geschah bisher nur in vier Fällen in einem Gesamtwert von 143 Millionen Pfund.

Die rechtlichen Hürden und die Angst, sich mit hohen Kosten in Klagen zu verstricken, haben die britischen Behörden daher jahrelang vor einer harten Umsetzung von Sanktionen zurückschrecken lassen. Die Financial Times zitierte den Anwalt Philip Moser: "Es ist wesentlich einfacher, in Großbritannien ein Verfahren vor dem High Court gegen Sanktionen zu gewinnen als vor dem Europäischen Gerichtshof in Luxemburg".

Nach Recherchen der Tageszeitung The Times hatten die Strafverfolgungsbehörden bereits im Jahr 2018 versucht zu testen, ob und wie sie den immer wieder mit Putin in Verbindung gebrachten Oligarchen Roman Abramowitsch belangen könnten, hatten aber aufgegeben. Er steht heute noch nicht auf der Liste der Sanktionen. Mittlerweile versucht er, sein Vermögen in Sicherheit zu bringen, bietet den FC Chelsea und seine Luxusimmobilien in London zum Verkauf an. Derweil ist seine 163-Meter lange Luxusjacht Eclipse, die gar mit einem Raketenabwehrsystem und eigenem U-Boot ausgestattet ist, nach Angaben der Schiffsdatenbank VesselFinder weiter in der Karibik unterwegs. Sie fährt unter der Flagge von Bermuda.

Grund für das Zögern der Briten dürften freilich nicht nur juristische Schwierigkeiten sein, sondern auch politische Interessenkonflikte. In London gibt es ein Unternehmen mit dem Namen Quintessentially, das zahlenden Kunden Zugang zu einem globalen, exklusiven Dienstleister gibt, der für Geld das Unmögliche möglich macht. Das Unternehmen ist die Nanny der Reichen, besorgt alles, von versteckten Luxusvillen bis zu den renommierten Privatschulen für die Kinder. Auch Abramowitsch ist Mitglied, berichten die britischen Medien. Mitgründer des Unternehmens ist Ben Elliot, der sich rühmt, für die reichen Russen dieser Welt zu agieren. Er ist seit Juli 2019 gleichzeitig Mitvorsitzender der britischen Konservativen Partei, berufen von Premierminister Boris Johnson. Er gilt als der Spendenauftreiber für die Partei, vorzugsweise unter reichen Russen und Oligarchen, wie das Spendenaufkommen der Partei und Abgeordneten aus russischen Quellen zeigt. Oppositionsführer Keir Starmer forderte die Absetzung von Elliot. Die von den Tories einst gegründete parteiinterne Gruppe Conservative Friends of Russia, später Westminster Russian Forum genannt, wird bereits aufgelöst.

Diese Woche geht die Regierung mit dem Gesetz gegen Wirtschaftskriminalität nun Schritte, die ein Vorgehen gegen die Oligarchen und den verschleierten Reichtum erleichtern sollen: Endlich soll es ein Handelsregister geben, in dem die Begünstigten und angeblich wahren Hintermänner der verschachtelten Offshore-Gesellschaften stehen, über die Russen nach Angaben von Transparency International Immobilien von einer Milliarde Pfund in Großbritannien halten. Auch wenn es wieder Schlupflöcher gibt, soll die tägliche Strafe, die Angaben zu verschleiern, auf 2.500 Pfund hochgesetzt werden. Das Gesetz soll nicht erst in 18, sondern jetzt in sechs Monaten wirksam werden. Gleichzeitig soll es juristisch schwieriger werden, gegen die Beschlagnahmung von Vermögen vorzugehen.

Die Goldenen Visa, mit denen sich 700 Russen gegen die Zahlung von Millionen Aufenthaltsberechtigungen kaufen konnten, wurden vor zwei Wochen eingestellt.

Nach all den Ankündigungen von Sanktionen ist das freilich reichlich spät. Großbritannien hat in diesem Krieg in der Ukraine bisher nur 15 Oligarchen auf seine Liste der Sanktionen gesetzt, die EU hingegen 25 Oligarchen und Kremlgeschäftsleute. Erst am Freitag hatte Großbritannien der EU mit den Sanktionen gegen die Oligarchen Alischer Usmanow und Igor Schuwalow nachgezogen. Namhafte Vermögen wurden noch nicht beschlagnahmt. Das lässt den Oligarchen genug Zeit, ihr Geld zu retten. Nicht nur Abramowitsch versucht seinen Immobilien zu verkaufen. Immobilienmakler berichten von plötzlich erheblichem Angebot in den Luxusstraßen von Londongrad, wie Großbritanniens Hauptstadt oft spöttisch genannt wird.

Die Strafverfolgungsbehörde, die National Crime Agency, erwirkte am Freitag vor dem Westminster Magistrates Court einen Erlass, fünf Konten des Anwalts Graham Bonham-Carter (nur entfernt verwandt mit der Schauspielerin) einzufrieren. Sein Name fand sich im Zusammenhang mit fünf Luxusimmobilien, die über Offshore-Gesellschaften gehalten wurden, darunter zwei Villen in London im Wert von insgesamt 50 Millionen Pfund. Ein weiteres Haus im Wert von 28 Millionen Pfund in Surrey steht bereits auf dem Markt zum Verkauf. Nach Angaben der britischen Behörde schien Bonham-Carter die Immobilien als Frontmann für den russischen Oligarchen Oleg Deripaska zu halten, um Sanktionen zu umgehen. Deripaska lief 2018 zeitweilig Gefahr, auf der amerikanischen Liste der Sanktionen zu landen, vor allem wegen Untersuchungen zur Geldwäsche, Androhung von Körperverletzung, Erpressung und Bestechung. In Großbritannien ist er nicht auf der Liste der Sanktionen. Schließlich ging sein Unternehmen En+ erst im Jahr 2017 an die Börse. Der konservative Staatssekretär Lord Barker fungiert seit 2017 bei En+ als Chairman. Die National Crime Agency darf jetzt die Konten beschlagnahmen und hat sechs Monate Zeit, einen wasserdichten juristischen Fall zu präsentieren. Auf den Konten freilich sind nur noch 100.000 Pfund.


Aus: "In London lebten Oligarchen lange gut" Bettina Schulz, London (7. März 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2022-03/grossbritannien-russland-oligarchen-sanktionen-krieg-ukraine

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Arthur Philipp Dent #5

Es liest sich, als wäre Großbritannien mit dem Ziel off shore Finanzplatz durch EU Austritt jetzt überrascht worden und muss zumindest nach außen politisch korrekt agieren. Der im Artikel geschilderte Filz zur Geldwäsche ermöglicht es jetzt, den Betroffenen in Ruhe das Land mit Geld und allem zu verlassen. Was man so hört gibt es absetzbewegungen nach Dubai. Und das scheinen auch einige direkt aus Russland zu tun, die fürchten, dass bei einer Absetzung Putins Probleme offenbar werden könnten.


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EinFriese #7

Man beisst eben nur sehr ungern in die Hand, die gibt.
Das UK kennt keine staatliche Parteienfinanzierung, die Parteien müssen sich also über Mitgliedsbeiträge und Spenden finanzieren.
Die größte Parteinspenderin in der britischen Geschichte ist z. B. Lubow Tschernuchin, die Frau eines russischen Ex-Vizefinanzministers.
https://www.lbc.co.uk/radio/presenters/tom-swarbrick/minister-defends-russia-linked-donations-to-tory-party-by-chernukhin/

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leki #14

Hervorragender und überfälliger Artikel. Mein Glückwunsch!

London, Brüssel und Washington - wir haben schon seit langem erhebliche Probleme. Aber solange vom Investment-Banking eigentlich alle Großstädte so hervorragend „profitieren“ und mitverdient haben läuft ja alles wie geschmiert. Da fürchte ich wird sich wenig ändern.

Bei der Bildauswahl [ein Mann wäscht einen Porsche] wünsche ich mir doch bitte mehr Sorgfalt. Oligarchen fahren erstens keine so billigen Serienmodelle und zweitens lassen sie waschen.


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r.schewietzek #14.1

Und genau das passiert auf dem Bild. Man lässt waschen. Man ruft den entsprechenden Dienstleister an, stellt das Auto auf einem vereinbarten Platz ab, und der kommt und wäscht und zwar fachmännisch.


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« Reply #1268 on: March 12, 2022, 11:17:41 AM »

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[...] BERLIN taz | Lieferung in nur zehn Minuten verspricht der Lebensmittel-Kurierdienst Gorillas. Das Berliner Unternehmen, das mittlerweile in neun Ländern operiert, ist nicht nur schnell im Liefern, sondern auch darin, seine Mit­ar­bei­te­r*in­nen vor die Tür zu setzen: Am 2. März seien sie darüber informiert worden, dass alle 87 Angestellten des Warenhauses unweit des Alexanderplatzes bis Ende des Monats entlassen würden, erzählt eine junge Fahrerin am Donnerstag bei einer Protestaktion vor dem Lager.

Alles andere als schnell sei hingegen die Kommunikation über die Kündigungen gelaufen: „Obwohl das Management schon seit Oktober weiß, dass der Standort geschlossen wird, wurden wir erst letzte Woche informiert“, kritisiert die Kurierin.

Schon lange steht Gorillas wegen seiner schlechten Arbeitsbedingungen in der Kritik: angefangen bei seinem Lieferversprechen von zehn Minuten. Das setzt die Rider extrem unter Druck – was unter den Bedingungen des Berliner Straßenverkehrs mitunter sehr gefährlich sein kann. Auch die Forderungen der Rider nach funktionstüchtiger Winterkleidung und intakten Fahrrädern blieben lange unerhört. Für Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz liegen die Strafen derzeit im unteren fünfstelligen Bereich – für ein milliardenschweres Unternehmen wie Gorillas kein Problem.

Mittlerweile haben es die Angestellten immerhin geschafft, einen Betriebsrat zu wählen – gegen den Willen des Gorillas-Managements. Das hatte lange versucht, die Organisierung seiner Angestellten zu verhindern – bis ihnen das Berliner Arbeitsgericht im November vergangenen Jahres einen Riegel vorschob.

Sehr viel Mitsprache hat der neu gegründete Betriebsrat jedoch nicht, sagt deren Anwalt Martin Bechert. Firmen wie Gorillas, Amazon oder Tesla würden Ar­bei­te­r*in­nen­rech­te „mit den Füßen treten“, kritisiert er. Bechert ist überzeugt, dass die Schließung des Standortes eine Strategie des Unternehmens ist, „um unliebsame Mitarbeiter auszusieben“.

Unter den 87 gekündigten Ar­beit­neh­me­r:in­nen befinden sich nämlich 3 der insgesamt 19 Betriebsratsmitglieder. „Das ist exemplarisches Union Busting, was hier bei Gorillas passiert“, sagt Bechert. In seinen Augen gehört eine derartige Unterdrückung der Organisierung von Ar­bei­te­r*in­nen bestraft.

Bisher gibt es dafür jedoch keine Konsequenzen. Also macht Gorillas einfach weiter. Im November hat das Unternehmen seine 18 Warenlager in formal unabhängige Franchises umgewandelt. Welche Vorteile das bringt, außer eine Organisierung der Belegschaft zu erschweren, zeigt sich im aktuellen Konflikt: Man könne die 87 gekündigten Mit­ar­bei­te­r*in­nen nicht einfach auf andere Standorte in Berlin verteilen, auch wenn es dort freie Stellen gibt, sagt der Deutschland-Chef von Gorillas, Alexander Brunst, zur taz.

Da diese eigenständig seien, würden die Warehouse-Manager über Neueinstellungen entscheiden. Man sei jedoch mit ihnen und dem Betriebsrat im Gespräch, um Lösungen für alle Mit­ar­bei­te­r*in­nen zu finden.


Aus: "Lieferdienst gegen Be­triebs­rä­t:in­nen: Schneller gekündigt als gefahren" Marie Frank (12.3.2022)
Quelle: https://taz.de/Lieferdienst-gegen-Betriebsraetinnen/!5838171/

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« Reply #1269 on: March 12, 2022, 11:26:22 AM »

... So gesehen liegen die Bonuszahlungen über dem tatsächlichen Gewinn. ...

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[...] Obwohl seine Bezüge im vergangenen Jahr wegen des ersten Milliarden-Gewinns seit Jahren um rund 19 Prozent auf 8,812 Millionen Euro gestiegen sind, war Deutsche Bank-Chef Christian Sewing nicht der Bestverdiener im größten deutschen Geldhaus. Vier Beschäftigte erhielten mehr, an der Spitze liegt eine Bankerin oder ein Banker mit einem Salär zwischen zehn und elf Millionen Euro. Insgesamt erhalten 520 der knapp 83 000 Beschäftigten – rund 1700 weniger als im Jahr zu vor – einschließlich des Vorstandes jeweils mehr als eine Million Euro.

Diesem wurden insgesamt knapp 66,5 Millionen Euro zugestanden nach gut 47,3 Millionen Euro ein Jahr zuvor. Der Vorstand hat zehn Mitglieder, die Summe verteilt sich aber auf elf Köpfe, weil es im Jahresverlauf einen personellen Wechsel gegeben hatte. 2020 hatte der Vorstand wegen der Corona-Pandemie auf ein Zwölftel seiner Bezüge und damit auf insgesamt auf 4,6 Millionen Euro verzichtet.

Generell gingen die Grundgehälter in der Bank im vergangenen Jahr von 7,5 auf 7,4 Milliarden Euro zurück. Dafür erhöhten sich die Boni wegen des Netto-Gewinns von 2,5 Milliarden Euro – des höchsten seit zehn Jahren – um 14 Prozent auf 2,1 Milliarden Euro. Nach Abzug von Zinszahlungen für Anleihen lag der Gewinn bei 1,9 Milliarden Euro. Die Bank führt diese Zahl zwar an, nennt sie aber nicht ausdrücklich. So gesehen liegen die Bonuszahlungen über dem tatsächlichen Gewinn. Die Aktionäre sollen zwar für 2021 wieder eine Dividende erhalten. Allerdings wird die Summe mit 700 Millionen Euro deutlich unter den Bonuszahlungen liegen.

Von den Vorstandsgehältern wurde im vergangenen Jahr freilich nur gut ein Drittel tatsächlich ausgezahlt oder stand den Managerinnen und Managern zu. Bei Sewing waren es nach Angaben der Bank knapp 3,6 Millionen Euro. Der Rest fließt ihm erst im Laufe der nächsten Jahre und abhängig von den Ergebnissen der Bank zu. Rund 20 Prozent der Bonuszahlungen für den Vorstand sind an die Erreichung von Nachhaltigkeitszielen geknüpft. Neben den Bezügen erhalten die Vorstände auch Beiträge für ihre Altersvorsorge. Bei Sewing waren es laut Geschäftsbericht im vergangenen Jahr 773 500 Euro, bei den anderen Vorstandsmitgliedern war es zum Teil noch mehr. Insgesamt belief sich Sewings angesammeltes Vorsorgekapital Ende 2021 auf 6,5 Millionen Euro.

Am Donnerstag hatte der Vorstandschef die Ziele der Bank bis 2025 vorgestellt. Danach soll ungeachtet der hohen Unsicherheit durch den Krieg gegen die Ukraine die Netto-Rendite auf das Eigenkapital auf zehn Prozent steigen. Im vergangenen Jahr hatte sie bei 3,8 Prozent gelegen. Die Einnahmen sollen jährlich um 3,5 bis 4,5 Prozent steigen.

„Unsere Bank ist in einer guten Ausgangsposition, um ihre Kunden durch geopolitische und makroökonomische Veränderungen zu führen, einschließlich der aktuellen Unsicherheiten“, sagt Sewing. Das Kredit-Engagement in Russland liege bei brutto 1,4 Milliarden Euro und netto bei 600 Millionen Euro. Das entspricht, so die Bank, nur 0,3 Prozent des gesamten Kreditbuches. Im Blick auf die Ukraine seien es brutto 600 Millionen und netto 42 Millionen Euro. Die Risiken seien damit sehr begrenzt und würden weiter abgesichert.


Aus: "Deutsche Bank stockt auf" Rolf Obertreis (11.03.2022)
Quelle: https://www.fr.de/wirtschaft/deutsche-bank-stockt-boni-auf-91404676.html
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« Reply #1270 on: March 16, 2022, 05:27:51 PM »

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[...] Bei den Wiener Stadtwerken und der Wien Holding, zwei Konzernen im Eigentum der Stadt Wien, verdienen gleich 13 Mitglieder der jeweiligen Geschäftsführungen mit ihren Jahresbruttogehältern samt Prämien mehr als der Wiener Bürgermeister – und das "zum Teil beträchtlich". Das geht aus einem aktuellen Bericht des Wiener Stadtrechnungshofs hervor, der am Mittwoch veröffentlicht wurde.

Die hohen Jahresgehälter inklusive aller Zusatzleistungen hatten laut den Prüfern auch mit einer sehr großzügigen Prämienregelung bei den Führungskräften zu tun. So gab es in den Jahren 2018 und 2019 "hohe Zielerreichungsgrade", aber auch im ersten Corona-Jahr 2020 wurden die Ziele großteils zu einem hohen Ausmaß erreicht. Die Prüfer führten das mit einer kritischen Anmerkung darauf zurück, dass sich die Ziele auch "auf den gewöhnlichen Tätigkeitsbereich und Tätigkeitsumfang der leitenden Mitarbeitenden erstreckten".

Mit anderen Worten: Es wurden teils Prämien ausgezahlt, wenn das Normalmaß erreicht wurde. Der Stadt-RH gewann den Eindruck, dass die Prämien aufgrund der niedrigen Zielerreichungshürde "den Charakter eines gewöhnlichen Gehaltsbestandteils erhalten könnten". Die Prüfer empfahlen den Stadtwerken und der Wien Holding, ambitioniertere Ziele festzulegen, die über die normalen Arbeitsanforderungen hinausgehen.

Außerdem wurde den Firmen nahegelegt, bei künftigen Verträgen die Gehaltspyramide so zu gestalten, dass nur die Spitzen der beiden Konzerne samt aller variablen Gehaltsbestandteile gleich viel oder mehr als der Bürgermeister verdienen. Stadtchef Michael Ludwig (SPÖ) erhält 18.183 Euro brutto im Monat.

"Einmal mehr werden Unternehmen im Eigentum der Stadt und Nahebereich der SPÖ Wien als reine Selbstbedienungsläden sichtbar", sagten ÖVP-Klubobmann Markus Wölbitsch und der türkise Finanzsprecher Manfred Juraczka. FPÖ-Chef Dominik Nepp kritisierte ein "intransparentes Vorgehen mit Geldern der Öffentlichkeit". Der grüne Klubchef David Ellensohn zeigte sich über die Stellungnahme der Stadtwerke verärgert: Diese meinten, dass das Entgeltschema jährlich anhand von marktgerechten Gehaltsbenchmarks evaluiert werde. (David Krutzler, 16.3.2022)


Aus: "Heftige Kritik an hohen Gehältern bei Firmen im Eigentum der Stadt Wien" David Krutzler (16. März 2022)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000134158733/heftige-kritik-an-hohen-gehaeltern-bei-firmen-im-eigentum-der


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« Reply #1271 on: March 21, 2022, 11:45:24 AM »

Quote
[...] Welcher Berufstätige hat nicht schon einmal davon geträumt, mit einem "Ich kündige!" seinen Job einfach hinzuschmeißen? Immer mehr Amerikaner träumen nicht nur davon, sondern verlassen tatsächlich den regulären Arbeitsmarkt. Seit dem Frühjahr 2021 haben mehr als 33 Millionen freiwillig ihre Kündigung eingereicht, ein Phänomen, das hier als "Great Resignation" bekannt wurde. Viele suchen sich einen neuen, besseren Job. Denn die Wirtschaft in den USA ist trotz der hochansteckenden Virusvarianten Delta und Omikron seit dem vergangenen Herbst auf Erholungskurs und Arbeitgeber suchen dringend nach Bewerbern. Die Arbeitslosenquote lag im vergangenen Monat bei 3,8 Prozent – im Februar 2020, bevor die Pandemie die USA in eine Rezession schickte, hatte sie bei 3,5 Prozent gelegen.

Kaum ein Restaurant, Laden oder Fabriktor, an dem nicht ein "Help-Wanted"-Schild hängt. Auch in Schulen, Kindertagesstätten, bei Speditionen und in Lagerhallen – quer durch alle Branchen fehlt Personal wie nie zuvor. Die Zahl der offenen Stellen im Januar belief sich laut dem Bureau of Labor Statistics auf 11,3 Millionen, so viele wie noch nie. Das liegt nicht zuletzt daran, dass ein Teil der Aussteiger offenbar keine Lust mehr auf eine reguläre feste Stelle hat. Ein Blick auf die Entwicklung der Erwerbsquote zeigt das, sie misst den Anteil der Erwerbstätigen und derjenigen, die eine Erwerbstätigkeit suchen, an der Bevölkerung im Alter über 16 Jahre. Sie ist um 1,1 Prozent geschrumpft. Demnach sind trotz des heiß gelaufenen Arbeitsmarkts immer noch 1,8 Millionen US-Bürger weniger in einem Angestelltenverhältnis als noch vor der Pandemie.

Ein großer Teil des Rückgangs der Erwerbsquote ist auf die über 65-Jährigen zurückzuführen. In den USA wollen oder müssen viele Ältere weiter arbeiten, doch angesichts von Covid-19, das vor allem für diese Altersgruppe gefährlich ist, bleiben viele offenbar lieber zu Hause.

Schwerer zu erklären ist der ebenfalls statistisch messbare Rückzug der Arbeitnehmer zwischen 45 und 54 Jahren und der jungen Generation zwischen 25 und 34 Jahren. Die "Great Resignation" verblüfft Ökonomen, Personalabteilungen und Medien. Bis vor Kurzem gehörte die Frage nach dem Job zu den wenigen Themen, die beim Smalltalk noch unproblematisch waren. "Hard working" zu sein, war ein großes Lob und etwas, dass Amerikaner anspornte. Doch jetzt erfreuen sich Internetforen wie der Subreddit "Antiwork" wachsender Beliebtheit. Das Motto des Forums lautet: "Arbeitslosigkeit für alle, nicht nur für die Reichen". Im Oktober waren dort 180.000 Nutzer gemeldet, heute sind es über 1,8 Millionen.

In ihren Beiträgen berichten Teilnehmer oft von ausbeuterischen und ungerechten Vorgesetzten. Etwa der Reddit-Forist, der sich ChknShtOutfit nennt, der für wochenlange Überstunden und Mehreinsatz als Belohnung eine Pizza spendiert bekam. Oder die Kellnerin, die schildert, wie der Restaurantmanager den einzigen Mann im Team befördert, der erst wenige Wochen dabei ist, statt eine der zwölf langjährigen weiblichen Angestellten. Zwar spielt die Bezahlung nach wie vor die größte Rolle bei Kündigungen. Doch die Gefühle, keine Chance auf Weiterentwicklung zu haben und schlecht behandelt zu werden, sind fast ebenso so wichtig, wie eine Umfrage des Pew Research Center ergab. Sogenannte "Idler" erklären in dem Forum, wie sie zwar immer noch angestellt sind, jedoch ihren Job im Leerlauf absolvieren und tatsächlich nur das Mindeste leisten, um nicht gefeuert zu werden.

Andere Foristen setzen statt eines festen Gehalts auf gig work – kurze Projekte oder Tätigkeiten als Selbständige und Subunternehmer. Es ist sicher kein Zufall, dass die Zahl der Selbständigen im Land 10 Millionen erreicht hat – rund 400.000 mehr als noch vor Covid-19. Die "Post Paycheck Economy", nannte das Wall Street Journal den massenhaften Abschied vom Gehaltsscheck kürzlich.

Doreen Ford, eine Pionierin der "Antiwork"-Bewegung, arbeitete jahrelang im Einzelhandel, bis die heute 30-Jährige sich entschied, stattdessen ihre Liebe zu Hunden auszuleben und ihren Lebensunterhalt als dog walkerin zu verdienen. Ford war eine der prominentesten Moderatorinnen des Subreddit "Antiwork" – bis sie im Januar dieses Jahres Fox News ein Interview gab, das der reaktionäre Sender unter der Schlagzeile "Der Krieg gegen Arbeit" laufen ließ.

Selbst Zuschauer, die Fords Einstellungen teilen, beschrieben das Livegespräch als einen "car crash", einen medialen Unfall. Ford, die sich selbst als autistisch bezeichnet, erschien schlecht ausgeleuchtet und nicht zurechtgemacht vor ihrer Computerkamera in ihrem unaufgeräumten Zimmer. Ihr Gegner – als Interviewpartner kann man den Fox-Moderator Jesse Watters wohl kaum bezeichnen – brauchte drei Minuten und 23 Sekunden, um sie auf die Karikatur einer faulen, einfältigen Vertreterin der Millennial-Generation zu reduzieren. Ihre Reddit-Gemeinde fühlte sich von ihr verraten und sie verlor ihre Rolle als Moderatorin. Das Forum wurde sogar kurze Zeit für die Öffentlichkeit gesperrt und war nur noch Mitgliedern zugänglich.

Doch Populisten wie Watters übersehen in ihrer Schadenfreude, dass
hinter Ford und anderen "Antiwork"-Teilnehmern ernstzunehmende Fragen an das herrschende Wirtschaftssystem stehen. So populär ist die "Antiwork"-Bewegung inzwischen, dass die Investmentbank Goldman Sachs in einer Analyse davor warnte, der Arbeitsmarkt könnte langfristige Folgen davon tragen. Zumal die Sinnkrise schon lange vor dem Ausbruch von Covid-19 begonnen hat. In seinem Buch Bullshit Jobs kritisierte der Anthropologe David Graeber 2018, bei einem Großteil der heutigen beruflichen Tätigkeiten handle es sich um sinnentleerte Beschäftigungen, die psychologisch schädlich seien. Graeber, der 2020 starb, war einer der Mitinitiatoren der "Occupy-Wall-Street"-Aktionen, die oberflächlich ohne langfristige gesellschaftliche Wirkung blieben. Vielleicht geht der Wunsch vieler Unternehmer, konservativer Politiker und Ökonomen in Erfüllung, dass mit der Pandemie auch die Revolte der amerikanischen Beschäftigten wieder einschläft. Aber es besteht die Chance, dass vor allem die Jüngeren sich nicht mit ein paar Dollar abspeisen lassen. Dass sie einen ganz anderen American Dream von Selbstbestimmung träumen.   



