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Dr. D. Lemma findet in der Postmoderne Odysseus Punk – und Lenny Woodburn ist für Laterna News Network live vor Ort!
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[...] Bevor der Wecker klingelt, ist Hans-Georg Bahrenburg schon wach. Mitten in der Nacht steht er auf und verlässt sein Haus in Findorff. Dann wartet er auf die Zeitungspakete. Bahrenburg ist Zeitungsausträger und das seit mehr als sechzig Jahren, „mit Lust und Liebe“, sagt er. Ans Aufhören denkt der 80-Jährige nicht. Er erzählt aus seinem Leben und einer Familie, die eng mit der Zeitungsgeschichte Bremens verbunden ist.

Hans-Georg Bahrenburg begann als Kind, seiner Mutter mit ihren Zustellungstouren für die Bremer Nachrichten zu helfen. Es war wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Bremer Nachrichten erschienen gerade wieder, seine Mutter und Schwester trugen rund dreihundert Zeitungen pro Schicht in Utbremen aus. Im Bereich rund um die Wartburgstraße in Walle, zweieinhalb Stunden pro Nacht, sechs Tage in der Woche. „Anschließend bin ich zur Schule gegangen“, erinnert sich Bahrenburg. Lust zum Verteilen, das habe er immer gehabt, trotz der langen Tage.

Gerade volljährig geworden, übernahm er die Tour seiner Mutter. Eine Ausbildung als Fahrradmechaniker scheiterte, weil die Familie das Kostgeld nicht aufbringen konnte. Bahrenburg wechselte zwischen verschiedenen Arbeitsstellen, hörte zwischenzeitlich auf mit „dem Tragen“, wie er es formuliert. Seitens der Bremer Nachrichten sei er immer wieder gefragt worden, ob er nicht weitermachen könne. Und er konnte. Für 35 Jahre trug er Zeitungen in „seinem“ Bezirk in Findorff aus. Die Zeitungen kamen aufs Fahrrad. Früher fuhr er mit einem Anhänger, heute schiebt er. Das Alter fordert seinen Tribut. Störend findet er dabei nur von Autos zugeparkte Gehwege.

Was sich im Laufe der Jahre verändert hat? Der Kontakt zu den Abonnenten wurde weniger. Sein Sohn Olaf Bahrenburg erzählt aus der Zeit, als das Abo noch monatlich bei seinem Vater bezahlt wurde. „Er ist von Kunde zu Kunde gelaufen, hat jeden abgeklappert. Da gab es immer einen Klönschnack dabei. Ich bin als Kind mitgelaufen.“ Der stolze Sohn stempelte die Quittungen für die Barzahlung. Ehefrau Alma Bahrenburg erinnert sich: „Es waren viele ältere Herrschaften dabei. Mit denen hat er sich dann unterhalten. Das mochten die gerne und mein Mann mochte das auch.“ Die Umstellung auf Einzugsermächtigungen und Überweisungen hatte auch Folgen für die Zusteller. Mit dem Klönschnack sei auch das Trinkgeld verschwunden, sagt der 80-Jährige.

Der damals jugendliche Sohn Olaf Bahrenburg war nicht immer begeistert von der Zustellertätigkeit des Vaters. Heute berichtet er lachend, wie der ortsbekannte Vater frühmorgens von Kunden angerufen wurde, wenn eine Zeitung fehlte oder gestohlen worden war. Denn Hans-Georg Bahrenburg hatte immer ein paar Reserveexemplare zu Hause. Der müde Sohn hörte das Telefon oft zuerst. „Als 17-Jähriger war ich genervt, denn der Discobesuch am Abend zuvor war wieder länger. Entsprechend waren Anrufe morgens um sieben Uhr für mich absolut inakzeptabel.“

Hans-Georg Bahrenburg fing als Arbeiter bei der Deutschen Bahn an, aber behielt den Job als Zusteller. Erst Zeitungen tragen, dann schwere körperliche Arbeit im Gleisbau, so sah sein Tagesablauf für mehr als 30 Jahre aus. Der zusätzliche Zeitungsverdienst wurde für Familienurlaube ausgegeben. Zur Wendezeit wurde Bahrenburg für einige Monate nach Hamburg-Stellingen versetzt. Und bekam Angst, seine angestammte Findorff-Tour zu verlieren. Der Sohn musste ran, den Vater zu vertreten. Olaf Bahrenburg wurde von seinem Vater eingearbeitet, weckte dabei mit seinen lauten Fragen bei den ersten nächtlichen Touren die Nachbarschaft.

Aber: Nach drei Monaten kam der Vater zurück, froh darüber, die angestammten Straßen nicht verloren zu haben. „In der Familie scherzen wir schon, dass er die Zeitungen wohl auch noch zustellen wird, sollte er eines Tages im Rollstuhl sitzen. Er liebt diese Arbeit einfach und sie hält auch ihn fit“, sagt Softwareberater Olaf Bahrenburg. „Mein Hausarzt sagt immer: Behalten Sie das“, schmunzelt Bahrenburg selbst. Denn das Zeitungsaustragen ist sein Sport.

Wenn Hans-Georg Bahrenburg um 2.30 Uhr nach viereinhalb Stunden Schlaf sein Haus verlassen hat, wartet er auf die Zeitungslieferung. Rund einhundert Exemplare verteilt er heute noch, überwiegend den WESER-KURIER. Manchmal, sagt er, komme die Zeitung spät, dann warte er länger auf seiner Bank, wo die Pakete angeliefert werden. Anderthalb Stunden später hat er alle Exemplare in die Briefkästen gesteckt. Viele Abonnenten wüssten nicht, wer ihnen die Zeitung gebracht habe, meint er. Wieder zu Hause liest Bahrenburg seine Ausgabe der soeben verteilten Zeitung, frühstückt und schläft noch eine Runde. Wenn die Tour mal länger dauert, wird seine Ehefrau Alma Bahrenburg manchmal nervös, steht auf, schaut aus dem Fenster und wartet.

Warum hört einer nicht auf mit dem Zeitungstragen, wenn Altersgenossen in Rente gehen? „Weil ich damit groß geworden bin. Ich weiß gar nicht, wenn ich es aufgeben sollte, wie es mir dann wäre.“ Vor vier Jahren bekam Bahrenburg ein neues Zustellungsgebiet. Über seinen langjährigen früheren Bezirk sagt er: „Meine Kunden fragen heute noch, warum ich nicht wiederkomme.“


Aus: "Warum ein Bremer seit 60 Jahren die Zeitung austrägt" Helke Diers (28.09.2020)
Quelle: https://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-stadt_artikel,-warum-ein-bremer-seit-60-jahren-die-zeitung-austraegt-_arid,1936112.html

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[...] Immer mehr Hartz-IV-Empfänger müssen sich regelmäßig Geld vom Jobcenter leihen, um über die Runden zu kommen. Auch die Höhe der gewährten Darlehen hat sich seit 2007 fast verdoppelt. Das geht aus Zahlen des Jobcenters hervor. Vor 13 Jahren hat die Behörde 16.785 Euro an 82 Arbeitslosengeld-II-Empfänger verliehen. 2019 waren es mehr als 66.000 Euro an 163 Empfänger. Der durchschnittliche Darlehensbetrag stieg von 205 auf 408 Euro. 

Gedacht sind die zinslosen Darlehen als Hilfe, wenn ein Hart-IV-Empfänger in einer finanziellen Notlage ist. Dann kann ihm das Jobcenter einen gewissen Betrag gewähren. Die Rückzahlung erfolgt, indem das Arbeitslosengeld II gekürzt wird. Die Zahlen, die das Jobcenter Bremen präsentiert, spiegeln in etwa den bundesweiten Trend wider. Auch hier hat sich die Höhe der gewährten Darlehen seit dem Jahr 2007 nahezu verdoppelt. Das geht aus einer Antwort der Bundesagentur für Arbeit (BA) auf eine Anfrage der Linken-Bundestagsabgeordneten Sabine Zimmermann hervor.

