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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]

Started by Textaris(txt*bot), January 28, 2016, 01:28:33 PM

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Textaris(txt*bot)

#70
QuoteNicole 'dyfa' Britz
@dyfustic@muenchen.social

Das Tablet meiner verstorbenen Mutter auf Werkseinstellungen zurückzusetzen, fühlt sich auch falsch an.🙁

09. März 2025, 15:17


QuoteMad Alex @madalex@fosstodon.org

@dyfustic Geht mir mit dem Laptop meines verstorbenen Vaters genauso.


Quelle: https://muenchen.social/@dyfustic/114132900154509376

...

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QuoteHalbhollaender

Seit dem ich (geboren 1957) denken kann, gab es nur Streit zwischen meinem Vater und meiner Mutter. Dazu wohnte über lange Zeit auch noch meine Oma väterlicherseits im gleichen Haushalt - eine wirklich üble und böse Frau mit deutlichen Anzeichen einer festen Nazi Ideologie. Mein Vater war ein sprachgewandter Akademiker, meine Mutter Hausfrau, ohne jede berufliche Ausbildung. Mit 16 bin ich ausgezogen, weil ich den täglichen Hass nicht mehr ertragen konnte.

Im Nachlass meines Vaters fand ich einen umfangreichen Schriftverkehr. Daraus ging hervor, dass sich meine Mutter ab 1963 scheiden lassen wollte. Mein Vater verhinderte dies durch eine Erpressung. Er hätte im Falle einer Scheidung das alleinige Sorgerecht für mich, und würde meiner Mutter den Umgang mit mir verbieten.

Das war damals geltendes Recht - und hat gewirkt. Meine Eltern wurden nie geschieden. Erschreckend.


QuoteHägar II

Meine Mutter aus den Niederlanden durfte nicht mit der Freundin mitgehen in die Bibliothek oder zum Schlittenfahren, tat sie es doch, bekam sie Prügel! Sie durfte sich tagsüber nicht hinsetzen, das galt als faul.

Erst bei der Beerdigung solche Geschichten von von dieser Freundin gehört. Das hatte mir geholfen, ihr ihre Charakterschwächen zu verzeihen.

Geboren 1940, Familie hatte Schlachthaus im Dorf.


QuoteWiddewiddewitt

Einen 6stelligen Schuldenberg. Über Jahrzehnte geheim gehalten.

Erst da erinnerte ich mich und verstand den Satz, den mein Vater mir einmal sagte, als ich noch ein Kind war: "wenn ich sterbe, müsst ihr das Erbe ausschlagen".

Als Kind verstand ich vor allem den ersten Teil des Satzes: "wenn ich sterbe". Es war für mich damals unvorstellbar, dass mein Vater irgendwann mal nicht mehr sein sollte. Und deshalb hab ich auch nie jemanden was davon gesagt bzw. alles verdrängt.


QuotePlatonCB

Meine Eltern sind 2020 und 2021 ,mitten in Coronazeiten, mit 56 Jahren gestorben. Bei der Regelung des Nachlasses, habe ich Arztbefunde von beiden gefunden. Mein Vater wusste demnach, dass er an einer schweren Form von COPD litt und nicht mehr lange hatte. Meine Mutter war trockene Alkoholikerin. Beide Entdeckungen waren mir völlig unbekannt, obwohl wir ein sehr gutes Verhältnis hatten. Meine Mutter verkraftete den Tod meines Vaters nicht und trank mit einer vorbelasteten Leber. Nie habe ich bemerkt, dass meine Mutter betrunken war. Erst beim Ausräumen des Hauses, fand ich die leeren Flaschen...

Ich konnte mich wenigstens von ihr im Krankenhaus verabschieden, obwohl sie nichts mehr mitbekommen hatte. Ich gab Ihr zum Abschied einen Kuss und sagte ihr, dass sie Oma von Zwillingen wird und vom Himmel aus auf beide achten soll.

Ich hätte gerne von beiden erfahren, Warum sie von Ihren "Problemen" nichts gesagt haben. Vielleicht hätten beide dann (mehr) Zeit mit Ihren Enkeln und mir verbringen können.

Letztendlich behalte ich ich meine Eltern als wundervolle Menschen in meinem Herzen und in meinen Erinnerung. Beide werden Gründe für ihr Schweigen gehabt haben und ich werde darüber nicht urteilen.


QuoteGiseppa17

Die Kiste mit Liebesbriefen meines schwarzen Vaters aus USA und Vietnam, meiner Detroiter Oma (ich dachte als Kind Detroit liegt bei Konnersreuth) und Briefe von Porzellaner Kollegen um 1960, warum sie mich nicht zu sehen bekommen haben, weiß ich jetzt alles.

Darunter ist ein Fach mit teilweise SS-Unterlagen über den ersten Mann meiner sudetendeutschen Mutter der mit 20 in Ungarn fiel und Briefe aus Russland auch von einer Frau mit vielen Bildern.

Darüber weiß ich nichts. Nur dass meine Mutter in russischer Gefangenschaft war, wegen der Uniform im Schrank.

Beschäftigt mich schon sehr. ...


QuoteLilalusie

Ich habe beim Umzug meiner Mutter ins Pflegeheim in ihren Unterlagen entdeckt, dass sie mich quasi enterbt hatte. Ich sollte 30% des Vermögens (meines bereits verstorbenen Vaters) bekommen, mein Bruder 70%.

Sie war schon 90 Jahre alt, als mein Bruder sie zum Notar brachte, wo das so lautende Testament unterzeichnet wurde. Zu diesem Zeitpunkt lag ich wegen einer schweren OP im Krankenhaus. Das wusste meine Mutter und nahm herzlich wenig Anteil daran.

Als ich dieses Testament entdeckte, war ich fassungslos. Da meine Mutter nicht arbeitete, handelte es sich ausschließlich um das Vermögen meines Vaters. Ich wusste, dass mein Vater das so nie gewollt hätte. Diese Illoyalität meinem Vater gegenüber hat mich eigentlich am meisten umgehauen.

Mein Vater hatte mir früher einmal gesagt, dass mein Bruder und ich später einmal das Gleiche bekommen sollten. Das ließ mir keine Ruhe und ich fand dann ein altes sogenanntes Berliner Testament, in dem Vater und Mutter 20 Jahre zuvor eine 50/50 Aufteilung festgelegt hatten. Nachdem ein Elternteil verstorben ist, ist ein solches Testament nicht mehr änderbar.

Also, ich habe etwas Überraschendes über meine Mutter (und meinen Bruder) gelernt: wie boshaft sie sind.

Ich kümmere mich trotzdem um sie im Pflegeheim, mache mir Gedanken womit ich ihr eine Freude machen könnte etc.

Aber ich bin ständig hin- und hergerissen zwischen Pflichtgefühl einer sehr alten Mutter gegenüber und einer Frau, die sich mir gegenüber kaum je wie eine Mutter verhalten hat.


QuoteSicht der Dinge

Wir fanden heraus, dass meine Mutter eine für uns vollkommen fremde Familie mit viel Geld unterstützt hat, obwohl sie selbst eigentlich sehr, sehr wenig Geld zur Verfügung hatte. Es gab viele Briefe, Fotos, aber keine Namen und Adressen. Wer diese Leute sind, wissen wir bis heute nicht. Wir haben uns aber dafür entschieden, auch nicht weiter zu forschen. Wenn es ein Geheimnis sein sollte, akzeptieren wir das.


QuoteVonderSeitenlinie

Mein Vater war ein schwieriger Mensch und das Sichten seiner beruflichen Korrespondenz hat das bestätigt. Immerhin hat mir das gezeigt, daß ich nicht ungerechtfertigter Weise mit zunehmendem Alter immer mehr auf Distanz gegangen bin. Und das händische Zerreißen dieser Schriftwechsel hatte dann irgendwie auch was Befreiendes. Gefreut hat mich dagegen ein schöner Schriftwechsel eines (erfolglosen) Verehrers mit meiner Großmutter, die schon lange vor meiner Geburt gestorben ist. Schwierig bleibt die Frage, ob es überhaupt ok ist, so persönliche Dinge anzuschauen - aber sie sind eben auch ein Fenster in vergangene Zeiten und das Leben unserer Vorfahren....


QuoteVogell

Beim Entrümpeln der Wohnung meiner Großeltern habe ich festgestellt, dass sie gar keine schlechten Menschen waren, sondern das Beste aus den Kriegszeiten gemacht und sich verantwortungsvoll um meinen Vater und seine Geschwister gekümmert hatten.

Von meinen Eltern will ich gar nichts mehr wissen.


...

Zu: https://www.zeit.de/familie/2025-04/tod-der-eltern-wohnung-gegenstaende-aufruf


Textaris(txt*bot)

Quote[...] Andrea Sawatzki hat offen über ihre schwere Kindheit gesprochen. Sie habe damals ihren Vater pflegen müssen, der ihr gegenüber gewalttätig geworden sei, erklärt die Schauspielerin. Mit nur zwölf Jahren hätte sie ihn am liebsten umgebracht, so ihre drastische Schilderung im Gespräch mit "Die Zeit".

Sawatzkis Vater litt an einer Form von Demenz. Mit dem Fortschreiten der Krankheit sei er immer gewalttätiger geworden, sagt die Schauspielerin. Die heute 62-Jährige berichtet, wie sie nach einem Streit vor ihm fliehen wollte. Dabei sei sie gestürzt und von ihrem Vater gepackt worden. "Er hat mich festgehalten und mir immer wieder ins Gesicht geschlagen. Mit seinem Ehering hat er mir die Augenbraue aufgeschlagen. Es hat furchtbar geblutet."

Als sie ihren Vater in diesen Jahren pflegen musste, seien "irgendwann nur noch Angst und Widerwille gewesen. Und auch Hass." Als ihr Vater 1978 starb, habe sie ein Glücksgefühl verspürt. "Wenn das Hass war, was ich empfand, dann habe ich meinen Vater unermesslich gehasst", erzählt sie. "Ohne die Krankheit hätte ich ihn sicher genauso sehr lieben können."