Aus: "Sie kündigen in Massen" Eine Kolumne von Heike Buchter, New York (21. März 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2022-03/anti-work-kuendigungen-usa-arbeitsmarkt-doreen-ford

Quote
Ülkü #4

"bei einem Großteil der heutigen beruflichen Tätigkeiten handle es sich um sinnentleerte Beschäftigungen"

Gerade die Pandemie hat gezeigt, worauf man alles verzichten kann. ...


Quote
Kabeljau #23

Sinnentleerten Tätigkeiten und A*löchern als Vorgesetzte wollen immer mehr entfliehen.

Beides gab es früher auch schon, aber eine Gesellschaft der die Ziele anhanden gekommen sind fällt es schwer eine Begründung zu liefern, warum man das aushalten sollte.


Quote
herold69 #4.12

"Ein System, das auf einem unrealistischen Wachstumsmantra basiert und nur dann funktioniert, wenn andauernd neuer Schrott unter mehr oder weniger prekären Bedingungen produziert und konsumiert wird, ist langfristig eine Sackgasse."

Deshalb versucht man ja besonders in den USA dauernd mit disruptiven, skalierbaren Ideen noch ein bisschen was rauszukitzeln.
Aber irgendwann sind allen Dingen Grenzen gesetzt. Das wird nur immer wieder gerne verdrängt.



Quote
Darth Nihilus #5

Bei uns sind 15% der US Stellen unbesetzt. Das wird wirklich zum Problem. Wenn jemand neu kommt, ist er nach zwei Wochen wieder weg, weil die Konkurrenz 30% mehr Lohn bietet oder ein sattes Startgeld oder Fahrzeug, etc.
Unsere Nicht-US-Angestellten müssen Reallohnverluste hinnehmen und den US Kollegen zahlen wir 5% mehr. Leider ist der durchschnittliche Lohnanstieg in der Branche 9%. Da können mir nicht mithalten.

Und da unsere Konkurrenten bis zu 10x grösser sind (Boeing, GM, etc.) können wir auch kaum mit den immensen Investitionen in die Arbeitsplätze und Kultur mithalten. Beste Bürolagen, Armeen von Coaches und Freizeitaktivitäten.

Hier bildet sich gerade eine Mehrklassengesellschaft in der Wirtschaft heraus.


Quote
Kaffebohne #5.1


Bei Hochqualifzierten ist das in der Tat so. Die sind rar und können sich aussuchen wohin sie gehen. Um die ging es im Artikel eher weniger. Der bezieht sich auf Geringverdienerjobs.


Quote
Salix babylonica #12

Ich habe als Selbständiger vor der Pandemie das dreifache verdient, aber auch dreimal soviel ausgegeben. Die 6-Tage-Woche war eigentlich der Standard, jetzt bin ich von Freitag bis Sonntag auf dem Land zum gärtnern. Ich fühle mich zehn Jahre jünger und viele gesundheitliche Probleme haben sich in Luft aufgelöst. Warum soll ich mich wieder ins Hamsterrad begeben, für das Finanzamt?


Quote
________ #20

- "Arbeitslosigkeit für alle, nicht nur für die Reichen". (Zitat)

Das ist soziale Gerechtigkeit.


Quote
dasisnichlinksdasislogisch #25

Antiwork und great resignation als begriffe zeigen schon, welches narrativ hier aufgebaut wird bzw der kapitalismus schon seit jahrhunderten in den usa pflegt ... die leute gehen einfach dahin wo es bessere arbeitsbedingungen gibt und ansatzweise faires gehalt gibt ...


Quote
dasisnichlinksdasislogisch #25.1

aber einen sehr guten einblick vor allem in die arbeitswelt in den Usa gibt es hier:
https://www.reddit.com/r/antiwork/


Quote
ResponsibleGambling #32

Man nehme einen neuen fetzigen Name und tue das gleiche wie vor 50 Jahren.
Siehe Kommunenbewegung der Hippies in den 70ern.


Quote
Bananenkönig #35

Ich denke nicht, dass es hier im den American dream geht. Die Leute kündigen nicht weil sie reich werden wollen oder endlich das Haus haben wollen was ihnen immer versprochen wurde. Diese Resigmation ist nicht von Gier nach mehr oder Neid auf die Reichen getrieben sondern was die Menschen vor allem wollen, ist wenigstens nicht ärmer werden. Ob und wie ein Aufstieg möglich ist hat mit der Lebensrealität der meisten Leute nichts zu tun, denn die sind erstmal voll damit beschäftigt nicht ab zu steigen. Mit der Frustration niemals reich zu werden kan man leben. Die Frustration trotz Arbeitsverdichtung, zusätzlicher Jobs usw. trotzdem immer weniger Geld, geschweigedenn Vermögen, zur Verfügung zu haben ist hingegen auf Dauer nicht hinnehmbar.


Quote
Albert Einhorn #36


»Die "Great Resignation" verblüfft Ökonomen, Personalabteilungen und Medien.«

Mich verblüfft daran lediglich, dass es so lange gedauert hat.
Auch die Reaktion der tankrabattierten Sektenangehörigen des Heiligen Wachstums™ vermag mich nicht zu verblüffen.

Exakt das meinten die US-Republikaner, als sie sagten, Menschen fürs 'Nichtstun' besser zu bezahlen, sei gefährlich und kommunistisch.

»Menschen gewöhnen sich daran, nicht zu arbeiten.« - Friedrich Merz
Die ganze Panik der Nutznießer von Millionen Bullshitjobs in einem Satz.
Autos zu Hunderttausenden auf Halde zu bauen ist zum Beipiel auch einer. Aber das merken die Betreffenden auch bald.


Quote
Chapoloco #37

Reddit-Foren unterliegen oftmals einer Art Evolution. So auch das subreddit "Antiwork".
Ursprünglich war es wirklich dazu gedacht, Tipps zu geben, wie man mit möglichst wenig Arbeit ein gutes Leben führen kann.
Der heutige Tenor der User ist jedoch: Wir wollen Arbeiten, aber bitte nicht zu menschenverachtenden Bedingungen.
Die besagte Doreen ist eine Anhängerin der Ursprungsphilosophie, welche mit der aktuellen Bewegung nichts mehr zu tun hat.


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« Reply #1272 on: March 21, 2022, 12:13:09 PM »

Quote
[...] Bundesweit arbeiten nach Recherchen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) neun von zehn Haushaltshilfen schwarz. "Rund 3,6 Millionen Haushalte in Deutschland beschäftigen jemanden, ohne die Tätigkeit offiziell anzumelden", zitierte das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) aus der Analyse des IW-Teams. Für die Studie haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Umfrageergebnisse mit der Anzahl angemeldeter Arbeitsverhältnisse abgeglichen.

Demnach beschäftigen rund vier Millionen Haushalte Hilfen in der Hausarbeit. Die zuständigen Behörden haben allerdings nur rund 400.000 entsprechende Arbeitsverhältnisse registriert. Davon sind 330.000 Minijobs. Laut IW sind es vor allem Besserverdienende, die Haushaltshilfen nutzen. So betrage das monatliche Durchschnittseinkommen in Haushalten mit Hilfskraft 4.800 Euro. Auch kämen in Haushalten mit pflegebedürftigen Menschen wesentlich mehr Haushaltshilfen als andernorts zum Einsatz.

Die unangemeldete Beschäftigung bringe jedoch Risiken mit sich: Beschäftigte müssten hier ohne Versicherungsschutz und soziale Absicherung leben. Nach Vorschlag des IW sollte ein Gutscheinsystem eingesetzt werden, um dem entgegenzuwirken. Bei diesem würde der Staat das Gehalt der Haushaltshilfen quasi aufstocken. So würde ein Anreiz zur Anmeldung entstehen – "womöglich ohne nennenswerte fiskalische Effekte", wie die Forscherinnen betonen.

Die Kosten der Gutscheine könnten ihnen zufolge durch die Verminderung der illegalen Beschäftigung ausgeglichen werden. Auch eine Steigerung der Erwerbstätigkeit unter den Auftraggebern der Haushaltshilfen hätte demnach einen ausgleichenden Effekt.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hatte im Juli 2021 ebenfalls eine geringe Zahl an angemeldeten Beschäftigungsverhältnissen gemeldet. Demnach würden etwa drei Viertel der Tätigkeiten nicht registriert. Somit lag Deutschland zu diesem Zeitpunkt über dem EU-Durchschnitt von 57 Prozent, in den Nachbarländern Frankreich und Belgien war die Quote noch wesentlich niedriger. Die Bundesregierung hat angekündigt, in bestimmten Fällen die Kosten für eine Reinigungskraft staatlich zu unterstützen.


Aus: "Neun von zehn Haushaltshilfen unangemeldet beschäftigt" (20. März 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/arbeit/2022-03/iw-studie-hausarbeit-deutschland-schwarzarbeit

Quote
Ülkü #2

"Somit lag Deutschland zu diesem Zeitpunkt über dem EU-Durchschnitt von 57 Prozent, in den Nachbarländern Frankreich und Belgien war die Quote noch wesentlich niedriger."

In Deutschland hat die Regierung einen riesigen Niedriglohnsektor geschaffen und zugelassen, in dem vor allem Menschen mit Migrationshintergrund systematisch ausgebeutet werden, darunter hauptsächlich Frauen.

Viele dieser Menschen beherrschen die Sprache nicht und haben Angst vor Abschiebung und sind dadurch als hilflose Opfer dem strukturellen Rassismus, Ausbeutung und auch sexuellen Übergriffen wehrlos ausgesetzt.

Sie müssen als Arbeitssklaven für einen Hungerlohn den Dreck der Weißen wegmachen und deren Toiletten putzen.
Und wenn sie sich verletzen, werden sie einfach auf die Straße geworfen und durch jemand anderes ersetzt.


Quote
Sonne86 #2.5

Also für einen Hungerlohn bekommen Sie zumindest im Ballungsraum überhaupt keine HHaushaltshilfe.unter 15 €/h braucht man da gar nicht anfangen. Aber Hauptsache die ideologische hau drauf Keule ausgepackt.


Quote
wgries #4

Die Löhne für die "schwarz" ein gestellten Hilfen orientieren sich am Markt und liegen derzeit ( in Bonn) bei 25 EURO /std.Das ist mehr als doppelt soviel wie der Mindeslohn. Das Geld wird der Person direkt in Geldscheinen bezahlt.
Das wird auch so bleiben, weil jede staatliche Regulierung zu kompliziert ist. Auch bei dem Einsatz von Handwerker ist die Schwarzarbeit normal, weil derzeit nur auf diese Weise die notwendigen Arbeiten erledigt werden können.
Die Absetzbarkeit haushaltsnaher Dienste bei der Steuer ändert nicht viel.Entscheidend ist, daß Handwerker nebenbei ohne Büropkratie einen Zuerwerb haben.
Das wird sich auch nicht ändern, weil die Lebenswirklichkeit die Ideologen überwindet.


Quote
Papaya-Salat #4.2

Den Staat - und damit die Gesellschaft, also uns alle - zu bescheißen, weil ihnen der Aufwand zu hoch ist, hat mit Ideologie von Seiten des Staates nichts zu tun, sondern mit Geiz, Faulheit und - sorry - Asozialität ihrerseits.


Quote
Eleganter warmer Bussard #4.5

"Die Löhne für die "schwarz" ein gestellten Hilfen orientieren sich am Markt und liegen derzeit ( in Bonn) bei 25 EURO /std"

Bei uns im Kreis Offenbach haben sich die Putzkräfte auf 15 Euro geeinigt, was für die erbrachte Arbeitsleistung einfach zuviel ist, ich zahle nun 13 Euro. Wenn die Putzkräfte nicht von Helpling kommen, sind sie meist langsam und nicht sonderlich leistungsbereit; die letzte war nicht nur extrem langsam, sondern ich musste sie noch auf den Dreck aufmerksam machen.

Helpling hat das Problem, dass wenige Deutsch sprechen und viele sehr unzuverlässig sind; nur zahle ich lieber 16 Euro für jemaden, der die Arbeit in der vorgegebenen Zeit erledigt als für jemaden, der einfach nicht schnell arbeiten KANN - und letzteres ist gerade bei Deutschen ein Alleinstellungsmerkmal.


Quote
Ich bins wieder #4.9

Nehmnn wir einmal an, ein Haushaltshilfe will Netto € 15 haben, und ich verdiene so gut, das ich den höchsten Steuersatz habe. Um der Haushaltshilfe ihren Nettowunsch zu erfüllen, muss ich ihr mindestens € 20 bezahlen, um diese € 20 zu erwirschaften muss ich wiederum € 40 verdienen.
Insgesamt kassiert der Staat bei dieser Konstruktion also für jede Stunde Putzen €25, die Haushaltshilfe €15.
Das bietet doch zumindest im Grundsatz einmal eine Basis für die Diskussion, ob unser Staat nicht in der Zwischenzeit zu vielen Subjekten zu einem bequemen Leben hilft. Die Haushaltshilfe ist nicht Asozial, die arbeitet um sich mehr leisten zu können. Asozial sind in meinen Augen alle diejenigen, die nicht jede Möglichkeit nutzen um sich selber zu ernähren, sondern lieber unseren Sozialstaat ausnutzen.


Quote
Papaya-Salat #4.13

Oh, asoziale Schmarotzer, die haben sie sicher auf RTL gesehen. Lange nicht mehr gelesen, ihre Klassismusscheiße. Aber wenn wir schon auf die Schwächen gehen, warum nicht gleich auf kriminelle Marokkaner, die kein Deutsch sprechen und nur alg wollen?


Quote
Kopf statt Herz #6

Es ist wesentlich einfacher eine Putzhilfe bei der Knappschaft anzumelden, als eine zu bekommen die NICHT schwarz arbeiten will. Warum, weil Hartz lV Empfängern dann kaum etwas bleibt. Wer arbeiten will soll das doch können. Warum empfinden viele Gutmenschen es als Ausbeutug , wenn Hartz Empfänger noch 2 Putzstellen haben, um ordentlich leben zu können und für den Mindestlohn oder weniger finden Sie eh niemandem im Raum München und offensichtlich nicht einmal in Bonn. .
Nichts gegen Bonn.


Quote
Eleganter warmer Bussard #7

"Warum, weil Hartz lV Empfängern dann kaum etwas bleibt. "

Dann meldet man sie auf 100 Euro an, und zahlt den Rest bar.


Quote
M Bariu #9

Wir haben eine kleine Inhabergeführe Reinigungsfirma beauftragt. Kostet sicher etwas mehr, aber dafür sparen wir uns allerlei Ärgerpotenzial.


Quote
mt-bikerin #11

Meine Erfahrungen aus dem Bekanntenkreis:
Man findet schlicht niemanden, der angemeldet arbeiten will.
Ein Freund hat eine Haushaltshilfe gesucht, angemeldet, weil über Mindestlohn. Alle wollten nur "bar auf Hand" arbeiten. Er putzt immer noch selber.
Ich habe eine Frau zur Bespassung meiner dementen Mutter gesucht - keine Pflegetätigkeit, nur Kochen, mit ihr Essen, für sie da sein. Es hat Wochen gedauert, bis sich jemand gefunden hat, der das auch angemeldet übernehmen wollte.

Und solange für viele Schwarzarbeit ein beliebtes Doppelverdienmodell ist (kassiere HARTZIV und arbeite nebenbei für bar auf die Hand), ändern auch Gutscheine nichts.


Quote
Roland Muck #11.1

Seien Sie froh, dass Sie kein solches Doppelverdiener Modell brauchen. Die von Ihnen so arrogant abgekanzelten Menschen haben das nicht verdient.


Quote
mt-bikerin #11.2

...HARTZIV rechtfertigt schlicht keinen Steuerbetrug. So einfach ist das.


Quote
Ich bins wieder #12

Unglaublich, vor allem Besser verdienende können es sich leisten eine Haushaltshilfe zu beschäftigen.... dafür sind bestimmt mindestens unglaublich viele, unglaublich intelligente Menschen zusammen gesessen.....
In München möchte eine Haushaltshilfe mindestesns € 15 haben. Und das bitte mindestens 4 Stunden, und am besten noch jede Woche.
Wer mal € 250 für so etwas übrig hat, der gehört in Deutschland natürlich zu den Besser verdienenden. Und das bei Menschen, die sowieso durch Pflege schon extrem belastet sind, eine haushaltshilfe ein letzter Strohhalm ist, ist nachvollziehbar.
zum Thema schwarz arbeiten, ich weiß das aus persönlicher Erfahrung und auch im Bekanntenkreis ist es das Gleiche, di erelativ wenigen mit persönlichen Empfehlungen versehenen Haushaltshilfen arbeiten generell nur ohne Einkommensnachweis.. da geht es um diverse Dinge, aber vor allem wollen sie sich nicht vom Staat kontrollieren lassen, die Gutscheine kann man sich in diesem Zusamenhang sparen.


Quote
Der.nicht.so.allmächtige #17

Es ist wahrscheinlich rentabler schwarz als Reinigungskraft zu arbeiten als regulär in einem Niedriglohnjob.


Quote
Tordenskjold #18

Die Haushaltshilfen wollen vielfach kein legales Arbeitsverhältnis. Warum den ganzen Papierkram auf sich nehmen, wenn irgendwo irgendwer ohne mit der Wimper zu Zucken 30 Euro die Stunde fürs Putzen zahlt? Schwarz natürlich...
Zumal einige Haushaltshilfen nebenbei einer regulären Halbtagstätigkeit nachgehen. Da ist schwarzes Geld (Brutto gleich Netto) ein schönes Zubrot.

Der Markt gibt es momentan her. Bei vielen Besserverdienern arbeiten beide, neben den Kindern bleibt keine Zeit zum Putzen, Geld ist ja genug da, also engagiert man die Hausperle, die regelt das.

Tragisch wird es, wenn die Haushaltshilfen älter werden. Da hat der Ehemann jahrelang regulär angestellt gutes Geld verdient, die Ehefrau hat die Kinder großgezogen und nebenbei hat sie ein wenig schwarz geputzt und das Leben war schön. Als die Kinder größer wurden, war mehr Zeit um Putzen zu gehen, der Rubel rollte, der Lebensstandard war hoch. Zweimal im Jahr Urlaub, Haus, zwei Autos.
Wenn dann aber der Ehemann ausfällt, dann wird den Witwen plötzlich klar, dass sie a) keine Rücklagen gebildet hatten, und b) sie nur eine höchst mickrige Grundabsicherung haben. Sie werden zu Sozialfällen. Aus der Option schwarz etwas nebenbei zu verdienen, wird plötzlich eine Notwendigkeit um etwas über dem Harz-Niveu leben zu können...


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« Reply #1273 on: March 21, 2022, 12:56:06 PM »

Quote
[...] Was wäre, wenn wir unsere Entscheidungen auf das gründen würden, was wir wirklich wertschätzen? Wir würden bei dem primären Ziel der Gesundheit für alle ansetzen und Wege ermitteln, wie wir das erreichen können.

... Was wäre erforderlich, um eine Wirtschaft zu erschaffen, die diesen Zielen dient?

... Die Volkswirtschaft misst bislang den Preis von allem und den Wert von gar nichts. Das muss sich ändern. Wir müssen den Wert von allem messen, damit wir die Dinge berücksichtigen können, die wirklich wichtig sind.

... (Mariana Mazzucato, Übersetzung: Jan Doolan, Copyright: Project Syndicate, 20.3.2022)


Aus: "Was wäre, wenn unsere Wirtschaft die wirklich wichtigen Dinge wertschätzen würde?" Mariana Mazzucato  (20. März 2022)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000134046633/was-waere-wenn-unsere-wirtschaft-die-wirklich-wichtigen-dinge-wertschaetzen

Quote
Petronius Arbiter

Ich bin immer wieder gerührt über diese so liebenswerten und so naiven Artikel,
die dem putzigen Irrglauben anhängen, dass "die Menschen" etwas zu sagen hätten, wenn sie nur des Denkens fähig wären. Die Prioritäten werden von den Reichen und ihren "Huren" gesetzt, weil Geld macht Macht, und Macht macht gierig. Die naiven Theorien, wonach gerade die Mächtigen "rational" denken und damit eigentlich einmal "genug" haben müssten, wird seit den Anfängen der Geschichte tagtäglich widerlegt. Es herrscht ein klassisches Suchtverhalten vor, das durch "Nachschub" nicht gestillt sondern verstärkt wird. Wie war noch das berühmte Lied von Georg Kreisler vor 50 Jahren:"Es hat keinen Sinn mehr, Lieder zu machen, statt die Verantwortlichen nieder zu machen"....


Quote
Finche

Genauso putzig muß ich jetzt antworten: daß die Dinge sind, wie sie sind, liegt auch daran, daß "die Menschen" nichts sagen, obwohl sie - zumindest im Westen - etwas sagen könnten.
Daß sie es aber nicht tun und sich im Stillen aufregen, ist durchaus ein Skandal. Um Dinge zu ändern, braucht es Ressourcen. Genau die sind entsetzlich ungleich verteilt.
Man kann durchaus Ohnmacht spüren, muß aber noch lange deshalb nicht die Ursachen der Ohnmacht bejahen.


Quote
Berggams

"Was wäre, wenn unsere Wirtschaft die wirklich wichtigen Dinge wertschätzen würde?"

Und wer bestimmt, was die wirklich wichtigen Dinge sind?


Quote
Ergänzende Fragen

Wir - als Gesellschaft bestimmen das ; )


Quote
Ben Hur1


Wir hier in A wählen die Huren der Reichen, weiterer Kommentar erübrigt sich


Quote
Jake Gittes

Mit dem abgebrauchten Argument der falschen Gewichtung bestimmter ökonomischer Messungen geht man der Kernfrage aus dem Weg. Nämlich ob für den privaten Gewinn oder für die Bedürfnisse der Menschen produziert wird. Das ist die Frage aller Fragen, aber die wirft man besser gar nicht auf, denn dahinter lauert ein großer "Abgrund".


Quote
Josef Andreas

Transportkosten müssten radikal erhöht werden!
Ich brauche KEINE Weintrauben aus Uganda oder Argentinien.
Ich brauche KEINE Spielsachen aus China.
Ich brauche KEINE Rosen aus dem Kongo.
Ich brauche KEINE Bekleidung aus Pakistan.
diese Liste kann vielfach ergänzt werden.


Quote
Peter Theobald Tiger

Aber alle brauchen unsere Kohle, die wir ihnen vorher hinterfotzig abgeluchst haben.
Im übrigen brauch Sie vielleicht kein Spielzeug aus China, aber allerhand anderes von dort & anderswo.


...
« Last Edit: March 24, 2022, 01:04:05 PM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #1274 on: March 28, 2022, 10:37:11 AM »

https://www.zeit.de/zett/2021-01/geld-beziehung-streit-partnerschaft-finanzen-konflikt

Quote
unkraut2008 #49

Die 1000enste Geld-Beziehungs-Neid Geschichte der Zeit. "Die Zeit" auf dem Niveau der "Bravo".


Quote
Oncology #3  —  3. Februar 2021, 19:24 Uhr

Geld macht auf alle Fälle attraktiv. Oder glaubt jemand Aristoteles Onassis hätte Jackie Kennedy bekommen, wenn er ein griechischer Hafenarbeiter gewesen wäre?


Quote
Adrian G #3.1

Ja, ich bevorzugte in diesem Falle definitiv den Hafenarbeiter! ...


Quote
Baumstamm30 #14

Ich habe meinen Partner während des Studium kennengelernt und er hatte von Anfang an wesentlich mehr Geld zur Verfügung als ich, weil er aus einem sehr wohlhabenden Haushalt stammt und ich aus einem sehr armen. Wir haben von Anfang an neben den eigenen Konten ein gemeinsames Girokonto geführt, von dem alle gemeinsamen Ausgaben bezahlt wurden. Deshalb hat es nie Streit gegeben.

Ich empfinde seinen Umgang mit Geld schon manchmal als blauäugig. Er scheint oft Geld auszugeben, ohne sich je Gedanken um die Einnahmenseite zu machen. Einmal meinte er sogar, dass eine Wahrsagerin im gesagt habe, dass er in seinem Leben immer genug Geld haben wird. Deshalb müsse er nicht so aufpassen.

Bei mir selber erlebe ich, wie sehr mir unvorhergesehene oder größere Ausgaben Angst machen können. Dann profitiere ich von seiner finanziellen Selbstsicherheit. Ohne ihn hätte ich wahrscheinlich z. B. niemals eine Auslandsreise gemacht, weil ich das als zu teuer empfunden hätte.

Erzählt er mir von seiner Kindheit und Teenagerzeit, merke ich wie fassungslos der Lebensstil seiner Familie mich macht. Ich gönne ihm all das von Herzen - aber ich hätte gern auch ein kleines bisschen von dieser Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit gehabt. Armut bedeutet eine unfassbare Mühsal schon bei den kleinsten Selbstverständlichkeiten des Alltags wie z.B. dem Kauf eines Deos.

Ich bin dankbar, dass ich durch ihn ein bisschen mehr von dieser Leichtigkeit in mein Leben lassen konnte.


Quote
Lloretta #25

Also ich verdiene mit 115.000€ fast so viel wie mein Mann. Geld spielt bei uns keine Rille, wir teilen einfach.


Quote
Don Promillo #47

Geld spielt keine Rolle.


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« Reply #1275 on: March 28, 2022, 11:20:10 AM »

Quote
[...] Dass Strom, aber auch Lebensmittel wie Gemüse, Butter oder Eier teurer geworden sind und die Preise weiter steigen dürften, trifft Menschen wie Silvana van Baaren besonders hart. Träfe man die junge Frau in Berlin auf der Straße, fiele sie mit ihren langen braunen Haaren, die sie offen trägt, nicht weiter auf. Nur die penibel lackierten Fingernägel, Farbe: metallisch Blau, sind ein Hingucker. Van Baaren ist ausgebildete Pflegekraft, in der Pandemie hat sie aber unter anderem aus gesundheitlichen Gründen den Job aufgegeben. Nun arbeitet die Berlinerin als Minijobberin, bekommt anteilig Hartz-IV-Leistungen, auch für ihre Kinder. Das Babysitten bei einer Uni-Dozentin bringt ihr 450 Euro, mit Kindergeld und den Hartz-IV-Bezügen kommt sie im Monat auf rund 1.500 Euro.

