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[Menschen in Schichten und Klassen... ]

Started by Textaris(txt*bot), February 18, 2007, 02:21:01 PM

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Textaris(txt*bot)

Quote[...] Bremen muss Menschen, die eine Geldstrafe nicht bezahlen können, wieder ins Gefängnis stecken. Eine Weile hatte das Land die Praxis ausgesetzt.

 Im November 2025 knirschte es im Bremer Knast: Die Justizvollzugsanstalt (JVA) mit ihren beiden Standorten in Bremen und Bremerhaven war so voll, dass Einzelzellen doppelt belegt werden mussten. Die Justizbehörde reagierte – eine der Maßnahmen: Ersatzfreiheitsstrafen wurden ausgesetzt. Wer eh nur ins Gefängnis musste, weil er seine Geldstrafe nicht zahlen konnte, sollte nicht den engen Platz in der JVA einnehmen.

Seit Anfang dieser Woche ist das wieder anders – und das, obwohl sich die Situation keinesfalls entspannt hat. Ein paar Zahlen verdeutlichen die Lage: 751 Gefangene waren im November 2025 in der JVA untergebracht, als die Justizsenatorin die Entscheidung fällte. Platz ist offiziell für 717 Menschen – aber schon diese Zahl soll eigentlich nicht ausgeschöpft werden: Bereits ab 90 Prozent Belegung, also ab 645 Insassen, gilt die Justizvollzugsanstalt als überbelegt.

Die Aussetzung sollte ursprünglich nur bis Ende Februar gelten. Sie war aber bis Anfang Mai verlängert worden, weil die Lage weiterhin zu angespannt schien: Noch immer waren 635 Plätze belegt. Stand Dienstag sind 747 Plätze belegt; also in etwa so viele wie im November.

,,Die Staatsanwaltschaft war schon mit der ersten Verlängerung nicht glücklich", sagt Stephanie Dehne, die Sprecherin der Justizbehörde. ,,Klar war: Auf Dauer geht das nicht. Wir können die Strafen nicht ewig aussetzen." Ein halbes Jahr gelte als Maximum; nun sind fünf Monate um.

Die Ersatzfreiheitsstrafen seit Dezember wurden nicht gestrichen, sondern nur verschoben; wie viele Menschen nun noch auf Wartelisten stehen, um ihre Geldstrafe im Gefängnis abzusitzen, ist der Behörde nicht bekannt. ,,Wir haben natürlich die Hoffnung, dass einige die Zeit genutzt haben, um doch noch zu zahlen", sagt Dehne. Das Problem: Betroffen von Ersatzfreiheitsstrafen sind üblicherweise eben jene, die keinen Euro übrig haben – Suchtkranke oder Obdachlose etwa.

Auch wenn der Tagessatz bei geringem Einkommen nur zehn Euro oder weniger beträgt, gilt: Ein Tag Haft ersetzt einen ausstehenden Tagessatz an Strafzahlungen. Für den Staat ist das teuer: Jeder Hafttag kostet das Land 168 Euro.

Es ist schwer abzuschätzen, wie viele Menschen nun zusätzlich in den Knast kommen. Die Zahlen schwanken stark: In den vergangenen fünf Jahren waren es zum Stichtag am Monatsende jeweils zwischen 20 und knapp 100 Menschen.

Der erste Bremer Ersatzfreiheitsstrafler ist am Montag von der Staatsanwaltschaft Bremen eingewiesen worden. Aktuell werden in weitere Einzelzellen Doppelstockbetten gestellt. Was die Überbelegung vor Ort bedeutet, kann man zum Teil aus einem aktuellen Senatspapier herauslesen. Die CDU hatte im März unter der Überschrift ,,Droht ein Kontrollverlust in der JVA?" eine Anfrage in der Bürgerschaft gestellt.

,,Die Sicherheit und Ordnung in der Anstalt war und ist weiterhin jederzeit gewährleistet", heißt es in der Antwort des Senats. Zwar berge die Überbelegung angesichts des ohnehin schon engen Zusammenlebens ,,ein erhöhtes Konfliktpotential unter den Gefangenen", das allerdings sei ,,durch professionelles Handeln der Bediensteten beherrschbar".

Eine Einschätzung dazu, was Überbelegung und ,,erhöhtes Konfliktpotential" mit den eingesperrten Menschen macht, fehlt. ,,Das ist eine Justizvollzugs-Logik und keine Sichtweise, die von den Menschen her denkt", sagt eine Person, die beruflich mit den Bedingungen der Haft vertraut ist. Der Stress unter Insassen sei hoch.

Zum Stichtag 1. März waren laut Senatsantwort 48 Gefangene in doppelt belegten Einzelzellen untergebracht; 21 in dreifach belegten Doppelzellen; und 24 in vierfach belegten Doppelzellen. Der Behörde zufolge akzeptieren die Insassen die Gemeinschaftsunterbringung freiwillig. ,,Gar nicht so wenige freuen sich darüber, weil sie abends noch mal schnacken oder Karten spielen können", sagt Behördensprecherin Dehne. Selbstverständlich würden alle über ihr Recht auf eine Einzelzelle informiert.

Nicht alle Gefangenen bleiben offenbar bei ihrer Entscheidung für eine Gemeinschaftszelle: So lagen der JVA am 27. März ,,21 Anträge auf Verlegung in einen Einzelhaftraum vor", heißt es in der Senatsantwort. Über die Wartezeit werde keine Statistik geführt. Der Senat versichert aber: ,,In Bremen kann i.d.R. innerhalb weniger Tage reagiert werden."

Die Überfüllung der Knäste ist ein bundesweites Phänomen. Bremen steht allerdings besonders schlecht da. Das Redaktionsnetzwerk Deutschland hatte die Belegungszahlen im Sommer vergangenen Jahres bundesweit verglichen – das Bundesland Bremen hatte die zweitstärkste Auslastung hinter Rheinland-Pfalz. Dabei waren damals erst 696 (rund 97 Prozent) der Haftplätze vergeben.

,,Der Senat geht davon aus, dass sich die Belegungsentwicklung bis Ende 2026 auf eine Belegungsspitze von 750 belegten Haftplätzen einpendeln wird", heißt es in der Antwort. Die beschlossenen Maßnahmen würden fortgeschrieben. Würde auch mit der Gemeinschaftsunterbringung der Platz irgendwann nicht mehr reichen, sollten auch sogenannte Funktionsräume umgewidmet werden – zum Beispiel besonders gesicherte Hafträume. In Bremen verfügen die zum Teil nicht einmal über Fenster.

Auch ansonsten werden geltende Regeln weit ausgelegt: Wie der Weser-Kurier berichtet, werden Erwachsene bereits im Bereich des Jugendarrests untergebracht. Zumindest zeitweise haben Minderjährige und Erwachsene dort auch Kontakt – das ist eigentlich ein Verstoß gegen das Trennungsgebot. Man habe allerdings nur erwachsene Gefangene mit ,,geringer krimineller Energie" im Jugendhaftbereich untergebracht, verteidigt sich die Behörde.




Aus: "Bremer Knast ist knüppeldickevoll" Lotta Drügemöller (5.5.2026)
Quelle: https://taz.de/Armut-fuehrt-wieder-in-Haft/!6176081/


Textaris(txt*bot)

Quote[...] Schwarzarbeit und illegale Beschäftigung: Mehrere Tausend Zollbeamte prüfen seit dem frühen Morgen mögliche Verstöße bei Kurier- und Paketdiensten.

Mehr als 2.900 Zollbeamte kontrollieren seit dem frühen Morgen bundesweit Paketzusteller. Geprüft würden Verteilzentren und Depots verschiedener großer Paketdienstleister, teilte die Generalzolldirektion mit. Es gehe um Schwarzarbeit und illegale Beschäftigung in der Kurier-, Express- und Paketbranche.

Beamte aus allen Hauptzollämtern in Deutschland seien im Einsatz, hieß es weiter. Die Kontrollen würden verdachtsunabhängig durchgeführt und sollen bis in den Abend andauern. Es gehe speziell darum, die Fahrer der Firmen anzutreffen. Denn diese würden häufig um ihren Mindestlohn gebracht, indem etwa bestimmte Arbeitszeiten wie Pausen, Wartezeiten oder Leerfahrten nicht erfasst würden. Die Fahrer hätten von ihrem Mindestlohn in Höhe von 13,90 Euro pro Stunde auf dem Papier nichts, wenn am Ende bestimmte Stunden nicht bezahlt würden, sagte der Kölner Hauptzollamtssprecher Jens Ahland.

Die Schwerpunktkontrollen seien erst der Auftakt, sagte Ahland. Später werde bei genaueren Prüfungen von Geschäftsunterlagen und der Lohnfinanzbuchhaltung der Paketzusteller vor allem untersucht, ob der Mindestlohn auch gezahlt werde.

»Ebenfalls zu beobachten ist der Einsatz von Subunternehmen – unter anderem mit dem Ziel, Sozialversicherungsbeiträge vorzuenthalten beziehungsweise zu veruntreuen und Steuern zu hinterziehen«, teilte der Zoll weiter mit. Das eingesetzte Personal der Subunternehmen stamme häufig aus EU-Mitgliedsstaaten, zunehmend aber auch aus Drittstaaten. Mit ersten Ergebnissen der bundesweiten Aktion sei Ende der Woche zu rechnen.


Aus: "Zoll kontrolliert bundesweit Paketzusteller" (6. Mai 2026)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2026-05/zoll-paketzusteller-schwarzarbeit-mindestlohn-bundesweit-kontrolle-gxe


Textaris(txt*bot)

... Die Gesellschaft von unten zu denken, ist vielen von uns schlicht zu ungewohnt, zu fremd, zu beschränkend. Es gibt eine Grundtendenz, die Dinge von oben zu betrachten, nicht von unten, selbst bei denjenigen, die gar nicht zu den Reichen oder nur den Wohlhabenden zählen. ...

Quote[...] Revolutionen, Kriege, Regierungsstürze – aber warum landen am Ende immer die gleichen Familien oben? Wie sich die Ungleichheit tief in dieses Land eingeschrieben hat.

Deutschland, eine Dynastie

Ein Essay von Johannes Böhme (Aktualisiert am 12. Mai 2026)

Es gab eine Zeit, da glaubten Ökonomen, dass Privilegien in modernen Gesellschaften nicht überdauern, dass Status und Geld vergänglich sind, dass in jeder Generation einige auf- und einige absteigen, solange bis alles einmal neu durchmischt wurde.

Der Nobelpreisträger Gary Becker schrieb 1986 einen Aufsatz, in dem er behauptete, dass es schon ausreiche, wenn sich dieser Prozess der Durchmischung dreimal wiederhole, wie eine Waschmaschine, die sich nur oft genug drehen muss. Auf dem Weg von den Urgroßeltern zu den Ur-Enkeln würden so nahezu alle Einkommensvorteile ausgelöscht. Aber auch Nobelpreisträger können sich irren. 

Es ist unwahrscheinlich, dass Becker je vom Florentiner Catasto von 1427 gehört hat. Aber vielleicht hätte er danach seine Meinung geändert. Im Jahr 1427 stand die Republik Florenz, nach drei teuren Kriegen, am Rande des Ruins. Florenz war eigentlich eine der reichsten Städte der Welt. Im Winter trugen die Frauen der Händler und Bankiers Hermelinpelze, die Männer parfümierte Handschuhe und Samthüte mit Federn. Auf den Märkten wurde Ingwer angeboten, Zimt, Nelken oder Datteln. Aber die Kassen der Stadt waren leer.

Die Offiziellen der Stadt wollten all diesen Reichtum besteuern. Aber dafür mussten sie erst einmal herausfinden, was überhaupt da war.

Sie notierten daraufhin von 9.780 Haushalten: ihre Namen, wie groß ihre Ersparnisse waren, ob sie Häuser besaßen, ob ihnen Vieh gehörte, und welchen Beruf sie ausübten (zur Auswahl standen unter anderem: Woll-Sortierer oder Banditore, Stadtschreier).

All das wurde im Catasto niedergeschrieben. Er war die gründlichste vormoderne Steuererfassung. Sie war so umfassend, dass es mehrere Jahrhunderte lang nichts Vergleichbares mehr geben sollte.

588 Jahre später kamen zwei italienische Wirtschaftswissenschaftler, Guglielmo Barone und Sauro Mocetti, auf die Idee, den Catasto wieder heranzuziehen, um herauszufinden, was aus den wohlhabenden Familien von damals geworden war. Waren sie in Vergessenheit geraten? Waren sie verarmt? Oder waren sie immer noch reich und mächtig?

Als sie die Namen der Reichen von damals mit den Reichen von heute abglichen, wurde den beiden Wissenschaftlern bald klar, dass sich die Privilegien der Oberschicht sehr beharrlich gehalten hatten: Der reichste Mensch im Florenz der Gegenwart hatte einen Vorfahren, der im Jahr 1427 Mitglied der Schuhmacher-Gilde gewesen war. Er zählte auch damals zu den reichsten zehn Prozent der Stadt. Die zweitreichste Person war Nachfahre eines wohlhabenden Seidenhändlers. Und so ging es weiter: Eine ganze Reihe von Dynastien hatte sich über mehr als 20 Generationen hinweg an der Spitze der Stadtgesellschaft gehalten.

Ähnliche Muster fanden Historiker bald auch anderswo. In Schweden wurden seit dem Jahr 1626 alle adligen Familien im Riddarhuset aufgeschrieben. Bis heute werden die Nachfahren derjenigen, die im Riddarhuset standen, sehr viel öfter Ärzte und Anwälte als andere. Großbritannien wurde im Jahr 1066 von einer Invasionsarmee erobert, die aus Frankreich über den Ärmelkanal übersetzte. Die Nachfahren dieser normannischen Invasoren, die danach die britische Oberschicht bildeten, gehen auch heute noch häufiger an die zwei besten Universitäten des Landes, nach Oxford und Cambridge, als alle anderen.

Die Welt wandelt sich, Regierungen werden gestürzt, Maschinen werden erfunden, Revolutionen und Kriege werfen alles um, neue Steuern werden eingeführt, und Sozialstaaten aufgebaut, und trotzdem: Wer einen Vorfahren hatte, der mit William dem Eroberer den Ärmelkanal überquert hat, der kommt eher auf die Elite-Uni.

Vor einigen Jahren hat der Wirtschaftswissenschaftler Branko Milanović einmal mithilfe des Florentiner Catasto errechnet, wie viel das reichste Prozent der Stadtgesellschaft damals verdiente. 13 Prozent aller Einnahmen im Jahr beanspruchte die Elite dort für sich. Es ist zufälligerweise der gleiche Anteil, den das reichste Prozent in Deutschland heute jährlich einnimmt.

Diese Übereinstimmung überdeckt viele Unterschiede: Unsere Gesellschaft ist reicher als die Florentiner Stadtgesellschaft damals. Selbst die Mittelschicht lebt heute im Vergleich mit den Florentiner Händlern des 15. Jahrhunderts ein Leben im Überfluss. Die Armen haben heute Existenzgarantien, die damals undenkbar gewesen wären. Auch in den schlimmsten Jahren muss bei uns niemand mehr an Hunger sterben.

Aber das Ungleichgewicht zwischen denen ganz oben und dem Rest hat immer noch dieselben Dimensionen. Es ist ein bisschen so, als habe man ein Musikstück mehrere Tonarten nach oben transponiert. Wir spielen jetzt höher, aber immer noch das gleiche Stück.

Es hat immer Ungleichheit gegeben. In jeder Gesellschaft gibt es Menschen, die mehr besitzen, deren Einfluss größer ist, deren Status höher ist als der von anderen. Wir haben uns daran gewöhnt, Ungleichheit als notwendige Begleiterscheinung unseres Wohlstands zu sehen. Der Gegensatz von oben und unten soll Ansporn sein. Die Hoffnung auf sozialen Aufstieg soll Energien freisetzen, die am Ende allen helfen.

Was sehr viel unklarer ist: Ab welchem Punkt Ungleichheit mehr schadet, als sie nutzt. Ab wann sind die Unterschiede kein Ansporn mehr, sondern ein Hindernis? Ab wann kippt es? Sind wir in Deutschland an diesem Punkt? Oder sind wir längst über ihn hinaus?

Die Kita Hasenburg liegt in Marzahn-Hellersdorf, in den östlichen Vororten Berlin, auf einem Platz umgeben von zehnstöckigen Hochhäusern. Sie hat einen großen Garten mit Rutschen, mit Schaukeln, mit Sandkästen, und einen Parcours für BMX-Räder. 110 Kinder gehen hierher. Das Gelände ist groß.

Der Kindergarten liegt in einer alten DDR-Plattenbausiedlung. Die riesigen Häuser liegen hier Block an Block. Fährt man aber nur zwei Straßen weiter, ändert sich das Bild sehr schnell. Dann steht man in einem Gebiet voller Einfamilienhäuser, die Solarpaneele auf dem Dach haben und BMWs in den Einfahrten.

Die Kita Hasenburg besuchen Kinder aus beiden Welten: aus den Plattenbauten und den Vorstadthäusern. Einige Eltern sind alleinerziehend oder haben zwei Jobs, um sich über Wasser zu halten. Andere sind Ärzte oder Anwälte, die ihre Kinder am Wochenende mit auf den Golfplatz nehmen.

Man sieht es den Kindern nicht sofort an, aus welcher Welt sie kommen. Man hört vielleicht, dass einige der Kinder ihre Worte klarer artikulieren als andere. Manche lächeln schüchtern, wenn ein Erwachsener ihren Weg kreuzt. Andere beginnen sofort, sich vorzustellen.

 Eine der Erzieherinnen, Anja Schulz, eine kleine Frau im schwarzen Kapuzenpulli, erzählt, dass es sie immer wieder überrasche, »wie klein und beschränkt« die Welt einiger Kinder außerhalb des Kindergartens sei. Und wie groß und weit die der anderen.

Es gebe Kinder, die verließen eigentlich nie das Viertel. Die blieben auch am Wochenende meist in ihren Wohnungen. Die Kinder der wohlhabenderen Familien machten dagegen am Wochenende Ausflüge ins Umland, und in den Ferien Urlaubsreisen ans Mittelmeer.

Man merke schon sehr früh, dass einige Eltern sehr viel Wert auf Bildung legten und andere dafür kaum Kapazitäten hätten. Ein Kind in ihrer Gruppe, erzählt Schulz, habe mit zwei Jahren bereits erste Wörter geschrieben; zu einem Zeitpunkt, wo andere manchmal nicht mal richtig sprechen können.

Es geht also früh los. Das wusste man schon lange. Was erst in den letzten Jahren klar geworden ist: wie früh die Unterschiede bereits entstehen, und wie schnell sie wachsen; wie ein unterirdischer Fluss, der sich schon teilt, bevor er an die Oberfläche tritt.

Als US-amerikanische Wissenschaftler einmal mit dem MRT die Gehirne von Neugeborenen untersuchten, stellten sie fest, dass Säuglinge aus ärmeren Familien mit weniger grauer Substanz geboren wurden, mit weniger entwickelten Gehirnen. Der Grund dafür schien Stress zu sein, den arme Mütter während der Schwangerschaft öfter spürten.

Mit 18 Monaten kennen die Kinder von wohlhabenden, gebildeten Eltern bereits merkbar mehr Wörter als der Rest. An ihrem zweiten Geburtstag haben diese Kinder schon ein halbes Jahr Lernvorsprung. Mit drei Jahren ist ihr Vokabular im Schnitt doppelt so groß wie das von sozial benachteiligten Kleinkindern.

Diese Dynamik findet man nahezu überall. Aber sie ist nicht überall gleich stark. In Deutschland hat sie eine besondere Wucht. Bei Sprachtests im Alter von fünf Jahren schneiden Kinder aus bildungsfernen Familien so schlecht ab, als wären sie die jüngeren Geschwister der Akademikerkinder. Kaum irgendwo sonst in der westlichen Welt sind die Unterschiede an diesem Punkt derart groß. Selbst in Großbritannien und den USA liegen die Kinder in diesem Alter noch dichter beieinander.

Deutschland gibt zwar im internationalen Vergleich sehr viel für seine Frühbetreuung aus, mehr als 50 Milliarden Euro im Jahr. Es gibt in keinem anderen europäischen Land mehr Erzieher als hier. Aber Kinder aus armen, bildungsfernen Familien lernen trotzdem weniger als anderswo.

Ein Grund dürfte sein: In anderen Ländern wird sehr viel eher mit schulischem Unterricht begonnen, mit ersten Schreib- und Leseübungen. In England beginnt das zum Beispiel schon mit vier Jahren. In Deutschland lässt man die Kinder damit sehr lange in Ruhe.

Als wir auf dem Hof der Kita Hasenburg stehen, umgeben von Kindern, die sich die Baugerüste hochjagen, erklärt die Leiterin Beate Spangenberg, wie sie ihre Rolle versteht: Sie wolle die Kinder nicht zu früh in Schubladen stecken, nicht zu früh zu viel Druck machen. »Wir signalisieren ihnen: Du bist richtig und gut so, wie du bist. Und dann begleiten wir sie, ohne sie zu drängen. Jedes Kind entwickelt sich in seinem eigenen Tempo.« Kurz darauf fällt ein Kind auf einem der Hügel auf den Rücken. Spangenberg läuft hin, und hält es sehr lange auf dem Arm, bis es aufhört zu weinen. »Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht«, sagt sie, nachdem sie zurückgekommen ist. 

Bei einer Umfrage der OECD sagten lediglich neun Prozent der deutschen Erzieher, dass sie bei ihrer Arbeit besonders darauf achteten, benachteiligte Kinder zu unterstützen. Nur in Japan und Korea nahm die Förderung armer Kinder noch weniger Raum ein. Vor der Schule versucht in Deutschland also niemand systematisch die Lücken zu schließen, die sich in diesem Alter in rasantem Tempo auftun. Man lässt es sehr lange einfach laufen, bis es zu spät ist.

Wenn die ältesten Kinder, die jetzt in der Kita in Marzahn durch den Garten rennen, Ende August das erste Mal in der Aula einer Schule stehen werden, mit ihren Schultüten in der Hand, werden ihre Wege bereits vorgeformt sein, ohne dass sie etwas dafür können.

Forscher am Trinity College in Dublin haben vor einigen Jahren gezeigt, dass zwei Drittel der Leistungsunterschiede zwischen 15-jährigen Teenagern in Deutschland aus der Zeit vor der Schulzeit stammten, aus der frühen Kindheit. Die armen Kinder holen die riesigen Nachteile, die ihnen ganz am Anfang entstehen, nie wieder auf. 

Die Grundschule verhindert zunächst immerhin, dass die Unterschiede größer werden. Aber sobald die Kinder mit zehn Jahren aufgeteilt werden, werden die Unterschiede noch größer. Von den armen, bildungsfernen Kindern geht weniger als ein Fünftel der Kinder aufs Gymnasium. Wohlhabende Akademikerkinder schaffen das viermal so oft.

Sehr viel mehr Kinder machen heute Abitur als früher. Aber das hat den ärmsten Familien erstaunlich wenig genützt. Während die Kinder wohlhabender Eltern heute doppelt so oft studieren, wie noch vor einigen Jahrzehnten, schickt das ärmste Viertel der Haushalte ihre Kinder immer noch genauso selten zur Uni wie noch vor 40 Jahren. Nur etwa fünf Prozent der Kinder aus bildungsfernen Familien schaffen es bis zum Hochschulabschluss.

Es gibt immer Ausnahmen. Es gibt immer Kinder, die sich hocharbeiten. Die Talentiertesten schaffen es auch in diesem System, sich durchzusetzen. Aber sie sind Anomalien. Die Regel ist, dass das Potenzial von Millionen Kindern aus armen, bildungsfernen Haushalten in Deutschland nie entfaltet wird.

Die Flüsse gehen früh auseinander und sie treffen sich nicht mehr. Sie fließen in unterschiedliche Richtungen. 

Wenn man verstehen will, wie ungleich Deutschland heute ist, hilft es, einen Schritt zurückzutreten, den Blick zu weiten und sich anzuschauen, wie alles wurde, wie es ist.

Vor 120 Jahren gehörten dem reichsten Prozent in Deutschland nahezu die Hälfte aller Vermögen. Die Adligen besaßen riesige Landgüter, die Industriellen ihre Fabriken, die Kaufmänner ihre Flotten.

Dann kamen zwei Weltkriege und eine Weltwirtschaftskrise. Und nach dem Krieg eine der größten Umverteilungsaktionen, die es in einem westlichen Land jemals gegeben hat: 1952 beschloss die Regierung Adenauer den Lastenausgleich. Der war im Grunde nichts anderes als eine drakonische Vermögenssteuer von 50 Prozent auf all den Wohlstand, der den Krieg überstanden hatte. Das Geld floss von den Reichsten zu denen, die meist gar nichts mehr hatten: den Vertriebenen, den Ausgebombten, den Kriegswitwen und den Kriegsversehrten.

In den Jahren danach wurde der Sozialstaat nach und nach ausgebaut. Die Renten angehoben, das Arbeitslosengeld erhöht, und Hilfen für Studierende aus armen Haushalten eingeführt.

Der Vermögensanteil der reichsten Deutschen schrumpfte so fünfzig Jahre lang immer weiter zusammen, mit jedem ökonomischen Schock und jeder Steuererhöhung etwas mehr. Anfang der 1960er besaß das reichste Prozent nur noch etwas mehr als 20 Prozent aller Vermögen im Land. Ihr Anteil hatte sich seit 1910 halbiert.

Die Reichen verdienten immer noch sehr gut: Jedes Jahr flossen ihnen etwa elf Prozent aller Einnahmen zu (also etwas weniger als in Florenz im Jahr 1427). Aber sie zahlten so viel Steuern, dass sie davon nicht mehr so viel zurücklegen konnten, wie zur Zeit des Kaiserreiches.

Seither wachsen die Vermögen der Reichsten wieder langsam an. Das Problem ist nur: Wir wissen nicht, um wie viel. Im Jahr 1995 kippte das Bundesverfassungsgesetz die Vermögenssteuer. Der Immobilienbesitz war bei der Berechnung systematisch zu niedrig angesetzt worden. Das war ungerecht, fanden die Richter und gaben der Regierung die Wahl, die Steuer abzuschaffen oder sie zu reformieren.

Ausgerechnet der erzkatholische Richter Ernst-Wolfgang Böckenförde wollte das Gesetz damals erhalten. In einem sogenannten Sondervotum, mit dem ein Richter seine abweichende Meinung begründet, warnte er die Regierung eindringlich davor, die Steuer auslaufen zu lassen. »Im Eigentum gerinnt die Ungleichheit der freigesetzten Gesellschaft zur Materie«, schrieb er. Wenn man die unbegrenzte Anhäufung von Eigentum nicht bremse, bestehe die Gefahr, dass sich »die freiheitliche Rechtsordnung selbst aufhebt«.

Die Regierung aus Union und FDP unter Helmut Kohl ignorierte Böckenförde. Die Steuern schienen ihnen damals ohnehin zu hoch für die Wohlhabenden. Der Spitzensteuersatz auf Einkommen lag damals noch bei 53 Prozent. Sie ließen die Vermögenssteuer auslaufen.

Seither werden die Reichen in Deutschland nicht mehr dazu gezwungen, ihren Besitz beim Finanzamt offenzulegen. In Deutschland weiß man deshalb nun weniger darüber, wie viel die Reichsten besitzen, als die Florentiner im Jahr 1427.

An einer regelmäßigen Umfrage der Bundesbank zum Vermögen der Deutschen nimmt zum Beispiel niemand teil, der mehr als einen zweistelligen Millionenbetrag besitzt. Die Bundesbank muss die Vermögen der Reichsten im Land deswegen mithilfe der Reichenliste des manager magazin schätzen.

Was man weiß, ist, dass der Berg nach oben hin immer steiler zuläuft: Den obersten zehn Prozent gehören laut Daten der Europäischen Zentralbank um die 60 Prozent des privaten Wohlstands in Deutschland, mehr als in Großbritannien, mehr als in Frankreich, mehr als in allen europäischen Ländern außer dem kleinen Estland.

Ganz oben liegt dann ein dichter Schleier über der Spitze. Die Schätzungen dazu, wie viel das reichste Prozent in Deutschland besitzt, gehen weit auseinander.

Niemand weiß genau, wie viel diesen Menschen gehört, verteilt über komplexe Firmenstrukturen, in Stiftungen und Holdings, in Offshore-Konten, auf Firmenkonten, in Immobilien in Dubai, in Kunstsammlungen, in Schweizer Depots, in Krypto, in Aktien. Laut einer Schätzung aus dem Jahr 2020 musste man damals etwas mehr als 1,3 Millionen Euro besitzen, um dazuzugehören. Heute dürfte es noch etwas mehr sein. Das reichste Prozent besitzt zwischen einem Viertel und einem Drittel des Wohlstands im Land. Die höchste Schätzung liegt bei 35 Prozent. Vielleicht ist es sogar noch mehr. Damit besäßen die Reichen in etwa so viel wie zuletzt gegen Ende der Weimarer Republik.

Was selbst diese Zahlen verdecken: Der Anteil der Reichen ist vor allem deshalb nicht noch höher, weil die Mittelschicht in den letzten drei Jahrzehnten ebenfalls massiv Vermögen aufgebaut hat.

Deutschland hat sich seit den 1990er-Jahren in der Mitte aufgespalten. Die Löhne von Akademikern stiegen stark an, gefolgt von denen, die eine Berufsausbildung absolviert haben. Die Bezahlung der Ungelernten sackte dagegen 15 Jahre lang ab. Erst mit der Einführung des Mindestlohns erholten sich die Löhne der Ärmsten wieder. Aber nicht genug, um die Lücke zu den Besserverdienenden zu schließen, die seit 1995 entstanden war.

Akademiker und gut ausgebildete Fachkräfte haben so in den letzten Jahren mehr und mehr Geld angespart. Der oberen Hälfte gehört heute doppelt so viel Vermögen wie zu Beginn der Neunzigerjahre.

Die untere Hälfte verlor immer weiter an Boden. Man mag die Zahlen zuerst kaum glauben, wenn man sie liest: Vor 30 Jahren gehörten den 20 Millionen Haushalten, die zur unteren Hälfte zählen, noch fünf Prozent aller Vermögen in Deutschland. Das war schon sehr wenig. Heute sind es weniger als drei Prozent.

20 Millionen Haushalte in Deutschland besitzen also über den Daumen geschätzt: die Möbel in ihren Mietwohnungen, vielleicht noch ein gebrauchtes Auto, ein paar Hundert Euro auf einem Konto und sonst nicht viel mehr. Etwa fünf Prozent der Deutschen haben mehr Schulden als Dinge, die sie besitzen. 

Ganz unten herrscht Stagnation: Die Aufstiegschancen sind klein, und werden seit einigen Jahren immer kleiner. Das Geld ist so knapp, dass kaum etwas gespart werden kann. Die Aussichten darauf, dass sich daran etwas verändert, sind schlecht: Wer zur unteren Hälfte gehört, dessen Gehälter ziehen im Laufe des Lebens oft nur minimal an. Die Gehaltskurven, die bei den Gebildeten stetig nach oben ziehen, je älter sie werden, sie sind hier oft flach wie eine norddeutsche Landschaft. 

Von 1697 bis 1851 gab es in Großbritannien eine Fenstersteuer: Reiche Menschen hatten mehr Fenster in ihren Villen und Palästen als die Armen in ihren Hütten. Sie zahlten also deutlich mehr. Fenster ließen sich leicht zählen und nur schwer verstecken.

Die Briten begannen trotzdem, sich der Steuer zu entziehen. Einige mauerten ihre Fenster zu. (Wenn man heute durch London geht, sieht man die Folgen immer noch.) Andere versperrten Fenster notdürftig mit Lehm, Kuh-Mist, losen Steinen, die gerade so lange hielten, bis der Steuerinspektor das Dorf verlassen hatte. Ein cleverer Bauherr in Cambridge ließ sich sein Haus so bauen, dass ein einziges Fenster zwei Zimmer erhellte.

Die Armen lebten nun meist in Kammern ohne Licht. Krankheiten breiteten sich aus. Vitamin-D-Mangel führte dazu, dass sich das Wachstum bei Tausenden Kindern verlangsamte.

Die Steuersysteme haben sich seither verändert, aber die Probleme sind bis heute die gleichen: Es ist schwierig, ein Steuersystem zu errichten, das fair ist, und gleichzeitig möglichst frei von ungewollten Nebenwirkungen, wie der, dass Menschen in dunklen Zimmern hausen müssen, weil ihre Vermieter Steuern sparen wollen.

Das Steuersystem ist bis heute das eine große Korrektiv gegen wachsende Ungleichheit in Deutschland. Jedes Jahr schichtet es riesige Summen um; von denen da oben zu denen da unten. Deutschland wäre ohne sein Steuersystem ungleicher als jedes andere westliche Land, mit Ausnahme der USA.

Im Jahr 2024 überwiesen die Wohlhabendsten zehn Prozent der deutschen Bevölkerung mehr als 174 Milliarden Euro an den Staat. Der stockte damit Löhne auf. Er überwies Renten. Er zahlte denen Geld, die keine Arbeit hatten. Er verteilte Wohngeld, Bafög, Elterngeld.

Das Steuersystem korrigiert sehr spät, was in den Kindergärten und Schulen versäumt wurde. Mehr als 11 Millionen Menschen in Deutschland besitzen keinen berufsqualifizierenden Abschluss. Viele von ihnen arbeiten in Minijobs, bezahlt nach Mindestlohn. Und wenn das Geld nicht reicht, dann wird es bei mehr als 800.000 von ihnen mit Bürgergeld aufgestockt.

Die Lohnsteuer ist das pumpende Herz dieser gigantischen Umschichtung. Sie ist für Spitzenverdiener sehr hoch, mit 42 Prozent. Wer in Deutschland fest angestellt ist und ein Gehalt bekommt, der kann sich ihr kaum entziehen, weil die Arbeitgeber sie direkt an den Staat überweisen. Weil sie nahezu unumgänglich ist, führt sie, anders als die britische Fenstersteuer, nicht zu bizarren Verhaltensänderungen. Man muss sie erdulden, wie ein Wanderer, der auf offener Fläche in einen Regen kommt. 

Ihre größte Nebenwirkung ist, dass sie Anreize setzt, weniger zu arbeiten. Das ist im Vergleich dazu, was historisch alles für Unsinn angestellt wurde, nur um Steuern zu vermeiden, ziemlich gut.

Ihr größter Nachteil ist, dass die Reichsten sie kaum bezahlen. Die wohlhabendsten Deutschen beziehen nämlich nur einen winzigen Teil ihrer Einkünfte aus Löhnen. Sie haben andere Einkommensquellen, die sehr viel schwerer zu erfassen und noch schwerer zu besteuern sind: Sie besitzen Firmen. Sie handeln mit Aktien und Immobilien, manchmal mit Kunst und digitalen Währungen. Die Steuern auf all diese Dinge, auf Unternehmensgewinne und Kapitaleinkommen zum Beispiel, sind deutlich niedriger als die auf Löhne. 

Niemand weiß derzeit genau, wie viel Steuern die Reichsten in Deutschland wirklich zahlen. Es gibt allerdings Daten für andere westliche Länder, in denen sich zeigt, dass die Steuersysteme bei den Reichsten aufhören zu funktionieren. In Frankreich scheint der effektive Steuersatz der reichsten Haushalte bei zwei Prozent zu liegen, in den USA bei etwa acht Prozent.

Die Allerreichsten zahlen also oft nur einen Bruchteil der Steuern, die der Rest, bis hoch zu den Wohlhabenden, entrichten muss. Sie bilden eine abgekapselte Welt, die nach eigenen Regeln funktioniert.

Im Jahr 2015 wurden die Kundendaten der britischen Bank HSBC bei einem großen Datenleak veröffentlicht. Ein Jahr später veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung die Panama Papers mit dem Datenleak einer panamaischen Anwaltskanzlei, die den Superreichen bei der Steuervermeidung geholfen hatte.

Durch diese beiden Leaks konnten Wirtschaftswissenschaftler das erste Mal belegen, dass viele Superreiche nicht einfach nur den legalen Rahmen ausschöpften, sondern oft schlicht Steuern hinterzogen.

In Dänemark, Schweden und Norwegen gaben die Behörden einem Team um den Ökonomen Gabriel Zucman Einsicht in die offiziellen Steuerdaten. Zucman glich diese mit den Daten aus den großen Datenleaks ab, um herauszufinden, wie groß das Ausmaß der Steuerhinterziehung unter den reichsten Skandinaviern war. Das Ergebnis war eine astronomische Summe: Etwa 48 Milliarden hatten diese Superreichen in Offshore-Konten geparkt. Im Schnitt hatten sie ein Viertel ihrer Steuern hinterzogen. 

Wie groß das Ausmaß der Steuerhinterziehung in Deutschland ist, ist nicht klar, weil es dort einen derart systematischen Abgleich nie gegeben hat. Es wäre jedenfalls naiv zu glauben, dass ausgerechnet die skandinavischen Reichendynastien die große Ausnahme im Ausmaß ihrer Skrupellosigkeit wären.

Was bekannt ist: Dass deutsche Firmen in großem Umfang – und ganz legal – die Gewinne ihrer Firmen in Steueroasen verlagern, um die deutschen Unternehmenssteuern zu umgehen.

In einer weiteren großen, internationalen Studie errechnete Gabriel Zucman zusammen mit zwei weiteren Ökonomen, dass deutsche Firmen im Jahr 2022 ganz legal mehr als 70 Milliarden Euro in Länder mit niedrigen Steuern verschoben hatten. Die deutschen Einnahmen aus der Unternehmenssteuer waren dadurch um 29 Prozent gefallen. In keinem anderen wohlhabenden Land hatten die Firmen derart aggressiv Steueroptimierung betrieben. 

Im Grunde ist dies das moderne Äquivalent zu jenen Engländern, die ihren Mietern die Fenster zunagelten, um Steuern zu sparen: Ein destruktiver Akt, bei dem jemand nur den eigenen Vorteil im Blick hat. Es sind am Ende schließlich andere, die die Konsequenzen tragen.

Um die 22 Milliarden Euro entgehen dem Staat so jedes Jahr. Es ist nur ein Steuertrick unter vielen, aber schon mit diesem Geld ließe sich die gesamte Finanzierungslücke im Gesundheitssystem stopfen. Man hätte sogar noch einige Milliarden übrig.

Helmut Krämer lebt in einer kleinen Mietwohnung am Rand von Berlin, unweit eines Waldes. Auf einem Tisch am Eingang liegt eine Reclam-Ausgabe von Heinrich von Kleists Michael Kohlhaas, jene Novelle über einen Mann, dem ein Unrecht angetan wird, und der daraufhin alles niederbrennt, was ihm in den Weg kommt.

Krämer benutzt das Büchlein als kleines, sehr kompaktes Portemonnaie. Seine Monatskarte hat er zwischen die Seiten gelegt, genauso wie seine Bankkarte und den »letzten 20 Euro-Schein des Monats«. Es ist der 20. April. Krämer sitzt auf einem alten roten Bürostuhl, einem von zwei Stühlen, die er besitzt.

Während des Gesprächs steht er irgendwann auf und öffnet seinen Kühlschrank, um zu zeigen, wie leer er ist. Darin: ein Glas mit dünner Knochenmarkbrühe, eine Packung Schinken, ein paar Scheiben Bergkäse, ein griechischer Joghurt, ein Becher Sahne, eine Wasserflasche, eine Packung Eier.

Krämer ist 75 Jahre alt. Er hat eine sanfte Stimme, der man immer noch anmerkt, dass einer der vielen Jobs in seinem Leben Sprachtherapeut war. Er artikuliert präzise wie ein Schauspieler.

Krämer hat ein kompliziertes, etwas unstetes Leben geführt. Er hat immer gearbeitet, bis weit übers Rentenalter hinaus, bis er 74 Jahre alt war. Aber er hat dabei nur wenig verdient. Er besitzt keine Immobilie. Er hat 7.412,27 Euro Schulden, weil er irgendwann, als er noch einen Job hatte, einen kleinen Kredit aufgenommen hat, um sich neue Möbel zu kaufen, der durch Zinsen immer weiter angewachsen ist. Seine Rente beträgt 747,38 Euro im Monat.

Weil das nicht ausreicht, kriegt er von der Grundsicherung noch einmal 113 Euro dazu. Sie zahlt ihm seine Krankenkassenbeiträge und seine Heizungskosten. Von der Seniorenhilfe Lichtblick kriegt er als Spende noch zwei Supermarkt-Gutscheine im Wert von 50 Euro. Der Verein hat ihm neulich auch eine neue Lesebrille besorgt und eine Waschmaschine, die er sich sonst nie hätte leisten können.

Er hat jetzt aufgehört, Kaffee zu trinken. Er sagt, dass er ihn nie richtig vertragen habe. Er isst nur noch zweimal am Tag. Er sagt, es mache ihm nichts aus. Wenigstens fühle er sich gesund. Neben sich hat er die Karteikarten in einem akkuraten Stapel, auf denen er seinen Blutdruck notiert: 93 zu 56 heute Morgen. Wenn er sich lebendig fühlen will, dann rennt er rückwärts durch den Wald.

»Ich habe meinen Beruf nie gefunden«, sagt er, wenn er erklären will, wie er an diesem Punkt gelandet ist. Die Aufzählung dessen, was er gemacht hat, ist sehr lang, sie füllt vier handgeschriebene Seiten: Er hat bei einem Lkw-Hersteller Kurbelwellen auf Risse geprüft. Er hat in den Alsterdorfer Anstalten geistig behinderte Menschen betreut. Ein Lehramtsstudium brach er im Jahr 1978 ab, um eine Ausbildung als »Atem-, Sprech- und Stimmlehrer« zu machen. Eine Weile hatte er eine Praxis als Stimmlehrer in Hannover, aber nie genug Kunden.

In den Achtzigern schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch. Er hat für Carsten Maschmeyer Finanzprodukte verkauft, Lexika vertrieben und Versicherungen. Bei Procter & Gamble tütete er Wick-Hustenbonbons ein. Er war sieben Jahre lang Fahrer bei Hermes und 16 Jahre lang Masseur. Ganz am Ende seines Berufslebens, da war er schon fast 70 Jahre alt, betreute er drei Jahre lang autistische Kinder bei der Lebenshilfe und war Alltagshelfer für Senioren.

