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Ziel dieser Neuausrichtung sind vor allem wirtschaftliche Interessen: Die EU verpasse es, Afrika als "Chancenkontinent" wahrzunehmen, sagte Müller.

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Mr. Sklave #2

... Europa darf den afrikanischen Markt nicht den anderen Großmächten überlassen, muss mehr investieren, auch um die Wahrung seiner Interessen sicherzustellen  ...


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FabiOe #3.12

Wir haben nicht vor die Rohstoffe zu 'kaufen', wir wollen sie uns 'sichern'.
Würden wir sie kaufen, bräuchten wir keine Politik dazu, sondern unsere Tech Konzerne bräuchten eine Menge Geld.
Heiva hat schon Recht... Gleichzeitig Rohstoffe sichern und Fluchtursachen bekämpfen? 'Wir wollen nur eure Sachen, die Leute könnt ihr behalten!' ...


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Aus: "Entwicklungsminister fordert Afrika-Kommissar für die EU" (16. Juli 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2018-07/gerd-mueller-entwicklungsminister-csu-afrika-kommissar-eu
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... Ich stelle mir vor, ich wohne in einem Mietshaus mit vielen Wohnungen und einem gemeinsamen Garten. An der Grenze unseres Grundstücks verläuft eine Straße, und aus irgendeinem Grund verunglücken dort täglich mehrere Fahrradfahrer schwer. Keiner von uns Mietern kann etwas dafür, dass diese Menschen dort verunglücken, keiner hat sie gebeten, hier vorbeizufahren. Vielleicht sind wir sogar ausdrücklich dagegen, dass hier überhaupt jemand langfährt. Aber wäre es vorstellbar, die Nachbarn dafür zu kritisieren, dass sie in dieser Situation den Notarzt rufen? Wäre es vorstellbar, den Notarzt zu verklagen und einzusperren, weil er den verunglückten Radfahrern hilft? Wäre es vorstellbar, oben am Fenster zu stehen und zu argumentieren: Erst wenn es da unten genügend Tote gegeben hat, werden andere lernen, dass man hier nicht langfährt? Sicher nicht in einem Haus, in dem ich noch wohnen möchte.
Doch genau das passiert gerade in Europa. Plötzlich gibt es im öffentlichen Diskurs zwei unterschiedliche Meinungen darüber, ob man Menschen in Lebensgefahr helfen soll, oder ob man sie lieber sterben lassen soll. »Je mehr man rettet, desto mehr kommen doch«, das sagt man plötzlich laut und ungeniert. Der Satz hat sich von den hasserfüllten Kommentarspalten auf Facebook in die angsterfüllte Mitte der Gesellschaft geschlichen. Er wird heute in Büros ausgesprochen, auf Gartenpartys und in Parlamenten.
Derweil steht der Kapitän des Rettungsbootes »Lifeline« in Malta vor Gericht, andere Rettungsboote werden am Auslaufen gehindert. Die AfD präsentiert stolz eigene Strafanzeigen gegen weitere Helfer, etwa von »Ärzte ohne Grenzen« oder »Save the Children«. Italiens Innenminister nennt die Retter »Vizeschlepper« und schließt die Häfen für sie. Europas Populisten applaudieren dazu, und in der CSU, immerhin eine deutsche Regierungspartei, verunglimpft man diejenigen, die es lebend übers Mittelmeer und bis nach Deutschland geschafft haben, als Touristen. Seit Anfang des Jahres sind 1400 Menschen an den Grenzen der Europäischen Union gestorben, und die reichste Staatengemeinschaft der Welt und Trägerin des Friedensnobelpreises lässt kein echtes politisches Interesse daran erkennen, das Problem gemeinsam anzugehen. Der Grund dafür: Niemand hätte dabei etwas zu gewinnen, außer den ertrinkenden Menschen.
Das ist der Anfang vom Ende der europäischen Idee. Wir können uns nicht auf Menschenrechte, Aufklärung und Humanismus berufen und gleichzeitig die Rettung Ertrinkender kriminalisieren. Der kleine Stolz, den man noch vor Kurzem empfinden konnte, ein Europäer zu sein, er ist zusammen mit Tausenden Männern, Frauen und Kindern im Mittelmeer ertrunken. Während wir alle im Fernsehen, auf Twitter und Facebook nahezu live dabei zusehen können.
Es geht nicht um unterschiedliche Auffassungen, wie man mit Migranten- und Flüchtlingsbewegungen umgehen soll. Es geht nicht darum, dass man »nicht alle aufnehmen« kann. Es geht schlicht um ein Mindestmaß an Zivilisiertheit: Wer gerade dabei ist, zu ertrinken, der ist weder Flüchtling noch Migrant, der ist weder Afrikaner noch Europäer, weder Muslim noch Christ, der ist ein Mensch, der gerade dabei ist, zu ertrinken, und man muss alles unternehmen, um ihn zu retten.
... Menschen [ ] sehenden Auges ertrinken zu lassen, als abschreckendes Beispiel für andere, das ist keine Meinung. Es ist der erste Schritt in die Barbarei. ...

Aus: "Der Untergang" Wolfgang Luef (05. Juli 2018)
Quelle: https://sz-magazin.sueddeutsche.de/abschiedskolumne/der-untergang-85837

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[...] Schon in der frühen Schrift «We refugees» (Wir Flüchtlinge) erklärte die deutsch-jüdische Philosophin: «Flüchtlinge repräsentieren die Avantgarde ihrer Völker.» Arendt hat aus ihren Untersuchungen (und ihrer Erfahrung) des Totalitarismus den Schluss gezogen, dass die Missachtung der Grundrechte in einer ersten Phase stets nur Flüchtlinge und schutzlose Minderheiten betrifft, bevor sie sich in einer zweiten Phase generalisieren kann. Historisch betrachtet war die Flüchtlingspolitik das Laboratorium der Barbarei. Erst zielt die Aufhebung der Menschenrechte nur auf Migranten – und irgendwann auf die gesamte Bevölkerung.

Wir sollten nicht so naiv sein, zu glauben, dass die namenlosen Tragödien, die sich Tag für Tag und Nacht für Nacht auf offener See abspielen, ohne Einfluss bleiben werden auf das Leben, die Politik und die Gesellschaft in Kontinentaleuropa. Wir sollten nicht so naiv sein, zu glauben, dass diese Toten nicht die unseren sind.


Aus: "Binswanger: Avantgarde der Völker" Daniel Binswanger (30.06.2018)
Quelle: https://www.republik.ch/2018/06/30/avantgarde-der-voelker
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[...] Vor dem Nato-Gipfel wächst der Druck auf Kanzlerin Angela Merkel (CDU), die deutschen Militärausgaben deutlich hochzufahren. „Ich erwarte, dass Deutschland noch mehr tut“, sagte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg der „Bild am Sonntag“. Merkel bekennt sich zu steigenden Verteidigungsausgaben – trotz Warnungen von US-Präsident Donald Trump lässt sie ein Erreichen der Nato-Ziele aber offen. Bei der Bundeswehr gehe es jetzt „um Ausrüstung und nicht etwa um Aufrüstung“, sagte Merkel in einer Videobotschaft.

Um die 2014 als Nato-Zielmarke vereinbarten Ausgabenpläne vollständig zu schaffen, müsste der Bundeswehretat bis 2024 um fast 40 Milliarden auf rund 80 Milliarden Euro steigen. Ob das noch zu schaffen ist und überhaupt gewollt ist, ließ Merkel offen. Deutschland wird dies kaum erreichen können – derzeit liegen die Militärausgaben bei 38,95 Milliarden Euro (2018) – das entspricht einer Quote von 1,24 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Die Staats- und Regierungschefs der Nato hatten 2014 im Zuge der Krim-Krise als Antwort auf das russische Verhalten vereinbart, dass sich alle Mitgliedstaaten bei ihren Verteidigungsausgaben bis 2024 einem Wert von zwei Prozent des BIP annähern sollen, einige wie die USA liegen längst darüber. Der US-Präsident forderte im Vorfeld des Nato-Gipfels am Mittwoch und Donnerstag in Brüssel deutlich höhere Ausgaben Deutschlands, um die USA in der Nato zu entlasten.

Merkel hat als Kompromiss 1,5 Prozent bis 2024 angeboten – da das BIP weiter steigen wird, wären das auch rund 18 Milliarden Euro mehr als heute, was der Koalitionspartner SPD skeptisch sieht. „1,5 Prozent sind nicht zwei Prozent“, sagte Stoltenberg dazu. Er gehe davon aus, dass Deutschland die zwei Prozent anstrebe. „Zumal Deutschland allein wegen seiner wirtschaftlichen Größe eine sehr wichtige Rolle hat.“

Merkel betonte, zu Zeiten des Kalten Kriegs hätten die Ausgaben noch über dem Zwei-Prozent-Ziel gelegen, dann sei es aber zu starken Einsparungen gekommen, so Merkel. Unter der von ihr geführten Bundesregierung von Union und FDP war 2010 ein Sparpaket vereinbart worden, 2011 wurde die Wehrpflicht ausgesetzt. „Eine gute Ausrüstung sind wir auch den vielen Soldatinnen und Soldaten schuldig, die sich für unsere Sicherheit einsetzen“, sagte Merkel nun. Immerhin soll der Etat von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) 2019 um vier Milliarden auf 42,9 Milliarden Euro steigen. Damit läge Deutschland dann bei 1,31 Prozent des BIP – und nicht bei etwa einem Prozent, wie US-Präsident Trump es jüngst behauptet hatte.

Vor dem Nato-Gipfel kritisierte auch der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, die Militärausgaben der Bundesregierung als zu gering. Man könne lange darüber diskutieren, ob das Nato-Ziel sinnvoll sei, sagte er der „Welt“. „Aber die Wahrheit ist: Wir haben es als Ziel akzeptiert. Es ist deshalb bedauerlich, dass es in der Koalition nicht vereinbart werden konnte.“ Ohne militärische Schlagkraft bleibe Europa trotz seiner wirtschaftlichen Größe weltpolitisch bedeutungslos, so Ischinger.

