• Welcome to COMMUNICATIONS LASER #17. Please log in.

[Versprengte Notizen zum Krieg... ]

Started by Textaris(txt*bot), July 12, 2006, 01:04:52 PM

Previous topic - Next topic

0 Members and 1 Guest are viewing this topic.

Textaris(txt*bot)

Quote[...] Sasha Skochilenko, 33, an artist from St Petersburg, has been in detention since April last year.

She was convicted of spreading "false information" about the Russian army.

Her lawyers pleaded for her acquittal, saying that chronic illnesses she suffers from mean she is at risk of dying in prison.

Weeks after Russia's full-scale invasion of Ukraine, Ms Skochilenko protested by replacing supermarket labels in a St Petersburg supermarket with anti-war messages, a small act called for by a feminist collective.

The replacement labels read: "The Russian army bombed an art school in Mariupol. Around 400 people were hiding inside," and: "My great grandfather did not fight in WWII for four years so that Russia could become a fascist state and attack Ukraine."

Ms Skochilenko admitted the charges.

In her closing statement, the artist struck a defiant tone, asking the court: "How little faith does our prosecutor have in our state and society if he thinks that our statehood and public security can be ruined by five small pieces of paper?"

"Say what you want - I was wrong, or I was brainwashed," she said. "I will stand by my opinion and my truth."

Skochilenko was convicted of "discrediting the Russian army" under repressive laws adopted in the wake of the invasion.

The legislation effectively criminalises all anti-war activism.

The trial lasted a year and a half, apparently because it was one of the first to be brought under the new laws.

"At first, the investigation took a long time. Prosecutors needed to find some evidence somewhere," said her lawyer Yana Nepovinnova.

Sasha Skochilenko's sister Anna told the BBC that her sibling was "a symbol of everything the [Russian] authorities hate".

"She is artistic, fragile, lesbian, has a Ukrainian surname," Anna Skochilenko said.

She said she was terrified that her sister's chronic health conditions meant there was a risk of her dying in prison. Skochilenko has been diagnosed with coeliac disease as well as a heart defect that causes her heart to stop beating for two to three seconds.

Russian President Vladimir Putin has overseen an unprecedented crackdown on domestic opposition in parallel with the full-scale invasion of Ukraine. The laws used to convict Ms Skochilenko have been used to target scores of critics of his rule.

Last month, journalist Marina Ovsyannikova, who protested against the invasion of Ukraine live on state TV, was convicted to 8.5 years in jail in absentia.

In April, British-Russian opposition activist Vladimir Kara-Murza was sentenced to 25 years for his criticism of the war.


From: "Ukraine war: Russian artist Sasha Skochilenko jailed for anti-war messages" Anastasia Golubeva and Ido Vock (16.11.2023)
Source: https://www.bbc.com/news/world-europe-67437171


Alexandra Jurjewna Skotschilenko
Alexandra Jurjewna Skotschilenko, auch Sascha Skotschilenko (Aleksandra ,Sasha' Skochilenko; * 13. September 1990 in Leningrad, heute Sankt Petersburg), ist eine russische Künstlerin, Musikerin und Aktivistin gegen den russischen Überfall auf die Ukraine. Seit April 2022 ist sie in Russland in Haft. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Alexandra_Jurjewna_Skotschilenko

Wladimir Wladimirowitsch Kara-Mursa
Am 17. April 2023 wurde Kara-Mursa aufgrund seiner öffentlichen Kritik am Ukraine-Krieg wegen Hochverrats zu 25 Jahren Strafkolonie verurteilt, der möglichen Höchststrafe ... . Ein Gericht in Moskau unter Vorsitz des Richters Sergei Podoprigorow urteilte, er sei des Hochverrats sowie weiterer Vergehen wie der Verbreitung von ,,Falschinformationen über die Armee" und Arbeiten für eine ,,unerwünschte" Organisation schuldig...
https://de.wikipedia.org/wiki/Wladimir_Wladimirowitsch_Kara-Mursa

...

Textaris(txt*bot)

Quote[...] Die Einnahmen der 100 größten Rüstungskonzerne der Welt sind trotz des Ukrainekriegs zurückgegangen. Sie lagen 2022 laut einem am Montag vom Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri veröffentlichten Bericht bei 597 Milliarden Dollar (rund 543,4 Milliarden Euro), was im Vergleich zum Vorjahr einem Minus von 3,5 Prozent entspricht. Grund sind Kapazitätsprobleme. Gleichzeitig haben die Firmen deutlich mehr Aufträge akquiriert. Sipri rechnet deshalb für die kommenden Jahre mit beträchtlich höheren Gewinnen.

Am stärksten zu den Einnahmerückgängen trugen Unternehmen in den USA und Russland bei. US-Rüstungsfirmen verzeichneten laut Sipri Einnahmen von zusammen 302 Milliarden Dollar. Das entsprach einem Rückgang von 7,9 Prozent. Russische Firmen hatten einen Rückgang von 12 Prozent zu verkraften. Die vier deutschen Firmen auf der Sipri-Liste - Rheinmetall, ThyssenKrupp, Hensoldt und Diehl - meldeten dagegen ein durchschnittliches Plus von 1,1 Prozent. Für transeuropäische Unternehmen wie Airbus errechnete Sipri Einnahmen von 19,7 Milliarden Dollar und einen Zuwachs von 9,6 Prozent. Auch Unternehmen in Israel, der Türkei und Südkorea verzeichneten höhere Einnahmen.

Sipri erklärte, wegen der russischen Invasion in die Ukraine und weltweiter Spannungen sei die Nachfrage nach Waffen und Rüstungsgütern 2022 in die Höhe geschnellt. Die Unternehmen hätten derzeit jedoch zu wenig Kapazitäten. ,,Viele Rüstungsfirmen sind beim Umstellen der Produktion auf hochintensive Kriegsführung auf Hindernisse gestoßen", sagte Sipri-Rüstungsexpertin Lucie Béraud-Sudreau.

In Nordamerika und Europa brauchten viele Unternehmen lange, um ihre Produktion auszuweiten. Damit hätten sie schon vor dem Ukrainekrieg Schwierigkeiten gehabt. Ein Teil ihrer unerledigten Aufträge stamme noch aus dieser Zeit. Dazu kämen Rohstoffknappheit, die steigende Inflation sowie die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Lieferketten und die Personalsituation. Die 2022 eingegangenen Aufträge würden sich wohl erst in zwei bis drei Jahren in den Bilanzen der Unternehmen niederschlagen, sagte Sipri-Forscher Nan Tian.

2022 hatte der Ukraine-Krieg praktisch keine Auswirkung auf die Einnahmen der größten US-Rüstungsfirmen. Sie arbeiteten immer noch Aufträge aus der Zeit vor dem Krieg ab. So ist General Dynamics zwar das einzige Privatunternehmen in den USA, das 155-Millimeter-Granaten herstellt, die in der Ukraine massenweise verschossen werden. Dennoch verzeichnete es 2022 einen Einnahmerückgang um 5,6 Prozent und erklärte, man sehe lediglich Signale für eine höhere Nachfrage. Der Raketenspezialist Lockheed Martin schob einen Auftragsberg von 150 Milliarden Dollar vor sich her, verzeichnete jedoch einen Einnahmerückgang von 8,9 Prozent und rechnete angesichts der langen Produktionszyklen nicht mit kurzfristigen Einnahmesteigerungen wegen des Ukrainekrieges.

Deutsche Rüstungsunternehmen verzeichneten immerhin ein Einnahmeplus. Sie nahmen 9,1 Milliarden Dollar ein, wobei nur ThyssenKrupp einen Rückgang verzeichnete. Die Rüstungseinnahmen von Airbus stiegen um knapp 1,7 Milliarden auf gut 12 Milliarden Dollar. Das war ein Plus von 17 Prozent.

Unternehmen im Nahen Osten und Ostasien waren auf die verstärkte Nachfrage anscheinend besser vorbereitet. Die israelische Rüstungsfirma Rafael, Baykar aus der Türkei und das südkoreanische Unternehmen Hyundai Rotem meldeten steigende Einnahmen vor allem durch Aufträge aus Europa. Bei Baykar stiegen sie sogar um 94 Prozent. Türkische Unternehmen profitierten auch von Waffenlieferungen in den Nahen Osten.

,,Unternehmen in China, Indien, Japan und Taiwan haben alle von anhaltenden Investitionen der Regierung in die Modernisierung des Militärs profitiert", sagte Sipri-Experte Xiao Liang. Solche Firmen hätten in der Regel ein starkes Netz lokaler Zulieferer und könnten so Unterbrechungen der globalen Lieferkette abmildern und auf zusätzliche Aufträge schneller reagieren. Rafael hat auch ein Werk in Deutschland.

Insgesamt lagen die Einnahmen der 100 weltgrößten Rüstungsunternehmen 2022 nach Sipri-Angaben trotz des Rückgangs immer noch deutlich über denen von 2015, als das Institut erstmals chinesische Unternehmen in seine Top-100-Liste aufnahm. Die größte Gruppe stellen nach wie vor US-Unternehmen, von denen 42 auf der Liste stehen, die 51 Prozent der Gesamteinnahmen erwirtschafteten. Auf Platz zwei folgten chinesische Firmen, die einen Einnahmezuwachs von 2,7 Prozent auf 108 Milliarden Dollar meldeten und damit 18 Prozent der Gesamteinnahmen für sich verbuchten.

Von russischen Unternehmen gab es laut Sipri nur wenige Daten. Daher wurden 2022 nur zwei von ihnen in die Liste aufgenommen. Sie verzeichneten einen Einnahmerückgang von 12 Prozent auf 20,8 Milliarden Dollar. Als wichtigste Gründe nannte Sipri die hohe Inflation und den Rückgang russischer Waffenexporte. Außerdem arbeiteten die Firmen Rüstungsbestände aus Sowjetzeiten auf, was nicht so gut bezahlt werde. (dpa)


Aus: "Sipri-Bericht verzeichnet hohe Nachfrage nach Waffen: Rüstungsindustrie kann sich vor Aufträgen kaum retten" (04.12.2023)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/sipri-bericht-bilanziert-hohe-nachfrage-nach-waffen-rustungsindustrie-kann-sich-vor-auftragen-kaum-retten-10875952.html

Textaris(txt*bot)



Quote[...] Arnd Pollmann lehrt als Professor für Ethik und Sozialphilosophie an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin. Zuletzt erschien von ihm Menschenrechte und Menschenwürde – Zur philosophischen Bedeutung eines revolutionären Projekts (Suhrkamp, 2022).

Es ist noch gar nicht lange her, da sah die Welt euphorisch einem globalen Siegeszug der Menschenrechte entgegen. Was am 10. Dezember 1948 in Paris mit der Verkündung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte begonnen hatte, schien spätestens mit dem Fall der Berliner Mauer und der Überwindung des Kalten Krieges in ein "Ende der Geschichte" zu münden: In Zukunft würde es kein um internationale Achtung bemühter Staat mehr wagen, sich offen gegen die Idee eines sowohl national wie völkerrechtlich überwachten Menschenrechtsschutzes auszusprechen. Eingebunden in eine globale Staatenwelt gegenseitiger Kontrolle, sollte sich fortan jede politische Herrschaft an der Präambel jener Allgemeinen Erklärung messen lassen, der zufolge die "Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unverlierbaren Rechte aller Mitglieder der menschlichen Gemeinschaft die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt bildet".

Zwei Jahre lange hatte die von Eleanor Roosevelt geleitete UN-Expertenkommission um geradezu jede Formulierung dieser Erklärung gerungen. Schon damals erlaubte die Blockkonfrontation zunächst nur eine völkerrechtlich unverbindliche Absichtserklärung, die dann erst im Jahr 1966 in verbindliche Verträge umgemünzt werden konnte. Das bahnbrechend Neue an der Allgemeinen Erklärung war weniger die bereits seit dem 18. Jahrhundert geläufige Einsicht, dass legitime Herrschaft unter dem inneren Vorbehalt des Schutzes basaler Individualrechte steht. Revolutionär neu war die äußere Selbstverpflichtung souveräner Nationalstaaten, sich dabei fortan auf die Finger schauen zu lassen. Nach zwei Weltkriegen und dem nationalsozialistischen Zivilisationsbruch gab der UN-Menschenrechtsschutz das Versprechen ab, ein global koordiniertes Bollwerk gegen nationalstaatliche Willkür zu errichten, weil, so heißt es in der Präambel, "die Nichtanerkennung und Verachtung der Menschenrechte zu Akten der Barbarei geführt haben, die das Gewissen der Menschheit mit Empörung erfüllen".

Doch das vermeintliche Ende der Geschichte währte nur kurz. Schon bald nach 1989 setzte eine desaströse und bis dato nicht abreißende Serie globaler Desillusionierungen ein. Neue Kriege, Staatenzerfall, Völkermord, Terrorismus, Flucht, Klimakrise, Rechtspopulismus und Corona: Mit zunehmenden Vertrauensverlusten in den demokratischen Rechtsstaat schwanden zeitgleich auch einstige Hoffnungen auf eine internationale Ordnung zum Schutze des Friedens und der Menschenrechte. Die aktuellen Kriege in der Ukraine und in Gaza wirken da bloß wie allerletzte Nägel auf dem Sarg des UN-Schutzregimes. Die Strahlkraft dieser "letzten Utopie", wie es beim Rechtshistoriker Samuel Moyn heißt, sei endgültig verblasst. Die Menschenrechte seien eine Art "Kirche", die ihrer "Endzeit" entgegenblickt, sagt etwa der Politikwissenschaftler Stephen Hopgood.

Doch wie genau ist dieser Trend zum pessimistischen Abgesang zu erklären? Mit der kriegerischen Gewalt in der Ukraine und in Gaza drängt sich zunächst ein neuer weltpolitischer Realismus auf. Das dortige Grauen lässt den menschenrechtlichen Humanismus realitätsfern und idealistisch erscheinen. Was nützt den Opfern von russischer Invasion und Hamas das am Ende folgenlose Pochen auf Menschenrechte, wenn gegen rohe Gewalt letztlich nur handfeste Gegengewalt zu helfen scheint? Die Menschenrechte sind in ihrer Durchsetzung von völkerrechtlichen Selbstbindungen souveräner Staaten abhängig. Unter diesen greift derzeit eine neue Bereitschaft um sich, geltendes Völkerrecht schlicht zu ignorieren, falls dies der eigenen Selbsterhaltung dient. Wer da "Menschenrechte" ruft, wird belächelt oder auf bessere Zeiten vertröstet.

Erschwerend hinzu kommt die fatale Schwäche der UN, auf deren Zukunft derzeit kaum noch jemand einen Cent zu setzen gewillt ist. Die Friedensmissionen in Osttimor, Liberia oder Sierra Leone mögen erfolgreich gewesen sein. Aber was ist mit Ruanda, Srebrenica, Irak, Mali, Syrien, Afghanistan? Mit der Ukraine und nun Gaza? Das sich wiederholende UN-Versagen, das die Menschenrechte wie zahnlose Papiertiger erscheinen lässt, hat zum einen mit Konstruktionsfehlern im Sicherheitsrat zu tun, die es den Großmächten ermöglichen, jede für sie ungünstige Resolution per Veto zu blockieren. Zum anderen ist die Organisation bis in das höchste Spitzenamt von Generalsekretär António Guterres derart rückgratlos besetzt, dass sie sich, wie sonst nur die Fifa, von der arabischen Welt dirigieren lässt. In 2022 etwa hat die UN-Generalversammlung allein 15 Resolutionen gegen Israel lanciert – mehr als gegen alle anderen Staaten zusammen.
Der Ukraine-Krieg und die Hamas-Massaker haben zudem einen Trend verstärkt, der sich bereits im Zuge der auf den 11. September 2001 folgenden Kriege in Irak und Afghanistan andeutete: Immer häufiger verleiten solche Großkonflikte zu einem bekenntnishaften Freund-Feind-Denken. Man ist entweder bedingungslos für die Ukraine oder aber ein "Putinknecht". Man steht entweder vorbehaltlos an der Seite Israels oder sympathisiert mit der Hamas. Menschenrechtlich betrachtet ist diese einseitige Parteinahme deshalb problematisch, weil dabei der für die Menschenrechte zentrale Grundgedanke verloren geht: Nicht nur manche, sondern strikt alle Menschen sind als fundamental gleichwertig zu achten.