Die Ungleichheit ist in zwei Lebensphasen in Deutschland besonders groß: ganz am Anfang und ganz am Ende. Dort, wo Menschen von anderen abhängig sind, wird es in Deutschland schnell ziemlich bitter.

Viele der armen Alten in Deutschland haben dabei viel gearbeitet, aber nie genug verdient. Es sind nicht nur die Langzeitarbeitslosen, die dort landen, sondern auch sehr viele Menschen wie Krämer, die jahrzehntelang von Job zu Job gesprungen sind, die dabei aber nie genug Geld verdient haben, um für die Rente zu sparen.

Früher lebten relativ viele arme Alte in ihren eigenen Häusern. Das federte die Altersarmut ab, weil sie dann immerhin keine Miete mehr zahlen mussten. In den letzten Jahren aber hat die obere Mittelschicht massenhaft Immobilien gekauft. Es gibt inzwischen sehr viel mehr Menschen, denen gleich mehrere Häuser und Wohnungen gehören, die sie vermieten. Das Wohneigentum hat sich wieder stärker konzentriert. Das Haus, in dem Helmut Krämer wohnt, gehört zum Beispiel einer Oberstaatsanwältin. Krämer sagt von sich selbst, er sei ein Glückspilz, weil er nur 270 Euro Miete bezahlt. Das finde man in Berlin inzwischen gar nicht mehr.

Dann erzählt er davon, wie nackt er sich vor den Behörden machen müsse. Weil er Grundsicherung bezieht, muss er regelmäßig seine Kontoauszüge beim Jobcenter offenlegen. Wenn sein Bruder, die einzige Person, die ihm hin und wieder hilft, etwas Geld auf sein Konto überweise, dann ziehe das Jobcenter ihm den Betrag sofort wieder von der Grundsicherung ab, selbst wenn es nur 20 Euro seien.

Ganz unten durchleuchtet der Staat die Menschen mit einer an Sadismus grenzenden Gründlichkeit. Ganz oben kann er dagegen noch nicht einmal die groben Dimensionen des Wohlstands abschätzen. Die Schätzungen gehen hier um mehr als eine Billion Euro auseinander.

Man kommt nicht umhin, sich zu fragen, wenn man so dasitzt, in Krämers kleinem, kargem Zimmer: Wieso wird hier so genau hingeschaut, aber ganz oben wird es oft nicht einmal ernsthaft versucht?

In Deutschland hat sich in den letzten Jahrzehnten eine Reichenklasse ausgebildet, deren Vererbungsstrategien jeden Renaissance-Fürsten neidisch machen würden. Von den eintausend größten Familienvermögen in Deutschland hat etwa die Hälfte ihren Ursprung in der Zeit vor 1918, etwa ein Viertel sogar noch vor 1850. Viele Vermögende leben von der Brillanz von Vorfahren, die sie nie gekannt haben.

Der jüngste deutsche Milliardär ist ein 20-jähriger Erbe, der Anteile am Pharma-Konzern Boehringer Ingelheim hält. Der Wohlstand seiner Familie, der über sechs Generationen hinweg aufgebaut wurde, hat seinen Ausgangspunkt bei einem Vorfahren, der im Jahr 1791 geboren wurde.

Nur ein Viertel der deutschen Milliardäre hat ihr Vermögen komplett selbst erschaffen. (In den USA sind dagegen drei Viertel der Milliardäre self-made). Warum tut sich der Staat so schwer damit, die Kette zu unterbrechen, bei der immer größere Vermögen angehäuft und vererbt werden?

Der Ökonom Stefan Bach hat vor dem Telefonat eine Tabelle geschickt. Er hat sie die »Todestabelle« genannt. Der Name stamme noch aus dem Wirtschaftsministerium unter Sigmar Gabriel. Damals habe man sie so genannt, weil sie zuverlässig jede Diskussion um eine Vermögenssteuer begraben habe.

Die Tabelle und das, was Bach daraus ableitet, sind erst einmal ziemlich kompliziert. Irgendwann im Gespräch, als er gerade die Einträge durchgeht, sagt er: »Das versteht ja kein Mensch.« Der Kern dagegen ist relativ einfach.

Wenn man Vermögen besteuert, dann geht es bei den Superreichen ziemlich schnell an die Substanz. Bei ihren Firmen würde die Steuer die Gewinne abschmelzen lassen. Unternehmen, die nur wenig Rendite bringen, würden plötzlich kaum noch etwas abwerfen. (Sehr rentable Unternehmen wären dagegen deutlich weniger betroffen.)

Als Reaktion würden die Reichen anfangen, immer größere Anstrengungen zu unternehmen, um der Steuer auszuweichen. Dadurch würden nach und nach nicht nur die Einnahmen durch die Vermögenssteuer wieder zurückgehen, sondern auch all die anderen Steuern, die sie sonst zahlen, Körperschaftssteuer, Gewerbesteuer, Kapitalertragssteuer.

Irgendwann kommt man dann an einen Punkt wie in Großbritannien, wo alle anfingen, die Fenster in ihren Häusern zuzumauern: Das Verhalten wird destruktiv. Bach erklärt, dass man bei sehr hohen Vermögenssteuern, wie sie zum Beispiel die Linkspartei vorschlägt, irgendwann an einen Punkt kommt, wo die Ausweichmanöver der Reichen so stark werden, dass die Steuer kaum noch zusätzliches Geld einbringt.

Das Argument gegen eine Vermögenssteuer ist also im Grunde: Wenn die Steuer den Reichen wirklich weh tut, dann fangen sie an, die Steuern derart aggressiv zu umgehen, dass es sich nicht mehr lohnt, dem Geld weiter hinterherzurennen. Also lässt man es lieber gleich. Den Armen in Deutschland begegnet der Staat eher selten mit so viel nachsichtiger Passivität.   

Aber Bach hat noch eine andere Tabelle. Sie stammt aus einem anderen wissenschaftlichen Aufsatz. Dort wurde dokumentiert, wie stark die Fluchtbewegungen reicher Menschen bei verschiedenen Formen der Vermögenssteuer tatsächlich waren.

Dabei zeigte sich: Sie waren dort besonders ausgeprägt, wo eine Steuerflucht leicht zu bewerkstelligen war. Wenn Millionäre zum Beispiel nur von einem Schweizer Kanton in einen anderen ziehen mussten, um einer Steuer zu entkommen, dann taten sie es auch. Dort, wo die Steuerflucht schwieriger zu bewerkstelligen war, nahmen die Ausweichbewegungen ab.

Mit anderen Worten: Wenn man es macht, dann muss man es richtig machen, ohne Schlupflöcher, ohne Ausweichmöglichkeiten, ohne Ausnahmen. Anders als die Erbschaftssteuer also. Die zahlen, so sagt Bach, »vor allem die armen Reichen«. All die Ärzte und Anwälte und IT-Berater also, die in ihrem Leben vielleicht einige Millionen Euro angespart haben, und die ihre Immobilien in Hamburg-Eppendorf und München-Bogenhausen an ihre Kinder weitergeben wollen.

Ausgerechnet die reichsten deutschen Familien haben 2016 von der großen Koalition unter Angela Merkel eine riesige Ausnahme geschenkt bekommen. Sie führt heute dazu, dass die Superreichen in Deutschland so gut wie nie Erbschaftssteuer zahlen, wenn sie ihre Anteile an die Milliardenkonzerne des deutschen Mittelstands weiterreichen.

Ungleichheit hat die unangenehme Tendenz, sich zu verselbstständigen. Es sind nicht nur die Reichen, die bei diesem Spiel mitmachen. Die Mittelschicht tut es auch. Jeder sucht den eigenen Vorteil. Man spielt das Spiel in den Schulen, genauso wie in den Büros der Steuerberater. Und je länger man all das laufen lässt, desto stärker verfestigen sich die Hierarchien; wie Sediment, das langsam zu Gestein wird.

Sechs Jahre nach dem Catasto verbannten die Florentiner einen der mächtigsten Männer der Stadt, Cosimo de' Medici, aus der Stadt. Im Jahr 1433 wurde er erst in einen Turm gesperrt und dann ins Exil geschickt.

Aber der Plan misslang. Nach nur einem Jahr hatte Cosimo de' Medici so viele Verbündete in der Stadt gewonnen, dass er zurückkehren durfte. In den Jahren danach wurde er mehr und mehr zum Herrscher der Stadt. Ein Amt hatte er nicht inne. Aber wenn Päpste, Könige oder Fürsten etwas wollten, dann wandten sie sich an ihn. Das offizielle Regierungssystem existierte weiter. Es hatte nur keinen wirklichen Einfluss mehr.

Wenn zu viel Wohlstand bei zu wenigen Menschen liegt, höhlt das eine Gesellschaft irgendwann aus. Sie mag dann auf den ersten Blick noch gerecht wirken. In ihrem Innersten ist sie es längst nicht mehr.

Das sieht dann so aus: Jedes Jahr ermitteln die Behörden gegen mehr als 100.000 Menschen wegen Leistungsbetrug beim Bürgergeld. Oft geht es um kleine Summen: einige Hundert Euro, ein paar Tausend vielleicht, meist nicht mehr. Die Menschen haben den Ämtern dann zum Beispiel verschwiegen, dass ihnen ein Verwandter Geld überwiesen hat, dass sie nebenher schwarz putzen gegangen sind, oder dass ein Partner bei ihnen eingezogen ist, mit dem sie sich die Wohnung teilen.

Die Steuerfahndung ermittelt dagegen nur etwas mehr als 30.000 Fälle von Steuerhinterziehung im Jahr. Wenn diese Fälle dann tatsächlich vor Gericht landen, sind die Strafen bei Steuerhinterziehung oft niedriger als bei Sozialbetrug, selbst wenn es um ähnliche Summen geht.

Der Journalist Ronen Steinke hat zum Beispiel einmal den Fall einer Hartz-IV-Empfängerin aus Osnabrück beschrieben, die dem Jobcenter ein Konto im Ausland verschwiegen hatte. Sie hatte dort ihre Ersparnisse versteckt, die sie sonst hätte aufbrauchen müssen. Der Schaden belief sich auf 84.304 Euro. Sie wurde dafür drei Jahre und zehn Monate in Haft geschickt. Uli Hoeneß, der Steuern im Wert von 28 Millionen Euro hinterzogen hatte, bekam: drei Jahre und sechs Monate.

Nicht nur im Gerichtssaal, auch in der Politik haben die Anliegen der Wohlhabenden mehr Gewicht. Forscher des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung haben sich vor einiger Zeit einmal angeschaut, welche politischen Forderungen die Armen in Deutschland unterstützen und welche die Reichen. Dann schauten sie sich an, welche davon tatsächlich umgesetzt wurden.

Das Ergebnis: Wenn viele der wohlhabendsten zehn Prozent im Land eine Sache wollten, dann stieg die Wahrscheinlichkeit, dass auch wirklich etwas passierte, um fast zwei Drittel. Bei den Armen war es umgekehrt: Je mehr Menschen in der unteren Hälfte der Einkommensverteilung etwas wollten, desto unwahrscheinlicher wurde es, dass Politiker es auch umsetzten.

In einem Gedankenexperiment hat der Philosoph John Rawls einmal vorgeschlagen, man solle sich vorstellen, dass man hinter einem Schleier stehe, der verberge, in welchen Teil der Gesellschaft man hineingeboren werde. Rawls glaubte, dass diese Vorstellung einen dazu zwingt, das Wohl der Armen in den Mittelpunkt zu stellen, weil es sein könnte, dass man einer von ihnen wird.

Das Problem ist nur: Wenn man realen Menschen das Experiment vorlegt, denken sie nicht so. Die Gesellschaft von unten zu denken, ist vielen von uns schlicht zu ungewohnt, zu fremd, zu beschränkend. Es gibt eine Grundtendenz, die Dinge von oben zu betrachten, nicht von unten, selbst bei denjenigen, die gar nicht zu den Reichen oder nur den Wohlhabenden zählen.

Aber wenn man einmal kurz versucht, diesen Impuls zu unterdrücken, und sich wirklich vorstellt, man könnte überall landen, ganz unten oder ganz oben oder irgendwo in der Mitte: Dann kann man kaum wollen, dass Deutschland so bleibt, wie es gerade ist.



Aus: "Deutschland, eine Dynastie" Aus einem Essay von Johannes Böhme (12. Mai 2026)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/2026-05/soziale-ungleichheit-deutschland-erfolg-armut-gerechtigkeit


Textaris(txt*bot)

#1963
Quote[Ulf Poschardt ist nicht mehr Herausgeber der »Welt«-Gruppe:] ... Wir müssen den Einzelnen, auch durch ökonomischen Druck, wieder zu mehr Eigenverantwortung zwingen. ...


Aus: "»Ich sehe mich in der Tradition des Punk«" Interview: Götz Hamann (20. Mai 2026)
Quelle: https://www.zeit.de/feuilleton/2026-05/ulf-poschardt-welt-herausgeber-axel-springer-journalismus

Quote[...] Ulf Oliver Poschardt (* 25. März 1967 in Nürnberg) ist ein deutscher Journalist, Medienmanager, Publizist und Autor. Von 2016 bis 2024 war er Chefredakteur von WeltN24. Seit Januar 2025 ist er Herausgeber von Welt, Politico und Business Insider. ...

... Positionen: Poschardt vertritt eine dezidiert liberale und wirtschaftsliberale politische Haltung, wobei er – auch journalistisch – die Bedeutung individueller Freiheit und Eigenverantwortung und die Ablehnung gegenüber staatlichen Eingriffen in Wirtschaft und Gesellschaft betont.[27] Hierbei zeigt Poschardt auch eine Nähe zu libertären Positionen, insbesondere in wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Fragen, wobei er sich mehrfach positiv über den argentinischen Präsidenten Javier Milei und den US-Unternehmer Elon Musk äußerte. Dessen DOGE-Programm zur radikalen Streichung staatlicher Ausgaben und Regulierungen bescheinigte Poschardt 2025 Vorbildcharakter für Deutschland und die EU. ...



https://de.wikipedia.org/wiki/Ulf_Poschardt (20. Mai 2026)


Textaris(txt*bot)

Quote[...] Eine kleine Gruppe Menschen besitzt große Teile des Finanzvermögens in Deutschland. Diese Entwicklung hat sich verstärkt, getrieben auch von Gewinnen am Aktienmarkt.

Das Finanzvermögen in Deutschland konzentriert sich immer mehr auf eine kleine Gruppe von Menschen. Laut dem Global Wealth Report der Unternehmensberatung Boston Consutling Group (BCG) ist die Zahl der Superreichen in Deutschland im Jahr 2025 im Vergleich zum Vorjahr um rund 1.100 auf etwa 5.000 gestiegen. Gemeint sind damit Personen, die mehr als 100 Millionen Dollar (rund 86 Millionen Euro) besitzen. Ihnen gehören knapp 3,4 Billionen Dollar, was mehr als einem Viertel (27,3 Prozent) des gesamten Finanzvermögens von 12,4 Billionen Dollar entspricht.

Laut BCG profitierten Superreiche im vergangenen Jahr vor allem von Gewinnen an den Aktienmärkten. Bis 2030 werde ihr Anteil am deutschen Finanzvermögen auf 29 Prozent steigen, prognostiziert die Unternehmensberatung. »Die Konzentration des Vermögens an der Spitze nimmt weiter zu – wer mehr hat, kann breiter streuen und in renditestärkere Anlageklassen wie Aktien oder Private Equity investieren«, sagte Michael Kahlich, BCG-Partner in Zürich und Co-Autor der Studie.

Den Superreichen gegenüber stehen rund 66 Millionen Menschen in Deutschland mit einem Finanzvermögen von unter 250.000 Dollar. Dieser großen Mehrheit gehört ein Drittel (35,9 Prozent) des Finanzvermögens. Dazwischen: rund 3,2 Millionen Menschen mit einem Vermögen zwischen einer Viertelmillion und einer Million Dollar, auf die 11,3 Prozent entfällt. Zudem halten mehr als 700.000 Multimillionäre zusammen mit den rund 5.000 Superreichen über die Hälfte (52,8 Prozent) des Finanzvermögens.

Das Nettovermögen der Deutschen stieg 2025 laut der Studie um rund 15 Prozent auf 23,3 Billionen Dollar. Dabei legten die Finanzvermögen dank starker Börsen um fast 18 Prozent zu. Sachwerte – vor allem Immobilien – wuchsen auf 13,4 Billionen Dollar und machten mehr als die Hälfte der Vermögen aus. Die Schulden stiegen leicht auf 2,5 Billionen Dollar.

»Die Deutschen bleiben vorsichtige Anleger. Einlagen und Bargeld dominieren weiterhin die Vermögensstruktur privater Haushalte. Gleichzeitig sehen wir, dass ETFs, Aktien und kapitalmarktorientierte Anlagen stetig an Bedeutung gewinnen«, sagt Kahlich. Die schwächelnde Wirtschaft, die alternde Bevölkerung und die relativ schwache Aktienkultur dämpften aber den Vermögensaufbau.

Weltweit legten die Nettovermögen laut BCG kräftig zu, um gut 9 Prozent auf 550 Billionen Dollar. Dabei stiegen besonders die Finanzvermögen im vergangenen Jahr um fast 11 Prozent – das stärkste Plus seit 2021. Im globalen Vergleich liegen die USA mit 147 Billionen Dollar Finanzvermögen unangefochten vorn. Es folgen China (41,5 Billionen), Japan (15,6) und Deutschland (12,4).

BCG analysiert jährlich die weltweite Entwicklung privater Vermögen. Die Studie umfasst 97 Märkte, auf die 98 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung entfallen, und berücksichtigt Daten von mehr als 100 Banken und Vermögensverwaltern. Zum Finanzvermögen zählen Bargeld, Kontoguthaben, Aktien, Anleihen, Lebensversicherungen, Fonds und Pensionen. Zudem werden Sachwerte wie Immobilien und Edelmetalle sowie Verbindlichkeiten betrachtet.



Aus: "Zahl der Superreichen in Deutschland ist stark gestiegen" (27. Mai 2026)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/geldanlage/2026-05/vermoegensungleichheit-mehr-superreiche-deutschland-2025-gxe

QuoteTreverer04

Und das haben die ganz allein aufgrund der eigenen Fähigkeiten geschafft. Was im übrigen beweist, es kann jeder schaffen...


QuoteVideo2000 System

Die Zahl der Superarmen ist auch seit 2005 sehr stark gestiegen, ob es da wohl einen Zusammenhang gibt ?


QuoteLatrino Royale

Natürlich. Die sind alle faul und arbeitsscheu ...


QuoteJoe Shmoe

... Superreiche mit ihrer Medienmacht machen es zusehends unmöglich Wahlen gegen ihre Interessen zum Wohle der Mehrheit zu gewinnen. Das wird früher oder später zur Katastrophe führen. Historisch betrachtet nichts Neues.


Quotealliance1979

Wie? Ich dachte die fliehen alles aus Deutschland? ...


Quoteersiees nu wieder

Leistungsloses Einkommen.
Kann man deshalb nicht versteuern.


QuoteUSche

Alles 1872 schon mal versteuert.


Quoteersiees nu wieder
Antwort auf @USche

Damals war der Adel steuerbefreit.


QuoteUSche
Antwort auf @ersiees nu wieder

Nein, 1872 nicht mehr. Gerade in Preußen haben die ostelbischen Junker allerdings dafür gesorgt daß Grundbesitz ähnlich moderat besteuert wurde, wie heute große Erbschaften 😉


QuoteSchievel2
Antwort auf @USche

Kann man nichts machen, wäre unfair darauf nochmal Steuern zu verlangen


Quoteersiees nu wieder
Antwort auf @Schievel2

Wo man es doch mühsam den Leibeigenen weggenommen hat.


QuoteCarpeDiem0987654321

... man könnte schon längst eine Finanztransaktionsseteuer einführen bzw. hohe Divendenerträge anders besteuern. Das ist seltsamerweise kein Thema bei irgendeiner Partei. Hier könnte der Staat am Zinseszins mitverdienen und würde niemanden wirklich schaden.


Quoteunendliche weiten

Superreiche haben immer die besseren Steuerberater und Anwälte, immer. Siehe cumex etc. pp. ...


QuoteJosef92

Wenn die Zahl der Reichen steigt, dann konzentriert sich doch nicht mehr Vermögen auf weniger sondern auf mehr Menschen.


QuoteAloaheeeei

Alternative Mathematik.


QuoteErLe75

Die Epidemiologen Kate Pickett und Richard Wilkinson haben in ihren Büchern "Gleichheit ist Glück" und "The Inner Level" ihre Recherchen veröffentlicht. Die Autoren analysierten die Daten von 23 der fünfzig reichsten Länder: Zahlreiche Probleme stehen in direktem Zusammenhang mit dem Grad der Ungleichheit. Diese Phänomene sind desto gravierender, je höher der Grad der Ungleichheit:

Geringere Lebenserwartung

Gleichberechtigung von Frauen

Mathematik- und Lesefähigkeiten der Schulkinder

Mobbing

Scheidungsrate

Anzahl von Teenager-Schwangerschaften

Gewalttaten

Kindesmisshandlungen

Mord

Amokläufen

Anzahl der Gefängnisinsassen

Drogenkonsum

Alkoholmissbrauch

Spiel- und Kaufsucht

fehlende Solidarität

fehlende gesellschaftliche Teilnahme

fehlendes soziales Kapital

Misstrauen der Menschen untereinander

fehlende Verträglichkeit

fehlende Hilfsbereitschaft

Quelle:

https://www.telepolis.de/article/Rekord-Reichtum-Rekord-Ungleichheit-Das-gefaehrliche-Schweigen-11247323.html

Und wir lassen uns davon ablenken, indem wir uns über Kleinigkeiten streiten wie zum Beispiel Zuckerabgabe, Beamtentum, Steuergestaltung, Migranten und Grundsicherungsempfänger.

Es läuft!!


Quotethink-different

zitat: «Diese Phänomene sind desto gravierender, je höher der Grad der Ungleichheit»

demzufolge müssen die gesamten skandinavischen staaten praktisch komplette failed states sein, ist dort doch die ungleichheit der vermögen nochmal deutlich höher als hierzulande [1]
Im Vergleich zu anderen Industrienationen ist die Ungleichheit der Nettoeinkommen in Deutschland unterdurchschnittlich ausgeprägt. Die privaten Vermögen sind dagegen ungleicher verteilt als im Länderdurchschnitt. Damit sieht es in Deutschland ähnlich aus wie in anderen europäischen Staaten mit hohem Wohlstand, umfassender sozialer Sicherung und geringer Einkommensungleichheit. ... Betrachtet man dagegen nur die Markteinkommen der unter 60-Jährigen, ist die Ungleichheit in den USA wieder deutlich größer. ...
"Gini-Koeffizient: Deutschland in guter Gesellschaft" Einkommen und Vermögen (11.05.2018)

[1] https://www.iwd.de/artikel/gini-koeffizient-deutschland-in-guter-gesellschaft-387788/

[Über den iwd: Der Informationsdienst iwd ist das publizistische Sprachrohr des Instituts der deutschen Wirtschaft, das von Wirtschaftsverbänden und Unternehmen finanziert wird. https://www.iwd.de/ueber-den-iwd/]


QuoteAloaheeeei

Währenddessen stehen Kürzungen beim Elterngeld und Bafög an. Karenztage ohne Lohnfortzahlung für kranke Arbeitnehmer stehen im Raum, während das Wirtschaftsministerium Tweets der INSM teilt.


QuoteAmtlicher Anzeiger

Superreiche sind eine gefährdete Spezies und dabei so wichtig für unsere Wirtschaft. Man müsste sie zum Weltkulturerbe erklären. Oder Spenden für sie sammeln.


QuoteToidy

Schwer nachvollziehbar wenn gleichzeitig:

Pflegekassen leer
GKV unterfinanziert
Unzureichende finanzielle Mittel für Sanierung von öffentlicher Infrastruktur, Bahn, Energietransformation

Aber hey was soll's, nicht unser Problem. CDU hat das auch erkannt und tut: nichts.


QuoteTrustMe

ja, würde man diese Einkünfte genauso in die Sozialversicherungen integrieren wie die Einkünfte eines Arbeites, dürften die Kassen besser dastehen...


QuoteAntiHeld.a.D.

... Was ist denn dieses "Vermögen" Ihrer Meinung nach? Ist es Land, das bewirtschaftet oder verpachtet wird und die Einnahmen daraus besteuert werden? Sind es Firmen, die einen Gewinn erwirtschaften, der besteuert wird und Arbeitsplätze schaffen? Sind es Aktien, die es Firmen ermöglichen zu investieren und zu wachsen und im Gegenzug erhält man Dividenden oder Gewinne aus Veräußerung, die beide besteuert werden?

Ich bin bei Ihnen, dass die Möglichkeiten Steuern zu vermeiden eingeschränkt werden sollten. Aber das Bild, dass Vermögen einfach nur rumliegt, sich vermehrt und die Besitzenden in Schampus baden lässt teile ich nicht ganz.


QuoteVincentVanderbilt

100 Millionen USD sind jetzt auch nicht so viel, das verdient Jane Fraser inkl. Aktienpaket in 2,5 Jahren. Und jeder kann sich am KI-Aktien-Boom beteiligen, indem er etwa auf den Chip-,,Rohstoff" setzt und einen Halbleiter-ETF kauft mit 260% Rendite in 3 Jahren oder den Rechenzentrums-Kühlspezialisten Comfort Systems mit 2.200% in 5 Jahren.


QuoteSuessi22

Ich werde ihren Tipp der Putzfrau und dem Hausmeister schicken. Einfach genial und sooo einfach diese Welt...


QuoteVincentVanderbilt
Antwort auf @Suessi22

Ja, kennen Sie die Story des berühmten Aktien-Hausmeisters Ronald Read? Er war Hausmeister, lebte von 1921 bis 2014 äußerst sparsam, trug zerschlissene Flanellhemden, las regelmäßig in der Bibliothek das Wall Street Journal und investierte eisern und stoisch über 50 Jahre lang in Value-Dividenden-Werte, wie JM Smucker, CVS Health, Johnson, Procter, JPMorgan, GE, und hatte am Ende seines Lebens ein Vermögen von 8 Millionen USD.

https://en.wikipedia.org/wiki/Ronald_Read_(philanthropist)


QuoteB.statter
Antwort auf @VincentVanderbilt

Und ist jetzt der reichste Mann auf dem Friedhof?


QuoteMarcel.bln

Da kommt sicher gleich die deutsche Neidkultur durch. Im Umverteilungsland Nr. 1 wird Leistung und Erfolg negativ konotiert. Besitz und Vermögen eher geneidet denn gegönnt.

Die reichen Manager. Die reichen CEOs. Und was man da so für Zeug lesen muss. Man liest eher selten, was muss ich machen um das auch zu erreichen.

Leistung lohnt sich im Deutschland nicht mehr. Wird auch nicht wertgeschätzt. Man lehnt sich lieber in seinem linken Duktus zurück und proklamiert dass man diesen Leuten ja noch mehr wegnehmen könnte. Anstatt sich Gedanken zu machen, wie man zB durch Bildung Leute dazu befähigt risikoaffiner zu sein und auch am Aktienmarkt zu investieren oder sich Gedanken über verschiedene Wege des Eigentumerwerbs zu machen. Es gibt zig Möglichkeiten.

Aber in Deutschland wird lieber immer mit dem Finger auf andere gezeigt, genörgelt und gemeckert. Die Umverteilung soll's dann schon richten. Sieht man ja, wo es das Land in den letzt Jahren hingeführt hat.


QuoteAloaheeeei

Meckerst du denn nicht gerade selbst über eine angeblich deutsche Mentalität des Neides herum und zeigst mit dem Finger auf Andere?


Quotecs_vb

Wohl einer der Superreichen? ;-)


Quotefmraaynk

Au fein, wir werden alle CEO in der Firma, bei VW und BASF. Das funktioniert bestimmt super. So ein Unsinn den sie schreiben habe ich schon lange nicht mehr gelesen.


QuoteDer Niederbayer
Antwort auf @Echos aus der Echokammer

    Aber die leisten nichts oder wenig - deren Geld und leistet es.

Genau, das weiss doch jeder. Man legt das Geld in den Schrank und schon wird es regelmaessig mehr und die Inflation laesst es in Ruhe.

Oder ist es doch so, dass man sich mit der Materie beschaeftigen muss um gute Investitionsentscheidungen zu treffen?

Das mag in Ihren Augen nicht viel Arbeit sein, aber manche erschaffen mir 5 Minuten Denken mehr Wert als andere mit 40 Stunden koerperlicher Arbeit.


QuoteAloaheeeei
Antwort auf @Der Niederbayer

Nein: Man gibt das Geld dem Family Office und das legt das dann dementsprechend an.


Quoteweber-hans-friedrich

Wundert Sie diese negative Konnotation in Anbetracht dieser Meldung wirklich? Kaum jemand der obersten 5 % ist durch eigene Leistung dort hingelangt. Und dann stellt sich die Reiche hin und propagiert Arbeitgeberinteressen der INSM ganz laut? Und Sie wundern sich, dass das außer bei AfD-Anhängern ... auf Ablehnung stößt?


QuoteHerber H. Hebert

Ich habe eine tolle Frau und das macht mich zu reichsten Mann der ganzen Welt.


QuoteEs ist so wie es ist

Ungerecht! Sie sollten unbedingt teilen.


QuoteHerber H. Hebert
Antwort auf @Es ist so wie es ist

Vorher schaff ich meine Frau ins Ausland. :-)


Quotef.grassl@web.de

Es ist eine großangelegte Enteignung der breiten Bevölkerung zur Wiederherstellung eines Feudalsystems.


Quoteadolfo.bw

Das Feudalsystem funktioniert, es braucht nicht erst wieder hergestellt werden, oder glauben Sie dass Karl-Theodor G. für sein Vermögen arbeiten müsste.


QuoteFreeguy9

Nur in Deutschland wird Erfolg wieder Negativ bewertet von den Neidern.


QuoteAbgasanalyse

Da ist sie wieder da, die ewige Neiddebatte und Gleichmacherei. Willkommen im Sozialismus 2.0.


QuoteHarald_A

In Zeiten des allgemeinen Niedergangs gibt es eine kleine Gruppe die, anders als alle anderen, immer besser dasteht.
Dann diskutiert man darüber was falsch ist am System. Das ist vollkommen normal.
Das ist keine Debatte über Neid. ...


QuoteThorbjoern75

Ich empfinde keinen Neid, nur Wut.


QuoteTrockennasenprimat

Der Begriff Neiddebatte unterstellt einen Charakterfehler, den Neid, als Motivation einer Gerechtigkeitsdebatte. Es ist ein neoliberaler Kampfbegriff, der in einer seriösen Auseinandersetzung nichts verloren hat und ein eher ungünstiges Licht auf seine Verwender wirft.


Quoteweber-hans-friedrich

Da ist sie wieder, die bornierte Verkennung der Fakten. Wer unter diesen Vorgaben Neiddebatte und Gleichmacherei erkennt, muss total verpolt und indoktriniert sein. Oder einer der Nutznießer des Systems, was ich allerdings hier nicht glaube.


QuoteR36

Immer mehr Leistungsträger in Deutschland... ist doch alles super!
Endlich lohnt sich Leistung wieder... alles wird gut.


Quotedie Zukunft

Eine gute Neuigkeit. Wie sagt man auf Englisch: A rising tide lifts all boats!


QuoteFrosch im Hals

Abgesehen davon, dass die Wirtschaft nicht ansatzweise so schnell wächst wie die Vermögen ganz oben. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass Andere trotz Wirtschaftswachstum leer ausgehen oder sogar beraubt werden. WIR sind diejenigen, die arbeiten gehen. Solange wir nicht willens sind, uns UNSEREN Wohlstand von oben zurück zu holen, werden wir ausbluten.


Quotedie Zukunft
Antwort auf @Frosch im Hals

https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Verdienste/Realloehne-Nettoverdienste/_inhalt.html

Aber die Nettolöhne sind doch gestiegen?
Es geht also jeder Schicht besser.


QuoteDundoril
Antwort auf @die Zukunft

Entfernt. Bitte formulieren Sie Kritik sachlich und differenziert. Danke, die Redaktion/ed


Quotedie Zukunft
Antwort auf @Dundoril

Entfernt. Im Interesse aller wünschen wir uns konstruktive und sachliche Diskussionen. Bitte tragen Sie ausschließlich mit konstruktiven und inhaltlich passenden Kommentaren dazu bei. Danke, die Redaktion/ed


QuoteEmily_Eisblume

Interessant. Die Nachricht scheint Deutschlands Systemfehler zu benennen

Extreme Vermögenskonzentration gefährdet den sozialen Zusammenhalt / Demokratie.Die Bevölkerung stellt Ungerechtigkeiten fest. Folge: das Vertrauen in staatliche Institutionen schwindet. Politische Teilhabe und Einfluss hängt zunehmend vom Geldbeutel ab.Folge: gesellschaftliche Polarisierung (AFD) / Spaltung und politische Instabilität. Durch:

1. Politischer Einfluss durch professionelle Lobbyarbeit. Vermögende /Konzerne finanzieren Wahlkämpfe, Parteispenden. Gesetze werden oft im Interesse der Vermögenden zu Lasten der Interessen der gesamten Gesellschaft gestaltet. --> aktuelle Diskussionen.

2. Einfluss über Meinungsmacht und Medien: wie aktuell die Kampagne der INSM mit freundlicher Unterstützung von Frau Reiche verdeutlicht

"Reiche-Ministerium verbreitet Kampagne von Arbeitgeberlobby"
Das Haus von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche hat ein Video geteilt, das von der Lobbygruppe INSM produziert wurde. Die Arbeitgeberorganisation verspottete in der Vergangenheit Politiker von SPD und Grünen.
Von Markus Becker und Sophie Garbe (26.05.2026)
https://www.spiegel.de/politik/deutschland/katherina-reiche-ministerium-verbreitet-kampagne-von-arbeitgeberlobby-a-88c5450d-2c8a-4ce4-8676-1b95e220fff1

3. Chancenungleichheit bezüglich Bildung und sozialer Aufstieg. Die Nicht-Förderung der breiten Gesellschaft führt btw zu einem Verlust intelligenter Ressourcen,was ein Wettbewerbsnachteil ist.

https://www.lmu.de/de/newsroom/newsuebersicht/news/vermoegensverteilung-die-schiefe-ebene-2a055d8d.html

4. . Wirtschaftliche Marktmacht: Bildung Monopole und Oligipole.Folge : Preise werden diktiert, Löhne u. Rechte gedrückt, Innovationen von Konkurrenten verhindert. Massiver Eingriff in Wettbewerb u. freie Marktwirtschaft. -> Oligarchie.


Quoteweber-hans-friedrich

Danke, für diesen umfassenden und in jeglicher Hinsicht korrekten Bericht. Allerdings werden viele das ignorieren. Momentan so um die 27%.


QuoteDackelGer

"Zahl der Superreichen in Deutschland ist stark gestiegen"
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QuoteRadikaler Demokrat

Deutschland ist eine der erfolgreichsten Volkswirtschaften und auch eines der reichsten Länder der Welt. Dazu kommt eine sehr hohe Prodoktivität (auch wenn der Möchtegernkanzler und seine Schergen gerne anderes behaupten).
Wir müssten also eigentlich kein Probleme mit Armut, Abstiegsängsten, mangelhafter Infrastruktur, fehlendem Geld für soziale Dinge, Geld für die notwendigen Transformationen usw. haben. Dass wir die haben beruht auf der Tatsache, dass wir ein massives Problem bei der Verteilung von Reichtum haben. Das über jahrzehnte anhaltende Wachstum ist eben nicht bei der breiten Masse angekommen, sondern bei einer kleinen Gruppe von Überreichen und C-Managern mit absurden Gehältern die in keinerlei Bezug zu deren Arbeit oder gar Verantwortung stehen (zumal wir im Kern keine Managerhaftung oder ein entsprechendes Strafrecht bei groben Verfehlungen haben; dafür bekommen die meisten ja eher noch einen goldenen Handschlag).
Und das ganze wird über deren Lobbybuddies seit Jahrzehnten mit den immer gleichen Märchen verkauft: trickle down effect, solange es der Wirtschaft gut geht, geht es allen gut, die Unternehmen kommen ja ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft nach, Traditionsunternehmen und Branchen müssen mit allen Mitteln geschützt werden, usw. Alles zig mal wissenschaftlich widerlegt, aber trotzdem fällt ein Großteil der Wähler drauf rein - weil war ja schon immer so.


QuoteKritischsein

... Genau. Alle enteignen und den Sozialismus einführen.
Das ist die Lösung. / I


QuoteGuerkan04

Spannend. Umso besser es den Aktienmärkten geht, umso mehr Reiche gibt es. Unternehmen fahren Rekordgewinne ein, Reiche werden Reiche, und mehr. Während die Börse uns vorgaukelt, dass es der Wirtschaft blendend geht, bangt "Otto-Normal" um seinen Job, Stellen werden abgebaut, Energiepreise und Inflation fressen den Lohn auf. Und wenn eine "Reichensteuer" gefordert und diskutiert wird, dann sind es die, die ja die Arbeitsplätze schaffen und dafür sorgen, dass ich meine Rechnungen zahlen kann. Ich bin kein Wirtschaftweiser, aber irgendwas stimmt hier doch nicht?!


Quotealaoex

Genau dafür wurden CDU/CSU gewählt. Wie bestellt, so geliefert.


QuoteNorwinHeinrich

Die Reichen werden immer Reicher, weil der Staat sie niedriger besteuert, als Normalverdiener. ... Eher wird man [ ] Handwerker stärker mit Steuern und Abgaben belasten, als das Steuerprivileg niedriger Kapitalertragsteuer an die Einkommenssteuer anzupassen, geschweige denn eine Vermögenssteuer einzuführen. ... Der Klassismus steckt in Fleisch und Blut: Oben UND unten.


QuoteEchos aus der Echokammer

Und wir diskutieren Kürzungen für die Mittelschicht.


QuoteDer Niederbayer

Wenn die Mittelschicht sich auch am Aktienmarkt beteiligt und damit Geld verdient, wird kein Mensch auf die Idee kommen daran was zu kuerzen. Aber es ist ein erheblicher Unterschied ob ich auf Geld vom Staat schiele oder mich selbst darum kuemmere mehr zu haben.


QuoteSchnipli

Aaaahja, unsere Leistungsträger! Die werden im Krisenfall den Laden auf jeden Fall am Laufen halten. Die haben das Verdient. Wir sollten sie ehren und Steuern für sie senken.


QuoteDubio83

Aus Geschichte könnte man lernen. In fast jeder Gesellschaft läuft es auf den Exzess hinaus. Frage ist nur, ob es auf eine stabile Dystopie hinausläuft oder am Ende halt wieder die Mistgabeln das System zerstören, nur, um es mit guten Vorsätzen wieder neu aufzubauen und zum selben - möglichen - Kipppunkt zu bringen. Reine Biologie. Auch Heuschrecken fressen soviel sie können und wenn dann halt der Kipppunkt erreicht ist, verhungern viele, weniger Nachkommen... Und irgendwann geht das Übermaß wieder von vorne los. Ich würde jedenfalls von einer Heuschrecke, einem Hecht oder oder einer Kakerlake auch nicht erwarten, dass jene nicht zu vorderst an sich selbst denken - und an die Gegenwart. Der Hund und das gefüllte Napf. Frisst alles, bis zum kotzen. Gemäßigt hätte er mehr und länger vom Futter. Aber Maß nehmen, das liegt nicht in Mutter Natur. Und der Mensch bleibt halt ein Tier. Größter Fortschritt: Wer kann, hat sich schon seinen Bunker auf Neuseeland bauen lassen. So weit reichen die Mistgabeln nicht.


QuoteX-tra

Interessant, der "Exzess" der deutschen Gesellschaft ist wohl an mir vorbeigegangen,


Quotenbele
Antwort auf @X-tra

Na denn, guten Morgen.


QuoteB.statter

Eine kleine Gruppe Menschen besitzt große Teile des Finanzvermögens in Deutschland.
Immer diese Neiddebatten.


QuoteUSche

Neid auf die Lifestyle-Abgreifer und Sozialhilfemigranten, die morgens nicht 5:30 aufstehen.


QuoteSchievel2

Bei dem Wetter erstmal schön den Grill anmachen.


QuoteMilovanSmaaken

Um die Reichen zu essen? :)


QuoteSchievel2
Antwort auf @MilovanSmaaken

Das haben Sie jetzt gesagt.


QuoteSofahocker

Nur ein halbes Prozent Vermögenssteuer würde den Staat sanieren. Aber dafür müsste der Gesetzgeber erst mal dafür sorgen, dass die "Superreichen" ihr Vermögen offenlegen, was auch ohne Besteuerung längst passieren sollte.


QuoteZahnloser_Tiger

Man könnte auch mal lernfähig sein, die Grundsteuer macht es vor:
Vermögen zu bewerten ist extrem aufwändig, d.h. es gäbe ein Monster an Bürokratie - und dann muss man das Geld erst einmal haben, was nutzt es, wenn wertmäßig ein Milliardenvermögen vorhanden ist, wenn dieses in Grundstücken und Gebäuden investiert ist, ein Verkauf ist aber, gerade in zusammenhängenden Betrieben, oft schwer bis unmöglich. Und bei anderen Wertgegenständen gibt es meist nur sehr enge Märkte, sowohl für Oldtimer als auch für Luxusjachten, Riesenvillen, ... gibt es eben wenig Nachfrage, ein höheres Angebot würde den ach so hohen Wert als Luftnummer entlarven.

Hilfreicher wäre übrigens die Abschaffung der Abgeltungsteuer bzw. ein Ansatz derselben auf Spitzensteuerniveau - wer weniger Steuer zahlen muss, versteuert dann den individuellen Steuersatz und bekommt die überzahlten Beträge zurück; da ergäben sich, übrigens mit extrem wenig Aufwand, richtig hohe Einnahmen.


Quotesahnehering
Antwort auf @Zahnloser_Tiger

"Ich kann keine Steuern zahlen, denn mein Milliardenvermögen steckt in Grundstücken und Gebäuden und Jachten und Oldtimern!"


QuoteLu-S

Wie schön, daß sich Leistung in Deutschland endlich wieder lohnt, selbst wenn sie sich darauf beschränkt, die Entwicklung des Depots zu beobachten! ...


...

