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Author Topic: [1968 (Afterglow) // Notizen... ]  (Read 18852 times)

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[1968 (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #70 on: April 04, 2021, 01:03:01 PM »

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[...] taz FUTURZWEI: Lieber Herr Professor Sloterdijk, wir haben hier einen Brief von enttäuschten Lesern, die sich abwenden von dem, was wir als Vernunft verstehen, und zu den Corona-Protesten konvertieren. Wenn man das liest, denkt man, sie konvertieren von sich selbst zu etwas anderem. Uns interessiert, wie es genau funktioniert, dass angesichts einer krisenhaften Entwicklung Leute so wegkippen oder die Seite wechseln. Dem Sozialpsychologen fällt nichts dazu ein. Deshalb fragen wir den Philosophen.

Peter Sloterdijk: Ich fürchte, der Philosoph als solcher ist auch nicht imstande, hierauf sinnvoll zu antworten. Ich dürfte höchstens aus meiner eigenen Biografie schöpfen und mich daran erinnern, dass es in meiner Lebensgeschichte eine Periode gab, in der ich prekäre Erfahrungen gemacht habe, die ich nicht missen möchte, aber auch nicht festhalten konnte: das Glück, einer Sekte anzugehören, die im Besitz einer alternativen Wahrheit zu sein glaubt.

FUTURZWEI: Sie lebten um 1980 in dem Meditationszentrum des Bhagwan Shree Rajneesh im indischen Pune. Was suchten Sie?

Peter Sloterdijk: Damals gab es eine Phase, als bei uns die marxistisch codierten Rechthabe-Gefühle gegenüber dem Lauf der Welt am Verblassen waren, aber die Bereitschaft für eine alternative Wahrheit immer noch aktuell blieb, ob sie aus Indien kam oder von einem anderen Ende der Welt. Diese Neigung zu einer Konversion gegen das Gewöhnliche, so scheint mir, liegt auch heute wieder in der Luft. Jetzt wie damals wollen viele nicht glauben, dass die Vernunft bei der Mehrheit ist.

FUTURZWEI: Muss sie das denn?

Peter Sloterdijk: Nun ja. Lässt man sich auf die Annahme ein, dass Wahrheit auf die Dauer etwas mit Zustimmungswürdigkeit zu tun hat, so sollte es nicht falsch sein, wenn die Wahrheit sich um Mehrheit bemüht.

FUTURZWEI: Sind Sie damals auch aus der gesellschaftlichen Realität der späten 1970er-Jahre in eine alternative Wirklichkeit gewechselt?

Peter Sloterdijk: Nachdem das Wort »alternativ« so vergiftet ist, würde ich es anders ausdrücken. Die Fluchttendenz der späteren 70er-Jahre wies ja seltsamerweise in die Hauptrichtung der sozialen Entwicklung, sprich: Vermehrung der Freiheitsgrade, sexuelle Emanzipation, erhöhte Aufmerksamkeit für weibliche Werte. Was scheinbar als Orientalismus begonnen hatte, sollte sich als Vorschule zum kosmopolitischen Empfinden erweisen. 30 Jahre später wurde vom Mainstream eingeholt, was anfangs ins Abseits oder auf den Weg nach innen geführt hatte. Insofern hatten wir Poona-Reisenden Glück: Wären wir nicht vom Hauptfeld geschluckt worden, hätte sich die sektiererische Abspaltung vertieft. Das gilt vermutlich für die Vorhut meiner Generation insgesamt: Die 68er-Bewegung hatte die Form einer Sekte, die ironischerweise in den Mainstream mündete.

FUTURZWEI: Was ist denn damals mit Ihnen passiert?

Peter Sloterdijk: Mein Wechsel in die andere Wirklichkeit hatte damit zu tun, dass damals ein »alternatives« Wahrheitsverständnis aufgekommen war, vor allem dadurch, dass eine emotionale Komponente in die diskursiven Wirklichkeitsauffassungen eindrang. Die Sekte diente damals als ein Medium der emotionalen Vervollständigung. Pathetisch gesagt: Wir haben die abgespaltene Emotionalität zurückerobert. Mit bloß akademischen Mitteln, aber auch mit den Mitteln der traditionellen Psychoanalyse hätten wir sie nicht wiedergewinnen können. In den 70er-Jahren herrschte in der Subkultur eine gruppentherapeutische Euphorie. Die gipfelte in der Überzeugung, dass die Wahrheit im Gefühlsausbruch liegt und dass zur Authentizität eine gewisse Heftigkeit gehört.