Doch spielt die Menschenrechtsrhetorik mitunter auch selbst eine unrühmliche Rolle. Es ist auf zynische Weise bezeichnend für deren "Erfolg", dass heute selbst autoritäre Gewaltherrscher nicht ohne den rhetorischen Rückgriff auf völkerrechtliche Schutzansprüche auskommen, wenn sie ihrerseits eine direkt menschenrechtsfeindliche Politik zu rechtfertigen versuchen. Man denke an Putin, der den Einmarsch in die Ukraine mit einem mutmaßlichen "Genozid" an der russischsprachigen Bevölkerung begründete. Und auch hinter dem – in der Sache berechtigten – Hinweis auf gleiche fundamentale Rechte der Menschen in Gaza versteckt sich nicht selten der Versuch einer nachträglichen Relativierung der bestialischen Hamas-Massaker vom 7. Oktober.
Zugleich ist dieser rhetorische Missbrauch, der auch schon den Irak-Krieg herbeiführen half, mitverantwortlich dafür, dass die universellen Menschenrechte heute wieder verstärkt als westliche Geheimwaffe geframet werden; so als ginge es hinterrücks bloß darum, Partikularinteressen der USA durchzusetzen. Wahlweise gelten die Ukraine und der vermeintliche Siedlerkolonialismus Israels dann als imperial verlängerte Arme der USA im osteuropäischen und arabischen Raum. Mal neurechts argumentierend, mal postkolonial, skandalisiert diese Kritik an US-amerikanischer Hegemonie mit den westlichen Verstrickungen in historisches Unrecht die universellen Rechte gleich mit.

Innenpolitisch macht sich dieser Anti-Universalismus vor allem in der Migrationsdebatte bemerkbar, und zwar vor allem in rechtspopulistischen Milieus. Die vermeintliche Überlegenheit des Eigenen soll gegen Veränderung von außen abgeschottet werden. Reaktionäre Angriffe auf den Rechtsstaat, wie man sie hierzulande vor allem von der AfD kennt, aber ähnlich auch von Trump, Erdoğan, Orbán oder der polnischen PiS, lassen sich so als Renaissance eines Kollektivismus nationalistischer oder rassistischer Selbsterhaltung deuten, der auf Kosten unveräußerlicher Menschenrechte anderer verfährt.
Diese kollektivistischen Begehrlichkeiten weisen Parallelen zu Diskussionen über Klimaschutz, Corona oder die Ukraine auf. Auch wenn sich die Positionen hier viel weniger eindeutig als bei der Migration am alten Links-Rechts-Schema orientieren: Angesichts kollektiver Bedrohungslagen und im Namen mutmaßlich höherer Ziele – Abschottung, Klimaschutz, Volksgesundheit, Landesverteidigung – gelten unverlierbare Individualrechte zunehmend als anachronistisch. Zwar lassen die Grund- und Menschenrechte sehr wohl "verhältnismäßige" Eingriffe zu. Doch die Bereitschaft, die verfassungsrechtlichen Kriterien dieser Verhältnismäßigkeit möglichst lax auszulegen, wird größer. Wo aber Gefahr ist, wächst der Kollektivismus auch.

Dabei wird deutlich, wie kostspielig ein konsequenter Menschenrechtsschutz wäre. Lange wurden die Menschenrechte – zumindest hierzulande – als Zumutung primär für Unrechtsstaaten betrachtet. So fiel es leicht, dafür zu sein. Nun aber werden diese Rechte vermehrt hier vor Ort eingeklagt. Und wer fürchtet, mit dem Verlust eigener Privilegien für die Rechte bislang marginalisierter anderer bezahlen zu müssen, wird diese Entwicklung mit Vorsicht genießen. Manche sträuben sich dagegen, dass auch Frauen, Andersgläubige, Eingewanderte, Arbeitslose, Homosexuelle oder Kinder als strikt gleich zu betrachten sind. Andere haben damit zu kämpfen, dass die Menschenrechte auch für Kriminelle, Rechtsradikale, sogenannte Schwurbler, Ungeimpfte oder Klimawandelleugner da sind.

All diese ernüchternden Befunde sprechen dafür, dass die nach 1948 und 1989 gehegten Hoffnungen tatsächlich zu hoch veranschlagt waren. Was man aber leicht übersieht: Die in diesen Krisen zum Tragen kommende Kritik an den Menschenrechten ist eher selten eine Kritik an ihrer Grundidee. Beklagt wird deren empirische Folgenlosigkeit aufgrund mangelnder politischer Konsequenz. Man kritisiert westliche Anmaßung, parteiische Auslegungen, rhetorischen Missbrauch oder ihre Kostspieligkeit. Und teilweise ja auch zu Recht. Doch die Grundidee einer politischen Gleichrangigkeit qua Menschsein wird meist "nur" noch von Personen mit völkischen, rassistischen, fundamentalistischen, misogynen, homophoben oder anderweitig menschenfeindlichen Einstellungen abgelehnt. Und wer in theoriemodische Abgesänge auf die Menschenrechte einstimmt, wird sich fragen lassen müssen, ob man sich mit diesen Gruppen gemein machen will.

An diesem 75. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte wirkt die Forderung nach einer national wie weltweit durchzusetzenden Gleichberechtigung aller Menschen tatsächlich utopisch. Doch machen wir uns mit Blick auf Gaza klar, was verloren ginge, ließen wir dieses egalitäre Erbe fahren. Denn erst der Menschenrechtsgedanke ermöglicht es, darauf zu pochen, dass Gleichheit an Würde und Rechten für alle gilt: ob für Israelis oder Palästinenser, ob für Kinder, Alte, Frauen oder Männer. Ihr Leiden hat jeweils exakt dasselbe Gewicht. Und entsprechend haben all diese Menschen ein gleiches Recht darauf, vor Gewalt und Terror geschützt zu sein. Damit geraten die jeweils vor Ort Herrschenden, nicht die Zivilisten selbst ins Visier der menschenrechtlichen Kritik, wenngleich auf unterschiedliche Weise.

Kommt die Gewalt von außen, so haben die politischen Machthaber nicht nur die Pflicht, eigene Verstöße gegen Menschenrechte zu unterlassen, sondern auch die Aufgabe, ihre Zivilbevölkerung gegen diese äußeren Gefahren zu schützen. Das trifft auf die israelische Regierung zu, die berechtigt ist, Krieg gegen die Hamas zu führen, die aber deshalb keineswegs dazu berechtigt wäre, Verbrechen an der palästinensischen Bevölkerung zu begehen. Die Menschenrechte erlauben eine Gefahrenabwehr, die "verhältnismäßig" ist, nicht aber Rache oder Notwehrexzesse. Für die Hamas, deren bestialische Massaker vollends jenseits aller menschenrechtlichen Rechtfertigung verübt wurden, gilt diese Verpflichtung ebenfalls: Auch sie muss die eigene Zivilbevölkerung schützen, statt sie als Schutzschild zu missbrauchen und so internationale Anteilnahme zu provozieren.
Es ist zu befürchten, dass längst auch Israel Verstöße gegen das Völkerrecht begangen hat; etwa im Rahmen unkontrollierter Luftangriffe oder der Blockade von Strom, Wasser und Lebensmitteln. Dieser Befund darf keinesfalls als eine Relativierung der Verbrechen vom 7. Oktober verstanden werden, denn diese haben den Konflikt erst eskalieren lassen. Vielmehr wird deutlich, dass es in der aktuellen Situation auf die Entschlossenheit und Reformfähigkeit der UN ankäme. Gerade weil der universelle Menschenrechtschutz nicht zwischen israelischer und palästinensischer Menschenwürde unterscheidet, sind die UN längst dazu aufgerufen, deeskalierend und friedenstiftend einzuschreiten. Doch leider ist aufgrund der realpolitischen Kräfteverhältnisse derzeit kaum zu erwarten, dass es tatsächlich zu einer UN-Intervention kommt. Aber warum sollte man diese institutionelle Impotenz den Menschenrechten selbst zur Last legen?

Dieser Tage zeigt sich einmal mehr: Die Welt hätte aus Krieg und Gewalt erneut zu lernen. Derzeit aber schickt sie sich an, das Gegenteil zu tun: Sie verlernt die menschenrechtliche Botschaft. Das betrifft nicht zuletzt auch die historische Bedeutung des Staates Israel: Die Erinnerung an die totalitäre Judenvernichtung ist nicht nur in Artikel 1 des Grundgesetzes, sondern auch in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte aufgehoben. Das verpflichtet die UN auch menschenrechtlich zu einer besonderen Berücksichtigung des Existenzrechtes Israels. Aber zugleich eben auch dazu, den strikt egalitären Anspruch auf ein Leben in Menschenwürde nicht auf Kosten der palästinensischen Zivilbevölkerung abzustufen.
Das ist eine schwierige Gratwanderung. Zumal in Gaza die Grenzen zwischen der Hamas und der Zivilbevölkerung mitunter zu verschwimmen drohen. Wer aber übersieht, dass die Menschenrechte für ein historisch mahnendes Gewalterbe stehen, das neben den konkreten Opfern auch die Menschheit insgesamt betrifft, sollte sich klar sein, wem Abgesänge auf die Menschenrechte vor allem dienen: einem politisch sehr konkreten Relativismus rücksichtsloser Willkürgewalt. Aktuell geht es um Israel und Gaza oder auch um die Ukraine und Russland, aber doch zugleich auch um die universelle Frage, wie der Mensch als Mensch leben und wie er gerade nicht regiert werden will. An jedem 10. Dezember ist daran zu erinnern: Die Menschenrechte fordern einen politischen Gegenwiderstand, einen legitimen Widerstand gegen den illegitimen Widerstand autoritärer Herrscher und reaktionärer Denkweisen. Und ein solcher Gegenwiderstand ist besonders dann vonnöten, wenn sich das vielzitierte Rad der Geschichte zurückzudreht.


Aus: "Jedes Leid zählt"  Arnd Pollmann (10. Dezember 2023)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2023-12/menschenrechte-vereinte-nationen-krieg-utopie

Arnd Pollmann (* 1970 in Remagen) ist ein deutscher Philosoph. Seit 2018 ist er Professor für Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin. ... Pollmann arbeitet schwerpunktmäßig zur Sozialphilosophie und Ethik, insbesondere zur Philosophie der Menschenrechte, aber auch zur angewandten Ethik in den Bereichen der Medizin, der Technik und des Tierschutzes. Seine Dissertation widmete er dem Begriff der Integrität.
https://de.wikipedia.org/wiki/Arnd_Pollmann


Textaris(txt*bot)

#773
Quote[...] Die Vereinten Nationen (UN) beschreiben die Lage der Palästinenser im Gazastreifen als außergewöhnlich dramatisch, Israel will aber trotzdem seine Strategie nicht anpassen – daran ändert auch die Resolution des Sicherheitsrats für umfassende humanitäre Hilfslieferungen in den Gazastreifen nichts.

Israels Außenminister Eli Cohen erklärte nach der Abstimmung, sein Land werde ,,den Krieg im Gazastreifen" gegen die islamistische Palästinenserorganisation so lange fortsetzen, bis diese ,,eliminiert" sei und die von ihr noch immer festgehaltenen 129 Geiseln befreit seien.

Der UN-Sicherheitsrat hatte nach tagelangen Diskussionen in einer mühsam ausgehandelten Resolution umfassende humanitäre Hilfslieferungen in den Gazastreifen gefordert. In dem Krieg zwischen Israel und der radikalislamischen Hamas müssten alle Seiten die ,,sichere und ungehinderte Lieferung von humanitärer Hilfe in großem Umfang" ermöglichen, heißt es in der am Freitag in New York (Ortszeit) verabschiedeten Resolution.

-

Hamas-Terror gegen Israel:

Am 7. Oktober waren Hunderte Kämpfer der von der EU und den USA als Terrororganisation eingestuften Hamas in israelische Orte eingedrungen und hatten dort Gräueltaten an Zivilisten verübt.
Israelischen Angaben zufolge wurden rund 1140 Menschen getötet und etwa 250 Menschen als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Als Reaktion bombardiert die israelische Armee seither Ziele im Gazastreifen und startete eine Bodenoffensive.
Während einer Feuerpause wurden 105 Geiseln freigelassen, im Gegenzug für 240 palästinensische Häftlinge. Israel vermutet, dass noch mehr als 100 Geiseln in dem Küstenstreifen festgehalten werden.
Dabei wurden nach Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums, die nicht unabhängig überprüft werden können, inzwischen mindestens 20.000 Menschen getötet. (Tsp)

-

Ein zentraler Streitpunkt war die mögliche Forderung nach einer sofortigen Waffenruhe. Ein entsprechender Passus fand dann keinen Eingang in die Resolution. Darin heißt es lediglich, es müssten ,,mit aller Dringlichkeit" die Bedingungen geschaffen werden, die ,,eine nachhaltige Einstellung der Kampfhandlungen" ermöglichen.

Für die Resolution stimmten 13 der 15 Mitgliedstaaten des mächtigsten UN-Gremiums, die Veto-Staaten USA und Russland enthielten sich.

Israel hatte nach der Verabschiedung der Resolution angekündigt, dass es weiterhin alle humanitären Lieferungen in den Gazastreifen kontrollieren werde. Dies sei ,,aus Sicherheitsgründen" erforderlich, schrieb Cohen im Onlinedienst X. Die Hamas bezeichnete die Resolution als ,,unzureichend".

Unterdessen gingen die Kämpfe zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen weiter. Die israelische Armee teilte mit, dass die Einsätze in der Stadt Gaza unvermindert fortgesetzt würden. Dort seien Straßenkämpfe mit Hamas-Kämpfern im Gange.

UN-Generalsekretär António Guterres kritisierte erneut das Vorgehen Israels in dem Konflikt. ,,Die Art und Weise, in der Israel diese Offensive durchführt, schafft riesige Hürden für die Verteilung von humanitärer Hilfe in Gaza", schrieb er. Um humanitäre Hilfe effektiv nach Gaza zu bringen, brauche es unter anderem Mitarbeiter, die in Sicherheit arbeiten könnten.

Die UN hatten am Tag zuvor angesichts einer ,,weltweit beispiellosen" Lage im Gazastreifen vor dem Hungertod Hunderttausender Palästinenser gewarnt.

Eine neue Studie mehrerer UN-Agenturen und anderer Institutionen vom Donnerstag kommt zu dem Schluss, dass in dem abgeriegelten Küstenstreifen 577.000 Menschen in die schwerwiegendste Kategorie des Hungers fallen.

Im gesamten Rest der Welt zusammen gibt es dagegen gegenwärtig 129.000 Menschen, die der Analyse zufolge ähnlich bedroht sind.

-

Palästinenser bekommen 118 Millionen von EU:
Die Palästinenserbehörde im Westjordanland bekommt von der EU weitere Finanzhilfen im Umfang von mehr als 118 Millionen Euro. Die Billigung der Mittel sei nach sorgfältiger Prüfung erfolgt, teilte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Freitag mit.
Derzeit werde nachgedacht, wie eine künftige längerfristige Unterstützung aussehen könnte. Planungen für 2024 gibt es bereits.
Der jetzt bewilligte Millionen-Betrag kommt nach Kommissionsausgaben aus einem schon existierenden Topf für Palästinenser-Hilfen, der für die Jahre 2021 bis 2024 etwa 1,2 Milliarden Euro umfasst.
Die Finanzhilfe für die Palästinensische Autonomiebehörde soll es unter anderem ermöglichen, dass in ihrem Zuständigkeitsbereich Gehälter und Pensionen für Beamte sowie Sozialhilfeleistungen für arme Familien gezahlt werden können. (dpa)

-

,,So etwas habe ich noch nie gesehen. Das Ausmaß der akuten Ernährungsunsicherheit ist in Bezug auf Schwere, Geschwindigkeit der Verschlechterung und Komplexität beispiellos", sagte die New Yorker Sprecherin des Welternährungsprogramms (WFP), Shaza Moghraby.

Bei den von ,,katastrophalem" Hunger bedrohten Menschen angesichts der israelischen Angriffe handele es sich um mehr als ein Viertel der über zwei Millionen Menschen in dem Gebiet. Fast alle Bewohner seien von Hunger oder Vertreibung betroffen.

Als Folge der israelischen Kriegsführung sei die humanitäre Situation im Gazastreifen dramatisch. Es braucht den UN zufolge dringend mehr Hilfslieferungen, damit die hohe Zahl Tausender ziviler Opfer nicht weiter ansteigt.