Der frühere Kommandeur des US-Heers in Europa, General Frederick B. Hodges, schlug vor, dass Deutschland seine Autobahnen, Schienenwege und Häfen militärtauglicher mache und die Investitionen auf die Militärausgaben bei der Annäherung an das Zwei-Prozent-Ziel der Nato angerechnet werden. „Europa benötigt von Deutschland mehr als Panzer, es braucht deutsche Züge“, sagte Hodges den „Stuttgarter Nachrichten“ mit Blick auf schnellere Truppenverlagerungen in Europa. In Manövern dauerten Militärtransporte heute mitunter Wochen und Monate.

US-Präsident Trump betonte zuletzt vor Anhängern: „Ich werde der Nato sagen, Ihr müsst Eure Rechnungen bezahlen, die Vereinigten Staaten werden sich nicht um alles kümmern.“ Deutschland als größter EU-Staat wende nur ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung auf, während dieser Wert für die USA bei vier Prozent liege. Trump sagte zudem mit Blick auf Merkel: „Weißt Du, Angela, (...) ich weiß nicht, wie viel Schutz wir bekommen, indem wir Euch beschützen. Und dann gehen sie raus und machen einen Gas-Deal, Öl und Gas von Russland (...). Sie wollen vor Russland beschützt werden – und trotzdem zahlen sie Russland Milliarden Dollar. Und wir sind die Deppen.“

Ob gewolltes Zeichen oder nicht: Direkt nach dem Nato-Gipfel trifft Trump in Finnland erstmals den russischen Präsidenten Wladimir Putin zu einem bilateralen Treffen. Merkel unterstrich die Bedeutung des westlichen Militärbündnisses. Die Nato sei auch im 21. Jahrhundert als „Garant für unsere Sicherheit und zwar als transatlantisches Bündnis“ nötig. Die Herausforderungen hätten sich stark verändert, etwa nach der Annexion der Krim durch Russland. „Das bedeutet, dass wir uns wieder stärker auf die Bündnisverteidigung konzentrieren und dafür auch Vorkehrungen treffen“, sagte Merkel mit Verweis auf die Präsenz in Mittel- und Osteuropa. Ziel sei ein vernünftiges Verhältnis zu Russland. „Aber gleichzeitig müssen wir als Nato Entschlossenheit zeigen, uns zu verteidigen“, so Merkel.

Der Transatlantik-Koordinator der Bundesregierung, Peter Beyer (CDU), wies darauf hin, dass in der Nato die Befürchtung wachse, dass sich Trump in Helsinki auf einen Deal mit Putin einlassen könnte. „Dem einen oder anderen treibt allein die Tatsache Schweißperlen auf die Stirn, dass sich Trump und Putin treffen, ohne dass irgendetwas mit den Nato-Partnern abgestimmt ist“, sagte er der Funke-Mediengruppe. (FR/dpa)

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Kalle52

Es ist mehr als betrüblich, dass auch über 70 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges die Evolution wenigstens bei den Entscheidungsträgern dieser Welt keine Weiterentwicklung hin zu einer friedensorientierten Grundeinstellung hervorgebracht hat.


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anteater

Kann man den Amis vielleicht anbieten, dass sie im Gegenzug ihre Sozialausgaben auch verdoppeln?


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Peter Uhlemann

"Deutschland als größter EU-Staat wende nur ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung auf, während dieser Wert für die USA bei vier Prozent liege."

Dann sollte er mal mit gutem Beispiel vorangehen und die Ausgaben der USA erst mal auf die geforderten zwei Prozent senken. Das eingesparte Geld könnte er dann in den Wiederaufbau der Länder, die in den letzten Jahren, auch und vor allem durch Einmischung der USA, durch Kriege zerstört wurden, investieren. Das wäre mal ein wirklicher Beitrag für den Weltfrieden.


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Aus: "Nato-Gipfel Mehr Geld von Merkel fürs Militär gefordert" (08.07.2018)
Quelle: http://www.fr.de/politik/nato-gipfel-mehr-geld-von-merkel-fuers-militaer-gefordert-a-1540399
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"Im Juni ertrank jeder siebente Flüchtling im Mittelmeer" (06. Juli 2018)
Für Migranten wird die Flucht über das Mittelmeer immer gefährlicher. Trotz sinkender Zahlen steigt die Todesrate ...
Quelle: https://www.kleinezeitung.at/politik/aussenpolitik/5460120/Asyl_Im-Juni-ertrank-jeder-siebente-Fluechtling-im-Mittelmeer

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Irgendeiner, vor einem Tag

Aber warum den das, weil man mare nostrum auf Frontex reduziert hat, weil man NGOs systematisch behindert, weil man die in Libyen in Lager schleift die auch noch ein Komatöser um jeden Preis verlassen wollen würde ...


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[...] Im äußersten Norden von Thailand, nahe der Provinzhauptstadt Chiang Rai, liegt eine Höhle namens Tham Luang-Khun Nam Nang Non. Bekannt ist sie, weil dort zwölf Jugendliche mit ihrem Fußballtrainer eingeschlossen sind. Das Schicksal der kleinen Gruppe bewegt weltweit Millionen Menschen.

Im äußersten Süden des Mittelmeers, nahe der libyschen Küste, treiben Dutzende Leichen im Wasser. Ein Boot mit etwa hundert Migranten war dort vor einigen Tagen gekentert, die Marine rettete nur wenige Überlebende. Bewegt das Schicksal dieser großen Gruppe Millionen Menschen? Zu merken ist davon wenig.

Selbstverständlich spricht nichts gegen Mitgefühl für in Not geratene Jugendliche. Und das Interesse an den in Thailand Eingeschlossenen ist wohl auch deshalb so groß, weil die Umstände so außergewöhnlich sind - aber auch aus einem anderen Grund: Es gibt Fotos und Videos von den Jugendlichen, berührende Geschichten, bangende Eltern, engagierte Helfer. Die Welt verfolgt, wie in Nordthailand Menschen leiden. Elend in Echtzeit.

Migranten hingegen treten als Menschen kaum noch in Erscheinung. Es gibt zwar regelmäßig Berichte über bedrückende Einzelschicksale, aber in der politischen Öffentlichkeit sind sie weitgehend zur amorphen Humanmasse verkommen: zu "Flüchtlingswellen", die gegen die empfindlichen Gestade der "Festung Europa" branden - und deren aggressiver "Asyltourismus" in "Ankerzentren" ausgebremst werden muss. Auch diese Rhetorik ist Elend in Echtzeit.

Es ist wichtig, über Migration zu diskutieren, dazu gehören auch Polemik und Streit. Aber die Debatte über flüchtende Menschen ist völlig entgleist - weil es gar nicht mehr um flüchtende Menschen geht, die auf dem Mittelmeer ihr Leben riskieren oder in libyschen Internierungslagern gefoltert werden. Sondern um die Regierungskoalition Angela Merkels, die Union aus CDU und CSU, die Europäische Union.

Sind an der Schieflage der Debatte also die Politiker schuld, die sie mit taktischen Manövern und rhetorischen Finten verzerrt haben? Oder liegt es an den Medien, die sich von diesem Schauspiel haben blenden lassen und kaum noch über das Leid der Migranten berichten? Wohl kaum: Dass sich die wahre Asylkrise nicht an drei Grenzübergängen in Bayern abspielt, dürfte jeder halbwegs mündige Bürger wissen. Was fehlt, ist ein kollektiver Aufschrei, eine empörte Gegenreaktion.

Natürlich gibt es diesen Abstumpfungseffekt auch in anderen Fällen: die vielen Toten im mexikanischen Drogenkrieg, bei Massenprotesten in Nicaragua, bei Terroranschlägen in Mogadischu oder Kabul. Der entscheidende Unterschied aber ist: Die Toten im Mittelmeer haben sehr unmittelbar etwas mit uns zu tun. Weil wir durch den Zufall der Geburt jene Sicherheit und jenen Wohlstand genießen, nach denen auch viele andere streben. Und weil wir die Parteien gewählt haben, die jetzt in unserem Namen auf Abschottung setzen.

Im äußersten Süden des Mittelmeers, nahe der libyschen Küste, steigen gerade vielleicht wieder ein paar Dutzend Menschen in ein Schlauchboot. Vielleicht werden wir nie erfahren, was aus ihnen wird. Vielleicht, weil sie diesmal niemand aus dem Wasser zieht. Das darf uns nicht egal sein.


Forum

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Aus: " Asylkrise: Wir Ignoranten" Ein Kommentar von Peter Maxwill (07.07.2018)
Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/fluechtlinge-warum-viele-das-elend-dieser-menschen-ignorieren-kommentar-a-1216913.html
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[...] Evangelikale Christen sind nicht nur Gläubige, sie sind auch eine der mächtigsten gesellschaftlichen Bewegungen der Nachkriegszeit. Keine andere religiöse Gemeinschaft in Amerika hat wie sie nach politischem Einfluss gestrebt. Als Reaktion auf die kulturellen Gewitter der Sixties begannen vor allem weiße, konservative Menschen aus den wachsenden Vororten Amerikas sich politisch zu organisieren. Sie begriffen ihr politisches Engagement als einen antiliberalen Feldzug zur Rettung der Seele Amerikas. 1979 gründeten Jerry Falwell und Tim LaHaye die Moral Majority-Bewegung, andere Gruppierungen folgten und rollten mit ihrem Kampf für "Familienwerte" die amerikanische Politik auf.

Evangelical wurde zunehmend gleichbedeutend mit christian right, mit rechter Politik. Abtreibung, Homosexualität, Feminismus, Pornografie, Verhütung, die sexuelle und soziale Revolution der Sechzigerjahre kam seit den späten Siebzigern auf die Agenda der Wahlkämpfe. Evangelikale Prediger wie Billy Graham hatten nicht nur stets Zugang zu den amerikanischen Präsidenten, als Fernsehprediger hatten sie auch Zugang zu jedem amerikanischen Wohnzimmer. Zumindest Ronald Reagan und George W. Bush gaben konservativen Christen das Gefühl, einer von ihnen stehe an der Spitze des Staates.

