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[...] Die Zeiten, in denen China massenhaft Waffen aus dem Ausland importieren musste, sind längst vorbei. So fielen die Importe im Rüstungssektor zuletzt um 50 Prozent, während die Exporte um 208 Prozent zulegten. Schon jetzt ist China hinter den USA der zweitgrößte Waffenproduzent der Welt.

Doch Chinas militärische Stärke ist nicht nur als Wirtschaftsfaktor von Bedeutung: Da die Volksrepublik in den Territorialkonflikten mit Japan, den Philippinen und Vietnam um den Besitz von Inseln im Ost- und Südchinesischen Meer immer robuster auftritt, ist in Chinas Nachbarländern ein regelrechter Aufrüstungsdruck entstanden.

Trotz drei Jahren intensiver Recherchen stellt der neue Sipri-Bericht zu China nur einen ersten Schritt dar. Sektoren wie die Marine, Quantenrechner oder Cyberaufrüstung sind nach wie vor unerforscht. Doch angesichts der globalen Kräfteverschiebung von West nach Ost sorgt die Analyse für dringend notwendige Transparenz. Blenckner formuliert es so: „In einer Welt, die zunehmend geleitet wird von emotionaler Rhetorik und wilden Drohgebärden, wollen wir mit unseren China-Untersuchungen belastbare Fakten liefern.“ So beunruhigend diese Fakten auch sein mögen.

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Aus: "Auf dem Weg zur Nummer 1" Michael Radunski (27. 1. 2020)
Quelle: https://taz.de/Waffenindustrie-in-China/!5656582/

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Pfanni

Bleibt die Frage, wie in China eine Friedensbewegung zu organisieren, die sich nicht mehr totschweigen lässt. ...


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[...]  Bei Rammstein ist er der "Tastenficker" – DDR-Jargon für Keyboardspieler. Eigentlich heißt er Christian Lorenz, nennt sich aber seit Jugendtagen "Flake", deutsch ausgesprochen, versteht sich. Seit einem Vierteljahrhundert gibt der gebürtige Ostberliner in der Deutschrockband den Außerirdischen, den dünnen Freak unter den starken Muskelmännern. Mittlerweile haut Flake auch als Autor in die Tasten: In "An was ich mich so erinnern kann" (2015) schrieb er seine DDR-Erfahrungen auf, 2017 folgte mit "Heute hat die Welt Geburtstag" eine literarische Autobiografie über Rammstein. Am 26. 3. kommt Flake für eine Lesung ins Wiener Globe-Theater.

Interview: Stefan Weiss (26. Jänner 2020)

STANDARD: Derzeit feiert man 30 Jahre Wende. Ihre Freude hält sich in Grenzen, wie man weiß. Wie nehmen Sie das Jubiläum wahr?

Flake: Wende und Wiedervereinigung muss man trennen. Die Wende habe ich als damaliger Punk miterlebt. Das verknöcherte alte Betonkopfgerüst des DDR-Politbüros war ja auch unser Feind. Wir wollten dieses idiotische Regime nicht mehr und haben dafür gekämpft, dass es aufgelockert wird. Als die Mauer fiel, wussten wir mit unserer plötzlich erlangten Freiheit zunächst überhaupt nichts anzufangen. Dann begann aber eine irre spannende Zeit, in der wir versucht haben, uns beruflich, politisch und musikalisch in jeder Richtung zu verwirklichen.

STANDARD: Und dann kam die Wiedervereinigung.

Flake: Ab da ging ganz viel schief. Wir wurden als unnützes Land angegliedert, ganze Biografien für wertlos erklärt, Firmen geschlossen, damit sich die Westfirmen breitmachen konnten. Wir sind so sehr zurückgesetzt worden, dass sich ein Groll und eine Enttäuschung aufgebaut haben, die bis jetzt anhalten. Im Großen und Ganzen war die Wiedervereinigung in dieser Form eine Sauerei.

STANDARD: Wenn Sie heute auf Deutschlands Osten blicken, hat dort politisch zuletzt der Rechtspopulismus großen Erfolg gehabt. Ein Erbe der Wiedervereinigung?

Flake: Viele Menschen sind enttäuscht, weil sich bestimmte Versprechungen nicht erfüllt haben. Das politisch Linke hatten sie aber schon in ihrem Leben, jetzt probieren sie es mit rechts. Ich persönlich kann nicht nachvollziehen, wie man AfD wählen kann. Aber die, die es tun, machen es zum Großteil aus Protest gegen die etablierten Parteien. Dass die AfD die Erwartungen auch nicht erfüllen kann, ist klar. Wenn die AfD regieren würde, würden viele Leute sehr schnell merken, dass es nicht besser, sondern schlimmer wird.

STANDARD: Sie sind in der Ostberliner Punk-Szene aufgewachsen. Wodurch unterschieden sich Ost- und Westpunks?

Flake: Es gab einen grundlegenden Unterschied: Die Ostpunks brauchten kein Geld, denn das Leben war absurd billig, Miete um die 25 Mark. Mit einem Konzert kam man über einen Monat. Also konnte man die Musik machen, die man machen wollte, und nicht bloß die, die sich gut verkauft. Absurderweise waren wir dadurch auch sehr frei.

STANDARD: Unter Ihren damaligen Bandkollegen gab es auch IM-Stasi-Spitzel (IM: Inoffizieller Mitarbeiter, Anm.). Sind Sie nicht wütend auf den repressiven Überwachungsstaat DDR?

Flake: Auf IM-Spitzel in den Bands bin ich nicht wütend. Denn die haben durch ihren IM-Status oft erst ermöglicht, dass die Bands überhaupt existieren konnten. Die Stasi hat ja nicht ihre eigenen Leute eingesperrt. Bestes Beispiel dafür ist die DDR-Band Die Firma. Die wurde von IM-Spitzeln gegründet. Der Gag bestand darin, dass "Die Firma" eigentlich ein Synonym für "Stasi" war. Von der Stasi gedeckt, haben die dann staatsfeindliche Texte gesungen. Fast schon wieder genial.

STANDARD: Verstehen Sie es, wenn es heißt, die DDR war ein Unrechtsstaat, Stasi-Repression eine Art von Terror?

Flake: Ich kann es verstehen, wenn das Leute sagen, die das so erlebt und darunter gelitten haben. Aber ich persönlich kann nicht sagen, dass der ganze Staat schlecht war. Ich möchte nicht wissen, wie viele unschuldige Menschen im Westen eingesperrt und überwacht wurden bzw. werden. Die Pauschalisierung "Unrechtsstaat" finde ich nicht in Ordnung.

STANDARD: Wäre Rammstein in der DDR denkbar gewesen?

Flake: Innerhalb der DDR hätten wir eine Band wie Rammstein nicht gegründet, weil es die falsche Antwort auf dieses System gewesen wäre. Rammstein haben wir gegründet, weil wir gemerkt haben, dass wir im Westen mit unserer Punkmusik nicht weiterkommen. Da brauchte es Härteres.

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Aus: "Rammstein-Keyboarder Flake: "Die Wiedervereinigung war eine Sauerei"" Stefan Weiss (26.01.2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000113670270/rammstein-keyboarder-flake-die-wiedervereinigung-war-eine-sauerei

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Nepukadnezar

Flake hat schon Recht wenn er die Wiedervereinigung ... kritisch hinterfragt.
Schließlich ist das Produkt einer Vereinigung ja eine Mischung aus allen Elementen.

Hier wurde aber einfach alles was BDR war über die DDR darübergestülpt.
Egal ob Rechtssystem, Schulwesen, Vereinsangelegenheiten, Sportorganisation ... praktisch nichts wurde vom Westen als für Wertvoll angesehen und übernommen.

Man kann es Wiedervereinigung nennen so oft man will, faktisch ähnelt es mehr einer Okkupation ...


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Andreas Pieper

Was wäre denn die Alternative gewesen? Nachher meckern ist einfach, Sie müssen sich die Größe der Aufgabe damals vorstellen, und dann bitte bedenken das nichts vergleichbares jemals stattgefunden hatte.


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DeinKetzer

Die Treuhand hat auf ganzer Linie versagt
Dazu kann man ja gern Bücher lesen.

Viel einfacher ist es aber einfach Beispiele zu bringen.
Keine 100 km von der Salzgitter AG bestand um 1990 ein modernes Kali-Bergwerk.
Von der Salzgitter AG übernommen und schnellstens geschlossen.
Mit den billigen Ossis wäre es ein mehr als nur unbequemer Konkurrent gewesen.

Bekannter sicherlich: Rotkäppchen
Ostdeutsche Sektkellerei sollte nach der Wende abgewickelt werden.
Doch mehrere Mitarbeiter übernahmen den Laden.
Obwohl dies eigentlich nicht gern gesehen war.
Die Rotkäppchen Sektkellerei war ja wertlos.
Heute ist Rotkäppchen Marktführer in Deutschland.

Das größte Problem war die sorglose Deindustrialisierung weiter Bereiche Ostdeutschlands. Wenig hat sich davon bis heute erholt.


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Glen Flagler

"Ich möchte nicht wissen, wie viele unschuldige Menschen im Westen eingesperrt und überwacht wurden bzw. werden."

Im Vergleich zur ehemaligen DDR? Flake, das ist jetzt schon ein bisserl deppert.


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Cuca Racha

Standard: "Die Wiedervereinigung war eine Sauerei"

Original: "Im Großen und Ganzen war die Wiedervereinigung in dieser Form eine Sauerei."

Erkennen Sie den Unterschied?


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aichfelder

Wenn jemand meint, die DDR war pauschal kein Unrechtsstaat, ... Naja... Die DDR hatte mehr Geheimdienstmitarbeiter pro Einwohner, als jedes andere Land. republikschädigendes Verhalten, Republikflucht und als Strafe "Zersetzung", um nur ein paar Stasibegriffe zu verwenden. Wenn jemand so relativiert, dann möcht ich gar nicht mehr weiterlesen!


