
„In der DDR entstanden und zirkulierten autonome Künstlerfilme auf Schmalfilm (8 mm) in einer Grauzone am Rande des offiziellen Kunstbetriebs. Diese teils tolerierte, teils staatlich verfolgte »Underground-Szene« stellt die vorliegende Publikation erstmals als eigenständigen Teil der DDR-Kunstgeschichte vor und unterzieht sie im Hinblick auf ihre Bedeutung für die heutige Medienkunst einer Revision.“
Über: „Grauzone 8 mm“ (Materialien zum autonomen Künstlerfilm in der DDR | Hrsg. Dieter Daniels, Jeannette Stoschek, Text von Dieter Daniels, Claus Löser, Radjo Monk, Britt Schlehahn, Jeannette Stoschek, Christoph Tannert u.a. | 2007, 118 Seiten, ISBN 978-3-7757-1955-1)
Quelle: hatjecantz.de/controller.php?cmd=detail&titzif=00001955
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[…] Die Bedingungen waren abenteuerlich. Es gab in der DDR vornehmlich russische Kameras zu kaufen, solche zum Aufziehen. Der 30-Sekunden Schnitt-Rhythmus herrschte vor. Keine Tonspur! Angesichts des Zensur-Diktats wirkt dies fast wie ein Abkommen: Die Ambivalenz der Bilder wurde nicht durch das gesprochene Wort aufgeschreckt. Wagner oder Live-Musik feuerten die Bilder an, aber selten ein Wort. Die Projektoren (der Alptraum Meos-Duo), laut und berüchtigt für ihre Filmfreßgier, wurden parallel von Kassettenrekordem begleitet. Die Bild-Ton-Synchronität mußte dem Zufall überlassen bleiben; jede Vorführung geriet zu einer Premiere. (Abenteuer Nr.2: Die Tatsache, daß Einzelschaffende mit einer Kamera das Leben durchforsten, trieb einfache Bürger und freiwillige Helfer in Panik. Die schwarze Liste all dessen, was nicht gefilmt werden durfte, lag nicht vor, war aber lang. Etwa alles, was sich nicht als touristisch ausweisen konnte.)
[…] Da werkelten mit selbstgebastelten Apparaturen vielleicht 30 Superachtler in ihrem Kämmerlein, die lange nichts voneinander wußten, bis 1987 das erste Festival an der Dresdner Kunsthochschule initiiert wurde. Die Überraschung war groß, republikweite Gleichgesinnte zu treffen. Erstmalig ließen sich Parallelen und Linien aufzeichnen: Vornehmlich herrschte der abstrakte Film vor, der die Sinfonien der Großstädte in Bewegung trat – per Doppelprojektion, als sentimentale Schnulze, gespickt mit Ungeziefer, monumental. Der Gleichschritt der Paraden, die senilen Wink-und Klatschrituale, die gefeierte Durchindustrialisierung des Landes, Massenaufläufe fragten nicht nach dem Einzelnen.
[…] Die Militanz des Alltages übersetzte sich in eine geschleuderte, wütende Montage. Müllberge, verrottete Industrie, zerfallene Häuser waren beliebte Sujets. Diese Ästhetik des Morbiden reflektierte den Geisteszustand des Landes am sinnfälligsten.
[…] Es gab eine richtige, kleine Super 8-Welt: eigenes Festival, eigene Zeitung (Koma-Kino – Auflagenstärke: 20 Stück, handvervielfältigt), eigene Kritiker und einen lebhaften Empfehlungsaustausch, wenn sich irgendwo die Möglichkeit des Zeigens auftat. Heute hat sich diese Szene ins vollkommene Nichts aufgelöst. Außer Revivals bleiben nur die Bilder einer versunkenen Welt.
Aus: „Der Super 8-Film in der DDR“
Von Cornelia Klauß (interfilm 10 berlin: Festival Chronik)
Quelle: interfilm.de/chronik/1992/Super_8_DDR.php
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