Lange habe sie Angst davor gehabt, selbst Mutter zu werden. "Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht lieben kann", erzählt sie. "Dass ich keine Geduld habe. Es war wohl auch die Angst, wieder eingeschlossen zu werden in so eine Wohnung." Sie habe angenommen, "nicht der richtige Mensch für eine Familie" zu sein. "Ich wollte meine ungeborenen Kinder vor einer Mutter wie mir bewahren."

Doch Sawatzki, die während ihrer langen Karriere unter anderem auch die "Tatort"-Kommissarin Charlotte Sänger verkörpert hat, fand später großen Halt bei ihrer eigenen Familie. Seit 2011 ist sie mit ihrem Schauspielkollegen Christian Berkel verheiratet, die beiden haben zwei gemeinsame Söhne, die mittlerweile längst erwachsen sind. Sie sei dann aber in die Mutterrolle hineingewachsen, erzählt die Schauspielerin. "Ich habe das Kind in mir gefunden und bin eine sehr liebende Mutter geworden. Und eine wahnsinnig glückliche Mutter."

Das schreibt sie ihren beiden Söhnen zu: "Ohne meine Kinder wäre ich nicht imstande gewesen, mich in meine Kindheit zurückzuversetzen und die Geister der Vergangenheit hervorzuholen. Ohne meine Familie hätte ich dieses Leben nicht überlebt. Ich hätte mir niemals verziehen", sagt sie. Zuvor habe sie große Schuldgefühle gehabt: "Ein zwölfjähriges Kind will seinen Vater umbringen. Aber es ist mir gelungen, die kleine Andrea in den Arm zu nehmen. Und ihr zu sagen: Du bist nicht so schlimm, wie du denkst."

2023 hatte Sawatzki bereits der "Bild"-Zeitung erzählt, dass ihre Mutter als Krankenschwester im Nachtdienst arbeitete und danach ihren kranken Mann pflegte. "Ich habe übernommen, wenn ich aus der Schule kam, damit sie noch etwas schlafen konnte und dann die Nacht hindurch auf meinen Vater aufgepasst", erinnerte sich Sawatzki. Darunter litten auch die schulischen Leistungen, oftmals sei sie "gar nicht hingegangen, weil ich einfach zu müde war".

Schon mit 17 Jahren zog sie nach München und arbeitete als Kellnerin: "Es war auch ein gutes Gefühl, endlich mal eigenes Geld in der Tasche zu haben, weil wir zu Hause chronisch pleite waren." Später kam sie doch noch zum Schauspiel, auch wenn sie erst "tatsächlich darüber nachgedacht" hatte, "mein Leben so weiter zu verbringen". Die Schauspielerei wurde offenbar zu einer Art Flucht: "Anfangs dachte ich, ich könnte meinem eigenen Leben entfliehen und mich hinter meinen Figuren verstecken. Aber so mit 30 habe ich gemerkt, dass man sich auch in der Schauspielerei immer mitnimmt und keine Rolle spielen kann, ohne sein eigenes Leben einzubringen."

Quelle: ntv.de, lpe/spot


Aus: "Andrea Sawatzki wollte ihren Vater töten" (20.10.2025)
Quelle: https://www.n-tv.de/leute/Andrea-Sawatzki-wollte-ihren-Vater-toeten-article26107393.html


Textaris(txt*bot)

QuoteR3g3nwolk3

"Ich finde das nicht gut, aber Du bist trotzdem mein Kind."

Meine Mutter hatte ihren sehr intakten moralischen Kompass und diese meine 'unmoralische' Entscheidung missbilligte sie (was ich, aus ihrer Sicht, nachvollziehen konnte). Aber gleichzeitig versicherte sie mich ihrer Liebe und Loyalität. Und darauf war Verlass.


Quelle: https://www.zeit.de/familie/2025-11/elterlicher-rat-hilfe-alltag-leben-aufruf


Textaris(txt*bot)

Quote[...] Das Schweigen, das Schweigen. "Vernähte Lippen". Sprechend allein der Schmuck, den die Mutter zu besonderen Anlässen aus der Schatulle nahm: ein Bernsteinanhänger mit einem Insekt, Wahrzeichen und Verteidigung des verlorenen Landes, Ostpreußen, herznah getragene Heimat und honigfarben schimmerndes Amulett zugleich. Es diente als Schutz gegen "die Zumutungen der Zeitgenossenschaft", als Beschwörung der vor dem Krieg geborenen und im Herzen verplombten Heimatliebe.

"Du hast dich der Gegenwart, der Zeit deiner Tochter verschlossen", schreibt Dagmar Leupold Jahrzehnte später in ihrem Buch Muttermale, einer autobiografischen Annäherung, in der sich die 1955 geborene Schriftstellerin in der zweiten Person Singular an die inzwischen verstorbene Mutter wendet. Ein Buch in der Form kleiner Ansprachen und episodenhafter Erinnerungen, in dem die Tochter noch einmal das Wort an die Mutter richtet und – endlich? – ausspricht, was zu deren Lebzeiten nicht gesagt werden durfte.

Verschlossen hat sich die Mutter nicht nur der Tochter, sondern auch dem neuen Zuhause im Rheinland, wohin es die vor der Roten Armee geflohene junge Frau verschlagen hatte. Flüchtling mit Ausrufezeichen, ohne amtlich beglaubigte Identität, wie die Tochter Jahrzehnte später im Personenregister liest. Zwischen ihnen, klaftertief, "der Generationengraben voller unbestatteter Toter und unbesprochener Verstrickungen". Wie soll daraus etwas werden?

Es wird nichts draus – allenfalls etwas Herzerfrierendes. Eine Art inniger Feindschaft, ein fortlaufendes Band der Verfehlungen, eine verknotete Mutter-Tochter-Katastrophe, die die Trauer um das, was nie war, nicht einholen kann. Eine Trauer, die in Leupolds ebenso disziplinierter wie poetischer Sprache schüchtern durchscheint. Und die ihre Wirkung dadurch umso nachhaltiger entfaltet.

Die Mitgift aus den versiegelten Truhen des Schweigens hat sich in der deutschen Literatur in unzähligen Büchern niedergeschlagen, zuerst in "Suchbildern" über die nationalsozialistisch geprägten Väter und Brüder wie etwa bei Christoph Meckel oder in Uwe Timms Am Beispiel meines Bruders. Seltener wurden bisher die Mütter ins Visier genommen, beispielhaft dafür ist noch immer Peter Handkes Wunschloses Unglück oder neuerdings Melitta Brezniks berührendes Buch Mutter. Es scheint so zu sein, dass die Beziehung zwischen Müttern und Töchtern in der durch die Kriegstraumata geprägten Generation dem ererbten Schweigegelübde noch immer gehorcht.

Wie schon in der autobiografischen Fallgeschichte Lavinia (2019) besichtigt Dagmar Leupold auch in ihrem neuen Buch die deutsche Nachkriegszeit mit ihrer aus dem Krieg und den verdrängten Verbrechen geborenen Lieb- und Sprachlosigkeit zwischen Eltern und Kindern. In kleinen Szenen und alltäglichen Situationen macht Leupold das Leben der Mutter sichtbar, ihren verstörten, versteinerten Gefühlshaushalt und die daraus resultierende fremde Nähe zwischen Mutter und Tochter. Daneben die große Leerstelle in diesem Buch, der der Mutter "zwei Jahre vor meiner Geburt überstürzt hinzugefügte Mann". Der Vater, dem Leupold in dem Roman Nach den Kriegen (2004) ein eigenes Buch gewidmet hat, firmiert auf diesen Seiten als "der Hausherr, dein Mann".

Was der Krieg in den Körpern der Eltern angerichtet hat, spricht seine eigene Sprache. Neben den psychisch und physisch schwerbeschädigten Vätern dieser Generation haben auch die Mütter das deutsche Schweigegelübde in die Symptomsprache übersetzt: Kreuzschmerzen, versteifte Nackenwirbel vom vielen Ducken und stumme Tränen, die die Tochter als reine Erpressung erlebt. "Nichts darfst du ungestört, geradeheraus wollen", Flüchtlingsfrau, mit "Füßen, die den Boden verloren hatten und das Auftreten verlernt".

Das wäre in seiner Trostlosigkeit schwer auszuhalten, gäbe es nicht die versprengten Wärmeinseln: eine Erinnerung an den Duft der Mutter, an die Einschlaflieder im Dunkeln, seltene Versprechen auf Residuen einer Geborgenheit, die in den altmodischen Speisen und vererbten Rezepten überwintert hat. Auch gibt es komische Einlagen, etwa wenn Pucki, der Wellensittich, den pflichtschuldig eingeladenen Besuch laut "Tschüssi! Tschüssi!" kreischend hinauszukomplimentieren versucht. Die dazu servierten Häppchen – bröckelnde Pumpernickel-Kreationen mit turmhoch aufgeschichteten Käsewürfeln und einer verlässlich auf den Teppich kullernden Kunstkirsche – halten kleine Plastikspieße und -dolche zusammen. Waffenstarrende Genrebilder aus dem bundesdeutschen Mittelschichtswohnzimmer der Sechzigerjahre.

Muttermale trägt den Charakter einer Recherche. Das Prozessuale des Erinnerns und Verifizierens bildet Leupold mit ab. Sie reist an verschiedene Orte, horcht den überlieferten Sätzen und eingeübten Redensarten nach und hebt den Bodensatz der verschütteten Sehnsucht nach dem "Land der dunklen Wälder" ebenso wie den des verdrucksten Ressentiments gegenüber der Gegenwart. Bildbeschreibungen, "Lichtspiele" überschrieben, werfen Schlaglichter auf das frühere Leben der Mutter: der gefallene Bruder, der erste Verlobte, gleichfalls ein Kriegstoter, und noch ein gefallener Bruder. Überlebt hat nur der jüngste, 17-jährig, ganz am Schluss als Kanonenfutter an die Front abkommandiert.