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KRW_Leaf

Es geht nich darum, das die Wiedervereinigung eine "Sauerei" war, sondern um das WIE.
Letztendlich war es eine feindliche Übernahme, keine freundliche Vereinigung.
"Geschichte der Treuhand"


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WoS2u
Kraftwerk, Bier für die Roboter 1

Schon sehr eindimensional seine Sichtweise der Wiedervereinigung.
Die Westdeutschen haben ihren Solidaritätsbeitrag geleistet und zahlen heute immer noch.
Und auch als Linker muß man sagen, die Ostdeutschen Firmen waren in der damaligen Form nicht überlebensfähig, von Produktivität ganz zu schweigen.
Was stimmt ist, dass einiges zu billig verkauft wurde.
Auffallend auch, dass die ehemalige Führungsschicht der DDR, bis auf wenige Anklagen, wieder auf die Sonnenseite gefallen ist.


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Der allerletzte Endgegner

Flake trauert nicht dem DDR Regime nach, noch der Wiedervereinigung, sondern die Art und Weise der Wiedervereinigung.
So schwer zu verstehen?


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TimT.

Ich mag den Flake ja. Ich kenne ihn schon aus seiner Zeit bei Feeling B in den späten Achtzigern. Filmempfehlung: "Flüstern und Schreien" (Flüstern & SCHREIEN – Ein Rockreport)

Seine regelmäßigen Radiosendungen bei radioeins vom RBB sind große Klasse.

Mit seinen Ansichten über die Wende kann ich nicht ganz mit gehen, aber das ist letztlich auch nicht wichtig.
Auf alle Fälle ein kluger Beobachter und kritischer Mensch, von denen wir nicht genug haben können!


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JFXXV

Diese Ostnostalgik langweilt mich
Redens mal mit Leuten dessen Freunde oder Angehörige an der Mauer erschossen wurden, oder mit Schlafentzug und sonstigen Methoden gefoltert wurden, von der dauerbespitzelung rede ich noch gar nicht.


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Excom55

Es kommt nicht immer Kluges raus wenn sich Musiker politisch äußern..
Flake sollte sich mal mit den gigantischen Transfers die von West nach Ost gingen beschäftigen. Die DDR war faktisch pleite und wurde über Jahrzehnte vom Westen aufgepäppelt. Lächerlich all das auszublenden.


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Dirty ol Bastard

Wo blendet er das aus? Und wenn wir schon beim Vergleich sind: Was ist mit den Transfers von Ost nach West? - Die Firmen und Immobilien waren Volkseigen. Man hätte die Besitze auch mal fragen können, bevor ihr Eigentum verkauft wird.
Großzügig wurde ihnen angeboten ihr Eigentum kaufen zu können.
Bauaufträge im Osten gingen großteils an westdeutsche Firmen. Der ostdeutsche Markt wurde von westdeutschen Produkten überflutet, mit der Konkurrenz die unvorbereiteten ostdeutschen Firmen nicht umgehen konnte... etc...


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Kombucha-Jünger

Man mag von dem Interview halten was man mag, aber ich finde es immer wieder spannend, wie festgefahren hier Einige teilweise sind...

Wissen einfach alles besser. Sie wissen es sogar besser, als Menschen welche in/ unter diesem System Tag für Tag gelebt haben.
Andere Meinungen und Erfahrungen anzuerkennen, fällt hier sichtlich schwer...


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LL MM

Zu den IM in den Bands: Die Antwort "Uns ist nix passiert, daher war eh alles nicht so schlimm" ist an Perfidie nicht zu überbieten. Dass solche Bands quasi als "Agent Provocateur" missbraucht wurden, um einzelne Konzertbesucher später zu drangsalieren, vergisst der nette Herr hier einfach.


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Dirty ol Bastard

Wenn sie aufmerksam gelesen hätten, wäre ihnen aufgefallen, dass er nichts damit entschuldigt. Ganz im Gegenteil. Darüber hinaus wird die nicht unwichtige Frage gestellt, inwiefern die BRD nicht auch selbst auf die eigene Geschichte schauen sollte, bevor Andere so pauschal verurteilt werden.


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Diogenes

Rechtspopulismus in Ostdeutschland als Folge der Wiedervereinigung

Allein diese Frage ist ein Schwachsinn! Besser könnte auch ein Stalinist nicht die Wahrheit verdrehen.


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Ben Vassy

Ich habe ziemlich viel mit Menschen aus der Zone zu tun. Junge Menschen so um die 25. Die sehen den Grund für alles Schlechte in ihrem Leben in der Wiedervereinigung, hassen den Westen und wählen AfD, weil die angeblich als einzige Partei ihre spezifischen Ost-Probleme versteht. Ich halte die Theorie also für äußerst glaubwürdig


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Hattie Caroll

Man stelle sich vor, Österreich würde mit Deutschland vereinigt und alle unsere Produkte (Mannerschnitten, Almdudler, Schwedenbomben etc.) verschwänden plötzlich vom Markt.
Die Gemeindebauwohnungen und die Gratiskindergärten in Wien würden privatisiert und plötzlich drei mal so teurer.
Unsere Musik sowie unsere Filme würden nur noch belächelt und der ORF abgeschafft.
Im Gegensatz zu den Deutschen bekämen wir weniger für die gleiche Arbeit bezahlt, dafür würde man uns aber bei jeder Gelegenheit erklären, wie gut wir es doch hätten, dass wir nicht mehr im rückständigen Österreich leben müssten.
So ungefähr hat sich die Wiedervereinigung für viele Ossis angefühlt.


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Erzsébet Lucas

„Aber ich persönlich kann nicht sagen, dass der ganze Staat schlecht war. Ich möchte nicht wissen, wie viele unschuldige Menschen im Westen eingesperrt und überwacht wurden bzw. werden.“

Da habe ich aufgehört zu lesen.


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Joe Z.

Ist hart von jemandem zu hören der als Punk in Ostdeutschland aufgewachsen ist, nicht wahr? Ich bin mir sicher Ihr Bild ist wesentlich genauer durch Ihre Erfahrung in der DDR.
Aufhören eine Meinung zu lesen nur weil sie von der Ihren abweicht, zeugt von ihrer intellektuellen Deprivation.


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gnadevorrecht

"Aber ich persönlich kann nicht sagen, dass der ganze Staat schlecht war."

Danke, keine weiteren Fragen. Man könnte auch genausogut ssgen: "Es war nicht alles schlecht".


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...l...

Man kann von BRD aber auch nicht sagen, dass der ganze Staat gut war. so what


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[...] Es gibt Vorgänge, die kann man zur Kenntnis nehmen oder schlichtweg ignorieren. „DSDS“-Gewinner Prince Damien hat die 14. „IBES“-Ausgabe gewonnen. Das ist ebenso zur Kenntnis zu nehmen wie die erneut sehr solide Quote der Dschungelshow: Im Schnitt 5,28 Millionen Zuschauer verfolgten die 16 Tage. Damit steht fest, was zu Beginn 2021 im privaten RTL-Programm laufen wird. „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“, 15. Staffel.

Der anhaltende Erfolg zeigt, was für einen Teil des Publikums Fernsehen ist: Amüsement, Entspannung, Schadenfreude. Es wird akzeptiert, dass sich das kommerzielle TV-System in seinen erfolgreichsten Programmen über die Jahre und Jahrzehnte vom Anspruch eines Vollprogramms verabschiedet hat. Information heißt dann Tratsch und Verbrechen, Skandal und Verbraucherschutz, einzig und allein Marktführer RTL gibt den Nachrichten und Themen des Tages noch den notwendigen Raum und die gebotene Aufmerksamkeit. Unter dem Ansturm der Streaming-Plattformen wird über die Sender hinweg die eingeübte Unterhaltung mehr denn je präferiert, die x-te Staffel „DSDS“, das „Nackt-Experiment“, „The Masked Singer“ belegen den Professionalismus der Sender.

Bedürfnisse werden befriedigt, Eskapismus wird geliefert, Härten im persönlichen Dasein können überbrückt werden. Das private Unterhaltungsfernsehens hat seine Funktion, seinen Erfolg.
Wie merkwürdig aber ist zugleich, dass sich an diesem Fake-Fernsehen kaum Kritik aufbaut, ...


Aus: "Applaus für Eskapismus, Buhrufe für Information" Joachim Huber (26.01.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/ungerechte-fernsehwelt-applaus-fuer-eskapismus-buhrufe-fuer-information/25474376.html

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[...] Hassmails, Beschimpfungen, Drohungen – das, was derzeit Politiker, Journalistinnen und viele andere in der Öffentlichkeit stehende Menschen in Deutschland erleben, kennt der Journalist und Autor mehrerer Bücher, Hasnain Kazim, schon lange. Er ist bekannt für seine harten, inhaltlichen Auseinandersetzungen mit seinen Kritikern auf Twitter und Facebook. E-Mails, und seien sie noch so beleidigend, beantwortet er mit bewundernswerter Konsequenz. Nun aber bekam er Morddrohungen in einem Ausmaß, das auch für ihn neu und schockierend war. Hier beschreibt Hasnain Kazim, wie schwierig es ist, einen Weg zu finden, damit umzugehen.

Natürlich, ich hätte wissen können, was mir blüht, wenn ich die AfD und ihre Wählerinnen und Wähler kritisiere.

Bei der Landtagswahl in Thüringen am 27. Oktober 2019 hatte diese Partei 23,4 Prozent geholt und war damit, hinter den Linken, zweitstärkste Kraft geworden. Und das trotz der vielen rechtsextremen Entgleisungen. Oder wahrscheinlich gerade deswegen. Auf Twitter schrieb mir ein Nutzer ein paar Tage nach der Wahl, es nütze ja nichts, auf die Wählerinnen und Wähler zu schimpfen. Vielmehr müsse man diese Leute "erreichen".

Ich bin entschieden anderer Meinung. Nicht jeder, der diese Partei wählt, ist ein Nazi. Aber jeder, der sie wählt, ebnet wissend Nazis den Weg an die Macht. Er teilt ihre menschenverachtende Haltung, heißt sie gut oder toleriert sie zumindest. Ich antwortete also, es gehe nicht darum, diese Menschen zu "erreichen", sondern "sie auszugrenzen, zu ächten, sie kleinzuhalten, ihnen das Leben schwer zu machen, sie dafür, dass sie Neonazis und Rassisten den Weg zur Macht ebnen wollen, zur Verantwortung zu ziehen".