FUTURZWEI: Das endete aber nicht zwangsläufig im Irrsinn.

Peter Sloterdijk: Sicher nicht. Doch warum? Weil wir damals in den inneren Grenzgängen den Unterschied zwischen Katharsis und Ausagieren kennenlernten. Wutausbrüche und Tränen sind manchmal Vorstufen zur Unterlassung von Verbrechen. Dadurch, dass die sektiererische Therapie- und Meditationsszene von damals eine Bewegung der menschlichen Vervollständigung war, musste sie eben nicht zur Abspaltung von der Gesamtgesellschaft führen. Diese Avantgarde-Idee, die damals mit einem gewissen Sektarismus verknüpft war, bedeutete ein Privileg, das Menschen in den 70er-, 80er-Jahren wahrnehmen konnten. Ich zähle mich zu den Begünstigten. Heute sehe ich hingegen mit Unruhe, dass auch viele Leute, die nicht zu denen mit den primitivsten Reflexen gehören, aus dem Gesprächszusammenhang der größeren Gesellschaft herausspringen, um ihre Wahrheiten nur noch subkulturell zu definieren. Diese Sezessionen zeigen eine riskante Dynamik auf. Man weiß nicht, ob diese Leute jemals zurückkommen.

FUTURZWEI: Versuchen Sie doch bitte eine Annäherung, was da genau passiert.

Peter Sloterdijk: Ich weiß nicht, wie die Matrix zu beschreiben wäre, aus der sich die sektiererischen Konversionen unserer Tage erklären ließen. Das allgemeine Schema von Krisenstress und Durchbruchsfantasie dürfte auch auf sie anwendbar sein. Hermann Broch hatte von den späten 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts an seine »Massenwahntheorie« formuliert, die ich in den 80er-Jahre studierte. Broch wusste, wovon er redet, er hatte die aufgepeitschten Massen der NS-Zeit vor Augen, und seine Faschismustheorie ist aktuell geblieben. Seiner Auffassung nach sind moderne Gesellschaften großformatige Ensembles in präpanischer Erregung, die unter dem Eindruck von Krisenstress mehr oder weniger plötzlich in akute Panikzustände versetzt werden können. Demnach wäre Panik der Stoff, aus dem die irrationalen Masseneffekte sind. Kollektivpaniken manifestieren sich in Massenflucht durch enge Ausgänge oder in der Zuflucht zu einem Retter. Der trägt das Mandat, das Volk wieder groß zu machen, indem er die befreiende Katastrophe herbeiführt.

FUTURZWEI: Werden die Leute, die jetzt abspringen, irgendwann wieder zur rationalen Betrachtung der Lage zurückfinden?

Peter Sloterdijk: Wenn ich Brochs Schema auf die aktuellen Verhältnisse in den USA anwende, sehe ich ein großes Segment der Population, das auf der Schwelle vom präpanischen zum panischen Zustand schwankt. Nachdem die panische Vorhut, die das Kapitol stürmte, zurückgeschlagen wurde, ist zu vermuten, dass zahlreiche Unterstützer sich zu milderen Formen von Sektarismus rekonvertieren werden. Auch fanatische Trumpianer werden wahrscheinlich nicht in der Dauerverrücktheit stehen bleiben. In Amerika sind die verschiedenen Formen des Irrationalismus sehr durchlässig und können jederzeit in weniger heftige Ausprägungen übergehen. Man weiß zum Beispiel, nicht alle, die sich bei Ron Hubbard und seiner Science-Fiction verhakt hatten, sind dabeigeblieben, obwohl man ihnen den Ausstieg schwer machte. Wer abfällt, kann sich dort drüben ziemlich leicht in mildere Formen des evangelikalen Separatismus einordnen.

FUTURZWEI: Die Frage ist doch, ob ein der Realität angemessenes wirtschafts- und klimapolitisches Rahmenprojekt überhaupt Konsens werden kann. Vielleicht sind die Lösungen für die aktuellen Probleme zu komplex, um populär zu werden, weswegen Radikalisierung und Irrsinn zunehmen.

Peter Sloterdijk: Eine Radikalisierung geschieht besonders in dem Augenblick, wo jemand sich selbst zum Medium des Zeitgeistes proklamiert, sagen wir etwa im »Modus Greta«. Radikalisierung liegt immer in der Luft, wenn Menschen die Flucht »aus der Angst in die Ekstase« vollziehen, um den Titel der bekannten klinischen Studie von Pierre Janet aus den 1920er-Jahren zu erwähnen.

