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Author Topic: [Zum Gefühl der Befremdung... (Kafka)]  (Read 2822 times)

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Textaris(txt*bot)

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[Zum Gefühl der Befremdung... (Kafka)]
« on: September 21, 2009, 12:23:37 PM »

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[...] „Ob man Kafka liest oder einen Zusammenbruch des eigenen Identitätsbildes erlebt – die Auswirkungen sind in ihrer Struktur vergleichbar“, so Proulx. „Man fühlt sich unwohl, wenn die erwarteten Zusammenhänge gebrochen werden. Hieraus wiederum entsteht der unbewusste Drang, sich auf die Dinge in der Umwelt einen Reim zu machen. Besagtes Gefühl des Unbehagens kann von einer surrealen Geschichte hervorgerufen werden, aber auch vom Vergegenwärtigen eigenen widersprüchlichen Verhaltens – eigentlich ist es egal wovon, man will es bloß loswerden. Deshalb ist man dann motivierter, neue Strukturen zu erlernen.“

Anders sei es, wenn die betroffene Person erwarte, ein Gefühl der Befremdung oder Verwirrung zu erleben. Man muss schon von dem Unerwarteten überrascht werden und nicht in der Lage sein, sich einen Reim darauf zu machen. Erst dies bringe einen dazu, zu versuchen, woanders Sinnhaftes zu finden. „Wichtig zu erwähnen ist, dass man bei einer Prüfung wahrscheinlich nicht besser abschneiden wird, wenn man sich kurz vorher mit einer Kafka-Geschichte hinsetzt,“ fügt Proulx hinzu.

...


Aus: "Kafka macht klug" Literatur, Alison Flood, guardian.co.uk (20.09.2009)
Quelle: http://www.freitag.de/kultur/0938-kafka-macht-klug

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Textaris(txt*bot)

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[Zum Gefühl der Befremdung... (Kafka)]
« Reply #1 on: June 19, 2020, 02:18:34 PM »

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[...] „Die Verwandlung“ ist wahrscheinlich der Text, in der Kafkas Sprache und Bildwelt am konzentriertesten erscheint. Nicht von ungefähr sagt der große Kafka-Kenner Reiner Stach, dass man am besten mit der „Verwandlung“ beginnen solle, wenn man Kafkas Werk kennenlernen will. Es ist zuerst im Herbst 1915 in Kurt Wolffs berühmter Reihe „Der jüngste Tag“ erschienen. Der enigmatische erste Satz ist mittlerweile fast schon sprichwörtlich geworden und enthält bereits die gesamte Kafkasche Ästhetik: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“

Hier ist jedes Wort wichtig; die beiläufig genannten „unruhigen Träume“ etwa verweisen auf etwas Abgründiges, auf ein Lebensgefühl zu Beginn der Moderne, als die bürgerliche Gesellschaft sich ihrer selbst nicht mehr sicher war. „Entfremdung“, dieses später oft totgerittene Wort, trifft die Atmosphäre in Kafkas Erzählwelt am deutlichsten. Das „ungeheuere Ungeziefer“ ist etwas, was sich nicht bildhaft darstellen lässt. Kafka bestand seinem Verlag gegenüber darauf, auf dem Umschlag des Buches keinesfalls „das Insekt selbst“ abzubilden, denn dieses „kann nicht gezeichnet werden“. Das „Ungeziefer“ ist aber auch nicht abstrakt, es ist kein Symbol: Es ist ein nichtrealistisches Bild, das mit Worten nicht vollständig erklärt werden kann. Es entzieht sich, und das ist das genuin Literarische daran, dem landläufigen und theoretisch noch so versierten Diskurs.

Was Gregor Samsa erlebt, ist „kein Traum“, wie es einmal heißt. Es ist die normalerweise nicht sichtbare Kehrseite der Realität. Im Laufe der Erzählung wird die Familienkonstellation, in der sich Gregor Samsa bewegt, immer deutlicher: Er hat in den letzten Jahren nach dem Bankrott des Vaters die Familie ernährt, jetzt aber werden Mutter, Vater und Schwester wieder berufstätig und empfinden Gregor zusehends als überflüssig. Der Vater treibt ihn zweimal in sein Zimmer zurück, und als er sich ein weiteres Mal herauswagt, spielt die Schwester gerade „drei Zimmerherren“, an die die Familie untervermietet hat, auf der Geige vor.

Die Herren beklagen darauf „widerliche Verhältnisse“, die Schwester aber, der Gregor in der „normalen“ Familienzeit vorher noch gegen den Willen der Eltern ein Musikstudium finanzieren wollte, bezeichnet ihn jetzt als „Untier“, das man „loswerden“ müsse. Gregor stirbt in der folgenden Nacht: „An seine Familie dachte er mit Rührung und Liebe zurück.“

Kafkas Textur ausschließlich auf „Masochismus“ zurückzuführen, wie es zeitweilig geschehen ist, greift bei weitem zu kurz. Aber die Aporien der bürgerlichen Familie werden hier schonungslos aufgedeckt, und dass Gregor in seiner Sehnsucht nach Nähe das menschlichste Familienmitglied der Samsas ist, wird am Ende der Erzählung äußerst deutlich. Der Verlag C.H. Beck hat diesen Schlüsseltext der deutschsprachigen Moderne jetzt in seiner bibliophilen Reihe „textura“ neu herausgebracht, mit einem Nachwort von Kurt Drawert, der auch nicht anders kann, als sich vor der Bedeutung dieser „Verwandlung“ zu verbeugen.


Aus: "Kafkas befremdliches Insekt" Helmut Böttiger (26.05.2014)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/neuauflage-kafkas-befremdliches-insekt.950.de.html?dram:article_id=287455
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[Zum Gefühl der Befremdung... (Kafka)]
« Reply #2 on: February 17, 2021, 05:19:48 PM »

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[...] Ein kleiner Junge in einem Hotel in einer fremden Stadt. Er läuft durch die Gänge, seiner Mutter hinterher, die mit einem unbekannten Mann in ein Zimmer geht. Die beiden schlafen miteinander, der Junge horcht an der Tür und späht durch das Schlüsselloch. Dann läuft er zu seiner Tante zurück, die mit dem Erstickungstod ringt. Am nächsten Morgen stirbt sie. Anna und der Junge reisen ab. Im Zug liest Johan einen Zettel, den ihm die Tante mitgegeben hat. Darauf stehen Worte in einer Sprache, die er nicht versteht.
Andreas Kilb

Heute kann sich niemand mehr vorstellen, was Ingmar Bergmans Film „Das Schweigen“, aus dem diese Szenen stammen, vor sechzig Jahren in Deutschland auslöste. Filmclubs zerbrachen, Pfarrer verdammten, Staatsanwälte ermittelten, die „Aktion saubere Leinwand“ entstand. Dabei zeigte Bergman Sex als leeren Akt in einer trostlosen Welt. Aber eben in dieser Sinnlosigkeit lag die Provokation, auf die die Moralhüter ansprangen. Mit dem „Schweigen“ lernte das Kino, die Sprache Kafkas zu sprechen.

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Aus: "Gunnel Lindblom gestorben : Diese Gier nach Leben" Andreas Kilb (25.01.2021)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/lebensgier-schauspielerin-gunnel-lindblom-gestorben-17164447.html
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