Allem voran aber besticht Muttermale durch seine präzise Form – wie Bernstein goldgelb schimmernd, glasklar und steinhart poliert. Kein Wort ist hier fehl am Platz, keines abgegriffen oder überflüssig. Der Überlebenskampf, den das in seiner ewigen Winterstarre eingeschlossene Wesen, in dem man getrost Mutter und Tochter erkennen darf, geführt haben muss, wird in diesem bei aller Strenge wahrnehmungsoffenen Roman in eine vom Schweigen geschliffene Sprache befreit.

Zu: Dagmar Leupold: Muttermale. Roman; Jung und Jung, Salzburg 2025; 176 S.



Aus: ""Muttermale" von Dagmar Leupold: Eine innige Feindschaft" Eine Rezension von Andrea Köhler
Aus der ZEIT Nr. 49/2025 (Aktualisiert am 24. November 2025)
Quelle: https://www.zeit.de/2025/49/muttermale-dagmar-leopold-mutter-bernstein

Dagmar Leupold (* 23. Oktober 1955 in Niederlahnstein) ist eine deutsche Schriftstellerin.
https://de.wikipedia.org/wiki/Dagmar_Leupold

Textaris(txt*bot)

#74
Quote[...] Mein Vater starb am Vorabend des Geburtstags seiner Frau. Wir Söhne wurden nach Kassel gerufen und trafen nach und nach aus verschiedenen Himmelsrichtungen ein. Am 22. November 1996 saßen wir um den Esstisch im Wohnzimmer, und nur durch eine Schiebetür von uns getrennt lag der Leichnam des Vaters im Nebenzimmer auf seinem Bett, in dem er in der Nacht zuvor gestorben war. Wir standen in verschiedenen Konstellationen und Gemütsverfassungen um ihn herum und waren auf der Suche nach einer Haltung, die wir zum Toten und zum Tod einnehmen könnten. Mein jüngster Halbbruder war beim späten gemeinsamen Frühstück ,,ausgerastet", wie man so sagt. Die Erschütterung, die der Tod des Vaters ausgelöst hatte, hatte zur einer Entladung lang gestauter Konflikte geführt. Es war, als hätte sich ein Geschwür geöffnet. Er beschimpfte alle Anwesenden, inklusive seiner Mutter. Wir alle hätten uns auf seine Kosten schadlos gehalten und auf seinem Rücken psychisch saniert. Er sei gewissermaßen der ,,Idiot der Familie", gegen den sich alle anderen zusammengeschlossen hätten. Er trieb die Beschimpfung so weit, dass ich mich irgendwann genötigt sah, zugunsten seiner Mutter zu intervenieren, zu der ich ansonsten kein gutes Verhältnis hatte. Im Laufe des Tages kehrten wir alle an unsere jeweiligen Wohnorte zurück. Wir trafen uns danach noch ein einziges Mal in dieser Konstellation: bei der Beisetzung des Vaters. Danach sahen wir uns nie wieder. Die Familie hörte auf zu existieren, jedenfalls die, die mich zumindest pro forma eingeschlossen hatte. An der Beerdigung der Stiefmutter, die noch zwanzig Jahre weiterlebte, nahm ich nicht teil. Das wäre mir verlogen und falsch vorgekommen. Einzig zum mittleren meiner Halbbrüder habe ich noch einen lockeren Kontakt. Das große Schweigen, das seit jeher in der Familie geherrscht hatte, tilgte nun den letzten Rest an Gemeinschaftlichkeit und pulverisierte endgültig jeden familiären Zusammenhalt. Auch meine Halbbrüder reden inzwischen nicht mehr miteinander. Den Kern dieses allumfassenden Schweigens sehe ich im Schweigen über die Nazi-Vergangenheit beider Eltern, vor allem des Vaters. Das ,,dieses Thema" betreffende Schweigen weitete sich aus und verschlang wie ein schwarzes Loch schließlich die ganze Familie.

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Aus: "132 | Potemkinsche Schaufenster" Götz Eisenberg (24. November 2025)
Quelle: https://durchhalteprosa.de/2025/11/24/132-potemkinsche-schaufenster/

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Quote[...] ... Ich dachte über den Krebstod meiner Mutter nach und darüber, was ihn ausgelöst haben mochte. Litt sie unter der Fühllosigkeit meines Vaters? Hatte sie den Verlust des ,,Führers" nicht verwinden können, der ihr Leben über Jahre mit Sinn ausgestattet und ihm eine Richtung gegeben hatte? Ich fragte mich natürlich auch, ob ich eine solche Enttäuschung für sie gewesen bin, dass sie sich nach einer relativ kurzen Begegnung mit mir in ihre himmlischen Gemächer zurückzog? Ich habe es schon oft gesagt: Waisenkinder neigen dazu, sich selbst die Schuld am Tod eines Elternteils zu geben. Das ist, wenn man so will, die Kehrseite des kindlichen Narzissmus. ...


Aus: "139 | Der Trost des Vertrauten" Götz Eisenberg (24. März 2026)
Quelle: https://durchhalteprosa.de/2026/03/24/139-der-trost-des-vertrauten/

Götz Eisenberg (* 1951 in Arolsen, Hessen) ist ein deutscher Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitete als Gefängnispsychologe in der JVA Butzbach. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%B6tz_Eisenberg

Textaris(txt*bot)

Quote[...] [Alexander Kluge:] ... Ich war ein kleiner Junge, und meine Eltern hatten sich, bevor sie sich endgültig scheiden ließen, schon einmal auseinandergelebt. Sie waren auf dem Weg zum Scheidungsrichter in Berlin, gingen auf dem Flur des Gerichts aufeinander zu. Und da gab es einen Moment der Generosität, mit dem beide nicht gerechnet hatten: Irgendetwas war im Blick des anderen. Sie umarmten sich, fuhren zurück nach Halberstadt, es gab eine große Feier, und neun Monate später wurde meine Schwester geboren.

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Aus: ""Wir müssen nach Umwegen suchen"" (Aus der ZEIT Nr. 51/2025 / 5. Dezember 2025)
Quelle: https://www.zeit.de/2025/51/alexander-kluge-sand-und-zeit-bilderatlas-ki/komplettansicht

Textaris(txt*bot)

#76
Quote[...] Als Soziales Milieu wird nach Émile Durkheim die soziale Umgebung beschrieben, in der ein Individuum aufwächst und lebt. Durkheim unterscheidet zwischen innerem und äußerem sozialen Milieu. ... Nach Pierre Bourdieu gibt es drei große Klassenlagen: das Großbürgertum/Bourgeoisie, das Kleinbürgertum und die Arbeiterschaft. Diese verteilen sich im sozialen Raum entlang einer ,,vertikalen" Achse, auf der mehr oder weniger die Herrschaftsverhältnisse abgebildet sind. ...

... Innerhalb der einzelnen Klassen unterscheidet Bourdieu – auf einer ,,horizontalen" Achse – Klassenfraktionen mit einer je spezifischen Position und symbolischen Auseinandersetzungen im Raum der Lebensstile, etwa das Besitzbürgertum (Unternehmer; an Tradition und Luxus orientiert), die neue Bourgeoisie (leitende Angestellte; an Fortschritt orientiert) und das Bildungsbürgertum (Intellektuelle, Lehrkräfte an Universitäten; an Bohème oder – erzwungener – Askese orientiert). Die einzelnen Klassenfraktionen grenzt Bourdieu anhand der Struktur ihres gesamten Kapitals gegeneinander ab. Dabei unterscheidet Bourdieu ökonomisches Kapital von kulturellem Kapital, sozialem Kapital und symbolischem Kapital. So ist etwa beim Bildungsbürgertum ein hohes ,,kulturelles Kapital", aber nur ein relativ gering ausgeprägtes ,,ökonomisches Kapital" vorzufinden. Die verschiedenen Klassenfraktionen werden zum Teil auch als Milieus bezeichnet.

Die Bedingungen der sozialen Lage, also der Verortung im sozialen Raum, determinieren einen jeweils unterschiedlichen ,,Habitus", während die Handlungsstrategien einen gewissen individuellen Freiheitsspielraum bieten. Der Habitus prägt den spezifischen Geschmack, aber auch die Praxisformen, also die jeweils ausgeübten und präferierten sozialen Praktiken (d. h.: den Lebensstil). Zugleich ermöglicht der Habitus eine Unterscheidung zwischen der Eigengruppe und Fremdgruppen. ...

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Aus: "Sozialstrukturanalyse" (Stand: 6. April 2025)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialstrukturanalyse

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Quote[...] Die durchschnittlichen Vermögensbestände der Haushalte in Deutschland variieren erheblich nach Regionen. In vielen Darstellungen war auf die großen Ost-West-Unterschiede hingewiesen worden. Diese stehen zum einen mit der historischen Entwicklung der beiden Landesteile in Verbindung, die den Aufbau von Betriebs-, Immobilien- und Finanzvermögen in den östlichen Bundesländern erheblich beeinträchtigt haben. Hinzukommen die nach wie vor erheblichen Einkommens- und Beschäftigungsunterschiede in beiden Landesteilen.

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Aus: "Vermögensverteilung in Deutschland: Startseite / Empirische Analysen / Vermögensverteilung in Deutschland" (Abgerufen am 17.04.2026)
Quelle: https://sozialstrukturanalysen.de/vermoegensverteilung-in-deutschland/#Verm%C3%B6gensverteilung

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Quote[...] Die moderne Subjektkonzeption verkürzt die begriffliche Doppeldeutigkeit von Unterworfenes und Zugrundeliegendes zugunsten letzterer. Die Gleichsetzung von Subjekt und Individuum, als sich selbst bewusstes, sich selbst erschaffendes und sich selbst bestimmendes Einzelwesen, zeigt sich als konstitutiv für die moderne Selbst - und Weltdeutung. Andreas Reckwitz fasst diese Subjektkonzeption und ihre normative Implikation in seiner Studie
,,Das hybride Subjekt. Eine Theorie der Subjektkulturen von der bürgerlichen Moderne zur Postmoderne" wie folgt zusammen:

Seit dem Humanismus, der Renaissance, der Reformation, der Aufklärung und dem Liberalismus wird die moderne Kultur von der Idee angetrieben, dass die Ablösung der traditionalen durch eine moderne Gesellschaft die Bedingungen für eine soziale Freisetzung – eine Befreiung des Subjekts aus kollektiven Bindungen – gelegt und den Raum für reflexive, rationale, eigeninteressierte, expressive Individuen geschaffen hat.