FUTURZWEI: De l'angoisse à l'extase. [Von der Angst zur Ekstase. ... De l'angoisse à l'extase: études sur les croyances et les sentiments
Buch von Pierre Janet 1926]

Peter Sloterdijk: Konversionen sind für die kommenden Jahre und Jahrzehnte massenhaft zu erwarten; es ist sehr wahrscheinlich, dass immer mehr Menschen aus der Angst in die Ekstase aufbrechen, beziehungsweise aus der Ratlosigkeit in die Mission. Menschen als sinnsuchende Wesen sind leicht dazu zu bewegen, sich als Träger einer Mission zu verstehen, sobald sie spüren, wie der Appell eines Großproblems durch ihr eigenes Leben hindurchläuft.

FUTURZWEI: Wobei Greta Thunberg eine Zuwendung zu rationaler Politik repräsentiert und gerade nicht eine Abwendung.

Peter Sloterdijk: Sie wechselt aus der pubertären Ohnmacht in eine Ergriffenheit, aus der ihre Mission entspringt.

FUTURZWEI: Aber auf einer rationalen Grundlage: dass nur globale Politik in der Lage ist, die globalen Probleme zu lösen.

Peter Sloterdijk: In jeder Epoche werden andere Aufstiege in erweiterte Horizonte ausprobiert. Nach der Französischen Revolution führten die zeitgemäßen Konversionen regelmäßig zu liberalen oder zu sozialistischen Positionen. Wem dieses starke Entweder-oder zu anspruchsvoll schien – denn Liberalismus ohne Selbstlosigkeit ist ebenso undenkbar wie Sozialismus –, der konvertierte eher zur Nationalität und fand in der Behauptung des eigenen Kollektivs seine Mission. Was man als eine betrügerische Form der Selbstmission betrachten kann.

FUTURZWEI: Inwiefern?

Peter Sloterdijk: Dass man für das, was man durch Geburt sowieso ist, auch noch Partei ergreift, als ob die chauvinistische Selbstvergrößerung etwas Höheres sei. Dabei hatte der selige Nicolas Chauvin, der unter Napoleon diente, noch seine 17 Verwundungen, mit denen er prahlen konnte.

FUTURZWEI: Unsere Grundfrage lautet: Werden die Leute wirklich irre im Sinn einer Pathologie oder haben diese Formen von Wahrheitssuche im »alternativen« Bereich andere Ursachen? Sie haben jüngst in einem Essay über den »Zynismus des Pöbels« gesprochen und ihn als Reaktion auf den »Zynismus der Eliten« gedeutet. Zynischer Pöbel, das wären in den USA die Leute, die das Kapitol in Washington stürmen, bei uns sind es die Corona-Leugner, die keine Lust mehr haben, die Maske aufzusetzen, weil sie meinen, auf andere keine Rücksicht mehr nehmen zu müssen, nachdem die anderen, scheinbar, auch keinerlei Rücksicht auf sie nehmen.

Peter Sloterdijk: Die Bilder vom Sturm aufs Kapitol werden uns noch eine Weile beschäftigen. Ich bin überzeugt, dass es keineswegs nur Unterschicht-Individuen waren, die sich da zusammengefunden haben. Es waren akademische Personen dabei, auch Militärs, Millionärssöhne und Staatsfeinde aller Couleur. In den USA läuft gerade eine interessante Diskussion darüber, ob es nicht »abwärtsmobile Intellektuelle« sind, zum Teil mit PhD – früher hätte man sie »deklassiert« genannt, die sich in den gegen den Konsensus meuternden Gruppen hervortun, weil sie dort Sprechrollen finden, wie sie sie als Hochschullehrer oder als Beiträger zu Feuilletondebatten nie und nimmer wahrnehmen könnten. Man sollte, scheint mir, solche Ereignisse immer auch mit dem Zynismus des geschulten Berufsberaters betrachten. Die Krise ist eine große Arbeitgeberin, und aus dem ideologischen Chaos entspringen immerzu wilde Karrieren, in die man nur im Modus der Selbsternennung gerät.

FUTURZWEI: Wenn ich bei der CDU nix geworden bin und zur AfD gehe, kriege ich dort eine beachtliche Rolle. Bekehrungen dieser Art sind sichtlich interessengeleitet. Aber es gibt unleugbar auch einen Teil der Gesellschaft, der es aufgegeben hat, an die Vertretung seiner Interessen im etablierten Parteienspektrum zu glauben. Der möchte jetzt einfach nochmal auf die Kacke hauen. Das ergibt seine alternative Wahrheit.