Textaris(txt*bot)

#1965
Quote[...] Trotz Inflation sind die Reallöhne in Deutschland im ersten Quartal gestiegen. Wie das Statistische Bundesamt mitteilte, lagen die Bruttomonatslöhne zwischen Januar und März im Durchschnitt 4,1 Prozent höher als im Vorjahreszeitraum. Da die Verbraucherpreise im selben Zeitraum nur um 2,2 Prozent stiegen, ergab sich ein Reallohnplus von 1,8 Prozent.

Besonders kräftig stiegen die Nominallöhne im Bergbau und in der Gewinnung von Steinen und Erden mit 6,9 Prozent sowie bei Finanz- und Versicherungsdienstleistungen mit 6,5 Prozent und in der Energieversorgung mit 5,9 Prozent. Vergleichsweise geringe Zuwächse gab es dagegen in Erziehung und Unterricht mit 3,5 Prozent, im Baugewerbe mit 2,9 Prozent sowie in der öffentlichen Verwaltung, Verteidigung und Sozialversicherung mit 0,1 Prozent.

Durch die Erhöhung des Stundenmindestlohns auf 13,90 Euro zum Jahresbeginn legten die Verdienste bei Beschäftigten mit niedrigen Einkommen überdurchschnittlich zu. Das unterste Fünftel der Vollzeitbeschäftigten verzeichnete einen Anstieg von 7,0 Prozent. Insgesamt stiegen die Verdienste von Vollzeitkräften um 4,3 Prozent. Beim obersten Einkommensfünftel fiel das Plus mit 3,5 Prozent geringer aus.

Die Löhne bei Auszubildenden legten um 6,8 Prozent zu – hauptsächlich wegen der Erhöhung der Mindestausbildungsvergütung auf 724 Euro im Januar. Durch die Anhebung der Verdienstgrenze für Minijobs auf 603 Euro verdienten geringfügig Beschäftigte 4,4 Prozent mehr.

Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung warnt jedoch vor einer baldigen Wende bei der Reallohnentwicklung. »Falls die Inflation im Zuge des Irankriegs das Lohnwachstum überholt, sinkt die Kaufkraft der Beschäftigten ⁠wieder«, sagte der Referatsleiter für Tarif- und Einkommensanalysen beim WSI, Malte Lübker.

Hohe Kraftstoffpreise als Folge des seit Ende Februar währenden Irankriegs haben die Inflation im ‌April auf 2,9 Prozent ‌getrieben – den höchsten Stand seit Anfang 2024. Ein Impuls beim privaten Konsum wäre ein wichtiger Beitrag dazu, dass die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr nicht stagniert. »Voraussetzung dafür ist wiederum eine positive Kaufkraftentwicklung«, sagte Lübker.


Aus: "Reallöhne in Deutschland sind im ersten Quartal gestiegen" (28. Mai 2026)
Quelle: https://www.zeit.de/arbeit/2026-05/realloehne-deutschland-bruttoloehne-inflation-gxe


Textaris(txt*bot)

Quote[...] Der Mieterbund sieht bei rund jedem dritten Miethaushalt eine Überlastung durch den Anteil der Miete am Nettoeinkommen. Eine Studie des Instituts Wohnen und Umwelt (IWU) im Auftrag des Deutschen Mieterbunds ergab, dass rund 3,2 Millionen Mieterhaushalte mehr als 40 Prozent ihres Nettoeinkommens und weitere 3,4 Millionen Mieterhaushalte 30 bis 40 Prozent ihres Nettoeinkommens für Kaltmiete und Heizkosten ausgeben.

Damit ist aus Sicht von IWU und Mieterbund jeder dritte Mieterhaushalt – rund 6,6 Millionen von den fast 20 Millionen Mieterhaushalten in Deutschland – überlastet.

Haushalte, die zum unteren Einkommensdrittel zählen, seien mit ihren Wohnkosten am »finanziellen Limit«. Dazu gehören laut der Studie 42 Prozent oder 8,3 Millionen der Mieterhaushalte in Deutschland. Sie haben ein Haushaltsnettoeinkommen von im Schnitt 1.417 Euro pro Monat. Besonders betroffen seien die untersten zehn Prozent der Einkommensverteilung. Sie hätten eine durchschnittliche Wohnkostenbelastung von 60 Prozent.

Der Anstieg der Mieten treibt die Wohnkostenbelastung vieler Haushalte laut Mieterbund nach oben. Dies betreffe besonders Menschen, die kürzlich umgezogen sind. Mieten in seit 2020 gültigen Verträgen seien im Schnitt gut ein Fünftel höher und Mieterhaushalte hätten mit 33 Prozent eine deutlich höhere Wohnkostenbelastung als Haushalte, die vor 2020 eingezogen sind.

Besonders betroffen seien Großstädte. In Berlin lägen die Mieten von Haushalten, die nach 2020 eingezogen sind, durchschnittlich 29 Prozent über dem Schnitt aller Mietverträge. In München seien es 26 und in Frankfurt 25 Prozent. Die Wohnkostenbelastung in Metropolen liege bei über 30 Prozent und bei neuen Mietverträgen über 35 Prozent, sagt der Mieterbund.

Die Präsidentin des Deutschen Mieterbunds, Melanie Weber-Moritz, sprach von alarmierenden Zahlen. Sie sagte: »Die Bundesregierung muss jetzt Mieterinnen und Mieter vor weiteren Belastungen schützen.«

Als Gegenmaßnahme fordert Weber-Moritz, die Spirale immer stärker steigender Mieten zu stoppen. Dazu müsse die Bundesregierung die geplante strengere Ahndung von Mietwucher durchsetzen, die Mietpreisbremse verschärfen und Verstöße mit empfindlichen Bußgeldern ahnden, damit Mieterinnen und Mieter vor illegaler Mietüberhöhung geschützt seien. Die Mietpreisbremse müsse entfristet werden und bundesweit wirken.

Auch der Bestand an Sozialwohnungen soll laut Mieterbund bis 2030 von zuletzt 1,1 Millionen auf mindestens zwei Millionen Wohnungen steigen. Es müsse mehr öffentlich geförderte Wohnungen geben, um im Markt »ein dauerhaft preisgebundenes und bezahlbares Segment zu etablieren«.

Die Überlastungsgrenze durch Wohnkosten ist in Deutschland nicht einheitlich festgelegt. Während das IWU und der Mieterbund bei Ausgaben von mehr als 30 Prozent eines Nettoeinkommens für Wohnkosten als Überlastung definieren, setzt das Statistische Bundesamt die Grenze höher an. Es bezeichnet Haushalte erst als überbelastet, wenn sie mehr als 40 Prozent ihres Einkommens für Wohnen aufwenden. Die Statistiker ermittelten für das Jahr 2025 daher auch einen geringeren Anteil von 11,2 Prozent, die von einer Überlastung durch Wohnkosten betroffen waren.

Die IWU-Studie beruht auf Daten aus dem letzten vorliegenden Mikrozensus von 2022 zu Einkommen und Mieten. Die Erhebung umfasst ein Prozent der Haushalte in Deutschland (circa 370.000) und ist repräsentativ für die Bevölkerung. Die Daten wurden mit der Verbraucherpreisstatistik und der Lohn- und Einkommensstatistik des Statistischen Bundesamts auf dem letzten verfügbaren Stand von 2024 fortgeschrieben.


Aus: "Mieterbund beklagt Überlastung von Millionen Menschen durch Wohnkosten" (3. Juni 2026)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2026-06/iwu-studie-mieter-wohnkosten-belastung-mieterbund-gxe

QuoteKlausErlenmeyer

Wieso mieten die Leute? Haben die etwa nichts geerbt? Pff. So wird man in einem CDU dominierten Land nicht glücklich.
Also - Augen auf bei der Elternwahl!


QuoteHägar der Dritte

... Augen auf bei der Partnerwahl. 😉


Quotegeorg triebels

... "der Markt wird es richten"!


QuoteNordlicht 205

https://www.zeit.de/wirtschaft/2016-05/immobiliengeschaeft-mietpreise-mietpreisbremse-vermieter-profit/seite-2

"Grob über ganz Deutschland betrachtet erzielen Vermieter im derzeitigen Immobilienzyklus drei Prozent"

Für 3% Rendite tut es sich kaum noch jemand an, neue Mietwohnungen zu bauen - zu viele Vorschriften und Regelungen, die das Bauen absurd teuer machen.

https://www.deutsche-finanzagentur.de/bundeswertpapiere/bundeswertpapierarten/ueberblick-bundeswertpapiere

Lieber Staatsanleihen kaufen - null Stress und gleiche Rendite.

So sieht die knallharte Realität aus.


QuoteSchmittis Eck

Ab nächster Woche gibt es fast überall mehr als 3% aufs Tagesgeld. Warum in teure Wohnungen investieren und dann noch dem verwöhnten Hauptstadtmieter die fossile Fernwärme für seine Altbauwohnung mitfinanzieren?


QuoteAltkanzler Schmidt

Wenn man mehr Geld hat, kann man sich eine schönere Wohnung leisten. Und das ist genau richtig so.


QuoteThomasH.

Warum kaufen die Betroffenen nicht einfach die Wohnung?


QuoteHägar der Dritte

Das frage ich mich auch? Wenn die Mietpreise unangemessen hoch sind, sollte es eigentlich rentabel sein, eine Immobilie zu kaufen.


Quotekanga

Ein gebrauchter Wohnwagen tut es auch. 😉

Quotemedscot239

Liebe Zeit-Redakteure, wären Sie so lieb die Zahlen etwas mehr einzuordnen? Wie war es vor 20 oder 50 oder 100 Jahren?


Quotedjborislav
Antwort auf @djborislav

Z.b chatgpt

Zeitraum

Anteil des Einkommens für Miete (typischer Mieterhaushalt)

1960er–1970er: oft etwa 10–15 %

1980er: häufig 15–20 %

Mitte 1990er: etwa 20–25 %

Heute: Durchschnittlich rund 28 %; in Großstädten oft deutlich mehr


QuoteBig.Lebowski
Antwort auf @djborislav

Ist das dasselbe Chat GPT, das nicht mal die Anzahl der Buchstaben "e" in dem Wort "Erbeere" zählen kann?


Quotedjborislav
Antwort auf @Big.Lebowski

Er hat immerhin das Statistische Bundesamt als Quelle genannt. Ich habe es nachgeprüft. Was spricht dagegen?


Quotemedscot239
Antwort auf @djborislav

Oh krass - vielen lieben Dank!

Das hatte ich so wirklich nicht erwartet!

Natürlich darf man dabei auch nicht vergessen, dass die Ansprüche durchaus auch zugenommen haben, aber steigender Lebensstandard ist ja auch was Schönes.

Also ich meine, dass sich Geschwister vor 50Jahren oft ein Zimmer geteilt haben und generell die Wohnfläche pro Person deutlich steigt auch durch Single Wohnungen und dergleichen. Dennoch bin ich überrascht von den Zahlen. Vielen Dank, dass Sie sich die Mühe gemacht haben!


QuoteGerhardRichardHans

30% halte ich für angemessen und nicht besorgniserrregend.
Für die unteren Einkommen ist wohl das Wohngeld zuständig.


QuoteHouse MD

Für die unteren Einkommen ist wohl das Wohngeld zuständig.

Das heißt, der Steuerzahler. Der subventioniert somit das Geschäftsmodell der Vermieter.


QuoteGerhardRichardHans
Antwort auf @House MD

Eher der Mechanismus von "Angebot und Nachfrage".


...

Textaris(txt*bot)

Quote[...] Die Zahl der Millionärinnen und Millionäre in Deutschland ist im vergangenen Jahr stark gestiegen. Hierzulande gab es 2025 rund 1,78 Millionen sogenannte Dollarmillionäre und 11,1 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, wie aus dem World Wealth Report des Beratungsunternehmens Capgemini hervorgeht. Dabei geht es um Personen, die über ein anlagefähiges Vermögen von mindestens einer Million US-Dollar (rund 860.000 Euro) verfügen. Das Vermögen der reichsten Privatpersonen in Deutschland wuchs demnach um 12,7 Prozent auf gut 7,1 Billionen Dollar (rund 6,1 Billionen Euro), auch aufgrund der nachlassenden Inflation.

Das Vermögen der Reichen weltweit legte dem Report zufolge so stark zu wie noch nie innerhalb eines Jahres. Demnach stieg das Vermögen schätzungsweise um 8,7 Prozent auf den Rekordwert von 98,3 Billionen Dollar (rund 84,4 Billionen Euro). Dabei wuchs die Zahl der sehr vermögenden Menschen mit einem investierbaren Vermögen von mindestens 30 Millionen Dollar global am schnellsten mit einer Rate von 9,4 Prozent.

Als Grund dafür nannte Capgemini unter anderem die Entwicklung an den Börsen sowie einen Rückgang der Inflation. »Die Aktienmärkte, getragen von Kursanstiegen im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz, waren der Hauptmotor für die Vermögensbildung reicher Privatpersonen in fünf der sechs untersuchten geografischen Großregionen«, hieß es in dem Bericht. Das Vermögen der Reichen ist demnach nach wie vor stark konzentriert: »Ein Prozent von ihnen hält 34,8 Prozent dieses Vermögens.« Bereits im vergangenen Jahr hatten sowohl die Zahl der Reichen als auch der Umfang ihres Vermögens Höchstwerte erreicht.

Parallel stieg die Anzahl der Dollarmillionäre auch global deutlich. Sie lag bei 25,3 Millionen Menschen – ein Anstieg um fast zwei Millionen im Vergleich zum Jahr 2024. Die meisten Dollarmillionäre leben nach wie vor in den USA: Dort stieg ihre Zahl um 736.000 auf 8,7 Millionen und damit stärker als in jedem anderen Land. Deutliche Zuwächse verzeichnete auch Japan auf Rang zwei mit 436.000 zusätzlichen Millionären. Deutschland belegt den dritten Platz und ist damit Spitzenreiter in Europa. China landete auf Rang vier mit 154.000 zusätzlichen Millionären. Zusammen vereinen die vier größten Millionärsnationen fast zwei Drittel aller Millionäre weltweit.

Capgemini berücksichtigt in seinem seit 1997 jährlich erstellten Report Aktien, Anleihen, alternative Investments wie privates Beteiligungskapital, Bargeld sowie Immobilien, sofern diese nicht selbst genutzt werden. Kunstsammlungen und Gebrauchsgüter wie Autos und Schmuck werden nicht eingerechnet. Die Studie basiert auf mehreren Umfragen, an denen 6.510 vermögende Privatpersonen in 27 Märkten, 144 Führungskräfte von Vermögensverwaltern und 1.317 Kundenbetreuer teilnahmen.


Aus: "Zahl der deutschen Dollarmillionäre steigt deutlich" (4. Juni 2026)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2026-06/capgemini-millionaere-dollar-usa-deutschland-gxe

Quotelennon68

,,Das Vermögen der reichsten Privatpersonen in Deutschland wuchs demnach um 12,7 Prozent auf gut 7,1 Billionen Dollar (rund 6,1 Milliarden Euro)..."

6,1 Billionen muss es heissen, nicht Milliarden. Auch in der Unter-Überschrift.


QuoteMaitreM

Danke für die Nullinformation. Ist mit ,die reichsten Privatpersonen' der Handwerksmeister mit gut laufendem Betrieb gemeint oder die Quandts, Klattens, etc?


QuoteB.statter

Zahl der Millionäre in Deutschland steigt deutlich

Na, das ist doch mal was. Wenn jetzt noch der trickle-down effekt richtig zum Tragen kommt, geht es auch für die Arbeitnehmer wieder aufwärts!


QuoteWild-Bill-Kelso

Nur, weil das hier immer wieder behauptet wird: Nicht jeder Immobilienbesitzer ist Millionär. Kurze Recherche: Durchschnittspreis Eigentumswohnung: ca. 300.000€, Einfamilienhaus ca. 400.000€, neue Doppelhaushälfte oder neues Haus ca. 600.000€.

Die Millionenvilla existiert natürlich, bleibt aber die Ausnahme.


Quotedonnerbolzen

"Dollarmillionär", so ein Witz, sorry. Hier in München, bis Schleißheim raus, runter nach Gauting und fast bis Wasserburg, ist das praktisch jeder Besitzer eines Häuschens. Wer, wie einige Kumpels von mir, die vor 15 Jahren gekaufte Bude zur Hälfte abgestottert hat, nebenher noch ein kleines Aktienportfolio/Instandhaltungsrücklage aufbaut und einen 3er BMW besitzt, ist "Dollarmilionär". Bringt halt nix, die müssten im Urlaub trotzdem im Zelt auf dem Boden schlafen, weil am Ende des Monat fast nix mehr übrig bleibt. Hier in der Nachbarschaft wurde ein Reihenmittelhaus, 60er Jahre, unrenoviert, für 900k verkauft. Mit neuem Dach, Wärmepumpe, Solar usw. hat der neue Besitzer auch >1Mio ausgegeben. Irgendein Typ, der morgens seine zwei Kinder in den Kiga bringt und dann ins Büro fährt.


QuoteLouis Cyphre 2

Laut der UNICEF-Studie zum Wohlbefinden von Kindern belegt Deutschland den 25. Platz von 37 der wohlhabendsten Länder. Anstatt sich mit höchster Priorität um die Chancengleichheit unseres Nachwuchses zu kümmern, festigen sie lieber die Privilegien unserer Einkommens- und Vermögensseliten mit Steuersenkungen und Subventionen. Man könnte es auch verkürzt ausdrücken: Viele Multimillionäre und Milliardäre stehen im direkten Zusammenhang mit zunehmender Verarmung in den unteren Schichten.


QuoteFreeguy11

Es ist so traurig, da vermieten Menschen eine Wohnung und haben Geld für das Alter als private Altersvorsorge angespart (in Summe über 860.000 €) und der erste Gedanke hier im Forum lautet:

Wie kann man diesen Menschen das Geld wieder abnehmen.


QuoteDie Gedankengehörenmir.

Es ist traurig, dass jemand nach 45 Jahren Arbeit nicht weiß, wie er über die Runden kommen soll, während andere durch die Arbeit dieser Menschen Vermögen anhäufen, in ihren Villen sitzen und jede Debatte über ein wenig Umverteilung als Angriff auf ihre Altersvorsorge empfinden.


QuoteEarl Byrd

Das ist eine böswillige Unterstellung. Es geht um zwei Prozent Vermögenssteuer. Das macht für den Vermögenden im Alltag keinen spürbaren Unterschied. Schon gar nicht kann man damit jemabden enteignen, wie Sie das darstellen. Sie bauen hier ein Opfermärchen.

Die sehr großen Multimilliarden-Reichtümer, der Überreichtum also, müsste dagegen tatsächlich mit anderen Mitteln bekämpft werden. Unter anderem auch weil damit Macht einhergeht, die nicht in unberufene Hände gehört.


Quotetatsu

Herzlichen Glückwunsch an die Neumillionäre! Sie haben es trotz aller Nachstellungen des Staates geschafft, ein kleines Vermögen aufzubauen. Damit sind Sie Vorbild für viele und stärken mit Ihrem Kapital das Wirtschaftswachstum, so dass weitere Menschen Arbeit und Einkommen haben. Deshalb auch einmal Dankeschön❤️


QuoteFreeguy10

Jemand, der eine Wohnung im Wert von 860.000 Euro vermietet, sonst keine Einnahmen hat und selber zur Miete wohnt gilt als Dollar-Millionär.

So viel zur Aussagekraft der Datenerhebung.


QuoteEs ist so wie es ist

Steigender Wohlstand ist ein gutes Zeichen auch für Nichtmillionäre. Schade, dass unsere verdeckten Millionäre nicht eingerechnet werden, denn z.B. die Pensionen höherer Beamten erreichen oft einen Barkapitalwert von über einer Million zum Zeitpunkt der Pensionierung. Viele der Lehrer hier im Forum wissen das nicht oder reden ungerne drüber.


QuoteGoddieman

Die lieben Verwaltungsangestellten und Beamten nehmen lieber den imaginären Handwerksmeister oder LKW Fahrer als Beispiel, warum eine Million eigentlich ganz normal wären ;)


QuoteDer Blonde
Antwort auf @Goddieman

Verwaltungsangestellte bekommen aber keine Pension sondern normale Rente.


QuoteCarlBarks

Jeder VW Bandarbeiter ist mit Betriebsrente und Rente Rentenmillionär. Gibt auch für Porsche, BMW, Mercedes und jeden bei BASF, Allianz, Siemens und noch vielen mehr.


QuoteSunny64Ver.2

Antwort auf @CarlBarks

Können Sie das mal rechnerisch belegen?


QuoteElizar

Antwort auf @Lunatic Asylum

"Welcher Beamte redet denn gern über seine Bezüge?"

Wozu auch? Die Tabellen sind leicht zu finden im Internet. Deutlich leichter als die Angestellten- bzw. Führungskräftegehälter in der freien Wirtschaft.


QuoteMeier123678

Es geht um anlagefähiges Kapital, nicht um verbrauchtes.


QuoteHackersfriend

Einen Dollarmillionär muss man heutzutage nicht mehr reich nennen.

Sobald man ein Eigenheim in den südlichen Bundesländern hat gehört man automatisch dazu. Das Haus hat vor 30-35 Jahren dann wahrscheinlich so um die 200 k gekostet.


QuoteKeineSystemMarionette

Lesen lernen - Häuser zur eigennutzung zählen nicht !


...

Textaris(txt*bot)

Quote[...] Nach Kaußens Selbstmord begann in über 120 Geldinstituten die große Inventur. Zu den Großgläubigern zählen Institute wie die Frankfurter Hypothekenbank, eine Tochter der Deutschen Bank - mit deren Hilfe er sein Wohnungsimperium aufgebaut hatte -, aber auch weniger bekannte Häuser wie die Bensberger Volksbank, mit deren Chef sich Kaußen besonders gut vertrug. ...


Aus: "SPEKULATION: Nur noch Schrott" (21.04.1985)
Quelle: https://www.spiegel.de/wirtschaft/nur-noch-schrott-a-c6b31391-0002-0001-0000-000013513257

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Quote[...] Günter Kaußen war in den 1970er-Jahren der meistgehasste Vermieter der Bundesrepublik. Einige seiner Geschäftsmethoden werden bis heute kopiert – und kaum bestraft.

Günter Kaußen, so erzählen es Menschen, die ihn gut kannten, war ein manischer Sammler. Er sammelte Guppys, Zierfische mit hübschen bunten Flossen, die sich rasend schnell vermehren. Hunderte Aquarien soll er besessen haben, viele davon standen in den Büros seiner Immobilienfirma nahe der Kölner Innenstadt.

Kaußen sammelte Pflanzen, die er auf den Schreibtischen seiner Mitarbeiter umzutopfen pflegte. Er sammelte philosophische Schriften und andere Bücher, 70.000 Bände sollen es am Ende gewesen sein. Er sammelte Kunst. Laut einem seiner Mitarbeiter besaß Kaußen eine der weltweit größten Sammlungen von Grafiken des Künstlers Max Ernst, wobei er neu erworbene Werke nicht aufgehängt, sondern unausgepackt auf einem Stapel abgelegt habe.

Und da war noch etwas, was Günter Kaußen in Massen anhäufte: Wohnungen. An die hunderttausend soll er im Laufe seines Lebens erworben haben. Einige dieser Wohnungen ließ er sanieren und verkaufte sie gewinnbringend weiter. Andere ließ er verkommen – was ihn nicht davon abhielt, hohe Mieten zu verlangen. Einmal erwarb er Tausende ehemalige Werkswohnungen des Krupp-Konzerns, in denen Bergarbeiter mit ihren Familien lebten. Einigen dieser Bergarbeiter verdreifachte er die Miete auf einen Schlag.

Mieterhöhungsschreiben ließ Kaußen von einem Computerprogramm verfassen, das die Mieter nicht mit ihrem Namen, sondern mit einer Vorgangsnummer ansprach. Wollten sie nicht zahlen, versuchte Kaußen, sie loswerden. Er ließ zum Beispiel das Wasser abstellen.

Möglich war all das, weil es zu Kaußens Zeiten in vielen westdeutschen Städten an Wohnraum mangelte. So konnte er selbst für Bruchbuden exorbitante Preise verlangen. Es gab Mieter, die sich ihm regelrecht ausgeliefert fühlten. »Bitte helfen Sie uns, wir sind der Sache nicht gewachsen und leben in Angst und Schrecken«, schrieb Mitte der Siebzigerjahre ein Bewohner eines Kaußen-Hauses an den Deutschen Mieterbund.

Günter Kaußen, der 1928 geboren wurde und sich 1985 das Leben nahm, war nicht nur der größte, sondern auch der meistgehasste private Vermieter der Bundesrepublik. Als »Slumlord« bezeichnete ihn die FAZ. »Miethai« wurde er in der Lokalpresse genannt. Die SZ befand, Kaußen sei ein »Sinnbild der ungezügelten Raffgier, der Habsucht ohne Ziel«. Der Sozialdemokrat Hans Apel, der im Kabinett von Helmut Schmidt Bundesfinanzminister war, nannte Kaußen einen »Schweinehund, dessen Psyche mal untersucht gehört«. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Gerhard Orgaß hielt Kaußen für »eine Type, die unsere Gesellschaft mehr erschüttert als eine Gruppe Linksradikale«.

Günter Kaußen ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Dabei war er in mancher Hinsicht ein Pionier. Als einer der ersten privaten Großvermieter der Nachkriegszeit erkannte er, dass man mit der Ware Wohnraum überaus reich werden kann. Wenn man ein paar Tricks beherrscht. Und keine Skrupel hat.

Eigentlich hatte Kaußen Philosophie studiert, bald aber schwenkte er auf ein Fach um, das ein besseres Einkommen versprach: Betriebswirtschaftslehre. Als er von seiner Großtante eine Villa erbte, stieg Kaußen ins Geschäft mit Wohnhäusern ein. Die Villa stand in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn. Sie wurde zum Ausgangspunkt seines Immobilienimperiums. Kaußen teilte die Villa in kleine Wohneinheiten auf, die er teuer vermietete. Und zwar an Leute, die viel Geld hatten, aber wenig Ahnung von den Gepflogenheiten des deutschen Mietwohnungsmarkts: ausländische Diplomaten, die in den Bonner Botschaften arbeiteten. Mithilfe großzügiger Bankkredite erwarb Kaußen weitere Häuser. In einigen Städten, darunter Essen, Hamburg und Köln, kaufte er ganze Siedlungen und Straßenzüge auf.

Oft erwarb Kaußen heruntergekommene Altbauten, die er nicht sanieren, sondern weiter verfallen ließ. Auch die Wohnungen dieser Altbauten teilte er in Einzeleinheiten auf, in winzige Wohnnischen, für die er Wucherpreise verlangte. Nur dass er sie nicht an Diplomaten vermietete, sondern an Arbeitsmigranten aus der Türkei und aus Südeuropa, an die sogenannten Gastarbeiter, denen meist das Geld und die Sprachkenntnisse fehlten, um juristisch gegen Kaußen vorzugehen.

Ein ähnliches Geschäftsmodell gibt es heute wieder. In Berlin-Neukölln wurden kürzlich Dutzende Altbauwohnungen entdeckt, deren Zimmer parzelliert, also in winzige Wohnnischen unterteilt worden waren. Vermietet wurden die Parzellen für bis zu 700 Euro im Monat, etwa an Studenten aus dem Ausland oder an Lieferfahrer aus Indien, die mit ihren Fahrrädern Essen an die Haustür bringen. In anderen Städten berichten Mieterschützer und lokale Medien von ähnlichen Fällen. In München etwa sind möblierte Wohnparzellen von nicht mal zehn Quadratmetern für rund 1.000 Euro im Angebot. Mal sind die parzellierten Wohnungen sauber und modern eingerichtet, mal versifft und heruntergekommen. Stets aber erzielen die Eigentümer damit deutlich mehr Gewinn als jemand, der dieselbe Wohnung auf normalem Wege vermieten würde.

Im April einigte sich die Bundesregierung darauf, die Vermietung solcher möblierter Zimmer unattraktiver zu machen. Die Regelung ist Teil einer größeren Mietrechtsreform, über die demnächst im Bundestag abgestimmt werden soll. Die Verbände der Hauseigentümer protestieren dagegen. »Statt immer neuer Regulierungen« brauche es »mehr Vertrauen in die Menschen, die Wohnraum schaffen und erhalten«, heißt es etwa beim Vermieterverband Haus und Grund. Die Menge der Vorschriften, an die man sich als Hauseigentümer halten müsse, sei schon jetzt unüberschaubar.

Tatsächlich haben sich die Regeln für Vermieter seit Kaußens Zeiten deutlich verschärft, etwa wenn es um die Instandhaltung von Wohngebäuden geht. Heiz- und Brandmeldeanlagen müssen höchsten Standards genügen. Und kein Dach kann heute erneuert, kein Fenster ausgetauscht werden, ohne strenge Vorgaben zur Wärmedämmung zu befolgen. Wer sein Wohnhaus in Schuss halten will, muss viel mehr beachten und viel mehr bezahlen als früher. Wer jedoch wie Kaußen maßlos die Miete erhöht, hat wenig zu befürchten. Zwar gibt es heute gleich mehrere Paragrafen, die den Mietpreis begrenzen sollen. Die sogenannte Mietpreisbremse etwa, die 2015 eingeführt wurde und verhindern soll, dass eine Wohnung nach einem Mieterwechsel unangemessen teuer wird. Oder Paragraf 5 des Wirtschaftsstrafgesetzbuchs. Mit seiner Hilfe sollen Eigentümer bestraft werden, die Wuchermieten verlangen, also Preise, die mehr als 20 Prozent über dem Richtwert liegen, der im Mietspiegel festgelegt wird.

Das Problem ist nur: Wer gegen diese beiden Paragrafen verstößt, kann theoretisch zwar belangt werden. Praktisch hat er wenig zu befürchten. Anders als etwa bei einem Autofahrer, der seinen Wagen ins Halteverbot stellt, ist hinter einem Wohnungseigentümer, der die Mietpreisbremse missachtet, keine staatliche Stelle her. Dem Falschparker verpasst das Ordnungsamt ein Knöllchen. Gegen den Wohnungseigentümer, der zu viel Geld verlangt, müssen die Mieter selbst vorgehen. Das aber trauen sich viele nicht. Weil sie froh sind, überhaupt eine Wohnung gefunden zu haben. Oder weil sie fürchten, dass dann eine Eigenbedarfskündigung droht und der Vermieter sie rauswerfen könnte. Wenn es doch einer wagt, gegen seinen Vermieter vorzugehen, droht diesem nicht einmal ein Bußgeld. Er muss lediglich die Summe zurückzahlen, die er zu viel eingefordert hat.

Auch Eigentümer, die Wucherpreise verlangen, bleiben oft unbehelligt. Der entsprechende Paragraf im Wirtschaftsstrafgesetzbuch ist so formuliert, dass es für Mieter fast unmöglich ist, gegen Wuchermieten vorzugehen. Der Bundesrat drängt deshalb schon seit Jahren darauf, den Paragrafen umzuformulieren. Bislang ohne Erfolg. Die jetzige Bundesregierung hat dazu eine Expertenkommission eingesetzt. Die soll Empfehlungen für eine Reform des Paragrafen erarbeiten. Nach allem, was aus der Kommission zu hören ist, glaubt jedoch kaum jemand daran, dass sie sich am Ende auf einen Vorschlag einigen wird.

Eigentümerverbände wie Haus und Grund warnen vor einer Verschärfung des Mietwucherparagrafen. Die überwiegende Mehrheit der Vermieter seien redliche Leute, sagt Kai Warnecke, der Chef von Haus und Grund. Man dürfe sie nicht unter Generalverdacht stellen. »Diese Debatte wird emotional geführt, nicht faktenbasiert. Die allermeisten Mieten sind legal.«

Die Vertreter der Mieter entgegnen: Wenn es stimmt, dass sich die meisten Eigentümer an die Regeln halten, müsste man die Regelbrecher nicht umso härter bestrafen? Ließe sich so nicht verhindern, dass die ehrlichen Vermieter am Ende die Dummen sind? 2025 untersuchte der Deutsche Mieterbund rund 20.000 Wohnungsinserate von einschlägigen Onlineportalen, unter anderem in Berlin. Das Ergebnis: In der Hauptstadt habe jedes zweite Angebot gegen die Mietpreisbremse verstoßen. Bei jedem dritten habe es sich um Mietwucher gehandelt.

Mehr als 40 Jahre nach Günter Kaußens Tod scheint es, als könne kaum jemand so entspannt einen Rechtsbruch begehen wie ein Wohnungseigentümer, der zu viel Miete verlangt.

Kaußen hat das Kunststück vollbracht, ständig in der Presse zu stehen, öffentlich aber kaum in Erscheinung zu treten. Wurde er vor Gericht zitiert, erschien er fast nie persönlich, sondern schickte seine Anwälte. Lange Zeit existierte in der Öffentlichkeit nicht mal ein Foto von ihm. Kaußen war ein Phantom. Umso begieriger stürzten sich die Reporter auf jedes Detail seines Privatlebens, das bekannt wurde. Zum Beispiel auf die Geschichte, dass Kaußen trotz seines Multimillionenvermögens ärmliche Kleidung getragen, nie Urlaub gemacht und seine Frau für den Wochenendeinkauf zum Aldi geschickt haben soll.

Das erste Pressefoto von Kaußen entstand, als ihm ein Kölner Lokalreporter mit einem Teleobjektiv auflauerte. Kameraleute des WDR kreisten mit einem Hubschrauber um Kaußens Wohnhaus, um ihn aufzuspüren. Sie filmten ihn bei der Gartenarbeit, auf dem Dach seines Penthouse. Die Aufnahmen zeigen einen hageren Mann mit Halbglatze und schütterem langem Haar, in kurzen Turnhosen, unterm Arm ein Bündel Grünzeug.

1976 verübten Linksextremisten einen Bombenanschlag auf Kaußens Haus. Er blieb unverletzt. Seine Immobiliengeschäfte führte er weiter. So lange, bis er in Zahlungsschwierigkeiten geriet. Die Kredite, mit deren Hilfe Kaußen immer neue Häuser erwarb, hatte er sich zum Teil mit gefälschten Wertgutachten erschlichen. Irgendwann flog der Schwindel auf.

In seinen letzten Lebensjahren, so kann man es Zeitzeugenberichten entnehmen, soll Günter Kaußen psychisch erkrankt gewesen sein, an Verfolgungswahn und Nervenzusammenbrüchen gelitten haben. Im Frühjahr des Jahres 1985 erhängte er sich in seinem Badezimmer, an einem Heizungsrohr. »Kaum jemand wird ihm auch nur eine Träne nachweinen«, schrieb daraufhin die Welt. Bild vermeldete »Freudentänze in Kaußens Häusern«.

Einige Jahre nach dem Suizid drehte ein Kölner Filmemacher eine Dokumentation über Kaußen. Der Film wird in der Deutschen Kinemathek aufbewahrt, auf einer alten VHS-Kassette. Ehemalige Mitarbeiter, Rechtsanwälte und andere Wegbegleiter berichten darin über Günter Kaußens Leben und dessen Geschäftsmodell. Der Titel der Doku bezieht sich auf einen Satz, den Kaußen häufig gesagt haben soll: »Ich bin nicht Gott, aber wie Gott.«

In der Doku kommt auch ein Rechtsanwalt zu Wort, der Kaußen bis zu seinem Tod vertreten hat. Kurz bevor sein Mandant sich erhängte, habe er mit ihm ein ernstes Gespräch geführt. Kaußen habe Reue gezeigt. Er habe über einen »entscheidenden Fehler« sinniert, den er als Geschäftsmann gemacht habe: den Fehler, zu glauben, dass man mit Wohnraum so umgehen könne wie mit einer gewöhnlichen Ware.


Aus: "»Ich bin nicht Gott, aber wie Gott«" Caterina Lobenstein (ZEIT Nr. 24/2026, 27. Mai 2026)
Quelle: https://www.zeit.de/2026/24/guenter-kaussen-immobilienunternehmen-miethai-mietwucher

Heinz Günter Kaußen (* 8. März 1928 in Köln; † 14. oder 15. April 1985 ebenda) war ein deutscher Betriebswirt und Immobilienunternehmer.
https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%BCnter_Kau%C3%9Fen

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Quote[...] Vor 120 Jahren dokumentierten ein Journalist und ein Fotograf das Leben der Ärmsten in Wien. Eine neue Ausstellung belebt die Bilder.

Anfang des 20. Jahrhunderts ist Wien für viele Menschen ein dunkler Ort. Industrialisierung und Urbanisierung führen zu Wohnungsnot, Armut, Elend und miserablen hygienischen Bedingungen. Sozialdemokraten wie Victor Adler und Max Winter schreiben Sozialreportagen über die gesellschaftlichen Missstände, um politische Veränderungen anzustoßen. Doch dann kommen zwei junge Draufgänger und bemächtigen sich auch eines neuen Mediums: der Fotografie. Sie zeigen die gesellschaftlichen Abgründe damit auf bis dato ungesehene Weise. Das Publikum tobt.

Mit ihrem Lichtbildervortrag Durch die Wiener Quartiere des Elends und Verbrechens sorgen der Journalist Emil Kläger (1880–1936) und der Fotograf Hermann Drawe (1867–1925) ab 1905 für Furore. Aufführungsort ist die Urania beim Wiener Schwedenplatz: das renommierteste Volksbildungshaus der Stadt, ein bürgerlicher Theatertempel.

Kläger ist damals ein 24-jähriger Nachwuchsjournalist und fragt Drawe – von Beruf Richter –, ob er mit ihm das Elend der Stadt dokumentieren wolle: laut Kläger in »grober und defekter Kleidung« als Obdachlose kostümiert, bewaffnet mit Schlagring und Revolver, ins Unbekannte geführt von bezahlten Eingeweihten. Sie wollen die neuen Unterschichten dokumentieren, ein Subproletariat, das im Abwasserkanal Zuflucht sucht. Kläger nennt diese Lebensräume eine »Werkstätte des Verbrechens«. Das Bürgertum ist schockiert, aber auch schaulustig. In drei Jahren wird der einstündige Vortrag 344-mal aufgeführt. 90.000 zahlende Zuschauer kommen dafür in die Urania.

»Das ist die erste Sozialreportage der Habsburger Monarchie, bei der Text und Bild auf gleichem Level gezeigt wurden«, sagt Michael Ponstingl. Er ist Kurator der Ausstellung Sozialreportage als Medienspektakel im Wiener Photoinstitut Bonartes. Dort werden die Bilder von damals nun wieder gezeigt.

Aber was war das eigentlich? Slumming mit Schauderlust oder relevanter Fingerzeig, um die Ringstraßengesellschaft zu sensibilisieren für die Existenz jener Menschen, die direkt unter ihr mit Ratten im Dreck hausten?

Die Lebenserwartung in Wien lag um 1910 für Männer bei 43 Jahren, für Frauen bei 47 – und damit, nicht zuletzt wegen der »Wiener Krankheit« Tuberkulose, niedriger als in anderen Metropolen. In London beispielsweise wurden Menschen im Schnitt 52 Jahre alt. Dabei bedürfte jene völlig deklassierte Bevölkerungsschicht in Wien, die Kläger und Drawe ins Blitzlicht rückten, einer eigenen Statistik. Zwischen 3.000 und 4.000 der gut zwei Millionen Wienerinnen und Wiener haben sich in der untersten Subkultur bewegt – und sind wohl deutlich früher gestorben als die statistische Mitte.

Der Lichtbildervortrag dokumentierte ihr Leid eindrucksvoll: Zu 108 kolorierten Bildern, die in Ausmaßen von jeweils 20 Quadratmetern und in rasanter Abfolge die Randständigen überlebensgroß präsentierten, wurden Klägers Texte von professionellen Sprechern vorgetragen. Die Beschreibungen des musischen, theateraffinen Dichters waren pathetisch bis kitschig. Das Publikum erschauderte über diese Zeugnisse und konnte nach der Vorstellung über Wiens Zustände den Kopf schütteln, ohne anzustreifen. Entlassen wurden die Zuschauer mit unzusammenhängenden Kurzfilmen »meist heiteren Inhalts«, wie es im Programmtext heißt.

Trotz großer Bedenken gegen die Arbeit, die vorgebracht wurde, kann man Kläger und Drawe eines nicht vorwerfen: reine Schreibtischtäter zu sein. Sie stiegen selbst in den Dreck – wenn auch freiwillig. Anders als die verdeckt Beobachteten konnten sie nach ihren Streifzügen wieder in die Oberwelt und ihre Lumpen ablegen.

Zu viel der Aufklärung war dem damaligen Wiener Bürgermeister Karl Lueger aber ohnehin kein Anliegen: Man solle Wien nur ja nicht schlechter darstellen, als es sei, lautete seine Warnung. Und selbst die Realität war für den christlich-sozialen Antisemiten Lueger nicht zumutbar. Die Urania – finanziell strauchelnd und vom Gutdünken des Stadtfürsten abhängig – fand unter ihrem Präsidenten Ludwig Koessler deshalb eine Reihe von Kompromissen, die das Fortbestehen der lukrativen Vorträge sicherten: Kritische Stellen wurden gestrichen. Darüber hinaus wurde vereinbart, dass die Vortragsreihe nicht außerhalb der Wiener Stadtgrenzen präsentiert werden durfte.

In Wien gab es unter Lueger zwar überlaufene Massenquartiere und Wärmestuben, vom sozialen Netz des Roten Wiens war man allerdings noch weit entfernt. Umso dringlicher erwartete Lueger von der Urania »den guten Ruf der Vaterstadt in Ehren zu halten und nur Schönes vorzuführen«, wie es in einer Gemeinderatssitzung 1905 hieß.

Kläger und Drawe gaben der Zensur zähneknirschend nach. Ihr gewähltes Medium galt damals als innovativ, der Thematik allerdings hatten sich zuvor bereits andere angenommen – wenn auch weniger boulevardesk: Henry Mayhew und Friedrich Engels in London, in Wien mit etwa 1.500 Sozialreportagen Max Winter. Winter – Sozialdemokrat und Vizebürgermeister der Stadt – war bereits fünf Jahre vor Kläger und Drawe als Obdachloser verkleidet in die Kanalisation gestiegen, um die Notstände für die Arbeiter Zeitung zu dokumentierten und politische Reformen einzufordern. Er hatte seine Erforschungen ohne fotografisches Beweismaterial veröffentlicht, dafür mit statistischen Zahlen und soziologischen Akten unterlegt.

