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[...] Mit dem Geschehen um die US-Präsidentschaftswahl 2016 herum schien ein langer Streit zwischen Internet-Optimisten und -Pessimisten entschieden: Statt des Potenzials von weltweiter Vernetzung gerieten ihre Probleme in den Vordergrund, vom unzureichenden Schutz vor Belästigung im heutigen Web bis zu der Anonymität, hinter der sich Teenager-Trolle und russische Geheimdienstler gleichermaßen verstecken können.

Damit ist eine neue Gruppe entstanden, die Tim Hwang von der Ethics and Governance of AI Initiative als „deprimierte frühere Optimisten“ (DFO) bezeichnet. Sie unterteilt sich in Puristen, Desillusionierte, Hoffnungsvolle und Revisionisten, wie Technology Review online in „Desillusionierte Gläubige“ berichtet. [https://www.heise.de/tr/artikel/Internet-Desillusionierte-Glaeubige-4168776.html]

Als Hintergrund verweist Hwang auf das Buch The House of Government von Yuri Slezkine, laut dem bei Gläubigen egal welcher Richtung immer der gleiche Prozess einsetzt, wenn sich eine Vision unerwartet verzögert. Die Ideologen müssten dann eine Theorie hervorbringen, die erklärt, warum die prognostizierten Ereignisse nicht eingetreten sind. Das sei bei christlichen Sekten ebenso der Fall gewesen wie nach der russischen Revolution. Sich selbst bezeichnet Hwang als „ängstlichen DFO“.

Wirklich ernst zu nehmen scheint Hwang weder sich selbst noch die anderen Angehörigen der DFO-Untergruppen. Zu den Desillusionierten etwa schreibt er, man könne „häufig beobachten, wie sie begeistert soziale Medien nutzen, um ihren Hass auf soziale Medien kundzutun“. Die Hoffnungsvollen wiederum würden eine bedingungslose Liebe zu Tumblr hegen, hätten nostalgisch das Video mit der rollenden Zitrone geteilt und würden merkwürdige Slack-Mitgliedschaften sammeln.

Dennoch erweckt Hwang den Eindruck, weiter optimistisch zu sein, wenn er etwa über die Revisionisten schreibt: „Sie wollen mit Veränderungen die frühen Ambitionen des Web erhalten und rufen nach neuen Initiativen, um bessere Gemeinschaften und Systeme für die Online-Gesellschaft zu entwickeln.“


Aus: "Was Puristen, Desillusionierte, Hoffnungsvolle, Revisionisten zum Internet sagen" Sascha Mattke (21.09.2018)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Was-Puristen-Desillusionierte-Hoffnungsvolle-Revisionisten-zum-Internet-sagen-4168779.html
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[...] "Zur See" war ein Straßenfeger. Neun Folgen strahlte das 1. Programm des DDR Fernsehens ab Januar 1977 jeweils freitags zur besten Sendezeit aus. Da schalteten selbst diejenigen ein, die sonst lieber Westfernsehen sahen. Das Geheimnis des Erfolges? Wohl auch die Sehnsucht nach fernen Ländern, denn die Serie brachte eine Spur Exotik in die DDR-Wohnzimmer und erzählte vom Alltag einer Besatzung zwischen See- und Landgang in der sozialistischen Handelsflotte, Abenteuer inklusive.

Anfang August 1974 ging das Who is who der DDR-Schauspieler für eine Drehreise von Rostock nach Kuba und zurück an Bord des Frachtschiffs. Zwei Monate dauerte die Reise. An Bord waren neben den Filmleuten auch die eigentliche Besatzung, denn das Schiff hatte auch einen "normalen" Auftrag: Auf Kuba wurden 6.600 Tonnen Zucker geladen. 166 angehende Seeleute fuhren mit, die Fernseh-Crew bestand aus 23 Filmleuten, darunter neun Schauspieler. Günter Naumann, Jürgen Zartmann und Horst Drinda teilten sich eine Kabine. Drinda, der Star vom Deutschen Theater, spielte in der Serie den Kapitän und filmte selbst. ...

Der volkseigene Betrieb Deutsche Seereederei in Rostock erhoffte sich von der Zusammenarbeit mit dem DDR-Fernsehen Unterstützung bei der Rekrutierung von Nachwuchs. Man war auf der Suche nach angehenden Matrosen, denn Bewerber in ausreichender Zahl waren rar und mussten außerdem "politisch zuverlässig" für Reisen in die weite Welt sein. Da kam die DEFA mit ihren Plänen für die "Zur See"-Serie gerade recht.

Über 40 Jahre nach der Erstausstrahlung der DDR-Fernsehlegende widmet das Rostocker Schiffbau- und Schifffahrtsmuseum der Geschichte der "J. G. Fichte" und den Dreharbeiten an Bord eine Sonderausstellung. Entstanden ist sie mit Hilfe vieler Zeitzeugen, die Erinnerungsstücke zur Verfügung gestellt haben. Die Schau "Mit MS Fichte zur See" ist noch bis zum 5. Oktober 2018 zu sehen.

Das Schiff befährt schon lange nicht mehr die Weltmeere. Ende der 70er-Jahre wurde die "MS J. G. Fichte" außer Dienst gestellt, verkauft und im Rostocker Überseehafen unter anderem Namen an eine Reederei aus Panama übergeben. 1981 trat sie ihre letzte Fahrt an - zur Verschrottung nach Pakistan.

Mit "Zur See" hat das Ausbildungsschiff der DSR Fernsehgeschichte geschrieben. Die Serie war das handfeste sozialistische Gegenstück zur amerikanischen seichten Seifenoper "Love boat" und inspirierte den Westberliner Fernsehproduzenten Wolfgang Rademann für einen weiteren Fernsehklassiker. 1981, vier Jahre nach der Erstausstrahlung der DDR-Seefahrer-Serie, ging "Das Traumschiff" im Westen auf Sendung.

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Aus: ""Zur See": Als die DDR das Traumschiff erfand" (06.09.2018)
Quelle: https://www.ndr.de/kultur/geschichte/Zur-See-Als-die-DDR-Traumschiff-erfand,zursee118.html

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[...] Ein exemplarisches Beispiel für das Sterben der Demokratie sind die aktuellen Entwicklungen in Polen. Das Land galt jahrelang als ein Musterknabe der Systemtransformation. Nun wurde dort die Gewaltenteilung abgeschafft. Wie konnte es dazu kommen?

„Ist unsere Demokratie in Gefahr?“ Das fragen sich die amerikanischen Politikwissenschaftler Steven Levitsky und Daniel Zitblatt in ihrem vielbesprochenen Buch „Wie Demokratien sterben“. Und fügen gleich hinzu: „Nie hätten wir gedacht, dass wir einmal diese Frage stellen würden!“ Mir geht es ähnlich. Ich stamme aus Polen, bin Historikerin und arbeite an einem Institut, an dem die Geschichte totalitärer Systeme erforscht wird. Als im Juni 1989 die Abgeordneten des polnischen Parlaments zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg in freien Wahlen gewählt wurden, war ich gerade sechs Jahre alt. Die Bedeutung dieses denkwürdigen Ereignisses habe ich natürlich erst später verstanden. Ich hätte aber nie gedacht, dass die Demokratie in Polen sterben könnte. Nun ist es vollbracht: Seit Ende Juli gibt es die Gewaltenteilung in Polen de facto nicht mehr. In den vergangenen zweieinhalb Jahren wurde sie scheibchenweise demontiert.

