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[...] Der Pate sitzt an einem Tisch und schaut in die Kamera, unter seinem offenen Hemd schimmert eine Goldkette, vor ihm liegen Bücher und Papierstapel. So beginnen die Videobotschaften des türkischen Mafiabosses Sedat Peker, die Ankara erbeben lassen.

Denn was Peker zu sagen hat, ist pures Dynamit – besonders wenn er von dem „sauberen Süleyman“ spricht, dem türkischen Innenminister Süleyman Soylu. In seinen Videos enthüllt Peker enge Verbindungen zwischen der türkischen Regierung und dem organisierten Verbrechen. Auch im fünften Clip, der am Sonntag verbreitet wurde, spielte der „saubere Süleyman“ eine große Rolle.

Der 49-jährige Peker ist unter anderem wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung vorbestraft und stand mehrmals wegen Mord, Mordversuch, Entführung und anderen Vorwürfen vor Gericht. Eine Zeit lang trat der nationalistische Mafiaboss als besonders rabiater Anhänger der Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan auf. So drohte er öffentlich, er werde Gegner der Regierung am nächsten Baum aufhängen und in ihrem Blut baden. Da die Justiz ihn unter Verweis auf die Meinungsfreiheit gewähren ließ, war klar, dass Peker den Schutz der Regierung genoss.

Aber damit ist es vorbei. Im Januar 2020 floh Peker überstürzt ins Ausland – kurz darauf wurde sein Rivale aus der türkischen Unterwelt, Alaattin Cakici, auf Betreiben von Erdogans rechtsnationaler Koalitionspartei MHP aus dem Gefängnis entlassen. Cakici habe seitdem Pekers Platz als staatsnaher Mafiaboss übernommen, kommentierten die Medien.

Peker soll inzwischen in Dubai leben. Von dort aus veröffentlicht er seit einem Monat über sein Twitter-Konto ein Video nach dem anderen. Die Serie begann, als die türkische Polizei in landesweiten Razzien mehrere Dutzend Mitglieder seiner Bande festnehmen ließ. Peker ärgert sich besonders über Soylu: Dieser habe ihn lange geschützt, dann aber fallen gelassen. Der Innenminister nennt Peker inzwischen eine „Ratte“.

Der Mafioso behauptet, er habe auf Befehl von Soylu türkischen Polizeischutz erhalten und dem Innenminister häufig geholfen. Noch voriges Jahr habe er per Internet eine Solidaritätsbewegung für Soylu organisiert und ihm so das politische Überleben gesichert, nachdem der Minister wegen einer schlecht organisierten Corona-Ausgangssperre zurückgetreten war. Damals gab es eine Twitter-Kampagne gegen Soylus Rücktritt – Erdogan beließ den Minister deshalb im Amt.

Heute ist Soylu mächtiger denn je. Der Minister tue so, als habe er eine weiße Weste, schimpft Peker. Dabei habe der „saubere Süleyman“ seine Anhänger zu Richtern und Staatsanwälten befördern lassen, sagt er in seinem Video vom Sonntag.

In anderen Clips greift Peker den früheren Innenminister Mehmet Agar an, dem schon lange Verbindungen zur Mafia nachgesagt werden: Während Agars Amtszeit in 1990er Jahren kam heraus, dass der türkische Staat rechtsgerichtete Mafosi als Handlanger einsetzte, um vermeintliche Staatsfeinde zu töten. Peker behauptet, dass diese Verbindungen heute noch funktionieren. So sei eine junge Frau, die den Sohn von Agar bei der Polizei als Vergewaltiger angezeigt habe, kurz darauf tot aufgefunden worden. Die Staatsanwaltschaft stellte alle Ermittlungen rasch ein.

Andere Videos befassen sich mit angeblichen Drogenlieferungen aus Südamerika in die Türkei, die von der Justiz ignoriert worden seien. Peker berichtet auch von seinen eigenen Verbrechen als regierungstreuer Mafioso. So habe er einen ehemaligen Parlamentsabgeordneten in einer Polizeiwache krankenhausreif prügeln lassen, weil dieser angeblich Erdogan und die Präsidentenfamilie beleidigt hatte.

Selbst Erdogan-Berater sind entsetzt. Wenn Pekers Behauptungen auch nur zu einem Tausendstel wahr seien, wäre dies eine Katastrophe, sagte der ehemalige Justizminister Cemil Cicek. Er rief die Justiz zum Handeln auf – doch die Staatsanwälte, die sonst bei jeder regierungskritischen Äußerung einschreiten, schweigen bisher beharrlich.

Das liegt womöglich daran, dass Peker noch viel mehr über die dunklen Kontakte zwischen Regierung und Verbrecherbanden erzählen könnte, wenn er unter Druck gesetzt wird. Minister Soylu sei die Schlüsselfigur im Dreieck zwischen Erdogans Regierungspartei AKP, Bahcelis MHP und der Mafia, sagt der Oppositionspolitiker Özgür Özel.

In der türkischen Öffentlichkeit haben Pekers Enthüllungen sogar die Corona-Pandemie von der Tagesordnung verdrängt. Die Journalistin Tugce Tatari stellte in einem Beitrag für das Nachrichtenportal T24 eine Frage, die das ganze Land beschäftigt: „Ist die Türkei ein Mafia-Staat?


Aus: "Enthüllungen in der Türkei: Erdogan und sein Problem mit dem Mafiaboss" Susanne Güsten (16.05.2021)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/enthuellungen-in-der-tuerkei-erdogan-und-sein-problem-mit-dem-mafiaboss/27195816.html

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 on: May 14, 2021, 01:57:11 PM 
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[...] Philip N. Howard, 1970 im kanadischen Montreal geboren, ist Professor für Internetstudien an der Universität Oxford in Großbritannien. Der Soziologe ist mehrfach ausgezeichneter Autor zum Thema Informationstechnologien und Politik. In deutscher Sprache erschien 2016 das Buch "Finale Vernetzung: Wie das Internet der Dinge unser Leben verändern wird".

Nicht einmal auf Tinder ist man vor Wahlkampfwerbung sicher, wie unter anderem die ÖH-Wahlen hierzulande zeigen. Auch für britische Politkampagnen wurden eigens Bots programmiert, um auf der Datingplattform sowohl für Labour- als auch für konservative Kandidaten zu werben. Algorithmen und Bots in den sozialen Medien beeinflussen ganz allgemein die öffentliche Meinung. Bringt das Demokratien in Gefahr?

Ja, so lautet zumindest die Antwort des Politikwissenschafters Philip N. Howard vom Internetinstitut der Universität Oxford. In seinem 2020 erschienenen Buch "Lie Machines: How to Save Democracy from Troll Armies, Deceitful Robots, Junk News Operations, and Political Operatives" schreibt er, dass sich moderne Politik ohne derartige digitale Kampagnen nicht mehr denken lässt. Unmengen an persönlichen Daten werden gesammelt, um einzelne Gruppen zielgerichtet manipulieren zu können. In vielen Fällen geschieht dies gar über die Verbreitung von Falschinformationen, eine Taktik, die auch Gruppierungen wie Verschwörungstheoretikerinnen und -theoretiker verwenden.

Mit "Lügenmaschinen" bezeichnet der Forscher soziale und technische Mechanismen, die angewandt werden, um eine falsche Information zu produzieren, über soziale Medien zu verbreiten und zu vermarkten. Hier sind mehrere Akteure involviert: Personen aus der Politik, denen das Ganze nutzen soll; Plattformen wie Facebook und Instagram, über die Falschinformationen zahlreiche Menschen erreichen; außerdem die Vermarktung, etwa durch eine Politikberatungsagentur.

Über den Einfluss der digitalen Desinformationsmaschinerie auf politische Systeme referierte Howard am 10. Mai: Er eröffnete die dreitägige Online-Konferenz "Digital, direkt, demokratisch? Technikfolgenabschätzung und die Zukunft der Demokratie", die vom Institut für Technikfolgen-Abschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften organisiert wurde.

STANDARD: Im Titel Ihres aktuellen Buchs geht es um Armeen, Agenten und Operationen. Sind wir schon im Krieg der Desinformation?

Howard: Ich denke, dass es sich tatsächlich um eine Schlacht handelt, für die Demokratien eine Verteidigungsstrategie brauchen. In den letzten Jahren haben sich die Quellen dieser Kampagnen verschoben: Früher waren es meist fremde autoritäre Regime, die Desinformationsstrategien in ihrem eigenen Land benutzten. Dann beeinflussten sie Wählerinnen und Wähler in Demokratien, wie bei US-Wahlen und dem Brexit-Votum durch russische Interventionen. Jetzt sind es aber auch Politikerinnen und Politiker in unseren eigenen Ländern, wie Trump und andere US-Politiker, die große Mengen an Fehlinformationen generieren. Der Einsatz von Lügenmaschinen ist im Rahmen moderner Kommunikationsstrategien normal geworden. Social-Media-Firmen profitieren davon, indem sie sensationelle Inhalte verbreiten. Das große Geld fließt bei den US-Präsidentschaftswahlen, um neue Techniken zu entwickeln.

STANDARD: Dabei spielt auch der Ankauf von persönlichen Daten eine Rolle. Wie sieht das Ganze in Europa aus?

Howard: In Europa haben wir in dieser Hinsicht Glück. Auch als Kanadier in Großbritannien bin ich in wichtigen Punkten noch immer durch die Datenschutz-Grundverordnung geschützt. Viele der Dinge, die Data-Mining-Firmen im Kontext der USA tun, sind in der EU illegal und würden (bei einer Anklage, Anm.) zu Geld- und Haftstrafen führen. Aber: Es gibt immer noch riesige Mengen an Daten über uns, mit denen gehandelt wird und die etwa für Geheimdienstanalysen zur Verfügung stehen. Und es wird immer ein politisches Interesse geben, Informationen im Dienste der Macht zu nutzen.

STANDARD: Sie sagen, dass vor allem auch Rechtsextreme und Ultrakonservative Lügenmaschinen nutzen und Falschinformationen verbreiten. Das zeigt sich auch angesichts von Protesten gegen Covid-Maßnahmen. Was ist deren Ziel beim Versuch, Menschen etwa vom Tragen der Schutzmasken abzubringen?

Howard: Diese extremistischen Organisationen versuchen im Allgemeinen, uns dazu zu bringen, etablierten Institutionen zu misstrauen. Da geht es um die Regierung, aber auch um Bildungseinrichtungen, Ärztinnen und Ärzte. Natürlich ist auch das Misstrauen gegenüber professionellen Journalistinnen und Journalisten ein beständiges Thema rechtsextremer Bewegungen.

STANDARD: Zu Desinformation in der Corona-Krise fällt derzeit der russische Impfstoff Sputnik V auf. Auf dessen designiertem Twitter-Account wird versucht, mit manipulativen Statistiken zu vermitteln, dass dies der beste Impfstoff sei. In welchem Kontext steht ein solches Vorgehen?

Howard: Forschungsarbeiten zeigen, dass die staatlich unterstützten Auslandsnachrichtendienste aus Russland und China aktuell enorm viel Zeit darauf verwenden, die Impfstoffe Sputnik V und jenen von Sinovac zu promoten – im Gegensatz zu denen von Pfizer, Astra Zeneca und jetzt Johnson & Johnson. Interessant ist, dass diese Agenturen – Russia Today (RT), Sputnik sowie der chinesische TV-Sender CGTN – nach unseren Messungen an einem guten Tag fast eine Milliarde Social-Media-Profile erreichen können. Und das in englischer, spanischer und deutscher Sprache. Auch wenn viele dieser Profile Fake-Accounts sind, ist das mehr als bei den größten Nachrichtenagenturen der Welt.

STANDARD: Welche Regulierungen schlagen Sie in Sachen Datennutzung vor?

Howard: Jedes digitale Gerät, das wir nutzen, sollten wir fragen können: Wer profitiert von den Daten, die es sammelt? In einem zweiten Schritt sollte es möglich sein, die Liste dieser Firmen zu ergänzen. Denn eine echte Bedrohung für die Demokratie ist, dass die besten Daten, die bei der Lösung öffentlicher Probleme helfen würden, der Öffentlichkeit gar nicht zur Verfügung stehen. Sie liegen nicht in den Nationalbibliotheken oder bei Forschenden, sondern bei privaten Firmen.

STANDARD: Private Daten für weitere Organisationen freizugeben klingt nach einer kontroversen Idee, auch wenn dadurch die Vormacht von Google, Facebook und Co angeknackst wird und deren Daten weniger wertvoll werden könnten.

Howard: Wir haben vielleicht den Krieg um die Privatsphäre im bisherigen Rahmen verloren. Ich sehe keine Möglichkeit, wie wir unsere bis jetzt verlorene Privatsphäre vollständig zurückgewinnen können. Am besten können wir das jetzt so beeinflussen, dass wir einen Teil der Daten in Projekte lenken, die der Zivilgesellschaft nutzen. So könnten die Daten wenigstens für die Gestaltung der Zukunft eine Rolle spielen. (Julia Sica, 12.5.2021)


Aus: "Oxford-Soziologe: "Lügenmaschinen sind normal geworden"" Interview Julia Sica (12. Mai 2021)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000126568898/oxford-soziologe-luegenmaschinen-sind-normal-geworden

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Persona=Lichtkörper

Also gibt es eigentlich nur noch Verschwörungstheorien, jene, die von der Politik ins Volk gestreut werden
und jene, die eben sogenannte Verschwörungstheorien in die Welt setzen. Bei Letzteren hat sich allerdings die Verschwörungstheorie manchmal auch schon als wahr herausgestellt.

Als Bürger kann man sich dagegen nur wehren, indem man sich möglichst breit und von vielen verschiedenen Seiten informiert, die reine Information herausfiltert, und die jeweils unterschiedlich weggelassenen Infos zusammenfügt um ein halbwegs plausibles Bild zu bekommen.

Fakt ist aber, vertrauen kann man in der heutigen Welt ungeschaut jedenfalls kaum einer Info. Überall stecken Interessen und oft auch Industrien dahinter. Dessen sollte man sich eben bewusst sein.

Medienkompetenz und politische Bildung gehört in den Schulunterricht.


Quote
Flor de Copan

Im Artikel wird suggeriert, daß das Problem nur social media betrifft. In Wahrheit ist die "Lügenmaschine" natürlich genauso der ganz "normale" Journalismus. Die Beeinflussung der Meinung erfolg hier u.a. durch Weglassen des Unerwünschten (dem gewünschten Narrativ widersprechenden), ständiger Wiederholung des Erwünschten, Verdrehung von Fakten, Appell an Emotionen (Angst), Diffamierung von Vertretern von Gegenmeinungen (als Rechte, Verschörer, Querdenker, Antisemiten etc...) und natürlich knallharter Zensur. Das Ganze funktioniert quasi von selbst ohne Steuerung. Nachzulesen bei Noam Chomsky in "Manufacturing Consent" aus den 80ern. Der obige Artikel belegt die Manipulation sehr schön (das beginnt schon bei den Fragen und bei der Wahl des Interviewten).