Peter Sloterdijk: Also hätten wir es nicht mit Wahrheitsuchern zu tun, sondern Wahnsinnssuchern, mit Krawallisten im Alternativengewand. Man kann das mit den grellen Posen in der Popkultur vergleichen. In der Multioptionsgesellschaft ist ein wenig Wahnsinn ein Geschäftsmodell. Man kommt vermutlich analytisch weiter, wenn man bei Phänomenen dieser Art eine Variante von politischem Existenzialismus als Deutungsschlüssel ansetzt, als wenn man beim Einzelnen tiefenpsychologische Motivforschung betreibt. Erweckungen gehören zu den elementaren Risiken von Lebensläufen, sie finden zu den ungewöhnlichsten Zeitpunkten statt. Oft geschehen sie zu Zeiten, wenn der äußere Druck zunimmt. Sektenforscher konnten zeigen, dass der Zustrom zu islamischen Gruppen sich verdoppelt, sobald die antiislamische Repression kulminiert.

FUTURZWEI: Das heißt?

Peter Sloterdijk: Das heißt, es gibt eine Dynamik der Gegenidentifikation. Wer der Mehrheit beitritt, löst sich auf. Mehrheit ist eine fade Bouillon. Meistens traut man sich nicht genügend Kompaktheit zu, um sich nicht in der Normalbrühe aufzulösen. In der Minderheit behält man Kontur. Wer verneint, spürt sich mehr. Im Übrigen muss man in diesem Zusammenhang auch an alte Soldatenweisheiten erinnern. Eine davon lautet: Noch immer hat der Krieg seinen Mann ernährt. Das heutige Äquivalent zum Krieg ist die andauernde Krise, auch die sorgt für die Ihren.

FUTURZWEI: Eine Sache, die auffällt, bei allem, was Sie schreiben oder in Interviews äußern: Die Medien, sagen Sie, sogar die Qualitätsmedien, seien Betreiber und Verstärker der Irrationalität. Weil das deren Geschäftsgrundlage ist?

Peter Sloterdijk: Ohne Zweifel. Die Medien sind in funktionaler Sicht Partner des Unfalls, des Verbrechens, des schlimmen Gerüchts. Sie bewirtschaften Ereignisse und Katastrophen. Die kurzfristige Katastrophenpublizistik hat naturgemäß einen irrationalen Anteil. Ich würde nicht so weit gehen zu behaupten, die Medien kooperierten allesamt mit dem Irrsinn. Aber denken Sie an die Resonanz auf einen Terroranschlag im eigenen Land oder innerhalb der Europäischen Union: Regelmäßig wird jeder Angriff im Maßstab von eins zu einer Million vergrößert, bis sich alle bedroht glauben. Dabei sollte man längst wissen, dass Terrorismus eine Kommunikationstechnik ist, die nur funktioniert, wenn sie mit medialen Multiplikationen rechnen darf. In Lenins Dekreten über den roten Terror von 1918 wird verordnet, dass die Publikation der Listen der von Revolutionären Ermordeten in einem Umkreis von einhundert Werst bei denen, die als Nächste dran sein könnten, Furcht und Zittern bewirken muss.

FUTURZWEI: Sie haben gesagt, was sich als Information ausgibt, ist in der Sache oft nichts anderes als Erregung, Vergiftung und Zerstörung der öffentlichen Urteilskraft.

Peter Sloterdijk: Das kann man im Hinblick auf viele Abläufe bestätigen. Die Verknüpfung zwischen der Epidemiologie und der Semantik wurde übrigens schon durch Jean Baudrillard vor einem halben Jahrhundert hergestellt. Demnach soll man bei jeder Nachricht neben dem Content auch die emotionale Ladung in Betracht ziehen, weil sie es ist, die für die Ausbreitung sorgt. Nachrichten sind Vektoren, sie sind erfolgreich, wenn sie informatische Epidemien auslösen. Das moderne Nachrichtenwesen vollzieht sich im Modus von künstlichen Epidemien, die binnen 24 Stunden Millionenpopulationen infizieren. Ohne die Ansteckungsfaktoren können emotionale und thematische Synchronisierungen größerer Populationen nicht gedacht werden. Gelegentlich findet auch effektive Information statt, denn im Wettstreit zwischen dem Mitteilungswert und dem Erregungswert einer Nachricht kann gottlob so etwas wie Lernen und Abklärung geschehen. Wäre es anders, blieben uns nur Verhetzung und Verrücktmacherei.