Das ist hart formuliert, und sicher muss man mit allen Menschen reden, "den Dialog suchen", wie so oft gefordert wird. Aber wenn am Ende eines solchen Dialogs der Gesprächspartner immer noch glaubt, eine Aussage wie die, dass Deutschland "unter einem Befall von Schmarotzern und Parasiten" leide, die dem deutschen Volk "das Fleisch von den Knochen fressen", sei eine sagbare, akzeptable Meinungsäußerung, der muss die Folgen seiner Worte ertragen.

AfD-Chef Jörg Meuthen empörte sich daraufhin am 4. November 2019 über mich in den sozialen Medien. Auf Facebook schrieb er: "Ein solches Ausmaß an Hass und Hetze ist selbst für die Verhältnisse in unserem unter Merkel leider verrückt gewordenen Land außergewöhnlich - und zugleich vollkommen unerträglich." Und auf allen Kanälen verbreitete er ein Bild von sich, daneben der Text: "SPIEGEL-Journalist Hasnain Kazim fordert: AfD-Wähler 'ausgrenzen und ächten!'"

Lutz Bachmann, Gründer und Chef von "Pegida", erklärte ebenfalls am 4. November in Dresden auf offener Bühne, er stelle "öffentliche Strafanzeige" gegen mich, den "sogenannten Journalisten", und zwar wegen "Verdachts auf Volksverhetzung". Seine Pegida-Zuhörer jubeln. Ein Video seiner Rede kursiert auf Youtube.

Jetzt könnte ich diese beiden Typen ignorieren und mir sagen: Was interessiert mich deren Geschwätz? Aber mit dem Ignorieren wird es schwierig, wenn deren Anhänger die Äußerungen als Aufforderung sehen, mich zu beschimpfen und zu bedrohen.

Seit dem 4. November habe ich täglich Hunderte, manchmal mehr als tausend Zuschriften erhalten. Darunter täglich ein Dutzend Morddrohungen, fast 400 insgesamt. So viele wie noch nie. "Verabschiede dich! Das Jahresende wirst du nicht mehr erleben!" Oder: "Stück Scheiße, das nicht ins Klo, sondern in die Welt geschissen wurde! Ich werde dafür sorgen, dass du artgerecht entsorgt wirst!" Oder: "Du bist eine hässliche Missgeburt, aber kein Deutscher!!!!!!!!! Man sollte dich nachträglich abtreiben!!!!!!!!!!!!!!!!" Oder: "Wir wissen wo du dich verkriechst du vaterlandsloser Geselle! Wir verfolgen dich, wir beobachten dich. Und morgen bist du tot!"

Viele Jahre habe ich gedacht: Irgendwie kann man sich vielleicht an solche Drohungen gewöhnen. Ich bekomme sie seit Anfang der Neunzigerjahre, seitdem ich es mit meinem unverschämt fremden Namen wage, Artikel in deutschen Publikationen zu veröffentlichen. Es ist also kein neues Phänomen. Früher habe ich solche Zuschriften verdrängt, sie weggeklickt, versucht, sie nicht ernst zu nehmen. Ich habe auch einige Male Anzeige erstattet. Jedes Mal wurde das Verfahren eingestellt. Entweder, hieß es, konnte der Verfasser nicht ermittelt werden – oder er habe einfach behauptet, er sei es nicht gewesen, denn zu seinem Computer hätten mehrere Leute Zugang.

Die Masse der Drohungen der vergangenen Monate hat mich aber umgehauen. Sicherheitskräfte haben mich außerdem darüber informiert, dass ich auf mehreren "Todeslisten" oder "Feindeslisten" stehe – allerdings nicht von sich aus, sondern nur, weil ich Kontakte habe, die ich fragen konnte. Juristen sagen mir, solange da nur öffentlich zugängliche Informationen wie Name, E-Mail-Adresse und Artikel oder Zitate von mir stünden, könne man dagegen rechtlich nichts machen.

Ich höre Sprüche wie: "Jetzt nimm dir diese E-Mails doch nicht so zu Herzen!" Oder: "Sie meinen es doch nicht so!" Als wäre all das eine unschöne, aber hinzunehmende Begleiterscheinung davon, dass man als Autor in der Öffentlichkeit steht. Außerdem habe mir doch bislang niemand wirklich physische Gewalt angetan. In nahezu allen Redaktionen herrscht Ratlosigkeit. "Wenn du Hilfe brauchst, sag Bescheid", höre ich gelegentlich. Es gibt keine Arbeitsgruppen, keine Task Force, keinen Plan. Manche sagen: Wenn Extremisten sich über einen aufregen, sei das doch eine Auszeichnung. "Sei doch froh darüber, das ist wie ein Orden!"

Eine ernsthafte, umfassende Debatte darüber, was wir Hass und Hetze entgegensetzen, wie wir die Menschenverachtung eindämmen können, was wir also gesamtgesellschaftlich tun können und müssen, um eine weitere Radikalisierung zu verhindern, findet kaum statt. Nicht im Journalismus, nicht in der Politik, nirgendwo. Ich nehme eine Gleichgültigkeit der Massen wahr. Wir sind immun geworden gegen den Hass. Und das macht mir Angst.

Stattdessen muss man sich selbst wehren. Ich lese auf Twitter und Facebook Sprüche von Betroffenen wie "Morddrohungen sind für mich ein Ansporn, weiterzumachen!", "Jetzt erst recht!" oder "Ich bleibe stark!" Das ist gut, aber es ändert nichts an dem strukturellen Problem, nämlich dass wir eine Menge Leute in unserer Gesellschaft haben, die Morddrohungen für eine legitime Meinungsäußerung halten.

Ein Bekannter versuchte mich zu beruhigen: "Hunde, die bellen, beißen nicht." Tatsächlich? Der CDU-Politiker Walter Lübcke stand auch auf mehreren Listen. Soweit man weiß, hat ihm sein Mörder vorher nicht öffentlich gedroht. Er hat die Liste einfach als Aufforderung zum Handeln gesehen.

Inzwischen berichten sehr viele Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, über Morddrohungen. Kommunalpolitikerinnen und -politiker treten zurück, weil sie die Einschüchterungen nicht mehr aushalten. Es wurde sogar auf das Büro eines schwarzen Bundestagsabgeordneten geschossen. Es ist erschreckend normal geworden, dass Menschen solche Erfahrungen machen. Seit wann ist es hinnehmbar geworden, dass man einem Menschen den Tod wünscht? Dass man jemandem in einer E-Mail schreibt: "Elendig sollst du krepieren!"? Kritik an meiner Arbeit ist selbstverständlich erlaubt, auch die harte Auseinandersetzung. Aber "Verrecke, du Drecksau!"? Oder: "Ein Baum, ein Strick, ein Pressegenick!"?

Meine Familie weiß von den Drohungen, aber im Detail mag ich mit ihr nicht darüber sprechen, um sie nicht unnötig zu beunruhigen. Ich denke über Sicherheitsmaßnahmen nach. Manche raten mir, mich zu bewaffnen. Das lehne ich strikt ab. Aber vielleicht wenigsten Pfefferspray? Eine Kamera an der Haustür? Und welche Fluchtwege gibt es aus der Wohnung? Brauche ich Personenschutz, zum Beispiel bei Lesungen? Was ist mit Taschenkontrollen? "Vielleicht solltest du nicht mehr öffentlich auftreten", riet mir kürzlich ein Freund. Das klingt vernünftig – aber es wäre genau das, was diese Leute wollen: mich zum Schweigen zu bringen. Und das kommt überhaupt nicht infrage!

Manchmal erkennen mich Leute auf der Straße. "Sind Sie nicht…?" Oder: "Ich kenne Sie doch!" Ich freue mich darüber, es ist ja eine Form der Anerkennung. Aber in letzter Zeit hat sich ein Unbehagen eingeschlichen. Ich weiche unweigerlich zurück, wenn fremde Leute auf mich zukommen. Was, wenn sie mir etwas antun wollen? Dann wieder ärgere ich mich darüber, dass ich so misstrauisch geworden bin. Es zeigt, dass die Drohungen mich verändern.

Seit Jahren versuche ich, den wütenden Mails mit Humor zu begegnen. Aber in letzter Zeit kommt mir das vor wie eine Flucht vor dieser sprachlichen Gewalt. Und ernsthaft: Humor bei Ankündigungen, mich umbringen zu wollen? Aber man will kein Opfer sein, nicht larmoyant wirken.

Die Unbeschwertheit ist dahin, die Leichtigkeit, die Freude an der Debatte, an der Auseinandersetzung. Immerhin ein Lichtblick: Morddrohungen erhalte ich seit diesem Jahr glücklicherweise kaum noch. Ich arbeite seit dem 1. Januar als freier Autor und habe keine öffentliche E-Mail-Adresse mehr.


Aus: "Hass gegen Journalisten: "Und morgen bist du tot!"" Hasnain Kazim (24. Januar 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-01/hass-journalisten-morddrohung-meinungsaeusserung-neonazis-rassismus-afd/komplettansicht

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Robert Merk #10

Es macht mich fast sprachlos, dass Menschen, die ihre Meinung äußern in einer solchen Weise eingeschüchtert werden. Und zwar gerade von Menschen, die ja immer gerne behaupten, man dürfe seine Meinung nicht sagen, gell Herr Meuthen und Herr Bachmann! ...


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zambaqia #20

Sehr geehrter Herr Kazim, es ist unglaublich, dass sich in diesem Land Bedrohte selbst gegen den Hass wehren müssen und keine Hilfe des Staates und der Strafverfolgungsbehörden bekommen. Das ist die Negativseite der ungebremsten neoliberalen Individualisierung, in der jeder für sein Glück selbst verantwortlich sei - und daher auch für sein Unglück. Denn offensichtlich wird damit übersehen, dass es strukturelle Gründe hat, dass Journalisten, Politiker und fürs Allgemeinwohl Engagierte den Drohungen ausgesetzt sind. Diesen strukturellen Gründen will sich keiner mehr stellen - das schreiben Sie ja selbst - es gibt keine Strategie. Dabei haben wir einen Innenminister, der sich sonst nie scheut, hart aufzutreten. Was wir brauchen sind Anlaufstellen für Bedrohte, gut ausgebildete und demokratische Mitarbeiter in den Behörden, harte Gesetze und unnachgiebige Verfolgung. ...


