Author Topic: [Kunst und die Nachbarschaft zum Verbrechen... ]  (Read 2328 times)

0 Members and 1 Guest are viewing this topic.

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9112
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Kunst und die Nachbarschaft zum Verbrechen... ]
« on: July 13, 2006, 02:26:04 PM »
Quote
"Arbeiten kann, wer keine Lust zu leben hat. Für Leute mit Verstand gibt’s nur zwei Möglichkeiten: Künstler oder Krimineller."

Thomas Brasch (1990): Lovely Rita, in ders.: Drei Wünsche, sagte der Golem. Gedichte, Stücke, Prosa. S. 123. Leipzig: Reclam.


http://ratlosnetzwerk.tumblr.com/post/80468554919/arbeiten-kann-wer-keine-lust-zu-leben-hat-fur


-.-

Quote
[...] Friedrich Nietzsche hat gesagt,
daß der Dichter "eine Nachbarschaft zum Verbrechen" hat.
Die Tatsachen scheinen ihm recht zu geben.

[...] Die Abgrenzung des
Kriminellen vom Psychopathischen ist bekanntlich oft
schwierig; ebenso führt das Kriminelle in das Geniale
hinüber. Alle drei — Psychopathen, Kriminelle, Geniale —
leiden an egozentrischer Betrachtung und Zielsetzung,
die aber beim Genialen in seinem "Werk" auch eine
objektive sachliche Erweiterung finden. Daß in Kunst-
und Kulturgeschichte nicht viele kriminelle Ausbrüche
Genialer zu verzeichnen sind, liegt daran, daß bei ihnen
die kriminellen Regungen im psychisch verwandten
genialen Schaffen mit aufgezehrt werden.

[...] Tatsache ist, daß es gewisse Geisteskranke
(Schizophrene) gibt, die sich bisweilen durch eine
eigenartige künstlerische Betätigung auszeichnen. Der
Leipziger Psychiater Dr. Richard Arwed Pfeifer ("Der
Geisteskranke und sein Werk. Eine Studie über
schizophrene Kunst," Leipzig 1922) zeigt an einem sehr
"aufschlußreichen Material, daß die Geisteskrankheit der
Schizophrenie gewisse kunstfördernde Eigenschaften
besitzt. Der Schizophrene lebt in einem Zustand
unbekümmerter Wunschlosigkeit und ist ganz in seine
eigene Ideenwelt versunken. Das führt ihn zu einer
beständigen Beschäftigung mit seinem Innenleben, wie
sie auch dem Künstler eigen ist. Dazu kommt die Treue
des Gedächtnisses, das dem Irren gerade die kleinsten
und unbedeutendsten Einzelheiten vergegenwärtigt und
ihm daher eine große Genauigkeit der Schilderung
ermöglicht. Seine Halluzinationen stellen ihm
Wunschszenen vor Augen, die er gern festhalten möchte
und daher im Bilde wiedergibt. Aber die Behauptung, daß
die Schizophrenie einen Menschen zum Künstler mache,
ist durch keinen einzigen Fall bewiesen. Die weitaus
größte Zahl der Schizophrenen betätigt sich künstlerisch
überhaupt nicht.

[...] Psychologisch erklärt liegt das Wesentliche des
Kunstschaffens "in einer außergewöhnlichen
Potenzierung der Leistungen der Phantasie, im
Hervorbringen von Gestaltsqualitäten mit
Schönheitswert" (Kreibig).

[...] Das künstlerische Schauen als solches ist kein
krankhafter Prozeß. Wie wirkt die Psychose auf das
künstlerische Schaffen ein? Daß sie es verflüchtigen,
zersetzen, auslöschen kann, bedarf keiner
Beweisführung. Aber daß sie es unter bestimmten —
seltenen — Umständen positiv zu beeinflussen vermag,
dieser auffallende Tatbestand erheischt Deutung. "Die
mächtige Gefühlsaufwühlung, die Gefühlszerpflügung,
die nach Ausdruck schreit, — mag sie die Psychose
einleiten oder begleiten — sie erzeugt einen für
künstlerisches Schaffen geeigneten Boden, aber doch nur
Boden. Nicht das künstlerische Schaffen wird produziert,
vielmehr eine für sein Eintreten günstige Voraussetzung.
Aber es ist eine gefährliche Mitgift. Erinnern wir uns, mit
welcher Schärfe Schiller Bürgers Gedichte ablehnte, oder
wie kühl Goethe Heinrich von Kleists Werk
entgegennahm, das ihm dieser auf den .'Knieen seines
Herzens' überreichte! Man darf sich nicht darüber
täuschen, daß der künstlerische Schaffensprozeß in der
eigentlichen Bedeutung des Wortes außerhalb der
Psychose steht, und diese ihn nur färbt, durchtränkt, auf
ihn einwirkt in positiver und negativer Beziehung."
(Universitätsprofessor Dr. Emil Utitz "Kunst und Psychose".)


Bruchstueck aus: "Kriminalpsychologie. Psychologie des Täters. Ein Handbuch für Juristen, Justiz-, Verwaltungs- und Polizeibeamte, Ärzte, Pädagogen und Gebildete aller Stände"
von Dr. Erich Wulffen Ministerialdirektor und Vorstand der Abteilung für Strafsachen, Gnaden- und Gefängniswesen im sächsischen Justizministerium. Berlin: Dr. P. Langenscheidt 1926(!)