Im Herbst 2015 gewann die national-konservative Partei Recht und Gerechtigkeit (Prawo i Sprawiedliwosc, PiS) die Parlamentswahlen. Eigentlich erhielt sie lediglich 37,6 Prozent der Stimmen, aber dank einer spezifischen Wahlordnung, die große Parteien bevorzugt, bekam die Partei von Jaroslaw Kaczynski 235 der 460 Mandate und somit die absolute Mehrheit im Parlament. Schon wenige Wochen nach den Wahlen begann die sogenannte Justizreform, deren letzte Etappe gerade abgeschlossen wurde. Das Ergebnis: Der Justizminister ist zugleich Generalstaatsanwalt, das Verfassungsgericht gehorcht der Regierung, die obersten Gremien der Judikative werden von der Regierungspartei kontrolliert. Ein Teil der Richter betreibt noch institutionelle Selbstverteidigung, aber deren verfassungstreues Handeln wird von der Regierung und ihren Unterstützern mit einer Mischung aus Ignoranz und Invektiven traktiert. Wieso verwandelte sich Kaczynski in einen Totengräber der Demokratie?

Viele polnische Bürger und ausländische Beobachter hofften, dass das Rechtsstaatlichkeitsverfahren, das die EU gegen Polen Ende 2017 eingeleitet hatte, die polnische Regierung davon abbringen wird, den Abbau der Gewaltenteilung zu Ende zu führen. Diese Hoffnung war genauso naiv wie die Demokratiegläubigkeit, die in Polen lange Zeit herrschte.

Seit den Wahlen vom Herbst 2015 gab es genug Indizien dafür, dass Kaczynski sein autoritäres Programm zu Ende führen wird. In seinen öffentlichen Reden machte er keinen Hehl aus seiner Bewunderung für Viktor Orbán, indem er sich ein „zweites Budapest in Warschau“ herbeiwünschte. Kaczynskis frühere Weggefährten berichten außerdem darüber, dass er schon 2015, als seine Partei zum ersten Mal an der Macht war, die Demokratie untergraben wollte. Dieser Plan konnte damals nicht durchgeführt werden, weil die PiS bei den vorgezogenen Wahlen 2007 zugunsten der Bürgerplattform (Platforma Obywatelska, PO) verlor. Der 2010 von der PiS vorbereitete Entwurf einer neuen Verfassung hing mehrere Jahre lang auf der Homepage der Partei. Aus taktischen Gründen verschwand dieser autoritär eingehauchte Text ein paar Monate vor den letzten Wahlen aus dem Internet.

Daran zu glauben, dass sich der PiS-Vorsitzende von seinem antidemokratischen Programm verabschiedete, weil der autoritäre Verfassungsentwurf plötzlich aus dem Internet verschwand, würde allerdings bedeuten, an einen Persönlichkeitswandel eines älteren Mannes zu glauben, zu dessen Lieblingsautoren Machiavelli und Carl Schmitt gehören. Um nur ein Beispiel zu nennen: Bereits vor den Wahlen 2005 versprach Kaczynski öffentlich, dass er nicht Ministerpräsident wird, wenn sein Zwillingsbruder die Präsidentschaftswahlen gewinnt. Ende 2005 wurde Lech zum Staatspräsidenten gewählt, ein paar Monate später trat Jaroslaw das Amt des Ministerpräsidenten an. Dieser Wortbruch war spektakulär, aber nur einer von vielen. Unterschätzt wurde in und außerhalb Polens jedoch nicht nur der antidemokratische Elan des PiS-Vorsitzenden, sondern auch seine gesellschaftliche Unterstützung. Obwohl im Sommer 2015 die Umfragen keinen Zweifel daran ließen, dass die PiS die Wahlen gewinnen wird, konnte man sich nicht so wirklich vorstellen, dass die Regierung von einer einzigen Partei getragen werden könnte. So etwas gab es doch vor, aber nicht nach 1989.

Das Wahlergebnis vom Herbst 2015 und die bis heute stabile Unterstützung für die PiS von rund 35 Prozent zeigen, wie tief sich die polnische Gesellschaft nach dem 10. April 2010 veränderte. An diesem Tag sollte im russischen Dorf Katyn des Massakers an über 20 000 polnischen Offizieren gedacht werden, die dort im Frühjahr 1940 von der NKWD erschossen worden waren. Trotz Tabuisierung war Katyn schon vor 1989 ein zentraler Bezugspunkt der polnischen Erinnerung. Die Gedenkveranstaltungen des Jahres 2010 endeten bekanntlich in einer Katastrophe: Das Flugzeug mit dem Staatspräsidenten Kaczynski und seiner Frau Maria sowie 94 weiteren Persönlichkeiten aus Politik, Militär, Kirchen und Verbänden der Opferangehörigen an Bord zerschellte beim Landeanflug. Alle Insassen kamen dabei ums Leben.

Für knapp 30 Prozent der Polen steht Smolensk jedoch nicht für einen tragischen Unfall, sondern für ein russisches Attentat. Die antirussischen Ressentiments und verschwörungstheoretischen Reflexe wurden sofort mythologisiert. Sozialwissenschaftler betrachten die „Smolensker Religion“ als das, was die Kernwähler der PiS im Innersten zusammenhält. Von der Tiefe des Rechtsrucks nach 2010 zeugt auch ein Blick auf die polnische Medienlandschaft. „Nach Smolensk“ (so eine im Polnischen inzwischen gängige Zeitangabe) sind viele neue rechte und extrem rechte Medien entstanden, die meisten von ihnen gibt es bis heute.

Trotz dieser Entwicklungen rieb man sich im Herbst 2015 verwundert die Augen, als sich in der Wahlnacht herausstellte: Keine einzige linke Partei wird im Parlament vertreten sein. Auch das war im Polen nach 1989 trotz des typisch post-sozialistischen Antikommunismus völlig neu.

Die nach wie vor hohe Unterstützung für die PiS erklärt aber nur teilweise, warum in den vergangenen Monaten zwar immer wieder Anti-Regierungsproteste organisiert wurden, aber nicht einmal die Selbstverbrennung eines Mannes im Oktober 2017 vor dem Warschauer Kulturpalast als Protest gegen den antidemokratischen Kurs der PiS vermochte es, die polnische Gesellschaft aufzurütteln. Ließen sich etwa die Polen für etwa 120 Euro im Monat, denn so hoch ist das von der PiS versprochene und dann tatsächlich – wenn auch nicht für jedes Kind – eingeführte und nach 1989 praktisch nichtexistente Kindergeld, kaufen? Die wahlstrategisch effiziente Sozialpolitik der PiS und die „Smolensker Religion“ tragen zur gesellschaftlichen Akzeptanz des Demokratieabbaus maßgeblich bei, aber die eigentlichen Wurzeln des Problems liegen woanders. Ich erinnere mich an die Gänsehaut und Glücksgefühle, als in der Nacht vom 12. auf den 13. Dezember 2002 Danuta Hübner, die jahrelang die Beitrittsverhandlungen mit Brüssel geführt hatte, in einer Pressekonferenz den Verhandlungsprozess für abgeschlossen erklärte. Das Gefühl, endlich in Europa angekommen zu sein, wurde im Juni 2003 in einem Referendum bestätigt, in dem sich fast 80 Prozent der Wähler für den EU-Beitritt Polens aussprachen. Was dabei gerne übersehen wurde: Die Wahlbeteiligung lag unter 60 Prozent. Selbst im Juni 1989 überschritt die Beteiligung beim ersten Wahlgang nur knapp die 60-Prozent-Marke und sank beim zweiten auf 25 Prozent. Die Beteiligung an den darauffolgenden Wahlen bewegte sich meistens um die 50 Prozent, und es wurde wenig getan, um die schweigende Hälfte der Gesellschaft für die Demokratie zu gewinnen.