Die Arbeiter Zeitung bezichtigte Kläger und Drawe des Plagiats und attestierte den Texten »Kolportageromantik« – betonte gleichzeitig neidlos anerkennend die »enorme Überzeugungskraft« der Fotoarbeiten, die »mit fürchterlicher Deutlichkeit den unbezweifelbaren Wahrheitsbeweis für diese tief beschämenden Jammerquartiere« lieferten. Doch genau dieser Akt der Geheimfotografie mit unhandlicher Ausrüstung ist das, was an der Arbeit bis heute kritisiert wird: Unter widrigen Verhältnissen wurde eine versteckte Momentaufnahme zwischen Dutzenden Unwissenden eingefädelt, die letztlich in eine Fotoblitzexplosion mündete, die die Anwesenden in eine Rauchwolke hüllte und sie in Aufregung versetzte. Spätestens dann waren die Eindringlinge entlarvt – und retteten ihren Kopf wohl mit etwas Trinkgeld für die Observierten.

»Diese Menschen wurden dadurch – nach der gesellschaftlichen Ausbeutung – erneut zu Opfern, überfallen und zu Objekten degradiert«, sagt der Kurator Michael Ponstingl. Manche würden heute noch meinen, man dürfe diese Fotos nicht zeigen: »Aber es ist schwierig über Bilder zu reden, die man nicht sieht.«

Kläger und Drawe waren keine bösartigen Bloßsteller – beide waren politisch engagiert und hatten beruflich mit den Gesellschaftsrändern zu tun. Drawe sei ein »humanistischer Richter« gewesen, sagt Ponstingl. »Er hatte einen hochgradig soziologischen Blick auf die Verhältnisse.« Ponstingl würde Kläger und Drawe zwar nicht als »Revolutionäre« einordnen, aber als »bürgerliche Sozialreformer«.

Um die von Bürgermeister Karl Lueger geforderte Wien-Begrenzung ihrer Vorträge zu umgehen, wechselten Kläger und Drawe ihr Medium: von hochmodern auf bodenständig. Im Jahr 1908 erschien die Erstauflage ihres Buches – auch mit jenen zuvor zensierten und laut Lueger »rufschädigenden« Stellen. Das Format mit seinen kleinen Schwarz-Weiß-Fotos und nüchternen Buchstaben war aber weniger aufregend als die imposanten Lichtbildshows.

Als medial-obszöne Krönung erschien der Vortrag nach dem Drehbuch von Kläger 1920 als Spielfilm, mit Stars aus dem Burgtheater. Durch die Quartiere des Elends und Verbrechens hieß er. Ob der Stoff aber das Zeug zum Eskapismus für die breite Masse in der Notzeit nach dem Ersten Weltkrieg hatte, lässt sich heute nicht mehr feststellen: Die Filmrollen gelten als verschollen.

Eine Besonderheit der Arbeit von Kläger und Drawe sei ihre Offenheit für neue Medien, betont Ponstingl. Das unterscheidet sie etwa von den Arbeiten Max Winters. Kurioserweise wurden dessen Reportagen für posthume Publikationen mit Drawes Fotografien ausgestattet.

»Erschüttert und beladen mit einem unerklärlichen Schuldgefühl trete ich den Rückweg an, kehre wieder zurück in das reiche, lebendige Leben«, notierte Kläger einst zu seinem Aufstieg aus der Wiener Kanalisation. Allerdings: Die anderen mussten unten bleiben.

Die Ausstellung »Durch die Wiener Quartiere des Elends und Verbrechens« von Emil Kläger und Hermann Drawe, 1905/1920, ist noch bis zum 17. Juli am Photoinstitut Bonartes in Wien zu sehen. Der Katalog ist in der Fotohof Edition erschienen, hat 248 Seiten und kostet 24 Euro.



Aus: "Emil Kläger und Hermann Drawe: Das Elend als Bühne" Clemens Marschall (Aus der ZEIT Nr. 25/2026, 2. Juni 2026)
Quelle: https://www.zeit.de/2026/25/emil-klaeger-hermann-drawe-wien-armut-fotografie

Emil Kläger (* 10. Oktober 1880 in Wiznitz, Bukowina; † 2. Juni 1936 in Wien) war ein österreichischer Journalist.
https://de.wikipedia.org/wiki/Emil_Kl%C3%A4ger

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Wenn Horstmann und seine Kollegen besonders viel erreichen, dann gelingt es ihnen, die Eigentümer so weit zu zermürben, dass sie ihr Schrotthaus der Stadt verkaufen. Ist das Gebäude arg ramponiert, wird es abgerissen – auf Staatskosten. Die Gewinne, die das Geschäftsmodell abwirft, fließen in private Hände. Die Kosten werden sozialisiert.

Quote[...] Männer wie der »Slum-Lord« errichten Imperien aus verfallenen Mietshäusern, bereichern sich an den Ärmsten, nehmen den Staat aus. Und Markus Horstmann zieht los.

Vor der grell erleuchteten Polizeiwache Süd in Gelsenkirchen machen sich 22 Männer und Frauen für ihren Einsatz bereit. Sie befestigen ihre Funkgeräte und spannen Listen in Klemmbretter ein, eng bedruckt mit Namen und Adressen. Sie stehen in einem großen Kreis, einige haben Warnwesten dabei, andere tragen Uniform: Polizisten, Beamte der städtischen Ordnungsbehörde und der Wohnungsaufsicht, Mitarbeiter des Jobcenters und des Energieversorgers. Es ist ein Mittwoch im Frühling, halb sieben Uhr früh, die Stadt liegt noch im Morgengrauen.

Der Einsatzleiter zählt die Orte auf, die heute abgeklappert werden sollen: ein Mehrfamilienhaus in der Ringstraße. Ein weiteres großes Wohngebäude im Stadtteil Rotthausen. Und zwei, drei kleinere Objekte. Den Bewohnern dieser Häuser wolle man an diesem Morgen einen »Überraschungsbesuch« abstatten, sagt der Einsatzleiter. »Schön, wir starten!«

Erste Station: das Haus an der Ringstraße, ein Eckgebäude mit schmutziger Fassade, direkt neben einer sechsspurigen Straße. Einige Fensterscheiben sind mit Fetzen von Packpapier verklebt. Der Hauseingang steht offen, das Türschloss ist kaputt.

Die Beamten zwängen sich durch den schmalen Hausflur. Im Treppenhaus: ein Kinderfahrrad, eine alte Mikrowelle, auf dem Boden Zigarettenkippen und eine Babywindel. Auf dem Treppengeländer trocknet Wäsche. »Und, Kakerlaken?«, fragt einer der Polizisten. Vor Monaten habe er dieses Haus schon einmal kontrolliert, erzählt er. Die Schule, auf die ein Kind aus diesem Haus gehe, habe sich damals an die Behörden gewandt: Aus dem Ranzen des Kindes sei Ungeziefer gekrabbelt – ob die Beamten sich das Wohnhaus nicht mal genauer anschauen könnten.

Die Kontrolleure, ausgestattet mit Klemmbrett und Kuli, klopfen jetzt an jede Wohnungstür. Dort, wo ihnen geöffnet wird, lassen sie sich Pässe und Geburtsurkunden zeigen. Die Beamten spulen die üblichen Fragen ab:

Beziehen die Bewohner Bürger- oder Kindergeld?
Falls ja, können sie Nachweise vorlegen, dass sie darauf auch ein Anrecht haben?
Sind die Wohnungen überbelegt?
Sind Heizungen, Fenster und Türen intakt?
Gibt es warmes Wasser?
Überhaupt fließendes Wasser?
Die wichtigste Frage steht auf keinem Notizzettel: Wieso kümmert sich kein Hauseigentümer um diese Mieter?

Was hier geschieht, ist ein Versuch. Der Staat versucht, die öffentliche Ordnung wiederherzustellen, sich stark zu zeigen, entschieden und unmissverständlich. Der Staat versucht, seine Regeln durchzusetzen, die in manchen Gegenden Gelsenkirchens verloren gegangen sind, dieser kleinen Großstadt mit 271.000 Einwohnern inmitten des Ruhrgebiets, in der viele Menschen gelernt haben, sich irgendwie durchzuschlagen, ohne nach Regeln zu fragen.

Nach einer Viertelstunde sind einige Beamte im Dachgeschoss des Hauses angelangt. »Guckt mal, hier oben!«, ruft ein Polizist. Seine Kollegen stapfen hinauf, Glasscherben knirschen unter ihren Schuhsohlen. In einer Kammer unter der Dachschräge stehen zwei Stühle, daneben lehnt ein Besen, Haarbüschel liegen auf dem Boden. An der Wand hängt ein Spiegel. »Ein illegaler Friseursalon«, sagt der Polizist.

Draußen vor dem Haus steht ein Mann in einem Holzfällerhemd, der oft dabei ist, wenn es darum geht, Missständen auf die Spur zu kommen. Er hat sich einen Zigarillo angesteckt, trägt eine Kappe und ein Lenin-Bärtchen, stemmt die Fäuste in die Hüfte und verfolgt den Einsatz mit der Gelassenheit eines Routiniers, der schon viel gesehen und viel gehört hat. Wenn er mit seiner aufgerauten Stimme zu einem seiner Kollegen »Hömma« sagt, klingt das manchmal wie ein Befehl, manchmal wie eine robust verpackte Liebenswürdigkeit.

66 Jahre alt ist Markus Horstmann, ein Stadtplaner, in der Gelsenkirchener Stadtverwaltung leitet er die Abteilung Wohnungswesen. Vor 13 Jahren fing er an, sich um all die heruntergekommenen Gebäude zu kümmern, in denen Menschen einquartiert werden, die aus Bulgarien und Rumänien ins Ruhrgebiet einwandern, die meisten von ihnen Roma. Im Amtsjargon heißen solche Gebäude Problemimmobilien, aber Horstmann macht sich nichts aus dem Behördendeutsch. »Siff-Buden« nennt er die schlimmsten dieser Häuser. Er hat vermüllte Hinterhöfe und Keller besichtigt, und er kann den fauligen Geruch organischen Abfalls von dem beißenden Gestank unterscheiden, den Rattenkot verursacht.

Horstmann war einer der Ersten, die sich des Problems mit den Schrotthäusern angenommen haben. Auf der grellgelben Weste, die er an diesem Morgen trägt, steht »Wohnungsaufsicht«. So fasst er seinen Job auf: »Ich bin hier die Wohnungsaufsicht«, sagt er. In dieser Verallgemeinerung klingt es übertrieben, aber es steckt viel Wahrheit darin. Vor Jahren schon hat er im Computer umfangreiche Dateien angelegt, in denen all die Gelsenkirchener Schrotthäuser verzeichnet sind, derzeit sind es 485. Auf Karten des Stadtgebiets hat er mit einem Filzstift eingezeichnet, wo die desolaten Wohnquartiere liegen. Niemand in der Stadtverwaltung kennt sich besser damit aus.

In all den Jahren hat Horstmann begriffen: Das Problem, dem er gegenübersteht, lässt sich nicht mit ein paar Kontrollgängen beheben, auch nicht mit hundert oder tausend Kontrollen. Es reicht weit über den Zustand der Häuser und das Verhalten ihrer Bewohner hinaus. Es führt zu Amtsgerichten, in denen dubiose Geschäftemacher auf die Versteigerung von Immobilien lauern. Zu Behörden, die von der Raffinesse dieser Leute oft überfordert sind. Zu Staatsanwälten, die nicht einschreiten. Und zu Immobilienlobbyisten, denen der Schutz des Eigentums wichtiger ist als das Wohl der Allgemeinheit. Letztlich gelangt man zu der Frage, die über allem steht: Wie kann es dem Staat gelingen, die Macht zurückzugewinnen?

Das erste Schrotthaus betrat Markus Horstmann im Jahr 2013. Halfmannsweg 2, die Adresse weiß er noch immer auswendig. Das Eckgebäude, in dem es mal eine Kneipe namens Glückauf-Keller gab, hatte länger leer gestanden. Irgendwann fingen Nachbarn an, sich bei der Stadt zu beschweren: Da seien wahnsinnig viele Leute eingezogen, überall liege Unrat herum. Die Stadtreinigung kam und stellte mehr Mülltonnen auf. Wenig später quollen auch diese über. Schließlich schaute sich Horstmann die Sache an.

Seither hat er Hunderte Häuser kontrolliert: solche mit schimmeligen Wänden, mit rissigen Mauern, mit löchrigen Dächern. Einmal, in einem Gebäude mit maroden Wasserrohren, sei ihm im Treppenhaus ein Schwall entgegengekommen, sagt er. »Ich dachte, ich steh im Wasserfall.« Weder die Bewohner noch der Vermieter hätten sich bemüht, den Rohrbruch zu beheben.

Ein anderes Mal, Horstmann war mit einem Kollegen der Bauaufsicht unterwegs, musste er das Haus, das er kontrollieren wollte, fluchtartig verlassen. Der Kollege hatte Mängel in der Statik des Gebäudes entdeckt und fürchtete, es könne jederzeit zusammenbrechen.

Horstmann hat Häuser gesehen, in denen monatelang der Strom abgestellt war, in denen Familien mit kleinen Kindern bei Minusgraden ohne Heizung und Warmwasser lebten, in denen es keine Schlafzimmer, sondern Matratzenlager gab. In manchen Gebäuden stehen Arbeitsschuhe vor den Wohnungstüren, dort verdienen die Bewohner ihr eigenes Geld, etwa auf dem Bau oder als Paketzusteller. In anderen, sagt Horstmann, leben sämtliche Bewohner von Sozialleistungen.

Bis heute gehen seinen Einsätzen fast immer Beschwerden aus der Nachbarschaft voraus – etwa über den Lärm, der entsteht, wenn in einer Dreizimmerwohnung nicht vier, sondern vierzehn Leute untergebracht sind. Oder über die Kinder, die bis spät in die Nacht auf der Straße herumtoben. Die Beschwerden richten sich also meist gegen die Menschen, die in den Schrotthäusern wohnen.

Um diejenigen, denen die Häuser gehören, geht es seltener. Dabei wäre es entscheidend, ihnen auf die Spur zu kommen, denn ihr Handeln hat System, weit über Gelsenkirchen hinaus. Schrotthäuser gibt es in Duisburg und in Essen, in Herne, Hagen und anderen Städten des Ruhrgebiets. Aber auch in Köln und Bremerhaven, in Berlin und Hamburg. Es ist überall das Gleiche: Die Eigentümer der Immobilien locken Menschen aus Rumänien und Bulgarien nach Deutschland und bieten ihnen Schlafplätze in heruntergekommenen, völlig überteuerten Wohnungen an, weil sie wissen, dass der Staat für die Miete aufkommt.

Markus Horstmann erzählt, in einem Haus, das er kontrollierte, hätten ausschließlich Leute gewohnt, die aus demselben Dorf in Rumänien stammten. Ein anderes Gebäude sei komplett belegt gewesen mit Mietern aus Stolipinovo, einem Slum am Rande der bulgarischen Stadt Plovdiv, in dem vor allem Roma leben. Dort hätten manche Eigentümer der Gammelhäuser Flugblätter verteilen lassen, Reklame für einen Umzug nach Gelsenkirchen. Andere Vermieter hätten regelrechte Anwerbekampagnen auf TikTok gestartet.

Möchte er wissen, wem ein Schrotthaus gehört, schaut Horstmann ins Grundbuch. Hat er Glück, ist dort nur eine einzige Person oder eine einzige Firma als Eigentümer eingetragen. Hat er Pech, dann ist das Haus in Eigentumswohnungen unterteilt, die verschiedenen Leuten oder verschiedenen Firmen gehören. Das macht die Recherche langwieriger.

Hinter den meist türkischen oder arabischen Familiennamen, die in den Grundbüchern verzeichnet sind, stecken Menschen, die selten in Erscheinung treten. Auf Briefe der Stadt reagieren sie nicht und lassen sich in Gelsenkirchen selten blicken. Manche von ihnen wechseln ständig die Wohn- und Geschäftsadressen, andere haben sich ins Ausland verzogen, in die Vereinigten Arabischen Emirate, die Türkei, den Libanon, die Niederlande oder nach Israel. Einige dieser Eigentümer ändern sogar ihre Namen. Wieder andere lassen sich von Strohleuten vertreten, die den Papierkram mit den Behörden erledigen, den Mietern Termine beim Jobcenter, Urkunden, Bankkonten und Karten für Geldautomaten beschaffen, formal aber Geschäftsführer einer Immobilienfirma sind. Die Strohleute wiederum greifen manchmal auf Gehilfen zurück, die in den Schrotthäusern das Kommando führen, vor Wohnungen aufkreuzen und die Miete bar kassieren.

Horstmann steht vor einem Dickicht aus Firmen und Hauseigentümern, das er bis heute nicht wirklich durchschaut. Verbirgt sich hinter den Schrotthäusern ein Netzwerk der organisierten Kriminalität? Danach sieht es aus, aber das bleibt im Dunklen.

Gelingt es Markus Horstmann, Eigentümer zu ermitteln, versucht er, »diese Leute zu quälen«, wie er sagt. Ein kaputtes Dach, durch das Regenwasser ins Haus sickert? Da kann er mit dem Baurecht drohen oder mit dem Ordnungsrecht. Manchmal gelingt es ihm sogar, »die Bude leer zu ziehen« und die Mieter auszuquartieren, sodass den Eigentümern viel Geld entgeht. Aber einschreiten dürfen die Behörden nur, wenn die Zustände derart katastrophal sind, dass Wohnungen geräumt und Hauseingänge zugemauert werden müssen. Sind die Missstände weniger drastisch, kann Horstmann wenig tun.

Selbst wenn die Stadt ein Bußgeld verhängt, heißt das noch nicht, dass sie es auch eintreiben kann. Ziemlich oft behaupten Eigentümer, zahlungsunfähig zu sein. Diese komplizierten Fälle werden dann unerledigt zur Seite gelegt.

Horstmann ist kein Strafverfolger, er kann andere Behörden bloß um Mithilfe bitten, aber selbst kein Ermittlungsverfahren einleiten. Oft, etwa wenn er vom Jobcenter eine Auskunft braucht, scheitert er am Datenschutz. Und fast nie ist er bei den Ermittlungsbehörden jemandem begegnet, der das Fachwissen besitzt, um das betriebswirtschaftliche Konstrukt der Schrotthaus-Eigentümer zu ergründen.

Seit er für die Stadt Gelsenkirchen arbeitet, hat er nie erlebt, dass Staatsanwälte gegen einen der Eigentümer aus dem Gelsenkirchener Schrotthaus-Milieu ermittelten. Das wäre auch schwierig. Denn wer ein Haus verwahrlosen lässt, begeht vielleicht ein paar Ordnungswidrigkeiten, aber in der Regel keine Straftat. Solange von Schrottimmobilien keine Gefahr ausgeht und kein Passant von einem herabfallenden Dachziegel getroffen wird, mischt sich die Justiz nicht ein. Und selbst wenn es zu einem Gerichtsprozess gegen einen der Eigentümer käme, fiele die Strafe vermutlich so lapidar aus, dass sich die Hinterleute darüber amüsieren würden.

Horstmann hat sich in einen Kampf um die öffentliche Ordnung gestürzt, bei dem er bald zu zweifeln begann, ob er ihn jemals werde gewinnen können. Weiß er nicht weiter, weil er die katastrophalen Zustände in einem Mehrfamilienhaus mit den Mitteln des Rechtsstaates nicht in den Griff bekommt, dann sagt er: »Diese Bude ist erst mal austherapiert.« Nichts zu machen, abwarten.

Es ist nicht einfach, Horstmanns Geduld übermäßig zu strapazieren, aber je mehr »Austherapierte« auf seiner Liste standen, umso öfter fragte er sich: Gilt in den »Siff-Buden« nicht die Verfassung? Handelt es sich um rechtsfreie Räume?

Im Grundgesetz der Bundesrepublik steht: »Eigentum verpflichtet.« Gemeint ist, dass Eigentum nicht nur private Freiheiten eröffnet. Damit geht auch Verantwortung für das Wohl der Allgemeinheit einher. Schon in der Verfassung der Weimarer Republik tauchte der Satz mit der Verpflichtung auf – eine Reaktion auf den zügellosen Kapitalismus der Industrialisierung und eine Mahnung, das persönliche Profitstreben zurückzudrängen.

»Eigentum verpflichtet.« Darüber hat Markus Horstmann eine Weile nachgedacht. »Da ist der Staat ganz schwach«, sagt er. Denn in der Verfassung ist noch etwas anderes festgeschrieben: der Schutz des Eigentums vor dem Zugriff des Staates. Läuft man durch Gelsenkirchen, fragt man sich, ob der Staat bereit ist, zwischen verantwortungsvollen und verantwortungslosen Eigentümern zu unterscheiden.

Allein dieser unschuldig klingende Begriff: Eigentümer. Da stellt man sich unauffällige Menschen vor, die in mühsam abbezahlten Einfamilienhäusern leben, ihre Gärten pflegen und pünktlich die Grundsteuer überweisen. Markus Horstmann jedoch stößt auf ganz andere Eigentümer: solche, die in teuren Geländewagen oder in schweren Limousinen mit getönten Scheiben vorfahren, um Zuwanderer in viel zu kleinen Wohnungen einzuquartieren. »Hubraum statt Wohnraum«, sagt er.

Die Vermieter bevorzugen Roma aus Bulgarien und Rumänien, weil die oft einen Ausweg aus dem Elend in der Heimat suchen und es für sie als EU-Ausländer relativ einfach ist, sich in Deutschland anzusiedeln und Sozialleistungen zu beziehen. Zumindest solange sie einen Job nachweisen können – und sei es nur ein Scheinjob. Frisierte oder gefälschte Arbeitsverträge vermitteln die Handlanger der Eigentümer auch, vieles haben sie im Angebot. Ihnen sind kinderreiche Familien besonders lieb, weil dann die Bedarfsgemeinschaft, der das Jobcenter die Miete zahlt, größer ist. Je mehr Menschen sie unterbringen, desto mehr Geld bekommen sie vom Staat.

Jemand aus dem Ausland, der ungelernt ist oder schlecht ausgebildet, käme niemals auf die Idee, sich ernsthaft nach einem Job in Gelsenkirchen umzuschauen, der bundesweit ärmsten Stadt mit der höchsten Arbeitslosenquote – 15 Prozent. Aber jemand, der sich von Schrotthaus-Vermittlern eine ramponierte Wohnung zuschanzen lässt und für die Finanzierung seines Lebens einen zuverlässigen Sozialstaat braucht, der ist in Gelsenkirchen richtig.

Hier, wo viele Häuser leer stehen, zahlt man für eine Wohnung durchschnittlich fünf bis sechs Euro Kaltmiete pro Quadratmeter – allerdings für eine intakte Wohnung. Die Eigentümer der Schrotthäuser verlangen im Extremfall bis zu acht Euro. Normalerweise ist Eigentümern daran gelegen, den Wert ihrer Immobilie zu erhalten, im besten Fall zu steigern. Bei den Schrotthäusern jedoch schadet die Entwertung den Eigentümern nicht, weil der Verfall die Rendite nicht bedroht.

Auf diese Weise ist ein Geschäftsmodell entstanden, das am besten in Städten funktioniert, in denen ungewöhnlich viele Gebäude leer stehen und man ein Schrotthaus mit acht Wohnungen für gerade mal 200.000 Euro kaufen kann.

Wenn Horstmann und seine Kollegen besonders viel erreichen, dann gelingt es ihnen, die Eigentümer so weit zu zermürben, dass sie ihr Schrotthaus der Stadt verkaufen. Ist das Gebäude arg ramponiert, wird es abgerissen – auf Staatskosten. Die Gewinne, die das Geschäftsmodell abwirft, fließen in private Hände. Die Kosten werden sozialisiert.

So wird der Geist der Verfassung in sein Gegenteil verkehrt: Eigentum entpflichtet. Wohnhäuser verrotten und ziehen das Leben in der Nachbarschaft, auch den Wert anderer Gebäude, in Mitleidenschaft. Und die Eigentümer werden am Ende mit dem Geld der Allgemeinheit entschädigt.

In dem Haus in der Ringstraße eilen die Polizisten die Treppe hinunter und sammeln sich vor der Tür, die Kontrolle ist hier beendet. Horstmann und der Einsatzleiter von der städtischen Ordnungsbehörde ziehen Bilanz: vier Fälle von Sozialleistungsbetrug, ein Fall von Schwarzarbeit. Als Nächstes steuert die Truppe den Stadtteil Rotthausen an. Auf den Klingelschildern des Mietshauses dort stehen rumänische Namen, im Hausflur liegt ungeöffnete Post: Briefe des Jobcenters, Mahnungen von Inkassounternehmen.

Während seine Kollegen an den Wohnungstüren die Personalien der Mieter prüfen, steht Horstmann mit dem Einsatzleiter unten vor der Haustür. Sie blättern durch die Listen, auf denen die Namen der Mieter verzeichnet sind, samt ihrer früheren Meldeadressen. »Guck mal hier, Krümmede 3 in Bochum«, sagt Horstmann. Der Einsatzleiter lacht. Krümmede 3 ist die Anschrift eines Gefängnisses.

Da stiefelt ein Mädchen mit einem hellblauen Schulranzen aus dem Hauseingang.
»Wer bist du?«, fragt der Einsatzleiter.
»Sofia«, sagt das Mädchen.
»Wie alt bist du?«

Das Mädchen streckt ihm alle Finger der linken und Daumen und Zeigefinger der rechten Hand entgegen.
»Sieben Jahre?« Der Einsatzleiter guckt auf die Uhr, es ist kurz vor neun. »Dann musst du längst in der Schule sein!«
Das Mädchen zuckt mit den Schultern.
Die Gelsenkirchener Schulen klagen seit Jahren über eine wachsende Zahl von Kindern, die immer wieder die Schule schwänzen. Die allermeisten stammen aus Roma-Familien.

Vor einer Wohnungstür in der Bromberger Straße in Gelsenkirchen-Rotthausen stehen an einem anderen Tag zwei junge Frauen und klingeln. Eine von ihnen heißt Alma Florea, sie ist Mitte zwanzig und in Rumänien geboren. Vor zwölf Jahren zogen die Eltern mit ihr nach Deutschland. Heute ist sie Sozialarbeiterin. Auf ihren Kapuzenpulli sind das Emblem der Stadt Gelsenkirchen und das Herz der Arbeiterwohlfahrt aufgedruckt. Unter ihrem Arm klemmen zusammengeheftete A4-Blätter – eine Liste mit den Namen Gelsenkirchener Schulkinder, die besonders oft schwänzen. Darunter ist auch ein Mädchen im Teenageralter, das hier in der Bromberger Straße lebt und in den vergangenen Monaten mehr als 80 Fehlstunden angehäuft hat.

Die Tür geht auf. Die Mutter des Mädchens und die Sozialarbeiterinnen begrüßen einander herzlich. Erst plaudern sie ein wenig, dann wird der Tonfall ernst. Die vielen Fehlstunden der Tochter seien ein Problem, sagt Alma Florea. Die Mutter entgegnet: Die Tochter fühle sich oft nicht gut. Wenn sie ihre Tage bekomme, habe sie derart starke Schmerzen, dass sie nicht am Unterricht teilnehmen könne. Die Sozialarbeiterin bietet an, einen Arzttermin zu vermitteln. Dann reicht sie der Mutter einen Stoß kleiner Zettel, Vordrucke für Entschuldigungsschreiben. »Sie müssen wenigstens den Lehrern Bescheid geben.«

Seit drei Jahren schickt die Stadt Gelsenkirchen Sozialarbeiterinnen wie Alma Florea von Tür zu Tür, sogenannte Schulmittler. Sie geben Auskunft über das deutsche Schulsystem, bieten Hilfe beim Ausfüllen von Formularen an, übersetzen bei Elternabenden. Kinder, die oft zu spät kommen, besuchen sie sogar frühmorgens, um sie wach zu klingeln. Dieser Service nennt sich Weckdienst.

»Die Leute denken immer: Das sind Roma, die haben keine Lust auf Schule«, sagt Alma Florea. Aber das stimme nicht. Einige Kinder kämen ausschließlich an Tagen mit Schwimm- oder Turnunterricht nicht in die Schule, weil den Eltern das Geld für Badehosen oder Sportsachen fehle. Andere Kinder würden gemobbt und trauten sich deshalb nicht zum Unterricht. Wieder andere seien chronisch übermüdet, weil sie sich mit älteren Geschwistern ein Zimmer teilten, die bis spätabends keine Ruhe gäben. Von den Eltern könnten diese Kinder wenig Hilfe erwarten. »Weil sie es nicht besser wissen.« Viele Mütter und Väter seien Analphabeten, hätten in der Heimat nie eine Schule besucht. »Sie denken: Zwei, drei Fehltage pro Woche sind schon okay.«

Für den Eigentümer eines vergammelten Hauses ist die Sache einfach: Für ihn sind die Mieter bloß eine Einnahmequelle. Für die Stadt hingegen stehen die Mieter im Mittelpunkt eines Problems, das enorme Kosten verursacht. Allein das Integrationsteam der Arbeiterwohlfahrt, zu dem Alma Florea gehört, beschäftigt bis zu 20 Angestellte, mitfinanziert von der Stadt. Hinzu kommen sechs bis acht Mitarbeiter im städtischen Referat Bauordnung und vier bis fünf bei der Wohnungsaufsicht, die ihre Zeit den Schrotthäusern widmen. Außerdem etwa 30 Leute in der Stabsstelle »Zukunftspartnerschaft Wohnen«. Im Gesundheitsreferat sind es zwei bis drei, in der Jugendhilfe vier bis fünf, im Jobcenter zwei bis vier Angestellte. Vier in der Ausländerbehörde, zwei beim Energieversorger, zwei in der Einsatzleitung der Stadtreinigung, fünf bei der Verkehrsüberwachung, die unversicherte Autos aus Bulgarien und Rumänien abschleppen lässt. Im Referat Umwelt kümmert sich jemand um den illegalen Schrotthandel, den einige Mieter betreiben. Es gibt auch amtliche Konflikt- und Beschwerdemanager, Verkehrserzieher, außerdem Berater, die das Sortieren von Müll erklären.

Dann sind da noch die Übersetzer der Wohlfahrtsverbände, mindestens zwei Leute. 80 bis 85 Mitarbeiter sind für den kommunalen Ordnungsdienst abgestellt, der die Schrottgebäude überprüft. Nicht eingerechnet sind die Lehrer und Kita-Erzieherinnen, die sich um die Kinder der Zuwanderer bemühen, nicht die Mitarbeiter des Referats Schule, das Räume für Integrationsklassen stellt, nicht die Gerichtsvollzieher, nicht die Leute des Zollamtes, auch nicht die der Polizei.

Manchmal sind die Bewohner der Schrotthäuser beides zugleich: Ausgetrickste und Trickser, Opfer und Täter. Horstmann kennt Wohnungen, in denen Cannabisplantagen angelegt wurden. Im Keller eines anderen Hauses züchteten Mieter illegal Kampfhunde, um sie zu verkaufen.

»Es wandert niemand in unsere Sozialsysteme ein«, erklärte die Sozialdemokratin Bärbel Bas, die Bundesministerin für Arbeit, vor wenigen Wochen. Als Markus Horstmann davon erfuhr, sagte er: »Was für ein Unsinn.« Fast die Hälfte der 12.000 Zugezogenen aus Südosteuropa lebt hier von Sozialleistungen. Eine wohlhabende Stadt könnte darüber hinwegsehen, in Gelsenkirchen gleicht diese Zahl einem Fiasko. Bei der letzten Bundestagswahl im Februar 2025 erhielt die AfD hier mehr Zweitstimmen als die anderen Parteien, fast 25 Prozent.

Das Amtsgericht ist ein Ort, an dem man den Eindruck gewinnen könnte, in dieser Stadt sei alles in bester Ordnung. Die Pförtner grüßen höflich, die Flure sind steril wie in einem Krankenhaus. Im Sitzungssaal 202 findet an einem Vormittag eine Zwangsversteigerung statt. Im Angebot ist eine Wohnung, deren Eigentümer sich weigerte, die Grundsteuer an die Stadt zu zahlen.

Die Wohnung liegt in einem Haus, das Horstmann gut kennt, es ist eines seiner austherapierten. In den Gutachten, die man vor der Versteigerung einsehen konnte, ist von »deutlichen Feuchtigkeitsschäden« die Rede, von »faulenden Dielen« und einer kaputten Heizung. Es bestehe »ein sehr hoher Instandsetzungsbedarf«.

Vorn im Saal schaltet ein Mann sein Mikrofon ein, der Rechtspfleger, der die Zwangsversteigerung leitet. Zu seiner Rechten sitzen die Gläubiger, zwei Mitarbeiter der Stadtkasse Gelsenkirchen. Auf den Zuschauerbänken: vier Männer, die auf ihren Handys herumwischen. Sie können an diesem Morgen ihre Gebote abgeben.

Der Rechtspfleger klärt die Bieter auf, welche Pflichten sie hätten, sollten sie den Zuschlag für die Wohnung erhalten. Die Pflicht, einen neuen Heizkessel einzubauen. Die Pflicht, eine Brandschutzversicherung abzuschließen. Die Pflicht, sich an die Bestimmungen zum Schutz von Mietern zu halten. Schließlich weist er die Bieter darauf hin, dass im Gerichtssaal Deutsch die Amtssprache sei und Gebote nicht in einer anderen Sprache abgegeben werden dürften.

»8.49 Uhr«, sagt der Rechtspfleger. »Die Bietzeit ist eröffnet.« Einer der vier Männer, ein Schmächtiger mit Brille, geht nach vorn. »Zwölftausend«, sagt er. Der Rechtspfleger notiert das Gebot.

Da meldet sich ein anderer Mann von den Zuschauerbänken zu Wort: »Ich zahl doch keine 12.000 Euro!« Er habe sich das Haus angeschaut, erzählt er, »völlig versifft« sei es gewesen, die Haustür kaputt. »Da ist Tag der offenen Tür, da steht alles offen, da will doch keiner wohnen!« Der Mann gibt kein Gebot ab, er regt sich auf. »Warum sollte ich diese Wohnung für so viel Geld ersteigern?« Der Rechtspfleger schweigt. Einer der beiden Vertreter der Stadt Gelsenkirchen presst die Lippen aufeinander und nickt.

Später, bei einem Gespräch in der Cafeteria des Gerichts, gibt der verärgerte Mann selbst eine Antwort auf seine Frage: »Das lohnt sich nur, wenn man bescheißt« – wenn man Menschen in der Wohnung einquartiere, die sich gegen den schlechten Zustand nicht wehren. Und wenn man mit ihrer Hilfe Geld vom Jobcenter erschleiche. Er selbst, sagt der Mann, habe sich ohnehin nicht für die Wohnung interessiert. Er sei nur gekommen, um sich anzuschauen, wie so etwas abläuft. Am nächsten Tag werde im benachbarten Essen ein Haus zwangsversteigert, auf das er bieten wolle. Dann erzählt er noch, dass er Elektrikermeister sei und eine kleine Baufirma betreibe. Er frage sich, warum er Steuern zahle, während die Schrotthaus-Vermieter straflos davonkämen.

Der Saal 202 im Gelsenkirchener Amtsgericht ist einer der wenigen Orte, an denen sich die Geschäftemacher, die auf Schrotthäuser aus sind, und die Kommune, die sich gegen diese Geschäfte zu wehren versucht, direkt gegenüberstehen. Hier das Profitstreben der Unternehmer auf Einkaufstour, dort die Paragrafenhuberei und die peniblen Verfahren des Rechtsstaats.

Der Mann, der an diesem Morgen den Zuschlag für die Wohnung bekommen hat, erklärt nach der Versteigerung, er sei Handwerker, wolle die Wohnung renovieren und »ganz normal vermieten«. Ob das stimmt? Was stimmt hier überhaupt?

Markus Horstmann hat erlebt, dass die Höchstbietenden oft noch nicht mal den Preis zahlen, zu dem sie eine heruntergekommene Wohnung oder ein marodes Mietshaus ersteigert haben. Laut Gesetz müssen sie nur ein Zehntel des meist geringen Verkehrswertes beim Gericht als Sicherheit hinterlegen – eine Art Anzahlung. Wer sie geleistet hat, ist Eigentümer des Hauses und darf Miete kassieren. Dies ist eine Besonderheit im Versteigerungsrecht, die von den Schrotthaus-Dealern ausgenutzt wird.

Den vollen Preis müssten die neuen Eigentümer eigentlich binnen weniger Wochen überweisen, tun es aber nicht – ohne Folgen. Wenn, wie so oft, die Stadt zu den im Grundbuch eingetragenen Gläubigern zählt, werden diese Schulden vom Höchstbietenden zügig beglichen. Damit ist die Stadt raus. Der Eigentümer zahlt danach zwar nichts mehr an die anderen Gläubiger, aber dagegen kann die Stadt nichts tun.

Bei diesen anderen Gläubigern handelt es sich meist um Privatleute. Sie haben angeblich dem früheren Besitzer des Hauses ein Darlehen gegeben, daher sind sie im Grundbuch verzeichnet. Wenn sie nun vom neuen Besitzer kein Geld erhalten, könnten sie eigentlich eine erneute Zwangsversteigerung erwirken. Aber das unterlassen sie und tun oft etwas Sonderbares: gar nichts. Manchmal geht es um hohe sechsstellige Summen, doch die Gläubiger verlangen kein Geld. Das kann nur bedeuten, dass die Gläubiger und die neuen Eigentümer gemeinsame Sache machen. Die Gläubiger halten still, um den Status quo der Immobilie zu zementieren, während ihre Komplizen, die den Zuschlag für das Gebäude gegen eine kleine Anzahlung bekommen haben, Miete kassieren. Ganz legal. Man hat es mit Pseudo-Gläubigern zu tun.

So ist die Zwangsversteigerung einer Schrottimmobilie für abgezockte Käufer ein Glücksfall, der Gipfel ihrer Pseudokratie, der Herrschaft des profitablen Scheins.

Über die Frage, was die Pseudo-Gläubiger mit den Eigentümern verbindet, rätselt Markus Horstmann noch immer. An diesem Punkt versagen seine Organigramme des Gelsenkirchener Schrotthaus-Imperiums. Gut möglich, dass im Grundbuch Schulden eingetragen werden, obwohl in Wahrheit nie Geld geflossen ist, es gar kein Darlehen gegeben hat – Pseudo-Schulden.

Das ist nur eine Variante, um Schrotthäuser vor dem Zugriff des Staates zu schützen. Beliebt ist auch das Kettenmodell: Ein Haus wird von einer Zwangsversteigerung in die nächste getrieben, und die Höchstbietenden sprechen sich untereinander ab. Das clevere Ausnutzen rechtlicher Grauzonen spricht dafür, dass ein mafiöses Betrugssystem dahintersteckt.

Der Einsatz, zu dem sich am frühen Morgen die 22 Männer und Frauen vor der Polizeiwache versammelt haben, ist beendet. Markus Horstmann und seine Kollegen haben das letzte Haus auf ihrer Liste kontrolliert, nun bietet er an, der ZEIT die Stadt zu zeigen, gemeinsam mit Marcel Günther, dem Einsatzleiter. Die beiden Männer steigen in einen Mannschaftswagen des Ordnungsdienstes, fahren an vielen austherapierten Gebäuden vorbei. Als einige Jugendliche das gelb-blau lackierte Auto mit den leuchtenden Streifen sehen, verdrücken sie sich in Hauseingänge. »Die wissen schon«, sagt Horstmann, »da kommen die Bösen.«

So böse ist er gar nicht, er hat sich viel mit der Geschichte und Kultur der Roma beschäftigt. Er hat Bücher gelesen, um herauszufinden, welchem Leben die Zuwanderer entkommen sind und warum ihnen eine feuchte Bleibe in Gelsenkirchen lieber ist als ihr früheres Zuhause. Er weiß, dass viele von ihnen an ein Leben in der Armut gewöhnt sind.

Horstmann weiß auch, dass einige Leute mit deutschen Familiennamen in die krummen Geschäfte mit Schrottimmobilien verstrickt sind, meist als Notare, die Kaufverträge absegnen, als Rechtsanwälte oder Steuerberater. Und natürlich bekommt er mit, wie viel Groll sich in der Stadt gegen die Roma angestaut hat. Aber er ist keiner von denen, die AfD wählen, weil sie den demokratischen Parteien nicht mehr zutrauen, Gelsenkirchen zu retten. Er würde sich nie als Retter bezeichnen, und doch ist er davon überzeugt, dass er an einer Rettungsaktion teilnimmt.

Horstmann und Günther biegen in den Innenhof eines Schrotthauses ein und halten, der Motor läuft. Lieber nicht aussteigen, kein Risiko eingehen. Der Hof steht voller Autos ohne Nummernschilder. An manchen Wagen schrauben Männer herum, andere Fahrzeuge werden gerade für den Transport fertig gemacht. »Wahrscheinlich alles illegal«, sagt Horstmann, und Günther nickt. Einige der beobachteten Männer nähern sich. Sie tragen Schraubenschlüssel in den Händen, einer ruft verärgert: »Das ist ein privater Parkplatz! Ihr habt hier nichts verloren!« Jetzt stehen sie direkt neben dem Einsatzwagen, werden lauter, bedrohlicher. »Privat, versteht ihr das nicht?« – »Besser, wir verschwinden«, sagt Horstmann, bevor Günther den Wagen wendet und davonfährt.

Schließlich erreichen sie eine gepflegte Reihenhaussiedlung. Günther geht vom Gas. Hier soll er wohnen, der Mann, den Horstmann »den Slum-Lord« nennt. Früher soll er Sat-Receiver in einem Laden verkauft haben. Ist er einer der Geschäftemacher, die im großen Stil mit Schrotthäusern dealen? Horstmann hält diesen Mann für unberechenbar. »Der hat eine extrem kurze Zündschnur.« Horstmann möchte ihm nicht begegnen und bittet Günther weiterzufahren.

Der Slum-Lord ist in dieser Gegend ein bekannter Mann. Man muss nicht lange herumfragen, um herauszufinden, wo er wohnt: in einer von Hecken geschützten Seitenstraße. Die Hausfassade ist aus makellosem Klinker, die Eingangstür schneeweiß gestrichen. Auf dem Fensterbrett steht, in Deko-Buchstaben, der Schriftzug »Home«. Der Slum-Lord wohnt in einem Reihenhaus wie aus dem Katalog einer Bausparkasse.