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ComCum #39

"Anzeigen bleiben folgenlos"

Verstehe ich nicht und ist für mich auch nicht nachvollziehbar!


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[...] Es ist wohl eines der größten Datenlecks in der Geschichte der Bundesrepublik: Persönliche Daten von drei Millionen Kunden der Autovermietung Buchbinder standen wochenlang ungeschützt im Netz, darunter Adressen und Telefonnummern von Prominenten und Politikern wie Robert Habeck von den Grünen. Zugänglich waren außerdem Unfallberichte sowie Mails und Zugangsdaten von Mitarbeitern der Buchbinder-Gruppe. Das ergab eine gemeinsame Recherche des Computermagazins c't und der Wochenzeitung DIE ZEIT.

Ursache des Lecks war ein Konfigurationsfehler bei einem Backup-Server. Es stand der Port 445 offen, der Zugriffe über das Netzwerkprotokoll SMB erlaubt. Deshalb konnte jeder Internet-Nutzer die von Buchbinder auf dem Server abgelegten Dateien herunterladen – insgesamt über 10 Terabyte. Ein Passwort war dafür nicht nötig. Man musste lediglich die IP-Adresse des Servers im Windows-Datei-Explorer eingeben, große Festplatten und ein paar Stunden Zeit zum Download investieren.

Buchbinder ist einer der größten deutschen Autovermieter und nach eigenen Angaben "Marktführer im Privatkundensegment PKW und LKW in Deutschland und Österreich". Die Unternehmensgruppe mit Hauptsitz in Regensburg beschäftigt mehr als 2500 Mitarbeiter und betreibt rund 165 Mietstationen in Europa. Die Kerngesellschaft der Gruppe, die Charterline Fuhrpark Service GmbH, machte 2018 laut Jahresabschluss einen Umsatz von knapp 350 Millionen Euro. Ihr zur Seite stehen laut Datenschutzerklärung die Carpartner Nord GmbH sowie die Terstappen Autovermietung GmbH in Duisburg. Seit 2017 gehört Buchbinder zum französischen Europcar-Konzern.

Buchbinders IT-Abteilung nutzte laut Who-is-Abfrage einen durch die Charterline angemieteten Cloud-Rechner bei der PlusServer GmbH in Köln. Auf diesem wurden jeden Wochentag .bak- und .log-Dateien gespeichert – jede davon mehrere hundert Gigabyte bis über ein Terabyte groß.

Den Hinweis auf den offenen Server erhielten c't und DIE ZEIT von dem IT-Sicherheits-Experten Matthias Nehls. Dessen Firma "Deutsche Gesellschaft für Cybersicherheit" war bei Routine-Scans auf den offenen SMB-Server gestoßen. Nehls wandte sich zunächst zwei Mal per Mail an Buchbinder, erhielt nach eigenen Angaben jedoch keine Antwort. Daraufhin informierte der IT-Experte sowohl den zuständigen Landesdatenschutzbeauftragen in Bayern als auch c't und DIE ZEIT.

Die Backups enthielten über 5 Millionen Dateien mit umfangreicher Firmenkorrespondenz samt eingescannter Rechnungen, Verträge, Mails und Schadensbilder von Autos. Es handelt sich dem Augenschein nach um die komplette MSSQL-Firmendatenbank, auf die sich ohne Passwortabfrage zugreifen ließ.

Sie umfasste laut den Analysen von c't und ZEIT über neun Millionen Mietverträge, von 2003 bis heute. Neben den Mietern sind auch die Fahrer mit Namen, Adresse, Geburtsdatum, Führerscheinnummer und -Ausstellungsdatum aufgeführt. Viele haben zudem Mobilfunknummern und E-Mail-Adressen angegeben. Kreditkartennummern fanden sich nicht in der Datenbank, wohl aber Zahlungsinformationen und Bankverbindungen auf PDF-Scans von Rechnungen.

In der ungeschützt zugänglichen MSSQL-Datenbank ließen sich Kunden und Fahrer nach sensiblen Arbeitgebern, Ministerien oder auch Botschaften ausfiltern. Von über 3 Millionen Mietern der vergangenen 18 Jahre stammten rund 2,5 Millionen aus Deutschland, etwa 400.000 aus Österreich und die übrigen rund 114.000 aus Italien, der Slowakei und Ungarn. Ihnen zugeordnet sind 3,1 Millionen Fahrer aus aller Herren Länder.

Außerdem gab es eine Datenbank mit über 500.000 Unfällen, die bis ins Jahr 2006 zurückreichen. Erfasst wurden dort neben Informationen über die Fahrer der gemieteten Autos auch Namen, Adressen und Kennzeichen von Unfallgegnern sowie eventueller Zeugen samt Telefonnummern. Vereinzelt fanden wir auch Namen und Kontaktdaten von Verletzten und tödlich Verunglückten. Neben Zeit und Ort war auch vermerkt, ob eine Blutprobe von der Polizei angeordnet wurde.

Mitarbeiter und Geschäftskunden wurden ebenfalls erfasst. Zudem fanden wir Login-Informationen von Angestellten und Nutzern der Online-Portale sowie dem Flottenmanagement von Buchbinder. Über 3000 von etwa 170.000 Passwörtern waren im Klartext gespeichert.

Die Authentizität der Kundendatenbank verifizierte c't anhand der Informationen von einem Dutzend Buchbinder-Kunden aus dem Kreis der Angestellten von Heise Medien. Das Datenleck betrifft offenbar auch Personen, die nicht direkt bei Buchbinder gebucht haben. Ein ZEIT-Redakteur, der ein Auto über billiger-mietwagen.de und Car Del Mar gemietet hatte, fand seine persönlichen Informationen ebenfalls in der Datei – obwohl er selbst nicht wissentlich Kunde von Buchbinder war.

Die Buchbinder-Gruppe arbeitet offenbar mit vielen solchen Vermittlern und Vergleichsportalen zusammen, die dafür laut Firmendatenbank eine Provision erhalten. Kunden wissen am Ende mitunter gar nicht, dass ihr Fahrzeug von Buchbinder stammt und ihre Daten dort gespeichert sind. Organisiert werden Fahrzeugvermietungen oft über die Carpartner Nord GmbH. Über Global Rent-a-Car vermittelt Buchbinder zudem weltweit Fahrzeuge.

Oft sind Konfigurationsfehler schuld, wenn Kundendaten im großen Stil im Netz landen. Bereits ein Klick an der falschen Stelle genügt – und schon ist das System auf der ganzen Welt erreichbar. Stellt man einen Dienst ins Netz, ist es nur eine Frage von Minuten oder höchstens Stunden, bis das jemandem auffällt und Zugriffsversuche starten. Wenn ein Datendieb wie bei Buchbinder dabei keinerlei Schutzmechanismen umgehen muss, handelt es sich dabei im juristischen Sinne nicht einmal um einen "Hackerangriff".

Um solch exponierte Systeme aufzuspüren, ist keine Handarbeit nötig: Open-Source-Tools wie der Netzwerkscanner ZMap klopfen in weniger als einer Stunde sämtliche IPv4-Adressen auf offene Dienste ab.

Die Deutsche Gesellschaft für Cybersicherheit war auf den offenen Port bei einem ihrer Routine-Scans gestoßen. Die Firma unterhält eine Online-Datenbank namens cyberscan.io, die Firmen bei der Abdichtung eventueller Sicherheitslöcher helfen soll. Die SMB-Freigabe von Buchbinder war aber nicht nur cyberscan.io aufgefallen. Die auf Sicherheitslücken spezialisierte Suchmaschine Shodan.io zeigte den Rechner ebenfalls an – zusammen mit 125 weiteren Servern mit ungeschützten SMB-Freigaben für Backups in Deutschland.

Für Neugierige war der Buchbinder-Server also relativ leicht zu entdecken. Jeder, der wusste, wo er nachzuschauen hatte, konnte sich frei daran bedienen.

Die bei Buchbinder geleakten Daten sind für Cyber-Schurken enorm wertvoll. Es handelt sich um valide Informationen von Millionen Bürgern – einschließlich Name, Firmenzugehörigkeit, Anschrift, Geburtsdatum, Telefon- und Führerscheinnummer. Im Unterschied zu Daten, die Nutzer etwa für die Teilnahme an einem Gewinnspiel angeben, müssen die bei Buchbinder hinterlegten Daten echt sein, damit es zum Abschluss eines gültigen Mietvertrags kommen kann.

Den größten Schaden hat gewiss Buchbinder: Die Kundendaten gehören zu den größten Schätzen eines Unternehmens, die Datenbank wurde über mehr als ein Jahrzehnt aufgebaut. Wer jetzt alles darauf Zugriff hatte, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Mitbewerber könnten unbezahlbare Einblicke in die Flotte des Unternehmens erhalten haben. Der Leak dürfte auch zu einem erheblichen Vertrauensverlust seitens der Kunden führen – ganz zu schweigen von etwaigen DSGVO-Bußgeldern und eventuellen Schadenersatzforderungen.

Die erbeuteten Daten könnten sich auf verschiedene Arten missbrauchen lassen. Zunächst geht es ums große Geld: Ein Angreifer könnte etwa gezielt nach Mietvorgängen von Unternehmenskunden suchen, um die persönlichen Kontaktdaten der involvierten Mitarbeiter herauszusuchen. Anschließend könnte er diese Daten nutzen, um im Namen des Mitarbeiters mit dessen Kollegen oder Chef zu kommunizieren, um sich Vertrauen zu erschleichen und sich weiter vorzuarbeiten.