Das Geld muss reichen, um Rechnungen für Internet und Strom zu bezahlen, Lebensmittel und Getränke zu kaufen und was darüber hinaus noch so anfällt. Den Großteil der Miete für die Dreizimmerwohnung und die Betriebskosten übernimmt das Jobcenter. Vom Balkon aus sieht man die Plattenbauten von Hohenschönhausen, die Familie wohnt in einem kleineren Mehrfamilienhaus im vierten Stock. Van Baaren schläft im Wohnzimmer. Die beiden anderen Zimmer hat sie ihren Töchtern überlassen. Der 35-Jährigen ist es wichtig, dass ihre Töchter nicht immer wieder spüren, dass es knapp ist mit den Finanzen.

Wenn das Statistische Bundesamt bekannt gibt, dass Verbraucherinnen und Verbraucher dieses Jahr im Februar für Produkte wie Joghurt, Milch oder Eier knapp sieben Prozent, für frisches Gemüse elf Prozent mehr zahlen mussten als im Vorjahr, dann sind das keine abstrakten Zahlen für Silvana van Baaren – es bedeutet, dass sie umdenken muss. Sie kennt die Preise ihrer Lieblingsprodukte auswendig, ihr fällt direkt auf, wenn sie plötzlich mehr kosten. Und die Inflation, sagt van Baaren, merke sie überall – egal, ob sie gerade plane, gefüllte Paprika zu kochen oder einen Kuchen zu backen. "Es ist frustrierend, immer geht es nur in eine Richtung: teurer."

Auf einer Ablage in der Küche liegen in einer Plastikbox verpackte Kiwis, daneben Spitzpaprika, die Regale sind gut gefüllt mit allerhand Lebensmitteln, der mit Aufklebern und Karten übersäte Kühlschrank ist es auch. Es wirkt, als plane van Baaren mit jeder Eventualität, als wolle sie sicher sein, dass sie vorbereitet ist für schlechtere Zeiten. Sie zieht eine runde Packung mit einer roten lachenden Kuh aus dem Kühlschrank. "Ich liebe diesen Käse", sagt sie. "Der kostet zwar vier Euro, da sind aber 32 Ecken drin. Günstiger kriegt man es nicht." Dann greift sie nach einer anderen Packung, hält sie hoch und grinst. "Wiener Würstchen, 1,99. Und da sind einfach mehr drin als in anderen Packungen."

Silvana van Baaren wägt ständig ab. Am Ende des Monats könne jeder Cent einen Unterschied machen, sagt sie. Sie nutzt Mengenrabatte und kauft lieber 30 Eier für 4,50 Euro statt zehn für zwei Euro. Beim Katzenfutter ist es dieselbe Kalkulation. Da nehme sie auch das große Paket – statt einzelner Schälchen, die pro Stück zwar dasselbe kosten, aber weniger Inhalt haben. Die Preise sind ihr ständiger Begleiter – aber ihr Leben wäre leichter, wenn es anders wäre, das sagt Silvana van Baaren auch. Sie blättert sich durch Prospekte der Supermärkte und geht dort einkaufen, wo gerade am günstigsten ist, was sie braucht. "Bei mir steht am Briefkasten nicht 'Keine Werbung bitte' – ich brauche die Werbung, ich lebe von der Werbung." Und wenn ihr beim Einkaufen ein Angebot auffällt, wie letztens der Rollbraten für 3,99 Euro das Stück, greift sie auch zu.

Doch es gibt Monate, in denen das Geld nicht reicht, in denen sie am Ende nur noch Nudeln und Tomatensoße im Schrank hat. "Dann rufe ich die Arche an und sage: Es ist wieder so weit." Bei der Kinderstiftung kann sie sich nicht nur Lebensmittelspenden abholen, bei der Arche gibt es auch kostenlose Mahlzeiten für die Kinder und Freizeitangebote, die die 14 und 16 Jahre alten Schwestern nutzen. Alle zwei Wochen geht van Baaren mittlerweile auch zur Tafel. "Dort bekomme ich drei volle Tüten mit Obst und Gemüse, ein bisschen Wurst, ein bisschen Käse, je nachdem, was gerade da ist." Sie nehme nicht gerne Hilfe in Anspruch. "Und es gibt ja Familien, die noch ärmer dran sind als wir", sagt sie. "Aber mit meinen 35 Jahren kenne ich mittlerweile die Anlaufstelle, wo ich mir Hilfe holen kann, wenn ich sie brauche."

Als wären die Sorgen um die steigenden Preise nicht schon genug, ist mit dem Krieg in der Ukraine eine weitere hinzugekommen. "Jetzt gibt es das Problem, dass das, was ich sonst immer kaufe und unten im Regal steht, schon vergriffen ist." Eine Woche lang habe sie nach Zucker gesucht, beim letzten Einkauf habe sie dann direkt drei Kilo mitgenommen. "Bei Mehl und Nudeln ist es das gleiche – von Öl will ich gar nicht sprechen." Sie habe, ein Glück, ja ihre Vorräte zu Hause. "Aber was mache ich, wenn ich nichts mehr kriege?"

Am unberechenbarsten sind die Preise für Energie, – Strom braucht schließlich jeder Haushalt. Die ständigen Nachrichten darüber beunruhigen van Baaren. Dabei hat sie – aus Kostengründen – kein Auto, die hohen Spritpreise betreffen sie also nicht direkt. Auch die Heizkosten übernimmt das Jobcenter bis zu einem bestimmten Verbrauch. Doch für Strom bezahlt van Baaren schon jetzt 85 Euro und sie hat Sorge, dass ihr mit der Jahresendabrechnung womöglich eine Nachzahlung bevorsteht. Sie stellt sich auf mehr als 100 Euro ein – was andere problemlos bezahlen können, bedeutet für sie das Risiko einer Stromsperre. Also bleibt ihr in solchen Fällen nur ein Darlehen vom Jobcenter, was dann wiederum auch bedeutet: Es kommt ein weiterer Betrag hinzu, den sie mehrere Monate mit einkalkulieren muss.

Familien mit geringeren Einkommen sind durch die Verteuerung der Nahrungsmittel und Haushaltsenergie überproportional belastet, weil diese Konsumausgaben einen größeren Anteil an den monatlichen Ausgaben ausmachen als bei Besserverdienenden. Zu dieser Einschätzung kommt auch Silke Tober, die am Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) das Referat Geldpolitik leitet. Sie berechnet, wie hoch die Inflation für unterschiedliche Haushaltstypen ist – auch, um wirtschaftspolitischen Entscheidungen eine Grundlage zu geben. Die gestiegenen Preise für Energie brächten Geringverdienende in eine besonders schwierige Situation. "Bei Nahrungsmitteln kann man meist noch irgendwo sparen, indem man auf Produkte ausweicht, die günstiger sind", sagt Tober. "Bei der Energie für den Haushalt hat man weniger die Wahl. Im Dunkeln sitzen oder frieren will niemand."

Umso wichtiger sei es, dass die Politik die Bürgerinnen und Bürger gezielt entlaste. Dass die Bundesregierung die EEG-Umlage Anfang des Jahres deutlich gesenkt hat und sie zum Juli ganz abschaffen will, sei sinnvoll. Denn 46 Prozent der Ausgaben für Haushaltsenergie entfielen im Durchschnitt allein auf Strom. Geringverdienende wirksam zu entlasten, sei angesichts des Ukraine-Kriegs noch dringender geworden – denn der mache es unwahrscheinlich, dass es in naher Zukunft auf den Energiemärkten Entspannung gebe. Die Bundesregierung hat sich nun auch auf ein Maßnahmenpaket geeinigt, das unter anderem für Familien eine Einmalzahlung in Höhe von 100 Euro pro Kind vorsieht und günstigere Tickets für den öffentlichen Nahverkehr.

Mit Blick auf ihren Energieverbrauch sagt Silvana van Baaren: "Noch mehr einschränken können wir uns eigentlich nicht." Schon jetzt verbrauchten sie weniger als ein durchschnittlicher Dreipersonenhaushalt, wie ihr auch der Stromanbieter immer wieder bescheinige. Statt Deckenstrahler benutze sie lieber den LED-Schlauch im Wohnzimmer oder die LED-Lichterkette in der Küche, die gemütliches Licht machen. "Und wir lieben Kerzen." Die ständige Not zu sparen, bringt aber auch Konflikte mit sich. Die Waschmaschine soll nicht unnötig oft laufen, denn das koste natürlich nicht nur Waschmittel, sondern auch Strom. "Die Kinder meinen aber: Ich komme aus der Schule, ich muss mich umziehen. Da kriege ich einen Rappel. Es gab eine Zeit vor Corona, da war es noch schlimmer. Zwei-, drei-, viermal am Tag wollten sie sich umziehen. Da musste ich dann auch sagen: Leute, langsam reicht es. Ich kann das nicht finanzieren."

Doch van Baaren beklagt sich nicht, sie spricht offen über ihre Situation, sie hat die Hoffnung, dass die Entscheiderinnen in der Politik dadurch besser verstehen, wie es Menschen in ihrer Lage geht und wie man sie unterstützen kann. Van Baaren ist kein Mensch, der resigniert, der untätig die Hoffnung aufgibt. Gerade schreibe sie Bewerbungen, um in einem Impfzentrum oder einer Corona-Teststelle zu arbeiten, um wegzukommen vom Minijob und staatlichen Leistungen.

Sie habe schon viele schwierige Situationen in ihrem Leben durchgemacht und überwunden, das erzählt sie beim Spaziergang durch ihre Nachbarschaft. Mit zwölf Jahren sei sie vor die Tür gesetzt worden. Ihr Stiefvater sei ein Schläger gewesen, sie forderte von ihrer Mutter, sich den Kindern zuliebe von ihm zu trennen. Doch ihre Mutter habe sich für den Mann entschieden und sie rausgeworfen. "Dann nahm ich Drogen, trank Alkohol, und das alles schon mit 14." Es war ihre Tante, damals schwanger, die sie aus dem Loch herausholte. Sie bot ihr an, bei sich einzuziehen, aber nur, wenn sie clean sei. Mittlerweile versuche sie, in jedem negativen Aspekt auch etwas Positives zu sehen und will das auch ihren Töchtern vermitteln. 

Luisa und Angie kommen gerade aus der Tür, als Silvana van Baaren am Briefkasten steht. Die drei verabschieden sich, für jeden gibt es einen Kuss. Die beiden Mädchen laufen zum Bus, van Baaren schließt den Briefkasten auf, zieht einen Stapel Zettel heraus. "Ha, da ist sie, meine Werbung!"



Aus: "Inflation: "Noch mehr einschränken können wir uns nicht"" Eine Reportage von Lena Klimkeit, Berlin (27. März 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2022-03/alleinerziehende-mutter-inflation-minijob-hartz-4-ukraine-preise/komplettansicht

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Baron von und zu Baronigen #4

Entfernt. Bitte bleiben Sie beim Thema. Danke, die Redaktion/tba


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soumission #4.19

Der Kommentar, auf den Sie Bezug nehmen, wurde bereits entfernt.


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DudeNormsen #7

Bei dem Artikel komme ich mir zurecht verschaukelt vor. Ich bin zur Zeit krankheitsbedingt auch AlgII Empfänger und habe nach Abzug der laufenden Kosten [Strom, Gas, Internet] nur etwa 350 € zum Leben zur Verfügung. Mal 3 macht das 1050 € für Lebensmittel, die Frau hat aber 1500 € zur Verfügung und jammert?


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o<|>o #7.3

Nur weil Sie noch weniger haben, heißt das ja nicht dass es fair ist, dass sie fast so wenig hat wie Sie hat. Ich hab ungefähr zehnmal so viel zur Verfügung wie Sie, weil mein Job ganz OK bezahlt wird, und Gerhard Schröder nochmal ein zigfaches davon, weil er mal Kanzler war und kein Gewissen hat. Was davon ist fair?


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Clemenules #7.7

"Kinder im Wachstum kosten aber einfach. Schon Kleidung und Schuhe und Schulsachen."

Mein großer Sohn ist innerhalb von 2 Jahren um 20cm gewachsen und von Schuhgröße 41 auf 45. Jede paar Monate neue Schuhe.


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Mittagsfrau #7.9

Gegen gebraucht ist allerdings wenig zu sagen. Da gibt es ja auch Markensachen. Damit halten auch wir die Kosten geringer.


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PabloNeruda #12

Liebe Frau Klimkeit, bitte schreiben Sie mal einen Artikel über Renterinnen, die 45 Jahre gearbeitet gearbeitet haben und denen man beim Ausrechnen der Rente sagt, dass sie mit 1.500 Euro Rente über dem Durchschnitt liegen und sie deshalb auch noch 477 Euro Steuern im Jahr zahlen müssen. Das ist ein Grund sich zu empören !


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Felis.silvestris #12.1

Falls es Sie tröstet: die Rentenerwartungen für die genannte Mutter ist jetzt schon mies. ...


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Kaeptnahab #13

Tja, kenne das alles selber aus meiner Kindheit.Es ist eine echte Saure Gurkenzeit, so ein Leben.Muss aber sagen, moechte meine Kindheit nicht missen.
Und, wenn ich das richtig sehe, jammert Frau Baaren ja nicht, hat aber selbstveratendlich Sorgen bezueglicher weiterer Entwicklung der Kosten res. aus der steigenden Inflationsrate.
Verstaendlich. Alles Gute Frau Baaren, und viel Glueck bei der neuen Jobsuche.


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Lykaner #32

Solange sie zwei Katzen halten kann, sehe ich ein nicht zu unterschätzendes Einsparpotential.


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juergen007 #17

Augen auf bei der Berufs- und Partnerwahl!


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Clemenules #17.1

Mund zu wenn nichts besseres parat als Floskeln.


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Clemenules #17.2

Mit Verlaub...


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juergen007 #17.3

Das ist keine Floskel, sondern ein gut gemeinter Rat. Eine Menge Leute lassen sich bei Berufs- und Partnerwahl leider überhaupt nicht von rationalen Überlegungen beeindrucken.


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suchenwi #17.4

Berufs- und Partnerwahl sind kaum mit demokratischen Wahlen, Stimmzettel und so, zu vergleichen.
Beruf: man versendet Dutzende oder mehr Bewerbungen, wird auf manche vielleicht auch zu Vorstellungsgespräch eingeladen... wenn man viel Glück hat, bleibt man bei der Firma bis zu ATZ/Rente.
Partner: irgendwann macht es "klick", man zieht zusammen, heiratet, bekommt Kinder und zieht sie groß.. und z.B. nach 24 Jahren wird man geschieden. ... Aus meinem Lebenslauf ;^)


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Marease #29

Ich habe eine zeitlang Haushaltsbuch geführt und habe in ähnlicher Situation (alleinerziehend mit zwei Kindern) etwa ähnlich viel ausgegeben (Miete herausgerechnet). Dabei hatte ich nicht das Gefühl mich einzuschränken, auch nicht bei der Qualität.
Es gab aber einen entscheidenden Unterschied: Ich habe genug Einkommen und Rücklagen um flexibel zu reagieren. Wenn es im Schlussverkauf hochwertige Kleidung gibt, ist es kein Problem auch mal für ein paar Hundert Euro einzukaufen. Wenn der Kühlschrank kaputt ist, kaufe ich mir den Teuren mit dem geringeren Stromverbrauch. Kinderkleidung bekomme ich sehr oft von Freunden geschenkt, die froh sind, sie loszuwerden (reiches Akademikerghetto)

Das ist das eigentlich Gemeine an der Situation: Man kann mit diesem Geld gut über die Runden kommen, aber nicht wenn man die Ausgangsbedingungen von Familie van Baaren hat. Sobald man jeden Monat rechnen muss, ob noch genug bleibt, hat man nicht mehr die Ressourcen langfristig in hochwertige Sachen zu investieren und zahlt auf Dauer mehr.
Sobald gebrauchte Kleidung oder ein günstiger Zelturlaub gleich das Stigma 'Armut' tragen, braucht es Mut sich dafür zu entscheiden, statt der Nonchalance eines Gutverdieners.

Ja, wahrscheinlich wäre es möglich, dass die Familie sich noch weiter einschränkt. Vorschläge hab es ja einige. Aber reden wir, wenn wir das fordern nicht vom hohen Ross herab?
Der Familie gehört mein Mitgefühl für die nervlich aufreibende Situation.


...
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« Reply #1276 on: March 28, 2022, 12:21:44 PM »

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[...] Dieser Tage kommen die ersten „Erntehelfer“ nach Deutschland. Schon die Bezeichnung ist eigentlich eine Frechheit: Sie klingt nach außerplanmäßigem Extra-Einsatz. Dabei geht es um systemrelevante Arbeiter*innen, die unter harten Bedingungen und für sehr wenig Lohn einen großen Teil der Ernte etwa von Spargel, Erdbeeren oder Wein erledigen. Circa 275.000 Menschen kommen laut Bundeslandwirtschaftsministerium Jahr für Jahr, vor allem aus EU-Staaten wie Polen und Rumänien. Seit 2021 gibt es zudem ein Vermittlungsabkommen zwischen der Bundesrepublik und Georgien, seit diesem Jahr ein weiteres mit der Republik Moldau.

...


Aus: "Ernten ohne Versicherung" Nelli Tügel (28.03.2022)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/spargel-erdbeeren-wein-erntehelfer-arbeiten-ohne-krankenversicherung
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« Reply #1277 on: April 01, 2022, 01:31:35 PM »

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[...]
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Die Initiative „Freiheitsfonds“ hat schon viele Menschen vor der sogenannten Ersatzfreiheitsstrafe bewahrt. ...

Wer beim Fahren ohne Fahrschein in Bus und Bahn erwischt wird, muss 60 Euro Strafe zahlen und ist dann raus aus der Angelegenheit. Das geht nicht allen so. Im Januar beispielsweise holte die bayerische Polizei eine Frau wegen mehrmaligen Schwarzfahrens von zu Hause ab und brachte sie ins Gefängnis. Ihre Kinder wurden vom Jugendamt aus dem Kindergarten mitgenommen und in eine Einrichtung gebracht. Der Mutter stand eine dreimonatige Haftstrafe bevor.

Jährlich passiert genau dies Tausenden von Menschen. Werden weder Ticketpreis noch weitere Strafzahlungen beglichen, drohen sogenannte Ersatzfreiheitsstrafen. Laut Statistischem Bundesamt befanden sich am Stichtag im Juni 2021 3424 Menschen wegen einer Ersatzfreiheitsstrafe in Haft – zehn Prozent aller Gefängnisinsassen. Mehr als 200 solcher Häftlinge sind in den vergangenen zwei Monaten dank der Initiative „Freiheitsfonds“ aus dem Gefängnis entlassen worden. Der „Freiheitsfonds“ sammelt Spenden, um die Betroffenen freizukaufen. Nach Angaben der Initiative sind so 17 701 Hafttage gespart worden. Auch wenn es absurd erscheint: In diesem Fall ist das Freikaufen aus dem Gefängnis legal. Auch die Frau aus Bayern konnte dank des „Freiheitsfonds“ das Gefängnis nach zweieinhalb Wochen verlassen.

Arne Semsrott hat den „Freiheitsfonds“ im Dezember 2021 ins Leben gerufen. Die Betroffenen seien oft ohne festen Wohnsitz, erklärt er. So können sie keine Post empfangen, Mahnungen bleiben ungelesen. Haftbefehle werden erlassen. Trifft die Polizei dann auf der Straße durch Zufall die betroffene Person an, wird diese festgenommen. Im Durchschnitt drohen zwei Monate Gefängnisaufenthalt. „Während sich Besserverdienende die Strafe locker leisten können, stehen arme Menschen vor der Frage, ob sie sich ein besseres Essen oder eine Fahrkarte kaufen sollen“, sagt Semsrott. Das betreffe in manchen Städten auch Empfänger:innen von Hartz IV, wenn dort die Sätze nicht für das Sozialticket ausreichten. Wer also aus Geldmangel ohne Ticket fährt, muss Strafen mit Geld zahlen, das er oder sie nicht hat.

„Das Verrückte am System ist, dass alle Seiten die Haft für sinnlos und entwürdigend halten“, gibt Semsrott zu bedenken. „Selbst die Gefängnisse sind der Meinung, dass viele Verurteilte in Wohneinrichtungen oder in der aufsuchenden Sozialarbeit besser aufgehoben sind.“ Die Haftanstalten seien ursprünglich für Menschen angelegt, die größere und schwerwiegendere Straftaten begangen hätten. Mittlerweile werde die Initiative sogar von den Gefängnissen selbst kontaktiert, um Inhaftierte freizukaufen. Viele Verurteilte verlieren ihren Platz in Unterkünften, Resozialisierungs- oder Drogenprogrammen. Auch über den Verlust des Ausbildungsplatzes oder Probleme in laufenden Asylverfahren berichten Betroffene.

Semsrott vergleicht das Fahren ohne Fahrschein mit einer Tempoüberschreitung im Straßenverkehr oder dem Falschparken im öffentlichen Raum. „Bei beiden Handlungen sprechen wir von einer Ordnungswidrigkeit. Während dabei möglicherweise sogar die Gesundheit anderer gefährdet wird, erleidet beim Fahren ohne Ticket niemand einen Schaden.“ Während diese Ordnungswidrigkeiten eher von Besserverdienenden mit eigenem Auto begangen werden, betrifft das Fahren ohne gültiges Ticket vor allem Arme.

Die aktuelle Rechtslage diskriminiert demnach Menschen in Geldnot. Auch für den Staat ist es eine Minusrechnung. „Pro Tag kostet ein Häftling die deutschen Steuerzahler 170 Euro. Die hohen Ausgaben stehen in keinem Verhältnis zu dem Ursprungsschaden eines nicht bezahlten Tickets von drei bis fünf Euro“, sagt Bernd Maelicke. Der Jurist und Sozialwissenschaftler beschäftigt sich mit dem Thema von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus. Er ist der Ansicht, die strafrechtliche Reaktion sei unsozial und nicht angemessen. Woher kommt dieser Reflex? „In unserer Gesellschaft gibt es eine klare Übereinkunft: Wer eine Straftat begeht, ist immer selbst schuld. Soziale Hintergründe werden dabei ausgeblendet“, sagt Maelicke.

Der Kriminalexperte fordert, dass Ersatzfreiheitsstrafen abgeschafft würden. „Die resozialisierende Wirkung von kurzen Freiheitsstrafen ist äußerst begrenzt, der überwiegende Teil wird im Anschluss erneut straffällig.“ Die sozialen Probleme blieben bestehen, zum Teil verstärkten sie sich durch die „Subkultur“ in den Gefängnissen noch. Gemeinnützige Arbeit könne einen Kompromiss darstellen, aber auch sie löse die Probleme der Betroffenen nicht. „Das Strafrecht ist keine geeignete Strategie zur Problemlösung“, ist sich Maelicke sicher.

Auch der „Freiheitsfonds“ kämpft dafür, dass die Ersatzfreiheitsstrafe aus dem Strafgesetzbuch gestrichen wird. „Wir sind kein soziales, sondern ein politisches Projekt. Unser Ziel ist es nicht, die nächsten Jahre weiter Menschen freizukaufen, sondern politischen Druck ausüben“, erklärt Semsrott. Auch aus Klimaschutzgründen sei dies angebracht. „Mobilität muss klima- und sozialverträglich werden. Sollten zunächst die Preise sinken und dann der ÖPNV für alle kostenlos sein, kann uns das gelingen.“ Der Start der Ampel-Parteien sei ein guter Moment, um den politischen Druck zu erhöhen. Tatsächlich kündigte die Koalition an, das Strafrecht zu untersuchen. Zuletzt erklärte Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP), dass auch geprüft werden solle, Schwarzfahren zu entkriminalisieren. Dabei solle vor allem die Justiz entlastet werden.

Der Kriminalexperte Maelicke ist da skeptisch. „Politikerinnen und Politiker hatten in der Vergangenheit mit solchen Themen keinen Erfolg, auch wegen des gesellschaftlichen Klimas und der Ausgrenzung von Armen und Straftätern.“ Hier gebe es keine widerspruchsfreie oder einfache Lösung, die alle Menschen überzeuge, sagt Maelicke. „Ich sehe großen Handlungsbedarf. Wir haben es hier mit einem offenkundigen Versagen einer sozialen Strafrechtspflege zu tun.“



Aus: "Nicht mehr in den Knast fürs Fahren ohne Ticket" Alina Hanss (15.03.2022)
Quelle: https://www.fr.de/zukunft/nicht-mehr-in-den-knast-fuers-fahren-ohne-ticket-91412583.html

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Curt Carcone Sanipine

Wo ist die Verhältnismäßigkeit, wenn Dauerarbeitslose meinen, sie müssten unbedingt, und offenbar regelmäßig, mit dem ÖPNV irgendwo hin fahren?
Man muss übrigens auch nicht in der teuersten Stadt des Landes wohnen. Ich kenne viele Leute, die aus Kostengründen umziehen, dahin wo man mit dem Geld das man verdient auskommt.
Ich finde es immer interessant zu hören, was man aber denen, die vom Geld Anderer leben, alles NICHT "Zumuten" kann.

Während die, die jeden Tag arbeiten gehen, ohne mit der Wimper zu zucken wohl nur dazu da sind, möglichst viel abzugeben. Selbstverständlich ohne zu murren.


Quote
Sanipine --> Curt Carcone

Na sehen Sie mal: Und wenn man die dauerarbeitslosen "Schwarzfahrer" jetzt lange genug einknastet wird im Zweifel ja sogar eine Wohnung für jemanden frei, der "aus Kostengründen" umziehen muss. Dabei kann dann der Vermieter sicherlich für die Neuvermietung auch nochmal 50% aufschlagen und alle sind glücklich...


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« Reply #1278 on: April 05, 2022, 12:18:45 PM »

Quote
[...] Es war eine seltene Niederlage, die Amazon vergangene Woche einstecken musste. Eine erst vor einigen Monaten gegründete Gewerkschaft gewann eine entscheidende Abstimmung und darf nun die Interessen der 8.000 Mitarbeiter eines New Yorker Logistikzentrums vertreten. Der Sieg der Arbeitnehmervertreter ist bedeutend, weil es das erste Mal ist, dass ein US-Standort des Konzerns – immerhin inzwischen der zweitgrößte private Arbeitgeber der USA – eine Gewerkschaft bekommt. Es war bereits der zweite Versuch der Beschäftigten in New York, sich zu organisieren. Eine erste Abstimmung vor einigen Monaten hatten sie verloren. Und kurz zuvor waren Gewerkschafter im Bundesstaat Alabama gescheitert, die ein Auslieferungslager des Giganten organisieren wollten.