Einige Tage nach Horstmanns Kontrollfahrt, an der Haustür des Slum-Lords. Er öffnet, er trägt eine blaue Jogginghose. Ob er bereit sei, über seine Immobiliengeschäfte zu reden? »Nein.« Er habe fast alle Objekte verkauft, nur wenige Häuser besitze er noch. »Ich bin jetzt Privatier.« Und zieht die Haustür zu.

Markus Horstmann sagt, die meisten Geschäftsleute, die im Schrotthaus-Business tätig seien, hätten gute Anwälte und gute Steuerberater. »Wir kriegen die nicht in den Knast. Wir können die nur vergrämen.« Auch an die Häuser kommen Horstmann und seine Kollegen nur mit Glück heran: Wenn ein Eigentümer gerade bereit ist, seine Immobilie zu verkaufen. Und wenn das Haus in einem Gebiet liegt, in dem die Stadt ihr Vorkaufsrecht durchsetzen kann. Fragt man Horstmann, was wirklich helfen würde, antwortet er, ohne zu zögern: »Enteignung.«

In Gelsenkirchen geraten zwei zentrale Werte der bürgerlichen Gesellschaft miteinander in Konflikt: der Schutz des Eigentums sowie der Wunsch nach Sicherheit und Ordnung. Eigentum ist ein heiliges Gut in Deutschland, Enteignung das letzte aller geduldeten Mittel, um die Interessen des Staates durchzusetzen. Enteignung, das klingt nach Sozialismus, nach DDR, nach Willkür. Die Vermieter der Schrotthäuser bedrohen zwar den sozialen Frieden, sind aber als Eigentümer weitgehend unbedroht. Was zählt mehr – der soziale Friede oder der Schutz des Eigentums? Diese Frage ist noch immer ungelöst, in Gelsenkirchen, überall in Deutschland.

Noch in diesem Sommer soll der Bundestag über einen Gesetzentwurf entscheiden, den die Regierung gerade beschlossen hat. Bundesbauministerin Verena Hubertz will Städte wie Gelsenkirchen im Kampf gegen Schrotthaus-Eigentümer stärken. »Im Extremfall müssen Kommunen auch das scharfe Schwert der Enteignung einsetzen können«, sagte die Ministerin, als sie ihren Plan vorstellte.

Die Stadt könnte einem Eigentümer dann noch lange nicht einfach so sein Schrotthaus wegnehmen. Sie müsste ihn entschädigen. Aber sie könnte sein Geschäftsmodell zerschlagen.

Kaum war die Idee in der Welt, meldeten sich die Vertreter der Immobilieneigentümer. Der Verband Haus und Grund kritisierte die »völlig unverhältnismäßige Ausweitung gemeindlicher Eingriffsrechte in das Eigentum«. Das Gleichgewicht zwischen Gemeinwohl und Eigentumsschutz werde »zulasten privater Eigentümer verschlechtert«. Der Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen warnte, das Gesetz greife »erheblich in die Eigentumsgarantie« des Grundgesetzes ein. Als kürzlich der Zentrale Immobilien Ausschuss, die größte Lobbyvereinigung der Branche, sein Jahrestreffen abhielt, warnte die Präsidentin des Verbands davor, dass »Eigentumsrechte und marktwirtschaftliche Prinzipien fundamental infrage gestellt werden«.

Glaubt man der Lobby der Hauseigentümer, dann könnte man meinen, niemand müsse sich so sehr vor einem Zugriff des Staates fürchten wie jemand, der eine Immobilie besitzt. Markus Horstmann sieht das etwas anders.

Während seiner 35 Jahre in der Stadtverwaltung hat er nie von einer Enteignung in Gelsenkirchen oder einer Nachbarstadt erfahren. Ein einziges Mal sei damit gedroht worden, die Besitzer eines verfallenden Gehöfts in Gelsenkirchen-Bismarck zu enteignen, das man aus naheliegenden Gründen die Rattenburg nannte. Aber die Eigentümer gaben schnell auf und verkauften alles. Einer von Horstmanns Kollegen sagt: »Das Schwert der Enteignung ist so schwer, dass man es nicht gehoben bekommt.«

Vor wenigen Tagen hat Horstmann etwas getan, das ihm nicht leichtfiel: Er ist in Rente gegangen. Nie wieder muss er sich mit durchtriebenen Geschäftemachern auseinandersetzen, das könnte er als Erholung empfinden. Aber es ist komplizierter, wie so vieles in Gelsenkirchen. Markus Horstmann und die Eigentümer der Schrotthäuser, da hat sich ja eine lange, konfliktreiche Beziehung entwickelt. Er hat gelernt, an Wohnungstüren nicht immer nur vorsichtig zu klopfen, sondern energisch zu hämmern. Er hat sich über dreiste Vermieter hinweggesetzt, die ihm drohten: »Wir sehen uns zweimal.« Solche Sprüche hat er nie besonders ernst genommen, und dennoch hat er es vermieden, Schrotthäuser in seinem eigenen Viertel zu überprüfen. Besser, man macht sich in der Nachbarschaft keine Feinde. Auch einige seiner Kollegen wurden schon bedroht.

Horstmann fragt sich, ob sich sein Kampf gelohnt hat. »Wir haben etwas erreicht«, sagt er. Seit dem Jahr 2017 hat die Stadt 99 Problemhäuser unter ihre Kontrolle gebracht. 35 dieser Gebäude wurden abgerissen. 26 Millionen Euro hat das alles gekostet. 99 Häuser. Ein Erfolg? Ein Misserfolg? So oder so, für beides gibt es gute Argumente. 99, nicht gerade eine Rekordzahl, aber erheblich mehr als nichts. Horstmann sagt: »Wir haben Stärke gezeigt.«

Seine Kollegen, die ramponierte Häuser überprüfen, sind besser gewappnet als früher. Schon seit Längerem haben sie während ihrer Einsätze stichfeste Handschuhe dabei. Jetzt tragen sie auch kugelsichere Westen.



Aus: "Sie sind die Herrscher der Schrotthäuser. Er ist ihr Gegner" Caterina Lobenstein und Stefan Willeke (Aus der ZEIT Nr. 25/2026, 6. Juni 2026)
Quelle: https://www.zeit.de/2026/25/schrotthaeuser-gelsenkirchen-immobilien-markus-horstmann


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Quote[...] Vonovia ist eines der größten Immobilienunternehmen Deutschlands. Dem Konzern gehören hierzulande rund 471.000 Wohnungen, in denen Hunderttausende, vielleicht sogar eine Million Menschen leben. Eine davon ist die 75-jährige Monika Hohmann. Sie wohnt zusammen mit ihrem Hund auf 79 Quadratmetern in Westerfilde, einem Stadtteil im Dortmunder Nordwesten. Für die Wohnung zahlte sie bis März vergangenen Jahres 741,63 Euro warm, ein Preis am unteren Ende der damaligen Mietpreisspanne.

Und damit zu wenig, fand Vonovia im vergangenen Jahr und erhöhte Hohmanns Miete um 84,17 Euro im Monat. Da tat Hohmann etwas, das sich wohl nur wenige Mieter und Mieterinnen trauen würden: Sie wehrte sich gegen Vonovia, wurde dafür verklagt – und gewann. Wie hat sie das geschafft?

Ein kühler Vormittag im Mai. Monika Hohmann, eine zierliche Frau mit kupferroter Bobfrisur, sitzt auf ihrer schwarzen Ledercouch. Um ihre Füße herum wuselt Enzo, ein Cockerspaniel. Auf einem Sideboard steht ein Foto ihres verstorbenen Mannes. Mit ihm und ihrem kleinen Sohn zog Hohmann vor fast 46 Jahren, am 1. September 1980, in den Kiepeweg in Westerfilde. »Anfangs konnten wir es gar nicht fassen, dass wir jetzt in so einer großen Wohnung leben«, sagt sie. »Wir dachten, wir würden uns hier doch bestimmt verlaufen.«

Die ersten Jahre im Kiepeweg beschreibt Hohmann als gemeinschaftliches Idyll. In der Siedlung lebten viele junge Familien, man unterstützte sich gegenseitig. Die Mütter bewachten abwechselnd den Spielplatz, die Väter fischten Glasscherben aus dem Sand. »Das war ein gutes Miteinander«, sagt Hohmann.

Schon wenige Jahre später, in den 1980er- und 1990er-Jahren, habe sich die Siedlung verändert, sagt Hohmann. Der Bund hatte einen sogenannten Fehlbelegungszuschlag eingeführt: Mietern, deren Einkommen über die Zeit gestiegen war, erhöhte die Stadt Dortmund die Miete. Denn die Wohnungen wurden staatlich gefördert, und wer nicht auf eine solche Wohnung angewiesen war, sollte mehr zahlen – oder ausziehen. »Da sagten viele langjährige Mieter: Für das Geld können wir auch bauen oder kaufen«, erinnert sich Hohmann.

Auch sie musste damals nun nicht mehr 280, sondern 440 Mark zahlen. Die Hohmanns blieben trotzdem, aber viele befreundete Familien zogen aus. Die neuen Mieter brachten, so nahm Hohmann es wahr: Kriminalität, Müll, Lärm. Die Vermieter habe wenig interessiert, was in ihren Häusern passierte. Denn die Siedlung wurde immer wieder verkauft, oft an ausländische Wohnungsunternehmen und Investoren. »Einmal saß ich mit dem Vertreter eines dänischen Investmentfonds bei mir zu Hause«, sagt Hohmann. »Der wusste gar nicht, was er hier gekauft hat.«

Die Jahre zogen ins Land, die Miete der Hohmanns floss mal an diesen, mal an jenen Vermieter, und der Zustand der Siedlung wurde immer schlechter. »Der Putz blätterte von den Häusern, die Wände waren braun vom Kalkwasser und die Straßenschilder so überwuchert, dass man sie nicht mehr lesen konnte«, sagt Hohmann. »Die Firmen steckten keinen Cent in die Instandhaltung der Siedlung.«

Vor dem Vonovia-Büro in Westerfilde steht ein buntes Schild, das die Geschichte der Siedlung ab 2015 erzählt – dem Jahr, in dem die GAGFAH die 680 Wohnungen rund um den Kiepeweg kaufte. Noch im selben Jahr kaufte Vonovia die GAGFAH und übernahm in der Folge auch die Siedlung in Westerfilde. »Die Quartiersentwicklung beginnt mit dem Neubau der Spielplätze am Gerlach- und Kiepeweg«, steht auf dem Schild, und: »Die energetische Modernisierung startet.«

Tatsächlich sieht es heute hübsch aus in der Siedlung. Es gibt einen kleinen Gemeinschaftsgarten, durch den ein verschlungener Weg führt, vorbei an Rosmarinsträuchern und einer Bank aus bunten Mosaiksteinen. Einen Boule-Platz. Bienenhotels. Einen großen Kinderspielplatz. Und die Häuser, in denen Monika Hohmann und ihre Nachbarinnen leben, haben einen neuen Anstrich bekommen. Auf manchen Fassaden sind die Bewohner der Siedlung gemalt, auch von Hohmann gibt es solch ein Bild.

Wenn Wohnungsunternehmen ältere Immobilien kaufen, stecken sie oft viel Geld in die Modernisierung. Sie streichen Fassaden, erneuern die Dämmung, tauschen Heizsysteme aus. Vermieter bezeichnen solche Investitionen oft als notwendig, weil sie so die Gebäude erhalten und den Wohnstandard verbessern. Und oft sind diese Investitionen tatsächlich angebracht, oft jedoch auch nicht. Belastbare Zahlen, wie häufig solche Modernisierungen eigentlich nur als Vorwand dienen, um die Miete zu erhöhen, gibt es nicht. Mietervereine sprechen daher von einer Verdrängungsstrategie. Denn die Modernisierungskosten können die Vermieter zum Teil auf die Mieter umlegen – auch wenn die Miete dann über der ortsüblichen Vergleichsmiete liegt.

Monika Hohmanns Miete sollte erhöht werden, da sie laut Vonovia in einem »aufwendig gestalteten Wohnumfeld« wohne. Ein Begriff aus der mietrechtlichen Praxis, der nicht einfach eine schöne Gegend meint, sondern einen »besonderen gärtnerischen und/oder architektonischen Aufwand« erfordert, wie ein Berliner Gericht es einmal definierte. Dieser Aufwand müsse über bloße Grundausstattungen wie Wege oder Bepflanzungen hinausgehen. Beruft ein Vermieter sich auf ein aufwendiges Wohnumfeld, ist ihm erlaubt, eine höhere Vergleichsmiete anzusetzen.

Aus Sicht von Vonovia durfte das Unternehmen im Fall Hohmann die Miete anziehen. Es gebe in der Siedlung viele Grünflächen, die Nachbarschaft sei gut mit Einkaufsmöglichkeiten versorgt, und außerdem könnten Hohmann und ihre Nachbarinnen ihre Fahrräder an Bügeln abstellen, argumentierte Vonovia. Viele Parkplätze seien auch da.
Auch in Hohmanns Wohnung selbst gibt es aus Sicht von Vonovia einige »wohnwerterhöhende Merkmale«: neue Fenster, nachträglich gedämmte Außenwände, manuell bedienbare Rollläden. Das Unternehmen führte noch einige weitere Merkmale an, die den Wohnwert von Hohmanns Immobilie aus ihrer Sicht erhöhen.

In Dortmund ist Hohmann mit ihrem Fall nicht allein. Laut dem Mieterbund Nordrhein-Westfalen fordert Vonovia derzeit in zahlreichen Fällen höhere Mieten wegen sogenannter Wohnwertmerkmale. Auch in Berlin, Hamburg und Dresden gibt es laut Mieterbund ähnlich gelagerte Fälle. In Dresden habe Vonovia bereits im Januar mehr als 10.000 Mieterhöhungen verschickt, sagt Florian Bau vom Mieterverein Dresden. »Wie auch in anderen Städten hat die Vonovia Wohnwertmerkmale für höhere ortsübliche Vergleichsmieten verwendet, die juristisch so nicht haltbar sind.« Das Dortmunder Amtsgericht verweist in Hohmanns Urteil darauf, dass Vonovia ähnliche Verfahren »massenhaft« führe.

Laut Vonovia gebe es lediglich bei einem sehr geringen Teil der Mieterinnen und Mieter überhaupt Rückfragen oder Einsprüche zu den Mieterhöhungen des Unternehmens. Die Zustimmungsquote zu Mietanpassungen zur ortsüblichen Vergleichsmiete habe in den vergangenen Jahren bei mehr als 90 Prozent gelegen. »Nur in seltenen Fällen können wir uns mit unseren Kundinnen und Kunden nicht einigen, und die genaue Auslegung muss gerichtlich geklärt werden«, sagt Christina Jordan, Pressesprecherin bei Vonovia. »Auch diesen sehr seltenen, gerichtlichen Überprüfungen halten unsere Mietanpassungen meistens stand.«

Nicht so bei Monika Hohmann. Sie hat der Mieterhöhung durch Vonovia zunächst nicht zugestimmt und sich Hilfe vom Dortmunder Mieterverein geholt. Deren Anwälte gaben Hohmann recht: Ein Großteil der von Vonovia veranschlagten Zuschläge seien unzulässig. Außerdem seien wertmindernde Merkmale nicht berücksichtigt worden, etwa das fensterlose Badezimmer oder die Küche, die sich nicht beheizen lässt. Hohmann legte Widerspruch ein. Vonovia zeigte sich zunächst einsichtig, entschuldigte sich sogar und forderte schlussendlich eine Mieterhöhung von nur noch 33,65 Euro pro Monat.

Immer noch zu viel, befanden Hohmann und ihre Anwälte. Angemessen sei aus ihrer Sicht eine Erhöhung von 22,70 Euro, rund elf Euro weniger, als Vonovia verlangt hatte. Weil Hohmann die nicht zahlen wollte, reichte Vonovia Klage gegen die Rentnerin ein.

Doch das Dortmunder Amtsgericht sah es ähnlich wie Hohmann und ihre Anwälte: Viele Merkmale, die aus Vonovias Sicht als werterhöhend gelten, sind es in Hohmanns Fall nicht, Fahrradbügel, Müllstandplätze und Laternen zum Beispiel. Gleichzeitig seien wertmindernde Merkmale außen vor gelassen worden.

Die Klage von Vonovia gegen Hohmann wurde abgewiesen, das Unternehmen darf von der Rentnerin erst mal keine höhere Miete verlangen. »Als ich das Schreiben vom Gericht im Briefkasten hatte, war ich schon etwas nervös«, sagt Hohmann. Angst, dass sie den Prozess verlieren könnte, hätte sie aber keine gehabt. Das Urteil ist rechtskräftig.

Vonovia betont, man schätze Hohmanns Engagement in der Westerfilder Siedlung. »Manchmal sind wir uns aber auch nicht einig«, sagt Vonovia-Sprecherin Jordan. Daher sei es zu der gerichtlichen Auseinandersetzung gekommen. Das Gericht habe »den Einzelfall vom Frau Hohmann detailliert betrachtet und einzelne Merkmale für ihre Mieterhöhung ausgeschlossen«.

Dass Vonovia auch nach Niederlagen vor Gericht weiterhin Mieterhöhungsverlangen mit vergleichbaren Begründungen verschickt, will das Unternehmen nicht bestätigen. »Wir setzen auf Grundlage der Mietspiegel Merkmale zum Wohnwert an«, sagt Jordan. »Diese werden für jede Wohnung einzeln festgelegt, und deswegen befassen sich im Streitfall auch die Gerichte mit den individuellen Umständen.«

Hohmann sieht die Angelegenheit grundsätzlicher. »Eigentum verpflichtet, und auch Mieter haben Rechte«, sagt sie. »Manchmal sollte man auch seinen Mund aufmachen und nicht lockerlassen.« Sie rät Mietern und Mieterinnen dazu, sich zu vernetzen – dem örtlichen Mieterverein beizutreten, aber auch mit den Nachbarn ins Gespräch zu gehen. Sie selbst hat vor etwa 20 Jahren eine lokale Mieterinitiative mitgegründet und setzt sich dort für die Bewohner ihrer Siedlung ein.

An Hohmanns Haustür klebt gerade ein Zettel: Vonovia will in den Wohnungen in der Siedlung neue, smarte Rauchmelder installieren lassen. Der nächste Konflikt, befürchtet Hohmann. Sie möchte die Rauchmelder nicht haben. Denn mit ihnen käme die nächste Mieterhöhung, wenn auch nur um wenige Euro pro Monat.

Vonovia-Sprecherin Jordan betont, dass die neuen Rauchmelder Sicherheit und Wohnkomfort erheblich steigern würden. Der Einbau sei eine Modernisierungsmaßnahme im Sinne des Gesetzes, »da eine technische Verbesserung und Aufwertung der Sicherheitstechnik vorgenommen wird«, sagt Jordan.

Als kürzlich die Installateure kamen, hat Hohmann sie nicht hereingelassen. Sie hat ihren Nachbarn Bescheid gegeben und denjenigen, die nicht im Mieterverein sind, dabei geholfen, einen Widerspruch zu formulieren. »Da habe ich wieder alle aufgehetzt«, sagt sie und lacht. »Soll Vonovia mich doch noch mal verklagen.«


Aus: "Frau Hohmann gegen Vonovia" Celine Schäfer, Dortmund (2. Juni 2026)
Quelle: https://www.zeit.de/geld/2026-05/vonovia-mieterhoehung-dortmund-rentnerin-gericht

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Quote[...] Wer große Reformen fordert, kann mit Applaus rechnen. Mit seinen Reden versucht der Bundeskanzler schon seit Längerem, Kabinett und Land unter Handlungsdruck zu setzen. Die Regierung müsse liefern, die Nation müsse sich aufraffen, zu gewichtig und zu drängend seien die Probleme, die jetzt angegangen werden müssten.

Doch was sind das eigentlich für ,,Reformen", von denen jetzt überall die Rede ist? Wer würde von ihnen profitieren, wer dabei verlieren? Der Zeit- und Handlungsdruck, der nicht nur von Regierungsseite erzeugt wird, eignet sich wunderbar, derlei Fragen hintanzustellen. Markus Söder brachte es vor Kurzem fertig, eine ganze Talkshow mit Dringlichkeitsbeteuerungen zu absolvieren, ohne auch nur ein einziges Vorhaben auszubuchstabieren. Die inhaltlichen Diskussionen finden zuerst in geheim tagenden Kommissionen und internen Koalitionsrunden statt; die Öffentlichkeit nimmt die Ergebnisse lediglich im Nachhinein zur Kenntnis. Mal mehr, meist weniger erfreut.

Das hat auch damit zu tun, wie sich der Reformbegriff in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt hat. Noch während der sozialliberalen Koalition in den Siebzigern waren Reformforderungen eng mit der Erwartung gesellschaftlichen Fortschritts verknüpft, eine semantische Nähe, die auf das 19. Jahrhundert zurückgeht. Die Bildungs- und Aufstiegschancen sollten vergrößert, Staat, Verwaltung, sogar Betriebe und Familien demokratisiert werden. Von Reformen konnte sich die breite Wählerschaft etwas versprechen. Also waren mit ihnen auch Wahlkämpfe zu führen und Mehrheiten zu gewinnen.

Die Reformen, über die die Regierung Merz spricht, stehen dagegen in einer anderen Traditionslinie. Sie erinnern an das Lambsdorff-Papier, das 1982 die Hoffnungen der sozialliberalen Reformära als fiskalisch unmöglich verwarf, und an die Agenda-Reformen unter Gerhard Schröder. ,,Reformen" bedeuten in dieser politischen Sprache nicht etwa Verbesserungen, sondern Einsparungen, Kürzungen, Zumutungen. Diese Maßnahmen sind so unpopulär, dass man sie lieber nach den Wahlen und unter Abschirmung der Öffentlichkeit aushandelt. Sie sind notwendig und dringend, aber nicht weil die Geschichte Fortschritt ermöglicht, sondern weil Weltmarkt und Demographie Anpassungen verlangen.

Reformen dieser Art sind mit Nachteilen verbunden – sie bürden einem Teil der Bürgerschaft etwas auf, um einen anderen zu entlasten oder um die sozialen Sicherungssysteme zu sanieren. In der Öffentlichkeit wird jedoch bisweilen der Eindruck erzeugt, der Unterschied zwischen diesen beiden Reformtypen spiele keine Rolle. Als gebe es beim Umbau des Sozialstaats keine Interessengegensätze auszutragen, sondern nur politische Kräfte, die auf der Bremse stehen, und solche, die Fortschritte fordern. Als der Bundeskanzler auf dem Gewerkschaftskongress die gesamte Gesellschaft aufforderte, zum Gelingen der Reformen etwas beizutragen, und dafür ausgebuht wurde, hat sich genau dieser Eindruck verfestigt: dort die renitenten Gewerkschaftsvertreter, hier der reformwillige Politiker.

Doch ob Renten- oder Krankenversicherung, ob Steuerreform oder Arbeitsrecht, bei allem, was bisher diskutiert wird, gibt es eindeutige Verlierer und Gewinner. Man kann die Buhrufe, die der Kanzler erntete, respektlos nennen. Sie waren aber auch ein Aufruf zur politischen Aufrichtigkeit. Eine Erinnerung daran, wie grundlegend die Gerechtigkeitsfragen sind, die sich beim anstehenden Umbau des deutschen Sozial- und Steuerstaates stellen. Der Gesellschaftsvertrag wird in den kommenden Jahren in gleich mehreren Hinsichten substanziell umgeschrieben werden. Über die hierbei ausbrechenden Konflikte kann man nicht einfach hinweggehen – man muss sie offen benennen und politisch austragen. Für drei Bereiche gilt das in besonderer Weise.

Ein umkämpftes Feld ist der Arbeitsmarkt. Auf dem Weg der Arbeitsrechtsgesetzgebung versucht die Arbeiterbewegung schon seit dem späten 19. Jahrhundert den Lohnvertrag zu dekommodifizieren. Die Ökonomie sollte dem Leben dienen, nicht umgekehrt. Der Acht-Stunden-Tag, dessen Fixierung in der Spätphase der Novemberrevolution erreicht wurde, bezweckte genau das. Der Arbeiter muss, wie es Robert Owen klassisch formuliert hat, nach acht Stunden Arbeit genügend Zeit haben für acht Stunden Freizeit und acht Stunden Ruhe, damit er mehr ist als ein Rädchen im Getriebe.

Die Union will an diesem alten Grundsatz rütteln. Der Acht-Stunden-Tag soll weichen zugunsten einer maximalen Wochenarbeitszeit, weil etwa die Arbeit mit internationalen Teams in der modernen Dienstleistungsgesellschaft höhere Flexibilität erfordere. Die Forderung ist nicht unbegründet, verteilt die Nachteile einer solchen Reform aber sehr ungleich: In Deutschland arbeiten nur knapp 40 Prozent der Beschäftigten in Büros, drei Viertel der Erwerbstätigen haben keinerlei Möglichkeit zur Heimarbeit. Menschen, die schon jetzt lange und anstrengende Schichten in der Industrie, in der Pflege oder in der Logistik schieben, könnten theoretisch auf bis zu 13-Stunden-Tage verpflichtet werden (Hin- und Heimfahrt noch nicht eingerechnet). Die Flexibilisierung, die sich einige wünschen, müssten andere ausbaden.

Etwas Ähnliches gilt auch für die Rente. Vor dem DGB sagte Merz, einschneidende Reformen bei der Altersversorgung seien ,,keine Bösartigkeit von mir oder von der Bundesregierung", sondern lediglich Ausdruck von ,,Demographie und Mathematik". Die Union will den Konflikt zwischen Arbeitnehmern und Nichtmehrarbeitnehmern zugunsten der Ersteren lösen: Das Rentenniveau soll reduziert oder das Eintrittsalter erhöht werden, damit die Beiträge nicht weiter steigen. Das ist aber nur eine Option und keineswegs die einzig mathematisch mögliche.

Genauso gut könnte man die seit Bismarck konservativ ausgerichtete Rentenversicherung um einen Umverteilungsaspekt ergänzen und die Äquivalenz zwischen Beiträgen und Rentenzahlungen aufbrechen. Gutverdiener würden dann jene mit geringen Rentenanwartschaften mitfinanzieren. Um die zu verteilende Rentensumme zu erhöhen, könnten auch andere Berufsgruppen oder Kapitaleinkünfte mit herangezogen werden, statt, wie bisher, die Rente als reine Versicherung von und für abhängig Beschäftigte zu betrachten. Auch dafür gibt es Vorbilder. Was hiervon gewählt wird, ist keine Frage der Reformbereitschaft oder der Mathematik, sondern eine Frage sozialer Interessen und politischer Macht.

Die größte Veränderung aber steht im Bundeshaushalt selbst an, jenem ,,aller verbrämenden Ideologie entkleideten Gerippe des Staates" (Rudolf Goldscheid). Bis 2030 werden aller Voraussicht nach 80 Prozent der Bundesmittel in die Etats Soziales, Verteidigung sowie das fiktive Ressort Bundesschuld fließen – bei insgesamt eher stagnierenden Steuereinnahmen. Innerhalb der Regierung wird deshalb schon seit Wochen darüber diskutiert, welchen Bevölkerungsgruppen wie viel zugemutet werden muss, damit die Gesamtrechnung weiterhin aufgeht.

Man kann auf diese Zahlen blicken und sagen: Deutschland leistet sich einen zu üppigen Sozialstaat, bei dem also am ehesten gespart werden sollte. Man kann aber auch sagen: Deutschland leistet sich bald ein außerordentlich großes Militär – die Verteidigungsausgaben werden sich binnen kürzester Zeit mehr als verdreifachen, fast jeder dritte Euro des Haushalts wird in Panzer und Soldatengehälter fließen. Warum sollten dafür ausschließlich Sozialleistungsempfänger geradestehen, durch Kürzungen vom Bürger- bis zum Elterngeld? Historisch gesehen waren Kriegs- und Krisenzeiten meist Momente, in denen Reichen und Vermögenden mehr Solidarität abverlangt wurde. Zumal es sich um jene Klasse handelt, die schon bald jeden zehnten Euro aus dem Haushalt in Form von Zinszahlungen erhält. Der DGB hat jüngst ein Steuerkonzept vorgelegt, das diesem Bedürfnis Rechnung trägt. Ernsthaft diskutiert wurde es nicht.

Es ist mal wieder das alte Lied von der Alternativlosigkeit, mit der in Öffentlichkeit und Politik über diese grundlegenden Gerechtigkeitsfragen hinweggegangen wird. Ob Pflegeversicherung, Rente, Steuern oder Arbeitsschutz: Reformvorschläge, die in den solidarischen Zusammenhang der deutschen Gesellschaft eingreifen, werden als reine Standort- und Kostenfrage abgehandelt. Wer widerspricht, gehört zu den angeblichen Besitzstandswahrern, die den Ernst der Lage nicht verstanden haben.

Doch was ist eigentlich größer: die ökonomische oder die politische Gefahr? Nach den Agenda-Reformen hat sich das Wahlergebnis der SPD beinahe halbiert – ein Großteil ihrer Wähler blieb der Wahlurne fern oder machte sein Kreuz fortan bei der Linken. Heute ist es wohl eine andere Partei, die die Unzufriedenen einsammelt. Einen abermaligen Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsverlust in dieser Größenordnung werden aller Voraussicht nach weder die Sozialdemokratie noch das Land verkraften. Die Wirtschaftskrise, die man auf diesem Weg vielleicht löst, wäre durch eine Legitimitätskrise erkauft, deren Folgen über Fiskalarithmetik weit hinausgehen.


Aus: "Warum Widerstand gegen diese Reformen berechtigt ist" Ein Kommentar von Oliver Weber (09.06.2026)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/reformen-des-sozialstaats-warum-widerstand-berechtigt-ist-200871888.html

Oliver Weber Geboren 1997 in Kelheim. Nach dem Abitur Studium der Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre an den Universitäten Mannheim und Regensburg. 2022 bis 2025 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich Politische Theorie und Ideengeschichte der TU Darmstadt. Als Doktorand Arbeit an einer Dissertation über Geschichtsphilosophie und Eigentumsbegriff des frühen Liberalismus. Während des Studiums Hospitanzen in den Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der ,,Zeit". Dort und bei der ,,Süddeutschen Zeitung" regelmäßige Mitarbeit als freier Autor. 2025 Eintritt in die Feuilletonredaktion der F.A.Z.


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Quote[...] Roberto Saviano (46) ist ein italienischer Schriftsteller und Journalist, der durch ein Buch über die Mafia bekannt wurde. Er lebt seither unter Polizeischutz.

[...] Der mutmaßliche Mord an vier Erntehelfern in Italien sorgt für Entsetzen. Doch das System der Ausbeutung, das dahintersteckt, will niemand sehen und niemand ändern. ...

[...] Man muss, wie bei jedem Verbrechen, der Spur des Geldes folgen. Man muss den Tomaten folgen, den Erdbeeren, den Mandarinen, den Aprikosen, Weintrauben und Äpfeln. Man muss den Lastwagen folgen, die von den Feldern zu den Supermärkten fahren. Man muss die Lieferkette verfolgen. Weil die vier Männer von Amendolara nicht allein von den zwei mutmaßlichen Tätern getötet wurden, sondern von einem kriminellen System, das die ganze Landwirtschaft betrifft, und nicht nur die italienische.

Im Jahr 2022 hatte eine umfangreiche Untersuchung der Staatsanwaltschaft von Castrovillari aufgedeckt, was sich in der Region Sibaritide, im Nordosten Kalabriens, zutrug. Die Ermittlungen dauerten zweieinhalb Jahre und legten die gesamte Kette offen. Es wurden zehn landwirtschaftliche Betriebe beschlagnahmt, Vermögenswerte im Wert von fünfzehn Millionen Euro sichergestellt, es gab Dutzende von Festnahmen. Die Carabinieri deckten eine komplexe kriminelle Organisation auf: Es gab diejenigen, die die Arbeiter anwarben, diejenigen, die sich um die Unterkünfte kümmerten, diejenigen, die die Transporte organisierten, diejenigen, die gefälschte Dokumente beschafften, und diejenigen, die die Beziehungen zu den Betrieben pflegten. Eine ganze Befehlskette, die um eine einzige Ware herum organisiert war: verzweifelte Menschen.

Die Arbeiter wurden vor Sonnenaufgang abgeholt und nach Sonnenuntergang zurück in ihre Unterkünfte gebracht. Zwölf Stunden Arbeit, manchmal auch mehr. Sie erhielten fünfzehn Euro – am Tag. Keine Absicherung, keine Gesundheitsversorgung, Pausen, die nur wenige Minuten lang waren. Und dann die Vorarbeiter, die sie ständig kontrollierten. Die den Landarbeitern drohten, sie schlugen, sie erpressten und einen Teil von ihrem ohnehin miserablen Lohn verlangten.

Durch abgehörte Gespräche erfuhren die Ermittler vom Fall eines Akkordarbeiters. Er bekam 30 Cent für jede gefüllte Kiste Tomaten. Vom frühen Morgen bis zum Nachmittag gelang es dem Mann, 630 Kisten zu füllen, er verdiente damit 180 Euro. Bei seiner Arbeit zog er sich einen Muskelfaserriss an der Leiste zu. Die caporali setzten ihn am Straßenrand aus, ohne ihm zu helfen, so wie man sich eines kaputten Werkzeugs entledigt. Aber nicht eines Menschen.

Als die Ermittler an die Türen der landwirtschaftlichen Betriebe klopften, entdeckten sie etwas noch viel Beunruhigenderes: Die Unternehmer wussten davon. Sie wussten von der Ausbeutung, den Arbeitsbedingungen, von den caporali. Und trotzdem machten sie weiter. Die Unternehmen legten gefälschte Verträge vor, die eigens für den Fall einer Kontrolle vorbereitet worden waren. Die Papiere dienten dazu, die Realität zu verschleiern; die Legalität wurde zur Kulisse. Schwarzarbeit wurde als reguläre Arbeit getarnt. Die Unternehmen besaßen genügend Dokumente, um die Ermittler zu täuschen.

Die entscheidende Frage ist daher nicht, wer die caporali sind, sondern wer ihnen die Macht gibt. Die Antwort ist einfach: Die Macht der caporali erwächst aus dem Bedarf der landwirtschaftlichen Betriebe. Die brauchen die Dienste der caporali, um Tausende Saisonarbeiter zu finden. Dank der caporali stehen die Arbeitskräfte zur Verfügung, wenn sie gebraucht werden, sie kosten wenig, begehren nicht auf und verschwinden nach Saisonende wieder. Die Unternehmer profitieren also zweifach: Sie bekommen Arbeitskräfte, und sie müssen wenig für sie bezahlen.

Die von den Helfern gesammelten Früchte werden nach der Ernte Teil des sauberen Teils der Lieferkette: Sie werden von den Erzeugern zu den Verarbeitungsbetrieben gebracht, von dort zu den Genossenschaften, von den Genossenschaften zu den Sortierlagern, dann zu den Logistikzentren, zu den Großmärkten und schließlich zum Großhandel. Von da in die Supermärkte, wo sie in ordentlichen Kisten, in bunten Netzen unter dem kalten Licht der Verkaufstheken angeboten werden. Der Verbraucher sieht die Größe, die Herkunft, den Kilopreis. Er sieht nicht den Sonnenaufgang, den Minivan, den mageren Lohn, den caporale, den Schweiß.

Die Konkurrenz der italienischen Landwirtschaft sitzt vor allem in Spanien, dem europäischen Giganten in den Bereichen Zitrusfrüchte und Gemüse. Ebenso wie die Produzenten aus Südafrika, Argentinien, Marokko, Ägypten und Israel dafür sorgen, dass den Verbrauchern jederzeit jedes Obst und Gemüse zur Verfügung steht. Der Großhandel ist immer in der Lage, die italienischen Produzenten zu bedrohen: Wenn deren Waren zu viel kosten, wird woanders eingekauft. Aber es ist falsch zu glauben, dass eine gute Bezahlung der Landarbeiter das Obst unerschwinglich machte. Es würde nur wenige Cent Aufpreis bedeuten, würden die Kosten für reguläre Arbeit eingepreist. Ein Netz Mandarinen könnte zwanzig oder dreißig Cent mehr kosten, aber nicht das Doppelte. Nicht das Dreifache. Sklaverei dient nicht dem Verbraucher, sondern sichert die Gewinnspannen der Unternehmen, die an der Lieferkette beteiligt sind.

Ein Kilo Mandarinen. Ein Supermarkt verkauft sie für zwei Euro. Er zahlt dem Lieferanten 1,20 Euro und gibt 40 Cent für Logistik, Ausschuss und interne Kosten aus. 40 Cent behält er als Gewinn. Eine gewöhnliche Wertschöpfungskette, scheinbar normal. Nun stellen wir uns vor, dass eine bessere Entlohnung der Erntehelfer zu zehn Cent höheren Kosten pro Kilo führen würde. Zehn Cent. Weniger als ein Zwanzigstel der Kosten für einen Kaffee.

Wenn diese Kosten vom Verbraucher getragen werden, zahlen sie für ein Kilo 2,10 statt 2 Euro. Ein Unterschied, den fast niemand bemerkt, wenn er das Obst in den Einkaufswagen legt. Wenn hingegen der Preis nicht steigt und jemand in der Lieferkette die Kosten trägt – wenn der Supermarkt dem Lieferanten 1,30 Euro statt 1,20 Euro zahlt –, sinkt seine Marge von vierzig auf dreißig Cent. Das scheint wenig zu sein. Aber bei einer Million verkaufter Ein-Kilogramm-Netze summieren sich diese zehn Cent auf 100.000 Euro. Zuvor verdiente der Supermarkt 400.000 Euro an diesem Produkt. Nun würde er 300.000 Euro verdienen.

Das ist der springende Punkt. Die Sklaverei auf den Feldern bringt der Familie, die das Obst im Supermarkt kauft, keine wirklichen Einsparungen – sie spart zehn Cent pro Netz, eine Summe, die wohl kaum einen Unterschied macht. Die Ausbeutung schützt etwas anderes: den Profit derer, die diese Centbeträge mit Tonnen, der Anzahl der Ernten und Jahre multiplizieren. Die menschlichen Kosten der Ausbeutung werden nicht auf alle verteilt. Sie lasten auf den Schultern derer, die keine Stimme haben. Und der Gewinn geht an keinen Verbraucher. Er fließt an die Spitze der Kette.

Die Regierung bleibt nicht aus Nachlässigkeit tatenlos: Es ist eine politische Entscheidung. Der italienische Agrar- und Lebensmittelexport erreichte 2024 einen Rekordwert von 69,1 Milliarden Euro – das sind elf Prozent des gesamten Exports. Hinter diesen Zahlen verbirgt sich eine versteckte Subvention: Die illegale Vermittlung von Arbeitskräften drückt die Arbeitskosten auf etwa zwei Euro pro Stunde. Sie macht Erdbeeren, Tomaten und Zitrusfrüchte, die sonst chancenlos wären auf den internationalen Märkten, wettbewerbsfähig.

Die Legalisierung der geschätzten 200.000 illegalen Arbeitskräfte in der Landwirtschaft würde bedeuten, die Arbeitskosten auf dem Land zu verdreifachen oder zu vervierfachen und die Gewinnmargen Tausender kleiner Betriebe zu reduzieren, die schon jetzt vom Großhandel in die Knie gezwungen werden. Keine Regierung spricht das aus. Aber alle wissen es.

Und nicht nur die kleinen landwirtschaftlichen Betriebe würden verlieren: Auch der Großhandel sähe die Logik zusammenbrechen, auf der er seine Margen aufgebaut hat. Ein Großhandel, der Preise durch Preisdumping-Auktionen diktiert, genau wissend, dass die Landwirtschaft nur funktioniert, weil jemandem zwei Euro pro Stunde gezahlt werden.

Der strukturelle Beweis ist die Verordnung über saisonale Einwanderungsquoten: Im Jahr 2025 gab es 42.000 genehmigte Einreisen für die Landwirtschaft, mit Visum, das den Arbeitnehmer an den Arbeitgeber bindet: Verlierst du den Job, verlierst du die Aufenthaltsgenehmigung. Das ist gesetzlich legitimierte Erpressbarkeit. Der Staat verbietet zwar die illegale Vermittlung von Arbeitskräften, schafft aber die Voraussetzungen dafür, dass sie unvermeidlich wird.

Die Kette funktioniert so: Der Großhandel diktiert die Preise – der Preis für Tomaten wird festgelegt, noch bevor sie überhaupt existieren, und jedes Glied in der Kette gibt den Druck nach unten weiter, bis hin zum Landarbeiter, der kein Glied mehr unter sich hat. Die Genossenschaften, die zwischen dem landwirtschaftlichen Betrieb und dem Feld stehen, fungieren als rechtlicher Schutzschild: Der Unternehmer stellt keine Arbeitskräfte ein, sondern »mietet« sie von einer Genossenschaft. Wenn die Genossenschaft Vermittler einsetzt, ist der Unternehmer technisch gesehen ein Dritter. Das strafrechtliche Risiko wird nach unten verlagert. Die Gewinne bleiben an der Spitze.

Supermärkte schützen sich mit Zertifizierungen: SA8000, SMETA/Sedex, GlobalGAP. Dabei handelt es sich um »ethische« Zertifizierungsstandards, die Unternehmen erhalten, wenn sie sich von unabhängigen Stellen prüfen lassen. Auf dem Papier wird garantiert, dass es in der Lieferkette keine Ausbeutung von Arbeitskräften gibt. Doch zertifiziert wird bloß, was das Unternehmen angibt und dokumentiert, nicht das, was tatsächlich auf dem Feld geschieht, für das der Vorarbeiter verantwortlich ist.

Die Inspektion dauert einen Tag und wird oft im Voraus angekündigt. Überprüft werden die Verträge – nicht diejenigen, die sie verletzen. Es handelt sich um Instrumente, die nicht zum Schutz der Arbeiter geschaffen wurden, sondern um die Verbraucher zu beruhigen. Oxfam, eine internationale Nichtregierungsorganisation, die sich der Armutsbekämpfung widmet, hat die fünf größten italienischen Supermarktketten hinsichtlich der Rechte von Landarbeitern bewertet: Keine hat die Mindestanforderungen erfüllt, aber alle haben die Zertifizierung auf ihrer Website veröffentlicht.

Der Kernpunkt ist folgender: Jeder Todesfall auf den Feldern wird zu einem Problem der öffentlichen Ordnung erklärt. Der caporale wird verhaftet. Die Struktur aber bleibt intakt. Denn genau diese Struktur ist es, an der niemand etwas ändern will.

