Author Topic: [Variationen zur Gretchenfrage (Notizen) ... ]  (Read 47329 times)

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Variationen zur Gretchenfrage...
« Reply #60 on: December 01, 2021, 03:26:46 PM »
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[...] Raquel Fatiuk ist eine glückliche Mutter. Sie ist es heute, mit Anfang 30, weil sie vor Jahren eine Schwangerschaft nach einer missbräuchlichen Beziehung beenden konnte. Ohne diese bewusste Entscheidung, davon ist Fatiuk überzeugt, hätte sie sich ihr nun stabiles und erfülltes Familienleben nicht aufbauen können. Fatiuk ist eine von mehr als 850.000 Frauen, die sich in den Vereinigten Staaten im Schnitt jedes Jahr dazu entschließen, eine Schwangerschaft zu beenden. Dass Frauen in den USA dieses Recht haben, urteilte der Oberste Gerichtshof der USA im Jahr 1973. In ihrem Urteil zu Roe gegen Wade legten die Richter fest, dass Abbrüche bis zur zwölften Schwangerschaftswoche uneingeschränkt und bis zur 24. Woche mit Einschränkungen erlaubt sind. 48 Jahre später könnte dieses Recht für Frauen in Gefahr geraten. Ab diesem Mittwoch befasst sich der Supreme Court mit einem Fall, der den ideologisch umkämpften Streit nachhaltig verändern könnte.

Es geht um ein 2018 verabschiedetes Gesetz in Mississippi, das die meisten Abbrüche nach der 15. Schwangerschaftswoche verbieten würde und nur noch in medizinischen Notfällen oder bei schweren Anomalien des Fötus erlauben würde. Bislang wurde das Gesetz in dem Bundesstaat von Gerichten vor Ort blockiert. Deswegen liegt es nun bei den neun Richterinnen und Richtern des Obersten Gerichtshofs in Washington D.C.. Die Befürworter des Gesetzes argumentieren, das Gesetz solle "unmenschliche Verfahren" regeln. Sie sagen außerdem, dass ein Fötus zu diesem Zeitpunkt in der Lage sei, Schmerzen zu empfinden. Gegen das Gesetz geht die einzig noch verbliebene Klinik in Mississippi vor, in der Frauen eine medizinische Betreuung erhalten.

Die Jackson Women’s Health Organization befindet sich in einem pinken Gebäude in Jackson, Mississippi, und ist zum Symbol geworden für einen Rechtsstreit, der eine nationale Bedeutung bekommen hat. "Da eine Schwangerschaft die körperliche Unversehrtheit einer Frau so stark beeinträchtigt, sind ihre Freiheitsinteressen kategorisch stärker als jedes staatliche Interesse bis zur Lebensfähigkeit des Fötus", argumentieren in einem Schreiben die Anwälte des Center for Reproductive Rights, das die Klinik vor Gericht vertritt. Der Zwang, eine Schwangerschaft fortzusetzen, bringe gut dokumentierte und erhebliche körperliche und seelische Gesundheitsrisiken mit sich, heißt es weiter.

Die Pro-Choice-Anhänger im Land fürchten die neuerliche Auseinandersetzung vor Gericht, während die Pro-Life-Anhänger hoffen, eine Jahrzehnte lange Entscheidung endlich zu ihren Gunsten verändern zu können. Grund für ihren Optimismus ist die derzeitige Besetzung des Supreme Court. Drei der neun Richter wurden vom ehemaligen Präsidenten Donald Trump benannt. Ein Verdienst vor allem auch von dem republikanischen Senator Mitch McConnell. Er verhinderte 2016 nach dem Tod von Richter Antonin Scalia eine Neubesetzung des Postens durch den damaligen demokratischen Präsidenten Barack Obama. Begründung: Im Wahljahr solle nicht der alte, sondern der neue Präsident über eine derart wichtige Personalie entscheiden. Die Richterinnen und Richter am Supreme Court werden auf Lebenszeit ernannt. Scalia war im Februar 2016 gestorben, neun Monate vor der Wahl. Durch die Mehrheit der Republikaner im Senat gelang es der Partei, eine Neubesetzung zu verhindern. So konnte der dann gewählte Trump 2017 den konservativen Richter Neil Gorsuch ernennen.

Ein Jahr später folgte Brett Kavanaugh und im Oktober vergangenen Jahres nur wenige Tage vor der Präsidentschaftswahl Amy Coney Barrett. Nachdem die liberale Richterin Ruth Bader Ginsburg im September 2020 verstorben war, hatten die Demokraten wie vier Jahre zuvor der Republikaner McConnell eingefordert, den Posten erst nach der Wahl zu besetzen. Die Repulikaner aber setzten mit ihrer Mehrheit im Senat Barrett durch. Sie ist von allen drei durch Trump besetzte Richter die deutlichste Gegnerin von Schwangerschaftsabbrüchen. Es war im Wahlkampf Trumps Geschenk an die die Evangelikalen im Land, für die das Thema mit wahlentscheidend ist.

So sitzen derzeit in einem in der Theorie und der Grundidee der Verfassung der Vereinigten Staaten unabhängigen Gericht in der Praxis sechs Richter, die von konservativen Präsidenten berufen wurden. Ihre Nominierungen sind ideologisch zu betrachten, da das Gericht mittlerweile zu dem Ort geworden ist, an dem Grundsatzentscheidungen getroffen werden. Die Politik kann die Entscheidungen in dem in vielen gesellschaftlichen Fragen polarisierten Land aufgrund ihrer wechselseitigen Blockadehaltung nicht mehr treffen.

Auch 1973 waren die damals ausschließlich männlichen Richter hauptsächlich konservativ eingestellt. Sechs von ihnen waren von Republikanern ernannt worden. Doch im Streit um die bis dahin nicht per Gesetz definierte Frage, ob und wie Frauen ein Recht auf Selbststimmung bei Schwangerschaftsabbrüchen haben, stimmten sieben Richter dafür, dass dies eine private Angelegenheit sei. Und über diese müsse eine Frau in den ersten beiden Trimestern ihrer Schwangerschaft entscheiden können.

Fast 50 Jahre später ist die Frage nicht weniger komplex geworden. Es geht um Debatten etwa darüber, wann ein Fötus lebensfähig ist. Heute ist das mit entsprechender medizinischer Versorgung früher der Fall als noch 1973, aber dennoch nicht vor der 23. Woche und damit sehr viel später als die Grenze, die der Bundesstaat Mississippi ziehen will. Auch die Frage nach dem Zugang zu medizinischer Versorgung ist wichtig. Laut dem Guttmacher Institute, das sich für Reproduktionsrechte für Frauen einsetzt, leben 58 Prozent der Frauen zwischen 18 und 44 Jahren in einer Umgebung, die negativ bis extrem negativ gegenüber Schwangerschaftsabbrüchen eingestellt ist.

 Was die Hoffnung der Pro-Life-Anhänger bestärkt hat, ist der im Herbst gescheiterte Versuch, ein neues und extrem striktes Antischwangerschaftsabbruchgesetz in Texas zu stoppen. Seit dem 1. September gilt in dem Bundesstaat der Texas Heartbeat Act, das Herzschlaggesetz. Es verbietet Schwangerschaftsabbrüche ab dem Zeitpunkt, ab dem die Herztöne des Fötus festgestellt werden können. Normalerweise ist das etwa in der sechsten Woche der Fall. Für Schwangerschaften, die durch Vergewaltigung oder Inzest entstanden sind, gibt es keine Ausnahme. Durchgesetzt wird die Einhaltung des Gesetzes durch die Bürger des Staates. Die "Kopfgeldklausel" hebelt Roe gegen Wade aus. Sie macht es möglich, dass die Einhaltung des Fristengesetzes nicht bei den Behörden liegt, sondern jede Privatperson einen Verstoß melden kann. Dieses Gesetz ist der Grund, warum Raquel Fatiuk, die in Texas lebt, heute offen über ihre Entscheidung für einen Schwangerschaftsabbruch spricht. Warum sie sich dafür einsetzt, dass Frauen nicht nur in Texas, sondern im ganzen Land nicht einer Entscheidung beraubt werden, die ein ganzes Leben verändern kann. Heute "wäre ich gezwungen worden, das Kind zu bekommen und auf immer mit dem Mann, der mir gegenüber missbräuchlich war, verbunden zu sein."

Das Justizministerium der Biden-Regierung hat mittlerweile Klage gegen das Gesetz in Texas eingelegt, das sie für verfassungswidrig hält. Auch hier muss der Supreme Court noch einmal entscheiden. Dass in einem ersten Anlauf vor dem Gericht das Gesetz bestehen blieb, auch wenn die Richter im Herbst nur über eine technische Verfahrensfrage entschieden, führt zu einer noch größeren Aufmerksamkeit als der Fall in Mississippi ohnehin hat.

"Politiker in Mississippi haben für Frauen zahllose Hürden für den Zugang zu einem Schwangerschaftsabbruch errichtet und sie absichtlich auf einen späteren Zeitpunkt der Schwangerschaft vertröstet. Das alles ist Teil ihrer Strategie, den Zugang zu Abbrüchen ganz zu unterbinden", sagt etwa Diane Derzis, die die Klinik leitet.

Und auch der Präsident mischt sich ein. Der Katholik Biden hatte nach dem in Kraft getretenen Gesetz in Texas ein Statement veröffentlicht, in dem er versprach, das Recht von Frauen zu schützen. Die Regierung setzt sich dafür ein, Roe gegen Wade zu schützen. Seine Pressesprecherin Jen Psaki reagierte während eine Pressekonferenz auf die Frage eines männlichen Journalisten, wie das mit Bidens Glauben zusammenpasse, energisch: Psaki sagte, Biden glaube an das Recht von Frauen, selbst zu entscheiden und – als der Journalist noch einmal nachfragte –, dass es eine extrem schwierige Situation für eine Frau sei und er als Mann wohl noch nie vor dieser Entscheidung gestanden habe, noch nie schwanger gewesen sei. Eine Episode, die zeigt, dass die Debatte nicht nur vor Kliniken wie dem Pink House in Mississippi zwischen Aktivisten hitzig geführt wird.