FUTURZWEI: Abgedriftete Milieus lassen aufklärerische Informationen nicht mehr an sich heran.

Peter Sloterdijk: Das finde ich sehr beunruhigend. Auch die Tatsache, dass Trump hartnäckig den Wahlsieg reklamierte, spricht dafür, dass er nur noch den Spiegelungen seiner Fiktionen begegnete. Für Tatsachen gab es in seinem Weltbild keinen Platz mehr.

FUTURZWEI: Für knapp die Hälfte der Wählerschaft in den USA, 74 Millionen Menschen, scheinen unsere Rationalitätskriterien also nicht mehr konsensfähig. Aus historischer Sicht beobachten wir in den totalitären Systemen genau diesen Effekt: Was wir als moderne Demokraten als vernünftig verstehen, wird völlig suspendiert, und eine andere Form von kollektiver Wahrheit wird etabliert. Insofern ist die Frage nach dem Irresein letztlich auch eine Frage nach dem Verhältnis von Mehrheit und Minderheit. Bei einer knappen Minorität von 74 Millionen wird es schwierig.

Peter Sloterdijk: Wer heutzutage auf eine reine Konsensus-Theorie der Wahrheit setzen wollte, gerät in eine etwas problematische Situation, vorsichtig gesprochen. Der Konsensus ist offenbar nicht imstande, sich dem Schwerefeld des Wahns zu entziehen.

FUTURZWEI: Damit rühren wir an einem heiklen Punkt der Gegenwart.

Peter Sloterdijk: Aber auch an einem heiklen Punkt der Vergangenheit. Denken Sie daran, dass im 17. Jahrhundert jeder dritte Spanier sich entschlossen hatte, in einen Orden einzutreten. Was verrät, wie sehr die Lebensperspektiven für die meisten Menschen auf der Iberischen Halbinsel jener Zeit versperrt waren. Der Aufbruch in die Neue Welt, die man gerne mit der spanischen Seefahrt verbindet, war nur relativ wenigen zugänglich.

FUTURZWEI: Worauf wollen Sie hinaus?

Peter Sloterdijk: Das war die höchste Blütezeit der spanischen Kultur, die Wendung »Siglo de Oro«, Goldenes Jahrhundert, klingt uns ja immer noch in den Ohren. Gleichzeitig war der Faktor kollektiver Verrücktheit so immens wie später kaum jemals wieder. Um das an einem prominenten Beispiel zu erläutern: Würde uns Isaac Newton heute über den Weg laufen, auch er ein Geschöpf des 17. Jahrhunderts, würden ihn die meisten für einen illuminierten Verrückten halten. Seine Biografen berichten, dass er ein paar Hundert Bücher mit naturwissenschaftlichen Titeln besaß, der Schwerpunkt seiner Bibliothek bestand aber aus esoterischen Büchern, deren Inhalt wir längst als Hokuspokus betrachten. Sobald Newton der Mathematik den Rücken kehrte, schwelgte er in Irrationalismen. Wahrscheinlich neigen wir dazu, den Verrücktheitsindex für kollektive Zustände in der Vergangenheit zu unterschätzen und für die gegenwärtige Zeit zu überschätzen.

FUTURZWEI: Wenn wir uns der Gemeinde der modernen Vernunft zurechnen würden und bestimmte Rationalitätsunterstellungen machen, dann stellt sich angesichts der Hälfte der amerikanischen Wählerschaft doch die Frage: Trägt denn das noch, wozu wir uns bekennen? Oder stehen wir als selbsternannte Vernünftige längst mit dem Rücken zur Wand? In einem Essay zum Brexit im Handelsblatt haben Sie vor Kurzem einige diagnostische Denkfiguren vorgeschlagen: Sie deuten den Populismus als Aggressionsform der Simplifikation und die Demokratie als Ernstfall der Epidemiologie. Was heißt das?

Peter Sloterdijk: Wir sehen die Flammenschrift an der Wand doch schon seit längerer Zeit. Bei den Präsidentschaftswahlen in Frankreich vom April 2017 haben in der ersten Runde mehr als 41 Prozent der Wähler für links- und rechtsradikale Wahnsysteme votiert, die unter den Namen Le Pen und Mélenchon firmieren, zusammen über 14 Millionen Stimmen, während der spätere Präsident Macron in der ersten Runde achteinhalb Millionen Stimmen auf sich vereinte und froh sein durfte, die zweite Runde zu erreichen, um sie dann gegen Le Pen zu gewinnen; die erreichte bestürzende 34 Prozent. Die Bereitschaft von Menschen, mit ihren Wählerstimmen verrückte Dinge zu treiben, ist seit der Verkündung des allgemeinen Wahlrechtes sehr hoch, die Einführung der allgemeinen Vernünftigkeit erfolgte offensichtlich asynchron. Das ist, möchte ich meinen, eine geschlechtsneutrale Beobachtung.