Denkbar wäre auch ein groß angelegter Phishing-Angriff auf Buchbinder-Kunden: Der Täter könnte Phishing-Mails verschicken, die dazu auffordern, die bei der Autovermietung hinterlegten Kreditkartendaten zu aktualisieren. Er könnte vorgeben, dass es bei einer Abbuchung zu einem Problem gekommen ist und sich dabei sogar konkret auf eine Vermietung beziehen. Für die Empfänger wäre eine solche Mail kaum von einer echten zu unterscheiden.

Spam, Phishing, Einkäufe im fremden Namen oder anderer Identitätsklau stehen erst am Ende der Verwertungskette und könnten noch Jahre später eintreten, wenn der Vorfall längst vergessen ist. Dazu ließe sich die Datenbank etwa in kleinere Häppchen aufteilen. Da viele Kunden einen Wagen auf Geschäftskosten mieten, lassen sich einzelne Personen leicht verschiedenen Firmen, Vereinen und Parteien zuordnen.

Unter den Kunden findet man beispielsweise zahlreiche Prominente aus Sport und Unterhaltung, Spitzenpolitiker von CSU und AfD sowie Robert Habeck von den Grünen – mit Privatadresse, Handynummer und E-Mail-Adresse. Darüber hinaus sind mehrere hundert Angehörige verschiedener Botschaften gelistet – nicht nur aus Deutschland und Österreich, sondern auch aus den USA, Russland, China, Beirut, Israel, Iran, Saudi-Arabien oder auch Nord-Korea.

Dutzende Einträge führen zu Mitarbeitern verschiedener Bundesministerien, darunter ein ehemaliger hochrangiger Beamter des Verfassungsschutzes. Zu den Betroffen zählt unter anderem auch der Präsident des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) Arne Schönbohm. Gegenüber den Kollegen von der ZEIT erklärte er: "Der Fall zeigt leider, dass auch sehr sensible personenbezogene Daten immer wieder nur unzureichend geschützt werden. Egal ob ich – wie in diesem Fall – persönlich betroffen bin oder nicht, solche Fälle ärgern mich sehr, weil sie vermeidbar wären."

Betroffen sind auch Mitarbeiter der Polizei und der Bundeswehr. Aus Österreich hatte 2008 sogar ein Mitglied des "Einsatzkommando Cobra Süd" einen Wagen gemietet, eine Art Pendant zur GSG 9 in Deutschland. Aus Deutschland findet man beispielsweise zwei Mitarbeiter von FinFisher, einem öffentlichkeitsscheuen Hersteller von Spionage-Software.

c't und DIE ZEIT informierten Buchbinder am 20. Januar über das Datenleck: "Sofort nach Kenntnisnahme des Sachverhalts haben wir unverzüglich die Schließung der entsprechenden Ports durch unseren mit der Betreuung und Absicherung der Server beauftragten Vertragspartner veranlasst", teilte uns die zur Buchbinder-Gruppe gehörende Terstappen Autovermietung GmbH schriftlich mit. Auf Fragen, wie lange das Datenleck bestand und wie viele Zugriffe es von außen gab, ging das Unternehmen ebenso wenig ein wie auf die Rechtsgrundlage, auf der Kunden- und Unfalldaten weit über zehn Jahre gespeichert wurden.

Aus juristischer Sicht ist ein derart offener Server ein geradezu katastrophaler Verstoß gegen die Vorgaben der DSGVO. Sollten die zuständige Aufsichtsbehörden einen Verstoß gegen die DSGVO feststellen, wäre ein sehr hohes Bußgeld fällig.

Erschwerend kann im vorliegenden Fall sein, wenn besonders sensible personenbezogenen Daten im Sinne von Art. 9 DSGVO betroffen sind, die noch stärker geschützt werden müssen. In der Buchbinder-Datenbank lassen sich beispielsweise Kunden politisch, religiös, nach sexuellen Vorlieben oder Erkrankungen zuordnen. So findet man Fahrten von Kreis- und Landesverbänden aller im Bundestag vertretenen Parteien, wie auch der DKP und NPD. Gelistet sind mehrere Hundert islamische Vereine, Einträge jüdischer Gemeinden wie auch von Schwulen- und Lesben-Vereinen sowie Selbsthilfegruppen von Süchtigen.

Wer wissen will, ob seine Informationen in der Datenbank gespeichert und von dem Leck betroffen sind, kann dies bei Buchbinder erfragen. ...


Aus: "Daten-Leak bei Autovermietung Buchbinder: 3 Millionen Kundendaten offen im Netz" (22.01.2020)
Quelle: https://www.heise.de/ct/artikel/Daten-Leak-bei-Autovermietung-Buchbinder-3-Millionen-Kundendaten-offen-im-Netz-4643015.html
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"Ein Ex-Mitarbeiter von Merrill Lynch berichtet, wie die Investmentbank den deutschen Fiskus ausplünderte – während die Politik zusah"
Von Karsten Polke-Majewski und Christian Salewski (22. Januar 2020)
Zum ersten Mal spricht Baker öffentlich darüber, was er bei Merrill Lynch erlebt hat. Es geht um Cum-Ex und ähnliche Deals. Es geht aber auch um eine Untersuchung des US-Senats, der schon 2008 vor dem Raubzug warnte, ihn in den USA unterband – und ihn damit in Europa erst richtig entfachte. Und es geht um Milliarden an Steuern, deren Raub man hätte verhindern können, wenn sich amerikanische und deutsche Behörden ausgetauscht hätten. So erzählt Baker von der Machtlosigkeit nationaler Aufseher, wenn sie auf international vernetzte Banker stoßen.

... Um sieben Uhr morgens, bevor der Markt öffnet, machen wir das. Dann dies. Dann jenes. Dann solches." Dieses Dokument sei wie ein Kochbuch, enthalte alle Zutaten, die nötig seien, damit am Ende Geld fließt.

Die Leute, die das Kochbuch anwenden, nennt Baker Macher. Wer sich die Macher als Investmentbanker vorstellt, die hektisch auf ihre Tastaturen tippen und unablässig telefonieren, der irrt. "Sie verbringen einen großen Teil ihres Tages mit Plaudern, Spielen und Kaffeetrinken", sagt Baker. Oder sie verkaufen ihr altes Auto und suchen ein neues. "Sie leben das gute Leben. Denn sie wissen, dass sie, um 14 Millionen Euro für die Bank hereinzuholen, vielleicht nur ein oder zwei Transaktionen pro Tag machen müssen."

https://www.zeit.de/2020/05/cum-ex-files-merrill-lynch-investmentbank-steuerbetrug
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bromfiets #41

"Doch seit der Warnung durch den Levin-Report bis 2016 entstand ein Schaden durch Cum-Cum- und Cum-Ex-Deals von mindestens 20 Milliarden Euro. Das hat Christoph Spengel, Steuerprofessor an der Universität Mannheim, berechnet. "Dieser Schaden wäre vermeidbar gewesen", sagt der Professor. "


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nano846a #21

" Der Bankenverband wolle die Geschäfte auf Kosten des Staats nicht unterbinden, sondern im Gesetz verankern. Doch niemand hört auf sie. Der Vorschlag des Bankenverbands wird mit dem Jahressteuergesetz 2007 umgesetzt und wirkt wie ein Brandbeschleuniger für Cum-Ex. "

Dann sind genau die Parlamentarier, die für diese Gesetzesänderungen gestimmt haben, mitverantwortlich.

Nicht Wissen gilt nicht, weil Warnungen vorlagen. Also bedingter Vorsatz (billigend in Kauf nehmen) seitens der Abgeordneten, die dafür gestimmt haben.


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LustigerSeth #55

Auszug Wikipedia "dividendenstripping"

"Arnold Ramackers, ein ehemaliger Finanzrichter aus Düsseldorf, sagte im Untersuchungsausschuss aus. Ramackers soll im Sinne führender Banken Gesetzestexte formuliert haben. Ramackers war unter anderem an der Gesetzesänderung von 2007 beteiligt, die sich als ungeeignet zur Verhinderung von Cum-Ex-Geschäften erwies und damit Banken und Anlegern ermöglichte, für weitere fünf Jahre ungerechtfertigte Ausschüttungen aus dem Steuervolumen zu erlangen. Er hatte Zugang zu Dokumenten, die Parlament und Öffentlichkeit nicht erhalten durften, und hat sie an Banken weitergereicht, so dass diese die neuen Regelungen gleich wieder umgehen konnten.[60] Auch im Ruhestand soll Ramackers noch Einfluss ins Ministerium gehabt, sich an der Formulierung von Gesetzen beteiligt und an Sitzungen teilgenommen haben. Später nahm Ramackers einen Beratervertrag beim Bundesverband deutscher Banken an."



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JoggerSN #17

Ein Beispiel der elenden Verstrickung des Finanzkapitals, von Banken, in denen Kriminelle arbeiten mit staatlichen Stellen die manchmal zu blöde sind, oftmals zu feige oder gar willentliche Handlanger des Großkapitals sind. Bestohlen werden die ... , die ... keine Wahl haben, da bei ihnen die Finanzämter sehr genau hinsehen und auf jeden Cent achten.


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ichwillebessagendazu #25

Schäuble war Finanzminister! Diese schwarze Null.


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alice_42 #25.1

>> Schäuble war Finanzminister! Diese schwarze Null. <<

Bis Oktober 2009 war es noch Steinbrück. Aber selbst wenn man dem noch freundlich eine gewisse Begriffsstutzigkeit zubilligen will, gab es zu Schäubles Zeiten wirklich keine Rechtfertigung mehr.

[>> Auf Nachfrage antwortet das Bundesfinanzministerium, gegen solche Geschäfte sei man schon vor 2007 vorgegangen, aber vor Gerichten mit seiner Auffassung gescheitert. Erst 2012 wird Cum-Ex hierzulande gesetzlich unterbunden. Die verwandten Cum-Cum-Deals sogar erst 2016. <<

Soso. Der Gesetzgeber scheitert vor 2007 vor Gericht und braucht danach mindestens 5 bis 9 Jahre, um tätig zu werden. Spätestens seit dem 11. September 2008 gibt es keine Ausreden mehr. Abgesehen davon, dass man das nicht mal der Parkuhr erzählen kann, ohne dass diese sich beschämt abwendet: Was soll eine Regierung, die das zulässt, eigentlich insgesamt gut gemacht haben?  Und was Schäuble betrifft: der Umschlag in der Schublade. Sein (glücklicherweise an der SPD gescheitertes) Steuerabkommen mit der Schweiz, das ein Geschenk an die organisierte Kriminalität geworden wäre. Und das hier. Wie in aller Welt geht so einer noch als seriöser Politiker durch. ...]