Die Hinwendung der Evangelikalen zu Trump ist weniger selbstverständlich. "Die moralischen Überzeugungen vieler evangelikaler Führer sind nur noch geprägt von politischem Lagerdenken. Das ist nicht einmal mehr Leichtgläubigkeit; es ist die reine Korruptheit", schrieb etwa der konservative Politiker Michael Gerson in einem wütenden Essay für den Atlantic. Gerson wuchs selbst in einer evangelikalen Familie auf und hat lange für republikanische Regierungen gearbeitet. An den derzeitigen republikanischen Präsidenten hätten die evangelikalen Christen ihre Seele verkauft. Die Anführer der evangelikalen Bewegung seien geblendet vom Hass auf ihre politischen Gegner und sähen gar nicht mehr, welchen Schaden sie den Zielen zufügten, denen sie ihr Leben gewidmet hätten.

... Der linke Philosoph und Theologe Adam Kotsko, der selbst aus einem evangelikalen Umfeld stammt, erklärt die Doppelmoral vieler amerikanischer Christen mit ihrem verzweifelten Drang nach kultureller und politischer Anerkennung. Trump gebe ihnen das Gefühl, respektiert zu werden, und dass ein reicher, mächtiger Mann von außerhalb der evangelikalen Kultur ihre Forderungen ernst nehme, mache die Bindung zu ihm fast noch enger, sagt Kotsko. So konnte Trump gegen alle Wahrscheinlichkeit zur Führungsfigur des weißen, christlichen Amerikas werden, zum völligen Unverständnis aller Liberalen, die in ihm nur den obszönen, ganz und gar unchristlichen Unhold sehen. Für die einen ist er eine Heilsgestalt, für die anderen der Antichrist. Auch das spiegelt wieder, wie zerbrochen die amerikanische Öffentlichkeit ist. Mehr noch als andere Konservative haben die Evangelikalen eine dichte Blase, ja eine Parallelgesellschaft, geschaffen. Sie heiraten unter sich, schicken ihre Kinder auf gesonderte Schulen und Universitäten und haben ihre eigenen Medien, welche von Trump gezielt hofiert werden. Das Christian Broadcasting Network des Predigers Pat Robertson unterstützte Trump etwa bereits im Wahlkampf und bekommt seitdem immer wieder exklusive Interviews mit dem Präsidenten und hohen Regierungsmitgliedern.

Tatsächlich hat vieles, was man heute mit dem Phänomen Trump in Verbindung bringt, eine Vorgeschichte in der evangelikalen Kultur. Nicht erst Trump brachte den evangelikalen Christen bei, dass man von Medien und Eliten verbreiteten Fakten auch ignorieren kann, wenn sie die eigene Identität bedrohen: Fast 70 Prozent aller Evangelikalen leugnen schließlich die wissenschaftliche Evolutionstheorie. Seit Jahrzehnten gehört es zur Grundstimmung der christlichen Rechten, sich vom gesellschaftlichen Mainstream entfremdet zu fühlen. Auch deshalb kämpfen Evangelikale so sehr um politische Macht und fühlen sich trotz ihres Einflusses gleichzeitig so unterlegen wie bedroht: Weil sie fürchten, den Kampf um die Seele Amerikas endgültig zu verlieren. Der Anteil der weißen Christen in der Bevölkerung liegt nur noch bei 43 Prozent. Dass in der amerikanischen Bevölkerung etwa Homosexualität zunehmend nicht mehr geächtet wird, erscheint vielen von ihnen als ein Zeichen definitiver Dekadenz. Mit diesem Untergangsgefühl, das leicht in eine Wagenburgmentalität und heftigen Aggressionen gegen den politischen Gegner mündet, trat der Trumpismus in Resonanz.

... Nicht alle folgen deshalb der Erzählung des konservativen Autors Michael Gerson, derzufolge die evangelikale Bewegung erst kürzlich und aus Opportunismus von ihrem reinen Weg abgekommen sei. Für viele ist Trump schlicht der authentische Ausdruck der antintellektuellen, nationalistischen und autoritären Kultur des evangelikalen Amerikas, die von der Angst durchsetzt ist, bald nicht mehr in einer christlich-weiß geprägten Nation zu leben. Das legt etwa die Forschung der Professorin Janelle Wong von der Universität von Maryland nahe. Nach der Wahl im November 2016 versuchte sie herauszufinden, warum Evangelikale für Trump gestimmt hatten. 50 Prozent der von ihr befragten weißen Evangelikalen seien der Ansicht, dass Einwanderer der Wirtschaft schadeten, schrieb sie in der Washington Post. Als konservative Christen fühlten sie sich angegriffen, als Weiße diskriminiert.

Der strukturelle Rassismus in der Geschichte der USA, die Vorstellung, das tiefe Amerika beruhe auf einer protestantisch-weißen Kultur und müsse gegen weitere Einwanderung oder gesellschaftliche Durchmischung mit anderen Kulturen, Religionen oder Hautfarben geschützt werden, war häufig religiös gefärbt. So rekrutierte der Ku-Klux-Klan, als er nach dem Ersten Weltkrieg im Zeichen des Kreuzes zu einer gewaltbereiten Millionenbewegung anwuchs, seine Mitglieder fast ausschließlich aus der protestantischen Mittelschicht. Die Agitation des Klans richtete sich gegen Migranten, Feminismus und alle Nichtweißen, aber auch gegen Katholiken und Juden. Er tat es auf eine Weise, die frappierend an die Anti-Islam-Agitation von heute erinnert.

"Evangelikalismus ist eine sehr weiße Bewegung", sagt auch Adam Kotsko. Was die Evangelikalen heute mit Trump eine, sei "das Gefühl, dass Amerika bedroht und umlagert ist. Dies sei die letzte Chance, um noch das, was sie für die authentischen amerikanischen Werte halten, zu bewahren."

Ob irgendetwas die Unterstützung der weißen Evangelikalen für Trump erschüttern könnte, ist von mehr als nur akademischem Interessen. Mit dieser Wählergruppe stehen und fallen Trumps Chancen, die nächsten landesweiten Wahlen zu gewinnen. Viele einflussreiche evangelikale Christen hatten klargemacht, dass sie die systematische Trennung von Eltern und Kindern nicht unterstützen können. Und Trump lenkte ein: Am 20. Juni setzte er dieser polizeilichen Praxis ein Ende. Stattdessen sollen die Gesetze so angepasst werden, dass auch Kinder unbegrenzt lange in Haft gehalten werden können. An der Grenze werden jetzt Zeltlager gebaut, in denen die Familien gemeinsam inhaftiert werden sollen. So hat die Symbiose zwischen Präsident Trump und den evangelikalen Christen wohl auch diese Prüfung überstanden.

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AgeofAquarius #2.6

@atech #2.1 : "Die Naivität... auf den Seiten derer, die ... den Religiösen nachlaufen."

Das Problem ist die Flachheit all dieser Debatten. Kaum einer auch der modernen Aufgeklärten bemerkt, wie sehr gerade auch die sekularisierten westlichen Gesellschaften weiterhin in der Tradition des monotheisch-manichäischen Denkens stehen.
Wer nicht religös ist, vergöttert irgendeine andere Heilsbotschaft und verteufelt irgendeine andere Gruppe, Ideologie oder was auch immer in dem Irrglauben, alles werde gut, wenn die Bösen, seinen es nun Rechte, Muslime, Trumpisten, Putinisten einmal ausgerottet sein werden.
Auch die reinen, guten Demokraten und Weltretter rüsten bis zu abwinken und sanktionieren, verbieten auf Teufel komm raus im Glauben, sie könnten die anderen niederringen.
In diesem Prozess werden "wir" "denen" immer ähnlicher, rechtfertigen dieselben Mittel, für die wir die anderen verurteilen,weil der Zweck die Mittel heiligt.
In diesem Denken sind sich Evangelikale, Stalinisten, Gutmenschen, Islamisten, Gläubige und Ungläubige gleich.
Ob sie Ihren Glauben Religion nennen und ihr Ideal Gott oder eben nicht, spielt keine Rolle.


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Verbaler Spaltpilz #2.10

Es ist leider so. Der religiöse Wahn, wie auch andere radikale Ideologien, gleichen sich im Prinzip bis auf das i Tüpfelchen. Nur bei dem Ding an das man glaubt unterscheidet man sich, die Mechanismen dahinter sind gleich. Darum ist der Hass ja auch austauschbar.


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McBudaTea #2.19

... Ich glaube z.b. nicht, dass die meisten Nazis und deren Sympathisanten böse Menschen waren. Sie haben abscheuliche Dinge getan, weil sie gedacht haben, sie tun das richtige. Und da liegt der Kern der Sache: Basierend auf Glaube kann jede Aktion gerechtfertigt werden.


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  Jubhf #21

Religion hat für mich immer so etwas befremdliches. Sie wirkt gestrig und auch überholt, da Bibel und Co. gegen Wissenschaft stehen und ziemlich vieles was drin steht wissenschaftlich widerlegt oder sehr fragwürdig ist: Sintflut, Existenz Moses, Schaffung der Arten statt Evolution, Existenz König Davids, der Hase als Wiederkäuer etc. - deswegen sollte Religion auch keinen Einfluss haben, es liest ja auch keiner die Märchen der Brüder Grimm und nimmt diese zum Anlass daraus Vorschriften und Verhaltensweisen zu entwickeln.
Interessant ist dagegen, dass die Christen in den USA eher rechts sind, während hierzulande vor allem die evangelische Kirche eher im linken Lager zu finden ist.


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Mirona-Thetin
#22  —  vor 4 Stunden 10

Einen der zentralen Aussagen des Artikles finden wir hier:
sie fürchten, den Kampf um die Seele Amerikas endgültig zu verlieren. Der Anteil der weißen Christen an der Bevölkerung liegt nur noch bei 43 Prozent. Dass in der amerikanischen Bevölkerung etwa Homosexualität zunehmend nicht mehr geächtet wird, erscheint vielen von ihnen als ein Zeichen definitiver Dekadenz. Mit diesem Untergangsgefühl, das leicht in eine Wagenburgmentalität und heftigen Aggressionen gegen den politischen Gegner mündet, trat der Trumpismus in Resonanz.

