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Author Topic: [Menschen in Schichten und Klassen... ]  (Read 401693 times)

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Textaris(txt*bot)

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #1120 on: October 26, 2020, 12:00:23 PM »

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[...]  (CNN) Stephen Reifenstein never imagined he'd find himself relying on the services of a food bank. He and his wife Kristina live with their two young children in Orange County, California -- one of the wealthiest areas in the nation. For nearly two decades, he worked in project control in the oil and energy sector. The job was comfortable, paying enough that the couple was recently able to purchase a home. Then, as the story goes for so many people, the pandemic hit.

On April 3, Reifenstein found himself out of a job. The business that his wife had started a few months earlier was on hold. All the while, the mortgage payments, the car payments and the utility bills kept coming. The couple found themselves quickly blowing through their savings and decided they had to find a way to cut costs somewhere.

So Reifenstein signed up to volunteer at the Second Harvest Food Bank, and started taking some food home at the end of his shifts.
"You never really think things like this will be needed for you," he said.

... About 10.5% of US households were food insecure -- meaning that they had limited or uncertain access to adequate food -- at some point in 2019, according to a report published by the US Department of Agriculture last month.

That number has more than doubled during the pandemic. On average, about 22.5% of households were food insecure each week from May 5 to July 21, according to an analysis by Northwestern University's Institute for Policy Research. For Black and Hispanic households, the rates have been much higher.

...


From: "As another wave of the pandemic approaches, the nation's food banks are being hit on three fronts" Harmeet Kaur, CNN (October 22, 2020)
Source: https://edition.cnn.com/2020/10/22/us/food-banks-brace-for-challenges-pandemic-trnd/index.html

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[...] Lotta Suter ist Mitbegründerin der Schweizer Wochenzeitung WOZ. Sie lebt seit 1997 als Korrespondentin in den USA

... Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf ist hoch. Das Vermögen der über 600 US-Milliardäre nimmt ständig zu. Aber andererseits erhält fast die Hälfte aller Werktätigen keine existenzsichernden Löhne. In den USA lebten schon vor Ausbruch der Corona-Pandemie viele Menschen wie in Entwicklungsländern: ohne sauberes Wasser, ohne sanitäre Einrichtungen und ohne die Gewissheit, am nächsten Tag noch ein Dach über dem Kopf zu haben.

Wer chronisch Not leidet, wer durch Krankheit, Armut oder andere widrige Lebensumstände belastet ist, wer sich also bereits in einer Ausnahmesituation befindet, den trifft eine Katastrophe wie der Corona-Ausbruch besonders hart. Wenige Wochen nach Beginn der Pandemie fehlte Millionen von US-AmerikanerInnen bereits das Nötigste zum Überleben. Die Essenausgabestellen, sogenannte food banks, waren vom Ansturm hungriger Familien überwältigt. Wer noch einen Job hatte, ging auch hustend zur Arbeit, weil es in den USA keine gesetzlich garantierten und damit bezahlten Krankheitstage gibt. Tausende starben deshalb am Covid-19-Virus, weil ihr lokales Gesundheitssystem zusammenbrach. „Es ist wie in einem Drittweltland. Das soziale Netz des Staates funktioniert nicht“, bewertete der US-Ökonom Joseph Stiglitz Ende April die Situation.

Man könnte meinen, dass ein Krankheitserreger, der alle treffen kann – sogar den Präsidenten der USA –, die sozialen Spannungen eigentlich nicht verschärft. Doch das Gegenteil ist der Fall: Das Virus hat die soziale Ungleichheit noch verstärkt. Während die US-Wirtschaft im Sommer den größten Einbruch seit den 1940er Jahren erlitt, verzeichneten Tech-Firmen wie Amazon, Facebook und Google Rekordgewinne. Amazon-Chef Jeff Bezos konnte sein Vermögen um ein Drittel vermehren. Er besitzt jetzt als erste Privatperson über 200 Milliarden Dollar.

Auf der anderen Seite sind in den USA Millionen Menschen neu unter das Existenzminimum gerutscht. Besonders schnell nimmt die Armut bei People of Color zu. Denn sie arbeiten überdurchschnittlich oft in Sektoren, die man nicht via Telekommunikation erledigen kann, sondern vor Ort ausüben muss. Diese Jobs sind von der Corona-Krise stark betroffen. Von denjenigen Angestellten, die pandemiebedingt ihre Stelle verloren haben, können 40 Prozent höchstens einen Monat von ihrem Ersparten leben.

Etwa ein Viertel der Bevölkerung ist auf Nahrungsbeihilfen von staatlicher, aber auch privater Seite angewiesen. Schon vor der Corona-Krise wurden in den USA jeden Tag rund 30 Millionen Gratismahlzeiten an knapp die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler an den öffentlichen Schulen ausgegeben. Für ein Drittel aller Erwachsenen ist es schwierig, die monatlichen Ausgaben für die Haushaltsführung aufzubringen. Viele US-AmerikanerInnen sind deshalb mit ihren Rechnungen im Verzug und schreiben Bittbriefe an die Vermieter ihrer Wohnung, an die Elektrizitätsunternehmen, an die private Wasserversorgung: Man möge ihnen bitte nicht den Strom und das Wasser abstellen oder sie mitten in der Pandemie aus der Wohnung werfen. In manchen Fällen wird ein Aufschub der Schulden gewährt – aber fast nie eine Entschuldung.

Im Frühsommer, auf dem ersten Höhepunkt der Krise, hatte der US-Kongress ein relativ großzügiges Hilfspaket von rund drei Billionen Dollar beschlossen. Doch das Geld ist längst ausgegeben. Die dazugehörenden Programme, etwa Krisenzulagen zum ohnehin minimalen Arbeitslosengeld oder ein Kündigungsschutz für zahlungsunfähige MieterInnen, sind abgelaufen. Aber die Krise ist immer noch da. Und mit ihr die Ungewissheit für die sozial Benachteiligten.

In 48 von 50 US-Bundesstaaten steigen zurzeit die Zahlen der Infizierten, der Hospitalisierten und auch der Corona-Toten. Zu Beginn des neuen Schuljahres Anfang September haben 1,1 Millionen Werktätige den US-Arbeitsmarkt verlassen, 800.000 davon waren Frauen. Daheim geblieben sind vor allem Mütter, die während der Corona-Krise nicht mehr durch die in den USA übliche Tagesschule oder die Kindertagesstätte entlastet werden. Die weibliche Erwerbstätigkeitsquote ist heute so niedrig wie vor 40 Jahren. Dieser Rückzug aus der Erwerbsarbeit wird langfristige Folgen für die Gleichberechtigung der Geschlechter und der ethnischen Minderheiten haben.

In der letzten großen Rezession während der Finanzkrise von 2008 verloren sowohl Wall-Street-Banker als auch Angestellte im Dienstleistungssektor ihren Job, was die geringer Verdienenden ohne finanzielle Reserven natürlich am härtesten traf. 2020 ist die Lage jedoch noch viel schlimmer. Auf dem bisherigen Höhepunkt der Krise im Juli verloren achtmal mehr Arbeitende in Niedriglohnsektoren ihre Stelle als SpitzenverdienerInnen. Am Ende des Sommers hatten sich die Schreibtischjobs, die Aktienkurse und die Immobilienwerte bereits wieder gut erholt. Schwarze Frauen hingegen konnten bisher nur ein Drittel der seit Frühjahr verlorenen Stellen zurückgewinnen. Wirtschaftsexperten sagen, dass viele Niedriglohnjobs für immer wegrationalisiert sind. Im Allgemeinen hat die Corona-Rezession diejenigen mit mittleren bis guten Einkommen nur leicht gestreift, die unten aber so schwer getroffen wie keine andere Wirtschaftskrise seit den 1930er Jahren. Das Coronavirus wirkt in den USA als Beschleuniger von sozialer Ungerechtigkeit.

Zu Beginn der Corona-Krise zeichnete der Publizist Indi Samarajiva, der in einer US-amerikanischen Vorstadt aufgewachsen ist und heute in Colombo in Sri Lanka lebt, eine fast schon prophetische Weltgesundheitskarte. Grün waren die Länder mit allgemein guter Gesundheitsvorsorge. Blau die mit einem allgemein zugänglichen, aber mangelhaften System. Gefährlich rot markierte er Länder mit einer profitorientierten medizinischen Versorgung, die sich nur Reiche leisten können. Gesundheitspolitisch seien die USA näher bei Subsahara-Afrika als bei Norwegen, schrieb Samarajiva: „Das Gesundheitswesen ist die neue Weltordnung, und die AmerikanerInnen leben nun in der Dritten Welt.“

Diese dramatische Entwicklung hat sich bereits in den 1970er Jahren angebahnt. Damals wurde der „Krieg gegen die Armut“ des demokratischen Präsidenten Lyndon B. Johnson durch den „Krieg gegen die Drogen“ des republikanischen Nachfolgers Richard Nixon abgelöst. Dies war die Wende von der Great Society, von progressiven sozialen Reformen, die den New Deal der 1930er Jahre von Franklin Roosevelt fortsetzen wollten, zum egoistischen Individualismus des freien Marktes. Von Anfang an stand der Multimilliardär Charles Koch an vorderster Front im Kampf gegen staatliche Institutionen, Umweltgesetze, Sozialhilfe und ähnliche Behinderungen des schrankenlosen Kapitalismus. Und er ist bis heute mit dabei. Seit der Wahl von Donald Trump unterstützt Koch tatkräftig die konservative Agenda, insbesondere die Neubesetzung des Obersten Gerichtshofs mit Figuren wie Neil Gorsuch und Brett Kavanaugh. Auch die neueste Kandidatin, die ultrakonservative Amy Coney Barrett, hat seine volle Unterstützung. Der Oberste Gerichtshof mit seinen RichterInnen auf Lebenszeit spielt eine wichtige Rolle bei der Deregulierung und rechtslibertären Neuorientierung des Landes.

2008 beschrieb der US-Ökonom James Galbraith das neoliberale Kernanliegen in seinem Buch Der geplünderte Staat so: Ziel der Konservativen in den USA sei es nicht, den freien Markt gegen den Staat auszuspielen, es gehe ihnen vielmehr darum, „die vorhandenen Strukturen der staatlichen Macht – die Institutionen, die während des New Deal geschaffen worden waren – in eine Maschine zur privaten Vermögensanhäufung und Machtsicherung zu verwandeln“.

Zehn Jahre später stellte ein anderer Wirtschaftswissenschaftler, der emeritierte MIT-Professor Peter Temin, fest, dass die USA nicht mehr ein Land sind, sondern zwei Länder mit ganz unterschiedlichen Ressourcen, Erwartungen und Entwicklungen. Etwa 20 Prozent der Bevölkerung leben im Wachstumssektor von Finanzen, Technologie und Elektronik. Diese gut gebildeten, sozial abgesicherten Leute haben Pläne für die Zukunft und beeinflussen die Politik. Nur selten kommen sie mit den 80 Prozent des Niedriglohnsektors in Kontakt, die mit Unsicherheit und Schulden leben, früher sterben und vollauf mit dem Überleben in der Gegenwart beschäftigt sind.

Temin kommt in seinem Buch The Vanishing Middle Class: Prejudice and Power in a Dual Economy zu dem Schluss, dass die USA, eines der reichsten Länder der Welt, mittlerweile die wirtschaftlichen und politischen Strukturen eines Entwicklungslandes aufweisen. Nicht nur die Brücken und Straßen seien am Zerfallen. Die Ähnlichkeit gehe tiefer. Temin bezeichnet die US-amerikanischen Verhältnisse als Dualwirtschaft. Mit diesem Modell hatte der Ökonom Arthur Lewis schon in den 1950er Jahren die Gleichzeitigkeit von gesamtgesellschaftlicher Unterentwicklung und sektoralem Wachstum in Entwicklungsländern untersucht. Temin zufolge treffen die Hauptpunkte auch auf die USA zu: Der Niedriglohnsektor hat wenig Einfluss auf die Politik. Der Hochlohnsektor will die Löhne in allen anderen Wirtschaftszweigen niedrig halten, um billige Arbeitskräfte rekrutieren zu können. Soziale Kontrolle wird in der dualen Wirtschaft eingesetzt, um den Niedriglohnsektor zu befrieden. Die USA tun das mit massenhaften und langen Freiheitsstrafen und – angesichts der „Black Lives Matter“-Proteste besonders aktuell – mit Polizeigewalt gegen all jene, die darauf bestehen, dass alle Menschen gleiche Rechte haben. Politische Entscheidungen haben weite Teile der USA zu einem Entwicklungsland gemacht. Politische Entscheidungen braucht es, um den Prozess rückgängig zu machen. ...


Aus: "Abstieg auf Raten" (Lotta Suter | Ausgabe 43/2020 )
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/abstieg-auf-raten

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Reinkarnation | Community

Sehr gute Zusammenfassung der Entwicklungen. Allerdings hat sich der wirtschaftliche Abstieg von immer mehr Menschen- gemessen an der Entwicklung der Reallöhne im historischen Vergleich sowie an den immer prekärer werdenden Verhältnissen auf dem Arbeitsmarkt- in den USA bereits schon in den späten Siebzigerjahren u. a. im industriellen Rust Belt abgezeichnet. Naomi Klein hat auf die dramatisch schlechter werdenden Verhältnisse für immer mehr Menschen im ach so viel gelobten US-Dienstleistungssektor Ende der Neunzigerjahre hingewiesen- ohne jedes messbare, politische Resultat. Man hat diese Entwicklungen einfach hin genommen und wohl darauf gehofft, dass die Verlierer der neoliberalen Revolution einfach die Füsse still halten und ihr Schicksal möglichst still und unhörbar ertragen.

Hillary Clinton hat anlässlich der Präsidentschaftswahlen am 9. Oktober 2016 noch die Katze aus dem Sack gelassen und offen ihre Verachtung für das neue Proletariat verkündet: „You know, to just be grossly generalistic, you could put half of Trump's supporters into what I call the basket of deplorables.“ Damit hat sie damals wohl recht genau das Gefühl des sozial hoch mobilen, gut gebildeten und verdienenden East- und Westcoast Milieus widergegeben. Diese Deklassierung einer ganzen Schicht in einem einzigen Satz hat ihr berechtigte Kritik von allen Seiten eingetragen: „The Trump phenomenon is in large part a reaction of Middle America to attacks on its values by intellectual and academic communities. There are other reasons, but this is a significant one.“, wie Henry Kissinger in einem Interview unmittelbar nach den Wahlen bemerkt hat.

Unvergessen in diesem Zusammenhang ist meiner Ansicht nach die Eröffnungsszene aus dem Film „Killing them Softly“ (USA 2012), die zynisch den glorreichen Einmarsch der Gladiatoren in die soziale und ökonomische Kampfzone symbolisieren soll- oder der Verlierer der Finanzkrise, wie sich herausstelt:

"Killing Them Softly - Opening Titles" (23.02.2020)
https://youtu.be/S7XABIzrA-E

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Gerd-Christian K. | Community

Gute Zusammenstellung. Alles nichts Neues, ob USA oder weltweit. Manche können es nicht mehr hören.
Vor der weiteren Diskussion, des Absturzes, der Revolte wurde Covid19 gesetzt. Kümmert euch um euer Wohlergehen, sonst Schnauze halten.


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Moorleiche | Community

Dass die Lebenserwartung in den USA seit einigen Jahren wieder sinkt, finde ich ebenfalls erwähnenswert. In der Regel wird vor allem die Opioidkrise in den USA dafür verantwortlich gemacht, aber die ist ja auch nicht aus dem Nichts gekommen, wie man im link https://de.wikipedia.org/wiki/Opioidkrise_in_den_USA lesen kann.


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Richard Zietz | Community

... Die Luft für Veränderungen ist in der Tat raus (übrigens nicht nur in den USA). Im Verein mit den Gußeisen-Steinreichen der Marke Koch haben Tea Party, AltRight & Trumpistas die Agenda-Uhr erfolgreich umgestellt – weg von New Deal, Sozialstaat & Liberalität, hin zum harten Ellbogenstaat, Minderheiten-Ausgrenzung und mittlerweile einer offen faschistischen Programmatik. ...


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« Reply #1121 on: October 27, 2020, 01:56:18 PM »

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[...] Viele der Beschäftigten, die im Pflegebereich, als Reinigungskräfte oder in der Gastronomie für niedrige Löhne arbeiten, haben keinen legalen Aufenthaltsstatus. Da diese Menschen der ständigen Gefahr ausgesetzt sind, von der Polizei aufgegriffen und abgeschoben zu werden, ist es für sie schwer, öffentlich für ihre Anliegen, wie beispielsweise eine gerechte Entlohnung, einzutreten. Vergangene Woche begann die Kampagne »Legalisierung jetzt!« des gleichnamigen Netzwerks, zu dem sich zahlreiche Migranten­organisationen zusammengeschlossen haben. Zentrale Forderung ist die bedingungslose Legalisierung aller in Deutschland undokumentiert Lebenden. In einem offenen Brief des Netzwerks betonen die Verfasserinnen und Verfasser, dass auch diesen Menschen umfassende Rechte zustünden. »Es fehlt der Zugang zum Gesundheitswesen, dem Wohnungsmarkt, dem Schulsystem, würdiger Arbeit und einem freien Leben«, heißt es in dem Brief. Illegalisierung und Kriminalisierung begünstigten die Ausbeutung im Dienstleistungsbereich, der Landwirtschaft und anderen Wirtschaftssektoren. Darüber hinaus verhinderten sie beispielsweise, dass undokumentiert lebende Frauen Vorfälle sexueller Gewalt anzeigen.

Die Gründe, aus denen Menschen ohne Bleiberecht in Deutschland leben, sind unterschiedlich. Einige von ihnen reisten ursprünglich als Touristinnen ein und beschlossen später, hier zu arbeiten, um ihre Angehörigen im Herkunftsland zu unterstützen. An­dere sind vor Verfolgung nach Deutschland geflohen, erhielten aber kein Asyl. Offizielle Angaben zur Anzahl der Menschen, die ohne Aufenthaltserlaubnis in Deutschland leben, gibt es nicht. Das Netzwerk »Legalisierung jetzt!« geht davon aus, dass es allein in Berlin zwischen 60 000 und 100 000 Menschen sind.

Bereits am 25. April hatte die Organisation »Respect«, die migrantische Frauen ohne Aufenthaltsstatus unterstützt und zu den Erstunterzeichnern des offenen Briefs gehört, einen digitalen Aktionstag für die Rechte von ­migrantischen Beschäftigen in der Hausarbeit organisiert. Auf der Web­site der Organisation berichteten in Deutschland lebende und arbeitende Frauen aus verschiedenen Ländern in Form von Text- und Audiobeiträgen über ihre Lebenssituation. »Wir gehen gerade alle durch einen sehr schwierigen ökonomischen Moment, denn wir leben von der täglichen Arbeit, um unser Zimmer zu bezahlen und um uns mit Essen zu versorgen und, in meinem Fall, auch um meine Tochter zu versorgen«, schreibt eine der betroffenen Frauen in einem Bericht, den die Organisation als Teil der digitalen Sammlung veröffentlicht hat. Da undokumentiert in Deutschland lebenden Menschen Geld- oder Freiheitsstrafen drohen, sind die Beiträge anonymisiert.

Llanquiray Painemal von der Organisation »Respect« betonte im Gespräch mit der Jungle World, die Legalisierungskampagne hätten Migrantinnen und Migranten, Betroffenenorganisationen und Geflüchteten selbst initiiert. Die Kampagne ist zunächst auf die Situation im Land Berlin ausgerichtet. In einer Stellungnahme zur Kampagne teilte der Pressesprecher des Berliner Innensenats, Tino Brabetz, allerdings mit, das Land Berlin sei gar nicht zuständig: »Die durch die Kampagne aufgestellten Maximalforderungen können in dieser Form nicht vom Land Berlin umgesetzt werden. Da das Aufenthaltsrecht Bundesrecht ist, das durch die Länder ausgeführt wird, bestehen hier schon aus rechtlicher Sicht keine Spielräume für eine Umsetzung der Forderungen«, heißt es in der Mit­teilung.

Hilfsangebote wie die sogenannte Clearingstelle der Berliner Stadtmission, die allen in Berlin lebenden Menschen, unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus, Zugang zu medizinischen Leistungen ermöglichen soll, beurteilt Painemal kritisch: »Das Prozedere ist sehr bürokratisch und schreckt die Menschen ab.« Es habe zudem keine Informationen gegeben, was illegalisierte Menschen tun sollen, falls sie den Verdacht haben, mit Sars-CoV-2 infiziert zu sei. »In unserer Arbeit zeigt sich immer wieder eine Kluft zwischen Theorie und Realität«, so Painemal. Das gelte auch für den langjährigen Kampf von »Re­spect«, migrantischen Beschäftigten ohne Bleiberecht eine Gewerkschaftsmitgliedschaft zu ermöglichen. Im Jahr 2013 verließ »Respect« den Arbeitskreis »Undokumentierte Arbeit« der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, den die Organisation knapp fünf Jahre zuvor initiiert hatte. In ihrer Begründung heißt es unter anderem, dass an dem Arbeitskreis keine Betroffenen ­beteiligt gewesen seien und dessen Struktur zum Ausschluss dieser Personen beitrage. Dennoch sei es zumindest gelungen, innerhalb der Gewerkschaft deutlich zu machen, dass mi­grantische Beschäftigte nicht als Konkurrenten deutscher Arbeitnehmer­innen und Arbeitnehmer verstanden werden dürften.


Aus: "Nicht auf dem Papier" Peter Nowak (22.10.2020)
Quelle: https://jungle.world/artikel/2020/43/nicht-auf-dem-papier
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« Reply #1122 on: October 29, 2020, 10:07:59 AM »

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[...] Im Jahr 2019 haben knapp 14 Prozent oder ein Siebtel aller Deutschen in Haushalten gelebt, die durch ihre Wohnkosten überbelastet waren. Das hat das statistische Bundesamt am Donnerstag mitgeteilt. Als überbelastet gilt, wer mehr als 40 Prozent des verfügbaren Einkommens für Wohnen ausgibt. Dabei ist es unerheblich, ob man zur Miete oder in einer gekauften Immobilie wohnt.

Die Quote der Überbelastung hat sich in den vergangenen Jahren in Deutschland leicht verringert. So waren im Jahr 2014 noch rund 16 Prozent der Bevölkerung durch ihre Wohnkosten überlastet.

Wie Zahlen der europäischen Statistikbehörde zeigen, liegt Deutschland mit seinen 14 Prozent Überbelastungsquote über dem EU-Schnitt. Das am meisten durch seine Wohnkosten überbelastete Land ist Griechenland, das am geringste belastete Zypern.

Im Durchschnitt wendeten die Menschen in Deutschland im Jahr 2019 rund 26 Prozent ihres verfügbaren Haushaltseinkommens für Miete und Nebenkosten beziehungsweise den Unterhalt ihres Wohneigentums auf.


Aus: "Statistisches Bundesamt: Ein Siebtel aller Deutschen ist mit den Wohnkosten überlastet" (29. Oktober 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2020-10/statistisches-bundesamt-wohnkosten-ueberlastung-haushalte-deutschland
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« Reply #1123 on: October 31, 2020, 01:43:23 PM »

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[...] Sind in Wirklichkeit wir die Zombies, die wir von Werbung und Influencern gesteuert mit unserem Konsum ein alles verschlingendes System am Laufen halten? Es ist eine des Öfteren ins Spiel gebrachte Lesart, die von der bekanntesten der Zombiegesten zumindest unterstützt wird. ...

Das an Sympathie grenzende Mitgefühl, das viele Filme ihren Zombiefiguren entgegenbringen, hat nicht nur damit zu tun, dass diese jahrzehntelang als torkelnde Jammergestalten inszeniert wurden, mit denen auch so mancher Spaß erlaubt ist, sondern auch damit, dass man sich [...] im Zombie als Kleinbürger sofort wiedererkennt.

Die unmittelbare Beziehung von Zombie und Kapital reicht im Kino indes weiter zurück, als es der moderne Untote bei Romero vermuten ließe. Als erster „echter“ Zombiefilm gilt der zahlreiche Nachfolger inspirierende Klassiker White Zombie von Victor Halperin aus dem Jahr 1932, mithin der Pre-Code-Ära. Belo Lugosi spielt darin einen weißen Plantagenbesitzer auf Haiti, der Einheimische in Zombies verwandelt, um sie als Arbeitssklaven in seiner Zuckermühle arbeiten zu lassen.

... Der Zombiefilm der Gegenwart kennt dagegen als Ursache für Zombifizierung nur noch die sich unkontrolliert verbreitende Pandemie, deren Ursachen ganz im Geist der Zeit liegen: Virusinfektionen, Artensterben, Klimakatastrophe, Biopolitik.

...


Aus: "Die Zombies sind wir" Michael Pekler (30.10.2020)
Quelle; https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/die-zombies-sind-wir
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« Reply #1124 on: November 03, 2020, 10:58:38 AM »

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[...] Die Deutsche Bank sucht Insidern zufolge nach einem Weg, um ihre Geschäftsbeziehungen mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump zu beenden. Die Bank sei es leid, deswegen immer wieder in die Schlagzeilen zu geraten, sagten drei hochrangige Manager der Nachrichtenagentur Reuters. In den vergangenen Monaten habe ein Managementausschuss, der sich unter anderem mit Reputationsrisiken beschäftigt, verschiedene Optionen diskutiert, sagten zwei der Insider der Nachrichtenagentur Reuters. Ein Vorschlag sei gewesen, die an Trump ausgereichten Kredite weiterzuverkaufen, um die Geschäftsbeziehungen mit dem Immobilienmogul zu beenden. Doch dieser Vorschlag habe nicht verfangen, unter anderem weil unklar sei, wer die Darlehen aufkaufen würde, sagte ein Insider. Die Deutsche Bank und das Weiße Haus lehnten eine Stellungnahme ab. Von Trumps Familienunternehmen, der Trump Organization, war ebenfalls keine Stellungnahme zu erhalten.

Die Deutsche Bank gehört zu den wichtigsten Kreditgebern von Trump. An sein Familienunternehmen Trump Organization hat das Institut aktuell noch rund 340 Millionen Dollar an Darlehen vergeben, wie ein Insider sagte. Diese Größenordnung geht
auch aus Dokumenten hervorgeht, die Trump im Juli beim Office of Government Ethics einreichte. Bei den insgesamt drei Krediten, die ab 2023 fällig werden, gebe es keinen Zahlungsverzug und Trump habe persönlich für deren Rückzahlung gebürgt, sagten
zwei Insider.

Der Immobilienmogul ist seit über zwei Jahrzehnten Kunde der Deutschen Bank. Mehr als zwei Milliarden Dollar an Krediten habe Trump seit Ende der 1990er-Jahre erhalten, sagte einer der Insider. Der prominente Kunde hat dem Geldhaus viele Negativschlagzeilen eingehandelt. Immer wieder verlangten die Demokraten im amerikanischen Kongress Auskünfte über die Geschäfte mit dem republikanischen Präsidenten, der diese unter Verweis auf die Gesetzeslage zurückwies.

Die demokratische Senatorin Elizabeth Warren, die die Deutsche Bank schon seit vielen Jahren wegen möglicher Geldwäsche-Verstößen im Visier hat, lässt nicht locker und will sich weiter für einen Untersuchungsausschuss im Kongress einsetzen. „Ich werde weiterkämpfen. Darauf können Sie wetten“, sagte Warren zu Reuters. Die Bankengesetze müssten durchgesetzt werden, besonders für riesige Institute wie die Deutsche Bank.

Wie es in der Trump-Saga weitergeht, wird entscheidend vom Ausgang der amerikanischen Wahlen abhängen. Sollte Trump verlieren und die Demokraten das Weiße Haus und den Kongress kontrollieren, dürften die Untersuchungen zu Trumps Finanzen Fahrt
aufnehmen. In so einer Situation hätte die Deutsche Bank aber auch mehr Freiraum, das Kreditthema anzugehen und ihre Geschäftsbeziehungen mit Trump zu beenden, sagten die Insider. Die Bank hoffe, damit etwas aus der Schusslinie der Untersuchungen zu geraten.

Die Kredite, die für Trumps Golfplatz in Miami und Hotels in Washington und Chicago vergeben wurden, seien so gestaltet, dass die Trump Organization bislang nur Zinsen zahlen muss, sagten zwei der Insider. Die Tilgung des Darlehens findet also
komplett am Ende der Laufzeit statt. Die Kredite werden 2023 und 2024 fällig, wie Dokumente zeigen. Die mit den Darlehen finanzierten Hotels und Golfclubs leiden unter der Corona-Krise, die Einnahmen sind wie in der gesamten Touristikbranche
eingebrochen. Trump hatte zudem geplant, auf Golfplätzen wie dem in Miami Hotels und Häuser zu bauen, und so zusätzliche Einnahmen zu erwirtschaften. Doch bislang ist daraus nichts geworden.

Die Deutsche Bank mache sich wegen der verbleibenden Zeit bis zur Fälligkeit der Kredite und Trumps persönlicher Bürgschaft keine allzu großen Sorgen, sagten die drei Insider. Aber Manager hätten verschiedene Szenarien durchgespielt. Sollte
Trump nicht mehr Präsident sein, wäre es aus Sicht der Deutschen Bank einfacher, auf der Rückzahlung der Kredite zu bestehen, die Zwangsvollstreckung einzuleiten, wenn Trump die Darlehen nicht zurückzahlen oder refinanzieren kann, oder sie zu
verkaufen, sagten zwei der Insider. Da Trump persönlich für die Kredite bürgt, könnten seine Vermögenswerte beschlagnahmt werden, wenn er sie nicht zurückzahlen kann. Sollte Trump aber wiedergewählt werden, hätte die Bank weniger Optionen, sagten die drei Insider. In diesem Fall würden die Darlehen wohl bis zum Ende von Trumps Amtszeit verlängert. Es scheint jedenfalls undenkbar, Vermögenswerte eines amtierenden amerikanischen Präsidenten zu beschlagnahmen - der öffentliche Aufschrei wäre enorm.


Aus: "Reputationsrisiko : Deutsche Bank will Beziehung zu Trump beenden" (03.11.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/finanzen/deutsche-bank-will-geschaeftsbeziehung-zu-trump-beenden-17033563.html

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« Reply #1125 on: November 17, 2020, 02:37:27 PM »

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[...] Frequent-flying “‘super emitters” who represent just 1% of the world’s population caused half of aviation’s carbon emissions in 2018, according to a study.

Airlines produced a billion tonnes of CO2 and benefited from a $100bn (£75bn) subsidy by not paying for the climate damage they caused, the researchers estimated. The analysis draws together data to give the clearest global picture of the impact of frequent fliers.

Only 11% of the world’s population took a flight in 2018 and 4% flew abroad. US air passengers have by far the biggest carbon footprint among rich countries. Its aviation emissions are bigger than the next 10 countries combined, including the UK, Japan, Germany and Australia, the study reports.

The researchers said the study showed that an elite group enjoying frequent flights had a big impact on the climate crisis that affected everyone.

They said the 50% drop in passenger numbers in 2020 during the coronavirus pandemic should be an opportunity to make the aviation industry fairer and more sustainable. This could be done by putting green conditions on the huge bailouts governments were giving the industry, as had happened in France.

Global aviation’s contribution to the climate crisis was growing fast before the Covid-19 pandemic, with emissions jumping by 32% from 2013-18. Flight numbers in 2020 have fallen by half but the industry expects to return to previous levels by 2024.

“If you want to resolve climate change and we need to redesign [aviation], then we should start at the top, where a few ‘super emitters’ contribute massively to global warming,” said Stefan Gössling at Linnaeus University in Sweden, who led the new study.

“The rich have had far too much freedom to design the planet according to their wishes. We should see the crisis as an opportunity to slim the air transport system.”

Dan Rutherford, at the International Council on Clean Transportation and not part of the research team, said the analysis raised the question of equality.

“The benefits of aviation are more inequitably shared across the world than probably any other major emission source,” he said. “So there’s a clear risk that the special treatment enjoyed by airlines just protects the economic interests of the globally wealthy.”

The frequent flyers identified in the study travelled about 35,000 miles (56,000km) a year, Gössling said, equivalent to three long-haul flights a year, one short-haul flight per month, or some combination of the two.

The research, published in the journal Global Environmental Change, collated a range of data and found large proportions of people in every country did not fly at all each year – 53% in the US, 65% in Germany and 66% in Taiwan. In the UK, separate data shows 48% of people did not fly abroad in 2018.

The analysis showed the US produced the most emissions among rich nations. China was the biggest among other countries but it does not make data available. However, Gössling thinks its aviation footprint is probably only a fifth of that of the US.

On average, North Americans flew 50 times more kilometres than Africans in 2018, 10 times more than those in the Asia-Pacific region and 7.5 times more than Latin Americans. Europeans and those in the Middle East flew 25 times further than Africans and five times more than Asians.

The data also showed a large growth in international flights from 1990-2017, with numbers tripling from Australia and doubling from the UK.

The researchers estimated the cost of the climate damage caused by aviation’s emissions at $100bn in 2018. The absence of payments to cover this damage “represents a major subsidy to the most affluent”, the researchers said. “This highlights the need to scrutinise the sector, and in particular the super emitters.”

The figure for the social cost of carbon emissions was actually a bit conservative, Rutherford said.

A levy on frequent fliers is one proposal to discourage flights. “Somebody will need to pay to decarbonise flight – why shouldn’t it be frequent flyers?” Rutherford said. But Gössling was less enthusiastic, pointing out that frequent flyers were usually very wealthy, meaning higher ticket prices may not deter them.

“Perhaps a more productive way is to ask airlines to increase the share of [low carbon] synthetic fuels mix every year up to 100% by 2050,” Gössling said. A mandate for sustainable aviation fuel starting in 2025 is backed by some in the industry.

A spokesman for the International Air Transport Association (Iata), which represents the world’s airlines, said: “The charge of elitism may have had some foundation in the 1950s and 1960s. But today air travel is a necessity for millions.”

He said the airline industry paid $94bn in direct taxes, such as income tax in 2019 and $42bn in indirect taxes such as VAT.

“We remain committed to our environmental goals,” the Iata spokesman said. “This year – in the teeth of the greatest crisis ever facing our industry – airlines agreed to explore pathways to how we could move to net zero emissions by around 2060.”

A key pillar of the industry’s plans is the carbon offsetting and reduction scheme for international aviation, produced by the UN’s air transport body. But this was heavily criticised in June when revisions were seen as watering down an already weak scheme, with experts estimating that airlines would not have to offset any emissions until 2024. “I think they have a zero interest in climate change,” Gössling said.

Other research by Gössling found that half of leisure flights were not considered important by the traveller. “A lot of travel is going on just because it’s cheap.”

He stopped flying for holidays in 1995 and more recently stopped going to academic conferences and taking long-haul flights. “I’m not saying I’ll never fly again. But if I can avoid it, I really, really try,” Gössling said.


Aus: "1% of people cause half of global aviation emissions – study" Damian Carrington Environment editor (Tue 17 Nov 2020)
Quelle: https://www.theguardian.com/business/2020/nov/17/people-cause-global-aviation-emissions-study-covid-19

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« Reply #1126 on: November 20, 2020, 02:24:06 PM »

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[...] Im Fall der mysteriösen Spende zugunsten von Alice Weidels Wahlkreis am Bodensee führen Recherchen ins Umfeld von Henning Conle, Erbe des LTU-Gründers und Immobilienhändler.

Erst sollte eine Schweizer Pharmafirma namens PWS dem Wahlkreis von AfD-Fraktionschefin Alice Weidel 132.000 Euro für ihren Wahlkampf gespendet haben. Dann tauchte eine angebliche Spenderliste auf mit 14 Namen von angeblichen Geldgebern. Tatsächlich waren es aber Strohleute.

 Deren Namen weisen nun aber offenbar zum wahren Geldgeber: Nach Informationen von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" sowie dem Schweizer "Tages-Anzeiger" führt die Spur ins Umfeld des aus Duisburg stammenden, in der Schweiz und London lebenden Immobilien-Milliardärs Henning Conle. Ein mit der Angelegenheit Vertrauter bestätigte das Umfeld des verschwiegenen Milliardärs als eigentlichen, bislang geheimen Spender.

Den Recherchen zufolge arbeitet einer der Strohmänner, die die Herkunft der Spende verschleiern sollten, für die Immobiliengesellschaft Conimmo in Antwerpen. Diese wiederum gehört mehrheitlich Henning Conle Senior, und auch sein Sohn gleichen Namens ist dort als Direktor eingetragen.

 Vater Conle, der mit Frau und Kindern schon in den 1990er-Jahren einen seiner Wohnsitze in die Schweiz verlegte, lebt dort in einer Privatstraße am edlen Zürichberg. Es ist ein Villenviertel, in dem sich auch die Apotheke jenes guten Bekannten befindet, dem laut seinem Anwalt vom geheimen Spender im Frühsommer 2017 150.000 Franken übergeben wurden - verbunden mit der Bitte, das Geld mit der Zweckbindung "Wahlkampf Alice Weidel Social Media" zu überweisen.

Der Spender habe um diesen Gefallen gebeten, weil er einen Schaden für seine Geschäfte gefürchtet habe, wenn sein Name als AfD-Geldgeber publik werde. Der Anwalt des Apothekers schilderte diesen Ablauf, zum Namen Conle wollte er sich aber nicht äußern.

 Die Spenderliste, die der Apotheker unterzeichnet und auf Wunsch der AfD in die Parteizentrale nach Berlin geschickt hatte, bezeichnete er nun im Interview selbst als "Mist". Der Anwalt beschreibt den eigentlichen Spender als arrivierten Geschäftsmann, sehr wohlhabend. Conle ließ mitteilen, er wolle sich zu den Recherchen nicht äußern.

Vergangene Woche hatten WDR, NDR, "SZ" und "Tages-Anzeiger" die vertrauliche Liste angeblicher Spender im Fall Weidel einsehen können. Auf dieser stach der Name des Mannes aus dem belgischen Antwerpen hervor. Dieser soll gleich bei mehreren merkwürdigen Spenden zugunsten der AfD aufscheinen: Recherchen von WDR, NDR, "SZ" und "Tages-Anzeiger" ergaben, dass es sich um einen Mitarbeiter einer Firma handelt, die mehrheitlich dem deutsch-schweizerischen Milliardär Conle gehört und dass der Name dieses belgischen Mitarbeiters sich auch auf mindestens einer weiteren vorgeblichen Spenderliste befindet, nämlich einer der ebenfalls eingereichten angeblichen Spenderlisten der Schweizer Werbeagentur Goal AG.