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bromfiets #48

Man darf gespannt sein, wie hoch die Gefängnisstrafen und Steuerstrafen tatsächlich ausfallen werden. Oder ob womöglich den beteiligten Banken die Lizenz in Deutschland entzogen wird.


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txt. #50

Jedenfalls haben manch reiche Leute, was Sie uns vorenthalten. Ein bedingungsloses Grundeinkommen!
:O


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jgstefan #58

Nun ist ja alles gut , wir haben die Kassenbon pflicht für unsere Semmeln und niemand kann mehr betrügen. Ein hoch auf unsere Fachleute.



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[...] Der amerikanische Journalist und Buchautor Glenn Greenwald ist wegen Internetkriminalität in Brasilien angeklagt worden. Greenwald wird vorgeworfen, sich mithilfe von Hackern illegalen Zugang zu den Mobiltelefonen von Staatsanwälten und anderen Beamten verschafft zu haben. Das berichtet die New York Times.

In der Strafanzeige heißt es demnach, Greenwald sei Teil einer "kriminellen Vereinigung", die 2019 Hacks durchgeführt habe. Greenwald sei für eine Stellungnahme der New York Times nicht erreichbar gewesen.

Greenwald wurde weltweit bekannt, nachdem er dem Whistleblower Edward Snowden 2013 geholfen hatte, Dokumente des US-Nachrichtendienstes NSA zu leaken.

Dem Bericht nach hat die Bundesstaatsanwaltschaft nun eine 95-seitige Strafanzeige gegen Greenwald erarbeitet. Darin würden auch Zitate aus Gesprächen zwischen Greenwald und Hackern vorkommen. Greenwald habe somit eine "klare Rolle bei der Begehung eines Verbrechens gespielt", zitiert die New York Times die brasilianische Bundesstaatsanwaltschaft. Greenwald habe etwa in direktem Kontakt mit Hackern gestanden, als diese private Chats auf Telegram ausspionierten.

In einem Video auf Twitter wendet sich Greenwald, der seit vielen Jahren in Brasilien lebt, an die Öffentlichkeit. Die Vorwürfe gegen ihn beschreibt er als Angriff auf die Pressefreiheit und die brasilianische Demokratie. "Der Missbrauch des Staatsapparats oder der Regierung Bolsonaro lässt uns nicht einschüchtern", schreibt er.

Zuvor hatte sich auch der Whistleblower Snowden auf Twitter zu dem Fall geäußert. Einen "absolut roten Alarm" nennt er die Anklage gegen Greenwald. Es sei "eine Vergeltungsaktion für die Aufdeckung extremer Korruption auf höchster Ebene der Regierung von Bolsonaro und eine existenzielle Bedrohung für den investigativen Journalismus in Brasilien", schreibt Snowden.


Aus: "Glenn Greenwald wegen Internetkriminalität angeklagt" (21. Januar 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-01/glenn-greenwald-brasilien-internetkriminalitaet-snowden

https://theintercept.com/2019/06/09/brazil-archive-operation-car-wash/

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sandor123 #2

Der wahre Grund für Greenwalds Verfolgung dürfte sein, dass er die schmutzigen Machenschaften von Bolsonaros Justizminister Moro publik gemacht hat, mit denen dieser zuvor als Unterschungsrichter den Prozess gegen Lula gesteuert hat.


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Think Tank #2.1

Das und seine Rolle in der NSA-Affäre.
Das Imperium schlägt zurück.


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Lahmarr #7

Kritiker mundtod machen, Journalisten die die Verbrechen der Mächtigen öffentlich machen, verschwinden lassen. Wie bei Assange auch hier, faschistoid Herrscher sind ebensowenig wie das Imperium geneigt, ihre Verbrechen ungestraft in den Medien zu sehen. ... Und diese beiden sind nur die Spitze des Eisberges. (Und wetten, daß die deutsche Politik kein Wort darüber verliert, sondern lieber irgendwas in Rußland oder China sucht um darauf zu zeigen?)


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Kinoflimmern und Filmwahrnehmung / [Giacomo!!... (Fellinis Casanova)]
« Last post by Textaris(txt*bot) on Januar 20, 2020, 10:23:08 vorm. »
" ... „Venedig! Werde ich Venedig je wiedersehen?“, ruft der greise Casanova. Da, wo Casanovas Reise in dieser überbordenden Masken- und Schattenwelt begann. Dann, als Bibliothekar in Böhmen, erscheinen dem Ex-Libertin – gespielt von Donald Sutherland – die Frauen in seinem Leben, um gleich wieder auf einer weiten Eisfläche zu entschwinden. Ein Mann, der sich der Liebe, der Lust, der Sinnlichkeit, dem Sex verschrieben hat, aber in der Unmöglichkeit der Erfüllung seines Begehrens zum tragischen, auch lächerlichen Helden wird. Eine tiefe Traurigkeit verbindet sich mit diesem Bild des alten Frauenhelden da in seinem Lehnstuhl: tiefe Falten, ausgefallene Haaren. Einer, der sich der Illusion hingab, ein Frauenheld zu sein. Radikale Dekonstruktion männlicher Selbstvergötterung. ... Und dann natürlich die Meere aus gigantischen Plastikplanen, die – wenn wir nur einen Blick drauf werfen – die Realität schon transzendiert haben. ..."

Aus: "Hommage an einen Meisterregisseur" Hartwig Tegeler (18.01.2020)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/zum-100-geburtstag-von-federico-fellini-hommage-an-einen.2168.de.html?dram:article_id=468250
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[...] Britanny Kaiser arbeitete von 2015 bis 2018 für die Mutterfirma von Cambridge Analytica. Nachdem die missbräuchliche Verwendung von Daten in verschiedenen Wahlkampagnen auf der ganzen Welt – besonders im US-Wahlkampf und beim Brexit-Referendum – bekannt wurde, packte sie in einem Untersuchungsausschuss in Großbritannien und vor dem Sonderermittler Robert Mueller aus über die Praktiken ihrer Firma und die Zusammenarbeit mit Facebook.

Seit Januar veröffentlicht Kaiser unter dem Hashtag #hindsight nach Ländern und Themen geordnete E-Mails aus ihrer Zeit bei CA. Als spätberufene Whistleblowerin wurde die US-Amerikanerin, die erst Mitte dreißig ist, stark kritisiert, nicht zuletzt im Zusammenhang mit ihrer Selbstdarstellung in der Dokumentation „The Great Hack“. Im heise-Gespräch am Rande der vom Burda-Verlag ausgerichteten DLD Munich 20 berichtet sie über das System Microtargeting und Fake News und darüber, wie CA in Deutschland aktiv war. Kaiser veröffentlicht diese Woche auch die deutsche Übersetzung ihres Buches „Die Datendiktatur“ (Originaltitel: „Targeted“).

Heise online: Sie haben die erste Facebook-Seite für die Obama-Kampagne gemacht und nach noch nicht einmal einer Legislaturperiode arbeiten Sie für die Firma, die geholfen hat, einen republikanischen Präsidenten ins Amt zu heben – Trump. Wie groß ist der Schritt von einem Engagement zum anderen? Die Technologie ist ja im Grunde die gleiche.

Britanny Kaiser: Die Technologie als solche ist ja nicht gut oder schlecht, es kommt darauf an, wie wir sie einsetzen. In der Obama-Kampagne hatten wir Regeln, also nicht Gesetze oder so, aber eine Art Ehrenkodex, an den wir uns gehalten haben: keine negativen Werbebotschaften. Unabhängig von den Daten, die wir benutzt haben, und die zweite Obama-Kampagne 2012 hat deutlich mehr Daten genutzt, denn da hatte man auch Zugriff auf die Friends-API, die wir 2008 noch nicht hatten. Wir haben auch Daten und Targeting benutzt, so viel wir konnten. Aber wir haben eben nur Obama und seine Politik beworben. Über andere Demokraten oder auch republikanische Konkurrenten haben wir nichts gesagt. Ich habe noch einige Jahre die Tools für gemeinnützige Organisationen genutzt, um Spender und Freiwillige für sie zu werben, und ich dachte einfach, dass das super Tools sind.

Heise online: Würden Sie heute sagen, dass Data Analysis mit persönlichen Daten, nicht bei der Modellierung von Klimamodellen oder ähnlichem, seine Unschuld verloren hat und kaum noch guten Gewissens gemacht werden kann?

Britanny Kaiser: Genau darum setze ich mich ja so sehr für Gesetzgebung und Regulierung ein. Weil ich glaube, es gibt eine Zukunft für Data Science und KI. Sie können uns helfen, einige unserer größten Probleme zu lösen, die Klimakrise, Verkehrsoptimierung, die Verhinderung der nächsten Massenschießerei, die Bekämpfung von Krebs. Derzeit sieht es so aus: Wir haben eine gefährliche, im Dunkeln arbeitende Industrie geschaffen. Es gibt keine Transparenz, keinen rechtlichen Rahmen und keine Aufsicht, die Menschen dabei unterstützen würde, ihre Privatsphäre zu schützen. Traurigerweise können daher Leute wie Sie und ich unsere Privatsphäre niemals völlig wiederherstellen, wegen all der Daten, die über uns überall da draußen sind. Sie kriegen sie nicht zurück. Sie haben kein Recht, ihre Daten in den Datenbanken überall in der Welt wieder zu löschen. Also, die DSGVO und die CCPA (California Consumer Privacy Act) sind ein Start.

Heise online: Das Recht auf Vergessen wurde so belacht.