Dass immer mehr Hartz-IV-Empfänger sich immer höhere Summe leihen müssen, führt das Jobcenter Bremen vor allem auf den gestiegenen Strompreis zurück. „Dabei ist zwischen Heizstrom und Haushaltsenergie zu unterscheiden“, teilt die Behörde mit. Kosten für Heizstrom würden als Teil der Unterkunftskosten übernommen. Strom, der im Haushalt beispielsweise für den Kühlschrank oder die Beleuchtung verbraucht wird, nicht. Seit der Jahrtausendwende ist der Preis für Strom von 13,94 auf 30,43 Cent pro Kilowattstunde in 2019 gestiegen. Diese gestiegenen Preise „wirken sich vermutlich auch auf die Höhe entsprechender Darlehen (…) aus“. Mit dem Geld könnten drohende Stromsperren umgangen werden.

Der Regelsatz für einen alleinstehenden Hartz-IV-Empfänger liegt bei 432 Euro. Berechnet wird er anhand der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe des Statistischen Bundesamtes. Dafür wurden zwölf Ausgabengruppen festgelegt, deren Höhe zusammen den Regelsatz ergeben. Für Strom und die Instandhaltung der Wohnung sind demnach 8,9 Prozent vorgesehen, also 38,32 Euro.

...  In der Sozialberatung hat sie [Svenja Schulz von der Caritas Bremen] regelmäßig mit Hartz-IV-Beziehern zu tun, die Darlehen aufnehmen müssen, um über die Runden zu kommen. Dass mit dem Geld Stromsperren vermieden werden sollen, erlebt sie auch. Viele, sagt sie, die zu ihr kämen, bräuchten aber Geld, um Dinge im Haushalt anzuschaffen – etwa wenn der Kühlschrank, die Waschmaschine oder der Herd defekt seien. Für Ersatzgeräte übernimmt das Jobcenter die Kosten nicht.

Hartz-IV-Empfänger sind angehalten, für solche Fälle zu sparen. ... Thomas Beninde von der Aktionsgemeinschaft Arbeitsloser Bürger (Agab): „Natürlich kann man nichts zurücklegen“, sagt der Jurist. Schon bei der Einführung von Hartz IV 2005 sei der Regelsatz viel zu niedrig gewesen. Über die Jahre sei die Diskrepanz zwischen dem, was die Jobcenter bezahlen, und dem, was Empfänger tatsächlich bräuchten, immer größer geworden. Die Hartz-IV-Erhöhungen hätten nicht der Preissteigerung entsprochen. Untersuchungen haben laut Beninde gezeigt, dass der Regelsatz etwa 150 Euro höher sein müsste, damit Hartz-IV-Empfänger angemessen leben können.

Beninde begrüßt, dass es das Darlehen für Empfänger von Arbeitslosengeld II gibt. Er glaubt aber, dass es nur in den wenigsten Fällen wirklich helfe. Denn wer ein solches Darlehen beantragen müsse, etwa um Stromkosten zu begleichen, zahle oft auch andere Schulden ab. Und wer Geld von der Behörde bekommt, der muss schon im nächsten Monat mit der Rückzahlung beginnen – indem das Arbeitslosengeld II um zehn Prozent gekürzt wird. Das bringe wiederum neue Probleme mit sich. Beninde plädiert deshalb dafür, dass das Jobcenter das Geld in Form eines Zuschusses gewährt – und nicht als Darlehen.

Welche Folgen ein Darlehen für die finanzielle Lage von Hartz-IV-Beziehern hat, dazu sagt das Jobcenter nichts. „Ein für einen begrenzten Zeitraum reduzierter Regelsatz führt sicherlich für die Betroffenen zu finanziellen Einschränkungen“, teilt die Behörde mit. „Eine pauschale Aussage, ob dies im Einzelfall zu weiteren Problemen führt, ist nicht möglich.“ Die Frage, ob der Regelsatz in der Höhe auskömmlich ist, müsse politisch bewertet und beantwortet werden.


Aus: "Höhere Darlehen für Hartz-IV-Empfänger in Bremen" Stefan Lakeband (28.09.2020)
Quelle: https://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-stadt_artikel,-hoehere-darlehen-fuer-hartzivempfaenger-in-bremen-_arid,1936143.html

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kretzschmar
am 28.09.2020, 07:22
Der Sozialstaat kostet uns jetzt mehr als eine Billion Euro:
Die drohende Pleitewelle vieler Kleinunternehmen im Herbst, Kurzarbeitergeld für Millionen Beschäftigte sowie steigende Ausgaben der Krankenversicherungen lassen stark kletternde Sozialausgaben erwarten, dazu gehen in Zukunft die Geburtenstarken Jahrgänge in Rente.

www.focus.de/finanzen/news/sozialabgaben-sozialstaat-kostet-deutschland-jetzt-mehr-als-eine-billion_id_12343722.html


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oldkarzwortel
am 28.09.2020, 09:47

@kretzschmar, ich bin auch gegen den Sozialstaat.

Ich plädiere für mehr Reichtum den Reichen
Weniger Steuern für Unternehmer
Mehr Möglichkeiten zur Steuervermeidung
Mehr Politiker die mal bei Steuerbetrug beide Augen zumachen
Sanktionslose Schwarzgeldreisen in die bekannten Steueroasen
Erhöhung der Brot und Brötchenpreise
Den Wohnungmarkt in die Hand von Spekulanten (geht viellecht nicht besser)
Baugrund nur für Investoren um Zersiedelung zu vermeiden
Mehr Globalisierung von Arbeit und mehr freien Warenverkehr
Mehr Megakonzerne zur Abschaffung von kleinen Strukturen im Handel
......

Ich muss jetzt aufhören, sonst droht die Nichtveröffentlichung ...


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kretzschmar
am 28.09.2020, 11:05
@oldkarzwortel

Genau, dann erklären sie mir doch mal warum wir überhaupt Steuern zahlen wenn man Geld auch drucken kann. Die jetzt überbordende Verschuldungsorgie kann schneller zu einem neuen "Kaiser" führen als sie denken.


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oldkarzwortel
am 28.09.2020, 12:42

Sie haben mich schon verstanden, die Medaille hat immer zwei Seiten und eine soziale Marktwirschaft wie die unsere ist ungeschlagen auf der Welt. Man muss sie also nicht abschaffen wollen, sondern sie stärken.


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Biologe
am 28.09.2020, 11:09

Ich frage meinen Arbeitgeber auch mal, ob er mir ein Darlehen für meine Heiz-, Strom- oder Wasserkosten gewährt. ...


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Mitdenker am 28.09.2020, 13:23

Keine Kostenübernahme für Ersatzgeräte

Hartz-IV-Empfänger sind angehalten, für solche Fälle zu sparen!

Wie geht das?

Antwort: Gar nicht!

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rondon, am 28.09.2020, 07:25

Nicht euer Ernst? Hartz IV - Empfänger sollen dafür sparen, wenn ihnen Kühlschrank, Waschmaschine etc kaputt gehen? Wovon das denn, bei den gestiegenen Preisen?
Die Menschen müssen Kredite aufnehmen, um die erhöhten Stromkosten abzufangen? Müssen die am Ende sogar noch Zinsen zahlen?
Oft trifft es doch alte Menschen, wo die Rente nicht reicht!

Geht's noch?


Für unseren Haushalt sind die Stromkosten um 9% gestiegen, aber ich verdiene gut, finde das aber als absolute Sauerei gegenüber Menschen, die auch oft unverschuldet, am unteren Ende der Skala leben müssen! ...


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cleverever
am 28.09.2020, 10:07

Ein kleiner Hinweis: Die Inflationsrate ist sehr gering, die letzten
Monate sogar um/unter 0,0 % . Und auch Arbeitnehmer müssen für eine Waschmaschine etc. sparen, nachdem sie ihren steuerlichen Hartz-4-Abzug geleistet haben.

Ein kleiner Hinweis: Bezüglich der Stromkosten war im WK vor kurzem zu lesen, daß mehr als 75% der Haushalte beim örtlichen Anbieter verbleiben und sich nicht um die Marktpreise kümmern.
Dann verwundert es nicht, wenn über Strompreise gemeckert wird. ...