Eine Umfrage der Washington Post und ABC von Mitte November stellt derweil klar, wo die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger in der Frage stehen: 60 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass das Grundsatzurteil von 1973 aufrechterhalten werden sollte. Drei Viertel der Befragten ist außerdem der Ansicht, dass die Entscheidung über einen Abbruch bei Frauen und ihren Ärzten liegen und nicht durch Gesetze geregelt werden sollte.

Ein Urteil der Richterinnen und Richter des Supreme Court wird erst im kommenden Juli erwartet.


Aus: "Supreme Court in den USA: Wer entscheidet über Frauenrechte?" Eine Analyse von Rieke Havertz, Washington D.C. (1. Dezember 2021)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2021-12/supreme-court-usa-schwangerschaftsabbrueche-grundsatzurteil-mississippi-roe-v-wade/komplettansicht

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Eddy Mont Frommage #1

Hat was von Sittenwächtertum. Absurd und etwas verstörend, was da abläuft.


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Juniper_Hill #2

Ich kann und konnte diese Idologie nicht verstehen. Es gibt doch ohnehin zuviele Menschen auf der Erde, da muss man ja schon dankbar um jeden sein, der nicht geboren wird. Und wenn es dann noch Fälle von Vergewaltigung, Behinderung oder Gefährdung des Lebens der Mutter sind, kann ich es doppelt und dreifach nicht verstehen.


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Sekretarius #2.1

Vielleicht wird es verständlicher wenn man weiss, das viele dieser Klerikalen überzeugt sind, das diese ganzen Abtreibenden Mütter und Ärzte nicht nur ihr armes ungeborenes Kind sondern auch sich selbst als Mörder zu ewiger Verdammnis verurteilen.

Was kann es wichtigeres für einen Christenmenschen geben, als andere vor der Verdammnis zu bewahren ?


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AchterundSteven #2.3

Das könnte man nur vesrtehen, wenn man so verquer denkt wie ein evangelikaler. Weil "Gott" will, dass ein Mensch lebt muss er leben und jeder, der dem widerspricht spielt in deren Augen selbst "Gott". Wobei die Konservativen, Reaktionären und Evangelikalen nun mal übersehen, dass "Gott" nachweislich nicht existiert.


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Dean. #2.6

Da gibt es nichts zu verstehen. Den sogenannten "pro life" Anhängern geht es nur um den Lebensschutz, wenn es der eigenen Machtfestigung dient. Insb. ist längst erwiesen, dass es dabei nicht um Lebensschutz geht, sondern um Kontrolle über deb weiblichen Körper.

Wie heuchlerisch die "pro life" Bewegung ist, sieht man an der Einstellung amerikanischer Konservativer ggü. Waffen, die jedes Jahr hunderte Kinder töten und ggü. Polizeigewalt gegenüber Schwarzen.


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Juniper_Hill #2.9

Letzten Endes ist es doch so, die bekannten Religionen sind alle von Menschen erdacht und gemacht worden. Teilweise um Phänomene zu erklären, die wissenschaftlich noch nicht erklärt werden konnten, oder aber um Gesellschaften zu stabilisieren. Davon ausgehend, dass die menschlichen Religionen nichts göttliches oder übernatürliches beinhalten und dass die Entwicklung des Universums seit dem Urknall ohne Gott erklärt werden kann, stellt sich natürlich die Frage, ob es Gott gibt, oder nicht. Gibt es einen oder mehrere Götter, so haben diese seit dem Urknall nicht mehr auf die Menschheit eingewirkt, da alles ohne sie logisch erklärt werden kann. Das heißt aber auch, diese Götter wären bedeutungslos für das handeln und agieren der Menschheit. Und schon gar nicht kann aus menschlichen Legenden und Mythen aus der Eisenzeit, die einige als göttlich inspiriert ansehen, eine Richtlinie für das heutige Verhalten für Menschen gezogen werden.


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ASchneider #2.14

Jeder spirituell erfahrene Mensch wird Ihnen sagen, dass es letztlich nur eine Sünde gibt, und zwar die Sünde gegen das Leben. Es gibt kein schlechtes oder falsches Leben, Gott, das Absolute will in jedem Leben gelebt werden.


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Sekretarius #2.15

Und jeder Atheist wird ihnen bestätigen, das das alles Blödsinn ist und das es jede Menge schlechtes Leben gibt.


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Frank-Werner #3

Ideologie ist nie ein guter Ratgeber, gleichgültig für welche Fragestellungen.
Insbesondere bei Dingen, bei welchen es - wie bei Abtreibungen - keine absolute Wahrheit gibt. ...


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FactsNLogic #3.2

"Insbesondere bei Dingen, bei welchen es - wie bei Abtreibungen - keine absolute Wahrheit gibt."

What the fuck? ... Aus eigenen Glaubensüberzeugungen in die Grundrechte anderer eingreifen zu wollen ist ja wohl das letzte!
Da gibts keinen Mittelweg, die haben gefälligst die religiös motivierte Kontrolle der Körper von Frauen zu unterlassen!



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kosmokrator #5

Diese Auseinandersetzung wird immer strittig sein, und sollte es auch.
Es ist eine ewige Abwägung des Rechts auf Leben des Ungeborenen vs. die Selbstbestimmung der Mutter über ihr zukünftiges Leben.

Da gibt es kein richtig oder falsch. Alles Grautöne, auch weil es keine biologisch eindeutige Definition gibt ab wann ein Leben beginnt oder sich ein Bewusstsein bildet.

Interessanterweise geht gerade in Deutschland die gesellschaftliche Tendenz weg vom Recht auf Indivitualismus und mehr in Richtung dass das Recht auf Leben von Anderen sowie der 'Schutz der Gemeinschaft' auch eine drastische Einschränkung der individuellen persönlichen Freiheit bedingen darf. Siehe Corona-Maßnahmen oder Klimaschutz.

Es wird interessant werden ob dies sich längerfristig auch in dieser Thematik niederschlägt.


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Sekretarius #5.1

Aber es gibt ein richtiges Falsch:

Irgendwelche unwichtigen Opas, die nicht das mindeste damit zu tun haben, nicht mit den Folgen leben müssen und trotzdem für die Frauen entscheiden.


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Traxxq #5.2

"Da gibt es kein richtig oder falsch. Alles Grautöne, auch weil es keine biologisch eindeutige Definition gibt ab wann ein Leben beginnt oder sich ein Bewusstsein bildet."

Doch die Entstehung des Menschen ist sehr umfassend erforscht, ebenfalls wann die ersten Hirnströme entstehen. Das ist in der 20-24. Woche.


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kosmokrator #5.4

"Irgendwelche unwichtigen Opas, die nicht das mindeste damit zu tun haben, nicht mit den Folgen leben müssen und trotzdem für die Frauen entscheiden."

Das mögen Sie so sehen, die Verfassung der USA sieht nun mal eine Gewaltenteilung vor, und die Institution die über solche Fragen entscheided nennt sich Supreme Court.
Wer dort sitzt bestimmt der Präsident der USA, und dieser wird von Volk gewählt.

Nennt sich Demokratie.


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DasImperiumSchlägtZurück #5.6

"Interessanterweise geht gerade in Deutschland die gesellschaftliche Tendenz weg vom Recht auf Indivitualismus und mehr in Richtung dass das Recht auf Leben von Anderen sowie der 'Schutz der Gemeinschaft' auch eine drastische Einschränkung der individuellen persönlichen Freiheit bedingen darf. Siehe Corona-Maßnahmen oder Klimaschutz."

Ein absurder Vergleich. Bei einem Schwangerschaftsabbruch ist nur die Frau betroffen und nicht die ganze Gesellschaft wie beim Klima oder Corona. Deshalb ist die Entscheidung der Frau eine individuelle und wird es immer bleiben.


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kosmokrator #5.18

"Und was genau haben diese Richter mit der Problematik zu tun ?
Unwichtige Opas und Omas, die für andere wichtige Entscheidungen treffen."

Diese 'unwichtigen Opas' sind durch demokratische Prozesse dazu berufen worden bei Fragen welche eine Abwägung an grundsätzlichen Rechtsgütern von betroffenen Parteien bedingen eine Entscheidung zu fällen.

Aber das wissen Sie natürlich. Sie finden es halt doof dass da nicht die Leute sitzen die Ihre Ansicht teilen.
Das ist verständlich aber irrelevant.


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Traxxq #8

Religiöse Spinner, die Welt ist voll davon.


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DocWho #11

Selbstmord und Ermordung ungeborenen Menschenlebens sollte nicht als Frauenrecht tituliert und eingefordert werden können. Es passiert, aber sollte vom Gesetzt behindert werden.


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Karl Lauer #11.1

Zellhaufen im Alter von 0-12 Wochen haben aus gutem Grund keine Menschenrechte. Nur religiöse Fanatiker und Ideologen fordern die Aufhebung des Selbstbestimmungsrecht von Frauen zugunsten von hypothetischen Lebens.


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SubspaceEcho #11.5

Das ist klerikalfaschistischer Mumpitz.


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jan h #11.7

Ah, da isser wieder: der Zellhaufen, dicht gefolgt von religiösen Fanatikern. Geschrieben von einem etwas größeren Zellhaufen.
Es scheint unmöglich zu sein, eine Diskussion einfach so zu führen, ohne unterschwellige Aggressionen und Verhöhnungen.


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Karl Lauer #11.8

Ich sage es Ihnen in aller Deutlichkeit: Wer die Abtreibungsgrenze unter 12-14 Wochen verschieben will oder Abtreibungen gänzlich verhindern will ist ein religiöser Spinner oder ein Faschist.

Ach und hey, da es für Sie ja ontologisch keinen Unterschied macht: Das nächste mal bringt Ihnen der Küchenbauer oder Schreiner statt Einrichtung einfach einen Sack Eicheln. Das sind ja Möbel nur halt etwas kleiner!