Der Widerstand des Unternehmens war groß: Amazon mobilisierte ganze Abteilungen gegen die Anstrengungen seiner Mitarbeiter, gab Millionen Dollar für Antigewerkschaftsberater aus. Wichtig ist der Erfolg der Arbeitnehmer aber auch, weil das Logistikzentrum, das intern als JFK8 bekannt ist, für Amazon praktisch das Tor zu New York City öffnet. Mit seinen rund neun Millionen Einwohnern stellt die Metropole einen der größten Märkte für das E-Commerce-Unternehmen dar. JFK8 befindet sich auf Staten Island – der Insel, die Manhattan vorgelagert ist.

Was den Sieg der JFK8-Beschäftigten aber zu etwas Besonderem macht, sind die Initiatoren dieses Arbeitskampfs. Es war nicht die etablierte Retail, Wholesale and Department Store Union, die Einzelhandelsgewerkschaft. Der Sieg gegen Amazon geht vor allem auf einen Mann zurück, der sich gegen Arbeitsbedingungen wehrte, die er für menschenverachtend hielt: Chris Smalls. Fast fünf Jahre lang war der heute 33-Jährige für Amazon tätig. Anfang 2020 war er Vorarbeiter im Logistikzentrum auf Staten Island. Als damals die Pandemie begann, sorgte er sich um seine Gesundheit und die seiner Kollegen. Amazons Schutzmaßnahmen erschienen ihm unzureichend. Als er erfuhr, dass ein Mitarbeiter positiv getestet wurde, reichte es ihm: "Niemand sollte sein Leben riskieren, um Sexspielzeug und Kosmetika zu verschicken", sagte Smalls, als ich im vergangenen Jahr für einen Bericht über die neue Arbeiterbewegung in den USA mit ihm sprach. Er organisierte eine kurze Arbeitsniederlegung. Wenig später wurde er nach Hause und in Quarantäne geschickt.

"Niemand sonst, keiner meiner Mitarbeiter, nicht einmal der Kollege, mit dem ich im Auto zur Arbeit fuhr", erzählte er. Als Smalls einen Protest vor der Lagerhalle veranstaltete, kam die Kündigung. Er habe gegen die Quarantäneauflagen verstoßen und die Gesundheit anderer Mitarbeiter gefährdet, begründete das Unternehmen diese Entscheidung. Doch interne Dokumente legen nahe, wie Amazon-Manager über Smalls dachten: In einem Bericht, der an die Medien durchsickerte, bezeichnete ein Amazon-Anwalt Smalls als "weder intelligent noch artikuliert" und schlug vor, ihn öffentlich als das Gesicht der Gewerkschaftsbewegung vorzuführen und so womöglich zu diskreditieren. Das Unternehmen äußerte sich damals nicht dazu.

Doch so einfach wurde Amazon Smalls nicht los. Smalls fand Verbündete, darunter Derrick Palmer, der weiter bei JFK8 beschäftigt war. Im Winter organisierten sie Lagerfeuer in der Nähe der Haltestelle, wo viele der Mitarbeiter in der Kälte auf den Bus warteten. Sie hielten Mahnwachen vor einem Luxusapartmentturm in Manhattan, in dem Jeff Bezos eine 16 Millionen Dollar teure Penthousewohnung erworben hatte. Sie sammelten Geld für Kollegen, die ihre Stelle und dann ihr Zuhause verloren hatten. Sie stellten Videos auf TikTok, in denen sie mit Hip-Hop-Auftritten ihre Botschaft verbreiteten. Als Smalls einmal selbstgekochte Mahlzeiten von Freiwilligen in den Pausenraum des Logistikzentrums bringen wollte, ließ ihn Amazon von der Polizei wegen unerlaubten Betretens des Firmengeländes verhaften. Wenn Amazon den Aktivisten damit einschüchtern wollte, erreichte das Unternehmen das Gegenteil: Das Handyvideo, das JFK8-Mitarbeiter von der Verhaftung Smalls aufnahmen, wurde Hunderttausende Male abgerufen.

Es war jedoch nicht nur Amazon, das Smalls unterschätzte. Kurz vor der Abstimmung in Alabama hatte er sich in sein Auto gesetzt und war 16 Stunden gefahren, um den Amazon-Mitarbeitern in Bessemer Mut zu machen. Es war eine Enttäuschung für ihn. Die Vertreter der Retail, Wholesale and Department Store Union (RWDSU), die die Abstimmung dort organisierten, nahmen ihn nicht ernst. Vielleicht ändert sich das nun. Auch bei der Kaffeekette Starbucks gründeten in den vergangenen Monaten die Mitarbeiter in mehreren Filialen eine Gewerkschaft. Und auch dort ging die Initiative auf einzelne junge Aktivistinnen zurück. Dagegen unterlag die traditionelle Einzelhandelsgewerkschaft RWDSU wahrscheinlich auch in der zweiten Abstimmung in Bessemer, die ebenfalls vergangene Woche ausgezählt wurde. Das Ergebnis ist allerdings zu knapp, um es abschließend zu sagen. Beide Seiten fechten die Gültigkeit von Hunderten Stimmzetteln an.

Die traditionellen Gewerkschaften kümmerten sich lange kaum um die Belange der Billiglöhner und Gig Worker. Weil Geringverdiener, etwa in den Logistikzentren oder Fast-Food-Ketten, zudem oft den Job wechseln, hielt man sie für nicht organisierbar. Gleichzeitig ließ die Globalisierung Millionen Produktionsarbeitsplätze nach Asien verschwinden – was Industriegewerkschaften wie die United Steelworkers und die United Auto Workers schwächte. Die jüngsten Erfolge können darüber nicht hinwegtäuschen. Denn im vergangenen Jahr ging der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder erneut leicht zurück. Inzwischen sind in der privaten Wirtschaft nur noch sechs Prozent gewerkschaftlich organisiert.

Eine Trendwende könnten nur Gesetzesänderungen bringen, die Arbeitnehmerrechte stärken und viele der Vorschriften wieder streichen, die es den Gewerkschaften nahezu unmöglich machten, einen Betrieb zu organisieren. Einen solchen Vorstoß hat bereits Barack Obama in seinem Wahlkampf versprochen, ohne ihn je ernsthaft einzubringen. Joe Biden befürwortet einen entsprechenden Gesetzentwurf. Doch die Aussichten, dass dieses Vorhaben die Zustimmung des Kongresses erhält und es auf seinen Schreibtisch schafft, sind gering. Zumal es nicht zu den obersten Prioritäten seiner Partei gehört.

Chris Smalls und seine neue Amazon Labor Union haben nur eine Schlacht gewonnen, der Kampf hat gerade erst begonnen. Amazon dürfte alle juristischen Register ziehen, um zu verhindern, dass das Beispiel von JFK8 Schule macht.



Aus: "Wie Außenseiter Amazon besiegten" Eine Kolumne von Heike Buchter (4. April 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2022-04/amazon-usa-gewerkschaft-abstimmung-new-york-5v8

On April 20, 2021, Smalls established the Amazon Labor Union (ALU)
https://en.wikipedia.org/wiki/Chris_Smalls

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874 #5

Gewerkschaftsboss im Jogginganzug, nicht schlecht.


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  Reheimwald #13

Also wer hat hier "abgestimmt"? Die Mitarbeiter? Darüber, dass diese Gewerkschaft sie - bei Gehalts- und sonstigen Verhandlungen - vertreten darf? Und manchmal heißt es im Artikel, dass die Mitarbeiter "einen Betrieb organisieren" (wollen, es ihnen aber gesetzlich schwer gemacht wird). Etwas mehr Erläuterung wäre schön gewesen.

Ansonsten frage ich mich, wie Amazon auf die Idee kommt, jemandem wegen eines Quarantäneverstoßes kündigen zu können, nachdem er vor ihrem Werk aufgekreuzt ist. Glauben die, sie können jemanden in häusliche Isolation schicken?


Quote
StephanSchulz #13.1

> Und manchmal heißt es im Artikel, dass die Mitarbeiter "einen Betrieb organisieren

In den USA (oder zumindest in den meisten Bundesstaaten) kann in jedem Betrieb maximal eine Gewerkschaft die Mitarbeiter vertreten. Um einen Betrieb zu "unionisen", muss sich eine Mehrheit der Belegschaft dafür entscheiden - damit hat die entsprechende Gewerkschaft dann das Mandat, Verhandlungen zu führen und auch zu Streiks aufzurufen.

Das ist heute noch wesentlich ruppiger als bei uns, und war früher noch schlimmer - da haben die Firmen mit Gewalt Streikbrecher in die Betriebe geschickt, und es gab z.T. richtige Schlachten zwischen Gewerkschaftlern und Pinkertons. Erst seit Roosevelts New Deal gab es das National Labor Relations Board (seitdem unter gelegentlich wechselnden Namen), das die schlimmsten Auswüchse verhindert hat.


Quote
G_Orwell_84 #16

Nur so nebenbei, Chris Smalls wurde weder von den anderen Gewerkschaften noch von den Democrats & hier im speziellen von deren "Flaggschiffe der kleinen Leute" Alexandria Occasio Cortez (AOC) unterstützt.


Quote
LadyCroom #14

Chris Smalls. Der Name allein klingt wie aus einem Disney Film. Ich drücke die Daumen für ein Happy End! Die Geschichte wird noch einige Twists und Turns nehmen müssen, bevor die Beschäftigten tatsächlich profitieren.


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« Reply #1279 on: April 25, 2022, 01:08:16 PM »

Quote
[...] Die Präsidentschaftswahl in Frankreich 2022 (französisch Élection présidentielle française de 2022) war die zwölfte Wahl des Staatspräsidenten der Fünften Französischen Republik. Die Präsidentschaftswahl fand während der französischen EU-Ratspräsidentschaft 2022 statt, die in das erste Halbjahr 2022 fällt.

Der erste Wahlgang wurde nach Ablauf der laufenden fünfjährigen Amtszeit (Quinquennat) am 10. April 2022 abgehalten. Weil keiner der Kandidaten im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit der Stimmen erhielt, folgte am 24. April 2022 eine Stichwahl zwischen den beiden Erstplatzierten, dem amtierenden, liberalen Präsidenten Emmanuel Macron und der rechtspopulistischen Marine Le Pen.

Macron konnte die Wahl trotz Verlusten im Vergleich zur Stichwahl 2017 deutlich gewinnen. Somit wurde erstmals seit 20 Jahren (damals Jacques Chirac) ein amtierender Präsident wiedergewählt. Die unterlegene Le Pen erzielte das beste Ergebnis eines Kandidaten der Rassemblement National (früher Front National) bei Präsidentschaftswahlen. ...


https://de.wikipedia.org/wiki/Pr%C3%A4sidentschaftswahl_in_Frankreich_2022

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Quote
[...] Je mehr die Menschen verdienen, desto eher gaben sie ihre Stimme dem Präsidenten. Die ärmsten Franzosen mit weniger als 1.250 Euro netto im Monat wählten mehrheitlich Marine Le Pen. Unter Arbeitern holte sie zwei Drittel der Stimmen, ebenfalls eine knappe Mehrheit unter den Angestellten. Bei Rentnern und Beschäftigten des öffentlichen Dienstes lag dagegen Macron klar vorne.


Aus: "Stichwahl in Frankreich: Wo Macron auf Ablehnung stößt" (25. April 2022)
https://www.zeit.de/politik/ausland/2022-04/stichwahl-frankreich-emmanuel-macron-marine-le-pen-ergebnis-karte-interaktiv

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ullibulli #4

Mit über 40% rechtsextremen Stimmen gibt Frankreich einen Anlass zur Sorge, doch auch hierzulande wäre so eine Entwicklung nicht mehr ausgeschlossen. Die Mittelschicht bricht in Frankreich genauso nach unten weg wie in Deutschland. Die steigende soziale Ungerechtigkeit bringt die Demokratien weltweit an den Rand ihrer Existenz, Beispiele wie die USA, Frankreich und auch Deutschland zeigen deutlich das Problem. Doch niemand wagt die wirkliche Änderung.
Warnschüsse durch Protestwähler gibt es auch in Deutschland genug, nicht umsonst steigt die Zustimmung für die rechte AfD. Doch die Volksparteien wie die CDU sehen weiterhin weg und wählen ausgerechnet einen elitären Finanzmenschen wie Merz zum Vorsitzenden, übrigens ähnlich wie Macron in Frankreich. Das führt dazu, dass die politische Landschaft weiter zersplittert. Ich sehe leider für die Zukunft keine positiven Zeichen, weder in Frankreich noch in Deutschland. Die aktuelle Regierung hat mit der FDP einen Bremser in den Reihen, welcher wirklich dringende Reformen, wie beispielsweise die Bürgerversicherung, komplett ausbremst.


Quote
entscheidedich #4.1

"Warnschüsse durch Protestwähler gibt es auch in Deutschland genug, nicht umsonst steigt die Zustimmung für die rechte AfD."
Die Entschuldigung für den deutschen Deppen der die AfD wählt lautet "Protestwähler", anstatt einfach zuzugeben, dass er/sie einen Hang zu leichten, populistischen Parolen und Heilsversprechen hat.


Quote
Hanayagi #4.38

Da ist wieder das alte und schon immer falsche Narrativ, dass unzufriedene Menschen aus Protest Nazis wählen.
Man kann aus Protest meinetwegen die Tierschutzpartei oder die Partei wählen oder einen leeren Zettel abgeben oder zu Hause bleiben.
Aber wer "aus Protest" die Nazis wählt, ist ein Nazi, nicht mehr und nicht weniger.
Und die demokratische Mehrheitsgesellschaft muss sich nicht nach diesen Nazis richten und sie auch nicht "verstehen".


Quote
Tordenskjold #4.41

Ja, Ausländerhass und Panikmache vor erneuerbaren Energien sind primär rechte Themen.


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Soléa #4.45

"Die steigende soziale Ungerechtigkeit bringt die Demokratien weltweit an den Rand ihrer Existenz..."

Und das nennt sich dann Demokratie. Macron ist und bleibet der Präsident der besser und viel Verdiener. Seine Zustimmung in den Großstädten und im Raum Bretagne ist schon auffallend, hier zum Beispiel in der Lorraine ist eine Hochburg von Le Pen. Vor Jahren wurden die Mienen hier dicht gemacht, nicht wenige mit 45 Jahren in den Sozialplan entlassen. Männer mit Familie vielleicht noch ein Haus an der Backe, brachen die Zukunftsperspektiven weg und die Politik bot durch Aufbau anderen Gewebe keine alternativen, die Arbeitslosenzahl immer noch hoch, die Armut und Frust auch, was sich bis heute nicht geändert hat. Viele die konnten und können sind Pendler geworden, in D gibt's dazu noch bessere bezahlte Arbeit aber der französischen Region hilft das im großen und ganzen nicht weiter. Le Pen war hier und gesagt was sie ändern will, vom Macron keine Spur, der ist und bleibt Paris Fan!


Quote
Knuckleball #4.47

Vorweg - ich habe bisher nie anders als links gewählt und werde das auch beibehalten.

Aber ich denke nicht, dass eine pauschale Dämonisierung rechtskonservativer Positionen (automatisch rassistisch, rechtsradikal, nazistisch) für den Diskurs irgend etwas bringt.
Ebenso die pauschale Diffamierung von linken Positionen (Besteuerung, -Rück-Verstaatlichung von systemrelevanten Unternehmen / Industrien, Vermenschlichung von Hartz IV etc.) als kommunistisch, autoritär.

Wenn wir immer nur soweit diskutieren können, jemanden auf Grund einer bestimmten Einzelposition sofort als nicht mehr satisfaktionsfähig zu betrachten - bspw. die Haltung zur Migration auf der einen, die Haltung zur Reichensteuer auf der anderen Seite - können wir das mit der Demokratie gleich sein lassen. Dann geht es nämlich nur noch um Ideologie - und die wird als persönliche Wohlfühlzone quasi-religiös mit Klauen und Zähnen verteidigt, wenn man sich einmal entschlossen hat, dieser oder jener "beizutreten".


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Tordenskjold #4.52

Es ist keine "pauschale Dämonisierung rechtskonservativer Positionen (automatisch rassistisch, rechtsradikal, nazistisch)", wenn man LePenn und AfD als rassistisch, demokratiefeindlich und autoritär bezeichnet.

Es entspricht schlicht der Realität.

Auch wenn man "immer links gewählt" hat, sollte man nicht auf Rechtspopulisten reinfallen, die im Wahlkampf Kreide fressen.

In den Paralamenten zeigen diese Parteien immer und immer wieder ihre faschistischen Grundhaltungen, ihren Antisemitismus, ihren Hang zu antidemokratischen Ideen und ihre Nähe zu autoritären Regimen.


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Reconquista Internet #4.57

++ Aber klar, aus Ihrer Sicht sind das natürlich alles rechte und populistische Ansichten. ++

Natürlich sind das populistische Ansichten, die "sichere Energieversorgung" die den rechten Protestwähler vorschwebt, führt unausweichlich dazu, dass wir in einigen Jahrzehnten keine Energieversorgung mehr haben werden, weil die Zivilisation infolge des Klimawandels zusammenbricht.
Und die "unqualifizierten Einwanderer" von heute sind jene, die morgen all die meist schlecht bezahlte Arbeit erledigen werden, auf die die "qualifizierten" Deutschen keinen Bock haben.
Dumpfe Ignoranz ist es, was dieses Protestmilieu ausmacht.



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Mama Wombat #4.64

Und als was würden Sie die Formulierung "unqualifizierte Einwanderung in die Sozialsysteme" , pauschal angewandt auf jeden, der es wagt, seinen Fuß hilfesuchend und auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung, Hunger und Verzweiflung auf heiligen Deutschen (wahlweise Französischen) Boden zu setzen, denn wohl sonst bezeichnen?
Natürlich ist diese Parole rechts und populistisch!
Und wer sie wählt und ihr folgt, hängt dieser Weltsicht an. "Protestieren" tun diese Wähler gegen Gleichheit der Menschen, gegen Demokratie, Weltoffenheit und Toleranz.
Ob aus Dummheit oder böser Überzeugung, das mag differieren.
In Frankreich wie in Deutschland.


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ResponsibleGambling #7

Die rechten Rattenfänger arbeiten sich in den Reihen der Armen hoch, weil die Behörden mit dem Ansturm nicht mehr zurechtkommen, was in der Folge zu politischen Fehleinschätzungen u. noch mehr Armut führt.

Wer es noch nicht gesehen hat, bzw. kennt, ein dramatisches Beispiel für Sozialversagen aus Marseille:

Marseille - Eine Stadt in Not
Marseille, Sommer 2019: In La Butte Bellevue droht ein Bauprojekt alles zu verändern. Die Einwohner sind besorgt und versuchen, trotz aller Spannungen und kulturellen Unterschiede gemeinsam Front zu machen. Die Geschichte eines armen, aber bunten Viertels, in dem Tag für Tag menschliches Miteinander gelebt wird – mit all seinen Konflikten und all seinem Zauber.
Filmemacher Philippe Pujol wuchs unweit von La Butte Bellevue auf, dem ärmsten Stadtviertel Frankreichs im Herzen von Marseille. Der Beamtensohn spielte mit den Kindern von Hafenarbeitern und Arbeitslosen. In Butte Bellevue wohnte auch sein Klassenkamerad Raphaël, ein Rom. Wenn sie mit ihrer Klasse zum Sportunterricht in das dortige Stadion gingen, nahm ihn Raphaël mit einer Mischung aus Stolz und Scham zu seinem Wohnhaus mit, wo man die Armut geradezu spüren konnte. Vor der Tür lungerte oft ein schmutziger Junge mit zu großer Gitarre herum, der ihnen mit erstauntem und zornigem Blick folgte. Er sah schön und gefährlich aus – Raphaëls kleiner Bruder. Letztes Jahr erfuhr Philippe, dass Raphaël bei einem Bandenstreit erstochen wurde. Der Tod des Schulkameraden brachte ihn zurück nach Marseille. La Butte Bellevue ist inzwischen noch mehr verarmt, während in 200 Meter Luftlinie das moderne, hässliche Marseille sich ausbreitet wie ein Krake. Eine schöne neue Welt, die die armselige Vergangenheit einfach wegschieben soll. Die Einwohner von La Butte sehen dort drüben alles, was sie selbst nicht haben: Arbeit, zum Beispiel im Büroturm des Schifffahrtsunternehmens CMA CGM; Zugang zu Universität und Studentenwerk in der Rue Danton; einigermaßen anständige Wohnungen in den großen tristen Häuserklötzen mit den winzigen Fenstern und vielen Stockwerken, die in Marseille wie Pilze aus dem Boden sprießen. In La Butte Bellevue aber haben die Leute, was dem neuen Marseille fehlt: eine unglaubliche kulturelle und gesellschaftliche Vielfalt; verschiedene Akzente, Sprachen und Lebensweisen; Kreativität und Erfindungsgeist; Komorer im Businessanzug, scheinbar alterslose Italienerinnen und kumpelhafte Dealer; Jungs mit provokanten T-Shirts des Fußballclubs Paris Saint-Germain und den größten Fanclub des lokalen Vereins Olympique de Marseille; großartige Prügeleien und warmherzige Schwätzchen auf dem Gehsteig einer schmutzigen Straße, in einem ruhigen Garten oder Hinterhof; Ex-Häftlinge, Sänger, Migranten, Spieler, arme Schlucker, kleine Wunder, Aktivisten und ehemalige Aktivisten, Säufer, Kommunisten und Pfarrer. „Marseille – Eine Stadt in Not“ erzählt nicht nur von den Spannungen und Schwierigkeiten, die die Armut hervorbringt, sondern auch der positiven Energie, mit der viele Bewohner der südfranzösischen Metropole tagtäglich ihr Leben meistern.

Regie: Philippe Pujol
Land: Frankreich
Jahr: 2019
Herkunft: ARTE F

https://www.arte.tv/de/videos/090756-000-A/marseille-eine-stadt-in-not/


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Champagne Socialist #10

Nun ernten wir die Folgen des jahrzehntelang ungezügelten Kapitalismus, der einige wenige immer reicher und den Rest immer ärmer macht. Marine Le Pen wurde vor allem von Menschen gewählt, die arm und unzufrieden sind. Wie überall auf der Welt wählen Menschen Rechtspopulisten, weil sie perspektivlos und abgehängt sind (Trump, Bolsonaro, Brexit…). Wenn das selbst in Frankreich passiert, wo der Neoliberalismus weniger verheerend war, muss man sich fragen, ob der Sozialabbau seit den 1980ern wirklich der beste Weg war. Außerdem, und auch das sieht man schön an Frankreich oder auch Österreich, sollten sich die etablierten Mitte-Links und Mitte-Rechts-Parteien fragen, ob ihre fehlende Unterscheidbarkeit nicht die extremen (v.a. rechten Ränder) nicht noch weiter gestärkt hat. Wer jahrzehntelang nur die Wahl zwischen etwas sozialeren Neoliberalismus und etwas wirtschaftsorientierterem Neoliberalismus hat, wird politikmüde. Vor allem, wenn diese Parteien dann auch noch koalieren.


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Dec Kimbal #13

Was in so gut wie allen Analysen viel zu kurz kommt, ist wieder mal das Sinken der Wahlbeteiligung (nicht nur bei dieser Wahl in Frankreich wird dem zu wenige Beachtung geschenkt).

Die Wahlbeteiligung in Frankreich ist noch mal deutlich gesunken.
Von 48 Mio Wahlberchtigten gingen 13,6 mio Menschen nicht wählen.

Dazu kommen noch 3 mio ungültige Stimmzettel.

Sprich 1/3 der potentiellen WählerInnen hat nicht an der Wahl teilgenommen oder ungültig gewählt.

Ähnliches konnte man zuletzt auch in Österreich, Deutschland, Italien oder Großbritannien beobachten.

Für eine funktionierende demokratische Gesellschaft sind all diese Tatsachen mehr als besorgniserregend.
Die Zahl derer, die glauben, dass man durch Wählen das politische Geschehen nicht mehr beeinflussen kann, nimmt offensichtlich in allen Schichten zu, speziell aber in den sozial schwachen Schichten.


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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #1280 on: May 04, 2022, 11:00:44 AM »


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[...] Rainer Bock: Es gibt kaum einen hierarchischer strukturierten Apparat als das Theater. Das ist vergleichbar mit dem Aufbau eines Klinikums von Chefarzt, Oberarzt und so weiter bis hin zur Putzhilfe. ... (Zur Person: Rainer Bock, 1954 in Kiel geboren, war nach dem Schauspielstudium mehr als dreißig Jahre lang an renommierten Bühnen wie dem Bayerischen Staatsschauspiel in München engagiert. Sein Kinodebut hatte er 2009 in Michael Hanekes Film „Das weiße Band“. Danach folgten Auftritte in „Inglourious Basterds“, „A Most Wanted Man“ sowie in Serien wie „Better Call Saul“ und dem TV-Film „Der Überläufer“). ...


Aus: "„Ich finde es toll, wenn mir Vorurteile um die Ohren gehauen werden“" Interview: Christina Bylow (23.08.2020)
Quelle: https://www.fr.de/panorama/rainer-bock-ich-finde-es-toll-wenn-mir-vorurteile-um-die-ohren-gehauen-werden-90028941.html

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[...] Theaterbesucher, die während der Vorstellung ihren Unmut bekunden und Türen schlagend den Saal verlassen, sind seltener geworden. Woran liegt das?

[Doris Kolesch, Professorin für Theaterwissenschaft]: ... Die wildeste Zeit im Theater war definitiv im 17. und 18. Jahrhundert: Da wurde gegessen und getrunken während der Vorstellung, und Prostituierte boten ihre Dienste an. ... Verglichen mit den Theaterskandalen im 18. Jahrhundert geht es heute absolut bieder und langweilig zu. Provokationen gab und gibt es aber immer wieder. Das zeigt, wir stark Theater sozial codiert ist: Relativ strenge Codes regeln, wie wir uns im Saal zu verhalten haben. ... Das Publikum wurde etwa dazu erzogen, erst am Schluss zu klatschen und nicht ständig zwischen den Szenen. Das Theater ist zudem ein öffentlicher Ort, das heisst, ich zeige mich dort und interagiere mit anderen. Und diese Interaktion ist hochgradig trainiert. Eine soziale Disziplinierung, die in Bezug auf den Bildungsstand ausgrenzend wirkte. Das hatte zur Folge, dass das Theater bis heute primär ein bildungsnahes und finanziell gut situiertes Publikum anzieht.

