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Author Topic: [Armut, Hunger, ... (Notizen)]  (Read 164855 times)

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[Armut, Hunger, ... (Notizen)]
« Reply #245 on: October 21, 2021, 09:19:39 AM »

Quote
[...] Kaktusblätter, mit dem Messer von den Stacheln befreit und kurz angedünstet – das ist alles, was Bole ihren drei Kindern schon seit Monaten zu essen bieten kann. Ihr Mann sei kürzlich gestorben, genau wie ihre Nachbarn, um deren zwei Kinder sie sich jetzt auch noch kümmern muss. „Was soll ich sagen?“, fragt die kaum 30-jährige Mutter ein Team des Welternährungsprogramms (WFP). „Wir sind den ganzen Tag damit beschäftigt, noch irgendwo Kaktusblätter zu finden, Tag für Tag und Woche für Woche.“

Der Boden im Dorf Fandiova im Süden Madagaskars ist zu feinem Staub zerbröselt. Bäche und Seen sind ausgetrocknet, Kühe und Ziegen gestorben. Außer Kaktusblüten nehmen die Menschen auch Heuschrecken, Tamarindensaft oder gar Lehm zu sich, um überhaupt etwas im Bauch zu haben.

Kinder gehen längst nicht mehr zur Schule, weil sie bei der Nahrungssuche helfen müssen. Einige Familien würden sogar ihre Mädchen zur Heirat verkaufen, berichtet Mialy Radrianasolo von Unicef – um so zu etwas Geld zu kommen und einen Magen weniger füllen zu müssen.

Inselbewohner, die nicht weit über 40 Jahre alt sind, können sich an ähnliche Zustände nicht erinnern. Zuletzt soll es zu Beginn der 60er Jahre eine ähnlich lange und schwere Dürre gegeben haben. Nach WFP-Erhebungen sind bereits 1,14 Millionen Madagassen auf Lebensmittelhilfe angewiesen, mehr als 135.000 Kinder sollen akut unterernährt sein.

Falls der Regen auch im kommenden halben Jahr ausbleibt, werde eine weitere halbe Million Kinder Hunger leiden, sagt WFP- Sprecherin Alice Rahmoun. „Dann droht 28000 Menschen der Hungertod.“ Schon heute ist die Hälfte aller madagassischen Kinder wegen mangelnder Ernährung von Entwicklungsstörungen betroffen.

Fachleute nennen die sich anbahnende Katastrophe „die erste von der Klima-Erwärmung erzeugte Hungersnot“. Tatsächlich sind Dürren auf Madagaskar nicht ungewöhnlich. Doch so hartnäckig wie diesmal blieb der Regen in dem Land von der Größe Frankreichs bisher nicht aus. Eine Folge der Erwärmung der Meere, davon ist der US-Klimaforscher Chris Funk überzeugt.

Sowohl der Anstieg der Temperatur im Indischen Ozean wie im Pazifik – und die damit zusammenhängenden Klimaphänomene El Niño und La Niña – seien für das Ausmaß der derzeitigen Dürre verantwortlich. Erwärmte Meere führen zu steigenden Temperaturen, die Luft nimmt mehr Feuchtigkeit auf.

Dadurch verringert sich der Niederschlag. Nach Funks Worten kam es seit 2014 mit nur einer Ausnahme jedes Jahr entweder zu einem El Niño oder einer La Niña. Die vergangenen sechs Jahre zählten zu den trockensten Madagaskars seit 1981.

Die fatalen Auswirkungen des ausbleibenden Niederschlags wurden durch andere Eingriffe der Menschen verschlimmert. Schon in den 20er und 30er Jahren sorgte die französische Kolonialmacht durch das Anlegen riesiger Plantagen für eine immense Entwaldung der Insel.

Das hohe Bevölkerungswachstum (von fünf Millionen im Jahr 1960 auf 27 Millionen heute) setzte den verheerenden Trend fort. Schließlich wirkte sich auch die derzeitige Pandemie katastrophal aus: Ein Einreiseverbot für Touristen brachte den zweitwichtigsten Wirtschaftssektor Madagaskars zum Erliegen.

Kurzfristig könne dem ausbleibenden Regen nur mit einer verbesserten Nutzung des Niederschlags begegnet werden, sagen Experten. Das wenige Regenwasser müsse gesammelt und in Reservoirs aufbewahrt werden. Kein wirklicher Trost für die mehr als eine Millionen Madagassen, die heute Hunger leiden. Sie sind auf Hilfe aus dem Ausland angewiesen. Und dass endlich wieder Regen fällt.

Aber danach sieht es nicht aus. Experten gehen davon aus, dass auch in der jetzt eigentlich beginnenden Regenzeit die Niederschläge nur dürftig ausfallen werden, wenn nicht gar ausbleiben. Das heißt, die nächsten Ernten sind ebenfalls extrem gefährdet – die Hungersnot könnte sich somit drastisch verschärfen. Dabei beginnen ohnehin mit der Zeit zwischen den Ernten die „mageren Monate“, in denen es an lebenswichtigen Ressourcen oft mangelt.

Dieses Szenario alarmiert die Helfer. Sie bereiten sich deshalb darauf vor, dass die Unterstützung rasch und massiv ausgedehnt werden muss, um den Menschen das Überleben zu sichern. So rechnet man beim UN-Welternährungsprogramm damit, dass sehr bald sehr viel mehr Menschen als bisher auf Nahrungsmittelrationen angewiesen sein werden. Heute versorgt WFP eigenen Angaben zufolge 370.000 Menschen mit Essen.

Die Organisation der UN stellt sich aber darauf ein, dass diese Zahl ab Dezember auf gut 600.000 steigt, später womöglich gar auf eine Million. Diese Ausweitung der Hilfe bedeutet eine enorme logistische Herausforderung. So müssen zum Beispiel Lieferketten organisiert und Vorräte eingekauft werden. Das alles kostet viel Geld und Zeit. Zeit, die viele Menschen auf Madagaskar womöglich nicht mehr haben.


Aus: "Wenn der Klimawandel in den Hunger treibt"  Christian Böhme,  Johannes Dieterich (19.10.2021)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/not-auf-madagaskar-wenn-der-klimawandel-in-den-hunger-treibt/27719054.html

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[Armut, Hunger, ... (Notizen)]
« Reply #246 on: December 28, 2021, 12:16:48 PM »

Quote
[...] Einer neuen Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes zufolge hat die Armutsquote in Deutschland in der Pandemie ein Rekordhoch erreicht. 16,1 Prozent der Bevölkerung - das entspricht 13,4 Millionen Menschen - müssten zu den Armen gerechnet werden, heißt es in dem Bericht mit dem Titel "Armut in der Pandemie".

 Das sei ein neuer trauriger Rekord, sagte Verbandsgeschäftsführer Ulrich Schneider. Die aktuellen Daten fügten sich in das Bild der letzten Jahre ein: Es lasse sich ein stetiger Trend erkennen, der auch 2020 nicht gebrochen zu sein scheine. 2006 betrug die Quote noch 14,0 Prozent.

Als arm gilt jede Person, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügt. Dabei handelt es sich um das gesamte Nettoeinkommen des Haushaltes inklusive Wohngeld, Kindergeld, Kinderzuschlag, anderer Transferleistungen oder sonstiger Zuwendungen. Der Paritätische Wohlfahrtsverband folgt damit der in der EU verwendeten Definition von relativer Armut im Verhältnis zum Lebensstandard in einem Land.

Dass das ganz große Beben in der Armutsstatistik trotz Pandemie ausgeblieben sei, habe unterschiedliche Gründe, erläuterte Schneider. Rund vier Fünftel der Bevölkerung waren 2020 nicht von corona-bedingten Einkommensverluste betroffen, nämlich Rentnerinnen und Rentner, Beamte und Angestellte des öffentlichen Dienstes. Andere lebten als Niedrigeinkommensbeziehende ohnehin bereits unter der Armutsschwelle.

 Dass die Armutsquote verglichen zum Jahr 2019 "nur" um 0,2 Prozentpunkte gestiegen ist, ist laut Schneider vor allem ein Hinweis darauf, dass die rasch ergriffenen Unterstützungsmaßnahmen von Bund und Ländern wirkten. Insbesondere das Kurzarbeitergeld, aber auch das Arbeitslosengeld bewahrten laut dem Geschäftsführer viele Menschen in dieser Krise ganz offensichtlich vor dem Fall in die Einkommensarmut.

Dem Bericht zufolge sind insbesondere die Erwerbstätigen die Einkommensverlierer der Corona-Krise - vor allem die Selbstständigen. "Zählte die Mikrozensus-Erhebung 2019 unter den Erwerbstätigen insgesamt 8,0 Prozent und unter den Selbständigen 9,0 Prozent Arme, kommt die neue Erhebung auf 8,7 Prozent bei den Erwerbstätigen und sogar 13 Prozent bei den Selbstständigen."

 Am meisten von der Armut betroffen seien dabei nach wie vor insbesondere Haushalte mit drei und mehr Kindern (30,9 Prozent) sowie Alleinerziehende (40,5 Prozent). Erwerbslose Personen (52 Prozent) und Menschen mit niedrigen Bildungsabschlüssen (30,9 Prozent) seien ebenfalls stark überproportional betroffen. Das Gleiche gelte für Menschen mit Migrationshintergrund (27,9 Prozent) und ohne deutsche Staatsangehörigkeit (35,8 Prozent).