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Prinz Hamlet #11.14

"Das nächste mal bringt Ihnen der Küchenbauer oder Schreiner statt Einrichtung einfach einen Sack Eicheln. Das sind ja Möbel nur halt etwas kleiner!"

Dumme Vergleiche kann ich auch. Wir kaufen zusammen ein Auto, aber da es in meiner Garage steht ist es mein Recht es einfach abzufackeln, ohne sie zu fragen. Das ihr halbes Auto weg ist,... nicht mein Problem. Meine Garage mein Recht.


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Neela75 #11.16

Geburten können auch heute noch lebensgefährlich sein. Die Frau muss ihre Gesundheit und möglicherweise ihr Leben opfern.


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djborislav #14

Der "Ehrenmann" Brett Kanavaugh entscheidet über die Rechte schwangerer Frauen....
Amerikas Bigotterie auf den Punkt gebracht.


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JeanLuc7 #19

Pro-Life sollte doch wohl eher Pro-Birth heißen. Denn nach der Geburt interessieren sich die Abtreibungsgegner für das Kind gar nicht mehr.


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JeanLuc7 #19.2

"Sie sind ersthaft der Meinung, das diese Aussage in jedem Fall wahr ist?"

Ich denke, Sie haben genau verstanden, was ich meinte. Es geht hier nicht um eigene Kinder, sondern um die anderer Leute. Und für die interessiert sich die Pro-Life-Bewegung nach der Geburt nicht mehr. Wo in den USA bekommt eine junge Mutter, der das Recht auf Abtreibung verweigert wurde, in den ersten Jahren finanzielle oder soziale Unterstützung von Pro-Life?


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Holger57 #19.6

Immer wieder dies Argumente.... es geht hier um Ideologie und nicht um Kinder


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jan h #20.1

Ein kluger Mann sagte mal, dass Religionen nur dazu erfunden wurden, eine Pussy zu bewachen.

Tja, es scheint zu stimmen.


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Bernd16 #20.2

Scheint kein kluger Mann gewesen zu sein.


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Lululululu #22

Ich frage mich immer wieder, wie Menschen auf die Idee kommen, ihre persönliche Religion sei für andere Menschen in irgendeiner Weise relevant.


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Viner Šme #23

Jede Frau soll frei entscheiden dürfen, ob sie ein Kind bekommen will oder nicht. Da hat ihr kein Staat, keine Religion und auch sonst niemand reinzureden oder sie gar zu diskriminieren. Eine Frau quasi dazu zu zwingen oder zu nötigen ein Kind auszutragen (in Polen übrigens auch nach einer Vergewaltigung) ist unmenschlich und anmaßend. Nur die Frau, die ein Kind bekommt hat damit zu tun, sie ist schwanger, sie hat sich nach der Geburt mindesten sechzehn, eher achtzehn bis zwanzig Jahre lang um das Kind zu kümmern. Wenn das nicht in ihren Lebensentwurf passt oder sie einfach noch nicht oder überhaupt dazu bereit ist, ein Kind zu bekommen, dann ist das so. Da braucht man dann auch keine Indikation, Beratung oder sonst etwas, es ist einfach ihre freie Entscheidung.

Streng genommen müsste man ja auch Verhütung verbieten wenn man Abtreibungen verbietet, die kath. Kirche tut das glaube ich auch.


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Arthur Philipp Dent #24

Frauenrechte scheinen im Land der Freiheit für die evangelikalen Christen wohl nicht diskutabel. Eine mittelalterliche Sicht, die eher zum Talibanstaat als zu den USA passen würden.


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Azenion #29

Die Position der Abtreibungsgegner ist doch gerade die, daß es nicht nur um Frauenrecht geht, sondern auch um das Recht des Fötus auf Leben.
Insofern wird man der Debatte nicht gerecht, wenn man so tut, als ginge es ausschließlich um Frauenrechte.

Wenn man sogar Tieren eine unveräußerliche Würde und ein Recht auf selbstbestimmtes Leben zugesteht, wie es viele Tierrechtsaktivisten tun, dann ist der Gedanke doch nicht völlig fern, daß auch ein heranwachsendes menschliches Leben eigene Rechte hat, die mit Frauenrechten konkurrieren können.


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  Nara1992 #29.2

Nein. Die Religiösen behaupten, dass das Leben bei Konzeption beginnt und ab schützenswert ist. Was weder von der Wissenschaft, noch von anderen humanistischen Ansätzen, noch von der Bibel gedeckt ist.

Hier geht es um eine Beschneidung von Frauenrechten und Kontrolle. Da man Frauen im 20. Jahrhundert immer mehr Rechte geben musste, muss man halt jetzt an dieser Front kämpfen.


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MrGaga #30

Wenn Männer Kinder bekommen würden, gäbe es so ein Gesetz nicht. Dann gälte: Mein Bauch gehört mir und wen das stört, der soll nur kommen.


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Alexa hört Dir zu #30.1

Zum Glück bekommen Männer stattdessen nur Waffen in die Hand gedrückt und Sprüche zu hören wie "Hunde, wollt ihr ewig leben"? ...


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MrGaga #30.2

Ich glaube, Sie haben mich nicht ganz verstanden, also nochmal ohne Humor: Diese Welt wird von Männern regiert, insbesondere die religiöse. Diese Männer bestimmen über den Bauch der Frauen. Was für eine Anmaßung! Mein Post ist nur eine Spielart der Frage: Hätten Sie das auch einem Mann gesagt? Hätten Sie das auch einen Mann gefragt?
Und jetzt nochmal für Sie: Würden Sie als Mann jemand anderes über Ihren Bauch bestimmen lassen?


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Variationen zur Gretchenfrage...
« Reply #61 on: December 11, 2021, 10:03:04 AM »
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nils minkmar@nminkmar

Scholz hat den Eid  ohne Gottesformel geleistet.
Neue Zeit.

12:08 nachm. · 8. Dez. 2021


https://twitter.com/nminkmar/status/1468537904028913664

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Thomas Strobl
@ThomasStrobl7
·
8. Dez.

Antwort an @nminkmar

Wenn er damit mal nicht den Zorn der Götter auf sich zieht.



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Variationen zur Gretchenfrage...
« Reply #62 on: December 27, 2021, 02:48:45 PM »
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[....] Gut vier Monate nach ihrer Machtübernahme haben die radikalislamischen Taliban in Afghanistan die Rechte von Frauen noch weiter eingeschränkt: Einer neuen Richtlinie zufolge sollen Frauen nur noch längere Reisen unternehmen dürfen, wenn sie von einem nahen männlichen Verwandten begleitet werden. Alle Fahrzeughalter werden außerdem aufgefordert, nur Trägerinnen eines islamischen Hidschab zu transportieren.

"Frauen, die eine Strecke von mehr als 72 Kilometern zurücklegen, sollten nicht mitgenommen werden, wenn sie nicht von einem engen Familienmitglied begleitet werden", sagte ein Sprecher des Ministeriums für die Förderung der Tugend und die Verhinderung des Lasters am Sonntag.

In der neuen Anweisung des Ministeriums, veröffentlicht in den Online-Netzwerken, werden die Menschen auch aufgefordert, in ihren Fahrzeugen keine Musik mehr zu hören. Der Sprecher des Ministeriums, Mohammed Sadik Asif, bestätigte die neue Direktive.

Bereits in den vergangenen Wochen hatten die Taliban die Rechte von Frauen massiv beschnitten. So wurden die afghanischen Fernsehsender aufgefordert, keine Dramen und Seifenopern mit Schauspielerinnen mehr zu zeigen. Das Tugend-Ministerium hatte auch Fernsehjournalistinnen aufgefordert, bei ihren Auftritten Hidschabs zu tragen.

In Europa wird unter dem Hidschab lediglich das islamische Kopftuch verstanden, gemeint sein kann aber auch die zusätzliche Verschleierung des Gesichts oder des restlichen Körpers. Die Taliban haben bisher offengelassen, wie sie Hidschab definieren. Die meisten Afghaninnen tragen Kopftuch.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch prangerte die jüngsten Einschränkungen durch die Taliban als eklatanten Eingriff in die Frauenrechte an. Die neue Richtlinie zum Reiseverkehr mache Frauen noch mehr zu "Gefangenen", sagte die für Frauenrechte zuständige HRW-Direktorin Heather Barr der Nachrichtenagentur AFP. Die Maßnahme verhindere, "dass Frauen sich frei bewegen oder in eine andere Stadt fahren können, dass sie Geschäfte machen oder fliehen können, wenn sie zu Hause Gewalt erleben", kritisierte Barr.

Die Taliban hatten Mitte August wieder die Macht in Afghanistan übernommen. Während ihrer Herrschaft in den 90er Jahren hatten die Taliban Frauen massiv unterdrückt. Mädchen durften nicht zur Schule gehen, Frauen durften das Haus nur mit einer Burka bekleidet und mit männlicher Begleitung verlassen.

Im Sommer hatten die Islamisten indes versprochen, dass ihre neue Herrschaft nun milder ausfallen werde als jene in den 90er Jahren. Berichte über Frauen, die an der Rückkehr an ihre Arbeitsplätze gehindert werden und Mädchen, die nicht zur Schule gehen können, schüren jedoch starke Zweifel an diesen Zusicherungen.

So sagte der als islamistischer Hardliner bekannte Minister für höhere Bildung, Abdul Baki Hakkani, am Sonntag, der Zugang von Frauen zu Bildung werde derzeit diskutiert. "Das Islamische Emirat ist nicht gegen die Ausbildung von Frauen, es ist aber gegen gemeinsamen Unterricht", sagte er. "Wir arbeiten an einer islamischen Umgebung, in der Frauen studieren könnten", fügte er hinzu. Dies könne aber "eine Zeit lang dauern". Angaben dazu, wann Mädchen und Frauen zur Schule oder an die Universität zurückkehren können, machte er nicht.