FUTURZWEI: In dem oben erwähnten Brief lauten die zentralen Formulierungen, auf den Punkt gebracht: Hiermit trete ich aus der Wirklichkeit aus! Zugleich mache ich anderen das Angebot, mit mir aus der Wirklichkeit auszutreten. Auch angesichts der Entwicklungen durch die Pandemie stellt sich die Frage: Wächst das Bedürfnis nach dem Austritt aus der Wirklichkeit?

Peter Sloterdijk: Wenn man das wissen könnte! Sie rühren jedenfalls an dem sensitiven Punkt. Man könnte Heraklit zitieren, der bemerkte, dass schlafend jeder Mensch in seiner eigenen Welt sei. Es komme aber darauf an, der gemeinsamen Tageswirklichkeit zu folgen. Seit jeher werden viele Communities über Trauminhalte oder Fest- und Rausch-Zusammenhänge gestiftet. Es gibt wohl so etwas wie einen Sozialismus der Nacht. Wir Europäer haben zur Stunde Glück, dass die Wirklichkeitskonstruktion der Mehrheiten im Moment zumeist ohne allzu deutliche neurotische und psychotische Komponenten geschieht, zumindest was die westeuropäische und skandinavische Grundsituation anbelangt.

FUTURZWEI: Wie das?

Peter Sloterdijk: Nun ja, das Verlangen nach Wahnsinn scheint bis auf Weiteres noch bei den Minderheiten zu sein, obschon es an vielen Stellen köchelt. Von den irrationalen Wellen in Frankreich haben wir gesprochen; was soll man erst von den Polen sagen, die meinen, ihr Land sei der Christus unter den Völkern und der vor einigen Jahren mit dem Flugzeug abgestürzte Präsident ein Märtyrer?

FUTURZWEI: In Polen ist die Ansicht populär, ihr damaliger Präsident sei ermordet worden. Beobachter im Ausland gehen eher davon aus, er habe neunzig Leben auf dem Gewissen, weil er den Piloten der Unglücksmaschine nötigte, zum vierten Mal den Landeanflug zu versuchen, bei Sicht gegen Null.

Peter Sloterdijk: Die Formel vom »Austritt aus der Wirklichkeit« scheint mir sehr entwicklungsfähig. Gerade kommt mir der Satz von Joseph Beuys ins Ohr: »Hiermit trete ich aus der Kunst aus.« Er wollte in etwas eintreten, was wirklicher und verbindlicher sein sollte als Kunst in ihrer betriebsförmigen Verfasstheit. Man kann es auch so sagen, dass viele Menschen sich gern im spitzen Winkel zur Wirklichkeit aufstellen, wodurch die sogenannte Wirklichkeit an ihnen abgleitet wie am Bug eines Schiffes. Man geht im Keil auf das sogenannte Reale zu, Frontalität ist in der Regel unerwünscht. Das Austreten aus der Wirklichkeit ist übrigens zu einer Industrie geworden, seit die Menschen dank der Vierzigstundenwoche sehr viel Freizeiten erlangt haben. Seit der frühen »Kritischen Theorie« ist die Diagnose ausgesprochen und hingeschrieben, dass die Unterhaltungsindustrie auf ihre Weise den Ernstfall der Industriegesellschaft inkarniert. Ablenkung gehört zu den ernstesten Dingen – schon Pascal hatte das erkannt, als er notierte, ein König ohne Unterhaltung sei ein elendes Geschöpf. Zumeist treibt man Unfugsprävention, indem man den Unfug ritualisiert.

FUTURZWEI: Dazu gehört auch der heilige Unernst, mit dem häufig über Politik gesprochen wird.