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Aus: "«Ein netter Abend ist absolut legitim»" Lena Rittmeyer (20.05.2017)
Quelle: https://www.derbund.ch/kultur/theater/ein-netter-abend-ist-absolut-legitim/story/23057835

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... Aus einem Gespräch mit Francis Seeck und Julischka Stengele über Klassismus in der Kunst .... Stengele: Laut einer Studie kommen nur neun Prozent aller Bewerberinnen und Bewerber für die Wiener Akademie der bildenden Künste aus einkommensschwachen Schichten, Menschen, die in Jugendeinrichtungen aufgewachsen sind, machen nur ein Prozent aus. ...


Aus: "Bildungsbürger unter sich?" (25.04.2021)
Quelle: https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/kultur/buehne/2101585-Welche-Folgen-hat-der-bildungsbuergerliche-Habitus-in-Kultureinrichtungen.html

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[...] Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Und da könne jeder alles werden. Wenn er sich nur genug anstrenge. Leistung werde belohnt. Aber die Wirklichkeit sieht anders aus. In der Mittelklasse gehen Ängste vor dem Abstieg um. Und die Kluft zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander.

Und das erleben Millionen Menschen in der Bundesrepublik als Alltag. Bzw.: Sie erleben es nicht. Vom wachsenden Reichtum bekommen sie nichts mit. Sie kämpfen sich mit mies bezahlten Jobs durchs Leben. Und haben nicht mal eine Chance, auch nur eine Stufe des Wohlstands nach oben zu steigen.

Sie leben in „Problemvierteln“, halten in Dienstleistungsjobs den Laden am Laufen und haben in der Corona-Zeit mal wieder erlebt, dass sie nicht zählen, wenn die Abgeordneten der Wohlhabenden Förderprogramme auflegen.

Sie gehören zur Klasse der Armen, Niedriglöhner, Billigjobber, der „working poor“, gelten als „bildungsfern“ und „sozial schwach“. In ihren Vierteln patrouilliert die Polizei. Aber oft finden sie nur noch in solchen Vierteln am Stadtrand überhaupt eine Wohnung.

Arbeitslosigkeit und drohende Wohnungskündigung sind bei ihnen als Schatten immer präsent. Sie müssen ihre Kinder auf „Problemschulen“ schicken und wissen schon bei der Einschulung, dass die Chance, dass die Kinder mal eine Gymnasialempfehlung bekommen, viermal geringer ist als bei Kindern aus Akademikerhaushalten.

An der Stelle holen wir kurz Luft. Denn seit zehn Jahren tut sich etwas, nehmen auch Hochschulen wieder wahr, dass etwas nicht stimmt in unserer Gesellschaft. Ökonomen beschäftigen sich auf einmal wieder mit Aufstiegschancen, Vermögensverteilung und manifester Armut.

Auch Politologen sind ganz leicht nervös, denn nicht ganz grundlos verlieren die Volksparteien ihre Wähler, zeigen sich tiefe Risse in der Gesellschaft. Risse, vor denen die großen Medien mit manifester Ratlosigkeit stehen.

... Männer merken oft nicht, wie selbstverständlich sie Frauen abwerten und kleinhalten. Und dasselbe trifft auf den Blick der Wohlhabenden und Reichen auf die Armen zu. Denn einer ihrer Glaubenssprüche lautet nun einmal: Erfolg muss man sich verdienen. Und jeder kann erfolgreich sein. Er muss es nur wollen.

... [N]atürlich ist die Klimakrise genauso wie der Raubbau an der Natur Folge dieser Unersättlichkeit. Es sind nicht die Armen, die die Welt zerstören. Sie leiden nur als erste darunter, wenn die Mietkosten explodieren, die Preise im Supermarkt steigen und die Fahrt zur Arbeit teurer wird. Das Lebensnotwendige macht praktisch 100 Prozent ihres Einkommens aus. Sie haben kein Geld, das sie in Aktien investieren können, in Rentenvorsorge oder in ein größeres Auto.

... Und sie leiden unter der Gewalt, die diese Ausgrenzung zur Folge hat. Von den gesundheitlichen Folgen ganz zu schweigen. Und ein gewaltiges Problem ist entstanden, seit ausgerechnet linke Parteien wie die SPD mit ihrer Politik die Verachtung für die da unten manifestiert haben: „Das Thema soziale Gerechtigkeit wird aktuell allerdings von rechts vereinnahmt“, wie Seeck betont.

Und zwar von ganz rechts. Der sogenannte „Populismus“ kommt nicht aus dem Nichts. Er hat seine Ursachen genau in dieser Politik der Verachtung der Habenden gegenüber den Habenichtsen – auch wenn letztere, wenn man es genau betrachtet, die Hälfte unsere Gesellschaft ausmachen.

Nur zählen sich viele Deutsche nicht zu den „working poor“, obwohl sie mit ihren Kröten geradeso über die Runden kommen. Sie rechnen sich in Umfragen lieber zum Mittelstand. Denn das hat auch mit Würde und Selbstachtung zu tun (noch so ein ostdeutsches Thema). Denn wenn in der Gesellschaft die Armut auch noch als Schande und selbstverschuldet betrachtet wird, dann schämt man sich seiner Armut. Und versucht, diese zu verstecken, so gut es geht.

... Wer nicht beginnt, auch Klassismus als eine fest in unserer Gesellschaft verwurzelte Diskriminierung zu begreifen, wird niemals auch nur im Ansatz soziale Gerechtigkeit herstellen. Das Buch [Francis Seeck: Zugang verwehrt, Atrium Verlag, Zürich 2022] ist ein kleiner Muntermacher, was dieses Thema betrifft.

...


Aus: "Zugang verwehrt: Höchste Zeit, über Klassismus in Deutschland zu reden" Ralf Julke (13. März 2022)
Quelle: https://www.l-iz.de/bildung/buecher/2022/03/zugang-verwehrt-hoechste-zeit-ueber-klassismus-in-deutschland-zu-reden-438482

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[...] Francis Seeck, 1987 in Ost-Berlin geboren, ist Kulturanthropolog*in und Antidiskriminierungstrainer*in. Als Kind einer alleinerziehenden, erwerbslosen Mutter setzte sich Seeck schon früh mit den Auswirkungen der Klassengesellschaft auseinander. ... Klassismus ist eine Diskriminierungsform, die soziale Ungleichheiten aufrechterhalten soll. Die Kluft zwischen Armen und Reichen wächst stetig, die acht reichsten Menschen der Welt haben inzwischen ein Gesamtvermögen, das dem der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung entspricht. Das ist krass, daran muss sich etwas ändern. Wir könnten Reichtum stärker besteuern oder den Mindestlohn drastisch anheben. Stattdessen legitimieren wir diese Ungleichheit, indem wir uns gegenseitig weismachen: Wer arm ist, ist selbst schuld. Dieses Herabschauen auf eine große und sehr heterogene Gruppe in der Gesellschaft, das ist Klassismus. ...


Aus: "Wer arm ist, ist selbst schuld?" (09.04.2022)
Quelle: https://www.spiegel.de/psychologie/klassismus-wer-arm-ist-ist-selbst-schuld-soziale-herkunft-und-ihre-folgen-a-e287983d-c678-4cc4-8332-fc140d7d76be

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[...] Dass ausgerechnet jetzt immer häufiger von Klassismus die Rede ist, hat einerseits mit der Rückkehr des Sozialrealismus in Literatur und Kino zu tun. Viel wichtiger dürften aber die Erfahrungen mit der Pandemie seit 2020 sein. Hier sind soziale Unterschiede sogar jenen ersichtlich geworden, die bis dahin vehement das Ausmaß von Elend und Armut in diesem reichen Land leugneten. Während der Lockdowns machte es einen Unterschied, ob man die sonnigen Tage im Eigenheim mit Garten im Homeoffice verbrachte und die Kinder mit je eigenen Laptops und Zimmern via Internet die gymnasiale Schulbildung genießen ließ, oder ob man als alleinerziehende Reinigungskraft in Zwangskurzarbeit in der Zweizimmerwohnung ohne Balkon bei gesperrten Spielplätzen und mit technisch schlecht ausgestatteten Schulkindern verbringen musste.

... Millionen Menschen in Deutschland müssen ihr Einkommen mit Hartz IV aufstocken, obwohl sie nicht arbeitslos sind. Die Steuern wurden in den vergangenen drei Jahrzehnten für das obere Drittel der Einkommen gesenkt, für die untere Hälfte stark erhöht. Nur etwa 20 Prozent aller Arbeiterkinder studieren, aber mehr als 70 Prozent der Akademikerkinder. All das ist bekannt, und doch bleiben Zahlen oft abstrakt. Es gibt kaum Studien, die sich der subjektiven Seite der Armut nähern.

Dabei wäre gerade das wichtig. Ein zentraler Grund, warum literarische Erzählungen über das Aufwachsen in Armut aus erster Hand derzeit so viel gelesen werden, liegt genau darin: Offenbar treibt viele Menschen die Frage um, wie es sich „anfühlt“, wenn am Ende des Geldes noch zu viel Monat übrig ist und kein dauerhaft gutes Leben möglich ist. Man kann das als Voyeurismus abtun – oder sich freuen, dass ein Bewusstsein dafür entsteht, wie brutal sich ungerechte soziale Verhältnisse auf Lebenschancen auswirken. Das Klassenhafte an der Mittelklasse lag jahrzehntelang gerade darin, dass sie die Existenz der Klassengesellschaft leugnete. Diese ideologische Gewissheit ist ins Wanken geraten. Ein richtig konzipierter Begriff des Klassismus könnte sich in dieser Gemengelage als Diskursbeschleuniger erweisen, weil er die Gewalt der Klassengesellschaft aus der Perspektive von unten erfahrbar macht.


Aus: "Scholz und Vorurteil" Christian Baron (25.04.2022)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/cbaron/christian-baron-ueber-klassismus-scholz-und-vorurteil

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dunkelreaktion | Community

So wünschenswert es ist, dass Kinder der abgehängten Klasse bei entsprechender Begabung studieren sollen, so kurzsichtig erscheint mir die Ausrichtung vor allem auf einen akademischen Abschluss.

Gerade auch in dem Corona-Krise genannten Maßnahmen-Wahnsinn wurde deutlich, was die wirklich systemrelevanten Berufe sind und das waren nicht die akademischen oder all die Bullshit-Jobs für akademische Absolventen. Eine Gesellschaft wird getragen von den mit Händen und Körpern Arbeitenden.

Die weitgehende Gleichstellung von akademischen und handwerklichen, sozialen, dienstleistenden und sozial ähnlich aufgestellten Berufen sollte das Ziel sein.


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Christian Brecht | Community
@ dunkelreaktion

Zitat: "Gerade auch in dem Corona-Krise genannten Maßnahmen-Wahnsinn wurde deutlich, was die wirklich systemrelevanten Berufe sind und das waren nicht die akademischen oder all die Bullshit-Jobs für akademische Absolventen."

Da haben sie durchaus recht. Aber viele akademische Quaksalber und Scharlatane verdienen eben wesentlich mehr als zum Beispiel eine ausgebildete Pflegekraft im Krankenhaus oder Altenheim.

Wir leben in einer kapitalistischen Marktwirtschaft. In einer kapitalistischen Marktwirtschaft entscheidet das Kapital darüber, was wichtig bzw. systemrelevant ist und was weniger wichtig ist, weil es keinen Gewinn bringt.

Deshalb heißt der Kapitalismus auch Kapitalismus, weil das Kapital bestimmt, was effektiv und effizient ist, weil gewinnbringend, und wo es in der Demokratie lang geht.


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[...] Klasse und Kampf: Ein herzhaftes Manifest über die feinen Unterschiede, die unsere Gesellschaft in Oben und Unten spalten

... Es soll kein Manifest sein und ist dennoch eines. ... Was Privilegien bedeuten, das wissen nur die, die keine haben. ... In Deutschland wird nicht nur der Reichtum vererbt, sondern auch die Beziehungen und damit der Zugang zu den Stellen, wo entschieden wird. Wo dann auch nur das Bild geschaffen wird, das die Deutschen von sich haben sollen – in den sogenannten Leitmedien, wo Armut bestenfalls mal als „reality show“ auftaucht, aber nicht als gelebter Alltag von Millionen Menschen, die bei Umfragen mit gutem Recht sagen: „Ich habe keinen Einfluss.“ Nicht auf die Politik, nicht auf die Wirtschaft, auf nichts. Und: „Ich habe keine Stimme.“

Denn sie tauchen nicht in der Politik auf. Dafür haben sie überhaupt keine Zeit und keine Kraft. Wer jeden Monat mit seiner Familie am finanziellen Limit ist, der hat keine Zeit für Ehrenamt, Politik, Wahlkonferenzen und den Kampf gegen Leute, die das Reden an der Uni gelernt haben und schon von Haus aus wissen, wie man sich präsentiert und „Eindruck schindet“.

Die Autor/-innen erzählen von dieser Welt da unten, zu der weit mehr Menschen gehören, als sie in den üblichen Armutsgefährdungsberichten auftauchen. Doch erzählen können nur die, die es geschafft haben, die Klassenschranken überwunden zu haben – wenigstens für gewisse Zeit. Autor/-innen wie Christian Baron, der 2020 mit „Ein Mann seiner Klasse“ einen Bestseller landete, oder Clemens Meyer, der seine Jugend im Leipziger Osten in „Als wir träumten“ zum Bestseller machte.

Oder Anke Stelling, die mit ihrem realistischen Buch über das Leben einer Schriftstellerin in Berlin in „Schäfchen im Trockenen“ ihre Freunde und Bekannten so tief verärgerte, dass es zu einem kleinen Berliner Skandal wurde. Denn sie merken es nicht.

Sie begreifen es auch nicht, was es für einen Unterschied macht, ob man von seinen Eltern gleich mal das komplette Startkapital für Studium und eigene Wohnung mitbekommt und die Visitenkarte zu den begehrtesten Arbeitgebern, oder ob man von zu Hause nichts mitbekommt als die Erfahrung, dass man sich allein durchbeißen muss und niemand einem etwas schenkt. Schon gar keine Wohnung. Eher flattern die Kündigungsdrohungen ins Haus, wenn man die Miete nicht pünktlich überweisen kann.

In unseren Leitmedien redet fast niemand mehr über Klasse. Aber alle, wie sie hier versammelt sind, können aus ihrem Alltag berichten, wie der Klassizismus trotzdem in den Köpfen steckt. Er ist systemimmanent. Das beginnt schon im Kindergarten, wo die Schmuddelkinder ganz selbstverständlich gemieden werden und seltsame Erfahrungen machen, wenn sie mal die Kinder der reicheren Eltern besuchen.

Das geht in der Schule weiter, wenn Lehrer/-innen den Kindern aus den „bildungsfernen“ Schichten von Anfang an schlechtere Noten geben und ihnen Faulheit unterstellen. Diese Kinder bekommen seltener eine Bildungsempfehlung fürs Gymnasium. Und wenn sie in der zehnten Klasse im Jobcenter sagen, dass sie Abitur machen wollen, wird ihnen trotzdem der Vermittlungsbogen vorgelegt. „Wir vermitteln dich lieber sofort in einen Job“, zitiert Francis Seeck, was sie selbst erlebt hat. Sie weiß, wie eng Klassizismus und Rassismus miteinander verwandt sind.

Slavoj Žižek hat recht: Identitätspolitik lenkt vom Grundproblem ab, denn die Abwertung von Hautfarbe, Herkunft und Geschlecht gehört zum Grundbestandteil bürgerlicher Verachtung für „die da unten“. Die es immer noch gibt, trotz Günther Wallraff. Wer aus einer Familie kommt, in der das Geld nie reicht, um auch nur einen Puffer für unvorhersehbare Notfälle anzusparen, der weiß, wie das ist, wenn man immer nur Zweite Wahl ist, wenn andere smarter sind, weil sie die Codes ihrer Klasse kennen, wenn man in der Warteschleife befristeter Verträge feststeckt und die angestrebten Posten dann doch mit Leuten besetzt werden, die besser vernetzt, verschwippt und verschwägert sind. Oder einfach die smartere Show abliefern.

Da kann man sich – wie Anke Stellung in „Schäfchen im Trockenen“ erzählt – mit diesen freundlichen und coolen Bekannten im Kindergarten, im Café und auch in gemütlicher Runde nach Feierabend treffen. Aber spätestens, wenn sie in ihre eigenen Wohnungen ziehen und sich wundern, dass die Heldin immer noch in ihrer alten Wohnung vor sich hinrotiert und auf keinen grünen Zweig kommt, schleicht sich die stille Verachtung ein. Ist die zu doof, was aus sich zu machen?

Sie merken es wirklich nicht mehr, was es bedeutet, wenn man das Kind einer wirklichen Mittelstandsfamilie ist, wo immer genug Geld da ist, mehr als genug. Letztlich so viel, dass die Zeitungen dieser Klasse mittlerweile sogar berichten, welche Not diese ach so cleveren jungen Anwälte, Jungunternehmerinnen und Ingenieure haben, ihr Geld irgendwo anzulegen „und für sich arbeiten zu lassen“. Sie decken sich ja auch in Leipzig mit Häusern und Wohnungen ein. Spätestens da merken die Erbelosen, wie ihre Altersgefährten an ihnen vorbeigezogen sind und ihnen jetzt die Miete abknöpfen.

Manche Geschichten in diesem Buch lesen sich wie kleine Manifeste, manche sind einfach – wie bei Anke Stelling, Arno Frank oder Christian Baron – Geschichten aus ihrem eigenen Leben. Denn Barankow und Baron erwähnen zu Recht, dass so ein Buch ein Seiltanz ist. Denn die Erfahrung sagt, dass auch und gerade diese nüchterne Wahrheit gegen einen ausgelegt wird. Arm zu sein ist ein Makel in Deutschland.

Deswegen sieht man die Armut kaum noch. Denn auch die Armen verstecken sich, bleiben lieber unterm Radar. Denn seit die Großmäuler unserer bürgerlichen Politik den auf Hilfe Angewiesenen Hängemattenmentalität, Faulenzerei und Schmarotzertum unterstellen, wirkt es geradezu kriminell, irgendwo um Geld zu betteln, weil das Billigjobeinkommen nicht reicht für die Miete oder den Storm oder die Kinder.

Und sie erzählen trotzdem, schildern ihre eigene Kindheit und wie es dazu kam, dass ihre Familie immer arm war oder in Armut geriet und nie aus den Schulden herauskam, so wie die Eltern von Martin Becker. Irgendwann versteht man, wie das funktioniert mit den smarten Herren von der Sparkasse und ihrer Hilfsbereitschaft, wenn der Überziehungskredit überzogen ist. Am Ende ist das so lange abbezahlte kleine Häuschen trotzdem weg, der Kredit nicht abbezahlt, auch wenn man die dreifache Summe überwiesen hat im Lauf der Zeit.

Wer arm ist, zahlt drauf. Auch das ist eine Grunderfahrung in Deutschland.

Und erstaunlich viele erzählen vom Sterben. Denn wer an der Kante lebt, der lebt ungesund. Der macht die ungesunden Jobs, der hat auch kein Geld, sich gesund zu ernähren oder sich um seine „Fitness“ zu kümmern. Der malocht, um über die Runden zu kommen. Und vor allem: Er oder sie lassen sich nichts anmerken. Denn Schwäche zeigen darf man da unten nicht. Nicht den „Arbeitgebern“ gegenüber, die einen feuern können nach Lust und Laune, weil man in diesen Jobs keine Gewerkschaft hat, aber auch nicht den Kindern gegenüber.

Denn wer sich so durchschlagen muss, der weiß, wie schnell man untergeht, wenn man nicht Stärke zeigt und sich alles abverlangt. Und untergehen kann man hier schnell, verdammt schnell – mit Alkohol, ohne Wohnung, ohne Job. Wer von der Hand in den Mund lebt, der denkt nicht nach über die systematische Benachteiligung in einem Land, in dem sich eine überbezahlte Klasse darauf verlässt, dass die zur mies bezahlten Arbeit Gezwungenen rotieren und all die Arbeiten verrichten, ohne die der Laden nicht laufen würde.

Wer sich aus dieser Mühle herausarbeiten will, der muss sich doppelt und dreifach anstrengen, erst recht, wenn er auch noch People of Color ist oder sie sich als Frau gegen die Deutungshoheit weißer Männer in Führungspositionen durchsetzen muss.

Deswegen sind Erfolgsgeschichten solcher Klassenaufsteiger/-innen immer noch eine Sensation und bringen selbst die Cleverles zum Staunen, die gar nicht wissen, wie leicht sie zu ihrer Position gekommen sind und dass ihre Bezahlung für ein Drittel der Erwerbstätigen nicht die Norm ist, sondern eine Vollversorgung aus einer anderen Welt.

Man taucht manchmal tief hinein in die Welten, die die hier versammelten Autor/-innen öffnen, manche mit nur zu begreiflichem Trotz, denn irgendwann hört man auf, den Erfolg als Gnade zu betrachten, da schaut man genauer hin und merkt, dass der Erfolg stets die Ausnahme ist. Spätestens 2020 merkten es dann auch viele am eigenen Leib, wie das läuft in Deutschland, wenn die Hilfsmilliarden verteilt werden.

Wer so dumm war, als Musiker/-in oder Schriftsteller/-in den Erfolg zu suchen, merkte ganz schnell, dass die Hilfsprogramme wieder von cleveren weißen Männern gemacht wurden, die sehr wohl wissen, wie sie ihren Kumpels was Gutes tun können, die aber nicht die mindeste Ahnung davon haben, wie man als Solo-Selbstständiger ums Überleben kämpfen muss.

Oder als alleinerziehende Mutter, die zwei Jobs braucht, um ihre Kinder durchzubringen. Meist ohne helfende Oma oder Eltern, die noch die Kraft haben, sich um die Kleinen zu kümmern.

Es kommt sehr viel Sterben vor in diesem Buch. Denn wer in Deutschland arm ist, stirbt früher, im Schnitt zehn Jahre früher als die Gutversorgten im Mittelstand. Und da ist es schon ein Glück, wenn es ein Sterben in Würde ist und die Kinder dabei sein können.

Und immer wieder bekommt man ja in den Leitmedien erklärt, was für eine Gnade es sei, dass die einen den anderen Arbeit „geben“, man also für miese Löhne arbeiten darf. Aber es ist keine Gnade. „Neun Prozent aller Erwerbstätigen leben unterhalb der Armutsgrenze, weil Deutschland einen der größten Niedriglohnsektoren Europas hat“, schreiben Barankow und Baron.

Der Reichtum der einen ist auf der Ausbeutung der anderen aufgebaut. Und Deutschland war wohl noch nie so zerrissen, noch nie waren die Gegensätze zwischen Reichen, die nicht mehr wissen, wohin mit ihrem Geld, und den Malochern, die mit dem Verdienst nicht über den Monat kommen, so groß wie heute.

Das können gerade die jüngeren Autor/-innen in diesem Band sehr anschaulich erzählen. Sie wissen, wie es sich so lebt und dass es nicht die Schuld derer ist, die so leben müssen. Nur haben sie fast nie eine Stimme. Sie sitzen nicht in Parlamenten und nicht in den Entscheidungsgremien. Es wird über sie hinwegregiert, ohne ihre Sorgen tatsächlich ernst zu nehmen. Die sich dann auch als die Sorgen von Studierenden herausstellen, die ohne Nebenjob ihr Studium abbrechen müssen, weil sie keine Reserven haben.

Als die Sorgen ewiger Doktoranden auf befristeten und schlecht bezahlten Stellen, die immer das Nachsehen haben, wenn die festen Stellen vergeben werden. Denn die Welt der Armen ist heterogen. Wenn die Bundesagentur für Arbeit ehrliche Statistiken veröffentlichen würde, würde man auch all die Akademiker/-innen sehen, die nach dem Studium aus dem Rennen geflogen sind, weil ihnen die Codes und die Beziehungen fehlten, um tatsächlich Karriere machen zu dürfen.

Das Buch macht traurig, trotzig und wütend. Weil all das zwar systemimmanent ist, aber weder notwendig noch gerecht. Nur: Wer da unten die Zähne zusammenbeißt und sich durchkämpft, weiß, dass es nicht gerecht zugeht und dass man sich auf nichts und niemanden verlassen kann, bestenfalls auf die eigene Familie, wenn da noch Kraft ist und nicht der Krebs oder der Suff schon zugeschlagen haben.

Und dabei ist das Ethos von Fleiß, Stolz und Ehrlichkeit da unten viel stärker ausgeprägt als in den oberen Etagen unserer Gesellschaft, wo Gutversorgte ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass sie auf alles den ersten Zugriff haben. Sie glauben tatsächlich, sie hätten es sich verdient, hart erarbeitet, wie sie gern sagen. Sie sehen nicht mehr, wer für sie eigentlich arbeitet und immer das kleinste Stück vom Kuchen bekommt, eigentlich eher nur die Krümel.

Deutschland ist kein gerechtes Land. Wer da unten war, weiß das. Selbstgerecht aber ist es bis zum Platzen. Höchste Zeit für so ein Buch. Auch wenn die Autor/-innen sich sicher sind, dass ihnen das wieder schaden kann in einer Gesellschaft, in der die Amtsinhaber auf eines den allergrößten Wert legen: den schönen, falschen Schein.

Christian Baron; Maria Barankow Klasse und Kampf, Claassen, Berlin 2021


Aus: "Klasse und Kampf: Ein herzhaftes Manifest über die feinen Unterschiede, die unsere Gesellschaft in Oben und Unten spalten" Ralf Julke (8. April 2021)
Quelle: https://www.l-iz.de/bildung/buecher/2021/04/klasse-und-kampf-ein-herzhaftes-manifest-ueber-die-feien-unterschiede-die-unsere-gesellschaft-in-oben-und-unten-spalten-383565

« Last Edit: May 04, 2022, 11:05:46 AM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #1281 on: May 05, 2022, 11:11:42 AM »

Quote
[...] Im Hohenzollern-Konflikt um tausende Kunstschätze und Entschädigungen ist Georg Friedrich Prinz von Preußen ist mit seinen Vorstößen für einen Vergleich gescheitert. Die öffentliche Hand lehnt Güteverhandlungen ab, wie aus einem dem Tagesspiegel vorliegenden Schreiben des brandenburgischen Finanzministeriums vom 3. Mai 2022 an das Verwaltungsgericht Potsdam hervorgeht.