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Video2000
am 28.09.2020, 09:53

Wie kommt der Autor eigentlich zu der Überzeugung "Hartz IV reiche für das Nötigste" ? Leider ist dies, im Gegensatz zur alten Sozialhilfe, erst recht zur Arbeitslosenhilfe, keinesfalls so.
 ...



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[...] ntv.de: Der Titel Ihres neuen Buches ist "Das gespaltene Land". Meinen Sie damit noch eine Trennung in Ost- und Westdeutschland?

Hans-Joachim Maaz: Ja, auch. Aus meiner Sicht ist das Land weiterhin oder auch erneut in West- und Ostdeutschland gespalten. Es gab ja diese Euphorie mit der Wende und der Hoffnung der DDR-Bürger, dass jetzt alles besser wird - mehr Demokratie, bessere Konsummöglichkeiten, Reisefreiheit. Aber das hat nicht so lange angehalten. Es gab dann doch eine spürbare Ernüchterung. Für viele Menschen sind diese Hoffnungen nicht aufgegangen. Aber für besonders wichtig halte ich, dass selbst Menschen, denen es deutlich besser ging, nicht zufriedener wurden. Sie leiden an den westlichen Lebenszwängen.

ntv.de: Was meinen Sie mit westlichen Lebenszwängen?

Hans-Joachim Maaz: Im Osten war man gut beraten, sich unterzuordnen, sich ins Kollektiv einzupassen, sich zurückzuhalten und nicht zu kritisch zu sein. Im Westen muss man laut sein, sich darstellen und verkaufen können. Das sind zwei sehr unterschiedliche Sozialisationen. Das ist der Grund, warum es diese Spannungen und ein Unverständnis zwischen Ost und West gab. Aber inzwischen erleben wir eine umfassendere gesellschaftliche Problematik, bei der die bisherige Konsum- und Wachstumsgesellschaft des Westens eine kritische Grenze erreicht hat. Das zeigt sich an der Finanz- oder Klimakrise oder an der Migrationsproblematik. In dieser Krise gibt es jetzt neue Gegensätze.

ntv.de: Welche Gegensätze sind das aus Ihrer Sicht?


Hans-Joachim Maaz: Menschen müssen sich an gesellschaftliche Verhältnisse anpassen, auch gegen ihr eigenes Wollen und Vermögen. Das führt oft dazu, dass sie gestresst und unzufrieden sind oder sich entfremdet verhalten müssen. Die bisherigen gesellschaftlichen Erfolge wurden durch solche Anpassungen erreicht. Wenn für eine zunehmende Zahl von Menschen die soziale Sicherheit nicht mehr gegeben ist, der Wohlstand und die Konsummöglichkeiten, dann sind sie geängstigt und verunsichert. Dann werden die persönlichen Ängste wieder aktiviert, die durch Kompensierung befriedet waren. Das ist aus psychotherapeutischer Sicht der Grund für die Spaltung, nicht nur zwischen Ost und West, sondern auch Alt und Jung, Mann und Frau, Stadt und Land, Migrationsfeinde und -freunde oder Coronamaßnahmenbefürworter und -gegner.

ntv.de: Wie definieren Sie an dieser Stelle Spaltung?

Hans-Joachim Maaz: Spaltung ist eine Reduzierung des kritischen Nachdenkens. Es ist ein primitiver seelischer Abwehrmechanismus, bei dem es nur schwarz oder weiß gibt. Ich beobachte, dass diese Spaltungen immer feindseliger werden. Das ist für mich Ausdruck einer seelischen Abwehr. Man möchte einen Schuldigen finden. Dann wird der eigene Anteil an einem falschen Leben und der Notwendigkeit, sich verändern zu müssen, erträglicher.

ntv.de: Nehmen denn Ost- und Westdeutsche in dieser Gesellschaftskrise verschiedene Positionen ein?

Hans-Joachim Maaz: Wenn wir davon ausgehen, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann, haben die Ostdeutschen damit Erfahrung. Sie wissen, wie es ist, wenn man sich anpassen muss und diese Anpassung plötzlich sinnlos wird. Das ist eine bittere und schmerzliche Erfahrung, aber auch eine, die hilft, bestimmte Dinge kritischer zu sehen. Und die haben die Westdeutschen nicht. Die Ostdeutschen sind aber mit dieser Erfahrung einfach sensibler und allergischer gegenüber gesellschaftlichen Entwicklungen oder auch politischer Heuchelei oder falschen medialen Darstellungen. Die Kritik, die aus dem Osten kommt, hat damit viel zu tun – dass man den Medien und Politikern nicht mehr traut. Das kennen Ostdeutsche. Deshalb ist die Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen stärker als im Westen. Dass es Pegida gibt und eine höhere Zustimmung für die AfD, das erkläre ich mir damit. Das ist nicht vordergründig politisch gedacht, sondern als Gesellschaftskritik.

ntv.de: Sie sprechen von unvereinbaren Polen, einem Entweder Oder, die meisten Menschen sind aber eher im Sowohl-Als-Auch unterwegs.

Hans-Joachim Maaz: Ich finde auch, dass ein gutes demokratisches Leben immer "Sowohl Als Auch" ist. Das ist die gesündere Variante, und das gibt es immer noch. Es haben eben immer beide Seiten Recht, es gibt nicht die eindeutige objektive Wahrheit. Es ist ja die Grundlage einer Demokratie, dass man Dinge so oder so sehen kann. Ich beobachte aber, dass das "Sowohl als Auch" zunehmend zu einem "Entweder Oder" wird. Das ist die Spaltung, der psychosozial primitive Abwehrvorgang oder die gestörtere Haltung. Damit nehmen die Feindseligkeiten in der Gesellschaft zu.

ntv.de: Wie kann man das ändern?

Hans-Joachim Maaz: Was wir brauchen, ist, dass wir alle Positionen zu Wort kommen lassen und ein wirklich kritischer Disput möglich wird. Das wird immer weniger. Stattdessen wächst die Tendenz zu sagen, das sind die ganz Bösen, mit denen reden wir nicht. Wenn in einer Gesellschaft auffällige Außenseiter- und Extrempositionen entstehen, dann bringt Abwertung nichts. Das sind Symptomträger einer gesellschaftlichen Entwicklung. Da muss man sich fragen, warum es mehr Kriminelle, Extremisten oder Gewalttäter gibt.

ntv.de: Innerhalb der pluralistischen Meinungsbildung werden ja diese verschiedenen Positionen durchaus diskutiert. Wie kann man das Einander-Zuhören auch im therapeutischen Sinne besser ermöglichen?

Hans-Joachim Maaz: Ich bin da anderer Meinung. Wenn sich heute jemand deutlich gegen Migration ausspricht, dann hat er es wesentlich schwerer, wird mehr kritisiert und abgewertet, als jemand, der für Migration ist. Es wäre wünschenswert, wenn es so wäre, dass alle Positionen diskutiert würden. Deshalb fürchte ich, dass sich die Verhältnisse zuspitzen, dass immer mehr Meinungen, die andere nicht hören wollen, ausgesperrt oder diffamiert werden.

ntv.de: Sie rufen dazu auf, das eigene Leben kritisch zu bewerten, statt vermeintlich Schuldige zu suchen. Was sehen Sie dabei für Defizite?

Hans-Joachim Maaz: Ich glaube, bei der Betrachtung des Nationalsozialismus und der DDR kommt die individuelle Beteiligung zu kurz. Solche Systeme sind nicht nur denkbar durch eine auffällige, pathologische Elite, sondern nur durch ein stützendes Mitläufersystem. Ich verwende dafür den Begriff der Normopathie und meine, dass etwas Gestörtes für normal gehalten wird, wenn eine Mehrheit diese Meinung vertritt. Das hat etwas mit dem menschlichen Grundbedürfnis zu tun, zu einer Gruppe dazuzugehören. So entsteht die Gefahr, dass man auch einer kollektiv falschen Meinung anhängt. Das kennen wir aus dem Nationalsozialismus und aus dem DDR-Sozialismus. Ich erkenne das auch in dieser aus meiner Sicht narzisstischen Gesellschaft. Wichtig ist, auf sich und auf seinen eigenen Anteil zu schauen. Was ist meine Schuld, wo bin ich Opfer, aber auch Täter einer gesellschaftlichen Fehlentwicklung? Das geschieht nicht ausreichend.

ntv.de: Steht 30 Jahre nach der Wiedervereinigung mehr persönliche Weiterentwicklung an, damit sich die Gesellschaft weiterentwickeln kann?