Quote
Pumuckl.reloaded

Manipulative Informationen gibt es wohl überall. Auch etablierte Medien haben auch ihre Linie und bringen Informationen entsprechend dieser Linie aufgearbeitet. Auch sie sind nicht immer frei und unbeeinflusst von Organisationen oder staatlichen Stellen. Auch die Presseförderung könnte ausgelegt werden, als Einflussnahme auf Meinungsbildner.
Wer nun gut und böse liegt wohl im Auge des Betrachters. Wichtig für den Medienkonsumenten ist immer das kritische Hinterfragen. Egal von welcher Seite die Informationen kommen.


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 on: May 14, 2021, 01:56:42 PM 
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[...] Philip N. Howard, 1970 im kanadischen Montreal geboren, ist Professor für Internetstudien an der Universität Oxford in Großbritannien. Der Soziologe ist mehrfach ausgezeichneter Autor zum Thema Informationstechnologien und Politik. In deutscher Sprache erschien 2016 das Buch "Finale Vernetzung: Wie das Internet der Dinge unser Leben verändern wird".

Nicht einmal auf Tinder ist man vor Wahlkampfwerbung sicher, wie unter anderem die ÖH-Wahlen hierzulande zeigen. Auch für britische Politkampagnen wurden eigens Bots programmiert, um auf der Datingplattform sowohl für Labour- als auch für konservative Kandidaten zu werben. Algorithmen und Bots in den sozialen Medien beeinflussen ganz allgemein die öffentliche Meinung. Bringt das Demokratien in Gefahr?

Ja, so lautet zumindest die Antwort des Politikwissenschafters Philip N. Howard vom Internetinstitut der Universität Oxford. In seinem 2020 erschienenen Buch "Lie Machines: How to Save Democracy from Troll Armies, Deceitful Robots, Junk News Operations, and Political Operatives" schreibt er, dass sich moderne Politik ohne derartige digitale Kampagnen nicht mehr denken lässt. Unmengen an persönlichen Daten werden gesammelt, um einzelne Gruppen zielgerichtet manipulieren zu können. In vielen Fällen geschieht dies gar über die Verbreitung von Falschinformationen, eine Taktik, die auch Gruppierungen wie Verschwörungstheoretikerinnen und -theoretiker verwenden.

Mit "Lügenmaschinen" bezeichnet der Forscher soziale und technische Mechanismen, die angewandt werden, um eine falsche Information zu produzieren, über soziale Medien zu verbreiten und zu vermarkten. Hier sind mehrere Akteure involviert: Personen aus der Politik, denen das Ganze nutzen soll; Plattformen wie Facebook und Instagram, über die Falschinformationen zahlreiche Menschen erreichen; außerdem die Vermarktung, etwa durch eine Politikberatungsagentur.

Über den Einfluss der digitalen Desinformationsmaschinerie auf politische Systeme referierte Howard am 10. Mai: Er eröffnete die dreitägige Online-Konferenz "Digital, direkt, demokratisch? Technikfolgenabschätzung und die Zukunft der Demokratie", die vom Institut für Technikfolgen-Abschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften organisiert wurde.

STANDARD: Im Titel Ihres aktuellen Buchs geht es um Armeen, Agenten und Operationen. Sind wir schon im Krieg der Desinformation?

Howard: Ich denke, dass es sich tatsächlich um eine Schlacht handelt, für die Demokratien eine Verteidigungsstrategie brauchen. In den letzten Jahren haben sich die Quellen dieser Kampagnen verschoben: Früher waren es meist fremde autoritäre Regime, die Desinformationsstrategien in ihrem eigenen Land benutzten. Dann beeinflussten sie Wählerinnen und Wähler in Demokratien, wie bei US-Wahlen und dem Brexit-Votum durch russische Interventionen. Jetzt sind es aber auch Politikerinnen und Politiker in unseren eigenen Ländern, wie Trump und andere US-Politiker, die große Mengen an Fehlinformationen generieren. Der Einsatz von Lügenmaschinen ist im Rahmen moderner Kommunikationsstrategien normal geworden. Social-Media-Firmen profitieren davon, indem sie sensationelle Inhalte verbreiten. Das große Geld fließt bei den US-Präsidentschaftswahlen, um neue Techniken zu entwickeln.

STANDARD: Dabei spielt auch der Ankauf von persönlichen Daten eine Rolle. Wie sieht das Ganze in Europa aus?

Howard: In Europa haben wir in dieser Hinsicht Glück. Auch als Kanadier in Großbritannien bin ich in wichtigen Punkten noch immer durch die Datenschutz-Grundverordnung geschützt. Viele der Dinge, die Data-Mining-Firmen im Kontext der USA tun, sind in der EU illegal und würden (bei einer Anklage, Anm.) zu Geld- und Haftstrafen führen. Aber: Es gibt immer noch riesige Mengen an Daten über uns, mit denen gehandelt wird und die etwa für Geheimdienstanalysen zur Verfügung stehen. Und es wird immer ein politisches Interesse geben, Informationen im Dienste der Macht zu nutzen.

STANDARD: Sie sagen, dass vor allem auch Rechtsextreme und Ultrakonservative Lügenmaschinen nutzen und Falschinformationen verbreiten. Das zeigt sich auch angesichts von Protesten gegen Covid-Maßnahmen. Was ist deren Ziel beim Versuch, Menschen etwa vom Tragen der Schutzmasken abzubringen?

Howard: Diese extremistischen Organisationen versuchen im Allgemeinen, uns dazu zu bringen, etablierten Institutionen zu misstrauen. Da geht es um die Regierung, aber auch um Bildungseinrichtungen, Ärztinnen und Ärzte. Natürlich ist auch das Misstrauen gegenüber professionellen Journalistinnen und Journalisten ein beständiges Thema rechtsextremer Bewegungen.

STANDARD: Zu Desinformation in der Corona-Krise fällt derzeit der russische Impfstoff Sputnik V auf. Auf dessen designiertem Twitter-Account wird versucht, mit manipulativen Statistiken zu vermitteln, dass dies der beste Impfstoff sei. In welchem Kontext steht ein solches Vorgehen?

Howard: Forschungsarbeiten zeigen, dass die staatlich unterstützten Auslandsnachrichtendienste aus Russland und China aktuell enorm viel Zeit darauf verwenden, die Impfstoffe Sputnik V und jenen von Sinovac zu promoten – im Gegensatz zu denen von Pfizer, Astra Zeneca und jetzt Johnson & Johnson. Interessant ist, dass diese Agenturen – Russia Today (RT), Sputnik sowie der chinesische TV-Sender CGTN – nach unseren Messungen an einem guten Tag fast eine Milliarde Social-Media-Profile erreichen können. Und das in englischer, spanischer und deutscher Sprache. Auch wenn viele dieser Profile Fake-Accounts sind, ist das mehr als bei den größten Nachrichtenagenturen der Welt.

STANDARD: Welche Regulierungen schlagen Sie in Sachen Datennutzung vor?

Howard: Jedes digitale Gerät, das wir nutzen, sollten wir fragen können: Wer profitiert von den Daten, die es sammelt? In einem zweiten Schritt sollte es möglich sein, die Liste dieser Firmen zu ergänzen. Denn eine echte Bedrohung für die Demokratie ist, dass die besten Daten, die bei der Lösung öffentlicher Probleme helfen würden, der Öffentlichkeit gar nicht zur Verfügung stehen. Sie liegen nicht in den Nationalbibliotheken oder bei Forschenden, sondern bei privaten Firmen.

STANDARD: Private Daten für weitere Organisationen freizugeben klingt nach einer kontroversen Idee, auch wenn dadurch die Vormacht von Google, Facebook und Co angeknackst wird und deren Daten weniger wertvoll werden könnten.

Howard: Wir haben vielleicht den Krieg um die Privatsphäre im bisherigen Rahmen verloren. Ich sehe keine Möglichkeit, wie wir unsere bis jetzt verlorene Privatsphäre vollständig zurückgewinnen können. Am besten können wir das jetzt so beeinflussen, dass wir einen Teil der Daten in Projekte lenken, die der Zivilgesellschaft nutzen. So könnten die Daten wenigstens für die Gestaltung der Zukunft eine Rolle spielen. (Julia Sica, 12.5.2021)


Aus: "Oxford-Soziologe: "Lügenmaschinen sind normal geworden"" Interview Julia Sica (12. Mai 2021)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000126568898/oxford-soziologe-luegenmaschinen-sind-normal-geworden

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Persona=Lichtkörper

Also gibt es eigentlich nur noch Verschwörungstheorien, jene, die von der Politik ins Volk gestreut werden
und jene, die eben sogenannte Verschwörungstheorien in die Welt setzen. Bei Letzteren hat sich allerdings die Verschwörungstheorie manchmal auch schon als wahr herausgestellt.

Als Bürger kann man sich dagegen nur wehren, indem man sich möglichst breit und von vielen verschiedenen Seiten informiert, die reine Information herausfiltert, und die jeweils unterschiedlich weggelassenen Infos zusammenfügt um ein halbwegs plausibles Bild zu bekommen.

Fakt ist aber, vertrauen kann man in der heutigen Welt ungeschaut jedenfalls kaum einer Info. Überall stecken Interessen und oft auch Industrien dahinter. Dessen sollte man sich eben bewusst sein.

Medienkompetenz und politische Bildung gehört in den Schulunterricht.


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Flor de Copan

Im Artikel wird suggeriert, daß das Problem nur social media betrifft. In Wahrheit ist die "Lügenmaschine" natürlich genauso der ganz "normale" Journalismus. Die Beeinflussung der Meinung erfolg hier u.a. durch Weglassen des Unerwünschten (dem gewünschten Narrativ widersprechenden), ständiger Wiederholung des Erwünschten, Verdrehung von Fakten, Appell an Emotionen (Angst), Diffamierung von Vertretern von Gegenmeinungen (als Rechte, Verschörer, Querdenker, Antisemiten etc...) und natürlich knallharter Zensur. Das Ganze funktioniert quasi von selbst ohne Steuerung. Nachzulesen bei Noam Chomsky in "Manufacturing Consent" aus den 80ern. Der obige Artikel belegt die Manipulation sehr schön (das beginnt schon bei den Fragen und bei der Wahl des Interviewten).


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Pumuckl.reloaded

Manipulative Informationen gibt es wohl überall. Auch etablierte Medien haben auch ihre Linie und bringen Informationen entsprechend dieser Linie aufgearbeitet. Auch sie sind nicht immer frei und unbeeinflusst von Organisationen oder staatlichen Stellen. Auch die Presseförderung könnte ausgelegt werden, als Einflussnahme auf Meinungsbildner.
Wer nun gut und böse liegt wohl im Auge des Betrachters. Wichtig für den Medienkonsumenten ist immer das kritische Hinterfragen. Egal von welcher Seite die Informationen kommen.


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 on: May 14, 2021, 10:12:29 AM 
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[...] Die Sirenen wollen nicht schweigen. Immer wieder heulten sie Mittwochnacht und im Laufe des Donnerstags in verschiedenen israelischen Städten auf, um vor Raketenbeschuss aus Gaza zu warnen.

Seit Beginn der jüngsten Eskalation am Montagabend haben die Terrororganisationen Hamas, die den Gazastreifen kontrolliert, und der Islamische Dschihad mindestens 1600 Raketen Richtung Israel gefeuert. Zur Vergeltung hat die israelische Armee, die IDF, rund 600 militärische Ziele in Gaza attackiert. Sechs israelische Zivilisten und ein israelischer Soldat kamen bis Donnerstagnachmittag ums Leben.

Aus Gaza meldeten palästinensische Quellen mehr als 67 Tote und mehrere Hundert Verletzte. Es sind die heftigsten Kämpfe seit dem Gazakrieg von 2014. Und wenig spricht dafür, dass sich die Lage in den kommenden Tagen beruhigt.

Der ursprüngliche Brandherd befindet sich wie schon so oft in der Vergangenheit in Jerusalem. Dort versammelten sich während des muslimischen Fastenmonats Ramadan, der gerade zu Ende gegangen ist, jeden Abend Zehntausende Palästinenser zum Gebet in der Al-Aksa-Moschee, dem drittwichtigsten Heiligtum des Islams.

Anfangs stellte die israelische Polizei Metallgitter an einem unter Muslimen beliebten Platz auf, was viele von ihnen als Provokation empfanden. Ihre Proteste dagegen eskalierten bald zu Straßenkämpfen mit Polizisten.

Zum zweiten Brennpunkt entwickelte sich ein Rechtsstreit um Grundstücke in dem Ostjerusalemer Viertel Scheich Jarrah, infolgedessen mehreren palästinensischen Familien die Zwangsräumung drohen könnte. Die Hamas behauptet, mit ihrem Raketenbeschuss die Al-Aksa-Moschee sowie die Palästinenser in Scheich Jarrah zu beschützen.

Auf israelischer Seite spekulieren manche darüber, dass Ministerpräsident Benjamin Netanjahu – angeklagt wegen Korruption – wenig Interesse an einer baldigen Beruhigung der Lage haben könnte. Derzeit bemüht sich der Oppositionsführer Yair Lapid um die Bildung einer breiten Links-Rechts-Koalition. Die angespannte Situation könnte einige jener rechten Parteien, die eigentlich eine weitere Amtszeit Netanjahus ablehnen, unter Druck setzen, sich im Sinne der nationalen Sicherheit mit ihm zu verbünden.

Schon in den ersten Tagen hat die IDF großangelegte Luftangriffe geflogen, wichtige Infrastruktur der Hamas zerstört und hochrangige Kommandeure der Terrororganisation getötet. Stimmen aus dem Militär ebenso wie der Regierung machen deutlich, dass Israel an einer baldigen Beilegung der Kämpfe kein Interesse hat.

Die Entscheidungsträger scheinen eine Gelegenheit zu sehen, den personellen und militärischen Kapazitäten der Hamas nachhaltig Schaden zuzufügen. Zu den Szenarien, auf die sich Israels Streitkräfte vorbereiten, zählt auch der Einsatz von Bodentruppen, wie zuletzt beim Gazakrieg 2014. Mehrere Tausend Reservisten wurden bereits eingezogen.

Die radikalen Islamisten sind diesmal ungewöhnlich weit gegangen, indem sie nicht nur wie so oft in den vergangenen Jahren den Süden Israels, sondern auch das urbane, dicht bevölkerte Zentrum des Landes unter Beschuss genommen hat. Dazu gehören Jerusalem und Tel Aviv. Netanjahu sprach von roten Linien, die überschritten seien.

Die Hamas riskiert also harte Vergeltungsschläge – könnte jedoch zugleich ihr Prestige in den Palästinensergebieten sowie der weiteren arabischen Welt erhöhen. Dabei dürfte auch die innerpalästinensische Dynamik eine Rolle spielen. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas hat kürzlich eine Wahl für den palästinensischen Legislativrat, eine Art Parlament, abgesagt – offenbar aus der begründeten Furcht heraus, seine säkulare Fatah-Partei könnte gegen die islamistische Hamas verlieren.

Für diese bedeutet das eine verpasste Chance zum Machtausbau. Mit dem Raketenbeschuss könnte die Hamas ihr Image unter den Palästinensern als wahre Vorkämpferin der palästinensischen Sache und Beschützerin der heiligen Stadt Jerusalem stärken – und Abbas und seine Fatah noch weiter in Bedrängnis bringen.