Im Ländervergleich zeigt sich den Angaben zufolge, dass sich der Wohlstandsgraben zwischen Bayern und Baden-Württemberg einerseits und dem Rest der Republik verfestigt und zum Teil sogar vertieft hat. Kommen die beiden süddeutschen Länder demnach auf eine gemeinsame Armutsquote von 12,2 Prozent, sind es für die übrigen Bundesländer gemeinsam 17,7 Prozent.

Der Abstand zwischen Bayern (11,6 Prozent) und dem am schlechtesten platzierten Bundesland Bremen (28,4 Prozent) beträgt mittlerweile 16,8 Prozentpunkte. Mit außerordentlich hohen Armutsquoten von um die 20 Prozent fallen auch Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Sachsen-Anhalt auf.

 "Einmal arm, immer arm - das ist für immer mehr Menschen eine reale Bedrohung", sagte Caritas-Präsidentin Eva Maria Welskop-Deffaa vor der Veröffentlichung des Armutsberichts. Die Pandemie habe lange angelegte Armutsrisiken sichtbar gemacht.

Laut Welskop-Deffaa brauche es Angebote, "die Menschen unverzüglich helfen, wenn sie - aus welchen Gründen auch immer - in eine Lebenskrise geraten". Eine im Lebenslauf verfestigte Armut dürfte nicht hingenommen werden.


Aus: "13,4 Millionen Menschen leben in Armut" (16.12.2021)
Quelle: https://www.tagesschau.de/inland/armut-deutschland-paritaetischer-wohlfahrtsverband-101.html
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[Armut, Hunger, ... (Notizen)]
« Reply #247 on: February 16, 2022, 11:12:23 AM »

Quote
[...] Der Chef des Welternährungsprogramms (WFP) der Vereinten Nationen, David Beasley, befürchtet schlimme Folgen der Pandemie. Seiner Meinung nach droht die schlimmste humanitäre Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg. Als er im April 2017 sein Amt antrat, seien bereits 80 Millionen Menschen "dem Hungertod entgegen gegangen", sagte er der Süddeutschen Zeitung.

Vor zwei Jahren, direkt vor Ausbruch der Pandemie, sei die Zahl bereits auf 135 Millionen gestiegen. Die größten Treiber seien damals Konflikte und der Klimawandel gewesen. Inzwischen aber habe sich die Zahl auf mehr als 285 Millionen noch mal mehr als verdoppelt. Ursachen seien inzwischen zusätzlich zu den bestehenden Faktoren fortwährende wirtschaftliche Probleme und die Unterbrechung von Lieferketten aufgrund der Pandemie.

Unter die von ihm genannten Zahlen fasst Beasley alle Menschen, die nach der weltweit einheitlichen Einstufung auf der internationalen fünfstufigen Krisenskala in die Stufen drei bis fünf fallen. Das sind jene, die unter ernster akuter Unterernährung leiden (Stufe 3), einer ernsten Notsituation ausgesetzt sind, in der sie oft nicht wissen, woher sie ihre nächste Mahlzeit bekommen (Stufe 4) oder von einer akuten Hungersnot betroffen sind, in der mindestens 30 Prozent der Bevölkerung trotz humanitärer Hilfe akut unterernährt sind (Stufe 5).

Besonders besorgniserregend ist laut dem WFP-Direktor, dass derzeit 45 Millionen Menschen in mehr als 40 Ländern von einer akuten Hungersnot bedroht sind. Auf der Krisenskala entspricht das der Stufe vier.


Aus: "45 Millionen Menschen akut von Hunger bedroht" (16. Februar 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2022-02/hunger-un-welternaehrungsprogramm-bedrohung-pandemie

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[Armut, Hunger, ... (Notizen)]
« Reply #248 on: April 06, 2022, 03:56:45 PM »

Quote
[...] Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) hat vor einer Hungerkrise immensen Ausmaßes in Afrika gewarnt. Demnach leidet bereits mehr als jeder vierte Mensch auf dem Kontinent unter "alarmierendem" Hunger. Das betreffe etwa 346 Millionen Menschen, teilte das IKRK mit. Zudem werde die Zahl der Hungernden in den kommenden Monaten weiter zunehmen, hieß es. Diese Entwicklung bleibe angesichts des Ukraine-Kriegs und anderer Krisen aber "weitgehend unbemerkt".

Die Hungerkrise betrifft den Angaben zufolge weite Teile des Kontinents, von dürregeplagten Ländern wie Somalia und Äthiopien im Osten bis nach Mauretanien und Burkina Faso im Westen. Die schreckliche Notlage der Zivilbevölkerung in der Ukraine dürfe die weltweite Aufmerksamkeit nicht von anderen Krisen wie der Hungerkrise in Afrika ablenken, sagte der Leiter der internationalen Einsätze des IKRK, Dominik Stillhart. "Wir weiten unsere Einsätze aus, um so vielen Menschen wie möglich zu helfen, aber die Zahl der Menschen, die ohne Nahrung und Wasser auskommen müssen, ist erschütternd", sagte Stillhart.

Allein am Horn von Afrika, dem östlichsten Teil des Kontinents, sind wegen der schlimmsten Dürre seit Jahrzehnten Millionen Menschen von schwerem Hunger bedroht. Nach UN-Angaben von Januar sind allein im Osten und Süden Äthiopiens mehr als sechs Millionen Menschen auf Hilfslieferungen angewiesen.

Westafrika steht nach Angaben elf internationaler Hilfsorganisationen vor der schlimmsten Nahrungsmittelkrise seit zehn Jahren. Demnach hat sich die Zahl der Menschen in der Region, die dringend auf Lebensmittelhilfen angewiesen sind, durch interne Konflikte, Dürren, Überschwemmungen und die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie seit 2015 fast vervierfacht. Statt sieben seien mittlerweile 27 Millionen Menschen davon betroffen. Bis Juni könne diese Zahl auf 38 Millionen Menschen ansteigen, hieß es.

"Die Getreideproduktion in Teilen der Sahel ist gegenüber dem Vorjahr um rund ein Drittel gesunken", sagte Assalama Dawalack Sidi, Regionaldirektorin der Hilfsorganisation Oxfam. Die Lebensmittelpreise in Westafrika seien um 30 Prozent gestiegen. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen könnten in diesem Jahr 6,3 Millionen Kinder unter fünf Jahren in der Region akut unterernährt sein. Mitte der Woche findet eine Geberkonferenz für die Sahelzone statt.

Das Rote Kreuz befürchtet zudem, dass der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine die ohnehin schwierige Situation in Afrika weiter verschlimmern könnte. Der Krieg habe bereits zu steigenden Lebensmittel- und Treibstoffpreisen und zu Unterbrechungen der Lieferketten beigetragen und die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie verstärkt, hieß es. Das IKRK braucht für seine humanitäre Hilfe in Afrika in diesem Jahr den Angaben nach eine Milliarde Euro – 800 Millionen fehlen noch.


Aus: "Laut Rotem Kreuz fast 350 Millionen Hungernde in Afrika" (5. April 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2022-04/afrika-hungerkrise-ukraine-krieg-corona
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[Armut ... (Notizen)]
« Reply #249 on: May 17, 2022, 10:56:14 AM »

Quote
[...] Der Ostbeauftragte Carsten Schneider hat jüngst einen Vorschlag gemacht, der durchaus verlockend klingt. Schneider warb für ein sogenanntes Grunderbe. Die Idee ist einfach: Der Staat schenkt allen Staatsbürger:innen zum 18. Geburtstag 20.000 Euro. Das Geld könnten junge Erwachsene zum Beispiel in ihre Ausbildung stecken. Sie könnten Unternehmen gründen, sich weiterbilden oder ein Vermögen aufbauen. Das Ziel: mehr Chancengleichheit. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat berechnet, dass die Einführung eines solchen Grunderbes – und die Finanzierung durch eine Vermögenssteuer – die Vermögensungleichheit im Land abmildern könnte.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Es reicht nicht aus, allein auf die Zahlen zu schauen. Denn die Idee hat einen massiven Haken: Sie verkennt oder ignoriert die Mechanismen, die Ungleichheit langfristig festschreiben – und die Wirklichkeit von Armut.

Ein Grunderbe dürfte in erster Linie für ein Lächeln auf den Lippen von Mittelschichtskindern sorgen, die sich endlich ein eigenes Vermögen aufbauen können. Das ist auch nachvollziehbar, aber Armut fängt nicht erst mit der Volljährigkeit an. Wenn die einen lernen, sich mit eleganten Begriffen, Tischmanieren und einem fein verzierten Lebenslauf zu schmücken, lernen die anderen, arm zu sein.

20.000 Euro zum 18. Geburtstag kommen zu spät, um die langfristigen sozialen Folgen wie Geburtstagskerzen auszupusten. Armut ist nicht einfach nur ein Mangel an Geld. Armut ist eine Fülle an Erfahrungen, Ausgrenzungen, erzwungenen Entscheidungen und antrainierten Verhaltensweisen, die schon früh einen Keil zwischen Betroffene und den Rest der Gesellschaft treiben. Und dieser Keil verschwindet nicht einfach durch ein Grunderbe.