Quelle: http://www.joachim-linder.de/data/Wulffen_guv.pdf

« Last Edit: May 17, 2018, 01:26:00 PM by Textaris(txt*bot) »

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9112
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Lust und Lustmord... ]
« Reply #1 on: December 06, 2006, 03:19:18 PM »
Quote
[...] Lust und Lustmord sind - wenn man das so sagen darf - vertraute Motive der Bildenden Kunst.

[...] In diesem Zusammenhang ist beispielsweise ein Mord, auch ein Lustmord, nicht notwendig homolog [gleichartig], zum realen Mord. Und ohne den mehrfachen Schriftsinn, der ja ein altehrwürdiges Verfahren ist, allzu sehr zu bemühen, verweist er doch auf die Möglichkeit, auch im Lustmord Themen verhandelt zu sehen, die ins Zentrum der Entwicklung der modernen Gesellschaft verweisen. In einer Gesellschaft nämlich, die sämtliche Regularien zu zweifelhaften Instanzen werden lässt, die zudem die Einzelnen radikal individualisiert, geraten soziale Verfahren wie Liebe, Intimität und Sexualität zugleich auf den Index.

Das führt eben nicht nur zur Dominanz des Liebesdiskurses in der Popindustrie, sondern auch zur Radikalisierung der Körperlichkeit in der Kunst, vor allem indem sie die Verbindung von Gewalt und Sexualität aufgreift. Das freilich nicht in der verdeckt zivilisationskritischen Manier, die auch der Frankfurter Schule zugrunde liegt, sondern als Bearbeitungs- und Reflexionsform, die in die Extreme treibt, was dorthin zu treiben ist.

In diesem Sinne sind die künstlerischen Exzesse weniger anklagende und aufklärende, denn variierende und durchspielende Versuche. Kunst ist in diesem Sinne, selbst wenn sie sich ins Extrem des Lustmordes begibt, vor allem eins: Ein Medium, in dem die Moderne sich variiert und ausprobiert. Was dann in der Realität daraus gemacht wird, bleibt dann offen, für jeden Einzelnen wie für die Gesellschaft.


Aus: "Berufung auf Vorgekautes: Martin Büsser bleibt bei gewohnten Erklärungsmustern, um das Sexualverbrechen als ästhetisches Sujet zu untersuchen" Von Von Walter Delabar (literaturkritik.de » Nr. 12, Dezember 2006 » Kunst- und Kulturwissenschaft => zu:  Martin Büsser: Lustmord - Mordlust. Sexualverbrechen als ästhetisches Sujet im 20. Jahrhundert. Ventil Verlag, Mainz 2000.)
Quelle: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=10193&ausgabe=200612

« Last Edit: December 06, 2006, 04:53:23 PM by Textaris(txt*bot) »

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9112
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Das Schauspiel aus Scham und Schande... ]
« Reply #2 on: January 15, 2007, 02:36:57 PM »
Quote
[...] Das Schauspiel aus Scham und Schande, wenn ein von Millionen geliebter Star plötzlich und unfreiwillig seine dunkle Seite offenbart, sexuelle Tabus bricht, Drogenexzesse eingesteht oder gar unter Mordverdacht gerät, ist natürlich so alt wie Hollywood selbst. Wallace Reid, einer der großen Herzensbrecher der Stummfilmzeit, war einer der ersten großen Junkies.

Fatty Arbuckle, der erste familientaugliche Komiker, über den selbst Menschen lachen konnten, die Hollywood sonst als Sündenbabel verfluchten, erholte sich nie wieder von dem Sensationsprozess in dem er wegen Vergewaltigung und Mord erst angeklagt und dann freigesprochen wurde. Und der erste kreative Gigant des neuen Mediums, Charlie Chaplin, war auch gleichzeitig der erste Star mit einer allgemein bekannten Vorliebe für minderjährige Bräute.

Wenig später, als die Popmusik zum Massenmedium wurde, kamen auch noch deren Götter dazu. Und so führt eine niemals endende Kette von Skandalen bis in die Gegenwart: Zum randalierenden Mel Gibson am Straßenrand, zu Britney Spears ohne Unterhose und zum ehemaligen "Seinfeld"-Komiker Michael Richards, der auf der Bühne eines Clubs kürzlich einen rassistischen Wutausbruch bekam.

[...] Die verlogene Moral der Klatschpresse, die entrüsteten Aufschreie der Sittenwächter täuschen meist nur kurz darüber hinweg, dass in Wahrheit eine weitreichende Mythologie des Künstlertums existiert, die auch Film- und Popstars gnädig umfasst: Wer Werke von bleibendem Wert schaffen will, braucht auch Dämonen, die ihn dazu antreiben, der darf nicht akzeptieren, was anderen als geltende Regel gilt, der muss die eigenen Untiefen nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch ausloten.


Bruchstück aus: "Das Prinzip Vergebung" Von Tobias Kniebe (SZ; 12.001.2007)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/968/97871/

« Last Edit: February 14, 2008, 01:37:30 PM by lemonhorse »

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9112
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Die Nachbarschaft zum Verbrechen... ]
« Reply #3 on: May 17, 2018, 01:25:42 PM »
Quote
[...] Sie [Ana Mendieta] schrieb mit Blut „There is a devil inside me“ auf ein weißes Scheunentor („Blood Sign“). ... Unbändige Wut sei ihre Triebkraft, gab Mendieta später zu Protokoll: „Wenn ich nicht die Kunst entdeckt hätte, wäre ich wohl kriminell geworden.“

...


Aus: "Aus Erde sind wir genommen" Jens Hinrichsen (06.05.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/martin-gropius-bau-aus-erde-sind-wir-genommen/21248188.html