In mehreren arabischen und jüdisch-arabischen Städten im israelischen Kernland kommt es seit Tagen zu teils gewalttätigen Protesten arabischer Bürger sowie zu Ausschreitungen zwischen Juden und Arabern. Viele der arabischen Bürger, die ein Fünftel der Bevölkerung ausmachen, sympathisieren mit den Palästinensern oder definieren sich sogar selbst als solche.

Derartige Szenen, wie sie sich derzeit in Städten wie Lod, Akko oder Ramle abspielen, hat das Land jedoch lange nicht gesehen. In Lod, einer jüdisch-arabischen Kleinstadt zwischen Jerusalem und Tel Aviv, wurde am Montag ein arabischer Mann erschossen, offenbar von einem jüdischen Israeli. Seitdem sind die Ausschreitungen dort derart außer Kontrolle geraten, dass der Bürgermeister bereits von „Bürgerkrieg“ spricht.

Netanjahu verhängte den Notstand über die Stadt. In Lod und anderen Städten attackierten Araber in den vergangenen Tagen wiederum jüdische Passanten, zündeten Autos, Gebäude und Synagogen an. In Akko verletzten Araber einen Juden schwer am Kopf.

Vergleiche mit den beiden Intifadas der Palästinenser Ende der Achtziger beziehungsweise Anfang der Nuller Jahre sind aber voreilig. Jene Aufstände gingen in erster Linie von den Menschen in den Palästinensergebieten aus, nicht von arabischen Bürgern Israels.

Die zweite Intifada, in der Selbstmordattentäter im Wochentakt israelische Busse, Cafés und Restaurants in die Luft sprengten, wurde zudem systematisch von der Hamas und anderen terroristischen Gruppen vorangetrieben. Dennoch sind die aktuellen Bilder aus Israel beunruhigend. Schließlich kämpfen hier Bürger gegen Bürger, die bis kurz zuvor noch weitgehend entspannt zusammengelebt hatten.

Es gehört zum eingeübten Ritual: Wir eilen den palästinensischen Schwestern und Brüdern rhetorisch zu Hilfe und verdammen Israel, wenn beide Seiten wieder ihren Konflikt austragen. So ist es auch dieses Mal. Vor allem Recep Tayyip Erdogan greift zur sprachlichen Bazooka, nennt den jüdischen Staat einen „Terrorstaat“. Der türkische Präsident gibt gerne den Vorkämpfer der Muslime.

Der Iran, Israels Erzfeind, teilt ebenfalls aus. Auch die Golfstaaten stimmen in diesen Chor ein. Aber die Machthaber belassen es schon lange dabei, Jerusalem nur zu ermahnen. Denn die Zeiten sind andere. Die Sache der Palästinenser spielt bei den muslimischen Herrschern bestenfalls eine untergeordnete Rolle.

Die Vereinigten Emirate, Bahrain, Jordanien und Ägypten haben mittlerweile ihre Beziehungen zu Israel sogar normalisiert. Der jüdische Staat ist als Partner – nicht zuletzt im Kampf gegen Teheran – wichtiger als die leidige Palästinafrage.


Aus: "Eine Waffenruhe ist nicht in Sicht"  Mareike Enghusen, Christian Böhme (13.05.2021)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/eskalation-im-nahostkonflikt-eine-waffenruhe-ist-nicht-in-sicht/27189506.html

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[...] Eine zunächst für Freitag angedachte Sitzung des UN-Sicherheitsrats zur eskalierenden Gewalt wird nach Einwänden der USA nun am Sonntag abgehalten. Dies teilte die US-amerikanische UN-Botschafterin Linda Thomas-Greenfield mit. Die Vereinigten Staaten hatten zuvor um eine Verschiebung gebeten, weil diplomatische Bemühungen andauerten und die geplante offene Sitzung diese nach Ansicht der Regierung in Washington hätte untergraben können.

Der Sicherheitsrat hatte sich diese Woche bereits zweimal wegen der Eskalation zwischen Israelis und Palästinensern getroffen. Die USA – der wichtigste Verbündete Israels – hatten eine gemeinsame Stellungnahme des Gremiums bislang verhindert.

Der Konflikt hatte sich während des muslimischen Fastenmonats Ramadan und nach der Absage der palästinensischen Parlamentswahl immer weiter zugespitzt. Als Auslöser gelten etwa Polizeiabsperrungen in der Jerusalemer Altstadt, die viele junge Palästinenser als Demütigung empfanden. Hinzu kamen Auseinandersetzungen von Palästinensern und israelischen Siedlern im Jerusalemer Viertel Scheich Dscharrah wegen Zwangsräumungen sowie heftige Zusammenstöße auf dem Tempelberg (Al-Haram al-Scharif). Die Anlage mit Felsendom und Al-Aksa-Moschee ist die drittheiligste Stätte im Islam. Sie ist aber auch Juden heilig, weil dort früher zwei jüdische Tempel standen. Der Konflikt greift zunehmend auch auf Orte im israelischen Kernland über – mit Gewalttaten von Arabern gegen Juden und umgekehrt.


Aus: "Israel greift Gazastreifen mit Luft- und Bodentruppen an" (14. Mai 2021)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2021-05/nahostkonflikt-israel-palaestina-bodentruppen-gazastreifen

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  Global69 #18

Dieser Konflikt besteht seit vielen Jahrzehnten schon. Immer und immer wieder ist er in all diesen Jahren gefährlich aufgeflammt, in einer der explosivsten Gegenden in unserer Welt. Und es ist leider nicht absehbar zu erwarten, dass sich daran etwas verändern wird, solange bei beiden Seiten Extremisten den Verlauf bestimmen, die sowieso alle Bemühungen um eine friedliche Koexistenz torpedieren und keinerlei Interesse am Frieden haben.


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Pop-up #21

Frieden, ja bitte.
Ich kann nicht beurteilen, wieviel Schuld die eine oder andere Seite hat.
Blinder Hass, glaube ich.
Stolz, Religion und Besitzdenken ...


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sphex #22

... Wem nützt das? Eine ekelige Eskalation für die wieder einmal Zivilisten und Kinder mit ihrem Leben bezahlen. Zugunsten von der "Fühung" Israels als auch der Hamas. ... Es geht um Menschen-Leben. Verdammt noch mal. Es ist nicht korrekt, tausende Palästinenser zu enteignen (Israel). Es ist nicht korrekt als Antwort Raketen abzufeuern (Hamas). Tödliche (Macht-) Spielchen für die Unschuldige sterben. ...


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Zeitleser_Heidelberg #22.1

Deutsche, die Millionen von Juden ermordet haben, sollten als Letzte so tun, als stünden sie aufrichtig, metaphysisch, entsetzt und über Anthropologie räsonierend über den Dingen. ...


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sciomenonsciere #31

Seit meiner Kindheit existiert dieser Konflikt und wird wohl auch die nächsten 100 Jahre überdauern. Ein Ende ist einfach nicht absehbar. Partei für die eine oder andere Seite kann ich nicht ergreifen, die Liste der Verfehlungen ist auf beiden Seiten lang. Da bleibt mir aus purer Verzweiflung leider nur noch Zynismus übrig.


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 on: May 14, 2021, 09:59:31 AM 
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[...] Landtagspolitiker Dirk Friedriszik (SPD) beschäftigt sich schon lange mit Uniter. Er ist Mitglied in der Parlamentarischen Kontrollkommission, einem Gremium, vor dem der Verfassungsschutz seine Arbeit zumindest teilweise offenlegen muss. Er sagte dem Nordkurier: „Ich habe im letzten Jahr in einer Sondersitzung des Innenausschusses den damaligen LKA-Chef Ingolf Mager gefragt, ob aktuell zu Uniter ermittelt wird, und er hat sich ausweichend geäußert und den Eindruck vermittelt, es gebe keine Ermittlungen.” Diese Sondersitzung ist einberufen worden, nachdem bei Marko G. von der Nordkreuz-Gruppe Unmengen an Waffen und Munition gefunden worden war.

Wegen Morddrohungen gegen ihn habe sich Friedriszik dann vor knapp zwei Monaten mit dem stellvertretenden Leiter des LfV MV getroffen, auch Ingolf Mager war dabei, der mittlerweile ebenfalls beim Verfassungsschutz arbeitet. Dort hätten sie ihm offen berichtet, dass sie Informationen über Uniter hätten. Tage später traf Friedriszik dann das ehemalige Uniter-Mitglieder, das den Verfassungsschutz MV mit entsprechenden Informationen versorgt hatte. Auch das bestätigte Friedriszik dem Nordkurier.

Und heute? Das Innenministerium schreibt dem Nordkurier auf Anfrage zu seinem langen Schweigen: „Das Ministerium für Inneres und Europa MV teilt die Einschätzung des Bundes zu 'Uniter' und beteiligt sich im Verfassungsschutzverbund an der Verdachtsfallbearbeitung. Hier vorliegende Informationen sind dem BfV in diesem Rahmen übermittelt worden.”

Es scheinen aber wieder, ähnlich wie bei dem Breitscheidplatz-Attentäter Anis Amri, Informationen bei der LfV Mecklenburg-Vorpommern liegen geblieben zu sein. Mittlerweile soll sich das ehemalige Uniter-Mitglied mit seinem Material an das Bundeskriminalamt gewandt haben, weil es den Landesbehörden nicht mehr vertraut.


Aus: "Verfassungsschutz MV verschwieg Ermittlungen zu Verein Uniter" Natalie Meinert (29.07.2020)
Quelle: https://www.nordkurier.de/mecklenburg-vorpommern/verfassungsschutz-mv-verschwieg-ermittlungen-zu-verein-uniter-2940176607.html

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[...] Caffier kann nicht mehr glaubwürdig gegen das schlammbraune Milieu im Polizeiapparat vorgehen. Dummerweise steht er mit einem Fuß sogar selbst drin.

Denn der Schießplatzbetreiber, bei dem Caffier seine Waffe, wie er meinte, „privat“ gekauft hat, ist einerseits in Sicherheitskreisen prominent und rühmt sich selbst bester Beziehungen zum Minister. Auf seinem Schießplatz in Güstrow trainierten Landesbeamte; der Minister stand bei Schießwettkämpfen Pate.

Andererseits lagen Caffiers Ministerium zum Zeitpunkt des Kaufs ja schon Hinweise vor, dass ebendieser Schießplatz Knotenpunkt des „Nordkreuz“-Netzwerks war, in dem man sich darauf vorbereitete, nach einem Umsturz die Bundesrepublik von MigrantInnen und Linken zu säubern. Munition war schon reichlich gestohlen, Leichensäcke waren gestapelt worden.

Deutsche Sicherheitskräfte waren in diesem Klub gut vertreten. Caffier ließ die staatlichen Eliteschützen also an einem Ort ausbilden, wo auch einige seiner Männer sich in groteske Endzeit- und Vernichtungsfantasien hineinballerten und das Grundgesetz als irgendeine Fabel aus dem Abendland galt. Dass der Schießplatzbetreiber auf diese Weise über Jahre viel zu tiefen Einblick in den Sicherheitsapparat erhalten konnte, rügte vergangenes Jahr eine Kommission, die Innenminister Caffier selbst eingesetzt hatte.

Entweder hat Caffier zu spät gemerkt oder unter „Sind doch alles unsere Jungs“ verbucht, welcher Geist da wehte, wo er seine Pistole gekauft hat. Und dann hat er fast das ganz Jahr über versucht, sich bei Presseanfragen darüber hinweg- und darunter hindurchzuschwurbeln.

Bei der Wahl 2016 in Mecklenburg-Vorpommern erhielt Caffiers CDU weniger Stimmen als die AfD; die Umfragen zeigen aktuell, dass sich das Verhältnis wieder umgedreht hat. Der „Nordkreuz“-Skandal hat jedoch überdeutlich gemacht, dass Teile der Landespolizei längst nach ganz rechts offen sind.

Caffiers Waffe wird nun zum Sinnbild dafür, dass dem Minister die demokratische Kontrolle über seinen Sicherheitsapparat entglitten ist. Caffier ist als Minister weder für eine SPD-Ministerpräsidentin haltbar noch für eine CDU, die den Abstand nach rechts außen wahren will.


Aus: "Lorenz Caffiers Nordkreuz-Verstrickungen: Sinnbild für Kontrollverlust" Aus einem Kommentar von Ulrike Winkelmann (15.11.2020)
Quelle: https://taz.de/Lorenz-Caffiers-Nordkreuz-Verstrickungen/!5725074/

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[...] Das sächsische LKA steht unter Beschuss, die Vorwürfe wiegen schwer: Gegen 17 Angehörige einer Spezialeinheit wird ermittelt – wegen Diebstahl, Verstößen gegen das Waffengesetz und Bestechlichkeit. Polizisten des Mobilen Einsatzkommandos Dresden sollen 7.000 Schuss Munition von der Polizei entwendet haben, die sie als Gegenleistung für ein privates Schießtraining genutzt haben sollen – ausgerechnet bei der Schießanlage „Baltic Shooters“ in Güstrow, die von einem Mann mit mutmaßlicher Verbindung zum rechtsextremen Preppernetzwerk „Nordkreuz“ betrieben wird.

Der Mann heißt Frank T., gilt als Waffenexperte und ist ein mehrfach ausgezeichneter Sportschütze. In Sicherheitskreisen genießt der 53-Jährige einen besonderen Ruf: Er bildet Polizist*innen und Militärs aus aller Welt aus, auch SEK-Einheiten und Elitekommandos. Jedes Jahr organisiert er einen „Special Forces Workshop“, dort kann man taktisches Schießen zwischen Autowracks in der mecklenburgischen Provinz üben.

Doch „Baltic Shooters“ gilt auch als Treffpunkt für Rechtsextreme: Ein Ausbilder des Schießplatzes, der frühere Bundeswehrsoldat und SEK-Beamte Marko G., soll „Nordkreuz“-Mitglied sein. Ehemalige Kolleg*innen bei der Polizei werfen ihm vor, sich auffällig für den Nationalsozialismus und insbesondere für die SS zu interessieren. Auch Frank T. soll laut Spiegel zeitweise Mitglied der „Nordkreuz“-Chatgruppe gewesen sein. Nach Informationen der taz war er Teil der rechten 40-köpfigen Preppergruppe, die sich auf den Zusammenbruch des Staates am „Tag X“ vorbereitet und die Hinrichtung vermeintlicher politischer Gegner*innen aus dem linken Spektrum geplant haben soll. Laut dem Innenministerium in Schwerin habe das LKA in Mecklenburg-Vorpommern bereits im Mai 2019 rechtsextreme Bestrebungen bei Frank T. festgestellt, nachdem Chats zwischen ihm und Marko G. ausgewertet worden seien.

Hinzu kommt, dass „Nordkreuz“-Mitglieder sich alle paar Wochen zum Schießen in Güstrow getroffen und ihre Munition dort gekauft haben sollen (vgl. Spiegel). Wegen solcher Verbindungen musste im November 2020 der mecklenburg-vorpommerische Innenminister Lorenz Caffier (CDU) sein Amt räumen, nachdem bekannt wurde, dass er eine Pistole von Frank T. kaufte. Caffier war bis September 2018 auch Schirmherr des „Special Forces Workshop“ in Güstrow und besuchte die Schießanlage regelmäßig.