Peter Sloterdijk: Könnte es nicht sein, dass die reale Realität die Summe der Eskapismen ist? Ich habe jüngst gelesen, die Lebenserwartung bei russischen Männern sei in den letzten 20 Jahren kräftig angestiegen. Gegen das Ende der Sowjetunion lag sie so niedrig wie zuvor nur bei steinzeitlichen Bevölkerungen. Viele Menschen im Osten hatten nicht den Übergang vom Kapitalismus in den Sozialismus erlebt, sondern den in den Alkoholismus. Diese Tendenz gehört im Übrigen zu den Modernismen, an denen die muslimische Welt sich nicht beteiligt. Wahrscheinlich hat die Erregungs- und Gekränktheitsbereitschaft von Muslimen etwas mit ihrer Abstinenzkultur zu tun. Das wichtigste Ventil der dionysischen Kulturen steht bei ihnen nicht offen. Dann nimmt auch die Religion leichter einen rauschhaften endomorphinistischen Zug an.

FUTURZWEI: Könnte der Evangelikalismus US-amerikanischer Prägung zu einem Rauschdefizit führen, der sich dann in die Exaltiertheit der Wirklichkeitsdeutung übersetzt und in fanatische Gemeinschaftsbildung im Sinn einer Trump-Gefolgschaft übergeht?

Peter Sloterdijk: Man darf einen Zusammenhang vermuten. Dafür spricht die Tatsache, dass die evangelikalen Rituale sich als außerordentlich exportgeeignet erweisen. In Lateinamerika, wo die katholische Kirche das religiöse Feld jahrhundertelang nahezu monopolisiert hatte, hat man den protestantischen Sekten aus dem Norden Tür und Tor geöffnet. Die Triade aus Jubel, Arbeit und Struktur war bei den Ärmeren erfolgreich implantierbar. Sie gibt eine Art von Halt, wie er in der Szene des herkömmlichen katholischen Pauperismus nicht zu finden war. Über Phänomene dieser Tendenz wird man im Lauf des 21. Jahrhunderts noch einiges hören, denn die Sekten wachsen schnell. Es gehört ja, wie Canetti in Masse und Macht gezeigt hat, zum Wesen der Sekte, dass sie expandieren muss. Die Sektenmasse erhält sich, indem sie immer mehr vom Außen in sich hineinzieht. Ihre Hymne heißt: Wir werden immer zahlreicher.

...


Aus: "Philosoph Peter Sloterdijk im Gespräch: Austritt aus der Wirklichkeit" Interview: PETER UNFRIED und HARALD WELZER (2021)
Quelle: https://taz.de/Philosoph-Peter-Sloterdijk-im-Gespraech/!5763709/
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« Reply #71 on: September 08, 2021, 11:17:36 AM »

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[...] Die Beatles haben ihren letzten öffentlichen Auftritt zu viert, lösen sich aber nicht auf. Ihre nächsten Kompositionen sind Teil der 68er-Revolte

... Wer im Erfolg der Beatles ein nicht nur musikalisches, sondern auch politisches Phänomen sieht, wird gleichwohl die Jahre vor 1966 am interessantesten finden. Politisch? Sie taten doch nichts, als von Liebe zu singen. Immerhin machten sie außerhalb der Konzerte keinen Hehl daraus, dass sie etwa den Vietnamkrieg der USA missbilligten. In Manila, der Hauptstadt der Philippinen, spielten sie im Sommer 1966 vor 80.000 Menschen, weigerten sich aber anschließend, mit der Diktatoren-Gattin Imelda Marcos zu Abend zu essen. In den USA galt damals noch die Rassentrennung, auch bei Konzerten. Die Beatles bestanden jedoch auf deren Aufhebung und machten davon ihren Auftritt abhängig. ... An der letztgenannten „Nebensache“ sieht man schon, was ihre „Politik“ war, nämlich dass sie ungeheure Massen von Jugendlichen versammelten, denen sie ein Gefühl der Zusammengehörigkeit gaben. Wenn sie auch sonst nichts verlangten oder erwarteten – keine spezielle politische Botschaft vortrugen, wie das andere Bands taten –, eine Spaltung ihres Publikums ließen sie nicht zu. Und das Gefühl der Zusammengehörigkeit war keine Illusion.

... Wenn man die Lieder der Beatles durchgeht, ist All You Need Is Love wohl noch das politischste. Paradox genug! Denn hier wird nicht einmal von der Liebe, wie in anderen Liedern, viel erzählt (wie man auf sie hofft, was ihre Krisen sind, wie sie scheitert), sondern wir hören „love, love, love“ und nur so viel wird deutlich, dass es auch um den Frieden geht. Sie singen nicht „Make love, not war“, aber darauf läuft es hinaus. Wichtig die Nebenumstände: Da das Lied für eine Fernsehsendung bestellt worden war, die am 25. Juni 1967 per Satellit weltweit übertragen wurde und 600 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer fand – nicht weniger, eher mehr als die Mondlandung 1969 ...