Armut in der Jugend heißt, keinen Kopf für die Englischprüfungen zu haben, weil zu Hause das Geld für die Heizung fehlt – und deshalb den Sprung aufs Gymnasium zu verpassen. Armut heißt, in der Schule "Ich habe keinen Hunger" zu sagen, weil die Kohle für die Mensa fehlt. Armut heißt Sommerferien am Fließband anstelle eines ersten Praktikums, weil Mama und Papa keine Connections haben und ein unterbezahlter Ausflug in die Welt der Selbstverwirklichung einfach nicht drin ist.

Armut heißt, von Kindheitstagen an als Projektionsfläche für die Vorurteile der anderen zu dienen. Armut heißt, von Anfang an die Augen als Bittsteller immer auf den Boden zu richten und sich permanent für die eigene Existenz rechtfertigen zu müssen. Armut heißt auch, nicht als vollwertiger Mensch – und als gleichberechtigter Teil der Gesellschaft – akzeptiert, sondern im besten Fall geduldet zu werden.

Und Armut heißt Angst. Genauer gesagt: Armut ist Angst. Angst, gekleidet in Preisschilder, Kontoauszüge, Kalenderblätter, Routineuntersuchungen, Alleinsein, Merkblätter und Ausfüllhinweise. Diese Angst geht Hand in Hand mit Gewalt. Gewalt, verschleiert in erzwungenen Entblößungen beim Amt, stumme Blicke und abschätzige Gesten.

Das Gerede von Ungleichheit maskiert diese Erfahrungen viel zu oft und macht sie unsichtbar. Kindheit und Jugend entscheiden darüber, wer in welche Schule einsortiert wird, wie viel kulturelles und soziales Kapital wir anhäufen können und welche Zukunft überhaupt denkbar ist. Es sind diese Jahre, die den Grundstein für die Kluft legen, die später kaum überwindbar zwischen den Klassen klafft. All das lässt sich nicht einfach mit 20.000 Euro zum 18. Geburtstag korrigieren. Die eigene soziale Herkunft ist kein Kleidungsstück, das man von heute auf morgen einfach ablegen kann.

Der US-Bürgerrechtsanwalt Bryan Stevenson sagte einmal, das Gegenteil von Armut sei nicht Reichtum, sondern Gerechtigkeit. Wie aber könnte die aussehen? Nun, gegen Armut hilft vor allem eines: Geld. Insofern ist die Idee hinter dem Grunderbe gar nicht verkehrt. 20.000 Euro zur Volljährigkeit aufs Konto wären definitiv ein Anfang – und würden vielen jungen Menschen das Leben erleichtern. Auch jenen, die von Armut betroffen sind. Ihnen könnte das Geld ermöglichen, überhaupt von zu Hause auszuziehen, um zu studieren oder eine Ausbildung an einem anderen Ort zu beginnen. Auch das unbezahlte Praktikum oder ein Auslandssemester wären möglich. Und wer das Geld richtig anlegt, kann sich vielleicht sogar kleine Rücklagen aufbauen. 

Aber: Das Grunderbe soll nicht einfach als Überweisung auf dem Konto auftauchen. Es soll – wie auch immer das in der Praxis aussieht – zweckgebunden funktionieren und dem Vermögensaufbau oder der eigenen Ausbildung dienen. Auch hier gilt wieder: Wer aus einem nachmittagsbesonnten Altbau-Akademiker-Haus kommt, der bringt einen Startvorteil mit; hat wahrscheinlich schon ein Aktiendepot und kann die Vermögensberaterin der Eltern noch schnell um Rat fragen. Wem das alles fehlt, der muss es sich selbst erarbeiten. Und darf sich am Ende, falls der soziale Aufstieg auch mit Grunderbe nicht funktioniert, wahrscheinlich noch anhören, er sei selbst schuld.   

Das heißt: An der strukturellen Ungleichheit dürfte sich wenig ändern: Der Abstand zwischen den Klassen bleibt gleich.

Deshalb müsste man die Idee weiterdenken: Warum das Grunderbe nicht auf jene beschränken, die es auch tatsächlich brauchen? Und wieso sollte der Staat einen solchen Batzen Geld nicht direkt bei Geburt auszahlen? Und später, zum 18. Geburtstag, noch einmal nachlegen. Das würde Ungleichheit von Anfang an bekämpfen. Das Geld dafür wäre da. In Deutschland wird jede Minute rund eine halbe Million Euro vererbt. Dieses Vermögen müsste bloß vernünftig besteuert werden.

Um aber wirklich an einer gerechten Gesellschaft zu arbeiten, braucht es weitere Maßnahmen: ein Bildungssystem, das einen Teil der Gesellschaft nicht schon nach vier Jahren aussortiert. Eine Grundsicherung, die ihren Namen verdient – und nicht davon ausgeht, dass vier Euro für Essen pro Tag ausreichen. Und Gesetze, die für bezahlbaren Wohnraum sorgen. Zusammen mit einem ordentlich ausgearbeiteten Grunderbe wären das gezielte Maßnahmen, die die Kluft zwischen den Klassen tatsächlich verringern könnten – von Beginn an. 


Aus: "Grunderbe: Reichtum ist nicht das Gegenteil von Armut" Ein Kommentar von Benjamin Hindrichs (17. Mai 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/campus/2022-05/grunderbe-deutschland-armut-ungleichheit

Quote
DerBesteForist #3

Der Autor hat sicher in vielem Recht. Aber sehr unvollständig ist die Systemkritik, wenn sie denn intendiert war. Armut ist vor allem fehlendes Geld durch schlechte Löhne.
Gering gebildet, ohne Selbstvertrauen, das sind Menschen auch in der Vergangenheit gewesen, ohne Mini-und Dumpinglöhne. Daraus entsteht natürlich auch Angst.

Ansonsten ein Artikel voller Klischees über Arme und Wohlhabende. ...


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XUser #5

Arg polemisch der Artikel. Böse "Reiche", denen alles in den Schoß fällt.
Dem ist bei weitem nicht so. Es gibt nicht schwarz/weiß, sondern unzählige Grauschattierungen. ...


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Bunny Lebowski #6

Mit 18 hätte ich bestimmt nicht wenig dieses Geldes in Bier investiert...


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Schlaupilz #20

Interessante Ausführungen, die nicht unbedingt von der Hand zu weisen sind. Vor allem das negative Selbstwertgefühl, das sich von der Kindergartenzeit an, etabliert. Aber: der Sozialstaat hat mittlerweile eine Fülle von Fördermaßnahmen, gerade auch in der Schule und im Kindergarten! für arme, benachteiligte Kinder und Jugendliche geschaffen. Das kann man nicht einfach ignorieren. Schreibt eine Förderschullehrerin nach 35 jähriger Dienstzeit an Förder, - Haupt, - Grund, - und Gesamtschule.


Quote
Gast98101-40213 #24

Statt Einmalzahlung zu einem Zeitpunkt,wo viele nicht damit umgehen können, brauchen wir weniger Spreizung der Einkommen bei Erwerbsarbeit

Das hilft gegen Armut

Zusätzlich mehr nicht finanzielle Förderung von Kindern, damit die Armutserfahrung nicht so tief eindringt


Quote
clehmann #28

Die Ungerechtigkeit wird man nie abschaffen können, egal, wie der Staat sich bemüht. Man kann die Menschen nicht vor sämtlichen Folgen ihrer Entscheidungen schützen.
Ein "Grunderbe" bei der Geburt mag für Viele eine Hilfe sein, bei anderen wird es von den Eltern in die Trinkhalle getragen. Schon ist wieder eine neue Ungerechtigkeit geschaffen. ...


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« Reply #250 on: June 14, 2022, 10:23:47 AM »

Quote
[...] Nach zwei Dürrejahren sind am Horn von Afrika mehr als 18,4 Millionen Menschen von Lebensmittelmangel, Hunger und Unterernährung betroffen. Bis September könnte die Zahl der Betroffenen in Äthiopien, Somalia und Kenia laut UN-Nothilfeprogramm OCHA auf bis zu 20 Millionen steigen. Den Angaben zufolge gelten mehr als 7,1 Millionen Kinder in den betroffenen Regionen als unterernährt, darunter seien etwa zwei Millionen schwer unterernährte Kinder.

Die Lage habe sich auch deshalb zugespitzt, weil wegen Wasser- und Futtermangels rund sieben Millionen Tiere verendet seien, teilte das UN-Programm mit. Für die Nomaden und Halbnomaden in den Dürregebieten bedeutet der Verlust von Rindern, Schafen und Ziegen den Verlust ihrer wirtschaftlichen Existenz. Das Fehlen von Milch habe zudem zur Unterernährung der Kinder beigetragen, hieß es.

Auch der Krieg in der Ukraine hat Auswirkungen auf die Lebensmittelpreise am Horn von Afrika. Die ausbleibenden Getreidelieferungen erschweren die Versorgungslage und Hilfsprogramme.

Das OCHA berichtete weiter, dass viele Wasserquellen versiegt seien. Zugleich seien die Preise für Wasserlieferungen seit November um 71 Prozent angestiegen. Der Wassermangel führe zu einer Verschlechterung der hygienischen Bedingungen und mehr gesundheitlichen Problemen. 

Es fehle auch an Hilfen für die Regionen, denn bisher sei nur ein geringer Teil der Mittel aufgebracht worden, damit die Regierungen der betroffenen Länder und Hilfsorganisationen die Folgen der Dürre bekämpfen und den Menschen helfen könnten, teilte das UN-Büro mit. In den kommenden Monaten würden umgerechnet weitere 1,6 Milliarden Euro benötigt.