,,Wir können nicht darauf warten, dass eine Hungersnot ausgerufen wird, bevor wir handeln", sagte Moghraby. (AFP, dpa, Tsp)


Aus: "Update Trotz dramatischer Lage der Palästinenser: Israel lehnt auch nach UN-Resolution neue Gaza-Strategie ab" (22.12.2023)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/internationales/viermal-mehr-als-im-rest-der-welt-hunderttausende-in-gaza-von-hungertod-bedroht-10965667.html

-

"Zivile Opfer in Gaza: Das laute Schweigen der Deutschen" Essay von Daniel Bax (7.1.2024)
Mit der Haltung zum Nahost-Krieg verrät Deutschland seine Werte. Statt den Kurs zu hinterfragen, verstehen sich Medien als Hüter der ,,Staatsräson". ... Zu Russlands Krieg gegen die Ukraine fanden deutsche Politikerinnen und Politiker klare Worte. Deutschland stehe ,,in der Pflicht, die Menschenrechte überall und zu jeder Zeit zu achten und zu verteidigen", erklärte Olaf Scholz im Herbst 2022 vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York. Den Internationalen Strafgerichtshof und den UN-Menschenrechtsrat werde sein Land ,,mit aller Kraft" unterstützen, versprach er. Und: Hunger dürfe nie wieder als Waffe eingesetzt werden, sagte der Kanzler an anderer Stelle.
,,Gezielte Angriffe auf zivile Infrastrukturen – mit der klaren Absicht, Männer, Frauen und Kinder von Wasser, Strom und Heizung abzuschneiden – sind reine Terrorakte", sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Oktober 2022 vor dem Europaparlament in Straßburg, wo sie auch klarstellte: ,,Das sind Kriegsverbrechen." Und Außenministerin Baerbock sagte im Februar 2023 vor dem UN-Menschenrechtsrat in Genf mit Blick auf die Kinder, die in diesem Krieg zum Opfer werden: ,,Wir müssen ihre Namen aussprechen und ihre Rechte fördern. Und wir müssen die Täter beim Namen nennen".
Zu Israels Kriegsführung in Gaza fehlen deutschen Politikerinnen und Politikern dagegen die Worte – und das seit drei Monaten. ...
https://taz.de/Israels-Krieg-in-Gaza/!5981361/

Textaris(txt*bot)

Quote[...] Russische Streitkräfte sind weiter bei Awdijiwka vorgerückt. Das dokumentiert das Institute for the Study of War (ISW) in seinem jüngst veröffentlichten Lagebericht unter Berufung auf geolokalisierte Daten. Demnach deuten die Aufnahmen darauf hin, dass das russische Militär jeweils nordöstlich der Siedlungen Opytne und Stepowe kleinere Fortschritte erzielt hat. Ukrainische Truppen setzten ihre Bemühungen um einen Gegenangriff fort, hieß es weiter.

Auch in der Region um Bachmut sind den russischen Streitkräften den Angaben nach territoriale Gewinne gelungen. Geolokalisierte Daten, die vom ISW ausgewertet worden sind, deuten darauf hin, dass Russland zuletzt in der Nähe der Siedlung Spirne vorrücken konnte. Weiter soll das russische Militär in einem neuen Gebiet nordöstlich von Bachmut Angriffe durchgeführt haben und dadurch bei den Ortschaften Berestowe und Wyjimka vorgedrungen sein. Das ISW bezieht sich bei dieser Information auf die Meldung eines russischen Militärbloggers, hat jedoch noch keine visuelle Bestätigung dafür vorliegen.

Auch südwestlich von Bachmut sind russische Soldaten vorgerückt. Geolokalisierte Aufnahmen zeigen laut ISW, wie sie am nordwestlichen Stadtrand von Klischtschijiwka vorstoßen. Weitere geolokalisierte Daten sollen nach Auswertungen des ISW ukrainische Streitkräfte bei Stellungskämpfen östlich von Klischtschijiwka zeigen.

...


Aus: "Russland rückt an zwei Frontabschnitten vor" (23. Dezember 2023)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/karte-ukraine-krieg-russland-frontverlauf-truppenbewegungen

QuoteVivaldiX

Ich frage mich, wann dieser irrsinnige Krieg endlich beendet wird. Solange eine Partei glaubt, der anderen ihre Bedingungen zu diktieren, wird es wahrscheinlich keinen Frieden geben. Die vergangenen Jahre haben doch deutlich gemacht, dass alle Vorhersagen von einem bevorstehenden Sieg Makulatur sind. Schon vor 1 Jahr habe ich hier im Forum die Frage gestellt: "Was ist, wenn keine Partei gewinnen kann?" - Will man dann diesen Krieg ewig fortsetzen und weitere viele tausend Menschen in den Tod schicken? Die Verluste sind auf beiden Seiten enorm - man schätzt inzwischen die Zahl der Toten auf russischer Seite auf über 120 000 und auf ukrainischer Seite auf über 80 000. Inzwischen sickert durch, dass auch in der Ukraine langsam eine Kriegsmüdigkeit einsetzt, die Zahl der Deserteure stark zugenommen hat und Wehrpflichtige teilweise mit Gewalt in die Rekrutierungsbüros geprügelt werden. Bei unseren Militärstrategen hier im Forum scheint diese Erkenntnis allerdings noch nicht angekommen sein. An dieser Gesamtsituation werden auch nicht viele weitere Waffenlieferungen etwas ändern können. Aber es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis diese Einsicht die maßgeblichen Akteure erreichen wird. Bis dahin werden noch viele Menschen sinnlos sterben.


QuoteErgie Weggedorn

Richten Sie doch bitte Ihre Appelle an Moskau, dort kann man den Krieg jeden Tag beenden.

Stattdessen kauen Sie russische Propaganda wieder und möchten gern, das die Ukraine aufgibt, nicht wahr? Dummerweise vergessen Sie dabei, dass weder Sie noch sonst jemand hier das zu entscheiden hat. Das entscheidet ganz allein die Ukraine und nicht wir hier.


QuoteS.Mali

Zitat: ,,Das Dorf Klischtschijiwka war erst im September von der Ukraine zurückerobert worden. Jetzt gelingen den Russen wieder Vorstöße. Die Ukraine rückt bei Awdijiwka vor."

,,Im Osten nichts Neues", frei nach Erich Maria Remarque.


...

Im Westen nichts Neues ist ein 1928 verfasster Roman von Erich Maria Remarque, der die Schrecken des Ersten Weltkriegs aus der Sicht eines jungen Soldaten schildert. Obwohl Remarque selbst das Buch als unpolitisch bezeichnete, ist es als Antikriegsroman zu einem Klassiker der Weltliteratur geworden. Der Roman wird in der Literaturwissenschaft überwiegend der Neuen Sachlichkeit zugeordnet. ... Bei den Nationalsozialisten hatte sich Remarque mit seinem Roman Feinde gemacht. Als Teil ihrer Rufmordkampagne gegen den missliebigen Autor bezweifelten sie dessen Authentizität und verbreiteten das Gerücht, er habe überhaupt nicht am Ersten Weltkrieg teilgenommen. Während der nationalsozialistischen Bücherverbrennungen 1933 wurden zahlreiche Exemplare von Im Westen nichts Neues vernichtet. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Im_Westen_nichts_Neues


Textaris(txt*bot)

#775
Quote[...] Russlands Staatsfernsehen ist schon lange ein Gruselkabinett des Hasses und der Kriegstreiberei. Aber in letzter Zeit dröhnen die Propaganda-Trommeln noch lauter als sonst. Die ins Studio geholten «Experten» übertreffen sich mit primitiven Verwünschungen an die Adresse der Ukraine und des Westens. Seelenruhig wird damit gedroht, die Hauptstadt Kiew auszuradieren oder ganze Länder der Nato mit Atombomben einzuäschern. Das Publikum darf miträtseln, wen Russlands Panzer als Nächstes überrollen – die Balten oder die Polen –, bis dann die überfällige «Entnazifizierung» Berlins ansteht.

«Wir müssen bis zu natürlichen Grenzen vorstossen», bis zum Atlantik, räsonierte kürzlich Wladimir Solowjow, der am Staatsfernsehen die Rolle des Kreml-Chefpropagandisten spielt. Als Teil des Russischen Reiches hätten die Portugiesen ein wunderbares Leben, meinte er.

Solche grotesken Aussagen sind nicht zum Nennwert zu nehmen. Aber man sollte sie auch nicht als belanglos abtun. Die ständige Hetze entspringt keineswegs dem Zufall oder den Köpfen einiger Spinner, sondern spiegelt eine Strategie des Regimes von Wladimir Putin. Es geht darum, das Land in einen Kriegstaumel zu versetzen und dem Volk eine tägliche Dosis imperialer Grossmannssucht einzuimpfen.

Wenn die staatlich bezahlten Kommentatoren darüber sinnieren, wie gerne sich Ukrainerinnen von russischen Soldaten vergewaltigen lassen, wenn sie das Aufschlitzen feindlicher Kehlen zur christlichen Tat verklären, die Tötung von mehreren Millionen Ukrainern zur Staatsräson erheben wollen und die Jagd auf Opponenten im Ausland mit der Vergiftung von Ungeziefer gleichsetzen, so dient dies auch dazu, zivilisatorische Normen umzustossen. Von Kaliningrad bis Wladiwostok soll niemand durchschauen, was Russlands Krieg ist: eine Barbarei epochalen Ausmasses.

Dies beantwortet aber nicht die Frage, was der Drahtzieher dieses Irrsinns im Schilde führt – und wie weit er gehen will. Die kurze Antwort lautet: so weit, wie man ihn lässt. Putin wird seine Aggression fortsetzen, bis er gestoppt wird und erkennt, dass er auf dem Kriegspfad mehr zu verlieren als zu gewinnen hat.

Seine Äusserungen, vor allem aber sein Handeln gibt wichtige Aufschlüsse. Zwar strotzt auch Putins Rhetorik von Absurditäten, die die Frage aufwerfen, ob kühle Demagogie dahintersteckt oder fortgeschrittener Wahnsinn. Ohne Wimpernzucken verkündete der Diktator diesen Monat, Russland kämpfe in der Ukraine für die «Freiheit der gesamten Welt». Sein Land zähle zur Avantgarde einer Bewegung für eine gerechtere internationale Ordnung – blanker Hohn aus dem Mund eines Mannes, der das Völkerrecht mit Füssen tritt und Leid über Millionen unschuldiger Menschen gebracht hat.

Aber jenseits solcher Propagandafloskeln sind bei Putin inhaltliche Konstanten erkennbar. Erstens leugnet er beharrlich die Existenz einer ukrainischen Nation. Dass es sich um ein Volk mit eigener Geschichte, eigener Sprache, anderen Mentalitäten und einem ausgeprägten Selbstbehauptungswillen handelt, will er nicht wahrhaben. Daher ist es eine Illusion, zu glauben, es gehe um einen blossen Territorialstreit, den man mit einem Kompromiss beilegen könnte. Putin wird sich mit einem Gebietsstreifen im Osten nicht zufriedengeben. Sein Plan ist die Auslöschung der Ukraine als freiheitlicher Staat ausserhalb der russischen Machtzone.

Siegesgewiss hat der Kreml nun die alten Ziele nochmals bekräftigt: «Entnazifizierung» – gemeint ist der Sturz der demokratisch gewählten Regierung in Kiew – und «Entmilitarisierung», die Auflösung der ukrainischen Streitkräfte. Hinzu kommen masslose territoriale Forderungen: Putin erhebt Anspruch auf die gesamte ukrainische Schwarzmeerküste und indirekt auf einen Grossteil des übrigen Landes. Er gibt zu verstehen, dass er die restliche Konkursmasse, darunter einige im 20. Jahrhundert der Sowjetukraine angegliederte Gebiete im Westen, grosszügig den Nachbarn Polen, Ungarn und Rumänien überlassen könnte. Es wirkt, als hätten solchen Teilungsplänen Hitler und Stalin Pate gestanden.

Aus Putins Äusserungen geht auch hervor, was das ukrainische Volk unter seiner Herrschaft zu erwarten hätte: gewaltsame Russifizierung, ideologische Umerziehung, Vernichtung der einheimischen Eliten. In den besetzten Gebieten im Südosten geschieht dies bereits jetzt. In Moskauer Schubladen liegen zudem Vorschläge für die Umsiedlung von mehreren Millionen Ukrainern nach Sibirien – auch dies eine Idee im Geiste Stalins.

Eine zweite Konstante Putins besteht in der Kampfansage an den Westen. Der Kreml zeichnet das Bild einer epischen Konfrontation mit Amerika und seinen Verbündeten, die weit über die Ukraine hinausreicht. Unablässig hämmert Putin seiner Bevölkerung ein, dass der Westen die Zerstückelung und Ausbeutung Russlands vorhabe. Es ist eine Propagandalüge, an die das Regime offenkundig selber nicht glaubt. Anders ist nicht zu erklären, weshalb Russland seit 2022 den Grossteil seiner Truppen an der Grenze zu Finnland, Norwegen und zum Baltikum abgezogen und in die Ukraine verlegt hat. Wäre Putin wirklich davon überzeugt, dass die Nato Russland überfallen möchte, würde er seine Grenzen nicht entblössen.

Zur Manipulation der eigenen Bevölkerung eignet sich die Fiktion vom böswilligen Westen jedoch gut. Das Regime kann damit jede Schuld am gigantischen Blutzoll im Ukraine-Krieg, an den Sanktionen und den explodierenden Militärausgaben von sich weisen und sie als von aussen erzwungene Übel darstellen. Putin vermag sich zugleich als Führer in einem nationalen Überlebenskampf zu inszenieren.

Krieg und Konfrontation dienen daher, drittens, hauptsächlich einem innenpolitischen Zweck. Seit seinem Aufstieg in den Kreml vor 24 Jahren während des zweiten Tschetschenienkrieges hat Putin die Erfahrung gemacht, dass sich damit die Macht absichern lässt. In den letzten Jahren wurde die Notwendigkeit aussenpolitischer Abenteuer zur Legitimierung der Kreml-Herrschaft immer grösser. Denn wirtschaftlich kann der Staatschef wenig vorweisen – Russland wird zunehmend abgehängt, von Amerika ohnehin, aber auch von wichtigen Schwellenländern.

Ein echter Frieden mit Russland ist daher illusorisch, solange Putin an der Macht bleibt. Eine aggressive, imperiale Politik ist das eigentliche Lebenselixier seines Regimes. Selbst wenn er wollte, gibt es für ihn keinen Weg zurück zu Kooperation mit dem Westen. Eine solche Kehrtwende wäre der Bevölkerung nicht zu vermitteln, und ohne die staatlichen Finanzspritzen in die Rüstung würde der Wirtschaftsmotor vollends abgewürgt. Viel naheliegender ist es für den Kreml deshalb, die Konfrontation weiter zu schüren und den Einsatz noch zu erhöhen.

Nach den horrenden Verlusten der russischen Armee – schätzungsweise 300 000 Getötete und Verletzte – könnte man meinen, dass selbst Putin an seiner Kriegspolitik zweifeln müsste. Aber nichts deutet darauf hin. Proteste hat er nicht zu befürchten, sein Repressionsapparat scheint alles im Griff zu haben. Trotz Sanktionen, Kapitalflucht und dem Exodus von Investoren ist der wirtschaftliche Kollaps ausgeblieben. Putin dürfte sich am längeren Hebel fühlen.

Er hat die Rüstungsindustrie erfolgreich angekurbelt, während der Westen Mühe bekundet, die Munitionsproduktion rasch genug hochzufahren. Das Reservoir an Soldaten ist in Russland grösser als in der bevölkerungsmässig nur ein Viertel so grossen Ukraine. Nicht zuletzt winkt dem Kreml die Chance einer Rückkehr Donald Trumps ins Weisse Haus. Das Ende der amerikanischen Militärhilfe an die Ukraine und eine Existenzkrise der Nato wären dann ein realistisches Szenario.

Obwohl Russland wirtschaftlich vergleichsweise ein Zwerg ist, untergräbt es die Sicherheit des ganzen Kontinents. Seine ökonomische Schwäche macht Putin mit grösserer Entschlossenheit und krimineller Energie wett. Systematisch plant er für einen langen Krieg. Der Westen dagegen hat die Zeitenwende verschlafen, verwehrt der Ukraine wichtige Waffensysteme, duldet die Umgehung der Russland-Sanktionen und begnügt sich in Europa mit Armeen, denen die Munition nach wenigen Wochen Krieg ausginge.

Unterschätzt werden noch immer die Folgen eines Zusammenbruchs der Ukraine – riesige Flüchtlingsströme, ein Vorrücken russischer Truppen nach Mitteleuropa und ein Signal an die ganze Welt, wie wertlos westliche Hilfsversprechen sind. Selbst ein sofortiger Waffenstillstand brächte keine Abhilfe, denn Putin würde ihn nutzen, um seine geschwächte Armee zielstrebig auszubauen. In einigen Jahren wäre Russland dann bereit, auch Nato-Gebiete wie das Baltikum zu bedrohen.

Ein lange Zeit verschmähtes Wort muss daher wieder salonfähig werden: Abschreckung. Amerika und Europa können den Frieden nur sichern, wenn sie Regelbrecher wie Moskau und Peking vor Angriffen zurückschrecken lassen. Das wird teuer werden, nachdem man die nötigen Investitionen in die Verteidigung und die Rüstungsindustrie zu lange hinausgeschoben hat. Der am wenigsten schmerzhafte Weg führt weiterhin über die Ukraine: Je schneller und umfassender dieses Land die nötige Hilfe gegen Russland erhält, desto eher lässt sich das Kalkül des Kremls durchkreuzen.