Hans-Joachim Maaz: Das wäre mein Wunsch. Ich sehe Zusammenhänge mit der Entwicklung des Kindes. In den ersten Lebensjahren wird die Persönlichkeit geprägt, die dann für ein Leben weiterwirkt. Deshalb ist es die beste Investition, wenn man für die beste Frühbetreuung von Kindern sorgt. Dann bekommt man emotional sichere, stabilere, friedfertigere Menschen, als wenn man die Kinder schlecht behandelt. Es wäre gut, wenn Politik und Wirtschaft das mehr berücksichtigen würden. Gerade gibt es die Tendenz, sehr rasch eine Fremdbetreuung zu favorisieren. Das sehe ich und viele meiner Kollegen kritisch, Krippe vom ersten bis dritten Lebensjahr eher nein, Kindergarten eher ja. Dazu gehört aber ökonomische und psychologische Unterstützung.

ntv.de: Sie werben sehr für das Zuhören, warum?

Hans-Joachim Maaz: Häufig ist es so, dass man nur darauf wartet, bis man die Stelle findet, an der man sein Argument anbringen kann. Das ist kein gutes Zuhören. Für meine Arbeit ist das aktive Zuhören wichtig. Mir sagt jemand etwas, aber ich höre nur das, was ich hören kann und will. Das ist mitunter sehr verzerrend zu dem, was gesagt wird. Also versuche ich zu formulieren, was ich verstanden habe und frage, ob das richtig ist. Eventuell wird das bestätigt oder präzisiert. So wird auch das Gemeinte mit verstanden. Das könnte schon in der Schule geübt werden. Das wünschte ich mir auch in der Gesellschaft und auch im Bundestag.

ntv.de: Politiker würden vielleicht argumentieren, dass zur politischen Auseinandersetzung eine gewisse Zuspitzung dazugehört. Schließt sich das aus?

Hans-Joachim Maaz: Entscheidend ist die Grundhaltung. Wenn ich immer davon ausgehe, ich muss den Gegner fertigmachen, schwächen und unbedingt meine Position durchsetzen, dann halte ich das für schädlich für das soziale Auskommen. Das ist keine Verständigung. Die Schärfe einer Aussage sollte in den Inhalten bestehen. Dafür muss man sich Mühe geben, die vertretenen Inhalte gut zu begründen. Eine Beschimpfung des Gegners ist das Gegenteil von dem, was gutes Zuhören bedeutet. Auch da gibt es wieder Parallelen zu Eltern-Kind-Beziehungen. Wir empfehlen auch da immer Ich-Botschaften statt Du-Botschaften, also zu sagen: Ich empfinde das so und nicht Du bist so. Die Ich-Botschaft hält die Beziehung lebendig, die Du-Botschaft belastet sie.

ntv.de: Sie selbst schauen auch auf 30 Jahre im wiedervereinigten Deutschland zurück. Wie fällt Ihr persönliches Fazit aus?

Hans-Joachim Maaz:

Ich habe sehr unter den DDR-Verhältnissen gelitten, weil ich mich da nicht einordnen wollte. Ich bin dann bei der Kirche untergeschlüpft und war dort sehr zufrieden, weil ich da frei arbeiten konnte. Ich war begeistert über den Zusammenbruch der DDR und war auch aktiv bei den Demonstrationen. Dann habe ich die neuen Verhältnisse genossen und auch beruflich neue Möglichkeiten gefunden. Das war alles positiv. In den letzten Jahren bin ich enttäuscht über die Entwicklung in ganz Deutschland. Ob das bei der kindlichen Frühbetreuung ist oder bei den demokratischen Defiziten, die ich sehe, das entsetzt mich. In der DDR gab es eine starke politisch-ideologische Abhängigkeit, heute gibt es eine starke und zunehmend auch moralische Abhängigkeit. Aus meiner Sicht steht in beiden Fällen als Resultat ein unsicherer und abhängiger Mensch. Das bleibt mein Thema. Ich unterscheide zwischen äußerer und innerer Demokratie. Es fehlt aus meiner Sicht die innerseelische Verankerung demokratischen Erlebens bei vielen Menschen, und das gefährdet demokratische Verhältnisse.

Mit Hans-Joachim Maaz sprach Solveig Bach


Aus: "Hans-Joachim Maaz im Interview "Ostdeutsche sensibler bei Veränderungen"" (Samstag, 26. September 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/politik/Ostdeutsche-sensibler-bei-Veraenderungen-article22058173.html

Hans-Joachim Maaz (* 17. Februar 1943 in Niedereinsiedel, Böhmen) ist ein deutscher Psychiater, Psychoanalytiker und Autor. ... 2017 war Maaz Unterzeichner der von der Dresdener Buchhändlerin und Pegida-Sympathisantin Susanne Dagen initiierten Unterschriftensammlung Charta 2017, die das Verhalten des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels im Hinblick auf die Proteste gegen die Präsenz von als rechts eingeordneten Verlagen bei der Frankfurter Buchmesse kritisierte. Nach den Ausschreitungen in Chemnitz 2018 warb er um Verständnis für die Demonstranten, wehrte sich gegen deren generelle Einordnung als Rechtsextreme und kritisierte in diesem Zusammenhang pauschalisierende Reaktionen der Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) und der Bundesregierung. ... ... 2020: Das gespaltene Land. Ein Psychogramm. Beck, München 2020, ISBN 978-3-406-75087-8.
https://de.wikipedia.org/wiki/Hans-Joachim_Maaz

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[...] ntv.de: Der Titel Ihres neuen Buches ist "Das gespaltene Land". Meinen Sie damit noch eine Trennung in Ost- und Westdeutschland?

Hans-Joachim Maaz: Ja, auch. Aus meiner Sicht ist das Land weiterhin oder auch erneut in West- und Ostdeutschland gespalten. Es gab ja diese Euphorie mit der Wende und der Hoffnung der DDR-Bürger, dass jetzt alles besser wird - mehr Demokratie, bessere Konsummöglichkeiten, Reisefreiheit. Aber das hat nicht so lange angehalten. Es gab dann doch eine spürbare Ernüchterung. Für viele Menschen sind diese Hoffnungen nicht aufgegangen. Aber für besonders wichtig halte ich, dass selbst Menschen, denen es deutlich besser ging, nicht zufriedener wurden. Sie leiden an den westlichen Lebenszwängen.

ntv.de: Was meinen Sie mit westlichen Lebenszwängen?

Hans-Joachim Maaz: Im Osten war man gut beraten, sich unterzuordnen, sich ins Kollektiv einzupassen, sich zurückzuhalten und nicht zu kritisch zu sein. Im Westen muss man laut sein, sich darstellen und verkaufen können. Das sind zwei sehr unterschiedliche Sozialisationen. Das ist der Grund, warum es diese Spannungen und ein Unverständnis zwischen Ost und West gab. Aber inzwischen erleben wir eine umfassendere gesellschaftliche Problematik, bei der die bisherige Konsum- und Wachstumsgesellschaft des Westens eine kritische Grenze erreicht hat. Das zeigt sich an der Finanz- oder Klimakrise oder an der Migrationsproblematik. In dieser Krise gibt es jetzt neue Gegensätze.

ntv.de: Welche Gegensätze sind das aus Ihrer Sicht?