Vieles spricht dafür, dass ein Großteil der Polen den schleichenden Staatsstreich einfach nicht wahrnahm. Was wissen denn polnische Bürger, die vor 1989 zur Schule gingen, über die Gewaltenteilung? Und kann von jemandem erwartet werden, dass er sich um abstrakte Prozesse „da oben“ kümmert, wenn die ganze Energie in das schiere Überleben fließt, ein Teil seiner Familie im Ausland arbeitet und seine Begegnungen mit dem Staat „vor Ort“ respektive mit unterbezahlten Angestellten oder Polizisten nicht sonderlich angenehm ausfallen? Zugleich sind viele Polen, die von der Gewaltenteilung doch etwas verstehen, einfach müde vom ständigen Reden über eine „Justizreform“, die sich so lange hinzog und in den regierungstreuen Medien von Lügen und Listen flankiert wurde.

In den aktuellen polnischen Debatten darüber, wie man das Leben im Lande „nach der PiS“ (eine weitere im Polnischen gängige Zeitangabe) gestalten sollte, geht es nicht nur um die nach 1989 vernachlässigte Sozialpolitik und die Bestrafung der Verfassungsbrecher. Langsam aber sicher setzen sich auch drei unbequeme Erkenntnisse über die jüngste polnische Geschichte durch: In der Verfassung von 1997 fehlen effektive Schutzmechanismen gegen Autokraten; ein Teil der Gesellschaft wünscht sich anscheinend, dass das Land mit starker Hand regiert wird, und im Feuer des Gefechts um die Marktwirtschaft wurde die politische Bildung völlig vergessen. Mit anderen Worten: Der Demokratisierungsprozess wurde noch nicht abgeschlossen.

Möge die Situation im Polen „nach der PiS“ ebenfalls die Vorlage für einen Bestseller darüber liefern: „Wie Demokratien auferstehen“.

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die SZ kontroverse Texte, die zur Diskussion anregen sollen.



Aus: "Der schleichende Staatsstreich" Kornelia Konczal (20.09.2018)
Quelle: https://www.sz-online.de/nachrichten/der-schleichende-staatsstreich-4016760.html
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[...] Als Erich Honecker 1991 in der chilenischen Botschaft in Moskau um Asyl bat, war die Überraschung groß. Warum gerade dort? Die Antwort war einfach: Clodomiro Almeyda, der damalige Botschafter Chiles in Moskau, hatte nach dem Putsch der Militärjunta unter General Pinochet am 11. September 1973 in der DDR Zuflucht gefunden. Honecker hatte damals erklärt, die DDR würde verfolgten Chilenen Asyl gewähren. Etwa 2.000 chilenische Flüchtlinge kamen in die DDR.

Allerdings war die Aufnahme der chilenischen Flüchtlinge an Bedingungen geknüpft. Das SED-Politbüro entschied am 25. September 1973, nur denjenigen Menschen Zuflucht zu gewähren, welche "Mitglieder und Anhänger der Unidad Popular", also der linken Volksfrontbewegung, waren.

Die Unterbringung und Eingliederung der Exilchilenen lief vergleichsweise unbürokratisch ab. Über den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) und das "Solidaritätskomitee der DDR" wurden Mittel bereitgestellt, um die Unterbringung, Betreuung und Einkleidung zu finanzieren. Jede Emigrantenfamilie erhielt ein Übergangsgeld von 2.500 DDR-Mark, um die Zeit zu überbrücken, bis eine Arbeitsstelle gefunden wurde.

Unter den chilenischen Emigranten waren vor allem "Angehörige der Intelligenz", stellte das Ministerium für Staatssicherheit im September 1975 fest: Studenten, Angestellte, Pädagogen, Funktionäre, Künstler. Unter ihnen war auch eine junge Studentin, die mit ihrer Mutter über Australien in die DDR geflohen war und im Jahr 2006 die Präsidentschaftswahlen im demokratischen Chile gewinnen sollte: Michelle Bachelet. Sie studierte in Leipzig und Berlin Medizin und wurde Kinderärztin. Die Zeit in der DDR hat sie rückblickend als eine "sehr glückliche" bezeichnet.

Nicht alle Exilchilenen teilen diese Einschätzung. Denn trotz guter Qualifikationen hatten nicht alle das Glück, in ihren Berufen arbeiten zu können. Viele Akademiker wurden in der Produktion eingesetzt. Und dort sorgte die Bevorzugung der Exilanten bei der Wohnungsvergabe mitunter für böses Blut, wie sich Sonia Cifuntes, einst Mitglied im Kommunistischen Jugendverband, erinnert: "Ich arbeitete am Fließband in der Endfertigung bei Pentacon. Eine Frau neben mir warf mir immer böse Blicke zu und sagte etwas zu mir, das ich nicht verstand. Später erfuhr ich, dass sie mir vorwarf, den Leuten in der DDR die Wohnungen wegzunehmen und mir riet, doch wieder nach Chile zurückzukehren."

Die Solidarität mit Chile wurde zu einem zentralen Thema der offiziellen Propaganda. Tausende Kinder und Jugendliche schickten zum Beispiel Postkarten mit dem Bild von Luis Corvalán nach Chile. Der Vorsitzende der Kommunistischen Partei war von der Militärjunta eingesperrt worden. Als Corvalán schließlich im Dezember 1976 im Austausch gegen einen sowjetischen Dissidenten freikam, wurde dies als "Sieg der Kräfte des Fortschritts" und Beispiel von "moralischer Größe" gefeiert, welche "unsere Jugend zu immer größeren Taten für Frieden und Sozialismus, für die allseitige Stärkung unserer sozialistischen DDR anspornt".

1977 wurde in der DDR ein Spielfilm über den chilenischen Volkssänger Víctor Jara gedreht, der in den ersten Tagen des Putsches von Pinochets Soldaten umgebracht worden war. Schulen trugen seinen Namen und auch der ermordete Präsident Salvador Allende prangte auf Briefmarken. Doch so viel SED-Propaganda wäre gar nicht nötig gewesen: Die allermeisten DDR-Bürger waren tatsächlich empört über den Sturz der Regierung Salvador Allendes. Etliche Schriftsteller und Künstler beschäftigten sich mit dem brutalen Militärputsch. Wolfgang Mattheuers Gemälde "Requiem Víctor Jara" stellt den Sänger mit gebrochenen Händen und brennender Gitarre dar. In Volker Stelzmanns "Stillleben Herbst 1973" ist ein an den Schrank geklebtes Allende-Foto zu sehen. Hartwig Ebersbach schuf eine Installation mit dem Titel "Widmung an Chile" und  Christoph Wetzel malte den "Toten Präsidenten" mit chilenischer Fahne auf einem von Kugeln durchsiebten Sessel.