Aus:"Kommentar: Zwischen Grössenwahn und eiskaltem Kalkül: Putin plant einen langen Krieg" Andreas Rüesch (29.12.2023)
Quelle: https://www.nzz.ch/meinung/russland-gegen-ukraine-putin-plant-einen-langen-krieg-ld.1772254

QuoteAlfons Widmer

Sachliche realistische Analyse. Jetzt stelle man sich eine Beurteilung desselben Gegenstandes von Roger Köppel bzw. der WELTWOCHE vor!


QuoteMartin Rust

Würde ich gern lesen.


QuoteL. M.

Bin bei ihnen, Herr Widmer, eine gute Analyse von Herr Rüesch.

Bezüglich Roger Köppel:

Köppel ist tragisch. Er war mal eine interessante, andere Stimme, die vieles, was in der EU sicherlich schiefläuft, frühzeitig verstanden und in die gesellschaftliche Diskussion in der Schweiz gebracht hat. Ich denke die Schweiz hat davon profitiert.

Inzwischen lebt er mit seiner Weltwoche allerdings davon, den Systemhass der Verqueerdenker zu bewirtschaften, und mit dem Schritt zum Putin-Versteher hat er endgültig den Platz des freiheitsliebenden kritischen Denkers aufgegeben.


-

Quote[...] Der Journalist Köppel ist zwar seit 2015 Abgeordneter der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP) im Nationalrat. Doch richtig heimisch, so wirkt es bis heute, ist der 57-Jährige im Bundeshaus in Bern nicht geworden. Er fehlt oft, schon zwei Mal hat ihn das Boulevardblatt Blick zum "Absenzenkönig" im Nationalrat gekürt. Er sei "ein hoch engagierter Unternehmer einer erfolgreichen Firma" und eben kein reiner Berufspolitiker, rechtfertigte sich Köppel, der im Hauptberuf Verleger und Chefredakteur der Weltwoche ist. Das einst eher linksliberale Magazin hat sich unter seiner Führung zum Sprachrohr der Schweizer Rechtspopulisten entwickelt. ...


Aus: "Streitbarer Köppel verlässt die Politik" (4. März 2023)
Quelle: https://www.sueddeutsche.de/politik/roger-koeppel-schweizer-nationalrat-politik-abschied-weltwoche-chefredakteur-1.5762667

QuoteRoger Jürg Köppel (* 21. März 1965 in Zürich; heimatberechtigt in Küsnacht und Widnau) ist ein Schweizer Journalist, Medienunternehmer, Publizist und Politiker (SVP). Seit 2001 ist er Chefredaktor des Wochenmagazins Die Weltwoche, mit einem zweieinhalbjährigen Intermezzo als Chefredaktor bei der bundesdeutschen Tageszeitung Die Welt (2004–2006), seit 2006 auch Verleger. Von 2015 bis 2023 war er Mitglied im Schweizer Nationalrat. ... Am Tag des russischen Überfalls auf die Ukraine 2022 titelte die Weltwoche mit der Schlagzeile «Putin, der Missverstandene».[35] Unter dem Titel «Kleine Psychologie der Putin-Kritik» schrieb Köppel in der Weltwoche, Putin werde «von Journalisten und Intellektuellen» gehasst, «weil er für all das steht, was sie ablehnen, verteufeln und was deshalb nicht sein darf: Tradition, Familie, Patriotismus, Krieg, Religion, Männlichkeit, Militär, Machtpolitik und nationale Interessen». Putin entlarve, so Köppel, «den hohlen Moralismus seiner Gegner. Und die Dekadenz des Westens». Durch das Auffahren seiner Panzerdivisionen habe Putin klargemacht, es gebe «da draussen doch noch so etwas wie eine harte Wirklichkeit der Tatsachen, nicht nur das eingebildete Metaversum der ‹Diskurse› und ‹Narrative›, mit denen man sich die Welt so zurechtlegt, wie man sie gerne hätte. Vielleicht, hoffentlich, ist Putin der Schock, den der Westen braucht, um wieder zur Vernunft zu kommen». Laut Köppel ist Putin «nicht unser Feind», sondern «unser potenzieller Partner». ,,,

... Im Mai 2023 wurde Köppel für einen Besuch in Moskau kritisiert, bei dem er unter anderem den Propagandisten Wladimir Solowjow und die für Kriegsverbrechen sanktionierte Marija Lwowa-Belowa interviewte. In der Weltwoche hatte Köppel Ende April 2023 über seinen Aufenthalt in Moskau — dem, wie er es nannte, «Epizentrum des angeblich Bösen» — geschrieben: «Mediterrane Unbeschwertheit herrscht, Fröhlichkeit in überfüllten Restaurants, aber auch Ordnung und Sauberkeit beeindrucken, freundliche Polizisten, keine Klima-Vandalen.» Vielleicht, so Köppel, komme «der Hass auf Russland auch daher, dass sich die Russen einfach dem Wahnsinn verweigern, der unsere westliche Welt zugrunde richtet: grüne Ideologie, politkorrekte Meinungsverbote, Gender-Irrsinn, Zertrümmerung der Familie, Verwahrlosung des Rechtsstaats, blinder Gehorsam gegenüber den USA. Sind die Russen heute die besseren, die wahren Europäer? Nach einem Besuch in ihrer Hauptstadt könnte man es fast meinen.» ...

https://de.wikipedia.org/wiki/Roger_K%C3%B6ppel (30. Dezember 2023)

Link (Dies ist die aktuelle Version dieser Seite, zuletzt bearbeitet am 30. Dezember 2023 um 05:48):
https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Roger_K%C3%B6ppel&oldid=240655127

-

QuoteDietmar Wandel

Wer sich mit der Geschichte der Ukraine beschäftigt, dazu sind offenbar viele Kommentatoren nicht fähig, muss zweifelsfrei feststellen, dass dieser Krieg hätte vermieden werden können (Stichwörter: Regime-change eines gewählten Janukowitsch, Maidan wird nicht aufgeklärt, Frau Nuland - fu... the EU, usw). 

Der Hass auf Putin vernebelt offenbar den Blick auf Leid und Tod  und Zerstörung, statt dem Frieden eine Chance zu geben.


QuoteJ. S.

Die Ukraine ist eine unabhängige Demokratie, was man in Russland nicht begreifen kann oder will. Tatsache ist: Russland hat sein perfekt völkerrechtlich unabhängiges Nachbarland aus imperialistischen Gründen überfallen und mordet und zerstört dort.


QuoteHelmut Biely

Ja, weiter als Vasallenstaat von Putins Gnaden hätte der Friede der Ukraine aufrecht erhalten werden können. Dummerweise ,,der Friede eines Kirchhofs", den die Ukrainer nicht wollten. ...


QuoteS. O.

Papiertiger hüben wie drüben. Eigene Söhne oder sich selber wird man nicht an die Front stellen. Da werden nur Bauern geopfert.



QuoteM. S. S.

Herr Rüesch schreibt für die NZZ aus der neutralen Schweiz über Grossmachtpolitik. Das ist bemerkenswert. Bei der NZZ hat man die Neutralität leider längst abgeschrieben, obwohl sie im Volk weiterhin tief verankert ist. NATO- und EU-Beitritte sind als strategische Ziele eigentlich bereits festgelegt, obwohl diese Vorhaben im Volk chancenlos sind. Bedauernswert ist das in der Tat. Wir sind heute konfrontiert mit zunehmenden Rivalitäten zwischen den Grossmächten (USA, Russland, China). Die Hegemonie der USA wird herausgefordert. Diese Rivalitäten können grundsätzlich in grösseren Kriegen ausarten. Die Schweiz muss als Kleinstaat neutral bleiben, immerwährend und bewaffnet. Sonst werden wir in solche Kriege mit hineingezogen. Dazu gehört eine rasche und massive Aufrüstung der Armee. Ebenso hätte das Kriegsmaterialgesetz längst angepasst werden müssen. Militärische Abschreckung ist notwendig, das ist richtig. Realpolitik und Interessenspolitik anstelle einer wertebasierten Aussenpolitik ist ebenso wichtig. Mit Russland wird man verhandeln müssen, daran führt kein Weg vorbei.


QuoteUlrich Amstutz

Das Fazit des Kommentars ist - leider! - genau richtig: unser Kontinent ist zurück in einem kalten Krieg, Europa und Amerika müssen mögliche Agressoren genügend abschrecken können.

In Korea ist der kalte Krieg gar nie zu Ende gegangen, er dauert dort seit bald 75 Jahren ununterbrochen an. Was soll eigentlich werden, wenn Russland den Weg Nordkoreas einschlägt?

Russland kann dann nicht "besiegt" werden, höchstens zurückgedrängt, weil die fortgesetzte Konfrontation Bedingung zum Machterhalt geworden ist. Wenn die zu Sowjetzeiten doch meistens einigermassen rationale Kalkulation des Verhältnisses von Zwecken, Zielen und Mitteln entfällt, wenn die unsäglichsten Lebensbedingungen der eigenen Bevölkerung akzeptabel sind zwecks Machterhalt der Elite, wenn alle politischen und humanitären Skrupel aus der russischen Politik dauerhaft verschwinden sollten, dann muss wie an der innerkoreanischen Grenze mit dauernden Provokationen und einem jederzeit möglichen Grosskrieg gerechnet werden, sollte die Abschreckung durch den Eindruck einer Schwäche versagen.

Der kalte Krieg droht in seiner extremsten Ausprägung zu uns zurückzukehren, nämlich in Form eines brüchigen, instabilen Waffenstillstandes, der jederzeit gebrochen werden könnte.

Deshalb ist es so entscheidend, die Ukraine vorbehaltlos zu unterstützen: Keinesfalls schwach erscheinen!

Wer auf den Sachverhalt hinweist, ist deswegen keine Kriegsgurgel. Es löst kein Problem, das Seismometer für das Erdbeben verantwortlich zu machen.


QuoteBjörn Andersson

Russland muss auch nicht "besiegt" werden, eine Minderheit der Russen ist ja gegen Putin und der brain-washed andere Teil wird "einmal" erschreckt aufwachen, wie damals die glühenden Anhänger der Nationalsozialisten in Reue wieder Gutmachung gelobten.

Das Z-Terror Regime Putins muss eliminiert werden und Russland wird wie einst die UDSSR zerfallen, diesmal in autonome Staaten ggf. Staatenbündnisse einzelner der 160 verschiedene Völker in Russland.

Die Atomwaffen wird Ex-RuZzia abgeben und bekommt im Kiewer- Memorandum von USA, GB, F und Ukraine zugesichert, künftig nicht Angegriffen zu werden.


QuoteUlrich Amstutz

Das wäre gut, Herr Andersson. Bin da leider nicht so optimistisch:

Deutschland wurde erst im 2. WK in dem Sinne besiegt, dass der überwältigende Teil der Bevölkerung die Niederlage auch anerkannte. Nach dem 1. WK standen die Dolchstosslegende von der "im Felde unbesiegten Armee" und verständliche Wut über den Versailler Vertrag bei Teilen der Bevölkerung der Erkenntnis im Weg, eben militärisch "ganz" verloren zu haben und ev. mit Vorteil teilweise umzudenken.

Angesichts der Weitläufigkeit Russlands halte ich eine formelle Besatzung, wie in Deutschland nach 1945, für illusionär. Diese wäre Voraussetzung für ein "Erwachen" der Z-ler. Imperiale Überlegenheitsgefühle weichen nicht ohne Not.

Es erscheint fraglich, ob durch die Entfernung Putins eine andere russische Politik erreicht würde. Das ist ein Krieg der meisten Russen, nicht nur Putins.
Die Veränderung muss viel grösser ausfallen, als nur den "Zaren" auszutauschen. Ohne Besetzung glaube ich nicht an den nötigen Austausch tonangebender Kreise.
Die KGBler Putins haben 1989 überstanden.

Die Gewalt ist in Russlands Gesellschaft und Politik endemisch. Seit Peter dem Grossen erwartet Westeuropa eine "baldige" "Modernisierung" des Landes, wirtschaftlich, gesellschaftlich, geistig. Wir warten seit 300 Jahren.

Russland ist autokratisch geblieben, eine Trennung von Kirche und Staat fehlt, Andersdenkende werden als Abweichler in die Wildnis verbannt, eine Entwicklung hin zu mehr Toleranz oder Demokratie setzt sich nicht durch.


QuoteBjörn Andersson

für alle Putin Verseher: Kriege von RuZzia - State Sponsors of Terrorism

1953 Niederschlagung Aufstands vom 17. Juni 1953 in der DDR

1956 Niederschlagung des Ungarischen Volksaufstands

1968 Niederschlagung des Prager Frühlings

1969 Chinesisch-Sowjetischer Grenzkrieg

1974–1991 Militärische Unterstützung des kommunistischen
Regimes im äthiopischen Bürgerkrieg

1975–2002 Unterstützung der MPLA im angolanischen Bürgerkrieg

1977–1978 Unterstützung Äthiopiens im Ogadenkrieg gegen Somalia

1979–1989 Militärintervention in den Afghanischen Bürgerkrieg

1991–1992 Georgisch-Südossetischen Krieg 1994–1996 Erster Tschetschenienkrieg

1999–2009 Zweiter Tschetschenienkrieg

1999 Dagestankrieg

2008 Militäreinsatz im Kaukasuskrieg (Seite südossetischer Rebellen)

2014 Invasion und nachfolgende Annexion der Krim & bis heute Terror Einsatz in der Ostukraine

2015 Militärischer Eingriff auf Seiten der Regierung Syriens im Syrischen Bürgerkrieg

2018 bis heute Militärische Unterstützung des Kampfes gegen die libysche Regierung auf Seiten Marschall Haftars mit Wagner-Söldnern der GRU

2019 bis heute Militärische Unterstützung des Kampfes gegen die Ahlu Sunnah Wa-Jama in Mosambik mit Wagner der GRU

2020 bis 2023 Truppen in Bergkarabach, Aserbaidschan

02.2022 Überfall auf die Ukraine (terroristicher Angriffskrieg)

23.11.2022 Russia official declared as "state sponsor of terrorism"

17.03.2023 Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) erlässt Haftbefehl gegen Putin wegen Kriegsverbrechen  


QuoteDietmar Wandel

Für die Kriegsrhetoriker fehlen mir in Ihrer Aufstellung die Angriffskriege und Regime-changes der USA und NATO (Serbien). Deren Folgen für die Welt, insbes. Europa (Migration) haben schwer wiegende  Schwierigkeiten gebracht.


QuoteBjörn Andersson

sie hätten als lieber...

- den Genozid von Serbien an Bosnien weiter laufen lassen, dien NATO nicht invernieren lassen? ...

- Saddam Hussein weiter mit Giftgas Anschlägen tausende Kurden (Kinder, Zvilisten) und auch eingene Landsleute ermorden lassen? ...

etc. etc. etc.


QuoteRenate Storz

Billige Rechtfertigung eines Angriffskrieges, der ein Land zerstört hat und das heute im Chaos versinkt. Wie stehen Sie zu den Folterungen von Kriegsgefangenen der USA nicht im eigenen Land, sondern in Osteuropa?


QuoteChristof Schweiger-Cociani

Einseitige Darstellungen erwecken grundsätzlich den Eindruck der Parteilichkeit.


QuoteHeinz Gamber

Es kommt selten vor, dass ich einen Artikel nicht zu Ende lese. Dieser Artikel ist so voll mit Unwahrscheinlichem und USA Propaganda, besser könnte es Göbels nicht. Mir wurde es richtig schlecht beim lesen. Unverständlich für mich, dass eine neutrale Weltzeitung wie die NZZ so einen Artikel veröffentlicht. SCHANDE!


QuoteK. L.

... Ich kann es nur wiederholen: der Vorstoss gegen Osten war ein schwerer Fehler und zeugt von unfassbarer Verantwortungslosigkeit unserer Eliten. Die Schäden sind bereits immens und werden sich wohl noch vervielfachen. Wer 2014 nicht begriffen hat, dass wir die roten Linien der Russischen Föderation definitiv erreicht haben, ist einfach schwachsinnig oder kriminell inkompetent.


QuoteGünther Anderer

Putins rote Linien sind für Sie also der Maßstab? Das nenne ich mal Linientreue.


QuoteTom Harst

Die Spaltung der Welt in Gut und Böse, in Schwarz und Weiss. Farbe ist nach transatlantischer Leseart offenbar nur noch bei den vom ,,Wertewesten" weltweit provozierten Regimewechseln und im Rahmen der Genderideologie vorgesehen. Schöne neue Welt.


QuoteM. K.