Das Subjekt wird als autonomes Individuum frei jeglicher Bindung und Vorbestimmung, als tabula rasa, konfiguriert. Reckwitz setzt diesem Ideal die historische Bedingtheit und Kontingenz, sowie die innere Brüchigkeit des modernen als eines bürgerlichen Subjekts entgegen. ...

Das Subjekt wird als autonomes Individuum frei jeglicher Bindung und Vorbestimmung, als tabula rasa, konfiguriert. ...



Aus: "Sibylle Röth: Das Individuum als Illusion der bürgerlichen Subjektkonzeption? - Vormoderne und postmoderne Kriti"
Quelle: https://brill.com/display/book/edcoll/9783657701490/BP000015.xml

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Quote[...] Das bürgerliche Subjekt konstituiert sich über die Reflexion. Diese ist eine Selbst-Technologie und funktioniert als eine Art Automatismus.

... Dem bürgerlichen Subjekt geht ein historisch älteres Subjektkonzept voran, das nach zwei Seiten changiert: Steht für den einen Pol das grammatikalische Subjekt, das mächtig ist, insofern es handelt und die im Satz versammelten Objekte ,regiert'; so meint der Begriff gleichzeitig – abgeleitet vom lateinischen subicere (unterwerfen) – den Untertan; diese zweite Bedeutung klingt nach, wenn man Personen abwertend als ,Subjekte' bezeichnet.

... Wichtig hierbei ist, wie Ritter sagt, ,,der die Geistesgeschichte durchziehende Gedanke, daß Reflexion eine Preisgabe der Unmittelbarkeit mit sich bringt".

... Auffällig ist zunächst, dass Reflexion einen Zirkel, eine Kreisbewegung beschreibt, die beim Subjekt beginnt und beim Subjekt endet. ...

... Derrida und Lacan stehen für den poststrukturalistischen Zweifel, um nicht zu sagen für die Demontage des bürgerlichen Konzepts des Subjekts. Es ist kein Zufall, dass sie die ,Reflexion' in den Mittelpunkt stellen; und gleichzeitig werten sie sie vollständig um: Nicht Transparenz und Luzidität, sondern die Opazität [allgemein das Gegenteil von Transparenz, also mangelnde Durchsichtigkeit bzw. mangelnde Durchlässigkeit] des Materiellen, nicht zweifelnde Selbstvergewisserung, sondern Illusionsbildung, nicht Ratio, sondern Verkennung. Diese Schemata der Verkennung und der Illusionsbildung sind konstitutiv. ...

Das Subjekt, das Ausgangs- und Ankerpunkt war, wird zum Effekt einer Hervorbringung; die zirkuläre Bewegung bekommt etwas Opak-Maschinelles. Am Ende steht das Bild eines Subjekts, das sich in unendlichen Zyklen selbst produziert und sich dabei notwendig verfehlt. Zyklen wie Verkennung schlagen die Brücke zu den Automatismen.


Aus: "Winkler, Hartmut: Das bürgerliche Subjekt konstituiert sich über die Reflexion. Diese ist eine Selbst-Technologie und funktioniert als eine Art Automatismus. In: Bublitz, Hannelore; Kaldrack, Irina; Röhle, Theo; Zeman, Mirna (Hg.): Automatismen ‒ Selbsttechnologien. München: Fink 2012, S. 245-248.Das Buch ist im Volltext online verfügbar: http://digital.ub.uni-paderborn.de/ubpb/urn/urn:nbn:de:hbz:466:2-12825
Quelle: https://homepages.uni-paderborn.de/winkler/Winkler--Das-b%C3%BCrgerliche-Subjekt-konstituiert-sich-%C3%BCber-die-Reflexion.pdf

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... Da Frauen im bürgerlichen Milieu ...

Quote[...] Keine familiäre Beziehung ist so häufig angespannt wie die zwischen Vater und Tochter. Im Vergleich zu anderen Familienmitgliedern fühlen sich Väter und Töchter häufiger entfremdet, verbringen weniger Zeit und reden seltener miteinander. Wenngleich jüngere Väter heute oft stark in die Erziehung involviert sind und ein inniges Verhältnis zu ihren Kindern pflegen, belegen Studien: Viele Väter tun das nicht – und am häufigsten leidet darunter das Verhältnis zur Tochter. Dabei ließe sich so viel für die Beziehung tun, und das sogar in jedem Alter.

Zunächst die Bestandsaufnahme: 2021 untersuchte eine Studie der Universität Köln, wie häufig sich Kinder von ihren Elternteilen entfremden, wenn sie nicht mit diesen zusammenleben. Das Ergebnis: Kein Verhältnis distanzierte sich so stark wie das zwischen Vater und Tochter. 2010 untersuchte eine US-amerikanische Studie, ob und wie stark junge Erwachsene ihre Väter als emotionale Unterstützung empfanden. Die meisten Töchter gaben an, sich an ihre Väter vor allem für praktische Unterstützung zu wenden: für Reparaturen oder Transporte – selten jedoch bei persönlichen Problemen. Diese besprachen sie häufiger mit ihren Müttern. Darüber hinaus gilt auch: In Familien, in denen es sowohl ein Mädchen als auch einen Jungen gibt, verbringen Väter im Schnitt mehr Zeit allein mit dem Sohn als mit der Tochter. Die Beziehung zwischen Tochter und Vater, sie scheint von Beginn an im Nachteil zu sein.

Diese Dynamik kennt auch Holger Kuntze. Der Familientherapeut betreut Paare und Familien in seiner Praxis im Berliner Stadtteil Charlottenburg. Zu ihm kommen erwachsene Kinder mit ihren Eltern. Er sagt: Keine Konstellation sitze so häufig auf seinem Sofa wie Vater und Tochter. »Zwischen Mutter und Tochter geht es oft um ein Zuviel, darum, dass beide nicht gut loslassen können«, sagt Kuntze. »Bei Vater und Tochter geht es hingegen oft um einen Mangel: zu wenig Nähe, zu wenig Emotionalität, zu wenig Verbindlichkeit.« Was ist da los? Und: Was können sie tun?

Historisch basierte die Verbindung zwischen Vater und Tochter vorrangig auf Verpflichtungen. Da Frauen im bürgerlichen Milieu selten arbeiten gingen, hatten Väter ihre Töchter bis zur Hochzeit materiell zu versorgen. Im Gegenzug sollten Töchter im Haushalt helfen und ihre Eltern im Alter pflegen. Erst vor dem Traualtar übergab der Vater seine Tochter in die Obhut des Ehemanns. Überbleibsel dieser Vormundrolle finden sich bis heute: Wenn eine Braut von ihrem Vater vor den Altar geführt wird, wird die Übergabe symbolisch reinszeniert.

Als Frauen im Laufe des 20. Jahrhunderts besseren Zugang zu Bildung und beruflicher Unabhängigkeit erlangten, bröckelte diese Grundlage. Die Vorstellungen von Vaterschaft veränderten sich. Während immer mehr Töchter auch nach der Heirat noch arbeiten gingen und Geld verdienten, wuschen ihre Väter häufiger ab und standen zunehmend auch mal am Herd. In einer repräsentativen Studie von 2022 wurden Väter und Mütter befragt, die als Paare mit ihren Kindern zusammenlebten und mindestens ein Kind unter sechs Jahren hatten. 81 Prozent der Väter gaben an, für ihre Familie oft eigene Wünsche und Interessen zurückzustellen.

Gleichzeitig sind aber auch die Erwartungen gestiegen, die von außen an Väter herangetragen werden. Das zeigt eine weitere Befragung aus dem Jahr 2019. Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung denken, dass ein Vater heute so viel Zeit wie möglich mit seinen Kindern verbringen – von der eigenen Vätergeneration erwarteten das hingegen nur 30 Prozent der Befragten.

Diese starke zeitliche Verzögerung in den Ansprüchen sei ganz typisch für gesellschaftliche Prozesse, sagt der Therapeut Holger Kuntze. Und tatsächlich klafft zwischen Wunsch und Wirklichkeit eine große Lücke: Im Väterreport [https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/service/publikationen/vaeterreport-2023-230376] des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahr 2023 gab die Hälfte der Väter mit mindestens einem Kind unter 16 Jahren an, etwa die Hälfte der Betreuung übernehmen zu wollen. Tatsächlich umsetzen tat es jedoch nur etwa jeder Fünfte. Daraus folgt zunächst das Offensichtliche: Männer kümmern sich seltener um ihre Kinder als Frauen, was die Basis für ein inniges Verhältnis zu allen ihren Kindern schwächt.

Vor allem in den vergangenen zwei Jahrzehnten haben sich Kuntze zufolge Frauen stärker emanzipiert und ihre Erwartungen an Väter verschoben: Oft wünschen sie sich, dass der eigene Vater Sorgearbeit zu Hause übernimmt, Zuwendung zeigt. Dem Therapeuten zufolge geht dieser gewandelte Anspruch vor allem von der Generation Z aus, also von Frauen, die zwischen 1996 und 2010 geboren sind. »Erwachsene Töchter wünschen sich heute einen emotional kompetenten, verfügbaren Vater«, sagt Kuntze. »Zwischen der Vätergeneration und der Tochtergeneration liegt eine große emotionale Kluft«, sagt Kuntze. »Das kann zu familiären Spaltungen und Verwerfungen führen.«

Die Väter, die in Kuntzes Praxis landen, sind meist zwischen 1965 und 1980 geboren und gehören der Generation X an. Sie berichten von ihren eigenen Vätern, die oft sehr streng, gewaltvoll oder emotional nicht nahbar waren, geprägt durch Kriegserfahrungen in der Familie. »Ihre Väter waren oft entweder streng autoritär oder schweigsam zurückgezogen«, sagt der Familientherapeut. »Dadurch haben viele Männer der Generation X kaum gelernt, introspektiv zu sein.« Wenig Zugang zu den eigenen Gefühlen zu haben, das sei ein großes Thema der Generation. Wenn Töchter von ihren Vätern mehr Nähe, mehr Interesse fordern, antworten sie daher oft: Ich kenne das nicht, es überfordert mich.