Sie werden den Kampf um die Seele Amerikas verlieren. Das, was wir erleben, sind religiös retardierende Momente. Und wenn es heißt:

Er (der Ku-Klux-Klan) tat es auf eine Weise, die frappierend an die Anti-Islam-Agitation von heute erinnert.

so muss man schmunzeln. Ersetzen wir einmal die Ku-Kluxer durch die "Grauen Wölfe", dann sieht man wohl noch bessere Parallelen. Denn die intellektuellen Probleme der Evangelikalen gleichen doch sehr den intellektuellen Problemen der Mohammedaner.


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DieZeitKommentieren #23

Die Doppelmoral der Kirche. Religionen sind waren schon immer gut für Krieg, Tod, Verfolgung und zum Geld verdienen. Jüngst kommt dann noch reichlich sexueller Missbrauch dazu...


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Something_is_rotten #25

Dieser Artikel hinterlässt bei mir eine große Gelassenheit.
Jesus sagt: „Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen Verfolgung erleiden, denn ihnen wird das Himmelreich zuteil! Selig seid ihr, wenn man euch um meinetwillen schmäht und verfolgt und euch lügnerisch alles Böse nachredet! Freuet euch darüber und jubelt, denn euer Lohn ist groß im Himmel! Ebenso hat man ja auch die Propheten vor euch verfolgt.“ (Jesus in Matthäus Kapitel 5, Verse 10-11)

... Im Übrigen: "DIE Evangelikalen" gibt es ebenso wenig wie "DIE Muslime".


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vonDü #25.9

"Dieser Artikel hinterlässt bei mir eine große Gelassenheit."

Bei mir auch, denn, sollte es einen Himmel geben, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dort keine dieser selbstgerechten Heuchler zu treffen, die den Namen ihres Gottes missbrauchen, um andere zu verfolgen, zu schmähen und ihnen lügnerisch alles Böse nachreden.


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atech #34.1

Religiöser Glaube ist nicht erblich. Moderne, naturwissenschaftliche Schulbildung ist ein wirksames Gegengift.
Das wissen die Religiösen weltweit allerdings auch. Donald Trump setzte Betsy deVos als Bildungsministerin für evangelikale Privatschulförderung ein, Präsident Erdogan hat die Evolutionstheorie aus dem Lehrplan gestrichen...


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Heimweh04 #34.2

Auch in den USA versuchen Kreationisten schon lange, die Evolutionstheorie aus dem Lehrplan zu streichen.


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mounia #34.3

Wissenschaft und Religiösität schließen sich nicht aus.Viele Naturwissenschaftler glauben an einen Gott.


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Jimmy III. #34.4

Das nennt man kognitive Dissonanz. Das schliesst sich auf die gleiche Art "nicht aus" wie sich auch der beste Mathematiker mal verzählen , oder ein Fahrlehrer einen Unfall verschulden kann. Es ist ein Widerspruch, der auftritt weil nicht jeder seine Profession 24/7 im Kopf hat, oder sie auf alles anwendet. Es gibt keinen rationalen/wissenschaftlich vertretbaren Weg auf die Existenz eines Gottes bzw. gar einen oder mehrere spezifische Götter zu schliessen, und wenn ein Naturwissenschaftler heute die Existenz eines Gottes annimmt kann das nur darauf zurückzuführen sein, dass er Rationalität und wissenschaftliche Methodik/Logik bei dieser Annahme nicht angewandt hat.


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Seemannsfrau #35

Deus vult !

Gott will es. Das hat schon vor unserer Zeit ganze Landstriche ins Chaos gestürzt.
Schauen wir mal, was noch alles auf uns zukommt.


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der_pfälzer #36

Mir als bekennender Christ wird schlecht wenn ich dies lese. Das was die amerikanischen Evangelisten predigen hat nichts, aber auch gar nichts mit dem christlichen Glauben zu tun. Wenn ich - was ich per se meines evangelischen Glaubens nicht tue - an die Hölle glauben würde, wäre ich sicher dass diese Leute alle in der Hölle landen würden.


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Jimmy III. #36.3

Aha...nach welcher Methodik entscheiden sie denn was "christlich" ist, und was nicht?
Meiner Erfahrung nach ist die Logik immer die Selbe:
Was mir persönlich nicht passt ist unchristlich, und jeder der meiner Meinung ist ist christlich...


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tobias.x #37

> "Man kann Trumps Regierung sicherlich als eine der christlichsten der jüngeren Geschichte bezeichnen."

Bitte schreiben Sie lieber:
"... als eine der Regierungen mit dem größten Einfluss sich christlich nennender Gruppierungen".

So wie im Text verwendet wird das Wort "christlich" komplett entwertet.

Schreibe ich als überzeugter Atheist, der aber die grundlegenden christlichen Werte in weiten Bereichen schätzt. Wenn sich die als Christen bezeichnenden Menschen nur mehr daran halten würden..


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Matze 83 #39

"Gott wolle es so, das ist ein Argument, mit dem man in den USA Politik begründen kann."

Ein "Argument" mit dem man im Mittelalter auch schon die Kreuzzüge "begründet" hat. "Deus Vult"
Wenn eine Gesellschaft soweit ist das man ihr"Gottes Wille" als ausreichende Begründung für politische Entscheidungen verkaufen kann, kann man als Politiker alles machen, jede Grenze überschreiten (sprichwörtliche und reale) und jedes Verbrechen rechtfertigen.


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Kohlenträgersohn #42

Klasse Zeitartikel, wann findet der erste analytische untersuchende gegen den Islam statt oder traut man sich nicht ?


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atech #42.1

what about...


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Matze 83 #42.3

Ich hatte mich schon gefragt wann hier der Erste mit "Aber der Islam..." um die Ecke kommt. :)


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SchnellerDrehmoment #43

Wer glaubt, dass der "liebe Gott" in diesem, sich immer weiter ausdehnenden, unfassbar großen Universum, ganz intensiv um kleine Erde kümmert und jeden Einzelnen von uns genau beobachtet, aufpasst, dass wir auch immer ordentlich beten, ganz nebenbei noch so Sachen wie die unbefleckte Empfängnis erfindet, natürlich alle Geschicke dieses Planeten genau vorher geplant hat, der glaubt auch, dass Fruchtzwerge gesund sind oder mit anderen Worten, dem ist auch nicht mehr zu helfen.


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SchnellerDrehmoment #43.3

... und wenn jemand was gegen Religionen sagt, werden seine Beiträge zensiert, weil man ja religiöse Gefühle verletzt.
Warum werden die anderen nicht davor geschützt, dass man ihren gesunden Menschenverstand beleidigt.


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Matze 83 #43.4

"Warum werden die anderen nicht davor geschützt, dass man ihren gesunden Menschenverstand beleidigt."

Weil diejenigen, die dem gesunden Menschenverstand statt irgendwelchen überkommenen Aberglauben anhängen erwachsen genug sind mit derartigen "Beleidigungen" umzugehen ohne einen Tobsuchtsanfall zu bekommen.

;)


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heined #47

Eines Tages platzte einer meiner Schüler mit muslimischer Herkunft in mein Büro und fragte: "Nicht wahr, Gott ist doch nur ein grosser Schwindel?"
Ich überlegte und antwortete: "Ich unterrichte Mathematik und nicht Religion. Schule ist neutral in solchen Fragen. Aber es ist doch so, dass wenn ich eine Wurst auf den Tisch lege und dem Hund verbiete sie zu essen, wird er gehorchen, so lange ich da bin. Was aber passiert, wenn ich hinausgehe?"
Schüler: Er schnappt sich die Wurst."
"Eben," fuhr ich fort," ein Mensch aber gehorcht auch dann, wenn ich weg bin. Denn man hat ihm beigebracht, dass Gott alles sieht."


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Pandoraner #48

Das Credo der Evangelikalen lautet: "Manchmal braucht man das Böse um das noch viel Bösere zu besiegen".
Der Spruch steht zwar nicht in der Bibel sondern stammt aus einem Science-Fiction-Film, dennoch bekämpft nun ein Trump die liberale weltoffene Gesellschaft, wird zur personifizierten Abrissbirne an Obamas politischen Reformen.
Ohne den hohen Anteil an ungebildeten US Bürgern wäre die evangelikale Bewegung undenkbar. Ein privatisiertes Bildungssystem soll nun die evangelikalen Wahrheiten fest im Bildungssystem verankern , dafür wird die Bildungsministerin De Vos schon sorgen.
Nicht etwa der Stand der Wissenschaft ist dann Maßstab für den Lehrplan sondern die Bibel  ...


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wilsieb #56

Liebe Deutschen, wähnt euch nicht sicher vor evangelikalen, fundamentalistischen Christen in Deutschland.

Einer meiner besten Freunde, inklusive der ganzen Familie, ist Mitglied in einer evangelikalen Freikirche. Das ist Gehirnwäsche pur, meiner Meinung nach. Pfadfinder-Vereine sind auch oft von evangelikalen Freikirchen (z.B. die Royal Rangers).
Mein Freund erzählt z.B. gerne was von Anzeichen für die Apokalypse. Bis vor kurzem hat er noch Theologie und Musik studiert, inzwischen hat er Theologie abgebrochen und ist auf Englisch gewechselt (gutes Zeichen!).
Er studiert im Raum Stuttgart - da gibt es leider viele Evangelikalen...

... Ach ja, zum Bibelkreis geht er übrigens auch.



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freidenker80 #67

Ich finde es immer krass, wenn Leute meinen, den Willen eines übermenschlichen Wesens zu kennen. Jeder, der statt von Gott von anderen Fabelwesen wie Außerirdischen oder Kobolden faselt, ist reif für die Klapse. Aber wenn man sich einen Gott halluziniert und sich mit seinen Taten auf ihn beruft, wird das als normal akzeptiert.