Wegen der sich verschlechternden Lebensbedingungen haben laut OCHA seit Anfang des Jahres bereits mehr als eine Million Menschen ihre Dörfer verlassen, allein 805.000 Menschen in Somalia. Und ein Ende der Dürreperiode ist derzeit nicht in Sicht: Langfristigen meteorologischen Prognosen zufolge soll auch die im Oktober beginnende nächste Regenzeit keine Abhilfe schaffen.


Aus: "Afrika: Mehr als 18 Millionen Menschen haben zu wenig zu essen" (13. Juni 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2022-06/afrika-aethiopien-somalia-kenia-duerre-nahrungsmittelmangel
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« Reply #251 on: July 14, 2022, 08:05:17 PM »

Quote
[...] So viele Menschen wie nie zuvor in Deutschland müssen ihre Lebensmittel von den Tafeln beziehen. Eine Umfrage unter den bundesweit 962 Einrichtungen ergab, dass die Zahl der Kundinnen und Kunden seit Jahresbeginn um etwa die Hälfte gestiegen sei, teilte der Dachverband Tafel Deutschland mit. "Damit suchen deutlich über zwei Millionen armutsbetroffene Menschen Unterstützung bei der Ehrenamtsorganisation – so viele wie nie zuvor."

Fast jede fünfte Tafel gab bei einer Umfrage im Juni an, Lebensmittel an doppelt so viele oder noch mehr Menschen als vor einem halben Jahr zu verteilen. Mehr als 60 Prozent der Tafeln verzeichnen einen Zuwachs von bis zu 50 Prozent. Zu den neuen Kunden zählten vor allem Geflüchtete aus der Ukraine, aber auch viele Arbeitslose, Geringverdiener und Rentnerinnen.

Jede dritte Tafel musste den Angaben zufolge einen Aufnahmestopp einführen. Es fehlten Lebensmittel oder Ehrenamtliche, um allen zu helfen, die nach Unterstützung fragten. "Die Tafeln sind am Limit", sagte der Tafel Deutschland-Vorsitzende Jochen Brühl. "Wir sehen deutlich, dass es den Menschen jetzt am Nötigsten fehlt und rufen weiterhin zu Spenden für die Tafeln auf." Er kritisierte, dass der Staat für die Versorgung der Menschen sorgen müsse – nicht das Ehrenamt.

Der Sozialverband Deutschland forderte die Ampel-Koalition deshalb dazu auf, mit weiteren Entlastungsmaßnahmen gezielt Haushalte mit geringem und mittlerem Einkommen zu unterstützen. Der Hilferuf der Tafeln sei "ein echtes Armutszeugnis für Deutschland".

Die Tafeln sammeln überschüssige Lebensmittel von Händlern und Herstellern und verteilen diese. Mehr als 60.000 Ehrenamtliche engagieren sich dabei.


Aus: "Mehr als zwei Millionen Menschen suchen Hilfe bei der Tafel" (14. Juli 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2022-07/lebensmittel-tafeln-anstieg-zwei-millionen

Quote
Sumtina #2

Wenn man dann noch bedenkt, dass bislang die meisten noch nicht von den erhöhten Energiekosten, sondern rein durch die Teuerung der Lebensmittel dort anstehen, kann man in etwa eine Ahnung bekommen, wie das in ein paar Monaten aussieht. ...


Quote
Heini Huckeduster #2.1

@Sumtima: Dafür können Sie doch kluge Ratschläge im Kommentar 1 lesen!

["Müssen ist ja relativ. In der Regel muss man, weil man das Geld woanders ausgegeben hat. ...."]


Quote
Ein Unbekannter #10

Dieses traurige Szenario wird sich im kommenden Halbjahr bestimmt noch verstärken.
Gleichzeitig werden immer noch tonnenweise Lebensmittel weggeworfen, weil es günstiger und einfacher ist. Das wäre ein Punkt den eine Regierung sofort ändern könnte.


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« Reply #252 on: July 26, 2022, 12:20:45 PM »

"Die Rezession wird Deutschlands Moral auf die Probe stellen" (25.07.2022)
An Kriegsverbrechen im weit entfernten Ausland hat sich Deutschland schon oft gewöhnt. An harte Einbußen am eigenen Leib schon lange nicht mehr. Ein Kommentar. Thorsten Mumme
https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/ifo-index-bricht-ein-die-rezession-wird-deutschlands-moral-auf-die-probe-stellen/28547652.html

Quote
Pat7 10:30 Uhr
Es gibt bereits Menschen die so arm sind, dass noch ärmer richtig Hunger bedeutet. Zumal die schon jetzt Tafeln doppelt bis dreimal soviel Menschen versorgen müssen bei zurück gehenden Spenden  und steigenden Kosten.

Das hat bisher nur wenige Nicht Betroffene interessiert und es gab und gibt  genügend Vorurteile die diesbezüglich absichtlich breit getreten werden.
Doch nun droht diese Art Armut Menschen die bisher noch nie in Kontakt damit kamen. Und auf einmal ist es ein gesellschaftliches Thema.
Denn jetzt erreicht dieses Schicksal die Bevölkerungsgruppen die auch als Wähler wichtig sind.
Von denen die schon lange in Armut leben, gehen viele nicht (mehr) wählen. Weil es für sie eh keine Rolle spielt wer in der Regierung sitzt.


Quote
britzer66 25.07.2022, 18:13 Uhr

Vielleicht sollten wir uns dabei von der „Moral“ der Besucher der Bayreuther Festspiele inspirieren lassen. Alles so wie immer. Dann kann es ja so schlimm nicht sein.


Quote
Zarquon 10:10 Uhr

    Der Winter wird zeigen, welches Leid Deutschland länger aushalten kann.

Corona hat bereits gezeigt, wie "leidensfähig" Teile der Bevölkerung sind. Wenn schon eine Maske bei einigen für psychologische Probleme sorgt, dann möchte ich mir nicht vorstellen, wie es bei wirklichen Problemen wie Inflation oder Arbeitslosigkeit aussehen wird.


Quote
Kernwerk 25.07.2022, 17:09 Uhr

    An grausame Kriegsverbrechen im weit entfernten Ausland hat sich Deutschland schon oft gewöhnt. An harte Einbußen am eigenen Leib schon
    lange nicht mehr. Der Winter wird zeigen, welches Leid Deutschland
    länger aushalten kann.


Da braucht man nicht lange überlegen. Die hier schon öfters zitierte Weisheit von Brecht gilt immer noch: Erst kommt das Fressen, dann die Moral.


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« Reply #253 on: August 29, 2022, 03:35:50 PM »

Quote
[...] Es ist eine böse Überraschung, die die Briten am Freitag traf: Um 80 Prozent werden die Energiepreise steigen, verkündete die Regulierungsbehörde der britischen Versorger, Ofgem. Ab Oktober dürfen die Energieunternehmen einem durchschnittlichen Haushalt umgerechnet etwa 350 Euro im Monat berechnen, im Januar wird der Preis voraussichtlich auf 460 Euro im Monat steigen. Derzeit sind es nur etwa 193 Euro. Britische Wohnungen werden mit Gas und Elektrizität geheizt, nicht mit der billigeren Ölheizung. Obwohl Großbritannien nicht direkt von den Lieferungen Russlands abhängig ist, wird Energie auch auf der Insel zu europäischen Marktpreisen abgerechnet.

Die Folge: Immer mehr Bürger sind auf die Unterstützung von Tafeln, genannt Food Banks, angewiesen. Das erlebt auch Coran, die Projektleiterin der Tafel der Stiftung Trussell Trust im Londoner Stadtteil Merton, jeden Tag. Da sei zum Beispiel der alleinstehende Familienvater von zwei Kindern, der einen guten Job gehabt, aber plötzlich einen Schlaganfall erlitten habe. "Es kann jeden von uns treffen", sagt Coran. Sie kenne Familien, die finanziell und psychisch so am Ende seien, dass sie – bis zur Hilfe vom Trussell Trust – nicht einmal eine Matratze für das Bett der Kinder gehabt hätten, sich keinen Kühlschrank, keinen Kocher, nicht einmal passende Unterwäsche für die Kinder haben leisten können. Doch wer keinen Kühlschrank hat, kann von vielen Sonderangeboten nicht profitieren. Einige Leute, die zur Tafel kommen, lehnten mittlerweile Kartoffeln, Reis und Nudeln ab, weil sie nicht kochen und Energie sparen wollen. "Die Armut geht viel weiter und tiefer, als man dies auf der Straße erkennt", sagt Coran. "Und es wird schlimmer."

Bisher hat die Regierung lediglich ein Hilfspaket von 15 Milliarden Pfund beschlossen: Sie zahlt Rentnern eine einmalige Energiezulage von bis zu 300 Pfund. Im Herbst werden zudem alle Haushalte einen Preisabschlag auf ihre Energiekosten von insgesamt 400 Pfund erhalten. Acht Millionen der ärmsten Haushalte bekommen zusätzlich noch 650 Pfund. Aber die Versorgerbetriebe warnen, dass dies angesichts der weiter steigenden Gas- und Elektrizitätspreise nicht reichen werde. Im Winter könnten 30 bis 40 Prozent der Verbraucher in die Energiearmut rutschen, glaubt der Vorsitzende von E.ON, Michael Lewis. Haushalte würden dann mehr als zehn Prozent ihres Einkommens für Energie aufwenden müssen. Dabei bleibt es nicht. Auch die Lebensmittelpreise steigen und Sprit ist teurer geworden. Die Inflation wird bis Ende des Jahres nach Angaben der Bank von England auf 13 Prozent steigen.