Hans-Joachim Maaz: Menschen müssen sich an gesellschaftliche Verhältnisse anpassen, auch gegen ihr eigenes Wollen und Vermögen. Das führt oft dazu, dass sie gestresst und unzufrieden sind oder sich entfremdet verhalten müssen. Die bisherigen gesellschaftlichen Erfolge wurden durch solche Anpassungen erreicht. Wenn für eine zunehmende Zahl von Menschen die soziale Sicherheit nicht mehr gegeben ist, der Wohlstand und die Konsummöglichkeiten, dann sind sie geängstigt und verunsichert. Dann werden die persönlichen Ängste wieder aktiviert, die durch Kompensierung befriedet waren. Das ist aus psychotherapeutischer Sicht der Grund für die Spaltung, nicht nur zwischen Ost und West, sondern auch Alt und Jung, Mann und Frau, Stadt und Land, Migrationsfeinde und -freunde oder Coronamaßnahmenbefürworter und -gegner.

ntv.de: Wie definieren Sie an dieser Stelle Spaltung?

Hans-Joachim Maaz: Spaltung ist eine Reduzierung des kritischen Nachdenkens. Es ist ein primitiver seelischer Abwehrmechanismus, bei dem es nur schwarz oder weiß gibt. Ich beobachte, dass diese Spaltungen immer feindseliger werden. Das ist für mich Ausdruck einer seelischen Abwehr. Man möchte einen Schuldigen finden. Dann wird der eigene Anteil an einem falschen Leben und der Notwendigkeit, sich verändern zu müssen, erträglicher.

ntv.de: Nehmen denn Ost- und Westdeutsche in dieser Gesellschaftskrise verschiedene Positionen ein?

Hans-Joachim Maaz: Wenn wir davon ausgehen, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann, haben die Ostdeutschen damit Erfahrung. Sie wissen, wie es ist, wenn man sich anpassen muss und diese Anpassung plötzlich sinnlos wird. Das ist eine bittere und schmerzliche Erfahrung, aber auch eine, die hilft, bestimmte Dinge kritischer zu sehen. Und die haben die Westdeutschen nicht. Die Ostdeutschen sind aber mit dieser Erfahrung einfach sensibler und allergischer gegenüber gesellschaftlichen Entwicklungen oder auch politischer Heuchelei oder falschen medialen Darstellungen. Die Kritik, die aus dem Osten kommt, hat damit viel zu tun – dass man den Medien und Politikern nicht mehr traut. Das kennen Ostdeutsche. Deshalb ist die Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen stärker als im Westen. Dass es Pegida gibt und eine höhere Zustimmung für die AfD, das erkläre ich mir damit. Das ist nicht vordergründig politisch gedacht, sondern als Gesellschaftskritik.

ntv.de: Sie sprechen von unvereinbaren Polen, einem Entweder Oder, die meisten Menschen sind aber eher im Sowohl-Als-Auch unterwegs.

Hans-Joachim Maaz: Ich finde auch, dass ein gutes demokratisches Leben immer "Sowohl Als Auch" ist. Das ist die gesündere Variante, und das gibt es immer noch. Es haben eben immer beide Seiten Recht, es gibt nicht die eindeutige objektive Wahrheit. Es ist ja die Grundlage einer Demokratie, dass man Dinge so oder so sehen kann. Ich beobachte aber, dass das "Sowohl als Auch" zunehmend zu einem "Entweder Oder" wird. Das ist die Spaltung, der psychosozial primitive Abwehrvorgang oder die gestörtere Haltung. Damit nehmen die Feindseligkeiten in der Gesellschaft zu.

ntv.de: Wie kann man das ändern?

Hans-Joachim Maaz: Was wir brauchen, ist, dass wir alle Positionen zu Wort kommen lassen und ein wirklich kritischer Disput möglich wird. Das wird immer weniger. Stattdessen wächst die Tendenz zu sagen, das sind die ganz Bösen, mit denen reden wir nicht. Wenn in einer Gesellschaft auffällige Außenseiter- und Extrempositionen entstehen, dann bringt Abwertung nichts. Das sind Symptomträger einer gesellschaftlichen Entwicklung. Da muss man sich fragen, warum es mehr Kriminelle, Extremisten oder Gewalttäter gibt.

ntv.de: Innerhalb der pluralistischen Meinungsbildung werden ja diese verschiedenen Positionen durchaus diskutiert. Wie kann man das Einander-Zuhören auch im therapeutischen Sinne besser ermöglichen?

Hans-Joachim Maaz: Ich bin da anderer Meinung. Wenn sich heute jemand deutlich gegen Migration ausspricht, dann hat er es wesentlich schwerer, wird mehr kritisiert und abgewertet, als jemand, der für Migration ist. Es wäre wünschenswert, wenn es so wäre, dass alle Positionen diskutiert würden. Deshalb fürchte ich, dass sich die Verhältnisse zuspitzen, dass immer mehr Meinungen, die andere nicht hören wollen, ausgesperrt oder diffamiert werden.

ntv.de: Sie rufen dazu auf, das eigene Leben kritisch zu bewerten, statt vermeintlich Schuldige zu suchen. Was sehen Sie dabei für Defizite?

Hans-Joachim Maaz: Ich glaube, bei der Betrachtung des Nationalsozialismus und der DDR kommt die individuelle Beteiligung zu kurz. Solche Systeme sind nicht nur denkbar durch eine auffällige, pathologische Elite, sondern nur durch ein stützendes Mitläufersystem. Ich verwende dafür den Begriff der Normopathie und meine, dass etwas Gestörtes für normal gehalten wird, wenn eine Mehrheit diese Meinung vertritt. Das hat etwas mit dem menschlichen Grundbedürfnis zu tun, zu einer Gruppe dazuzugehören. So entsteht die Gefahr, dass man auch einer kollektiv falschen Meinung anhängt. Das kennen wir aus dem Nationalsozialismus und aus dem DDR-Sozialismus. Ich erkenne das auch in dieser aus meiner Sicht narzisstischen Gesellschaft. Wichtig ist, auf sich und auf seinen eigenen Anteil zu schauen. Was ist meine Schuld, wo bin ich Opfer, aber auch Täter einer gesellschaftlichen Fehlentwicklung? Das geschieht nicht ausreichend.

ntv.de: Steht 30 Jahre nach der Wiedervereinigung mehr persönliche Weiterentwicklung an, damit sich die Gesellschaft weiterentwickeln kann?

Hans-Joachim Maaz: Das wäre mein Wunsch. Ich sehe Zusammenhänge mit der Entwicklung des Kindes. In den ersten Lebensjahren wird die Persönlichkeit geprägt, die dann für ein Leben weiterwirkt. Deshalb ist es die beste Investition, wenn man für die beste Frühbetreuung von Kindern sorgt. Dann bekommt man emotional sichere, stabilere, friedfertigere Menschen, als wenn man die Kinder schlecht behandelt. Es wäre gut, wenn Politik und Wirtschaft das mehr berücksichtigen würden. Gerade gibt es die Tendenz, sehr rasch eine Fremdbetreuung zu favorisieren. Das sehe ich und viele meiner Kollegen kritisch, Krippe vom ersten bis dritten Lebensjahr eher nein, Kindergarten eher ja. Dazu gehört aber ökonomische und psychologische Unterstützung.

ntv.de: Sie werben sehr für das Zuhören, warum?

Hans-Joachim Maaz: Häufig ist es so, dass man nur darauf wartet, bis man die Stelle findet, an der man sein Argument anbringen kann. Das ist kein gutes Zuhören. Für meine Arbeit ist das aktive Zuhören wichtig. Mir sagt jemand etwas, aber ich höre nur das, was ich hören kann und will. Das ist mitunter sehr verzerrend zu dem, was gesagt wird. Also versuche ich zu formulieren, was ich verstanden habe und frage, ob das richtig ist. Eventuell wird das bestätigt oder präzisiert. So wird auch das Gemeinte mit verstanden. Das könnte schon in der Schule geübt werden. Das wünschte ich mir auch in der Gesellschaft und auch im Bundestag.

ntv.de: Politiker würden vielleicht argumentieren, dass zur politischen Auseinandersetzung eine gewisse Zuspitzung dazugehört. Schließt sich das aus?