Und nun steckt das Mobile Einsatzkommando Dresden mittendrin: Vier Beamte inklusive des Kommandoführers stehen wegen Diebstahl, Verstöße gegen das Waffengesetz und Bestechlichkeit unter Verdacht, die restlichen 13 Mitglieder der Einheit wegen Beihilfe zum Diebstahl. Das Schießtraining bei „Baltic Shooters“ im November 2018 wurde laut dem sächsischen LKA nicht genehmigt, im Gegenteil: Nachdem es beantragt wurde, wurde es durch den Vorgesetzten untersagt. Die Einheit fuhr trotzdem nach Mecklenburg-Vorpommern und bezahlte offenbar mit gestohlener Munition. Doch was sollte dort trainiert werden und aus welchen Gründen wurde es nicht genehmigt? Dringende Fragen, zu denen es noch keine Antwort gibt.

Das wird nun personelle Konsequenzen haben: Am Mittwoch, den 30. März 2021, seien im Großraum Dresden die Privatwohnungen und Diensträume der Beschuldigten durchsucht worden, heißt es in der Pressemitteilung des LKA. Gegen die vier Hauptverdächtigen verhängte die Behörde ein sofortiges Dienstverbot, die weiteren 13 Beschuldigten seien zunächst in andere Bereiche versetzt worden. Gegen alle 17 seien Disziplinarverfahren eingeleitet worden.

Der Vorfall bietet womöglich die Antwort auf ein brisantes Rätsel: Im Zuge der „Nordkreuz“-Ermittlungen wurden Munition von Sicherheitsbehörden bei Preppern des rechtsextremen Netzwerks gefunden. Bei Marko G. wurden über 100 Patronen aus sächsischen Polizeibeständen gefunden, wie aus einer Kleinen Anfrage der Linksfraktion im sächsischen Landtag hervorgeht. Gegen Frank T. laufen derzeit mehrere Ermittlungsverfahren: Seit langem steht der Verdacht im Raum, dass sich T. mit geklauter Behördenmunition bezahlen ließ. Bis heute verfügt Frank T. allerdings immer noch über eine waffenrechtlichen Genehmigung und eine Waffenverkaufslizenz. Eine Entscheidung die Waffenbehörde um deren Entzug steht noch aus. ...


Aus: "Einsatzkommando bezahlt Nordkreuz-Schießplatz mit geklauter Munition" Nicholas Potter (31. März 2021)
Quelle: https://www.belltower.news/polizeiproblem-einsatzkommando-bezahlt-nordkreuz-schiessplatz-mit-geklauter-munition-113891/

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[...] Die Sicherheitsbehörden haben nach Informationen des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" eine Gruppe von mutmaßlich rechtsextremen Soldaten aufgedeckt, die in Chatgruppen verfassungsfeindliche Inhalte wie Hitler-Bilder und andere Nazi-Symbole geteilt haben sollen.

Nach Hinweisen, dass sich die Soldaten auch illegale Waffen beschaffen wollten, gab es jetzt laut "Spiegel" Razzien. Bereits am Dienstag durchsuchten Ermittler in Hessen, Niedersachsen und Baden-Württemberg die Wohnungen von drei Soldaten. In der Bundeswehr-Kaserne Pfullendorf wurde der Dienstsitz eines Stabsgefreiten durchsucht. Bei einem Pfullendorfer Hauptgefreiten wurde ebenfalls nach möglichen Beweisen gefahndet. Der dritte Bundeswehr-Soldat unter Verdacht ist ein Obergefreiter aus Niedersachsen, der als Objektschützer bei der Luftwaffe eingesetzt ist.

Auslöser der Ermittlungen war die Festnahme eines Bundeswehr-Soldaten im Februar dieses Jahres. Bei dem ebenfalls in Pfullendorf stationierten Soldaten Tim F., seinem Bruder und deren Vater fand man damals ein größeres Waffenlager und ein rechtsextremistisches Manifest mit dem Titel "Wie man die Macht in Deutschland übernehmen könnte". Darin fabulierte der mittlerweile aus der Bundeswehr entlassene Soldat über einen gewaltsamen Sturz der Bundesregierung.

Auf den Kommunikationsgeräten von F. entdeckten die Fahnder laut "Spiegel" schließlich auch die beiden Chat-Gruppen "Bund der Nationalisten Deutschlands" und eine weitere mit dem Titel "Therapiegruppe Rune". Dort waren neben F. auch die drei Soldaten aktiv, bei denen nun die Durchsuchungen stattfanden. In den Gruppen wurden regelmäßig verfassungsfeindliche Symbole wie Hakenkreuze und Hitlerbilder aber auch gewaltverherrlichende und ausländerfeindliche Parolen ausgetauscht.

Ein Sprecher des Verteidigungsressorts wollte sich zu Details der neuen Fälle laut "Spiegel" bislang nicht äußern. Er bestätigte lediglich, dass die Truppe die zivilen Behörden bei ihren Ermittlungen unterstütze. "Wir kooperieren eng mit den Sicherheitsbehörden, da wir bei der Bundeswehr bei Rechtsextremismus eine strikte Null-Toleranz-Linie fahren", so der Sprecher.


Aus: "Offenbar rechtsextreme Chat-Gruppe aufgedeckt" (13.05.2021)
Quelle: https://www.tagesschau.de/inland/bundeswehr-chatnachrichten-durchsuchungen-101.html

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 on: May 14, 2021, 09:18:26 AM 
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[...]  Das am Mittwoch von der Bundesregierung beschlossene neue Klimaschutzgesetz sorgt in der Wirtschaft für Skepsis und Ablehnung. "Die hektische Verschärfung der nationalen Klimaziele erhöht die Unsicherheit für Wirtschaft und Verbraucher", monierte BDI-Chef Siegfried Russwurm.

Die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Hildegard Müller, kritisierte die Klimapolitik der Bundesregierung als überhastet und unrealistisch. Dass sich exakte CO2-Werte für 10 oder 15 Jahre im Voraus planen ließen, "ist eine Illusion, die dort aufgebaut wird", sagte sie auf dem Ludwig-Erhard-Gipfel in München. Die Fehler bei der Energiewende sollten jetzt nicht bei der Verkehrswende fortgeführt werden.

 Auch aus der Chemieindustrie kam Kritik. "Es fehlt der Plan, mit welchen konkreten Maßnahmen Treibhausgasneutralität verlässlich umgesetzt und gleichzeitig die Industrie vor Wettbewerbsnachteilen geschützt werden kann", monierte Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie (VCI). Der Weg zu den neuen Klimazielen bleibe im Nebel.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hatte das geänderte Klimaschutzgesetz als "Meilenstein" gelobt, das der Wirtschaft mehr Planungssicherheit ermögliche. Mit dem Gesetz werde die Wirtschaft nicht abgewürgt, sondern umgebaut und modernisiert, betonte Bundesumweltschutzministerin Svenja Schulze (SPD).

Die Bundesregierung beschloss neben dem Klimaschutzgesetz auch ein Klimapakt mit zusätzlichen acht Milliarden Euro zur Finanzierung weiterer Klimaschutzmaßnahmen. Wichtigster Bestandteil ist ein Investitionspaket mit der Industrie, der den Einsatz von grünem Wasserstoff beschleunigen und die Stahl- und Chemieindustrie klimaneutral machen soll. Die Begeisterung dafür hält sich in Grenzen. Die Große Koalition habe einen Pakt mit sich selbst geschlossen, heißt es aus Wirtschaftskrisen, berichtet das "Handelsblatt".

 Besonders die Haus- und Wohnungseigentümer lehnen den Klimapakt ab. Der Grundstückseigentümerverband Haus & Grund reagierte entsetzt auf die geplante Aufteilung der Kosten des CO2-Preises auf Mieter und Vermieter. "Dass Vermieter nun 50 Prozent der von den Mietern verursachten CO2-Kosten tragen müssen, ist nicht akzeptabel", sagte Präsident Kai Warnecke.

Der Vermieter habe keinen Einfluss darauf, wie viel der Mieter heize oder an Warmwasser verbrauche, erklärte Warnecke. Das Geld, das der Vermieter für den CO2-Preis in der Folge ausgeben müsse, werde künftig für energetische Sanierungen fehlen, meinte er. Die Mehrkosten würden die Vermieter an die Mieter weitergeben und die Mieten erhöhen Der Eigentümer-Verband "Haus und Grund" kündigte eine Verfassungsklage gegen die Verteilung der CO2-Kosten an.

Der Mieterbund hatte gefordert, dass der CO2-Preis für Heizungen vollständig von den Vermietern getragen wird. Wegen der CO2-Bepreisung zahle ein Mieter bei mittlerem Energieverbrauch 65 Euro mehr im Jahr, warnte Melanie Weber-Moritz, Chefin des Mieterbunds. Auch der Spitzenverband der Wohnungswirtschaft GdW hatte sich am Dienstag um eine kostenmäßige Überlastung der Mieter gesorgt. "Klimaneutralität für Wohnungen wird nur mit erheblichem finanziellem Aufwand und umsetzbar sein."

 Nach Einschätzung der Boston Consulting Group dürften ab 2023 keine neuen Öl- und Gasheizungen mehr installiert werden. Ab diesem Datum müssten pro Jahr doppelt so viele Gebäude energetisch saniert werden wie bisher. Zudem müsse sich der jährliche Zubau von Wind- und Solaranlagen bis 2030 verdoppeln. Um die Emissionen in der Energiebranche um zusätzlich 67 Millionen Tonnen zu verringern, müssten der Kohleausstieg schon 2030 statt 2038 kommen.

Der Bundesverband der Energiewirtschaft (BDEW), die den größten Anteil der zusätzlichen CO2-Einsparungen leisten muss, zeigte sich deshalb ebenfalls unzufrieden. Besonders bei der nötigen Beschleunigung des Ausbaus von Wind- oder Solarenergie komme die Regierung nicht voran. "Aktuell klemmt es überall: Investitionen in den Ausbau der Windenergie an Land stocken, weil Flächen fehlen und Genehmigungsverfahren viel zu lange dauern", kritisierte Hauptgeschäftsführerin Kerstin Andreae. "Wir brauchen außerdem Strategien für einen echten Photovoltaik-Boom", forderte sie.


Aus: "Kritik am Klimaschutzgesetz Hausbesitzer drohen mit Verfassungsklage" (13.05.2021)
Quelle: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/wirtschaft-uebt-kritik-am-klimapakt-101.html

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 on: May 14, 2021, 09:14:34 AM 
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[...] Spargel ernten, Salat pflanzen oder Rhabarber schneiden: Hunderttausende Saisonkräfte sind dieses Frühjahr wieder in der deutschen Landwirtschaft unterwegs. Sie dürfen in diesem Jahr 102 Tage ohne Sozialversicherung arbeiten. Auf so viele Tage hat der Bundestag die Versicherungsbefreiung Mitte April mit Stimmen von CDU/CSU, SPD und AfD ausgeweitet. Vorher galt die Versicherungsfreiheit für 70 Arbeitstage.

Die Verlängerung sei nötig, um die Versorgung mit heimischen Lebensmitteln sicherzustellen, heißt es aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium. "Andererseits wird durch die geringere Personalfluktuation das Infektionsrisiko verringert", so eine Ministeriumssprecherin. Grüne und Linke kritisieren das. Sie fordern statt verlängerter Ausnahme eine komplette Abschaffung der Sozialversicherungsbefreiung. Derzeit sind viele Saisonarbeiter nur verpflichtend unfallversichert. Kranken- und Rentenversicherungspflicht besteht nicht.

 Die Gewerkschaft IG BAU und das gewerkschaftsnahe Beratungsprojekt Faire Mobilität kritisieren die Bedingungen scharf. Sie fordern insbesondere eine Krankenversicherungspflicht. "Ich finde das inakzeptabel, gerade in Pandemiezeiten", sagt Oskar Brabanski von der Fairen Mobilität in Nürnberg. Bemerkenswert: Zumindest einfache Krankenversicherungen gibt es schon für weniger als 50 Cent pro Tag und Arbeiter.

"Diese Versicherungen reichen aber nicht aus. Da ist fast alles ausgeschlossen", sagt Reinhard Steffen von der IG BAU NRW. Es ist ohnehin unklar, wie viele Landwirte diese Versicherungen überhaupt abschließen. Der Bauernverband geht von einer hohen Quote aus. Gewerkschaftsvertreter Steffen hat einen anderen Eindruck - und das legen auch Stichproben des WDR nahe.

Die Alternative seien befristete Arbeitsverträge. "Wir wollen, dass dieser Missbrauch endlich beendet wird", sagt auch Friedrich Ostendorff, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag. Es gebe schon heute Betriebe, die ihre Kräfte vernünftig anstellten - doch diese seien die Verlierer, weil Mehrkosten bei hohem Preisdruck entstünden. Der Deutsche Bauernverband widerspricht. Viele Saisonkräfte wollten gar nicht länger arbeiten als für den versicherungsfreien Zeitraum. Denn sonst müssten sie die üblichen Lohnabzüge in Kauf nehmen.

 Viele Landwirte sparen offenbar auch bei der Unterbringung. "Wir sind sprachlos, schockiert. Selbst wenn in Rumänien die Bezahlung schlecht ist, die Lebensbedingungen sind anständiger. Hier ist es schlimmer als im Schafstall", sagen Konstantin und Nikolai. Nach einem Streit mit ihrem Bauern im Rheinland mussten sie nach nur fünf Tagen wieder abreisen. Erst mit Hilfe der Gewerkschaft IG BAU rückte der Landwirt ihren Lohn und die Papiere raus.

Ein Grund für den Streit: Eine heruntergekommene Containerunterkunft. Zum Schlafen hatten sie billige Matratzen, und trotz Nachtfrostes gab es nur einen kleinen Elektro-Heizlüfter, wie WDR-Recherchen für das Magazin Plusminus zeigten. Auf Fotos der beiden ist eine dreckige Dusche, eine Toilette und ein Herd zu sehen - angeblich für mehr als zehn Saisonkräfte. Der Bauer wollte sich dazu nicht äußern.

 Gerade im Corona-Jahr 2021 gibt es klare Regeln für die Saisonarbeit. Etwa dürfen maximal zwei Personen pro Container untergebracht sein. Reinigungspläne sind vorgeschrieben. Und auf dem Feld gilt überall dort Maskenpflicht, wo der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann.

Die Saisonkräfte kommen sich während der Arbeit auf einigen Höfen trotzdem sehr nahe - und zwar ohne Maske. Die möglichen Folgen: ein Corona-Ausbruch wie zuletzt auf einem großen Spargelhof in Niedersachsen. Dort steckten sich 130 der insgesamt fast 900 auf dem Hof getesteten Personen an. Corona-Ausbrüche seien aber "sehr bedauerliche Einzelfälle", heißt es dazu vom Deutschen Bauernverband. Regelmäßige Testungen und andere Hygienemaßnahmen würden wirken. "Aus jetziger Sicht ist eine weitere Anpassung der Infektionsschutzregeln nicht erforderlich", heißt es vom Verband.

 Ein Corona-Risikofaktor scheint bereits die Anreise zu sein. Die Vorschrift ist, dass die Erntehelfer einen maximal 48 Stunden alten Test aus der Heimat brauchen - oder aber einen frischen Test spätestens zwei Tage nach Ankunft. Das führt dazu, dass offenbar viele Erntehelfer in vollbesetzen Kleintransportern über die Grenze kommen - und zwar ungetestet.