Die in der DDR lebenden Chilenen durften eigentlich das Land verlassen und auch ins westliche Ausland reisen. Allerdings benötigten sie dafür Ausreisevisa. Und deren Vergabe war sehr restriktiv geregelt. Das Ministerium für Staatssicherheit befürchtete, die Chilenen könnten im Westen für Spionageaufgaben angeworben werden und Propagandamaterial einschmuggeln. Generell galten die chilenischen Flüchtlinge dem MfS als ein Risiko für die Sicherheit der DDR. Das Büro "Antifaschistisches Chile", welches von Chilenen geführt wurde und die Reiseanträge der Emigranten bearbeitete, war von Inoffiziellen Mitarbeitern der Staatssicherheit unterwandert. 

Die Befürchtungen der Stasi, die Emigranten könnten eine DDR-kritische Haltung einnehmen, waren durchaus begründet. Viele von ihnen stellten Ausreiseanträge und 1982 verbrannte sich ein Chilene öffentlich, weil ihm die Rückkehr ins Heimatland verweigert worden war. Viele litten, wie der Schriftsteller Carlos Cerda schrieb, am "Zusammenstoß zwischen den Idealen, den Utopien, die uns hierher ins Exil gebracht hatten, und der für uns außerordentlich spannungsreichen, konfliktgeladenen und bis zu einem gewissen Grad entfremdeten Wirklichkeit dieses Staates".

Nach dem Mauerfall 1989 kehrten viele Chilenen in ihre südamerikanische Heimat zurück. Andere wiederum hatten sich an die Beschränkungen, die Ecken und Kanten der DDR gewöhnt, eine mehr oder weniger bescheidene Karriere gemacht, Familien gegründet und in der nun untergehenden sozialistischen deutschen Republik tatsächlich eine neue Heimat gefunden. Heute leben etwa 6.700 Chilenen in der gesamten Bundesrepublik.


Aus: "Wie chilenische Flüchtlinge in der DDR lebten" Tom Fugmann (11. September 2018)
Quelle: https://www.mdr.de/zeitreise/chile-ddr-100.html
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[...] Der Filmemacher Erik Poppe hat es gewagt, den Massenmord 2011 auf der norwegischen Insel Utøya zu verfilmen. Damit die Wunde endlich heilen kann, sagt er. Am 22. Juli 2011 zündete der norwegische Rechtsextreme Anders Breivik in Oslo eine Bombe, durch die acht Menschen starben. Wenig später tötete er auf der nahegelegenen Insel Utøya weitere 69 Menschen, 33 verletzte er. Die meisten von ihnen nahmen an einem Ferienlager der Jugendorganisation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei teil. Der Täter kam gegen 17 Uhr als Polizist verkleidet auf die Insel. Um 18.27 Uhr wurde er von einem Sondereinsatzkommando festgenommen. Genau so lange wie das Massaker dauert auch der Spielfilm "Utøya 22. Juli", den der norwegische Filmemacher Erik Poppe nun aus dem Attentat gemacht hat.

ZEIT ONLINE: Herr Poppe, welchen Stellenwert haben die Ereignisse vom 22. Juli 2011 heute in der norwegischen Gesellschaft?

Erik Poppe: Norwegen hatte sich zunächst mit dem Täter beschäftigt und ihn vor Gericht gebracht. Dann gab es lange Diskussionen, wie man die Innenstadt von Oslo nach der Bombenexplosion wieder aufbauen und wo die Gedenkstätte hin soll für all die jungen Menschen, die auf Utøya umgebracht wurden. Und schließlich hat sich natürlich Anders Breivik, der Terrorist, permanent neue Sachen einfallen lassen, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Wir werden im öffentlichen Diskurs immer wieder an die Ereignisse vom 22. Juli erinnert. Sie sind nach wie vor eine große, offene Wunde.

ZEIT ONLINE: Warum haben Sie für Ihren Film so eine ungewöhnliche Form gewählt: 72 ungeschnittene Filmminuten allein aus der Perspektive der Opfer?

Poppe: Als ich mein Filmvorhaben der Opfer-Organisation vorstellte, kam eine Mutter zu mir und sagte: "Wenn Sie an irgendeinem Punkt diese Geschichte sentimentalisieren und einen Unterhaltungsfilm über den Tod meiner Tochter machen, werde ich Ihnen das nie verzeihen." Mir war klar, dass wir den Film so wahrhaftig wie möglich gestalten mussten. Deshalb wurden die Überlebenden als Berater für das Skript, während der Proben und des Drehs eng eingebunden. Viele der Überlebenden erzählten immer wieder, dass sich diese 72 Minuten des Angriffs wie eine Ewigkeit angefühlt haben. Deshalb war es für mich wichtig, dass die Zeit eine eigene Figur im Film wird. Es ging nicht darum zu zeigen, was für tolle Filmemacher wir sind. Es ist gar nicht so schwer einen Film in einem Take zu drehen. Aber wir wollten das Publikum so nah wie möglich an die Situation und die Gefühle derer heranführen, die diese schrecklichen Ereignisse durchleben mussten. Deshalb gibt es keinen Schnitt und keine Musik.

ZEIT ONLINE: Was heißt diese gestalterische Prämisse für die Gewaltdarstellung im Film?

Poppe: Wir haben mehr als vierzig Überlebende jeweils ein bis zwei Tage lang interviewt. Viele dieser Gespräche waren, was die Gewalt angeht, sehr explizit. Aber mir ging es nicht um eine möglichst drastische, sondern um die wahrhaftigste Version der Ereignisse. Wir wollten ja keinen Horrorfilm drehen. Viele denken, dass die Gewalt im Mittelpunkt des Filmes steht. Aber im Grunde sieht man auf der Leinwand keine direkte Gewalt. Die Gewalt spielt sich eigentlich allein auf der Tonspur ab in Form von den Schüssen, die die Jugendlichen hören. Mir war es wichtig, dass der Film für Zuschauer zugänglich bleibt, die keine Gewalt sehen möchten. Natürlich ist es dennoch emotional schwer sich das Ganze anzuschauen. Aber es ist eben auch ein Akt der Loyalität zu den Menschen, die diesen schrecklichen Erlebnissen ausgesetzt waren.

ZEIT ONLINE: Warum kommt der Täter nur einmal kurz und schemenhaft ins Bild?

Poppe: Ich habe keine feste Regel aufgestellt, dass der Täter nicht gezeigt werden darf. Das hat sich direkt aus der Erzählperspektive ergeben. Ich wollte nur so viel von ihm zeigen, wie die meisten Jugendlichen auf der Insel von ihm gesehen haben. Ein klassisches Film-Setup würde wahrscheinlich zwischen den Jugendlichen und dem Täter hin und her schneiden. Aber ich wollte mit diesem Film hundertprozentig auf der Seite der Opfer bleiben. Also habe ich alles nur so gezeigt, wie sie es erlebt haben.

ZEIT ONLINE: Ist das auch ein Statement gegen die Berichterstattung, die sich mehr für die Täter als die Opfer zu interessieren scheint?

Poppe: In der medialen Wahrnehmung solcher Ereignissen geht es ja eher um unsere eigene Beziehung zur Gefahr. Wir interessieren uns für das Böse und die dunklen Mächte. Natürlich ist eine Auseinandersetzung mit dem Täter und seinen Motiven wichtig. Wir müssen herausfinden, was ihn antreibt, um zu verhindern, dass so etwas noch einmal geschieht. Aber trotzdem stellt sich die Frage: Warum lernen wir den Täter, aber nie die Opfer kennen?

ZEIT ONLINE: Anders Breivik hat die mediale Aufmerksamkeit ja auch gezielt genutzt, um sein rechtsextremes Gedankengut zu verbreiten ...