 Die Goal AG spielt in mehreren dieser Fälle eine gewichtige Rolle. Auch Parteichef Jörg Meuthen hatte für seinen persönlichen AfD-Wahlkampf kostenlos Werbehilfe von der Goal AG erhalten, im Sommer letzten Jahres hatte die Goal AG eine Liste mit Namen angeblicher Spender übersandt.

Ähnlich war es im Fall Guido Reil, auch hier gab es eine offenbar fingierte Liste voller angeblicher Spender. Dessen sechs Strohmannspender sollen nach Informationen von WDR, NDR, "SZ" und "Tagesanzeiger" vollständig in der Weidel-Liste enthalten sein.

Zudem war der Name des belgischen Conle-Mitarbeiters bei einer erst in der vergangenen Woche bekannt gewordenen Serie weiterer auffälliger Überweisungen auf Weidels Wahlkampfkonto am Bodensee aufgetaucht. Eine andere Person, die mit diesem angeblich am gleichen Tag gespendet haben soll, ist übrigens offenbar eine Nachbarin der Firmenzentrale von Conles deutscher Immobilienfirma Westfalia.

 Die Conles sollen in der Nachkriegszeit von Mülheim an der Ruhr und Duisburg aus zunächst mit Sozialwohnungen und öffentlichen Bauten zu viel Geld gekommen sein.

Henning Conle ist ein Nachfahre der Gründer der deutschen Fluggesellschaft LTU. Teile der Familiendynastie leben noch im Ruhrgebiet.

Conle selbst und seine Frau leben auch in London an einer noblen Adresse. Inzwischen unterhält der Familienzweig um Hennig Conle Junior und Senior mit seinem verzweigten internationalen Firmennetz ein verstreutes, enorm großes und werthaltiges Immobilienportfolio. Zu diesem gehören zum Beispiel die "Kensington Roof Gardens" im Londoner Nobel-Stadtteil, einem Treffpunkt mit Privatclub, mit lebenden Flamingos und einem künstlichen Bach auf der Dachterrasse.

 Dem gesamten Familienverband hat die Schweizer Zeitschrift "Bilanz" 2017 ein Vermögen von 1,35 Milliarden Schweizer Franken zugeschrieben. Es ist eine überaus verschwiegene Familie, Interviews sind nicht bekannt.

Henning Conle Senior und Familie sind bereits in den 1990er-Jahren in den Großraum Zürich gezogen, zumindest die Eltern besitzen neben der deutschen auch die Schweizer Staatsbürgerschaft. Sie dürfen demnach auch für deutsche Parteien spenden.

Ein Mann namens Henning Conle hat für die rechtspopulistische Schweizer Partei SVP mindestens einmal gespendet, er findet sich auf einer Liste der Finanziers einer Veranstaltung. Menschen aus dem Umfeld der Conles berichten, dass sie freigiebig seien: "Sie spenden viel."

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels wurde der Vater von Henning Conle als Mitbegründer der LTU bezeichnet. Richtig ist, dass der Onkel von Henning Conle LTU-Mitbegründer war.


Aus: "Geheime AfD-Spenden Spur zum Umfeld eines Duisburger Milliardärs" Sebastian Pittelkow, Katja Riedel und Georg Wellmann, WDR/NDR (05.04.2019)
Quelle: https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr-wdr/afd-spenden-115.html
« Last Edit: November 22, 2020, 03:31:45 PM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #1127 on: November 22, 2020, 03:31:07 PM »

Quote
[...]  Jedediah Purdy ist Verfassungsrechtler von der Columbia University.

...

Elisabeth von Thadden: Worüber denken Sie gerade nach, Jedediah Purdy?

Jedediah Purdy: Ich denke darüber nach, wie eine Gesellschaft das Zusammenleben so gestalten kann, dass sie weniger anfällig für eine Krankheit wie Corona wird. Denn was einem von uns schadet, schadet ja allen. Ein Gesellschaftssystem wie das US-amerikanische, das von den Einzelnen fordert, zu individuellen Überlebenskünstlern zu werden und die Pandemie irgendwie allein durchzustehen, verteilt die Ansteckungsgefahr auf sehr ungleiche Weise. Es gefährdet so letztlich jeden. Wir sehen in den USA, was geschieht, wenn eine Gesellschaft, die ja an manche Grausamkeit gewöhnt ist, sich politisch nicht krisenfest macht: Dann ziehen sich die Reichen aus dem Zusammenleben auf ihre Landsitze zurück, die Mittelklasse isoliert sich nach Kräften im Homeoffice und auf dem Rücken der Arbeitenden, die sich den physischen Begegnungen nicht entziehen können, wird die Last abgeladen. Insofern gleicht die Pandemie der Klimakrise: Sie hebt unsere wechselseitige Abhängigkeit und ungleiche Vulnerabilität hervor und dabei sind jene im Vorteil, die ohnehin die Hebel der Macht in den Händen halten. Die Benachteiligten werden dem Virus sozusagen zum Fraß vorgeworfen. Je nachdem, wie die Pandemie politisch gestaltet wird, sind Menschen dann füreinander Feinde oder aber miteinander Problemlösende.

...


Elisabeth von Thadden: Auch für jene Wähler etwa unter den Latinos, die jetzt Trump gewählt haben?

Purdy: Sie wollten sich für nichts anderes als für ihre persönliche Sicherheit entscheiden. Eine Politik, die sich für solidarische Infrastrukturen etwa im Gesundheitswesen einsetzt, wird von der Trump-Wählerschaft für pure Fantasie gehalten: Hirngespinste. Diese Wählerschaft hat sich Trumps Haltung, dass dieses Virus letztlich Schicksal ist, zu eigen gemacht. Das ist eine Form des sozialen Sadismus. Das Leben ist in den Augen dieser Wählerschaft eben hart, und wer etwas anderes möchte als diese Härte, gilt als realitätsfremd. Als jemand, der sich immer nur beklagt, aber nichts hinkriegt.

... Der Nihilismus von Donald Trump verträgt sich auch nach seiner Abwahl offenbar noch gut mit den Institutionen des politischen Systems. Und dessen Eliten scheint es wenig auszumachen, wenn sie die letzte Generation auf einem lebenswerten Planeten sind. Bei allem gebotenen Respekt: Die Haltung des sozialen Sadismus braucht man nicht zu respektieren. Grausamkeit verdient keinen Respekt. Und hinter Trump steht eben nicht die Mehrheit aller Wählerinnen und Wähler. Deshalb bin ich dafür, das gesellschaftliche Gesprächsthema zu wechseln und in der politischen Praxis dafür zu sorgen, dass ein gutes Gesundheitssystem auf die Menschen so überzeugend wirkt wie ein Green New Deal, der den Arbeitsmarkt belebt und die Emissionen runterfährt. Auch die Bürgerrechtsrevolution der Sechzigerjahre hat durch veränderte politische Tatsachen ihre Wirkung entfaltet.

...


Aus: "Jedediah Purdy: "Die Benachteiligten werden dem Virus zum Fraß vorgeworfen"" (21. November 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2020-11/jedediah-purdy-corona-krise-gesellschaft-usa-demokratie-columbia-universitaet

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Luis Tränker #8

ZEIT ONLINE: Auch für jene Wähler etwa unter den Latinos, die jetzt Trump gewählt haben?

Im Grunde genommen zeigt dies doch nur, dass diese Menschen den sog. "American Dream" verinnerlicht haben, wobei man es alleine schaffen soll. Die Latinos, die Schwarzen etc. sind eben keine solidarische Masse, auch das sollte man sehen und anerkennen.


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Alex09 #7

Die Ideen des Professors sind sehr interessant und auch auf Europa übertragbar: Auch hier können sich die Privilegierten auf ihre Landsitze zurückziehen und Manager sich im Home Office abschotten. Die Arbeitnehmer aus der "Unterschicht" die als Kassierer, Helfer in der Krankenpflege, Lageristen, Apothekenhelfer usw. arbeiten müssen jeden Tag zur Arbeit pendeln. ...


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konne #16

ZEIT ONLINE: Auch für jene Wähler etwa unter den Latinos, die jetzt Trump gewählt haben?

Ich kenne eine Kubanerin, die nicht gerade sehr gut in florida lebt und Trump gewählt hat. Ihr Sohn lebt in Deutschland und sagte ihr dass sie es nicht machen solle und gab ihr reichlich ARgumente. Die Mutter wählte schliesslich Trump. ...


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ecatepec12 #16.3

Vielleicht ist sie ja nicht verblendet. Vielleicht hat sie nach der Flucht aus Kuba erkannt, dass das Überleben Privatsache ist. Dass das Modell Kuba auch nicht gerade toll ist und sie sich durchgeboxt hat. Ein Sohn großgezogen hat, der ihr jetzt erzählt, was man wählen soll...sitzt wahrscheinlich im Home Office, während Mutter an der Front ist.


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heined #18

In jedem Menschen existieren zwei Seiten der Persönlichkeit, eine Gute und eine Schlechte. Trump erlaubt seinen Anhängern ihr inneres Schwein raus zu lassen, so wie er das vorlebt. Für manche mag das befreiend wirken, aber im Grunde weiss die andere Hälfte ihrer Persönlichkeit, dass es falsch ist, Kinder in Käfige zu sperren und Nazis zu loben. Bidens Aufgabe wird es nun sein, das zivilisierte Ich möglichst vieler dieser Aufgehetzten zu erreichen.

Man erkennt Politiker eigentlich immer daran, welche Seite der Menschen sie ansprechen.


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W-S #19

Warum sollten Latinos oder Afroamerikaner alle die selbe politische Meinung haben? Auf die Idee kommen sie doch bei den Weißen auch nicht.


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r.schewietzek #20

Eine Politik, die sich für solidarische Infrastrukturen etwa im Gesundheitswesen einsetzt, wird von der Trump-Wählerschaft für pure Fantasie gehalten: Hirngespinste. Diese Wählerschaft hat sich Trumps Haltung, dass dieses Virus letztlich Schicksal ist, zu eigen gemacht. Das ist eine Form des sozialen Sadismus.

Ja, das ist es ...


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gruebler1836 #22

Man sollte sich langsam aber sicher von der ganzen Trump-Geschichte lösen.
Die USA haben 328 Millionen Bürger, von denen nicht mal die Hälfte gewählt haben.
Die Trumpisten haben mit 73 Millionen gegenüber 80 Millionen Biden-Wählern verloren und damit in den USA nicht mehr zu regieren, das ist halt nun mal so in einer Demokratie. Und wenn der Ober-Spinner endlich das Weiße Haus geräumt hat und wieder sowas wie Normalität ins Regieren eintritt, werden vielleicht auch einige Trump-Wähler aufwachen und merken, dass des Trump-Kaisers neue Kleider in Wirklichkeit nackter Wahnsinn waren, die nach Außen getragenen Ideen eines Irren, denen weiter nachzueifern sich nicht auszahlt. ...


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Molsheim #27

"Diese Wählerschaft hat sich Trumps Haltung, dass dieses Virus letztlich Schicksal ist, zu eigen gemacht. Das ist eine Form des sozialen Sadismus."

Ich würde das eher als sozialen Masochismus bezeichnen.


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Gerrit Haase #27.1

Sado-Maso ...


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delastro #30

Wer kann sich denn mit 859 Euro Rente in Deutschland echte ffp2 Masken kaufen? Wohl keiner. Nachgemachte ohne Prüfzeichen kosten in der Apotheke pro Stück ca. 4-5 Euro für drei mal tragen. Amerika ist überall.


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Gerrit Haase #37

Sich selbst dem "Schicksal" auszuliefern ist kurzsichtig und dumm, also fatalistisch, womit ich bei der Kernkompetenz dieser intellektuell unzureichend ausgestatteten Trump-Wählerschaft bin: Fatalismus. ...


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[...] Der Hamburger Moderator Jörg Pilawa musste in diesem Jahr den Familienurlaub auf seiner kleinen Insel vor Kanada streichen. "In diesem Jahr ging es wegen Corona leider nicht. Das Ausklinken fehlt schon", sagte Pilawa in Hamburg. Ihm habe die Ruhe und Abgeschiedenheit auf der rauen Insel ohne fließendes Wasser und Strom in diesem Jahr als Ausgleich sehr gefehlt. "Wir hacken dort Holz und sammeln Regenwasser. Strom liefert die Sonne und für den Notfall gibt es einen Generator. Wir leben dort sehr rudimentär. Man ist sehr in der Natur und mit der Natur. Aber das brauche ich ganz einfach, weil ich in meinem Job wahnsinnig viel herumkomme und dabei so etwas Elementares wie Natur nicht stattfindet."

Bewegt habe den 55-Jährigen im Corona-Jahr auch, dass sogar seine älteren Kinder die Insel vermisst hätten - obwohl es dort kein Internet und keinen Handyempfang gibt. "Das ist wirklich bei uns ein Ritual, das uns in diesem Jahr total fehlt." Die Insel sei sonst auch für das digitale Entgiften sehr wertvoll. "In den ersten zwei Tagen haben wir körperlichen Entzug und laufen über dieses kleine Inselchen und suchen Empfang." Und am Ende des Urlaubes erkenne man nach dem Lesen von 1000 ungelesenen Nachrichten und 2000 verpassten Posts, dass eigentlich nichts gefehlt hat. "Die genialste Reaktion meiner Kinder ist, wenn sie nach dem Durchscannen sagen: "Papa, es ist eigentlich nichts passiert!"

Pilawa ist in dritter Ehe verheiratet und hat vier Kinder. Die kleine Insel - "in einer Viertelstunde ist man rum" - liegt im Atlantik im Osten Kanadas. 2009 hatte er sich mit dem Kauf der 36.000 Quadratmeter großen Insel einen Wunsch erfüllt, den er bereits als 18-Jähriger hatte. "Wir haben es bis heute nicht bereut. Kanada ist schon eine Herzenssache.

Quelle: ntv.de, jhe/dpa


Aus: "Kein Urlaub wegen Corona: Jörg Pilawa vermisst seine Privat-Insel" (Samstag, 12. Dezember 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/leute/Joerg-Pilawa-vermisst-seine-Privat-Insel-article22230950.html

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Quote
[...] Auch im kommenden Jahr werden die Strompreise für private Haushalte deutlich steigen. Haushalte, die auf Hartz IV angewiesen sind, trifft das besonders. Denn auch ohne die Preiserhöhungen sind die staatlichen Leistungen für das kommende Jahr zu gering berechnet.

Zwar erhalten Bezieher von Hartz-IV-Leistungen ab 2021 ein paar Euro mehr. Alleinstehende kommen so auf insgesamt 446 Euro. Davon sind rein rechnerisch 38,32 Euro zur Begleichung der Stromrechnung vorgesehen. Die tatsächlichen Stromkosten eines Singlehaushalts mit einem Verbrauch von 1500 Kilowattstunden belaufen sich im Bundesdurchschnitt jedoch auf monatlich 47,50 Euro Euro. Für Hartz-IV-Empfänger, die Strom in der Grundversorgung beziehen, fällt die Differenz noch größer aus, wie eine Untersuchung des Verbraucherportals Check24 zeigt. Mehr als ein Drittel der betroffenen Haushaltskunden hatte im vergangenen Jahr noch einen solchen Vertrag.

Sozialverbände und Verbraucherschützer kritisieren immer wieder, dass in den Hartz-IV-Regelsätzen der Pauschalbetrag für Strom nicht ausreiche. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen bemängelt ihrerseits in einer Untersuchung, dass Betroffenen häufig nicht in der Lage sind, die hohen Stromkosten durch Einsparungen an anderer Stelle auszugleichen.

Mit einem Anbieter- oder Tarifwechsel könnten Hartz-IV-Empfänger ihre Kosten senken. Doch ein eigenständiger Wechsel in günstigere Tarife übersteigt in manchen Fällen die Planungskompetenzen der Betroffenen oder ist etwa mit nachteiligen Schufa-Einträgen nicht immer ohne Weiteres möglich. Denn viele Stromanbieter prüfen vor Vertragsabschluss die Bonität der Kunden und behalten sich vor, die Belieferung abzulehnen. Damit bliebe den ärmsten Verbrauchern ein zentraler Weg zu sinkenden Stromkosten versperrt. Sie müssten in der Grundversorgung verharren und zahlten dort die höchsten Strompreise.

Aber auch, wenn der Wechsel zu einem günstigen Versorger möglich ist, hat dies seine Tücken. So hat das Bundessozialgericht jüngst entschieden, dass Jobcenter die Wechselprämie eines Stromanbieters beim Arbeitslosengeld anrechnen dürfen. In dem verhandelten Fall hatte ein Paar einen Sofortbonus in Höhe von 242 Euro erhalten. Das Jobcenter kürzte daraufhin jedoch die Leistungen um 91 Euro. Denn mit dem Sofortbonus, der gleich zu Beginn der Vertragslaufzeit gezahlt wurde, ist ein Einkommen erzielt worden, welches zu berücksichtigen sei, wie das Gericht entschied.

Quelle: ntv.de, awi


Aus: "Regelsatz nicht hoch genug Hartz IV reicht nicht für die Stromkosten" (Sonntag, 13. Dezember 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/ratgeber/Hartz-IV-reicht-nicht-fuer-die-Stromkosten-article22232293.html
« Last Edit: December 13, 2020, 02:07:25 PM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #1128 on: December 02, 2020, 01:15:00 PM »

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[...] Die 30- bis 59-Jährigen gelten als das Rückgrat der Gesellschaft, deshalb ist die Stimmung der "Generation Mitte" besonders wichtig. In einer neuen Umfrage wird nun deutlich, dass die Corona-Krise für sie zunehmend zur Belastung wird - ökonomisch, aber vor allem psychisch.

Die Corona-Pandemie schlägt der sogenannten "Generation Mitte" zunehmend auf die Stimmung. Jeder Zweite der 30- bis 59-Jährigen in Deutschland fühlt sich heute schlechter als vor der Krise. Das ergab eine Allensbach-Umfrage im Auftrag des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft. Die Altersgruppe ist besonders von der Pandemie-Ausnahmesituation betroffen. Ihr Arbeitsalltag veränderte sich einschneidend, sie mussten über Monate hinweg Kinder betreuen und teilweise auch unterrichten, außerdem waren ihre Kontakte, vor allem zu älteren Familienangehörigen, erheblich eingeschränkt.

 Das zehrt offenbar an den Nerven. Nur gut jeder Fünfte (22 Prozent) geht mit Optimismus in die kommenden zwölf Monate. Vor einem Jahr war noch annähernd die Hälfte der Befragten (47 Prozent) hoffnungsvoll. Für den dramatischen Stimmungseinbruch machen die Meinungsforscher das Gefühl verantwortlich, dass ein Ende der Corona-Krise für die meisten nicht in Sicht ist. An eine Rückkehr zur Normalität binnen mehrerer Monate glaubt nur jeder Fünfte. Über 70 Prozent stellen sich hingegen auf eine länger andauernde Ausnahmesituation ein.

Am schlimmsten ist für die "Generation Mitte" die Unsicherheit: 70 Prozent finden es unerträglich, dass sich das Ende der Krise nicht absehen lässt. Die Ungewissheit wiegt damit schwerer als konkrete Einschränkungen wie Besuchsverbote (50 Prozent) oder auch faktische Verbote von Auslandsreisen (16 Prozent).

 Zudem konstatiert eine Mehrheit der "Generation Mitte" eine starke (49 Prozent) oder sogar sehr starke Veränderung (11 Prozent) unserer Gesellschaft - und zwar nicht zum Besseren: Rund 70 Prozent klagen über zunehmende Aggressivität und Ungeduld, gut die Hälfte beklagt wachsenden Egoismus. Es gebe mehr Ängste und Unsicherheit, eine wachsende Neigung, Regeln zu missachten, zunehmenden Egoismus und einen weitverbreiteten Rückzug ins Private. Viele sehen die Gesellschaft als weniger tolerant und haben den Eindruck, dass die Meinungsfreiheit abgenommen hat. Vier von zehn Befragten sagen, dass gutes Benehmen und gute Manieren an Bedeutung verloren haben. Eine zunehmende Hilfsbereitschaft erkennen demgegenüber nur 13 Prozent der Befragten. "Corona wirkt wie ein Spaltpilz - die große Mehrheit sieht mehr Aggressionen und Egoismus als wachsende Solidarität", sagte Renate Köcher, Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach, bei der Vorstellung der Studienergebnisse.

Die Corona-Krise lässt die "Generation Mitte" zudem deutlich an den Vorteilen einer offenen, globalisierten Volkswirtschaft zweifeln. Drei von vier Befragten (75 Prozent) machen sich große Sorgen über die ökonomischen Kollateralschäden der Corona-Krise. Eine relative Mehrheit (38 Prozent) glaubt, dass die deutsche Wirtschaft ihre starke Position in den nächsten Jahren nicht verteidigen kann. Gleichzeitig teilen immer weniger Menschen den Eindruck, dass die deutsche Wirtschaft von der Globalisierung vor allem profitiert (2020: 48 Prozent, 2017: 64 Prozent). Knapp jeder Zweite (46 Prozent) gibt der Globalisierung die Schuld an der Verbreitung des Corona-Virus auf der ganzen Welt, 34 Prozent stimmen der Aussage nicht zu.

 "Erstmals lehnt eine Mehrheit der 'Generation Mitte' die Idee der Globalisierung ab. Das macht mir Sorgen, denn ohne starke internationale Kooperation, insbesondere in der EU, werden wir weder Corona noch den Klimawandel meistern", betonte GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen. Neben der Corona-Pandemie beschäftigt der Klimawandel die "Generation Mitte" stark. Jedem Zweiten machen die zunehmende Erderwärmung und Klimaveränderungen große Sorgen. Eine Mehrheit (63 Prozent) glaubt jedoch nicht daran, dass sich der weltweite Klimawandel noch stoppen lässt. Dass in Deutschland zu wenig für den Klimaschutz getan wird, sagt die Hälfte der Befragten.

Die "Generation Mitte" ist der "Leistungsträger" unserer Gesellschaft. Die mehr als 35 Millionen Menschen im Alter zwischen 35 und 59 Jahren stehen mitten im Berufsleben, erziehen Kinder und finanzieren die sozialen Sicherungssysteme. Sie stellen 70 Prozent der Erwerbstätigen und erwirtschaften über 80 Prozent der steuerpflichtigen Einkünfte. Für die Umfrage wurden zwischen Mitte Oktober und Anfang November 2020 insgesamt 1.047 Interviews geführt.

Quelle: ntv.de, sba


Aus: "Endlose Corona-Krise "Generation Mitte" verliert die Hoffnung" (Mittwoch, 02. Dezember 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/panorama/Generation-Mitte-verliert-die-Hoffnung-article22207203.html

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« Reply #1129 on: December 13, 2020, 07:51:15 PM »

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[...] Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Hessen kommt nicht zur Ruhe. Nach Hausdurchsuchungen bei früheren Funktionären der Kreisverbände Frankfurt und Wiesbaden Anfang der Woche rückt nun der übergeordnete Bezirksverband Hessen-Süd wieder in den Blickpunkt des Interesses.

Nach Berichten des Hessischen Rundfunks soll Torsten Hammann, der von Anfang 2016 bis Ende Mai 2019 als Generalbevollmächtigter für die Geschäftsführung des Bezirksverbands zuständig war, lukrativen Geschäften mit Immobilien nachgegangen sein – angeblich auf Kosten der AWO.

Es geht dabei vor allem um Hammanns Beteiligung an zwei Vermietungsgesellschaften für Altenheime der AWO Hessen-Süd in Bruchköbel im Main-Kinzig-Kreis und im mittelhessischen Langgöns im Landkreis Gießen. Den Berichten zufolge soll der Wirtschaftsprüfer und Steuerberater bereits vor etwa anderthalb Jahrzehnten damit begonnen haben, den Bezirksverband zu beraten. Innerhalb von sechs Jahren habe er „mehr als 1,8 Millionen Euro kassiert“.

Dieser Betrag ergebe sich aus Honoraren, Zinsen eines Privatkredits und dem Gewinn eines Privatunternehmens für Immobilien. Insgesamt soll Hammann die Privatisierung der Altenheime empfohlen und über mehrere Firmen, in die auch entsprechend potente Freunde und Bekannte investiert hätten, Geschäfte mit der AWO gemacht haben.

Die jeweiligen Verkäufe, so teilte Hammann am Freitag auf Anfrage der Frankfurter Rundschau mit, seien in den Jahren 2015 und 2016 nach entsprechenden Vorstandsbeschlüssen durch den früheren Geschäftsführer beziehungsweise den Vorstand des Bezirksverbands erfolgt. Dabei habe er „nie auf zwei Seiten gehandelt“, versicherte er. Rund 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der AWO, die einer Tarifabsenkung zustimmen sollen, demonstrierten Anfang der Woche mit Unterstützung der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi in der Odenwald-Kurstadt Bad König vor Hammanns Büro, um sich lautstark über ihn zu empören. Auf Protestplakaten waren die Slogans „Gier statt Selbstlosigkeit“ und „Hammann, rück unsere Kohle raus“ zu lesen.

Ingo Endrick Lankau, der Anwalt des früheren AWO-Chefs, wirft nun in einem Schreiben an den Landesbezirk Hessen der Gewerkschaft Verdi vor, unter den Mitgliedern eine „Pogromstimmung“ gegen Hammann zu erzeugen sowie „falsche und ungeprüfte Behauptungen“ zu verbreiten. Der AWO-Bundesverband teilte am Freitag mit, die Vorgänge um die Immobiliengeschäfte des ehemaligen Generalbevollmächtigten beschäftigten den Verband bereits seit Anfang 2018. Nach intensiven Prüfungen durch externe Fachleuten habe dies dazu geführt, dass im Dezember 2018 bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt Strafanzeige gegen die früheren handelnden Personen erstattet worden sei.

Auch der frühere Vorstandsvorsitzende Willy Jost sei bereits seines Amtes enthoben, Verträge mit den ehemals handelnden Personen gekündigt und ein neuer Bezirksvorstand gewählt worden. Zudem sei dem ehemaligen Vorstand mit sehr großer Mehrheit der Stimmen die Entlastung verweigert worden.

Gemeinsam mit der neuen Führungsspitze will der Bundesverband die Vorgänge „weiter rückhaltlos aufklären und die vormals handelnden Personen zur Verantwortung ziehen“.


Aus: "Lukrative Geschäfte: Nach Protest gegen umstrittenen Ex-AWO-Chef spricht Anwalt von „Pogromstimmung“" Jens Joachim (11.12.2020)
Quelle: https://www.fr.de/frankfurt/nach-protest-gegen-umstrittenen-ex-awo-chef-spricht-anwalt-von-pogromstimmung-90129470.html

Quote
Nicklas123

Beim Lesen der vielen Berichte über die AWO denkt man es wird über die Mafia berichtet. Aber nein, es ist die Arbeiterwohlfahrt. ...


Quote
zerberus

Bei der AWO ist man besonders Stolz darauf wenn Beschlüsse, in den Gremien, einstimmig gefasst werden, weil dies eine gewisse Geschlossenheit zum Ausdruck bringt.
Heute weiss die Öffentlichkeit, durch zahlreiche Presseberichte/ Fernsehdokus, dass die AWO-Funktionärseliten - im "System Richter" sowie im "System Hack" - keine abweichenden Meinungen duldeten; so kam es vor, dass vor allem AWO-Ehrenämtler gegen ihre Überzeugung stimmten, um nicht als "Neinsager" und "Spassbremsen" (für ausschweifenden Luxus) dazustehen.
Wenn man nun liest, das der ehemalige Vorstandsvorsitzende des Bezirksverbandes der AWO Hessen-Süd, Wilhelm Jost, sich vor Torsten Hammann stellt, dessen "Gier" Jost hätte einhalt gebieten müssen, so macht das sprachlos. Diesbezüglich herrscht - auf verschiedenen Ebenen - bei der AWO in Hessen und Thüringen null Unrechtsbewusstsein - dies zeigt auch die Klage (in Folge seiner Kündigung) von Jürgen Richter auf über 750 Tsd. Euro Gehaltsfortzahlung.


Quote
Falko Goerres

"Pogromstimmung" - hat der Herr Hammann Angst um sein Leben und das seiner Familie? Muss er auswandern, weil er sonst fürchten muss, verhaftet, deportiert und ermordet zu werden? Wenn nicht, sollte sein Anwalt andere Worte finden anstatt den Holocaust und seine Vorboten zu relativieren. Widerlich.


Quote
Hans Huckebein

Von "Progromstimmung" zu sprechen disqualifiziert Ingo Endrick Lankau sowohl als Anwalt wie auch als Mensch.


Quote
zerberus

Auch bei der AWO Thüringen gibt es einen Skandal, welcher erstaunliche Parallelen zum Skandal der AWO Hessen-Süd aufweist; beim AWO-Skandal in Thüringen geht es ebenfalls um üppige Gehälter und Funktionärsgeschäfte auf Kosten der Gemeinnützigkeit in einem AWO "System Hack". Der hochbezalte (über 300 Tsd. Euro Jahresgehalt, Mercedes GLE 400 auf Wohlfartskosten) AWO-Funktionär Michael Hack hatte einen "inneren Machtzirkel" um sich geschaffen, welcher nur "für mich oder gegen mich" kannte. Ähnlich wie im "System Richter" mündete dies geradewegs in einen völligen Kontrollverlust innerhalb der AWO Thüringen.
Und auch in einem weiteren Bundesland droht der AWO Ungemach: In Sachsen-Anhalt verlor der AWO-Regionalverband fast sieben Millionen Euro durch einen fragwürdigen Krankenhaus-Deal.


Quote
H & M

Im Moment (Bericht HR Fernsehen), kann ich noch nichts "verwerfliches" entdecken. Es sieht so aus, als ob alle Rechtsgeschäfte vollkommen legal und auch normal waren. Warum soll er keine Zinsen für einen Kredit bekommen? Macht jede Bank auch. Warum soll er keine Provision für ein Immobilien Geschäft bekommen? Macht/bekommt jeder Makler auch. Darüber hinaus sind die aller meisten Geschäftsführer z.B. von zig tausenden GmbH's in Deutschland von dem Verbot der "In-sich-Geschäfte (§ 181 BGB)" befreit. Das ist steht schon so seit Jahren in jeder Mustervorlage eines Geschäftsführer Vertrages.


Quote
Maini >> H & M

Sicher gibt es für gewiefte Rechtsanwälte eine ganze Reihe
juristisch legaler Möglichkeiten, um sich auch an
sozialen Hilfsleistern zu bereichern.
Man sollte nicht unerwähnt lassen, daß die AWO von ihren Angestellt:innen erwartete, auf ihre Covidzulage und das Weihnachtsgeld zu verzichten.

Und so steht ein Rechtsanwalt, der vllt rechtlich zulässig
sein Geld statt zinslos auf der Bank profitabel seiner GmbH
zur Verfügung stellt und zusätzlich noch Provisionen einfährt
doch in einem sehr häßlichen Licht in der Öffentlichkeit,
ein Licht, daß er selbst entfacht hat.

Die moralische Empörung dann mit "Pogromstimmung" zu vergleichen ist da nur noch konsequente Fortsetzung seines
Verhaltens.


Quote
Omran Shilunte >> H & M

"Im Moment kann ich noch nichts "verwerfliches" entdecken."

das wundert wenig, wenn man sich den rest von ihrem quark durchliest. :)
weder kann man beiderseitige rechtsgeschäfte mit sich selbst machen, noch verkaufen makler häuser an ihre kunden um sie dann zurückzumieten und ihrer frau die miete in rechnung zu stellen, ohne ihr das vorher zu sagen.
und die awo mkk ist auch keine gmbh sondern ein gemeinnütziger verein, bei dem nicht einfach der vorsitzende eine entscheidung alleine treffen kann, weswegen er hier dann ja auch als generalbevollmächtigter gehandelt hat, nachdem er dem verein zu diesem konstrukt vorher selbst geraten hat.
wobei dieser bevollmächtigte dann vorher im gewande des unabhängigen beraters aufgetreten ist um seine eigene firma als käufer zu empfehlen. gegen honorar natürlich.
und was die zinsen angeht, die waren deutlich höher als das, was die AWO sonst so bezahlt. wahre liebe sieht anders aus.
glauben Sie im ernst, dass ein richter einem staatsanwalt einen beschluss zur vermögenssicherung ausstellt, nur weil irgendein ein anonymer zeuge blödsinn erzählt? wo leben Sie denn?
sowas kann man doch nur normal finden, wenn man bei der AWO, bei der deutschen bank oder beim bauamt arbeitet.


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Wolf Kreide >> Maini

...um dem ganzen traurigem Treiben Einhalt zu gebieten, sollte Roland Koch die Aufklärung in der nach benannten Form übernehmen, denn da wird es mit Sicherheit Parallelen geben,...


...
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« Reply #1130 on: December 14, 2020, 09:24:13 AM »

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[...] Weniger Essens- und Beratungsangebote, weniger Spenden, schlechtere Bedingungen für Flaschensammeln und Betteln: Durch die Coronakrise hat sich die Situation von Obdachlosen in Deutschland noch verschärft. Allein bei der Kältehilfe in Berlin wurden die Betten um die Hälfte reduziert. Betroffene haben den Eindruck, dass in den vergangenen Monaten verstärkt Obdachlose aus den osteuropäischen Ländern nach Berlin gekommen sind. Verifizieren lässt sich das jedoch noch nicht.

Die Bundesregierung ist über die Lage obdachloser Menschen nicht so auf dem Laufenden, wie sie sein sollte– meint jedenfalls die FDP-Fraktion im Bundestag, die eine kleine Anfrage dazu gestellt hat: Darauf antwortete die Bundesregierung, dass es keine statistischen Erhebungen gebe über die Anzahl obdachloser Menschen, die Dauer und die Ursachen von Obdachlosigkeit, häufige Erkrankungen, Todesursachen und die Anzahl von Erfrierungstoden.

 „Hätte die Bundesregierung die Absicht, obdachlose Menschen zielgerichtet zu unterstützen, dann wüsste sie mehr über Obdachlosigkeit“, meint Pascal Kober, sozialpolitischer Sprecher der FDP. Obdachlose seien eine vulnerable Personengruppe in der Pandemie, mit der Herausforderung diese ausreichend zu schützen, lasse die Bundesregierung Länder und Kommunen allein. „Die Verwirklichung sozialer Rechte scheitert für obdachlose Menschen in Deutschland bereits daran, dass Sozialminister Hubertus Heil nicht richtig hinschaut.“

Im Rahmen einer Zuwendung sei das Vorhaben „Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf die Wohnungsnotfallhilfen“ gefördert worden, das bald veröffentlicht werde, heißt es dazu auf Anfrage vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Darüber hinaus habe die Bundesregierung in dieser Legislaturperiode erstmalig mit dem Gesetz zur Einführung einer Wohnungslosenstatistik sowie einer Statistik untergebrachter wohnungsloser Personen die Voraussetzung geschaffen, dass zukünftig eine bundesweite Datenbasis aufgebaut wird.

 Worüber es eine Statistik gibt, sind die Fälle von Gewaltkriminalität, die gegen obdachlose Menschen seit 2015 immens angestiegen sind. Während in der polizeilichen Kriminalstatistik 2015 deutschlandweit 462 Fälle vermerkt waren, sind es im Jahr 2 019 654 Fälle. Das bedeutet einen Anstieg von rund 42 Prozent.

Rund 150 Menschen kommen regelmäßig, wenn die Obdachlosenhilfe Berlin an drei Tagen in der Woche um 19.30 Uhr mit ihrem kleinen Bus am Alexanderplatz anrollt und warme Mahlzeiten an Bedürftige verteilt. Weitere Stationen sind der Leopoldplatz, das Kottbusser Tor und der Hansaplatz.

 Der 79-jährige Giovanni lebt seit 20 Jahren auf den Straßen Berlins. Ob er gestern auch hier gewesen ist? Daran erinnert er sich nicht, er ist dement. Sorge, sich mit Corona zu infizieren, hat er nicht, aber die Kälte macht ihm zu schaffen, je älter er wird, desto mehr. Giovanni kommt nicht nur wegen des Essens regelmäßig zum Alex. „Ich fühle mich einsam und allein“, sagt er in gebrochenem Deutsch. „Hier hört man mir zu.“

Auch ein Pärchen um die 50 ist regelmäßig hier. Seit etwa einem Jahr leben sie in einem Zelt in Pankow. Er verlor seinen Job als Vorarbeiter in einem Sanitärbetrieb, damit auch die Wohnung, die sein Chef ihm gestellt hatte, es floss immer mehr Alkohol. Eine typische Spirale. Inzwischen trinkt er weniger als früher, hofft, eines Tages wieder eine Wohnung zu bekommen.

„Aber gerade geht wegen Corona alles drunter und drüber, hat meine Sozialarbeiterin gesagt.“

Sie würden mindestens zweimal die Woche bei der Caritas in der Hamburger Straße duschen und desinfizieren sich so oft wie möglich die Hände, übersetzt er für seine polnische Freundin. „Ich habe keine Angst vor Corona, ich habe schon ganz andere Sachen durch“, sagt der Mann zwar, in einer Notunterkunft würde er dieser Tage aber dennoch nicht übernachten. „Das sind zu viele Menschen auf einem Haufen. Da haben wir schon Sorge, uns anzustecken. Außerdem wird da geklaut wie verrückt, die Leute sind aggressiv.“ Er versteht nicht, warum der Bund die geschlossenen Hotels nicht für die Obdachlosen zur Verfügung stellt. „Es wird ja immer wieder darüber geredet, aber ich glaube nicht mehr daran.“

Jörg Richert, der Gründer der Berliner Sozialgenossenschaft Karuna, plädiert für ein Bundesprogramm für die Kommunen, dass die Unterbringung in Hotels gewährleistet. „Die Kommunen sind rechtlich verpflichtet, unfreiwillig obdachlosen Menschen eine Unterbringung zu gewähren“, heißt es dazu vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Es gebe eine eindeutige Zuständigkeit. Jedoch stärke der Bund aufgrund der Covid-19-Pandemie die Finanzlage der Kommunen nachhaltig durch Maßnahmen des „Gesetzes zur finanziellen Entlastung der Kommunen und der neuen Länder“, das der Bundestag und der Bundesrat im September beschlossen haben.