Ruesch und seine Apologeten merken offenbar nicht, wie sehr sie sich im Geiste Putin schon angenähert haben. Wenn die Droge Krieg nicht mehr genug wirkt, dann wird halt vom totalen Krieg phantasiert, hueben wie drüben. Und jeder blendet die eigenen Verluste aus. Und überhöht die angeblichen Kapazitäten des Gegners. Anstatt ein nur paar Besoffene zu zitieren, wäre es doch angebracht, zu fragen, wie Putin denn das alles erreichen will. Schon jetzt gibt es ja Bewegungen russischer Mütter, die ihre Söhne zurückwollen, etc, etc. Das einzig schöne am Krieg ist, dass er irgendwann zu Ende ist. Und weil die beiden Seiten ja voneinander leben: Das einzig schöne an der Kriegsberichterstattung ist, dass sie einmal zu Ende ist. Putin wird verschwinden, und Ruesch dann wieder über Raubüberfälle in Oerlikon berichten.


QuoteMargot Helmers

Herr Rüesch tickt immer gleich, präzise wie eine Schweizer Uhr. Der deutsche Philosoph Georg W. F. Hegel: ,,Aus Lügen, die wir ständig wiederholen, werden Wahrheiten, die unser tägliches Leben bestimmen." Nur ist das mit den Lügen im Informationszeitalter immer schwieriger geworden, mit dem Translator kann man heute jede Zeitung der Welt lesen. Um zu glauben das Russland ein Nato-Land angreifen, ja gar bis Portugal durch maschiert braucht man schon  einen IQ einer asiatischen Stechmücke. Die Ukraine hatte diese Woche von den USA die letzten Unterstützungs-Gelder von 250 Millionen US$ für 2023 bekommen, es heisst Herr Selensky hatte das kühl entgegen genommen, so die Washington Post. Herr Selensky fordert (!!) für nächstes Jahr mindestens 23 Milliarden, ansonsten könnten keine Renten an die 10 Millionen Rentner, keine Gehälter an die 1,4 Millionen Lehrer und 500'000 Beamte ausgezahlt werden. Woher soll das Geld kommen? 2024 sind Wahlen in den USA, die Mehrheit der Amis will keine weiteren Milliarden an ein korruptes Land pumpen, entsprechend sind auch u.a. deswegen die Zustimmungswerte für Biden im Keller. Und wenn  der Schweflige wieder Präsident wird, dann ist sowieso fertig.


QuoteJürg Simeon

Für Lügen sind Sie bekannt, als Sie behaupteten die Ukrainer setzen Kindersoldaten ein. Ich bin erstaunt dass Ihr Konto noch nicht gesperrt ist.


QuoteM. M.

Inzwischen dürften auf ukrainischer , als auch russischer Seite ganze Jahrgänge junger Männer gestorben sein in einem sinnlosen Krieg.
Es wäre Zeit Frieden zu machen .
Einen Sieg der Ukraine halte ich für Wunschdenken , bar jeder Realität / Geschichtskunde.


QuoteM. T.

Bei allen sicher gut gemeinten Aufrufen zur Aufrechterhaltung der Hilfen für die Ukraine frage ich mich, wie realistisch das ist. 20 Jahre Kampf in Afghanistan gegen die Taliban, dort wo angeblich auch die Bundeswehr die Freiheit Deutschlands verteidigt hat, war letztlich ein Desaster. Die Taliban sind heute an der Macht, mit unendlich viel Geld aus dem Westen und modernsten Waffen, geliefert vorwiegend von den Amerikanern. Ich befürchte, dass sich dieses Desaster auch in der Ukraine wiederholen wird.


QuoteAdrian Wehrli

Die russen wurden in Afghanistan so verhauen wie heute in der Ukraine. Die Geschicht zeigt: Russland als Besatzer, hat keine Chance.


QuoteMarkus Henny

Die Engländer glaube ich auch mal.


QuoteM. T.

Ja auch, richtig. Und die Amerikaner haben das Interesse verloren. Das wird auch in der Ukraine früher oder später der Fall sein. Und zum Problem Europas werden. Keine guten Aussichten.


QuoteHans Rudolf Fischer

Langsam dämmert es: Es gab leider keine Strategie und keine Roadmap für die Vermeidung oder Minimiren von Menschenopfer und Schäden an Haus und Land für den sich seit langem abzeichnenden Konflikt. Aber trotzdem wäre es für die Ukraine nicht besser gewesen, wenn sie kampflos geblieben wär, aber mit mutigem und zähen organisiertem zivilen Ungehorsam, den Okkupanten das Leben so schwer zu machen und zivile Unruhe stiften, bis diese Verhaltensart auch nach Russland überschwappte. Geistige Landesverteidigung und Provokationen, welche Russland erhebliche Kosten und Schwierigkeiten bereiten, gesellschaftlich, ideell und kulturell. Dieser Ungehorsam als intellektuelle Kriegsführung würde auch in Russland zu Unruhen und Umstürzen führen. Dies eben als alternative Strategie zur Landesverteidigung mit Waffen, welche das Land in Schutt und Asche setzt und der zwangsweisen Zurückhaltung von Männern in wehrfähigem Alter , welche zu schmerzhaften und irreparablen Trennungen unter den Flüchtenden führt. Dies als Alternative zum Kampf, Schutt und Asche. Dazu haben wir uns im Westen zu wenig vorbereitet. Im übrigen, auch Putin lebt nicht ewig oder wird bald ersetzt werden. Waren wir blind, taub oder zu viel mit uns selber beschäftigt? ...


QuoteRainer Keil Zu H.R.Fischer,

"wäre es für die Ukraine nicht besser gewesen, wenn sie ... mit mutigem und zähen organisiertem zivilen Ungehorsam ... zivile Unruhe stiften, bis diese Verhaltensart auch nach Russland überschwappte":

Danke für Ihren unkonventionellen Beitrag.

Wer sich einst mit "Soziale Verteidigung" befasst hat

(vgl.
Theodor Ebert,
Soziale Verteidigung,
Waldkirch 1981),

wird nicht wg. d. Gründe, die für sie sprachen, sondern angesichts nur teilw. ermutigender, insgesamt ernüchternder empir. Erfahrungen

(vgl. ber.d.Studie
Anders Boserup, Andrew Mack,
Krieg ohne Waffen? Studie über Möglichkeiten sozialer Verteidigung. Kapp-Putsch 1920 / Ruhrkampf 1923 / Algerien 1961 / ČSSR 1968,
A.d.Dänischen v. H.Kulas u. J.Mez,
Reinbeck bei Hamburg
1974/1983)

v. a. bei totalitären oder autoritären Aggressoren eher skeptisch.

Trotzdem erscheint mir Ihr Beitrag wichtig:

Es gibt, wenn ich recht sehe, zwei große Fehler, von denen ich meine, dass wir sie mit Blick auf gewaltlosen bürgerl. Widerstand von Menschen in der Ukraine gegen den Angriffskrieg und seine aggressiven und demokratiefeindlichen Konsequenzen machen können und vermeiden sollten:

1. Illusionen darüber, was diese Art von Widerstand leisten kann (ernste Alternative?);

2. Ignorieren, was möglich & längst erfolgr. durchgeführt worden ist. Weithin ignorierte Informationen aus der Frühzeit des Angriffskriegs sind zu finden über

[The International Catalan Institute for Peace is a research, dissemination and action organization created by the Parliament of Catalonia in 2007 to promote peace in Catalan society and internationally and make Catalonia play an active role as an agent of peace in the world.] Since the beginning of the Russian invasion of Ukraine, Ukrainian civil society has spontaneously and courageously organized to counter the military occupation through hundreds of nonviolent actions, including civil disobedience, road blockades, civilian evacuation or communication campaigns. The report Ukrainian Nonviolent Civil Resistance in the Face of War, prepared by Professor Felip Daza within the framework of a joint ICIP and Novact project, examines the Ukrainian nonviolent civil resistance between February and June 2022 to identify the organizational dynamics and the characteristics of the different actions, their evolution and the impacts and supports they have achieved.
The document analyses 235 nonviolent civil resistance actions shown on an interactive map. It includes a set of recommendations addressed to governments and Ukrainian and international civil society to strengthen nonviolence to transform conflicts.

https://www.icip.cat/en/publication/ukrainian-nonviolent-civil-resistance-in-the-face-of-war/ .


QuoteK. G.

Sie können es ja mal gleich selbst probieren. Z B nach Moskau fliegen, dann vor dem Kreml eine weisse Fahne schwenken.


...

Textaris(txt*bot)

#776
Quote[...] Wer am vergangenen Sonntag am Beiruter Flughafen nach Gate oder Gepäckband suchte, fand auf den Infobildschirmen stattdessen eine Nachricht an die libanesische Hisbollah-Miliz: "Ihr werdet keine Unterstützer mehr haben, wenn ihr den Libanon in einen Krieg stürzt, für den ihr die Verantwortung tragt." Auch wenn die Hacker noch unbekannt sind, macht der Cyberangriff deutlich, welche Gefahr hundert Tage nach dem Hamas-Massaker und dem Wiederaufflammen des Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern in der Region lauert.

Was droht, ist ein Krieg zwischen Israel und der Hisbollah, der nach und nach auch den Iran und die USA auf den Plan rufen könnte. Zwar wird allseits betont, dass niemand einen solchen Krieg wolle. Und doch dreht sich die Eskalationsspirale zwischen Israel und seinen Erzfeinden – dem Iran und verbündeten islamistischen Milizen – immer weiter.

Das geschieht auch im Jemen, wo in der Nacht auf Freitag die USA und Großbritannien insgesamt 60 Angriffe auf 16 Stellungen der Huthis koordiniert und mithilfe von Australien, Bahrain, Kanada und den Niederlanden durchgeführt haben. US-Präsident Joe Biden bezeichnete die Militärschläge, die von Kampfjets, Kriegsschiffen und U-Booten ausgeführt wurden, als direkte Reaktion auf die "beispiellosen Angriffe der Huthis" auf die internationale Schifffahrt im Roten Meer. Die Rebellen meldeten fünf Tote und sechs Verletzte und drohten sogleich mit Vergeltung und einer Fortsetzung ihrer Angriffe, um Schiffe mit Israel-Bezug an einer Durchfahrt durchs Rote Meer zu hindern – aus "Solidarität mit den Palästinensern".

Nach drei Monaten Krieg lehnt Israel trotz internationaler Rufe nach einer Feuerpause und Kritik wegen mutmaßlichen Völkerrechtsverstößen einen Stopp seines Militäreinsatzes gegen die Hamas im Gazastreifen strikt ab. Ein solcher Schritt würde Israel wehrlos machen, sagt die israelische Führung mit Blick auf den 7. Oktober. An jenem folgenreichen Samstag hatten rund 3000 Terroristen der Hamas und anderer Gruppen aus dem Gazastreifen im Schatten von heftigem Raketenfeuer auf Israel den milliardenteuren Hightech-Grenzzaun an 29 Stellen durchbrochen und ihn auch mit Gleitschirmen überwunden. Dann drangen sie in Dörfer, Kibbuzim und auf ein Techno-Festival vor, um dort blanken Horror zu entfachen: Sie ermordeten 1139 Israelis, darunter Kleinkinder, vergewaltigten, verstümmelten und verschleppten viele mehr.

Es dauerte Stunden, bis das Militär reagierte. All das hat Israel verändert. Nicht nur die Überlebenden und Hinterbliebenen werden das Trauma wohl nie ganz überwinden, sondern das ganze Land. Jedenfalls nicht, solange israelische Soldaten in Gaza fallen und Angehörige um – nach aktuellem Stand – 132 Geiseln in den Händen der Hamas bangen. Einige davon sollen nicht mehr am Leben sein. (Anm.: Teils wird auch die Zahl 136 genannt – dabei zählt Israel auch die Leichen zweier Soldaten dazu, die 2014 entführt worden waren, sowie zwei weitere Israelis, die seit damals in Gaza festgehalten werden.). Auch der Glaube an Israels Sicherheitsarchitektur ist erschüttert. Das könnte den von der Hamas überrumpelten Premier Benjamin Netanjahu das Amt kosten.

Sein Kriegskabinett hat die hochgesteckten Ziele Geiselbefreiung und Zerstörung der Hamas nach drei Monaten noch nicht erreicht: Zwar will die Armee rund ein Drittel der auf 30.000 geschätzten Kämpfer der Hamas getötet und im Norden erfolgreich deren Strukturen zerschlagen haben – doch ihr Anführer Yahya Sinwar ist noch am Leben; und vernichtet ist die dezimierte Terrorgruppe noch nicht, wie vereinzelte Raketenangriffe auf Israel zeigen. Dabei hat Israel schon bisher kaum einen Stein auf dem anderen gelassen: 70 Prozent der Häuser in Gaza wurden beschädigt oder zerstört, 85 Prozent der Menschen vertrieben und jeder Hundertste der zwei Millionen Bewohner getötet, viele davon liegen unter Trümmern begraben.

Nicht nur vor Ort, sondern auch in Debatten weltweit drängt das Leid einer Seite oft jenes der anderen in den Hintergrund. Antisemitismus und Entmenschlichung haben den Krieg auch hierzulande in Schulen und soziale Medien geholt. DER STANDARD fasst zusammen, welche Kreise 100 Tage Krieg bisher gezogen haben:

Tagelang suchte Rami Awad nach einem Zelt, um seine Familie in Sicherheit zu bringen – vergeblich. In der Dreikönigsnacht wurde seine Wohnung in Khan Younis im Süden Gazas zerstört. Nur einer der drei Söhne, der elfjährige Mahmoud, der bei einem Onkel übernachtet hatte, überlebte und musste seine getöteten Eltern und Geschwister tags darauf identifizieren. Sein Schicksal ist nur eines von tausenden, die zeigen, wofür der Satz "Gaza ist die Hölle auf Erden" steht.

Die Heftigkeit von Israels Reaktion erinnert an die im Libanonkrieg 2006 entwickelte Dahie-Doktrin, wonach jeder Angriff mit unverhältnismäßiger Gewalt beantwortet wird, um Angreifer abzuschrecken. Trotz Warnungen an Zivilisten sind die Folgen furchtbar: Israel meldet 8000 bis 9000 tote oder festgenommene Hamas-Kämpfer. Nach früheren Angaben, wonach man je ausgeschalteten Terroristen mit zwei toten Zivilisten als "Kollateralschaden" rechnet, deuten diese Zahlen auf 16.000 tote Zivilisten oder 24.000 Tote hin – was den Hamas-Zahlen entspricht. Im Schnitt wären das 160 getötete Zivilisten pro Tag – seit 100 Tagen. Zu viele, befindet auch Israels wichtigster Verbündeter.

Für die USA entbehrt zwar Südafrikas seit Donnerstag beim Gerichtshof in Den Haag vorgetragene Völkermordklage jeglicher Grundlage. Doch das Gerede ultrarechter Minister über eine Vertreibung der Menschen aus Gaza und die Gewalt im besetzten Westjordanland versetzten die USA, die an der fernen Zweistaatenlösung festhalten, in Sorge.

Verliert nicht die Hoffnung: Wir stellen die Welt auf den Kopf, um euch zurückzuholen." Riesige Lautsprecher ließen am Donnerstag Worte wie diese und Liebesbotschaften von Geiselangehörigen in Richtung Gazastreifen hallen. Zu schaffen macht ihnen zunehmend auch der Eindruck, dass die Geiseln immer mehr in Vergessenheit geraten, während keine Aussicht auf einen neuen Geiseldeal besteht. Daher wird auch am Wochenende wieder lautstark protestiert.

Schon vor der irrtümlichen Erschießung dreier Geiseln durch eigene Soldaten war Netanjahu mit dem Vorwurf konfrontiert, nicht genug für weitere Befreiungen zu tun. Auch dass viele Bürger noch nicht in ihre Häuser in den Gebieten an den Grenzen zu Gaza und dem Libanon zurückkehren können, wird ihm, der in den Monaten vor dem Massaker alle Sicherheitswarnungen in den Wind schlug und lieber eine umstrittene Justizreform vorantrieb, vorgehalten. Diese hat das Höchstgericht nun vom Krieg unbeirrt gekippt.

Die Mitglieder der iranischen "Widerstandsachse" – darunter Milizen im Libanon, Jemen und Irak – verstehen es, mit dem Leid der Palästinenser in der eigenen Bevölkerung zu punkten. Die Huthis gefährden mit Angriffen den Schiffverkehr im Roten Meer. Nach wochenlangen Mahnungen haben westliche Verbündete diese nun unter der Führung der USA mit Luftschlägen beantwortet und den regionalen Konflikt ausgeweitet.

Und zwischen Israel und der Hisbollah, die Israels Armee im Norden beschäftigt, ist jeder noch so kalkulierte Vergeltungsschlag eine kleine Eskalation. Vorläufiger Höhepunkt: Im Libanon tötete Israel jüngst Hamas-Anführer Saleh Al-Arouri und zwei Kommandanten der Hisbollah.