Poppe: Ja und ich stimme den Leuten zu, die sagen, dass man diesem Mann nicht noch mehr öffentliche Aufmerksamkeit zukommen lassen sollte. Aber Fakt ist: Jedes Mal, wenn wir über den 22. Juli sprechen, bekommt er genau diese Aufmerksamkeit. Dieses Dilemma müssen wir akzeptieren. Denn wenn wir über die Ereignisse nicht reden, haben wir schon verloren. Unsere Gesellschaft muss durch diesen Heilungsprozess gehen.

ZEIT ONLINE: Welche politischen Konsequenzen hatten diese Anschläge in Norwegen?

Poppe: Die Anschläge waren nicht das Werk eines Verrückten, sondern ein politisch motivierter Terrorakt. Doch der rechtsextreme Hintergrund Breiviks wurde kaum diskutiert. In den Tagen nach dem 22. Juli sind im kleinen Norwegen eine halbe Millionen Menschen aus allen politischen Richtungen auf die Straße gegangen. Daraus ist jedoch keine wirksame Bewegung gegen den erstarkenden Rechtsextremismus entstanden. Der damalige Ministerpräsident Jens Stoltenberg hat gesagt, dass wir auf die Anschläge nicht mit Angst reagieren, sondern eine noch offenere Gesellschaft erschaffen werden. Aber genau das ist nicht geschehen. In Norwegen herrscht heute genau das gleiche kalte, politisch-rhetorische Klima wie im restlichen Europa.

ZEIT ONLINE: Wie stark sind rechtsextreme Parteien und Gruppierungen heute in Norwegen?

Poppe: In ganz Skandinavien lässt sich ein Aufstieg von rechtsextremen Bewegungen beobachten: Das reicht von militanten und kriminellen Gruppen, die immer stärker und professioneller agieren, bis hin zu populistischen Parteien. Wir haben in Norwegen eine konservative Regierungskoalition, an der auch die rechtspopulistische Fortschrittspartei beteiligt ist. Sie versuchen sich moderater zu geben, propagieren aber ein zynisches Programm, das selbst für die Konservativen inakzeptabel ist. Dennoch ist es besser sie im Parlament zu haben und zu zeigen, wie schwach ihre politischen Positionen sind, als sie auszugrenzen. Ausgrenzung führt nur dazu, dass sie noch stärker und gewalttätiger werden. Das hat der Fall Breivik ja deutlich gezeigt. Wir müssen dem Rechtsextremismus mit Argumenten begegnen und ihn in politischen Debatten offen bekämpfen.

ZEIT ONLINE: Sie haben früher als Fotojournalist gearbeitet. Was kann das Kino, was der Journalismus nicht kann?

Poppe: In einem Kinofilm kann man mit Emotionen anders arbeiten als in einer Nachrichtensendung. Man kann die Zuschauer leichter dazu bringen, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Allerdings arbeiten die journalistischen Medien heute auch immer mehr mit den Mitteln des Entertainments. Die Art, wie eine Story strukturiert wird, folgt zunehmend Richtlinien, nach denen auch ein Drama erzählt würde. Das ist eine sehr problematische Entwicklung, weil es zunehmend mehr um Narrative als um die eigentlichen Fakten geht.



Aus: ""Utøya 22. Juli": "Alles so, wie sie es erlebt haben"" Interview: Martin Schwickert  (19. September 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/film/2018-09/utoya-22-juli-norwegen-erik-poppe-kino-film

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HUMAN0ID #2

Das sind Erlebnisse, die Überlebende nie wieder aus dem Kopf bekommt.
Nicht mit Traumatherapie, EMDR, Hypnose, Meridian Tapping... es bleibt.
Es lässt sich triggern, es gibt Flashbacks.. Ein Film heilt (löscht) NICHTS.


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Kecke Krokette #5

Eine unfassbare Tat. Unmenschlich. Allerdings habe ich kein Bedürfnis einen Kinofilm mit Popcorn und Cola darüber anzusehen. Vorher in der Werbung wird der nächste Superhelden Blockbuster angekündigt. Nein danke. Im Übrigen auch keinen über Bataclan in Paris oder den Berliner Weihnachtsmarkt.

Als Angehöriger höchstwahrscheinlich noch weniger.
Nur meine persönliche Meinung.


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IT-Guy-Admini #5.1

Unterschreibe ich so.
Der Täter ist evtl. sogar stolz darauf...


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simie #7

Diese generelle Kunstfeindschaft, die in den bisherigen Kommentaren zum Ausdruck kommt, ist schon irritierend.
Es wurde noch jedes wichtige Ereignis in der Kunst verarbeitet. Und das ist auch völlig legitim, ja sogar notwendig.
Neben der soziologischen und historischen Aufarbeitung benötigt man auch eine künstlerische. Manchmal ist die künstlerische in ihren Auswirkungen sogar spürbarer als die wissenschaftliche Aufarbeitung.
Daher ist jede Diskussion, ob jetzt ein einzelnes Werk einem Ereignis angemessen ist, höchstwillkommen, eine generelle Ablehnung, wie hier in einigen Kommentaren zu spüren jedoch schon irritierend.


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Emil Galotti #8

Welche Themen dürfen verfilmt werden und welche nicht? Darf es Tabus geben, und wenn ja welche?
Man ist immer ein wenig hin und her gerissen, bei diesem Thema. Springt der Regisseur nur auf einen fahrenden Zug auf und bereichert er sich am Unglück anderer?
Nein, ich denke, es sollte keine Tabus geben,die Freiheit auch mit bedenklichen Themen umzugehen, sollte in deiner gestandenen Gesellschaft möglich sein, auch kritische Inhalte müssen angepackt werden.

Der Zuschauer können dann selber entscheiden, ob bestimmter Content für sie erträglich sind oder nicht.
Fallen die Kritiken negativ aus, verschwindet der Film sowieso in der Versenkung, gerade auch in dieser schnelllebigen Zeit.
Andererseits kann er aber auch späteren Generationen als historisches Dokument dienen, wenn der Schrecken der Tat schon längst in der Vergangenheit verblasst ist.
So wie wir heute einen Spielfilm über den Holocaust oder über die Sklaverei in Amerika sehen und beurteilen, werden unserer Urenkel auch über diesen Film reden,wenn er denn in Erinnerung aufgrund seiner Güte bleibt!


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altautonomer, 17. September 2018 — 18:10

[...] 3.500 behelmte Bürger in Uniform verdienen gegenwärtig ihr Geld für sich und ihre Familien damit, im Interesse des Energiegiganten RWE den Klimawandel zu beschleunigen.

Und es gibt auch Veranwortliche mit Namen und Gesichtern. Im Aufsichtsrat der RWE sitzen überwiegend Betriebsratsvorsitzende, außerdem Frank Bsirske, Grüner verdi-Chef und Ulrich Sierau (SPD), OB von Dortmund. Aufsichtsratsvorsitzender ist Dr. Werner Brandt von der ProSieben/Sat1 Medea SE.

https://www.group.rwe/der-konzern/organisationsstruktur/rwe-ag/aufsichtsrat

Es gibt daneben auch einen Beirat der RWE. Beirat
Über den Beirat werden Kommunalpolitiker in die Geschäftspolitik der RWE eingebunden. Die offizielle Aufgabe ist die Beratung der RWE in Fragen der Unternehmens- und Energiepolitik mit regionalem Bezug. Der aus vier Regionalbeiräten bestehende Beirat hat 110 Mitglieder. Über die Beiratsvergütung werden folgende Angaben gemacht: Grundvergütung 3.000 Euro pro Jahr, Sitzungsgeld 1.000 Euro pro Sitzung, Auslagenersatzpauschale 100 Euro pro Sitzung. Pro Jahr finden insgesamt vier Sitzungen statt. Die Bürgermeisterin meiner Stadt ist dort auch Mitglied.