Internationale Geberländer haben mehrfach betont, dass die Achtung von Frauenrechten eine Voraussetzung für die Wiederherstellung internationaler Hilfen für Afghanistan sei. Dem zentralasiatischen Land steht nach Einschätzung der Vereinten Nationen in diesem Winter eine "Lawine des Hungers" bevor. 22 Millionen Bürger sind demnach von Ernährungsunsicherheit bedroht.

Zuletzt löste die Taliban die Unabhängige Wahlkommission (IEC) und die Kommission für Wahlbeschwerden auf. Es gebe keinen Bedarf für diese Gremien, sagte ein Sprecher der Taliban-Regierung.


Aus: "Taliban schränken Bewegungsfreiheit von Frauen massiv ein" (26. Dezember 2021)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2021-12/taliban-herrschaft-afghanistan-autofahren-regeln

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Löffel #12

Und wo liegen die grundlegenden Unterschiede zu Saudi-Arabien und Co?


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Cem1972 #12.1

Guter Punkt. Hängen übrigens tatsächlich der selben Rechtsschule an (Hanbaliten).


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koenigsblaue.hyazinthe #12.4

In der Entwicklungsrichtung. Der regierende Thronfolger hat in Saudi-Arabien einiges angestoßen, was noch vor fünf, geschweige denn 10 Jahren undenkbar war.


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batubintang #12.5

Im KSA dürfen Frauen Autofahren.


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Capetwon #16

Was treibt die Männer der Taliban an? Machtgier? Sadismus? Überlegenheitsgefühl?
Wie halten die Frauen das aus immer unter männlicher Kontrolle, aus der Öffentlichkeit vertrieben, unsichtbar gemacht mittels Burka? Haben sie überhaupt eine Chance sich davon zu befreien? Sie können sich nicht zusammen schließen, wären obendrein immer in Gefahr verraten zu werden.
Es ist ein Desaster für die Frauen. Leider auch in vielen anderen Teilen der Welt.


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Abatefetel #16.1

"Überlegenheitsgefühl"

Wohl eher Minderwertigkeitskomplexe. Jemand mit einem intakten Selbstwertgefühl kann ja kaum derartige Panik davor haben, dass (s)eine Frau ihr Gesicht zeigt, oder, Gott bewahre, alleine in einem Auto fährt.


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Mastershark #57

Toxische Männlichkeit gepaart mit religiösem Übereifer kann nur Resultate erbringen, die mich irgendwie an 'Steinzeit' erinnern. Blöd nur, dass diese Denkmodelle auch in der sogenannten aufgeklärten westlichen Welt immer wieder einmal ihre hässliche Fratze zeigen und niemand wirklich sicher sein kann, ob diese Dämonen ein- für alle Mal überwunden wurden.


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Variationen zur Gretchenfrage...
« Reply #63 on: January 04, 2022, 11:59:26 AM »
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[...] Verifikationismus ist eine Position in der Sprachphilosophie, der zufolge der Sinn eines Satzes in der Methode seiner Verifikation besteht. Der Verifikationismus ist auf dem Hintergrund des Problems zu sehen, ein Sinnkriterium zu formulieren, das wissenschaftlich bedeutsame Aussagen von metaphysischen Aussagen zu unterscheiden erlaubt. Der Verifikationismus hat damit zur Absicht und Konsequenz, dass Sätze, die sich nicht verifizieren lassen, als sinnlos bezeichnet werden. Sinnlose Aussagen sind aus der empirischen Wissenschaft auszuscheiden. ...


Aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Verifikationismus

Der Wiener Kreis des Logischen Empirismus war eine Gruppe Intellektueller aus den Bereichen der Philosophie, der Naturwissenschaften, Sozialwissenschaften, der Mathematik und Logik, die sich von 1924 bis 1936 unter der Leitung von Moritz Schlick regelmäßig in Wien trafen.
https://de.wikipedia.org/wiki/Wiener_Kreis

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Quote
[...] Der „Wiener Kreis“ war eine außergewöhnliche Gruppe von Philosophen, Mathematikern, Natur- und Geisteswissenschaftern, die sich von 1924 bis 1936 regelmäßig trafen, um eine wissenschaftliche Weltauffassung zu entwickeln und zu verbreiten. Diese suchten naturwissenschaftliche mit philosophischen Fragestellungen zu einer neuen, professionell eigenständigen Wissenschaftstheorie zu verbinden. Wien war im deutschsprachigen Raum zu ihrem Mittelpunkt geworden, da etwa mit Rudolf Carnap und Moritz Schlick, welcher als einer der ersten die eminente philosophische Bedeutung der Einstein‘schen Relativitätstheorie erkannt hatte, auch einige ihrer bedeutendsten Vertreter aus Deutschland dort seit 1922 bzw. 1925 lehrten. Die in Wien versammelten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus den Bereichen der Philosophie, Logik, Mathematik, Natur- und Sozialwissenschaften repräsentieren aus heutiger Rückschau eine der international wohl bedeutendsten philosophischen Strömungen im 20. Jahrhundert.

... Rasch wurde der Zirkel zur Hochburg des logischen Empirismus. Die Entwicklung des logischen Empirismus hatte mit den wissenschaftlichen Revolutionen um die Jahrhundertwende, insbesondere der Relativitätstheorie, begonnen. Er orientierte sich an Albert Einstein, Bertrand Russell und Ludwig Wittgenstein. Als antimetaphysische Einheitswissenschaft ist seine wissenschafts- und gesellschaftspolitische Zielrichtung unübersehbar.

...


Aus: "Der „Wiener Kreis“ 1924–1936" Friedrich Stadler (02.07.2017)
Quelle: https://geschichte.univie.ac.at/de/artikel/der-wiener-kreis

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Quote
[...] Edmonds betont, [es] sei der Kreis nie eine Runde Gleichgesinnter gewesen. Schließlich jedoch habe die anfängliche Zielsetzung, eine Erkenntnistheorie zu entwickeln, die die Metaphysik aus dem Weg räume, den Kreis gespalten. Sein Ende markiert die Ermordung Schlicks. Der Mörder Johann Nelböck, ein ehemaliger Student Schlicks, war geisteskrank. Doch lag in diesem Mord, der Hilde Spiel, die bei Schlick promoviert hatte, zu "tiefstem Schmerz" bewegte, auch die Krankheit der Zeit.

...


Aus: "Eine Fackel in dunklen Zeiten oder wie der Kreis zum Wiener Kreis wurde" Ruth Renée Reif (13.11.2021)
Quelle: https://www.derstandard.de/story/2000131104678/eine-fackel-in-dunklen-zeiten-oder-wie-der-kreis-zum

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Quote
[...] Schlick ist der Begründer und Mittelpunkt einer Gruppe von Philosophen, Mathematikern und Physikern, die in den vergangenen Jahren das philosophische Denken radikal revolutioniert und mit einer jahrtausendealten Tradition gebrochen haben. Sie nennen sich selbst der Wiener Kreis. In ihrem Manifest formulieren sie die wissenschaftliche Weltauffassung, der sie sich verschrieben haben. Sie vertreten eine entschlossene Modernität, ihre Aufgabe sei es, schreiben sie, "den metaphysischen und theologischen Schutt der Jahrtausende aus dem Weg zu räumen". Die antiken Griechen, Kant, Hegel, Schopenhauer – alles geistiger Müll. Während gleichzeitig Deutschland eine Renaissance des Mythischen erlebt (elektrisiert etwa durch das kaum zu durchdringende Gedankengebäude Martin Heideggers), trifft der kompromisslose Standpunkt des Wiener Kreises in seiner Heimatstadt natürlich auf den heftigen Widerstand des eingesessenen, konservativen und erzkatholischen akademischen Establishments.

... Genau genommen gibt es nicht nur einen Wiener Kreis, sondern mehrere intellektuelle Zirkel, die nebeneinander debattieren und einander gegenseitig befruchten – und das in einer Stadt, in der bittere Not herrscht, die hungert und friert. Die sozialen Probleme erscheinen unüberwindlich, und dennoch bricht eine Generation von Denkern und Wissenschaftern auf, lichte Höhen zu erklimmen. Vermutlich beflügelt sie auch das Bewusstsein, nichts zu verlieren zu haben. Sie stoßen deshalb auf die unerbittliche Feindschaft der Mehrheit der Wissensgesellschaft. Im giftigen Klima des Antisemitismus, der Wien seit Jahrzehnten eisern im Griff hält, werden die Neuerer als jüdische Fremdkörper stigmatisiert, und die wissenschaftliche Auseinandersetzung erhält eine zunehmend antisemitische Komponente, die rasch die Konfliktfelder dominiert.

... Der Wiener Kreis verehrt zwei Idole. Einmal den Physiker Albert Einstein, dessen Relativitätstheorie ein vollkommen neues Verständnis der Struktur von Raum und Zeit formuliert. Das zweite überlebensgroße Vorbild ist der Milliardärs-Spross Ludwig Wittgenstein, der selbst keinerlei Interesse an materiellen Annehmlichkeiten zu haben scheint. Schon zu Lebzeiten wird er in Philosophenzirkeln als Genie gefeiert. Seine schmale Abhandlung Tractatus logico-philosophicus, zum Teil noch in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs abgefasst, ist die Bibel der Neudenker.

...

Zu: David Edmonds: "Die Ermordung des Professor Schlick". C. H. Beck, München 2021; 352 S.


Aus: "Anschlag auf das freie Denken" Joachim Riedl (3. Januar 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/2022/01/moritz-schlick-philosophie-wien/komplettansicht

Quote
SW40 #2

"Mach vertrat die Ansicht, dass letztlich alle empirischen Behauptungen einer experimentellen Prüfung standhalten müssten und dass die Messungen grundlegend auf den Sinnen beruhten. Zu behaupten, dass Dinge außerhalb der menschlichen Sinneseindrücke existierten, also die metaphysischen Postulate von Religion, Moral oder Ethik, hielt Mach für eine Art "verlockenden Unsinn"."

Dem ersten Satz kann ich mich anschließen. Den zweiten Satz kann ich nicht verstehen. Es ist doch für mich ein Zeichen von Demut, wenn ich etwas über mich weiß, dass meine auf wenige Sinne begrenzte Wahrnehmung weit übersteigt. Es kann doch ein Reich der unendlichen Übersinnlichkeit geben! Der Rationalismus ist für mich eine Philosophie ohne Seele!