 Werena Rosenke, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft für Wohnungshilfe, reicht das nicht. „Die Bundesregierung hat die durch die Corona-Pandemie immer prekärer werdende Lebenslage wohnungsloser Menschen nicht genug auf dem Schirm“, sagt sie. „Wir benötigen sofort zusätzliche Räumlichkeiten für Beratungen, Tagesaufenthalte, Essensausgaben, medizinische Versorgungsangebote, ebenso wie Schnelltests.“

Mit Tests allein sei es nicht getan, sagt Susanne Gerull, Armutsforscherin und Professorin für soziale Arbeit. „Ich weiß von Einrichtungen, die sich zweimal überlegen, ob sie die Tests abends durchführen. Denn bei einem positiven Testergebnis müssen sie die Menschen krank in die Kälte schicken.“ Ihres Erachtens hätte längst eine nationale Strategie erarbeitet werden müssen. „Wir fordern das seit Jahrzehnten. Jetzt in der Krise manifestiert sich, was schiefläuft.“

21.30 Uhr. Am Kotti geht die Essensausgabe weiter, einige bekannte Gesichter vom Alex sind wieder mit dabei. Auch wenn die Menschen jetzt satt sind, ihr Hunger nach Begegnungen und Gesprächen ist noch nicht gestillt. Wie bei Matze. Er isst Suppe, weil er noch keine feste Nahrung zu sich nehmen darf. Vier Wochen war er im Krankenhaus, weil ihn unter der Brücke am Alex nachts drei Jugendliche im Schlaf zusammengeschlagen haben. Gebrochener Unterkiefer, vier Operationen, eine fünfte wird folgen. „Es gab schon vorher viel Gewalt, aber durch Corona ist es noch schlimmer geworden“, ist sich der 44-jährige gebürtige Neuköllner sicher. „Die Stimmung ist anders, da staut sich eine Menge auf und wird an uns ausgelassen.“

Platte macht er nicht mehr, seit er aus dem Krankenhaus entlassen wurde, jetzt lebt er im Aufnahmewohnheim Lahnstraße, wegen seiner besonderen Situation sogar in einem Einzelzimmer. Seit sieben Wochen ist er trocken. „Im alkoholisierten Zustand war es mir immer peinlich, um Hilfe zu bitten. Aber jetzt will ich es schaffen, gesund werden und eine Wohnung bekommen.“ Sein Datenvolumen auf dem Smartphone spart er so gut es geht auf, um online an Selbsthilfegruppen teilzunehmen. „Ich hoffe sehr, dass Corona bald weg ist, damit es reale Treffen gibt.“


Aus: "Corona hat die Situation für Obdachlose verschärft „Es gab schon vorher viel Gewalt, aber durch Corona ist es schlimmer geworden“" Lea Schulze (11.12.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/corona-hat-die-situation-fuer-obdachlose-verschaerft-es-gab-schon-vorher-viel-gewalt-aber-durch-corona-ist-es-schlimmer-geworden/26711320.html

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« Reply #1131 on: December 14, 2020, 09:44:27 AM »

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[...] Immer mehr Deutsche spüren die Corona-Krise im Portemonnaie. Im November gaben bereits 40 Prozent der Arbeitnehmer an, ihr Einkommen habe sich durch die Pandemie verringert, so eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI), über die die "Süddeutsche Zeitung" berichtet. Das WSI befragte dafür zum dritten Mal seit Ausbruch der Pandemie mehr als 6000 Arbeitnehmer. Der Anteil jener, die durch die Corona-Pandemie Einkommen verloren oder noch verlieren, nahm seit Juni um acht Prozentpunkte zu.

Menschen mit geringem Einkommen sind dabei besonders häufig von Einbußen betroffen: So trifft es jeden Zweiten, der normalerweise über bis zu 1500 Euro Nettoeinkommen im Monat verfügte, aber nur jeden Dritten mit 2000 Euro und mehr. Auch sind die Einbußen bei denjenigen, die schon zuvor wenig verdienten, besonders groß. So erlebt jeder zweite Arbeitnehmer mit bis zu 1500 Euro netto im Monat in seinem Haushalt Einbußen von mehr als einem Viertel. Bei den Mehrverdienern sind es nur halb so viele. "Die Pandemie verstärkt soziale Schlagseiten", so WSI-Direktorin Bettina Kohlrausch.

Parallel zu den Einkommensverlusten sinkt die Zustimmung zum Krisenmanagement der Regierung. Zeigten sich vor einem halben Jahr noch zwei Drittel zufrieden, waren es im November nur noch 55 Prozent. Corona-Leugner und ihre Verschwörungsmythen profitieren davon aber nicht. So konnten sich beispielsweise im November nur noch 28 Prozent der Befragten vorstellen, dass Eliten die Pandemie benutzen, um Interessen der Reichen und Mächtigen durchzusetzen. Im Juni waren es noch 40 Prozent. Dieser Rückgang dürfte laut den WSI-Forschern damit zusammenhängen, dass mehr Bürger die Pandemie ernst nehmen, seit Infektionen und Todesfälle ab Herbst deutlich stiegen.

70 Prozent der Befragten machen sich aktuell Sorgen um ihre Gesundheit, zwölf Prozentpunkte mehr als im Sommer. 95 Prozent der im November Befragten gaben an, sich an die Hygieneregeln zu halten und Maske zu tragen. 86 Prozent reagieren wütend, wenn sich andere Menschen nicht an Corona-Sicherheitsvorkehrungen halten.

Quelle: ntv.de, mbo


Aus: "Einkommen sinkt durch Pandemie Geringverdiener haben die größten Einbußen" (Montag, 14. Dezember 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/wirtschaft/Geringverdiener-haben-die-groessten-Einbussen-article22233367.html

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« Reply #1132 on: December 14, 2020, 05:17:18 PM »

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[...] Noch immer leben laut EU-Kommission 7.200 Menschen in dem Nachfolgelager von Moria, Kara Tepe oder "Moria 2" genannt. Menschenrechtsorganisationen zählen sogar mehr Einwohner, darunter viele Familien, schwangere Frauen, Kinder. Einige Zelte stehen direkt am Meer, schutzlos. Mehrere Male überfluteten bereits starke Regenfälle das Lager. Videos von Hilfsorganisationen zeigen, wie der Wind durch die Zeltreihen fegt. Wie Helfer und Menschenrechtsorganisationen berichten, gibt es kaum Toiletten, Duschen oder Elektrizität.

"Die meisten Menschen haben nicht viel mehr als ein Zelt", sagt Erik Marquardt, der für die Grünen im Europaparlament sitzt und die Lager auf den griechischen Inseln regelmäßig besucht. Die Kinder hätten, obwohl es gesetzlich anders geregelt ist, keinen Zugang zu Schulbildung, die Menschen dürften in ihren Zelten nicht einmal heizen. Die Zustände im neuen Lager seien schlimmer als in Moria, so bewertet es nicht nur er, sondern auch die Hilfsorganisation Oxfam. Und der Winter steht erst vor der Tür.

Auch zu einer europäischen Übereinkunft ist es bisher nicht gekommen. Die EU-Kommission hat ein "Migrations- und Asylpaket" vorgelegt, über das diskutiert wird. Laut Innenministerium hat sich Seehofer dazu bereits mehrfach mit seinen europäischen Amtskollegen ausgetauscht. Am 14. Dezember soll das nächste Gespräch stattfinden, zum letzten Mal unter deutscher EU-Ratspräsidentschaft. Ob es zu einer Übereinkunft kommen könnte, teilt das Innenministerium nicht mit: "Den Gesprächen kann nicht vorgegriffen werden."

Von diesen Gesprächen macht die Bundesregierung unter anderem abhängig, wie viele weitere Menschen von den griechischen Inseln und anderen Hotspots aufgenommen werden. Ein deutscher Alleingang, teilte Seehofer auch nach dem Brand in Moria mit, würde die europäische Lösung gefährden. Das sehen nicht alle so: Einige Bundesländer und zahlreiche Gemeinden in Deutschland wollen selbstständig Geflüchtete aufnehmen. Seehofer hatte das schon im Sommer mit Verweis auf Bundeseinheitlichkeit abgelehnt. Der Berliner Senat will nun dagegen gerichtlich vorgehen.

Grünen-Politiker Marquardt kritisiert die Bundesregierung für diese Haltung. "Man sollte von einer christlichen Partei erwarten können, dass sie sich dafür einsetzt, Menschen in Not zu helfen", sagt Marquardt t-online. Er kann nicht nachvollziehen, warum Deutschland nicht mehr Menschen aufnimmt: "Die Logik hinter der Aussage, nicht mehr Menschen aufzunehmen, weil es eine europäische Lösung verhindere, verstehe ich nicht. Mit dem Leid der Menschen Druck auf andere Staaten aufzubauen, ist inhuman." Das habe in den vergangenen vier Jahren auch nicht zu einer EU-weiten Lösung geführt. Bereits in den vergangenen Jahren sei es Thema im Europaparlament gewesen, dass Kinder nicht im Zelt überwintern sollten. "Nun haben wir die Situation, dass Menschen auf den griechischen Inseln im Winter leiden müssen – schon wieder", sagt Marquardt. "Es ist schockierend, dass so ein Ort in Europa im Dezember 2020 existiert."

Die Europäische Kommission hat derweil eine Absichtserklärung für ein neues Auffanglager verabschiedet. Das Zentrum soll zügige, faire und effektive Asylverfahren gewährleisten. Migranten sollen dort in Containern wohnen, es soll einen Bereich für Neuankömmlinge, Medizincontainer, Bildungsangebote und Erholungsbereiche etwa für Sport oder zum Spielen geben. Zudem ist ein Haftbereich geplant, um "effektive Rückführung zu unterstützen". Fertiggestellt werden soll das Zentrum im September – ein Jahr nach dem Brand in Moria.


Aus: "Nach Brand in Flüchtlingslager Moria: Die gebrochenen Versprechen der Deutschen" Camilla Kohrs (09.12.2020)
Quelle: https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/eu/id_89090550/nach-brand-in-moria-deutschland-hat-seine-versprechen-nicht-eingeloest.html

Das griechische Flüchtlingslager Moria ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Fl%C3%BCchtlingslager_Moria
« Last Edit: December 14, 2020, 05:22:25 PM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #1133 on: December 14, 2020, 05:20:00 PM »

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[...] Großer Schreck für den Hamburger Fernsehmoderator Oliver Geissen: Am späten Sonntagabend ist sein reetgedecktes Ferienhaus in Hillgroven (Schleswig-Holstein) in Brand geraten und komplett ausgebrannt. Wie die Feuerwehr mitteilte, war das Feuer gegen 20.30 Uhr von einem Anwohner gemeldet worden. Zu dem Zeitpunkt habe sich in dem Ferienhaus niemand aufgehalten. Auch während des Einsatzes wurde niemand verletzt. Oliver Geissens Management bestätigte der dpa, dass der Moderator und seine Familie zum Zeitpunkt des Feuers nicht im Haus waren. Der Hamburger habe nun für diese Woche alle seine Termine abgesagt. Hillgroven liegt etwa 25 Kilometer südöstlich von Sankt Peter-Ording.

 Im Zuge der Löscharbeiten kam ein Bagger zum Einsatz, der Teile des Hauses vorsichtig abtrug. Durch den Sauerstoffeintrag habe sich der Schwelbrand im Reetdach schnell zu einem Feuer entwickelt und sich schlagartig auf die gesamte Dachfläche ausgebreitet. Ein am Haus abgestellter Geländewagen habe noch rechtzeitig weggeschleppt werden können, sodass das Fahrzeug unversehrt blieb. Insgesamt waren fünf Freiwillige Feuerwehren mit rund 70 Einsatzkräften mehr als vier Stunden lang am Brandort.

Warum das Feuer in dem Haus in der kleinen Gemeinde ausgebrochen ist, war zunächst unklar. Die Kriminalpolizei hat die Ermittlungen übernommen. Durch das Feuer ist Polizeiangaben zufolge ein Schaden von rund 750.000 Euro entstanden. Oliver Geissen war vor 20 Jahren durch "Die Oliver Geissen Show" bei RTL bekannt geworden, später moderierte er viele Jahre das Erfolgsformat "Deutschland sucht den Superstar".

Quelle: ntv.de, ter/dpa


Aus: "Die Kripo ermittelt Oliver Geissens Ferienhaus ist abgebrannt" (Montag, 14. Dezember 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/leute/Oliver-Geissens-Ferienhaus-ist-abgebrannt-article22233991.html

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« Reply #1134 on: December 16, 2020, 04:38:14 PM »

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[...] Das notorisch klamme Haus Hohenzollern fordert trotz brauner Vergangenheit weiter Geld vom Staat. Jetzt gehen auch die letzten Gutachter von Bord. Mehrfach zitierte der Historiker Christopher Clark zuletzt zustimmend den Historiker Stephan Malinowski. Nichts Ungewöhnliches, möchte man meinen. Historiker zitieren Historiker, so ist das halt. Doch vor Kurzem war Malinowski für Clark noch der ärgste Widersacher.

Malinowski ist der Autor des Buchs „Vom König zum Führer“. Für das Land Brandenburg war er als Gutachter tätig, als es um Forderungen der heutigen Hohenzollern auf Entschädigung ging. Er kam zu dem Ergebnis, dass die Hohenzollern in erheblichem Maße zum Fall der Weimarer Republik und Aufstieg der Nazis beitrugen.

Clark, seines Zeichens der berühmte Autor des Werks „Die Schlafwandler“, schrieb im Auftrag der Hohenzollern ein entgegengesetztes Gutachten. Es entlastete die frühere Kaiserfamilie. Ein Gutachten mit weitreichenden Folgen. Denn die Repräsentanten des heutigen „Hauses Hohenzollern“ streiten mit Bund und Ländern seit Jahren um Rückgabe und Ausgleichszahlungen für ihre im Osten Deutschlands nach 1945 eingezogenen Vermögen.

1994 war nämlich gesetzlich festgelegt worden, dass, wer dem Faschismus „erheblichen Vorschub“ geleistet hatte, auch nach der Wiedervereinigung keine Restitutionen zu erwarten habe.

„Auf dem Spektrum fürstlicher Kollaboration mit dem Dritten Reich kann man den Kronprinzen daher mit guten Gründen als eine der politisch zurückhaltendsten und am wenigsten kompromittierten Personen bezeichnen.“ So lautet der abschließende Satz von Clarks Gutachten 2011. Heute sagt Clark, er wäre sich der Tragweite der Auseinandersetzung nicht bewusst gewesen.

Lange blieben die Verhandlungen zwischen Staat und Hohenzollern geheim, auch Clarks Gutachten. Erst 2019 wurde es geleakt. Fast alle namhaften Historiker widersprachen in der Folge Clark. Etwa der britische Historiker Richard Evans. Er führte in einem Essay aus, wie die 1918 gestürzte Kaiserfamilie alles daransetzte, um mit der Nazibewegung 1933 zurück auf den Thron zu gelangen.

Als Vorbild diente Italien, wo der Faschist Mussolini in den 1920er Jahren ein Arrangement mit dem König getroffen hatte. Doch Hitler war nicht der Duce. Einmal an der Macht, wollte er sie mit niemandem teilen. Im Bündnis mit den Nazis hatten sich andere einzuordnen, auch die rechtsextremen monarchistischen Kräfte. Und viele taten das auch.

Historiker Clark leugnet in seinem Gutachten von 2011 nicht die rechtsextreme Gesinnung des Kronprinzen Wilhelm von Preußen, dem Sohn des 1918 gestürzten Kaisers Wilhelm II. Der Kronprinz plädierte vor 1933 für den Zusammenschluss der paramilitärischen Verbände von Stahlhelm und SA. Er agitierte 1932 gegen das kurzzeitig erlassene Verbot von SA und SS. Er gehörte selber der SA an. Und während sein Vater, der Ex-Kaiser, verbittert im holländischen Exil in Doorn antisemitischen Verschwörungstheorien nachhing, verstand sich sein Sohn der Kronprinz als ein Mann der Tat.

Seine Familie stiefelte mit Hakenkreuzbinden auf Schloss Cecilienhof in Potsdam herum und posierte für die Kameras. Die taz veröffentlichte Aufnahmen aus der dänischen Illustrierten Berlingske illustreret Tidende von 1934, die dies eindrücklich dokumentieren. Er prahlte damit, Hitler zwei Millionen Stimmen verschafft zu haben. Am berüchtigten Tag von Potsdam im März 1933 zelebrierte er symbolisch wirkmächtig den Schulterschluss mit Adolf Hitler, von „alter“ und neuer Rechter.

Alles das beschreibt auch der Gutachter Clark 2011. Und kam dennoch zu dem überraschenden Schluss: Die damaligen Vertreter des „Hauses Hohenzollern“ seien zwar braun eingefärbt, aber historisch zu unbedeutend gewesen, um eine größere Rolle gespielt zu haben. Eine interessante Interpretation für eine der mächtigsten Familien der deutschen Geschichte, die ihr ganzes Gewicht in die Zerstörung der Republik legte. Nur Vertreter des neurechten Historikerspektrums vertreten solch relativierende Thesen. Und Wolfram Pyta, der im Auftrag der Hohenzollern ein weiteres Gutachten schrieb.

Im Frühjahr ruderte Clark im Schriftwechsel mit David Motadel in der New York Review of Books zurück. Historiker Motadel hatte Clark in seinem Beitrag „What Do the Hohenzollerns Deserve“ scharf kritisiert. Clark liefere den heutigen Hohenzollern nicht nur die Stichworte, um an zusätzliche – ihnen nicht zustehende – staatliche Vermögenswerte zu gelangen.

Er helfe auch ein glorifizierendes Preußenbild zu restaurieren, an das rechts-nationalistische Kräfte seit der Wiedervereinigung verstärkt suchten anzuknüpfen. Für dieses steht stellvertretend die AfD mit Alexander Gauland im Bundestag, der die zwölf Jahre Nazi-Terrorherrschaft als „Vogelschiss“ bezeichnet und bagatellisiert. Clark erwiderte Motadel, ebenfalls in der New York Review, solch reaktionäre Motive lägen ihm fern. Er fühle sich instrumentalisiert. Er betrachte den Kronprinzen sehr wohl als einen „gewalttätigen, ultrarechten Charakter“, der mit Hitler sympathisierte und zur „finalen Abrechnung mit der deutschen Linken drängte“.

Doch hatte er den Kronprinzen schlicht für zu unintelligent und auch isoliert gehalten, als dass dieser eine größere politische Rolle hätte einnehmen können. Inzwischen, so Clark weiter, habe sich jedoch die Quellenlage verändert und er sähe es anders. Die in Princeton forschende Historikerin Karina Urbach hatte bereits letztes Jahr neues Material ausgewertet. Es zeigt, wie systematisch und skrupellos die kaiserliche Familie den Aufstieg der Nazis zum eigenen Nutzen beförderte („Nützliche Idioten, Die Hohenzollern und Hitler“).

Von Stephan Malinowski erscheint bei Oxford University Press gerade das Buch „Nazis and Nobles“. Es ist die überarbeitete englische Fassung seines früheren Buchs „Vom König zum Führer“. Und er forscht weiter. Doch allein was bereits vorliegt, sollte die erhebliche verbrecherische Energie, den notorischen Antisemitismus und die absolute Demokratiefeindlichkeit der Hohenzollern bis 1945 ausreichend belegen. Die Nachfahren der Hohenzollern wären gut beraten, dies zur Kenntnis zu nehmen und mit der historischen Schuld angemessen umzugehen.

Dazu gehörte auch, ihre vielen gegen kritische Journalisten und Historiker wie Malinowski, Urbach oder Winfried Süß gerichteten juristischen Winkelzüge einzustellen. Wie sagt Clark, der ehemalige Kronzeuge der Hohenzollern, jetzt in einem FAZ-Interview deutlich: „Stephan Malinowski hat gezeigt, wie energisch der Kronprinz gearbeitet hat, auch nach der Machtergreifung, um die Berührungsängste der Konservativen gegenüber den Nationalsozialisten zu überwinden.“

In seinem jetzt erschienenen Essayband „Gefangene der Zeit“ (DVA) stimmt Clark demonstrativ Malinowski zu. Er zitiert ihn ausführlich, so es um die Braunfärbung von Kaiserfamilie und altem deutschen (Hoch-)Adel geht. Der Kronprinz, so Clark in der FAZ, war „kontinuierlich an den Versuchen beteiligt, die Demokratie zugrunde zu richten. Und die Zerstörung der Demokratie ist wiederum eine unverzichtbare Voraussetzung für die Machtergreifung der Nationalsozialisten.“

Der Ururenkel von Kaiser Wilhelm II., Georg Friedrich Prinz von Preußen, der als heutiger Wortführer des „Hauses Hohenzollern“ auftritt, hat sich in die Abgründe der Geschichte gestürzt. Er würde gerne mehr vom Tafelsilber seiner Ahnen abbekommen, ohne auf die fragwürdige Provenienz zu schauen. Sogar den holländischen Staat hat er versucht zu verklagen.

Dies berichtet Klaus Wiegrefe Ende November im Spiegel. Man sähe sich „leider gezwungen,“ so die Anwälte des heutigen Preußen-Wortführers 2014, „einen formellen Anspruch auf den Besitz von Haus Doorn, das dazugehörige Inventar und das umliegende Gut sowie zwei dazugehörende Bauernhöfe zu erheben“.

Nach Doorn war der 1918 gestürzte Kaiser Wilhelm II. geflüchtet, samt seiner sagenumwobenen 59 Waggons mit Werten aller Art. Vom Exil aus wünschte er „Presse‚ Juden und Mücken“ den Tod („,das Beste wäre Gas“) und forderte seine Angehörigen auf, aktiv am Nationalsozialismus teilzuhaben. Hitler beglückwünschte er 1940 zu seinen Feldzügen. Nach der Befreiung von den Deutschen wurde Haus Doorn vom holländischen Staat konfisziert. Das kleine Schloss dient als Museum.

Nur das Mausoleum des 1941 hier beigesetzten letzten deutschen Kaisers befindet sich im Privatbesitz der Familie. Nichts Ungewöhnliches, möchte man meinen. Die deutsche Politik könnte sich an den Holländern ein Beispiel nehmen.


Aus: "Kampf um das Tafelsilber" Andreas Fanizadeh (12. 12. 2020)
Quelle: https://taz.de/Preussen-Historiker-Clark-rudert-zurueck/!5734272/
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« Reply #1135 on: January 09, 2021, 01:23:03 PM »

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[...] Die Deutsche Bank zahlt rund 130 Millionen Dollar, um in den USA einer Strafverfolgung wegen Bestechungsvorwürfen im Zusammenhang mit Geschäften im Nahen Osten zu entgehen. Bei einer Telefonkonferenz mit einem Bundesrichter in New York verzichteten Anwälte der Bank auf das Recht, sich einer Anklage zu stellen. Durch die Zustimmung, die Millionensumme zu zahlen, wird es nun keinen Prozess geben. In dem Fall geht es auch um Manipulationen im Handel mit Edelmetallkontrakten, wie das Justizministerium am Freitag in Washington mitteilte.

Die Deutsche Bank habe aufgrund mangelnder interner Kontrollen sieben Jahre lang zugelassen, dass die Buchhaltung frisiert wurde, um Bestechungsgeldzahlungen und andere unzulässige Geldflüsse zu verschleiern, erklärte das Justizministerium. Zudem hätten Händler über einen Zeitraum von fünf Jahren hinweg versucht, die US-Finanzmärkte auf betrügerische Weise zu manipulieren.

"Auch wenn wir uns zu den Details der Vergleiche nicht äußern können, übernehmen wir die Verantwortung für diese Vorgänge, die sich zwischen 2008 und 2017 ereignet haben", erklärte die Deutsche Bank in einem Statement. Die Angelegenheiten seien gründlich untersucht worden, dabei habe das Unternehmen voll mit dem Justizministerium und der Börsenaufsicht SEC kooperiert. Die Bank habe erhebliche Maßnahmen ergriffen und viel Geld ausgegeben, um ihre Prozesse zu verbessern.

Bei den Anschuldigungen der US-Behörden geht es um Verstöße gegen das Anti-Korruptionsgesetz "Foreign Corrupt Practices Act", mit dem die USA Bestechungsvorwürfe auch jenseits ihrer eigenen Landesgrenzen verfolgen können. Konkret wird in den Gerichtsakten etwa ein Schmiergeld-Deal im Jahr 2010 genannt, bei dem über Vermittler geschäftliche Vorteile in Abu Dhabi erlangt werden sollten. Bei der Deutschen Bank sei das Vorhaben intern "Project X" genannt worden.

Gerichtsdokumenten zufolge bestach die Deutsche Bank auch Mittelsleute, um Geschäfte in Saudi-Arabien zu machen. In einem Fall habe die Deutsche Bank um 2012 herum einem ihrer Helfer mehr als eine Million Doller gezahlt und veranlasst, dass diese Zahlung als Gebühren verbucht worden sei. Andere Mittelsmänner hätten eine Jacht oder ein Haus in Frankreich bekommen, hieß es.

Der zweite Teil des Vergleichs betrifft Preismanipulationen einiger Deutsche-Bank-Finanzprofis im Handel mit Edelmetallkontrakten. Dabei soll unter anderem eine häufig als "Spoofing" bezeichnete Praxis zum Einsatz gekommen sein, bei der Kaufaufträge am Markt nur vorgetäuscht werden, um Kurse zu manipulieren. Wegen ähnlicher Vorwürfe war vor wenigen Monaten bereits der US-Großbank JPMorgan Chase eine Strafe von 920 Millionen Dollar von US-Behörden auferlegt worden.

Die Deutsche Bank hatte zuvor bereits zugestimmt, der US-Börsenaufsicht SEC 16 Millionen Dollar zur Beilegung separater Vorwürfe korrupter Geschäfte in Russland und China zu zahlen. Wegen ihrer Geschäfte mit dem mutmaßlichen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein, der im Gefängnis Suizid beging, zahlte sie dem Staat New York 150 Millionen Dollar, um Vorwürfe von Regelverstößen auszuräumen.


Aus: "US-Justizministerium: Deutsche Bank muss wegen Korruptionsaffäre 130 Millionen Dollar zahlen" (9. Januar 2021)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2021-01/deutsche-bank-korruption-us-justizministerium

Quote
Ubiqutous #2

Dass dieses mafiöse, korrupte Geldinstitut immer noch nicht zerschlagen worden ist, bleibt mir ein Rätsel...


Quote
CETAoderGoodByeGermany #2.1

"mafiöse, korrupte Geldinstitut"

Genau deswegen " immer noch nicht zerschlagen worden" :P


Quote
ichsachmalwat #2.3

Eigentlich kein Rätsel. Ackermann hat doch seinen 60.Geburtstag im Kanzleramt mit Frau Merkel auf Kosten des Steuerzahlers gefeiert


Quote
KHans #2.4

Hebt man die dicken Teppiche erst mal hoch, .....
Es wird Zeit, dass begriffen wird, welcher verheerender eitler Dünkel da gezüchtet wird.

Das, was diese Leute mit überzogenen Gehältern und dem Geld ihrer gierigen Kunden anstellen, wurde lange als "erfolgreich" auf den Titelseiten der Magazuine hochgehalten und als Vorbild für die Gesellschaft hingestellt.

Das ganze Bildungssystem zielt darauf ab, solchelei "Erfolg" hochzuzüchten.
Ein Rechtssystem, eine Legislative und Exekutive, die das nicht kontrolliert bekommt, ist schwer gefährdet.
Wirecard?


Quote
Josef Bologna #6

Tja, dann wird’s wohl Zeit die Kredite von Trump fällig zu stellen. Kann die Deutsche Bank ja dann gut gebrauchen.


Quote
Johnnie Walker #7

Klar, übelste Straftaten begehen und sich dann mit viel Geld freikaufen. Da wird der Staat zur größten Mafiaorganisation.
Anstatt gegen solch eine Schweinerei eine Revolution zu starten, wird für Blondie das Capitol gestürmt.

[Sturm auf das Kapitol in Washington 2021 - https://de.wikipedia.org/wiki/Sturm_auf_das_Kapitol_in_Washington_2021]


Quote
Geol #8

Wird jetzt allmählich Zeit, dass ich meine Konten bei der DB kündige. Ist leider ein Haufen Arbeit damit verbunden, was bisher noch der Grund war nicht zu wechseln.
Filialen gibt's sowie keine mehr in der Umgebung. Geld abheben bei der Post geht noch. Was für ein Niedergang!
Gruß und \/ (Victory- Zeichen) in die Schweiz an Herrn Ackermann.


Quote
r.schewietzek #14

Die Verantwortlichen sollten sowohl strafrechtlich als auch finanziell zur Rechenschaft gezogen werden.


Quote
Eleanya #14.1

Nicht deren Gehaltsstufe. Zur Verantwortung gezogen wird man erst ab Gehaltstufe Parkwächter oder niedriger.


Quote
Tomtell #15

Immer wieder die Deutsche Bank. Selbst im internationalen Vergleich scheint die Bank besonders schlimm unterwegs gewesen zu sein. Und es ist schlimm im Bankenbereich. Nach wie vor, wie ich aus erster Hand weiß.


Quote
vom Land #22

Bestechung , Korruption, Manipulation und Schmiergeldzahlung ist eben das Geschäftsmodel der Deutschen Bank. Und sie fahren gut damit, scheint sich zu lohnen.
Niemand gebietet ihnen Einhalt. Keine Behörde oder Regierung hält es für geboten diese kriminelle Firma vom Markt zu nehmen, ihnen die Banklizenz zu entziehen.
Warum geht das nicht ?


Quote
William S. Christ #23

Korruption in Millionenhöhe - ein vollkommen üblicher Vorgang im Big Business, ob national oder international.
Und alle in Politik und Wirtschaft wissen Bescheid, wenn auch nicht alle gleichermaßen mitmachen.
Blöd immer nur, wenn es auffliegt und man sich erwischen lässt.
Dann muss für die Öffentlichkeit ein kleines Opfer gebracht werden und man kann zurück zur Tagesordnung gehen.


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« Reply #1136 on: January 11, 2021, 05:54:52 PM »

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[...] Die CDU hat im vergangenen Jahr Großspenden in Höhe von 1,25 Millionen Euro aus der Immobilienbranche erhalten. Insgesamt nahm die Partei 2020 auf diesem Weg 1,6 Millionen Euro ein, mehr als drei Mal so viel wie im Vorjahr.

Das geht aus den vom Bundestag veröffentlichten Angaben über Parteispenden hervor. Der massive Anstieg ist allein auf die stark gewachsene Spendenbereitschaft bei Immobilienunternehmern zurückzuführen.

Insgesamt 800.000 Euro ließ der Berliner Immobilienunternehmer Christoph Gröner den Christdemokraten in der Hauptstadt zukommen. Im März 2020 hatte er der Partei als Privatperson 300.000 Euro überwiesen, Ende Dezember folgten weitere 500.000 Euro über die Vermögensverwaltung Gröner Family Office, die Christoph Gröner mehrheitlich gehört und von seinem Bruder Frank geführt wird.

Neben ihm bedachten noch weitere Branchenvertreter die CDU mit einer Zuwendung: Christoph Alexander Kahl, geschäftsführender Gesellschafter des Kölner Immobilienunternehmens Jamestown, spendete der Partei in zwei Tranchen insgesamt 300.000 Euro. Weitere 79.000 Euro erhielten die Christdemokraten von dem Unternehmer Dietmar Bücher, der in Hessen die Firma Schlüsselfertiges Bauen betreibt. Der Kölner Immobilienunternehmer Wolfgang von Moers überwies der CDU 70.000 Euro.

Im Vorjahr hatte die CDU dem Bundestagspräsidenten dagegen nur einen einzigen Großspender gemeldet, der aus der Immobilienbranche stammt. Der Berliner Unternehmer Klaus Groth unterstützte 2019 die CDU mit 100.000 Euro.

Wie in früheren Jahren erhielt die CDU auch 2020 wieder größere Beträge von den BMW-Erben Stefan Quandt und Susanne Klatten (je 50001 Euro) sowie vom Verband Südwestmetall in Baden-Württemberg (100.000 Euro). Letzterer rückte von der Praxis vergangener Jahre ab, in denen er ähnlich großzügig die mitregierenden Grünen sowie in geringerem Umfang auch SPD und FDP finanziell bedacht hatte.

Vom bayerischen Verband der Metall- und Elektroindustrie erhielt die CSU 340000 Euro und SPD, Grüne und FDP je rund 50.000 Euro .Weitere Großspenden bekamen SPD und Grüne im vergangenen Jahr nicht, die Liberalen wurden von ihrem Bundesschatzmeister Harald Christ finanziell unterstützt (51.000 Euro).

Die AfD erhielt im Februar 100.000 Euro vom Berliner Immobilienunternehmer und Vermögensverwalter Christian Krawinkel, der damit nach eigenen Angaben auf „aktuelle politische Ereignisse in Thüringen“ reagierte. Kurz zuvor war in Erfurt der FDP-Politiker Thomas Kemmerich mit den Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten gewählt worden.

Zu den Kuriosa der Parteienfinanzierung in Deutschland gehört, dass die Splitterpartei MLPD regelmäßig große Summen für sich verbuchen kann. Im Jahr 2020 erhielt sie insgesamt mehr als 110.000 Euro von zwei Privatpersonen. Eine der Unterstützerinnen ist nach Parteiangaben eine frühere Grundschullehrerin aus Bochum, die im Rentenalter ist und geerbtes Geld spendete.

Parteien müssen Spenden, die den Betrag von 50.000 Euro übersteigen, dem Bundestagspräsidenten „unverzüglich“ anzeigen. Die Angaben werden dann zeitnah veröffentlicht. Spenden, die zwischen 10.000 und 50.000 Euro liegen, müssen erst in den Rechenschaftsberichten der Parteien offengelegt werden.

Diese erscheinen aber in größerem zeitlichen Abstand, die Berichte für 2019 beispielsweise sind noch gar nicht veröffentlicht. Zudem werden Parteien auch über Sponsoring finanziert, sie sind aber nicht verpflichtet, dabei offenzulegen, welches Unternehmen wieviel Geld gezahlt hat. Damit machen die Großspenden nur einen Teil der Zuwendungen von Privatpersonen und Firmen aus.   


Aus: "Die Großspender der Parteien: 1,25 Millionen Euro aus der Immobilienbranche für die CDU" Claudia von Salzen (11.1.2021)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/die-grossspender-der-parteien-1-25-millionen-euro-aus-der-immobilienbranche-fuer-die-cdu/26787686.html
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« Reply #1137 on: January 19, 2021, 09:46:13 AM »

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[...] Die Spuren in der Causa Commerzialbank Mattersburg führen auch in die Schweiz. Die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) hat in der Strafsache gegen Martin Pucher unter anderem Anfang Dezember ein Rechtshilfeersuchen in die Schweiz geschickt, für Kontoöffnungen.

Die Ermittler wollen wissen, ob Ex-Bankchef Pucher Geld in der Schweiz veranlagt hat. Gesucht werden allfällige Konten Puchers bzw. seiner Ehefrau bei der UBS. Den Anhaltspunkt dafür hatte Pucher in einer seiner Einvernahmen und in seiner schriftlichen Stellungnahme im Oktober selbst geliefert.

Da ließ er die Ermittler wissen, er habe schon in den 1980er-Jahren recht viel Geld beim damaligen Schweizer Bankverein in Basel in Wertpapieren veranlagt. Als das Institut von der UBS übernommen wurde, sei das Depot nach Zürich verlegt worden. 2007, 2008 habe er es seiner Frau überschrieben, mit mindestens 600.000 Euro drauf.

Pucher und seine Ex-Vorstandskollegin K. haben ja gestanden, spätestens seit den 1990ern Geschäftsvolumen (vor allem Kredite) erfunden und unrechtmäßig Geld aus der Bank gebracht zu haben; das Institut sei wohl schon Ende der 90er pleite gewesen.

Die Ermittler wollen nun wissen, ob und, wenn ja, wie viel Geld Pucher bis zum Auffliegen der Affäre im vergangenen Juni in die Schweiz transferiert hat. Sollte dem so sein, lege das den Verdacht nahe, dass es sich um Geld aus den Malversationen handle. Pucher und K. sagen seit jeher aus, dass sie sich nicht selbst bereichert hätten. Für sie gilt die Unschuldsvermutung.

Dass es sich um Geld aus Puchers enormen Lotto-Gewinnen handelt, von denen er den Ermittlern berichtet hat, ist unwahrscheinlich. Denn laut Recherchen der Ermittler hat der inzwischen pleitegegangene Ex-Banker und Ex-Fußballpräsident (SV Mattersburg, auch er ist insolvent) in Summe nicht gewonnen, sondern verloren.

Pucher spielte von 1988 bis 1993 mit einem Freund in einer Toto-Spielgemeinschaft, später dann allein. Laut seinem Lotto-Toto-Trafikanten setzte Pucher von 1994 bis 2014 zwischen 3,7 und 4,6 Millionen Euro ein, allein von 2007 bis 2009 soll sein Einsatz jährlich 400.000 bis 600.000 Euro betragen haben. Laut Rechercheergebnissen der Ermittler hat er dabei in Summe 1,8 bis 2,7 Millionen Euro verloren. Pucher selbst stellte das in einer Einvernahme im November in Abrede: "Ich habe bei meinen Lotto-Toto-Spielen mit Sicherheit insgesamt einen Gewinn gemacht."

Die Zahlen dahinter sind erstaunlich: Pro Lotto-Runde spielte Pucher 2.000 bis 3.000 Quick-Tipps, setzte dafür 40.000 bis 50.000 Euro ein. Lotto habe er aber selten gespielt, erklärte Pucher, nur bei "hohen Jackpots". Und: Bankgeld habe er für die Spieleinsätze nicht verwendet bzw. "wenn, dann habe ich mir die Einsätze nur kurzfristig ausgeborgt und anschließend zurückbezahlt". Und, so Pucher: "Ich war kein Spieler."