Hinzu kommt, dass viele bereits im Voraus annehmen würden, dass die Verbindung zwischen Mutter und Tochter ohnehin stärker sei als die zwischen Vater und Tochter. Das zumindest sagt Linda Nielsen. Sie ist Professorin für Jugend- und Erziehungspsychologie an der Wake Forest University in den USA und forscht zu Vater-Tochter-Beziehungen. Fünf Bücher hat sie inzwischen zu dem komplexen Verhältnis geschrieben. Am Telefon spricht sie über die Folgen dieser gesellschaftlichen Annahme: »Deshalb nähern sich Väter ihren Töchtern oft unbewusst weniger an und lernen weniger, miteinander zu kommunizieren und gemeinsam Probleme zu lösen.« Häufig würden Väter und Töchter Vorurteile in sich tragen, sagt Nielsen. Dass der Vater die Tochter belehren wolle und ihre Entscheidungen verurteile. Dass die Tochter immerzu Vorwürfe mache.

Wie aber lässt sich das Verhältnis zwischen Vater und Tochter verbessern? Nielsen hat dieser Frage 2020 ein ganzes Buch gewidmet. Improving Father-Daughter Relationships heißt es, und sie leitet es mit einer Kritik ein: Zuerst einmal, schreibt sie, sollten wir aufhören, unsere Eltern für all unsere Probleme verantwortlich zu machen. In den letzten Jahren habe sich das zu einem handfesten Trend ausgewachsen. Bei innerfamiliären Konflikten, heißt es in Nielsens Buch, sei ein regelrechtes »blame game« im Gange, immerzu suche man den Ursprung bei den Erzeugern. Hinzu komme, dass Diagnosen wie Trauma oder Narzissmus in den alltäglichen Sprachgebrauch übernommen wurden und zu vorschnell verteilt würden – auch an die eigenen Eltern.

Das alles sei nachvollziehbar. Es ist leichter, bei Eheproblemen, finanziellen Schwierigkeiten oder psychischen Unstimmigkeiten dem Vater oder der Mutter eine Störung zu diagnostizieren, als sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Nur ist es eben nicht zielführend, schreibt Nielsen.

Wer wirklich ein Interesse daran hat, das Verhältnis zum Vater oder zur Tochter zu verbessern, sollte es daher pragmatisch angehen. Als Erstes empfiehlt Nielsen einen radikalen Schritt: sein Gegenüber so zu nehmen, wie er oder sie ist. Auch Menschen, die gemeinsam unter einem Dach gelebt haben, teilen nicht immer die gleichen Werte oder Ziele. Wer versuche, die Überzeugungen des anderen grundlegend zu verändern, sei vielleicht etwas größenwahnsinnig, schreibt Nielsen, bringe aber nicht die Beziehung voran.

So sieht es auch der Berliner Familientherapeut Holger Kuntze. In der kognitiven Verhaltenstherapie setzt er auf radikale Akzeptanz. Wenn eine Tochter sich dazu entscheide, das Verhältnis zum Vater zu verbessern, oder umgekehrt, dann müssten sich beide auch dazu entscheiden, mit den eigenen Verletzungen und Kränkungen abzuschließen und stattdessen nach Lösungen zu suchen. 

»Das gilt natürlich nicht für Menschen, die traumatisiert wurden oder wirklich schwere Verletzungen erlebt haben«, schränkt Kuntze ein. Immer wieder erlebt er therapeutische Begleitungen, bei denen sich die Konflikte nicht ausräumen lassen. In vielen Familien aber liegen in erster Linie Kränkungen vor. Mit denen lasse sich arbeiten. »Der erste Schritt für Töchter ist häufig, sich von der Hoffnung zu verabschieden, einen anderen Vater gehabt zu haben«, sagt Kuntze. Denn das kann ein Vater ja nicht mehr erfüllen, rückwirkend die ideale Vaterrolle zu erfüllen. »Und Väter müssen verstehen, dass die Kritik ihrer Tochter kein Vorwurf ist, sondern ein Bindungswunsch.«

Die amerikanische Psychologin Nielsen hat eine konkrete Strategie entwickelt: vier Schritte, nach denen eine lösungsorientierte Kommunikation zwischen Vater und Tochter ablaufen solle. Erstens: Informationen sachlich äußern. Dabei sollte man nicht das Ziel verfolgen, die Diskussion zu gewinnen, sondern der anderen Person die gleichen Informationen zu geben, die man selbst hat, schreibt Nielsen. Zweitens: die eigenen Gefühle teilen. Wovor haben wir Angst, wenn wir miteinander sprechen? Dass der andere weinend rausrennt? Dass er den Respekt verliert? Dass die Tochter offen ausspricht, dass sie die neue Frau des Vaters nicht mag?

Sobald diese Sorgen einmal auf dem Tisch ausgebreitet sind, stellen sich Ängste entweder als irrational heraus – oder aber als sehr realistisch. So die Erfahrung der Psychologin. Und gerade dann sei es wichtig, sich mit der Situation zu konfrontieren und zum Beispiel der Tatsache ins Gesicht zu blicken, dass die Tochter auch als erwachsene Frau noch gekränkt ist, weil ihr Vater sie nach der Trennung von der Mutter nur noch jedes zweite Wochenende sah.

Als dritten Schritt empfiehlt Nielsen, die Hintergründe für das Verhalten des anderen zu verstehen. Dazu gehört es auch, dessen Prägung in einen zeitlichen Kontext einzuordnen. Statt zu mutmaßen, der Vater sei seinem Wesen nach desinteressiert, solle man schauen, unter welchem Zeitgeist er geprägt wurde, mit welchem Vaterbild er selbst aufwuchs. Gleiches gilt andersherum. Töchter der Generation Z sind damit aufgewachsen, Rollenbilder zu hinterfragen, womöglich politisch zu verhandeln. Von ihren Vätern sind sie deshalb nicht nur enttäuscht, sondern drehen ihr persönliches Empfinden größer: Im väterlichen Verhalten erkennen sie dann gesellschaftliches Versagen. Aus Sicht von Nielsen ist es daher wichtig, die Positionen seines Gegenübers zeitlich und kulturell einzuordnen. 

Erst im letzten Schritt – und unbedingt nicht vorher, betont Nielsen – gelte es, Lösungen zu finden: einen Plan, möglichst konkret, möglichst knapp; ein oder zwei Handlungen, die helfen, das Problem zu lösen. Statt »Ich wünsche mir mehr Aufmerksamkeit« besser »Ich wünsche mir, dass du einmal in der Woche anrufst und von dir aus nachfragst, wie es auf der Arbeit läuft.«

Nun sind solche Gespräche leichter geplant als umgesetzt und erfordern eine gute Selbstkenntnis. Denn wer seine Ängste und Bedürfnisse offen äußern will, muss sie dafür erst einmal kennen. Introspektion, also das Beobachten und Verstehen der eigenen Gefühle, ist nicht nur für Väter der Generation X eine Herausforderung, sondern auch für deren Töchter. Gerade sie neigen dazu, in der Familie viele Aufgaben sowohl unbewusst als auch unbemerkt zu übernehmen und sich später durch die ausbleibende Anerkennung gekränkt zu fühlen.

Die Forscherin und Kommunikationsexpertin Alison M. Alford nennt diesen Mechanismus Daughtering. Sie hat ihm ein ganzes Buch gewidmet: Good Daughtering. Darin beschreibt sie, wie Töchter häufig als Bindeglied der Familie funktionieren und unsichtbar für Zusammenhalt innerhalb der Familie sorgen. Indem sie es sind, die die Großeltern regelmäßig anrufen, den Familienchat am Laufen halten. Töchter bleiben oft ihr Leben lang Töchter. Anders als für Söhne ist es für sie identitätsstiftend.

Zu Töchtern werden Frauen, Alford zufolge, in mehrfacher Hinsicht. Zunächst durch ihr Handeln. Darunter fallen all die praktischen Aufgaben, die Töchter erledigen, um die Familie zu stärken: Besorgungen, Pläne, regelmäßige Anrufe. Aber auch durch emotionale Arbeit: Noch immer sind es Töchter, die in der Familie ihre Emotionen zeigen oder steuern, um Zuneigung auszudrücken oder um Streit zu vermeiden. Und schließlich durch kognitive Arbeit. Alford schreibt, Töchter würden weitaus häufiger als Söhne die gemeinsamen Wochenenden mit der Familie planen oder nach dem Wohlergehen der Eltern fragen und es mitdenken.

Die Krux dabei: Töchter tun das meist ganz von selbst, wie nebenher, und stützen damit, für die anderen unbemerkt, alte Familienstrukturen. Ganz so wie schon ihre Mütter erfahren jedoch auch die Töchter selten Anerkennung für diese Arbeit. Alford zufolge würden sich Töchter daher häufig enttäuscht oder nicht genug gesehen fühlen.

Alford rät Frauen daher, sich ihr Daughtering, ihr Handeln als Tochter, bewusst zu machen. Denn erst dann lässt es sich aktiv gestalten. Statt darüber enttäuscht zu sein, dass ihre unsichtbare Arbeit vom Vater nicht anerkannt wird, sollten Töchter sich darüber klar werden, welche Aufgaben sie übernehmen wollen – und welche nicht. Nur so können sie Anerkennung einfordern und Grenzen setzen.

Auch der Familientherapeut Kuntze setzt in seiner Berliner Praxis auf niedrigschwellige Schritte. Er lässt seine Klientinnen und Klienten gern nachfragen, was genau sie sich vom Vater oder der Tochter wünschen: Woran würdest du merken, dass ich ein guter Vater oder eine gute Tochter bin? Oder: Woran würdest du erkennen, dass ich dich liebe? Kuntze hat die Erfahrung gemacht: Wenn der Wunsch auf konkrete Handlungen heruntergebrochen wird, ist das meist viel weniger als erwartet. Viele Töchter würden sagen: dass du von dir aus anrufst. Indem du mal von dir erzählst. »Oft erschrecken beide darüber, wie banal die Wünsche sind und sagen dann: Das hätten wir ja schon längst umsetzen können«, sagt er. 