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Nogod #2.1

Ja ja, dass Sie in allen Beiträgen Metaphysik verbreiten, ist nicht unbemerkt geblieben.
Es sei Ihnen unbenommen, belegt allerdings die bedauerliche Tatsache, dass abergläubisches, religlöses Denken, sich tarnend mit Begriffen wie 'Seele' und 'Spiritualität', in keiner Weise überwunden ist.


Quote
SW40 #2.2

Metaphysik und Spiritualität sind menschliche Grundbedürfnisse. Man lebt nicht vom Brot allein, sondern braucht Gott als Bezugspunkt zur jenseitigen Vollkommenheit. Und Aberglaube ist etwas anderes als Glaube, denn der Aberglaube hält wissenschaftlicher Überprüfung nicht stand. Die Astrologie beispielsweise ist reine Esoterik, deren Wahrheitsgehalt naturwissenschaftlich angezweifelt werden kann.


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Lelo #2.3

Es ist Ihnen unbenommen, einen Mitforisten zu bedauern. Mitgefühl können wir doch alle gebrauchen ;-).
Aber die Trennung der beiden Aussagen von Ernst Mach ist doch treffend: Erster Satz: wissenschaftliche Methode -> ok. Zweiter Satz: strenger Physikalismus -> muss man nicht so sehen.


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Nogod #2.4

Gott hält natürlich einer wissenschaftlichen Überprüfung stand *hüstel*
Ich finde, 'verlockender Unsinn' ist eine ziemlich gute Formulierung, weil das darin steckende Bedürfnis bedacht wird.
Keineswegs originär das Bedürfnis nach "Metaphysik und Spiritualität" - Bedürfnisse fallen eben nicht vom Himmel, sondern werden produziert.
Ich erlaube mir den Hinweis, dass "Metaphysik und Spiritualität" von denen als Grundbedürfnisse apostrophiert werden, die in diesem Bereich ihr Auskommen haben - in sozialer wie materieller Hinsicht.


Quote
suchenwi #2.5

"Und Aberglaube ist etwas anderes als Glaube, denn der Aberglaube hält wissenschaftlicher Überprüfung nicht stand."

Welcher Glaube hält welcher wissenschaftlichen Überprüfung (theologischer?) stand?


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KurzVorKnapp #2.7

Metaphysik und Spiritualität sind *Ihre menschlichen Grundbedürfnisse. Warum gehen Sie davon aus, dass dies auch bei anderen der Fall sein muss? Außerdem sollte es Ihnen zu denken geben wenn Ihr Glaube in anderen Kulturen Aberglaube ist. Die Einteilung ist sehr willkürlich und subjektiv und hält einer objektiven Betrachtung nicht stand.


Quote
jus-kenner #2.8

Auch der religiöse Glaube hält wissenschaftlicher Überprüfung nicht stand. Sonst wäre er ja auch kein Glaube, sondern wissenschaftliche Erkenntnis. Dass Gott (was immer man sich hierunter vorstellt) und die Existenz dieses übernatürlichen Wesens (m/w/d) wissenschaftlich nicht bewiesen werden kann, teilt die mit dieser Vokabel verbundene Vorstellung mit anderen Vorstellungen wie Poltergeistern, Dämonen, Engeln, Einhörnern oder den walking deads aus der gleichnamigen Fernsehserie. (Aus der Tatsache, dass die Existenz einer Person oder einer Sache wissenschaftlich nicht bewiesen werden kann, kann übrigens entgegen mancher vulgären Aussage mitnichten die Existenz dieser Person oder dieser Sache logisch hergeleitet werden.) Wissenschaftlich untersucht werden kann aber die Frage, aus welchen Gründen Menschen solche Vorstellungen pflegen und sogar bereit sind, zugunsten dieser verschiedenen Glaubensvorstellungen ihre Freiheit und manchmal sogar ihr Leben auf- bzw. hinzugeben.


Quote
NikitaDerHund #2.9

"Es kann doch ein Reich der unendlichen Übersinnlichkeit geben! Der Rationalismus ist für mich eine Philosophie ohne Seele!"

Beides ist richtig: natürlich kann es einen Bereich jenseits des sinnlich (bzw. experimentell) erfassten geben. Genauer gesagt, zeigt die immer weiter sich entwickelnde experimentelle Wissenschaft, dass dem definitiv so ist. Nur macht es keinerlei Sinn, über (aktuell) den experimentellen Methoden nicht zugänglichem im Terminus von Wahrheit zu reden: das ist schlicht der Bereich reiner Fiktion und Phantasie. Hat beides in der menschlichen Kultur seine Berechtigung, nur muss man sich eben bewusst bleiben, dass dies reine Hirngespinste sind und bleiben, solange sie der experimentellen Methode unzugänglich sind (was insbesondere für Konstrukte gilt, die von vorn herein darauf angelegt wurden, daß sie nicht empirisch invalidiert werden können).

Und tatsächlich ist der Rationalismus eine Philosophie ohne Seele: das macht seine Stärke aus. Wem das nicht passt, muss sich halt mit Hirngespinsten zufrieden geben. Das sei jedem gegönnt, nur sollte er sich nicht entblöden, von Wahrheiten zu reden.


Quote
Luis Tränker #2.10

Metaphysik und Spiritualität sind menschliche Grundbedürfnisse.

Hier liegt wohl das Problem. Über Grundbedürfnisse, woher sie kommen, wie sie sich ausbilden etc. kann man ja durchaus diskutieren. ...


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SW40 #2.12

"Warum gehen Sie davon aus, dass dies auch bei anderen der Fall sein muss?"

Wir wollen Antworten auf die Frage nach dem Leben im Jenseits. Unsere eigene Sterblichkeit zwingt uns dazu, darüber nachzudenken.

Im Übrigen ist für mich der Glaube im Unterschied zum Aberglauben eine religiöse Vorstellung, die nicht falsifiziert werden kann. Der Aberglaube, zum Beispiel die Wirkung von Homöopathie, lässt sich durch Untersuchungen von Begleitgruppen widerlegen.



Quote
Luis Tränker #2.13

Wir wollen Antworten auf die Frage nach dem Leben im Jenseits.
Warum sollten "wir" das wollen? ...


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Karl Josef Schleidweiler #2.14

Welcher Glaube hält denn wissenschaftlicher Überprüfung stand?
Wenn ich etwas weiß weiß ich's und glauben erübrigt sich, oder?


Quote
  SW40 #2.15

Der Glaube an einen vollkommenen, ungewordenen, unveränderlichen und unvergänglichen Weltgeist (Gott) im Sinne der Definition des vorchristlichen antiken Philosophen Parmenides ist nicht gegen wissenschaftliche Erkenntnisse gerichtet. Man kann dennoch die Evolutionstheorie und den menschengemachten Klimawandel anerkennen, ohne sich von diesem Gott lossagen zu müssen.


"Warum sollten "wir" das wollen? Letztendlich genau das, was vor "unserem" Leben war."

Geben Sie zu, dass Sie sich gerne eine gute Antwort wünschen.

... Nicht das Diesseits, sondern die unendliche Herrlichkeit im Jenseits ist relevant. Gott ist das gesamte Bewusstsein der unendlichen Übersinnlichkeit. Wir Menschen nehmen durch unsere Sinne nur einen winzigen Anteil dieses Reichs der Übersinnlichkeit wahr. Immerhin haben wir dadurch eine kleine, schmale Brücke zu Gott.



Quote
Leonia Bavariensis #2.20

Sie sind nicht "Wir", sondern sprechen für sich. Ich rede jetzt mal von mir: mich interessiert es null komma null, ob es ein Leben im "Jenseits" gibt, denn ich glaube nicht daran.
Für mich ist im Übrigen auch Glaube Aberglaube. Aber bitte jeder wie er mag. Nur möge man bitte seine eigenen Bedürfnisse nicht der gesamten Menschheit unterstellen.


...

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Variationen zur Gretchenfrage...
« Reply #64 on: January 07, 2022, 01:48:13 PM »
Quote
caber

Es gibt so viele Religionen. Wissenschaft ist m. E. eine davon...


Quote
Darius Minor

Antwort in einfacher Sprache: Nein.


https://www.derstandard.at/story/2000132342515/tsunami-im-gehirneinsichten-in-die-neurobiologie-des-todes (7. Jänner 2022)


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Variationen zur Gretchenfrage...
« Reply #65 on: January 24, 2022, 03:11:45 PM »
Quote
[...] Islamabad, Pakistan – A Pakistani court has sentenced a Muslim woman to death for committing “blasphemy” by sharing images deemed to be insulting to Islam’s Prophet Muhammad and one of his wives, also considered a holy personage by many Muslims.

The trial court in the northern Pakistani city of Rawalpindi on Wednesday sentenced Aneeqa Ateeq under the country’s strict blasphemy laws, which impose a mandatory death penalty for insulting the Prophet Muhammad.


From: "Pakistani court sentences woman to death for WhatsApp ‘blasphemy’" Asad Hashim (20 Jan 2022)
Source: https://www.aljazeera.com/news/2022/1/20/pakistan-rawalpindi-court-sentences-woman-death-whatsapp-blasphemy

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Variationen zur Gretchenfrage...
« Reply #66 on: February 03, 2022, 02:41:06 PM »
Quote
[...] Drei Frauen sind gestorben. Drei Frauen sind tot, weil in Polen seit einem Jahr ein De-facto-Abtreibungsverbot gilt, sagen die Aktivistinnen der Gruppe Ciocia Wienia, der "Tante Wienia". Mindestens. Denn oft gehen die Familien der Toten nicht an die Öffentlichkeit, erzählen die "Tanten" im Gespräch mit dem STANDARD.