Hans-Joachim Maaz: Entscheidend ist die Grundhaltung. Wenn ich immer davon ausgehe, ich muss den Gegner fertigmachen, schwächen und unbedingt meine Position durchsetzen, dann halte ich das für schädlich für das soziale Auskommen. Das ist keine Verständigung. Die Schärfe einer Aussage sollte in den Inhalten bestehen. Dafür muss man sich Mühe geben, die vertretenen Inhalte gut zu begründen. Eine Beschimpfung des Gegners ist das Gegenteil von dem, was gutes Zuhören bedeutet. Auch da gibt es wieder Parallelen zu Eltern-Kind-Beziehungen. Wir empfehlen auch da immer Ich-Botschaften statt Du-Botschaften, also zu sagen: Ich empfinde das so und nicht Du bist so. Die Ich-Botschaft hält die Beziehung lebendig, die Du-Botschaft belastet sie.

ntv.de: Sie selbst schauen auch auf 30 Jahre im wiedervereinigten Deutschland zurück. Wie fällt Ihr persönliches Fazit aus?

Hans-Joachim Maaz:

Ich habe sehr unter den DDR-Verhältnissen gelitten, weil ich mich da nicht einordnen wollte. Ich bin dann bei der Kirche untergeschlüpft und war dort sehr zufrieden, weil ich da frei arbeiten konnte. Ich war begeistert über den Zusammenbruch der DDR und war auch aktiv bei den Demonstrationen. Dann habe ich die neuen Verhältnisse genossen und auch beruflich neue Möglichkeiten gefunden. Das war alles positiv. In den letzten Jahren bin ich enttäuscht über die Entwicklung in ganz Deutschland. Ob das bei der kindlichen Frühbetreuung ist oder bei den demokratischen Defiziten, die ich sehe, das entsetzt mich. In der DDR gab es eine starke politisch-ideologische Abhängigkeit, heute gibt es eine starke und zunehmend auch moralische Abhängigkeit. Aus meiner Sicht steht in beiden Fällen als Resultat ein unsicherer und abhängiger Mensch. Das bleibt mein Thema. Ich unterscheide zwischen äußerer und innerer Demokratie. Es fehlt aus meiner Sicht die innerseelische Verankerung demokratischen Erlebens bei vielen Menschen, und das gefährdet demokratische Verhältnisse.

Mit Hans-Joachim Maaz sprach Solveig Bach


Aus: "Hans-Joachim Maaz im Interview "Ostdeutsche sensibler bei Veränderungen"" (Samstag, 26. September 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/politik/Ostdeutsche-sensibler-bei-Veraenderungen-article22058173.html

Hans-Joachim Maaz (* 17. Februar 1943 in Niedereinsiedel, Böhmen) ist ein deutscher Psychiater, Psychoanalytiker und Autor. ... 2017 war Maaz Unterzeichner der von der Dresdener Buchhändlerin und Pegida-Sympathisantin Susanne Dagen initiierten Unterschriftensammlung Charta 2017, die das Verhalten des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels im Hinblick auf die Proteste gegen die Präsenz von als rechts eingeordneten Verlagen bei der Frankfurter Buchmesse kritisierte. Nach den Ausschreitungen in Chemnitz 2018 warb er um Verständnis für die Demonstranten, wehrte sich gegen deren generelle Einordnung als Rechtsextreme und kritisierte in diesem Zusammenhang pauschalisierende Reaktionen der Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) und der Bundesregierung. ... ... 2020: Das gespaltene Land. Ein Psychogramm. Beck, München 2020, ISBN 978-3-406-75087-8.
https://de.wikipedia.org/wiki/Hans-Joachim_Maaz

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[...] Donald Trumps orange Haartracht ist für den amerikanischen Steuerzahler eine teure Angelegenheit: Mehr als 70.000 Dollar setzte der Immobilienmogul nach Recherchen der "New York Times" für das Styling seiner Frisur während der Laufzeit seiner Show "The Apprentice" von der Steuer ab. Und auch nach dem Umzug ins Weiße Haus sorgten eine Vielzahl von Abschreibungen und Verluste dafür, dass Trump vom Fiskus weitgehend verschont blieb. Der Zeitung zufolge hat er in 11 von 18 Jahren keinen Cent ans Bundesfinanzamt überwiesen. Im Jahr seines Wahlsiegs und dem ersten Amtsjahr zahlte der Mann, der sich vor seinen Anhängern rühmt, "wirklich reich" zu sein, jeweils 750 Dollar.

Anders als die Präsidenten vor ihm weigert sich Trump beharrlich, seine Steuererklärungen zu veröffentlichen. Am Sonntag, zwei Tage vor der ersten TV-Debatte mit dem Herausforderer Joe Biden, hat die "New York Times" nun die Transparenz erzwungen. Der Zeitung liegen die Steuerdaten des Trump-Imperiums mit rund 500 Unternehmen aus zwei Jahrzehnten vor, und aus den Enthüllungen lassen sich zwei Schlüsse ziehen:

  *  Donald Trump, der sich den Wählern als begnadeter Unternehmer und selbst gemachter Milliardär verkauft, ist längst nicht so erfolgreich, wie er behauptet,

  *  oder er hat die Kunst der Steuervermeidung zulasten der amerikanischen Staatskasse bis aufs Letzte ausgereizt.

Die Recherchen der Zeitung deuten darauf hin, dass es sich um eine Kombination beider Faktoren handelt. Immerhin eine Geschäftsidee des New Yorkers zahlte sich zunächst aus: die Eigenvermarktung.

Mit seiner Realityshow "The Apprentice" und Lizenzgebühren für die Verwendung seines Namens nahm er insgesamt 427 Millionen Dollar ein. Das Geld reinvestierte Trump vorzugsweise in Golfplätze, die sich allerdings selten als profitabel erwiesen. 2015 war seine Finanzlage offenbar so prekär, dass die "New York Times" eine schon nach Trumps überraschendem Wahlsieg 2016 aufgekommene Vermutung bestätigt sieht: dass er mit der Kandidatur auch den schwächelnden eigenen Marktwert aufpäppeln wollte.


Trump selbst nannte den Bericht am Sonntagabend "totalen Fake" und behauptete, "eine Menge" Steuern vor allem auch im Bundesstaat New York gezahlt zu haben. Mit Verweis auf eine laufende Steuerprüfung lehnte er es aber erneut ab, Zahlen zu nennen. "Sie behandeln mich schrecklich, (die Steuerbehörde) IRS, schrecklich", hatte er sich kürzlich beschwert.

Was es mit dieser Steuerprüfung auf sich hat, legt nun die "New York Times" dar: 2010 habe Trump vom Fiskus einen "Quickie" kassiert, eine kurzfristige Steuerrückerstattung, die jedoch vorbehaltlich weiterer Prüfung gewährt wird. Das Geschenk verdankte er vor allem einer Steuerreform der Obama-Regierung, die die Möglichkeit des Verlustrücktrags nach der Finanzkrise ausgedehnt hatte. Insgesamt erhielt Trump eine Rückzahlung von 73 Millionen Dollar. Immer noch streitet er mit dem Finanzamt, ob die Zahlung zu Recht erfolgte.

Die Recherchen der Zeitung lassen nicht nur Zweifel an Trumps Steuerehrlichkeit aufkommen, sondern auch an seinen Fähigkeiten als Investor. Und sie werfen ein Licht auf seine Interessenkonflikte als Präsident.

    So wurde das knapp 230 Acre (etwa 100 Hektar) große Anwesen "Seven Springs" im Bundesstaat New York, laut Trump-Organisation "ein Rückzugsort für die Trump-Familie", gegenüber dem Fiskus als Geschäftsinvestment klassifiziert. Der Vorteil: Grundsteuern konnten voll als Betriebsausgaben abgesetzt werden. Und zudem machte Trump den Verzicht auf eine Entwicklung des Geländes als 21-Millionen-Dollar-Wohltätigkeitsspende geltend.

    Regelmäßig verschlangen ominöse Beraterhonorare rund ein Fünftel der Einnahmen seiner Projekte. So kassierte ein nicht genannter Experte für Hotelprojekte in Hawaii und Vancouver 747.622 Dollar Gebühren - zufälligerweise entspricht das exakt dem Betrag, den Tochter Ivanka Trump als Einnahme ihrer Beratungsfirma deklarierte.