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Erstmal -zurücklehnen #83

Das sind die christlichen Kirchen wie sie immer waren und bleiben. Die Kooperation mit den Nazis war es bei uns. Aktive Gegenwehr gegen "das Böse" schlechthin kam nur von einzelnen und sehr wenigen.
Heute salbadern sie bei uns wieder von Menschlichkeit. Aber jetzt wieder die Nagelprobe: Wo ist die klare Kante gegen das Verhalten von Seehofer und Co gegenüber dem Leid der Geflüchtete?

Sie politisieren und taktieren wieder. Klar meine Herren Kardinäle. ...


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Saltatio #83.2

Es gab katholische Priester und evangelische Pfarrer, die sind in den KG der Nazis gestorben. In Dachau gab es zum Beispiel einen "Pfarrerblock". Bitte werfen Sie nicht alles in einen Topf.


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MaryPoppinsky #88

Bildungsverachtung ist ebenfalls Teil des Problems:
"Most Republican voters believe that higher education is bad for the country."
"Republicans: College Is Ruining America"
“Republicans increasingly say colleges have negative impact on U.S. Republicans and Democrats offer starkly different assessments of the impact of several of the nation’s leading institutions – including the news media, colleges and universities and churches and religious organizations – and in some cases, the gap in these views is significantly wider today than it was just a year ago. While a majority of the public (55%) continues to say that colleges and universities have a positive effect on the way things are going in the country these days, Republicans express increasingly negative views. A majority of Republicans and Republican-leaning independents (58%) now say that colleges and universities have a negative effect on the country, up from 45% last year. By contrast, most Democrats and Democratic leaners (72%) say colleges and universities have a positive effect, which is little changed from recent years.”
-> https://www.youtube.com/watch?v=N22d_kqtYpA



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Steve45 #90

Wie kann man sich Christ nennen und gegen alles Verstoßen was Jesus zu seinen Lebzeiten getan hat?
Man darf unabhängig vom Glauben auch eine historische Sicht darauf haben und dann wird einem auch klar, dass 99% der Christen eine Schande für Jesus wären.


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Flimnap #90.1

Das ist eine der zentralen Aussagen des Christentums seit zweitausend Jahren. ...


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  rena85 #97

Als bekennende Agnostikerin würde ich allen hier gerne mal ein Buch empfehlen.
John Niven "Gott bewahre" (Second Coming). Als Link eine kleine Rezension aus der TAZ:
http://www.taz.de/!5113730/ Viel Spaß! Und, seid lieb. ;-)



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Hartmann Ulrich #104

Die Unterstützung vieler Evangelikaler für Trump beweist, daß das, was sie für sich in Anspruch nehmen und was ihnen auch in diesem Artikel zugeschrieben wird, nämlich daß sie die Bibel wörtlich nehmen, in Wirklichkeit nicht zutrifft. Wenn man nämlich die Bibel wörtlich nimmt, und da ist es fast egal, welchen Teil, steht Trump fast durchweg für das Gegenteil. Demut, Wahrhaftigkeit, Friedenswille, Feindesliebe, Verzicht, Bußfertigkeit, Mäßigung... Nicht einmal seine Anhänger können ernsthaft behaupten, daß diese Werte, die in der Bibel hochgehalten werden, von Trump verkörpert werden. Daß sie ihn dennoch unterstützen, zeigt, daß es sich bei ihnen nicht um (wörtlich gemeint) christliche Fundamentalisten handelt, sondern um Nationalreligiöse.


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O Quijano #105

Text und Kommentare überbieten sich ja an Spott und Verachtung über christliche Amerikaner. Keine Ahnung ob es begründet ist oder nicht, dafür kenne ich diese Amerikaner zu wenig.

Eines weis ich aber: diejenigen, die sich so höhnisch über Glauben und Religion anderer erhaben fühlen, sollten sich fragen, ob sie selber nicht in grotesker Verblendung den Balken im eigenen Auge, die Allgegenwart von Glauben in ihrem eigen Leben übersehen.

Man mache einen Versuch und ersetzte „USA“ durch „Deutschland“ und „Gott/Religion/christlich“ beispielsweise durch „Europa“. Voilá, man erhält das Bild einer Gesellschaft, die in identischem Ausmaß vom Glauben bestimmt ist wie die Gemeinschaft der gerade noch unflätig als hinterwäldlerisch und irrational beschimpften Evangelikalen in den USA:

„Die Anwendung des Gesetzes sei gut und moralisch, so habe Europa es gewollt. Europa wolle es so, das ist ein Argument, mit dem man in den Deutschland Politik begründen kann. Wie sehr Europa und Politik in Deutschland verquickt sind, …… In seiner Rede stellte der Bundespräsident fest: Deutschland ist eine europäische Nation. Ohne Europa würde die deutsche Gesellschaft zugrunde gehen: Wenn unsere Nation sich von Europa abwendet, … usw …usw…usw“


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Kay-Ner #105.1

Das einzige Unterschied ist halt: mit "europäisch" gibt es wenigstens einen Bezug zur realen Welt, den man überprüfen kann. Da kann man Thesen prüfen und lernen.
Mit dem Deus vult - Gott will es, ist diese art der Reflexion schlicht ein No go, also eine Sackgasse.


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InXR #108

Pauschaler geht es nicht - solch ein Essay ist der "Zeit", die sonst so auf differenzierte Darstellung Wert legt, nicht würdig.
In Amerika steht "evangelical" für "evangelisch" und ist eine überkonfessionelle Bewegung, der auch ein Jimmy Carter angehört (nachzulesen bei Wikipedia "Evangelikalismus"). Dazu werden nur negative Attribute miteinander wild verknüpft und unter dem Strich kommen Trump-Mittelalter-Monster rüber. Dass unter diesen "Evangelikalen" auch Friedensaktivisten (z.B. Mennoniten) oder Ärzte (z.B. Mercy Ships) sind, die sich weltweit ehrenamtlich für die Ärmsten der Armen engagieren, wird bewusst weggelassen.
Solch ein Essay über DIE Atheisten geschrieben, die im 20. Jahrhundert mit Mao, Stalin, Hitler und Pol Pot über 100 Millionen Menschen abgeschlachtet haben, weil sie den Menschen und sich selbst damit in den Mittelpunkt des Universums gesetzt haben - oh, oh, da gäbe es einen Aufschrei. Zu Recht, denn natürlich ist nicht jeder Atheist ein Mao, Stalin, Hitler oder Pol Pot.
Genauso wenig wie "Evangelikale Christen" Trump-Mittelalter-Monster sind.
Von daher nur eine kleine Bitte, die aber dringlich: Differenzierter und weniger auf Beifall heischend! Denn Evangelikale abzuwatschen, da kann man sich dem Beifall in den Kommentarzeilen sicher sein.


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Paul Benjamin #109

Erwachsene Menschen mit unsichtbaren Freunden sollten von politischer Verantwortung ferngehalten werden.


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Haschim Ibn Hakim #110

Religion war schon immer ein probates Mittel zur Unterdrückung und Verdummung. Glauben muss man, was die Herrschaften vorgeben, waren sie doch 'Herrscher von Gottes Gnaden'. Seinerzeit hat der Papst den Kaiser gekrönt. Heutzutage läuft es halt ein wenig anders, aber überall wo sich Herrscher (oder Regierende) auf Gott berufen, ist etwas faul, Iran, Saudi-Arabien, und nun auch auch die USA.
Wer nichts weiss , muss eben glauben. Wissen, Erkenntnisse, kritisches Denken sind verpönt. ...


...


Aus einem  Essay von Paul Simon "Weil Gott es will" (7. Juli 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2018-07/evangelikale-donald-trump-religioeser-fundamentalismus-usa-migration/komplettansicht
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[...] NZZ-Chefredaktor Eric Gujer hielt den folgenden Text als Rede an der Generalversammlung der AG für die Neue Zürcher Zeitung am 14. April 2018. Zur 150-jährigen Geschichte

Wir erleben eine extreme Polarisierung der Meinungen. Die Linke wittert überall Fremdenfeindlichkeit, die Rechte fühlt sich von Denkverboten umstellt. Wer das Falsche sagt, wird exkommuniziert. ...

Johannes R. Becher war ein Mann, der sich nicht beirren liess. Er war Kommunist, er lobhudelte Gedichte auf Stalin, verfasste den Text der DDR-Nationalhymne und wurde der erste Kulturminister des Arbeiter- und Bauernstaates. Ein dichtender Dogmatiker, selbstgewiss und unerschütterlich, wie gemacht für das 20. Jahrhundert mit seinen blutigen Ideologien, die umso «wahrer» wurden, je mehr Menschenleben sie forderten. Doch dann liess sich Becher beirren, wenigstens ein einziges Mal. Er schrieb das Gedicht «Der Turm von Babel», dessen letzte Strophe lautet:

«Das Wort wird zur Vokabel / Um sinnlos zu verhallen / Es wird der Turm zu Babel / Im Sturz zu nichts zerfallen».

Der biblische Turm stürzte bekanntlich nicht ein, er blieb nach der Sprachverwirrung einfach unvollendet. Bei Becher wurde der Turm jedoch zur Metapher des Zweifels an jeder Ideologie, die einen Alleinvertretungsanspruch auf die Wahrheit erhebt.

Mir scheint, als lebten auch wir wieder in Zeiten einer Sprachverwirrung babylonischen Ausmasses. Die grossen Ideologien sind verhallt. Bechers Kommunismus ist untergegangen, der Kapitalismus wurde gezähmt durch den Wohlfahrtsstaat. Und doch herrscht eine Sprachverwirrung oder, um es präziser auszudrücken: eine extreme Polarisierung der Meinungen.

Die Linke wittert überall «rechtes» Gedankengut: Rassismus, Ausländerfeindlichkeit, völkische Gesinnung. Die Rechte sieht Political Correctness mit Denk- und Sprechtabus am Werk; ferner «Gutmenschentum», das bedenkenlos die Grenzen öffnet und so eine Verdrängung oder mindestens Bedrängung der Einheimischen provoziert.