Die Miliz griff einen Stützpunkt an, der für die nördliche Luftraumüberwachung (samt Syrien) zuständig sein soll. All das schürt Ängste, eine Seite könnte sich verkalkulieren. Zudem droht Israel trotz US-Warnungen mit einer Militäroperation, wenn die Grenze nicht zur Ruhe kommt: "Die Zeit für Diplomatie läuft aus."

Im großen Sitzungssaal der UN-Generalversammlung in New York stimmten Mitte Dezember 153 Mitgliedsländer für eine sofortige Feuerpause zwischen Israel und der Hamas. Österreich votierte dagegen – so wie die USA, Israel und gerade einmal sieben weitere Länder. Grund: Die Hamas wurde in Bezug auf die Geiselnahmen nicht klar verurteilt. China und der sogenannte Globale Süden hingegen, darunter Brasilien und Südafrika, hatten schon bei der vorhergehenden Abstimmung Ende Oktober eine Verurteilung der Hamas-Gräuel großteils abgelehnt.

Was bereits beim Ukrainekrieg offensichtlich wurde, zeigt sich nun immer deutlicher: Die meist autokratisch regierten Länder des Südens agieren auf der Weltbühne selbstbewusster – vor allem, wenn es gegen die USA geht. Dass der Gazakrieg jenen in der Ukraine von den oberen Rängen der Schlagzeilen verdrängt hat, dürfte zudem einen freuen, der sich gerne als Alphatier all jener versteht, die gegen den Westen agitieren: Wladimir Putin.

Schwer bewaffnet bewachten Polizistinnen und Polizisten kurz vor Weihnachten den Wiener Stephansdom, der beliebte Silvesterpfad in der Innenstadt ging ebenfalls unter besonders wachsamen Augen der Exekutive über die Bühne. Erst Mitte der Woche wurden die verstärkten Sicherheitsmaßnahmen wieder zurückgefahren. Mehrere Terrorverdächtige, sie sollen dem "Islamischen Staat Provinz Khorasan" (ISKP) angehören, waren zwischenzeitlich festgenommen worden, auch Ziele in Köln und Madrid sollen im Fokus gestanden sein.

Überhaupt, so die EU-Polizeibehörde Europol, sei die Terrorgefahr in Europa seit den Hamas-Anschlägen in Israel massiv gestiegen. Während sich jihadistische Gruppen wie IS und Al-Kaida nun neu international profilieren wollten, gehe es der Hamas darum, ihre Kampfzone auch außerhalb der Palästinensergebiete zu erweitern. Selbst im fernen Argentinien wurden rund um den Jahreswechsel Terrorverdächtige festgenommen, die laut den Behörden Anschläge auf Jüdinnen und Juden geplant haben sollen.

Als wenige Tage nach dem Hamas-Massaker hunderte Menschen auf dem Wiener Ballhausplatz der Opfer gedachten, sorgte eine Warnung der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) im Vorfeld für Aufsehen: Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten es tunlichst vermeiden, bei der Anreise Israel-Fahnen oder auch die jüdische Kopfbedeckung Kippa offen zu zeigen. Zu groß sei die Gefahr, angepöbelt oder gar attackiert zu werden.

Neu ist die Bedrohungslage für Jüdinnen und Juden in Österreich freilich nicht: Die Antisemitismusmeldestelle der IKG registrierte schon 2022, also fast ein Jahr vor der jüngsten Eskalation, einen traurigen Rekord an juden- und jüdinnenfeindlichen Übergriffen in Österreich. Seit dem Überfall der Hamas auf Israel und dem darauffolgenden Militäreinsatz in Gaza marschieren aber nun auch in Österreich Demonstrierende mit teils offen antisemitischen Parolen durch die Straßen; viele, aber weit nicht alle, mit muslimischem Migrationshintergrund. Nicht nur an US-Unis, sondern auch hierzulande werden seit Kriegsbeginn Studierende angefeindet, weil sie Jüdinnen oder Juden sind – oder sich mit Israel solidarisch zeigen. Auch die deutschen Behörden meldeten Ende 2023 massiv gestiegene Zahlen, was antisemitische Straftaten betrifft.

Andererseits werden, etwa in Onlineforen, eine Verrohung der Sprache und antimuslimischer Rassismus deutlich: Tote Zivilisten in Gaza werden häufig als "Kollateralschaden" abgetan, Palästinenserinnen und Palästinensern ihr Recht auf Leben abgesprochen. Jenen, die sich mit Gewaltopfern solidarisieren, wird oft Einseitigkeit vorgeworfen. Der Diskurs über den Krieg, er ist vergiftet. (Flora Mory, Florian Niederndorfer, 14.1.2024)


Aus: "Schrecken ohne Ende - 100 Tage nach dem Hamas-Massaker stehen die Zeichen auf Eskalation" (14. Jänner 2024)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/3000000202381/100-tage-nach-dem-hamas-massaker-stehen-die-zeichen-auf-eskalation

-
Der Krieg in Israel und Gaza seit 2023 ist der fünfte Krieg im Gaza-Israel-Konflikt und ein Teil des umfassenderen israelisch-palästinensischen Konflikts. Auslöser des Kriegs war der Terrorangriff der Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023. Bei dem von der radikal-islamischen Terrororganisation Hamas vom palästinensischen Autonomiegebiet Gazastreifen aus geführten Angriff auf Israel wurden 1.139 Menschen getötet. Darüber hinaus entführte die Hamas rund 250 Menschen als Geiseln in den Gazastreifen und beschoss israelische Orte mit tausenden Raketen. Als Reaktion auf den Terrorangriff rief der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu den Kriegszustand in Israel aus und berief ca. 300.000 Reservisten zum Armeedienst ein. In den darauffolgenden Tagen wurden die Terroristen der Hamas im israelischen Grenzgebiet von den Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) bekämpft und in den Gazastreifen zurückgedrängt. Am 10. Oktober 2023 gaben die IDF bekannt, dass sie die Militäroperation ,,Eiserne Schwerter" starten werde. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Krieg_in_Israel_und_Gaza_seit_2023

Textaris(txt*bot)

Quote[...] Wie der britische Sender BBC nach Auswertung von Satellitendaten berichtet, trifft das auf 144.000 bis 175.000 Gebäude in dem Küstengebiet zu. Die Aufnahmen belegten zudem, dass sich die Bombardierung des südlichen und zentralen Gazastreifens seit Anfang Dezember intensiviert habe. Besonders betroffen sei weiter die Stadt Chan Junis.
Die Satellitenbilder wurden laut dem Bericht an der City University of New York und der Oregon State University analysiert. Dabei seien ältere und aktuelle Aufnahmen verglichen worden, um Veränderungen in der Höhe oder Struktur von Gebäuden zu erkennen.


Aus: "Rund die Hälfte der Gebäude im Gazastreifen laut BBC zerstört" (31.01.2024)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/rund-die-haelfte-der-gebaeude-im-gazastreifen-laut-bbc-zerstoert-100.html

Krieg in Israel und Gaza seit 2023
https://de.wikipedia.org/wiki/Krieg_in_Israel_und_Gaza_seit_2023#Opfer

...

Textaris(txt*bot)

Quote[...] KAIRO taz | Man kann sie kaum als Zelte bezeichnen, es sind eher improvisierte Verschläge mit Plastikplanen, die die Menschen am Rande der Stadt Rafah, ganz im Süden des Gazastreifens, zu Hunderten aufgebaut haben – in dieser letzten Sackgasse des Krieges. Mehr Süden gibt es nicht, in den sie fliehen können. Auf der einen Seite operiert die israelische Armee in Chan Junis auf der Suche nach den Verstecken der Hamas, auf der anderen liegt der ägyptische Grenzwall.

Geschätzte 1,4 Millionen Menschen warten hier auf die angekündigte israelische Bodenoffensive, so viele wie die Stadt München Einwohner hat. Sollte die Offensive beginnen, haben sie nur zwei Möglichkeiten: Entweder brechen sie in einem Massenexodus über die ägyptische Grenze aus. Damit, fürchten aber viele von ihnen, laufen sie Gefahr, für immer aus dem Gazastreifen vertrieben zu werden. Oder sie fliehen in Richtung Norden, in Richtung der israelischen Armee. Doch selbst wenn die Armee den Zivilisten einen Korridor zur Flucht offenlässt und sie unbeschadet aus Rafah herauskommen, stünden sie im Norden des Gazastreifens vor den Ruinen ihrer Häuser und ihres alten Lebens.

,,Wir bleiben hier, wohin sonst können wir fliehen", sagt die 17-jährige Bissam Salem. ,,Sie müssen einfach eine Lösung für dieses Desaster finden, in dem wir leben. Seht ihr, wie die Menschen hier vor unseren Augen bombardiert werden? Niemand nimmt das zur Kenntnis", fügt sie hinzu.

Omar Muslih kommt aus Maghazi im Zentrum des Gazastreifens. Vor 25 Tagen ist der 50-Jährige vor der vorrückenden israelischen Armee nach Rafah geflohen. ,,Ich habe in diesem Krieg die sieben Plagen gesehen und jetzt sind wir hier, ohne Haus, ohne Kleidung zum Wechseln, mit kaum Essen. Wenn die Israelis kommen, werden wir versuchen, nach Ägypten zu fliehen oder wieder zurück in den Norden", versucht er vorauszublicken. ,,Ich möchte der Welt sagen, schämt euch! Ihr schweigt, während diese Verbrechen begangen werden, nicht nur gegen uns als Palästinenser, sondern einfach gegen uns als Menschen", erklärt er.

Viele in Rafah haben in den letzten Monaten gleich zwei, drei oder mehr Fluchtstationen hinter sich, etwa die Ghamri-Familie. Ihre Matratzen haben sie auf dem Autodach festgezurrt, um jederzeit wieder flüchten zu können. Über ein Sonnenpanel, das neben ihrem Verschlag lehnt, haben sie genug Energie, um zumindest Licht zu haben und ihre Handys aufladen zu können.

Umm Nihad Abu al-Qombuz, Mutter von fünf Kindern, blickt auf die Odyssee zurück, die die Familie, die ursprünglich aus Gaza-Stadt im Norden stammt, hinter sich hat. ,,Wir sind immer geflohen, wenn die Israelis uns dazu aufgefordert haben." Zunächst seien sie über den sogenannten sicheren Korridor aus Gaza-Stadt in den mittleren Teil des Gazastreifens geflohen. ,,Dann zwangen sie uns noch weiter südlich nach Chan Junis zu flüchten. Und jetzt sind wir hier, an einem Ort, der auch nicht sicher ist", sagt sie. ,,Die Worte der Israelis bedeuten nichts. Sie vertreiben uns von einem Platz zum anderen und überall sterben die Menschen."

Ihr Mann Muhammad al-Ghamri erzählt von ihrer Ankunft in Rafah: ,,Am nächsten Tag starb mein Vater von der Kälte. Wir haben ihn hier begraben." Sie haben nichts mehr von ihrem altem Leben, zu dem sie zurückkehren können. ,,Selbst wenn wir irgendwann wieder nach Gaza-Stadt zurückkommen, unser fünfstöckiges Familienhaus dort ist dem Erdboden gleichgemacht. Dort gibt es nichts mehr für uns", fasst er seine Lage verzweifelt zusammen.

Dass die israelische Armee noch nicht gekommen ist, bedeutet nicht, dass die Menschen in Rafah sicher sind. Besonders nachts erfolgen die israelischen Luftangriffe überall in der Stadt, auch in der unmittelbaren Nähe der Verschläge. Erst am Sonntag kam eine sechsköpfige Familie ums Leben. ,,Sie bombardieren Häuser mit Menschen drinnen, unschuldigen Menschen. Was haben sie getan, womit haben sie das verdient?", fragt Umm Nihad. ,,Immer wenn bombardiert wird, schreien die Kinder. Wir schmiegen uns dann alle aneinander. Wir alle wissen, diese Verschläge bieten uns keinen Schutz. Nur Gott kann uns schützen", sagt sie.

Als sie gefragt wird, wohin sie fliehen wird, wenn die israelische Armee kommt, hält sie inne, schluckt und zieht ihr Kopftuch zurecht, dann kommen ihr die Tränen und es verschlägt ihr die Stimme. Minuten später, als sie sich wieder beruhigt hat, fügt sie hinzu: ,,In diesem Krieg gibt es keine Gnade. Nur Angst und Herzen voller Traurigkeit und gebrochene Menschen."

Dieser Text stützt sich auf Material eines lokalen Kameramannes in Rafah, der im Auftrag des Autors dort gefilmt und Interviews gemacht hat.


Aus: "Lage im Gazastreifen: In der Sackgasse des Krieges" Karim El-Gawhary (21.2.2024)
Quelle: https://taz.de/Lage-im-Gazastreifen/!5990457/

QuotePatricia Jessen

Gerne würde ich diese Menschen fragen, was denn sie getan haben, um dieses Szenario zu verhindern. Haben sie gegen die Hamas opponiert - oder haben sie sie gewählt und unterstützt? Haben sie in einer der vielen Initiativen, die sich für Frieden zwischen Palästinenser*innen und Israelis engagieren, mitgearbeitet - oder haben sie einfach vor sich hin gelebt und gedacht, dass das Schaffen von Frieden sie nichts angeht? Ins solchen Interviews präsentieren sich Palästinenser*innen als Opfer, die nie und nirgends irgendwelche Optionen hatten. Als Getriebene und Vertriebene. Nie ein Wort über die Hamas, nie ein Wort über Unrecht, das vielleicht von ihnen bzw. der von ihnen gewählten Hamas ausging, nie ein Wort, dass Menschen aus Gaza in Israel gearbeitet und gutes Geld verdient haben oder dass (nicht alle, aber doch eine nennenswerter Teil der) Israelis sich ebenfalls für den Frieden eingesetzt haben und einsetzen. Es ist immer schwarz weiß und immer sind die anderen schuld. Bei allem Verständnis für ihre Lage, bei aller Überzeugung, dass Palästinenser*innen selbstverständlich ein Recht auf einen eigenen Staat haben. Mit so (zumindest politisch) unreflektierten und passiven Menschen erscheint es mir schwierig, einen Staat zu machen, geschweige denn am laufen zu halten, ohne dass er gleich wieder von Extremist*innen wie der Hamas übernommen wird.


QuoteChris Ehl

@Patricia Jessen Aus dem warmen Stuhl ist dieser moralische Ansatz von oben ja ganz schön. Was haben Sie gemacht, nach den Morden des NSU? Nach der Vertuschung durch den Verfassungsschutz. Was machen Sie im Zuge der V-Männer-Aktivitäten des Verfassungsschutzes. Was haben Sie im Falle Kurnaz unternommen? Wann waren Sie mal "opponierend" gegen Polizeigewalt? Wieviele, "darauf kann ich nicht antworten" habe ich bei Ihnen schon ausgelöst?


QuotePatricia Jessen

@Chris Ehl Da wenden Sie sich leider an die falsche Person, die auf dem warmen Stuhl sitzt. Denn sowohl beruflich wie privat bin ich (nicht nur aber auch) engagiert in den Bereichen Extremismusprävention, Umgang mit Rassismus, Gestaltung eines friedlichen Zusammenlebens und habe gerade vom wissenschaftlichen Schwerpunkt her sogar einen Fokus auf dem Nahostkonflikt. Dementsprechend, ja meinen moralischen Ansatz versuche ich auch zu leben und nein, er ist nicht von oben, er zeigt darauf, dass Menschen Verantwortung für ihr Tun übernehmen und nicht nur die Schuld an ihrer Misere anderen in die Schuhe schieben. Wenn die Menschen das in Gaza weitestgehend nicht tun und nicht wollen, dann ist es doch fraglich, wie sie sich eine Gesellschaft und einen Staat vorstellen. Wohl kaum demokratisch, denn das bedeutet, Verantwortung übernehmen zu müssen.


Quoteillek

@Patricia Jessen Nun, was haben wir gegen Hanau getan?

Stellen Sie sich mal den durchaus plausiblen Fall vor, dass der Täter von Hanau mit ein paar weiteren Komplizen nicht 9 sondern 100 Mitmenschen getötet hätte.

Sollte nun unser Militär eingreifen und ganz Hanau dem Erdboden gleichmachen, weil die AfD dort vertreten ist und wir diese rechte Plage radikal bekämpfen wollen?

Wahrscheinlich fällt ihnen außer "Hamas" auch nichts mehr dazu ein.


Quote*Sabine*
gestern, 20:27

@illek Aus meiner Sicht funktioniert Ihr Beispiel Hanau nicht, weil die fiktiven Täter von Hanau kein fremdes Land überfallen und sich danach mit Geiseln (Frauen, Kinder, Babies) in ihr Heimatland wieder zurückgezogen hätten.