Vielen sieht man die Armut nicht an. Nach außen scheinen die Leute ihrem normalen Alltag nachzugehen. Aber gleich die erste Rentnerin, die man in Merton auf der Straße anspricht, erzählt, wie es hinter den Kulissen wirklich aussieht: "Es gab Zeiten, da bin ich ins Geschäft gegangen und habe gekauft, was ich brauchte. Aber das ist vorbei", sagt sie. Sie kaufe nicht mehr bei den teureren Supermärkten wie Morrisons, Sainsbury's oder Waitrose. "Mittlerweile bin ich auf dem Niveau angekommen, dass ich zu Poundland gehe", sagt sie. Dort habe sie heute ein Paket Taschentücher für ein Pfund bekommen, sagt sie stolz. Einen Laib Brot unter ein Pfund finde sie jedoch nicht mehr. Die zierliche Frau ist auf die britische Staatsrente von umgerechnet 220 Euro die Woche und eine kleine Betriebsrente angewiesen. "Ich sitze abends im Dunkeln im Zimmer, um Energie zu sparen. Das Licht vom Fernseher muss reichen", sagt sie. Im Winter werde sie sich mit Suppen warmhalten und sich warm anziehen. Es sei gut, dass sie eine harte Kindheit gehabt habe. "Hauptsache, man ist glücklich!", sagt sie.

Bisher haben die beiden Nachfolgekandidaten von Premierminister Boris Johnson, Liz Truss und Rishi Sunak, nicht erklärt, wie sie den britischen Haushalten in der sogenannten cost-of-living crisis helfen wollen. Dass die Energiepreise eingefroren werden könnten, ist bisher nur ein vager Plan. Johnson forderte die britische Öffentlichkeit vergangene Woche lediglich auf, die Briten sollten die Energiepreise als Opfer für den Krieg in der Ukraine ansehen. Die Menschen in der Ukraine müssten für die Freiheit gar mit ihrem Blut zahlen.

Mitarbeiter von Hilfsorganisationen haben wenig Verständnis für diese Einstellung. Coran ist schlecht auf die Regierung zu sprechen. Sie erlebt zu viel Armut und zu wenig Unterstützung von der "höheren Schicht dieser Gesellschaft", wie sie sagt. Die Merton Foodbank liegt in einem Stadtviertel Londons, in dem sich Billigsupermärkte wie Costcutter und Poundland neben Wettbüros drängen und Geschäften, in denen Leute ihren Schmuck versetzen können. Manche Sozialwohnung in diesem Viertel wurden nie saniert. Noch heute müssen sich die Bewohner mit alten Elektroheizungen begnügen. "Es gibt Familien, die zahlen 120 Pfund die Woche für Energie. Das wird im Winter auf 300 bis 400 Pfund die Woche steigen", meint Coran. Der von der Regierung gezahlte einmalige Heizkostenzuschlag von 650 Pfund für diese ärmsten Haushalte bringe da nicht viel. "Wo sollen diese Familien 300 oder 400 Pfund die Woche hernehmen?" Die resolute Frau macht sich Sorgen, wie es weitergehen soll.

Seit 2011 ist die Zahl der Tafeln des Trussel Trusts wegen der steigenden Armut in Großbritannien von knapp 80 auf 1.400 Hilfszentren gestiegen. "Wir erklären den Leuten, welche Zuschüsse sie beim Staat beantragen können, wir geben Sprachkurse, klären über Finanzplanung auf. Wir hier in Merton haben in den letzten beiden Jahren 20.000 Haushalte durchgeschleust", sagt Coran.

Zusätzlich zu den Zentren der Stiftung gibt es in Großbritannien noch weitere 1.172 unabhängige Food Banks. Der ehemalige Oppositionsführer der Labour-Partei, Jeremy Corbyn, sagte einst, es gebe im Großbritannien mehr Food Banks als Filialen von McDonalds, und übertrieb damit nicht.

Das spiegelt die Armut eines Landes wider, in dem ein Großteil der Arbeitsbevölkerung nur noch den Mindestlohn verdient und dies oft nur über sogenannte Nullstundenverträge, die keine festen Arbeitszeiten und keine Absicherung gegen Krankheit oder Berufsunfähigkeit gewähren. Mit Corona haben sich zudem zahlreiche Leute aus dem Berufsleben zurückgezogen, weil sich die Arbeit zu den niedrigen Löhnen für sie – im Vergleich zur staatlichen Unterstützung – nicht lohnt oder weil sie zu krank sind, um zu arbeiten. Dies mag an den Langzeitfolgen von Corona liegen oder aber daran, dass immer mehr Patienten mehr als ein Jahr auf Operationen und Behandlungen im Krankenhaus warten müssen. Nach der Angabe des Armutsberichtes der Joseph Rowntree Foundation lebt fast ein Fünftel der britischen Bevölkerung (22 Prozent) in Armut, also 14,5 Millionen Menschen, davon 8,1 Millionen Erwachsene im arbeitsfähigen Alter und 2,1 Millionen Rentner. Dreißig Prozent der Kinder leben in Armut.

Nicht jeder darf bei der Food Bank auftauchen. Dafür ist ein Erlaubnisschein erforderlich, den die Bürgerämter ausstellen. Diesen Schein erhalten Obdachlose, überschuldete Personen oder Bürger und Bürgerinnen, deren staatliche Unterstützung sich verzögert. Diese Leute dürfen sich dann drei Essenspakete in sechs Monaten abholen. Die Leute sollen bewusst angehalten werden, ihre Situation zu ändern. "Bei Personen, die mental gut drauf sind, klappt das auch. Die sehen wir nie wieder," sagt die Helferin. Aber bei psychischen Problemen sei dies anders.

Südosten der Stadt, beim Hilfszentrum Lewisham Donation Hub, packen Afsahne und Karim Tüten mit Geschirr, einem Bügeleisen, einem Kocher und sogar einem Fernseher zusammen. Das junge Ehepaar kommt aus Kurdistan. Sie sind froh, dass sie noch leben – nicht weil sie die Flucht über den Ärmelkanal überstanden haben, sondern weil ihre Familien im Irak nicht wissen, wo sie geblieben sind. "Wir durften nicht heiraten. Unsere Familien wollten unsere Ehe nicht. Sie hätten uns umgebracht", sagt Afsahne mit einem Hinweis auf drohende Ehrenmorde. Deshalb sind dies auch nicht ihre richtigen Namen. Sie fangen hier in Lewisham neu an – wie vielen Menschen, denen Lawrence Smith, der Gründer der Organisation, hilft. Zu ihm darf jeder kommen, auch ohne Voucher.

Lawrence hat "das Ding", wie er seine Organisation nennt, aufgebaut. Seine Mutter führt eine Hilfsorganisation in Gambia. Dort hat er gesehen, wie man gegen Armut kämpft. Er hofft, dass er sein "Ding" demnächst juristisch als Hilfsorganisation führen darf, denn dann gibt es bessere Finanzierungsmöglichkeiten. Derzeit läuft alles per Spende ab, wie etwa die 150 Paar Schuhe, die ein großzügiger Geschäftsmann anlieferte. Lawrence bekommt kein Geld vom Staat. Aber er versorgt mit seinen 70 Freiwilligen Bedürftige mit Computern, Handys, Mikrowellen, Fernsehern und Fahrrädern. Immer wieder fährt Lawrence los, um Familien zum Beispiel eine Waschmaschine zu bringen, wie Roxanne, einer Mutter mit drei Kindern, die in einer Sozialwohnung lebt. Viele Menschen im Viertel machen mit, spenden, helfen.

Vor dem Zentrum an der Hauptstraße drängen sich die Kunden, stöbern durch Kleidung, warten darauf, Handys zu bekommen. In den Räumen, die fast schon einem kleinen Supermarkt ähneln, sortieren seine Helferinnen die Sachspenden und füllen Shampoo aus Großbehältern in Marmeladengläser ab. In den Regalen stapeln sich Windeln für Erwachsene, Badezimmerutensilien und Bügeleisen, Wasserkocher, Küchenmaschinen und Rasierer. Jason, ein hagerer Mann in hellblauem Hemd, bekommt von einem Mitarbeiter gerade Kopfhörer, damit er es bei dem Lärm in seiner Notunterkunft aushält. Er wurde nach 17 Jahren Gefängnis für eine tödliche Messerstecherei entlassen und will seine Ruhe haben. "Da stand ich auf der Straße, wurde von Wohnung zu Wohnung abgeschoben. Jetzt fang ich neu an", sagt Jason. Lawrence schickt niemanden weg, alle dürfen kommen. Er arbeitet rund um die Uhr, ist glücklich, aber erschöpft. Die traurigen Geschichten seiner Kunden machen ihm zu schaffen, mehr noch, wenn er seinen Mitarbeitern, fast alles Geflüchtete, durch ihre Depressionen helfen muss. Aber er macht weiter.