Beide, Vater wie Tochter, können viel tun, um ihr Verhältnis zu entspannen. Zwar liegt die Verantwortung für eine gute Beziehung zwischen Kindern und Eltern grundsätzlich bei den Eltern. Aber eben nur, solange die Kinder tatsächlich Kinder sind. Im Erwachsenenalter müssen sich beide Seiten um das Verhältnis bemühen. Dann ist ein gutes Verhältnis oft eine Entscheidung.


Aus: "Zwischen Vätern und Töchtern liegt eine Kluft" Livia Sarai Lergenmüller (15. April 2026)
Quelle: https://www.zeit.de/familie/2026-04/vater-tochter-beziehung-konflikte-bindung-gxe

Adult children's estrangement from parents in Germany
Oliver Arránz Becker, Karsten Hank
First published: 19 August 2021
https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/jomf.12796


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Quote[...] Es beginnt oft im Kleinen und hat lebenslange Folgen: Kinder, die sich für das Wohl der Eltern verantwortlich fühlen. Studien zeigen, wer häufig betroffen ist.

Parentifizierung wird in adaptive und destruktive Parentifizierung aufgeteilt. Adaptive Parentifizierung bedeutet, dass das Kind Aufgaben – sowohl praktische als auch emotionale – übernimmt, die seinem Entwicklungsstand entsprechen. Diese Form der Parentifizierung kann positive Auswirkungen haben, wie das Entwickeln von Resilienz und Reife. In diesem Text geht es jedoch um die destruktive Parentifizierung und deren schädigende Folgen.

Ein jugendliches Kind, es ist vielleicht dreizehn oder vierzehn Jahre alt. Es sitzt seiner Mutter gegenüber. Die weint und sagt: "Ich kann da mit Papa nicht drüber sprechen, seit der Trennung tut mir der Kontakt zu ihm sehr weh. Würdest du ihm bitte sagen, dass er dich zum Sport bringen soll?" Das Kind nickt tapfer und nimmt die Mutter tröstend in den Arm.

Oder: Ein Vater ist mit seinen zwei Kindern allein, die Eltern sind ebenfalls frisch getrennt. Das Kleinkind braucht Milch, aber Papa schafft es vor lauter Trauer gerade nicht zum Supermarkt. Und dann bittet er sein älteres Kind, einkaufen zu gehen. Mal wieder. Es ist bereits das dritte Mal in dieser Woche.

Es sind fiktive Situationen, die aber so oder so ähnlich immer wieder in Familien vorkommen. Was da passiert, ist ein gefährlicher Rollentausch. Kinder verhalten sich wie Eltern und kümmern sich um ihre Erziehungsberechtigten.
In der Psychologie spricht man von Parentifizierung. Dabei geht die Rollenumkehr mitunter sogar so weit, dass die kindlichen Bedürfnisse ignoriert werden. Und das kann Schaden anrichten: in der lebenslangen Entwicklung der Kinder, bei ihrem Selbstwert, bei ihrer Fähigkeit, Beziehungen zu führen.

Ausschlaggebend ist dabei die Dauer: Denn Parentifizierung ist ein Prozess über einen längeren Zeitraum. "Wenn Eltern mal weinen und Kinder sie trösten, ist das kein Problem. Im Gegenteil: Es ist wichtig, dass Kinder Empathie entwickeln und auch lernen, dass ihre Eltern Menschen mit Gefühlen und Schwächen sind", sagt die Bildungs- und Sozialwissenschaftlerin Ulrike Loch von der Freien Universität Bozen. Von Parentifizierung werde dann gesprochen, wenn so etwas kontinuierlich und über einen längeren Zeitraum, also über mehrere Wochen, Monate oder gar Jahre vorkomme, und wenn es die Beziehung maßgeblich präge. Wenn Eltern ihre Elternfunktion aufgeben, um ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.

Dabei unterscheidet die Forschung  zwischen der instrumentellen Parentifizierung und der emotionalen. Bei der ersten muss das Kind praktische Aufgaben übernehmen – für die es eigentlich noch zu jung ist: Das kann mit überfordernden Tätigkeiten im Alltag wie Einkaufen oder Kochen anfangen und kann sogar soweit gehen, dass sie Behördengänge für die Eltern übernehmen müssen oder sich maßgeblich um die Betreuung jüngerer Geschwister kümmern. "Das Kind hat zum Beispiel genau im Blick, wann eingekauft werden muss, welche Lebensmittel fehlen", sagt Ulrike Loch, die selbst zur Parentifizierung geforscht hat.

Während diese Form der Parentifizierung von außen leichter zu erkennen ist, verhält es sich mit der emotionalen deutlich komplizierter. Denn dabei wird dem Kind abverlangt, seine Eltern emotional zu unterstützen (Journal of Child and Family Studies: Burton et al., 2018: https://link.springer.com/article/10.1007/s10826-018-1215-0). Und zwar so stark und so häufig, dass das Kind irgendwann überzeugt davon ist, es sei sein Job, zu beeinflussen, ob Mama oder Papa glücklich oder ob sie traurig sind.

Manchmal sind Kinder sogar die einzige Stütze für die erwachsene Person oder werden gar zum Partnerersatz, oder zur Freundin oder behandelt wie ein Therapeut. Und die emotionale Parentifizierung ist es auch, die, wie zahlreiche Studien zeigen, noch schädlicher ist als die instrumentelle und eine größere Bedrohung für das kindliche Wohlergehen darstellt (American Psychological Association: Boumans & Dorant, 2018: https://psycnet.apa.org/record/2018-23417-001). "Emotionale Parentifizierung ist eine Form von psychischer Gewalt", sagt Ulrike Loch.

Besonders gefährdet sind Kinder, die mit viel Empathie ausgestattet sind. Denn weil sie ein großes Einfühlungsvermögen haben, achten sie zum einen von selbst stärker auf Stimmungen und Gefühle, und werden zum anderen wegen ihrer Zugewandtheit häufiger von Erwachsenen zur Unterstützung herangezogen [https://journals.sfu.ac.at/index.php/zfpfi/article/view/201].

Das Risiko, dass ein Kind dann in den gefährlichen emotionalen Rollentausch gerät, steigt auch dann, wenn Eltern etwa an psychischen Erkrankungen oder auch Suchterkrankungen leiden. Ulrike Loch hat für ihre Forschung mehrere solcher Fälle untersucht. Sie erzählt, dass ein Kind aus ihrer Studie beispielsweise mit gerade einmal sechs Jahren regelmäßig den vierjährigen Bruder geweckt und ihn angezogen hat, weil es wusste, dass die Mutter "traurige Tage" hat, also depressiv ist. Dasselbe Kind ist in der Pause kurz von der Schule nach Hause gelaufen, um zu schauen, ob die Mutter in der Zwischenzeit aufgestanden ist und ihren Kaffee getrunken hat. 

"Das ist ein sehr extremes Beispiel. Aber so was kommt immer wieder vor", sagt Ulrike Loch. Und hierbei zeige sich auch, dass die Grenzen zwischen instrumenteller und emotionaler Parentifizierung fließend sein können. Denn ja, dieses Kind übernimmt alltägliche Aufgaben, aber es fühlt sich auch emotional verantwortlich. Kinder und Jugendliche, die so aufwachsen, hätten Gedanken wie: Ich darf meinen Elternteil nicht allein lassen; ich habe Angst, dass er oder sie sich was antut oder zu viel Alkohol trinkt oder bis mittags im Bett liegt. "Sie fragen sich: Was erwartet mich, wenn ich aus der Schule nach Hause komme? Ist Mama gut gelaunt? Ist sie aggressiv? Ist sie betrunken?", sagt Ulrike Loch. Und im zweiten Schritt würden sie denken: "Was kann ich tun, um gegenzusteuern?" Oft würden diese Kinder oder Jugendlichen irgendwann auch keine Freunde mehr mit nach Hause nehmen, weil sie sich für die Situation schämen. Oder sie wollen lieber Zuhause sein, anstatt sich zu verabreden, um sich zu kümmern. "Manchmal formulieren die Eltern das auch ganz eindeutig: Ich habe wieder geweint, und niemand war für mich da", sagt Ulrike Loch.

Doch es gibt auch weniger drastische Familiendynamiken, die ein Kind dazu bringen können, sich für die Gefühle seiner Eltern verantwortlich zu fühlen und sich darüber hinaus regelrecht selbst zu vergessen. Dazu gehören vor allem andauernde Konflikte zwischen den Eltern, in die die Kinder mit hineingezogen werden. Das erklärt der Psychologe und Familientherapeut Matthias Richter, der der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie e. V. vorsteht. "Wenn Eltern ihre Kinder – meistens unbewusst – dazu drängen, Partei in einem Streit zwischen den Eltern zu ergreifen, geraten sie in einen sehr belastenden inneren Zwiespalt. Sie denken, dass sie sich auf eine Seite stellen müssen", sagt er. Das kann beispielsweise passieren, wenn Eltern immer wieder Dinge sagen wie: "Das ist aber unmöglich, wie Mama oder Papa sich gerade verhält, findest du nicht auch?"

Das Problem dabei: "Kinder lieben ihre Eltern bedingungslos. Und sie haben immer den Wunsch, mit beiden Teilen loyal zu bleiben", sagt Matthias Richter.  Wenn sie nun aber dazu gebracht werden sollen, sich auf die eine oder andere Seite zu stellen, würden sie sich unter Druck für einen von den beiden entscheiden. Ein unnatürliches Verhalten. Was dazu führt, dass sie sich für die Gefühle des Elternteils, für das sie sich im Konflikt entschieden haben, verantwortlich fühlen und sich als Verbündete erleben, obwohl sie das eigentlich gar nicht wollen. Gleichzeitig hätten sie Schuldgefühle dem anderen Elternteil gegenüber – wieder eine Verantwortungslast.