Das Recherche-Team fragte rumänische Transportunternehmen an, getarnt als potenzielle Erntehelfer. Das Ergebnis: Von zehn Unternehmen wollte keins einen Negativtest für die Fahrt haben. Und auch an der Grenze scheint es höchstens stichprobenartige Kontrollen zu geben, wie der WDR von rumänischen Fahrern erfuhr.


Aus: "Erntehelfer in Deutschland: Kein Schutz, keine Versicherung?" Philip Raillon, Dirk Bitzer und Traian Danciu, WDR (13.05.2021)
Quelle: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/erntehelfer-krankenversicherung-101.html

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[...] Agnieszka wusste, dass die Spargelernte Knochenarbeit ist. Auch, dass sie nach ihrer Ankunft in Deutschland zunächst zwei Wochen in Arbeitsquarantäne musste, hatte man ihr gesagt. Aber nach mehr als einem Monat in Isolation hat sie genug: "Wir werden wie Sklaven behandelt, nur vom Hotel zur Arbeit gebracht und zurück."

Ihre Kollegin Ilona weigert sich zu arbeiten. "Ich will nach Hause fahren”, sagt sie. Nun wartet sie auf ihrem Zimmer. Ihre Mitbewohnerinnen arbeiten weiter, daher hat Ilona Angst, dass sie das Virus in die Unterkunft einschleppen. Es wäre nicht nur gefährlich, sondern könnte ihre Quarantäne nochmal verlängern.

1011 Menschen arbeiten derzeit auf dem Spargelhof von Heinrich Thiermann im niedersächsischen Kirchdorf. Vor allem hunderte Polen und Rumänen. Ende April, als die Arbeitsquarantäne begann, waren 47 Arbeiter infiziert. Bis heute sind es bereits 131 Personen.

DW sprach mit sechs polnischen Arbeiterinnen, die am Telefon von der Lage hinter dem verriegelten Tor des Hofs erzählt haben. Ihre Namen wurden im Text geändert. Die DW hat auch Kontakt zu dem Unternehmen aufgenommen. Nach der ersten Veröffentlichung des Artikels auf Polnisch bestätigten weitere Beschäftigte die von uns beschriebenen Zustände. Die Aussagen machen deutlich, wie die Ungleichheiten auf den europäischen Arbeitsmärkten die Verbreitung des Coronavirus begünstigen können.

Am 30. April verfügte das Gesundheitsamt Diepholz eine zweiwöchige Quarantäne bei Thiermann GmbH. "Aufgrund des diffusen Infektionsgeschehens innerhalb des Betriebs ließen sich die engen Kontaktpersonen zu den nachweislich Infizierten nicht klar definieren”, erklärt Mareike Rein, Sprecherin des Landkreises. Mit anderen Worten: das Virus war überall.

Sogar verheirateten Paaren, die in anderen Teilen des Hofs arbeiten, wurde es verboten, sich zu treffen. Sicherheitspersonal wurde angestellt, um die Quartiere zu bewachen. Mittag- und Abendessen werden serviert. Erst vor wenigen Tagen wurde ein effizientes System zum Einkaufen eingerichtet.

Da die Zahl der Neuinfektionen aktuell wieder sinkt, entschied das Gesundheitsamt, die Betriebsquarantäne aufzuheben - jedoch nicht für alle: Für rund 200 Erntehelfer, die als Kontaktpersonen gelten oder mit Infizierten in derselben Unterkunft gewohnt haben, wurde sie bis zum 18. Mai verlängert.

Weder das Unternehmen noch das Gesundheitsamt teilten auf Anfrage der DW mit, wie viele Menschen im Krankenhaus behandelt werden. Die Arbeiter, mit denen wir sprechen konnten, berichten von möglicherweise bis zu fünf Personen, eine von ihnen soll schwer an COVID-19 erkrankt sein.

Die Thiermann GmbH sagt, dass alle Mitarbeiter versichert sind. Es entstehen "keine Kosten bei Krankheit und sie erhalten eine Lohnfortzahlung”, sagte Sprecherin Anke Meyer der DW. Eine der infizierten Frauen erzählte hingegen, dass sie auch während der Krankschreibung für die Unterkunft bezahlen muss.

Arbeitsquarantäne bedeutet, dass die Arbeiterinnen ihre Unterkunft nur zum Zweck der Arbeit verlassen dürfen. Selbst ein Ausbruch stoppt die Produktion nicht. So wie auf dem Bauernhof von Henrich Thiermann. Er ist einer der größten Spargelproduzenten in Deutschland. Auf seinen Feldern ernten jedes Jahr Hunderte Arbeiter aus Osteuropa Tonnen "des weißen Goldes” von Deutschland.

Laut Thiermann ist die Situation unter Kontrolle. Nach dem Ausbruch versicherte er in einem ersten Interview mit der lokalen "Kreiszeitung”, dass der Betrieb über ein Hygienekonzept verfüge, welches dem Grundsatz "zusammen leben und zusammen arbeiten" folge. Die Mitarbeiter würden zweimal pro Woche getestet und die Sicherheitskräfte überprüften die Quartiere, damit "eine Durchmischung unterbunden wird".

Marzena wäre vielleicht noch gesund, wenn die Aufteilung gut funktionieren würde. Aber sie und ihre Mitbewohnerin arbeiteten an zwei unterschiedlichen Spargelsortierbändern. Zuerst wurde die Kollegin krank, danach sie selbst.

Sie seien in einer Gruppe von 50 Personen zur Arbeit geführt, und dann in kleinere Gruppen von je zwölf Menschen aufgeteilt worden. "Es wird nicht darauf geachtet wer zusammen wohnt”, sagt sie. "In der Sortieranlage besteht keine Möglichkeit, Abstand zu halten”, die Maschine arbeite schnell, man müsse in Bewegung sein, um Kollegen zu helfen. "Wir arbeiten Hand in Hand”.

Unsere Gesprächspartnerinnen erzählen auch von Schutzmaßnahmen im Betrieb. In diesem Jahr wohnen nur zwei oder drei statt acht Personen in einem Zimmer. Die Vorarbeiter achten wohl auch darauf, Schutzmasken zu tragen und Abstände einzuhalten. Die Firma teilt mit, dass unter anderem Arbeitsbereiche vergrößert, Arbeitsprozesse optimiert und reichlich FFP2-Masken bestellt wurden.

Warum war dann der Ausbruch so massiv? "Sie hätten uns schon nach den ersten Fällen durchtesten müssen, und nicht erst als die Plage ausgebrochen ist”, sagt Agnieszka. Wie die meisten Saisonarbeiterinnen kam sie in der ersten Aprilhälfte auf den Hof. Den ersten Schnelltest habe sie erst drei Wochen später, am 28. April, bekommen.

Wann wurden denn die ersten Fälle entdeckt? In einem weiteren Artikel der "Kreiszeitung" bestätigte Thiermann das Datum des ersten Ausbruchs: 18. April 2021. Die Sprecherin des Landkreises bestätigte der DW die ersten Meldungen in der Woche vom 19. bis 25. April. Die polnischen Arbeiterinnen sprechen selber auch von ersten positiven Fällen am 18. April. "Schon seit Beginn der Saison wurden Schnelltests für alle Mitarbeitenden zur Verfügung gestellt", sagte Thiermann in dem Artikel. "Nicht alle Beschäftigte haben das Angebot angenommen. Als es am 18. April zu der ersten Infektion kam, begannen wir mit regelmäßigen Testungen und wurden dann, als vermehrt positive Fälle auftraten, am 29. und 30. April mit den PCR-Reihentestungen vom DRK und Gesundheitsamt des Landkreises Diepholz unterstützt." Aber von dem Tag der Entdeckung der ersten Fälle bis zur Reihentestung der gesamten Belegschaft hatte das Virus etwa zehn Tage Zeit, um sich auszubreiten.

"Es war wie im Horrorfilm”, erinnert sich Barbara an den 28. April, den Tag der Durchtestung. Sie sagt, dass Frauen mit positiven Testergebnissen bis 23 Uhr draußen warten mussten, bis sie in ein anderes Hotel gebracht wurden. "Andere weinten, weil sie nach Hause wollten, aber nicht mehr durften”, erzählt sie.

Noch in derselben Nacht beschlossen etwa hundert Frauen aus einer Unterkunft zu streiken. Die nächsten zwei Tage gingen sie nicht zur Arbeit. Aus Angst vor dem Virus, aber auch weil sie bessere Löhne forderten. Heinrich Thiermann sei zu Ihnen gekommen, habe mit den Vorarbeitern gesprochen, sei aber nicht auf die Forderung eingegangen, erzählen zwei Frauen.

Einige Personen nutzten die Verwirrung und flohen nach Polen ohne Bezahlung. Die Thiermann GmbH antwortet nicht auf die Frage, ob diese Personen ihren Lohn erhalten werden. Von den Arbeiterinnen hören wir, dass die Firma sich weigert sich, sie zu bezahlen.

In den Arbeitsverträgen, deren Kopien der DW vorliegen, lesen wir von Bezahlung "in einem Bonussystem unter Beibehaltung des Mindestlohns" (aktuell 9,50 brutto pro Stunde). Die Arbeiter sprechen lieber vom Nettolohn. Für sie ist es wichtig, wie viel sie mit nach nach Hause bringen können. Dieser Satz schwankt jedoch täglich. Zuletzt sei es 6,80 Euro netto pro Stunde, sagen zwei Angestellte. Pro Tag werden 9,80 Euro für die Unterkunft und Mittagessen abgezogen.

Um in diesem System gutes Geld zu verdienen, muss man so viele Stunden wie möglich schuften: deswegen arbeitet man 7 Tage in der Woche, manchmal 11 Stunden am Tag.

Nach zwei Tagen kehrten aber immer mehr Frauen zur Arbeit zurück. "Sie haben auf unsere Forderung nicht reagiert, weil sie wussten, dass wir nicht weg können”, sagt eine von ihnen. Außerdem mussten sie jeden Tag weiter für ihre Unterkunft bezahlen.

Mitarbeiter, die nach Polen zurück möchten, stehen vor einem Dilemma: "Wenn sich eine Kollegin am Band infiziert, wird meine Quarantäne verlängert”, erklärt eine Arbeiterin. Unter ihnen sind auch einige, für die die verlängerte Quarantäne bis zum 18. Mai gilt. Aus der geplanten Heimreise schon an diesem Freitag (13. Mai) wird vorerst nichts.

Barbara, die dieses Jahr zum ersten Mal zu Thiermann kam, erinnert sich an ihre entschlossene Haltung: "Ich habe gehört, dass es schwer sei, aber ich habe keine Angst vor der Arbeit”, sagt sie. Nach ein paar Wochen auf dem Bauernhof schwört sie: "Nie wieder. Nicht unter diesen Bedingungen, nicht für dieses Geld”.

Trotzdem kommen jedes Jahr viele zurück. "Unser Plan ist jedes Jahr der gleiche: Kommen, Geld verdienen und so schnell wie möglich zurück fahren”, sagt Agnieszka.

In diesem Jahr macht ihnen die Pandemie einen Strich durch die Rechnung.


Aus: "Deutschland - Spargelernte: Corona-Quarantäne für Erntehelfer" Grzegorz Szymanowski  (13.05.2021)
Quelle: https://www.dw.com/de/spargelernte-corona-quarant%C3%A4ne-f%C3%BCr-erntehelfer/a-57510474

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 on: May 12, 2021, 01:26:32 PM 
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[...] An einem späten Abend im Februar wird Lale Gül klar, dass sie das alles unterschätzt hat. Zwei Tage ist es erst her, dass ihr Buch „Ik ga leven“ veröffentlicht wurde. Nun ist sie auf dem Heimweg von ihrer ersten Talkshow, und ihr Telefon steht nicht mehr still. 20-, 30-, 40-mal klingelt es. Die Anrufer, Verwandte oder Bekannte, empören sich, dass sie soeben forderte, in den Moscheen des Landes solle auf ­Niederländisch gepredigt werden. Und dann äußerte sie sich auch noch abschätzig über Koranschulen!

Was Gül nicht weiß: Dies war nur der Anfang. Als die 23-Jährige Studentin der niederländischen Literatur, geboren und aufgewachsen als Tochter anatolischer Gastarbeiter in Amsterdam, die Wohnung der Familie betritt, sitzt dort die halbe Nachbarschaft im Wohnzimmer. Alle zugleich fallen über sie her, die Vorwürfe fliegen ihr um die Ohren: „Wir Muslime haben es schon schwer genug!“ – „Schämst du dich nicht? “ – „Wie kannst du nur so ein Buch schreiben? Das sorgt für Hass und Rassismus!“

Das Erste, was auffällt, wenn Lale Gül über all das spricht, ist, wie abgeklärt sie dabei klingt. Dabei hat „Ich werde leben“, so der Titel ihres Debüts auf Deutsch, ihr Leben gelinde gesagt auf den Kopf gestellt. Sie ist untergetaucht, wohnt an einem unbekannten Ort, Treffen mit Journalisten sind nur im Geheimen möglich. Eben stieg sie aus dem Taxi, auf das sie derzeit angewiesen ist, aus Sicherheitsgründen. Oft wird sie von jemandem aus ihrem Verlag begleitet. Wenn sie ihr Buch, das seit elf Wochen auf der Bestsellerliste steht, irgendwo signiert, geschieht das immer unangekündigt.

Lale Gül ist eine elegante Erscheinung. Das lange Haar trägt sie offen, dunkle Bluse und Hose, viel Schmuck. Sie hat einen langen Weg hinter sich, der in der Kolenkitbuurt begann. Dieses Viertel ganz im Westen Amsterdams, jenseits der Stadtautobahn, war vor Jahren als schlechtestes des Landes verrufen. Hier wurde sie als Kind täglich mit einem Euro zum Supermarkt geschickt, um diesen je zur Hälfte in Weißbrot und Frischkäse zu investieren, ihr Standardfrühstück und -mittagessen. In der Stadtteilbibliothek fand sie die Inspiration, weiter zu denken, über die graubraunen Wohnblocks mit beengten Behausungen hinaus. Die Bücher erschlossen ihr eine andere Welt.

Zu Beginn des Treffens ist sie sachlich und abwartend. Ihre Stimme klingt warm, sie wirkt ruhig und gefasst. Die eigene Situation beschreibt sie mit analytischer Schärfe: Sicherer fühlt sie sich, jetzt, da niemand sie zu finden weiß. „Ich habe mehr Ruhe in meinem Kopf.“ Andererseits: Sie vermisst ihren Bruder und die kleine, achtjährige Schwester, die sie über alles liebt und für die sie sich verantwortlich fühlt. Aber: „Ich musste weg von zu Hause. Ich konnte so nicht weiterleben.“ Die Stadt hilft ihren zwischenzeitlichen Unterschlupf zu bezahlen.