Im Juni und September des Vorjahres bzw. erst vor einer Woche starben drei Schwangere in Polen, weil ihnen ein medizinischer Eingriff verwehrt wurde. Eine Sepsis, wahrscheinlich ausgelöst durch die toten Föten im Uterus, soll ihr Todesurteil gewesen sein. In einem Fall haben Fachleute nun angegeben, dass die Frau mit einem positiven Corona-Test eingeliefert wurde und die Schwangerschaft nicht früher hätte abgebrochen werden können. Die Staatsanwaltschaft in Katowice ermittelt aber noch wegen eines möglichen Fehlers des Krankenhauspersonals.

Prinzipiell besagt das restriktive Abtreibungsgesetz in Polen, dass ein Abort nur durchgeführt werden darf, wenn die Frau durch eine Vergewaltigung oder Inzest schwanger geworden ist oder wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist. Den Ärzten ist die Definition von Letzterem aber zu unsicher. Deshalb lassen sie es oft auch darauf ankommen.

Die Aktivistinnen von Ciocia Wienia helfen insbesondere Polinnen zu sicheren Schwangerschaftsabbrüchen im Ausland. Und wollen anonym bleiben, um ihr Angebot aufrechterhalten zu können. Rund drei bis fünf Betroffene kommen wöchentlich nach Wien, um abtreiben zu lassen. Alle zwei bis vier Wochen entbindet eine Person aus Polen im Rahmen der anonymen Geburt in der österreichischen Hauptstadt.

Daran hat auch die Covid-Pandemie nichts geändert, erzählen die Aktivistinnen. Es sei nur teurer geworden, weil ein PCR-Test in Polen zwischen 70 und 100 Euro koste und die Spendengelder immer weniger werden.

Durch das strenge Gesetz würden noch mehr Frauen Hilfe suchen, erzählen die Vertreterinnen der Ciocia Wienia: "Waren es früher Personen mit einer ungewollten Schwangerschaft, melden sich nun auch solche, die eigentlich eine gewollte Schwangerschaft haben."

Denn indem das Verfassungsgericht die Rechtslage geändert und eine Abtreibung auch im Fall irreversibler Schädigungen des Kindes untersagt hat, haben die Betroffenen beim ersten Anzeichen eines solchen Schadens Angst: "Sie wollen dann nicht mehr zu viel Zeit verlieren, denn in Österreich können sie meist nur bis zur 14. Woche abtreiben. Oft verzichten sie auf weitere Untersuchungen", erzählen die Aktivistinnen.

Doch nicht alle Betroffenen, die Hilfe benötigen, müssen dafür ins Ausland fahren. Oft unterstützen die Wiener "Tanten" die Polinnen auch in ihrem Heimatland und helfen ihnen, an Abtreibungspillen zu gelangen. "Wir betreuen sie dann oft noch per Mail oder am Telefon, um sie nicht alleinzulassen", sagt eine Aktivistin. Doch diese Hilfe könnte bald ein Ende nehmen.

Denn Abtreibungsgegnerinnen und -gegner lobbyieren dafür, dass die Einnahme der Medikamente in Polen illegal wird. Noch können die Tabletten im Netz und über Hilfsnetzwerke organisiert und zu Hause eingenommen werden. Geht es nach ihnen, würden Frauen, die selbst abtreiben, aber strafrechtlich verfolgt. Die radikalen Aktivistinnen und Aktivisten unterstützten gemeinsam mit der katholischen Kirche Ende des Vorjahres einen Gesetzesentwurf, dem gemäß Abtreibungen wie Mord verfolgt werden könnten. Strafen zwischen fünf und 25 Jahren Haft wären möglich gewesen. Der Entwurf wurde im Parlament abgelehnt, doch der Kampf der Pro-Life-Bewegung geht weiter.

Ein Register, in das jede Schwangerschaft eingetragen werden muss, könnte noch immer eingeführt werden. "Oft wechseln betroffene Personen jetzt schon nach einer Abtreibung im Ausland den Gynäkologen, weil sie Angst haben, Probleme zu bekommen", sagt eine Aktivistin der Ciocia Wienia. Mit Einführung des Registers würden sich noch weniger zu Untersuchungen trauen: "Es gibt endlose Möglichkeiten, wie die Situation noch schlimmer werden könnte", sagt eine der "Tanten".

Doch die Helferinnen im Ausland geben die Hoffnung nicht auf: "Wir müssen es schaffen, diese Gesetze zu ändern." Laut Umfragen werden die restriktiven Abtreibungsgesetze nur von einer Minderheit in der Bevölkerung unterstützt. Drei Viertel der Polinnen und Polen wollen eine gelockerte Rechtslage, und nur acht Prozent unterstützen Strafen für die Mütter. (Bianca Blei, 3.2.2022)



Aus: "Polnische Frauen holen sich Hilfe für Abtreibungen in Österreich" Bianca Blei (3. Februar 2022)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000132921931/polnische-frauen-holen-sich-hilfe-fuer-abtreibungen-in-oesterreich

Quote
Nestor2

Rechte und Grundrechte
Das Recht auf Leben gilt auch für das Kind im Mutterleib


Quote
KelAdo

Also soll man in Kauf nehmen, dass die Schwangere stirbt? So ist das nämlich in Polen passiert, weil man das Recht des Kindes im Mutterleib über das Recht der Mutter gestellt hat.
Finden Sie das in Ordnung?


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obnoxious

traurig und wütend

Ich bin wirklich traurig und wütend, wenn ich sehe, was in Polen passiert. Ein Land, dem in seiner Geschichte übel mitgespielt wurde und jetzt, nachdem es eigentlich noch gar nicht so lange "frei" ist, zerstört es sich selbst von innen, indem es sich von einer stark religiösen Minderheit und machtgeilen PolitikerInnen schikanieren lässt. Frauen leben in dem Wissen, dass ihnen ihr Leben gar nicht selbst gehört. Unfassbar.


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Wieauchnimmer

... ist das staatlicher Femizid?


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retrogott

ja


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nori

ganz einfach religiöser Fundamentalismus
Es gibt eine große Zahl an Menschen in Polen, die einen ultrakonservativen Katholizismus befürworten. Außerdem gilt die katholische Kirche als moralische Instanz. Wenn jetzt die Amtsträger der Kirche gegen die Geburtenkontrolle und besonders gegen Schwangerschaftsabbrüche agitieren, hat das einen großen Effekt.

So viel Einfluss einer Religion ist zwar mittelalterlich und zurückgeblieben, aber es ist leider so.

Und zu erwarten, dass es hier Bedauern wegen der Toten gibt, ist ein großer Irrtum. Wenn eine dieser Frauen stirbt war es eben Gottes Wille. ...


Quote
beebeebee

Katholische Kirche. Wenn ich das nur höre. Die Moralinstanz mit den ewiggestrigen Werten. Kotz!


Quote
Besoffene Kapuzinerin

"Drei Viertel der Polinnen und Polen wollen eine gelockert Gesetzgebung und nur 8% unterstützen Strafen für die Mutter."

Nicht nur deswegen bin ich optimistisch, dass sich die polnische Gesellschaft innerhalb der nächsten 10 Jahre von der konservativ-katholischen Linie abwenden wird. Die junge, gebildete, städtische Bevölkerung wird immer mehr.

Fundamentalismus fällt nicht vom Himmel!


Quote
SchaudoliggaleichimRinnsoi

"unterstützten gemeinsam mit der katholischen Kirche Ende des Vorjahres einen Gesetzesentwurf, dem gemäß Abtreibungen wie Mord verfolgt werden könnten."

Ausgerechnet die Kirche, deren Priester nicht selten für ungewollte Schwangerschaften gesorgt haben. ...


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ja jestem

Tatsächlich verlassen immer mehr Menschen in Polen die Kirche. Und es werden immer weniger Kinder getauft. Nur so entkommt man dem Religionsunterricht, der mehr Stunden pro Woche hat als Sport oder eine Fremdsprache.


Quote
Hittrach

So wird ein ganzes Land von einigen religiösen Fanatikern in Geiselhaft genommen. Wenn man glaubt, sowas wäre nur in anderen Kulturkreisen möglich, wird man hier eines Besseren belehrt.
Und es möge eine Warnung sein: sowas kann verdammt schnell gehen.


Quote
Micha Do

Das kommt von zu viel Einfluß der Kirche auf den Staat.


...

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[Variationen zur Gretchenfrage (Notizen) ... ]
« Reply #67 on: March 07, 2022, 04:32:33 PM »
Quote
[...] Der saudi-arabische Blogger Raif Badawi hätte eigentlich zu Ende des vorigen Monats aus dem Gefängnis entlassen werden müssen. Das ist aber nicht geschehen, Menschenrechtsorganisationen rufen daher die saudischen Behörden auf, Badawi sofort freizulassen.

Badawi hatte 2008 ein Online-Forum mit dem Namen "Die saudischen Liberalen" begründet, in dem er religiöse und gesellschaftliche Themen diskutierte. 2012 wurde er wegen seiner liberalen Ansichten verhaftet und ein Jahr später wegen "Beleidigung des Islams" zu zehn Jahren Gefängnis, 1000 Peitschenhieben, einer Geldstrafe von einer Million Rial und einem Ausreiseverbot für zehn Jahre nach Beendigung seiner Haftstrafe verurteilt. Im Januar 2015 bekam er öffentlich die ersten 50 Peitschenhiebe, der weitere Vollzug wurde aus gesundheitlichen Gründen ausgesetzt.

"Es ist empörend, dass Raif Badawi nach zehn langen Jahren noch immer im Gefängnis sitzt", sagte Christian Mihr, Geschäftsführer von Reporter one Grenzen (RSF). "Er hätte nie auch nur einen einzigen Tag hinter Gittern verbringen dürfen. Jetzt, da er die volle Strafe abgesessen hat, gibt es für die saudischen Behörden keine rechtliche Grundlage mehr, ihn weiterhin festzuhalten."