Es gibt jedoch einen Aspekt, der in dieser Diskussion gern ausgeklammert wird und den niemand als Erstes ansprechen möchte. Denn dies würde bedeuten, eine weitaus umfassendere und weitaus unangenehmere Untersuchung einzuleiten: Hinter all dem steht die 'Ndrangheta. Urteile der letzten Jahre haben belegt, wie die Organisationen der kalabrischen Mafia in die Landwirtschaft, die Logistik und die Kontrolle des Güter- und Arbeitskräfteverkehrs investiert haben.

Die organisierte Kriminalität hat im Agrarsektor einen fruchtbaren Boden für Geldwäsche und Profit gefunden, indem sie die Verwaltung der Arbeitskräfte in eine strategische Ressource verwandelt hat, mit der sie die gesamte Produktionskette beeinflussen kann. Bei Ermittlungen zeigt sich häufig, dass die Kontrolle über ein Gebiet über die Kontrolle der landwirtschaftlichen Flächen erfolgt. Die caporali sind dabei nicht mehr unbedingt Einheimische oder unmittelbar mit Mafiafamilien verbunden. Die 'Ndrangheta muss sie nicht direkt kontrollieren: Sie behält die Gesamtlage im Blick, die Agrarflächen und die wirtschaftlichen Interessen. Sie ist ein im Verborgenen agierender Strippenzieher, der autorisiert und delegiert, die Kontrolle übernehmen andere.

Diese Struktur lässt sich vor Gericht nur sehr schwer aufdecken. Es ist nicht der pakistanische caporale, der einen Minivan in Brand setzt. Nicht der Unternehmer, der gefälschte Verträge unterzeichnet. Sondern jene Instanz muss identifiziert werden, die darübersteht. Die nichts mit den Händen anfasst, nichts unterschreibt, in keiner Telefonüberwachung auftaucht. Jene Instanz, die es überhaupt erst ermöglicht hat, dass alles funktionierte.

Der Generalsekretär des italienischen Gewerkschaftsbundes UIL, Pierpaolo Bombardieri, stellte die Frage ganz direkt: Ist es vorstellbar, dass zwei Personen aus dem Ausland in einem Gebiet Kalabriens eine illegale Arbeitsvermittlung betreiben können, ohne dass die Mafia ihnen Rückendeckung gibt? In Kalabrien finden solche Machenschaften nur statt, wenn die Mafia dahintersteht.

Die 'Ndrangheta gewinnt überall dort an Stärke, wo die öffentlichen Dienste keine Lösungen bieten können: reguläre Arbeit, Transport, Unterkunft, Rechtsbeistand, Zugang zu Dokumenten. In diese Lücken drängen sich die 'Ndrine, die mafiösen Familien Kalabriens, und bieten illegale, aber schnelle Lösungen an. Wer den Zugang zur Arbeit kontrolliert, kontrolliert auch einen Teil des Lebens der Menschen. Er entscheidet darüber, wer arbeitet, wer zu den Feldern gefahren wird, wer davon ausgeschlossen bleibt. Wer Arbeitskräfte, Transport und Teile der landwirtschaftlichen Lieferkette in der Hand hat, baut Abhängigkeiten und Beziehungen auf, sichert sich Zustimmung und Geld. Es ist die dokumentierte Funktionsweise einer Macht, die die Landwirtschaft des Südens in eines ihrer rentabelsten Investitionsobjekte verwandelt hat.

Wer glaubt, all dies betreffe nur den Süden, irrt. Die Geschichten, die Lara Calvani, Sekretärin einer Fachgewerkschaft für Landwirtschaft und die Lebensmittelindustrie in Turin, gesammelt hat, zeichnen dasselbe Bild des Grauens. Die Landschaft, die Mundart und die Anbaukulturen sind in der Gegend um Turin anders als in Kalabrien, aber das System der Ausbeutung ist das gleiche. Da ist Malik, ein junger Bengale, der jahrelang Schikanen und mörderische Schichten in einer Tierfarm erdulden muss. Als er seinen ausstehenden Lohn einfordert, wird er mit Stöcken und Peitschen traktiert und landet im Krankenhaus. Eine Anzeige erstattet er nicht. Er hat Angst vor Vergeltungsmaßnahmen, vor Morddrohungen, davor, alles zu verlieren.

Da sind Jean und Moussa, zwei afrikanische Arbeiter, die in einer Halle ohne sanitäre Einrichtungen leben. Nach Ablauf ihres Vertrags bitten sie nur darum, noch ein paar Wochen dort bleiben zu dürfen, weil sie nirgendwohin können. Der Eigentümer verlangt zunächst eine unter der Hand gezahlte Miete, dann stellt er im Dezember, bei Schnee und Minusgraden, Strom, Wasser und Gas ab und überlässt sie ihrem Schicksal. Auch sie erstatten keine Anzeige.

Schließlich ist da noch Amadi, 58 Jahre alt, er arbeitet in einem Massentierhaltungsbetrieb, zwölf Stunden am Tag. Eine defekte Maschine trennt ihm einen Finger ab. Der Arbeitgeber verteidigt sich, indem er Amadi vorwirft, kein Italienisch zu verstehen – nachdem er ihn jahrelang ohne Ausbildung und ohne Arbeitsschutz beschäftigt hatte.

Immer wieder taucht dasselbe Wort auf: Schweigen. Das Schweigen ist der wahre Zement der illegalen Arbeitsvermittlung. Die Arbeiter erstatten keine Anzeige, nicht weil sie nicht wissen, dass sie ausgebeutet werden, sondern weil sie Angst haben: Angst, den Job, die Papiere, das Bett, die Aufenthaltsgenehmigung, das Leben zu verlieren. Es ist diese Angst, die es dem System ermöglicht, weiterzumachen, solange niemand spricht, solange niemand hinschaut, solange niemand stirbt. Dann kommen die Toten, die Kameras, die Kommissionen, die Erklärungen, und für ein paar Tage tun alle überrascht. Aber in Amendolara gibt es nichts Überraschendes. Die wahre Überraschung wäre gewesen, zu erkennen, dass ein System, das auf Ausbeutung, Erpressung, Hungerlöhnen und der Entwertung menschlichen Lebens basiert, nie etwas anderes als Gewalt hervorbringen kann.

Aus dem Italienischen übersetzt von Maren Preiß


Aus: "Lebendig verbrannt für billige Erdbeeren" Roberto Saviano (12. Juni 2026)
Quelle: https://www.zeit.de/2026/26/erntehelfer-kalabrien-ausbeutung-landwirtschaft

Roberto Saviano (* 22. September 1979 in Neapel) ist ein italienischer Schriftsteller und Journalist. In seinem literarischen Werk und in seinen Reportagen beschäftigt er sich mit dem Phänomen der organisierten Wirtschaftskriminalität. Saviano ist Mitglied des Osservatorio sulla Camorra e l'Illegalità; er arbeitet für die Zeitschrift L'Espresso und die Tageszeitungen Il Manifesto und Corriere della Sera. Er lebt seit der Veröffentlichung seines Werkes Gomorrha, in dem er die Struktur und die Machenschaften der Camorra enthüllt und das ihn bekannt machte, im Verborgenen und unter Polizeischutz. ... Nach der Veröffentlichung von Gomorrha und seines Engagements gegen die organisierte Wirtschaftskriminalität erhielt Saviano Morddrohungen. Einige Monate nach Erscheinen des Buches nannte er öffentlich Namen von untergetauchten Anführern der Camorra. Bei einer Anti-Mafia-Veranstaltung in Casal di Principe rief er ins Publikum: ,,Michele Zagaria, Antonio Iovine, Francesco Schiavone – eure Macht gründet nur auf Angst!" Danach verschärften sich die Drohungen gegen ihn. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Roberto_Saviano



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Quote[...] Die Zahl der Straftaten gegen obdachlose Menschen in Deutschland hat im vergangenen Jahr deutlich zugenommen. Im Vergleich zum Vorjahr stieg sie um fast 17 Prozent, wie aus einer Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine Kleine Anfrage der Linken hervorgeht, über die zunächst die Rheinische Post berichtete. Demnach kam es 2025 zu insgesamt 2.563 Straftaten gegen Obdachlose. In den beiden Vorjahren seien es jeweils knapp 2.200 gewesen.

Die meisten Fälle ereigneten sich in Berlin (592 Fälle), gefolgt von Bayern (492 Fälle) und Nordrhein-Westfalen (310 Fälle). Mehr als 2.000 Fälle hätten sich gegen obdachlose Männer gerichtet, in etwa 500 Fällen waren Frauen betroffen.

Die Aufklärungsquote bei Straftaten gegen obdachlose Menschen fällt den Antworten des Bundesinnenministeriums zufolge im Schnitt niedriger aus als bei allen Fällen insgesamt. Bei Fällen von Gewaltkriminalität gegen Obdachlose lag sie im vergangenen Jahr bei 66,5 Prozent. Insgesamt betrug der Anteil aufgeklärter Fälle in allen Bereichen 77,5 Prozent.

»Wir erleben auf unseren Straßen derzeit eine beispiellose Gewalteskalation gegen wohnungslose Menschen«, sagte die Linken-Bundestagsabgeordnete Sahra Mirow der Rheinischen Post. »Die mehr als 2.500 polizeilich erfassten Straftaten bilden dabei nur die Spitze des Eisbergs.« Aufgrund einer geringen Anzeigebereitschaft der Betroffenen sowie ungenauer Erfassungskriterien und Definitionen aufseiten der Behörden sei von einer erheblichen Dunkelziffer und weitaus höheren Fallzahlen auszugehen.


Aus: "Zahl der Straftaten gegen Obdachlose deutlich gestiegen" (13. Juni 2026)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2026-06/gewalt-obdachlose-straftaten-aufklaerungsquote-berlin

QuoteTony Hinchcliffe

Die Verrohung der Gesellschaft geht weiter vorn, der asoziale Höhepunkt war das Abfackeln der Kältebusse, da hat es einem echt die Sprache verschlagen.


QuoteHaLa71

Da läuft was schief in der Gesellschaft.


QuoteUmbertoEco

Diese Zahl ist leider völlig sinnlos ohne die Zahl, um wieviel die Zahl der Wohnungslosen gestiegen ist.
Grade in Berlin kann ich mir gut vorstellen das die signifikant höher ist als früher.


QuoteDr. Flavour

Das wird zweifellos damit zusammenhängen, dass es immer mehr und immer gravierendere Obdachlosigkeit gibt. Die Verwahrlosung wird damit immer präsenter im öffentlichen Raum und überschreitet zusehends die Grenzen der Akzeptanz. In Berlin kann man nicht mehr U-Bahn fahren, ohne dass der Geruch von verwesendem Körper und Fäkalien in jeder Bahn liegt. Wenn man Glück hat nur in der Luft. Jeder in Berlin weiß, wovon ich spreche. In der Station Kurfürstendamm lag die letzten 12 Wochen ein Obdachloser mit offenen Wunden vor der Rolltreppe zur U9, meist in einer Lache aus seinem eigenen Urin. Es hat 12 Wochen gedauert, bis irgendeine offizielle Stelle sich erbarmt hat aktiv zu werden. Der Geruch erfüllte am Ende die ganze Station.

Nein, Gewalt gegen diese Menschen ist nicht in Ordnung. Ja, diese Menschen brauchen Hilfe. Anstatt nur den Anstieg von Straftaten zu beklagen, sollte unsere Politik sich vielleicht mal überlegen, welche Naivität uns überhaupt erst in diese Situation der völligen Verwahrlosung gebracht hat. Der öffentliche Raum in Deutschland mutiert immer mehr zu einem Slum.


QuoteSheeple

Wir leben in einem Land, wo die Würde des Menschen oft daran geknüpft wird, wie Leistungsfähig er darin ist, Reichen Leuten Dividenten zu erwirtschaften.

Wenn ein eigentlich wertvoller Begriff wie "Leistung" zu einem perfiden Propagandabegriff verkommen ist, der nur dafür genutzt wird, dass einige sich ihre priviligierte Stellung in der Gesellschaft ideologisch legitimieren können, obwohl es in der Realität unserer Volkswirtschaft nur sehr nebenbei tatsächlich mal um echte Leistung geht (siehe z.b. die Debatte um Erbschaftsteuer), kann man sich doch nicht ernsthaft wundern, wenn diese Propaganda in Gewalt umschlägt.

Aus meiner Sicht, hat jeder, der arme Menschen schonmal als durchweg faul bezeichnet hat, und Begriffe wie "Neiddebatte" unironisch in den Mund nimmt, eine Mitschuld an solchen Vorkommnissen.


Quotealliance1979

Wer Sozialdarwinismus predigt, was immer häufiger getan wird, bekommt so etwas am Ende geliefert.


QuoteVincentVanderbilt

Diese Gewalt ist natürlich zu verurteilen, aber Obdachlose, die nicht arbeitswillig sind, sich nicht in Unterkünfte begeben, ihre Suchtprobleme nicht angehen, sind auch ein Problem, es kann doch nicht sein, dass Steuerzahler dafür aufkommen, sie sich aber nicht aktiv an der Arbeit- und Wohnungssuche beteiligen.


QuoteAntifa_ist_Bürgerpflicht

Menschen, die bereits am Boden liegen. Während in Umfragen Parteien der Menschenfeindlichkeit an der Spitze liegen. Was ist das nur für ein Land, was für eine Gesellschaft? Es widert nur noch an.


Quotesilverhulk

"Zahl der Straftaten gegen Obdachlose deutlich gestiegen"

Die rechte Ideologie der unsozialen Union und erst recht der demokratiefeindlichen AfD, keine Empathie mehr mit den Schwachen der Gesellschaft zu haben, sondern immer fest nach unten zu treten und vor oben zu kuschen, trägt da sicherlich zu bei.


QuoteAufderSuchenachderWahrheit

Das zeigt nur, auf welchen Niveau unsere Gesellschaft mittlerweile angekommen ist.


...

Textaris(txt*bot)

Quote[...] Auf der Luft- und Raumfahrtmesse ILA zeigt sich, dass bei Waffenherstellern Partystimmung herrscht. Doch es gibt auch Protest. Ein Ortsbesuch.

... bei den Rüstungsherstellern ist die Stimmung besonders gut: Hier ist förmlich zu greifen, wie die weltweite Aufrüstung ihre Gewinne in immer neue Höhen treibt. Es herrscht Partystimmung.

In der Messehalle mit der Aufschrift ,,Defence" herrscht am Mittwoch und Donnerstag ein wahnsinniges Gedränge. Überall Männer: in dunklen Anzügen, mit frisch polierten Schuhen oder frechen weißen Sneakern, in Militäruniformen. Es gibt feste Händedrücke und unbeholfene Umarmungen, Visitenkarten und artiges Schulterklopfen. Frauen sind außer den adrett gekleideten Messe-Hostessen kaum zu sehen. Ein DJ steht lässig am Stand des Drohnen-Herstellers Argus und untermalt das Treiben mit Minimal-Techno.

... Als der bayerische Rüstungshersteller Rohde und Schwarz am Donnerstag pünktlich um 12 Freibier ausschenkt und Leberkäse serviert, versammelt sich die halbe Messe an dem Stand: Ausländische Militärangehörige in ihren Uniformen, die Waffenhändler in ihren gestriegelten Anzügen. Es ist ein bierfeuchter Taumel in der Messehalle.

Man will sich auf der ILA eben nicht stören lassen. Auch nicht darin, einfach mal das viele Geld zu feiern, das sich verdienen lässt.

...


Aus: "Rüstungsunternehmen auf der ILA: ,,Man kann die Dollarzeichen in den Augen sehen"" Aus Berlin Cem-Odos Güler (12.6.2026)
Quelle: https://taz.de/Ruestungsunternehmen-auf-der-ILA/!6186806/


Textaris(txt*bot)

Quote[...] Die Zahl der Beschäftigten in der Industrie in Deutschland ist laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung auf ein Zehnjahrestief von 6,6 Millionen gefallen. Damit sank der Anteil der Industriebeschäftigten am gesamten Arbeitsmarkt von 22 Prozent im Jahr 2014 auf aktuell 19 Prozent, teilte die Stiftung mit. Erstellt wurde die Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW).

Grund für den Rückgang der Beschäftigtenzahl sind laut den Wissenschaftlern aber nicht Entlassungen, sondern das Zögern der Industrie, frei werdende Stellen wieder zu besetzen. Demnach hatten sich bis 2019 Neueinstellungen sowie beendete Beschäftigungsverhältnisse parallel entwickelt. Doch seit 2019 öffne sich eine Lücke, schreiben die Experten. Die Zahl der Neueinstellungen sinke deutlich stärker als die Zahl der beendeten Beschäftigungsverhältnisse.

»Die zurückgehenden Neueinstellungen sind ein Warnsignal für die künftige Beschäftigungsentwicklung«, sagte Luisa Kunze, Arbeitsmarktexpertin der Bertelsmann Stiftung. »Wir brauchen eine Wiederbelebung der Arbeitsnachfrage in der Industrie und mehr Dynamik am Arbeitsmarkt.« Nur dann entstünden auch wieder neue Chancen für Einsteiger und Einsteigerinnen, beruflicher Wechsel würde leichter und die Industrie könne sich weiter erneuern.

Die Industrie hat aus Sicht der Arbeitnehmer in den vergangenen Jahren an Attraktivität verloren. Laut Studie gab es 2014 noch einen Lohnvorteil bei den Einstiegsgehältern im Vergleich zu anderen Branchen von 20,4 Prozent. 2024 lag der Vorsprung nur noch bei 10,4 Prozent. Bei den langfristig Beschäftigten schrumpfte der Lohnvorsprung von 16,5 Prozent im Jahr 2014 auf 8,7 Prozent zehn Jahre später. Die Studienautoren weisen aber darauf hin, dass das Risiko, in der Industrie den Job zu verlieren, 2024 noch niedriger war als zehn Jahre zuvor.

Die Beschäftigungsentwicklung verläuft der Studie zufolge regional unterschiedlich. Auch traditionell starke Industriestandorte in Süddeutschland, dem Saarland oder in Teilen Ostdeutschlands geraten zunehmend unter Druck. Der Export als Wachstumsmotor hat einen Schwung verloren, es wird mehr automatisiert und rationalisiert. »Die Industriestärke hat jahrelang wie ein Puffer gegen Beschäftigungsverluste gewirkt«, sagte Kunze. »Aber auch diese Regionen sind nicht immun.«


Aus: "Zahl der Beschäftigten in der Industrie fällt auf Zehnjahrestief" (18. Juni 2026)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2026-06/industriebeschaeftigte-deutschland-bertelsmann-stiftung-industrie-gxe

Quotesryke

Ja, auch mein Arbeitgeber. In den letzen 3 Jahren etwa 1500 Industriearbeitsplätze in Deutschland platt gemacht. Parallel neue Kapazitäten global aufgebaut. Energiepreise!! Und Bürokratie. Wenn man an eine Industriehalle wegen Vogelschutz kein Vordach bauen darf bzw. das Vorhaben monatelang durch die Untere Naturschutzbehörde ausgebremst wird, dann geht man halt woanders hin, wo die Rahmenbedingungen besser sind. Wir können ja aus Deutschland ein großes Naturschutzgebiet machen und alle Beamte werden.


Quotedoket

Das muss aber ein großes Vordach gewesen sein, wenn deswegen 1500 Arbeitsplätze flöten gehen.


QuoteKöln-Kalk Verbot

    Wir können ja aus Deutschland ein großes Naturschutzgebiet machen und alle Beamte werden.

Jetzt werden Sie mal nicht polemisch! Wir können auch alle Moral vertreten und Freelancer bei div. NGOs werden ;-)


QuoteKumin

Um welche Vögel ging es? Schwalben?


Quotemadram

Der Industriestrompreis ist übrigens heute geringer als noch 2018, also daran kann es schon mal nicht liegen. Außerdem hatte man jetzt viele Jahre Zeit, PV auf das Hallendach oder dem Firmengelände zu installieren - eine Investition die nach 8 Jahren abbezahlt wäre und dann Rendite einfährt. Auch kostet eine Elektrofahrzeugflotte deutlich weniger als Verbrenner im laufenden Betrieb, selbst wenn die Fahrzeuge einfach nur an die Steckdose steckt.

Ihre Polemik ist wohlfeil, aber wenig gehaltvoll. Viel mehr nehme ich in der Unternehmerschaft meiner Wohnregion eine bräsige Selbstgefälligkeit und immer wieder Jammern und Schimpfen auf "die Politik" wahr. Gleichzeitig wird null strategische Personal- und Teamentwicklung betrieben, weil das ja "Gedöns" ist und nur Kosten verursacht. Jede Umfrage zu Mitarbeiterführung ergibt dass die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen in Deutschland tief frustriert sind und viele bereits innerlich gekündigt haben. Ein wertschätzender Umgang auf Arbeit beginnt in der obersten Etage wo es bereits kräftig hapert. Wie soll das dann auf den unteren Ebenen ankommen? Home Office ist auch so ein Thema. Geht ja gar nicht in Deutschland weil die Mitarbeiter nur lügen und betrügen und gar nichts mehr tun. Tut mir leid, das erlebe ich im Ausland anders.

Bürokratie ist ein Thema, aber auf der anderen Seite sind es die Unternehmen die sich gegen jede Veränderung mit Händen und Füßen wehren. Elektronische Krankschreibung - ist des Teufels. In anderen Ländern Standard.


QuotePrem0312

Seit wann interessiert ZEIT-Leser die Industrie?, die mit der noch nie in Berührung gekommen sind, davon allerdings riesig viel Ahnung haben scheinen.


QuoteGrüner Jan

Na nu aber. Der Großteil der hier Schreibenden ist sicher schon einmal auf dem Weg zum Bioladen an einer Fabrik vorbei gefahren. Das sollte reichen für die Beurteilung der Situation.


QuoteMarleene

    ,,Seit wann interessiert ZEIT-Leser die Industrie?, die mit der noch nie in Berührung gekommen sind, davon allerdings riesig viel Ahnung haben scheinen."

Ich arbeite in der Industrie. Wir liefern Komponenten und Systemintegration für Maschinenbauer und Endkunden.

Und nun zur Sache?

... Wir sind gerade dabei unsere Industrie in großem Maßstab an China zu verlieren. Das mag sicher auch am Neoliberalismus liegen, aber viel mehr ist es eine ungute Mischung aus massiven Subventionen der eigenen Wirtschaft in China und einer naiven Unbedarftheit unserer Politik, vor allem der CDU gegenüber China. Unsere Politik hat zugelassen das strategische Industrie, wie die Solarindustrie nach China abwandert, weil es ja lowtech ist und in den Augen der Fossil-Lobby geprägten garnicht so wichtig.

...


QuoteKöln-Kalk Verbot

Hey ist doch supi!

Dann schaffen wir endlich die Klimawende und retten den Planeten im Alleingang. Für die Arbeitslosen gibt's bestimmt Arbeit in einer der vielen DEI-NGOs, die auch Werte schaffen.


QuoteYammas

Ich denke zwar nicht, dass Sie mehr wollen als ein bisschen unsachlich rumätzen, beruhige Sie aber gerne: Der Energieverbrauch von Rechenzentren, die dann wiederum KI-Anwendungen ermöglichen, ist enorm. Man kann also weiterhin klimaschädlich unterwegs sein, niemand wird gezwungen, irgendwie ökologisch zu handeln.


QuoteAloaheeeei

Vielleicht sollte man über neue Geschäftsmodelle nachdenken als ,,wir verkaufen für kurzfristige Profite unser gesamtes Know-how nach China".


Quotediametral reziprok

Ich bitte Sie, welches Know-how sollten wir noch nach China geben können?


QuoteTutenchnaund

'Grund für den Rückgang der Beschäftigtenzahl sind laut den Wissenschaftlern aber nicht Entlassungen, sondern das Zögern der Industrie, frei werdende Stellen wieder zu besetzen'

Das kommt aufs gleiche raus. Das ist, wie der Spiegel schreibt, 100.000den Vorruhestandsregelumgen, Abfindungen, einvernehmlichen Freisetzungen etc.zu verdanken. Man hat bis jetzt ohne Entlassungen einen beispiellosen Stellenabbau hingelegt aber laut Spiegelartikel ändert sich das gerade. Zur Zeit läuft zusätzlich eine Entlassungswelle durch Teile der Industrie. Die Standortbedingungen haben sich vor allem im Vergleich zur chinesischen Konkurrenz aber auch insgesamt, stark verschlechtert. Nun zieht man lt. Spiegel die Konsequenzen und verlagert massenhaft Produktion ins Ausland.


QuoteMtbler

Nicht nur die Produktion (Das ist schon vor Jahren geschehen), sondern nun auch die Entwicklung.


QuoteFranz9

Der Personalabbau wird noch richtig massiv ein paar Jahre weiter gehen.

Pharma, Chemie, Maschinenbau, Automotive überall Job Abbau. Es ist bei vielen noch nicht angekommen: wir brauchen mehr Ärzte und weniger Facharbeiter in der Industrie.

Einzig die Rüstung stellt massiv ein.

...


QuoteAku-57

Bei Aumovio wird künftig 3 Wochenstunden mehr ohne Lohnausgleich gearbeitet. Die ersten (hier Automobilzulieferer) scheinen es langsam zu kapieren.


QuoteWinfield

Die deutsche Industrie ist hauptsächlich im Mid Tech Bereich tätig. Einem Bereich, in dem Deutschland früher einmal führend war, heute nicht mehr.

Besonders die deutsche Autoindustrie schafft sich selbst ab. Weil sie Innovation nicht ernst nimmt, sondern den Begriff lieber als Marketing Slogan missbraucht.

Ein tiefgreifender Strukturwandel ist nötig. Der wird von den fossilen Eliten aktiv verhindert.

...


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Quote[...] Mit Mitte 30 verantwortete Christoph Bruns als Investmentchef bei Union Investment milliardenschwere Fonds. Heute lenkt er Fonds im kleineren Maßstab, davon 20 Millionen Euro eigenes Vermögen in dem Aktienfonds Loys Philosophie Bruns, der jetzt 20 Jahre am Markt ist. Anlässlich des Jubiläums hat die WirtschaftsWoche mit ihm gesprochen – über Krisen, Japans stille Stärke, SpaceX und warum er von Beton, Krypto und ETFs gleichermaßen wenig hält.

Christoph Bruns (59) war nach Studium und Promotion in Münster (Westfalen) von 1994 bis 2002 Fondsmanager und Leiter des Fondsmanagements bei Union Investment in Frankfurt. Seit 2005 lenkt er als Teilhaber beim Vermögensverwalter Loys AG in Oldenburg Aktienfonds zumeist von den USA aus, wo er mit seiner Familie lebt. Den Aktienfonds Loys Global hat er in diesem Jahr wieder als Fondsmanager übernommen und versucht, die Performance zu verbessern. Der Aktienfonds Loys Philosophie Bruns ist quasi seine Vermögensverwaltung, steht aber allen Anlegern offen. Der Fonds wird 20 Jahre alt (IE00BYY02855) und wurde immer von Bruns gelenkt.



Heike Schwerdtfeger: Herr Bruns, Ihr Aktienfonds Loys Philosophie Bruns hat in 20 Jahren mit 7,7 Prozent Rendite pro Jahr das Vermögen der Anleger verdreifacht. Der MSCI World war über die Jahre dennoch etwas besser. Stört Sie das?

Christoph Bruns: Nicht wirklich. Der Vergleich hinkt, denn die meisten Anleger, die auf den MSCI World verweisen, halten selbst nur einen Bruchteil ihres Vermögens in dem Index und damit in Aktien. Deshalb ist ihre Gesamtrendite nicht unbedingt gut. Ich investiere mein gesamtes liquides Vermögen so, wie es mein Fonds tut. Wer sein gesamtes Geld in einem klug diversifizierten Aktienfonds arbeiten lässt und dabei durchschnittlich 7,7 Prozent nach Kosten im Jahr erzielt, hat deutlich mehr als bei einem typischen gemischten Portfolio aus Aktien-, Zins- und Immobilienanlagen.

Heike Schwerdtfeger: Sie sind nach eigenen Angaben selbst mit 20 Millionen Euro in dem Aktienfonds investiert. Warum ist Ihnen das wichtig?

Christoph Bruns: Weil ich für mich einen einfachen Grundsatz habe: Man sollte für andere nur das tun, was man auch mit dem eigenen Geld macht. Ich bin der erste und inzwischen größte Investor in meinem eigenen Fonds. Das zeigt, dass ich von meinem Ansatz überzeugt bin.

Heike Schwerdtfeger: ,,Liebste, wir werden mit jeder Krise wohlhabender", diesen Satz sollen Sie zu Ihrer Ehefrau gesagt haben. Stimmt das?

Christoph Bruns: Ja. Als ich meinen Job als Aktienchef bei Union Investment gekündigt hatte und wir in ihre Heimat USA gezogen sind, machte sie sich Sorgen wegen der Finanzen. Ich hatte zwar keinen Job, aber ein schönes Depot mit deutschen Mittelständlern wie Fielmann, Douglas oder Hugo Boss. Die hatten zwar auch alle ein Drittel verloren, aber sie waren spottbillig und erholten sich auch schnell. Ich kenne das schon. Es ist der Kardinalfehler bei der Aktienanlage, in der Krise zu verkaufen. Die Tugend ist, in der Krise zu kaufen, zu Preisen, von denen man später selbst kaum glauben mag, dass sie einmal so niedrig waren. Ich weiß, was in Krisen zu tun ist. Kurz nach der Auflage der Loys Philosophie Bruns kam die Finanzkrise. Man kann sagen, meine Fonds werden nach der Krise immer die beste Zeit haben. Und Krisen gehen vorbei.

Heike Schwerdtfeger: Was haben Sie die Jahre im Fondsmanagement über das Muster von Krisen gelehrt?

Christoph Bruns: Krisen gehören dazu, es gab in zwanzig Jahren keinen Mangel an ihnen. Es wird auch künftig Krisen geben, alles andere zu glauben, wäre abwegig. Sie sind eigentlich nicht vorhersehbar – jede Krise ist anders als die vorherige.

Heike Schwerdtfeger: Sie haben erzählt, dass Ihr Sohn Ihr Portfolio als ,,langweiliges Zeug" bezeichnet hat. Er selbst hat einen Hedgefonds in New York gegründet. Wie haben Sie reagiert?

Christoph Bruns: Ich habe ihm gesagt: Es gibt zwei große Unterschiede zwischen uns. Erstens bin ich alt, du bist jung. Zweitens habe ich Geld, du noch nicht – das heißt, wir haben ganz unterschiedliche Ziele. Ich werde nicht riskieren, mein Vermögen aufs Spiel zu setzen, indem ich im Alter noch spekuliere. Man wird im Alter nicht unbedingt weiser, aber vorsichtiger. Junge Leute dürfen sportlicher anlegen – wenn das Geld weg ist, bleiben ja noch vierzig Jahre, um es durch Arbeit wieder aufzubauen. Diesen Vorteil habe ich nicht mehr.

Heike Schwerdtfeger: Manche Positionen in Ihrem Portfolio – etwa deutsche Nebenwerte wie Max Automation – wirken aus heutiger Sicht etwas angestaubt. Wie kamen Sie ins Depot?

Christoph Bruns: Max Automation ist ein Erbstück. Diese Position kam über eine Fusion mit einem anderen Fonds, den ein Kollege zuvor gemanagt hatte und der schlecht gelaufen war, in mein Portfolio. Bei manchen dieser Werte zeichnet sich eine Lösung ab: Wenn ein Großeigentümer feststellt, dass eine Börsennotierung für ein kleines Unternehmen keinen Sinn mehr macht, nimmt er es irgendwann von der Börse – meist über eine Übernahme mit einer ordentlichen Prämie für die verbleibenden Aktionäre.

Heike Schwerdtfeger: Vier Unternehmen aus Ihrem Portfolio sind in diesem Jahr bereits übernommen worden. Ist das Zufall?

Christoph Bruns: Nein, das passiert praktisch jedes Jahr und bestätigt meinen Ansatz. Wenn ein Unternehmen gut ist, aber zu klein oder vom Markt vernachlässigt, gibt es oft Käufer. Letztes Jahr wurden zwei japanische Positionen aus dem Fonds übernommen, dieses Jahr waren es bereits drei, jeweils mit Gewinn für uns. Und beim Modehersteller Boss hat die britische Fraser-Group ein Angebot abgegeben.

Heike Schwerdtfeger: Sie halten japanische Aktien. Der Boom dort läuft schon ein paar Jahre, allein in diesem Jahr stieg ein ETF auf den Nikkei 225 um rund ein Drittel. Ist der Markt noch immer interessant?

Christoph Bruns: Japan hat kein Finanzierungsproblem und die niedrigsten Zinsen der Welt. Die japanischen Unternehmen haben außerdem extrem starke Bilanzen. Dazu kommt: Die ganze Welt war jahrelang in Japan untergewichtet, weil man dem Land Stagnation, fehlendes Wachstum und eine alternde Bevölkerung unterstellt hat. Inzwischen hält auch Corporate-Governance-Denken in Japan Einzug, und die Unternehmen erweisen sich als deutlich besser, als ihr Ruf es vermuten ließ. Ich habe zwölf Prozent des Fondsvermögens dort investiert. In diesem Jahr habe ich aber US-Aktien aufgestockt und sie sind seit Langem wieder die größte Länderposition.

Heike Schwerdtfeger: Sie haben zuletzt US-Aktien wie den IT-Berater Accenture, Adobe und PayPal gekauft – Werte, die unter dem KI-Verdrängungsdruck auf Software gelitten haben und noch leiden. Die Aktie von Accenture sackte am Donnerstag um 18 Prozent ab. Warum halten Sie daran fest?

Christoph Bruns: Weil die Bewertung attraktiv ist. Der Softwarebereich steht insgesamt unter Druck, weil viele glauben, man brauche bald keine klassische Software mehr, das übernehme alles KI. Davon bin ich nicht überzeugt. Ich habe gestern Adobe gekauft, PayPal ebenfalls für einen Fonds – beides Werte, die nicht teuer sind. Wo es ein echtes Strukturrisiko gibt, sollte man vorsichtig sein, aber das sehe ich hier nicht.

Heike Schwerdtfeger: Haben Sie SpaceX beim Börsengang gezeichnet?

Christoph Bruns: Nein, das verbietet sich für mich aus ESG-Gründen – wobei ich zugeben muss, dass ich solche Kriterien früher selbst nicht ganz so ernst genommen habe. Heute achte ich aber sehr genau auf Governance, also auf vernünftige Führungsstrukturen in einem Unternehmen. Bei SpaceX sind diese aus meiner Sicht nicht gegeben. Außerdem ist die Bewertung zu hoch. Ein Chef würde jetzt vielleicht sagen, einen so attraktiven Gewinn nehme man trotzdem gern mit, wenn er sicher ist – aber sicher ist er immer nur in Bezug auf gestern, nicht auf morgen.

Heike Schwerdtfeger: Wer SpaceX-Anteile schon hat – sollte er sie jetzt verkaufen oder halten?

Christoph Bruns: Wenn jemand bei SpaceX Glück hatte, muss er sich dafür nicht schämen – nicht alles beim Investieren beruht auf Rationalität. Manchen Gründern, etwa Musk, traut man eben besondere Fähigkeiten zu. Was mir aber zu denken gibt: Es kommen aktuell sehr viele Neuemissionen auf den Markt, und das ist erfahrungsgemäß oft ein Signal, dass Verkäufer den Eindruck haben, die Preise seien ziemlich üppig.

Heike Schwerdtfeger: Wie schätzen Sie es ein, dass der neue US-Notenbankchef Kevin Warsh bei der Zinsentscheidung am Mittwoch nicht nach Trumps Pfeife getanzt ist und die Zinsen nicht gesenkt hat, wie sich der US-Präsident es schon lange wünscht?

Christoph Bruns: Das ist taktisch sicherlich sauber gewesen. Warsh ist klug genug, schon mal die erste Gelegenheit zu verpassen, eine Nähe zu Trump zu zeigen. Man sollte das nicht überinterpretieren. Er war Trumps Kandidat und er wird sich erkenntlich zeigen.

Heike Schwerdtfeger: Vermögende Privatanleger streuen typischerweise breit – etwa je ein Viertel in Aktien, Immobilien, Anleihen und Alternativen. Sie halten das für überflüssig. Wieso?

Christoph Bruns: Ich finde es erstaunlich, dass sich diese Aufteilung über die Jahrzehnte kaum verändert hat, obwohl mit Anleihen praktisch keine reale Rendite mehr zu erzielen ist. Am Ende kommt bei dieser Mischung häufig eine Gesamtrendite von drei bis viereinhalb Prozent heraus, und die Leute glauben, dadurch besonders diversifiziert zu sein. Zahlen sprechen klar dafür, alles in Aktien zu halten, auch wenn es nicht zur deutschen Mentalität passt. Nehmen wir die zehnjährige Bundesanleihe: Die Rendite liegt aktuell bei etwa drei Prozent, die Inflation auch über drei Prozent – und dann kommt noch die Steuer dazu. Real bleibt da nichts übrig, im Gegenteil. Wer glaubt, mit einer solchen Anlage sicher zu sein, übersieht: Wenn das Ziel realer Vermögensaufbau ist, dann ist mit dieser Anlage eines sicher – dass man dieses Ziel verfehlt.

Heike Schwerdtfeger: Was halten Sie von Immobilien als Kapitalanlage?

Christoph Bruns: Wer überzeugt ist, dass Preis und Lage stimmen, kann sich gern eine Wohnung in Frankfurt kaufen. Aber dass das als Kapitalanlage meinen Fonds schlagen könnte, halte ich für abwegig.

Heike Schwerdtfeger: Und Kryptowährungen?

Christoph Bruns: Da sehe ich keine erkennbare Substanz, das hat sich aus meiner Sicht nicht geändert. Ich erinnere an die Antwort einer großen amerikanischen Bank auf die Frage, warum sie trotzdem im Kryptogeschäft mitmischt: zu groß, um es zu ignorieren – solange gehandelt wird, ist man dabei. Genau dieselbe Haltung gab es vor der Finanzkrise im Bankensektor, mit dem sinngemäßen Argument: Solange die Musik spielt, muss man tanzen. Das geht gut, bis plötzlich keine Stühle mehr da sind.

Heike Schwerdtfeger: Was stört Sie an ETFs als Anlageinstrument?

Christoph Bruns: Die Blickrichtung. ETFs brauchen Menschen, die ökonomisch nicht interessiert sind. ETF-Käufer begründen ihre Entscheidung praktisch immer mit der vergangenen Wertentwicklung – sie schauen nach hinten, wie beim Autofahren mit Blick nur in den Rückspiegel. Ich sitze im selben Auto, schaue aber nach vorne und versuche, Unternehmen zu finden, die heute günstig sind, aber morgen mehr wert sein könnten und damit Potenzial haben für große Kursgewinne. Hinzu kommt: Der ETF-Trend orientiert sich an Größe, nicht an Qualität. Früher gab es einen nachweisbaren Small-Cap-Effekt – kleinere Unternehmen entwickelten sich im Schnitt besser. Durch die ETF-Dominanz ist dieser Effekt an der Oberfläche verschwunden, das inhaltliche Argument dahinter aber nicht.

Heike Schwerdtfeger: Wo sehen Sie aktuell Chancen für die kommenden Jahre?

Christoph Bruns: Bei einer Stabilisierung im Nahen Osten würden zunächst die zuvor schwachen Branchen profitieren: Gesundheit, weil die strukturellen Trends dort ohnehin gut sind, und Software beziehungsweise IT-Dienstleister, weil KI letztlich in die Unternehmen implementiert werden muss. Konsumwerte – etwa Parfümerie oder Bekleidung – haben unter hoher Inflation gelitten und könnten sich erholen, wenn der Druck nachlässt. Auch Branchen, die am Wiederaufbau nahe sind, wie Bauunternehmen und auch Zementhersteller, sehe ich als Profiteure, wenn sich die Lage in Konfliktregionen entspannt – und teuer sind diese Werte aktuell nicht. Bei Asien bleibe ich zuversichtlich: China exportiert weiterhin Rekordmengen, und was nicht direkt aus China in die USA geht, kommt eben über Vietnam, Thailand oder Indonesien. In Deutschland sollte man sich auch nicht täuschen, heimische Unternehmen haben viel Automatisierungs-Kompetenz. Und die Welt entwickelt sich weiter – auch Afrika ist ökonomisch interessant – und schauen Sie sich deren Teams bei der Fußball-WM an!

Heike Schwerdtfeger: Was raten Sie einem Privatanleger, der heute erstmals in Aktien investieren will?

Christoph Bruns: Seien Sie vorsichtig bei Neuemissionen, denn der Verkäufer weiß meist besser als der Käufer, warum er verkauft. Bringen Sie Zeit mit – ohne Panik zwischendurch. Jeff Bezos fragte Warren Buffett einmal, warum nicht einfach jeder seine Anlagestrategie kopiert, da sie im Grunde so simpel sei. Buffett antwortete, sie sei simpel, aber niemand wolle langsam reich werden. Man braucht Geduld.


Aus: ",,Liebste, wir werden mit jeder Krise wohlhabender"" Heike Schwerdtfeger (22.06.2026)
Quelle: https://www.wiwo.de/finanzen/geldanlage/geldanlage-liebste-wir-werden-mit-jeder-krise-wohlhabender/100234205.html


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"Europas grösste Besetzung: Sie lassen sich nicht besänftigen" (Nr. 26 – 25. Juni 2026)
Das Athener Wohnviertel Prosfygika ist politische Besetzung, Sozialprojekt und für 400 Bewohner:innen ein Zuhause. Seit Anfang Jahr droht ihnen die Räumung. ... Suzon Doppagne hat entschieden, ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Seit Anfang Mai befindet sich die junge Frau im Hungerstreik. 28 Tage ist das her bei diesem Treffen in einem schlichten Raum mit einigen alten Ledersofas. Fragil wirkt Doppagne und etwas benommen. Doch genauso entschlossen. Ihr Hungerstreik, sagt sie, sei keine übertriebene Massnahme. «Wir machen die Sache nicht grösser, als sie ist. Wir mussten einfach die Antwort geben, die angesichts der Heftigkeit des Angriffs auf Prosfygika angemessen war – und angesichts der kurzen Zeit, die wir haben, um ihn abzuwehren.» ...
https://www.woz.ch/2626/europas-groesste-besetzung/sie-lassen-sich-nicht-besaenftigen/!YK4ZEZF315ZZ

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Quote[...] Aristotelis Chantzis befindet seit 140 Tagen im Hungerstreik gegen die Räumung des Wohnprojekts Prosfygika. Nun wurde er in ein Krankenhaus gebracht.