Weitere Ermittlungen zu dieser Thematik gibt es übrigens nicht. Sie erscheinen "aktuell als nicht zielführend und werden (...) vorläufig eingestellt", schreibt die Soko Commerz in ihrem Bericht. (Renate Graber, 19.1.2021)


Aus: "Commerzialbank: Justiz sucht Konten von Pucher in der Schweiz" Renate Graber (19. Jänner 2021)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000123398988/commerzialbank-justiz-sucht-konten-von-pucher-in-der-schweiz

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goldstandard

"Spieler war ich nicht."

Das nennt sich Realitätsverweigerung.


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Gunnery Sergeant Hartman

Ich war kein Spieler.

Wie kann jemand der offenbar unzurechnungsfähig ist Bankchef sein?


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Community-Name:

Je mehr man über den Pucher erfährt, um so absurder kommt es einem vor, dass so ein Vogel 30 Jahre lang alle Wirtschaftsprüfer, Revisoren, Bankenaufseher an der Nase herumgeführt hat. ...


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andix222

Gelebte Integration.

Man kann so auch US Präsident werden.


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tag_tom_sn

Zeigt aber auch die Qualität der Kontrollen die stattgefunden haben ...


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« Reply #1138 on: January 20, 2021, 04:20:54 PM »

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[...] Dass Sie, der Sie dies lesen, dies lesen, ist fast schon ein Beweis: ein Beweis dafür, dass Sie dazugehören. Das ist ein Super-Einleitungssatz; er stammt von Hans Magnus Enzensberger und steht am Beginn seines Essays „Von der Unaufhaltsamkeit des Kleinbürgertums“, der im Kursbuch Nr. 45 aus dem Jahr 1976 veröffentlicht wurde. Das Kleinbürgertum, so wird es, etwas verkürzt wiedergegeben, im Kursbuch definiert als die Menschen, die auf der einen Seite weder im Besitz von Produktionsmitteln, Ländereien und/oder „arbeitendem“ Kapital sind, noch an den Schlüsselpositionen der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Macht stehen, und die andererseits mehr verdienen, als sie zum bloßen Überleben und zur Wiederherstellung ihrer Arbeitskraft brauchen und dieses Surplus sozusagen in sich selbst oder in die Familie investieren.

Kleinbürger sind Menschen, die mit einem Bein in der Welt der Ausbeuter und mit dem anderen in der Welt der Ausgebeuteten stehen, die dem Grundwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit persönlich entkommen und ihn strukturell verschärfen. Die Kleinbürger*innen, das sind die Menschen in einer Klasse, die nicht eine ist, sondern auf ewig zwischendrin, auf ewig gespalten zwischen der Gier des Aufstiegs und der Angst des Abstiegs, auf ewig gespalten auch in einen progressistisch-liberalen-demokratischen und einen konservativ-reaktionären und der Faschisierung zuneigenden Teil.

Kolumnen wie diese werden in aller Regel von Klein­bür­ge­r*in­nen des progressistischen Flügels geschrieben und gelesen ['Hans Magnus Enzensberger hat 1980 kurzen Prozess gemacht. „Widerstandslos, im großen und ganzen, / haben sie sich selbst verschluckt, / die siebziger Jahre“, schreibt der Dichter und Schriftsteller in „Die Furie des Verschwindens“.' ... Sammelband über Underground-Literatur: Acid nach Feierabend. Die Anthologie „Die untergründigen Jahre“ erzählt über Literatur abseits vom Mainstream in Westdeutschland seit den 1970ern. (10. 8. 2020), https://taz.de/Sammelband-ueber-Underground-Literatur/!5701728/]. Womit wir wieder bei Hans Magnus Enzensbergers Super-Einleitungssatz und auch bei seinem Diktum wären: Kleinbürger wollen alles mögliche, nur nicht Kleinbürger genannt werden.

Dafür, dass das Kleinbürgertum weder wirklichen Reichtum noch wirkliche Macht erringen kann, wurde es mit etwas belohnt, das im Kursbuch damals die „kulturelle Hegemonie“ genannt wurde. Kleinbürger bestimmten Geschmack und Moden, Diskurse und Debatten, Pop und Philosophie, Design und Desaster. Kleinbürger sollten „die Mitte“ sein, auf die alles Regieren und alles Wirtschaften, alle Kunst und alle Gesellschaft bezogen seien. Damit ist es, wie es scheint, seit geraumer Zeit vorbei.

In der Zeit der sozialen Marktwirtschaft (die uns nicht geschenkt, die immer auch erkämpft wurde) war das große Versprechen, dass die Mehrheit aller arbeitenden Menschen und ihre Familien ins Kleinbürgertum aufsteigen könnten. Die Kinder sollten es einmal besser haben, und von Wohlstand und Fortschritt sollen alle was haben. Das große Versprechen der Verkleinbürgerlichung bestand nicht nur in einem größeren Stück vom Kuchen, sondern auch in einer eigentümlichen Subjekt-Freiheit in dieser Klasse, die nicht eine ist.

Proletarische Arbeit, das ist Arbeit, die die Maschine, das Fließband, die Vorarbeiter bestimmen; kleinbürgerliche Arbeit dagegen ist Subjekt-Arbeit, noch in der subalternsten Form geht es darum, Entscheidungen zu treffen und soziale Pression zu vermitteln, was nicht selten zum unsympathischen Phänomen des Radfahrer-Syndroms führte (nach oben buckeln, nach unten treten).

Der Neoliberalismus, das Zusammenspiel von Privatisierung, Globalisierung und Digitalisierung auf „deregulierten“ Märkten, hat die Verhältnisse auf den Kopf gestellt. Auf das Versprechen der progressiven Verkleinbürgerlichung ist die Drohung der Abstiege und Ausschlüsse getreten. Dabei findet der Abstieg des Kleinbürgertums auf drei Ebenen statt.

Die Prekarisierung. Das heißt arbeiten in unsicheren und oft rechtlosen Verhältnissen mit vagen individuellen Chancen, es irgendwie doch noch zum „Gewinner“ zu bringen (jenseits der Klasse). Das Absinken ins neue „Dienstleistungsproletariat“ lauert allerorten.

Die Automatisierung. Ein Jahrhundert lang kämpfte die Arbeiterklasse mit den Auswirkungen der Automation, die Maschinen nahmen Arbeit weg und entwerteten sie, und sie degradierten die menschliche Produktivität. Die Maschine sollte die körperliche Arbeit ersetzen, damit die Menschen sich kreativeren Bereichen widmen könnten, so die idealistische Version, die ihre Rechnung ohne das Kapital gemacht hat. Im neuen Jahrhundert erlebt das Kleinbürgertum, was vorher die Arbeiterklasse erlebte und was sie schließlich auflöste: Immer weitere Bereiche ihrer Arbeit werden von Maschinen „rationalisiert“; Computer übernehmen „geistige“ Aufgaben, die vorher Kleinbürger innehatten, von Pädagogik über Verwaltung bis hin zur Forschung. Die Frage: Was ist ein Kleinbürger?, lässt sich derzeit vor allem mit dem Bild eines Menschen an „seinem“ Computer beantworten, entfremdeter noch als die Arbeit des Proletariers an „seiner“ Maschine.

Der Verlust der kulturellen Hegemonie. Ein Blick in die Fernsehprogramme und in die Konsumblätter am Kiosk offenbart, dass es die gemeinsamen Bezugspunkte von Diskursen und Design als Mainstream nicht mehr gibt. Der bizarre Hass auf die „Eliten“ stammt nicht von unten, sondern von einem in jeder Hinsicht herunterkommenden Kleinbürgertum. Es gibt keinen Mainstream, keine kulturellen Schnittpunkte zwischen dem progressistischen und dem konservativen Teil mehr. Sie können sich, wie ein Blick in die eigene Familie oder die nebenan zeigt, nicht einmal mehr richtig streiten.

Der Verlust der kulturellen Hegemonie wirkt tiefer, als man meinen möchte. Denn der affektive Teil davon ist das scheinbar unerschütterliche Gefühl der moralischen Überlegenheit. Ich bin nicht reich, ich bin nicht mächtig, aber dafür habe ich immer recht. So sprechen Kleinbürger, rechts wie links. Und sie sprechen es immer lauter, je mehr ihnen die Abwertung ihrer Nicht-Klasse bewusst wird. Die viel beschworene Spaltung der Gesellschaft ist vor allem eine Spaltung des Kleinbürgertums. Vielleicht wird es Zeit, dass „Wir Kleinbürger“ (so hieß das Kursbuch von 1976) doch noch so etwas wie Klassenbewusstsein entwickeln.


Aus: "Klassenfragen und Macht: Wir Kleinbürger" Kolumne von Georg Seeßlen (20. 1. 2021)
Quelle: https://taz.de/Klassenfragen-und-Macht/!5741909/
« Last Edit: January 20, 2021, 04:25:46 PM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #1139 on: January 20, 2021, 08:57:07 PM »

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self-made debtor @babadookspinoza

I never hear concerns about how the McDonald’s CEO making $18,012,549 per year might drive up the price of a Big Mac.
That’s $8,659.88/hour.

6:36 nachm. · 17. Jan. 2021

https://twitter.com/babadookspinoza/status/1350859512014581766
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« Reply #1140 on: January 27, 2021, 12:01:08 PM »

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[...] Der schwedische Modekonzern Hennes & Mauritz will in den kommenden Monaten 800 Mitarbeiterinnen in Deutschland entlassen. Wie der Business Insider berichtet, legte die Unternehmensführung dafür dem Gesamtbetriebsrat ein Freiwilligenprogramm vor, in dem Mitarbeiter in Elternzeit als prädestinierte Gruppe für Entlassungen aufgelistet werden.

Dem Bericht zufolge sind die meisten Mitarbeiter in den H&M-Filialen Frauen, in Elternzeit befinden sich demnach vor allem junge Mütter. Diese Mitarbeiterinnen sind zwar durch die Elternzeit vor Kündigung geschützt. Sobald sie aber an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, können sie gekündigt werden.

Grund für den Fokus auf junge Mütter ist demnach die eingeschränkte Arbeitszeit der Betroffenen: Laut Business Insider will H&M insbesondere Mitarbeiterinnen entlassen, die nicht an den umsatzstarken Abendzeiten und an Samstagen arbeiten können oder wollen.

Die Gewerkschaft ver.di kritisiert das Vorgehen des schwedischen Unternehmens. "H&M-Deutschlandchef Thorsten Mindermann verhält sich wie ein Unternehmenspatriarch, der Entscheidungen über die Köpfe von Frauen hinweg trifft", sagte Cosimo-Damiano Quinto aus der ver.di-Bundesfachgruppe Einzelhandel. "Im Grundgesetz heißt es klipp und klar: Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft. Eigentum verpflichtet daher auch Unternehmen wie H&M, Frauen in Elternzeit und berufstätigen Müttern familienfreundliche Arbeitszeiten zu ermöglichen, anstatt ihre Doppelbelastung als Schwäche auszunutzen und zu versuchen, sie auf die Straße zu setzen."

Auch die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Katja Mast, äußerte sich empört über den Bericht. "Ich fordere, dass sich die Unternehmensspitze dazu noch heute öffentlich äußert. Wenn das so stimmt, ist das schäbig und entspricht in keinster Weise unserer Vorstellung von guter Arbeit. Es ist völlig inakzeptabel. Das Frauen- und Familienbild, das damit einhergeht, befremdet mich zutiefst", erklärte die Politikerin.

H&M bestätigte gegenüber Business Insider den Abbau von 800 Stellen in Deutschland. Zu weiteren Details wollte sich das Unternehmen aber nicht äußern.
 

Aus: "H&M will 800 Mitarbeiter entlassen – offenbar vor allem Mütter" (26. Januar 2021)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2021-01/hennes-mauritz-stellenabbau-muetter-elternzeit-deutschland

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ottonis #85

Wenn ein Unternehmen in wirtschaftliche Schieflage gerät, was im Moment aufgrund der Pandemie ja leider recht viele betrifft, dann sollte man doch im Jahr 2021 erwarten dürfen, dass Abhilfe möglichst diskrimierungsfrei geschaffen wird.
Was kommt denn nach dem Rauswurf aller Mütter als nächstes? Der Rauswurf aller Frauen? Was ist mit Vätern, die in Elternzeit gehen? Die auch alle rauswerfen?
Bei der Einstellung also erstmal klären, ob man jemals Kinder haben will?

Das sind Verhältnisse des dunkelsten Thatcher-Kapitalismus.


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Leser1970 #17

Bei "Frauen in die Aufsichtsräte" hört man aus der Politik viel lärm. Wenn es um kleine Verkäuferinnen geht erlahmt der Aktionismus.


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kalt wie ne Hundeschnauze #1

Aus kapitalistischer Sicht agiert H&M völlig korrekt - bringt zu wenig Umsatz, also weg damit!
Erstaunlicherweise diskutieren wieder alle über H&M, nicht über den Kapitalismus...


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atropos #76

Wirtschaftlich klingt das nachvollziehbar, moralisch ist das leider sehr verwerflich. Aber wo Moral auf Geld und starken Kapitalismus trifft ...


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r.schewietzek #1.12

Ist nicht gerade das Gescheiteste, es sich mit der eigenen Zielgruppe zu verderben; alle junge Frauen, die Zielgruppe von H&M, sind potentielle Mütter.


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Miri Sübel #1.22

Wie immer stimmen die Kunden mit ihren Füßen ab. Wenn man als Kunde assoziales Geschäftsgebahren nicht nur ignoriert, wird es schnell aufhören.


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Bildungsferne #1.43

H&M steht schon seit Jahren in der Kritik. Schlechte Arbeitsbedingungen, Kinderarbeit in den Poduktionsstätten usw.
Gekauft wird dort trotzdem.

Artikel 2017
https://www.merkur.de/leben/karriere/hm-mitarbeiter-klagen-ueber-miese-arbeitsbedingungen-zr-8482207.html

https://www.zeit.de/2017/29/h-und-m-mitarbeiter-betriebsrat-kuendigung-arbeitsbedingungen


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prwin #1.78

Ich verstehe den Gedanken, aber wenn die Leute nun wirklich konsequent H&M boykottieren und die dann Filialen geschlossen werden müssen, würden doch noch mehr Mütter und Frauen unter den Angestellten entlassen werden?


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interflapped #1.82

Und es weint...die ganze FDP. Tusch!


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Kthx #1.100

Das erklärt aber nicht, warum H&Mnicht einfach mal 8000 "alte weiss Männer" entlässt? Würde in gewissen Kreisen vielleicht sogar beklatscht werden.


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hermelone #1.105

„ Erstaunlicherweise diskutieren wieder alle über H&M, nicht über den Kapitalismus...“

H&M hat das verbrochen, wird also korrekterweise besonders heraus gestellt. Andere Unternehmen machen das vermutlich geschickter.


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EineandereSicht #14

Entlassungen im Einzelhandel......das kommt jetzt irgendwie nicht wirklich überraschend.
Und die Mehrheit der Mitarbeiter im Einzelhandel sind nun einmal Frauen.
Man kann es kritisieren, dass H&M sich explizit Mütter aussucht, aber eigentlich ist das scheinheilig. Die Coronapolitik vernichtet massenhaft Arbeitsplätze von Frauen im Einzelhandel. Glaubt jemand wirklich, das sind alles Singles ohne Kinder?


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Tordenskjold #29

Elternzeit. Wer sie nimmt, der macht sich eventuell bei seinem Arbeitgeber unbeliebt. Generell ist Kinderkriegen aus Sicht mancher Arbeitgeber keine gute Sache. Kinder sind ab und zu mal krank, Eltern sind bei der Urlaubsplanung auf die Zeit der Schulferien beschränkt, für Eltern gibt es noch was anderes als die Arbeit.
Die Elternzeit nährt die Illusion von Deutschland als einem familienfreundlichen Land. Wer in Elternzeit geht, tut das oft gegen einen mehr oder weniger offenen Widerstand des Arbeitgebers. Das gilt übrigens auch für Männer.


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ansv #42

Alle, die sich hier aufregen und jetzt laut "Boykott" rufen, haben sich wohl lang nicht mit den Arbeitsbedingungen bei H&M befasst: Dort gibt es Arbeitsverträge, die garantieren ein 20-Stunden-Minimum, der Rest ist auf Abruf. Von einem 20-Stunden-Job kann kaum jemand leben, also sind die Menschen auf die Springer-Schichten angewiesen. Das wiederum bedeutet, dass H&M sein Personal sehr kurzfristig flexibel einsetzen kann - gut fürs Unternehmen, Pech für das Leben er Mitarbeitenden. Wenn das Telefon klingelt, müssen sie springen. Und, natürlich ist das wie bei Uber - wer sich 2x nicht gemeldet hat, rutscht auf der Anrufliste weit nach hinten.


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Gustav 68 #42.1

Also in der Filiale wo ich Arbeite ist das nicht so! Bei uns Arbeiten viel Studenten die ihre Verträge so aushalten wie es für sie passt 10-20 Stunden je nach dem wie es mit dem Studium passt viele Arbeiten in ihrer ganzen Studienzeit bei H&M und haben ihre Stunden oftmals geändert was kein Problem ist.


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Doc-Lulu #43

Wer sich an die britische Ölplatform Brent Spar erinnert, der weiß wie man mit solchen Dingen umgeht. Aber schicke Billigmode wird immer attraktiver als Solidarität sein. Was hindert junge Menschen daran solch ein Verhalten zu sanktionieren? Dumme Ignoranz. Aber hey, es sind bestimmt die Konzerne die für alles verantwortlich sind?



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maneo #49

Wie immer trifft es in Krisenzeiten natürlich zuerst die Schwächsten, damit die Führungsebene ihre Gewinne nicht gefährdet sieht. ...


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Niemand darf wegen seines Geschlechts benachteiligt oder bevorzugt werden #49.1

Der drittgrößte Modekonzern der Welt hat eine einfache Erfolgsformel: Verkaufe schnell, frisch und günstig. Bei Hennes & Mauritz nennen sie das intern „Gemüseladenprinzip“, ein geflügeltes Wort im Konzern.

In der vergangenen Dekade suchten die Schweden Wachstum mit aggressiver, internationaler Filialen-Expansion. Die Logik: Je mehr „Gemüseläden“ es gibt, desto mehr Umsatz wird erwirtschaftet. Und dieser ist wichtig für die Schweden, pro Kleidungsstück erzielen sie wegen der niedrigen Preise geringe Margen. Gewinn machen sie also nur durch Masse. Das Kalkül ist lange aufgegangen, der Umsatz und das Wachstum von H&M konnten sich die vergangenen Jahre sehen lassen. Von 2010 bis 2017 wuchs der Umsatz von 12,9 Milliarden Euro auf 23,3 Milliarden Euro.

Das Onlinegeschäft lief lange Zeit nebenher, der Onlineshop war ein angenehmer zweiter Vertriebsweg, aber keine Priorität der Konzernleitung, erfuhr Business Insider aus Unternehmenskreisen. Das änderte sich grundlegend im Jahr 2018 – als der Umsatz um rund 3 Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr einbrach. Die H&M-Leitung stellte fest, dass sich vor allem das Kaufverhalten der Kunden geändert hatte: Sie erwarben ihre Produkte immer mehr über das Internet.

Zu der Konkurrenz zählten zahlreiche E-Commerce-Plattformen wie Zalando oder About You, die kontinuierlich zweistellige Wachstumsraten verkündeten. Auch der direkte Mitbewerber von H&M, Inditex, war den Schweden zu dem Zeitpunkt in Sachen Digitalisierung voraus, unter anderem mit moderneren Kassensystemen und Selbstscanner-Kassen .Die Schweden fühlten sich für diesen Kulturwandel nicht ausreichend gerüstet, erfuhr Business Insider aus Unternehmenskreisen.

https://www.businessinsider.de/wirtschaft/handel/inside-hm-wir-haben-angst-um-unsere-arbeit-konzern-streicht-800-stellen-in-deutschland-junge-muetter-betroffen/
Das ist die Originalquelle.

H&M macht freiwillige Abfindungsangebote, das Unternehmen zu verlassen und dafür Geld zu bekommen.

Die ZON-Überschrift: „ H&M setzt offenbar auf Entlassung von Müttern. Der Modekonzern will 800 Mitarbeiterinnen kündigen. Vor allem Mütter in Elternzeit sollen laut einem Bericht gehen – weil sie nicht abends und samstags arbeiten könnten.“

Das ist schlicht gelogen. ZON verbreitet hier Fake News. ZON sollte sich schämen.


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render #52

H&M in Reinkultur. Ich erinnere mal noch an Flex-Vertäge und Mitarbeiterspionage. Macht sicher unheimlich Freude, in dem Laden zu arbeiten.


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HeikoausOffenbach #53

Es wird in den nächsten Monaten Massenentlassungen geben, vor allem auch im Einzelhandel.Viele Firmen haben im vergangenen Jahr kaum was verdient, trotz bestehender Mieten und Personalkosten (H&M hat den Kurzarbeiterlohn auf 90 Prozent aufgestockt).Das ein Unternehmen ein sogenanntes "Freiwilligenprogramm"(der Name ist, naja...) voranstellt, um Mitarbeiter zu "finden", die von sich aus mit Abfindung gehen, ist doch erstmal nicht unbedingt zu kritisieren?!


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Frau. Huber #53.1

Die Frage wäre halt,warum gerade junge Mütter als Zielgruppe für eine freiwillige Kündigung gesehen werden und nicht z.B. junge Väter oder Kinderlose?


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ansv #53.2

Vielleicht, weil der Anteil junger Väter in Elternzeit keine relevante Größe darstellt?
Kinderlose sind das, was das Unternehmen braucht: Flexibel abrufbar.


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Grumbling #53.3

Nur 3 von 10 Vätern nehmen in unserem Bundesland Elternzeit und auch kaum länger als 2 Monate. Mütter nehmen im Schnitt 10-12 Monate Elternzeit.
Kinderlose haben bei H&M oft Flex-Verträge und sind auf Abruf verfügbar.


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PortofSecrets #68

Wenn sowas geplant wird, wird das PR-Desaster dann eigentlich immer mitbeleuchtet und einkalkuliert? Shell war vielleicht anno 1995 noch überrascht, als niemand mehr dort tanken wollte, als die die Ölbohrplattform einfach so auf hoher See verklappen wollten. Aber heute? Nichts von Schlecker gelernt? ...


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« Reply #1141 on: February 02, 2021, 12:45:33 PM »

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[...] Mit Klebeband hat er die Ritzen des Daches abgedeckt, weil es sonst reinregnet. Unten liegt Pappe gegen die Kälte im Boden. Hier schläft Nicolae Molcoasa, an einer verlassenen Bushaltestelle mitten in Potsdam, wo er zuletzt ein richtiges Dach über dem Kopf hatte. Um ihn herum hübsche Backsteinfassaden und beleuchtete Fenster. Sie gehören zu einer behaglichen, warmen Welt, die Molcoasa verschlossen bleibt.

„Ich möchte als Gleicher unter Gleichen anerkannt werden“, sagt er auf Rumänisch. Die meisten Menschen, die an ihm vorbeilaufen, sehen weg, als wäre er nicht da. Der 50-Jährige hat ein hartes Leben. Aber ein wenig Hoffnung ist da noch. Dass er in Deutschland als Mensch mit Rechten anerkannt wird. Dass er nicht bloß als billige Arbeitskraft herhalten muss, sondern auch Hilfe in der Not findet. Ein wenig Hoffnung, dass das europäische Versprechen von Zusammenhalten und Wohlstand kein leeres Gerede ist.

„Es ist tatsächlich eine Schande, dass Menschen aus Mittel- und Osteuropa, aus Bulgarien und Rumänien, in dieser reichen Gesellschaft ausgebeutet werden“, beschwerte sich auch SPD-Minister Hubertus Heil im Sommer. Beim Fleischverarbeiter Tönnies war es zu massiven Corona-Ausbrüchen gekommen. Auch dort arbeiteten viele Menschen aus dem Osten der EU.

Es ist einer der kältesten Tage des Jahres. Zwei Jacken trägt Nicolae Molcoasa übereinander, eine rote, darüber eine gelbe. Er ist ein gepflegter Mann, wirkt jünger als 50. Man hielte ihn nicht für einen Obdachlosen. Und doch steht er hier, an der Straßenecke und verkauft Magazine. Sein Hab und Gut hat er in große Koffer verpackt, lädt sie in einen Einkaufswagen, beinahe überragen sie seinen Kopf.

Ungefähr 25 Kilometer entfernt steht ein Gebäude, das Nicolae Molcoasa gebaut hat, wenn auch nicht allein. In diesem Gebäude kann er nicht wohnen, es hat ein Glasdach, das sich in einer Höhe von 23 Metern aufspannt, es würden 1500 Wohnungen darin Platz finden. Es ist eins von Berlins bekanntesten Einkaufszentren, die Mall of Berlin.

Im August 2015 entschied das Berliner Arbeitsgericht im Fall Molcoasa: 1226 Euro Lohn soll er bekommen, für seine auf der Baustelle geleistete Arbeit. Nur 550 Euro habe er für drei Wochen harte Arbeit erhalten, sagte Molcoasa dem Gericht. Einen „wichtigen Erfolg gegen Ausbeutung und moderne Lohnsklaverei“ nannte der damalige Berliner Grünen-Chef Daniel Wesener das Urteil. Nur: Das Geld hat Molcoasa bis heute nicht bekommen.

Er und ein Kollege hatten gegen Openmallmaster geklagt. Das war eines der Subunternehmen, das in einer unübersichtlichen Kette von Firmen die Baustelle organisierte. Aber die Entscheidung kam aus formalen Gründen zustande, weil die Beklagten niemanden zur Verhandlung schickten.

So wenig bedeutete ihnen offenbar die Sache, so gewiss konnten sie sich sein, dass ihnen nicht viel passieren würde. Richterin Beate Aster reagierte streng. „Das Ganze stinkt zum Himmel. Und das ist noch nett ausgedrückt“, sagte sie im Frühjahr 2015.

Seit es in der EU einen gemeinsamen Arbeitsmarkt gibt, sind hunderttausende Menschen nach Deutschland gekommen. Gut 400.000 Beschäftigte mit rumänischer Staatsangehörigkeit wie Molcoasa zählte die Bundesagentur für Arbeit dieses Jahr – und das sind noch diejenigen, die zumindest sozialversicherungspflichtig angestellt sind.

Die Menschen sind anfällig für Ausbeutung, nehmen oft übelste Bedingungen in Kauf, weil sie keine Wahl haben. „Wer aufmuckt, der fliegt raus“, sagt Justyna Oblacewicz vom Deutschen Gewerkschaftsbund. 8000 Menschen haben sich bundesweit allein in der ersten Hälfte des Jahres 2020 an die Beratungsstellen für „Faire Mobilität“ der Gewerkschaft gewandt.

Vor gut sechs Jahren betritt Nicolae Molcoasa zum ersten Mal das Areal in der Mitte Berlins, wo heute die Mall steht. Er schleppt schweres Baumaterial. „Von Anfang an war die Arbeit hart [ ].“ Zehn Stunden habe er am Tag gearbeitet, an sechs Tagen in der Woche. „Aber es wurde schlimmer.“

Bullige Typen tauchten auf der Baustelle auf, verboten Pausen, aus angeblich „technischen Gründen“, brüllten Molcoasa und seine Kollegen an, wenn sie Wasser trinken wollten. Aber Molcoasa will an diese Sache lieber nicht mehr so viel denken. „Das würde meine jetzige Lage noch schlimmer machen.“

Es hätte damals auf dem Bau ein Mindestlohn von 11,10 Euro gegolten. Aber Molcoasas Arbeitgeber hielt sich nicht daran, als er im September und Oktober 2014 auf der Baustelle arbeitete. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat ermittelt, dass der Mindestlohn bei deutschen Staatsbürgern in etwa jedem zehnten Fall nicht gezahlt wird. Bei Ausländern ist es jeder siebte. Betriebsprüfungen sind selten, Sanktionen lasch, Verstöße nachzuweisen ist schwer, heißt es in der Studie.

Die verantwortlichen Subfirmen kommen davon. Openmallmaster ist pleite, der Geschäftsführer wurde per Haftbefehl gesucht, weil er die Insolvenz verschleppte. Der Befehl ist verjährt. Molcoasas Urteil über die 1226 Euro könnte theoretisch noch vollstreckt werden.

Wenn man irgendwie an Openmallmaster herankäme. „Ich habe ein Trauma“, sagt Molcoasa an dem kalten Tag in Potsdam. „Die Anwälte haben so viele Beweise vorgebracht, aber trotzdem haben wir verloren.“

Ein paar Wochen bevor er die Baustelle zum ersten Mal betritt, lebt Molcoasa in einer Kleinstadt bei Bukarest. Er ist bei seiner Halbschwester, als ihn ein „gutes Omen“ erreicht. Das denkt er damals zumindest. Ein Mann ruft an.

„Das ist nur für deine Ohren bestimmt“, sagt er. „Spring in den Bus und arbeite für uns auf dieser Baustelle in Berlin, sobald es geht.“ 1500 Euro im Monat werde er verdienen. Ungefähr das doppelte eines durchschnittlichen Bauarbeiterlohns in Rumänien. Das gute Omen war in Wahrheit ein schlechtes.

Fälle wie der Molcoasas zeigen: Gleiche Rechte bringen nur dann etwas, wenn Menschen sie durchsetzen können, wenn sie ihre Rechte überhaupt kennen. Oft ist das bei Menschen aus dem Osten der EU nicht so, sagt Gewerkschafterin Oblacewicz.

Auch die Obdachlosigkeit ist als Gefahr im System angelegt: Auf dem Bau, in der Landwirtschaft und der häuslichen Pflege ist die Unterkunft für Ausländer teilweise an den Arbeitsplatz gekoppelt. Wer den Job verliert, ist dann gleichzeitig ohne Dach über dem Kopf. „In solchen Fällen bleibt den Menschen nichts anderes übrig als den Weg nach Hause anzutreten oder so schnell wie möglich eine neue Anstellung zu finden.“

Molcoasa spricht mit dem ganzen Körper, breitet seine Arme aus, gestikuliert. Was bleibt ihm auch anderes übrig, die Leute verstehen seine Sprache ja kaum. „Ich will mich integrieren und Deutsch lernen“, sagt er. Nach Rumänien möchte er nicht zurück.

„Da gibt es keinen Ort, an den ich heimgehen könnte.“ Molcoasa lebte in der Vergangenheit zweimal länger mit Frauen zusammen, bekam mit beiden je ein Kind. Seine Tochter ist zwanzig, hat schon geheiratet, der Sohn neun. Die Mütter wollen keinen Kontakt. Nur eine weitere Verwandte sieht den Sohn ab und zu, schickt ihm dann Fotos.

Seine Minderheit sei außerdem besonders von Covid-19 betroffen, Molcoasa gehört zur Bevölkerungsgruppe der Roma. „Die Regierung tut nichts.“ Von der EU ist er auch wegen ihrer Corona-Politik enttäuscht. In Rumänien stecken sich derzeit täglich doppelt so viele Menschen mit Corona an wie hierzulande, wenn man die Zahlen auf die Bevölkerung umrechnet.

Wenn die Subfirmen in einem Fall wie diesem pleite sind, gibt es dann niemanden, der Verantwortung übernimmt? Auftraggeber der Mall war die Firma HGHI des Unternehmers Harald Huth. Er hat viele Einkaufszentren in der Stadt aufgebaut, das Schloss in Steglitz, das Schultheiss-Quartier in Moabit.

Huth musste sich einige negative Schlagzeilen gefallen lassen, fühlte sich unfair behandelt. „Vielleicht sollte ich es machen wie Trump“, sagte er im Tagesspiegel-Interview vor zwei Jahren. „Dem ist es egal, was die anderen sagen.“

Auch über Molcoasa und seine Kollegen sagte er damals etwas: „Wenn die Gewerkschaftler mich angerufen und mir das Schicksal der Männer geschildert hätten, hätte ich denen natürlich Geld gegeben, schon um den Ärger zu vermeiden.“

Für diese Recherche hat der Tagesspiegel Huths Firma HGHI erneut gebeten, ihren Standpunkt zu schildern, wie es bei Konfliktberichten üblich ist. Die Pressestelle reagierte aber nicht auf die Bitte, sich nach einer Frist von zwei Werktagen zu äußern.

Auf die Fragen, ob solche Fälle weiter auf HGHI-Baustellen vorkommen, man sich in der Verantwortung für Fälle von Lohnausfall auf der Mall-Baustelle sieht oder gar bedauert, dass ehemals auf der Mall-Baustelle tätige Menschen heute in Obdachlosigkeit leben, kommt etwa eine Stunde nach Abschicken der E-Mail ein Anruf.

Harald Huth persönlich ist am Apparat, er ärgert sich über die Anfrage. Zwar sagt er in dem Telefonat etwas zu den Fragen aus der Mail, besteht aber darauf, dass der Tagesspiegel seine Antworten nicht zitieren dürfe. Vier Tage später trifft noch ein Brief von einer bekannten Kanzlei für Medienrecht ein.

Die HGHI werde keine Stellungnahme abgeben. Sie müsse nicht hinnehmen, hier in falschen Zusammenhängen dargestellt zu werden – die einseitige Interessenlage der Quelle sei bekannt.

Für Huth wäre es offenbar besser, wenn sich niemand für den Fall interessierte. Ohne die Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union, eine anarchistische Gewerkschaft, wären Molcoasa und seine Kollegen wohl nie so bekannt geworden. Die Berliner Gruppe demonstrierte mit den Männern, suchte einen Anwalt, einen ehrenamtlichen Dolmetscher. Und sie prägte einen anderen Namen für das riesige Haus am Potsdamer Platz: „Mall of Shame“, Mall der Schande.

Wäre die Öffentlichkeit nicht auf die Sache aufmerksam geworden, hätten die Rumänen vielleicht viel früher aufgeben müssen. Selbst wenn sie im Recht sind, ist es schwer, das juristisch durchzusetzen. In einem der vielen Prozesse beschwerte sich ein Anwalt, dass die Post für Molcoasa an die Adresse der FAU geschickt wurde. Aber welche andere Adresse soll jemand angeben, der auf der Straße lebt? Das Gericht entschied schließlich, dass die Gewerkschaftsadresse in diesem Fall ausreicht.

„Es ist ein Albtraum, der nicht endet“, sagt Molcoasa über sein Leben heute. Er kämpft nicht mehr um seinen Lohn. Aber ein Anwalt versucht zu erreichen, dass er Sozialhilfe bekommt. Dafür muss er aber mindestens zwölf Monate in Deutschland berufstätig gewesen sein. Molcoasa hatte andere Jobs, nach der Sache mit der Mall. Er half bei Abrissarbeiten, bis er wegen der Überlastung im Krankenhaus aufwachte. Putzte in Restaurants, das sei fast noch härter als der Bau gewesen.

Auf Baustellen gibt es oft ein kompliziertes Geflecht von Firmen. Die bekommen den Auftrag vom Generalübernehmer. Der baut für den Entwickler, der wiederum dafür zuständig ist, das Geld von Banken einzusammeln. Am Ende ist es schwierig, Ansprüche durchzusetzen.

Der Entwickler übernimmt keine Haftung für das, was weiter unten in der Kette passiert. Das schwächste Glied sind die Arbeiter. Oft geben sie auf, fahren zurück nach Hause. Was können sie schon tun, ohne Geld, ohne Sprachkenntnisse in einem fremden Land?

Auch Harald Huths Firma HGHI war nie der Arbeitgeber von Molcoasa. Ehemalige Kollegen von der Baustelle haben versucht, vor dem Bundesarbeitsgericht durchzusetzen, dass Huth als Entwickler trotzdem haften muss. Das Gericht sagte nein. Die Begründung: Eine Bürgenhaftung nach dem Gesetz trifft nur den Unternehmer, der sich selber gegenüber einem Bauherrn zur Erbringung einer Werkleistung verpflichtet hat und diese nicht mit eigenen Arbeitskräften erledigt, sondern sich zur Erfüllung seiner Verpflichtung eines Subunternehmers bedient.

Huths Firma als Bauherr traf diese Haftung also gerade nicht. Der Gedanke dahinter ist wohl, dass private Bauherren bei Fehlern auf Eigenheim-Baustellen nicht haften sollen. Warum das auch für eine Milliarden-Mall gilt, „vermag nicht zu überzeugen“, schreibt Anwalt Klaus Stähle, der die Rumänen vertrat. Vors Verfassungsgericht könnte man noch gehen.

Wenn er sich etwas für die allernächste Zeit wünschen könnte, würde Molcoasa zur Mall of Berlin zurückkehren, zumindest in deren Nähe. In der Gegend gebe es viele nette Passanten, die ihm helfen, gerade in den Weihnachtstagen, sagt er.
Dann, einen Tag nach dem Treffen in Potsdam, erhält Molcoasa eine gute Nachricht: Für zwei Monate wird er vom deutschen Staat Sozialhilfe erhalten. Eine vorläufige Entscheidung. Prozesse im Sozialrecht können sich ewig hinziehen. Aber wie lange kann ein Mensch auf Hilfe warten, ohne die Hoffnung zu verlieren?

Seit zwei oder drei Wochen bekommt Molcoasa an der zugigen Bushaltestelle manchmal Besuch in der Nacht. Ein junger Fuchs, der hungrig ist. Auf den Namen Kiki reagiert er, wenn man ihn ruft. Molcoasa gibt dem Tier zu essen, es leckt sich die Pfoten. Er nimmt es als Geste der Dankbarkeit. „Ich mache mir Sorgen, weil manche Leute ihren Kindern beibringen, gemein zu sein.“ Er fürchtet, sie könnten Kiki Gewalt antun. Diese Welt hat ihn misstrauisch gemacht.