    Trumps Golfklubs scheinen Löcher ohne Boden zu sein: Seit 2000 häufte er der Zeitung zufolge Verluste von über 300 Millionen Dollar an. Als finanzieller Fehlschlag erwies sich vor allem das größte der Resorts, das Trump National Doral Miami. Erst nach einer Welle der Empörung hatte sich der Präsident dieses Jahr davon abbringen lassen, dort den G7-Gipfel abzuhalten. Aber auch sein Luxushotel in Washington, das zur Anlaufstelle von Lobbyisten und Parteigängern geworden ist, macht Millionen Miese.

    Ein Trost für ihn: In seiner Luxusabsteige Mar-a-Lago schossen die Gewinne hoch, nachdem er seine Kandidatur erklärt hatte. Die Einnahmen aus Aufnahmegebühren stiegen von 664.000 Dollar in 2014 auf knapp sechs Millionen Dollar 2016, bevor Trump dann den Mitgliedsbeitrag verdoppelte.

Seine Geldgeber dürften den Ausgang der Präsidentschaftswahl mit besonderer Spannung erwarten. Der Zeitung zufolge haftet er persönlich für 421 Millionen Dollar an Schulden. Der Großteil davon werde in den kommenden vier Jahren fällig.


Aus: "Steuertricks des Trump-Imperiums: 70.000 Dollar für die Frisur - abgesetzt von der Steuer" Ines Zöttl, Washington (28.09.2020)
Quelle: https://www.spiegel.de/wirtschaft/70-000-dollar-fuer-die-frisur-auf-kosten-des-fiskus-a-664ad8f0-e80d-4aac-86a1-c7c61e063461

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Olga

Damit ist es nun bewiesen. Trump ist der größte Dealmaker ever. Zumindest was das bescheissen des Finanzamts angeht. ...


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Roinern

Was soll der Neid – immerhin hat er die Haare schön :)


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[...] Trump wollte [ ] die Oberschicht (inklusive sich selbst) stärker besteuern und die Mittelklasse dafür entlasten. Bei der großen Reform senkte er die Steuern aber wesentlich stärker für Wohlhabende und treibt damit die Staatsverschuldung in neue Rekordhöhen. ... Untere Einkommensschichten hätten Grund, enttäuscht von Trump zu sein: Er hatte versprochen, den Mindestlohn zu erhöhen. Der steht aber noch immer unverändert bei 7,25 Dollar pro Stunde.

... Seine Wählerschaft, die vor allem außerhalb der Großstädte lebt, ist [ ] weniger vom Virus betroffen. Doch die schlimmsten Auswirkungen auf die unteren Einkommensschichten kommen noch. Irgendwann werden die staatlichen Finanzhilfen für die Menschen ausbleiben. Zwangsräumungen wegen Mietzahlungsrückständen sind zwar bis Ende des Jahres ausgesetzt, aber die Schulden werden immer mehr. Die große Frage ist, wie die Menschen mit ihren Ängsten umgehen und wie dies ihre Wahlentscheidung beeinflusst.

Hat Trump also alle Versprechen gehalten? Nein. Hat er alle gebrochen? Auch nicht. Trump hat größtenteils republikanische Positionen vertreten, Priorität auf die Wirtschaft und die Unternehmen gelegt. Aus Sicht von Republikanern und Konservativen sind das Punkte, die für ihn sprechen.

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Aus: "Zu 51 Prozent erfolgreich Niemand kann sagen, Trump sei gescheitert" Aus einer Analyse von Roland Peters (Sonntag, 27. September 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/politik/Niemand-kann-sagen-Trump-sei-gescheitert-article22057909.html
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[...] Als Motiv habe er die erneute Veröffentlichung umstrittener Mohammed-Karikaturen durch "Charlie Hebdo" genannt, die er "nicht ertragen" habe.

Vor dem einstigen Sitz der "Charlie Hebdo"-Redaktion hatte ein Angreifer am Freitag zwei Journalisten einer Agentur mit einem Hackmesser attackiert und schwer verletzt. Kurze Zeit später wurde der Hauptverdächtige in der nähe des Tatorts festgenommen. Nach eigenen Angaben ist er 18 Jahre alt und kommt aus Pakistan.

... Sie wurden im Gesicht schwer verletzt. Der Angriff war unglaublich gewalttätig“, sagte Hermann. „Es gab eine echte Bereitschaft zum Töten.“ Hermann kritisierte, dass das Gebäude während des seit Anfang September laufenden Prozesses gegen mutmaßliche Helfer der Terrorserie im Januar 2015 nicht geschützt wurde.

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Aus: "Verdächtiger gesteht Messerattacke in Paris" (26.09.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/er-habe-die-mohammed-karikaturen-nicht-ertragen-verdaechtiger-gesteht-messerattacke-in-paris/26219180.html

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Firebird 15:51 Uhr
Antwort auf den Beitrag von mcgyver 26.09.2020, 19:11 Uhr

    Ich verstehe auch nicht, warum Charlie Hebdo nun zum zweiten Mal diese Karikaturen veröffentlicht. Es war doch absehbar, dass wieder ein Anschlag stattfinden würde und vielleicht war das nicht mal der letzte. 

Hm, so haben die Attentäter wohl auch gedacht.


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countrylover 26.09.2020, 16:47 Uhr

    Als Motiv habe er die erneute Veröffentlichung umstrittener Mohammed-Karikaturen durch "Charlie Hebdo" genannt, die er "nicht ertragen" habe.

Ein guter Grund für europäische Tageszeitungen wie z.B. dem TSP nun erst recht die Mohammed-Karikaturen zu veröffentlichen und damit Solidarität mit den schwerverletzten Redakteuren in Paris zu zeigen.


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Pumpi-macht-Stress 26.09.2020, 14:02 Uhr

Ideologien/Religionen vertragen schwer die Freiheiten in einer westlich-pluralistischen und demokratischen Gesellschaft. Einge der Foristen werden natürlich wieder die erneute Veröffentlichung der Karikaturen kritisieren: Ach, man muss nicht erneut Öl ins Feuer gießen.  Aber das Öl, ein heilsames Balsam, ist nicht das Problem - Feuer hat nicht nur Bücher verbrannt sondern au f den Scheiterhaufen religiöser Fanatiker brannten Menschen, bizarrerweise auch Tiere. Ach ja, Religionen sind was feines - sie geben uns Halt im morden, verbrennen, erstechen, hängen.


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mansfield 26.09.2020, 16:07 Uhr
Antwort auf den Beitrag von ZyanKarli 26.09.2020, 15:13 Uhr

    Oder können Sie sich an aktuelle  Attentate von in ihrem Glaubensempfinden verletzten Buddhisten/Juden/Christen erinnern?

Na ja, z.B. als Gynaekologe, der Abtreibung vornimmt, wuerde ich mich in den USA sehr unsicher fuehlen. Was aber nicht von der Tatsache ablenkt, dass ich den Safalfismus als sehr gefaehrlich empfinde.


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Pumpi-macht-Stress 26.09.2020, 18:20 Uhr
Antwort auf den Beitrag von ZyanKarli 26.09.2020, 15:13 Uhr

    Warum nehmen Sie alle Gläubige in Sippenhaft?

Sie sollten auf die Nuancen achten: Ich spreche von Ideologien/Religionen die "letzte Wahrheiten" verkünden, nicht von Gläubigen, die mal mehr oder weniger angefasst sind wenn es Kritik hagelt.


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[...] Er ist einer der lautstärksten Unterstützer des Brexits: Jim Ratcliffe, Multimilliardär und Chef des Petrochemiekonzerns Ineos. Das hat den reichsten Briten allerdings nicht davon abgehalten, nach erfüllter Mission nach Monaco zu ziehen.

 Wie die Finanznachrichtenagentur Bloomberg berichtet, ist Ratcliffe nun offiziell Einwohner des Fürstentums und muss damit weder Einkommen noch Dividenden versteuern. Das dürfte sich für den 67-Jährigen durchaus lohnen, denn Bloomberg taxiert das Vermögen des Brexit-Befürworters auf umgerechnet 19,3 Milliarden Euro.