... Vor 1968 indes hatten die Beatles zur Einigkeit und Freiheit und Selbstautorisierung einer riesengroßen Jugendbewegung beigetragen. Was war denn so besonders an ihrer Musik? An dem Lied, das Ende 1963 ihren Durchbruch zur weltweiten Berühmtheit bewirkte, lässt es sich vielleicht zeigen: I Want to Hold Your Hand. Man sieht schon, wieder nichts als Liebe. „Und wenn ich dich berühre, fühle ich mich glücklich“, „ich glaube, du wirst verstehen“ und so weiter. Bei „Ich kann meine Liebe nicht verbergen“ haben die Mädchen am lautesten gekreischt. ...


Aus: "1966: Tanz über Abgründen" (Michael Jäger | Ausgabe 35/2021)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/michael-jaeger/1966-tanz-ueber-abgruenden

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man.f.red | Community (08.09.2021)

“There's nothing you can do that can't be done.”

Gestern Abend etwas nachgedacht; ich will versuchen, das Geschehen der 60er und 70er einmal etwas beispielhaft zu verkürzen, auch mit drei Musikstücken, die den damaligen ‚Geist der Zeit‘ aufzeigen mögen.

Die Bewegung im Westen, der 'Aufstand der Jugend' im weitesten Sinne, speiste sich im Wesentlichen durch drei kulturelle Quellen, die ich einmal so kategorisieren möchte:

- die ‚Liebe und Frieden‘ Fraktion,

https://vimeo.com/252765355

All you need is love Beatles 1967

- die ‚Freiheits'-fraktion (antiautoritäre Bewegung),

https://www.youtube.com/watch?v=Yo1vipNAC6w

Born to be Wild Steppenwolf 1968/69

- die ‚Widerstands'-fraktion‘ (APO, SDS, Initiativen, u.a.).

https://www.youtube.com/watch?v=XBHdTzuveww

Der Traum ist aus Ton Steine Scherben 1971/72

-

Über die Jahre oszillierte Jung-Mann und Jung-Frau durch die Farben dieses Spektrums, vor und zurück, nur relativ wenige können wahrscheinlich nur einem Farbstrahl zugeordnet werden.

Graphisch dargestellt ist dies auf dem Album-Cover von

https://www.youtube.com/watch?v=1vw1pdjydp0

Dark Side of the Moon Pink Floyd 1973

-

M.E. das Entscheidende in diesen Jahren war die tiefgehende Verschmelzung von ‚Liebe-Freiheit-Widerstand‘ die enorme kreative und konstruktive Potenziale bei Jung-Mensch freisetzte.

Das war etwas wie ‚der gerechte Zorn‘ (obwohl das auch nicht ganz greift).

Ich denke, an den Gestaltungsmöglichkeiten dieser emotionalen Amalgamation hat sich bis heute - im Prinzip - nichts geändert.

-

Der aufkommende Neoliberalismus und seine staatlichen Wächter/innen bogen diese ‚Kategorien‘ (Farben des Spektrums) nach Gesichtspunkten der kapitalistischen Verwertbarkeit um, z.B. in das Ersatzprisma von ‚Übersexualisierung – endlosem Konsum – geregeltem Aktivismus (e.g. Sport)‘ mit einer wesentlich strikteren Überwachung- und Ordnungsmacht.

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« Reply #72 on: September 15, 2021, 12:26:12 PM »

Peter Brückner (* 13. Mai 1922 in Dresden; † 10. April 1982 in Nizza) war ein deutscher Kritischer Sozialpsychologe und Hochschullehrer. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Br%C3%BCckner

Aus dem Abseits ist ein deutscher Dokumentarfilm von Simon Brückner aus dem Jahr 2015. Darin porträtiert er seinen Vater, den Sozialpsychologen Peter Brückner, der in den 1970er Jahren zur Symbolfigur der Studentenbewegung wurde. Der Kinostart war am 3. Dezember 2015. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Aus_dem_Abseits

Aus dem Abseits – Ein Film über Peter Brückner
Filmbesprechung von Klaus-Jürgen Bruder
Die Suche des Sohnes nach dem verlorenen Vater
(BRD 2015, Kinostart: 03.12.2015)
Regie, Buch: Simon Brückner
Filmbesprechung von Klaus-Jürgen Bruder  - Hamburg, 03.12.2015
http://www.film-und-politik.de/BRK-ADA.pdf

Aus dem Abseits (Trailer)- Kinostart: 03.12.2015
https://youtu.be/fErkfSg4mvU

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