Coran hingegen hört auf. Nach acht Jahren reicht es ihr. "Unsere Tätigkeit sollte eine Zwischenlösung für wenige Notfälle in der Bevölkerung sein", sagt sie. "Jetzt werden wir vom Staat zu notwendigen Dienstleistern erklärt und übernehmen die Versorgung ganzer Stadtteile." Sie sieht, wie sich der Staat auf die Arbeit der Hilfsorganisationen verlässt, gleichzeitig aber die Spenden zurückgehen. "Die Leute haben kein Geld mehr. Sie können sich die Spenden nicht mehr leisten", sagt Coran. Sie hofft, dass von der Politik für diesen Winter eine Lösung gefunden wird. "Wir sind hier die sogenannte erste Welt und kein Entwicklungsland. Eigentlich sollte es uns ja gar nicht geben", meint sie.


Aus: "Armut in Großbritannien: "Ich sitze abends im Dunkeln, um Energie zu sparen"" Bettina Schulz, London (29. August 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2022-08/grossbritannien-armut-inflation-energiekosten/komplettansicht

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Joern.R #32  —  vor 4 Stunden

"Das spiegelt die Armut eines Landes wider, in dem ein Großteil der Arbeitsbevölkerung nur noch den Mindestlohn verdient und dies oft nur über sogenannte Nullstundenverträge, die keine festen Arbeitszeiten und keine Absicherung gegen Krankheit oder Berufsunfähigkeit gewähren."

Während der Proprieratismus...

"Proprietarismus (frz. propriétarisme von propriété, Eigentum bzw. propriétaire, Eigentümer) ist ein durch den französischen Ökonomen Thomas Piketty bekannt gewordener Begriff für ein politisch-ökonomisches System, das die Ungleichheit der Vermögen vergrößert, sowie eine Ideologie, die auf Eigentumsrechte fixiert ist, diese Ungleichheit fördert und ethisch-moralisch rechtfertigt. Nach Piketty hat sich die Welt seit den 1990er Jahren hin zu einem „hyper-inegalitären“ Zustand entwickelt, einem Zustand maximaler Vermögensungleichheit, wozu Steuer-, Erbschafts- und Aktienrecht sowie der Wegfall der Systemkonkurrenz und der Niedergang der Arbeiterbewegung beigetragen haben, neuerdings auch die Vermögenspreisinflation infolge des Zinsverfalls nach der Finanzkrise 2008. Diese Entwicklung werde durch eine Quasi-Sakralisierung des Eigentums als unantastbares Verfassungsgut gefördert ..."
https://de.wikipedia.org/wiki/Proprietarismus | https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Piketty

in Großbritannien wie in allen industrialisierten Staaten wie auch im Globalen Süden stets neue Höhepunkte erreicht und feiert. In GB besonders auffällig anhand der extrem hohen Quote des Eigentumbesitzes im Immobilienbereich, welche in den letzten Jahren aber aufgrund immer mehr Menschen nicht zur Verfügung stehenden ausreichenden Kapitals unmöglich wird...
https://www.zeit.de/wirtschaft/2017-09/grossbritannien-immobilien-immobilienpreise-finanzkrise-altersvorsorge/komplettansicht

zumal das britische Rentensystem, generell das Sozialsystem nur das Allernotwendigste deckt, umfassende (wenngleich auch zunehmend reduzierte) Kompensationsmaßnahmen inegalitärer Einkommens- und Kapitalverteilungen in anderen Ländern deutlich effektiver sind.

Da kann aus den der öffentlichen Hand ebenfalls reduzierten zur Verfügung stehenden Mitteln noch soviel umverteilt werden, in Gänze reicht es nicht aus für eine aus Aspekten der Gerechtigkeit eigentlich notwendige Zuwendung, zumal in GB immer noch die Nachwehen (oder immer noch Wehen(?)) der strikt neoliberal orientierten Ideologie des Thatcherismus durch das Land geistern.

[Thatcherismus ist die Bezeichnung für die Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik von Margaret Thatcher, der britischen Premierministerin von 1979 bis 1990. Es handelte sich ursprünglich um einen von der marxistischen Linken verwendeten Begriff, der bereits vor Thatchers Regierungsantritt geprägt wurde. Später übernahmen Anhänger von Thatcher den Ausdruck und versahen ihn mit einer positiven Konnotation.[1] Der Thatcherismus war keine geschlossene Theorie, sondern eine Praxis, die man weder mit dem Attribut konservativ noch mit dem Attribut liberal vollständig beschreiben kann. Im Thatcherismus werden auch traditionelle Werte bzw. im britischen Kontext Viktorianische Werte betont, die in Kontrast zur permissiven Gesellschaft stehen. Mehr als andere wichtige britische Politiker (mit Ausnahme Tony Blairs) zeigte Thatcher auch öffentlich ihren christlichen Glauben und betonte die aus ihrer Sicht zentrale Rolle des Christentums im nationalen Leben.[3] Der Thatcherismus dient – in den Worten von Nigel Lawson – als politische Plattform für eine starke Betonung des freien Marktes, beschränkte Staatsausgaben und Steuersenkungen, gepaart mit britischem Nationalismus.[4] Nigel Lawsons Definition: „Freie Märkte, Finanzdisziplin, strenge Kontrolle über die öffentlichen Ausgaben, Steuersenkungen, Nationalismus, „Viktorianische Werte“ (im Sinne einer Samuel Smiles-Hilf dir selbst-Variante), Privatisierung und ein Schuss Populismus.“ ... [https://de.wikipedia.org/wiki/Thatcherismus]]


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KaiBrinkmann #26

Eine Arbeitsmarktpolitik, die Nullstundenverträge zulässt und einen viel zu großen Teil der Arbeitnehmer um den Mindestlohn herumvegetieren lässt, schafft solche neoliberalen Exzesse. 15 Milliarden Zuschuss sind nicht wenig und in der aktuellen Krise kann keine Regierung der Welt ihr Volk dauerhaft mit Zuschüssen retten.

Allerdings haben die Tories selbst die Voraussetzungen für den Niedergang von Gesundheits- und Sozialsystem geschaffen und der jahrelange Egoismus der Reichen und die mangelhafte Solidarität zerstören das restliche gesellschaftliche Fundament der Briten. Ein Wunder, dass die Leute in Resignation verfallen und nicht auf die Barrikaden gehen.

Das alles wird bei uns in ähnlichem Maße eintrete, auch wenn wir an manchen Stellen etwas besser aufgestellt sind. Leider gilt das auch für den rechten Rand, der es ähnlich wie Putin kaum erwarten kann, am gesellschaftlichen Konsens zu zündeln. Wenn die Energiepreise weiter explodieren und unsere Ampel weiter die Besserverdienenden schont, wird es auch uns um die Ohren fliegen.


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schmitzblitz #20

Und das wo die Grünen noch nicht einmal an der Regierung in Großbritannien beteiligt sind…


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francesco sappa #20.4

hey einfacher Bürger ich höre in meiner Umgebung oft so Aussagen wie:"das haben uns alles die Grünen und die linken eingebrockt".Hab auch versucht den Peoples klarzumachen daß es Parteien gibt die uns das mind, 16 Jahre lang eingebrockt haben. Die wollten oder konnten es nicht verstehen."Es sind doch eh alle Parteien gleich"!!!!kam oft als Antwort.Dann blätterte er seine Bildzeitung um.:-(


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ambjoernsen #37

Es ist allgemein bekannt, dass das britische Sozialsystem nicht an unseres heranreicht. Für Selbstgerechtigkeit gibt es aber keinen Grund. Zwar werden die Heizkosten für Menschen im Sozialleistungsbezug hierzulande übernommen. Gekniffen sind aber die vielen Millionen Menschen, die knapp über der sozialrechtlichen Bemessungsgrenze liegen. So geht die Bundesnetzagentur davon aus, dass ein durchschnittlicher 4-Personen-Haushalt, der mit Gas heizt, mit Nachzahlungen von über 3.000 Euro zu rechnen hat und das bei drastisch erhöhten laufenden Abschlägen und einer hohen Inflationsrate. Wer da keine entsprechenden Rücklagen hat, für den ist es auch kein Trost, dass es vielen Briten noch schlechter geht. Die Hilflosigkeit der Bundesregierung zeigt sich durch Almosen nach dem Gießkannenprinzip und Sparappelle wie die Nutzung von Wollpullovern im Winter, die kalte Dusche oder den Einsatz des guten alten Waschlappens. Noch haben wir den schönsten Sommer. Auch liegt die Jahresabrechnung des Energieversorgers noch nicht im Briefkasten. Die Energiekrise ist also vorerst für den einzelnen nur abstrakt. Das wird sich ändern. Niemand konnte natürlich voraussehen, dass Putin nicht tatenlos zuschaut, wie der Westen die russische Wirtschaft abwürgt und sich dann weigert, uns weiterhin in vollem Umfang mit billigem Erdgas zu versorgen. Jetzt zahlt bald jeder einzelne den Preis für die Sanktionspolitik des Westens und der Ampel. Die Solidarität mit der Ukraine wird auf eine harte Probe gestellt.


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Riau #41

Der Ultraliberalismus ist doch eine philanthropische (menschenfreundliche) Wirtschaftsphilosophie oder liege ich falsch?


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francesco sappa #41.1

.....gilt aber nur für die "Leistungsträger" und "besserverdiener/innen":-)


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G.A. Mbusia #42

"Johnson forderte die britische Öffentlichkeit vergangene Woche lediglich auf, die Briten sollten die Energiepreise als Opfer für den Krieg in der Ukraine ansehen. Die Menschen in der Ukraine müssten für die Freiheit gar mit ihrem Blut zahlen."