Schienen nach dem Fall der Berliner Mauer die Begriffe «rechts» und «links» an Bedeutung zu verlieren, bilden sich nun an den Rändern neue Lager. Sie haben mit dem traditionellen Rechts-links-Schema wenig zu tun, auch wenn wir sie der Einfachheit halber so nennen.

Wie alle Kulturkämpfe wird auch dieser besonders erbittert geführt. Beide Lager operieren mit autoritären Sprach-Codes und verlieren die Fähigkeit zur Differenzierung. Kritik ist nicht mehr Kritik, sondern «Bashing». Schreit die eine Seite «Lügenpresse», schallt es zurück: «Nazi». Wer das Falsche sagt, wird aus der Gemeinschaft der Demokraten exkommuniziert, und man verweigert jede Diskussion. So wird die pluralistische Gesellschaft nicht nur ein Stück weniger pluralistisch. In diesem Überbietungswettbewerb verkommt jedes Argument zur Beleidigung, Denunziation oder Stigmatisierung.

Man muss nicht den Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp zum Antidemokraten erklären, nur weil er über die Grenzen der Willkommenskultur nachdenkt. Aber man sollte auch nicht den Untergang des Abendlandes heraufziehen sehen, nur weil eine Doktorandin der Universität Basel fordert, sogenannten «Rechten» den Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln zu verwehren.

Exkommunikation und Exorzismus überlassen wir besser der Kirche, beides hat im republikanischen Diskurs nichts verloren. Auf diese Weise degeneriert die demokratische Debatte nämlich zum Glaubenskrieg, in dem jeder den anderen durch Lautstärke zu übertrumpfen versucht. Das Wort wird zur Vokabel, um sinnlos zu verhallen.

Warum es so weit gekommen ist, möchte ich mit drei Stichworten beleuchten. Sie lauten Globalisierung, Identität und Individualismus. Die üblichen Hauptverdächtigen – die digitale Filterblase und den neuen Beelzebub Mark Zuckerberg – klammere ich aus, weil das Internet den Effekt zwar verstärkt, hierfür aber nicht ursächlich ist.

Zur Globalisierung: Von 1988 bis 2008 hat die Mittelklasse in den asiatischen Schwellenländern, besonders in China, am meisten Wohlstand hinzugewonnen. Gut ging es auch den Wohlhabenden in der westlichen Welt. Die Einkommen der unteren Mittelklasse im Westen stagnierten hingegen. Die Mittelklasse ist die Verliererin der Globalisierung, auch wenn sich dieser Trend in einigen Ländern wie der Schweiz nicht beobachten lässt. Trumps Wähler aus der Arbeiterschaft fühlen sich zu Recht als Endmoräne der Industrialisierung.

Die globalisierte Welt stellt zugleich den Nationalstaat infrage, weil Kompetenzen an supranationale Körperschaften delegiert werden. Diese Zusammenschlüsse können vieles besser steuern als nationale Behörden, weil es zu spät ist für eine vorausschauende Politik, wenn afrikanische Migranten bei Chiasso gestrandet sind. Die Regulierung der Zuwanderung findet besser an der Aussengrenze Europas statt. So weit die Theorie, doch in der Praxis erleben die Bürger auch, wie sich das System durch mangelnden Informationsaustausch und nationale Egoismen schachmatt setzt.

Kein Wunder also, dass nicht nur die untere Mittelklasse die Globalisierung als Bedrohung ansieht. Mit ihr werden die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland, Billigkonkurrenz und eine Zunahme der Einwanderung in Verbindung gebracht – kurzum das Verschwinden des Schutzraums, wie ihn der souveräne Nationalstaat einstmals markiert hat.

Damit einher geht das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Land zu verlieren. Nicht umsonst lautete das Motto der Brexit-Kampagne: «Take back control.» Rechtspopulisten haben das einst linke Thema Globalisierungskritik gekapert und gewinnen damit Wahlen. Die Gegenseite fühlt sich vom konservativen Zeitgeist provoziert und reagiert darauf mit Abwehrreflexen. So schaukelt man sich gegenseitig hoch.

Die Globalisierungsgegner befürchten nicht nur ein Fremdwerden im eigenen Land, sondern ebenso materielle Konkurrenz. In Wohlfahrtsstaaten bedeutet die Zuwanderung von niedrigqualifizierten Personen ohne Sprachkenntnisse eine längere Unterstützung durch die öffentliche Hand.

Die Wohlhabenderen mögen davon nicht viel verspüren. Alle anderen, für die staatliche Transferleistungen einen Teil des Lebensunterhalts bilden, sind sich des Wettbewerbs sehr wohl bewusst. Kommen dann noch Identität und Religion hinzu, ergibt dies einen explosiven Cocktail.

Der Soziologe Didier Eribon hat das am Beispiel seines eigenen Elternhauses, einer Arbeiterfamilie, beschrieben. Erst beklagten die französischen Arbeiter die Konkurrenz durch nordafrikanische Einwanderer am Arbeitsplatz, danach verdrängten die muslimischen Migranten die Einheimischen aus ihren angestammten Wohnquartieren. Spätestens dann schimpften die Arbeiter über die Islamisierung Frankreichs und wählten den Front national.

Dass die Eliten in Politik und Medien solche Zusammenhänge zunächst zu leugnen pflegen, verursacht zusätzliche Erbitterung. Diese löst sich irgendwann von der Migrationsfrage und mündet in eine allgemeine Elitenkritik – und zwar nicht wie 1968 von links, sondern von rechts. Die Meinungseliten, und das ist die Ironie dabei, die früher selbst die Systemfrage stellten und mit Jürgen Habermas die «Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus» beschworen, sehen sich nun ihrerseits durch Systemkritik herausgefordert.

Die Zurückweisung des Fremden, die Ablehnung der Institutionen und die Rückbesinnung auf eine verklärte Vergangenheit formieren sich zu einem veritablen Gegenmodell zu «1968».

Diese Bewegung ist weniger sprachgewaltig, ihre Protagonisten sind eher angegraute Wutbürger als aufrührerische Studenten. Aber sie formuliert genauso eine Unzufriedenheit wie jene vor fünfzig Jahren. Die Achtundsechziger verstanden sich als Revolutionäre, und jede Revolution gebiert nun einmal ihre Gegenrevolution.

Daher die wütende Kritik an Political Correctness und Denkverboten: In der Gegenrevolution geht es stets darum, die kulturelle Hegemonie der Eliten mit ihren Sprechweisen und Gesten der Überlegenheit zu erschüttern. Jede Gegenkultur versteht sich als Guerilla der Worte und Begriffe: Was früher das «Establishment» war, ist heute die «Lügenpresse».

Viele Journalisten reagieren darauf in einer Weise, die ihre Glaubwürdigkeit unterminiert. Sie machen sich mit ihren Gegnern gemein, indem sie ebenfalls mit Wortkeulen zuschlagen. Wenn sie nur lang genug eine hysterische Stimmung anheizen, sind die Medien irgendwann tatsächlich keine Organe der Aufklärung mehr, sondern Vehikel der Verdummung und Vernebelung.

Kulturkampf kann nicht Sache einer liberalen Zeitung sein. Dem Mummenschanz der selbsternannten Revolutionäre und Gegenrevolutionäre begegnet man am besten mit einer gehörigen Portion Gelassenheit.  ...

Wie halten wir es mit der Identität? Das rechte Milieu hat Angst, seine Identität und den vertrauten gesellschaftlichen Zusammenhang, kurz: die Heimat, zu verlieren. Das linke Milieu erhebt den Anspruch auf eine Identität, mit der es sich selbst vom Rest der Gesellschaft abgrenzt. So wurde in den USA aus dem eingängigen Kürzel LGB für Lesben, Schwule und Bisexuelle der Zungenbrecher LGBTQQIAAP, um jeder geschlechtlichen Identität gerecht zu werden. Das Akronym bedeutet Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer, Questioning, Intersex, Asexual, Allies und Pansexual.

Lautete die Lieblingsvokabel der Linken früher Inklusion, also die Einbeziehung aller Benachteiligten in die Gesellschaft, so geht es heute um selbstbestimmte Exklusion: Man will in seiner Differenz anerkannt werden. Jeder will anders sein, und das ist das Gegenteil von Gesellschaft, denn diese lebt vom Gemeinsinn.

Die neue Lifestyle-Linke versteht sich nicht mehr als Anwalt der Unterprivilegierten, denn diese haben für die luxurierende Identitätspolitik des akademischen Überbaus wenig übrig. Lieber mokiert sich die Linke über die Rückständigkeit dieser Bevölkerungsschicht. Hillary Clinton nannte sie «deplorables», also Bemitleidenswerte.

Kein Wunder, dass in den USA, Italien, Deutschland oder Frankreich Mitte-links-Parteien Niederlagen kassierten. Sie haben keinen Bezug mehr zur Lebenswirklichkeit ihrer früheren Stammwähler, die in der Fabrik arbeiten und ihre Männlichkeitsrituale pflegen. Sie richten sich lieber an den Hipster, der für eine NGO arbeitet und zur knöchellangen Hose farbige Socken trägt. Der Niedergang der traditionellen staatstragenden Linken hat den Aufstieg der Populisten aller Couleur wesentlich erleichtert.

Die Identitätspolitik von rechts arbeitet ebenfalls mit Exklusion, schliesst aber nicht sich selbst aus, sondern andere: Migranten, Muslime, Mexikaner – und alle anderen von Donald Trump benutzten Stereotype. Betonten die Präsidenten vor ihm das Gemeinsame des Schmelztiegels USA, unterstreicht Trump das Trennende.

Die in Yale lehrende Professorin Amy Chua spricht von «tribalism»: Linke und Rechte bilden Stämme, die den anderen und seine Argumente nur deshalb ablehnen, weil er zu einem anderen Stamm gehört. Verständigung ist so nicht mehr möglich. Das Wort wird zur Vokabel, um sinnlos zu verhallen.