Riskant ist es auch, wenn Eltern die Kinder immer wieder – auch ohne, dass sie psychisch krank sind – mit ihren eigenen Sorgen belasten, ihre Gefühle bei ihnen abladen. Und sich Hilfe von ihnen erwarten. Wenn sie von ihren Problemen erzählen und den Anspruch stellen, dass die Kinder – oft sind es in diesen Fällen schon Jugendliche – ihnen zur Seite stehen. Trennen sich die Eltern, entstehen häufiger Situationen, in denen genau so etwas passieren kann. Studien zeigen, dass Scheidungskinder häufiger parentifiziert werden [https://journals.sfu.ac.at/index.php/zfpfi/article/view/196] als Kinder aus intakten Familien – sowohl instrumentell [https://psycnet.apa.org/record/1999-02129-000] als auch emotional [https://www.researchgate.net/publication/226262325_Parentification_of_Adult_Children_of_Divorce_A_Multidimensional_Analysis].

Wie auch bei den Konflikten in intakten Familien spielt hier die Loyalität eine große Rolle. Denn gerade nach Trennungen besteht die Gefahr, dass die Kinder das Gefühl haben, sich entscheiden zu müssen. "Kinder sehen sich immer als ein Teil des Vaters und der Mutter, und sich gegen den einen und für den anderen zu positionieren, heißt immer, sich gegen einen Teil des eigenen Selbst zu positionieren", sagt Ulrike Loch. Sie würden durch die Parentifizierung emotional so manipuliert werden, dass sie es als ihren eigenen Wunsch empfinden, die Mutter oder den Vater gegen die andere Seite zu unterstützen. "Dann fühlen sich die Kinder nicht nur für die Gefühle des Elternteils verantwortlich, sondern stellen sich innerlich auch noch gegen das andere Elternteil. Sie werden da hineingedrängt, ohne sich wehren zu können", sagt Loch.

Das kann auch schon im vermeintlich Kleinen anfangen. Nehmen wir an, die Eltern schaffen es nicht, gut miteinander zu kommunizieren. Und dann werden die Kinder ausgefragt: Was habt ihr denn mit Papa gemacht? Wie sieht die neue Wohnung aus? Mit wem unternimmt er was am Wochenende, ist vielleicht eine neue Frau dabei?

Psychologe Matthias Richter erlebt es in seiner alltäglichen Arbeit in der Familienberatung häufig, dass Eltern nach einer Trennung die Kommunikation auf die Kinder verlagern, weil es sich für die selbst verletzten Eltern vermeintlich einfacher und praktischer anfühle. 

"Trennungen laufen ja meistens so ab, dass eine Seite sich entscheidet zu trennen, und sich die andere Seite zunächst als Opfer erlebt. Auch das spüren Kinder oft sehr deutlich, und wenn sie sich dann verpflichtet fühlen, zu trösten, ergreifen sie dadurch automatisch Partei und stellen sich gegen denjenigen, die oder der die Trennung wollte", sagt Richter.

Und gerade in Trennungssituationen seien ältere Kinder, vor allem Jugendliche, gefährdeter, in diese unnatürlichen Rollen gedrängt zu werden und sie auch anzunehmen. Gerade Jugendliche würden sich danach sehnen, wie Erwachsene behandelt zu werden, sagt Matthias Richter. Wenn Mutter oder Vater ihnen immer wieder von ihren Sorgen berichten, fühlen sie sich wertgeschätzt und gesehen. Sie denken: "Wow, meine Mutter vertraut mir so etwas an, wir führen erwachsene Gespräche" – und zwar obwohl sie eigentlich für diese Art und Weise der Gespräche noch gar nicht bereit sind, vor allem nicht mit einem Elternteil.

Diese Steigerung des Selbstwertes kann die Parentifizierung vorantreiben. Matthias Richter spricht von "emotionaler Belohnung". Sie bekommen Anerkennung, fühlen sich stark und geliebt. Während kleine Kinder zum Beispiel anfangen würden, viele Faxen zu machen, um für gute Stimmung zu sorgen, gingen ältere Kinder gezielt in die Rolle des Trösters und signalisieren: Ich bin immer für dich da. Und wenn das einmal funktioniert, tun sie das immer wieder.

"Sie breiten sich immer weiter in dieser Rolle aus, weil sie immer mehr von dieser Wertschätzung wollen", sagt Richter. Aber dann kommt es zu einem ganz entscheidenden zweiten Schritt, und zwar zu einem Mechanismus, der typisch für Parentifizierung ist: Das Kind schafft es nicht dauerhaft, diese Rolle zu erfüllen. Dann fühlt es sich überfordert, merkt, dass es die Situation gar nicht kontrollieren kann, und das führt nach der primären Steigerung des Selbstwertes schließlich zu einem Absturz dessen. Die Folge: Minderwertigkeitsgefühle – aus der Erfahrung heraus, nicht zu genügen. "Kinder können Mutter oder Vater nicht auffangen wie ein Freund oder wie die Partnerin. Und wenn sie merken, dass das nicht funktioniert, machen sie sich Selbstvorwürfe. Sie fühlen sich, als würden sie versagen", sagt Matthias Richter.

Das hat Folgen: So können, wie wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, diese Kinder zum Beispiel Perfektionismus oder Überangepasstheit entwickeln – und dadurch den Zugang zu ihren eigenen Bedürfnissen und ihrem eigenen Autonomiegefühl verlieren. Forschende beschreiben das als "emotionale Verunsicherung und Verarmung". Auch neigen sie im Vergleich zu nicht parentifzierten Kindern dazu, mehr Stress zu haben.

Und diese Gefühle können bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben. Studien wiesen nach, dass Kinder, die parentifiziert wurden, als Erwachsene häufiger psychische Krankheiten wie Angst- oder Essstörungen oder Depressivität entwickeln. Auch leiden sie häufiger unter Scham oder starken Schuldgefühlen.

"Kinder, die parentifiziert aufwachsen, bleiben mitunter ihr ganzes Leben in diesem Gefühl der Unzulänglichkeit gefangen", sagt Psychologe Matthias Richter. Genau wie in dem erlernten Bedürfnis, immer für andere da zu sein.

"Viele Betroffene entwickeln eine Art Helfersyndrom und verknüpfen es eng mit ihrem Selbstbild, emotional für andere da zu sein", bestätigt auch Bildungswissenschaftlerin Ulrike Loch aus Bozen. Und zwar so stark, dass sie über eigene Grenzen hinweg gehen beziehungsweise diese gar nicht erst erkennen.

Das zeigt sich vor allem in Liebesbeziehungen. Dass sie sich nahezu zwanghaft dafür verantwortlich fühlen, die betreuende und kümmernde Rolle einzunehmen – selbst wenn diese nicht notwendig ist. "Dann kann es vorkommen, dass sie sich – auch schon im Jugendalter –  zu viel gefallen oder sich vielleicht sogar erniedrigen lassen", sagt Loch.

Doch es kann auch in die genau andere Richtung gehen. So hätten manche Menschen, die als Kinder parentifiziert wurden, zum Beispiel große Probleme damit, echte und langfristige Bindungen einzugehen, sagt Ulrike Loch. Denn auf der einen Seite hätten sie zwar einen großen Beziehungswunsch und eine große Sehnsucht nach Nähe, aber zum anderen auch Angst vor Beziehungen. Angst davor, nicht zu genügen. "Dass erst eine intensive Beziehung eingegangen und der Partner dann wieder weggestoßen wird, ist nicht untypisch", sagt Loch. Weil genau dann, wenn es zu eng wird und vielleicht erste Konflikte auftauchen, die erlernte Überforderung greift: Ich kann es doch sowieso niemandem recht machen, ich bin nicht genug, also gehe ich lieber.

Auch wenn die meisten Eltern ihren Kindern nicht absichtlich schaden wollen, kann es helfen, sich der Gefahr von Parentifizierung bewusst zu werden, um sie zu vermeiden. Natürlich kann es vorkommen, dass man seine Kinder auch mal mit Gefühlen oder Informationen überlädt, die nicht unbedingt kinderfreundlich sind, sagt Psychologe Matthias Richter: "In jeder menschlichen Beziehung überschreitet man auch mal Grenzen." Wichtig sei aber, das zu erkennen, es womöglich zu thematisieren, und dann darauf zu achten, dass das kein Dauerzustand wird.

Und es gibt Warnsignale, auf die jeder Elternteil achten kann: Zum Beispiel, wenn Kinder sehr häufig fragen, wie es Mutter oder Vater geht. Wenn sie immer wieder aufmerksam schauen, was sie brauchen, Hilfe anbieten, sowohl emotional als auch praktisch. "Natürlich sollten Kinder in den Haushalt miteinbezogen werden und auch lernen, empathisch zu sein. Aber wenn Kinder anfangen, um einen Elternteil regelrecht herumzuscharwenzeln, dann auch noch sehr tröstend werden und sich selber immer wieder zurückstellen, sollten Eltern hellhörig werden", sagt Richter. Wenn sie zum Beispiel ihr Bedürfnis nach Spielen, nach Zeit für sich oder nach Kontakt zu anderen Kindern unterbrechen. Wenn sie es nicht mehr schaffen, in ihrer Spielsituation zu versinken, sondern immer schauen: Wie geht es Mama oder Papa? Wenn das einmal passiert, oder in Ausnahmesituationen, sei das unbedenklich, aber es sollte nicht regelmäßig vorkommen.

Eltern sollten in Zeiten einer Krise, der längeren Trauer oder während einer Trennung ganz klar signalisieren: Es gehört zum Leben dazu, dass Menschen auch mal traurig sind. Aber das hat nichts mit dir zu tun, du bist nicht für meine Stimmung verantwortlich, und schau, ich hole mir Hilfe bei anderen Erwachsenen.


Aus: "Ich bin dein Kind, nicht deine Freundin"  Nora Burgard-Arp (5. März 2025)
Quelle: https://www.zeit.de/wissen/2024-12/beziehung-eltern-kinder-parentifizierung-familie-trennung

https://www.researchgate.net/publication/281905738_Defining_and_Understanding_Parentification_Implications_for_All_Counselors

https://journals.sfu.ac.at/index.php/zfpfi/article/view/201

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Quote[...] Jahrelang trinkt der Vater, dann verliert er sein Kurzzeitgedächtnis. Mit 25 wird seine Tochter zur gesetzlichen Betreuerin – seitdem ist ihr Vater wie ein Kind für sie.