Aus: "Der Luxus der Anderen: Ausgebeutet in Berlin – 550 Euro für drei Wochen harte Arbeit" Jonas Bickelmann (01.02.2021)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/der-luxus-der-anderen-ausgebeutet-in-berlin-550-euro-fuer-drei-wochen-harte-arbeit/26781212.html

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Anti_Troll 12:21 Uhr

     „Vielleicht sollte ich es machen wie Trump“, sagte er im Tagesspiegel-Interview vor zwei Jahren. „Dem ist es egal, was die anderen sagen.“

Einem stinkreicher Städtebau-Vandalen, der darauf pfeift, wie auf seinen Baustellen Menschen maximal ausgebeutet werden, dem der Arbeitsschutz gleichgültig ist und der darauf setzt, dass seine Kumpels in der Politik immer wieder über die Gesetzesbrüche hinwegsehen, dem ist doch sowieso egal, "was die anderen sagen".
Niemand zwingt ihn, mit SubSubSub-Sklavenhaltern zusammenzuarbeiten, das macht er, weil er die maximale Marge rausholen will.
Von daher ergibt seine Aussage null Sinn. Der ist der Trump der Steine und Rigipsplatten.


Quote
Unky 12:39 Uhr

Es ist eine Schande, dass in diesem reichen Land Menschen derartig ausgebeutet werden - aber offensichtlich gründet sich der Reichtum genau darauf: auf Ausbeutung wehrloser ausländischer Arbeiter.


...
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« Reply #1142 on: February 02, 2021, 12:58:50 PM »

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[...]  Carolin Kunert, 25, hat ein Start-up gegründet und verkauft mobile Grills. Sie hat sieben Angestellte und träumt sogar von der Arbeit. Gewinne will sie in Aktien anlegen. ... Carolin Kunert verkauft mobile Grills, die auch auf Fahrrädern transportiert werden können.  ...

Exklusiv für Abonnenten


Aus: ""Ich zahle mir pro Monat bis zu 5.000 Euro aus"" Protokoll: Stefanie Witterauf (31. Januar 2021)
Quelle: https://www.zeit.de/arbeit/2021-01/unternehmerin-start-up-corona-krise-gehalt-kontoauszug
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« Reply #1143 on: February 08, 2021, 04:58:23 PM »

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[...] BRÜSSEL taz | Sieben Jahre nach dem Finanzskandal um die „LuxLeaks“ steht Luxemburg erneut am Pranger. Diesmal geht es um den Vorwurf, die „Steueroase Luxemburg“ erlaube es Großkonzernen und vermögenden Personen, Milliardengewinne in das Großherzogtum zu verschieben und Steuern zu sparen. Die Regierung Luxemburgs wies die Vorwürfe zurück, die Brüsseler EU-Kommission gab sich überrascht.

Die „LuxLeaks“ waren 2014 kurz nach Amtsbeginn des damaligen EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker bekannt geworden. Sie zeigten, dass Firmen wie Apple, Amazon oder die Deutsche Bank in Luxemburg aggressive Steuervermeidungsmodelle aufgebaut hatten. Juncker und seine Behörde gelobten nach dem Skandal Besserung und führten eine „schwarze Liste“ mit Steuerparadiesen ein.

Doch auf dieser Liste stehen nur Länder außerhalb der EU. Luxemburg, die Niederlande oder Malta, die oft wegen besonders vorteilhafter Konditionen für Kleinanleger und Großkonzerne auffallen, sind nicht gelistet. Brüssel drückt bei seinen eigenen Mitgliedstaaten ein Auge zu – was nach Auffassung von Kritikern zu massiven Steuerausfällen und einer Verzerrung des Wettbewerbs führt.

Mehrere europäische Zeitungen, darunter die Süddeutsche, haben sich nun Luxemburg vorgeknöpft. Bei ihrer Recherche haben sie herausgefunden, dass 55.000 Briefkastenfirmen im Großherzogtum Anlagen im Gesamtwert von mindestens 6.500 Milliarden Euro in Sicherheit gebracht haben.

Diese Summe übersteigt das Bruttoinlandsprodukt Luxemburgs von 2019 um mehr als das Hundertfache. Deutschland entgingen so Steuern in Milliardenhöhe, schreibt die Zeitung. Auch Belgien blutet finanziell aus. Rund 10.000 Belgier haben der Recherche zufolge eine oder mehrere „Offshore“-Firmen in Luxemburg gegründet. Das sind doppelt so viele wie die 4.600 Deutschen, die sich im Großherzogtum tummeln.

Die Zahlen stützen sich auf ein Transparenzregister, das Luxemburg nach den „LuxLeaks“ angelegt hat. Allerdings seien die Angaben oft fehlerhaft, moniert die Süddeutsche. Darüber hinaus fänden sich etliche „fragwürdige Gestalten als Firmeneigentümer“, etwa ein Waffenhändler, der Anführer einer der größten russischen Mafia-Clans oder Menschen mit Verbindungen zur italienischen ’Ndrangheta.

Luxemburg wies die Vorwürfe „entschieden“ zurück. Die Gesetzgebung stehe „in vollem Einklang mit allen internationalen Vorschriften und Transparenzstandards“. Die Autoren von „OpenLux“ hätten „eine Reihe von unbegründeten Behauptungen“ über die luxemburgische Wirtschaft und den Finanzplatz aufgestellt. Im Übrigen habe die EU keine schädlichen Steuerpraktiken festgestellt.

Die EU-Kommission äußerte sich ausweichend. Man werde sich die Enthüllungen genau anschauen, sagte der Sprecher von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Sie enthielten „wichtige Elemente“, für eine Bewertung sei es aber zu früh. Die Kommission betonte, sie gehe „proaktiv“ gegen Steuervermeidung vor und verteidige international die „höchsten Standards“.


Aus: "Luxemburg bleibt Steueroase: 55.000 Briefkastenfirmen" Eric Bonse EU-Korrespondent (8.2.2021)
Quelle: https://taz.de/Luxemburg-bleibt-Steueroase/!5746602/
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« Reply #1144 on: February 09, 2021, 04:36:14 PM »

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[...] Helfen wollte wohl auch Sozialstadtrat Kevin Hönicke (SPD), und zwar den Menschen aus dem wohl größten Obdachlosenlager Deutschlands an der Rummelsburger Bucht. Mit Blick auf das Thermometer beschloss er in Zusammenarbeit mit dem Berliner Senat: Hier darf kein Mensch mehr übernachten. In der Nacht auf den sechsten Februar wurde das Camp geräumt. Dabei sind die Menschen dort nicht unbedingt ohne Obdach. Mit der Zeit haben sie sich beachtliche Behausungen aufgebaut, manche mit Ofen, Feuerstelle und Garten. Von außen sieht das Lagen aus wie ein Haufen Müll mit Zelten, aber manche Hütten sind im Inneren tatsächlich, nun ja: gemütlich.

Ich will nicht sagen, dass es schön ist, dort zu leben. Aber manche Menschen bezeichnen den Ort als ihr Zuhause und sind tatsächlich gerne dort. Laut Bezirksamt soll allerdings gerade das Feuermachen unterbunden werden: zu gefährlich. Von den rund 100 Personen soll etwa die Hälfte das „Angebot“ der Stadt angenommen haben, in einer Traglufthalle zu übernachten. Ihnen sollen laut Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) auch Plätze in Hotels zum Überwintern angeboten werden, die Stadt habe diese bis zum Ende der Kältehilfe im April gemietet. Das ist ausdrücklich zu begrüßen. Kritik gibt es allerdings an der Vorgehensweise und den Folgen.

Unter „Angebot“ ist zu verstehen: Sozialarbeiter*innen und Polizist*innen hatten das Gelände geräumt und die Personen dazu „überredet“, sich in die Traglufthalle bringen zu lassen. Hilfe also auch für diejenigen, die diese nicht wollen. Auch das gehört zum Job der Sozialarbeiter*innen, damit niemand erfriert. Keine*r darf zurück an die Bucht und dort übernachten, lediglich dürfen die Leute ihre Sachen holen – wenn sie Glück haben. Stadtrat Hönicke versprach, die Behausungen sollen vorerst nicht abgerissen werden. Als dann am Samstag ein Bagger allerdings doch damit begann, wurde dieser kurzerhand von Demonstrierenden besetzt.

Warum der Bagger doch tat, was er eigentlich nicht sollte, und warum da überhaupt Bagger waren, wenn doch eigentlich gar nicht abgerissen werden soll, konnte sich Hönicke zunächst selbst nicht erklären. Er habe eine Vereinbarung mit der Eigentümerin des Grundstücks geschlossen, sagte er. Diese habe versprochen, nicht abreißen zu lassen.

Da diese Vereinbarung augenscheinlich gebrochen wurde, müsste der Stadtrat nun eigentlich etwas unternehmen, um die Vernichtung zu stoppen. Er twitterte aber, er habe „keine Rechte auf die Fläche“ und „organisiere da auch nichts mehr“. Er habe Freitag organisiert.

Wem gehört nochmal die Stadt? Hier unser Bericht von der Räumung und dem Tag danach. Auf Twitter bestätigte Breitenbach, dass die Zerstörung von Eigentum nicht zu rechtfertigen sei. Es müsse aufgearbeitet werden und die Frage nach Entschädigung gestellt werden. Am Montagmorgen twitterte Hönicke, er habe mit der Eigentümerin gesprochen: Diese sagt, das Camp wird und wurde nicht zerstört. Vor Ort stehen zwar noch Hütten und die Bagger sind weg, im Inneren wird aber fleißig entkernt und aufgeräumt. Hier ein Foto, dass eine obdachlose Frau gemacht hat. Sie wollte gerade ihre Sachen holen und fand diese auf einem riesigen zugeschneiten Haufen wieder, es wurde alles einfach zusammengeworfen. https://twitter.com/Klagesspiegel/status/1358730337615044610

Laut Hönicke lief auch die Räumung friedlich ab. Vorab angekündigt wurde sie nicht, auch Pressevertreter*innen wurden nicht benachrichtigt. Am Samstag wurden sie sogar bei der Arbeit behindert und von Polizist*innen gestoßen. Dass Eigentum der Obdachlosen zerstört wurde, konnte man vor Ort beobachten, trotz extra aufgebauten Sichtschutzplanen und -zelten. Wie die B.Z. berichtet, wurde der Wohnwagen von Jessi zerstört. Er war das Herzstück des Camps und hätte als Objekt der Zeitgeschichte in ein Berlin-Museum gehört. Die Besitzer*innen hätten für den Verlust entschädigt werden sollen.

Jörg Reichel, Landesgeschäftsführer der Journalist*innen-Union Berlin-Brandenburg, war am Sonntag vor Ort und berichtete mir, die Obdachlosen hätten keine Möglichkeit gehabt, ihre Sachen abzuholen. „Stattdessen habe ich eigenen Auges gesehen, wie die Sicherheitskräfte Holzregale zerschlagen und Altmetall aus den Hütten rausgeholt und gesammelt haben.“ Was die Sicherheitsleute dann mit dem Holz gemacht haben, ist hier zu sehen. https://twitter.com/Klagesspiegel/status/1358497698249342979

Wenn Breitenbach die Camp-Bewohner*innen wie Jessi nun entschädigen will, wird das gar nicht so leicht sein. (Zudem fordert sie ja nur, es zu prüfen, die eigentliche Entschädigung muss dann wer anders machen.) Ob Jessi den Kaufbeleg für den Wohnwagen noch hat, ist fraglich. Auch andere werden nicht beweisen können, was ihnen so gehört hatte. Wenn es nicht ohnehin schon vernichtet wurde. Nicht, dass da noch einer behauptet, er hätte einen Original-Rembrandt in seinem Zelt liegen gehabt und will nun entschädigt werden.

Und selbst wenn Entschädigungszahlungen kommen sollten: Wie hoch ist nochmal der materielle Wert von alten Kochtöpfen oder dreckigen Zelten? Da zückt die Eigentümerin kurz die Geldbörse und wirft Cent-Stücke in die Menge. Wenn überhaupt. Die Obdachlosen haben oft nicht einmal ein Konto, auf das man ihnen den Betrag gutschreiben könnte. Am Ende wird, genau, vermutlich gar nichts geschehen.

Es geht auch nicht um den materiellen Wert der Gegenstände, die für uns vielleicht nach Müll aussehen, aber für die Bucht-Bewohner*innen einen Wert hatten. Schließlich haben sie mehrere Jahre damit dort gelebt.

Ganz so friedlich, wie vom Stadtrat berichtet, ist es jedenfalls nicht gewesen. André Hoek, ehemaliger Obdachloser und in der Szene gut vernetzt, berichtet von einer Nacht-und-Nebel-Aktion: Die Obdachlosen hätten gegen Mitternacht 30 Minuten Zeit gehabt, ihr Lager zu räumen.  Hier nachzulesen: https://www.facebook.com/hoek.andre/posts/2581400222152352

Auch mir berichteten ehemalige Camp-Bewohner*innen ähnliches. Offiziell sprechen durfte ich die Personen nicht – auch dem RBB wurde der Zutritt zu der Traglufthalle untersagt. Hoek ist sogar der Meinung, das Handeln des Stadtrats werde „wahrscheinlich Todesopfer produzieren“, da manche der Obdachlosen nun in der Stadt ohne ihr Zelt und ohne die Bucht-Gemeinschaft erfrieren könnten.

Das Angebot, die Unterkünfte der Notübernachtungen zu nutzen, haben Obdachlose übrigens jeden Winter. Die Gründe, warum es viele nicht nutzen (können) sind allen Beteiligten, die nun ein Dankeschön für ihre Hilfe erwarten, eigentlich bekannt: Viele sind suchtkrank und haben Angst davor, in den Unterkünften keine Drogen mehr nehmen zu können. Oder sie sind nicht in der Lage, die dortigen Regeln einzuhalten. Oder sie wollen nicht, einfach, weil sie sich nichts vorschreiben lassen wollen. Oder, weil sie ihre Hunde nicht mit in das ihnen angebotene Hotelzimmer nehmen können. Oder, weil sie keine gültigen Papiere haben und befürchten, abgeschoben oder ausgewiesen zu werden. Oder, weil sie Schulden haben oder polizeilich gesucht werden. Oder, und das darf man nicht unterschätzen: Weil sie sich in einem Hotelzimmer einsam fühlen und dort gar nicht wüssten, was sie mit sich anfangen sollten. Diese Gründe sind Politiker*innen bekannt. Oder doch nicht? https://twitter.com/Halina_Waw/status/1358412621930717185

Man kann jetzt leicht sagen: Wir haben ihnen einen Platz im Warmen angeboten, wenn sie das nicht annehmen, selber Schuld. Ja, sogar ein Platz in einem Hotel. Aber jedes Angebot hat Bedingungen, die manche nicht erfüllen wollen – oder nicht können. Es ist trotzdem gut, dass ihnen die Plätze angeboten werden, alles andere wäre eine Schande. Und so kommen die Hoteliers auch gleich besser durch die Pandemie, wenn ihnen die Stadt die Miete zahlt zur Unterbringung von Obdachlosen.

Das Problem ist, dass einige der Bucht-Bewohner*innen nun irgendwo in der Stadt übernachten – obwohl sie eigentlich warme Zelte oder Hütten hatten. Ich kann die Räume der Kältehilfe trotzdem empfehlen: Die dortigen Helfer*innen machen einen guten und wichtigen Job und sind auf die Bedürfnisse der Obdachlosen eingestellt. Bitte geht da hin anstatt zu erfrieren!

Eine Darstellung der Lebensverhältnisse an der Bucht wird auch von einem „Trans- and Sexwork-Activist“ auf Twitter beschrieben: https://twitter.com/Caspar_Tate/status/1357976177336602625
Auch wohnungslose trans Frauen lebten in dem Lager sowie Sexarbeiterinnen und Rom*nja. Ein Problem ist auch, dass bei der Räumung wohl keine Übersetzer*innen zugegen waren. Der Aktivist erklärt zudem, trans Personen möchten in keine Traglufthalle mit Gruppenzimmern.

Die Lichtenberger Grünen kritisierten, man hätte auch Hilfe vor Ort, also ein Wärmezelt, mobile Duschen und Toiletten, an der Bucht anbieten können. Stadtrat Hönicke dazu: „Weitere Optionen wie ein zeitlich begrenztes Wärmezelt auf der Fläche wurden geprüft. Diese waren wegen der Voraussetzungen auf dem Gebiet allerdings nicht umsetzbar.“ Welche Voraussetzung den Aufbau eines Zeltes neben einer Zeltstadt nicht zulassen, führte er nicht aus.

Die Linken um Senatorin Breitenbach schieben die Kritik nun auf Stadtrat Hönicke von der SPD ab, z.B. hier. Dabei wollten Stadt und Bezirke längst „Safe Places“ für Obdachlose aufgebaut haben. Das sind Orte und Flächen, auf denen obdachlose Menschen unter Selbstverwaltung leben können. Breitenbach twitterte, man habe die Pläne dafür aufgrund der Pandemie erstmal auf Eis gelegt und da sei man sich mit den Grünen auch einig gewesen.

Es sei „kein guter Zeitpunkt“ für Safe Places. Eine Begründung dafür gab es nicht. Breitenbach schrieb lediglich, es sei „nicht so genial während einer Pandemie“. Generell sei das Geld dafür da, die Bezirke müssten allerdings Grundstücke zur Verfügung stellen – und schon ist Hönicke wieder Schuld. Die Friedrichshainer Grünen-Politikerin Claudia Schulte schrieb, es gebe 100 Grundstücke, die das Land Berlin Trägern zur Verfügung stellen könnte.

Ich finde, es gibt keinen besseren Zeitpunkt für Safe Places. Obwohl doch: Der vergangene Sommer. Denn, dass es einmal im Jahr Winter wird, wussten wir auch da schon. Auch, wenn wir uns in einer Pandemie befinden.

Robert Klages ist freier Journalist beim Tagesspiegel. ... https://www.robert-klages.de/


...


Aus: "Lichtenberg 8. Februar" Robert Klages (08.02.2021)
Quelle: https://leute.tagesspiegel.de/lichtenberg/intro/2021/02/08/157455/

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« Reply #1145 on: February 12, 2021, 03:35:04 PM »

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[...] Für Guérot waren die Gelbwesten in Frankreich eine soziale Revolution. Sie sei letztlich gescheitert, weil die Regierung sie teilweise gewaltsam unterdrückt habe. Die französischen Bürgerinnen und Bürger seien nicht zu ihrem Recht gekommen, sagt Guérot.

Tatsächlich hat Macron für die Gelbwesten, die einen ganzen Winter über hunderttausende Menschen auf die Straßen brachten, um für höhere Mindestlöhne und mehr politische Mitbestimmung zu kämpfen, bis heute nur Verachtung übrig. In einem Interview mit einem Washingtoner Thinktank verglich er die Gelbwesten mit den Trump-Anhängern, die vor einigen Wochen das Kapitol stürmten.

Die Gelbwesten aber waren abgehängte Niedriglöhner, Pflegerinnen und LKW-Fahrer, die für Umverteilung demonstrierten. Unter sie mischten sich zeitweise Rassisten und Gewalttätige, die dann die Fernsehbilder bestimmten – im Kern aber war es eine Revolte der unteren Klassen. Eine Klasse, die in der Krise noch ärmer geworden ist. Laut der Organisation Oxfam stürzten 2020 eine Millionen Franzosen in die Armut, jede vierte Studentin konnte sich nicht satt essen. Gleichzeitig vergrößerten Millionäre und Milliardäre ihren Reichtum – sogar mehr als in jedem anderen Land Europas. Trotzdem hat Macron bereits ausgeschlossen, dass Vermögende höhere Steuern zahlen sollen.

...


Aus: "Macrons härteste Gegnerin" Annika Joeres (12. Februar 2021)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2021-02/marine-le-pen-praesidentschaftswahl-frankreich-wahlkampf-emmanuel-macron/komplettansicht
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« Reply #1146 on: February 15, 2021, 10:06:22 AM »

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[...] BERLIN taz | Von allen Seiten kommen sie angeradelt und lassen ihre quadratischen blauen oder orangenen Rucksäcke in den Schneematsch fallen. Darauf steht „Lieferando“ oder „Wolt“. Rund zehn Frauen und Männer, allesamt Fahrradkuriere bei Essens-Lieferdiensten, haben sich am Donnerstag auf der Kreuzberger Admiralbrücke versammelt, um gegen die Arbeitsbedingungen bei den derzeitigen Witterungsverhältnissen zu protestieren. Aus Infektionsschutzgründen ist die Kundgebung nur klein. „To cold to ride“, steht auf Pappschildern, die sie hochhalten. Und: „Stop order food“.

Tobias Schülke ist einer von ihnen. „Menschenunwürdig“ seien die derzeitigen Arbeitsbedingungen, sagt er. Die Forderungen der Protestierenden fasst er so zusammen: Lieferdienste wie Wolt und Lieferando müssten eine richtige Winterausrüstung zur Verfügung stellen. Jede FahrerIn müsse selbst entscheiden können, ob er oder sie bei diesen Bedingungen zur Arbeit erscheine. Auch einen Kältebonus müsse es geben. Von der Politik erwartet Schülke, dass „den Lieferdienstfirmen klare Vorschriften gemacht werden, die zum Beispiel die Arbeitszeiten bei diesen Witterungsbedingungen beschränken“.

Manche seiner KollegInnen würden trotz Minusgraden „bis zu zehn Stunden am Tag“ fahren, erzählt Schülke. Viele könnten aus ihren regulären Jobs derzeit keine Einkünfte erzielen. Dazu komme, dass viele FahrerInnen kein Deutsch sprächen. „Da ist die Gefahr groß, nur aus der Angst heraus zu funktionieren.“

Am Mittwoch hatte der Lieferdienst Delivery Hero verkündet, dass sich der Umsatz im Pandemiejahr 2020 auf Basis vorläufiger Zahlen mit rund 2,8 Milliarden Euro gegenüber dem Vorjahr nahezu verdoppeln könnte. Nun wollen die Fah­re­rIn­nen einen Teil vom Kuchen abhaben.

Noch besäße man aber nicht die nötigen Strukturen, um selbst ausreichend Druck zu erzeugen, erzählt Schülke. Sie seien deshalb auf die Öffentlichkeit angewiesen: „Wir wollen, dass die Leute aufhören zu bestellen!“, fordert er. Nur so könne ein Umdenken der Lieferkonzerne erreicht werden.

„Uns geht es darum, ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die Lieferdienste Menschen auf die Straße zwingen“, sagt Schülke. Gleichzeitig werde öffentlich kommuniziert, dass je­de Fah­re­rIn freiwillig unterwegs sei. Tatsächlich schreibt Wolt im Blog des Konzerns, niemand müsse sich bei Verspätungen oder dem Fernbleiben von der Arbeit aus Sicherheitsbedenken Gedanken machen.

Schülke hat in der Kommunikation mit Wolt andere Erfahrungen gemacht: „Da heißt es zum Beispiel, wenn Ihr nicht fahren wollt, dann lauft doch stattdessen. Wie kann man jemanden anbieten, für 10 Stunden bei Minusgraden durch den Schnee zu laufen?“, fragt er wütend. Als er Bedenken bekundete, habe er ein blaues Smilyherz aufs Handy und einen aufbauenden Spruch erhalten. Das sei, so Schülke, „absurd“: „Ich bin Arbeitnehmer und damit weisungsgebunden. Da sind die Nettigkeiten doch völlig egal.“

Bisher bestünde aber nur eine Telegram-Gruppe, in der die Fah­re­rIn­nen zudem anonym blieben. „Man weiß ja nie, ob der Arbeitgeber mithört“, sagt Schülke, der nur mit Klarnamen auftritt, da er sich bereits öffentlich ausgesprochen habe. Er ist dennoch besorgt: „Beim letzten großen Aufstand der Fah­re­rIn­nen haben ja alle, die namentlich bekannt geworden sind, ihre Arbeit verloren“, sagt er.

Beim Fototermin verstecken sich Fahrradkuriere deshalb hinter Schals und den Pappschildern, um nicht erkannt zu werden. Eine Lieferantin erzählt, dass es den KundInnen völlig egal sei, ob es regnet oder schneit. Hauptsache sie bekämen ihr Essen rechtzeitig. „Das ist euer Job“, sei die Haltung. Auch was Trinkgeld angehe, seien die Leute mehr als knauserig. Einer habe ihr in diesen Kältetagen ganze 28 Cent gegeben.

„Mama, was wollen die?“, fragt ein kleiner Junge seine Mutter, die auf einem Poller auf der Admiralbrücke sitzt und die Kundgebung beobachtet. „Die wollen, dass die Leute selber kochen“, lautet die Antwort.


Aus: "Berliner Radkuriere protestieren: „Hört auf, Essen zu bestellen!“" Timm Kühn (11. 2. 2021)
Quelle: https://taz.de/Berliner-Radkuriere-protestieren/!5746305/

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« Reply #1147 on: February 15, 2021, 01:02:05 PM »

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[...] Bis zu 12.000 Flüchtlinge sollen sich derzeit in Bosnien-Herzegowina aufhalten. Sie leben dort größtenteils unter erbärmlichen Bedingungen, bei winterlicher Kälte in provisorischen Camps oder im Wald. Sie wollen weiter in die Europäische Union, um Asylanträge zu stellen. Doch die Grenze zum benachbarten EU-Land Kroatien ist geschlossen. Der bosnische Staat ist überfordert; Hilfe kommt von Freiwilligenorganisationen.

Auch die aus Greifswald stammende Ärztin Kristina Hilz versucht zu helfen: Im bosnisch-kroatischen Grenzgebiet behandelt sie die Menschen wegen Zahnschmerzen, Erkältungen, Krätze. Aber regelmäßig auch wegen gravierender Verletzungen, die ihnen von kroatischen Grenzpolizisten zugefügt wurden, wie sie es schildert: „Ich habe kaum Menschen getroffen, die das nicht erlebt haben.“

Demnach werden Flüchtlinge mit Fäusten oder Gewehren geschlagen oder sie werden getreten:

„Die Gewalt, die wir sehen, hat absolut auch System dahinter. Ich habe das Gefühl, dass gerade Männer in den Oberkörper, in die Kopfregion und viel auf die linke Thoraxhälfte geschlagen werden. Ich habe viele gebrochene Rippen gesehen und teilweise Gesichtsfrakturen, die Beine werden praktischerweise immer ausgespart.“

Auch Frauen und Kinder seien von Gewalt betroffen: Zuletzt habe ein vier Monate altes Baby Tränengas in die Augen bekommen. Dazu komme, dass die Grenzpolizisten die Menschen mit dem Tode bedrohen und ihnen Handys, Geld und Dokumente stehlen.

Hilz kennt Berichte von mehr als 40 Pushbacks pro Person und zweifelt nicht an deren Wahrheitsgehalt, zumal die Verletzungsmuster „eindeutig zuordenbar“ seien. Als Pushbacks wird ein Vorgehen bezeichnet, bei dem aufgegriffene Geflüchtete umgehend wieder zurück über die Grenze gebracht werden. Dies gilt als illegal, denn den Schutzsuchenden wird damit das Recht verwehrt, einen Asylantrag zu stellen.

Bei der EU erkennt die Medizinerin eine „stille Zustimmung“ zu den Zuständen. Es gebe nicht nur zahlreiche Zeugenberichte, sondern auch einige Klagen. Hilz fordert „klare Worte“ und die Aufnahme der Flüchtlinge, „die in diesen schrecklichen Umständen leben müssen“.

(bth)


Aus: "Bosnisch-kroatische Grenze„Die Gewalt gegen Geflüchtete hat System“" Kristina Hilz im Gespräch mit Stephan Karkowsky (15.02.2021)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/bosnisch-kroatische-grenze-die-gewalt-gegen-gefluechtete.1008.de.html?dram:article_id=492544
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« Reply #1148 on: February 15, 2021, 03:16:14 PM »

Quote
[...] Die anhaltende Kältewelle hat Deutschland derzeit im Griff. Eine ausreichend aufgeheizte Wohnung ist aber nicht für alle Menschen selbstverständlich: Im Jahr 2019 lebten rund 2,0 Millionen Personen in Deutschland in Haushalten, die ihre Wohnung oder ihr Haus aus finanziellen Gründen nicht angemessen warmhalten konnten. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) anhand von Ergebnissen der Erhebung “Leben in Europa (EU-SILC)” mitteilt, waren das 2,5 % der Bevölkerung. Der Anteil ist aber rückläufig: 2009 war er noch mehr als doppelt so hoch (5,5 % oder 4,5 Millionen Menschen).

Alleinlebende und Alleinerziehende können besonders häufig nicht angemessen heizen

Alleinlebende und Haushalte von Alleinerziehenden waren am häufigsten betroffen. Rund 4,8 % der Alleinlebenden sowie 7,0 % der Personen in Alleinerziehenden-Haushalten konnten ihre Wohnung aus Geldmangel nicht angemessen heizen.

Menschen in Bulgarien, Litauen und Zypern im EU-Vergleich am stärksten betroffen

In der Europäischen Union (EU) waren 2019 rund 6,9 % der Bevölkerung finanziell nicht in der Lage, ihre Wohnungen adäquat zu heizen. Am häufigsten traf dies auf Menschen in Bulgarien (30,1 %), Litauen (26,7 %) und Zypern (21,0 %) zu. In Schweden, Österreich und Finnland war der Anteil mit jeweils knapp 2 % am niedrigsten.


Aus: "2 Millionen Menschen in Deutschland konnten 2019 nicht angemessen heizen" (15. Februar 2021)
Quelle: https://www.ruhrbarone.de/2-millionen-menschen-in-deutschland-konnten-2019-nicht-angemessen-heizen/196138

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Quote
[...] Wiesbaden Die Menschen in Deutschland wohnen im Durchschnitt zunehmend beengter, vor allem in den Städten. Im vergangenen Jahr lebten 6,4 Millionen in überbelegten Wohnungen, das sind 340 000 mehr als im Jahr zuvor.

Allerdings lag die Überbelegungsquote in Deutschland (7,8 Prozent) deutlich unter dem EU-Durchschnittswert (17,1 Prozent). Das teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Donnerstag mit. Grundlage der Zahlen ist die aktuelle Erhebung „Leben in Europa“ (EU-SILC).

Laut den Statistikern gilt eine Wohnung als überbelegt, „wenn sie über zu wenige Zimmer im Verhältnis zur Personenzahl verfügt“. Das ist laut den Angaben etwa der Fall, wenn ein Gemeinschaftsraum fehlt oder pro Paar, das in dem Haushalt lebt, kein eigener Raum vorhanden ist oder Geschwister unterschiedlichen Geschlechts zwischen 12 und 17 Jahren keinen jeweils eigenen Raum haben.

Betroffen sind demnach vor allem die Einwohner von Städten. „Jede achte Person (12,7 Prozent) wohnte 2019 hier auf zu engem Raum - im Vergleich zu 2010 ein Zuwachs von rund 3 Prozentpunkten“, hieß es beim Bundesamt.

In Kleinstädten und Vororten lebten laut den Angaben 5,5 Prozent beengt, neun Jahre zuvor waren es noch 4,7 Prozent. Auf dem Land waren 4 Prozent der Wohnungen überbelegt, im Vergleich zu 2010 wurde sogar ein leichter Rückgang von 0,7 Prozentpunkten verzeichnet.

Entscheidend seien finanzielle Aspekte, hieß es. So lebte laut den Zahlen hierzulande mehr als jeder fünfte armutsgefährdete Mensch (20,5 Prozent) im vergangenen Jahr auf zu engem Raum. Bei Alleinerziehenden und ihren Kindern lag die Überbelegungsquote bei 19 Prozent. Seniorinnen und Senioren ab 65 Jahren verfügen dagegen meist über mehr Platz. Hier lag die Quote bei lediglich 2,6 Prozent.

Im EU-weiten Vergleich haben die Menschen in Rumänien (45,8 Prozent), Lettland (42,2 Prozent) und Bulgarien (41,1 Prozent) besonders mit Überbelegung zu kämpfen. Am geringsten sind die Zahlen dagegen auf Zypern (2,2 Prozent) und auf Malta (3,7 Prozent).

0 Kommentare zu "Statistisches Bundesamt: 6,4 Millionen Menschen leben in Deutschland in überbelegten Wohnungen"

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Aus: "6,4 Millionen Menschen leben in Deutschland in überbelegten Wohnungen" (26.11.2020)
Quelle: https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/statistisches-bundesamt-6-4-millionen-menschen-leben-in-deutschland-in-ueberbelegten-wohnungen/26661388.html

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[...] Wiesbaden (ots)

Die Armutsgefährdung - gemessen an der Armutsgefährdungsquote - ist im Zeitraum von 2009 bis 2019 in allen westlichen Bundesländern und in Berlin gestiegen. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilt, hat sich der Anteil der von Armut bedrohten Menschen in Bremen am stärksten erhöht: Dort war 2019 fast ein Viertel (24,9 %) der Bevölkerung armutsgefährdet, mehr als in jedem anderen Bundesland. 2009 hatte der Anteil der armutsgefährdeten Personen in Bremen gut ein Fünftel (20,1 %) betragen. Auch in Hessen (2019: 16,1 %, 2009: 12,4 %) und Nordrhein-Westfalen (2019: 18,5 %, 2009: 15,2 %) ist das Risiko, von Einkommensarmut bedroht zu sein, seit 2009 vergleichsweise stark gestiegen. Die Armutsgefährdungsquote ist ein Indikator zur Messung relativer Einkommensarmut.

Rückgang der Armutsgefährdung in östlichen Bundesländern

In den östlichen Bundesländern mit Ausnahme von Berlin ist die Armutsgefährdungsquote im Zehnjahresvergleich zurückgegangen. 2019 waren in Berlin 19,3 % der Personen von Armut bedroht, 2009 waren es 19,0 %. Den bundesweit stärksten Rückgang verzeichnete Mecklenburg-Vorpommern, und zwar von 23,1 % im Jahr 2009 auf 19,4 % im Jahr 2019.

Im Zeitverlauf entwickelte sich die Armutsgefährdung in den Bundesländern unterschiedlich und meist nicht kontinuierlich. Beispielsweise lag die Armutsgefährdungsquote in Bremen bereits im Jahr 2015 bei 24,8 % (0,1 Prozentpunkte unter dem Stand von 2019) und fiel im Folgejahr auf 22,6 %. Ähnliche Schwankungen traten auch in anderen Bundesländern auf. Diese und weitere Ergebnisse zur Armutsgefährdung, zum Teil in tiefer regionaler Gliederung, sowie detaillierte Erläuterungen zu den Datenquellen und den angewandten Berechnungsverfahren stehen im Internetangebot der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder zur Verfügung. Dort finden sich auch Armutsgefährdungsquoten, die auf Basis regional unterschiedlicher Armutsgefährdungsschwellen ermittelt wurden.

Methodische Hinweise

Diese Ergebnisse gehen aus aktuellen Berechnungen auf Basis des Mikrozensus hervor, die von den Statistischen Ämtern des Bundes und der Länder im Rahmen des Arbeitskreises "Sozialberichterstattung der amtlichen Statistik" durchgeführt wurden. Der Mikrozensus ist die größte jährliche Haushaltsbefragung in Europa. Aufgrund seiner Stichprobengröße lassen sich für alle Bundesländer verlässliche Indikatoren ermitteln und vergleichen. Das zur Ermittlung der sogenannten Armutsgefährdungsschwelle herangezogene bedarfsgewichtete Einkommen (Äquivalenzeinkommen) wird auf Basis der 1994 entwickelten neuen OECD-Skala berechnet. Nach dieser wird der ersten erwachsenen Person im Haushalt das Bedarfsgewicht 1 zugeordnet. Für die weiteren Haushaltsmitglieder werden kleinere Gewichte eingesetzt (0,5 für weitere Personen ab 14 Jahren und 0,3 für jedes Kind unter 14 Jahren), weil angenommen wird, dass sich durch gemeinsames Wirtschaften Einsparungen erreichen lassen.

Die Grundlage der hier veröffentlichten Armutsgefährdung ist die Armutsgefährdungsschwelle auf Bundesebene (Bundesmedian), die für Bund und Länder einheitlich ist und somit einen regionalen Vergleich ermöglicht. Für die Berechnung von Armutsgefährdungsquoten kommen mehrere Datenquellen der amtlichen Statistik infrage. Auf europäischer Ebene und auf Bundesebene (insbesondere im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung) wird zur Berechnung von Indikatoren zur Einkommensarmut und -verteilung die Statistik "Leben in Europa" (EU-SILC) als Datengrundlage herangezogen. Nach den Ergebnissen der EU-SILC-Erhebung ergab sich, bezogen auf das Berichtsjahr 2018, bundesweit eine Armutsgefährdungsquote von 16,0 %. Zum Vergleich: Die auf Basis des Mikrozensus berechnete Armutsgefährdungsquote für das aktuelle Berichtsjahr 2019 lag bundesweit bei 15,9 %. Zu beachten ist, dass sich Mikrozensus und EU-SILC sowohl hinsichtlich des zugrundeliegenden Einkommenskonzepts und der Einkommenserfassung als auch hinsichtlich des Stichprobendesigns unterscheiden. Für die Darstellung vergleichbarer Indikatoren auf Bundesländerebene kann EU-SILC nicht verwendet werden, da die Stichprobe nicht groß genug ist, um die Indikatoren auch für kleinere Bundesländer auszuweisen.

Neben den dargestellten Armutsgefährdungsquoten gemessen am Bundesmedian werden im Rahmen der Sozialberichterstattung der amtlichen Statistik auch Armutsgefährdungsquoten gemessen am Landes- beziehungsweise regionalen Median berechnet. Hierzu wird das mittlere Einkommen (Median) im jeweiligen Bundesland beziehungsweise in der jeweiligen Region herangezogen. Dadurch wird den Unterschieden im Einkommensniveau zwischen den Bundesländern beziehungsweise Regionen Rechnung getragen. Regionale Einkommensunterschiede werden zum Teil durch Unterschiede im Preisniveau (insbesondere im Mietniveau) ausgeglichen. Dies kann dazu führen, dass die Armutsgefährdung gemessen am Bundesmedian in prosperierenden Regionen unterschätzt und andererseits die Armut in Regionen mit einem relativ niedrigen Einkommensniveau überschätzt wird.

Armutsgefährdungsquoten sind gegenüber stichprobenbedingten Schwankungen des mittleren Einkommens (Median) nicht sehr robust. Das bedeutet, dass bereits geringe zufällige Schwankungen dieses Einkommens merkliche Veränderungen der Armutsgefährdungsquoten zur Folge haben können. Deshalb sollten nur über einen längeren Zeitraum stabile Entwicklungen inhaltlich interpretiert werden. Dies gilt insbesondere für relative Armutsrisikoquoten kleiner Bevölkerungsgruppen oder für regional tief gegliederte Ergebnisse.