Des Weiteren würde man üblicherweise mit der Regierung/Polizei des Landes, aus dem die Täter stammen, zusammenarbeiten. Das ist in Gaza nicht möglich, da die Täter die Regierung/Polizei/Militär von Gaza stellen.

Außerdem sehe ich es als eher unwahrscheinlich an, dass breite Bevölkerungsschichten die Täter vor dem Zugriff der Ordnungskräfte schützen bzw. als freiwillige und unfreiwillige Schutzschilde fungieren. Dass Krankenhäuser, Schulen etc. Abschussrampen für Raketen sind u.v.m..


QuotePatricia Jessen

@illek Doch, mir fällt dazu ein, dass Sie Äpfel mit Birnen vergleichen. Die grauenvollen Taten in Hanau und die grauenvollen Taten der Hamas sind in unterschiedlichen Kontexten von unterschiedlichen Tätern mit unterschiedlichen Zielen und vollkommen anderer Wirkung begangen worden. Das macht jeden weiteren Kommentar zu Ihrer Frage obsolet.


Quoteillek

@Patricia Jessen Schade, dass sie sich mit einer abgedroschenen Redewendung und mit Theorien über Unterschiede rausreden.


Quoterero

@illek Trotzdem passt die Redewendung.

Ein besserer Vergleich wäre es, wenn fiktiv 3000 Schweizer nach Deutschland gekommen wären - organisiert durch die Schweizer Regierung - und in den Dörfern Baden-Württembergs die Menschen massakriert hätten.

Inklusive Geiselnahme.

Sie können sich darauf verlassen, dass auch hier viele ein militärisches Vorgehen erwarten würden, damit die amtierende Schweizer Regierung zu vergleichbaren Taten nicht mehr in der Lage ist.

Erfreulicherweise ist dieses Szenario reine Fiktion und die Schweizer weit entfernt davon, die Deutschen in die Nordsee treiben zu wollen.

Wenn meine Tochter beim Zigarettenholen erschossen worden wäre wie dieser junge Araber in Sderot, würde ich es vermutlich halten wie dessen Familie.

Die sagte im israelischen Fernsehen, sie stamme selbst aus Gaza und habe Verwandte dort, aber sie wünsche sich, dass die Hamas zerstört wird.

Inländische Extremisten oder Irre, als Einzeltäter oder in Kleingruppen, sind ein anderes Kaliber.

Deshalb passt Ihr Vergleich wirklich nicht.


QuoteMoritz Pierwoss

@Patricia Jessen Da Israel bestimmt wer Gaza betreten oder verlassen darf und wer nicht seit 2006, wie soll man sich dann bitte in einer NGO für Verständigung engagieren? Es wird sogar die Kalorienanzahl für die Menschen in Gaza reglementiert, die Bezahlung erfolgt über Shekel und gutes Geld verdient? Die Palästinenser arbeiten als Billiglöhner bei ihren Besatzern, weil sie sonst gar nichts verdienen können. Kein Israeli will zu den Löhnen arbeiten, weswegen man jetzt Inder anwerben will.

Die meisten Menschen in Gaza leben dort, weil ihre Familien dorthin völkerrechtswidrig vertrieben wurden über Jahrzehnte und von denen fordern Sie jetzt Verständnis und Vergebung für die Verursacher ihres Elends?


QuoteSuchender

@Moritz Pierwoss Warum ignorieren fast alle Kommentatoren, daß es auch eine Grenze nach Agypten gibt über die die Menschen versorgt werden könnten? Wird die auch von Israel kontrolliert? Bin froh, daß im obigen Bericht der "agyptische Grenzwall" erwähnt wird.

Verursacher dieses Elends sind diejenigen die den UN-Teilungsplan von 1947 nicht akzeptieren wollten. Außerdem sind im Rahmen der Konflikte mehr Juden aus arabischern Ländern vertrieben worden als Palästinener, interessiert fast auch niemanden.


Quote*Sabine*

@Suchender "Außerdem sind im Rahmen der Konflikte mehr Juden aus arabischern Ländern vertrieben worden als Palästinener, interessiert fast auch niemanden."

Danke, auch wenn es ermüdend ist, solche Dinge immer wieder schreiben zu müssen. Ebenso interessiert es auch niemanden, dass manche Grundbesitzer der Region ihr Land an jüdische Einwohner verkauft haben.


QuoteGesunder Menschenverstand

Der Elephant im Raum wird wieder mal nicht angesprochen.

Hamas.


Quoteillek

@Gesunder Menschenverstand Fast jeder Kommentar und sogar der Artikel selbst enthalten das Wort "Hamas".

Vom Elephanten im Raum spricht man, wenn alle etwas sehen, aber nur wenige sich trauen das Wort in den Mund zu nehmen.
Also, so etwas wie "ethnische Säuberung" oder "Völkermord".


Quotevieldenker

Es gibt nur eine Lösung. Die Menschen müssen die Kämpfer im Untergrund massiv unter Druck setzen. Sobald die Geiseln frei sind, wird die israelische Regierung nicht mehr soviel Unterstützung für einen großen Angriff haben. Letztlich liegt das Ausmaß des weiteren in der Hand der Palästinenser. Aber irgendwie wollen die das wohl nicht wahrhaben.


QuoteSuryo

Ägypten hätte die Menschen längst aufnehmen können.
Ganz zu schweigen von dem Golfmonarchien, den reichsten Staaten der Welt.


QuoteChris Ehl

@Suryo Wieso sollten sie das? Wir hatten schon Probleme, die Geflüchteten durch unsere Kriege aufzunehmen. Warum also von anderen etwas anderes fordern?


QuoteSuryo

@Chris Ehl Warum sollten sie das nicht?

Wenn die Bevölkerung der Emirate zu 90 Prozent aus Ausländern besteht, die der arbeitenden Bevölkerung aus nahezu 100 Prozent, sollte es kein Problem sein, ein paar Millionen aus Gaza Obdach und Arbeit zu bieten.


QuoteStubi

Ich verstehe immer besser, wie die Nazis in Deutschland an die Macht kommen konnten.
Ihr habt sehr tief sitzende Probleme beim miteinander reden.

In den Kommentarspalten könnte man momentan Lehrstunden für Psychologie Studenten abhalten. Was da an Verdrängungsmechanismen zirkulieren, ist auf morbide Art faszinierend.

Es gibt vernünftige Stimmen, die versuchen, Ergebnis offen zu diskutieren und Kommentieren. Nur werden sie durchgehend flankiert von Menschen, die lieber Abwehren als ihre eigene Weltsicht zu hinterfragen.

Es gibt in einem Krieg keine gute Seite. "Das erste Opfer ist immer die Wahrheit"

Was Zivilisten wollen, ist ihr Leben in Frieden zu leben. Zur Lösung dieses Konfliktes sollte man ihnen zuhören, eine Plattform geben, auf beiden Seiten.

Nicht den Kriegstreibern auf beiden Seiten, die selber im Sicheren sitzen.


usw.

...

Textaris(txt*bot)

Quote[...] Der Soldat kommt gerade aus der Salzkammer des Sanatoriums, am Vormittag war er schon bei der Massage. Er nennt nur seinen Militärspitznamen, Produzent. Für zwei Wochen Erholung ist er hier, sagt er, und seine Frau ist zu Besuch. Sie ist schwanger, erzählt er und kämpft mit den Tränen. Wenn seine Tage hier um sind, muss er zurück an die Front. Zurück ans große Maschinengewehr, zurück an den Granatwerfer, das sind seine Waffen. Weitermachen. Weiter töten. Weiter Kameraden beim Sterben zusehen.

Das Sanatorium am Stadtrand von Charkiw stammt noch aus Sowjetzeiten. Früher wurden hier Herzpatienten behandelt, heute sind es Soldaten wie der Produzent. Jeder, der hierherkommt, war an der Front; hat Unsägliches gesehen und wohl auch Unaussprechliches getan. Das zehrt an einem Menschen, nicht nur am Körper, sondern auch an der Psyche.

Die Ukraine kann es sich nicht leisten, Soldaten zu verlieren. Nicht an der Front, nicht an Depressionen und nicht an einen Freitod. Sie kann ihre Männer und Frauen nicht davor bewahren, Schreckliches zu tun und Schreckliches zu erleben – also versucht sie, den Schaden in Grenzen zu halten.

Der Produzent war schon im Donbass stationiert, zuletzt in Kupjansk. Immer dort, wo es knallt, immer in der ersten Reihe. "Es ist schwer da oben, das alles mit anzusehen", sagt er. Manche Soldaten kauerten sich irgendwann nur noch in eine Ecke, gäben auf. Einer seiner Kameraden sei an der Front im Nacken verwundet worden, sechs Männer waren nötig, um ihn vom Schlachtfeld zu tragen, kilometerweit. Er war einer von ihnen. Beim Rückzug seien sie von einer russischen Drohne angegriffen worden, mehrere Soldaten seien verletzt worden, einer gestorben. Sie hätten die Nacht auf dem Feld ausharren müssen, bis Hilfe kam.

Für Männer wie den Produzenten wurde im Sanatorium ein spezielles Rehabilitationsprogramm entwickelt. Seit Sommer 2022 kommen Soldaten von der Front hierher, um sich behandeln zu lassen. Stress, Panikattacken und Traumata plagen sie. Viele sind leicht reizbar, einige belastet es, dass ihre Frauen und Kinder im Ausland sind. Sehr viele können nicht schlafen, wieder und wieder durchleben sie im Traum, was sie durchgemacht haben und schrecken nachts auf.

Der Produzent macht diesen Moment vor, verschränkt ruckartig die Arme vor der Brust, die Hände zu Fäusten geballt, richtet sich im Sessel auf, den Rücken schnurgerade. Er gehört zur Infanterie, zu den Soldaten, die ihrem Feind stets gegenüberstehen. Er sieht jene, die er tötet. Und er sieht sie, wenn sie ihn töten wollen. Das verfolgt ihn im Schlaf.

Zwei Wochen in einem Sanatorium sind da kein Ausweg, keine Lösung. Im Durchschnitt dauert die Behandlung einer posttraumatischen Belastungsstörung drei Jahre. Was können da 14 Tage schon bewirken?

"Wir wollen die Moral der Soldaten wiederherstellen", sagt Ihor, der Chefpsychologe. Auch er gehört dem Militär an und möchte daher seinen vollen Namen nicht nennen. Die Männer werden hier kurzzeitig psychisch aufgepäppelt, notdürftig seelisch zusammengeflickt, auf dass es eine Weile halten möge.

Wenn jemand über Suizid nachdenke, erklärt Ihor, dann fragten sie ihn im Sanatorium: "Wer beschützt deine Familie, wenn du dir das antust?" Wenn das nicht helfe, komme der Patient in eine Psychiatrie. Doch wenn die Psychologen den Eindruck bekommen, ein Mann sei wieder stabil, dann darf er zurück zu seinen Kameraden. Zurück an die Front.

"Die jungen Soldaten sind besonders gefährdet für psychische Leiden", sagt Ihor, die Älteren litten mehr körperlich. Sie hätten Probleme mit der Wirbelsäule vom ständigen Tragen der schweren Schutzausrüstung, in der sie manchmal auch schliefen.

Der Behandlungsplan sieht deshalb auch physische Entspannung vor. Es gibt Massagen, einen warmen Pool und Sport. Bei der Aromatherapie schweigen die Männer mit geschlossenen Augen, vom Band rauscht das Meer, es riecht nach Eukalyptus. Die Salzkammer befreit die Atemwege, das Licht wechselt von rot zu blau zu grün.

Auf dem Gelände des Sanatoriums gibt es mehrere Gebäude, sie haben Linoleumböden, Flügeltüre und bunte Wände. Vor den Eingängen blasen die üblichen Rauchergruppen grauen Dunst in den grauen Himmel. Hier und da schlendert ein Soldat durch den nassen Schnee, vorbei an Bäumen und Statuen. Die Patienten sind angehalten, auf dem Gelände keine Uniform zu tragen, denn viele Soldaten auf einem Haufen sind ein attraktives Ziel für Raketenangriffe. Nur wenige halten sich daran.

Nicht alle Patienten nehmen die Behandlung gleich an. Es ist nicht leicht, vor anderen über Albträume zu sprechen, wenn man schon bald wieder nebeneinander im Schützengraben kauert. Gruppentherapien werden nur noch innerhalb gleicher Einheiten abgehalten, weil die Erfahrung zeigte, dass verschiedene Brigaden sich sonst darüber streiten, wer härter gekämpft habe. Einzelgespräche mit Therapeuten sind beliebter. Manche sind auch einfach nur froh, ein paar Tage nicht beschossen zu werden. Und einige scheinen ihre Probleme vor sich selbst kaum zugeben zu können, sie beharren darauf, bloß wegen Rückenschmerzen hier zu sein.

Der Produzent, ebenfalls in Uniform, ist leicht untersetzt und hat weiche Gesichtszüge. Er verabschiedet sich zur Lasertherapie. Dort bekommt er eine Art Mütze aufgesetzt, die elektrische Impulse ans Gehirn sendet. Das soll die schlimmen Träume lindern. Fast im Gehen sagt er mit weicher Stimme noch: "We will not give up to these motherfuckers."

45 Tage an der Front seien das Maximum, was einem Soldaten zugemutet werden sollte, sagt der Psychologe Ihor. Danach staue sich die Belastung an wie in einem Glas, in das Probleme tropfen. Doch in der Realität bleiben die meisten Soldaten länger, die meisten leisten monatelang Dienst an der Front. Im Sanatorium können sie das Glas nicht einfach auskippen, aber ein bisschen auslöffeln. Im Sanatorium zögern sie hinaus, dass sich ihr Zustand verschlimmert. Im Krieg gilt die Kunst des Machbaren.

Näher an der Front arbeiten jene, die verwundete Soldaten zuerst versorgen. Sie haben täglich mit schlimmsten Verletzungen zu tun, deren Anblick schwer zu ertragen ist. Spezielle Unterstützung für diese Helfer ist nicht vorgesehen, sie müssen sich selbst helfen.

Es liegt etwas Melancholisches, fast Schüchternes in der Stimme des jungen Mannes. Sein rotbrauner Vollbart schaukelt beim Sprechen, seine Arme schwingen sachte wie die eines Dirigenten, der Mann hat nichts von der Zackigkeit eines Kommandeurs. Vielleicht ist das die Ruhe, die jemand ausstrahlt, der das größte Chaos innerhalb weniger Herzschläge sortieren muss.

Sein Spitzname ist Heiler, so steht es auch auf dem Patch an seinem Oberarm. Er lächelt ganz kurz, fast ein Grinsen. Heiler klingt nach Schamane und Hokuspokus, doch irgendwie ist der 33-Jährige das auch. Er ist Arzt an einem sogenannten Stabilisierungspunkt unweit der Front an einem geheimen Ort in der Region Saporischschja.

Der Weg zu seinem Arbeitsplatz führt über eine matschige, bucklige Straße, vorbei an einem alten Friedhof, dessen Gräber bei einem Raketenangriff aufgewühlt wurden. Der Stabilisierungspunkt liegt in einem kleinen Dorf, Zivilisten sieht man kaum noch, jeder Schritt im Freien endet knöcheltief im Matsch. Wer hierher gebracht wird, hat ein ernstes Problem – und der Heiler und sein Team sind die letzte Hoffnung.

Verwundete an der Front werden direkt dort zunächst von Sanitätern behandelt – nach einem international einheitlichen Protokoll zur Versorgung schwerer Verletzungen auf dem Schlachtfeld: Beinstümpfe abbinden, kollabierte Lungen notdürftig flicken, Blutungen stillen. Das Minimum, um Menschen am Sterben zu hindern. Die ersten drei bis fünf Minuten sind entscheidend. Dann werden die Soldaten zum Stabilisierungspunkt gebracht, wo es medizinisches Equipment gibt und die Patienten so weit stabilisiert werden, dass sie weiter in ein Krankenhaus gebracht werden können.

Stressig seien vor allem die Nächte, sagt der Heiler. Dann werde an der Front mehr gekämpft, dann gebe es für ihn und sein Team viel zu tun. Zwischen fünf und zehn Männer und Frauen sind hier rund um die Uhr im Einsatz, es gibt einen Ruheraum und einen zur Behandlung. Die Liegen sind vorbereitet, jede Sekunde kann entscheiden. Die vergangene Nacht war vergleichsweise ruhig, drei Patienten mit Knalltrauma, einer mit Herzinfarkt, ausgelöst durch eine Explosion. So entspannt ist es nicht immer.

Das Schlimmste, sagt der 33-Jährige, seien die Blutungen, danach folgten Kopfverletzungen und Wunden im Bauchbereich. 15 bis 20 Minuten bleibt ein Patient im Durchschnitt, bevor er ins nächste Krankenhaus gebracht wird, weiter weg von der Front. Wenn es gut läuft. Wie viele es nicht schaffen, sagt der Heiler nicht. Er wisse es nicht, behauptet er.