Ging es früher um Gleichheit, geht es heute um Ungleichheit. Das Trendwort in Unternehmen und an Universitäten lautet Diversität. Je mehr Vertreter unterschiedlicher Gruppen eine Institution umfasst, umso besser. Das klingt positiv, nach Toleranz und Vielfalt, hat aber einen Haken. Es kommt weniger darauf an, was wir können, als darauf, wer wir sind. Schwierig wird es dann, wenn man sich in der Mitte der Normalverteilungskurve befindet, also nichts Besonderes ist: etwa der sprichwörtliche weisse Mann aus der Babyboomer-Generation. Gehört er der Unterschicht in den USA an, muss er erleben, dass Förderprogramme die Position anderer Gruppen am Arbeitsmarkt verbesserten, sich an seiner Lage jedoch nichts ändert.

Auch die Ostdeutschen machten die Erfahrung, dass ihr DDR-Leben in den Augen vieler Westdeutscher überflüssig war, während der Westen definiert, was «richtiges» Leben ist. Wer keine ausgeprägte Identität besitzt, fürchtet umso stärker deren Verlust. Viele Ostdeutsche und weisse Amerikaner wählen deshalb die AfD und Trump.

Das Ideal der Aufklärung lautet, dass wir alle gleich sind und unsere Besonderheiten gerade nicht unseren Wert als Bürger bestimmen. Je weiter wir uns von diesem Ideal entfernen, umso tiefer werden die Gräben, umso mehr sitzt jeder in seiner Stammes-Ecke. Menschen sind immer versucht, andere Menschen einzuteilen in wir und sie, Freund und Feind. Das entspricht unserer Natur als Hordenwesen. Doch wir sollten der Natur nicht zu fest nachgeben. Eine pluralistische Gesellschaft ist keine steinzeitliche Horde.

Damit wären wir beim Individualismus. Er hat im 20. Jahrhundert einen Siegeszug erlebt, im Westen herrscht geradezu ein Kult der Selbstverwirklichung. Der Einzelne hat sich aus den Zwängen der Grossgruppen befreit. Weder Sippe und Grossfamilie noch deren moderne Surrogate hemmen die Entfaltung der Individuen, und diese machen von ihrer Freiheit weidlich Gebrauch: Gewerkschaften und Kirchen kämpfen mit Mitgliederschwund, während Fitness-Studios florieren.

Seine Selbstermächtigung bezahlt der Einzelne allerdings teuer. Im Reich der grenzenlosen Freiheit findet er keinen Halt und keine Stütze mehr. Die fraglose Zugehörigkeit zu einer Institution bot Entlastung. Jetzt sind wir für alles selbst verantwortlich.

Nicht einmal mehr die Makroideologien, denen sich Johannes Becher verschrieb, stiften noch Sinn. Rechtspopulisten polemisieren gegen die Marktwirtschaft, Linkspopulisten plädieren für eine restriktive Einwanderungspolitik. Alles verschwimmt, und es entsteht das Gefühl, dass alles immer schlimmer wird: Kriege und Handelskriege, Populismus und Polarisierung – nichts davon ist wirklich neu, dennoch glauben wir, wir befänden uns auf einer schiefen Ebene.

Stattdessen boomen die Mikroideologien rund um Gesundheit und Ernährung. Jeder wird zur Ich-AG der Selbstertüchtigung. ... Konnte man früher Karl Marx einen guten Mann sein lassen, Marxismus oder Kapitalismus über einem Feierabendbier vergessen, ist das mit den Mikroideologien schon schwerer. Zeigt das Armband eine zu geringe Schrittzahl an, meldet sich das schlechte Gewissen. Bei jeder Scheibe Brot droht die «Weizen-Wampe», wie der Titel eines Ernährungsratgebers lautet, der den Lesern erklärt, «warum Weizen krank und dick macht».

Mit den Ich-zentrierten Mikroideologien kreisen wir um uns selbst. Orientierung finden wir so nicht, es entsteht eher ein Klima der Gereiztheit. Nebenbei löst sich der Kitt der Gesellschaft auf. Sie atomisiert sich in Kleinstgruppen, weil «jetzt auch die bekennenden katholischen Nichtschwimmer mit einem Interesse an Hirschgeweihen ihre geschlossene Facebook-Gruppe gründen», wie der Medienforscher Bernhard Pörksen in einem Interview mit der NZZ spöttelte. Jedem sein Hirschgeweih, jedem seine weizenarme Diät.

Für Liberale ist Kritik am Individualismus ein heikles Geschäft, weil sich der Liberalismus die freie Entfaltung des Individuums zum Ziel gesetzt hat. Dennoch müssen wir uns fragen, ob wir mit der Selbstverwirklichung nicht übers Ziel hinausgeschossen sind und uns zu wenig dafür interessieren, was Gesellschaften zusammenhält.

Liberale als die vernünftige Mitte tun gut daran, die Gräben nicht noch zu vertiefen: etwa den zwischen Stadt und Land. Während in den Zentren die fortschrittliche Avantgarde regiert (oder das, was sich dafür hält), haben in der Peripherie die Volksversteher und echten Schweizer das Sagen (oder die, die sich dafür halten). Unser Land besteht aus sehr unterschiedlichen Biotopen, aber am Ende ist es immer eine Schweiz. Folglich muss man Politik für das ganze Land machen und nicht nur für Klientelgruppen, ob urbane Schickeria im Kreis 4 oder Bauern im Toggenburg.

In diesem Kontext muss eine liberale Zeitung wie die NZZ einen klaren Standpunkt vertreten, aber zugleich der Debatte eine Plattform bieten. Denn ohne den Meinungsstreit, in dem man dem Gegenüber mit Respekt begegnet, verkümmert die öffentliche Sache, die Res publica.

Wir lassen uns deshalb nicht einschüchtern von autoritären Sprach-Codes, dem «Rechtsrutsch»- oder «Lügenpresse»-Geschrei, das besonders laut wird, wenn wir einer pointierten Stimme aus einem der beiden Lager das Wort geben.

Für die Bibel ist der Turmbau zu Babel die Metapher für eine Gesellschaft, die Gott herausfordert. Man kann das Gleichnis aber auch ins Positive wenden. Jede moderne Gesellschaft ist ein Turm, der sich immer weiter gen Himmel schraubt; ein Bau, der nie stillsteht, und eine fragile Konstruktion, wie alles, was Menschenhand hervorbringt. Wo die Bauarbeiten aufhören, endet die Weiterentwicklung, und der Verfall beginnt.

«Es wird der Turm zu Babel / Im Sturz zu nichts zerfallen.»

Nimmt die Sprachverwirrung überhand, verhalten wir uns wie Horden, die glauben, jede andere Horde habe prinzipiell unrecht, dann werden die westlichen Demokratien zwar nicht einstürzen, aber ihre Dynamik und Attraktivität verlieren. Die liberale Demokratie hat viele Gegner. Doch der einzige Gegner, der ihr wirklich etwas anhaben kann, sind wir selbst, wenn wir ihre Grundlagen zerstören.

Deshalb müssen wir den Turm gemeinsam weiterbauen. Wir müssen zur Verständigung über Gräben hinweg fähig bleiben und die polarisierenden Kräfte mit ihren Feindbildern in die Schranken weisen.


Aus: "Kommentar: Der eine schreit «Lügenpresse», der andere «Nazi»" Eric Gujer (18.4.2018)
Quelle: https://www.nzz.ch/meinung/der-eine-schreit-luegenpresse-der-andere-nazi-ld.1377703
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[...] Herman Gordon putzt gerade einen Computerraum an der Universität Bristol, als ihn ein Student anspricht: "Wir haben hier ein kleines Geschenk für dich." Als Gordon den Umschlag öffnet, kann er es erst nicht glauben - und fängt dann an zu weinen.

"Du hast uns viele unserer Tage versüßt, und wir möchten, dass du weißt, dass wir dich lieben und schätzen", heißt es laut Nachrichtenportal "Bristol Live" in einem Anschreiben, das die Studenten in einen Umschlag gesteckt haben - zusammen mit insgesamt 1500 britischen Pfund.

Das Geld ist für eine Reise nach Jamaika bestimmt, Gordons Heimat. Seit zwölf Jahren arbeitet er als Reinigungskraft an der Universität im Süden Großbritanniens - und hatte selten das Geld, um seine Familie zu besuchen. Nun kann er gemeinsam mit seiner Frau in die alte Heimat reisen.

Gemeinsam mit seinen Kommilitonen hatte der Student, der das Video filmte, das Geld für Gordon gesammelt. Per Crowdfunding-Aktion hatten die Studenten auf Gordons Fall aufmerksam gemacht - mehr als 230 Menschen spendeten daraufhin für seinen Urlaub. Schon nach wenigen Tagen war die Zielsumme erreicht.

Gordon sei der "Inbegriff von Fröhlichkeit", hieß es auf der Crowdfunding-Plattform. Nun könnten sie endlich mal etwas zurückgeben. Student Matthew betreute die Aktion unter dem Motto "Send Herman to Jamaica" - schicken wir Herman nach Jamaika. "Studenten erzählten auf der Spendenplattform davon, wie Gordon ihnen vor der Prüfung Mut zusprach, sich einfach so mit ihnen unterhielt oder ihnen von Jamaika erzählte", sagte er ABC News.

Für Gordon kam die Unterstützung völlig überraschend. Er habe nie erwähnt, dass er gerne wegfahren würde, sagte Gordon der BBC. Seine Freude mindert das nicht. "Ich danke allen, die für mich gespendet haben. Das zeigt mir wirklich, dass ich geliebt werde", sagt er im Video unter Tränen. Dann trocknet er seine Augen - mit einem Putztuch.

lmd


Aus: "Studenten spendieren Reinigungskraft Urlaub" (28.06.2018)
Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/grossbritannien-studenten-spenden-reinigungskraft-1500-pfund-a-1215577.html
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[...] BERLIN taz | Die Wirtschaft boomt. Von den steigenden Gewinnen profitieren aber vor allem die Vorstandsmitglieder und deren Vorsitzende, weniger die MitarbeiterInnen. Der Abstand zwischen den Vorstandsvergütungen und den Entgelten für die Beschäftigten in den 30 deutschen Dax-Konzernen ist im vergangenen Jahr deutlich gewachsen.