Aus: "Statistisches Bundesamt: Armutsgefährdung in Bremen, Hessen und Nordrhein-Westfalen von 2009 bis 2019 am stärksten gestiegen" (13.08.2020)
Quelle: https://www.presseportal.de/pm/32102/4678003

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« Reply #1149 on: February 16, 2021, 12:39:51 PM »

Quote
[...] [ ... "The island has been amazing because of our elevated lifestyle at a much lower cost of living. I was paying US$1,300 for my LA studio. Now I have a treehouse for US$400." ... ]

... An American woman looks set to be deported from Bali after her Twitter thread promoting the island as a cheap and LGBT-friendly option for foreigners during the pandemic went viral.
Kristen Gray sparked backlash for her lack of cultural awareness following the tweets on her "elevated lifestyle".
Indonesian authorities have since accused her of spreading information that could "unsettle" the public.
But Ms Gray says she is being targeted because she spoke out about being LGBT.

...


From: "American Kristen Gray to be deported from Bali amid Twitter row" (20.01.2021)
Source: https://www.bbc.com/news/world-asia-55728398

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Quote
[...]  Expats - Wie eine queere schwarze Influencerin aus den USA auf Bali in einen Shitstorm geriet – und dann reflexhaft verteidigt wurde.
Nikita Vaillant | Ausgabe 06/2021

Nikita Vaillant ist freier Journalist. Wie privilegiert man als westlicher Mensch ist, hat er bei Familienbesuchen in Indonesien am eigenen Leib erfahren ...

Sie können einem eigentlich leidtun: Vor blitzenden Kameras der indonesischen Presse schreiten die US-amerikanische Influencerin Kristen Gray und ihre Lebensgefährtin zur Befragung der Einwanderungsbehörde, eskortiert werden sie von ihrem Anwalt. Diese Geschichte nimmt für sie ein schlechtes Ende – ironischerweise beginnt sie mit einem Twitter-Thread, in dem Gray berichtet, wie sie auf Bali endlich ihr persönliches Glück gefunden hat.

In diesem Thread schreibt sie von einem 400-Dollar-Haus, das sie nun statt eines 1.300-Dollar-Apartments in Los Angeles bezieht. Vom „luxurious“ und „elevated lifestyle“ ist die Rede, den sie sich als sogenannter Digital Nomad bei niedrigeren Kosten auf Bali leisten kann. Sie erzählt, wie sie eine Auszeit von der belastenden Stimmung in den Vereinigten Staaten nehmen und ihre Zeit auf der tropischen Insel im Indischen Ozean für „healing“ nutzen konnte – „Honestly y’all, 2020 was the best year for me“.

Später erzählt Gray jedoch, dass sie ihren ursprünglichen Plan, sechs Monate zu bleiben, aufgrund der Pandemie über Bord geworfen und stattdessen entschieden habe, dauerhaft im Land zu bleiben – mittlerweile wohnt sie seit über einem Jahr auf der indonesischen Insel. Diese Aussage erregte Aufsehen, da sie so verstanden werden konnte, dass sich Gray ohne korrektes Visum und Arbeitserlaubnis in Indonesien aufhält – so wie die meisten Digital Nomads auf Bali. Dass sie keine Steuern zahlt, bestätigte ihre Freundin in einem späteren Tweet selbst, mit dem Hinweis, sie werde ja schließlich für ihre Arbeit in US-Dollar bezahlt und nicht in der Landeswährung Rupiah.

Zu allem Überfluss beendet sie den Thread damit, ein E-Book zu bewerben, in dem sie ihren Followern Tipps gibt, wie auch ihnen der Absprung nach Bali glücken kann – inklusive Links zu ihren Visa-Beratern, mithilfe derer sie die Covid-bedingt geschlossenen Grenzen umgehen können. Bali is yours! heißt das Buch und ist für 30 Dollar zu haben.

Über Nacht entstand im indonesischen Twitter ein Lauffeuer, das in einem Flächenbrand endete. Die erste Euphorie Grays darüber, dass ihr Thread viral ging, verflog schnell – Tausende Tweets, meist von indonesische UserInnen, flogen ein, in denen ihr Wut und Hass entgegenschlugen.

Gray kann einem leidtun, denn sie bekommt den Unmut ab, den viele Indonesier gegenüber einer neuen Klasse westlicher Immigranten verspüren: In jenen Expats manifestiert sich eine globale Ungleichheit, die leider oft einhergeht mit einer gewissen Ignoranz gegenüber dem neuen Heimatland, das als Kulisse für den eigenen Lifestyle herhalten muss.

Die tiefe wirtschaftliche Kluft, die sich zwischen Einheimischen und Expats auftut, ist der Grund, dass indonesische User-Innen wütend sind. Auf Bali beträgt der gesetzliche Mindestlohn 145 Euro im Monat. Mit viel mehr können die meisten Servicearbeiter in Cafés oder Co-Working-Spaces nicht rechnen. Das Geld reicht gerade so, um Essen und Wohnraum zu bezahlen.

Westliche Immigranten, denen sie den Kaffee servieren, beziehen meist ein Zehnfaches. Hinzu kommt, dass sie aufgrund fehlender Arbeitserlaubnis im Gegensatz zu den Einheimischen in Indonesien keine Steuern zahlen – obwohl sie teilweise jahrelang am selben Ort wohnen. Kurzfristiges Aus- und erneutes Wiedereinreisen ermöglichen es, ein Touristenvisum immer wieder zu verlängern.

Und dann noch das extrem individualistische Selbstverständnis dieser Form von Immigration: Es geht nicht darum, sich einem neuen Ort und seinen Einwohnern zu öffnen, um Wurzeln zu schlagen – eher darum, bei minimaler bis keiner Anteilnahme seine ökonomischen Privilegien in vollen Zügen zu nutzen, Self-care, Self-healing und sonstige Selbstfindung inklusive.

Dementsprechend lernt man auch kein Indonesisch, das über Hallo, Danke und Kaffeebestellen hinausgeht – eher sind es Balinesen, die immer fitter sein müssen im Englischen –, und bleibt in seiner Expat-Community unter sich.

Das ist natürlich alles nichts Neues, es existiert in ähnlicher Form auch in Berlin oder Budapest. Vor dem Hintergrund des extremen ökonomischen Vorteils und der damit verbundenen Macht, die einem ein westliches Gehalt in einem Entwicklungsland verleiht, kommt es aber umso elitärer daher. So wurde Gray in den auf sie einprasselnden Tweets mitunter auch als Neo-Kolonialistin bezeichnet.

Im Vergleich zur lokalen Bevölkerung sind diese Expats dermaßen privilegiert, dass es einen anschreit. Diese Privilegien selbstgefällig im Internet zur Schau zu stellen, dabei vermeintlich ohne korrektes Visum im Land zu sein, keine Steuern zu zahlen und obendrein andere zu ermutigen, es ihnen während einer Pandemie gleichzutun, bringt verständlicherweise das Blut vieler in Indonesien in Wallung.

Das sollte einleuchten – will man meinen. Der Clou der Geschichte: Kristen Gray und ihre Freundin sind nicht nur queer, sondern auch Schwarz. Das hatte Folgen: Statt aufgrund der berechtigten Kritik einzulenken, eilten US-amerikanische UserInnen Gray im Zuge des mittlerweile viralen Tweets zu Hilfe und konterten mit dem Gegenvorwurf, die Anfeindungen seien rassistisch. Das befeuerte den Shitstorm natürlich nur umso mehr.

„This is all about anti-Black hatred“, kommentiert zum Beispiel Tariq Nasheed, eine US-amerikanische Social-Media-Persönlichkeit mit 260.000 Followern. In seinem Tweet weist er auf die Behandlung der Papua in Indonesien hin. Die melanesische Minderheit ist oft Opfer rassistischer Diskriminierung und wird in den eigenen Provinzen teils blutig unterdrückt. Ein legitimer Hinweis, denn die Situation der Papua ist eine traurige Mahnung an den Rassismus, der auch im multiethnischen Indonesien existiert – was sich leider auch an einigen rassistischen Tweets indonesischer UserInnen ablesen lies.

Der Hinweis ist also legitim, aber in dieser Diskussion auch irreführend: Die Situation um Kristen Gray nur durch eine ethnische Linse zu betrachten, führt zu einer Fehlanalyse, die offensichtlich sein sollte. Leider ist es aber gerade auf Twitter gängig, reflexartig die Partei der Person zu ergreifen, die auf einer imaginären Intersektionalitätsskala am vermeintlich schlechtesten abschneidet.

Das Konzept der Intersektionalität wurde von der US-amerikanischen Rechtswissenschaftlerin Kimberlé Crenshaw geprägt und soll als Werkzeug dienen, um die multiplen Achsen der sozialen Benachteiligung in ihrer Kombination denken zu können. Es erfreut sich besonders unter jungen Menschen großer Popularität, sodass sich von einem gesamtgesellschaftlichen Phänomen sprechen lässt.

Explizit beinhaltet das Konzept neben Gender und Race auch Klasse. Fakt ist aber, dass diese Kategorie besonders gerne vernachlässigt wird, während andere, die nicht an Kapital gebunden sind, den Diskurs bestimmen. Ohnehin wird die starre Logik, dass ein jeder seine intersektionale Identität quasi in alle Situationen mit hineinträgt und aufgrund ihrer wahrgenommen und bewertet wird, kaum der Komplexität sozialer Realität gerecht. Welche soziale Kategorie wann relevant wird, ist variabel und hängt stark vom Kontext ab.

Eine queere Afroamerikanerin befindet sich jedoch, folgt man diesem Denkstil, auf der Privilegienleiter besonders weit unten und muss um jeden Preis verteidigt werden. Das lässt die ökonomischen Realitäten völlig außen vor und folgt dazu der gängigen Praxis, Prämissen der US-amerikanischen Gesellschaft wie selbstverständlich auf jeden anderen Kontext zu übertragen. Im Falle von Kristen Gray wird das ad absurdum geführt. Dass Klasse gern vernachlässigt wird, ist kein Zufall, sondern kulturell bedingt. Die Affirmation sowie das Thematisieren der Diskriminierung aller möglichen „marginalisierten Identitäten“, bezogen auf Ethnie, Geschlecht, Sexualität etc. – mit der großen Ausnahme der Klasse –, finden in westlichen Gesellschaften Anklang und sind allgegenwärtig, egal wie subversiv sich Akteure auch geben. Besonders gut lässt sich das am Beispiel sogenannter Woke Advertisements verdeutlichen: Multinationale Unternehmen behandeln in ihren Werbefilmen gesellschaftliche Probleme wie Rassismus oder Sexismus und repräsentieren gezielt ethnische Minderheiten oder LGBTIQ. Wenn Firmen wie Nike millionenschwere Werbekampagnen solchen Inhalts finanzieren und sich daraus Wachstum versprechen, wird klar, wie der Hase läuft.

Instagram-Userinnen, die intersektionale Identitäten wie „Queer BIPOC“ (Black, Indigenous, Person of Colour) in ihre Bio schreiben, mögen sich besonders edgy fühlen, die Diskurse, die dies unterfüttern, sind aber längst kommerzialisiert. Hinzu kommt, dass man so dem Imperativ gerecht wird, möglichst einzigartig zu sein.

Die Benachteiligung aufgrund von Klassenzugehörigkeit kann aus offensichtlichen Gründen nicht kommerzialisiert werden und fristet daher aufmerksamkeitsökonomisch gesehen weiterhin ein Randdasein. Dass man arm ist oder zur Unterschicht gehört, wird sich keiner in die Bio schreiben, vor allem nicht in den Vereinigten Staaten, dem Herkunftsland dieses kulturellen Shifts, auch Wokeness genannt. Dieser geht eine wunderbare Symbiose mit dem Kapitalismus ein, weswegen es auch beispielsweise nur stimmig ist, wenn das KaDeWe Werbung mit eine*r Journalist*in wie Hengameh Yaghoobifarah macht.

Gray und ihre Freundin sind US-amerikanische Staatsbürger und beziehen US-amerikanische Gehälter. Sie sprechen Englisch, verkörpern den Individualismus der westlichen Gesellschaften – und ziehen in ein Land, in dem trotz wirtschaftlichen Booms Millionen von Menschen in krasser Armut leben. So kann es eben passieren, dass auch ein Schwarzes lesbisches Paar als neuer Kolonialherr wahrgenommen wird. Ihr privilegierter Status als Bürger eines westlichen Industriestaats war für den Shitstorm ausschlaggebend, nicht ihre Hautfarbe oder Sexualität.

Eigentlich haben sie nur dasselbe gemacht wie Tausende andere Expats auch. Ihr Fehler war, das der ganzen Welt mitteilen zu wollen und ein Business daraus zu machen. Es erinnert an den Fall einer weißen britischen Touristin, die sich in Nepal über das eine Pfund beschwerte, das sie für ihre Tasse Tee zahlen musste, mit der Begründung, sie bekäme ihn sonst billiger. Für ihre Dreistigkeit wurde sie von der Wirtin einen Wanderweg entlanggejagt.

Die Rage, die Gray zu spüren bekam, war eine ähnliche. Nur anders als bei der US-Amerikanerin auf Bali fällt es im Fall der Britin niemandem schwer, die Wut der Nepalesin zu begreifen. Im Kapitalismus sollte eigentlich klar sein, dass in erster Linie der ökonomische Status über Privilegien und Benachteiligung entscheidet.

Gray selbst scheint es indes nicht begriffen zu haben. Ihre Worte an die indonesische Presse, bevor sie zusammen mit ihrer Freundin des Landes verwiesen wurde: „I am being deportet because of LGBT (sic!).“


Aus: "Arm ist nicht sexy" Nikita Vaillant (16.02.2021)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/arm-ist-nicht-sexy
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« Reply #1150 on: February 16, 2021, 03:51:13 PM »

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[...] Anke Stelling: "Klasse durchdringt alles"

Die Schriftstellerin Anke Stelling schreibt so böse über das grün-liberale Milieu Berlins, dass sie sich mit ihm überworfen hat. Ein Gespräch mit einer Nestbeschmutzerin.
Interview: Philipp Daum (15. Februar 2021)

Anke Stelling, 49, aufgewachsen in Stuttgart, lebt in Berlin-Prenzlauer Berg. Das liest sich wie ein Klischee und darüber wollen wir sprechen. Stelling hat in ihren Romanen die Menschen dieses Bezirks beschrieben: Sie sind alternativ, tolerant, distinktionsbewusst – und haben von ihren Eltern viel Geld geerbt und ein schlechtes Gewissen deswegen. Stelling hat wütend und komisch über die Selbstwidersprüche des grünen Bürgertums geschrieben und sich damit viele Feinde gemacht. Das Gespräch findet Ende September am Helmholtzplatz im Prenzlauer Berg statt. Stelling hat sich dort bei einem Freund zum Schreiben eingemietet.

Philipp Daum: Frau Stelling, Sie haben vor ein paar Jahren ein Buch mit dem Titel Bodentiefe Fenster veröffentlicht. Es hat Ihren Freundeskreis halbiert. Wie kam es dazu?

Anke Stelling: Die Hauptfigur des Buches, Sandra, lebt in einem alternativen Wohnprojekt im Prenzlauer Berg, genau wie ich. Im Buch streiten die Bewohner über Kindererziehung. Was kriegen die Kinder zu Weihnachten? Die erzählen sich das gegenseitig. Eine Mutter wünscht sich, dass alle Eltern das Gleiche schenken. Damit es keinen Neid gibt. Und Sandra sagt: "Na, dann schenk meinen Kindern doch ein iPad." Aber so hatte ihr Gegenüber das natürlich nicht gemeint.

Philipp Daum: Klingt ein bisschen absurd.

Stelling: Stimmt, aber ich mag die Szene, weil sie von der Sehnsucht nach einer besseren, klassenlosen Gesellschaft handelt. Zumindest für die Kinder soll es eine heile Welt geben. Das ist der hilflose Versuch einer Umverteilung im Kleinen.

Philipp Daum: Und Ihre Bekannten haben Ihnen übel genommen, dass Sie darüber geschrieben haben?

Stelling: Ja. Ich hatte eine ganze Reihe von Gesprächen, in denen ich mich rechtfertigen musste. Die Leute haben mir alles Mögliche vorgeworfen: Geheimnisverrat, Verletzung von Persönlichkeitsrechten. Dass ich eine völlig einseitige Perspektive hätte. Dabei habe ich ja keine Reportage geschrieben, sondern einen Roman. Ich muss eine Romanhandlung und dessen Dialoge nicht autorisieren lassen. Es gab eine Mediation, die gescheitert ist, und seitdem bin ich nicht mehr gern gesehen im Haus. Ich wusste nicht, wie viel den Leuten an ihrem Selbstbild liegt. Und wie sehr es sie schmerzt, sich wiederzuerkennen und gleichzeitig falsch dargestellt zu sehen. Denn natürlich hat es die Nachbarin mit der Einheitsgeschenkidee nur gut gemeint! Natürlich war das ganz anders, als es im Roman dann rüberkam!

Philipp Daum: Warum hatten Sie das Bedürfnis, das zu schreiben?

Stelling: Ich kenne diese Sehnsucht nach einer gerechteren Welt ziemlich gut. Und ich habe sehr lange gebraucht, um zu begreifen, dass Deutschland eine Klassengesellschaft ist. Ich dachte: Ob ich es schaffe, hängt allein von mir ab. Inzwischen aber glaube ich, dass Klasse alles durchdringt. Dass der Kapitalismus die Welt in Gewinner und Verlierer unterteilt und die Menschen zu Opfern und Tätern macht. Dass der alte Brecht-Spruch tatsächlich stimmt: "Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich."

Philipp Daum: Wann haben Sie das gemerkt?

Stelling: Ich war sehr lange sehr naiv, wahrscheinlich bin ich es immer noch. Ich bin mit einer Clique aufgewachsen, in der alle in die Kreativbranche gegangen sind: Künstlerinnen, Schauspieler, Filmemacherinnen, so was. Irgendwann habe ich gemerkt: Wir machen zwar alle das Gleiche, aber nicht alle müssen davon leben. Also schon, aber manche müssen zum Beispiel keine Miete bezahlen. Die haben eine Eigentumswohnung von ihren Eltern oder sie werden irgendwann erben und müssen von ihren kläglichen Einkünften nicht auch noch vorsorgen. Sie können sich dieses Künstlerleben leisten. Eigentlich ist mir das mit voller Wucht erst aufgegangen, seitdem die Kinder da sind. 

Philipp Daum: Inwiefern? 

Stelling: Mir ist dadurch klarer geworden, wie ich selbst aufgewachsen bin. Ich bin im Grunde Aufsteigerin der zweiten Generation. Meine Eltern hatten wenig Geld, gleichzeitig war ihnen sehr wichtig, dass meine Schwester und ich eigene Zimmer haben. Also haben sie im Wohnzimmer geschlafen. Und mir selbst geht es jetzt genauso. Ich denke: Wenn das Kind kein eigenes Zimmer hat, dann ist das wirklich Unterschicht. Also gebe ich den Großteil meines Einkommens für die Miete aus und verzichte auf ein eigenes Zimmer, genau wie meine Eltern damals. Wenn ich das allerdings erzähle, kommt gerne der Einwand …

Philipp Daum: … das sind doch Wohlstandsprobleme?

Stelling: Genau. "Immerhin kannst du's dir überhaupt leisten, hier zu wohnen." Und: "Ach was, in Japan leben die Leute auf viel weniger Quadratmetern …" Ich mag mir aber nicht von Leuten sagen lassen, was Luxusprobleme sind, die das, was sie als Luxusprobleme bezeichnen, selber gar nicht haben. (lacht) Das finde ich einfach doof.

Philipp Daum: Sie schreiben über den Prenzlauer Berg, der weit über Berlin hinaus für sein grünbürgerliches, linksliberales Milieu bekannt ist. Warum ignorieren ausgerechnet diese Leute die Klassenfrage?

Stelling: Es ist das Prinzip des Neoliberalismus, die Klassenfrage zu leugnen und zu behaupten: Jeder kann es schaffen! Und diese Vorstellung hat ja auch einen großen Reiz. Es ist einfach schön, kein Opfer zu sein. Die Erzählung des American Dream ist toll! Und sie ist außerdem eine Entlastung für diejenigen, die reich geboren sind. Weil dann nämlich alle, die wenig haben und es nicht schaffen, ja auch selbst daran schuld sind. Und diese Entlastung ist praktisch, wenn man Geld hat. Deswegen glauben viele Leute im Prenzlauer Berg an diese Geschichte.

Philipp Daum: Gehören Sie dort eigentlich noch dazu?

Stelling: Sicher, solange ich noch hier wohne, schon. Das Viertel ist ja auch viel weniger homogen, als es von außen scheint – trotz der steigenden Mieten und der Vertreibung durch die Gentrifizierung. Ich glaube, der Rest der Republik und die anderen Berliner Bezirke mögen das Klischee des Prenzlauer Bergs einfach sehr gerne. Und ich bin irgendwie zu dessen Chronistin geworden, zu einer, die es mal ausspricht und die Leute, die hier leben, auseinandernimmt. Aber ich bin selbstverständlich Teil dieses Milieus, auch wenn ich nicht an sein durchschnittliches Nettoeinkommen heranreiche. Ich will über ungleiche Verteilung und Voraussetzungen reden. Dass einige das als Angriff werten, nehme ich inzwischen in Kauf. Mir ist es wichtig.

Philipp Daum: Die Menschen, die Sie in Ihren Büchern beschreiben, sind sehr verschämt im Umgang mit Geld. Warum?

Stelling: Geld ist für alle, die ich kenne, mit Scham verbunden. Die, die Geld haben, schämen sich. Und die, die keines haben, auch. Es wäre am besten, es gäbe keines, oder alle hätten genau gleich viel und auch genau den gleichen Umgang damit. Dann könnten wir aufhören, die Unterschiede zu verschleiern.

Philipp Daum: Wie verschleiert man denn Unterschiede?

Stelling: Zum Beispiel durch Externalisierung: "Ja, die Wohnung haben uns unsere Eltern gekauft. Die wollten das unbedingt, die haben so ein Sicherheitsdenken." Oder: "Dass Aaron jetzt auf die Privatschule geht, finde ich selber ja doof, aber meine Schwiegermutter ist eben so drauf." Oder immer wieder: "Ja, kann sein, aber das machen doch alle." Und wenn ich antworte: "Das können doch gar nicht alle", dann bin ich irgendwann das wandelnde schlechte Gewissen der Leute mit Geld. Und was will man mit einem schlechten Gewissen? Man will es loswerden. Also kommen Argumente wie: "Du hättest ja Jura studieren können. Dann hättest du jetzt so viel Geld wie wir." Oder: "Du hättest hochheiraten können." Selbst meiner Romanfigur Resi, einer Schriftstellerin mit vier Kindern, gibt man solche Ratschläge!

Philipp Daum: Wie bitte?

Stelling: Bei einer Lesung in Potsdam. Da kam aus dem Publikum in der Fragerunde der Vorschlag, dass Resi, die Hauptfigur aus meinem Buch Schäfchen im Trockenen, doch einfach hätte Lehrerin werden können. Das sei doch ein schöner Beruf und auch viel leichter zu vereinbaren mit der Familie. Die Leute fangen an, für eine Romanfigur nach praktischen Lösungen zu suchen! Ist das nicht absurd? Um diese Scham und Ungerechtigkeit von sich wegzuschieben, überlegen sie: Was hätte die Romanfigur machen können, damit sie die Klappe hält!?

Philipp Daum: Frau Stelling, Ihre Eltern waren Buchhändler. Sie sind die erste in Ihrer Familie, die studiert hat. Wo fühlen Sie sich zugehörig?

Stelling: Hm. Dem Kreativprekariat? Ich habe kein Geld im Hintergrund und stark schwankende Einkünfte. Aber ich habe Bildungskapital, ich bin ja schließlich Diplomschriftstellerin. Und seitdem ich den Leipziger Buchpreis für Schäfchen im Trockenen bekommen habe, habe ich auch eine Menge Aufmerksamkeitskapital.

Philipp Daum: Viele sagen, Klasse bleibt kleben, man wird seine Herkunft nicht los. Merken Sie das auch?

Stelling: Ja, unbedingt. Ich bin durch die Erziehung meiner Eltern, durch ihr Leben, durch ihren Stand geprägt. Und deswegen traue ich dem Frieden auch nicht. Ich finde den Erfolg, den ich jetzt habe, alles andere als selbstverständlich. Ich besitze zwar momentan mehr Geld denn je, aber ich habe einen typischen Armutsumgang damit. Ich denke, ich muss dieses Geld so lange wie möglich behalten. Statt es zu investieren und zu noch mehr Geld zu machen, behandle ich mein Konto wie einen Sparstrumpf. Ich hoffe einfach, dass er dick bleibt.

Philipp Daum: Sie sind in Stuttgart in einem 68er-Haushalt aufgewachsen. Was haben Ihre Eltern Ihnen auf den Weg gegeben?

Stelling: Meine Eltern waren beide Buchhändler. Das ist ein 1-A-Beruf, um die Herkunft zu verschleiern. Der Buchhandel hat was Intellektuelles, obwohl es am Ende ums Verkaufen geht. Jedenfalls haben meine Eltern uns Kindern die Botschaft mitgegeben: Wir sind ganz nah dran an der besseren Gesellschaft. Und ihr werdet auf jeden Fall die sein, die es dann endgültig geschafft haben.

Philipp Daum: Eine Aufstiegsbiografie.

Stelling: Meine Mutter durfte nicht studieren, obwohl sie eine gute Schülerin war. Also war ihr wichtig, dass meine Schwester und ich auf jeden Fall studieren. Aber bei dem, was sie sich darunter vorgestellt hat, ging es, glaube ich, weniger um ökonomischen Aufstieg als um Selbstverwirklichung. Also darum, alles machen zu können, was man will und was die anderen auch machen können. Ich glaube, daher kommt meine Hybris. Dass ich wirklich dachte, ich könnte Künstlerin sein und davon leben. Meine Mutter hat mir das nicht geraten. Aber die Idee, dass es vor allem um Freiheit und Selbstverwirklichung geht, die Vorstellung, dass man ein Leben leben könnte, in dem Geld tatsächlich keine Rolle spielt … Diese Idee hatten auch schon meine Eltern.

Philipp Daum: In Schäfchen im Trockenen wirft Resi ihren Eltern vor, zu viel über Träume gesprochen zu haben und zu wenig über Nebenkostenabrechnungen.

Stelling: Über Geld wurde auch bei uns zu Hause wenig gesprochen. Ich habe von meinen Eltern zwei Strategien übernommen. Meine Mutter hat mir beigebracht, dass man alles selbst machen kann, Kleider nähen, Sofas beziehen, Wände tapezieren. Und von meinem Vater weiß ich, dass man einfach behaupten kann, man würde das, was man sich nicht leisten kann, im Grunde gar nicht wollen. So wie der Fuchs in der Fabel von Äsop, der nicht an die Trauben rankommt: "Die sind mir zu sauer", sagt er, fertig. Mein Vater sagt: "Ich will gar keine größere Wohnung, ich brauche keine schönen Schuhe, und warum Fernreise, ich habe doch mein Seniorenticket vom Verkehrsverbund." Und das ist auch wirklich eine sehr gute Taktik!

Philipp Daum: Aber …?

Stelling: Was, wenn es nicht mal mehr fürs Ticket und die Ein-Raum-Wohnung reicht? Oder wenn man krank wird. Bestimmte Sachen dürfen einfach nicht passieren. Ich war vor drei Jahren zum ersten Mal im Krankenhaus ...

Philipp Daum:  … zum ersten Mal in Ihrem Leben? Vorher nie?

Stelling: Nee.

Philipp Daum: Nicht mal eine kleine Blinddarmoperation?

Stelling: Nee, nee, ich hatte nie was. Bei uns zu Hause war man nicht krank. Bei mir zu Hause auch nicht. Und da stellt sich doch dann schon die Frage: Warum eigentlich nicht? Weil man dann dem System hilflos ausgeliefert wäre. Wer kann sich ein Einzelzimmer leisten? Wer ist privat versichert? Wer wird vom Chefarzt operiert? Ich weiß das ja inzwischen alles. Aber ich umschiffe das elegant, indem ich einfach nicht krank werde.

Philipp Daum: Das klingt bitter.

Stelling: Je mehr mir das klar wird, desto schlimmer find ich es. Und deshalb verstehe ich jetzt auch, wie meine Eltern wahrscheinlich getickt haben: Sie haben sich das nicht eingestanden, als allerletztes vor uns Kindern. Ich habe inzwischen selbst drei Kinder, ich weiß, wie elend es ist, dieses "Du kannst alles schaffen" und "Du wirst's mal besser haben als ich" nicht weiterzugeben. Ich sehne mich oft in meine Kindernaivität zurück. Ich sehne mich nach der Do-it-yourself-Lüge, der Neoliberalismuslüge, der Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Lüge. Also, nein, ich mache meinen Eltern keinen Vorwurf. 

Philipp Daum: Haben die 68er grundsätzlich etwas falsch gemacht?

Stelling: Nein, die haben nichts falsch gemacht ... Die haben immerhin was probiert. Und ja auch was erreicht. Was den Wunsch nach einer anderen Gesellschaft betrifft, da waren sie wirklich vorne dran. Ich finde es billig, auf die 68er zu schimpfen, nur ... Nein, also, die Idee war echt gut. (kichert)

Philipp Daum: Das sagt man ja immer bei linken Projekten.

Stelling: Ja, genau. Und dann haut es wieder nicht hin, weil sich alle streiten und Vorwürfe machen. Genau wie ich. Und ich habe ja für Schäfchen im Trockenen dann auch Beifall von rechts bekommen.

Philipp Daum: Wie war das für Sie?

Stelling: Interessant. Es gab denjenigen recht, die mich für eine Nestbeschmutzerin halten. Die finden, dass ich linke Wohnprojekte schlechtmache und mich gegen antiautoritäre Erziehung wende und so weiter. Was gar nicht meine Absicht war. Im Gegenteil, ich dachte, ich diene den Ideen und Projekten, indem ich so viel von ihnen erzähle! Weil es doch genau um Auseinandersetzung geht. Aber dann ist da wohl doch mehr Ideologie im Spiel als geahnt. Und Ideologie verträgt keine Kritik. Aber Ideen müssen kritisierbar und veränderbar bleiben, man muss sie ausprobieren und infrage stellen dürfen. Bini Adamczak rät in Beziehungsweise Revolution, bei den drei Grundsätzen der französischen Revolution zu bleiben: Gleichheit, Freiheit und Geschwisterlichkeit. Aber nicht losgelöst voneinander. Nichts davon darf hinten runterfallen, sonst klappt es nicht mit der gerechteren Welt und dem besseren Leben.

Philipp Daum: Und was ist bei den 68ern hinten runtergefallen?

Stelling: Sie haben die Freiheit ins Zentrum gestellt. Aber Freiheit ohne Gleichheit führt zu Ausbeutung, und Freiheit ohne Geschwisterlichkeit zu Individualisierung.

Philipp Daum: Warum ist Berlin so ein Sehnsuchtsort für Ihre Generation geworden?

Stelling: Es ist eine echte Großstadt. Eine Spielwiese. Man kann sein und machen, was man will, und findet Gleichgesinnte. Das war das Versprechen, und das ist, glaube ich, heute noch so. Berlin macht alles mit. Und Berlin passt sich auch den sich verändernden Wünschen an. Viele sind ja aus dem Süden nach Berlin gekommen, weil sie großen Wert auf wild, laut und gefährlich gelegt haben. Und jetzt bekommen manche von ihnen, während sie älter werden, plötzlich Sehnsucht nach der Behaglichkeit einer süddeutschen Kleinstadt. Das ist hier auch drin. Auf dem alten Schlachthofgelände wurden vor ein paar Jahren Townhouses gebaut, wie in einer Reihenhaussiedlung. In Berlin kann man anders sein, ohne ausgegrenzt zu werden, und spießig sein, ohne es zugeben zu müssen.

Philipp Daum:  Wo wir von Spießigkeit reden: Wenn man hier aus dem Fester Ihres Schreibzimmers rausguckt, dann sieht man den Helmholtzplatz. Da laufen gerade viele kleine Kitakinder in gelben Westen vorbei. Ist doch auch ganz schön idyllisch, oder?

Stelling: Na ja, die Obdachlosenclique ist am Helmholtzplatz aber auch recht dominant.

Philipp Daum: Habe ich gar nicht mitbekommen.

Stelling: Nein? Schade, denn da ist der Platz echt stolz drauf. Weil: "Hier stimmt die Mischung noch!"

Philipp Daum: Warum legen Leute so viel Wert darauf, dass hier Obdachlose sind, denen es besser gehen würde, wenn man sich um sie kümmern würde?

Stelling: Das ist Armut als Folklore. Es geht nicht um die Menschen und ihre Lebensumstände, sondern um das Bild. Es ist schön, wenn ein paar Roma-Familien auf dem Nettelbeckplatz campieren und die Punks am Alexanderplatz sitzen. Das bestätigt, dass man nicht mehr in der süddeutschen Kleinstadt ist, sondern in Berlin. Zu Berlin gehören Obdachlose und Punks und Roma. Wichtig ist, dass sie sich im Rahmen halten – weil sie eben nur ein Bild sind. Die Obdachlosen hier am Platz können gerne ein bisschen rumgrölen, aber allzu betrunken sollten sie nicht sein. Und die Kinder der Roma-Familien sollen auch lieber nicht mit den eigenen Kindern zur Schule gehen, weil wie Schule aussehen soll, da gibt es dann schon wieder ein anderes Bild für.

Philipp Daum: Also, in diesem Milieu gibt es einen Wunsch nach Gleichheit ...

Stelling: … und nach Toleranz. Toleranz ist extrem wichtig. Aber sie hat ihre Grenzen! Ein Migrant soll möglichst so sein wie man selber, nur halt Migrant. Dass der wirklich woanders herkommt und deshalb auch was anderes mitbringt, dass sein Freiraum meinen vielleicht berührt oder sogar beschneidet – das ist schwierig zu ertragen, wirklich. Denn dann geht es ja nicht mehr um mich und mein Bild von Diversität, sondern um den anderen und dessen Ideen. Da ist dann echte Toleranz gefragt, und die ist hart. Die kostet.

Philipp Daum: Sind da nicht die Leute ehrlicher, die in ihrem schwäbischen Reihenhaus bleiben und sagen: Klar will ich mich mit meinesgleichen umgeben, das ist leichter?

Stelling: Ja, bestimmt. Wobei: Die Berlin-Sehnsucht besteht ja eben in der Sehnsucht nach einem anderen Leben, einem freieren, aufregenderen, weniger engen Leben. Einem Leben mit möglichst vielen verschiedenen Menschen und Möglichkeiten. Wenn man das dann wirklich hat, entstehen Widersprüche. Dann merkt man, wie anstrengend das sein kann. Und dass man sich vielleicht nach etwas gesehnt hat, was man im Alltag gar nicht gut aushält. Und jetzt? Ehrlich wäre es, sich für das Reihenhaus in, weiß ich nicht, Trochtelfingen zu entscheiden. Aber die Sehnsucht bringt mich dazu, mich für das Reihenhaus mit Carport und Gasgrill zu entscheiden, das es auch im Neubaugebiet von Trochtelfingen gibt, aber nun eben auf dem Berliner Schlachthofgelände steht – weil ich dann sagen kann: "Hey, das ist immer noch Berlin."

Philipp Daum:  In Ihrem letzten Buch geht es auch um die Do-it-yourself-Lüge …

Stelling: Für meine Großmutter und Mutter war die Mechanisierung des Haushalts ein echter Segen! Denn es ist vielleicht schön, mal zwischendurch die Hände in die Erde zu stecken oder Holunderblüten am S-Bahn-Graben zu sammeln und daraus Sirup zu kochen. Aber eine Familie wirklich nur von Selbstgekochtem und Selbsteingemachtem zu ernähren, das ist hart. Ich muss jetzt aufpassen, dass ich nicht zu böse werde, und ich finde ja auch nicht, dass industrielle Landwirtschaft oder Aldi die Lösung sind, aber diese Romantisierung von Handarbeit und Selbermachen geht mir echt auf die Nerven. Wenn ich wirklich jeden Tag kochen muss, finde ich billige Fertiggerichte plötzlich eine super Idee. Und wenn ich drei Stunden mit der Schaufel gegraben habe, fange ich an, von Baggern zu träumen. Die Überhöhung von Do it yourself lebt davon, dass man es halt nicht wirklich machen muss, nicht jeden Tag, nicht acht Stunden am Stück. Und dafür anderes auslagert.

Philipp Daum: Was meinen Sie?

Stelling: Woher nehme ich denn die Muße für die Achtsamkeit? Wer macht sich unfrei für meine Emanzipation? Ich meine Ausbeutungsketten wie die Care Chain. Die darf ich doch nicht leugnen, wenn ich wirklich ein besseres Leben will und behaupte, ich sei für Gerechtigkeit! Und ja, ich weiß schon, es gibt kein richtiges Leben im falschen und irgendwas kneift immer, aber dann neige ich halt dazu, übersprungsmäßig besonders radikal zu werden und meinen Kindern zu sagen, dass ab sofort alle Freunde, wo es zu Hause eine Putzfrau gibt, auf der roten Liste stehen.

Philipp Daum: Sie führen eine rote Liste?

Stelling: Nein, natürlich nicht! (lacht) Ich bin doch selbst hoffnungslos gefangen in Widersprüchen. Aber das Putzfrauenbeispiel ist halt so schön griffig: Wenn man findet, dass ruhig andere hinter einem selbst herräumen können, dann muss man jemanden finden, der das für einen tut. Also jemanden zwingen oder bezahlen. Ich kenne niemanden, der einfach so für andere putzt und hinter ihnen herräumt. Meine Kinder können ein Lied davon singen. Wehe, sie räumen nicht hinter sich her, wehe, sie vergessen, die Klobürste zu benutzen …

Philipp Daum: Ich stelle mir das anstrengend für Ihre Kinder vor.