Seit Oktober ist er hier stationiert, vor dem Krieg hat er als Arzt in einem Krankenhaus gearbeitet. Auch dort hatte er viel mit Tod und Leid zu tun, aber nichts mit Krieg. Aufgeplatzte Bauchdecken und deformierte Schädel gehören in einer städtischen Klinik nicht zum Alltag, hinter den Schützengräben schon. Einen Monat nach der russischen Invasion hat der Heiler sich bei der Armee gemeldet, um Sanitäter zu werden. "Auf dem Schlachtfeld habe ich alles gesehen", sagt er.

Anfangs sei er überfordert gewesen mit so vielen Verletzten auf einmal. Zu entscheiden, wen er zuerst behandelt: Triage. "Ich habe schlecht geschlafen, mich immer häufiger dabei erwischt, wie mich Kleinigkeiten wütend machen", erinnert er sich. Das sei nicht von jetzt auf gleich so gewesen, sondern habe sich mit der Zeit entwickelt.

In der Logik des Krieges ist der Heiler jemand, der anderen hilft, Leben rettet. Manchmal ist sein Gesicht das Letzte, das ein Patient sieht. Aber auch Stabilisierungspunkte werden beschossen. Und ein Heiler kann nicht alle Leben retten. Das ist schwer.

Irgendwann wurde dem Heiler klar, dass er auf sich selbst aufpassen muss. "Ich arbeite intensiv an meiner mentalen und körperlichen Gesundheit", sagt er. "Beides ist endlich und der Krieg wird noch eine ganze Weile dauern. Es ist ein Marathon." Konkret bedeutet das: jeden Morgen Sport, kaum noch Kaffee, ausreichend Schlaf. Für jemanden in seinem Job können solche Kleinigkeiten darüber entscheiden, ob er zusammenbricht oder durchhält. "Ich definiere meine psychischen Grenzen", sagt der Heiler. Und wie beiläufig erwähnt er: "Ich nehme Antidepressiva und gehe zur Psychotherapie." War on drugs.

Er habe sich verändert, sagt er, sei flexibler, mache keine langfristigen Pläne mehr – so wie viele Ukrainerinnen und Ukrainer. "Ich genieße nun die kleinen Momente viel mehr. Wenn ich nicht im Einsatz bin, gehe ich wandern oder esse einen leckeren Salat." Gestern habe er gezeichnet, er zeigt ein Foto auf dem Handy: eine Rose, Bleistiftzeichnung, filigran.

Es ist ungewöhnlich, dass ein Soldat so offen über seine Probleme spricht. Die Härte der Frontkämpfer scheint ihm fern. Ob er versucht, das auch seinem Team nahezubringen? "Nur, wenn mich jemand fragt", sagt er, er wolle sich nicht aufdrängen.

Zehntausende ukrainische Soldaten sind in Russlands Krieg gegen die Ukraine getötet worden. Frische Gräber reihen sich in den Städten des Landes auf den Friedhöfen aneinander. Sie stehen für all die hinterlassenen Kinder, Ehefrauen, Väter, Mütter, Schwestern und Freunde, die im Krieg mit dem Verlust eines nahestehenden Menschen leben müssen.

"Cargo 200", steht auf dem Leichenwagen, die Kennnummer für den Transport eines Toten. 80 Kilo wiegt ein Toter im Durchschnitt, 120 Kilo der Sarg, macht zusammen 200. Hinter diesem Sarg läuft die Witwe Alla Tichonowa, sie weint lautlos. "Dieser Scheißkrieg hat mir meinen Mann genommen", sagt sie. Ihren Mann Serhij Tichonow, den bei der Armee alle den Mechaniker nannten.

Etwa 50 Trauernde haben sich auf dem Friedhof am Rande von Saporischschja versammelt, die meisten sind Männer in Tarnanzügen. Stumm schreiten sie hinter dem Sarg her, Sonne im Gesicht, der Schnee knirscht unter den Kampfstiefeln. Der Kommandeur des Toten beerdigt heute das fünfte Mitglied seiner Einheit, eine Drohne traf das Auto von Tichonows Einheit in der Nähe von Donezk.

Das Grab ist ein Loch in einer langen Reihe von Löchern, der Totengräber hat sie am Vormittag ausgehoben. Seine furchigen Hände haben sich den ganzen Morgen durch Frost und Lehmboden geackert, nicht alle Gräber sind schon vergeben. "Wir arbeiten vor, wenn wir können."

Kameraden nehmen am offenen Sarg kniend weinend Abschied, Alla steht wie erstarrt daneben, die Arme baumeln kraftlos an der Seite, teilnahmslos lässt sie sich der Reihe nach drücken. "Wir werden die Russen besiegen, dieser Tod wird nicht umsonst gewesen sein", sagt der Kommandeur.

Dass der Sarg bei diesem Begräbnis offen ist, ist etwas Besonderes, Tichonowa hatte sich das sehr gewünscht. Denn sie wusste, dass es auch anders hätte kommen können, ihr Mann arbeitete in einem Minenkommando.

Ein paar Tage nach der Beisetzung möchte Alla Tichonowa über ihren verstorbenen Mann sprechen. Sie trägt ein schwarzes Band im Haar als Zeichen der Trauer. Serhij habe zwei Familien gehabt, sagt sie. Die eine war die Armee, die andere sie und die gemeinsame Tochter Viktoria, sie ist acht.

Tichonowa sagt, sie habe gewusst, worauf sie sich einließ. Sie wusste, dass das Leben mit einem Soldaten Einschränkungen mit sich bringt, sie habe sich daran gewöhnt. Anfangs verbot sie ihm noch, an die Front zu gehen, mit der großen Invasion der Russen änderte sich das. Wer, wenn nicht jemand wie Serhij sollte jetzt das Land verteidigen?

"Er hat seine Arbeit sehr ernst genommen, deshalb hat er sie gut gemacht. Ich wusste, er versteht etwas davon", sagt sie. Bloß ist das in einem Soldatenleben nur die halbe Rechnung. Beide, sagt sie, hätten über seine Arbeit sogar gescherzt. Er, der Experte für Minen, habe immer gesagt: "In meinem Beruf mache ich höchstens einmal einen Fehler. Aber dann wirst du schon einen Jüngeren finden."

Tichonow beendete 1997 den Wehrdienst und fing danach auf einem Luftwaffenstützpunkt in Melitopol an. Dort lernte Alla ihn kennen. Ein Nachbar von ihr war ebenfalls dort stationiert und lud sie ein, auf eine Party mitzukommen. Das war 2010. Serhij sei ihr schnell aufgefallen. "Er wirkte so erwachsen, wie jemand, mit dem man eine Familie gründen kann", erinnert sie sich. Sie blieb über Nacht in der Kaserne und schlich sich auch in den kommenden Nächten über einen Seiteneingang zu ihm in den Stützpunkt. Wenige Wochen später zog sie bei ihm ein.

Er habe immer alle zum Lachen gebracht, erzählt sie. Er, der keine Geschwister hatte und seinen Vater früh verlor, habe sich gut mit ihren Brüdern verstanden. Er half auf dem kleinen Bauernhof der Schwiegermutter, wann immer es ging, und plante, seinen Ruhestand dort zu verbringen. Manchmal sei er nachts aufgestanden, um Schokolade zu essen, und habe erst aufgehört, wenn nichts mehr übrig war. Als Jugendlicher sei er Ringer gewesen, Freistil. Starke Arme und Beine habe er deshalb gehabt, manchmal aus Spaß mit Alla gerungen.

Als die gemeinsame Tochter auf die Welt kam, habe er sich plötzlich an zweiter Stelle gefühlt. Gelegentlich sei er in die Stadt gefahren und habe dort den Supermarkt leergekauft: lauter Dinge, die Alla und ihre Tochter gern mochten. Eine Art eifersüchtiger Bestechungsversuch, sagt Tichonowa, "ein richtiger Shopaholic".

Es sind diese Marotten und Albernheiten, die kaum wahrnehmbaren Leidenschaften eines Menschen, die erst richtig auffallen, wenn sie fehlen. Je länger Alla spricht, desto mehr davon fallen ihr ein.

"Wir hatten ein gutes, ein interessantes Leben", sagt Alla. Doch in den letzten Wochen sei es Serhij immer schwerer gefallen, Leichtigkeit in die Familie zu tragen. Der sonst so Fröhliche war plötzlich düsterer Stimmung, wurde aggressiv, wenn auch nicht gegen Alla. "Seine Laune verschob sich so oft wie die Frontlinie", sagt sie. Die beiden sprachen viel über den Krieg. Wenn er jetzt anrief, erzählte er von Minenfeldern, die er gelegt hatte, auf denen tote Russen lagen. Wie er seine Kameraden sterben sah, darunter zwei enge Freunde.

Zum letzten Mal hörte Alla Serhijs Stimme am 13. Januar. Sie hätten einen neuen Auftrag, sagte er ihr am Telefon, sie sollten etwas an der Front reparieren. Am folgenden Tag, da erinnere sie sich an jedes Detail, sagt Tichonowa, habe gegen 12 Uhr mittags eine Freundin aus dem besetzten Melitopol angerufen, deren Mann auch in der Armee sei. Habe gefragt, wie es ihr gehe. – Gut, wieso? – Weinen am anderen Ende der Leitung. – "Hat dich niemand angerufen?", habe die Freundin gefragt. In diesem Augenblick habe es bei Tichonowa an der Tür geklopft. Drei Männer vom Militär. Sie habe geschrien und geleugnet. "Das Weinen kam erst später", sagt sie.

Am 13. Mai wäre Serhij 46 geworden. Zu seinem Geburtstag wollen Alla und Viktoria zu seinem Grab gehen und seinen Lieblingskuchen mitbringen: Napoleon-Torte.


Reporter: Christian Vooren
Mitarbeit: Sergij Chudow
Redaktion: Meike Dülffer


Aus: "Krieg in der Ukraine: Das traumatisierte Land"
Eine Reportage von Christian Vooren, Charkiw und Saporischschja (24. Februar 2024)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2024-02/krieg-ukraine-jahrestag-saporischschja-charkiw

QuoteAutofuchs

Krieg ist reiner Wahnsinn.


QuotevonDü

"Krieg ist reiner Wahnsinn."

Für einige aber auch ein wahnsinnig gutes Geschäft..


QuoteTWIKE-Fahrer

Vielen Dank für diesen Artikel. Es ist gut und wichtig darüber zu berichten. Ich bin überzeugt dass auch viele Russen traumatisiert sind und bald zu einem Ende dieses Terrorstaats führen werden. Die Zeit tickt gegen das Putin-Russland.


QuoteHomeofficenerd

Ich erinnere mich noch gut daran, wie meine Oma über 25 Jahre später fast nur über der Krieg gesprochen hat.
Krieg prägt mindestens zwei Generationen, wenn nicht sogar drei.


QuotePanzerdivision Niedliches Plüschcapybara

Was für ein starkes Land. Was für ein unfassbares Verbrechen.


QuoteFrau Funcke

Wenn ich eine solche Reportage lese, entsteht gewöhnlich ganz viel Wut in mir. Auf wen, das kann sich jeder denken, schreckliche Rachefantasien kommen hinzu.

Heute möchte ich eigentlich nur noch weinen, ob dieses schrecklichen Krieges, dem ganzen Elend.

...



QuoteRandyderzweite

Mein Vater war Sanitäter in Stalingrad. Solche Bericht helfen mir dabei, endlich zu verstehen, warum er so war, wie er war.


QuoteFaktennotiz

Auch die Zivilbevölkerung des besiegten Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg, die wohl eher noch mehr Verluste auf allen Ebenen und Traumatisierungen erleben musste, hat die Kurve gekriegt, und das ohne Therapieangebote und breite Solidaritätsbekundungen.

Das sollten wir auch der Ukraine und ihrer Bewohnerschaft zutrauen.


QuoteRandyderzweite

Wie ich schon geschrieben habe: mein Vater war im 2. Weltkrieg Sanitäter, in Stalingrad, Monte Cassino, auf dem Balkan. Der Mann hat zwar sein Leben danach in den Griff bekommen, innerlich ist er aber ein emotionaler Krüppel geblieben, wie viele mit ähnlichen Biografien. Gleiches gilt für meinen Großvater, der im 1. Weltkrieg an der Somme gekämpft hat.

Für beide und ihre Leidensgenossen hat es nie irgendeine psychologische Hilfe gegeben.

Dass natürlich auch Zivilisten auch in Deutschland keine Hilfe bekommen haben stimmt zwar, macht die Sache aber kein bißchen besser.

Ihr Kommentar liest sich angesichts des Leidens wie "stellt Euch nicht so an, seht halt zu, wie ihr fertig werdet und jammert leise!"

Sie haben offenbar nicht die geringste Ahnung davon, wie sich solche Biografien auch noch auf Kinder und Kindeskinder auswirken in Form von Depressionen und anderen psychischen Problemen.

Als verschonen Sie uns bitte mit Ihrer Empathielosigkeit!


QuoteWerDieNachtigallStört

"Auch die Zivilbevölkerung des besiegten Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg, die wohl eher noch mehr Verluste auf allen Ebenen und Traumatisierungen erleben musste, hat die Kurve gekriegt, und das ohne Therapieangebote und breite Solidaritätsbekundungen."

Das wissen Sie so genau?

Mein Großvater, der im 2. WK, war, davon 3 Jahre in Gefangenschaft, kam völlig verroht nach Hause.

Es kann sein, dass das eigene Erleben nicht verarbeitet wird, da es nicht behandelt wurde, und sich dann in Form von Gewalt gegen Menschen seine Bahn sucht: Mein Großvater zeugte mit meiner Großmutter 10 Kinder, sage ich mal so, meine Großmutter tat das nicht freiwillig.

Meine Mutter lernte ihren Vater erst mit 3,5 Jahren kennen, sie weinte, weil sie den dreckigen, stinkenden Mann nicht kannte, der sie dann zur Begrüßung verprügelte.

Die Kindheit von diesen 10 Kindern und das Leben meiner Großmutter war die Hölle, sie und die Kinder wurden regelmäßig verprügelt, Mädchen erlebten sexualisierte Gewalt. Mit schweren Folgen in ihren eigenen Leben, und auch für die eigenen Kinder.

Und nein, es gab keine Hilfe, meiner Mutter, damals 14, wurde beim Amt (1955) gesagt, als sie ihren Vater anzeigen wollte: "Willst du, dass dein Vater ins Gefängnis kommt, dann bist du Schuld, wenn deine Mutter und Geschwister von Amtsgeld leben müssen".

Ich bin das älteste Enkelkind von 27, so habe ich am längsten beobachten können, was der 2. WK noch heute für Auswirkungen hat. Und das ist kein Einzelfall.


QuoteDackelGer

Die Mär vom "sauberen, chirurgischen Krieg ist - eben ein Mär. Vor 100 Jahren waren F und D "Erbfeinde" , es dauerte Generationen - vor dem Hintergrund des wachsenden wirtschaftlichen Wohlstandes auf beiden Seiten - das abzubauen. Korea, Jugoslawien; Irak, Afghanistan, Ukraine und diverse weitere Kriegsschauplätze wird das nicht so "schnell" gehen... Die Politik versagte und die Verntwortlichen (ja - auch Putin wurde "gefördert") sind schnell auf und davon - das Leiden bleibt. Und leider auch eine Wahrheit der Marktwirtschaftsepoche der Menschheit: Krieg und Angstverbreitung sind Wirtschafts- und Konsumfaktoren: nicht nur die Kriegsführung auch und gerade der Wiederaufbau.


QuoteGenitiv

Und das Mal zwei - denn auf der anderen Frontseite sterben Männer auf die gleiche Art und Weise, werden traumatisiert und Angehörige trauern.

Hier gibt es keine Feinde, nur menschliches Elend und Leid. Tragödien die sich seit Jahrtausende wiederholen. Wer sind diese Menschen die zum Krieg aufrufen anstatt Frieden vorleben? Es sind Monster denen Abermillionen über viele Zeiten hinweg zum Opfer gefallen sind. Angreifer wie Verteidiger - denn es ist dieser tödliche Kreislauf - denn ohne den einen kann es nicht den anderen geben und es würde diesen Kreislauf nicht geben.


QuoteJoachim

Dem kann man nicht zustimmen. Hier wurde ein friedliches Nachbarland überfallen. ...


Quoteschwachr

'Wer sind diese Menschen die zum Krieg aufrufen anstatt Frieden vorleben?' Es sind auch Menschen, die es nicht geschafft haben Ihre eigene erlebte Gewalt anders zu regulieren, z.B. Putin.


...