Die Vorstände von Dax-Unternehmen verdienten im vergangenen Jahr im Schnitt 71 Mal so viel wie durchschnittlich bezahlte Beschäftigte in ihren Firmen, so das Ergebnis einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. 2014 war es demnach „nur“ das 57-fache, was Vorstandsmitglieder bekamen.

„Die Schere öffnet sich weiter“, erklärte Marion Weckes, Studienautorin am Institut für Mitbestimmung und Unternehmensführung (IMU) der Hans-Böckler-Stiftung. Das Beratungsunternehmen hkp-Group hatte bereits darauf hingewiesen, dass die Gesamtvergütungen der Vorstandsvorsitzenden in Dax-Unternehmen im vergangenen Jahr auf im Schnitt 7,4 Millionen Euro gestiegen sind. Spitzenreiter ist SAP-Chef Bill McDermott mit einer Gesamtvergütung von 21,15 Millionen Euro. Aber auch Daimler-Chef Dieter Zetsche (13,04 Millionen) und BASF-Chef Kurt Bock (10,27 Millionen)verdienen recht ordentlich.

Die Vergütungsregelungen seien im Laufe der Jahre weiterentwickelt worden und nun auch transparenter, sagt Dominik Enste, Verhaltensökonom am arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW), der taz. „Die Steigerungen sind zum einen auf wirtschaftliche Erfolge zurückzuführen, zum anderen spielt bei der Steigerung vermutlich auch eine Rolle, dass durch die höhere Transparenz der Topgehälter die DAX-Vorstände sich untereinander vergleichen und damit der gewünschte Effekt der besseren Kontrolle durch mehr Transparenz konterkariert wurde.“

Mit anderen Worten: Wenn ein Vorstandsmitglied eines Automobilkonzerns mit drei Millionen Euro Gesamtvergütung im Jahr durch die neuen Transparenzregeln erfährt, dass ein Kollege in einem gleichwertigen anderen Automobilunternehmen mit allen Boni und Sonderzahlungen auf vier Millionen Euro kommt, könnte er dem Aufsichtsrat gegenüber Steigerungen auch für sich selbst beanspruchen.

Die sogenannte Pay Ratio, also das Verhältnis von Vorstandsgehältern zu den Löhnen, aus Gerechtigkeitsgründen pauschal zu deckeln, hält Studienautorin Weckes für problematisch. Denn es werden immer die Gehälter aller Beschäftigten, auch derjenigen im Ausland, ermittelt. Ein Unternehmen wie Adidas mit vielen Belegschaften im Ausland weist daher in der Studie eine tiefere Kluft zwischen den Durchschnittsentgelten der Beschäftigten und der Vergütung für den Vorstand in Deutschland auf als ein Konzern mit Personal hauptsächlich in Deutschland.

Man müsse sich aber in jedem Unternehmen fragen, „ob die Vorstandsvergütung angemessen ist“, sagt Weckes. Auch hier sind die Erfolgsmaßstäbe problematisch: Ein Konzern kann tausende von Arbeitsplätzen abbauen, den Gewinn steigern und damit auch die Boni und Bezüge für die Vorstandsmitglieder. Die Belegschaft hat nichts davon, im Gegenteil.

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wirklich?

warum spricht denn das gegen eine Deckelung von sagen wir mal dem 20-fachen des schlechtesten Gehalts im Konzern, vielleicht bestände dann ja tatsächlich sogar ein Interesse daran, die Löhne am unteren Ende zu erhöhen, ja sogar im Ausland. Ausreden, Ausreden. Genauso dass man dann kein gutes Führungspersonal bekommt, alles Ausreden, zudem möchte doch kaum einer behaupten dass das Führungspersonal jetzt gut wäre...


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jhwh

@wirklich? Seit wann bestimmen die Marionetten das Gehalt für den Puppenspieler?

...



Aus: "Die Bosse verdienen immer mehr" Barbara Dribbusch (6. 7. 2018)
Quelle: http://www.taz.de/Studie-zu-Vorstandsgehaeltern-und-Loehnen/!5519154/

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[...] 1849 hat Franz Grillparzer den Satz geschrieben: "Von der Humanität durch Nationalität zur Bestialität." Wer Grillparzer liest und wer Leute wie Salvini hört, der weiß, dass die Humanität wieder bedroht ist, massiv, wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr: Sie ist bedroht von gemeiner Rede und gemeiner Tat, von der Lust an politischer Grobheit, Flegelei und Unverschämtheit, von der Verhöhnung von Anstand und Diplomatie, sie ist bedroht von einer sehr oft rabiaten Verweigerung des Respekts und der Achtung, die jedem Menschen zustehen, dem einheimischen Arbeitslosen, dem Flüchtling wie dem politischen Gegner. ...

... 1849 hat Franz Grillparzer den Satz geschrieben: "Von der Humanität durch Nationalität zur Bestialität." Wer Grillparzer liest und wer Leute wie Salvini hört, der weiß, dass die Humanität wieder bedroht ist, massiv, wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr: Sie ist bedroht von gemeiner Rede und gemeiner Tat, von der Lust an politischer Grobheit, Flegelei und Unverschämtheit, von der Verhöhnung von Anstand und Diplomatie, sie ist bedroht von einer sehr oft rabiaten Verweigerung des Respekts und der Achtung, die jedem Menschen zustehen, dem einheimischen Arbeitslosen, dem Flüchtling wie dem politischen Gegner.

Der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius hat das in einem Interview mit mir vor ein paar Jahren in der Süddeutschen Zeitung beklagt: "Da wird heute wieder geredet wie damals, vom sozialen Frieden, der durch die Aufnahme der Flüchtlinge bedroht sei; da wird wieder geredet von der innenpolitischen Balance, die durch die Flüchtlinge gefährdet werde; da wird vom Missbrauch des Asylrechts geredet. Genau so war es damals. Nach und an diesem Gerede sind damals so viele Menschen gestorben. Die Konferenz von Évian hätte vielen Menschen das Leben retten können. Daraus gilt es zu lernen. Der Versuch, den europäischen Kontinent abzuschotten, bedeutet: Wir haben nichts gelernt."

...


Aus: "Prantls Blick: "Wisst ihr nicht, dass diese verdammten Zahlen menschliche Wesen sind?"" Heribert Prantl (1. Juli 2018)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/politik/prantls-blick-wisst-ihr-nicht-dass-diese-verdammten-zahlen-menschliche-wesen-sind-1.4036077
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[...] Malta hat ein zur Seenotrettung im Mittelmeer eingesetztes Aufklärungsflugzeug der deutschen Hilfsorganisation Sea-Watch festgesetzt. Die maltesischen Behörden hätten ab sofort alle Flüge in das Rettungsgebiet vor Libyen untersagt, teilte die Berliner Organisation am Mittwoch mit. Ihr Schiff „Sea Watch 3“ darf derzeit auch nicht auslaufen. Die maltesische Regierung bestätigte den Fall der Zeitung „Times of Malta“, allerdings ohne Gründe für die Entscheidung zu nennen.

Das Flugzeug „Moonbird“ wird nach den Angaben von Sea-Watch gemeinsam mit der Schweizer Humanitären Piloteninitiative betrieben und von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) unterstützt. Das Flugzeug sei im vergangenen Jahr an der Rettung von 20.000 Menschen beteiligt gewesen.

Derzeit liegt auch das Schiff der deutschen Organisation Mission Lifeline in Malta an der Kette. Gegen den Kapitän des Rettungsschiffs wird ermittelt. Ihm wird unter anderem vorgeworfen, ohne richtige Registrierung in maltesische Gewässer gefahren zu sein.

Unterdessen konnte das Rettungsschiff der spanischen Hilfsorganisation Proactiva Open Arms mit 60 Migranten an Bord am Mittwoch in Barcelona anlegen. Den Menschen an Bord gehe es „den Umständen entsprechend gut“, erklärte eine Einsatzleiterin. „Sie sind glücklich, weil man ihnen erklärt hat, dass die Regierung will, dass sie hier bleiben.“

Zuvor hatten Italien und Malta das Schiff abgewiesen. Ein Vertreter der spanischen Regierung sagte, die Flüchtlinge würden auf dem Schiff zunächst von Mitarbeitern des Roten Kreuzes untersucht. Danach sollten Behörden ihre Identität feststellen, damit sie später in Aufnahmezentren gebracht werden könnten, hieß es. Unter den Passagieren waren 50 Männer, fünf Frauen und fünf Minderjährige.

Spaniens neue Regierung unter dem sozialistischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez erlaubte Mitte Juni bereits dem Rettungsschiff „Aquarius“ mit 630 Flüchtlingen an Bord das Anlegen, nachdem dieses ebenfalls von Italien abgewiesen worden war.

Derweil sterben im Mittelmeer immer mehr Flüchtlinge. Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) kamen seit dem 19. Juni auf der zentralen Route Richtung Italien 483 Migranten ums Leben.

Am Dienstag barg die libysche Küstenwache sechs tote Migranten im Mittelmeer. 125 Menschen seien gerettet worden, nachdem ein Flüchtlingsboot östlich der Hauptstadt Tripolis gesunken sei, teilte die libysche Marine am Mittwoch mit. Der Vorfall habe sich nahe der Küste vor Garabulli ereignet.

Allein im vergangenen Monat sind nach Angaben der IOM 629 Menschen im Mittelmeer ertrunken. Erst am Sonntag starben vermutlich 63 Flüchtlinge bei einem weiteren Bootsunglück, wie die libysche Marine mitteilte.

Es müssten wieder mehr Rettungsschiffe unterwegs sein, um noch mehr Tote zu verhindern, twitterte IOM-Sprecher Flavio Di Giacomo. Vor allem die neue italienische Regierung fährt seit ihrem Amtsantritt vor einem Monat eine harte Linie gegen Migranten und lässt keine Schiffe von Hilfsorganisationen mehr in ihren Häfen anlegen.



Aus: "Sea-Watch : Malta setzt nach Schiff auch Flugzeug deutscher Seenotretter fest" (04.07.2018)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/organisation-sea-watch-flugzeug-auf-malta-festgesetzt-15674361.html

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