Heba Morayef, Regionaldirektorin von Amnesty International für den Nahen Osten und Nordafrika, meint: "Raif Badawis anhaltende Inhaftierung zeigt die völlige Verachtung der saudi-arabischen Behörden für das Recht auf Freiheit, die Meinungsfreiheit und sogar ihre eigenen Gesetze. Es zeigt auch, dass ihre Versuche, der Welt ein progressives Bild zu präsentieren, kaum mehr als eine Nebelwand dienen, um ihre Unterdrückung zu verbergen."

Im April 2020 hatte Saudi-Arabien angekündigt, als Teil der "Vision 2030" die besonders grausame Form der Bestrafung mit Peitschen- oder Stockhieben abzuschaffen. Zur "Vision 2030" gehören auch Reformen im Bereich der Menschenrechte.

Neben Badawi sitzen derzeit mindestens weitere 28 Journalisten, Reporterinnen und Medienmitarbeitende in Saudi-Arabien im Gefängnis, erklärt RSF. Die Organisation habe vor diesem Hintergrund Anfang März 2021 beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe Strafanzeige gegen Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman eingereicht. Kernbestandteil der Strafanzeige wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit sei der Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi, der im Oktober 2018 im saudischen Konsulat in Istanbul grausam ermordet worden.

Badawis Frau Ensaf Haidar lebt seit 2013 im kanadischen Québec. Sie bittet die kanadische Regierung, Badawi die Staatsbürgerschaft zu verleihen. Sie wandte sich auch an den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman, das Ausreiseverbot zu erlassen.

(anw)


Aus: "Saudischer Blogger Raif Badawi hat Haftstrafe abgesessen, kommt aber nicht frei" Andreas Wilkens (07.03.2022)
Quelle: https://www.heise.de/news/Saudischer-Blogger-Railf-Badawi-hat-Haftstrafe-abgesessen-kommt-aber-nicht-frei-6541085.html

Quote
     BoMbY, 07.03.2022 13:48

Ahh, ja. Das gute alte Saudi Arabistan ... unser treuer Verbündeter und Waffenkunde.


...

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[Variationen zur Gretchenfrage (Notizen) ... ]
« Reply #68 on: August 14, 2022, 09:51:29 AM »
„Die Hand des Mannes, der dem Feind Gottes den Hals umgedreht hat, muss geküsst werden.“

Quote
[...] Chautauqua dpa/rtr Eigentlich wollte der Schriftsteller Salman Rushdie am Freitag in den USA über verfolgte Künstler sprechen. Doch plötzlich wird er genau dort, auf offener Bühne, zum Opfer eines brutalen Angriffs. Ein 24-Jähriger sticht in dem Ort Chautauqua im Westen des Bundesstaates New York mehrmals auf den 75-Jährigen ein und verletzt ihn schwer. Rushdie wird in ein Krankenhaus gebracht, operiert und seinem Manager Andrew Wylie zufolge an ein Beatmungsgerät angeschlossen. Neue Informationen zu seinem Zustand gab es am frühen Samstag zunächst nicht.

Er könne nicht sprechen und werde wahrscheinlich ein Auge verlieren, schrieb Wylie nach Angaben der New York Times. Nervenstränge in seinem Arm seien durchtrennt und seine Leber beschädigt worden. „Die Nachrichten sind nicht gut.“ Der mutmaßliche Täter, ein Mann aus dem Bundesstaat New Jersey, wurde festgenommen. Er habe wohl allein gehandelt, sagte ein Polizeisprecher am Freitag. Ob der Angriff im Zusammenhang mit der jahrzehntealten, gegen Rushdie ausgesprochenen Fatwa steht? Unklar.

Rushdie war vor mehr als 30 Jahren per Fatwa zum Tode verurteilt worden. Wegen seines Werks „Die satanischen Verse“ („Satanic Verses“) aus dem Jahr 1988 hatte der damalige iranische Revolutionsführer Ajatollah Chomeini das religiöse Rechtsdokument veröffentlicht, das zur Tötung des Autors aufforderte. Chomeini warf Rushdie vor, in seinem Roman den Islam, den Propheten und den Koran beleidigt zu haben.

Der Fatwa folgte damals eine dramatische Flucht Rushdies und zeitweise jahrelanges Verstecken, um dem Todesurteil zu entkommen. Rushdies entscheidende Rolle als einer der Autor:innen, die wesentlich an der Erneuerung der englischsprachigen Literatur in Indien mitwirkten, geriet durch die politischen Implikationen der Fatwa oftmals in den Hintergrund. Seit mehr als 20 Jahren lebt er nun in New York.

Die Tat geschah nun bei einer Vorlesung Rushdies in der sogenannten Chautauqua Institution, einem Erziehungs- und Kulturzentrum in einem ländlichen Gebiet des Bundesstaates. Die Veranstaltung habe im Rahmen einer Serie unter dem Titel „Mehr als Schutz“ („More than Shelter“) stattgefunden, bei der über die USA als Zufluchtsort für Schriftsteller im Exil und über die Verfolgung von Künstlern diskutiert werden sollte.

Die Attacke löste weltweit Entsetzen aus. „Diese Gewalttat ist entsetzlich“, sagte der nationale Sicherheitsberater Jack Sullivan laut Mitteilung des Weißen Hauses. UN-Generalsekretär António Guterres reagierte ebenfalls mit Entsetzen auf den Angriff. Der US-Senator und Mehrheitsführer der Demokraten im Senat, Chuck Schumer, schrieb auf Twitter, die Tat sei ein „Angriff auf die Rede- und Gedankenfreiheit“. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron schrieb, Rushdie sei von „Hass und Barbarei“ getroffen worden. Der deutsche Schriftsteller Günter Wallraff, der Rushdie 1993 in seinem Haus in Köln-Ehrenfeld versteckt hatte, sagte, die Nachricht sei „natürlich ein Schlag für mich“ gewesen.

In iranischen Medien dagegen ist der Messerangriff auf Salman Rushdie begrüßt worden. In der regierungsnahen Zeitung Kayhan, deren Chefredakteur von Irans weltlichen und geistlichen Oberhaupt Ali Chamenei ernannt wird, hieß es am Samstag: „Tausend Bravos (…) für die mutige und pflichtbewusste Person, die den abtrünnigen und bösen Salman Rushdie in New York angegriffen hat“. Weiter hieß es: „Die Hand des Mannes, der dem Feind Gottes den Hals umgedreht hat, muss geküsst werden.“ In Deutschland gab Bundesinnenministerin Nancy Faeser dem Iran eine Mitverantwortung für das Attentat.

Die Familie des Angreifers soll Berichten zufolge aus dem Süden des Libanon stammen. Die Eltern kämen aus dem Ort Jarun, der 24-Jährige selbst habe den Libanon aber noch nie besucht, sagte der Bürgermeister des Ortes libanesischen Medien. Eine offizielle Bestätigung gab es dafür zunächst nicht. Der Süden des Libanon ist eine Hochburg der schiitischen Hisbollah-Organisation, die eng mit dem ebenfalls schiitischen Iran verbündet ist.

Vor wenigen Tagen noch hatte Rushdie dem Magazin Stern gesagt, dass er sich in den USA sicher fühle. „Das ist lange her“, sagte Rushdie im Interview Ende Juli auf die Frage, ob er noch immer um sein Leben bange. „Für einige Jahre war es ernst“, sagte Rushdie weiter. „Aber seit ich in Amerika lebe, hatte ich keine Probleme mehr.“ Der Autor habe dabei aber auch vor dem politischen Klima und möglicher Gewalt in den USA gewarnt: Das Schlimme sei, „dass Morddrohungen alltäglich geworden sind“.

Auch nach Angaben seines Verlags aus dem vergangenen Jahr hätte die Fatwa für Rushdie inzwischen längst keine Bedeutung mehr. Er sei nicht mehr eingeschränkt in seiner Bewegungsfreiheit und brauche auch keine Bodyguards mehr. Die Jahre des Versteckens gingen jedoch nicht spurlos an ihm vorüber. Er verarbeitete diese Zeit in der nach seinem Alias benannten Autobiografie „Joseph Anton“ aus dem Jahr 2012.


Aus: "Weltweites Entsetzen" (13. 8. 2022)
Quelle: https://taz.de/Nach-Angriff-auf-Salman-Rushdie/!5874270/

Sir Ahmed Salman Rushdie ist ein indisch-britischer Schriftsteller. Er gehört zu den bedeutendsten anglo-asiatischen Vertretern der zeitgenössischen britischen Literatur. Seine Erzählungen reichert er mit Elementen aus der Märchenwelt an. Dieses Vermischen von Mythos und Fantasie mit dem realen Leben wird als magischer Realismus bezeichnet. Rushdie schreibt in englischer Sprache. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Salman_Rushdie

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« Reply #69 on: September 08, 2022, 05:00:39 PM »
Quote
[...] Der katholische Bischof von Aachen, Helmut Dieser, hat Homosexualität als "gottgewollt" bezeichnet. "Homosexualität ist keine Panne Gottes, sondern gottgewollt im selben Maß wie die Schöpfung selbst", sagte Dieser der "Zeit"-Beilage "Christ & Welt". Er habe in diesem Punkt dazugelernt. "Ja, meine Sicht hat sich verändert."

Die katholische Kirche betrachtet Homosexualität traditionell als Sünde. Heute wird für gewöhnlich zwar betont, dass Homosexuelle auf keinen Fall diskriminiert werden dürften und dass die Veranlagung an sich noch keine Verfehlung sei. Doch gleichzeitig pocht die Zentrale der katholischen Weltkirche darauf, dass Homosexualität nicht ausgelebt werden dürfe. Im vergangenen Jahr erst hatte die Glaubenskongregation noch einmal klargestellt, dass es "nicht erlaubt" sei, homosexuelle Partnerschaften zu segnen, da solche Verbindungen "nicht als objektiv auf die geoffenbarten Pläne Gottes hingeordnet anerkannt werden" könnten.

 Bischof Dieser sagte, ihm sei klar, dass Rom Homosexualität immer noch als Sünde deute. Das sei hier jedoch ein fragwürdiger Begriff: "Wenn es aber um Liebe geht, um diese Spielart der Liebe, die ja dann eine erotische Form ist, wenn der Leib Ausdruck dieser Liebe wird und die Sprache dieser Liebe, dann denke ich: Liebe kann nicht Sünde sein." Ob ein Priester in seinem Bistum homosexuelle Paare segne, sei eine persönliche Gewissensentscheidung. So geschehe es in Aachen auch.