Hier die aktuelle (̶v̶̶e̶̶r̶̶b̶̶r̶̶e̶̶c̶̶h̶̶e̶̶r̶-)Mitgliederliste:
https://www.rwe.com/web/cms/mediablob/de/3279458/data/431194/5/rwe/ueber-rwe/kommunen/beirat-des-rwe-konzerns/struktur-und-funktion/Mitgliederliste.pdf

Es waren neben der Politik seinerzeit hauptsächlich auch Betriebsräte und Gewerkschaftsfunktionäre, die den Ausstieg aus der Atomstromproduktion behinderten und verzögerten.

Für mich sind das alles tumbe Totengräber der Zukunft.

Emotionale und berührende Rede einer Aktivistin:
https://www.youtube.com/watch?v=1R7XAl3wasw


Ein Kommentar zu: "„Verwaldung und Entwaldung“" (2018)
Quelle: https://klausbaum.wordpress.com/2018/09/16/verwaldung-und-entwaldung/

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[...] Die bedeutendsten Forschungsprojekte zur Frage, was Menschen radikalisiert, zeigen, dass Menschen meist aus kultureller Verunsicherung, und nicht aus finanzieller Not heraus, zu Extrempositionen und Gewalt neigen.

Alle Klagen, die liberale Ordnung liege im Sterben, haben sicherlich einen wahren Kern. Immer mehr Menschen fühlen sich in der Realität nicht mehr zu Hause. Dieses Unbehagen drückt sich aus in der Wahl von Parteien, die einfache und «klare» Antworten auf hochkomplexe Fragen zu Wirtschaft, Immigration und Klimaveränderung haben, und von Politikern, die in «bodenständiger» Sprache («Die Mexikaner stehlen eure Jobs!») sprechen und nicht den Jargon von linksliberalen Intellektuellen pflegen.

Einer der wichtigsten zeitgenössischen Politikwissenschafter, Francis Fukuyama, ist seit Jahren sehr über die Erosion liberal-demokratischer Institutionen besorgt – auch wenn er vor fast dreissig Jahren Hegels Terminus vom «Ende der Geschichte» neu geprägt hat. Fukuyama glaubte nicht, dass keine geschichtlichen Ereignisse mehr stattfinden würden, sondern, dass ein System aus liberaler Demokratie und Marktwirtschaft nicht mehr von einer attraktiven Alternative überholt werden könne. Fukuyama hat bei vielen Gelegenheiten betont, er denke nicht, dass jemand in Russlands autokratischem Regime oder in Chinas Einparteisystem eine ernsthafte Alternative zur liberalen Demokratie sehen könne. Dies heisst nicht, dass liberale Demokratien nicht zusammenbrechen können, sondern, dass die liberale Demokratie als Ideal keine wirkliche Konkurrenz hat.

In seinem neuesten, eben erschienenen Buch «Identity: the Demand for Dignity and the Politics of Resentment», zusammengefasst in Fukuyamas Aufsatz «Die Gefahr der Identitätspolitik», argumentiert er, die ständige Beschäftigung der Linken mit immer kleineren Gruppen wie Transgendern oder Transsexuellen und das Verbot, nichtwestliche Kulturen zu kritisieren – die sogenannte politische Korrektheit –, hätten der demokratischen Kultur sehr geschadet. Der vielleicht wichtigste Schaden sei, dass die politische Rechte sich die «Tricks» der politisch korrekten Linken angeeignet habe und jetzt behaupte, auch die christliche Rechte habe das Recht, dass ihre Glaubenssätze nicht kritisiert würden.

Damit deutet Fukuyama auf eine permanente Schwäche der politischen Linken hin, die sich in ihrer gesamteuropäischen Schwächung ausdrückt. Immer wieder behaupten Sozialdemokraten, Radikalisierung – ob rechtsextrem oder islamistisch – sei allein auf mangelnde sozioökonomische Integration zurückzuführen. Doch die bedeutendsten Forschungen zur Frage, was Menschen radikalisiert, zeigen, dass Menschen meist aus kultureller Verunsicherung, und nicht aus finanzieller Not heraus, zu Extrempositionen und Gewalt neigen.

Fukuyamas neues Buch verbindet das mit Hegels Begriff des Bedürfnisses nach Anerkennung. Wie viel jemand in absoluten Zahlen verdient, sei für das Selbstbewusstsein weniger wichtig als der Vergleich mit dem Einkommen der anderen. Das Gefühl, die eigene Religion sei in der Mehrheitsbevölkerung nicht respektiert, habe auf das Selbstwertgefühl grösseren Einfluss als die Chancen auf wirtschaftlichen Erfolg.

Fukuyama behauptet seit dreissig Jahren, die liberale Demokratie biete die meisten Möglichkeiten zur Sicherung des Selbstwertgefühls, von Politik über Geschäftsleben bis Sport und Showbusiness. Aber derzeit scheint dies nicht zu reichen: Allzu viele Menschen, von der weissen Unterschicht in den USA bis zu Muslimen in Frankreich, fühlen sich «unsichtbar». Ihre wirtschaftlichen Nöte wahrzunehmen, ist wichtig, aber solange wir keine Wege finden, ihre Erfahrung mangelnden Respekts innerhalb eines liberal-demokratischen Systems zu mindern, müssen wir weiterhin mit Radikalisierungen von Weissen in den USA, Frankreich oder Italien, aber auch in islamischen Kreisen rechnen.



Aus: "Kolumne: Wenn Politik nur noch Identitätskampf ist" Carlo Strenger (20.9.2018)
Quelle: https://www.nzz.ch/meinung/kolumnen/wenn-politik-nur-noch-identitaetskampf-ist-ld.1421498

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Laura Benedetti

... Die Linken haben in Europa den Fehler gemacht, zur Verschlechterung der Lebensbedingungen ihrer traditionellen Wähler beizutragen (z. B. Agenda 2010 und ungehemmte Immigration plus einhergehende Verknappung des Zugangs zu Bildung, Arbeit, Wohnraum und Wohlfahrt).
Die Linken haben dazu noch in Europa ihre eigene "kulturell gleichförmige Blase" selbst viel zu klein gemacht, so dass fast keiner darin noch Platz findet. Übertrieben formuliert, kann man kein Linker sein, wenn man nicht eine atheistische, vegane Lesbe ist, nicht mindestens drei Kindern von drei verschiedenen Vätern (darunter mindestens ein Asylant) hat und nicht als geisteswissenschaftliche Akademikerin verbeamtet ist und nicht in einem Minergiehaus wohnt.
In einem Punkt irrt Fukuyama. Die liberale Demokratie funktioniert bestens. Die Menschen der Unterschicht können sich auch dank der liberalen Demokratie sichtbar machen, auf der Strasse in Demonstrationszügen. Und sie machen sich sichtbar, als Verschiebungen in den Wähleranteilen der Parteien. Und nicht zuletzt machen sie sich sichtbar in der Entstehung und dem Aufblühen neuer Parteien oder in komplett überraschenden Präsidentschaftswahlen. Das sind Zeichen einer funktionierenden, liberalen Demokratie.