Die Folge: Nun muss das Gericht im Verfahren um 1,4 Millionen Euro Entschädigung für 1945 von den Sowjets enteignete Hohenzollern-Immobilien ein Urteil sprechen – und damit auch über die NS-Verstrickungen des damaligen Kronprinzen.

Finanzministerin Katrin Lange (SPD), die selbst bis zuletzt für einen Vergleich war, hatte dafür zuletzt in einer Videokonferenz am 28. April mit der Kulturstaatsministerin des Bundes, Claudia Roth (Grüne), Berlins Senatoren Daniel Wesener (Finanzen, Grüne) und Klaus Lederer (Kultur, Linke) und Brandenburgs Kulturministerin Manja Schüle (SPD) geworben – vergeblich.

„Im Ergebnis dieser Abstimmung ist festzustellen, dass alle Beteiligten der öffentlichen Hand – mit Ausnahme des Brandenburger Finanzministeriums – weitere Gespräche mit dem Haus Hohenzollern mit dem Ziel einer möglichen außergerichtlichen Gesamtlösung klar ablehnen“, heißt es in dem Schreiben. Eine Fortsetzung von Vergleichsverhandlungen sei damit ausgeschlossen. Es sei keine andere Lösung mehr erkennbar „als die schlussendliche Herbeiführung einer Entscheidung durch das Gericht“. Das Finanzministerium bittet das Verwaltungsgericht, „das nach wie vor ruhende Verfahren wiederaufzunehmen und eine gerichtliche Entscheidung in der Sache selbst herbeizuführen“.

Georg Friedrich Prinz von Preußen will eine wegen der NS-Verstrickungen seiner Vorfahren abgelehnte 1,4-Millionen-Euro-Entschädigung für 60 zwischen 1945 und 1949 in der sowjetischen Besatzungszone enteignete Immobilien in der Mark einklagen.

Eine solche Entschädigung ist nach dem Bundesgesetz von 1996 ausgeschlossen, wenn die damaligen Eigentümer der NS-Diktatur „erheblich Vorschub“ geleistet haben. Das ist die Rechtsposition des Landes, die sich auf Gutachten namhafter Historiker stützt.

Die Hohenzollern hatten eine weitere Aussetzung des Verfahrens beantragt, um einen Kompromiss auszuloten. 2019 waren jahrelange Geheimverhandlungen zwischen den Hohenzollern und der öffentlichen Hand nach Enthüllungen von Tagesspiegel und „Spiegel“ abgebrochen worden.


Aus: "Gericht muss über Hohenzollern-Entschädigung entscheiden – und die NS-Verstrickungen" Thorsten Metzner (04.05.2022)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/einigung-mit-preussen-prinz-gescheitert-gericht-muss-ueber-hohenzollern-entschaedigung-entscheiden-und-die-ns-verstrickungen/28305516.html

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carolina 04.05.2022, 19:10 Uhr

Sehr gut!
Dass diese jahrelangen Hinterzimmer-Verhandlungen nun enden und das Ganze, wie es sich in einem demokratischen Rechtsstaat gehört, öffentlich vom Gericht entschieden wird.
Das kann bei Ausschöpfung des kompletten Rechtsweges nun auch nochmal dauern.
Aber dafür ist es dann - egal wie es ausgeht - eine juristisch nachvollziehbare Entscheidung.


Quote
lector 04.05.2022, 17:53 Uhr

Tja, die armen Deutschen - ein Volk von gutmütigen Unschuldslämmern, dass sich von den bösen Nazis und ihren willigen Helfern, den Hohenzollern, verführen ließ.


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daveausberlin 04.05.2022, 18:45 Uhr
Antwort auf den Beitrag von lector 04.05.2022, 17:53 Uhr

Der Einzelne hatte damals kein Chance sich gegen Nazis zu wehren. Es gab noch kein Twitter oder Wahtsapp.


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W.F.W. 04.05.2022, 17:26 Uhr

Warum das ehrerbietige "Haus" Hohenzollern? Es ist ein Familienclan auf dessen Konto unzählige Verbrechen gehen, u.a. Genozid in Namibia. Dagegen sind die Remmos und Al-Zains Waisenmädel. Buchtipp, 750 Seiten, die sich lohnen.

"Buch über die Preußen-Dynastie Wie die Hohenzollern zu Hitlers Wahlhelfern wurden" Von Christian Schröder (28.09.2021)
Totengräber der Demokratie: Der Historiker Stephan Malinowski beschreibt die Kollaboration des letzten Kronprinzen mit den Nazis.
https://www.tagesspiegel.de/kultur/buch-ueber-die-preussen-dynastie-wie-die-hohenzollern-zu-hitlers-wahlhelfern-wurden/27657788.html


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« Reply #1282 on: May 05, 2022, 12:42:34 PM »

Quote
[...] Rom – Die italienische Justiz hat Ermittlungen gegen drei landwirtschaftliche Betriebe an der toskanischen Küste zwischen Livorno und Grosseto aufgenommen, die hunderte italienische und ausländische Arbeitskräften für durchschnittlich 16 Stunden pro Tag beschäftigten, und das bei einem Stundenlohn von 2,5 Euro. Unbezahlter Urlaub, Kündigungsdrohungen und verbale Aggressionen seien an der Tagesordnung gewesen, berichtete die italienische Polizei am Mittwoch.

Gegen die drei Betriebseigentümer wurden Ermittlungen wegen Ausbeutung von Arbeitskräften aufgenommen. Sie beschäftigten nicht nur Arbeitskräfte ohne Vertrag oder Sozialversicherungsschutz, sondern zwangen angeblich auch mehrere von ihnen, in beengten Hütten auf den Betriebsgrundstücken unter prekären sanitären Bedingungen, ohne Heizung und Anschluss an das Wassernetz zu leben. Die Mietkosten wurden den Feldarbeitern von ihrem Lohn abgezogen.

Den Verdächtigen werden außerdem Steuervergehen in Höhe von mehr als zwei Millionen Euro und die Nichtabführung von Mehrwertsteuer und anderen Steuern in Höhe von rund 600.000 Euro vorgeworfen. Eine Anklage wegen schweren Betrugs gegen den Staat und gegen die EU wegen der unrechtmäßigen Entgegennahme von mehr als 151.000 Euro an öffentlichen EU-Mitteln wurde erhoben. Das Geld wurde zur Bezahlung der Arbeitskräfte verwendet. (APA, 4.5.2022)


Aus: "Italiens Polizei deckte Ausbeutung hunderter Feldarbeiter in Toskana auf" (4. Mai 2022)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000135424292/hunderte-feldarbeiter-in-der-toskana-ausgebeutet

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ein Prolet erzählt

"Polizei deckt auf"? Oida?

Ich würd eher sagen "greift endlich ein". Diese Zustände sind seit Jahrzehnten bekannt.


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der tag danach

... das ist Landwirtschaft im 21jhdt


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Muus M.

Die sind ja wie unsere Bauern


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HomerJ Guy Incognito

Wahnsinn

Zuaständ wia in Österreich!


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herr-s

Italien darf nicht Österreich werden!


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Wolfsheiner

Tönnis Deutschland als Beispiel für die, die glauben, sowas gäbs bei uns net.


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Mira_Belle

ist ein offenes Geheimnis dass in Italien und Spanien Flüchtlinge in Sklavenähnlich gehalten werden...
Also was ist da nun die Neuigkeit daran?
Und die "Arbeiter" werden in ein paar wochen vom nächsten Mafiosi versklavt der der Polizei dann ein höheres Schweigegeld bezahlt.

Furchtbare Welt in der wir leben...


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« Reply #1283 on: May 09, 2022, 01:03:11 PM »

Quote
[...] Es sind die glücklichsten Hühner der Welt. Das zumindest behauptet Pietro Cicognani. Der Architekt mit einem selbst erklärten Faible fürs Barock hat sich darauf spezialisiert, die Wünsche sehr wohlhabender Auftraggeber zu erfüllen. Und weil seine Klientel die Hühnerhaltung als Hobby entdeckt hat, entwirft Cicognani nun Luxushühnerställe.

Sein bisheriges Meisterwerk steht in den Hamptons, New Yorks Goldküste, auf einem "himmlischen Stück Land", wie die High-Society-Postille Town & Country jüngst zu berichten wusste. Es gehört zum Anwesen von Katharine Rayner, Milliardenerbin des Kabelanbieters Cox, deren Tätigkeit in dem Bericht als "Wohltäterin" beschrieben wird. Ihre beachtlichen Ressourcen steckt sie nun zum Teil in den Erhalt rarer Hühnerrassen.

Bei seinem Entwurf für den Federviehpalast ließ sich Cicognani angeblich vom Chinesischen Pavillon von Sanssouci inspirieren, dem Potsdamer Lustschloss von Friedrich dem Großen. Fast wären die Vögel allerdings aus ihrem stilvollen Heim hinausgeflogen, weil Rayner den Bau so begeisternd fand, dass sie ihn als Homeoffice nutzen wollte. Doch dann überwog ihre Liebe zu den Tieren und die Wohltäterin verzichtete.

https://www.townandcountrymag.com/leisure/real-estate/a39483810/chicken-coop-architect-pietro-cicognani/

https://www.zeit.de/thema/friedrich-ii

Dagegen zeigten die New Yorker Polizisten keinerlei Nachsicht, als sie am vergangenen Mittwoch ein weiteres Zeltlager von Obdachlosen räumte. Acht Personen wurden dabei verhaftet, die meisten davon Aktivisten, die versucht hatten, die Räumung zu verhindern. An einem der Zelte hing ein Schild mit der Aufschrift: "Enthält ein menschliches Wesen, bitte nicht wegwerfen."

https://twitter.com/isabelle_leyva/status/1515329762604072968

https://www.nytimes.com/2022/05/04/nyregion/nyc-homeless-tompkins-square-park.html

Die Zahl dieser Zeltlager in der Stadt hat während der Pandemie zugenommen: in Brooklyns Prospect Park, unter Highway-Brücken, auf Bürgersteigen vor Kirchen. New Yorks neuer Bürgermeister Eric Adams hat angeordnet, die Camps notfalls mit Gewalt zu räumen. Adams, ein ehemaliger Polizist, sieht darin offenbar die Lösung für das wachsende Problem der Obdachlosigkeit. Wenn sein Kalkül dabei sein sollte, die Menschen, die auf der Straße leben, in die Obdachlosenheime zu zwingen, dann ist das bisher nicht gelungen. Seit März wurden 710 Zeltstädte geräumt, aber nur 39 der dort Lebenden waren bereit, in ein Obdachlosenheim zu gehen. 

https://www.zeit.de/politik/ausland/2021-06/new-york-buergermeisterwahl-eric-adams-konservativ-polizei

https://www.nytimes.com/2022/05/02/nyregion/new-york-evictions-cases.html

https://www.nydailynews.com/news/politics/new-york-elections-government/ny-nyc-mayor-adams-homeless-encampment-39-placements-20220503-y7qgyro5avdenc7b2ku2no5hoa-story.html

Die Heime, die meist von gemeinnützigen Organisationen im Auftrag der Stadt betrieben werden, sind berüchtigt für Gewalt und Chaos, die dort herrschen. Für manche sind sie allerdings ein gutes Geschäft. Im vergangenen Jahr deckten Reporter der New York Times auf, wie Victor Rivera, der Chef einer gemeinnützigen Organisation, die eine ganze Reihe solcher Heime betrieb, über Jahre die Stadt betrogen hat.

Riveras Bronx Parent Housing Network erhielt seit 2017 über 274 Millionen Dollar aus den öffentlichen Kassen. Davon zweigte er mehr als eine Million ab, mit denen er Immobilien, darunter ein 780.000 Dollar Anwesen mit beheiztem Swimmingpool mit Wasserfall finanzierte. Nach Angaben von ehemaligen Heimbewohnerinnen nutzte er seine Position zudem, um die Frauen sexuell zu missbrauchen. Das berichteten Betroffene den Reporterinnen.

https://www.nytimes.com/2021/02/07/nyregion/victor-rivera-bronx-homeless.html

Traurigerweise ist Rivera kein Einzelfall. Die Betreiberin eines anderen Heims mit dem glanzvollen Namen Millenium Care gestand etwa im vergangenen November, mehr als zwei Millionen Dollar veruntreut zu haben. Sie nutzte das Geld, das die New Yorker Steuerzahler ihr anvertrauten, um in Luxuskaufhäusern wie Bergdorf Goodman und Bloomingdale’s shoppen zu gehen und sich Schuhe bei Ferragamo und Manolo Blahnik zu besorgen.

https://www.nytimes.com/2021/11/23/nyregion/ethel-denise-perry-millennium-care-fraud.html

Warum gelang es diesen korrupten Figuren, sich über Jahrzehnte unbehelligt zu bereichern? Die bittere Antwort ist wohl, dass sie eine scheinbar einfache Lösung für ein Problem bieten, an dem sich nicht erst Adams als Bürgermeister abarbeitet. New York ist zu teuer für einen wachsenden Anteil seiner Bewohner. Und die Lage spitzt sich zu. Die Mieten sind im vergangenen Jahr im Schnitt um 33 Prozent gestiegen. 

https://www.nytimes.com/2022/03/07/nyregion/nyc-rent-surge.html

Der extreme Sprung spiegelt die erholte Nachfrage, nachdem die Pandemie in 2020 einen kurzfristigen Exodus ausgelöst hatte. Sicher nutzen vor allem große Immobilienkonzerne die wieder hohe Nachfrage, um mehr zu kassieren und Verluste wettzumachen. Doch es ist nicht zu leugnen, dass Wohnraum notorisch knapp ist in New York, auch weil Bauen in der Metropole extrem teuer ist. Tatsächlich gilt New York City diesbezüglich als eine der teuersten Städte der Welt. 

https://estimationqs.com/building-costs-per-square-foot-in-the-state-of-new-york-usa2/

Wahr ist auch, dass die Betriebskosten gestiegen sind, für Heizung, Strom und Handwerker. Nach den Sturmschäden durch den Hurrikan Ida, der vergangenen Sommer durch New York fegte, haben die Versicherungen ihre bereits hohen Prämien weiter angehoben. Und die Stadt hat die Grundsteuer deutlich erhöht. Das bringt vor allem kleinere Vermieter in Bedrängnis. Es ist zu befürchten, dass bald noch mehr New Yorker auf der Straße landen. Nach dem Ende des Moratoriums, das den Rauswurf von Mietern während der Pandemie verbot, melden die Gerichte nun eine neue Flut von Räumungsklagen.

https://www.thecity.nyc/2022/4/11/23021096/adams-landlords-hope-for-rent-hike-regulated-apts

Adams will als Antwort auf die Misere noch mehr Heime im Auftrag der Stadt bauen lassen. Dafür hat er angekündigt, 171 Millionen Dollar bereitzustellen. Gleichzeitig hat der Bürgermeister erfolgreich dafür gekämpft, den Etat für die Polizei wieder deutlich anzuheben. New York's Finest, wie sich die Cops gerne nennen lassen, erhalten 465 Millionen Dollar mehr. Insgesamt beläuft sich das Jahresbudget der New Yorker Ordnungshüter damit auf knapp zehn Milliarden Dollar.

Es ist müßig, darüber zu spekulieren, was sich mit einem solchen Betrag in Sachen Wohnungsnot tun ließe. Fest steht, weder mehr Mittel für Obdachlosenheime noch für die Polizei beseitigen die Ursachen, die so viele Menschen in der reichsten Metropole der USA unter Plastikplanen im Park enden lässt. Wären sie doch nur Hühner in den Hamptons.



Aus: "Friede den Hühnerpalästen, Krieg den Zeltstädten" Eine Kolumne von Heike Buchter (9. Mai 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2022-05/usa-mieten-new-york-wohnungsnot-obdachlosigkeit/komplettansicht

Quote
Emil Galotti #19

Nicht so vertraut mit den Verhältnissen an der Ostküste, habe ich die Entwicklung der Obdachlosigkeit im Raum Los Angeles ein wenig betrachten müssen.

Waren vor 30 Jahren oder so vereinzelte Zelte oder Kartonbehausungen zu entdecken, hat sich diese Erscheinung zu einem unvorstellbaren Problem entwickelt. Ganze Straßenzüge sind von „Notunterkünften" überzogen auch in prominenter Lage, an den Vorzeigestränden findet dies statt, macht das Leben der Anwohner zu Hölle.

Die Stadt und der Bezirk LA geben Milliarden für Maßnahmen aus, das Leid der Leute zu verringern, als auch die Belastungen für die Bürger zu reduzieren, es werden Nachtverbote zum Betreten der Parkanlagen erlassen, ja selbst das sitzen(liegen) auf einer Parkbank ist nach Einbruch der Dunkelheit verboten, ebenso das Belagern von Einfahrten und Eingängen vor den Wohnhäusern.

Man hat Siedlungen gebaut, Hotels umgewidmet, Heerscharen von Sozialarbeitern, die auch aus Freiwilligen bestanden, aufgeboten, um der Lage Herr z werden, ein durchschlagender Erfolg stellt sich nicht ein, die Zahlen steigen, auf über 80 000 allein, von denen rund 1000 Menschen im Jahr aus den unterschiedlichsten Gründen versterben(Krankheiten, Sucht, Gewalt).

Viele der Menschen lehnen jegliche Hilfe ab, können ein Dach über dem Kopf nicht ertragen, haben durch Drogenkonsum ihren Verstand verloren.

Ein ergiebige Quelle für die in unseren Augen unfassbaren Verhältnisse in einem der reichsten Staaten der USA bietet die Los Angeles Times.


Quote
spiegelwechsler #19.1

Was ist so besonders daran, wenn von 80.000 Menschen 1.000 im Jahr sterben?


Quote
Emil Galotti #19.2

Aus meiner Sicht ist diese Zahl schon außergewöhnlich und erschreckend zugleich, verstirbt doch niemand von denen nach einem erfolgreichen Leben im hohen Alter, sondern unter erbärmlichen Bedingungen auf der Straße.

Habe ich versucht auch so zu formulieren, scheint aber schief gegangen zu sein.


Quote
cave felem #19.3

--- es werden Nachtverbote zum Betreten der Parkanlagen erlassen, ja selbst das sitzen(liegen) auf einer Parkbank ist nach Einbruch der Dunkelheit verboten, ebenso das Belagern von Einfahrten und Eingängen vor den Wohnhäusern ---

Durch Vertreibungen lösen sich die Leute ja nicht in Luft auf.

--- ein durchschlagender Erfolg stellt sich nicht ein ---

Offensichtlich sind die bisherigen Maßnahmen ungeeignet und/oder - gerade in Zeiten von Corona - auch unzureichend.

--- Viele der Menschen lehnen jegliche Hilfe ab ---

Wenn dem so ist, ist es ein Zeichen dafür, dass die Maßnahmen ungeeignet sind. Oft genug ist eine derartige Äußerung aber lediglich ein Versuch, den Obdachlosen selbst die Schuld an ihrer Lage zu geben.


Quote
Emil Galotti #19.4

Ich habe aufgrund der Reisebeschränkungen, die aktuelle Situation durch Corona nicht im Blick, die Lage dürfte sich aber verschlimmert haben, die Kriminalitätsraten schwerer Delikte sind in fast allen Großstädten der USA auf Rekordhöhen gestiegen.

Viele Maßnahmen, das Problem der Obdachlosigkeit zu reduzieren, sind scheinbar in der Tat ziemlich unwirksam, oder eben gescheitert.

Aber es sich jetzt einfach zu machen, der Gesellschaft die Schuld am Schicksal der Betroffenen zuzuschieben, trifft den Nagel nicht auf den Kopf.

Man will helfen, anstatt alle wegzusperren, aber ein Patentrezept wurde noch nicht gefunden, auch weil viele der „Heimatlosen“ ihre Sozialisation verloren haben.


Quote
TJ #26

Schlimm. Turbokapitalismus im Endstadium.


Quote
Emanuel Lasker #26.1

Parteien wie FDP und AfD nennen das „Freiheit“.


Quote
Ryzard #26.2

Ich dachte, in New York regieren die Demokraten!


Quote
Guybrush78 #31

Es scheint leider auch im Menschen inhärent zu sein, dass es vor allem um das Streben nach dem persönlichen "Glück" (Wohlstand, Macht, Geld) geht, ohne das Einbeziehen vom Allgemeinwohl oder jeglichen moralischen Kompass. Die USA zeigt hier sehr gut die Extreme davon, wo man hier auch schon die Auswüchse davon sieht. Gerade am Immobilienmarkt zeigt sich das sehr gut...


Quote
Arthur Philipp Dent #33

Erschütternd, wie man mit Obdachlosen Geld scheffelt, und die soziale Zitrone bis zum letzten Tropfen auspresst. Wer auf der Straße lebt wird schon grundsätzlich als kriminell angesehen, die Eigentümer, die die Menschen mit den Mietpreiserhöhungen aus Ihren Wohnungen drängen sind hochangesehen ...


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« Reply #1284 on: May 09, 2022, 03:14:27 PM »

Quote
[...] Die Debatte über die Frage, wie sinnvoll eine Gewinnabschöpfung bei staatsnahen Energiekonzernen ist, ist voll entbrannt. Kanzler Karl Nehammer (ÖVP) hat sie mit der Ansage, bei Konzernen wie Verbund oder OMV die durch die Energiekrise entstandenen Zusatzgewinne abschöpfen zu wollen, in Gang gebracht. Nehammers Argument: "Zufallsgewinne bei Unternehmen mit staatlicher Beteiligung gehören dem Volk und nicht dem Unternehmen allein."

Von "fatalen Signalen" für künftige Investitionen aller Unternehmen in diesem Land spricht Eco-Austria-Chefin Monika Köppl-Turyna auf Twitter. Auch (teil)staatliche Unternehmen müssten "im Sinne der Eigentümer bzw. gewinnorientiert agieren". Auch die deutsche Wirtschaftswissenschafterin Dominika Langenmayr führt dort Argumente ins Treffen. Eines davon: "Fängt man einmal an, in Sondersituationen neue Steuern auf erfolgreiche Marktteilnehmer einzuführen, zerstört man das Vertrauen ins Steuersystem."

Solange den Unternehmen der in den Vorjahren übliche Gewinn bleibe und ganz klar sei, dass die Gewinnabschöpfung aus dieser einmaligen, außerordentlichen Situation hergeleitet werde, sehe er ökonomisch keine Probleme, sagt hingegen IHS-Ökonom Christian Kimmich zur APA. Juristische Probleme könnte es geben, wenn teilstaatliche Unternehmen anders behandelt werden als rein private, gibt Kimmich zu bedenken.

Am Kapitalmarkt herrscht hingegen Verwunderung bis Entsetzen. Von "brutal toxisch" bis "Vertrauen schwer beschädigt" ist bei vielen kapitalmarktnahen Personen die Rede – und von schwerem Schaden für den Finanzplatz Wien, sollte dies so umgesetzt werden. Schon am Tag der Ankündigung wollten viele Investoren nur noch raus aus den betroffenen Aktien, um jeden Preis.

Am stärksten betroffen war der Verbund, dessen Börsenwert sich binnen Minuten bei sehr hohen Handelsumsätzen wegen eines 13-prozentigen Kurssturzes um bis zu fünf Milliarden Euro verringerte.

Im Vorjahr betrug der Verbund-Gewinn 874 Millionen Euro. Heuer könnte er dank der Zusatzgewinne, auch "windfall profits" genannt, auf bis zu zwei Milliarden steigen. Warum? Der Stromerzeugung über die Wasserkraftwerke kostet nicht mehr, obwohl die Konsumentenpreise stark gestiegen sind. Das führt zu hohen Gewinnspannen. Allerdings übertrifft der durch die Kanzleraussage um fünf Milliarden verringerte Marktwert des Verbunds die abzuschöpfenden Erträge um ein Vielfaches – kein gutes Geschäft für das Volk. Der Verbund gehört zu 51 Prozent der Republik, inklusive der Beteiligungen an den Landesversorgern EVN, Wiener Stadtwerke und Tiwag sind etwa 80 Prozent im Eigentum der öffentlichen Hand.

Als "sehr negativ" und "irritierend" bezeichnet Alois Wögerbauer, Geschäftsführer der Fondsgesellschaft 3 Banken-Generali, den Vorstoß Nehammers. Dessen Ansicht, die Zusatzgewinne gehörten dem Volk, teilt Wögerbauer nicht: "Das stimmt so nicht." Man könne über vieles diskutieren, es gebe auch andere Möglichkeiten. Der Staat als Mehrheitsaktionär des Verbunds könne diese Gewinne auch über normale Ausschüttungen erhalten.

Der Großteil der Verbund-Dividenden bleibt ohnedies im Inland, 80 Prozent des Versorgers gehören der öffentlichen Hand. Vom 20-prozentigen Streubesitz dürften ein Viertel bis ein Drittel von inländischen Aktionären gehalten werden.

Wögerbauer sieht Nehammers Aussagen vorerst pragmatisch. "Wenn da nichts mehr kommt, ist das in drei Wochen Geschichte." Bei einer Umsetzung der Gewinnabschöpfung sei dies anders. "Dann wird es bei Unternehmen zu einem deutlichen Bewertungsabschlag führen, an denen der österreichische Staat beteiligt ist", warnt Wögerbauer.

"Solche politischen Ansätze sollten in ein Gesamtkonzept einfließen und ausdiskutiert werden", sagt Andreas Zakostelsky, Obmann des Fachverbands der Pensions- und Vorsorgekassen. "Ansonsten könnte dies den heimischen Kapitalmarkt viel an Vertrauen kosten und würde nicht dazu beitragen, den Finanzplatz Österreich für institutionelle Anleger wie uns attraktiv zu gestalten." Ihm zufolge veranlagen die heimischen Pensions- und Vorsorgekassen für rund fünf Millionen Menschen in Österreich rund 44 Milliarden Euro an Sozialkapital.