Stelling: Oh ja, ist es. Ich denke aber, dass es meine Pflicht ist, mit ihnen darüber zu reden, statt einfach eine Putzfrau anzustellen und zu sagen: "Lass ruhig stehen, Liebling, das macht Branka dann am Mittwoch." Vor allem kann ich nicht verstehen, wie man behaupten kann, es gäbe keine Klassengesellschaft mehr, solange man zu seinem Kind sagt: "Das macht Branka dann am Mittwoch!"

Philipp Daum: Warum schämt man sich in Ihrem Milieu dafür, eine Putzfrau zu beschäftigen?

Stelling: Da kollidieren Bequemlichkeit und Bewusstheit. Da beißt sich das Bedürfnis nach jemandem, der einem den Dreck wegmacht, mit dem Wissen, dass Frauen kein Sorge- und Saubermach-Gen besitzen und Leute mit dunkler Hautfarbe nicht die Diener derer mit heller Hautfarbe sind. Also kriegt man ein Rechtfertigungsproblem. Man muss zugeben: Ja, ich bin in der Position, jemanden für mich die Drecksarbeit machen zu lassen. Und dass ich die dann auch nutze, ist meine Entscheidung. Dafür bin ich tatsächlich verantwortlich.

Philipp Daum: Oder man denkt sich komplizierte Rechtfertigungen aus.

Stelling: Genau, deshalb ist es in meinem Milieu ja auch so wichtig, dass Branka immer gute Laune hat! Dass sie und ich die besten Freundinnen sind. Und es würde ihr, wenn ich sie nicht beschäftigen würde, ja noch viel schlechter gehen! Also schenke ich ihr mein abgelegtes Gucci-Kleidchen und werde Patentante von ihren Kindern …

Philipp Daum: So was passiert tatsächlich?

Stelling:(zustimmendes Brummen) Mhmhm.

Philipp Daum: Sie kennen Leute, die …?

Stelling: Von den Kindern ihrer Putzfrau, ja. 

Philipp Daum: Und das ist dann eine authentische Freundschaft?

Stelling: Tja, ich weiß nicht. Diese Leute würden sagen: Ja!

Philipp Daum: Und Sie?

Stelling: Ich würde sagen: Die Freundschaft hat vielleicht ein Gefälle. (lacht)

Philipp Daum: Frau Stelling, ist Deutschland heute mehr eine Klassengesellschaft als früher?

Stelling: Auf jeden Fall. Der Spitzensteuersatz ist gesunken seit Kohl, die Superreichen leben im Verborgenen und werden immer reicher, es gibt keine Sozialwohnungen mehr, es wird alles verscherbelt, die Privatisierung ist fortgeschritten, man kann nicht mal mehr Kaufhaus-Verkäuferin werden, weil es Kaufhäuser ja auch schon nicht mehr gibt, man kann nicht mehr von seiner Hände Arbeit leben, aber was anderes als Hände haben viele nicht, und auch die Chancen für Kinder aus bildungsfernen Haushalten haben sich nicht verbessert, und die Schwimmbäder schließen und … (lacht verzweifelt)

Philipp Daum: Es gibt dieses Argument, dass die politische Linke verlernt hat, über Klasse zu reden und sie durch Identitätsdebatten ersetzt hat.

Stelling: Ich weiß, und ich verstehe das nicht. Als könnte man nur eines machen. Als gäbe es keine Mehrfachdiskriminierung. Und ja, die macht es jeweils kompliziert, aber es hilft ja nichts. Jeder Mensch hat Identitätspolitik nötig. Diesen ganz normalen, biodeutschen, straighten Mann, der einfach nur Anerkennung dafür sucht, dass er so hart arbeitet und nicht genug verdient und dazu dann noch furchtbar unter der Identitätspolitik für Homosexuelle und Frauen und Geflüchtete und so weiter leidet, den halte ich für ein Phantom.

Philipp Daum: Aber angenommen, Sie müssen jetzt aus der Berliner Innenstadt nach Marzahn oder Ahrensfelde ziehen, so wie Resi in Ihrem Roman …

Stelling: … dann treffe ich diesen Mann, ja ja. Aber ich glaube nicht so richtig an ihn. Also, es mag ihn ja geben und alles, aber vor allem wird dieser kleine Mann andauernd von Menschen beschworen, damit sie sich nicht mit ihren eigenen Vorurteilen beschäftigen müssen. Nee, nee. Wenn, dann bin ich selbst dieser kleine rassistische Mann.

Philipp Daum: Sind Sie?

Stelling: Ich suche seit Ostern nach einer neuen Wohnung. Und in dem Moment, an dem ich mich gegen fünfhundert Mitbewerber durchsetzen muss, denke ich: Was könnte wohl mein Vorteil sein? Puh, also immerhin habe ich einen deutschen Namen. Und diesen Vorteil werde ich jetzt nutzen, Gott sei Dank hat sich diese scheiß Identitätspolitik noch nicht durchgesetzt! Ich glaube: Abwertungen entstehen aus Bedrängnis. Die Bedrängnis macht uns zu Schubsern und zu Stänkerern, und die Bedrängnis hat ganz konkrete Ursachen. Man muss etwas gegen diese Bedrängnis tun, aber ich bin einfach nicht bereit, Probleme zu hierarchisieren. Der Transgender-Mensch, dem mit Unisextoiletten geholfen wäre, soll sie doch bitte haben.

Philipp Daum: Gibt es denn irgendetwas, das Ihnen politisch Hoffnung macht?

Stelling:(lange Pause) Nee. (lacht) Nee, ich habe Angst vor der Zukunft. Ich glaube, dass das alles ganz übel endet. (lacht leiser)

Philipp Daum: Ok, dann hören wir pessimistisch auf.

Stelling: (lacht) Ja. Aber dann denke ich wieder: Das ist doch gelogen! Denn wenn ich das wirklich so sehen würde … dann könnte ich mir ja auch gleich die Kugel geben.



Aus: "Anke Stelling: "Klasse durchdringt alles"" Interview: Philipp Daum (15. Februar 2021)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/literatur/2021-02/mittelschicht-anke-stelling-schaefchen-im-trockenen/komplettansicht

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Friedenstaube2019 #3

Ich finde dieses Interview unheimlich anregend und ich kann vieles als grünes Mitglied auch bestätigen. Man ist verbaler Antirassist, für Bildung usw. Aber mit der ökonomischen Ungleichheit, mit den Gesetzmäßigkeiten der Umverteilung nach oben beschäftigt man sich nicht, das könnte zu kritisch werden. Stattdessen beschäftigt man sich intensiv mit ökologischen Fragen und ignoriert dahinter liegende ökonomische Probleme und Ursachen. Diese Naivität wird sich noch rächen, wenn nämlich auch grüne Politik den Armen kein bisschen Hoffnung gibt, aus dem zerstörerischen Leben in Armut rauszukommen. Dann kommt der offene Faschismus und der Wirtschaft ist das egal, man kooperiert ...


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Donez #3.1

... Was mich ja wirklich umgefräst hat, ist der Vorwurf der "Nestbeschmutzung" an die Adresse dieser Schriftstellerin. Man erträgt die Konfrontation mit der eigenen Verlogenheit nicht und grenzt die Kritikerin aus. Als ich jung war, ging der Vorwurf der "Nestbeschmutzung" an die Adresse der jungen Leute, die sich mit der Nazi-Vergangenheit befaßten. Das finde ich erschütternd. Wir haben wieder ein echtes bürgerliches Spießertum, welches in seinen Lebenslügen wohlig eingerichtet ist und die Wahrheit mit der gleichen Beschimpfung zurückweist wie ehedem die Altnazis.


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ah-jun #5

"Es ist das Prinzip des Neoliberalismus, die Klassenfrage zu leugnen und zu behaupten: Jeder kann es schaffen!"

Das wurde uns seit vielen Jahren ständig eingebleut und viele haben es verinnerlicht.
Zur weiteren Ablenkung vom sozialen Problem dient aktuell die Identitätsdebatte.


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KönigX #5.1

Natürlich kann es jeder schaffen, aber nicht alle. Problem ist, andere Systeme hat man auch probiert und die sind noch schlimmer gescheitert.


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insLot #7

Das Problem des Freundeskreises dürfte vor allem darin liegen, dass die Wahrnehmung von innen heraus im Wesentlichen die Gleiche ist, wie sie sich den Menschen im ländlichen Raum von außen betrachtet darstellt. Sind die Vorwürfe von außen noch leicht abzutun, wird es von innen heraus bedeutend schwerer. Denn da handelt es sich ja um einen Insider! ...


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der_joerg #8

"Ich würde sagen: Die Freundschaft hat vielleicht ein Gefälle. "

Der war gut, ...


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Wellenreiterin #12

Wie wahr sie schreiben, Frau Stelling. Für die gentrifizierten Altbaustadtteile in
Hamburg gilt so ziemlich genau das gleiche: Ottensen, Eimsbüttel, St. Georg. Es ist chic und hip, dort zu wohnen, aber nur für die Klasse der "Vermögenden", die sich auch noch als die Crème der Grünen Intelligenzia und kulturell Toleranten verstehen, aber nur zur Bewahung ihrer eigenen Privilegien unterwegs sind. Sie lügen sich in die eigene Tasche und den Tolerierten Minderbemittelten ins Gesicht.


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rumbati #17

Anke Stelling, eine Offenbarung,

in einer Gesellschaft, die tagein tagaus damit beschäftigt ist, sich selbst und anderen in die Tasche zu lügen, damit ihr kleines, banales und miefige Leben einen Sinn macht. ...


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Jadoo6 #18

Nur mal so neben bei, Berlin ist nicht Deutschland. Berlin ist eben auch nicht die Welt. Wer sich "grün-liberal" gibt, muss kein "Grüner" sein. Und liberal sein wollen heisst nicht liberal sein. So ist Lindner eher ein libertärer Ideologe als ein Liberaler. Und die Ideale einer bürgerlichen Republik heißen Freiheit (von Adligen und Geldadel), Gleichheit (vor dem Gesetz und bei Wahlen) sowie Solidarität (Gemeinschaft als Stadt, Gemeinde, Dorf oder eben auch Kirchengemeinde übertragen au Staatsebene). Diese Ideale galten den Monarchisten und Autoritaristen deshalb immer als liberal. Falsche Toleranz war noch nie wirklich liberal, die Ideologie der grenzenlosen individuellen Freiheit schon immer nicht liberal sondern eher libertär (Recht des Reicheren bzw. Stärkeren).

Selbst-Optimierung hat ebenfalls nichts mit liberaler Grundhaltung zu tun, sondern mit den sog. Zeitläuften und seinen Moden.

Und am Ende: es gibt auch Tübingen, Darmstadt, Münster, Hamburg, München, Stuttgart sowie viele kleine Gemeinden auf dem Land.

Das Interview verweist auf sehr persönliche Erfahrungen und Animositäten. Nicht mehr und nicht weniger. Die Pauschalisierung hier im Forum unter einigen Foristen sind schon selbst peinlich und auch eher selbst besserwisserisch.


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Bianca Vormbrock #21

Ein interessantes Interview, sympathisch auch, dass die Autorin vieles noch mit Humor nimmt. Irritiert hat mich, dass Frau Stellung so spät bemerkt hat, dass Deutschland eine Klassengesellschaft ist. ...


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Wadenkrampf #23

Ich bin tief beeindruckt von Frau Stellings Ehrlichkeit. Sie beschreibt im Interview ein ach so tolerantes Milieu kleiner Selbstdarsteller, das ich gerne als das Unter-den-Teppich-Kehr-Milljöh bezeichne, weil schnell Leute schief angesehen werden, die kritische Fragen stellen oder Dinge in einem unangenehmen Zusammenhang auf den Tisch bringen. Auch ich erlebe oft eine zweigeteilte Welt in meinem Umfeld. Die mir sympathischeren gestehen sich ihre eigenen Unfertigkeiten ein, arrangieren sich mit den Gegebenheiten des Lebens, und kämpfen auch für kleine Fortschritte. Die mir nicht immer sympathischen kleben allzu oft an irgendwelchen Lebenslügen und verwechseln manchmal mutige Toleranz mit feiger Gleichgültigkeit. Aber da beides äußerst menschlich ist, habe ich gelernt damit zu leben.


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Tordenskjold #25

Sehr geehrte Frau Stelling, Ihre Beobachtungsgabe und Ihre Fähigkeit das Beobachtete kurz und pointiert wiederzugeben ist beeindruckend. Sie legen gleich mehrere Finger in die offenen Wunden des (vermeintlich) linken Bildungsbürgertums. Sie zeigen auf Widersprüche, die man nicht wegdiskutieren kann.

Das schmerzt, denn als Sozialdemokrat entdecke ich solche Widersprüche auch bei mir selber. Mal musste ich beim lesen lachen und zustimmend nicken, mal fühlte ich mich auch durchaus ertappt. Und ich erkenne in Ihren Beobachtungen Freunde, Nachbarn und Bekannte. Und manchmal mich selbst.

Bei vielen sehe ich auch, dass sie sich für Toleranz und Naturschutz und alles mögliche Gute einsetzen, dabei aber nicht verstehen, dass viele Probleme im Kern auf einen marktradikalen Neoliberalismus zurückzuführen sind. Wer von seiner Arbeit kaum leben kann, der hat weder Zeit noch Geld sich schöne manuelle Oma-Küchengeräte bei Manufactum zu kaufen und der kann sich auch nicht immer Bio leisten.
Auf diese Menschen schaut die Klasse der linken Aufsteiger gern herab. Sie kritisieren ein System, von dem sie selber profitieren und an dessen Wesenskern sie nichts ändern wollen. Umweltschutz hat auch viel mit sozialer Gerechtigkeit zu tun. Man muss ihn sich leisten können. Das ist der Grund, warum ich mich noch nie für die Grünen erwärmen konnte. Erst kommt das Fressen...


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summerquilt #63

Klasse Interview und eine Klasse Frau. Ich musste auch manchmal lachen und manchmal leiser lachen. ...


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cdiekhoff #68

Ich kenne die beschriebenen Milieus alle aus eigener Anschauung, vom verzweifelten Aufsteigertum bis zum verbohrten Hipstertum. Es ist alles so, wie die Autorin es beschreibt - und noch viel schlimmer. Hinzuzufügen sei, dass es inzwischen in anderen Großstädten genau dasselbe gibt. Auch in anderen europäischen Großstädten. Es ist eine neue Klassenfrage.  ...


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Karf #70

Ein Blick auf ein Kernproblem unserer ganzen Gesellschaft, verdichtet im "Brennpunkt" Prenzlauer Berg. Danke für das Interview.


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« Reply #1151 on: February 24, 2021, 11:31:19 AM »

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[...] Der Mehrheitseigentümer und langjährige Vorstandsvorsitzende des Bremsenherstellers Knorr-Bremse, Heinz Hermann Thiele, ist tot. Er starb nach Angaben des Unternehmens überraschend am Dienstag im Alter von 79 Jahren im Kreise seiner Familie in München. Einer breiten Öffentlichkeit wurde Thiele bekannt, als er vergangenes Jahr in der Corona-Krise zum größten Aktionär der Lufthansa aufstieg. Er hatte den Einstieg des Staates zur Rettung der Fluggesellschaft kritisiert, dann aber doch zugestimmt.

In seinem Unternehmen Knorr-Bremse – das er vom Sanierungsfall zu einem profitablen Weltmarktführer für Zug- und Lkw-Bremsen mit fast 30.000 Beschäftigten und rund sieben Milliarden Euro Umsatz gemacht hatte – war Thiele zuletzt stellvertretender Vorsitzender und Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrates. Er war erst im Juni 2020 nach vier Jahren Pause wieder in das Kontrollgremium eingezogen.

Thiele gehörte zu den reichsten Deutschen: Auf zuletzt gut 20 Milliarden Dollar schätzte die Nachrichtenagentur Bloomberg sein Vermögen. In einem ersten Nachruf verweist das Unternehmen auf den frühen Tod des Vaters, der ihn sehr geprägt habe. Aus der Rückschau habe er "äußerst beschränkte finanzielle Verhältnisse und die mir sehr fehlende Vaterfigur genutzt, um aus eigener Kraft etwas zu schaffen", zitiert das Unternehmen Thiele.

Als 28-Jähriger hatte der gebürtige Mainzer nach seinem Jurastudium 1969 bei dem Münchner Mittelständler Knorr-Bremse angefangen – als Sachbearbeiter in der Patentabteilung. 1979 wurde er Vertriebschef, 1985 übernahm er die Firma. Thiele war bis 2007 Vorstandsvorsitzender, von 2007 bis 2016 Vorsitzender des Aufsichtsrats.



Aus: "Heinz Hermann Thiele ist tot" (24. Februar 2021)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2021-02/heinz-hermann-thiele-gestorben-knorr-bremse-lufthansa-aktionaer

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UliHoeneß #2

Warum muss man erwähnen dass er einer der reichsten Deutschen war?
Es sicherte tausende Arbeitsplätze und schuf einen grundsoliden Weltkonzern.
Der Verweis auf sein Vermögen erzeugt lediglich Neid.

... Wenn man auf meinen Grabstein den Wert meines Vermögens zum Todeszeitpunkt schreiben würde würde ich mich im Grab umdrehen.
Ich finde diese Unsitte gehört sich nicht!


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neulichimsupermarkt #2.2

Es geht nicht um sie. Geld war nun mal, wofür er berühmt wurde. Werden sie Schauspieler, Informatiker oder Busfahrer, dann steht auf ihrem Grabstein etwas anderes.


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Rauberg #3

Einer der Granden, die noch durch persönlichen Ehrgeiz und Fleiß zu Erfolg kam und dadurch andere mitzog.
Der auch einmal über das temporäre Problem hinaus planen konnte.

Dieser Typus wird immer seltener in Zeiten möglichst gut verteilter Verantwortlichkeit.

Mein Beileid seiner Familie.
Möge sie sein Werk gut verwalten.


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« Reply #1152 on: February 24, 2021, 12:21:10 PM »

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[...] Daniela Dröscher - Jahrgang 1977, schreibt Prosa, Theatertexte und Essays. Zuletzt erschien der autobiografische Text Zeige deine Klasse. Die Geschichte meiner sozialen Herkunft bei Hoffmann & Campe.

... Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass ich ein Kind der Mittelklasse bin. 1977 geboren und westdeutsch sozialisiert, war ich stets Teil der unsichtbaren Norm, die nicht eigens markiert wurde. Bis vor nicht allzu langer Zeit galt hierzulande gar noch das Narrativ der allumfassenden Mittelschicht. Klassen kamen buchstäblich nicht vor. Tippe ich das Wort "Mittelklasse" in die Suchmaschine, erfahre ich noch immer mehr über schnittige Automodelle als über meine soziale Position.

"Mittelschicht" erscheint auf den ersten Blick auch deshalb angemessener, weil die Mittelklasse nach Karl Marx eine Klasse ohne Bewusstsein von sich ist. Eine Klasse lebt, anders als die Schicht, von einem Wir-Gefühl. Die Angehörigen der Mittelklasse aber befinden sich in ständiger Konkurrenz zueinander. Außerdem bestimmt und relativiert ihre basale Definition, weder reich noch arm zu sein – oder um es mit meiner Mutter zu sagen: "normal viel Geld" zu haben –, die Mittelklasse gleich von zwei Seiten. Man könnte auch sagen: Die Mittelklasse hat seit ihren Anfängen ein Identitätsproblem.

Ein Grund für das fehlende Klassenbewusstsein ist zum einen, dass sie schlicht nicht als Klasse erzählt wurde. In der marxistischen Theorie kommt sie kaum vor; Marx hielt sie für ein unbedeutendes Übergangsphänomen, das durch den sich verschärfenden Gegensatz von Bourgeoisie und Proletariat verschwinden würde. Er ordnete sie zwar eher dem Proletariat zu, schätzte sie jedoch als einflussschwach und neutral im Klassenkampf ein. Inzwischen aber befeuert diese Klasse, die keine ist, den Antagonismus zwischen Arm und Reich: Indem sie neutral bleibt, bejaht sie die Verhältnisse, statt sie zu bekämpfen. Deshalb sprach der Soziologe Helmut Schelsky in den Sechzigerjahren von einer "nivellierenden Mittelstandsgesellschaft".

Ein anderer Grund für das fehlende Klassenbewusstsein ist ihre Heterogenität. Die Mitte bildet einen ebenso "buntscheckigen Haufen" (Marx) wie einst die Arbeiterinnenklasse, sowohl hinsichtlich Besitz, Kapital, Einkommen als auch Bildung. Sie vereint Gewerbetreibende, Beamte, Care-Arbeiterinnen und -Arbeiter ebenso wie Solo-Selbstständige. (Um konkret zu werden: Als Single zählt man ab 1.170 Euro Netto-Einkommen, als vierköpfige Familie ab 2.450 Euro dazu). Ja, es gibt innerhalb der Mittelklasse ein enormes Gefälle. Das einzige verbindende – aber sehr wesentliche – Kriterium ist die Lohnabhängigkeit. Die Abwesenheit von nennenswertem Kapital, also Besitz und Anlagen. Angehörige der lohnabhängigen Mittelklasse, die aufhören zu arbeiten, müssen früher oder später Sozialleistungen in Anspruch nehmen.

Das Identitätsproblem der Mittelklasse artikuliert sich auch in ihrem politischen Schwanken: Mal solidarisiert sie sich mit der beherrschten, mal mit der herrschenden Klasse. Dass auch dies konstitutiv für sie ist, zeigt ein Blick in die Geschichte. Die Mittelklasse hat ihre Anfänge im Kleinbürgertum, das sich im späten Mittelalter aus armen Bauern und Handwerkern heraus bildete, die mit ihren Spießen die Burgen und damit die Ordnung verteidigten (daher der "Spießbürger"). Zugleich stand das Kleinbürgertum an der Spitze großer historischer Umbrüche, die gegen die Obrigkeit gerichtet waren. Anfänglich gehörte es auch zu den Befürwortern der französischen Revolution, die ja die "Volksherrschaft" zum Ziel hatte, zog sich dann aber in einem ersten Klassenkompromiss der Geschichte in den Biedermeier zurück.

Das dunkelste Kapitel des deutschen Kleinbürgertums ist die NS-Zeit. Forschungen zur Mentalitätsgeschichte belegen, dass erst Neid, Missgunst und Denunziationen aus dem Volk das Regime groß machten. Eine künstlerische Arbeit der vergangenen Berlin Biennale führte das mit umstrittenen künstlerischen Mitteln vor Augen. Und Hitler, der Emporkömmling, war der Kleinbürger par excellence.


Im Nachkriegsdeutschland wiederum waren bürgerliche Werte, bürgerliche Bildung, eine bürgerliche Kultur leitend, die aber vor allem durch das Kleinbürgertum verkörpert wurden. Der Historiker Joska Pintschovius spricht deshalb sogar von der "Diktatur des Kleinbürgers". Dieser Wandel ging Hand in Hand mit dem Mythos vom verführten "kleinen Mann", der für das Geschehene keine Verantwortung übernehmen wollte. Zugleich half die Einheitsfiktion einer alles umfassenden Mittelschicht, in der jeder durch Leistung zu Wohlstand gelangen konnte, zwei Dinge auszublenden: Zum einen wurden westdeutsche Firmen, die in der NS-Zeit Kapital angehäuft hatten, anders als in der DDR keineswegs durchgehend enteignet, nein, dieses Kapital wurde weitergereicht. Zum anderen verschleierte die Legende vom westdeutschen Selfmademan das lange Zeit unerzählte Kapitel der ausbeuterischen Gastarbeit.

Wichtig für den Übergang vom Kleinbürgertum zur Mittelschicht war ein Mentalitätswandel, den der Soziologe Pierre Bourdieu vor allem an Bildungsbeflissenheit und Konsum festmachte. In seinem Werk nimmt die Mittelklasse einen großen Raum ein; sie ist es, die durch Distinktionen – Geschmacksurteile, Lebensstile und Statussymbole – Klassenverhältnisse unablässig reproduziert. Nur ist sie sich dessen nicht bewusst, also keine Klasse für sich.

Dem Soziologen Andreas Reckwitz zufolge ist durch die Dienstleistungsgesellschaft mit Beginn der Neunzigerjahre eine neue Mittelklasse entstanden. Diese vereint urban lebende, akademisch und dem Selbstverständnis nach progressiv orientierte Menschen (wie zum Beispiel mich). Parallel dazu existiert weiterhin die alte Mittelklasse, die aus Menschen mit mittlerer Bildung besteht. Angehörige dieser Klasse sind zumeist in kleinstädtisch-ländlichen Regionen verwurzelt und dem Habitus nach eher materialistisch und traditionell (wie zum Beispiel mein Vater). In dieser gespaltenen Mitte liegt nach Reckwitz der größte gesellschaftliche Antagonismus. Auch deshalb, weil sie häufig in eine politische Differenz von konservativ/rechts auf der einen und links auf der anderen Seite zu übersetzen ist; wenn auch keinesfalls immer eins zu eins, wie Reckwitz selbst betont.

In meinem Fall geht der Riss der Mitte durch mich selbst. Es besteht ein immenser Unterschied zwischen dem ländlichen Angestelltenmilieu, in dem ich sozialisiert wurde, und dem künstlerisch-akademischen urbanen Milieu, in dem ich heute lebe. In der alten Mittelklasse garantieren Fleiß und solide Arbeit den Erfolg. Lebensideale sind ein geregeltes Auskommen, ein Eigenheim, eine sichere Rente. In der neuen hingegen dominiert das Ideal des Besonderen; die harten Währungen sind Einzigartigkeit und Originalität. Erstrebenswerter als materielle Statussymbole sind Zustände der Sinnhaftigkeit. Trotzdem schlagen die Herzen beider Milieus in mir und führen zu absurden moralischen Wendungen wie "Ich bin zwar privilegiert, aber immerhin nicht reich …".

Als Künstlerin gehöre ich der sogenannten creative class an. Ich bin Teil einer Maschinerie, die unablässig Distinktionen erzeugt und die Gesellschaft mit ästhetischen und moralischen Abgrenzungen durchzieht. Bisweilen bereiten wir mit unserer Kunst und den dazugehörigen Lebensformen unwillentlich Investoren den Weg und helfen, ganze Stadtteile aufzuwerten (die sogenannte Gentrifizierung erster Ordnung). Auch leben oder imitieren viele Angehörige der creative class das, was Richard Brooks "bobo" (bourgeois-bohémien) nennt: ein Paradox aus nonkonformer Revolte und angepasster Bürgerlichkeit. Es hilft also nichts, den Kleinbürger als piefig, neidisch, obrigkeitshörig von sich zu weisen. Der Kleinbürger, der sich behaupten muss, ist und bleibt ein konstitutiver Teil auch der neuen Mittelklasse, schon allein, weil das kapitalistische System uns in permanenter Konkurrenz zueinander hält.

Die verächtliche Abgrenzung etwa von Künstlerinnen und Künstlern zum "Spießer" trägt mit dazu bei, dass die Mittelklasse sich nicht als Klasse organisiert. Umgekehrt ist es das kleinbürgerliche Zerrbild, mit dem ich als Künstlerin zu kämpfen habe: Ich produziere nichts Relevantes, liege dem Staat auf der Tasche oder profitiere von staatlichen Fördergeldern, und vergnüge mich dekadent, statt zu arbeiten. Wie hieß es zuletzt in einem Artikel so schön: "Der Deutsche liebt die Kunst – und er verachtet die Künstler*innen". Ich halte diese wechselseitige Verachtung für ein echtes Problem, das den Riss im Inneren der Mitte eher nährt, als ihn zu kitten.

Noch ist die Mittelklasse weit davon entfernt, sich als Klasse zu organisieren. Dennoch habe ich das Gefühl, dass sie das Gespenst ist, das gerade umgeht. Auf einer Konferenz 2018 im Berliner Haus der Kulturen der Welt zum Themenkomplex "Race, Nation, Class" beschloss Antonio Negri, Ikone der italienischen Linken, das letzte Publikumsgespräch mit dem Satz: "Wir müssen über das revolutionäre Potenzial der Mittelklasse nachdenken." Negri wirkte nachdenklich, von seinen eigenen Worten überrascht. Seit der Konferenz verfolgt mich der Gedanke ihres revolutionären Potenzials. Die relative Sicherheit, in der die Mittelklasse gegenwärtig lebt, ist nicht nur unsolidarisch, sie ist auch illusorisch. Zwar teilt die Mittelklasse nicht die unmittelbaren existenziellen Nöte der Armutsklasse. Doch auch die relative ökonomische Sicherheit, die in westdeutschen Ohren das Wort Mittelklasse hervorruft, ist irreführend. "Les Trente Glorieuses" – die glorreichen 30 Jahre zwischen 1945 und 1975 – waren eine historische Ausnahme.


Aus: "Mittelschicht: "Ich bin zwar privilegiert, aber immerhin nicht reich"" Daniela Dröscher (23. Februar 2021)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2021-02/mittelschicht-klassengesellschaft-marx-norm-reichtum-armut-corona-pandemie-10nach8/komplettansicht

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Laffer #55

Nun ja... erst eine ellenlange verquast-verklemmte Selbstbetrachtung mit einer Mischung aus Kreativenszene-Hybris und Rechtfertigungszwanghaftigkeit und am Ende der abgedroschene Robin-Hood-Kitsch aus dem Sozialkundeunterricht.


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Verantwortungsethiker #57

Die Mittelklasse hätte das Potenzial, ein solidarischer Verbündeter zu sein. (Queer-)feministisch, postmigrantisch und aktivistisch, wie sie in vielen Teilen ist, partizipiert sie bereits jetzt an Bündnissen wie #unteilbar, Fridays For Future oder Black Lives Matter. Ihr revolutionäres Potenzial bestünde darin, sich radikal mit den Angehörigen der Armutsklasse zu solidarisieren.

„Dream on“


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Paul90 #32

"In der alten Mittelklasse garantieren Fleiß und solide Arbeit den Erfolg. Lebensideale sind ein geregeltes Auskommen, ein Eigenheim, eine sichere Rente. In der neuen hingegen dominiert das Ideal des Besonderen; die harten Währungen sind Einzigartigkeit und Originalität."

Da wird mir klar, warum die Mittelschicht schrumpft.
Mit dem "Ideal des Besonderen", " Einzigartigkeit und Originalität" ist so einfach kein Geld zu verdienen. Einige sind gut und steigen auf, andere nicht und steigen ab. "Normal" fleißig arbeiten gehen immer weniger (siehe "alte Mittelschicht")

Könnte gut sein, das die Frau mit ihrer Betrachtung ganz richtig liegt.


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Hoffnungsvoller #37

Kann dem Ganzen nicht so richtig folgen! Und wo ist das Kleinbürgertum nun verortet? Also Lenin hatte festgestellt: Mit dem deutschen Kleinbürgertum ist keine Revolution zu machen. Ist nun das deutsche Kleinbürgertum in der Mittelschicht aufgegangen? Und nun hat diese durchs Kleinbürgertum angereicherte Mittelschicht auf einmal revolutionäres Potential? Kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.


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Ieldra #39

Noch ein "urbaner" Mittelschichtler hier. Ich habe das "fehlende" Klassenbewusstsein immer als Vorteil empfunden. Gruppenidentitäten sind mir ein Greuel, und orthodoxes Gruppendenken ebenso. Politische Allianzen sind politische Allianzen und keine Ehen, und ich gehe, ehe ich mir den Mund verbieten lasse.

Ich beobachte mich politisch nach links rücken von Jahr zu Jahr, weil ich die Exzesse des Kapitalismus und den dadurch signifiklant mitverursachten Klimawandel für eine existentielle Bedrohung unserer Zivilisation halte. Das Problem: ich bin nach heutiger Definition nur ökonomisch links. Ich halte mich eigentlich für sehr progressiv - ich bin antittraditionalistisch und humanistisch - bin aber auch individualistisch und antiklerikal, und der zunehmende Identitätswahn und die Anmaßung moralischer Autorität bei den sogenannten Progressiven von heute (das war noch vor 20 Jahren anders) geht mir gehörig auf die Nerven.

Wenn ich mir anschaue, was man beispielsweise den Angestellten von Lieferdiensten bezahlt, während Bezos eine weitere Milliarde macht, oder den Leuten im Pflegedienst - eigentlich Aufgabe der Gemeinschaft, wo kein Profitdenken hingehört - könnte ich an die Decke gehen. Revolutionäres Potential ist definitiv da. Es fehlt nur der richtige Fokus. Einer, der keine heiligen Kühe kennt.


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vincentvision #42

Ja, die kleinbürgerliche Mittelschicht....die sich immer viel zu wichtig nimmt und ernsthaft glaubt, sie würde dauernd geschröpft und zahle zu viel und überhaupt...

In Wahrheit sind es oft kleinliche Spießer, die sich alleine beim Wort Besteuerung anstellen, als ob sie lebendig gehäutet würden und völlig überzogen so tun, als ob ihnen komplett alles weg „enteignet“ würde.

Die Beteiligung am Gemeinwohl ist ihnen völlig egal, Hauptsache, sie können ihre überheizten überdimensionierten Eigenheime irgendwie weiterfinanzieren.
Denn oft genug steht deren Finanzierung vor lauter Überschätzung des eigenen Potentials auf sehr tönernen Füßen. Das zeigt sich spätestens dann, wenn der einer oder andere „Leistungs“träger merkt, dass es beruflich auch ohne ihn geht oder es der Ehepartner in der Vorhölle dieser Zersiedelungen nicht mehr aushält.
Dann bricht das ganze Kartenhaus in sich zusammen - und schuld ist immer der gierige Staat und natürlich „die Linken“.


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Melibocus #44

Ganz genau! Fehlende Solidarität und fehlendes Klassenbewusstsein - das ist das, was dem Kleinbürgertum/ der Mittelklasse fehlt. Das klassische Proletariat hatte beides und - was viele sich nicht klar machen - die Oberschicht hat es auch. Die Mitte ist zwar zahlreich, aber schwach. Und sie ist selbst schuld daran, ...


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Mephi_der_Verneiner #44.1

Das klassische Proletariat hat eine ganz beschissene Wahlbeteiligung.
Da ist vielleicht Klassenbewusstsein aber nur politische Resignation.


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Melibocus #44.2

Sie haben recht. Das klassische Proletariat gibt es nicht mehr. Deshalb schrieb ich "hatte".


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LogOutNow #45

1170€ netto Mittelschicht? Ernsthaft? Da lebt man, egal wo in Deutschland, von der Hand in den Mund.


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Mephi_der_Verneiner #47

Unterschätzen Sie nicht die Mittelschicht. Sie hat mehr gestaltet, als man ihr zutraut. Die Studenten der 68-er gehörten später dazu. Die Grünen gehören dazu. Als Lehrer oder als Beamte hat die Mittelschicht durchaus die Macht, die Gesellschaft zu gestalten.


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P.King #49

Die Definition der Mitte ähnelt der Quadratur des Kreises.
Nehmen Sie einen kleinen Beamten, einen mittleren Beamten, und einen oberen Beamten. Erklären Sie denen, sie säßen alle in einem gemeinsamen Boot und hätten das gleiche Niveau- Mittelklasse.
Die werden Ihnen etwas erzählen ....


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nickrizos #53

Ich kann mich noch total gut daran erinnern, dass ich zu Schulzeiten mal gesagt habe, dass ich "irgendwann mal 10.000 DM im Monat" verdienen möchte.

Jetzt, über 20 Jahre danach, ist mir diese Aussage a) überhaupt nicht mehr wichtig und b) habe ich diese Schwelle längst überschritten, womit ich irgendwie zu den Besserverdienern in DE gehöre. Kann ich damit riesige Sprünge machen? Nein. Die Steuerlast ist erdrückend und es wird grottenschlecht mit meinen Steuern umgegangen. Ein Trauerspiel.


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Mr Green #53.1

Ein Trauerspiel ist Ihre hier für sich geäußerte Erkenntnis. ...


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trini516 #54

Revolutionäres Potential bei der deutschen Mittelschicht?

Never!

Wir sind viel zu beschäftigt mit Netflix, teuren Kinderwägen und Genderstudies...


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OF-am-Meer #54.2

“Revolutionäres Potential bei der deutschen Mittelschicht?

Never!

Wir sind viel zu beschäftigt mit Netflix, teuren Kinderwägen und Genderstudies...“

Gut zusammengefasst. Oder der Leidensdruck wird mal richtig groß, dann sind wir leider zu allem fähig. Hat man ja vor 90 Jahren gesehen.
Ich bin jetzt knapp über 30 Jahre im Arbeitsleben. Kenne seitdem nur Gejammer und Gestöhne von Arbeitgebern UND Staat.

Das geht so weit, dass man als Betriebsrat rigoros Mehrarbeit verbieten muss, notfalls per Gericht. Nur um die Leute, die man vertreten soll, vor sich selbst zu beschützen. So weit hat es diese ständige Gehirnwäsche schon gebracht. Die vergessen sonst, dass sie Familie zuhause haben und die Firma auch mal ohne kann.

Ich könnte hier Storys erzählen...


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sinn.lust #77

Der Mittelstand (und auch die Arbeiterschicht) waren mit die größten Förderer des Nazitums und der Weltkrige) aus dem Mittelstand kommen die weltweit die schlimmsten Ungerechtigkeiten, weil willfährig, ängstlich, kleingeistig, hörig, autoritären Charakters etc. pp.

Es gibt dazu neben E. Fromm und anderen Kollegen auch eine Studie der Uni Leipzig (wenn ich nicht irre) die das wissenschaftlich ergründen und belegen. (glaube auch in einem ZEItartikel thematisiert.)

Wie also sollte diese Mittelklasse in Solidarität mit den Armen (Die Bezeichnungen Unterschicht oder -klasse bzw Präkariat etc. wurden anstandshalber im Beitrag nicht benutzt.) charakterlich in der Lage sein, revolutionär im sinne einer ausgwogeneren Gesellschaft zu sein oder zu werden. Da bleibt wohl der ehrenwerte Wunsch Mutter des Gedankens. Der Wunsch bleibt richtig und ist berechtigt. aber wie von der autorin erwähnt, müßte der Mittelstand nicht nur gegen die Oberklasse revoltieren, sondern auch gegen große Teile seiner selbst. Da bleibt wenig Hoffnung. Statt dessen wird der eine Teil des Mittelstandes, der sein, der dafür sorgt, dass teilen udn Herrschen der Reichen weiter funktioniert und nicht wenige dem allgemeinen funktionalisierendem Traum folgen, jeder kann es durch Fleiß schaffen, vom Tellerwäscher zum Milliardär. Obwohl jeder schon mit dem geringsten Funken Verstand weiß, dass dies ein dreiste Lüge ist.