Sein Tod rückt näher. Die Bilder von Aristotelis Chantzis, der im Rollstuhl aus dem vordersten Häuserblock der Prosfygika in der Athener Innenstadt geschoben wird, schockieren. Der Hungerstreikende hat fast die Hälfte seines Körpergewichts verloren, er wiegt nur noch 35 Kilogramm.

Seit Montag liegt der Grieche im Athener Krankenhaus G. Genimatas. Sein Gesundheitszustand hatte sich zuletzt rapide verschlechtert. Am Tag seiner Einlieferung befand er sich seit genau 138 Tagen im Hungerstreik.

Chantzis geht es um die Prosfygika, auf Griechisch Flüchtlingsbauten, 8 Wohnblocks mit insgesamt 228 kleinen Wohnungen. Sie wurden ab 1933 im Bauhausstil errichtet, um griechischen Flüchtlingen, die aus der heutigen Türkei nach Griechenland geflohen waren, eine Unterkunft zu bieten.

Seit 2010 hat sich hier eine Gemeinschaft mit autonomer Verwaltung gebildet. Inzwischen leben in den Häusern mehr als 400 Menschen, darunter Migrant*innen, Geflüchtete, Griech*innen, alte sowie kranke Menschen und 50 Kinder.

Vor Ort gibt es dagegen keine Proteste. Im Gegenteil: Die Gemeinschaft ist unter anderem durch ihr Angebot von sozialen Diensten für alle in das Stadtviertel integriert. Dennoch: Nach den Plänen der konservativen Regierung in Athen unter dem Premier Kyriakos Mitsotakis und dem konservativen Gouverneur der Regionalverwaltung Attika, Nikos Chardalias, sollen die unter Denkmalschutz stehenden Wohnblocks geräumt und neugestaltet werden.

Konkret verabschiedete der Regionalausschuss am 6. Juni vorigen Jahres einen Beschluss zur ,,Sanierung von vier Wohnblöcken der Prosfygika für die Nutzung als Sozialwohnungen". Zuletzt haben sich die Anzeichen darauf verdichtet, dass die Räumung bald erfolgen könnte.

Doch der Widerstand dagegen ist unerschütterlich. ,,Ich bin in einen Hungerstreik bis zum Tod getreten", hatte Chantzis bereits zu Beginn klargestellt. Darin sehe er ein geeignetes Mittel, auf ,,einen kollektiven Kampf aufmerksam zu machen", der die Wohnblöcke als Struktur der Solidarität für sozial Schwache und eine organisierte Gemeinschaft erhalten wolle, erklärte er.

Seit dem 1. Mai ist auch Suzon Doppagne, die ebenfalls in den Prosfygika wohnt, in Hungerstreik getreten. Chantzis und Doppagne fordern stellvertretend für die Gemeinschaft ,,die sofortige Aufhebung" des besagten Beschlusses. Ferner wollen sie Garantien dafür, dass alle Bewohner*innen in ihren Wohnungen bleiben können und die geplante Sanierung von der Gemeinschaft selbst mit eigenen Mitteln durchgeführt wird. ,,Kein einziger Euro an öffentlichen Geldern" solle dafür verwendet werden.

Am Dienstagnachmittag versammelten sich mehrere Tausend Menschen vor dem Athener Parlament, um den Forderungen der Gemeinschaft Nachdruck zu verleihen. Auch in Berlin ist für Donnerstag eine Demonstration angemeldet. Die Regionalverwaltung Attika bleibt jedoch hart und will bisher nicht in einen Dialog mit der Gemeinschaft eintreten. Solange die Hungerstreiks andauern, dürfte sie allerdings von einer Räumung absehen.

Sollte Chantzis sterben, wäre dies eine dramatische Zuspitzung. Der Grieche weist eine Hypoglykämie, Muskelabbau, Ödeme an den unteren Extremitäten und anhaltende Veränderungen im EKG auf. Die bereits aufgetretene Wernicke-Enzephalopathie, eine schwerwiegende neurologische Komplikation, die bei anhaltender Unterernährung auftritt, könnte zu seinem Tod führen.

Bevor er ins Krankenhaus gebracht wurde, sagte Chantzis mit letzter Kraft: ,,Der Kampf geht weiter. Wir werden bis zum Tod kämpfen, bis wir Recht bekommen. Wir tragen die Verantwortung für 400 Menschenleben, für unsere Gesellschaft. Wir werden siegen." Er machte dabei das Siegeszeichen. Getreu dem Motto des Kampfes der Prosfygika: ,,Entweder wir siegen oder wir siegen!"


Aus: "Athener Aktivist wiegt nur noch 35 Kilogramm" Ferry Batzoglou (24.6.2026)
Quelle: https://taz.de/Raeumung-von-Fluechtlingsbauten/!6190309/


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Quote[...] König Charles III. will mehr Transparenz schaffen und legt als erster britischer Monarch seine Steuerzahlungen offen. Im Buckingham Palace möchte er nicht mehr wohnen.

Der britische König Charles III. hat seit seiner Thronbesteigung im Jahr 2022 mehr als 30 Millionen Pfund (35 Millionen Euro) Steuern auf seine privaten Einnahmen gezahlt. Das teilte der Buckingham Palace mit. Charles ist der erste britische König, der seine Steuerzahlungen publik macht. Die Veröffentlichung sei Teil der Bemühungen um mehr Transparenz, hieß es aus dem Königspalast.

»Unser Ziel ist es, alle Elemente der königlichen Finanzen so zu erklären, dass mehr Klarheit und Zugänglichkeit entstehen«, hatten Medien einen Sprecher des Königshauses zitiert, als das Vorhaben vor einigen Tagen bekannt wurde. »Wir modernisieren und entwickeln uns weiter.«

Auch Thronfolger William legte erstmals seine Steuerzahlungen offen. Der älteste Sohn von Charles zahlte den Angaben zufolge mehr als 20 Millionen Pfund (gut 23 Millionen Euro) Einkommens- und Kapitalertragssteuer, seit er mit dem Aufstieg seines Vaters zum König den Titel Prinz von Wales übernommen hat.

In Großbritannien müssen Könige und Königinnen laut Gesetz keine Einkommenssteuer, keine Kapitalertragssteuer und keine Erbschaftssteuer zahlen. Königin Elizabeth II. begann aber schon 1993, freiwillig Steuern auf ihr Einkommen und ihre Kapitalerträge zu entrichten.

Charles hatte bereits als Prinz von Wales seine Steuerzahlungen offengelegt, bevor er im Jahr 2022 den Thron bestieg. Er zahlt freiwillig Einkommens- sowie Kapitalertragsteuer. Festgelegt ist dies im sogenannten Memorandum of Understanding on Royal Taxation 2023, das mit der Regierung vereinbart wurde.

Zu den privaten Einkommensquellen des Königs gehören unter anderem Erträge aus Investitionen und Einnahmen aus seinen privaten Anwesen wie Balmoral in Schottland. Auch das Herzogtum Lancaster verschafft dem Monarchen Jahr für Jahr ein Einkommen. Dabei handelt es sich um ein privates Portfolio aus Landbesitz, Immobilien und Investitionen.

Im Zuge des Skandals um den früheren Prinzen Andrew war der Druck auf das Königshaus gestiegen, transparenter bei seinen Finanzen zu sein. Anfang Juni war bekannt geworden, dass der wegen seiner Verbindungen zum verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein in Ungnade gefallene Andrew sein Einkommen jahrelang aufbesserte, indem er Cottages auf einem königlichen Anwesen untervermietete, auf dem er selbst mietfrei wohnte.

Zudem will König Charles künftig nicht mehr im Buckingham Palace wohnen. Das geht aus dem Finanzbericht des Sovereign Grant hervor, dem staatlichen Topf für die Ausgaben der Royals. Der klassizistische Prachtbau in London wird seit einigen Jahren aufwendig renoviert. Im kommenden Jahr sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Dann will Charles III. das Schloss nur noch für zeremonielle Zwecke wie Staatsbankette, Empfänge für Botschafter oder Ordensverleihungen nutzen. Zur Zeit von Queen Elizabeth II. diente das Gebäude den Royals auch als Wohnsitz.

Das königliche Budget wird außerdem laut dem Bericht kleiner. Demnach soll der staatliche Finanztopf der Royals in den kommenden fünf Jahren von zuletzt rund 132 Millionen Pfund (153 Millionen Euro) auf 99,9 Millionen Pfund (knapp 116 Millionen Euro) schrumpfen. Ein Großteil soll weiterhin dem Erhalt der königlichen Immobilien zugutekommen.

König Charles und seine Frau, Königin Camilla, wohnen schon seit langer Zeit im Clarence House nebenan, das sie sich nach dem Tod von Queen Mum im Jahr 2002 nach ihrem Geschmack einrichten ließen. Der Buckingham Palace soll jedoch auch weiterhin private Räume haben, die ein künftiges Königspaar wieder bewohnen könnte, zitierte die britische Nachrichtenagentur PA den royalen Schatzmeister James Chalmers, den Keeper of the Privy Purse.


Aus: "König Charles zahlte seit Thronbesteigung 30 Millionen Pfund Steuern" (26. Juni 2026)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-06/koenig-charles-iii-steuern-britische-monarchie-transparenz

QuoteHalbhollaender

Es ist nicht nur das Herzogtum Lancaster. Die Isle of Man, Jersey und Guernsey zählen auch zum Kronbesitz (Crown Dependencies), nicht aber zum UK. Im UK kommt dann noch einiges hinzu: Die Crown Estates, Küstenrechte und gar Rechte am Meeresboden. Zur Armenspeisung wird Herr Charles wohl nie müssen.


QuoteInventor

Heißt der Nicht König Karl auf Deutsch? Ich dachte das wäre so Tradition bei Herrschern. Heinrich VIII usw...


QuoteEhrli

König und Prinz zahlen zusammen 50 Mio. Steuern, erhalten vom Staat aber zukünftig nur 99 Mio Unterhalt. Aha.


QuoteEhrli

Und wieder drauf reingefallen, da steht seit Charles Amtsantritt. Also hat er pro Jahr nur etwa 7,5 Mio Steuern (zurückgegeben).


QuoteKotthom

Also ist Charles eigentlich nur ein normaler Beamter mit, sagen wir einem etwas ungewöhnlichem Aufgabenbereich und einem besonderem Interesse der Regenbogenpresse.


QuoteDevoter Boomer

Das fasst es wohl sehr gut zusammen. Ein selbst bestimmtes Leben hat er wohl nur in einem eingeschränktem Masse. Tauschen möchte ich nicht mit ihm.


QuoteStattmusikanten

Der Buckingham Palace soll jedoch auch weiterhin private Räume haben, die ein künftiges Königspaar wieder bewohnen könnte, zitierte die britische Nachrichtenagentur PA den royalen Schatzmeister James Chalmers, den Keeper of the Privy Purse.

Das ist doch schön. Furchtbar, wenn man kein richtiges Dach über dem Kopf hat.


...

Textaris(txt*bot)

Quote[...] In Tirana gehen seit Wochen Menschen gegen ein Luxusresort, das mit der Trump-Familie in Verbindung steht, auf die Straße. Sie fordern den Rücktritt von Premier Edi Rama.

In Albanien sind erneut Tausende Menschen gegen ein Luxus-Bauprojekt auf die Straße gegangen. An dem umstrittenen Bauprojekt an der Adria ist Jared Kushner, der Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump, beteiligt. Seit knapp einem Monat kommt es zu täglichen Kundgebungen. Am Samstagabend zogen Demonstranten durch die Hauptstadt Tirana und forderten den Rücktritt von Ministerpräsident Edi Rama.

Demonstranten trugen unter anderem übergroße Flamingo-Figuren durch die Straßen und hielten Plakate mit der Aufschrift »Resign«, also Rücktritt, hoch. Das Bauprojekt ist auch deshalb umstritten, weil es in einer geschützten Naturlandschaft entstehen soll. In der Lagune leben mehr als 200 Vogelarten, darunter auch Flamingos. Sie wurden zum Symbol der Proteste.

»Unsere Forderungen sind sehr klar. Die erste ist der Rücktritt des Ministerpräsidenten und seiner Regierung«, sagte die Mitorganisatorin Luçiana Kokaj der Nachrichtenagentur AFP. Die Anwältin Irena Dule sagte, Grund für die Wut seien »der Mangel an Transparenz, der Mangel an Verantwortung und die Arroganz«.

Das geplante Luxus-Ferienresort soll in Zvërnec rund 150 Kilometer südwestlich von Tirana entstehen. Hinter dem umstrittenen Projekt stehen unter anderem Trump-Schwiegersohn Jared Kushner und seine Frau Ivanka Trump als Investoren. Vorgestellt wurde es bereits 2024. Die Proteste begannen jedoch, nachdem Ende Mai Stacheldraht an Stränden in Zvërnec aufgetaucht war.

Möglich wurde das Projekt durch ein Gesetz vom Februar 2024, das den Bau von Luxushotels in Schutzgebieten erlaubt. Für Kritik in Albanien sorgen zudem Fragen zum Erwerb von Eigentumstiteln für Teile des Geländes.

Die Proteste haben sich inzwischen zu einer breiteren Bewegung gegen Korruption, steigende Lebenshaltungskosten, Probleme im Gesundheitswesen, niedrige Renten und fehlende Perspektiven für junge Menschen ausgeweitet. Auch im Ausland lebende Albaner reisten zu den Kundgebungen an.

Seit Anfang Juni wurden nach Angaben aus dem Umfeld der Bewegung Ermittlungen gegen mindestens hundert Demonstranten eröffnet, unter anderem wegen Störung der öffentlichen Ordnung und Teilnahme an illegalen Versammlungen.


Aus: "Tausende Menschen demonstrieren erneut gegen Kushner-Bauprojekt" (28. Juni 2026)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-06/proteste-albanien-jared-kushner-bauprojekt-tirana-edi-rama-gxe

Quotepetruz

Ist dass das Luxusressort, welches Trump ursprünglich in Gaza bauen wollte? ...


QuoteK -n-ack-Punk-t

Es scheint, dass eine Firma mit Sitz in der Schweiz den Flughafen in diesem Naturschutzgebiet baut. Mabetex Group mit Sitz in Lugano. ...


QuoteTannenzapfen07

Genau so muss eine Bevölkerung darauf reagieren, wenn Reiche Korrupte Menschen versuchen ihnen ihr Land weg zu kaufen. Ich hab noch nie verstanden wie es sein kann das sich Menschen Berge, Seen, Inseln etc. einfach kaufen können. Was für eine Kranke Idee an sich. Deutschland sollte sich ein Beispiel daran nehmen. Wälder z.b sollten kein Privat Eigentum sein dürfen.


QuoteIch__auch

Sagen sie das mal einem waldbauern.


QuoteIn die Hutze integrierter Holm

Zum Thema Albanien vs. geplante Luxus-Bebauung und Übertourismus in einem Naturschatz durch Milliardäre ein sehr guter Podcast von Jagoda Marinić mit Luisa Neubauer:

"Superreiche und Flamingos – feat. Luisa Neubauer" (FREIHEIT DELUXE mit Jagoda Marinić ist eine Produktion des Hessischen Rundfunks, (2026-06-22))
Das Ehepaar Ivanka Trump und Jared Kushner will die albanische Insel Sazan zu einem schicken Hotel-Ressort ausbauen. Das wollen ziemlich viele Albaner aber nicht und gehen deswegen Tag um Tag auf die Straße in der Landeshauptstadt Tirana. Weil in der Lagune vor der Insel Flamingos rasten, sind die Proteste als "Flamingo-Proteste" weltweit in die Schlagzeilen geraten. ...
https://jagodamarinic.com/freiheit-deluxe/superreiche-und-flamingos-feat-luisa-neubauer/


QuoteAntifa_ist_Bürgerpflicht

Ist die Deutsche Bank auch wieder beteiligt?

"Wie die Deutsche Bank eine Epstein-Whistleblowerin mundtot machte" Veronica Riccobene, Freddy Brewster (26. Februar 2026)
Eine ehemalige Compliance-Beauftragte der Deutschen Bank hat gegenüber dem FBI angegeben, sie sei 2018 entlassen worden, nachdem sie Bedenken hinsichtlich verdächtiger Bankaktivitäten von Konten des Unternehmers und Sexualstraftäters Jeffrey Epstein sowie von Konten in Verbindung mit Jared Kushner, dem Schwiegersohn, Berater und Geschäftspartner von US-Präsident Donald Trump, geäußert hatte. Die Vorwürfe finden sich in einem Bericht des FBI, der in den jüngsten Epstein-Files-Veröffentlichungen des Justizministeriums enthalten war. Die ehemalige Anti-Geldwäsche-Beauftragte beschreibt gegenüber dem FBI »wahnsinnige« Kryptowährungstransaktionen zwischen Kushners Unternehmen und einer russischen Person. Sie behauptet außerdem, sie sei abgestraft worden, nachdem sie Bedenken hinsichtlich über hundert »politisch vernetzter Personen« geäußert hatte, die von den sonst üblichen Anti-Geldwäsche-Prüfungen ausgenommen worden waren. ...
https://jacobin.de/artikel/epstein-kushner-deutsche-bank-eliten-fbi-lever


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Textaris(txt*bot)

#1981
... Der IRS-Whistleblower Charles Littlejohn, der die Steuerpraktiken von Musk, Trump und den anderen Silicon-Valley-Oligarchen ans Licht der Öffentlichkeit brachte, wurde dagegen 2024 zu fünf Jahren Haft verurteilt. ...

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... Charles Edward Littlejohn (born 1985) is a former American Internal Revenue Service (IRS) contractor who leaked tax records from Donald Trump and other wealthy individuals in what has been called the largest known data breach in IRS history. ...
https://en.wikipedia.org/wiki/Charles_E._Littlejohn

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Quote[...] Tech-Bosse wie Jeff Bezos, Elon Musk oder Mark Zuckerberg sind nicht nur durch die Gründung von Amazon, SpaceX oder Facebook zu Superreichen geworden. Sondern auch, weil sie auf ihre gigantischen Vermögen keine Steuern zahlen müssen. Dank eines einfachen Tricks.

... "Gehälter sind für Dumme. Wer Einkommen erzielt, wird mit hohen Steuern und Sozialabgaben bestraft. Jeff Bezos und viele andere unserer Multimilliardäre haben darauf keine Lust", hat die US-Steuerrechtsprofessorin Ray Madoff das Phänomen kürzlich im Podcast von Ezra Klein auf den Punkt gebracht. "Sie sahnen stattdessen über den steigenden Wert ihrer Unternehmensanteile ab." Madoff muss es wissen: Als Steueranwältin hat sie Superreichen geholfen, ihre Vermögen steuervermeidend zu organisieren, in Boston lehrt sie seit 30 Jahren die Winkelzüge des Systems.

Während Normalverdiener in den USA 40 Prozent und mehr an den Fiskus abdrücken, strukturieren Bezos, Musk, Zuckerberg und Co. ihr Vermögen so, dass so gut wie nie ein steuerpflichtiges Ereignis - wie Aktienverkäufe oder Gehaltszahlungen - auftritt. Das ist der Grund, warum Elon Musk, Mark Zuckerberg oder Larry Ellison auf Lohn verzichten. Stattdessen nutzen sie ihre Immobilien, Firmen und Aktienpakete als Sicherheiten, um Milliardenkredite aufzunehmen und ihren extravaganten Lebensunterhalt zu finanzieren. Damit genießen sie trotz gigantischer Vermögen bis in alle Ewigkeit steuerfrei auf Pump ihr Leben und rechnen sich auf dem Papier arm. Denn die Kredite werden anders als Gehälter nicht als Einkommen besteuert.

"Buy, Borrow, Die" - Kaufen, Leihen, Sterben - heißt diese Strategie. Die Banken machen mit, weil sie daran prächtig verdienen: Jahrzehntelang kassieren sie Zinsen für Kredite, die kaum ausfallen können, weil sie mit Milliardenanteilen an den größten Konzernen der Welt besichert sind. Die Oligarchen verlängern diese Kredite einfach immer wieder - bis sie sterben, ihr Vermögen an ihre Kinder vererben und das Spiel von vorn beginnt. Falls irgendwann doch mal ein finanzieller Engpass entstehen sollte, der sich nicht mit geliehenem Geld lösen ließe, machen sie ein paar ihrer Aktien zu Geld und zahlen darauf dann tatsächlich auch Steuern. Aber nicht annähernd in einer Höhe, die ihrem Reichtum entspricht.

Schon 2021 veröffentlichte das Nonprofit-Investigativportal ProPublica die Kronjuwelen der US-Steuerbehörde IRS: die geheimen Steuerakten von Musk, Bezos, Zuckerberg und anderen Milliardären wie Warren Buffett. Die geleakten Daten zeigten, dass die Oligarchen seit Jahrzehnten das Kunststück vollbringen, in vielen Jahren keinen einzigen Cent Einkommensteuer zu zahlen, obwohl ihre Vermögen von Jahr zu Jahr um Hunderte Milliarden Dollar wachsen. Donald Trump schaffte es sogar zehn Jahre lang, seine Steuern auf null zu drücken. Die Berichte zerstörten endgültig "den hartnäckigen Mythos, dass alle ihren gerechten Anteil leisten und die Superreichen am meisten zahlen", wie ProPublica damals schrieb.

Eine amerikanische Geldaristokratie sei so entstanden, schreibt Madoff in ihrem Buch "The Second Estate", die wie im vorrevolutionären Frankreich ungestört im Luxus lebt und keine Steuern zahlt: ein neuer "zweiter Stand", dessen Privilegien damals wie heute "etwas Kaputtes und Alarmierendes signalisieren": dass vor dem Fiskus nicht alle Menschen gleich sind, sondern zwei verschiedene Systeme existieren. "Eins für Menschen, die Geld verdienen, und eins für Menschen, die Vermögen besitzen". Im 18. Jahrhundert verlieh der französische König dem Adel das Sonderrecht, keine Steuern zu zahlen, im Austausch für dessen Loyalität im Absolutismus. Im 21. Jahrhundert erlaubten die USA der Milliardärsklasse, sich "stillschweigend von dem Land loszusagen, das sie reich gemacht hat" und "ihre Verantwortung abzustreifen und in eine steuerfreie Version des amerikanischen Lebens zu fliehen". Während der Rest des Landes die Kosten schultert.

Dabei geht es nicht um den Reichtum der Wohlhabenden insgesamt. Sondern um den demokratiezersetzenden Vermögensexzess einer Handvoll Ultrareicher, gegen die selbst Großverdiener wie Wall-Street-Banker, Chefärzte oder Top-Berater kleine Leute sind. Denn die müssen tatsächlich hohe Steuern auf ihre Gehälter berappen: "Niemand zahlt mehr als die Working Rich", schreibt Madoff: 40 Prozent des US-Steueraufkommens kommen tatsächlich von den reichsten 1 Prozent der Steuerzahler. Denn sie "kommen nicht in den Genuss der Steuervermeidungsmittel der Vermögenden, die es sich leisten können, ohne Gehalt zu leben."

Die oberen 1 Prozent insgesamt sind nicht das Problem. "Um zu verstehen, was mit uns passiert, müssen wir uns auf die 0,1 Prozent, die 0,01 Prozent, sogar auf die obersten 0,00001 Prozent konzentrieren", hat US-Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman geschrieben - eine Handvoll Menschen wie Bezos, Zuckerberg oder Musk. Die niedrigen Steuern, die sie zahlen, "werden zum Problem für die Wirtschaft", titelte im Februar sogar das marktliberale Wall Street Journal. Das Vermögen der reichsten 0,00001 Prozent lag laut dem französischen Ökonomen Gabriel Zucman selbst auf dem Höhepunkt der Rockefeller-Ära um 1910 bei nur vier Prozent des US-Nationaleinkommens. Heute sind es dagegen zwölf Prozent.

Allein Elon Musks Reichtum beläuft sich heute auf knapp 3 Prozent der US-Wirtschaftsleistung. Der reichste Mann der Welt hat sich aus der Finanzierung des US-Gemeinwesens faktisch verabschiedet und genießt unbegrenzte Freiheit. Der IRS-Whistleblower Charles Littlejohn, der die Steuerpraktiken von Musk, Trump und den anderen Silicon-Valley-Oligarchen ans Licht der Öffentlichkeit brachte, wurde dagegen 2024 zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Quelle: ntv.de

Aus: "Privileg der Geldaristokratie: Dieser Trick befreit Elon Musk & Co. vom Steuernzahlen" Hannes Vogel (28.06.2026)
Quelle: https://www.n-tv.de/wirtschaft/Dieser-Trick-befreit-Elon-Musk-Co-vom-Steuernzahlen-id31017821.html

Textaris(txt*bot)

Quote[...] Jobcenter können ab Juli Leistungsempfänger sanktionieren, wenn sie ungepflegt oder unter Alkoholeinfluss zum Vorstellungsgespräch erscheinen. Das geht aus einer aktualisierten Weisung der Bundesagentur für Arbeit an die Jobcenter hervor. Zuerst hatte die Bild-Zeitung berichtet. Empfängern von Sozialleistungen wie der neuen Grundsicherung können demnach in einem solchen Fall künftig Leistungen gekürzt werden.

Die Bundesagentur für Arbeit stuft das als Pflichtverletzung ein. Diese Verletzungen sind in Paragraf 31 des Sozialgesetzbuches II geregelt. Sie liegen etwa vor, wenn Personen durch negatives Verhalten verhindern, dass sie von einem Arbeitgeber eingestellt werden.

»Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn leistungsberechtigte Personen stark ungepflegt oder alkoholisiert zum Bewerbungsgespräch erscheinen und der Arbeitgeber sie deshalb vom weiteren Verfahren ausschließt«, hieß es in der Weisung. Wer Pflichtverletzungen begeht, kann seine Leistungen gekürzt bekommen.

Die neue Weisung an die Jobcenter greift ab diesem Mittwoch. Dann tritt auch die von der schwarz-roten Koalition auf den Weg gebrachte Reform des bisherigen Bürgergelds in Kraft, das dann Grundsicherung heißt. Für Bezieher gelten damit in Zukunft schärfere Regeln, an der Höhe der Sozialleistung ändert sich allerdings nichts.


Aus: "Jobcenter können künftig Alkohol beim Bewerbungsgespräch ahnden" (29. Juni 2026)
Quelle: https://www.zeit.de/arbeit/2026-06/jobcenter-sanktionen-grundsicherung-buergergeld-reform

Quoteziemon

Ich will mehr Druck auf Arbeitslose! Daher begrüße ich den Vorschlag. Ich bin wirklich sauer, dass ich Arbeitslose, die gesundheitlich arbeitsfähig sind, alementieren muss (allein erziehende Mütter ausgenommen).


Quotetime.de

Es ist nicht illegal Drogen oder Alcohol zu nehmen. Genauso darf man "ungepflegt" sein, was soll das. Sowas bestrafen zu wollen ist eine bodenlose Frechheit.


QuoteClint Westwood

Ist das so schwer und zu viel verlangt?

Hier ein paar Tipps: Keine Alkohol-Fahne, nicht nach Knoblauch oder Qualm stinken. Saubere, frische Klamotten, gewaschene Haare. Keine T-Shirts, Krawatten oder Socken mit ,,lustigen" Motiven.

Was branchenüblich ist, kann man googeln oder auf YouTube schauen.


QuoteSieyès

Also keine Hunde auf der Krawatte bitte!


QuoteTobi0815

Gilt Herr Merz als gepflegt? Also habe ähnlichen Haarwuchs, ich rasiere komplett. Alles andere sieht ungepflegt aus.


QuoteEckig aber Rund

Ist man Millionär heißt das "exzentrisch". Man muss diesen Arbeitslosen nur näherbringen, Geld zu haben. Dann stellen sich viele Fragen ganz einfach nicht.


QuoteAlexander der Kleine

Interessant, wenn bei diesen Wetterverhältnissen das Deo versagt, spart der Staat Geld.
Es gibt doch an jedem Ding etwas Gutes. ...


QuoteKlausWie

Sie reden Unfug. Niemand wird wegen mangelnden Deo oder schlechtsitzender Frisur sanktioniert.
Was soll dieser Desinformationspopulismus eigentlich?


QuoteTannenberg.

Gilt der lindnersche Drei-Tage-Bart, der auch von anderen Politikern getragen wird, schon als ungepflegt?


Quoteersiees nu wieder

Ja, eindeutig Ja.


QuoteBecker-Dieter 123

Nervig die ganzen halbwahren Kommentare hier...

Nein Suchtkranke werden nicht einfach sanktioniert. Selbstverständlich hat der hyperaktive Sozialstaat hier auch an die schon gedacht. Die werden in der Regel schon gar nicht mehr berücksichtigt als arbeitsfähig.

Und selbstredend ist jemand, der sich vor einem Termin 4 Tage lang nicht unter die Dusche stellt und ein Six Pack leert vorm Bewerbungsgespräch zu sanktionieren. Wo leben wir eigentlich?


QuoteTorfmoorholm

Klingt plausibel. Besoffen am Arbeitsplatz zieht meist auch Konsequenzen nach sich.


QuoteLurchiD

Wie sich die Zeiten ändern.

Aus meiner Kindheit in den Sechziger Jahren in München erinnere ich mich noch an die Bierfuhrwerke, mit denen die Wirtschaften beliefert wurden.
In jeder Wirtschaft hat der Bierkutscher eine Halbe Bier bekommen, so daß er gegen Mittag bereits einen gehörigen Rausch gehabt hat.
Das hat aber nichts gemacht, weil die Pferde ja den Weg gewußt und aufgepaßt haben, autonomes Fahren also.
Und ob die Bierkutscher einen gepflegten Eindruck gemacht haben? Eher nicht, würde ich mal sagen.


QuoteASS2508

Also irgendwie finde ich hier jede Menge Kommentare merkwürdig.

Es geht hier um Alkoholisierung und/oder ungepflegtes Auftreten bei Vorstellungsgesprächen. Ich gehe davon aus, dass keiner von ihnen auf die Idee kommen würde, alkoholisiert und ungepflegt zu einem Vorstellungsgespräch zu gehen, weil ihnen klar wäre, dass sie so den Job nicht bekommen. Des weiteren behaupte ich jetzt mal ganz dreist, dass die Arbeitsagenturen oft genug damit konfrontiert sind, dass sie von potentiellen Arbeitgebern darüber informiert wurden, dass der/die BewerberIn alkoholisiert und/oder ungepflegt zum Vorstellungsgespräch erschienen ist. Das kann man nämlich auch gezielt einsetzen, um Jobs nicht zu bekommen. Tritt diese Vorgehensweise bei einem Leistungsempfänger regelmäßig auf, ist es doch völlig legitim ihm/ihr Leistungen zu kürzen. Für Arbeitnehmer hat es auch Konsequenzen, wenn er/sie regelmäßig alkoholisiert und ungepflegt am Arbeitsplatz erscheint. Warum dann nicht bei Leistungsempfängern?


QuoteFriedrich Herschel

Können wir als Volk dann auch die Leistungen senken, wenn das nächste mal ein CSU-Politiker betrunken auf dem Oktoberfest rumtanzt?


QuoteAthur Luxury Yacht IV.

Also, wer zu einem Bewerbungsgespräch betrunken und ungepflegt erscheint, wird vermutlich auch nicht deswegen ein ganz toller Arbeitnehmer, weil er sich 60 Minuten zusammenreißen kann.

Natürlich kann man den Sanktionieren. Und ich bin sicher, dass man da auch sofort Beifall von Leuten mit Merz-Mindset hat.

Zielführender - und insbesondere auch für ggf. im Umfeld betroffene Kinder - wäre sicherlich ein verpflichtendes Gespräch mit einem Psychologen, Sozialarbeiter, Arzt. Und dann bei Verweigerung dieses Gesprächs finanzielle Sanktionen.

Aber hier geht es ziemlich sicher nicht um echte Hilfe für Menschen die erkrankt sind, sondern darum den Skalp irgendeiner armen Wurst dem Mob zu zeigen. Wieder mal härte gezeigt!




QuoteKeineSystemMarionette

Wieder einmal wird auf Arbeitslose gezeigt, als wären sie das große gesellschaftliche Problem. Wie schon bei der Debatte um die angeblichen ,,Totalverweigerer" werden Einzelfälle und Randerscheinungen aufgeblasen, um ein Bild zu erzeugen, das mit der Realität der meisten Betroffenen wenig zu tun hat.

Statt Armut zu bekämpfen, wird Armut verdächtigt. Statt über Steuervermeidung, Finanzkriminalität oder milliardenschwere Vermögen zu sprechen, beschäftigt man sich lieber damit, Menschen mit Grundsicherung als potenzielle Betrüger darzustellen.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk spielt bei dieser Inszenierung oft bereitwillig mit und reproduziert Erzählungen, die vor allem eines bewirken: gesellschaftlichen Frust nach unten zu lenken.

Überspitzt gefragt: Wann kommt die nächste Regelung nach dem Motto ,,Kinder dürfen nicht misshandelt werden, während man Grundsicherung erhält" – einfach nur, damit unterschwellig wieder die Botschaft hängen bleibt, Leistungsbezieher seien eine besondere Gefahr für die Gesellschaft?

Gleichzeitig wird der Bevölkerung erzählt, für Steuerprüfungen bei sehr Vermögenden fehle das Personal, während Sozialleistungsbezieher bis ins Detail kontrolliert werden. Das vermittelt den Eindruck, dass der Staat nach unten mit maximaler Härte vorgeht, nach oben aber erstaunlich oft an seine Grenzen stößt.

Wer ständig auf die Schwächsten zeigt, während bei den wirklich großen Summen angeblich die Ressourcen fehlen.


QuoteLolaprr

Das wird wohl kaum Bestand vor Gericht haben. Was "ungepflegt" bedeutet, ist doch sehr individuell und eine Bestrafung suchtkranker Menschen dürfte sich ebenfalls nicht durchsetzen lassen. Aber Hauptsache, man drangsaliert hunderttausende Leistungsbezieher wegen einer Handvoll Problemfälle.


Quotesilkeausmuc

Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/es


Quotekarl-heinz22

Entfernt. Bitte formulieren Sie Kritik sachlich und differenziert. Danke, die Redaktion/es


Quotenon omnia possumus omnes

Ich denke mal, dass die Mitarbeiter der Jobcenter in der Lage sind zu erkennen, ob sie einen offenkundig Suchtkranken vor sich haben. Den wird man wohl kaum von Vorstellungsgespräch zu Vorstellungsgespräch jagen. Hier wird wohl erstmal das 'Vermittlungshemmnis' angegangen.


QuoteFranzOberhauser
Antwort auf @non omnia possumus omnes

Sind Jobcenter Mitarbeiter jetzt Psychiater, dass sie eine Sucht diagnostizieren dürfen?


QuoteKeineGewaltegalvonwem

Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/SC


QuoteZiegenmensch

Wieso werden alle wegen ein Handvoll Problemfälle drangsaliert? Es werden doch nur die Problemfälle drangsaliert und das ist auch gut so. Oder meinen Sie es ist grundsätzlich unmöglich, nüchtern zum Bewerbungsgespräch zu kommen?


QuoteRedPandaRaidr

Wer absichtlich Bewerbungsgespräche sabotiert um weiter ALG2 zu beziehen, gehört sanktioniert. Das ist schlicht asozial.

Man kann mit dem Bier ja wenigstens bis nach dem Bewerbungsgespräch warten. Wenn die Sucht so schlimm ist, sollte man in Kliniken für Drogensucht gesteckt werden.


QuoteRückkehrer

Ich bin negativ überrascht, dass das bisher nicht geahndet wurde.
Zum Glück wird die Lücke nun gestopft


QuoteDerVerschoerungstheoretiker

... Maßnahmen gegen Arbeitslose erscheinen in den Medien ausschließlich, um diese zu diffamieren und ihnen zu zeigen, dass sie beobachtet und verfolgt werden. Und um zu zeigen, dass die Politik etwas tun, gegen die Schmarotzer, die auf Kosten des braven Steuerzahlers in Saus und Braus leben, ganz im Gegensatz zu den hart und aufopferungsvoll arbeitenden Managern und Erben, die ja nur ein bisschen - das 10-, 100- oder 1.000-fache - mehr verdienen als ihre Mitarbeiter.
Der rechtsextreme Kurs der derzeitigen Bundesregierung hat als gezielt ausgewähltes Opfer die Schwachen und Armen.
Flüchtlinge wird das Existenzminimum genommen.
Sozialhilfeempfängern/Arbeitslosengeld II wird das Bürgergeld zusammengestrichen.
Den arbeitenden Armen wird das Wohngeld gekürzt.
Den Rentner wird die Renten teilweise gestohlen.
Den Arbeitslosen wird das Arbeitslosengeld I verkürzt.
Als Einstimmung erhalten sie weitere Auflagen und Verschärfungen.

Großzügig ist diese Regierung nur für die andere Seite der Gesellschaft.
Die Geldwirtschaft erhält eine Steuer von 2 % auf alle Arbeitseinkommen.
Die mittleren Einkommen sollen 500 € weniger Steuern pro Jahr zahlen.
Die Steuersätze der Wirtschaft sinken.
Die Erbschaftssteuer erhält weitere Ausnahmen für die Reichen.
Eine Vermögenssteuer wird nie wieder eingeführt.


QuoteMorgenspaziergang

Körpergeruch, T-Shirt statt Hemd, lange Haare, gelbe Zähne - wie definiert man denn bitte "ungepflegt"? ...


QuoteKritischerBlick

Entfernt. Im Interesse aller wünschen wir uns konstruktive und sachliche Diskussionen. Bitte tragen Sie ausschließlich mit konstruktiven und inhaltlich passenden Kommentaren dazu bei. Danke, die Redaktion/es


QuoteLeszno12

Die Jobcenter sollten Friseure fest anstellen. Jeder Kunde darf sich dort alle 2 Monate die Haare schneiden lassen. Dafür Wird der Regelsatz um 10€ gekürzt.


QuoteLeszno12

Bizarr ist eher, dass Menschen zu Bewerbungsgesprächen gehen, die den Job gar nicht machen wollen. Für den personaler ist das verschwendete Zeit.


QuoteOiOlli

Willkommen im Leben eines Menschen der ALG 2, Bürgergeld, GruSi bekommt. Der muss zu jedem Job der ihm angeboten will, ob die Firma ihn möchte, ob er den Job kann/will, egal.


QuoteThelaughingman

Wie soll denn der Alkoholkonsum bewiesen werden? Kommt dann der Amtsarzt zum Bewerbungsgespräch mit? Und wie misst das Amt das Ungepflegtsein?


QuoteKritischerBlick

Dafür werden Planstellen geschaffen, die durch Gepflegtheitsbeauftragte besetzt werden.

-Der misst die Haarlänge.
-Die Lauscher werden auf Ohrenschmalz untersucht.
-Für Zahnfarben gibt es standardisierte Farbtafeln. Den Termin der letzten Prophylaxe kann der Zahnarzt bestätigen.
-Sichtprüfung, wann die letzte Maniküre & Pediküre durchgeführt wurden. Fehlende Gliedmaßen dürfen nicht in die Bewertung einfließen.
-Dann noch ein geschulter Blick, um festzustellen, wie lange die Unterbuxe schon getragen wird

Sie sehen: Wo ein Wille, da auch ein Gebüsch.

/sarc


QuoteTannenberg.

Kann man jetzt verlangen, dass der Jobcenter Mitarbeiter angemessen bekleidet in Anzug und Krawatte empfängt? Schließlich vertritt dieser den Staat und da kann man schon gewisse Ansprüche haben.


QuoteNemesisII

Und wehe, der müffelt bei 40 Grad im Südbüro...


Quotedigital_native

Und nicht vergessen: man ist ganz offiziell "Kunde". Da kann man auch durchaus mal etwas erwarten.


QuoteWaehlerwille ist Buergerpflicht

Drei-Tagebart = ungepflegt?

Lange Haare als Mann = ungepflegt?

Löcher in Jeans = ungepflegt?

Tattoos = ungepflegt?

Harzer-Käse-Atem = ungepflegt?

Ohrringe als Mann = ungepflegt?

Kein BH als Frau = ungepflegt?

Klappriges Auto = ungepflegt?

Viel Spaß beim Aufstellen eines Kriterien-Katalogs und bei der Durchsetzung dieses Katalog.


QuoteZeitler 2000

Ich vertraue deutschen Gerichten das diese es auch dort schaffen zu sinnvoller Einzelfallgerechtigkeit zu kommen.


QuoteRuutu

Typischer kann ein CDU-Gesetz nicht ausfallen: Juristisch unpräzise. Irrelevant in seiner ökonomischen Dimension. Aufhetzend von oben nach unten. Und charakterlich ekelhaft bis zur Kotzgrenze.


QuoteJaysons

Ich verstehe die Intention dahinter, aber man erwischt nur die Dummen. Wer einem Job nicht haben will, lenkt das Gespräch schnell auf Betriebsräte und seinem Wunsch mal einen anzugehören.


QuoteClint Westwood

Halten wir fest. Viele Foristen hier sind der Auffassung, dass Unternehmer Ausbeuter sind und jeder grundsätzlich ein Recht auf Stütze hat, auch ohne jegliche eigene Mithilfe bei der Jobsuche. Es gibt quasi ein Grundrecht darauf, dreckig, ungewaschen und besoffen zum Vorstellungsgespräch zu erscheinen.

Prost Mahlzeit.


QuoteRidikolaus

Sehr schön übrigens, dass "bekifft zum bewerbungsgespräch" anscheinend kein Problem gesellschaftlicher Reichweite darstellt. ...


QuoteEs ist so wie es ist

Der eigentliche Skandal ist, dass in diesen Fällen bisher nicht gekürzt wurde. Das kann man durchaus unter Mitwirkungspflicht fassen.


QuoteNorthern

Diese Regierung wird immer absurder. Nur noch billigster Populismus und billigste Vorurteile. Selbst wenn ein Bürgergeldempfänger so auftauchen, dann ist das ein Hilfeschrei. Nach den Hintergründen fragt niemand, Hilfen werden gekürzt, im Sozialen gespart, der Bürger mit seinen Nöten und Bedürfnissen interessiert schon lange nicht mehr. Dieser ist nur noch da, um sein Portemonnaie möglichst weit zu öffnen und den Zahlemann für eine Politik zu spielen, die Jahrzehnte gepennt und das Land verwahrlosten hat lassen. Ekelhaft.