... Etwa drei Millionen Menschen leben in Deutschland, die mindestens einen suchtkranken Elternteil haben. Sucht geht oft mit getauschten Rollen einher, mit Kindern, die sich um ihre Eltern sorgen und kümmern. Die wenigsten aber trinken so viel, dass sie am Wernicke-Korsakow-Syndrom erkranken und dauerhaft auf Hilfe angewiesen sind. Das betrifft nur etwa fünf von 10.000 Personen. Almas Vater ist einer von ihnen.

... Da ist die Sache mit ihrer Mutter. Eine Frau mit warmem Blick und feinen Lachfalten an den Augen. Und eine Frau mit einer manisch-depressiven Störung. Mit dieser Diagnose ist es so eine Sache: Die meiste Zeit macht sie sich gar nicht bemerkbar. In dieser Zeit war ihre Mutter für Alma die beste Mutter der Welt. Alle paar Jahre aber rutscht Almas Mutter in eine depressive oder eine manische Phase, oft für mehrere Monate. Da verändert sich dann alles.
Zum ersten Mal bekam Alma das mit, als sie kurz vor dem Abitur stand. Da wurde ihre Mutter langsam zu einem anderen Menschen. Plötzlich rauchte sie ganz viel, begeisterte sich für alles und hatte ständig neue Pläne, die Alma völlig unlogisch erschienen. Während Almas Kindheit ließ sich ihre Mutter dreimal stationär in eine Klinik einweisen, das war in ihren depressiven Phasen. Alma lebte während dieser Zeit bei ihrem Vater. Schon damals, sagt sie, trug sie diese Ahnung in sich: Im Zweifel muss ich auf mich selbst aufpassen.

Wenn man Alma fragt, wie sie sich an ihren Vater von früher erinnert, wird ihre Stimme weich. Er sei sehr schlau gewesen, sagt sie dann. Stefan sei gern in Ausstellungen und auf Konzerte gegangen, viel mit Freunden unterwegs gewesen. Am Wochenende habe er sich ein Plattenregal gebaut oder an seinem Hausboot gewerkelt. Das hatte er gekauft, als er noch mit Almas Mutter zusammen war. Die Familie verbrachte damit viele Wochenenden auf der Havel oder dem Müggelsee. Als Alma von zu Hause auszog, schnitt ihr Vater manchmal besonders interessante Artikel aus Zeitungen aus, scannte sie ein und schickte sie ihr per Mail.
Stefan hat viel Musik gehört. Vor allem Punk, aber auch neuere Musik, die Alma mochte. Kendrick Lamar zum Beispiel. Zum Geburtstag hat er sich immer gewünscht, dass sie ihm CDs mit ihrer Musik brenne, erinnert sie sich. Dann fuhren sie in seinem grauen Oldtimer durch die Stadt und hörten die CDs, die Lautstärke bis zum Anschlag aufgedreht. Alma denkt gern an diese Zeit zurück. 

... Sein Gedächtnis verlor Stefan plötzlich. Der Weg dahin aber war lang. Alma sagt, ihr Vater habe sich langsam aus ihrem Leben verabschiedet. Viele Jahre trank er einfach etwas mehr als andere, ohne dass es ihr aufgefallen sei. Alkohol war immer beiläufig da, sagt sie. Stefan trank eben gern Wein zum Abendessen. Mit den obdachlosen Alkoholikern, die Alma vom Bahnhof kannte, hatte das nichts zu tun. Auch nichts mit den schreienden Alkoholikervätern aus Filmen. So gesehen, sagt sie, war er ein stilvoller Trinker.
Mit 19 Jahren zog Alma in ihre erste eigene Wohnung. Das war 2018. Almas Vater wohnte daraufhin allein. Als sie nicht mehr da war, konnte er hemmungsloser trinken, sagt Alma. Anfangs traf sie ihren Vater noch alle zwei Wochen. Meistens gingen sie gemeinsam essen, beim Italiener an der Ecke. Irgendwann aber habe er immer häufiger abgesagt. Er rief dann lallend an und sagte, er sei krank.

Zwischen 2018, dem Jahr, in dem Alma von zu Hause auszog, und 2023, dem Jahr, in dem ihr Vater am Korsakow-Syndrom erkrankte, liegen sechs Jahre. In dieser Zeit machte ihr Vater dreimal einen Entzug. Immer blieb er daraufhin ein paar Monate nüchtern und fing dann wieder an zu trinken. Schon damals, sagt Alma, habe sie sich innerlich langsam von ihrem Vater verabschiedet. Sie weiß noch, dass sie damals ihre Mutter fragte, ob Stefan vielleicht depressiv sei. Dass sie fragte, ob er sich etwas antun würde. Ihre Mutter aber habe ihr versichert: So etwas würde er nicht tun. Also glaubte Alma ihr. Am Telefon sagt sie zu ihrem Vater: Ich vermisse dich. Kannst du nicht bitte aufhören? Er sagte dann: Ich versuche es. Ich gebe mir Mühe.

Die Abstände zwischen ihren Treffen wurden mit jedem Jahr größer. Manchmal meldete er sich wochenlang nicht. Viele wichtige Momente in ihrem Leben bekam ihr Vater nicht mit: ihren Bachelorabschluss oder ihr dreimonatiges Praktikum in einer anderen Stadt. Ihren ersten richtigen Freund, mit dem sie damals zusammenwohnte, kannte er kaum. Damals dachte sie oft: Ich als Tochter reiche ihm nicht als Argument, damit er aufhört zu trinken.
Einmal, im Sommer 2020, ging er tagelang nicht ans Telefon. Ihre Großeltern, Stefans Eltern aus Bayern, riefen sie daraufhin an und baten sie, nach ihm zu schauen. Mit ihrem Zweitschlüssel ging sie in die Wohnung. Als sie hereinkam, fand sie ihn ungeduscht in seinem Bett, der Boden übersät von Pizzakartons und Weißweinflaschen. Stefan war ein Bart gewachsen und kaum ansprechbar. Daraufhin, sagt sie, habe sie nur noch Kontrollanrufe gemacht. Meistens habe sie nur geprüft, ob er noch rangeht.

Im August 2023 kam wieder so ein Moment.

Es war ein brüllend heißer Hochsommer, Alma hatte Semesterferien und wollte am Wochenende mit ihren Freundinnen auf ein Musikfestival fahren. Von ihrem Vater hatte sie seit einigen Tagen nichts mehr gehört. Am Freitag riefen die Großeltern sie an, baten wieder, nach ihm zu schauen. Alma war voller Vorfreude auf das Festival und damit beschäftigt, die Campingsachen zusammenzusuchen und einzukaufen. Sie wollte sich ihre gute Stimmung nicht von ihrem alkoholsüchtigen Vater kaputt machen lassen. Also fuhr sie zum Festival, ohne vorher nach ihm zu sehen. Davon gibt es Fotos: Alma mit einer Bierdose in der Hand vor ihrem Zelt, umringt von ihren Freundinnen. Alma in kurzer Hose auf der Tanzfläche. Als sie auf ihrem Handy durch die Fotos wischt, lächelt sie. Es sind die letzten Bilder ihres alten Lebens.

Dann zeigt sie ein anderes Foto. Eine unbezogene Matratze auf dem Boden, übersät mit schwarzen Brandflecken. Um das Bett stehen etwa 100 Weinflaschen aufgereiht. Das Foto sieht surreal aus, fast wie ein Kunstwerk. Sie hat es gemacht, nachdem ihr Vater gefunden wurde.

Am Samstag, dem zweiten Festivaltag, rief ihre Mutter an. Alma erinnert sich noch, wie sie barfuß vom Zelt weglief, einen Finger aufs Ohr gedrückt, um ihre Mutter durch den Bass hindurch besser zu verstehen. Ihr Vater sei unterernährt und orientierungslos in eine Psychiatrie eingewiesen worden, sagte ihre Mutter damals.

Der Satz überschwemmte Alma wie eine jahrelange Vorahnung. Sie habe immer damit gerechnet, dass irgendwann etwas Schlimmes passiert, sagt sie. Als ihr kurz darauf ein Arzt die Diagnose ihres Vaters erklärte, habe sich das fast wie eine logische Fortsetzung angefühlt. Als sei sie jahrelang auf diesen Moment vorbereitet worden.

Einige Monate später unterschrieb Alma beim Amtsgericht, dass sie die Betreuung ihres Vaters übernimmt. Auf ihrem Betreuerausweis, einem weißen DIN-A4-Blatt, stehen ihre Aufgaben gelistet: Angelegenheiten bezüglich stationärer Wohneinrichtungen, Aufenthaltsbestimmungsrecht, Behördenangelegenheiten, Gesundheitssorge, Vermögenssorge, Entgegennahme und Öffnen der Post. Das Dokument hat sie in einer Klarsichtfolie in einem Aktenordner abgeheftet. Seitdem ist ihr Vater wie ein Kind für sie. 

... Alma besucht ihren Vater jede Woche. Auch dann, wenn sie überhaupt keine Lust hat. Meistens fühlt sie sich dabei von einem schlechten Gewissen getrieben, sagt sie. Sie denkt dann: Ich habe ja entschieden, dass er in einem Pflegeheim wohnt. Ich bin seine Betreuerin. Wenn ich ihn nicht besuche, ist er den ganzen Tag allein. Diese leise Stimme sei immer da, mal leiser, mal lauter. Neulich war sie für zwei Wochen in Thailand im Urlaub. Und dachte die ganze Zeit: Ich liege gerade am Strand, und er sitzt allein im Pflegeheim, obwohl er sich da nicht wohlfühlt.

Wenn niemand zusieht, weint Alma manchmal. ...

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Transparenzhinweis: Die Autorin kennt die Protagonistin persönlich.


Aus: "Warum hast du denn nicht aufgehört zu trinken, Papa?" Livia Sarai Lergenmüller (29. Mai 2026)
Quelle: https://www.zeit.de/familie/2026-05/alkoholkranke-eltern-sucht-pflege-wernicke-korsakow-syndrom