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[...] Die Behörden wollen das übergroße Wandbild für den vor eineinhalb Wochen am Tempelhofer Feld erschossenen Nidal R. überstreichen lassen. Doch wann dies geschieht, ist noch nicht klar. Das bestätigte die Senatsverkehrsverwaltung am Mittwoch. Nidal R., Intensivtäter, Spross eines deutsch-arabischen Clans und Dauergast im Strafvollzug, war am Sonntagabend vor eineinhalb Wochen am Ostrand des Tempelhofer Feldes niedergeschossen worden. Am Donnerstag vergangener Woche wurde er beigesetzt – 2000 Gäste kamen, darunter die Oberhäupter einschlägiger Clans.

Am Sonntagabend brachten laut Augenzeugen professionelle Sprayer nach Bildvorlage ein Wandbild an die Rückseite eines Imbiss-Gebäudes an – abgeschirmt von mehreren bulligen Männern. Nun prangt dort ein Porträt von Nidal R. mit Palästinenser-Schal – wie ein Heldenbild für getötete islamistische Kämpfer in Nahost. Rund um Tatort und Wandbild sitzen seit Tagen Grüppchen von jungen Männern. Viele in Jogginghosen, sie feixen und lachen. Immer wieder schauen sie sich aber auch nervös um – fast so, als bewachten sie den Tatort. Der aufgesprühte Spruch „Bitte nicht übermalen“ ist inzwischen wieder entfernt.

... die Polizei aber [hat]  damit zu tun, die Täter zu finden, die Nidal R. an einem Eisstand vor den Augen von Kindern und Familien niedergeschossen haben. Es gibt mehrere Spuren, der Fluchtwagen wurde gefunden. Zudem kursieren Namen von Mitgliedern eines Clans. Es könnte sich bei der Tat, so heißt es, auch um einen Racheakt aus verletztem Ehrgefühl handeln.


Aus: "Wandbild von Nidal R. wird entfernt"  Alexander Fröhlich, Judith Langowski, Hannes Soltau (20.09.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/nach-mord-am-tempelhofer-feld-wandbild-von-nidal-r-wird-entfernt/23087714.html

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NeuBolle 19.09.2018, 20:42 Uhr
Warum denn entfernen? Für viele Mitbürger war Nidal R. offenbar ein Rollenvorbild, jemand, mit dem sich nicht wenige junge Berliner augenscheinlich identifizieren können.


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[...] Die „Generation Mitte“ fürchtet nicht um ihre Arbeit oder ihren sozialen Status. Was die meisten bekümmert, ist stattdessen der schwindende Zusammenhalt zwischen den Menschen. Materialistischer, egoistischer, intoleranter – so nehmen die Leistungsträger die deutsche Gesellschaft wahr. Das geht zumindest aus einer Umfrage des Allensbach-Instituts hervor. Auftraggeber ist der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

Einer Mehrheit der 30- bis 59-Jährigen geht es demnach besser als vor fünf Jahren. Nur noch 27 Prozent haben jedoch Vertrauen in die politische Stabilität des Landes. 2015 behauptete dies noch knapp jeder Zweite. Woran das liegt, lässt sich aus der Umfrage nicht ablesen. Ursachen wurden nicht erfragt; 2017 und 2016 fehlte die Frage. „Die Stimmung ist trotz der brummenden Wirtschaft nicht gut“, sagte Verbandspräsident Wolfgang Weiler. Damit sei eine Jahrzehnte alte Regel außer Kraft gesetzt.

Die mittlere Generation hat laut der Umfrage ein anderes Verhältnis zu Geld als ihre Eltern. „Sparsam leben ist kein Lebensziel mehr“, sagte Köcher. Obwohl sich die meisten wünschten, finanziell unabhängig und abgesichert zu sein, halte nur jeder Siebte Sparsamkeit für wichtig – aus Sicht der Versicherer ein „alarmierendes“ Ergebnis, denn sie leben von der privaten Vorsorge. Nur ein Drittel der Befragten sei zudem überzeugt, in einer glücklichen Zeit zu leben. 42 Prozent hielten die Zeiten für ausgesprochen schwierig.

Im Kontrast dazu steht die Einschätzung der „Generation Mitte“ bezüglich ihrer ganz persönlichen Situation: 42 Prozent der Befragten empfinden sich über die vergangenen Jahre hinweg betrachtet als Wohlstandsgewinner, nur 18 Prozent beklagen eine Verschlechterung. Sie gehören zumeist zu den unteren sozialen Schichten. Nur elf Prozent sehen die Gefahr eines sozialen Abstiegs (2016: 15 Prozent). So wenige wie nie fürchten um ihren Job. Wobei unter den Einkommensschwachen 25 Prozent darum bangen.

Im Vergleich mit ihren Eltern im gleichen Alter sehen die 30- bis 59-Jährigen für sich die größeren finanziellen Möglichkeiten und persönlichen Entfaltungsspielräume. Sie können sich mehr leisten, leichter in den Urlaub fahren, freier entscheiden, wo sie leben wollen. Allerdings empfinden sie ihr Leben auch als fordernder und anstrengender als das ihrer Mütter und Väter. So finden 61 Prozent, dass ihre Eltern weniger Stress und Hektik hatten, 45 Prozent, dass es damals mehr Planungssicherheit gab.

Im Ranking der wichtigen Dinge im Leben stehen mit 90 Prozent Gesundheit, eine stabile Partnerschaft und finanzielle Unabhängigkeit (83 und 82 Prozent) ganz oben. Auf den letzten Plätzen stehen Religion (16 Prozent) – und Sparsamkeit (14 Prozent). 60 Prozent finden, dass sie als Eltern heute mehr gefordert sind als ihre Mütter und Väter; 42 Prozent, dass die Erziehung der Kinder durch das Internet heute schwieriger geworden ist. 57 Prozent glauben zudem, dass das Internet die Kinder und Jugendlichen heutzutage am meisten beeinflusst, nur neun Prozent glauben noch an eine Prägung durch Lehrer. Bis vor wenigen Jahren sei in diesem Ranking auch nach dem Einfluss der Kirchen gefragt worden, sagte Köcher. Das lohne sich aber nicht mehr und sei deshalb herausgenommen worden.

Für die Umfrage „#GenerationMitte“ waren im Auftrag der deutschen Versicherer mehr als tausend Männer und Frauen interviewt worden. Die Studie wird seit 2013 jährlich durchführt. Die Befragten stehen für 35 Millionen Menschen, die wiederum 70 Prozent der Erwerbstätigen ausmachen.


Aus: "Die "Generation Mitte" verliert das Vertrauen in die Politik" Marie Rövekamp (19.09.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/umfrage-der-deutschen-versicherer-die-generation-mitte-verliert-das-vertrauen-in-die-politik/23086618.html

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kurzundknapp 08:24 Uhr

    Im Ranking der wichtigen Dinge im Leben stehen mit 90 Prozent Gesundheit

da wundert es doch, dass die pflanzenspritzgifte immer noch erlaubt sind. es ist aber auch ein zeichen, dass die Politiker über ihre wähler hinwegregieren.
noch mehr wundert es aber, dass die wähler die "hinwegregierer" immer wieder wählen.


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riegel 19.09.2018, 20:19 Uhr

    Was die meisten bekümmert, ist stattdessen der schwindende Zusammenhalt zwischen den Menschen. Materialistischer, egoistischer, intoleranter –
    so nehmen die Leistungsträger die deutsche Gesellschaft wahr.