Britanny Kaiser: (lacht) Jetzt wissen Sie, warum das so eine wichtige Klausel ist. Sobald einem das klar wird mit den eigenen Daten überall. Wir sollten das Recht auf Löschung haben. Ist Data Science also Teufelszeug? Für Sie und mich ja, schon ein bisschen. Allerdings sind die Daten, die wir heute und in Zukunft produzieren, wichtiger als historische Daten. Das ist unsere Chance, wir können die Daten, die wir für den Rest unseres Lebens produzieren, schützen und ich hoffe, dass meine Kinder und Enkel mal nicht in derselben Lage sind wie wir.

Heise online: Sie sagen, Datenanalyse auch mit persönlichen Daten für positive Zwecke bleibt möglich. Aber wie wollen Sie künftigen Missbrauch verhindern, wenn die Daten einmal da sind?

Britanny Kaiser: Ich denke, wir stehen vor einer schwierigen, komplizierten Aufgabe, wenn wir einerseits die Möglichkeit erhalten wollen, Daten zu nutzen, andererseits schwarze Schafe aufhalten wollen. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich gebe noch nicht einmal den Tech-Firmen die Schuld an dem ganzen Mist, der passiert ist. Eine Menge von ihnen hat nicht vorhergesehen, was sie in Gang setzen. Wer hätte voraussagen können, dass Russland Facebook nutzt, um Veranstaltungen zu 'Black Lives Matter' und 'Blue Lives Matter' an denselben Ort zu dirigieren in der Hoffnung, sie aufeinander zu jagen und eine gewalttätige Auseinandersetzung zu provozieren? Niemand hätte das voraussehen können. Jetzt, wo wir wissen, dass es passiert, erwarte ich, dass die Tech-Unternehmen in ihre Technologie investieren, um das zu verhindern. Von wo loggen sich Leute ein, welche Aktivitäten weichen signifikant von denen eines normalen Users ab? Kann man herausfinden, ob es sich um einen Bot handelt oder ob etwas von einer Trollfarm kommt? Das ist KI und das ist Investition in die Technik selbst. Denn wir können die besten Gesetze haben, aber bevor wir die Technik haben, um solche Dinge zu verhindern, haben wir dieses Niemandsland, wo wir jetzt stehen, in dem wir zwar ein Recht auf Löschung haben, aber wir können nicht nachweisen, dass eine Firma auch wirklich gelöscht hat, oder eben nicht. Es dürfte ein paar Jahre dauern.

heise online: Maria Ressa, die auf den Philippinen gegen Fake News kämpft, sagte, die Tech-Firmen sollten die Rolle der neuen Gatekeeper übernehmen. Finden Sie das richtig?

Britanny Kaiser: Ja, da hat sie recht. Leider. (lacht) Es ist nicht toll, sich vorzustellen, dass Mark Zuckerberg derjenige sein wird, der entscheidet, was meine Kinder auf dem Schirm sehen werden. Ganz und gar nicht. Aber wenn Facebook nicht das Geld in die Hand nimmt, das Problem zu lösen, dann wird es auch nicht gelöst. Wir können nicht auf die Regierungen warten – wissen Sie, wie langsam die sind?! Ja, Auditing durch Externe ist gut. Aber was Regierungen als erstes tun können, ist die Durchsetzung bestehender, grundlegender Rechte. Desinformation, üble Nachrede, Verleumdung – wir haben Gesetze dagegen. Wählerunterdrückung – wir haben Gesetze dagegen. Die Aufhetzung zu Gewalt oder Rassismus – wir haben Gesetze dagegen.

heise online: Facebook oder Google als Polizei, Staatsanwalt und Richter in eigener Sache?

Britanny Kaiser: Nein. Ich denke schon, dass wir mehr Regulierung der Technologieunternehmen brauchen. In den USA wird darüber nachgedacht, eine Datenschutzaufsicht zu etablieren, die als externe Aufsicht überwacht, was tatsächlich hinter den Kulissen der Technologiefirmen passiert. Wir können nicht darauf vertrauen, dass Facebook das selbst tut. Dafür haben wir ja den Beweis. Aber Facebook muss dafür bezahlen, nicht der Steuerzahler.

Heise online: Ist denn für Wahlen das Microtargeting, also die gezielte Ansprache, das größere Problem, oder ist es das Anfüttern mit verdrehten oder falschen Informationen? Und sind am Ende nicht Strategien wie der veränderte Zuschnitt von Wahlkreisen das größere Problem?

Britanny Kaiser: Das eine bringt hier ein paar tausend Stimmen, das andere da, und wenn Wahlen aufgrund kleinster Mehrheiten entschieden werden, hätte man vielleicht verloren, wenn man eine der Strategien nicht eingesetzt hätte. Ich würde alle diese Strategien Teile eines Puzzles nennen, das unvollständig wäre, wenn eines fehlt. Und obwohl ich Cambridge Analyticas Rolle gar nicht überbewerten will, habe ich die Fallstudien gesehen und die Zahlen, die teils von Dritten und nicht von Cambridge Analytica erhoben wurden, und ich habe die Wirksamkeit gesehen. Die Leute müssen verstehen, dass diese Taktiken schwerwiegende Folgen haben werden, und genau das bewegt mich dazu, mich für Regulierung auszusprechen. Microtargeting kombiniert mit falscher Information ist so beängstigend. Denn wir können hier nebeneinandersitzen, auf die gleiche Plattform und dieselbe Seite schauen und dennoch etwas total Unterschiedliches sehen. Selbst wenn wir auf die gleiche Nachricht schauen, am gleichen Tag, und es handelt sich um die gleichen Ereignisse auf der Welt. Wir bekommen verschiedene Versionen und sogar einige legitime Nachrichtenagenturen haben geänderte Headlines, je nachdem, ob du oder ich sie lesen. Und das ist beängstigend.

heise online: Welches waren die übelsten Taktiken, die Cambridge Analytica einsetzte für Wahlkampagnen?

Britanny Kaiser: Einige Dinge waren wirklich übel und die Trump-Kampagne war das Schlimmste, was ich gesehen habe. Beispielsweise wurden Hillary-Clinton-Unterstützer, die niemals Trump gewählt hätten, dazu gebracht, nicht zur Wahl zu gehen. Sie bekamen falsche Nachrichten dazu, was Hillary und ihre Stiftung gemacht hatten. Es ist immer billiger, Leute dazu zu bringen, nicht zur Wahl zu gehen, als sie davon zu überzeugen, einen bestimmten Kandidaten zu wählen.

Heise online: Cambridge Analytica kann seine Dienste nicht mehr anbieten. Doch die Nachfrage nach dieser Art von Diensten dürfte fortbestehen. Wer sind die Nachfolger?

Britanny Kaiser: Leider zu viele Leute. Eine ganze Reihe ehemaliger Cambridge-Analytica-Angestellten arbeiten weiter in der Politik, auch Alexander Nix. Ich weiß auch von mindestens zwei oder drei kleineren Unternehmen, die aus Cambridge Analytica heraus entstanden sind. Einige arbeiten für die Trump-Kampagne 2020. Die Oxford University hat zudem eine Studie zu Anbietern von Propaganda-as-a-Service gemacht und listet darin Hunderte von Firmen, die wie Cambridge Analytica arbeiten, nur dass sie noch schlimmer sind. Denn die Technologie hat sich vier Jahre weiter entwickelt, und wir haben noch keine Regulierung.

Heise Online: Es widerstrebt offenbar auch manchen Politikern, mindestens in den USA, schärfere Regeln einzuziehen, weil sie nicht ganz auf die Werkzeuge für ihren Wahlkampf verzichten wollen. Richtig?

Britanny Kaiser: Ja, ich war wirklich etwas schockiert, dass selbst demokratische Politiker mich aufgefordert haben, meine Forderung nach einem kompletten Verbot von Wahlkampfwerbung in den sozialen Medien nicht weiter zu propagieren. Denn sie könnten dadurch in ihrer Arbeit behindert werden. Ich werde ganz sicher nicht aufhören, Facebooks Entscheidung gegen einen Bann aller politischen Werbung als unethisch zu bezeichnen.

Heise online: Eine erste ausführliche Studie zu Fake News in Deutschland besagt, dass die Effekte hierzulande weniger dramatisch sind. Was haben Sie in ihrer Zeit bei Cambridge Analytica über Deutschland erfahren?

Britanny Kaiser: In Deutschland haben wir einen Pitch bei der CDU gemacht. Aber dort hat man uns gesagt, solche Datennutzung entspräche nicht der politischen Natur Deutschlands. (lacht) Wir haben auch einige andere Parteien angesprochen. Aber jede sagte uns, das sei zu sensibel und „wir können das hier nicht machen.“ Natürlich wollte Cambridge Analytica den großen deutschen Markt nicht kampflos aufgeben. Also hat das Data Science Team versucht, Daten hier zu kaufen und man kann Daten in Deutschland kaufen. Von Acxiom, das ist ein großer Datenverkäufer. Aber man kann die Daten nicht für die politische Werbung nutzen, denn man braucht sehr klare Opt-ins. Man kann sie natürlich kommerziell ausnutzen. Ich fürchte allerdings, dass man das umgehen kann. Cambridge Analytica ist beispielsweise oft Verträge mit kommerziellen Firmen eingegangen und hat für diese Daten gesammelt, um diese dann für politische Zwecke zu nutzen. Bevor man hier keine komplette Transparenz hat und die Finanzierung von politischer Arbeit durch private Gelder stoppen kann, bleibt da eine Riesen-Grauzone.

Heise online: Wird es bei der Veröffentlichung weiterer Dinge aus Ihrer Mailbox aus Ihrer Zeit bei Cambridge Analytica unter dem Hashtag "Hindsight“ auch Dokumente zu Deutschland geben?

Britanny Kaiser: Ja, es gibt etwas zu Deutschland. Es betrifft vor allem die Bemühungen verschiedener kommerzieller Unternehmen, die mit Cambridge Analytica ins Geschäft kommen wollten. Ich weiß nicht, ob davon tatsächlich etwas von Erfolg gekrönt war. Aber die Data Scientists von Cambridge Analytica haben sehr hart an einem Joint Venture mit Acxiom gearbeitet, um einen deutschen Ableger zu gründen. Da haben sie eine Menge Zeit investiert. Ob von den Bemühungen irgendetwas abgeschlossen werden konnte, bevor alles den Bach runter ging, weiß ich allerdings nicht genau.