Nietzsche war blauäugig, als er Moral als Machtmittel allein der Schwächen gegen die Starken beschrieben hat. Es ist viel schlimmer; die Starken wenden sie ebenso an, um das Elend der Schwachen mit Weihwasser zu besprenkeln. ...


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DieHabsburgerin #47

... es gibt 13,8 Millionen ! Armustbetroffene Menschen in Deutschland, wir HABEN schon längst die gleichen Verhältnisse wie in GB..unsere Tafeln melden Aunahmestops und Haben Probleme die vielen Menshcne zu versorgen. Armut ihn Deutschand ist viel zu sehr mit Scham und Schuld belegt. Für weitere Infos gerne den Hashtag IchbinArmustbetroffen googlen und Lesen . #IchbinArmutsbetroffen


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Ollec #49

Es ist grauenhaft wie nahezu durch alle westlichen Gesellschaften der Armenbesen durchgeht, überall ist zu lesen" immer mehr reiche und immer mehr arme".
Der Kapitalismus ist meiner Meinung nach am Ende, das wird erhebliche Probleme mit sich bringen die wir uns nicht vorstellen wollen.
Bestes Beispiel ist doch die übergewinn Steuer. Da machen sich Menschen auf Kosten eines ganzen kontinents die Taschen voll, ganze Länder verarmten an allen Ecken und enden und dann kommt ein Lindner um die Ecke und schützt die auch noch.
Die Menschen wollen nicht alles Millionäre oder Milliarde sein, sie wollen ein normales auskömmliches leben wo sie Fair behandelt und entlohnt werden. Das ist doch nicht zuviel verlangt, und die oberen 20% haben soviel Geld wie teils ganze volkswirtschaften nicht, das ist nur noch krank.
Und als i-Tüpfelchen kommt der Klimawandel der uns eh alle ins verderben bringt.
Was wir brauchen ist die sozialökologische Marktwirtschaft.


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Zeitabzuhauen #49.1

Dafür haben wir nicht das politische Personal.


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Aristocats1 #52

Danke für den Artikel. Das ist Kapitalismus im Endstadium. Die Kapitalisten machen jetzt wahr, was einer der ihren (Warren Buffet) schon vor Jahren so ausgedrückt hat: "„Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen“

Das Geld ist übrigens nicht weg. Es taucht bei den wirklichen Reichen in unvorstellbaren Größenordnungen wieder auf. Das nennt man die perfekte Strategie der Umverteilung von unten nach oben.


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flaviussilva #52.1

Ich erinnere mich bei Ihren Kommentar eher an gedrucktes Gespräch zwischen einem von sich selbst überzeugten Anglo-Amerikaner (so genau weiß ich es nicht mehr), war bei einem Hedgefonds) und einem Deutschen (Banker), fand noch vor der Finanzkrise (Lehmann Brothers und die Folgen) statt.

Der Anglo-Amerikaner wollte den Deutschen von der Übernahme des dortigen Modells überzeugen. Auf Einwände des Deutschen, dass dies einige Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft mit sich bringen würde, die für entsprechende Leute wohl auch Reaktionen aus der Bevölkerung nach sich ziehen würden. Antwortete der Anglo-Amerikaner, die würden sich an Ungerechtigkeiten schon gewöhnen, sei bei Ihm zuhause ja auch nicht anders. Worauf einige, seiner Meinung, nach nötigen Maßnahmen erfolgten wo in Deutschland um zu setzen seien.

Darauf der Deutsche, er wisse was dann passieren würde, nur ein Detail könne er nicht voraussagen. Erfreut meinte der Anglo-Amerikaner, wenn es nur ein Details gebe, dann könne man ja sofort mit der Umsetzung beginnen, das würde sich schon klären, was ist es denn für ein Detail?

Der Deutsche, Oh ich kann beim besten Willen nicht sagen ob der Mob wo mich dann durch die Straßen zerrt, dabei die Internationale singt oder das Horst-Wessel-Lied.


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[Armut, Hunger, ... (Notizen)]
« Reply #254 on: October 13, 2022, 11:45:23 AM »

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[...] Etwa 830 Millionen Menschen weltweit müssen hungern. Das geht aus dem aktuellen Welthungerindex der Welthungerhilfe vor. Demnach machen Konflikte, die Klimakrise und die Corona-Pandemie Fortschritte bei der Hungerbekämpfung zunichte, hinzu kommen strukturelle Ursachen. Der Krieg in der Ukraine habe die Lage zusätzlich deutlich verschärft.

https://www.welthungerhilfe.de/hunger/welthunger-index

Laut Welthungerhilfe erhöhte sich im Vergleich zum Vorjahr die Zahl der weltweit hungernden Menschen von 811 auf bis zu 828 Millionen. Unter akutem Hunger litten den Angaben zufolge 193 Millionen Menschen. Die Folgen des Krieges in der Ukraine sind dabei noch nicht statistisch eingeflossen. "Der Krieg in der Ukraine – mit seinen Auswirkungen auf die weltweite Versorgung mit Nahrungsmitteln, Düngemitteln, Treibstoffen und deren Preise – verwandelt eine Krise in eine Katastrophe", heißt es im Welthungerindex. Grund dafür sind die steigenden Getreidepreise, da die Ukraine durch den Krieg deutlich weniger Getreide exportiert.

Für ihren Report erstellte die Welthungerhilfe basierend auf den Indikatoren Unterernährung, Kindersterblichkeit, sowie Auszehrung und Wachstumsverzögerung bei Kindern eine Rangliste von 121 Ländern. Auf dem letzten Platz war dabei der von einem Bürgerkrieg betroffene Jemen, wo 41,4 Prozent der Bevölkerung unterernährt waren. In 35 Ländern wurde die Hungerlage als ernst und in neun als sehr ernst eingestuft.   

Die höchsten Hungerraten herrschen laut Welthungerhilfe in Südasien und Afrika südlich der Sahara. Besonders dramatisch ist demnach die Lage am Horn von Afrika, wo es die schlimmste Dürre seit vier Jahrzehnten gibt. In Somalia erlebten Menschen in einigen Regionen bereits eine lebensbedrohliche Hungersnot.

In Lateinamerika und der Karibik gilt das Hungerniveau als insgesamt niedrig. Eine Ausnahme ist dabei Haiti, das Platz 116 auf dem Welthunger-Index belegt und wo 47,2 Prozent der Bevölkerung unterernährt sind. In dem Karibikstaat ist die Sicherheits-, Gesundheits- und Versorgungslage so ernst, dass die Regierung die UN um Hilfe durch eine bewaffnete internationale Truppe gebeten hat.

Eine schlechte Ernte, Inflation und Getreideknappheit durch den Ukraine-Krieg verschärfen die prekäre Ernährungssituation vieler Menschen in Haiti, wie die Landesdirektorin der Welthungerhilfe in Haiti, Annalisa Lombardo, in einem Lagebericht schrieb. Dringende Hilfe werde durch Blockaden und Benzinmangel behindert.

Wie im Welthunger-Index beschrieben, verschlimmern in Haiti und anderswo aktuelle Konflikte und Krisen bereits bestehende Probleme. So würden weltweit chronische Schwachstellen in den Ernährungssystemen offenbart. Die Welthungerhilfe verfolgt das Ziel, die Nahrungsversorgung gerechter, nachhaltiger und widerstandsfähiger zu machen, sowie akute Notlagen durch Aufstockung finanzieller Ressourcen abzumildern.

Die Programmdirektorin der Welthungerhilfe, Bettina Iseli, sagte im ARD-Morgenmagazin, es müsse "absolute Priorität" haben, den weltweiten Hunger bis zum Jahr 2030 zu besiegen, so wie es ein UN-Ziel fordert. Ausreichende und gesunde Ernährung sei ein "Menschenrecht, das jeder Mensch hat", sagte sie. Eine Strategie um den Hunger zu bekämpfen ist Iseli zufolge eine Diversifizierung beim Getreideanbau, um die Abhängigkeit vom Weizen zu reduzieren. Lokale und klimaresiliente Getreidearten könnten hier mehr Nahrungssicherheit schaffen.


Aus: "Zahl der Hungernden hat weltweit zugenommen" (13. Oktober 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2022-10/welthunger-index-welthungerhilfe-zahl-hungernder-zunahme

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[Armut ... (Notizen)]
« Reply #255 on: November 26, 2022, 11:04:03 AM »

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[...] Eine wachsende Zahl von Rentnerinnen und Rentner bezieht zusätzlich zur Rente Leistungen aus der sozialen Grundsicherung. Das berichtet das "RedaktionsNetzwerk Deutschland" unter Berufung auf eine Aufstellung des Statistischen Bundesamtes. Im Juni des laufenden Jahres erhielten demnach bundesweit fast 628.600 Menschen im Rentenalter Grundsicherungsleistungen. Das seien rund 51.000 Menschen mehr als noch im Juni 2021. ...