Vor zwei Jahren hatte Ratcliffe noch versichert, auch nach dem Brexit in Großbritannien zu bleiben. Doch seitdem gab es immer wieder Berichte, der Milliardär bereite sich wie die zwei anderen Ineos-Top-Manager darauf vor, die Insel zu verlassen.

Der Konzern hatte 2010 aus steuerlichen Gründen den Sitz in die Schweiz verlegt. Sechs Jahre später ging es dann vor dem Hintergrund der Brexit-Unterstützung zurück nach Großbritannien. Ratcliffe versicherte später, die dreiköpfige Ineos-Spitze habe tiefe Reue für den Wegzug in die Schweiz empfunden. Schließlich seien er und seine beiden Mitstreiter zutiefst britisch. Die Entscheidung für die Schweiz sei im "Spannungsfeld von Emotionen und Steuer-Pragmatismus" gefallen.

Nun zieht es Ratcliffe also nach Monaco. Auch andere sehr reiche Unterstützer des Brexits haben ihren Lebensmittelpunkt und ihr Vermögen ins Ausland verlagert, nachdem sich die Briten 2016 in einem Referendum dafür ausgesprochen hatten, die Europäische Union zu verlassen. Prominentestes Beispiel ist James Dyson. Der Erfinder der beutellosen Staubsauger lebt mittlerweile in Singapur.

Quelle: ntv.de, jga


Aus: "Reichster Brite verlässt Insel: Brexit-Fan Ratcliffe zieht nach Monaco" (Freitag, 25. September 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/wirtschaft/Brexit-Fan-Ratcliffe-zieht-nach-Monaco-article22059778.html

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Gedankenschleuder und Fraktal Texte / [Das Böse... [?] (Notizen)]
« Last post by Textaris(txt*bot) on September 26, 2020, 01:21:01 nachm. »
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[...]  Eine Arte-Dokumentation analysiert „Die Biografie des Bösen“. ... An einem heißen Sommertag im Juli 2011 begibt er sich in die Innenstadt von Oslo, wo er mit den aus Tonnen an Düngemitteln zusammensetzenden Bomben den ersten Anschlag verübt. Alle Aufmerksamkeit, die der Medien und die der Polizei, ruht auf diesem ersten Anschlag im Regierungsviertel. Dann begibt er sich aus Oslos Innenstadt hinaus auf einen der Binnenseen mit den vorgelagerten Inseln, Ziel ist die Insel Utøya. Dort streicht er durch ein ein Jugendcamp umgebenden Wald und schießt auf junge Menschen. Einen nach dem anderen bringt er um, verfolgt sie durch das Camp, jagt durch die Wälder. Es dauert keine anderthalb Stunden. Am Ende werden 77 Menschen ihr Leben lassen. Der Täter, der 1979 in Oslo geborene Anders Behring Breivik, sitzt nach einer Gerichtsverhandlung heute in Haft, er ist zu 21 Jahren und anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt. Eine lebenslange Freiheitsstrafe kennt Norwegen nicht – auch nicht für einen Massenmörder.

Warum ist ein Mensch böse? Woher kommt dieses Element des Bösen, das einen Menschen, etwa einen Massenmörder wie Breivik, zu einer solchen Tat antreibt? Ist ein solcher Mensch von Geburt an per se durch seine Gene böse, ist es ihm anerzogen worden, hat es ihm das soziale Umfeld implementiert oder ist es eine rein individuelle Entwicklung, die hin zum Bösen führt? Fragestellungen, die die Dokumentation „Die Biografie des Bösen“ von Gerrit Jöns-Anders und Amrei Topçu aufgreift und ihnen in geboten nüchterner Sachlichkeit nachgeht.

Da ist zunächst der Norweger Breivik, dessen Kindheit näher beleuchtet und hinterfragt wird. Forensikerinnen, Psychologen, Wissenschaftlerinnen kommen zu Wort, unter anderem wird das sogenannte „epigenetische Gedächtnis“ thematisiert und die Frage gestellt, ob ein solches mittels therapeutischer Maßnahmen verändert werden kann. Von der überforderten Mutter, die am Borderline-Syndrom leidet, ungewollt und ungeliebt, begleitet Breivik das Motiv der Ablehnung von Kindesbeinen an.

 „Eine sozial unerwünschte Geburt“ wird das von einer forensischen Psychiaterin genannt. Früh schon wird Breivik, dessen Eltern sich bald trennen, als Kind als verhaltensauffällig beschrieben, als jemand, der keinen Zugang zu Emotionen habe. Seine Entwicklung zum Außenseiter scheint programmiert. Den Massenmord, den der damals 32-Jährige im Juli 2011 begeht, bereitet er lange vor, niemand stört ihn dabei, niemand fragt nach. Eine ganze Zeit lang lebt der junge Mann in einem Zimmer in der Wohnung seiner Mutter, zu der er nach einem schon früh gescheiterten Leben zurückkehrt. Zu der Mutter, die ihn nie wollte. Dort, hinter verschlossener Tür, verbringt er Tage und Nächte im Internet. Dann schlägt er zu.

Andere Fälle sind der Pole Leszek Pekalski oder der aus Kärnten stammende Jack Unterweger. Der eine – auch „die Bestie von Osieki“ genannt – hat in den 1980er Jahren 80 Menschen umgebracht und Polen in Angst und Schrecken versetzt, der andere ist ein Frauenserienkiller. Pekalski kommt nach einer Vergewaltigung seiner Mutter in der nordpolnischen Provinz zur Welt, wird früh von der Mutter weggegeben, landet im Heim, wird überall nur „der Bastard“ gerufen, gelangt nach vier Jahren im Heim zur rigiden Großmutter, die ihn quält, die Hände des Jungen bei kleinsten Vergehen auf die kochend heiße Herdplatte presst. Es ist nicht zuletzt auch die frühe Ausgrenzung, der frühe Missbrauch, die destruktive Entwicklung, die aus diesen Menschen später einmal Täter macht, sie böse werden lässt.

Derzeit nennt die Forschung letztlich drei entscheidende Gründe, die das menschliche Verhalten maßgeblich prägen: die Gene, die Sozialisation und schließlich die individuelle akute Lebenssituation.

Klar wird nach den Ausführungen und Fallbeispielen also, dass es meist nie nur ein einzelner Grund ist, der einen Menschen böse werden lässt. „Das Böse ist unsichtbar und hat viele Gesichter“, heißt es im Off-Kommentar am Schluss. Klar aber ist auch, dass die Taten mithin aus den komplexen Biografien der Täter heraus zu rekonstruieren sind: So entsteht am Ende die Biografie des Bösen.


Aus: "Arte-Doku über das Böse: Woher der Hass kommt" Thilo Wydra (25.09.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/arte-doku-ueber-das-boese-woher-der-hass-kommt/26220190.html
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BigBrotherAwards 2020
Im Corona-Jahr mussten die BigBrotherAwards in den Herbst verschoben werden. Zu den schon im April ausgewählten sechs Preisträgern Tesla, Innenministerkonferenz, BrainCo, Bundesregierung und H&M gesellte sich deshalb noch kurzfristig Susanne Eisenmann hinzu. Der Publikumspreis ging an die Innenministerkonferenz für ihre Geschichtsvergessenheit.
https://bigbrotherawards.de/2020

https://bigbrotherawards.de/2020/mobilitaet-tesla

https://bigbrotherawards.de/2020/behoerden-verwaltung-brandenburg-innenminister

https://bigbrotherawards.de/2020/bildung-brainco-und-leibniz-wissenschaftscampus-tuebingen

https://bigbrotherawards.de/2020/politik-bundesregierung

https://bigbrotherawards.de/2020/digitalisierung-bildungsministerin-baden-wuerttemberg-susanne-eisenmann

https://bigbrotherawards.de/2020/arbeitswelt-hm-hennes-und-mauritz

https://bigbrotherawards.de/2020/geschichtsvergessenheit-innenministerkonferenz-bundesrepublik-deutschland
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