Heise online: Etwas zu anderen europäischen Ländern?

Britanny Kaiser: Ja, einige der bizarrsten Dinge, die darunter sind, betreffen Rumänien und Ungarn. Wie ich schon gesagt habe, das betrifft genau den Punkt, dass Firmen genutzt wurden, um politische Kampagnen zu organisieren. Dabei könnte es auch Verstöße gegen Wahlkampffinanzierungsgesetze gegeben haben. Ich bin jedenfalls selbst mehrfach gebeten worden, Victor Orban zu treffen. Ich habe das nicht gemacht, aber andere Kollegen bei Cambridge Analytica haben nicht abgelehnt.

Heise online: Ist der Umstand, dass Deutschland ein schwieriges Terrain war für Cambridge Analytica – trotz der Anbahnungen mit Unternehmen – ein Zeichen von struktureller Widerstandsfähigkeit? Oder ist es einfach das, was sich Deutschland manchmal selbst vorwirft, technologische Rückständigkeit?

Britanny Kaiser: Ich war tatsächlich etwas verwirrt, wenn wir das erste Nein zu einem Wahlkampf-Pitch bekamen. Das kam von Frankreich. Die haben gesagt, das können wir hier nicht tun. Alexander machte die Präsentation, wie man Daten sammelt, wie man gezielt die Leute anspricht, es ging da um die Kampagne für Sarkozy. Da sind die wirklich ausgerastet. (lacht) Sie sagten, wir verlieren die Wahl, wenn jemand rauskriegt, dass wir so unsere Kampagne organisiert haben. Haut ab. Da hab ich gedacht, das ist doch völlig verrückt, wissen die eigentlich nicht, wie der Hase läuft in der ganzen Kommunikation. Ich war wirklich noch naiv zu der Zeit. Ich war überzeugt, so läuft das. Die werden zurückfallen, wenn sie sich dieser Mittel nicht bedienen.

Heise online: Das ist es, Europa wird technologisch abgehängt... (lacht)

Britanny Kaiser: Naja, in gewisser Weise wird Europa wird dadurch gerettet. Als man uns in Deutschland sagte, das können wir nicht machen, dachte ich, naja, in Deutschland gibt es wirklich einen guten Grund dafür, nein zu sagen. Nationale Datenbanken, von den Nazis oder der Stasi missbraucht, das ist ein guter Grund für strenge Gesetze. Diese historische Perspektive, wie schlimm es werden kann, wenn Daten missbraucht werden, sorgt für eine sehr gesunde Widerstandsfähigkeit. Das will ich in meinem Buch klarmachen – wenn wir nichts tun, dass kann es schlimm werden.

 heise online: Ok, noch drei persönliche Fragen. Sprechen wir übers Geld. Sie schreiben, dass Sie den Job bei Cambridge Analytica auch des Geldes wegen gemacht haben, Sie haben das Geld gebraucht. Jetzt ist der große Job weg – kann man mit Bücher schreiben überleben?

Britanny Kaiser: Ja, abgesehen vom Buch, verdiene ich mit Honoraren von Keynotes.

Heise online: Reicht das bis zur Rente?

Britanny Kaiser: Nach den nächsten Buchpräsentationen werde ich mir Zeit nehmen, Geld für meine Stiftung zu sammeln. Wir haben eine Reihe kleiner Spenden bekommen, um ab Frühjahr Kurse zu digitaler Kompetenz in öffentliche Schulen zu bringen. Das Programm richtet sich an acht- bis 12-Jährige. Wir erklären ihnen alles darüber, was mit ihren persönlichen Daten passieren kann, wir erklären Cybersecurity, Bullying und so weiter. Wir haben dafür ein vom Weltwirtschaftsforum finanziertes Programm lizenziert und dann schicken wir Leute in die Schule – und für einige Zeit werde das ich sein. Hoffentlich kriegen wir dafür viel Unterstützung. Ich habe außerdem vier Abschlüsse als Anwältin gemacht und will mich in der Zukunft um eine Zulassung als Anwältin für Datenrecht bemühen.

Heise online: Ihr Kollege – Partner in Crime, könnte man sagen – Chris Wylie hat Sie kritisiert und gesagt, für einen Whistleblower seien Sie etwas spät dran gewesen, weil Sie erst nach dem Skandal die Seite gewechselt haben. Was sagen Sie dazu?

Britanny Kaiser: Die Definition für Whistleblower ist nicht, dass man der erste ist (lacht). Ein Whistleblower verschafft Strafverfolgern oder Journalisten neue Informationen, im öffentlichen Interesse.

Heise online: Es war vielleicht etwas leichter...

Britanny Kaiser: Er hat mich motiviert. Denn ich habe mir auch gesagt, Mann, er war nur 9 Monate da und hat so viel Information. Ich war über drei Jahre dabei. Daher sollten die Leute auch Zugang zu all dem haben, was ich weiß.

Heise online: Was empfehlen Sie den Leuten, die sich Data Science zu ihrem Beruf wollen?

Britanny Kaiser: Man sollte sicherstellen, dass man einem ethischen und moralischen Code folgen kann, egal, für wen man arbeitet. Bevor man zu einer großen Werbefirma geht, sollte man vielleicht mal für eine Nichtregierungsorganisation, die Vereinten Nationen oder das Gesundheitsministerium im eigenen Land arbeiten. Ich hoffe, die schlauesten Data Scientists verfolgen eine Karriere in einem der vielen positiven Bereiche, die es gibt, anstatt nur die Leute zu verfolgen, damit sie etwas kaufen. (tiw)


Aus: "Cambridge Analytica: "Eine gefährliche, im Dunkeln arbeitende Industrie"" Monika Ermert (20.01.2020)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Cambridge-Analytica-Eine-gefaehrliche-im-Dunkeln-arbeitende-Industrie-4641565.html?seite=all

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[...] Ein Vertriebsnetz für Porno-Websites, die sich auf kostenpflichtige Streams von Live-Kameras spezialisiert haben, hat eine riesige Sammlung mit hochsensiblen Daten der beteiligten Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern frei im Internet zugänglich aufbewahrt. Das Affiliate-Unternehmen mit dem vielsagenden Namen "PussyCash" hat in einem offenen S3-Bucket in der Amazon-Cloud eine Sammlung persönlicher Daten samt Bildern von über 4000 Beteiligten vorgehalten. Das haben Security-Spezialisten von vpnMentor aufgedeckt.

Der knapp 20 Gigabyte große Objektspeicher des Amazon-Cloud-Dienstes Simple Storage Service (S3) enthielt laut dem Bericht von vpnMentor mehr als 875.000 Dateien, darunter Videos, Marketingmaterialien, Screenshots von Videochats sowie ZIP-Archive mit gesammelten Daten zu jeweils einer dort tätigen Personen. Enthalten sind Fotos bzw. Scans von Pässen, Personalausweisen, Führerscheinen, US-Militärausweisen, Sozialversicherungsausweisen, Kreditkarten, Eheschließungs- und Geburtsurkunden – also nahezu alle Dokumente, die eine moderne bürgerliche Existenz vollständig enthüllen.

Doch damit nicht genug: Enthalten waren in dem Leak außerdem die gescannten Verträge, in denen die Frauen und Männer bei dem Affiliate-Netz als "Models" beschäftigt werden, sowie schematische Körperdarstellungen mit etwaigen Piercings, Tattoos und Narben samt Angaben zu diversen Körpermaßen. Manche der "Models" hielten ihre Ausweise auch selbst ins Bild. Betroffen sind Sexarbeiter aus zahlreichen Ländern in aller Welt. Wie vpnMentor schreibt, sind manche Daten 15 bis 20 Jahre alt, andere erst wenige Wochen. Die Inhalte stammen demnach hauptsächlich von der LiveCam-Website imlive.com, andere Daten verweisen jedoch auf den Eigentümer des S3-Bucket, das Affiliate-Unternehmen "PussyCash", das auf seiner Website selbst keine pornografischen Inhalte anbietet.

Die Security-Spezialisten fanden die offene Datensammlung am 3. Januar und informierten am folgenden Tag "PussyCash" sowie das zugehörige Unternehmen "ImLive". Da es zunächst keine Reaktion gab, setzten sie am 7. Januar Amazon in Kenntnis – am selben Tag reagierte dann auch "ImLive" und teilte mit, man werde sich um die Angelegenheit kümmern und sie an das Technikteam von "PussyCash" weiterreichen. Zwei Tage später war der S3-Bucket nicht mehr offen zugänglich. Von "PussyCash" hat vpnMentor bislang keine Antwort erhalten, auch nicht von dessen Datenschutzbeauftragtem.

Der Eigentümer beider Unternehmen hat seinen Sitz in Andorra – da dieser Staat kein EU-Mitglied ist, greift hier die EU-Datenschutzgrundverordnung nicht. Durch diese könnten Behörden derartige Datenschutzverstöße mit teils empfindlichen Geldbußen ahnden.

Im November vergangenen Jahres hatten offen zugängliche Logdateien eines spanischen Betreibers von Porno-Websites die Identität von Millionen Betrachtern und der Sexarbeiterinnen ("Camgirls") zumindest indirekt – etwa über E-Mail-Adressen oder Nutzernamen – enttarnt. Im vorliegenden Fall ist die Enthüllung der Identität jedoch total und die Auswirkungen für die Betroffenen könnten katastrophal sein; sie könnten etwa Opfer von Mobbing, Stalking oder Erpressung werden. 2015 war es im Zuge der Enthüllung von Nutzern des Seitensprung-Portals "Ashley Madison" mutmaßlich zu einem damit zusammenhängenden Selbstmord gekommen. (tiw)


Aus: "Eimerweise hochsensible Daten: Schwerwiegender Leak bei LiveCam-Pornowebsites" Tilman Wittenhorst (18.01.2020)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Eimerweise-hochsensible-Daten-Schwerwiegender-Leak-bei-LiveCam-Pornowebsites-4641374.html

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