Aus: "Armut unter Rentnern wächst" (Stand: 24.10.2022)
Quelle: https://www.tagesschau.de/inland/rentner-grundsicherung-103.html

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[...] Wer in Deutschland studiert, ist deutlich stärker von Armut bedroht als der Rest der Bevölkerung. 2021 waren 37,9 Prozent der Studierenden armutsgefährdet. Zum Vergleich: In der Gesamtbevölkerung lag dieser Wert im vergangenen Jahr nur bei 15,8 Prozent. Das teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden im Vorfeld des Weltstudierendentags mit. Noch höher war das Armutsrisiko bei Studierenden, die allein oder ausschließlich mit Kommilitonen zusammenlebten - demnach galten 76,1 Prozent als armutsgefährdet.

Das Bundesamt gab die Zahlen anlässlich des Weltstudierendentags bekannt und bezog sich dabei auf erste Ergebnisse der Erhebung zu Einkommen und Lebensbedingungen (EU-SILC). Eine Person gilt demnach als armutsgefährdet, wenn sie über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung verfügt. 2021 lag dieser Schwellenwert für eine alleinlebende Person in Deutschland bei 15.009 Euro netto im Jahr oder 1251 Euro im Monat.

 Studenten mussten bei den Kosten für Wohnraum besonders tief in die Tasche greifen: So lag der durchschnittliche Anteil der Wohnkosten am verfügbaren Haushaltseinkommen für Studierende bei 31,6 Prozent und damit deutlich über der Wohnkostenbelastung der Gesamtbevölkerung mit 23,3 Prozent.

Wer allein oder in Wohngemeinschaften mit anderen Studierenden lebte, musste im Schnitt gut die Hälfte (51,1 Prozent) des verfügbaren Einkommens für Wohnkosten aufbringen. "Liegt die Wohnkostenbelastung auch nach Abzug möglicherweise erhaltener wohnungsbezogener Transferleistungen noch bei mehr als 40 Prozent, gelten Haushalte als überbelastet", so das Statistikamt. Im vergangenen Jahr lebte knapp ein Viertel der Studierenden in Haushalten, auf die das zutraf.

 Wie schwierig die Lage vieler Studierender ist, zeige sich laut den Statistikern auch darin, dass 38,5 Prozent bereits im vergangenen Jahr - und damit vor der Energiekrise - in Haushalten lebten, die nicht in der Lage waren, unerwartete größere Ausgaben aus eigenen finanziellen Mitteln zu stemmen - in der Gesamtbevölkerung war es knapp ein Drittel.

Die Bundesregierung hatte im September ein drittes Entlastungspaket als Ausgleich für die rasant steigenden Preise vorgestellt. Zu den Maßnahmen zählen auch Einmalzahlungen an Studierende. Damit sollen zusätzliche Belastungen, etwa durch eine größere Nachzahlung infolge der stark gestiegenen Preise für Energie, abgemildert werden.

 Dem Deutschen Studentenwerk (DSW) reicht das nicht. Die Bundesregierung müsse nachlegen, teilte das DSW in einer Pressemitteilung mit. Bei den Direkthilfen und Bafög müsse nachgebessert werden. "Studierende stehen in diesem Wintersemester vor einer dramatischen sozialen Notlage", sagte Matthias Anbuhl, Generalsekretär des DSW. "Sie kommen finanziell und psychisch auf dem Zahnfleisch aus der Corona-Pandemie - und wissen angesichts explodierende Preise oftmals nicht, wie sie nun Strom, Gas und Lebensmittel bezahlen sollen."

Das studentische Budget sei in aller Regel extrem auf Kante genäht, nun drohe diese Naht zu reißen. Gerade beim Bafög bestehe großer Handlungsbedarf: Grundbetrag und Wohnkostenpauschale müssten erhöht und die Sozialleistung automatisch an die Inflation angepasst werden. Das sei die beste Armutsprophylaxe.


Aus: " Statistisches Bundesamt Viele Studierende armutsgefährdet" (Stand: 16.11.2022)
Quelle: https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/studierende-armutsgefaehrdet-101.html

"Armutsgefährdete Studierende: Bundesregierung muss nachlegen" (16.11.2022)
https://www.studentenwerke.de/de/content/armutsgef%C3%A4hrdete-studierende-bundes

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[...]  Susanne Hansen sitzt im Frühjahr 2022 vor ihrem Computer und hat Angst. Angst davor, dass es Nachteile für ihre Familie haben könnte, wenn sie öffentlich von ihrem Leben erzählt - einem Leben in Armut. Denn sie schämt sich und sie kennt die Vorurteile: Arme seien faul, hätten es sich in der "sozialen Hängematte" bequem gemacht. Doch dann schreibt sie, über ihre Trennung, ihre zwei kranken Kinder und darüber, wie die Familie in Hartz IV rutschte. Ihre Geschichte ist eine von Hunderttausenden, erzählt auf Twitter unter dem Hashtag ichbinarmutsbetroffen.

Nutzer berichten, wie sie neidvoll auf gefüllte Teller in Restaurants blicken, wie sie aus Geldnot geliebte Gegenstände verkaufen müssen, sich am Monatsende kein Essen mehr leisten können und von der Sorge vor der nächsten Stromrechnung. Beispiele, die zeigen, was es heißt, arm zu sein, in einem reichen Land wie Deutschland.

Ein Forschungsgebiet von Holger Schoneville, Juniorprofessor für Sozialpädagogik an der Universität Hamburg. Gemeinsam mit Studierenden untersucht er die Tweets zur Armut. ...


Aus: "#ichbinarmutsbetroffen - Wie ein Hashtag Armut sichtbarer macht" (Stand: 30.10.2022)
Quelle: https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/armut-151.html


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[...] Die Armutsquote in Deutschland ist im vergangenen Jahrzehnt weiter gestiegen. Ein Drittel größer wurde der finanzielle Abstand für Haushalte unterhalb der Armutsgrenze. Eine Studie erkennt darin eine Gefahr für die Demokratie.

In Deutschland leben immer mehr Menschen in Armut. Zu diesem Ergebnis kommt der jüngste Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Die Quote der sehr armen Menschen, die weniger als 50 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben, ist demnach zwischen 2010 und 2019 um gut 40 Prozent gestiegen. Der finanzielle Rückstand von Haushalten unterhalb der Armutsgrenze habe sich um ein weiteres Drittel vergrößert.

https://www.wsi.de/de/faust-detail.htm?sync_id=HBS-008464 (2022)

 "Der soziale Stresstest hält wegen Rekordinflation und Corona-Pandemie weiter an", so WSI-Direktorin Bettina Kohlrausch. Schon in wirtschaftlich stabilen Zeiten sei der Rückstand der armen Teile der Bevölkerung immer weiter gewachsen und habe die gesellschaftliche Teilhabe für viele spürbar eingeschränkt.

Als arm gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens in Deutschland zur Verfügung hat. Für eine alleinstehende Person waren das 2021 laut statistischem Bundesamt 1251 Euro pro Monat. Anfang des vergangenen Jahrzehnts waren noch 14,3 Prozent der Menschen statistisch betrachtet arm. Im Jahr 2019 lag der Wert dann bei 16,8 Prozent.

Wenig Geld zur Verfügung zu haben wirkt sich demnach in allen Lebensbereichen aus. Haushalte mit einem Einkommen unter 2000 Euro netto im Monat hätten "einen schlechteren Gesundheitszustand, geringere Bildungschancen, und sind insgesamt mit ihrem Leben unzufriedener", so Kohlrausch. Das durchschnittliche Nettoeinkommen pro Haushalt betrug 2018 rund 3700 Euro pro Monat.

Einkommen privater Haushalte (14.10.2020)
Nach Einkommensgruppen (netto) und Einkommensquellen (brutto), 2018
https://www.bpb.de/kurz-knapp/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61754/einkommen-privater-haushalte/#:~:text=Das%20Nettoeinkommen%20der%20Privathaushalte%20in,Euro%20(durchschnittlich%207.607%20Euro).

 Menschen mit wenig verfügbarem Einkommen verzichteten schon vor der Krise besonders oft auf Alltägliches. Zum Beispiel das angemessene Heizen der Wohnung oder der Neukauf von Kleidung und Schuhen. Über eine Urlaubsreise denkt nur jeder zweite Haushalt mit niedrigem Einkommen überhaupt nach.

Die stark gestiegenen Kosten seit 2020 führen demnach auch dazu, dass immer mehr Menschen mit mittleren Einkommen einen deutlichen Spardruck spüren und ebenfalls viel verzichtet oder zumindest eingeschränkt wird. Bei Haushalten bis 3500 Euro Nettoeinkommen will rund jeder Dritte beim Lebensmitteleinkauf kürzertreten.

 Frühere Befragungen haben es bereits aufgezeigt, die aktuelle Studie des WSI zeigt es aber nochmals deutlich: Wer wenig am Wohlstand einer Gesellschaft teilhaben kann, neigt eher dazu das System als ganzes in Frage zu stellen.

Nur rund zwei Drittel der Menschen unterhalb der Armutsgrenze halten die Demokratie für die beste Staatsform. 59 Prozent finden, die Demokratie in Deutschland funktioniert gut. Das seien 11 Prozentpunkte weniger als in der Gesamtbevölkerung. "Armut und soziale Polarisierung können unsere Gesellschaft in ihren Grundfesten ins Wanken bringen", vor allem wenn sie sich verfestigten, so Kohlrausch.


Aus: " Studie Armut in Deutschland stark gestiegen" (Stand: 24.11.2022)
Quelle: https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/armut-in-deutschland-stark-gestiegen-101.html
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