QuoteSualkrey

Das ist für mich kein Hilferuf, sondern der Versuch, es sich dauerhaft in den Sozialleistungen auf Kosten der Steuerzahler bequem zu machen.


QuoteBahnpfarrer

In der Praxis gibt es dann noch mehr Willkür.

Selbst bei einer Freundin erlebt. Der Arbeitgeber hat mit einem irrwitzigen Grund fristlos gekündigt. So irrwitzig, dass selbst das Arbeitsamt und das Gericht die Kündigung als rechtswidrig erkannt haben.
Aber die Behörde hat trotzdem automatisch die Leistungen gesperrt und auf den Rechtsweg verwiesen.
So wird das mit dem ,,ungepflegten Äußeren" auch laufen.
Der Bewerber wird unter Druck gesetzt und wenn er nicht spurt, wird er bei der Behörde angeschwärzt.
Dann gibt es automatisch eine Leistungskürzung - denn beweisen muss der Arbeitgeber hier gar nichts, Behauptung reicht.


QuoteMamaBear

Wie wäre es mal, den Leuten wirklich zu helfen eine vernünftige, menschenwürdige Beschäftigung zu verschaffen und denjenigen, die ein psychische Problem haben, auch einen Therapieplatz.

Ja, es mag einen Teil gewiefter Arbeitsverweigerer geben, die alkoholisiert zu so einem Gespräch gehen, aber da muss man sich doch mal ehrlich Fragen, ob es die Investition wert ist - was ist das Ziel, denkt man wirklich diese Menschen so in Lohn und Brot zu bringen?

Bitte nehmt das Geld und bietet Arbeitswilligen endlich mehr Perspektive (besonders der Generation Ü50 und den Berufseinsteigern - 2 Gruppen die derzeit wirklich leiden) und nehmt das Geld und schafft Therapieplätze (in meine Bubbel gibt es derzeit 2 Damen U40 arbeitslos mit Depressionen, die nur vom Hausarzt mit Medikamenten versorgt sind und dauerkrank und darauf zusteuern einfach aussortiert zu werden - fachärztliche Betreuung oder gar Therapie nicht in Aussicht).

Und wenn ihr Geld sucht, dann jagt lieber Steuerbetrüger (ja, dazu zählt ggf. auch die Schwarzarbeit von Langzeitarbeitslosen - da trifft man dann vielleicht den einen oder anderen Kandidaten auf diesem Weg ;-) )


QuoteRechberg

Laut Aussagen eines Bremer Jobcentermitarbeiters würden 30-40% seiner Kunden nicht arbeiten wollen. Das ist erschreckend viel.


QuoteJaysons
Antwort auf @Kleimahüsteriger

Hat der Freund von einem Bekannten seinem Schwager auch der Zeit ein Interview gegeben?
https://www.zeit.de/wirtschaft/2026-06/fred-goecken-jobcenter-bremen-zdf-doku-gxe


QuoteNoigschmeckte

Ich wundere mich sehr über eine große Menge von Kommentaren hier. Es gäbe so viel zu kritisieren an den Vorstellungen der Regierung zum Bürgergeld, z.B. Mietpauschale statt tatsächlicher Miete oder ,,absolutesExistenzminimum" nach Dobrindt, aber hier regt sich eine Mehrheit über Anforderungen auf, die selbstverständlich sein sollten.


QuoteWasserstoff hat keine Zukunft

Naja, wer das verordnete Vorstellungsgespräch alkoholisiert und unrasiert wahrnimmt, hat dann immernoch gute Chancen auf eine Absage.

Ist das das Kurt-Beck Vermächtnis? "rasieren und waschen und in drei Tagen haben Sie einen Job" (womit er wohl rechthatte).

Es stellt sich hier die Frage, of das JC zu einer Art sozialer Disziplinierungsanstalt umgebaut werden soll. Was kommt als Nächstes, der Arbeitsdienst? ...


QuotePlo

Gilt das auch für Arbeitgeber? Ich hatte mal einen Vorstellungsgespräch in einem nach Zigaretten stinkendem Personalbüro. Auf dem Schreibtisch: ein voller Aschenbecher, Hühnchenreste und ein großer Fettfleck. Wo anders hatte ich auch schon Pornobilder vorgefunden. So viel zu diesem schönen Land.


QuoteAC Irre

Ich fürchte, Prohibition beim Bewerbungsgespräch wird nach KI der zweite große Branchenkiller für den Journalismus sein.

Hat Bärbel Bas vielleicht auch mal daran gedacht, wie Springer und Holtzbrinck jetzt noch geeignetes Personal rekrutieren sollen?


...

Textaris(txt*bot)

#1983
Quote[...] Am 1. Juli wird aus dem Bürgergeld die neue Grundsicherung. Diese sieht stärkere Sanktionen vor und will den Druck erhöhen, Menschen wieder in Arbeit zu bringen. Was konkret ändert sich? Für wen gelten die neuen Regelungen? Und was kann die Reform tatsächlich einsparen? Fragen und Antworten.

Was ist der Unterschied zwischen Bürgergeld und der Grundsicherung?

Die Bedingungen, unter denen arbeitslose Menschen Unterstützung vom Staat bekommen, sollen mit der Grundsicherung verschärft werden.

Es sollen früher Leistungen gestrichen werden als beim Bürgergeld. Lehnt ein Empfänger ein Arbeitsangebot willentlich ab, etwa wenn er nach Unterschreiben eines Arbeitsvertrags den Job nicht antritt, können Leistungen für mindestens einen Monat gestrichen werden. Wer zwei Termine im Jobcenter verpasst, muss mit Leistungskürzungen von 30 Prozent rechnen. Bei drei versäumten Terminen hintereinander wird der Regelsatz komplett gestrichen. Die Reform plant in letzter Konsequenz, alle Zahlungen inklusive der Miete einzustellen, wenn ein Leistungsbezieher nicht erreichbar ist. Es gibt aber auch Schutzvorkehrungen: Zum Beispiel ist vorgesehen, die Wohnkosten weiterzuzahlen, wenn andere Menschen mit den Betroffenen zusammenleben, etwa Kinder. Außerdem sollen Betroffene die Möglichkeit haben, sich zu der Sache zu äußern – etwa durch einen Telefonanruf oder einen Besuch. Zudem soll es Ausnahmen geben, etwa wenn Menschen gesundheitlich nicht in der Lage sind, einen Termin einzuhalten. Ob diese Regelung mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2019 über das Grundrecht auf ein menschenwürdiges Existenzminimum vereinbar ist, bleibt vorerst fraglich.

Bislang gab es eine Schonfrist von einem Jahr, in der Betroffene ihr Erspartes in den meisten Fällen behalten dürfen. Diese Karenzzeit entfällt mit der Grundsicherung. Stattdessen soll die Höhe des sogenannten Schonvermögens an das Lebensalter gekoppelt werden. Vor allem junge Menschen werden in Zukunft dadurch weniger von ihrem Ersparten behalten dürfen.

Auch die Wohnkosten werden früher und strenger als bisher darauf geprüft, ob sie als angemessen eingestuft und damit in vollem Umfang vom Staat übernommen werden. In Ballungsgebieten mit hohen Mieten kann diese Regelung im Zweifel dazu führen, dass Menschen schneller ihr Zuhause verlieren.

Insgesamt soll der Druck erhöht werden, wieder in den Arbeitsmarkt einzusteigen, auch bei schlechter bezahlten oder unpassenden Tätigkeiten.

Eltern müssen ihre Kinder bereits nach einem Lebensjahr in Fremdbetreuung abgeben, um wieder in den Arbeitsmarkt eingegliedert werden zu können. Bislang galt diese Regelung erst für Kinder ab dem dritten Lebensjahr.

Alleinstehende werden grundsätzlich dazu verpflichtet, Vollzeit zu arbeiten. Nur in Ausnahmefällen wird Teilzeit genehmigt.

Die Ampelregierung führte 2023 das Bürgergeld ein, um den Sozialstaat zu stärken. Sie setzte auf Anreize, Förderung und Selbstständigkeit: Sanktionen der alten Hartz-IV-Regelungen wurden gelockert, Karenzzeiten für Vermögen verlängert. Vor allem auf Drängen der Union will die jetzige Koalition diese Entwicklung wieder rückgängig machen. Sie hofft, dass durch den Druck der Reform mehr Menschen anfangen zu arbeiten, und der Staat somit Sozialleistungen einsparen kann. Auch will die Koalition stärker gegen Missbrauch von Sozialleistungen vorgehen und Schwarzarbeit bekämpfen.

2025 gab der Bund insgesamt gut 50 Milliarden Euro für das Bürgergeld aus. Das entspricht etwa zehn Prozent des Gesamthaushalts von rund 500 Milliarden Euro. Der Regelsatz für arbeitslose Alleinstehende liegt bei maximal 563 Euro pro Monat. Hinzu kommen Gelder für Miet- und Heizkosten sowie Fördermaßnahmen. Auch Verwaltungskosten, etwa Gehälter für Mitarbeitende des Jobcenters, sind in diesen Gesamtbetrag von 50 Milliarden Euro mit eingerechnet.

Zunächst sprach die CDU »von vielen Milliarden«, die man einsparen könne. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) konkretisierte die Summe dann auf 1,3 bis 1,5 Milliarden Euro. Bundessozialministerin Bärbel Bas (SPD) sprach von Einsparungen von einer Milliarde Euro.

Durch die Umstellung auf die Grundsicherung komme es jedoch erst einmal zu Mehrausgaben für die Arbeitsagentur, sagte deren Vorsitzende Andrea Nahles. Die Agentur rechnet in den kommenden drei Jahren mit zusätzlichen Ausgaben von 260 Millionen Euro.

Die Frage, inwiefern Regelungen wie Sanktionen überhaupt dazu beitragen, mehr Menschen in Arbeit zu bringen, ist auch nach Veröffentlichung zahlreicher Studien in den vergangenen zehn Jahren umstritten. Eine Rolle spielte dies bereits beim Urteil des Bundesverfassungsgerichts 2019, wonach Sanktionen von mehr als 30 Prozent des Regelbedarfs verfassungswidrig sind: Es gab nicht genügend Studien, die belegen würden, dass solche Sanktionen zielführend seien.

Tatsächlich sind Sanktionen laut mehreren Erhebungen zu dem Thema in der Lage, Sozialhilfeempfänger dazu zu bewegen, eine Arbeit anzunehmen. So stellte das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) auf Grundlage mehrerer Erhebungen fest, dass sanktionierte Empfänger eher in den Arbeitsmarkt wechseln, als nicht sanktionierte. Schon die Androhung von Sanktionen habe diesen Effekt.

Zugleich warnten die Studienautoren bereits damals davor, Sanktionen als Instrument zur Erzwingung einer Arbeitsaufnahme überzustrapazieren. Denn die Qualität der Arbeit, die von sanktionierten Sozialhilfeempfängern aufgenommen wurde, war demnach oftmals schlechter als bei Nichtsanktionierten. Es handle sich oft um Hilfstätigkeiten, die schlecht bezahlt und schnell wieder aufgegeben würden.

Aus einem Bericht der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages aus dem Jahr 2017 (PDF: https://www.bundestag.de/resource/blob/497906/f2a6382d0a8b3d3afbf9bb4dffdabc59/wd-6-004-17-pdf-data.pdf), in dem mehrere Studien aufgegriffen werden, geht zudem hervor: Sanktionierte Sozialhilfeempfänger ziehen sich häufiger aus dem Sozialleben zurück, leiden häufiger unter psychischen Krankheiten, berichten von Mangelernährung und verlieren eher das Vertrauen in das Sozialsystem allgemein sowie ins Jobcenter im Speziellen.

Dies führe wiederum dazu, dass Mitwirkungspflichten wie die Teilnahme an Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen oder das Wahrnehmen von Terminen noch seltener wahrgenommen würden. Zu hohe Sanktionen führten eher zu einer Destabilisierung der betroffenen Personen als zu mehr Beteiligung am Arbeitsmarkt. Wie die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages ausführten, basierten zahlreiche Erkenntnisse aus den zitierten Studien allerdings auf qualitativen Erhebungen unter vergleichsweise wenigen Betroffenen und seien nicht zwangsläufig repräsentativ.

Tatsächlich stieg die Höhe für Sozialausgaben unter der Ampelregierung in den Vorjahren an. Grundlage dieses Trends ist, dass ukrainische Flüchtlinge Bürgergeld statt Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz beziehen konnten. Sie machen mit 700.000 Menschen etwa 13,5 Prozent aller Empfänger aus. Gleichzeitig ist Zahl der arbeitssuchenden Menschen auf anhaltend hohem Niveau: zu Jahresbeginn stieg sie auf mehr als drei Millionen – den höchsten Stand seit 2014; im Mai waren es 2,95 Millionen. Für die hohe Arbeitslosenquote ist die wirtschaftliche Stagnation der vergangenen Jahre verantwortlich, nicht etwa die Einführung des Bürgergelds.

Gemessen an der deutschen Wirtschaftskraft sind die Sozialausgaben des Bundes in den vergangenen Jahren leicht gesunken. Im Jahr 2024 brachte der Bund einen Anteil von 5,53 Prozent des BIP für soziale Sicherung auf. 2015 hatte der Anteil noch bei 5,64 Prozent des BIP gelegen – und im Jahr 2000 bei 5,63 Prozent.

Rechnet man die Ausgaben der Länder und Kommunen mit ein, ergibt sich ein Anstieg: Die gesamtstaatlichen Sozialleistungen (monetär und sachlich) stiegen von 689,9 Milliarden Euro im Jahr 2015 auf 1.018,7 Milliarden Euro im Jahr 2024. Bezogen aufs BIP ergibt sich für 2015 ein Wert von 23,3 und für 2024 ein Wert von 25,3 Prozent. Im Jahr 2000 waren es 21,1 Prozent.

Derzeit erhalten etwa 5,5 Millionen Menschen Bürgergeld. Darunter sind etwa 1,8 Millionen Kinder und Jugendliche. Weitere 800.000 sind sogenannte Aufstockerinnen und Aufstocker, deren Gehalt unter Bürgergeld-Niveau liegt.

Etwas mehr als die Hälfte der Bezieher sind deutsche Staatsbürger. Unter den Empfängern mit ausländischem Pass stammt der größte Anteil der Bürgergeldempfänger aus der Ukraine – etwa 700.000 Menschen.

Nur ein Drittel der Bürgergeldempfänger ist erwerbsfähig, arbeitslos und nicht durch Krankheit an der Aufnahme einer Arbeit gehindert.

Kritik kommt vor allem von den Linken und den Grünen. Die Linken-Fraktionsvorsitzende Heidi Reichinnek spricht von einem massiven Angriff auf den Sozialstaat. Sozialverbände warnen ebenfalls vor zu harten Sanktionen und einer Stigmatisierung von Erwerbslosen.

Die IG Metall kritisierte, der verschärfte Druck richte sich an einer »verschwindend kleinen Gruppe sogenannter Totalverweigerer« aus, gleichzeitig würden »Millionen Menschen und ihre Familien unter Generalverdacht gestellt, ohne ihnen realistische Chancen auf Qualifizierung und existenzsichernde Arbeit zu eröffnen«.

Der Sozialverband VdK kritisierte insbesondere die geplante Deckelung der Wohnkosten. Dies berge das Risiko von Mietschulden und könne »im schlimmsten Fall Wohnungslosigkeit nach sich ziehen«. Ähnlich äußern sich der Sozialverband SoVD und die Diakonie Deutschland.


Aus: "Das ändert sich mit der neuen Grundsicherung" (1. Juli 2026)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-03/buergergeld-grundsicherung-reform-koalition

QuoteAltkanzler Schmidt

,,Denn als wir bei euch waren, gaben wir euch diese Regel: Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen."

 2. Brief an die Thessalonicher, Kapitel 3, Vers 10.


QuoteRisto Monteprado

,,Die Würde des Menschen ist unantastbar."

Art.1, Abs. 1, Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland


QuoteRisto Monteprado

Menschenrechte und Grundgesetz sind für die Verfechter eines Gottesstaates, wie Sie, einfach nur lästig, oder?


Quoteersiees nu wieder

Und auch schon damals, nahm sich der Verfasser der Zeilen davon aus. Es hat sich nichts geändert.


QuotePower to the people

Ein knapp 1900 Jahre altes Märchenbuch hat nichts mit der Realität zu tun.


QuoteAltkanzler Schmidt
Antwort auf @Risto Monteprado

Arbeit ist mit der Menschenwürde vereinbar. Es gibt kein Recht auf Faulheit auf Kosten der Allgemeinheit.


QuoteNur wenn es um was geht

Hier geht es weder ums Sparen noch um die Bekämpfung von Arbeitslosigkeit.
Es geht direkt gegen ARBEITNEHMER. Richtig gelesen: nicht Arbeitslose.

Es geht um Druck, Gehorsam und Angst. Arbeitnehmer sollen ihren Chefs nicht widersprechen, sollen keine Lohnerhöhung fordern, kein Home-office, sollen ihre Rechte auf Teilzeit nicht durchsetzen, vom gender-pay-Gap will ich gar nicht reden.

Sie sollen ANGST haben. Und dann arbeiten. Damit ein paar fettreiche Gierschlingen noch mehr bekommen. Mehr Multimillionäre, mehr Milliardäre.

Das genau wird diese "Reform" anrichten.

Übrigens ist das Abschaffen der Schonfristen dabei eine brutale Drohung gegen die untere Mittelschicht. Denn dort gibt es nicht die Angst, 500 Euro nicht zu haben, sondern die, durch Jobverlust sofort auf einen Schlag alles zu verlieren, was an Wenigem aufgebaut wurde.

...


Quoteersiees nu wieder

"Eltern müssen ihre Kinder bereits nach einem Lebensjahr in Fremdbetreuung abgeben, um wieder in den Arbeitsmarkt eingegliedert werden zu können."

Die CDU tut auch alles für ihr christliches Familienbild.


Quote😁

Das Bürgergeld stellt fiskalisch einen vergleichsweise kleinen Posten im deutschen Sozialstaat dar. Die jährlichen Gesamtausgaben liegen – einschließlich Unterkunftskosten – bei etwa 40–45 Mrd. €. Zum Vergleich: Allein die Bundeszuschüsse zur gesetzlichen Rentenversicherung übersteigen 120 Mrd. € pro Jahr, und der gesamte Bundeshaushalt liegt bei über 450 Mrd. €.

Demgegenüber steht eine hohe Vermögenskonzentration. Das Vermögen der deutschen Milliardäre wird auf etwa 600–650 Mrd. € geschätzt. Eine moderate Vermögenssteuer von 1–5 % ausschließlich auf Milliardärsvermögen könnte jährlich etwa 6 bis 30 Mrd. € einbringen und damit einen erheblichen Teil der Bürgergeldkosten abdecken.

Gleichzeitig werden große Vermögen in Deutschland seit der Aussetzung der Vermögensteuer 1997 nur begrenzt direkt besteuert. Die effektive Steuerbelastung sehr hoher Vermögen liegt daher häufig unter der Belastung von Arbeitseinkommen, was die Debatte über die Finanzierung sozialer Leistungen zusätzlich prägt.


Quotepop will eat itself

Das Problem ist: An die Einkommen kommt der Fiskus schlicht sehr leicht heran, an die großen Vermögen leider nicht.


QuoteDülfer Hans

Inwiefern steht das private Vermögen irgendwelcher Menschen unserem Sozialstaat gegenüber? Das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge.


Quotemezzopezzo
Antwort auf @Dülfer Hans

Kein Zusammenhang?

Vermögenssteuer: Ausgesetzt, weil eine vom BVerfG geforderte Reform der Bewertung von Haus und Grund nicht erfolgte; nicht wieder eingeführt, als die Reform endlich da war

Erbschaftssteuer: Nominell bis zu 50 %, tatsächlich 2,3 - 3 %; bei den 26 höchsten Erbschaften 2023 nur 0,3 %

Belastung der Einkommen durch Abgaben:

Arbeitnehmer: 43 %

Millionäre: 29 %

Milliardäre: 26 %

Menschen mit niedrigen Einkommen beziehen dieses fast komplett aus tagtäglicher Arbeitstätigkeit; Menschen mit sehr hohen Vermögen und Einkommen beziehen ohne eigene Arbeit Kapitalerträge.

Fazit:

Menschen mit hohen und sehr hohen Vermögen (von denen mehr als 50 % durch sehr niedrig besteuerte Erbschaften kommen) tragen relativ zu ihrem Einkommen wenig zur Finanzierung des Staatswesens bei. ...


QuoteZeitgeistTadel

Hier sollten viele gut mitlesen, in naher Zukunft gehören viele zu der Empfängergruppe, die heute nicht im Ansatz daran glauben.


Quoteman kann sich auch selbst dumm machen

Dazu kommen noch Milliarden aus Steuerhinterziehung, wovon ein Bruchteil bei der zuständigen Staatsanwaltschaft anhängig ist. Ausserdem zahlt Organisierte Kriminalität keine Steuern, im Verdachtsfall behalten die ebenfalls ihre Schätze. Das ist regierungstechnische Insuffizienz: stattdessen auf die Ärmsten einprügeln. Mit der Begründung, der Sozialstaat sei zu teuer. Dabei ist der Sozialstaat das Rückgrat unserer Gesellschaft, nicht die Bedürfnisse der Reichsten und der Konzerne.

Macht nur so weiter, und rammt DE in Grund und Boden. ...


QuoteAltkanzler Schmidt

Der Anteil der Bürgergeldbezieher ohne deutschen Pass ist seit 2014 von 22 auf auf inzwischen 48 Prozent gestiegen. Top-Staatsangehörigkeiten: Ukraine, Syrien, Türkei, Afghanistan, Irak, Iran, Eritrea, Somalia, Nigeria, Pakistan. Von den Syrern in Deutschland (ca. eine Millionen Menschen) beziehen etwa die Hälfte Bürgergeld.

Insofern ist die Migrationspolitik ein ausschlaggebender Faktor für das Bürgergeld und die damit verbundenen Kosten.


Quotestephness

... Viel Meinung, hauptsächlich gegen Migranten. Klassiker. ...


QuoteMamaBear

Wieso bestraft man deutsche Arbeitnehmer, die ein Leben lang gearbeitet haben so hart?

Sorry, aber die Abschaffung der Schonfrist (während die Höhe des Schonvermögens noch ungeklärt ist - derzeit übrigens "nur 40.000€).

Da bedeutet, dass ein Ü50 Arbeitsloser bereits nach 12 Monaten seine "Renten" aufbrauchen muss. Was glaub ihr denn, wo das neue Schonvermögen sein wird - keinesfalls höher als 80.000€ kurz vor Renteneintritt.

Man zwingt also noch mehr Menschen in die Altersarmut, ohne die Jobsituation für die Gruppe der Ü50 auch nur irgendwie zu verbessern.

Danke für nichts.


Quotekarl-heinz22

Deshalb gibt es die privaten Rentenprodukte. Diese werden nicht angegriffen. Ein schönes Geschäft für Banken und Versicherer.


QuoteTextmeister

Nebenbei haben die Abgeordneten noch etwas beschlossen: Denn ab dem 1. Juli 2026 steigen die Bezüge der Bundestagsabgeordneten um 4,2 Prozent. Das entspricht einem monatlichen Plus von 497 Euro – von bislang 11.833,47 Euro auf rund 12.330 Euro brutto.

Erstmals wird damit die Marke von 12.000 Euro überschritten.

"Automatischer Diätenanstieg: Abgeordnete knacken 12.000‑Euro‑Marke ab Juli" Redaktion (28. Februar 2026)
https://zittauer-zeitung.de/2026/02/28/🏛%EF%B8%8F-automatischer-diaetenanstieg-abgeordnete-knacken-12-000-euro-marke-ab-juli/


Quote2und40

Mir wird grad ein bisschen schlecht...


QuoteWoIstDieNachricht
Antwort auf @2und40

Wieso? Herausragende Politik hat halt ihren Preis!

/s


QuoteCala 2

Richten wir uns auf noch mehr Armut, noch mehr Spaltung unsere Gesellschaft ein. ...


QuoteRidikolaus

Wohlstand für die Elite Knechtschaft für den Pöbel.
Modernes Deutschland in a Nutshell.


...

Kontext: "Neue Grundsicherung und Mietkosten: Sinnlose Wohnungssuche auf Befehl vom Jobcenter" Barbara Dribbusch (1.7.2026)
Quelle: https://taz.de/Neue-Grundsicherung-und-Mietkosten/!6192428/


Textaris(txt*bot)

Quote[...] Eingeführt wurde er als ein Schritt gegen Kinderarmut in Deutschland. Nun soll ein Zuschlag für besonders bedürftige Kinder und Jugendliche dem Rotstift zum Opfer fallen.

Für von Armut betroffene Kinder und Jugendliche soll ein staatlicher Zuschlag in Höhe von 25 Euro pro Monat gestrichen werden. Das geht aus einem vom Bundeskabinett auf den Weg gebrachten Gesetz hervor, wie die Deutsche Presse-Agentur in Berlin erfuhr. Der Zuschlag kommt als Teil des Kinderzuschlags bisher Millionen Minderjährigen zugute.

Seit Juli 2022 erhalten von Armut betroffene Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene den monatlichen Zuschlag, der anfangs 20 Euro betrug. Der Sofortzuschlag sollte ihre Chancen verbessern – bis zur damals noch geplanten Kindergrundsicherung. Mit einer Kindergrundsicherung wollte die Ampel-Regierung aus SPD, FDP und Grünen unter Kanzler Olaf Scholz (SPD) die Familienleistungen des Staats bündeln und verbessern. Doch die Reform scheiterte.

Der Kinderzuschlag wird an einkommensschwache Familien für Kinder unter 25 Jahren gezahlt. Er beträgt pro Kind bis zu 297 Euro im Monat, der Sofortzuschlag von monatlich 25 Euro je Kind ist darin enthalten. Die Streichung des Sofortzuschlags wurde mit dem Haushaltsbegleitgesetz auf den Weg gebracht. Mit ihm beschloss das Kabinett unter anderem auch höhere Steuern auf alkoholische Getränke, mit denen der Staat 455 Millionen Euro mehr einnehmen will.

Durch die Abschaffung des Sofortzuschlags will der Bund beim Kinderzuschlag 450 Millionen Euro im Jahr sparen, beim Grundsicherungsgeld ergeben sich laut Entwurf Mehrausgaben von 150 Millionen Euro.

Mit dem Gesetz will das Finanzministerium zur Konsolidierung des Bundeshaushalts beitragen. Insgesamt sieht der von der Ministerrunde beschlossene Entwurf für den Bundeshaushalt 2027 steigende Ausgaben in Höhe von 555,4 Milliarden Euro vor. Einsparungen soll es aber auch in anderen Etats geben als in dem beim Kinderzuschlag betroffenen Familienministerium. Geplant sind auch weniger Finanzhilfen im Klima- und Transformationsfonds und sinkende Zuschüsse an die Renten- und Krankenversicherung.

Beim Start des Zuschlags hatte die damalige Bundesfamilienministerin Lisa Paus den Zuschlag als ersten Schritt zum besseren Schutz vor Kinderarmut bezeichnet. Bis zur Einführung der geplante Kindergrundsicherung gebe es den Sofortzuschlag für rund 2,9 Millionen von Armut betroffene Kinder, so die Grünen-Politikerin, die damals die letztlich gescheiterte Kindergrundsicherung vorangetrieben hatte. (dpa)


Aus: "Sparmaßnahme von Schwarz-Rot: Regierung will 25-Euro-Zuschlag für arme Kinder streichen" (06.07.2026)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/sparmassnahme-von-schwarz-rot-regierung-will-25-euro-zuschlag-fur-arme-kinder-streichen-15808263.html

QuoteFvGe
07.07.26 09:06

... Fürs tanken ist Geld da, für die Gastro und auch fürs die Fliegerei. Aber 25 Euro für arme Kinder, da muss natürlich gespart werden.

Tankrabatt ist die umgangssprachliche Bezeichnung für eine vom 1. Juni bis zum 31. August 2022 befristete Senkung der Energiesteuer auf Kraftstoffe in Deutschland. 2026 fand eine ähnliche Regelung Anwendung, die vom 1. Mai bis 30. Juni 2026 galt.
https://de.wikipedia.org/wiki/Tankrabatt

[Historischer Tankrabatt: Im Jahr 2022 kostete die dreimonatige Maßnahme den Staat Steuermindereinnahmen von rund 3,15 bis 3,4 Milliarden Euro.

Aktueller Tankrabatt: Die zweimonatige Energiesteuersenkung (ca. 17 Cent pro Liter) belastete den Bund mit rund 1,6 Milliarden Euro.]

[Durch die Steuerbefreiung von Kerosin entgehen dem deutschen Staat jährlich rund 8 Milliarden Euro an potenziellen Steuereinnahmen. https://fliegen-und-klima.de/steuern.html]

...


...

Textaris(txt*bot)

#1985
Quote[...] Das Camp liegt im Wald an einer Schnellstraße verborgen. Ein matschiger Pfad führt steil abwärts; man muss den Ort kennen, um ihn zu finden. Im Schutz einer Brücke an einem trüben Bach sind Zelte aufgebaut, Menschen haben sorgsam Sitzgelegenheiten aufgebaut und Pappen ausgelegt. Habseligkeiten und Müll liegen herum. Ein Obdachlosencamp in Kansas City, etwa zehn Männer und Frauen sind an diesem Vormittag dort. Die Organisation Care Beyond the Boulevard (CBB) reist heute auf Wunsch an. Es gab eine Bitte aus dem Camp, Wunden sollen versorgt werden. Die Helfer:innen kündigen sich laut an. ,,Medizinisches Team!" Niemand soll sich überrumpelt fühlen. Oberhalb führt die Brücke zum WM-Stadion. ,,Ich wette, keiner der Fans hat die Leute bemerkt", sagt Russell Kohl.

Er ist Arzt und heute ehrenamtlich hier. Care Beyond the Boulevard soll ein wenig von der Dysfunktionalität des US-Gesundheitssystems auffangen. Die Organisation, die sich durch Freiwilligenarbeit, Spenden und Fördermittel finanziert, bietet kostenlosen medizinischen Service vor allem für Obdachlose, Wohnungslose und Menschen ohne Krankenversicherung. Es gibt einen festen Ort namens ,,Beehive" (Bienenstock), wo Betroffene Ärzt:innen aufsuchen können, aber auch Hilfe bei psychischen Problemen und Sucht, beim Beantragen von Papieren oder bei der Wohnungssuche erhalten. Und mehrfach pro Woche fährt ein Team eine Liste von Straßenvisiten ab wie heute. CBB versorgt nach eigenen Angaben mithilfe von etwa 300 Ehrenamtlichen und 30 Festangestellten rund 3.500 Patient:innen. In einer Stadt, die geschätzt 4.000 Obdachlose zählt, übernimmt sie eine quasistaatliche Funktion.

Obdach- und Wohnungslosigkeit, das ist in den Medien kein Thema bei dieser WM. Und das, obwohl es in vielen US-Gastgeberstädten Debatten über Vertreibungen und Räumungen gab, auch in Kansas City. Doch die offiziell über 770.000 Menschen in den USA, die auf der Straße oder in Notunterkünften leben, empören wenige. Obdachlosigkeit als Normalität, nicht als Verbrechen am Menschenrecht auf Wohnraum und ein würdevolles Leben.

Ihre Zahl entspricht etwa der Bevölkerung Frankfurts. Die Zahlen steigen seit Jahren, zuletzt um einen Rekordwert von 18 Prozent innerhalb eines Jahres. Fehlender Wohnraum und explodierende Mieten, Inflation und stagnierende Gehälter, die Ursachen sind ähnlich wie in Deutschland. Verschärfend hinzu kommt eine hohe Straßenobdachlosigkeit, sie betrifft etwa ein Drittel der Menschen ohne Wohnung. In der Gastgeberstadt Kansas City leben 95 Prozent der chronisch Obdachlosen auf der Straße. So viele wie in keiner anderen US-Stadt.

Ihre Geschichten sind oft die von Menschen, die lange Teil der Gesellschaft waren. ,,Vor sechs Jahren ist mein Mann an Krebs gestorben", erzählt eine Frau. ,,Ich hatte alles, und plötzlich hatte ich nichts mehr." Dreimal sei sie verheiratet gewesen, zwei schlechte Ehen seien darunter gewesen. ,,Ich passe auf mich selbst auf." Alle möglichen Jobs habe sie gehabt, sechs Jahre lang sei sie Lehrerin gewesen. ,,Sie fanden mich unorthodox, denn statt des vorgeschriebenen Lehrplans habe ich den Kindern Themen zur Auswahl gegeben. Die Kinder haben das geliebt." In ihrer zweiten Ehe sei ihre Stieftochter erschossen worden. Der Mörder sei im Gefängnis, aber sie selbst habe einen Nervenzusammenbruch gehabt und sei kurz in einer Anstalt für psychisch Kranke gewesen. ,,Ich habe dort Dinge gesehen, die ich nicht hätte sehen sollen."

Viele dumme und verrückte Sachen habe sie in ihren Dreißigern gemacht. Bis ihr letzter Mann gekommen sei. Nicht viel hätten sie besessen, aber glücklich seien sie gewesen. ,,Wir waren beste Freunde. Seine letzten Worte waren: ,Ich liebe dich.' Ich höre sie jeden Tag." Er habe gewollt, dass sie glücklich sei. ,,Man muss sich aufrappeln." Im Camp hat sie wieder einen festen Freund, sie möchte ihn symbolisch heiraten, CBB will ein Kleid organisieren. Ein Mann, ihre Hunde, eine Gitarre, was sonst, fragt sie, brauche man zum Glück? ,,Ich will wieder auf die Füße kommen und arbeiten. Ich will nicht, dass sich jemand um mich kümmert." Sie hat eine Aussicht auf eine Wohnung. Der neue Freund soll mitkommen. ,,Es wird ein volles und glückliches Haus."

,,Die meisten unserer Patient:innen sind durchs Raster gefallen", sagt der Arzt Russell Kohl. Nach offiziellen Angaben waren 2025 rund 28 Millionen US-Amerikaner:innen unter 65 Jahren ohne Krankenversicherung. Das entspricht 10 Prozent der Bevölkerung. ,,Die allgemeine Ansicht unter Regierenden ist: Wer jung und gesund ist, soll arbeiten."

Unter seinen Patient:innen beobachte er einen Teufelskreis: Etwa ein Drittel habe psychische Probleme, oft Schizophrenie, zumeist schon vor dem Wohnungsverlust. ,,Medikamente würden helfen, aber sie können sich die Medikamente nicht leisten. Und solange es ihnen nicht besser geht, nehmen sie diese nicht regelmäßig." Dann konsumierten viele, die lange auf der Straße leben, Meth, um wach zu bleiben. ,,Denn wer nachts einschläft, wird ausgeraubt, vergewaltigt oder verprügelt." Die Droge aber verunmögliche es, einen Job zu bekommen. ,,Bei quasi jedem Job gibt es vorab einen Drogentest. Ohne Job kriegen sie keine Krankenversicherung. Und ohne die kommen sie nicht von den Drogen los."

Was helfen kann? Wenn es nach Russell Kohl geht, vielleicht die WM. Kansas City habe die Obdachlosigkeit der Welt nicht zeigen wollen. Der Arzt hatte befürchtet, es würde zu Vertreibungen kommen. Zwar sei etwas passiert; aber vor allem habe Kansas City konstruktiv agiert und ein Housing-First-Programm für zentrale Viertel gestartet. Sechs bis neun Monate könnten die Menschen in ihren neuen Wohnungen bleiben, inklusive etwa Suchthilfe. Vielleicht gehe das Programm danach weiter und werde ausgeweitet. ,,Hoffentlich wird die WM eine Starthilfe für Housing First."

Turniere sind vielschichtig: Sie können Ausgangspunkt für weitere Gentrifizierung und Vertreibung sein. Oder für Lösungsideen. Vielleicht in diesem Fall eine Mischung aus beidem. Jaynell Assmann ist die Gründerin von CBB und nurse practitioner, in den USA ein Job zwischen Krankenschwester und Ärztin. Heute bietet ihre Organisation auch etwa eine Kurzzeitpflege, wo Menschen ohne Obdach nach Krankenhausaufenthalten bleiben können. Kansas City sei im vergangenen Jahr in der US-Spitze bei steigenden Wohnraumkosten gewesen, sagt Assmann. ,,Es gibt sehr viel Gentrifizierung. Wir haben das erste Stadion weltweit nur für Frauen im Profifußball gebaut, und die Stadt ist stolz darauf. Aber in der Gegend haben viele Obdachlose gelebt. Sie wurden vertrieben."

Busfahrten seien bislang kostenlos gewesen, sehr wichtig für ihre Klient:innen. ,,Aber kurz vor der WM haben sie wieder Bezahlung eingeführt. Und man muss entweder eine spezielle Karte, eine Kreditkarte oder ein Handy haben. Das ist fast unmöglich für die meisten unserer Patient:innen." In einer Suppenküche seien die Besuchszahlen seither um 200 bis 400 Personen pro Woche eingebrochen. ,,Manche haben das Gefühl, dass sie zur WM mehr Geld machen wollen. Vielleicht wollen sie es auch für Menschen ohne Obdach schwieriger machen, in den Bus zu steigen, wo Ausländer sie sehen."

Sie hofft, die Regel bleibe nicht. Lokale Politiker:innen seien andererseits auch engagiert. CBB habe gerade von der Stadt eine große Geldsumme erhalten, um eine niedrigschwellige Notunterkunft zu integrieren. Und bei Housing First etwa sei das Problem nicht die Stadtregierung, sondern vor allem die US-Regierung, die das Thema blockiere.

Jaynell Assmann wünscht sich, was naheliegend scheint: eine allgemeine Gesundheitsversorgung, Regulierung der Mieten, weniger Steuervorteile für Überreiche. ,,Wir müssen aufhören, die Reichen zu schützen, und anfangen, uns um unsere Community zu kümmern." Vor allem brauche es Bildung. ,,Viele Leute in den USA sagen: Ach, die wollen obdachlos sein. Nein, die meisten wollen das nicht. Aber wenn man obdachlos ist, ist es so schwer, da wieder herauszukommen." Welche Chancen in umfassender Betreuung liegen, zeige ihre medizinische Kurzzeitpflege. 60 Prozent der Patient:innen 2025 seien nicht auf die Straße zurückgekehrt.

Die Bandbreite von Menschen in prekärer Lage ist groß, wie die Fahrt mit dem Team zeigt. Sie reicht vom zufriedenen älteren Mann im Wohnwagen bis hin zu schwer Süchtigen im verarmten Osten von Kansas City, dabei etwa ein Mann mit SS-Tattoo und Messer, der von Genozid fantasiert. Am anderen Ende der Skala liegt vielleicht das Camp eines Mannes, der eine Legende unter Obdachlosen ist und, so wird erzählt, bemerkenswert organisierte Camps führt, in denen etwa LGBT-Menschen geschützt leben. Wie der Mann im Wagen lebe er freiwillig so.

Doch für viele ist es kein Wunsch. Im Camp am Bach spricht ein Mann langsam und bemüht, er hat einen Hirntumor. Seit zwei Jahren lebe er draußen. ,,Ich habe alles verloren", sagt er. Eine Scheidung habe er gehabt, im Gefängnis sei er gewesen. ,,Es ist hart. Ich habe eine Tochter, sie wird 16, und ich kann sie nicht mal sehen, weil ich kein Fahrzeug habe. Die Menschen verurteilen dich. Es ist eine erniedrigende Erfahrung." 61 Jahre werde er dieses Jahr. ,,Ich will nicht hier draußen sein. Ich will nicht immer schmutzig sein und für meine nächste Mahlzeit kämpfen. Ich kann nicht mehr arbeiten, weil ich mich an nichts mehr erinnern kann. Ich brauche jemanden, der mich pflegt." Ein anderes Bedürfnis als die Frau, die betonte, auf eigenen Beinen stehen zu wollen. Was ihm am meisten helfen würde? ,,Güte", sagt er.


Aus: "Besuch in Obdachlosencamps in Kansas: Die Hoffnung auf etwas Güte" Aus Kansas City Alina Schwermer (11.7.2026)
Quelle: https://taz.de/Besuch-in-Obdachlosencamps-in-Kansas/!6191116/

QuoteStefan Schmitt

11.07.2026, 16:25 Uhr

Ein sehr guter Artikel!

Housing First ist aber auch in Deutschland noch längst kein Standard. Ich habe mich letztes Jahr um einen obdachlosen Menschen gekümmert – materiell und persönlich –, bis er schließlich bereit war, Bürgergeld zu beantragen.

Das Problem beginnt oft schon viel früher: Ohne Personalausweis, der selbst bezahlt werden muss (56 Euro) , gibt es kein Bürgergeld. Und ohne Bürgergeld gibt es keine Krankenversicherung, keine Sozialleistungen und :Ohne festen Wohnsitz gibt es keinen Job. Mein Gott, was habe ich mit Ihm beim Ämtergang für Idioten kennengelernt, neben den Guten.

Kein Wunder, dass viele Menschen diesen Schritt scheuen. Auf der Straße zu überleben bedeutet auch, trotz aller Not wenigstens ein Stück Selbstbestimmung und Würde zu bewahren.

Ich bezweifle, dass viele von uns vier Wochen ohne Geld auf der Straße überstehen würden.

Gleichzeitig kann der Staat nicht alles lösen. Psychische Erkrankungen, traumatische Erfahrungen, eine schwierige Kindheit oder fehlende Bildung erschweren den Weg zurück enorm. Wo Persönlichkeit und Resilienz nie wachsen konnten, reicht guter Wille allein oft nicht aus.

Aber: Housing first ist ein toller und sehr wichtiger Punkt!


...

Housing First, auch ,,rapid re-housing" genannt, ist ein Ansatz aus der US-amerikanischen Sozialpolitik beim Umgang mit Obdachlosigkeit und eine Alternative zum herkömmlichen System von Notunterkünften und vorübergehender Unterbringung. Er entstand aus dem 1999 entwickelten Consumer-Preference-Supported-Housing-Modell.[1] In Finnland wird dieses Projekt konsequent umgesetzt. Auch in Deutschland, Großbritannien, Dänemark, Frankreich, Portugal und Österreich wird der Ansatz erprobt. ... (16. Februar 2026)
https://de.wikipedia.org/wiki/Housing_First