Lob erntete Nehammer vom Arbeiterkammer-Experten Markus Marterbauer: "Unerwartet, aber sehr erfreulich" sei der Kurswechsel des Kanzlers. Die Verlierer der Situation, die Energiekonsumenten, gehören seiner Ansicht nach entschädigt und im Gegenzug die Zusatzgewinne abgeschöpft – und zwar nicht nur bei Unternehmen mit staatlicher Beteiligung, sondern bei allen.


Aus: "Wem Zusatzgewinne gehören: "Brutal toxisch": Nehammers Gewinnabschöpfung für Energiekonzerne sorgt weiter für Debatten" Alexander Hahn, Regina Bruckner (9.5.2022)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000135536238/brutal-toxisch-nehammers-gewinnabschoepfung-fuer-energiekonzerne-sorgt-fuer-debatten

Quote
NewSea, 8. Mai 2022, 21:32:07


Nur ja nicht armen Großkapitalisten etwas wegnehmen


Quote
garfield11111

Blablabla.....

Welche Menschen interessiert das Gesülze um völlig imaginäre Unternehmens-Aktien-Werte, wenn sie plötzlich Probleme haben, die gesalzene Stromrechnung zu bezahlen?
Und dann noch dazu erfahren müssen, dass die Höhe der Rechnung, gerade in Österreich, eigentlich auf aus der Luft gegriffenen Regeln basiert.

Das ist nur Pfründensicherung in einem bereits völlig ausser Rand und Band geratenem Wirtschaftssystem, daß immer mehr zugunsten der Reichen ausgerichtet ist.


Quote
Swiffer

Wie wäre es denn, wenn die lieben Kritiker hier, einfach selbst Aktionäre werden? ...


Quote
jeff5

Die Energiekonzerne kommen unverdient auf Kosten der Konsumenten zu Milliardenextragewinnen und man soll darüber nicht nachdenken, was man tun soll?


Quote
fizzzzzz

Der Stromerzeugung über die Wasserkraftwerke kostet nicht mehr, obwohl die Konsumentenpreise stark gestiegen sind.
Auf welcher Argumentation basiert dann die Preiserhöhung? Weils woanders auch teurer geworden ist?


Quote
Vorstadt

Ein Windhauch von etwas mehr Gerechtigkeit kommt in Form einer Ankündigung auf und schon ist von Kommunismus die Rede. Und das wird auch noch der ÖVP unterstellt. Man lernt nie aus.


Quote
sociovation

Toxisch ist vor allem die Propagandamacht der Konzerne

Auch aus diesem Artikel zu erkennen. Dabei ist wirtschaftwissenschaftlich längst belegt dass das hier betriebene "Rent-seeking" gesamtwirtschaftlich dysfunktional ist und nur der Vermögensmaximierung einer verschwindenden Minderheit dient. Mangels einer demokratisch wirksamen Medienlandschaft werden sie damit Erfolg haben und Wirtschaft und Demokratie im Sinne des Gemeinwohls sukzessive zerstören. Klima und Umwelt sowieso. Außer die 99% Mehrheit lernt sich zu wehren.


Quote
mx_

Verluste verstaatlichen
Gewinne privatisieren.
Was ist daran neu?


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« Reply #1285 on: May 09, 2022, 08:36:03 PM »

Quote
[...] Oliver Schröm
@OliverSchroem

 Es war die Recherche von mir, @CSalewski
 & @FelixRohrbeck
 vor der @DIEZEIT
-Herausgeber Josef „Joe“ Joffe seinen befreundeten #CumEx-Bankier Max Warburg gewarnt hat. @derspiegel
 zitiert daraus nur unvollständig. Daher hier der ganze Brief & einige Hintergründe ...

...

11:06 vorm. · 9. Mai 2022


https://twitter.com/OliverSchroem/status/1523590106224898054

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Quote
[...] Der »Zeit«-Mitherausgeber Josef Joffe hat die Hamburger Privatbank Warburg vorab vor kritischer Berichterstattung der Wochenzeitung zum sogenannten Cum-ex-Skandal gewarnt. Das geht aus einem persönlichen Brief hervor, den Joffe im Januar 2017 an Max Warburg schrieb, den Miteigentümer der Bank.

Anlass für den Brief war offenbar eine Beschwerde des Bankers über einen »Zeit«-Artikel aus dem November 2016 [https://www.zeit.de/2016/48/hamburg-privatbank-warburg-cum-ex-geschaeft], in dem es um die umstrittenen Steuertricks des Bankhauses ging. Joffe hebt in dem Brief hervor, er habe sich um »Schadensbegrenzung« für Warburg bemüht: »Ich habe Dich gewarnt, was in der Pipeline steckte«, so Joffe wörtlich.

Seiner »Intervention« sei es zu verdanken gewesen, dass der Artikel »geschoben wurde und die Bank Gelegenheit erhielt, Widerrede zu leisten«. Joffe erinnert zudem daran, dass er den Banker »angefleht« habe, wegen der Vorwürfe »eine exzellente PR Agentur« zu engagieren. Beide Männer verband eine lange Freundschaft.

Auf SPIEGEL-Anfrage bestritt Joffe, Einfluss auf die Berichterstattung genommen zu haben. Er habe der Redaktion lediglich geraten, »der Warburg Bank eine Gelegenheit zu geben, sich zu äußern«. Zugleich habe er Max Warburg animiert, »mit unseren Reportern zu reden«. Die Veröffentlichung sei deshalb um etwa eine Woche verschoben worden.

Nach Joffes Darstellung habe er den Brief geschrieben, weil Max Warburg die Freundschaft beendet hatte. Eine »Zeit«-Sprecherin erklärte auf Anfrage ebenfalls, der Herausgeber habe keinen Einfluss auf die Berichterstattung genommen.

Die Warburg Bank hatte sich im Rahmen der Cum-ex-Praxis zu Unrecht Steuern erstatten lassen. Die Bank bestreitet bis heute Straftaten. Der Bundesgerichtshof entschied indes im vorigen Jahr, die Cum-ex-Praxis sei grundsätzlich illegal. Sie war jahrelang in der Finanzszene verbreitet und brachte den Staat um Milliarden.

Zwei ehemals hochrangige Warburg-Banker wurden inzwischen zu mehrjährigen Freiheitsstrafen verurteilt. Im Hamburger Rathaus will ein Untersuchungsausschuss klären, ob die Stadt die alteingesessene Bank zeitweise zu Unrecht schonte. An diesem Freitag muss der Hamburger Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) als Zeuge aussagen.



Aus: "»Zeit«-Herausgeber warnte befreundeten Banker" Ansgar Siemens (06.05.2022)
Quelle: https://www.spiegel.de/panorama/zeit-herausgeber-josef-joffe-warnte-befreundeten-banker-vor-kritischem-bericht-zum-cum-ex-skandal-a-2594d6ec-bff5-46a2-802b-6b04d6fe2643

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Schöner Einblick in die Welt der ehrbaren hanseatischen Kaufleute.


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Ja,Ja, die "Zeit",moralisch mit der süddeutschen die höchste Instanz in diesem unserem Lande, aber es kann (muss) auch Ausnahmen geben.
Da ist dann das Hemd doch näher wie die Hose.


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Sowohl Joffe als auch Warburg sind beides schwerreiche Leute. Da gibt es keinen Interessenkonflikt, beide haben die gleichen.


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Burkhardt

Dieser Skandal war dem Bundesfinanzministerium seit 2002 bekannt. Seit 2018 lagen der Öffentlichkeit Berge an Beweisen vor. Der Spiegel veröffentlichte am 19.10.2018 den Artikel "Banker haben uns 55 Milliarden Euro gestohlen – was dahinter steckt". Es war alles bekannt - und niemand, kein Finanzminister des Bundes unternahm etwas. Das waren

- von 2002 bis 2005 = Hans Eichel, SPD
- von 2005 bis 2009 = Peer Steinbrück, SPD
- von 2009 bis 2017 = Wolfgang Schäuble, CDU
- Okt. 2017 - März 2018 = Peter Altmaier. CDU (kommissarisch)
- 2018 - 2021 = Olaf Scholz, SPD.

Jetzt sich nur auf Scholz zu beschränken erscheint etwas .... lächerlich.
Liest man sich diesen Skandal in der Zusammenfassung bei Wikipedia durch (="Dividendenstripping") muss man feststellen, dass spätestens 2011, als die großen Banken wie HypoVereinsbank, Deutsche Bank, HSH Nordbank, Citi Deutschland und möglicherweise weitere Kreditinstitute in den Fokus der Steuerbehörden kamen, die Staatsanwaltschaften 2013 in einer konzentrierten Aktion 130 Büros durchsuchten hätte der damalige Finanzminister aktiv werden müssen.

Und warum wurde er nicht?


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... Das ist unsere ....... Oberschicht..........! ...


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Männerfreundschaft eben! ;-)


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Was so nebenbei auch einiges über die "Unabhängigkeit" der Chefredaktion der "Zeit" offenbart.


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... Man hält halt gegen die Plebs zusammen, so kommt wechselseitig immer etwas für alle Beteiligten dabei rum. ...


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... Statt knallhartem Cum-Ex-EnthüllungsJournalismus butterweiches Gemauschel zur Schadensbegrenzung. ...


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" ...Die Bank bestreitet bis heute Straftaten. ..."


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... Das zerreißt am Ende die Gesellschaft. ...


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Mich wundert nur das Herr Joffe sowenig Einfluss genommen hat. Aber seine Vorzüge hatte ja die Anstalt 2014 schon hervorgehoben. ;)


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... Die enge Verflechtung von H.finanz und Presse ist aber nur eine V- Theorie...


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« Last Edit: May 09, 2022, 08:44:56 PM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #1286 on: May 11, 2022, 01:23:28 PM »

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[...] Bern – Das Parlament in Bern hat am Dienstag entschieden, dass es für potenziell Betroffene einfacher wird, eine missliebige Publikation zu verhindern. Dies gegen den Willen der Regierung und der gesamten Schweizer Medienbranche: Verleger, Medienschaffende, das öffentlich-rechtliche Medienhaus SRG und der Schweizer Presserat hatten in einer gemeinsamen Mitteilung vergeblich vor einem drohenden Abbau der Medienfreiheit gewarnt. "Die Änderung öffnet Tür und Tor für das vorschnelle Stoppen missliebiger, kritischer Recherchen", heißt es in der Mitteilung.

Die Mehrheit des Nationalrats, die den Vorschlag am Dienstag mit 99 zu 81 Stimmen genehmigte, sah es aber anders. So sagte die liberale Abgeordnete Patricia von Falkenstein: "Das ist keine Zensur. Es geht darum, dass Menschen oder Unternehmen besser geschützt werden vor widerrechtlichen Angriffen auf ihre Persönlichkeitsrechte."

Bereits vergangene Woche hatte es eine Kommission des Schweizer Parlaments abgelehnt, das Bankengesetz zu entschärfen. Gemäß dem heute geltenden Gesetz drohen Medienschaffenden bis zu drei Jahre Gefängnis, wenn sie vertrauliche Bankdaten publizieren.

Dieser "Maulkorbparagraf" wird auch international kritisiert, so etwa von der Uno-Berichterstatterin für Pressefreiheit, Irene Khan. "Das Gesetz ist ein Beispiel für die Kriminalisierung von Journalismus. Das ist normalerweise ein Problem in autoritären Staaten", sagte Khan in den Tamedia-Zeitungen. Solche Strafandrohungen würden Medienschaffende zu Selbstzensur verleiten.

Dass dies keine bloße Vermutung ist, zeigte sich diesen Frühling, als die Zeitungen des Schweizer Tamedia-Verlages, die sich sonst regelmäßig an internationalen Netzwerkrecherchen beteiligen, an der Publikation der sogenannten Suisse Secrets nicht mitwirkten. Dabei ging es um Enthüllungen über problematische Kunden der Großbank Credit Suisse – brutale Machthaber, korrupte Politiker, Kriegsverbrecher und andere Kriminelle. (Klaus Bonanomi aus Bern, 10.5.2022)


Aus: "Bern - "Maulkorbparagraf": Schweizer Parlament schränkt Pressefreiheit ein" (10. Mai 2022)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000135598254/maulkorbparagraf-schweizer-parlament-schraenkt-pressefreiheit-ein

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WWH

Geld wirkt ...

Diese Entscheidung des Schweizer Parlaments ist ein Keulenschlag gegen die kritischen Medien und macht deutlich, was den Parlamentarier/inne/n wichtig ist: Geld!!


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« Reply #1287 on: May 12, 2022, 11:48:09 AM »

Vorwiegend in wirtschaftlich und sozial prekären Gebieten greifen Amerikanerinnen und Amerikaner vermehrt auf Opioide zurück ...

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[...] In den Vereinigten Staaten sind im vergangenen Jahr mehr als 107.000 Menschen infolge ihres Drogenkonsums gestorben – ein Höchstwert, der einer tödlichen Überdosis etwa alle fünf Minuten entspricht. Laut den Angaben der Gesundheitsbehörde CDC kommen 107.622 Drogentote auf gut 330 Millionen Einwohner. Im Vergleich zum Vorjahr nahm die Zahl um fast 15 Prozent zu.

Seit Jahren leiden die USA unter einer Drogenepidemie, die sich insbesondere auf Opioide zurückführen lässt. Laut dem National Center for Drug Abuse Statistics sind Betäubungsmittel für mehr als zwei Drittel aller Drogentoten verantwortlich. Vorwiegend in wirtschaftlich und sozial prekären Gebieten greifen Amerikanerinnen und Amerikaner vermehrt auf Opioide zurück, die teils illegal sind, teils aber von Ärztinnen verschrieben werden. Zu den Drogen, welche die CDC aufführt, gehören Heroin und Schmerzmittel wie Codein und Morphium.

Die Corona-Krise hat die Drogenepidemie noch einmal verschärft: Im Vergleich zu 2019 stieg die Zahl der Toten um fast 50 Prozent. Seit 2001 sind damit mehr als eine Million Amerikaner an Drogenüberdosen gestorben. Erst im vergangenen Monat hat die Regierung von US-Präsident Joe Biden eine nationale Drogenkontrollstrategie vorgestellt, mit der sie dem Problem entgegenwirken will.

Der Direktor der Nationalen Drogenkontrollpolitik im Weißen Haus, Rahul Gupta, nannte die Todeszahlen "nicht hinnehmbar". Im vergangenen November hat die CDC mitgeteilt, dass die USA erstmals in einem Zeitraum von zwölf Monaten die Marke von 100.000 Drogentoten überschritten hatten: Von Mai 2020 bis einschließlich April 2021 hat die Behörde 100.306 Überdosistote registriert.


Aus: "Opioidkrise: USA melden mehr als 107.000 Drogentote im Jahr 2021" (12. Mai 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2022-05/drogentote-usa-2021-gestiegen-betaeubungsmittel

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aderz #2

Der War On Drugs scheint einwandfrei zu funktionieren. Chapeau!


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Parlez-Vous-Kung-Fu #2.1

Für die Pharma-, die Security- & die Gefängnisindustrie lohnt sich dieser Krieg auf jeden Fall.


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ITBungler #2.2

Klar tut er das, wenn man sich die eigentliche Motivation dahinter ansieht.


„Die Nixon-Kampagne 1968 und die folgende Regierung hatten zwei Feinde: Die linken Kriegsgegner und die Schwarzen. Verstehen Sie, was ich damit sagen will? Wir wussten, dass wir es nicht verbieten konnten, gegen den Krieg oder schwarz zu sein, aber dadurch, dass wir die Öffentlichkeit dazu brachten, die Hippies mit Marihuana und die Schwarzen mit Heroin zu assoziieren und beides heftig bestraften, konnten wir diese Gruppen diskreditieren. Wir konnten ihre Anführer verhaften, ihre Wohnungen durchsuchen, ihre Versammlungen beenden und sie so Abend für Abend in den Nachrichten verunglimpfen. Wussten wir, dass wir über die Drogen gelogen haben? Natürlich wussten wir das!“
https://de.wikipedia.org/wiki/John_Ehrlichman#%E2%80%9EWar_On_Drugs%E2%80%9C

" ... Das Drogenverbot ist schon nützlich. Es ermöglicht dem Staat eine Kontrolle der Innenwelt der Bürger: Blutuntersuchungen, Urinkontrollen et cetera. Bevor der Terrorismus kam, war das Drogenproblem ein wunderbarer Hebel, mit dem man bestimmte Strafverfolgungstechniken immens intensivieren konnte. Das hat die Aufrüstung der Polizei unheimlich gefördert. ..."
https://taz.de/Kampf-gegen-die-Drogenprohibition/!5033347/


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KetaEnte #2.3

„Für die Pharma-, die Security- & die Gefängnisindustrie lohnt sich dieser Krieg auf jeden Fall.“

Sie haben die Gangs, Mafia und Kartelle vergessen, ohne die Prohibition, wären die alle Pleite.


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ITBungler #2.4

Sie haben noch die Politik vergessen....


SPIEGEL: Da der jahrzehntelange Krieg gegen die Drogen keine sichtbaren Erfolge gebracht hat, liegt die Annahme nahe, daß starke Kräfte auf und hinter der politischen Szene Geld und Einfluß geltend machen, um die Erfolge weiterhin zu verhindern.

Milton Friedman (Friedman, Verfechter einer radikal liberalen Markttheorie, streitet seit Jahren für eine völlige Freigabe aller Rauschgifte: Durch staatliche Eingriffe werde nur ein Drogenmarkt mit Wucherpreisen geschaffen, der die Entstehung von Verbrecher-Syndikaten begünstige): Es besteht jeder erdenkliche Grund zu der Annahme, daß die Leute, die ihr Geld auf dem Drogenmarkt verdienen, alles daransetzen, ihre Einnahmequelle zu sichern. Das ist kein Beispiel für eine Verschwörungstheorie, sondern absehbares Verhalten von Mitgliedern eines Industriezweigs. Da verhalten sich die Drogenbarone nicht anders als die Automobiltycoone.

SPIEGEL: Von einer Legalisierung betroffen wären aber auch die aufgeblähten Drogenverfolgungsbehörden?

FRIEDMAN: Verfolger und Verfolgte im Drogenkrieg haben in gewisser Weise ein gemeinsames Interesse. Den Verfolgten, den Drogenlieferanten und Vertreibern der Drogen sichert die Prohibition ein gutes Auskommen. Das gilt auch für die Verfolger. Ihre Etats werden laufend aufgestockt, die Gehälter erhöht, Ruhm und gute Karrieren sind ihnen sicher.


Aus: »Der Drogenkrieg ist verloren«
29.03.1992, 13.00 Uhr • aus DER SPIEGEL 14/1992
https://www.spiegel.de/politik/der-drogenkrieg-ist-verloren-a-dc635d59-0002-0001-0000-000013682584


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Parlez-Vous-Kung-Fu #2.5

Entgegen der landläufigen Meinung führen Mitglieder von Straßengangs kein gutes Leben.
Auch können sie aus den Profiten keinen dauerhaften Nutzen ziehen.


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« Last Edit: May 12, 2022, 11:50:33 AM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #1288 on: May 17, 2022, 10:56:31 AM »

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[...] Der Ostbeauftragte Carsten Schneider hat jüngst einen Vorschlag gemacht, der durchaus verlockend klingt. Schneider warb für ein sogenanntes Grunderbe. Die Idee ist einfach: Der Staat schenkt allen Staatsbürger:innen zum 18. Geburtstag 20.000 Euro. Das Geld könnten junge Erwachsene zum Beispiel in ihre Ausbildung stecken. Sie könnten Unternehmen gründen, sich weiterbilden oder ein Vermögen aufbauen. Das Ziel: mehr Chancengleichheit. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat berechnet, dass die Einführung eines solchen Grunderbes – und die Finanzierung durch eine Vermögenssteuer – die Vermögensungleichheit im Land abmildern könnte.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Es reicht nicht aus, allein auf die Zahlen zu schauen. Denn die Idee hat einen massiven Haken: Sie verkennt oder ignoriert die Mechanismen, die Ungleichheit langfristig festschreiben – und die Wirklichkeit von Armut.

Ein Grunderbe dürfte in erster Linie für ein Lächeln auf den Lippen von Mittelschichtskindern sorgen, die sich endlich ein eigenes Vermögen aufbauen können. Das ist auch nachvollziehbar, aber Armut fängt nicht erst mit der Volljährigkeit an. Wenn die einen lernen, sich mit eleganten Begriffen, Tischmanieren und einem fein verzierten Lebenslauf zu schmücken, lernen die anderen, arm zu sein.

20.000 Euro zum 18. Geburtstag kommen zu spät, um die langfristigen sozialen Folgen wie Geburtstagskerzen auszupusten. Armut ist nicht einfach nur ein Mangel an Geld. Armut ist eine Fülle an Erfahrungen, Ausgrenzungen, erzwungenen Entscheidungen und antrainierten Verhaltensweisen, die schon früh einen Keil zwischen Betroffene und den Rest der Gesellschaft treiben. Und dieser Keil verschwindet nicht einfach durch ein Grunderbe.

Armut in der Jugend heißt, keinen Kopf für die Englischprüfungen zu haben, weil zu Hause das Geld für die Heizung fehlt – und deshalb den Sprung aufs Gymnasium zu verpassen. Armut heißt, in der Schule "Ich habe keinen Hunger" zu sagen, weil die Kohle für die Mensa fehlt. Armut heißt Sommerferien am Fließband anstelle eines ersten Praktikums, weil Mama und Papa keine Connections haben und ein unterbezahlter Ausflug in die Welt der Selbstverwirklichung einfach nicht drin ist.

Armut heißt, von Kindheitstagen an als Projektionsfläche für die Vorurteile der anderen zu dienen. Armut heißt, von Anfang an die Augen als Bittsteller immer auf den Boden zu richten und sich permanent für die eigene Existenz rechtfertigen zu müssen. Armut heißt auch, nicht als vollwertiger Mensch – und als gleichberechtigter Teil der Gesellschaft – akzeptiert, sondern im besten Fall geduldet zu werden.

Und Armut heißt Angst. Genauer gesagt: Armut ist Angst. Angst, gekleidet in Preisschilder, Kontoauszüge, Kalenderblätter, Routineuntersuchungen, Alleinsein, Merkblätter und Ausfüllhinweise. Diese Angst geht Hand in Hand mit Gewalt. Gewalt, verschleiert in erzwungenen Entblößungen beim Amt, stumme Blicke und abschätzige Gesten.

Das Gerede von Ungleichheit maskiert diese Erfahrungen viel zu oft und macht sie unsichtbar. Kindheit und Jugend entscheiden darüber, wer in welche Schule einsortiert wird, wie viel kulturelles und soziales Kapital wir anhäufen können und welche Zukunft überhaupt denkbar ist. Es sind diese Jahre, die den Grundstein für die Kluft legen, die später kaum überwindbar zwischen den Klassen klafft. All das lässt sich nicht einfach mit 20.000 Euro zum 18. Geburtstag korrigieren. Die eigene soziale Herkunft ist kein Kleidungsstück, das man von heute auf morgen einfach ablegen kann.

Der US-Bürgerrechtsanwalt Bryan Stevenson sagte einmal, das Gegenteil von Armut sei nicht Reichtum, sondern Gerechtigkeit. Wie aber könnte die aussehen? Nun, gegen Armut hilft vor allem eines: Geld. Insofern ist die Idee hinter dem Grunderbe gar nicht verkehrt. 20.000 Euro zur Volljährigkeit aufs Konto wären definitiv ein Anfang – und würden vielen jungen Menschen das Leben erleichtern. Auch jenen, die von Armut betroffen sind. Ihnen könnte das Geld ermöglichen, überhaupt von zu Hause auszuziehen, um zu studieren oder eine Ausbildung an einem anderen Ort zu beginnen. Auch das unbezahlte Praktikum oder ein Auslandssemester wären möglich. Und wer das Geld richtig anlegt, kann sich vielleicht sogar kleine Rücklagen aufbauen. 

Aber: Das Grunderbe soll nicht einfach als Überweisung auf dem Konto auftauchen. Es soll – wie auch immer das in der Praxis aussieht – zweckgebunden funktionieren und dem Vermögensaufbau oder der eigenen Ausbildung dienen. Auch hier gilt wieder: Wer aus einem nachmittagsbesonnten Altbau-Akademiker-Haus kommt, der bringt einen Startvorteil mit; hat wahrscheinlich schon ein Aktiendepot und kann die Vermögensberaterin der Eltern noch schnell um Rat fragen. Wem das alles fehlt, der muss es sich selbst erarbeiten. Und darf sich am Ende, falls der soziale Aufstieg auch mit Grunderbe nicht funktioniert, wahrscheinlich noch anhören, er sei selbst schuld.   

Das heißt: An der strukturellen Ungleichheit dürfte sich wenig ändern: Der Abstand zwischen den Klassen bleibt gleich.

Deshalb müsste man die Idee weiterdenken: Warum das Grunderbe nicht auf jene beschränken, die es auch tatsächlich brauchen? Und wieso sollte der Staat einen solchen Batzen Geld nicht direkt bei Geburt auszahlen? Und später, zum 18. Geburtstag, noch einmal nachlegen. Das würde Ungleichheit von Anfang an bekämpfen. Das Geld dafür wäre da. In Deutschland wird jede Minute rund eine halbe Million Euro vererbt. Dieses Vermögen müsste bloß vernünftig besteuert werden.

Um aber wirklich an einer gerechten Gesellschaft zu arbeiten, braucht es weitere Maßnahmen: ein Bildungssystem, das einen Teil der Gesellschaft nicht schon nach vier Jahren aussortiert. Eine Grundsicherung, die ihren Namen verdient – und nicht davon ausgeht, dass vier Euro für Essen pro Tag ausreichen. Und Gesetze, die für bezahlbaren Wohnraum sorgen. Zusammen mit einem ordentlich ausgearbeiteten Grunderbe wären das gezielte Maßnahmen, die die Kluft zwischen den Klassen tatsächlich verringern könnten – von Beginn an. 


Aus: "Grunderbe: Reichtum ist nicht das Gegenteil von Armut" Ein Kommentar von Benjamin Hindrichs (17. Mai 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/campus/2022-05/grunderbe-deutschland-armut-ungleichheit

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DerBesteForist #3

Der Autor hat sicher in vielem Recht. Aber sehr unvollständig ist die Systemkritik, wenn sie denn intendiert war. Armut ist vor allem fehlendes Geld durch schlechte Löhne.
Gering gebildet, ohne Selbstvertrauen, das sind Menschen auch in der Vergangenheit gewesen, ohne Mini-und Dumpinglöhne. Daraus entsteht natürlich auch Angst.