Wer ist denn die deutsche Gesellschaft?
Eine anonyme Masse oder auch die Befragten selber?
Zuammengefasst: Wir leben heute und jetzt. Wir sind mobil! Die Gesellschaft ist egoistisch!
Irgendwann wird der Staat sich schon um uns kümmern -sparen brauchen wir nicht. Einfach konsequent Wahrnehmungen umgesetzt. Ein tieferer ZUammenhalt der Gemeinscahft oder Menschheit - Fehlanzeige ergo : ein wir auch immer "religiöser" Kontext ist nicht notwendig - weder atheistisch noch theistisch -
Glaubenssatz: Die Gesellschaft ist:. Materialistischer, egoistischer, intoleranter – also eine Projektion des eignen Lebensstiles?


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[...] Sie, die gute Freundin Höckes, ist zum Gesicht für den AfD-Erfolg in Bayern geworden. Bei diesem Erfolg spielt Protest eine Rolle, Unzufriedenheit, aber eben auch die Person Katrin Ebner-Steiner selbst. Wenn die blonde, blauäugige AfD-Politikerin im Dirndl am Rednerpult steht und mit niederbayerischem Dialekt Sätze ruft wie „Die AfD ist die Strafe Gottes für die CSU“, dann tobt das Parteivolk. Und so mancher CSUler dürfte zustimmen. ...

...  Das Folkloristische, die Leidenschaft für die Familie, die regelmäßigen Kirchenbesuche – an Ebner-Steiner spricht eigentlich alles für die CSU. Doch Ebner-Steiner sagt: „Ich verkörpere das Wahlprogramm der AfD.“ Sie ist eine, die in einer Videobotschaft am Muttertag selig lächelnd davon spricht, wie schön es ist, wenn die Kinder abends im Bett liegen „und schlafen wie die kleinen Engelchen“. Und die dann auf Parteiveranstaltungen wettert, der Islam strebe „nach der Weltherrschaft“, Deutschland sei der „Anker für diesen Eroberungszug“. Die von der Kanzlerin als „Deutschlandabschafferin“ spricht und von „täglichen Vergewaltigungen, Messerstechereien und Morden“. Davon, dass sie nachts manchmal nicht schlafen könne aus Angst um ihre vier Kinder.

Ebner-Steiner ist keine besonders begabte Rednerin, aber sie weiß, was die Partei hören will. Sie verbindet Mutterglück mit Islamhass, Bodenständigkeit mit einer Prise Verschwörungstheorie – und das kommt in der AfD ziemlich gut an.

Am Donnerstagvormittag vor zwei Wochen steht Ebner-Steiner wie jeden Donnerstag und Samstag auf dem Deggendorfer Marktplatz. Der Stand ist groß, an den Seitenwänden steht „Festung Europa“ und „Unser Geld für unsere Leut“. Drei Parteikollegen unterstützen sie, Rentner mit viel Zeit. Einer sagt: „Die Katrin reibt sich für die Partei auf.“

... Ebner-Steiner selbst glaubt, dass sich ihr Erfolg in der Bürgernähe begründet, sich die Infostände auszahlen. ... Wie ist Ebner-Steiner von der naturschutzliebenden Mountainbikerin zur harten AfD-Vorzeigefrau geworden? Begonnen hat wohl alles vor 13 Jahren, als sich Ebner-Steiner gerade von ihrem ersten Mann getrennt hatte. Da wohnte sie eine Weile über einer türkischen Familie in einem Mehrfamilienhaus. „Katastrophal“, sagt Ebner-Steiner. „Ständig die Familienbesuche, dann der Knoblauchgeruch im ganzen Haus und die Zigarettenqualmerei.“ Ebner-Steiner verdreht die Augen. „Das war meine erste negative Erfahrung. Vorher hab ich ja in Wolkenkuckucksheim gewohnt.“

... Die Politik, sagt Ebner-Steiner, habe sie verändert, konsequenter gemacht, härter. ... Einerseits sagt sie Sätze wie „Emanzipation hat uns ja nicht viel gebracht“ – weil sich Frauen zusätzlich zum Arbeiten immer noch um Haushalt und Kinderbetreuung kümmern müssten. Andererseits macht sie ja in der AfD Karriere.

Sie erzählt, wie sie in einer Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Passau Tränen in den Augen hatte, als sie die Frauen und Kinder dort sah. Da habe sie an die Reden gedacht, die sie gehalten habe, und sich ein wenig schlecht gefühlt. Dann sagt sie: „Aber man muss das große Ganze sehen, auch wenn einem der Einzelne leidtut.“

Ebner-Steiner fordert eine Ausgangssperre für Flüchtlinge nach Einbruch der Dunkelheit, geschlossene Grenzen und konsequente Abschiebungen. Kurz vor Weihnachten vergangenen Jahres protestierten 175 Flüchtlinge aus Sierra Leone im Schnee gegen die Umstände ihrer Unterbringung im Deggendorfer Flüchtlingsheim. „Wir sind Flüchtlinge, nicht Feinde“, stand auf einem ihrer Plakate.

... Der Stammtisch findet in einem Wirtshaus im Grünen statt, zehn Autominuten von Deggendorf entfernt. In einem kleinen Raum, getäfelt in hellem Holz und mit einem Kruzifix in der Ecke, sitzen schon etwa 20 Mitglieder und warten.

...  Dann stellt sich Dieter Will in die Mitte des Raumes, ein gebrechlich wirkender älterer Mann im khakifarbenen Rollkragenpulli. Seine angebliche Islamexpertise zieht er aus zwölf verschiedenen Koranen, die er zu Hause hat, alles unterschiedliche Übersetzungen. Der Titel seines Vortrages ist: „Sind wir Deutschen verrückt geworden?“ Vor 2015 hätten die Deutschen „ein relativ schönes Leben“ gehabt. Aber die Muslime hätten in Deutschland alles Mögliche eingeschleppt: Vielehe, Kinderehe, Zwangsehe. Er spricht von lügenden, von gewalttätigen Muslimen. Eine blonde Frau meldet sich: „Sie sind so kompetent, Sie müssten Hallen füllen!“

Dann kommt Will zum ganz düsteren Teil seines Vortrages. Demnächst hätten die Muslime die Mehrheit in Deutschland, bereits in fünf Jahren würden wir unser Land „nicht mehr wiedererkennen“. Da wird es unruhig unter den Zuhörenden. Einer ruft: „Die Umvolkung ist nicht mehr zu stoppen!“ Die blonde Frau sagt: „Wir sind verloren.“ Und ein anderer brummelt: „Es ist alles zu spät.“ Ebner-Steiner, die am Rand sitzt und bislang sehr still war, ruft: „Immer einer nach dem andern, sonst hört man nix!“

Als der Stammtisch vorbei ist und die Sonne untergegangen, fährt Ebner-Steiner zurück nach Deggendorf. Sie ist jetzt sehr müde. Im Auto sagt sie kurz vorm Abschied, manchmal zögen sie die vielen negativen Themen runter, die in der AfD diskutiert würden. Sie würde sich wünschen, dass die Partei mehr positive Botschaften setze. Manche in der Partei schlagen ihr vielleicht auch wegen dieser Haltung vor, sie solle doch lieber in die CSU wechseln. „Politik ist immer gefährlich“, sagt Ebner-Steiner. Da hat man keine Freunde.


Aus: "Katrin Ebner-Steiner: Populistin im Dirndl" Maria Fiedler (20.09.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/katrin-ebner-steiner-populistin-im-dirndl/23082642-all.html
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