Es war irgendwann im März, als sie untertauchte, nach Dutzenden islamistischen Morddrohungen, die sie über Social-Media-Kanäle erhielt. Von jeder einzelnen hat sie Screenshots gemacht. „Schau hier“, sagt sie und zeigt die Beweisstücke des Shitstorms an Militanz, der über sie hereinbrach, auf dem Bildschirm ihres Telefons. Ein Gruselkabinett erscheint, das sie präsentiert, ohne eine Miene zu verziehen: „Fotos von Waffen. Eine Pistole. Ein Maschinengewehr. Ein Video mit einem IS-Lied.“ Hat sie Anzeige erstattet? „Selbstverständlich. Jede Woche.“

Was Lale Gül all diesen Hass eingebrockt hat, ist ihre mehr als 300-seitige Abrechnung mit dem stockkonservativen, türkisch-nationalistischen Milieu, in dem sie aufgewachsen ist. Sie empfindet es als ein Korsett aus erstickender Moral, in dem Musik und figurbetonte Kleidung verboten sind, doch das Kopftuch ab der ersten Periode obligatorisch ist. Ausgehen, flirten, Beziehungen gar werden ihr als junger Frau untersagt, selbst Freundschaften mit Jungs. Zwölf Jahre lang steht jedes Wochenende Indoktrinierung in der Millî-Görüş-Koranschule an, dazukommt die tägliche türkische Fernsehpropaganda aus der Satellitenschüssel.

Aus Sicht der Protagonistin Büsra geschrieben, ist „Ik ga leven“ auch die Chronik einer jugendlichen Dissidenz bis hin zum Abfall vom Glauben. Schon früh lehnt sie sich gegen das strikte Regime der ultrareligiösen Mutter auf. Sie verschlingt Bücher in einem Haushalt, in dem außer dem Koran nichts gelesen wird. Drei Jahre lang hat sie eine geheime Beziehung zu einem Nichtmuslim in Den Haag, und die Beschreibung ihres sexuellen Erwachens ist so euphorisch, wie der Drang zum Ausbruch aus dem Tugenddiktat tief sitzt.

Die Essenz des Buchs, das die Niederlande seit Monaten in Atem hält, über das in allen Medien berichtet und in Freundeskreisen diskutiert wird, ist die eines individuellen Lebensentwurfs, der sich mit Verve gegen ein autoritäres Kollektiv richtet: „Kind Gottes, Dienstmädchen, konformistisches Mitglied des Gemeinwesens, keusche Ehefrau eines koranfesten Gatten. Ich bekomme Flecken im Gesicht, wenn ich daran denke.“ Mit diesen Worten verweigert die Protagonistin den ihr zugedachten Platz. Sie legt ihr Kopftuch ab und entzieht sich allen Versuchen einer arrangierten Hochzeit.

Gründlich seziert sie dabei immer wieder ihre Umgebung, erklärt die eigene Gedanken- und Gefühlswelt, die Frustrationen, die Wünsche, die Schlussfolgerungen. Vielfach springt sie zwischen autobiografischem Roman und Essay hin und her, und natürlich ist das Ganze auch ein Manifest im Namen von Aufklärung und individueller Freiheit. „Ich dachte“, sagt Lale Gül, „dass man gar nicht anders könnte, als mich zu verstehen, wenn ich das alles so gründlich es geht erkläre. Aber da war ich wohl etwas naiv.“

Rückblickend muss sie fast lachen darüber, wie unvorbereitet sie auf diesen Sturm war. Je mehr sie ins Plaudern gerät, desto mehr vermitteln kleine Details einen Eindruck vom Entstehungsprozess dieses Buchs. Etwa, dass sie den Eltern erst nichts davon erzählte, bis der Vater unvermittelt den Karton mit den Autorin-Exemplaren in Empfang nahm. „Hast du ein Buch geschrieben?“, fragte er verdutzt, als er ihr Foto auf dem Umschlag sah. „Ach, nur eine Liebesgeschichte“, so ihre lakonische Antwort. „Ich dachte, ein paar Interessierte würden es lesen, Freundinnen, Bekannte. Und dass sich einige in der gleichen Lage darin wiederfinden.“

Womit sie nicht rechnete, war das Medieninteresse und die Dynamik, die daraus folgte. Ihr Alltag wird zum Spießrutenlauf: Empörte Nachbarn klingeln, es hagelt aggressive Anrufe von Verwandten aus der Türkei, auf der Straße wird sie beschimpft und bespuckt. Dazu kommen die Morddrohungen. Eine Zeit lang traut sich die Debütantin kaum noch aus dem Haus.

„Mein Vater ist der Briefträger im Viertel. Jeder dort weiß, wo ich wohne.“ Auch aus den Medien zieht sie sich in dieser Zeit zurück. Sie erwägt, die gerade erst begonnene literarische Karriere gleich wieder zu beenden. Später beschließt sie, nicht mehr über den Islam zu schreiben, weil das Leben ihr zu lieb ist.

Auch das Verhältnis zu den Eltern ist nun zum Bersten gespannt. Sie sorgen sich um sie und sind zugleich wütend und verletzt. Der Vater wird überall auf seine vermeintlich ehrlose Tochter angesprochen, bis ihm permanent die Hände zittern. Die Mutter, schon länger depressiv, droht mit Selbstmord und sagt ihrer Tochter, sie hätte lieber einen Stein geboren. Wer sich wundert, wie die Frau mit 23 Jahren in dieser Situation so ruhig wirkt, findet hier einen Hinweis. „Irgendwann schaltest du deine Emotionen aus“, sagt Lale Gül.

Anfang März gibt sie in der Tageszeitung Trouw ein bemerkenswertes Interview. „Die Niederlande sind ein individualistisches Land. Im Rest der Welt ist es ziemlich normal, dass du deine Familie behalten willst“, sagt sie dort. Und dass es sie nicht glücklich machen würde, mit ihr zu brechen. Sie berichtet von Abenden auf dem Sofa, mit Tee und türkischen Seifenopern im Fernsehen. „Dann geht es nicht um ideologische Unterschiede, sondern wir sind eine gesellige Familie, und das finde ich auch wieder schön.“

In einer Situation freilich, die derart unter Spannung steht, wird der Raum für solche Zwischentöne mehr als knapp. Im Nachhinein sieht sie die Sache so: „Deine Familie ist eigentlich dein safe house, wo du immer hinkannst, wenn es dir nicht gut geht. Eine Beziehung kann enden, Freundschaften können sich verlieren. Darum wollte ich den Kontakt nicht abbrechen. Meine Eltern sind keine schlechten Menschen, nur sehr konservativ. Aber ihre Liebe ist eben nicht bedingungslos. Irgendwann hätte ich mein Glück ihrem opfern müssen.“

Dass niemand anderes als der rechtspopulistische Politiker Geert Wilders indirekt den endgültigen Bruch auslöste, ist bezeichnend dafür, wie tief Lale Gül zwischen die Fronten einer chronisch überhitzten Debatte geraten ist. Bei der letzten Fernsehdebatte vor den Parlamentswahlen Mitte März lobt Wilders „diese tapfere türkische Frau, die den Islam verlassen hat und nun bedroht wird. Das ist der Beweis, dass der türkische Islam sich in den Niederlanden nicht integriert“. Lale Gül erklärt später in niederländischen Zeitungen: „Die Hölle brach los, als ich von Geert Wilders gepriesen wurde. Das war der Tropfen, der das Fass überlaufen ließ.“

Obwohl der Wahlkampf von der Coronakrise dominiert wird und das Thema Identität keine große Rolle spielt, bekommt die Debatte um ihr Buch in dieser Zeit zusätzliche Brisanz. Zeki Baran, Vorsitzender des „Mitbestimmungsorgans der Türken in den Niederlanden“ und Mitglied der sozialdemokratischen Arbeitspartei, nennt es „Hetzerei“ und wittert eine Verschwörung: Absichtlich sei es kurz vor den Wahlen veröffentlicht worden, um die politische Rechte zu stärken.

Die Partei DENK wiederum, besonders stark im Milieu der „Nederturken“, plaziert eine Anzeige auf der Website einer türkischen Zeitung, wonach sie gegen „Feinde des Islams“ vorgehen werde – just über einem Artikel, der Lale Gül als eben solche bezeichnet. Ein Parteisprecher macht dafür einen Algorithmus verantwortlich. Der DENK-Vorsitzende im Amsterdamer Stadtrat, Numan Yılmaz, kritisiert kurz darauf die Bedrohungen gegen die Schriftstellerin, wirft ihr aber zugleich vor, sie sei islamophob und verfolge eine PR-Kampagne.

Freilich hat sich Lale Gül in ihrem Buch auf eine Art exponiert, wie es innerhalb der türkischstämmigen Communitys selten geschieht: Als ihr der Vater durchaus aufdringlich dazu rät, den DENK-Gründer Tunahan Kuzu zu wählen – „der Einzige im Parlament, der an unsere Interessen denkt“ –, lässt sie ihn abblitzen: „Er steht für identitäre Bubble-Interessen.“ Der Vater nennt sie daraufhin eine „Nestbeschmutzerin, die sich als Maskottchen der rassistischen Niederlande hergibt“. Die Tochter sieht in dieser Rhetorik freilich einen Hinweis darauf, wie ähnlich sich die migrantische DENK und die Rechtspopulisten in ihrem Fokus an die vermeintlich eigene Bevölkerungsgruppe sind.

Eigentlich kann sie schon mit diesen Kategorien rein gar nichts anfangen, weil sie ihre Identität ganz anders definiert. Türkisch, niederländisch, amsterdamerisch: Sie ist all das – und vor allem Letzteres. Man hört ihr das an. Und es klingt auch im Buch durch, das sich nicht nur ab und zu in akademischen Diskursen über Gruppenidentität oder Integration ergeht, sondern auch den Straßenslang der Hauptstadt geradezu kultiviert. Es sind die beiden Welten der Grenzgängerin Lale Gül, die im Gespräch berichtet, dass just der raue Amsterdamer Einschlag von Lesern anderswo im Land oft als zu grob empfunden werde.

Offensiv ist das Werk auch in einem übertragenen, symbolischen Sinn: Von Beginn an kann man ihr dabei zusehen, wie sie ihr eigenes geistig-kulturelles Terrain absteckt, das weit über den Horizont eines Migrantenkinds aus der Kolenkitbuurt herausgeht. Einem Nietzsche-Zitat folgen gleich fünf von Eduard Douwes Dekker, der unter seinem Pseudonym Multatuli zum Klassiker der niederländischen Literatur wurde. Und kann es für eine Schriftstellerin wie sie eine deutlichere Standortbestimmung geben, als der Leserschaft gleich im ersten Absatz einen „Cruijff’schen Ratschlag“ zu erteilen? Was Lale Gül mit Johan ­Cruijff, dem begnadeten Amsterdamer Fußballspieler der 1970er und 1980er Jahre, verbindet, ist dieser Lokalkolorit, der nach armem Viertel riecht.

Ähnlich selbstbewusst markiert Lale Gül ihre gesellschaftliche Position: „Ich identifiziere mich mit säkularen Türken, aber nicht mit religiösen, und genauso wenig habe ich was mit religiösen Niederländern am Hut“, erklärt sie. Ihr Buch, das sich nicht selten wie sarkastische ethnografische Erkundungen liest und dabei durchaus Humor beweist, spiegelt dies wider: Da vergleicht sie die orthodoxen Muslime mit dem niederländischen Städtchen Staphorst im fundamentalistisch-calvinistischen bible belt und nennt ihr Umfeld in Amsterdam-West „eine Art orientalische SGP“. Letztere ist die Partei der Hardcore-Calvinisten, die erst im Jahre 2013 Frauen auf ihren Wahllisten zuließ.

Was Lale Gül schwer gegen den Strich geht, ist der kulturelle Relativismus manch Progressiver im Land. „Sie denken, die islamische Kultur besteht aus schönen Kopftüchern und der Geselligkeit des Ramadans.“ Vergessen werde dabei, dass sich Schwule in solchen Communitys nicht outen können und man Frauen, die über ihr Leben selbst bestimmen wollen, als „Huren“ bezeichnet. „Neulich wurden in einem Artikel Feministinnen zitiert, die mich mutig fanden, sich aber kein Urteil anmaßten, weil es sozusagen nicht ihre Kultur sei.“

Es gibt einen Aspekt, der diese Frau aus den gängigen Mustern und Gesetzmäßigkeiten des niederländischen Diskurses hervorhebt. Mehrfach kam es vor, dass IslamkritikerInnen oder Abfällige wie durch magnetische Kräfte von rechten Parteien angezogen wurden. Lale Gül scheint für diese Dynamik nicht empfänglich. Was vielleicht damit zu tun hat, dass der Vater ihres Exgeliebten Geert Wilders' PVV nicht nur wählt, sondern auch mit Spenden unterstützt. Und ausgerechnet zu diesem Vater, der sie am Anfang wegen des Kopftuchs, das sie damals noch trug, kritisch beäugte, baute sie eine besonders herzliche Beziehung auf.

Der Rahmen dieser Beziehung spiegelt den asymmetrischen Frontverlauf der ganzen Debatte. Auf den Straßen Den Haags schlägt dem jungen Paar immer wieder unverhohlen Rassismus entgegen. Doch ausgerechnet der väterliche Wilders-Wähler bietet ihnen irgendwann an, sie zu verteidigen – körperlich, versteht sich. An seinen politischen Vorlieben indes ändert das nichts. Und während er die Freundin seines Sohns fest in sein Herz geschlossen hat, darf seine Tochter auf gar keinen Fall mit einem muslimischen Jungen nach Hause kommen. Eine Logik, die Lale Gül von ihrer eigenen Familie in Amsterdam seltsam bekannt vorkommt.

Nun, da sie diese, ihre eigene Familie hinter sich gelassen hat, liegt vor ihr ein neues Leben mit Freiheiten, die sie zuvor niemals besaß. Vorerst aber kann Lale Gül davon wenig genießen. Sie lebt weiter im Versteck, auch wenn die Bedrohungen nach zwei Festnahmen inzwischen abgenommen haben. Während die Niederlande langsam die ersten Coronabeschränkungen aufheben, dauert Lale Güls Lockdown an. Wenn in diesen Tagen an ihrer Universität die Vorlesungen wieder beginnen, ist ihr bei diesem Gedanken mulmig zumute. Sie fragt sich, wie sie dort überhaupt hinkommen soll.


Aus: "Bedrohte Autorin in den Niederlanden: Zwischen allen Fronten" Ein Artikel von Tobias Müller (5.5.2021)
Quelle: https://taz.de/Bedrohte-Autorin-in-den-Niederlanden/!5765575/

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Katholischer Atheist
5. Mai, 17:53

Na, da bin ich ja mal gespannt auf die Kommentare ...