Ansonsten ein Artikel voller Klischees über Arme und Wohlhabende. ...


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XUser #5

Arg polemisch der Artikel. Böse "Reiche", denen alles in den Schoß fällt.
Dem ist bei weitem nicht so. Es gibt nicht schwarz/weiß, sondern unzählige Grauschattierungen. ...


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Bunny Lebowski #6

Mit 18 hätte ich bestimmt nicht wenig dieses Geldes in Bier investiert...


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Schlaupilz #20

Interessante Ausführungen, die nicht unbedingt von der Hand zu weisen sind. Vor allem das negative Selbstwertgefühl, das sich von der Kindergartenzeit an, etabliert. Aber: der Sozialstaat hat mittlerweile eine Fülle von Fördermaßnahmen, gerade auch in der Schule und im Kindergarten! für arme, benachteiligte Kinder und Jugendliche geschaffen. Das kann man nicht einfach ignorieren. Schreibt eine Förderschullehrerin nach 35 jähriger Dienstzeit an Förder, - Haupt, - Grund, - und Gesamtschule.


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Gast98101-40213 #24

Statt Einmalzahlung zu einem Zeitpunkt,wo viele nicht damit umgehen können, brauchen wir weniger Spreizung der Einkommen bei Erwerbsarbeit

Das hilft gegen Armut

Zusätzlich mehr nicht finanzielle Förderung von Kindern, damit die Armutserfahrung nicht so tief eindringt


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clehmann #28

Die Ungerechtigkeit wird man nie abschaffen können, egal, wie der Staat sich bemüht. Man kann die Menschen nicht vor sämtlichen Folgen ihrer Entscheidungen schützen.
Ein "Grunderbe" bei der Geburt mag für Viele eine Hilfe sein, bei anderen wird es von den Eltern in die Trinkhalle getragen. Schon ist wieder eine neue Ungerechtigkeit geschaffen. ...


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« Reply #1289 on: May 18, 2022, 10:32:13 AM »

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[...] Wien – Manche Dinge dauern eben. Am 14. Februar 2022 hat der frühere Finanzminister Hans Jörg Schelling (ÖVP) eine Erklärung darüber abgegeben, wie im Jahr 2017 eine Bonusvereinbarung rund um die Abbag, die staatliche Abbaumanagementgesellschaft zur Abwicklung von umgefallenen Banken (Hypo Alpe Adria / Heta), zustande gekommen sei. Es geht um 1,5 Millionen Euro, die der frühere Abbag-Chef Michael Mendel erhalten hatte. Abgeschlossen wurde diese "Bonusvereinbarung" aber erst 2017, neun Monate nach seinem Abgang aus der Abbag. Unterschrieben hat diesen Vertrag sein Nachfolger, Bernhard Perner.

Eine "Genehmigung der fürstlichen Bonuszahlung durch den damals zuständigen Finanzminister Schelling" sei den U-Ausschuss-Akten nicht zu entnehmen, heißt es nun in einer parlamentarischen Anfrage der Grünen. Sie fassen die Ereignisse so zusammen: "20 Monate Geschäftsführertätigkeit (Mendels, Anm.), 1,5 Millionen Euro Extra-Bonus, nachträglich vereinbart und später genehmigt." All das in jenem Unternehmen, das 2020 laut Rechnungshofbericht in puncto Managerentlohnung auf Platz zwei aller staatlichen Gesellschaften gelandet ist.

Zwei Millionen gab die Abbag 2020 laut Rechnungshof für Managergehälter aus: 579.000 Euro davon gingen an Perner, der Rest eben an Ex-Chef Mendel. Sein Bonus wurde 2020 ausgezahlt. Der Rechnungshof behält sich laut den Grünen vor, diese Zahlung gesondert zu prüfen. Wohl auch deshalb wurde heuer im Februar eine Art nachträgliche Klarstellung versucht.

So besorgte sich die Abbag ein Gutachten über die Rechtmäßigkeit der Bonusvereinbarung und lieferte Erklärungen Schellings und des Abbag-Aufsichtsratschefs Wolfgang Nolz nach. Demnach habe Mendel einen "diskretionären Bonus" zugesagt bekommen. Dessen Höhe richtete sich nach dem Erfolg seiner Tätigkeit bei der Abwicklung der früheren Kärntner Landesbank (Heta) – der stand aber erst nach Mendels Ausscheiden aus der Abbag fest. 2020 bekam er die 1,5 Millionen überwiesen. Mendel dazu: "Der Bonus war strikt an den Erfolg der Republik aus der Heta-Abwicklung gebunden, ohne Erfolg hätte es auch keinen Bonus gegeben. Das war auch so mit Schelling und Perner vereinbart."

Dass Perner nicht allein, sondern in enger Absprache mit Schelling und dem Aufsichtsrat der Abbag gehandelt habe, soll unter anderem Schellings Niederschrift vom heurigen Februar belegen. "Allen Beteiligten" müsse klar gewesen sein, dass die Bonusvereinbarung von März 2017 dem "Willen des Alleingesellschafters der Abbag GmbH entsprochen habe", schrieb Schelling – also dem Willen der durch das Finanzministerium vertretenen Republik. Als der Ex-Finanzminister anderthalb Monate nach dieser Erklärung im U-Ausschuss geladen war, klang das aber wieder anders. "Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich das genehmigt habe", antwortete der Ex-Finanzminister laut Protokoll.

Für die Abgeordnete Nina Tomaselli (Grüne) eine "Schutzbehauptung", die sie in der ZiB2 "wenig glaubwürdig" nannte. Sie will in ihrer Anfrage nun wissen, wie das Finanzministerium in Schellings und Nolz’ Erklärungen involviert war und ob es Unterlagen gibt, die belegen, dass Schelling damals, 2017, eine nachträgliche Bonusvereinbarung in Auftrag gegeben hat. (Renate Graber, Fabian Schmid, 17.5.2022)


Aus: "Abbag: Erinnerungslücken um Bonus von 1,5 Millionen Euro in staatlichem Unternehmen" (17. Mai 2022)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000135815301/erinnerungsluecken-um-bonus-von-1-5-millionen-euro-in-staatlichem

https://www.derstandard.at/story/2000132703201/gruene-hinterfragen-staatliche-top-gagen-von-thomas-schmids-ex-vertrauten

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Der Herr Brain

... Ist doch völlig normal ohnehin so was, wer hatte das noch nie selbst in seinem Berufsleben bitte ?


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Marquis de Sade, La maison royale de Charenton

1,5mille Bonus für die Führung einer Abwicklungseinheit

ja, warum auch nicht? Nur so bekommt man doch die besten Köpfe, oder?


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« Reply #1290 on: June 05, 2022, 10:01:56 AM »

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[...] 1,7 Milliarden Euro Gewinn hat Deutschlands – und auch Berlins – größter Vermieter Vonovia im vergangenen Jahr erzielt. Das freute insbesondere die Aktionäre, die sich über eine Rekorddividende von insgesamt fast 1,3 Milliarden Euro freuen konnten. Umgerechnet auf die 565.000 Wohnungen, die der Konzern besitzt, zahlte je­de:r Mie­te­r:in monatlich 190 Euro direkt an die Aktionäre. Quasi zum Dank hat der Konzern nun Mieterhöhungen in Aussicht gestellt.

Begründet hat Vonovia-Chef Rolf Buch das Vorhaben mit der Inflation. Liege diese „dauerhaft bei vier Prozent“ – momentan ist es etwa doppelt so viel – „müssen Mieten dementsprechend ansteigen“, so Buch.

... Die Mieten müssen nicht wegen der Inflation steigen, sondern werden angehoben einzig aufgrund des Strebens des Konzerns nach Maximalprofit – wie es einem Börsenunternehmen inhärent ist. Man kann das mit einem Schulterzucken quittieren oder als Beweis dafür sehen, dass wichtige Lebensbereiche nicht dem Kapitalismus überlassen werden dürfen.

...


Aus: "Politisches Versagen und Mietenwahnsinn: Bitte nicht, liebe Konzerne" Kommentar von Erik Peter (5.6.2022)
Quelle: https://taz.de/Politisches-Versagen-und-Mietenwahnsinn/!5858861/

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« Reply #1291 on: June 07, 2022, 09:26:45 AM »

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[...] Stellen Sie sich vor, Ihr Arbeitgeber weiß zu jeder Zeit, wo Sie sich aufhalten. Er registriert, wie schnell oder langsam Sie Ihre Arbeit erledigen, Ob Sie Pausen machen oder wie genau Sie die Vorgaben einhalten. Und all diese Daten sammelt er – für unbestimmte Zeit.

Keine Dystopie. Sondern Alltag in der schönen neuen Arbeitswelt der Lieferdienste.

Der BigBrotherAward 2022 in der Kategorie Arbeitswelt geht deshalb an Lieferando und an die hinter diesem Firmennamen stehenden Unternehmen yd.yourdelivery GmbH und Takeway Express GmbH, beide ansässig in Berlin. Der Einfachheit halber werde ich im Folgenden von „Lieferando“ sprechen.

Lieferando erhält den BigBrotherAward 2022 für den Einsatz der Scoober-App, die eine umfassende Überwachung der für den Lieferdienst tätigen Fahrerinnen und Fahrer ermöglicht und die zugleich personenbezogene Daten an eine Reihe von Internet-Tracker weiterleitet.

Lieferando ist aus unserer Sicht nur die Spitze eines Eisbergs von Firmen aus der „Plattform-“ oder „Gig-Economy“, die eine Tätigkeit davon abhängig machen, dass Beschäftigte ihnen vielfältige persönliche Daten zur Verfügung stellen. In Deutschland beziehen inzwischen fast sechs Prozent der Erwerbstätigen zumindest einen Teil ihres Einkommens aus sogenannter Plattformarbeit. Beschäftigte, die nicht aus Spaß für Firmen wie Lieferando arbeiten, sondern weil sie ihren Lebensunterhalt verdienen müssen.

Die hinter Lieferando stehenden Unternehmen gehören zum börsennotierten holländischen Konzern Just Eat Takeaway.com N.V in Amsterdam. Die holländische Muttergesellschaft besitzt auch den Markennamen „Takeaway.com“, der in den App-Stores von Android und Apple als „Entwickler“ der Scoober-App genannt wird.

Die Verwendung dieser App ist Voraussetzung für eine Liefertätigkeit für Lieferando. Über diese App melden sich die Fahrerinnen und Fahrer „dienstbereit“. Ist dies geschehen, weist ihnen die Scoober-App über das Smartphone – ausgehend vom aktuellen Standort – automatisch Restaurants zu, bei denen Ware abzuholen ist. Sie zeigt die Adressen der Kundinnen und Kunden sowie den geplanten Lieferzeitpunkt an und registriert die erfolgte Übergabe der Bestellung. Diese Informationen sind für den Lieferprozess erforderlich – und nicht der Grund für den BigBrotherAward.

Mit der Auszeichnung würdigen wir vielmehr die Verarbeitung von weiteren personenbezogenen Daten über die Scoober-App, die für die Abwicklung einer Lieferung nicht erforderlich sind: Nach einer Recherche des Bayerischen Rundfunks aus dem vergangenen Jahr werden pro Lieferung 39 Einzeldaten erhoben und verarbeitet.2 Dazu gehört neben Hinweisen zur verspäteten Ankunft in Restaurants oder bei Kunden insbesondere die permanente Erfassung der aktuellen Standorte der Fahrerinnen und Fahrer mittels GPS-Tracking. Sie erfolgt alle 15 bis 20 Sekunden. Die persönlichen Standortdaten erhält Lieferando.

Anhand dieser GPS-Daten lässt sich ein umfassendes Bild des individuellen Arbeitsverhaltens gewinnen: Wer zu schnell oder zu langsam für Lieferando unterwegs ist, wer von vorgegebenen Routen abweicht (vielleicht, weil sie oder er einen besseren oder schlicht sichereren Weg kennt, der vielleicht einen Umweg bedeutet), wer verkehrt durch Einbahnstraßen fährt – oder scheinbar grundlos Pausen einlegt. Die übermittelten GPS-Daten werden auch nach der Übergabe der Bestellung weiter aufbewahrt, ohne dass dafür eine Notwendigkeit bestünde. Es gibt Hinweise darauf, dass Lieferando innerhalb eines Jahres für Vollzeitkräfte mehr als 100.000 Einzeldaten gesammelt hat.3

Der Landesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationssicherheit in Baden-Württemberg, der eine Kurzprüfung der Scoober-App durchgeführt hat, stellt dazu kurz und bündig fest: „Die äußerst engmaschige Überwachung des Nutzers (Übermittlung des GPS-Standorts ca. alle 15 bis 20 Sekunden an Scoober) ist eine nicht erforderliche und damit rechtswidrige Beschäftigtenüberwachung (nach § 26 Abs. 1 BDSG und Art. 88 DS-GVO)“.

Diese unzulässige GPS-Totalkontrolle der Fahrerinnen und Fahrer wäre schon Grund genug für den BigBrotherAward 2022 in der Kategorie Arbeitswelt. Wir verleihen den Preis an Lieferando aber auch deshalb, weil diese Software eine Reihe von Internet-Tracker mit personenbezogenen Daten versorgt. Dazu zählen:

    Google Analytics

    Google CrashLytics

    Google Firebase Analytics

    Google Tag Manager

    Instabug und

    Optimizely

Warum diese Weiterleitungen für die Durchführung einer Essenslieferung erforderlich sein sollen, wird den Beschäftigten nicht mitgeteilt. Der Datenschutzbeauftragte des Landes Baden-Württemberg hält dazu fest: „Das Nutzer-Tracking stellt sich mangels wirksamer Einwilligung und hinreichender Nutzerinformationen als rechtswidrig dar.“

Dem ist nichts hinzuzufügen.

...



Aus: "Arbeitswelt: Lieferando | BigBrotherAwards" (2022)
Quelle: https://bigbrotherawards.de/2022/arbeitswelt-lieferando
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« Reply #1292 on: June 09, 2022, 10:37:27 AM »

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[...] HAMBURG taz | Es gibt derzeit rund 13.000 Wohnungsnotfälle in Hamburg. Das vermeldet das „Hamburger Bündnis für eine neue soziale Wohnungspolitik“. Im Bündnis sind unter anderem die Diakonie und der Mieterverein „Mieter helfen Mietern“ vereint, die einen Neustart bei der Bekämpfung der Wohnungsnot vom Hamburger Senat fordern.

„Die Situation hat sich in den letzten Jahren verschlechtert“, sagt Stephan Nagel von der Diakonie. Mit den aktuell 13.000 Fällen, die dringend auf eine passende Wohnung warten, sei ein Allzeithoch erreicht.

Als dringend auf eine Wohnung angewiesen gelten Personen, die entweder eine barrierefreie Wohnung brauchen oder von Gewalt betroffen sind. Auch aus dem Gefängnis oder aus der Eingliederungs-, Behinderten- oder Jugendhilfe entlassene Menschen zählen zu dieser Gruppe.

Weil Armut sich in diesen Fällen als zusätzliche Belastung auswirkt, haben sie Schwierigkeiten, auf dem freien Wohnungsmarkt bezahlbaren Wohnraum zu finden. Deshalb erhalten sie einen Dringlichkeitsschein, damit ihnen die Fachstellen der Bezirksämter eine Wohnung vermitteln.

Nur bekommen sie dann nicht sofort eine neue Wohnung. Vor sechs Jahren betrug die Zahl der Wohnungsnotfälle in Hamburg noch etwa 8.000. Aus Sicht des Bündnisses reagiert die Politik auf diese gestiegene Zahl an vordringlich wohnungssuchende Menschen allerdings nur zögerlich. „Wir teilen dem Senat seit Jahren mit, dass er entschiedener handeln muss“, sagt Nagel. „Das Problem hat sich verstärkt und darauf muss der Senat reagieren.“

Die gestiegene Zahl von Wohnungsnotfällen sieht das Bündnis in einer fehlerhaften Wohnungsbaupolitik des Senats begründet. Um die Situation zu ändern, fordert das Bündnis, den Anteil der Sozialwohnungen bei Neubauten auf mindestens 50 Prozent zu erhöhen. Die Vorgabe der Stadt ist bislang, dass der Anteil von Sozialwohnungen 33 Prozent betragen muss.

Dabei wurde nach dem jüngsten Bericht über die fertiggestellten Neubauten deutlich, dass der Anteil der Sozialwohnungen gesunken ist. Waren 2020 3.472 öffentlich geförderte Wohnungen mit sozialer Mietpreis- und Belegungsbindung fertiggestellt worden, waren es 2021 nur noch 1.875 – das ergibt ein Minus von 45 Prozent.

Zudem verlangt das Bündnis, dass mehr Wohnungen explizit für Wohnungsnotfälle vorgesehen werden. Das städtische Wohnungsunternehmen Saga solle dafür jede zweite Neuvermietung an vordringlich wohnungssuchende Haushalte vergeben.

Die Forderung stützt sich darauf, dass der Senat seine selbst gesteckten Ziele zuletzt nicht erreicht hatte: So wollte die Stadt im vergangenen Jahr 300 Wohnungen für diese Personengruppe fertiggestellt haben. Tatsächlich waren es aber nur 101 Sozialwohnungen mit entsprechender Bindung.

Die Sozialbehörde verweist darauf, dass es ein umfangreiches Hilfsangebot für Betroffene gebe. Das Hilfesystem der Stadt setze an unterschiedlichen Stellen an. „Die Fachstellen unterstützen Menschen dabei, Kündigungen abzuwehren und die bestehende Wohnung zu sichern“, teilt die Sozialbehörde mit. Außerdem helfe sie bei anstehenden Wohnungsräumungen und in Fällen von Obdachlosigkeit bei der Suche nach einer neuen Bleibe. Zudem gehe nun das Housing-First-Projekt an den Start, bei dem 30 Wohnungen an obdachlose Menschen vermittelt werden.

Für das Bündnis greifen diese Ansätze allesamt zu kurz. Eine sinkende Zahl der Notfälle sei deshalb nicht in Sicht.


Aus: "Warten auf ein neues Zuhause in Hamburg: Höchststand bei Wohnungsnotfällen" Valeria Bajaña Bilbao (9. 6. 2022)
Quelle: https://taz.de/Warten-auf-ein-neues-Zuhause-in-Hamburg/!5856765/

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« Reply #1293 on: June 16, 2022, 09:12:59 AM »

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[...] Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) wehrt sich gegen die vom Haushaltsausschuss des Bundestages beschlossene Streichung seiner Altkanzler-Privilegien. In einem Schreiben an den Gremiumsvorsitzenden Helge Braun (CDU) forderte Schröders Anwalt, diesem einen „prüffähigen- und damit rechtsmittelfähigen Bescheid“ zuzustellen. Das Schreiben lag der Deutschen Presse-Agentur vor. Zuvor hatten das Nachrichtenportal „The Pioneer“, die „Bild“ und die „Süddeutsche Zeitung“ darüber berichtet.

In dem Schreiben heißt es, der Altkanzler habe „über die Medien“ erfahren, dass sein Büro „ruhend gestellt“ werden solle und „die dem Büro zugeordneten Stellen „abgewickelt“ werden sollen“. Und weiter: „Dieser Entscheidung liege die Feststellung zugrunde, dass er keine „fortwirkenden Verpflichtungen aus dem Amt“ mehr wahrnehme.“ Diese Feststellung werde nicht näher begründet.

„Dies mag daran liegen, dass für den Entzug dieser „Privilegien“ tatsächlich ein anderer Grund verantwortlich war und ist, der aber nicht weiter angesprochen werden sollte. Den „Gazetten“ ist aber auch nicht zu entnehmen, was der Haushaltsausschuss eigentlich unter den „fortwirkenden Verpflichtungen aus dem Amt“ versteht.“ Weiter heißt es: „Ein wie den Medien zu entnehmender Beschluss des Haushaltsausschusses ist evident rechts- und verfassungswidrig.“

Eine gerichtliche Klärung stehe „trotz der mittlerweile nicht mehr hinnehmbaren öffentlichen „Hetzjagd““ nicht „an vorderster Front“. Der Anwalt würde „sich über die Chance freuen, im Wege des Gesprächs eine für alle Seiten annehmbare Regelung „auf Augenhöhe“ erreichen zu können“.

Schröder, langjähriger Freund des russischen Präsidenten Wladimir Putin, stand wegen seiner Verbindungen nach Russland immer wieder unter Druck. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine nahm dieser weiter zu. Es wurden mehrere Anträge zum Parteiausschluss gestellt.

Mitte Mai hatte der Haushaltsausschuss für die Abwicklung des Altkanzler-Büros votiert. Für Personalausgaben in Schröders Büro waren im vergangenen Jahr mehr als 400.000 Euro aus der Staatskasse geflossen. Anrecht auf ein Ruhegehalt und auf Personenschutz hat der frühere Kanzler dem Ausschussbeschluss zufolge aber weiterhin. (dpa)


Aus: "Altkanzler-Privilegien gestrichen: Gerhard Schröder will Entzug seiner Büros nicht ungeprüft hinnehmen" (16.06.2022)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/altkanzler-privilegien-gestrichen-gerhard-schroeder-will-entzug-seiner-bueros-nicht-ungeprueft-hinnehmen/28429652.html
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« Reply #1294 on: June 16, 2022, 10:54:42 AM »

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[...] Die illegale Beschäftigung von zugewanderten Haushaltsarbeiterinnen wird seit Jahrzehnten geduldet und kann mittlerweile als Teil einer Mittelklassenormalität verstanden werden. Laut einer Analyse des Branchenradars hat sich 2018 jeder siebente österreichische Haushalt zumindest einmal Unterstützung von einer Reinigungshilfe geholt. In 97 Prozent der Fälle hat diese "schwarz" gearbeitet. Steuerhinterziehung oder geringe Steuermoral gilt als Kavaliersdelikt. Die Eurobarometer-Daten zeigen für 2014, dass nicht einmal zwei Drittel der Österreicherinnen und Österreicher Schwarzarbeit im Privathaushalt verwerflich finden.

Für die sprachlich und räumlich fragmentierten Arbeiterinnen bedeutet das, fremde Privaträume ohne Kündigungs- und Versicherungsschutz, bei schlechter Entlohnung, unsicherer Auftragslage, aufgesplitteten Arbeitszeiten, vielen Wegzeiten, wenig Pausen und in Perioden erzwungener Beschäftigungslosigkeit zu reinigen. Zusätzlich tragen Reinigungskräfte das Risiko der Illegalität sowie Gesundheits- und Sicherheitsrisiken, von Erkrankungen der Atemwege bis zu Belästigungen. Hinzu kommt, dass Haushaltsdienstleisterinnen im städtischen Umfeld vermehrt Aufträge über internetbasierte Vermittlungsplattformen erhalten, die von ihren Aufträgen mitfinanziert werden und ein sichtbares Konkurrenzverhältnis unter Arbeiterinnen schaffen. Dadurch erhöht sich der Druck, auch ungünstige "Gigs" anzunehmen, die Selbstbestimmung von Reinigungskräften wird eingeschränkt und der Warencharakter ihrer Arbeit befördert.

An Reinigungskräften zeigen sich lehrbuchmäßig geschlechtsspezifische, ethnisierte und klassenspezifische Verteilungen von Chancen und Risiken. Die irreguläre Beschäftigung in privaten Räumen ist für viele Migrantinnen kein berufliches Wunschziel, sondern Ergebnis von strukturellen Ungleichheitsverhältnissen – und oft der einzige Zugang zu bezahlter Arbeit.

... Getragen werden die Tätigkeiten überwiegend von migrierten Frauen, denen Rechte und Lohnzahlungen vorenthalten werden. Es ist Zeit für eine neue Bemessung und Verteilung dieser Arbeit. (Laura Wiesböck, 15.6.2022)


Aus: "Schmutzige Verhältnisse – who cares?" Kommentar der anderen Laura Wiesböck (15. Juni 2022)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000136569011/schmutzige-verhaeltnisse-who-cares

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bella_e_saggia

"Gesellschaftlich sollten wir uns die Frage stellen.."

Ich denke "wir" haben anderes zu tun, als geschwätzigen Moralistinnen aus dem Elfenbeinturm zu Diensten zu sein.


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betterknower

Wenig Anerkennung

man könnte ja ab und zu applaudieren. Darüber haben sich die Krankenpfleger auch riesig gefreut und sind heute noch dankbar....


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Susanneva

Ich habe als Schülerin und Studentin 7 Sommer lang für eine Reinigungsfirma gearbeitet: Büros, Stiegenhäuser und in Firmen putzen und am meisten gefürchtet, im Studentenheim. Seitdem habe ich tiefsten Respekt vor dieser Berufsgruppe. Es war durchaus eine "Schule fürs Leben".


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Mery

... die Arbeitszeiten für die Reinigungskräfte sind in der Tat abenteuerlich, aber es gibt auch andere Menschen die nachts arbeiten oder um 3-4 Früh aufstehen.
Soll die Krankenschwester vielleicht jetzt Nachtdienste verweigern ?


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Kaa2016

Veränderbar

Ich habe im Berufskontext die Geschäftsführerin einer großen Reinigungsfirma in Wien kennengelernt. Ihr ist es ein Anliegen, die Arbeitszeiten ihrer Mitarbeiterinnen in die Normalarbeitszeiten zu bringen. Sie bringt das Thema beim Erstgespräch mit der Führungsebene aufs Tapet. Warum? Weil auch diese Frauen oft Kinder haben, Betreuungspflichten etc... Denn welcher Kindergarten/welche Schule sperrt so früh auf, dass die Reinigungsfrau um 6 an ihrem Arbeitsplatz sein kann und unsichtbar unsere Büros reinigt? Damit wir White Collar people bloß nicht gestört werden...


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Aloe_Vera

Kann jetzt nur von meiner Firma berichten: Die Putzdamen bei uns machen einen super-entspannten Eindruck. Natürlich kommen sie in der Früh, einfach weil es idiotisch wäre, wenn bei Meetings in Büros nebenbei staubgesaugt würde. Das hat einfach was mit Praxis und Effizienz zu tun.


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anxiety is freedom

Wow. Nix verstanden.


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