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Wolfgang Seliger #80

Die Autorin fordert von der Mittelschicht, sich "radikal" mit der Armutsklasse gegen die Oberklasse zu solidarisieren.

Vor 40 Jahren wäre das als das verstanden worden, was es ist: Werbung für Sozialismus und Kommunismus mit Beobachtung durch den Verfassungsschutz wegen des Wortes "radikal". Genau gegen solche Feinde der Freiheit des Bürgers hat Gerd Bucerius die "Zeit" mal gegründet, wobei er neben den internationalen Sozialisten auch die nationalen (wie im Flügel der AFD) auch gleich entlarven wollte.

Ich empfehle zur geistigen Erbauung stattdessen frühere Autoren der "Zeit" wie Lord Dahrendorf und Marion Gräfin Dönhoff. Die Debatte ist viel älter als die Autorin glaubt.


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Benno Ben #81

Der Begriff "Klasse" erscheint mir als völlig unbrauchbar um eine komplexe Gesellschaft zu sortieren. Und wenn man dann noch ins Holzschnittartig "herrschende" und "unterdrückte" hinein kommt dann ist man nur noch auf dem Holzweg.


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9986a0cd03_at_hellomail.fun #82

Die Mittelklasse ist nicht revolutionär und wird es auch niemals sein. Sie ist Konsument und Systemerhalter des Kapitalismus. Die einzige Möglichkeit die Mittelklasse für das Proletariat zu gewinnen, ist es sie zu bestechen. Mit mehr als bunte Bildchen in Modezeitschriften, die neuesten Ausverkaufsangebot aus dem Möbelhaus oder den Pauschalurlaub anzubieten.

Die Mittelklasse für sich zu gewinnen bedeutet sie den Materialismus, der auch bei Künstlern vorherrscht, auch wenn diese das meistens anders sehen, einem höheren Ziel opfern zu lassen. Und das freiwillig.


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Horst Horstowitz #90

Illusorische Traumtänzerei. Die "creative class" hat ein Interesse daran, den Status quo zu erhalten und scheint sich tatsächlich soweit verblendet zu haben mit ihrem Progressivismus, dass sie es nicht erkennt. Diese Menschen, zu denen die Autotin gehört, haben nichts, aber auch gar nichts gemein mit denen, die tatsächlich von einer Revolution und einer kommunistischeren Ordnung profitieren würden, im Gegenteil. Die Großstadt Bobos sind längst das Feindbild des Proletariats.

Und während diejenigen, auf die die Revolution abzielt, in der Schweiz oder auf den Caymans sitzen, wird die Revolution hier ihre Kinder fressen. Und raten Sie mal, wer als erstes dran sein wird.


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mineyanoor #92

"Ein Grund für das fehlende Klassenbewusstsein ist zum einen, dass sie schlicht nicht als Klasse erzählt wurde."

Tschuldigung. Ich brauche kein Klassenbewusstsein, kein neues "Narrativ" und keine Einteilung nach ausgedachten Ordnungsprinzipien. Ich bewege mich vielleicht sogar zwischen irgendwelchen Klassengrenzen hin und her. Das verunsichert mich allerdings nicht. Manchmal glaube ich, dass manchen Menschen Religion als inhaltdtiftender Halt fehlt.
Im Übrigen bin ich froh, dass ich mir einen bescheidenen Wohlstand erarbeitet habe und leide nicht darunter. Meine Demut und Erleichterung verhindert Identitätsprobleme und permanente Sinnfragen. Wegen besserer Möglichkeiten wollen im Übrigen Menschen, die in ihrer Heimatländern chancenlos sind nach Deutschland kommen und möglichst zu schwammigen und unscharfen Mittelklasse gehören. Von Luxusproblemen, Überdruss und schlechtem Gewissen, von der Sehnsucht alles auf den Kopf zu stellen, bleiben hoffentlich die meisten Menschen verschont.


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Vom Sofa aus #92.1

Ihr "bescheidener Wohlstand" den sie sich erarbeitet haben ist ruckzug weg, während andere sich auf ihre Milliarden Subventionen und Steuernachlässe zahlen lassen. Finden sie das gerecht? Glauben sie es stabilisiert die Gesellschaft? Denken sie daran, dass gerade Inhaber großer Vermögen den Schutz von Staaten Europas und Nordamerikas benötigen. Der Reiche ist in der übrigen Welt Despoten und Räubern ausgesetzt. Sein Vermögen, ja sein Leben ist dort nichts wert. Einen vernünftigen Beitrag zum Erhalt und zur Entwicklung unserer Gesellschaften einzufordern, wäre für alle von Vorteil.


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Sibels #92.2

Die 50er Jahre haben angerufen, sie möchten Ihr eurozentrisches, weißes Weltbild zurück.


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ThomasScholz #94

Entfernt. Bitte verzichten Sie auf überzogene Polemik. Danke, die Redaktion/vh


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Holger Berndsen #95

Meine persönliche Meinung und Erfahrung sagt mir, dass es kaum was weniger revolutionistisches gibt als die deutsche Mittelschicht. ...


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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #1153 on: February 25, 2021, 09:39:19 AM »

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[...] Seit 13 Tagen ist Anna Sorokin nun in Freiheit, und wenig spricht dafür, dass diese Geschichte gut ausgehen wird. Sie zeigt alte Verhaltensmuster, hat sich zerstritten und offenkundig schon wieder eine Freundin enttäuscht, vor allem aber tut sie, was ihr bereits einmal zum Verhängnis wurde: viel Geld ausgeben und Menschen haben, die das ermöglichen.

Sie nennt sich weiterhin „Anna Delvey“. Unter diesem Namen hat sie sich jahrelang in New York als reiche deutsche Erbin ausgegeben, Menschen betrogen, auf Kosten anderer ein Leben in Manhattans Schickeria geführt. Knapp vier Jahre saß die Hochstaplerin dafür in Haft, wegen guter Führung wurde sie, inzwischen 30 Jahre alt, am vorvergangenen Donnerstag vorzeitig entlassen. Statt sich dem Radar der Öffentlichkeit zu entziehen und anderswo eine neue Existenz aufzubauen, zog es Sorokin direkt zurück an den Ort ihrer Taten.

Sie wohnt wieder in einem hochpreisigen Boutique-Hotel in Manhattan, fotografiert sich dabei, wie sie mit einer Flasche gekühltem Champagner in der Badewanne sitzt, und veröffentlicht das Bild im Internet. Es wirkt, als wolle Anna Sorokin dort weitermachen, wo sie im Herbst 2017 durch ihre Festnahme unterbrochen wurde. Auf Twitter schreibt sie: „Mein Leben ist eine Performancekunst.“

Es ist ein Leben, das es in die Abendnachrichten des US-amerikanischen Fernsehens und in die „New York Times“ schaffte, das bald auch auf Netflix zu sehen sein wird. Mit Lügen, gefälschten Dokumenten und Kühnheit hat sich Anna Sorokin Leistungen im Wert von mehr als 200 000 Dollar erschlichen. Das erlaubte ihr einen Alltag aus teuren Restaurantbesuchen, Infrarot-Saunagängen, Einheiten beim Personal Trainer und Partys. Sie wusste, wo es guten Aal gibt und wo man sich für 400 Dollar die Wimpern verlängern lassen kann.

Sorokin täuschte Start-up-Unternehmer, Bankiers und Hotelbetreiber. Am Tag ihrer Freilassung erklärte sie vor laufender Fernsehkamera, sie wolle nicht als „diese böse Person“ angesehen werden, die „das ganze Geld von allen gestohlen hat“. Das sei keine akkurate Beschreibung ihrer selbst.

Ein 200 000-Dollar-Betrug, der die US-amerikanische Öffentlichkeit derart interessiert und zunehmend auch die deutsche? Bei dem es um nichts anderes geht als um die alte Geschichte einer Hochstaplerin – die sich eine Summe erlog, die gemessen an New Yorker Verhältnissen kaum der Rede wert scheint angesichts dessen, was im Finanzdistrikt von Manhattan in Sekundenbruchteilen umgesetzt wird?

Anna Sorokins Geschichte ist ein Kriminalfall, perfekt für die heutige Zeit. Die Deutsche hat Unwahrheit auf Unwahrheit geschichtet, bis alles zusammenfiel. Jetzt profitiert sie davon, dass ihre Lügen so konsequent und spektakulär waren. Weil sie jetzt – wenn sie so clever bliebe, wie sie es war – den falschen Ruhm in echtes Geld umsetzen könnte. Die Moral: Lügen lohnt sich, wenn du nur groß genug lügst.

Dem New Yorker „Insider“ hat Sorokin ein Interview gegeben, weitere möchte sie in den kommenden Wochen nicht führen. Stattdessen ist sie in den sozialen Netzwerken aktiv, begrüßt Menschen, die sie für ihre Taten bewundern, und giftet gegen andere, die sie kritisieren. Auf ihrer Webseite hat Sorokin Tagebucheinträge veröffentlicht. Dazu gibt es die Aussagen aus dem Prozess, Einlassungen ihres Anwalts und diverser Geschädigter. Es gibt Podcasts, und es gibt ein Buch, das eines ihrer Opfer verfasst hat... Wer dieses ganze Material sichtet, erhält eine Vorstellung davon, wie Anna Sorokin ihr Lügensystem so lange aufrechterhalten konnte und weshalb derart viele Menschen auf sie hereinfielen.

Im Gefängnis sei sie wie eine Prominente behandelt worden, sagt Anna Sorokin heute. Sämtliche Vollzugsbeamte hätten ihre Geschichte gekannt, viele hätten Komplimente gemacht. Das sei „unprofessionell“, sagt Sorokin. Doch es habe ihr Vorteile verschafft. Im Grunde sei es in Haft ein bisschen wie in New Yorks besseren Kreisen: Es komme nur darauf an, wen man kenne und welchen Nutzen man daraus ziehen könne.

Die vorzeitige Entlassung verdankt sie auch ihrem Auftritt vor einem Bewährungsausschuss im vorigen Oktober. Sie schäme sich und bereue ihre Taten, erklärte sie dort. Zudem verstehe sie, dass Menschen ihretwegen leiden mussten – während sie selbst stets gedacht habe, sie mache nichts falsch. Dann sagte Sorokin noch, sie wolle ihren Lebensunterhalt nach der Entlassung als Autorin verdienen. Falls dieser Plan schiefgehe, sei sie auch bereit, Teller abzuwaschen.

Zu ihrer ausgedachten Biografie gehörte ein 60 Millionen Dollar schwerer Treuhandfonds, der ihr gehöre. Wenn sie mal wieder Rechnungen nicht bezahlen konnte, behauptete sie, sie habe gerade keinen Zugriff auf den Fonds, etwa weil ihr Vater sauer auf sie sei. Für mehr Glaubwürdigkeit erfand sie Angestellte mit deutsch klingenden Namen wie „Bettina Wagner“, unter deren Identität sie dann E-Mails an ihre Gläubiger schickte. Auf die fiktive Angestellte Bettina Wagner konnte Sorokin auch die Schuld schieben, wenn erneut eine Rückzahlung nicht klappte. Angeblich war ihr Vater in der Solarbranche erfolgreich.

Sorokin wuchs in einfachen Verhältnissen im nordrhein-westfälischen Eschweiler bei Aachen auf. Ihre Familie stammt aus Russland. Ihr Vater war Lastwagenfahrer, heute verkauft er Heizungen. Dem Tagesspiegel erklärt er, dass er sich aktuell nicht zur Situation seiner Tochter äußern möchte. Die Freigelassene muss damit rechnen, bald nach Deutschland abgeschoben zu werden. Vor Auffliegen ihres Betrugs war sie jeweils mit Drei-Monats-Visa in die USA gereist, musste zwischendurch das Land verlassen und ein neues beantragen. Ihr jetziges lief schon während der Untersuchungshaftzeit ab.

Das spätere Bild eines Hochstaplers in der Öffentlichkeit hängt meist davon ab, wen er betrogen hat. Friedrich Wilhelm Voigt, der „Hauptmann von Köpenick“, führte Soldaten in die Irre und raubte die Stadtkasse. Das brachte ihm weniger Verachtung als unverhohlene Bewunderung ein. Unsympathischer wirkten die Taten des Postzustellers Gert Postel, der sich in den 1990er Jahren eine Stelle als Oberarzt in einem Fachkrankenhaus für Psychiatrie erschlich.

Weil es nach Anna Sorokins Festnahme zunächst hieß, sie habe vor allem Superreiche und Banken getäuscht, wurde ihr im Internet die Rolle einer „Anti-Establishment-Heldin“ zugedacht, es wurden T-Shirts mit dem Slogan „Free Anna Delvey!“ verkauft. Sorokin täuschte jedoch auch enge Freundinnen, eine brachte sie zur Herausgabe ihrer Kreditkarten, die daraufhin mit 60 000 Dollar belastet wurden – mehr, als die Freundin in einem Jahr verdiente. Die Versprechen, alle Schulden direkt zu begleichen, hielt Sorokin nicht ein.

Während ihres Gerichtsprozesses hat sie lange geschwiegen. Gleichzeitig fiel Sorokin durch wechselnde Designeroutfits auf, in denen sie vor die Geschworenen trat. Als sie einmal in Häftlingskleidung erschien – laut eigener Darstellung hatten ihr missgünstige Gefängnisbeamte das gewünschte Kleid vorenthalten – wollte sie den Termin verschieben lassen. Es stellte sich heraus, dass extra eine Promi-Stylistin für die Auswahl der Kleider beauftragt worden war.

Da der Anwalt um Sorokins schlechte Zahlungsmoral wusste, übernahm er ihre Verteidigung nur, weil ihm die Beschuldigte vertraglich Anteile künftiger Gewinne aus der Vermarktung ihrer Lebensgeschichte zusicherte.

Im Gericht sei es wie im Theater, sagte ihr Anwalt. Letztendlich gelte es, eine glaubhafte Show zu veranstalten. Er stritt Sorokins Taten also nicht ab, sondern argumentierte, heutzutage wolle doch jeder etwas Besonderes sein. Und beim Onlinedating oder der Jobsuche beschönige jeder seinen Lebenslauf. Er stellte Sorokin als junge, ambitionierte Deutsche dar, die ohne jede kriminelle Absicht in die USA kam, um sich ein Geschäft aufzubauen und ihren „New York Dream“ zu verwirklichen. Er zitierte im Prozess die Songzeile aus Frank Sinatras „New York, New York“: Wenn ich es dort schaffe, schaffe ich es überall.

Der Richterin fiel ein anderes Lied ein : „Blinded by the Light“ von Bruce Springsteen.

In ihrer Rolle als reiche Erbin hatte Sorokin vorgegeben, sie wolle im Herzen Manhattans ein Zentrum für Kunst eröffnen – mit Restaurants, Ausstellungsflächen und einer deutschen Bäckerei im Erdgeschoss. Die Dachterrasse würde einen Panoramablick über den Central Park bieten. Träger des Ganzen sollte eine Stiftung namens „ADF“ werden. Die „Anna Delvey Foundation“.

Als Standort hatte Sorokin eine ehemalige Kirche im Sinn. Für Umbau und Miete wollte sie einen Kredit über 22 Millionen Dollar aufnehmen. Dafür reichte sie gefälschte Dokumente ein. Außerdem erschlich sie sich 100 000 Dollar bei einer Drittbank, um die Bearbeitungsgebühren für die Prüfung ihres Großkredits bezahlen zu können.

Je größer die Schulden wurden, umso größer wurden ihre Ausgaben: Hier charterte sie für 35 000 Dollar ein Privatflugzeug, dort buchte sie eine Villa inklusive Butler für 7000 Dollar pro Nacht. Sie besteht bis heute darauf, dass sie alles Geld zurückzahlen wollte. Sie sei nicht gierig gewesen, sondern habe eine Vision gehabt, die leider nicht aufgegangen sei.

Ihre Geschichte wird jetzt verfilmt, vermutlich gleich mehrfach. Netflix dreht eine Serie, für die Rechte und Beratungstätigkeiten zahlte die Streamingplattform 320 000 Dollar, von denen Delvey einen Großteil direkt an geschädigte Banken weiterleitete. Für die Hauptrolle hatte sie sich Oscar-Gewinnerin Jennifer Lawrence gewünscht, das klappte nicht. Konkurrent HBO besitzt ebenfalls Rechte an dem Stoff.

Zusätzlich hat Sorokin ein eigenes Filmprojekt gestartet: Ein Kameramann folgt ihr durch New York und dokumentiert, wie sie Kosmetikprodukte einkauft oder ein Bankkonto eröffnet. Das Material möchte sie auf einem Kanal namens „Anna Delvey TV“ zeigen. Bald soll auch ein Buch erscheinen, in dem sie sich über ihre Zeit im Gefängnis auslässt. Über ihre eigene Schuld habe sie hinter Gittern kaum nachgedacht. Stattdessen habe sie die Schwächen des Justizsystems analysiert. Dieses sei stark verbesserungswürdig, der Aufenthalt eine einzige Zeitverschwendung. Immerhin habe sie im Gefängnis Mandelmilch selbst hergestellt, einen Kräutergarten angelegt, Sport getrieben. Auf ihrer Webseite schreibt sie: „Wenn ich jetzt kein besserer Mensch bin, bin ich definitiv ein schlankerer.“

Einer derjenigen, denen Sorokin weiterhin Geld schuldet, ist Marc Kremers, Chef des renommierten Londoner Kreativstudios Future Corp Ltd.. Dem Tagesspiegel erklärt Kremers, er warte immer noch auf 16,800 britische Pfund für eine Präsentation, die sich Sorokin von ihm entwerfen ließ, um damit Banken zur Kreditbewilligung zu überreden. Teile davon findet man noch im Netz, mit dem heutigen Wissen liest sie sich wie Hochglanz gewordener Größenwahn. Delvey entstamme einer Familie von Sammlern moderner und zeitgenössischer Kunst, ist darin zu lesen. Mittlerweile sei sie selbst versierte Sammlerin und Kuratorin, außerdem Philanthropin.

Marc Kremers bekam für seine Arbeit keinen Lohn, dafür dutzende Mails, in denen sich Sorokin fürs verspätete Überweisen entschuldigte und beteuerte, nun komme das Geld aber ganz sicher. Kremers schreibt, wer Opfer eines solchen Betrugs werde, wolle einfach nicht glauben, dass es so gestrickte Menschen gibt. Welche Person bei Verstand entscheide sich dazu, in diesem Ausmaß andere zu belügen?

Selbstverständlich seien derartige Taten überall denkbar, und doch sei Sorokins Werk womöglich durch den Dampfkochtopf der New Yorker In-Szene begünstigt gewesen. Kremers nennt Anna Delvey „das bösartige Kind Manhattans“.

 Nach allem, was man weiß, ist davon auszugehen, dass Anna Sorokin tatsächlich vorhatte, ihr Zentrum für Kunst zu eröffnen. Hätte sie den gewünschten Millionenkredit erhalten, hätte sie womöglich alle Schulden begleichen und parallel die „Anna Delvey Foundation“ starten können. Womöglich hätte sie so weitere Investoren angelockt. Tatsächlich kamen der Bank früh Zweifel, sie bot an, einen Mitarbeiter nach Europa zu schicken, um dort mit Delveys angeblichen Vermögensverwaltern zu sprechen. Sorokin zog ihr Kreditersuchen zurück.

Viele Vertraute hatte sie während ihrer Zeit als deutsche Millionenerbin nicht. Zu ihren engsten Freunden in New York zählte die Empfangsfrau des Hotels, in dem sie monatelang ohne hinterlegte Kreditkarte lebte. Die Angestellte namens Neff Davis erinnerte sich später, Sorokin sei dadurch aufgefallen, dass sie als Trinkgeld für kleine Gefallen stets einen Hundert-Dollar-Schein hinlegte und sich die Angestellten des Hotels deshalb darum rissen, der Frau Wünsche zu erfüllen.

Anfang Februar freute sich Neff Davis noch auf die bevorstehende Entlassung der Hochstaplerin. Sie haben sich tatsächlich getroffen, verbrachten Zeit miteinander – und haben sich binnen weniger Tage so zerstritten, dass sie sich nun gegenseitig im Internet beleidigen. Sorokin sei dabei, sich selbst zu zerstören, schrieb Davis am Sonntag auf Twitter.


Aus: "Anna Sorokins Lohn der Lüge" Sebastian Leber (25.02.2021)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/deutsche-hochstaplerin-in-freiheit-anna-sorokins-lohn-der-luege/26944670.html

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[...] In Manhattan lief einmal ein Trickbetrüger herum, der den Namen Confidence Man bekommen hatte. Seine Masche bestand darin, auf Menschen zuzugehen und sie zu fragen: "Würden Sie mir bis morgen Ihre Armbanduhr anvertrauen?" Gaben sie ihm die Uhr, tauchte er ab, und bis er eines Tages gefasst wurde, waren erstaunlich viele Menschen darauf hereingefallen.

Nach seiner Verhaftung konnte man im New York Herald eine sarkastische Beileidsbekundung lesen, dass diesem Confidence Man die Chance entgangen war, für die Wall Street zu arbeiten. "Seine Genialität ist im Kleinen auf dem Broadway zum Einsatz gekommen. Die ihre an der Wall Street. Das ist der einzige Unterschied", hieß es. "Ihm legt die Polizei Handschellen an. Ihnen bringt die Gesellschaft Wertschätzung entgegen. Lang lebe der wahre Confidence Man! – der Confidence Man der Wall Street."

Jia Tolentino, Journalistin des New Yorker und als eine der besten jungen Essayistinnen der USA gefeiert, erzählt diese Geschichte in ihrem Essayband Trick Mirror, der jetzt auf Deutsch erscheint. Sie erzählt sie, weil sie glaubt, jegliche Art von Trickserei sei ihrer Generation, den Millennials, zur "allumfassenden Realität" geworden. Und die Finanzkrise 2008, ausgelöst durch die Confidence Men der Wall Street, sei eine Art Startschuss gewesen für das Erwachsenwerden einer Generation entlang der Betrugsmaschen.

Nach dem Crash folgten soziale Medien wie Facebook, schreibt Tolentino, die Verbundenheit versprachen und stattdessen eine Welt erschufen, in der wir permanent an der Vermarktung unseres Ichs und unserer Beziehungen arbeiten. Es folgte ein marktkonformer Feminismus, der Gleichberechtigung für alle versprach und sich dann darauf beschränkte, den Erfolg einzelner "Girlbosse" als progressive Politik zu verkaufen.

Und dann sind da natürlich die ganz offensichtlichen scams. Ernährungsmythen wie das angeblich gesunde, in Wahrheit aber nur schmutzige raw water. Oder das von berühmten Models wie Kendall Jenner und Emily Ratajkowski beworbene Fyre Festival, das dann gar nicht existierte. Das Gefühl, irgendwie verarscht zu werden, wechselt sich ab mit der Bewunderung für Menschen, die in einer Welt der Taschenspieler einen funktionierenden Trick gefunden haben. Menschen, die etwa 1,5 Millionen Dollar Kapital für eine App eintreiben können, die nur eine Sache macht: das Wort "Yo" unter seinen Usern zu verschicken.

Tolentino beobachtet die feinen Linien, die sich durch unsere Gegenwartskultur ziehen, mit analytischem Gespür und einem bewundernswerten Hintergrundwissen. Sie gilt als manische Leserin, die oft ein halbes Buch vor dem Schlafengehen liest. Und sie ist gleichzeitig very online, wie man auf Englisch so gut sagt. Mit zehn Jahren hatte sie sich eine eigene Website gebaut, auf der sie gleich einen Text einbaute: Wie Jia internetsüchtig wurde. Sie schrieb diverse Blogs voll, diskutiert auf Twitter und geht für Interviews live auf Instagram.

Diese Kombination hat sie bekannt gemacht. Als Susan Sontag der Millennials oder Joan Didion des Internets wird sie immer wieder bezeichnet, was vielleicht weniger fachlich passende Urteile sind als Zeugnisse der schieren Bewunderung für Tolentino. Sie schrieb früh die Art kluger und meinungsstarker Texte, die sich im Netz gut verbreiten. Zunächst für den Blog The Hairpin und später beim feministischen Onlinemagazin Jezebel, dessen stellvertretende Chefredakteurin sie wurde, bevor das Angebot vom New Yorker kam. Sie schrieb über Schwangerschaftsabbruch, über Vaping, über identitätspolitische Fragen im Publishingbusiness oder über die Frage, warum Millenials eigentlich den Ruf haben, alles zu zerstören, von der Autoindustrie bis zu Hotelbranche. Durch Trick Mirror, da sind sich viele Kritikerinnen einig, etabliere sie sich nun endgültig als eine der wichtigsten Stimmen ihrer Generation. Und was normalerweise verdächtig nach Hype klingen würde, ist in diesem Fall völlig angemessen.

Wer Jia Tolentino liest, hat das Gefühl, für einen Moment klarer zu sehen durch den Nebel der Gegenwart, in der so viele Dinge gleichzeitig verwirrend und absolut selbstverständlich scheinen. Sie selbst sei eigentlich ständig verwirrt, schreibt Tolentino. Und wenn "mich etwas verwirrt, dann schreibe ich darüber". Und ihre Suche nach Antworten besteht zu einem großen Teil darin, die eigenen Selbsttäuschungen abzuschütteln, und das ist oft witzig, mutig, überraschend und scharfsinnig.

Dabei hilft ihr besonderes Talent, persönliche Geschichten mit Gedanken zu verweben. Sie scheut sich etwa nicht, über die Zeit zu sprechen, in der sie als Teenagerin an einer Reality-TV-Sendung namens Girls v. Boys: Puerto Rico teilnahm. Aber ihre Erzählung gerät nie zur Nabelschau. Jedes Detail führt zu einem Gedanken. Wenn sie zum Beispiel über ihrem Auftritt am Strand vom Puerto Rico die verschiedenen Schichten der Selbstinszenierung freilegt. Wie etwa die ständige Selbstanalyse aufhörte in dem Moment, in dem sie vor der Kamera stand. Wie es unmöglich wird, bewusst zu performen, wenn alles eine Performance ist. "Das war eine nützliche, wenn auch fragwürdige Vorbereitung auf ein Leben in den Fängen des Internets", schreibt sie.

In einem der stärksten Essays, Ekstase, erzählt sie von ihrer Kindheit und Jugend in der Gemeinde einer evangelikalen Megakirche im texanischen Houston. Sie erzählt von Bibelstunden, von dieser riesigen Stadt, deren Highways eigentlich die einzigen öffentlichen Orte sind, und von "chopped and screwed", einer Remixtechnik, die Hip-Hop-Songs stark verlangsamt und das Gefühl nachahmt, high auf Hustensaft zu sein. Aber vor allem geht es darum, wie sie ihren Glauben verliert, weil das, was sie für Gott hielt, ihr im Drogenrausch ebenso begegnet. Auf Ecstasy fühlt sie sich, "als würde Gott meine Lunge ersetzen", schreibt sie und versucht daraufhin, mit der Literatur der Mystikerin Marguerite Porète und der Philosophin Simone Weil die Formen der Ekstase besser zu verstehen.

Zwei Themen ziehen sich durch fast alle neun Essays des Buches: der Feminismus und das Internet. Und Tolentinos Beobachtungen dazu gehören zu den genauesten, die man in den letzten Jahren dazu gelesen hat. In Optimierung ohne Ende untersucht sie etwa das Bild der perfekten Frau. Mit zunehmender Emanzipation scheinen sich wie zum Ausgleich die Ansprüche an ihr Äußeres zu steigern, beobachtet Tolentino. Die perfekte Frau trägt heute kein Make-up mehr oder Spanx-Wäsche, um kleine Makel verschwinden zu lassen, denn sie hat keine. Mit teurer Skincare ist ihre Haut selbst perfekt so wie ihr Körper, der nicht geformt werden muss, weil er bis auf jeden Muskel schlank und fit ist, wie sie durch ihre enge Yogaleggings beweist. Sich in diesem Sinne "um sich selbst zu kümmern", schreibt Tolentino, ist heute nicht nur eine ästhetische, sondern eine ethische Frage für Frauen geworden.

Tolentino analysiert das, während sie selbst mittendrin steckt. Auch sie besucht teure und seltsam sexualisierte Fitnesskurse. Und während sie die Aufmerksamkeitsspiralen des Internets kritisiert, schaltet auch sie abends die Apps aus, die ihre Bildschirmzeit reduzieren sollen, um weiterscrollen zu können. Das ist nicht nur die millennialtypische Selbstreflexion. Es ist eine Reflexion über Komplizenschaft, die sich durchs ganze Buch zieht. Auch ihre Karriere habe von der "ungesunden Fokussierung des Internets auf Meinungsäußerungen profitiert", schreibt sie, sowie davon, dass sich Feminismus derzeit so gut verkauft.

Es geht um die Komplizinnenschaft, in die ein extrem ungleiches System zwingt, die Komplizinnenschaft, wenn man Dinge einfach will, wie Schönheit, Komfort, Freiheit. Die Komplizenschaft mit den Confidence Men nicht nur an der Wall Street: "Der Hochstapler und sein Opfer wollen beide von einer Situation profitieren; der Unterschied besteht darin, dass der Hochstapler erfolgreich ist."

Was sie wirklich fertigmache in der Ära von Trump und einer ganzen Schwindlerkultur, schreibt Tolentino, sei, dass die beste Strategie, sie zu überstehen, darin bestehe, nur an sich selbst zu denken. Da sei ein Druck, "uns moralisch zu kompromittieren, um weiterhin zu funktionieren". So sucht sie nicht nur Klarheit, sondern noch etwas anderes, das schwierig zu finden scheint – Integrität: "Ich glaube noch immer, in einem unbelehrbaren Winkel meines Ichs, dass ich es hier herausschaffen kann. Schließlich hat es nur etwa sieben Jahre, in denen ich meine eigene Persönlichkeit im Internet verhökert habe, gedauert, an einen Punkt zu gelangen, an dem ich es mir problemlos leisten kann, auf Amazon zu verzichten, um 15 Minuten und fünf Dollar zu sparen."

Diese Treffsicherheit ihrer Gedanken hat etwas Tröstliches. Auch wenn Tolentino keine Lösungen anbietet für die Risse, die sie aufzeigt, meistens nicht einmal abschließende Erklärungen. Aber es gibt diesen Punkt beim Lesen ihrer Essays, da verschiebt sich etwas in einem, als hätte man einen Funken Realität besser verstanden. Zwischen all den Absurditäten hofft Tolentino darauf, dass sich "kleine Wahrheiten" auftun, und das ist vielleicht die treffendste Beschreibung dessen, was man heute von Gegenwartsbeobachtungen erwarten kann. Und davon bekommt man in diesem Buch ganz schön viel.

Jia Tolentino: "Trick Mirror. Über das inszenierte Ich". S. Fischer, 368 Seiten


Aus: "Jia Tolentino: Überall Schwindler" Eine Rezension von Maja Beckers (23. Februar 2021)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/literatur/2021-02/jia-tolentino-trick-mirror-kritik/komplettansicht

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Thomas_SF #4

Verarscht worden sind die Menschen immer schon.

Allerdings wird es heute schwieriger, ein Gespür für das Reale zu finden, weil die Welt um uns herum immer künstlicher wird, und wir das, was uns umgibt zunehmend durch Bildschirme und Filter erfahren.


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Kassandra 1 #4.1

"Allerdings wird es heute schwieriger, ein Gespür für das Reale zu finden, weil die Welt um uns herum immer künstlicher wird"

Kurz gedacht mag das stimmen, doch wer sorgt dafür, dass die Welt immer künstlicher wird...das sind doch wohl wir Menschen mit unserer grotesken Technikabhängigkeit, unserer Denkfaulheit, unserem Allmachtswahn, der Allen Alles zugänglich machen will und das Individuum zum Zentrum der Universums erklärt.


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OneTrickPony #6

Eine Kritik zu Tolentinos neuem Buch, in dem nicht ein einziges Mal das Wort “Kapitalismus” fällt. Das muss man erst mal schaffen.

Zwei Schlussfolgerungen: Entweder Frau Beckers unterschlägt die Kapitalismuskritik in dem Buch, die sich, wenn man diese angerissenen Themen richtig angehen würde, eigentlich wie ein roter Faden durch dieses Buch ziehen müsste. Müsste.

Oder aber Frau Tolentino kratzt tatsächlich nur an der Oberfläche ...


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ihrfodsn #11

Ich bin im gleichen Jahr geboren wie Frau Tolentino. Hab noch nie von ihr gehört. Weder ist sie die Stimme der Generation Y, noch besonders bekannt. Und als ehemalige Jezebel-Autorin (wer es nicht kennt, Hengameh in noch arroganter) wundert mich das auch nicht wirklich.

Mir scheint, Maja Beckers ist der wahre Confidence Man hier.


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losgehen #17

Das Problem ist doch nicht neu. Erich Fromm, Theodor Adorno, Hannah Arendt, Sigmund Freud, Friedrich Nietzsche, Seneca, Aristoteles, Platon usw. usf. haben schon über die (zeitlosen) Probleme der menschlichen Gesellschaft geschrieben, über Lug und Trug, Selbstfindung und Lebensglück durch Wahrhaftigkeit und Selbstliebe. Lösungsansätze für die Menschheit als Ganzes sind auf theoretischer Ebene nicht zu erarbeiten. Lösungsansätze für das Individuum dagegen schon (s.o.)

Das scheint dem Zeit online Leser von heute aber zu hoch und deshalb werden ihm Bücher vorgestellt, die eben keine Lösungsansätze bieten, sondern eine "Gesellschaftsanalyse" liefern, die man als Betroffenheitsliteratur bezeichnen könnte. Mag diese auch wortgewandt daher kommen, sie bleibt genau das, was die Autorin in ihrem Buch kritisiert: Selbstvermarktung.


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jack_carlton #18.2

... wie ein Forist hier schrieb, wenn dies eine Kritik am Leben IM Kapitalismus sein soll, UNTER kapitalistischen Bedingungen, und es fällt nicht ein einziges Mal das K-Wort, dann springt die Autorin zu kurz. (Wie gesagt, ich kenne das Buch nicht, aber die Rezension lässt vermuten...)


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Textaris(txt*bot)

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« Reply #1154 on: March 09, 2021, 09:36:38 AM »

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[...] Sechs Tage vor den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sind CDU und CSU in Sorge, dass sich die Maskenaffäre ausweitet, weil noch mehr Bundestagsabgeordnete beim Verkauf von Corona-Schutzmasken Provisionen eingestrichen haben könnten.

Fraktionsvorsitzender Ralph Brinkhaus (CDU) schließt nicht aus, dass es noch mehr Fälle in den eigenen Reihen gibt, und sagt: "Wir werden die nächsten Tage dazu nutzen, auch alle Zweifelsfälle entsprechend zu klären, weil wir auch glauben, dass wir das schuldig sind."

Für Entsetzen sorgt derzeit das Verhalten zweier Abgeordneter. Nikolas Löbel, ein 34-Jähriger aus Baden-Württemberg, hat über seine Firma Kaufverträge über Schutzmasken zwischen einem baden-württembergischen Lieferanten und zwei Privatunternehmen in Heidelberg und Mannheim vermittelt. Dafür kassierte er eine Provision von 250.000 Euro, die er zunächst "marktgerecht" nannte.

Gegen CSU-Mann Georg Nüßlein (51) wird wegen des Anfangsverdachts der Bestechlichkeit im Zusammenhang mit dem Ankauf von Masken ermittelt. Ihm wird vorgeworfen, über eine Beratungsfirma mehr als 600.000 Euro für die Vermittlung staatlicher Aufträge an einen Schutzmaskenhersteller kassiert zu haben.

Unter massivem Druck haben Löbel und Nüßlein zunächst ihren Austritt aus der CDU/CDU-Bundestagsfraktion erklärt. Doch das reichte den Parteispitzen nicht, sie forderten die sofortige Niederlegung des Mandats.

"Wer als Volksvertreter versucht, in dieser Krise für sich persönlich Geld zu verdienen, muss das Parlament unverzüglich verlassen", sagt CDU-Chef Armin Laschet. Ähnlich äußert sich CSU-Vorsitzender Markus Söder: "Es ist nicht zu tolerieren, wenn Volksvertreter die Krise zum Geschäft machen. Das ist mit den Grundwerten der Union unvereinbar."

Löbel kam der Aufforderung am Montag nach. Nachdem er zunächst erklärt hatte, sein Mandat noch bis Ende August, also bis kurz vor der Bundestagswahl im September, als fraktionsloser Abgeordneter behalten zu wollen, legte er es zum Wochenbeginn nieder, "um weiteren Schaden von meiner Partei abzuwenden". Er gab zudem sein Parteibuch zurück.

Nüßlein ist ebenfalls aus der CSU ausgetreten, was diese begrüßt. Auch er steht unter starkem Druck, das Mandat sofort niederzulegen. "Ich bin der festen Auffassung, dass ein klarer Schnitt besser ist als ein Verlängern", betont Söder. Aus der CSU kommt die Forderung, dass Nüßlein das durch den Maskendeal erhaltene Geld spenden soll.


Aus: "Deutsche Union zittert vor Ausweitung der Maskenaffäre" Birgit Baumann, Berlin (9.3.2021)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000124769767/deutsche-union-zittert-vor-ausweitung-der-maskenaffaere

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Mallnitzer

Neiddebatte!

Nur weil die Mehrheit der hier Diskutierenden nicht erkennt, welcher Mehrwert beim Vermitteln von Lieferverträgen für Sanitärprodukte entsteht, die Provision von einer Viertelmillion EUR daher eher zu gering ist, werden diese hart arbeitenden Leistungsträger verunglimpft!


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Stond

Sowas kann uns in Österreich nicht passieren.


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mother's little helper

Beim Skifahren und bei Korruption sind wir den Deutschen haushoch überlegen.
Eine Malversation über ein paar 100tsnd EUR sind bei uns bestenfalls Regional-Liga-Niveau und das Wort "zurücktreten" gibt es in der österreichischen Politikersprache gar nicht.

Schwach, die Deutschen.


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