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Volker Scheunert
6. Mai, 11:14

Was mich - selbst Vater einer Tochter - erschuettert, ist Folgendes:

"Aber ihre Liebe ist eben nicht bedingungslos. Irgendwann hatte ich mein Glueck ihrem opfern muessen." Was geht in den Koepfen solcher Eltern ab? Es gibt bestimmt auch heute noch "bio-"deutsche oder -niederländische Eltern, die ihren Toechtern sagen: "Mit einem Auslaender brauchst Du Dich bei uns nicht mehr blicken zu lassen." Dieser Wahn aber, als kleine, aber im Selbstverstaendnis einzige nach Gottes Willen lebende, Gemeinschaft in einer zutiefst gottlosen und rassistischen Umgebung, von jedem Mitglied, besonders den weiblichen, absolute Loyalitaet zu fordern, hat etwas zutiefst Paranoides. Das laesst sich auch bei manchen christlichen Gruppierungen, bei rechtsradikalen Sekten, und, zumindest frueher, durchaus auch bei lesbischen Separatistinnen beobachten. Abweichler:innen, Ketzer:innen, Individualist:innen, Aussteiger:innen und "Verraeter:innen" können da froh sein, wenn man sie ohne allzuviel Psychoterror oder gar Morddrohungen ziehen laesst. Ich wünsche Lale Guel weiterhin viel Kraft und jede Menge gute "Wahlverwandtschaft" (nicht Geert Wilders!), auf dass sie ihren eigenen Weg weitergehen kann. Wer weiss, vielleicht kommt auch ihre Familie irgendwann zur Besinnung, und sieht ein, dass ihre freiheitsliebende Tochter ihre Liebe und Loyalitaet verdient, und nicht ihre konformistische Gemeinschaft.


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Sonntagssegler
Montag, 14:07

@Volker Scheunert Unsereins muss sich natürlich mit schlecht fundierten Analysen über einem ferne Communities zurückhalten.

Mir ist allerdings in dem Artikel die extrem konservative Mutter aufgefallen. Ich erinnere mich, das dieses Verhalten bei Frauen in Migrantengruppen oft darauf zurückzuführen ist, dass Frauen bei der Integration in die "neue" Welt" extrem benachteiligt sind und sich außerhalb der Familie keine respektvolle Position erarbeiten können.

Daher reduzieren sie ihre Position auf Kompetenzen, die sie aus ihrer alten Heimat mitnehmen konnten, also Familie und Tradition.

Mit zunehmender Bildung der Mädchen/Frauen zerfällt das Muster.

Im Übrigen scheinen ja auch diese Leute in dem Viertel ziemlich krass zu sein. Unsere türkischen Nachbarn wären entsetzt.


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Waldo Montag, 13:59

Starke Frau ....


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Sonntagssegler Montag, 13:58

Selten wird ein Mensch bei der taz so uneingeschränkt angehimmelt. Hat es etwa den Autor beim Schreiben erwischt - und womöglich mich beim Lesen mitgerissen?


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JohnBowie
gestern, 20:52

@Sonntagssegler Sehr frustrierend finde ich, dass sich wohl in den letzten 40 Jahren sehr wenig getan hat.

Ich hatte mit zarten 14 Jahren eine türkische Freundin und wurde freundlich von jungen Türken, die irgendwie von unserer realtiv heimlichen Beziehung erfahren hatten, mit gut gemeinten, freundlichen Worten bedroht.

Uns blieb keine Wahl.

Wenige Jahre später reagierte eine junge Frau mit Kopftuch beim Einkauf im Supermarkt auf mich. Ihr Mann, der ihr vorausging, bemerkte etwas und wurde argwöhnisch. Wir gingen schnell und unauffällig weiter.

Niemand sonst nahm Notiz.


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insLot
6. Mai, 10:06

Zitat: Neulich wurden in einem Artikel Feministinnen zitiert, die mich mutig fanden, sich aber kein Urteil anmaßten, weil es sozusagen nicht ihre Kultur sei.

Ich finde, dieser Satz ist Beispielhaft für das Kernproblem der Identitätspolitik! Ansonsten sehr interessanter Artikel.


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Marco Moreno
6. Mai, 07:33

Danke Tobias Müller für diesen Artikel. Er macht mir einmal mehr deutlich, wie sehr es darum geht den anderes Denkenden auszuhalten, einmal in den multiethischen Gegenden. Rassistische Pöbeleien durfte ich von Biodeutschen und Niederländern ebenso erfahren, wie religiös motivierte Verurteilungen, vollkommen unabhängig davon, welchem Gott gehuldigt wird. Hier wie dort darf, in erster Linie Mann, ein Nazi, oder irgendein Fundamentalist sein, der permanent damit beschäftigt ist, mich, oder mein Liebsten, in unserer/ meiner Freiheit und Würde herabzusetzen. Ich bin so müde dieser Anfeindungen, dieser geistigen Enge, Kleinherzigkeit und Ignoranz, dass ich mich frage wie lange ich noch bereit bin, die anderen zu ertragen. Nochmals danke für den Artikel und ja, auf das auf die Lale gut aufgepasst wird.


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hessebub
5. Mai, 22:38

Aufklärung all over again. Man sollte Frau Gül mit Lessing-Preisen und Schiller-Medaillen überhäufen.


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Dr. McSchreck
5. Mai, 21:57

Klasse Artikel, der gerade gegen Ende die typischen Gut-Böse-Schemata komplett hinter sich lässt. Ein bisschen wie ein alter Bruce-Springsteen-Song....


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Karl Kraus
5. Mai, 21:20

Warum sind eigentlich so viele Leute so wahnsinnig bescheuert?


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Lowandorder
6. Mai, 08:44

@Karl Kraus Eine gute eine Frage. Erschütternd das Ganze.



 9 
 on: May 12, 2021, 01:25:59 PM 
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[...] An einem späten Abend im Februar wird Lale Gül klar, dass sie das alles unterschätzt hat. Zwei Tage ist es erst her, dass ihr Buch „Ik ga leven“ veröffentlicht wurde. Nun ist sie auf dem Heimweg von ihrer ersten Talkshow, und ihr Telefon steht nicht mehr still. 20-, 30-, 40-mal klingelt es. Die Anrufer, Verwandte oder Bekannte, empören sich, dass sie soeben forderte, in den Moscheen des Landes solle auf ­Niederländisch gepredigt werden. Und dann äußerte sie sich auch noch abschätzig über Koranschulen!

Was Gül nicht weiß: Dies war nur der Anfang. Als die 23-Jährige Studentin der niederländischen Literatur, geboren und aufgewachsen als Tochter anatolischer Gastarbeiter in Amsterdam, die Wohnung der Familie betritt, sitzt dort die halbe Nachbarschaft im Wohnzimmer. Alle zugleich fallen über sie her, die Vorwürfe fliegen ihr um die Ohren: „Wir Muslime haben es schon schwer genug!“ – „Schämst du dich nicht? “ – „Wie kannst du nur so ein Buch schreiben? Das sorgt für Hass und Rassismus!“

Das Erste, was auffällt, wenn Lale Gül über all das spricht, ist, wie abgeklärt sie dabei klingt. Dabei hat „Ich werde leben“, so der Titel ihres Debüts auf Deutsch, ihr Leben gelinde gesagt auf den Kopf gestellt. Sie ist untergetaucht, wohnt an einem unbekannten Ort, Treffen mit Journalisten sind nur im Geheimen möglich. Eben stieg sie aus dem Taxi, auf das sie derzeit angewiesen ist, aus Sicherheitsgründen. Oft wird sie von jemandem aus ihrem Verlag begleitet. Wenn sie ihr Buch, das seit elf Wochen auf der Bestsellerliste steht, irgendwo signiert, geschieht das immer unangekündigt.

Lale Gül ist eine elegante Erscheinung. Das lange Haar trägt sie offen, dunkle Bluse und Hose, viel Schmuck. Sie hat einen langen Weg hinter sich, der in der Kolenkitbuurt begann. Dieses Viertel ganz im Westen Amsterdams, jenseits der Stadtautobahn, war vor Jahren als schlechtestes des Landes verrufen. Hier wurde sie als Kind täglich mit einem Euro zum Supermarkt geschickt, um diesen je zur Hälfte in Weißbrot und Frischkäse zu investieren, ihr Standardfrühstück und -mittagessen. In der Stadtteilbibliothek fand sie die Inspiration, weiter zu denken, über die graubraunen Wohnblocks mit beengten Behausungen hinaus. Die Bücher erschlossen ihr eine andere Welt.

Zu Beginn des Treffens ist sie sachlich und abwartend. Ihre Stimme klingt warm, sie wirkt ruhig und gefasst. Die eigene Situation beschreibt sie mit analytischer Schärfe: Sicherer fühlt sie sich, jetzt, da niemand sie zu finden weiß. „Ich habe mehr Ruhe in meinem Kopf.“ Andererseits: Sie vermisst ihren Bruder und die kleine, achtjährige Schwester, die sie über alles liebt und für die sie sich verantwortlich fühlt. Aber: „Ich musste weg von zu Hause. Ich konnte so nicht weiterleben.“ Die Stadt hilft ihren zwischenzeitlichen Unterschlupf zu bezahlen.

Es war irgendwann im März, als sie untertauchte, nach Dutzenden islamistischen Morddrohungen, die sie über Social-Media-Kanäle erhielt. Von jeder einzelnen hat sie Screenshots gemacht. „Schau hier“, sagt sie und zeigt die Beweisstücke des Shitstorms an Militanz, der über sie hereinbrach, auf dem Bildschirm ihres Telefons. Ein Gruselkabinett erscheint, das sie präsentiert, ohne eine Miene zu verziehen: „Fotos von Waffen. Eine Pistole. Ein Maschinengewehr. Ein Video mit einem IS-Lied.“ Hat sie Anzeige erstattet? „Selbstverständlich. Jede Woche.“

Was Lale Gül all diesen Hass eingebrockt hat, ist ihre mehr als 300-seitige Abrechnung mit dem stockkonservativen, türkisch-nationalistischen Milieu, in dem sie aufgewachsen ist. Sie empfindet es als ein Korsett aus erstickender Moral, in dem Musik und figurbetonte Kleidung verboten sind, doch das Kopftuch ab der ersten Periode obligatorisch ist. Ausgehen, flirten, Beziehungen gar werden ihr als junger Frau untersagt, selbst Freundschaften mit Jungs. Zwölf Jahre lang steht jedes Wochenende Indoktrinierung in der Millî-Görüş-Koranschule an, dazukommt die tägliche türkische Fernsehpropaganda aus der Satellitenschüssel.

Aus Sicht der Protagonistin Büsra geschrieben, ist „Ik ga leven“ auch die Chronik einer jugendlichen Dissidenz bis hin zum Abfall vom Glauben. Schon früh lehnt sie sich gegen das strikte Regime der ultrareligiösen Mutter auf. Sie verschlingt Bücher in einem Haushalt, in dem außer dem Koran nichts gelesen wird. Drei Jahre lang hat sie eine geheime Beziehung zu einem Nichtmuslim in Den Haag, und die Beschreibung ihres sexuellen Erwachens ist so euphorisch, wie der Drang zum Ausbruch aus dem Tugenddiktat tief sitzt.

Die Essenz des Buchs, das die Niederlande seit Monaten in Atem hält, über das in allen Medien berichtet und in Freundeskreisen diskutiert wird, ist die eines individuellen Lebensentwurfs, der sich mit Verve gegen ein autoritäres Kollektiv richtet: „Kind Gottes, Dienstmädchen, konformistisches Mitglied des Gemeinwesens, keusche Ehefrau eines koranfesten Gatten. Ich bekomme Flecken im Gesicht, wenn ich daran denke.“ Mit diesen Worten verweigert die Protagonistin den ihr zugedachten Platz. Sie legt ihr Kopftuch ab und entzieht sich allen Versuchen einer arrangierten Hochzeit.

Gründlich seziert sie dabei immer wieder ihre Umgebung, erklärt die eigene Gedanken- und Gefühlswelt, die Frustrationen, die Wünsche, die Schlussfolgerungen. Vielfach springt sie zwischen autobiografischem Roman und Essay hin und her, und natürlich ist das Ganze auch ein Manifest im Namen von Aufklärung und individueller Freiheit. „Ich dachte“, sagt Lale Gül, „dass man gar nicht anders könnte, als mich zu verstehen, wenn ich das alles so gründlich es geht erkläre. Aber da war ich wohl etwas naiv.“

Rückblickend muss sie fast lachen darüber, wie unvorbereitet sie auf diesen Sturm war. Je mehr sie ins Plaudern gerät, desto mehr vermitteln kleine Details einen Eindruck vom Entstehungsprozess dieses Buchs. Etwa, dass sie den Eltern erst nichts davon erzählte, bis der Vater unvermittelt den Karton mit den Autorin-Exemplaren in Empfang nahm. „Hast du ein Buch geschrieben?“, fragte er verdutzt, als er ihr Foto auf dem Umschlag sah. „Ach, nur eine Liebesgeschichte“, so ihre lakonische Antwort. „Ich dachte, ein paar Interessierte würden es lesen, Freundinnen, Bekannte. Und dass sich einige in der gleichen Lage darin wiederfinden.“

Womit sie nicht rechnete, war das Medieninteresse und die Dynamik, die daraus folgte. Ihr Alltag wird zum Spießrutenlauf: Empörte Nachbarn klingeln, es hagelt aggressive Anrufe von Verwandten aus der Türkei, auf der Straße wird sie beschimpft und bespuckt. Dazu kommen die Morddrohungen. Eine Zeit lang traut sich die Debütantin kaum noch aus dem Haus.

„Mein Vater ist der Briefträger im Viertel. Jeder dort weiß, wo ich wohne.“ Auch aus den Medien zieht sie sich in dieser Zeit zurück. Sie erwägt, die gerade erst begonnene literarische Karriere gleich wieder zu beenden. Später beschließt sie, nicht mehr über den Islam zu schreiben, weil das Leben ihr zu lieb ist.

Auch das Verhältnis zu den Eltern ist nun zum Bersten gespannt. Sie sorgen sich um sie und sind zugleich wütend und verletzt. Der Vater wird überall auf seine vermeintlich ehrlose Tochter angesprochen, bis ihm permanent die Hände zittern. Die Mutter, schon länger depressiv, droht mit Selbstmord und sagt ihrer Tochter, sie hätte lieber einen Stein geboren. Wer sich wundert, wie die Frau mit 23 Jahren in dieser Situation so ruhig wirkt, findet hier einen Hinweis. „Irgendwann schaltest du deine Emotionen aus“, sagt Lale Gül.

Anfang März gibt sie in der Tageszeitung Trouw ein bemerkenswertes Interview. „Die Niederlande sind ein individualistisches Land. Im Rest der Welt ist es ziemlich normal, dass du deine Familie behalten willst“, sagt sie dort. Und dass es sie nicht glücklich machen würde, mit ihr zu brechen. Sie berichtet von Abenden auf dem Sofa, mit Tee und türkischen Seifenopern im Fernsehen. „Dann geht es nicht um ideologische Unterschiede, sondern wir sind eine gesellige Familie, und das finde ich auch wieder schön.“

In einer Situation freilich, die derart unter Spannung steht, wird der Raum für solche Zwischentöne mehr als knapp. Im Nachhinein sieht sie die Sache so: „Deine Familie ist eigentlich dein safe house, wo du immer hinkannst, wenn es dir nicht gut geht. Eine Beziehung kann enden, Freundschaften können sich verlieren. Darum wollte ich den Kontakt nicht abbrechen. Meine Eltern sind keine schlechten Menschen, nur sehr konservativ. Aber ihre Liebe ist eben nicht bedingungslos. Irgendwann hätte ich mein Glück ihrem opfern müssen.“

Dass niemand anderes als der rechtspopulistische Politiker Geert Wilders indirekt den endgültigen Bruch auslöste, ist bezeichnend dafür, wie tief Lale Gül zwischen die Fronten einer chronisch überhitzten Debatte geraten ist. Bei der letzten Fernsehdebatte vor den Parlamentswahlen Mitte März lobt Wilders „diese tapfere türkische Frau, die den Islam verlassen hat und nun bedroht wird. Das ist der Beweis, dass der türkische Islam sich in den Niederlanden nicht integriert“. Lale Gül erklärt später in niederländischen Zeitungen: „Die Hölle brach los, als ich von Geert Wilders gepriesen wurde. Das war der Tropfen, der das Fass überlaufen ließ.“

Obwohl der Wahlkampf von der Coronakrise dominiert wird und das Thema Identität keine große Rolle spielt, bekommt die Debatte um ihr Buch in dieser Zeit zusätzliche Brisanz. Zeki Baran, Vorsitzender des „Mitbestimmungsorgans der Türken in den Niederlanden“ und Mitglied der sozialdemokratischen Arbeitspartei, nennt es „Hetzerei“ und wittert eine Verschwörung: Absichtlich sei es kurz vor den Wahlen veröffentlicht worden, um die politische Rechte zu stärken.

Die Partei DENK wiederum, besonders stark im Milieu der „Nederturken“, plaziert eine Anzeige auf der Website einer türkischen Zeitung, wonach sie gegen „Feinde des Islams“ vorgehen werde – just über einem Artikel, der Lale Gül als eben solche bezeichnet. Ein Parteisprecher macht dafür einen Algorithmus verantwortlich. Der DENK-Vorsitzende im Amsterdamer Stadtrat, Numan Yılmaz, kritisiert kurz darauf die Bedrohungen gegen die Schriftstellerin, wirft ihr aber zugleich vor, sie sei islamophob und verfolge eine PR-Kampagne.

Freilich hat sich Lale Gül in ihrem Buch auf eine Art exponiert, wie es innerhalb der türkischstämmigen Communitys selten geschieht: Als ihr der Vater durchaus aufdringlich dazu rät, den DENK-Gründer Tunahan Kuzu zu wählen – „der Einzige im Parlament, der an unsere Interessen denkt“ –, lässt sie ihn abblitzen: „Er steht für identitäre Bubble-Interessen.“ Der Vater nennt sie daraufhin eine „Nestbeschmutzerin, die sich als Maskottchen der rassistischen Niederlande hergibt“. Die Tochter sieht in dieser Rhetorik freilich einen Hinweis darauf, wie ähnlich sich die migrantische DENK und die Rechtspopulisten in ihrem Fokus an die vermeintlich eigene Bevölkerungsgruppe sind.

Eigentlich kann sie schon mit diesen Kategorien rein gar nichts anfangen, weil sie ihre Identität ganz anders definiert. Türkisch, niederländisch, amsterdamerisch: Sie ist all das – und vor allem Letzteres. Man hört ihr das an. Und es klingt auch im Buch durch, das sich nicht nur ab und zu in akademischen Diskursen über Gruppenidentität oder Integration ergeht, sondern auch den Straßenslang der Hauptstadt geradezu kultiviert. Es sind die beiden Welten der Grenzgängerin Lale Gül, die im Gespräch berichtet, dass just der raue Amsterdamer Einschlag von Lesern anderswo im Land oft als zu grob empfunden werde.

Offensiv ist das Werk auch in einem übertragenen, symbolischen Sinn: Von Beginn an kann man ihr dabei zusehen, wie sie ihr eigenes geistig-kulturelles Terrain absteckt, das weit über den Horizont eines Migrantenkinds aus der Kolenkitbuurt herausgeht. Einem Nietzsche-Zitat folgen gleich fünf von Eduard Douwes Dekker, der unter seinem Pseudonym Multatuli zum Klassiker der niederländischen Literatur wurde. Und kann es für eine Schriftstellerin wie sie eine deutlichere Standortbestimmung geben, als der Leserschaft gleich im ersten Absatz einen „Cruijff’schen Ratschlag“ zu erteilen? Was Lale Gül mit Johan ­Cruijff, dem begnadeten Amsterdamer Fußballspieler der 1970er und 1980er Jahre, verbindet, ist dieser Lokalkolorit, der nach armem Viertel riecht.

Ähnlich selbstbewusst markiert Lale Gül ihre gesellschaftliche Position: „Ich identifiziere mich mit säkularen Türken, aber nicht mit religiösen, und genauso wenig habe ich was mit religiösen Niederländern am Hut“, erklärt sie. Ihr Buch, das sich nicht selten wie sarkastische ethnografische Erkundungen liest und dabei durchaus Humor beweist, spiegelt dies wider: Da vergleicht sie die orthodoxen Muslime mit dem niederländischen Städtchen Staphorst im fundamentalistisch-calvinistischen bible belt und nennt ihr Umfeld in Amsterdam-West „eine Art orientalische SGP“. Letztere ist die Partei der Hardcore-Calvinisten, die erst im Jahre 2013 Frauen auf ihren Wahllisten zuließ.

Was Lale Gül schwer gegen den Strich geht, ist der kulturelle Relativismus manch Progressiver im Land. „Sie denken, die islamische Kultur besteht aus schönen Kopftüchern und der Geselligkeit des Ramadans.“ Vergessen werde dabei, dass sich Schwule in solchen Communitys nicht outen können und man Frauen, die über ihr Leben selbst bestimmen wollen, als „Huren“ bezeichnet. „Neulich wurden in einem Artikel Feministinnen zitiert, die mich mutig fanden, sich aber kein Urteil anmaßten, weil es sozusagen nicht ihre Kultur sei.“

Es gibt einen Aspekt, der diese Frau aus den gängigen Mustern und Gesetzmäßigkeiten des niederländischen Diskurses hervorhebt. Mehrfach kam es vor, dass IslamkritikerInnen oder Abfällige wie durch magnetische Kräfte von rechten Parteien angezogen wurden. Lale Gül scheint für diese Dynamik nicht empfänglich. Was vielleicht damit zu tun hat, dass der Vater ihres Exgeliebten Geert Wilders' PVV nicht nur wählt, sondern auch mit Spenden unterstützt. Und ausgerechnet zu diesem Vater, der sie am Anfang wegen des Kopftuchs, das sie damals noch trug, kritisch beäugte, baute sie eine besonders herzliche Beziehung auf.

Der Rahmen dieser Beziehung spiegelt den asymmetrischen Frontverlauf der ganzen Debatte. Auf den Straßen Den Haags schlägt dem jungen Paar immer wieder unverhohlen Rassismus entgegen. Doch ausgerechnet der väterliche Wilders-Wähler bietet ihnen irgendwann an, sie zu verteidigen – körperlich, versteht sich. An seinen politischen Vorlieben indes ändert das nichts. Und während er die Freundin seines Sohns fest in sein Herz geschlossen hat, darf seine Tochter auf gar keinen Fall mit einem muslimischen Jungen nach Hause kommen. Eine Logik, die Lale Gül von ihrer eigenen Familie in Amsterdam seltsam bekannt vorkommt.

Nun, da sie diese, ihre eigene Familie hinter sich gelassen hat, liegt vor ihr ein neues Leben mit Freiheiten, die sie zuvor niemals besaß. Vorerst aber kann Lale Gül davon wenig genießen. Sie lebt weiter im Versteck, auch wenn die Bedrohungen nach zwei Festnahmen inzwischen abgenommen haben. Während die Niederlande langsam die ersten Coronabeschränkungen aufheben, dauert Lale Güls Lockdown an. Wenn in diesen Tagen an ihrer Universität die Vorlesungen wieder beginnen, ist ihr bei diesem Gedanken mulmig zumute. Sie fragt sich, wie sie dort überhaupt hinkommen soll.


Aus: "Bedrohte Autorin in den Niederlanden: Zwischen allen Fronten" Ein Artikel von Tobias Müller (5.5.2021)
Quelle: https://taz.de/Bedrohte-Autorin-in-den-Niederlanden/!5765575/

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Katholischer Atheist
5. Mai, 17:53

Na, da bin ich ja mal gespannt auf die Kommentare ...


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Volker Scheunert
6. Mai, 11:14

Was mich - selbst Vater einer Tochter - erschuettert, ist Folgendes:

"Aber ihre Liebe ist eben nicht bedingungslos. Irgendwann hatte ich mein Glueck ihrem opfern muessen." Was geht in den Koepfen solcher Eltern ab? Es gibt bestimmt auch heute noch "bio-"deutsche oder -niederländische Eltern, die ihren Toechtern sagen: "Mit einem Auslaender brauchst Du Dich bei uns nicht mehr blicken zu lassen." Dieser Wahn aber, als kleine, aber im Selbstverstaendnis einzige nach Gottes Willen lebende, Gemeinschaft in einer zutiefst gottlosen und rassistischen Umgebung, von jedem Mitglied, besonders den weiblichen, absolute Loyalitaet zu fordern, hat etwas zutiefst Paranoides. Das laesst sich auch bei manchen christlichen Gruppierungen, bei rechtsradikalen Sekten, und, zumindest frueher, durchaus auch bei lesbischen Separatistinnen beobachten. Abweichler:innen, Ketzer:innen, Individualist:innen, Aussteiger:innen und "Verraeter:innen" können da froh sein, wenn man sie ohne allzuviel Psychoterror oder gar Morddrohungen ziehen laesst. Ich wünsche Lale Guel weiterhin viel Kraft und jede Menge gute "Wahlverwandtschaft" (nicht Geert Wilders!), auf dass sie ihren eigenen Weg weitergehen kann. Wer weiss, vielleicht kommt auch ihre Familie irgendwann zur Besinnung, und sieht ein, dass ihre freiheitsliebende Tochter ihre Liebe und Loyalitaet verdient, und nicht ihre konformistische Gemeinschaft.


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Sonntagssegler
Montag, 14:07

@Volker Scheunert Unsereins muss sich natürlich mit schlecht fundierten Analysen über einem ferne Communities zurückhalten.

Mir ist allerdings in dem Artikel die extrem konservative Mutter aufgefallen. Ich erinnere mich, das dieses Verhalten bei Frauen in Migrantengruppen oft darauf zurückzuführen ist, dass Frauen bei der Integration in die "neue" Welt" extrem benachteiligt sind und sich außerhalb der Familie keine respektvolle Position erarbeiten können.

Daher reduzieren sie ihre Position auf Kompetenzen, die sie aus ihrer alten Heimat mitnehmen konnten, also Familie und Tradition.

Mit zunehmender Bildung der Mädchen/Frauen zerfällt das Muster.

Im Übrigen scheinen ja auch diese Leute in dem Viertel ziemlich krass zu sein. Unsere türkischen Nachbarn wären entsetzt.


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Waldo Montag, 13:59

Starke Frau ....


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Sonntagssegler Montag, 13:58

Selten wird ein Mensch bei der taz so uneingeschränkt angehimmelt. Hat es etwa den Autor beim Schreiben erwischt - und womöglich mich beim Lesen mitgerissen?


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JohnBowie
gestern, 20:52

@Sonntagssegler Sehr frustrierend finde ich, dass sich wohl in den letzten 40 Jahren sehr wenig getan hat.

Ich hatte mit zarten 14 Jahren eine türkische Freundin und wurde freundlich von jungen Türken, die irgendwie von unserer realtiv heimlichen Beziehung erfahren hatten, mit gut gemeinten, freundlichen Worten bedroht.

Uns blieb keine Wahl.

Wenige Jahre später reagierte eine junge Frau mit Kopftuch beim Einkauf im Supermarkt auf mich. Ihr Mann, der ihr vorausging, bemerkte etwas und wurde argwöhnisch. Wir gingen schnell und unauffällig weiter.

Niemand sonst nahm Notiz.


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insLot
6. Mai, 10:06

Zitat: Neulich wurden in einem Artikel Feministinnen zitiert, die mich mutig fanden, sich aber kein Urteil anmaßten, weil es sozusagen nicht ihre Kultur sei.

Ich finde, dieser Satz ist Beispielhaft für das Kernproblem der Identitätspolitik! Ansonsten sehr interessanter Artikel.


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Marco Moreno
6. Mai, 07:33

Danke Tobias Müller für diesen Artikel. Er macht mir einmal mehr deutlich, wie sehr es darum geht den anderes Denkenden auszuhalten, einmal in den multiethischen Gegenden. Rassistische Pöbeleien durfte ich von Biodeutschen und Niederländern ebenso erfahren, wie religiös motivierte Verurteilungen, vollkommen unabhängig davon, welchem Gott gehuldigt wird. Hier wie dort darf, in erster Linie Mann, ein Nazi, oder irgendein Fundamentalist sein, der permanent damit beschäftigt ist, mich, oder mein Liebsten, in unserer/ meiner Freiheit und Würde herabzusetzen. Ich bin so müde dieser Anfeindungen, dieser geistigen Enge, Kleinherzigkeit und Ignoranz, dass ich mich frage wie lange ich noch bereit bin, die anderen zu ertragen. Nochmals danke für den Artikel und ja, auf das auf die Lale gut aufgepasst wird.


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hessebub
5. Mai, 22:38

Aufklärung all over again. Man sollte Frau Gül mit Lessing-Preisen und Schiller-Medaillen überhäufen.


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Dr. McSchreck
5. Mai, 21:57

Klasse Artikel, der gerade gegen Ende die typischen Gut-Böse-Schemata komplett hinter sich lässt. Ein bisschen wie ein alter Bruce-Springsteen-Song....


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Karl Kraus
5. Mai, 21:20

Warum sind eigentlich so viele Leute so wahnsinnig bescheuert?


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Lowandorder
6. Mai, 08:44

@Karl Kraus Eine gute eine Frage. Erschütternd das Ganze.



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 on: May 12, 2021, 01:07:06 PM 
Started by Textaris(txt*bot) - Last post by Textaris(txt*bot)
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[...] Die westdeutsche Studentenbewegung der 1960er Jahre war eine linksgerichtete gesellschaftskritische politische Bewegung in der Bundesrepublik Deutschland und West-Berlin. Sie entstand parallel zu anderen Studentenprotesten in den USA und Westeuropa, die als 68er-Bewegung zusammengefasst werden.  ...

... Im Zusammenhang mit neuen Musikrichtungen wie Rock- und Beatmusik hatte sich währenddessen eine Jugendkultur entwickelt, die sich in ihren Ausdrucksformen von der etablierten Gesellschaft zu unterscheiden suchte, jedoch in ihrer grundsätzlichen Ausrichtung teils auch unpolitisch, unorganisiert und sicherlich in mancher Hinsicht systemkonform war.

Trotzdem wurde diese Jugendbewegung von vielen Erwachsenen als ernsthafte Bedrohung ihres überkommenen Lebensstils – insbesondere im Hinblick auf die Infragestellung einer strengen, religiös begründeten Sexualmoral, und den hergebrachten gesellschaftlichen Konventionen der 1950er (kulturell etwa bei Musik und Kleidung, Ablehnung von „Sekundärtugenden“, Konsumismuskritik statt Wirtschaftswunder-Enthusiasmus) – aufgefasst und abgelehnt. Diese grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten haben viel zur rapide wachsenden Unversöhnlichkeit zwischen den Generationen gegen Ende der 1960er Jahre beigetragen. ...


Aus: "Westdeutsche Studentenbewegung der 1960er Jahre" (22. Februar 2021)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Westdeutsche_Studentenbewegung_der_1960er_Jahre

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