Gleich nach der umstrittenen Entscheidung der Glaubenskongregation im März vergangenen Jahres hatte sich Dieser bereits dagegen gewandt: "Es kann nur misslingen, eine Diskussion beenden zu wollen", erklärte er und fügte an: "Das ist naiv und hat großen Schaden angerichtet. Wir müssen das als Bischöfe nach Rom tragen."

Am morgigen Donnerstag beginnt in Frankfurt/Main die vierte Synodalversammlung der deutschen Katholiken zur Reform der Kirche. Bischof Dieser leitet das Synodalforum zu Partnerschaft und Sexualität. Er ist einer der fortschrittlichsten katholischen Bischöfe in Deutschland.

Quelle: ntv.de, mau/AFP


Aus: "Ungehorsam gegen Vatikan: Bischof Dieser nennt Homosexualität "gottgewollt"" (07.09.2022)
Quelle: https://www.n-tv.de/panorama/Bischof-Dieser-nennt-Homosexualitaet-gottgewollt-article23574438.html
« Last Edit: September 22, 2022, 11:25:38 AM by Link »

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« Reply #70 on: September 22, 2022, 11:27:04 AM »
Nur „ein Stück Stoff“ ... So hätten die Verharmloser des Islam gerne, dass man die Verhüllung der Frauen sieht. Aber es ist so viel mehr.

Es gibt Frauen, die sterben, will sie lesen wollen. Es gibt eine lange Liste an Todesursachen für Frauen, weil sie banale Dinge taten von denen sich Männer bedroht fühlten. Von Stoff, von Wissen, von Lesen,....

Quote
[...] Die Proteste nach dem Tod von Mahsa Amini haben sich auf 15 Städte im Iran ausgeweitet. Mindestens acht Menschen wurden getötet. Behörden sperrten offenbar das Internet.

Bei Protesten gegen die Sittenpolizei im Iran sind nach offiziellen Angaben mindestens vier weitere Menschen getötet worden. Laut iranischen Medien und einem örtlichen Staatsanwalt hat sich die Zahl der Getöteten damit auf acht erhöht. Unter den Toten sollen ein Polizist und ein Mitglied einer regierungsnahen Miliz sein.

Die kurdische Menschenrechtsorganisation Hengaw teilte mit, zehn Demonstranten seien von iranischen Sicherheitskräften getötet worden, drei davon am Mittwoch. Offizielle iranische Stellen bestreiten das. Ihren Angaben zufolge sollen bewaffnete Dissidenten die Demonstranten erschossen haben. Die Angaben konnten nicht unabhängig geprüft werden.

Bei den Protesten geht es um den Tod der 22-jährigen Mahsa Amini, die am Freitag in einem Krankenhaus in Teheran gestorben ist. Sie ist von der iranischen Sittenpolizei festgenommen worden, weil ihr Kopftuch verrutscht war. Im Iran gelten strenge Verschleierungsregeln für Frauen.

Offiziellen Angaben zufolge soll sie einen Herzanfall erlitten haben. Kritikerinnen und Aktivisten werfen der Polizei hingegen vor, Aminis Kopf im Polizeiauto wiederholt gegen die Scheibe geschlagen zu haben, was zu einer Hirnblutung geführt haben soll.

Innenminister Abdolresa Rahmani Fasli und die Polizei wiesen diese Darstellung zurück. Dennoch leiteten die Behörden Ermittlungen ein. Ajatollah Ali Chamenei hat der Familie Mahsa Aminis nach Angaben eines ranghohen Beraters diese Woche sein Beileid und seinen Schmerz über den Tod der jungen Frau ausgedrückt.

Darüber hinaus berichten Menschenrechtsgruppen und die Beobachtungsstelle für Internetsperren, NetBlocks, Behörden hätten das Internet im Iran wegen der Proteste weitgehend lahmgelegt. Vor allem mit Smartphones und anderen mobilen Geräten kämen viele Menschen nicht mehr ins Netz. NetBlocks meldete großflächige Ausfälle bei WhatsApp und Instagram. Facebook, Telegram, Twitter und YouTube sind im Iran bereits seit Längerem blockiert. Expertinnen befürchten, dass Polizei und Sicherheitskräfte nun die Demonstrationen niederschlagen könnten.



Aus: "Proteste im Iran: Mindestens acht Tote bei Demonstrationen gegen iranische Sittenpolizei" (22. September 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2022-09/iran-internet-mahsa-amini-proteste-tote

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[...] Eine Gesellschaft wird über einen Stofffetzen, den die Islamische Republik für die Bekräftigung ihrer Identität braucht, in Geiselhaft gehalten. Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Wut entlädt, die sich bei vielen Iranern und Iranerinnen in langen Jahren auf das repressive religiöse System angesammelt hat. Der Tod einer jungen Frau, deren Vergehen in den Augen des Staates es war, sich das Kopftuch nicht so aufzusetzen, wie es angeblich der Islam verlangt, ist in der Tat besonders schwer zu verkraften. Eine Gesellschaft wird über einen Stofffetzen, den die Islamische Republik für die Bekräftigung ihrer Identität braucht, in Geiselhaft gehalten. Außer den zwangsverhüllten Frauen ist ja nichts sichtbar Islamisches an ihr.

Die Proteste brachen zuerst in der kurdischen Stadt Saghez aus, woher die 22-jährige Mahsa Amina, Rufname "Jina", stammte. Aber sie griffen schnell auch auf Teheran, Isfahan, Täbriz und andere Städte über. Es ist festzuhalten, dass diese Demonstrationen sich wie fast immer auf jene urbanen Schichten beschränken, in denen das System längst die Hegemonie verloren oder nie besessen hat. Schon öfter in den vergangenen Jahrzehnten hat man angesichts solcher Bilder gedacht, dass die Islamische Republik nicht mehr lange bestehen wird. Mittlerweile ist sie 43 Jahre alt, ernsthaft in Gefahr war sie nie.

Das liegt auch gerade daran, dass zum staatlich verordneten Islam begrifflich die Revolution gehört, die es von außen und von innen zu verteidigen gilt. Die meisten Menschen können das Wort nicht mehr hören. Sie wollen nur halbwegs unbehelligt leben – und haben sich mit Verlogenheit und Korruption abgefunden.

Den Gucci-Handtaschen der Töchter hoher Mullahs und staatlicher Funktionäre stehen die dicken Autos der Söhne der Teheraner Oberschicht gegenüber, mit denen sie auf Aufriss fahren. Derzeit wird der Fall der Vizepräsidentin für Frauen und Familie, Ensieh Khazali, höhnisch kommentiert, die sich dem Kampf gegen VPNs (Virtual Private Networks) verschrieben hat und deren Sohn in Kanada – erraten! – ein VPN-Unternehmen gegründet hat. Es wäre alles so lächerlich, wenn nicht Menschen wie "Jina" sterben müssten, um eine Fassade aufrechtzuerhalten, hinter der vieles zusammengebrochen ist.

Dass bei Demonstrationen dem höchsten Vertreter des Regimes, Ali Khamenei, der Tod gewünscht wird, ist nichts Neues. Anders ist heute, dass die Übergangszeit – der kranke Ayatollah wird nicht mehr ewig leben – bereits begonnen hat. Viele erwarten, dass Khameneis Abgang institutionelle Veränderungen der Führung bringen wird. Eine kritische Zeit.

Auch wenn sich die systemtreuen Medien völlig hinter die Sittenpolizei stellen, zeigt der Anruf von Präsident Ebrahim Raisi bei der Familie Mahsa Aminis, dass man "oben" alarmiert ist. Die Regierung hatte ja selbst verkündet, dass sie Regelverstöße auf der Straße, die in manchen Stadtvierteln in den vergangenen Jahren fast schon normal geworden sind, schärfer verfolgen werde. Jetzt muss sie klarstellen, dass sie damit nicht freie Hand für Schläger und Sadisten unter der Polizei gemeint hat. Oder zumindest muss sie so tun.


Aus: "Proteste im Iran: Sterben für ein Stück Stoff" Kommentar - Gudrun Harrer (21.9.2022)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000139294271/proteste-im-iran-sterben-fuer-ein-stueck-stoff

https://www.derstandard.at/story/2000139272019/protestwellen-im-iran-nach-tod-von-mahsa-amini

https://www.derstandard.at/story/2000139235157/iranerin-starb-in-polizeigewahrsam-tausende-demonstrierten-in-teheran

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Julian A

Nur „ein Stück Stoff“

So hätten die Verharmloser des Islam gerne, dass man die Verhüllung der Frauen sieht. Aber es ist so viel mehr. Von der Sexualisierung von Kindern mit dem Kopftuch (ab 9 Jahren oder erste Periode, da Haare auf Männer sexuell anziehend wirken sollen) oder dem völligen unsichtbar machen von Frauen durch den Niqab ist dieses „Stück Stoff“ im religiösen Kontext durch und durch Frauenfeindlich, auch wenn es den Frauen in den entsprechenden Ländern und Communities und vor allem allen Außenstehenden gerne anders verkauft wird


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starship

es ging niemals nur um "ein Stück Stoff". im gegenteil, die verschleierungsnorm - nur gesicht, hände & füße dürfen unbedeckt bleiben - ist teil einer umfassenden, frauenfeindlichen, religiös konnotierten ideologie zur sozialen kontrolle von frauen.
das märchen, das konzept der verschleierung bestünde nur aus "einem Stück Stoff", es sei ein ganz gewöhnliches kopftuch, das frauen eben aus freien stücken tragen würden, auf mondäne art wie Grace Kelly oder rural geprägt wie die berühmte "bäuerin auf dem land", war immer schon ein verlogenes narrativ aus jenem woken milieu, das fröhlich behauptete, der schleier sei ein zeichen von "empowerment" oder gar von feminismus.

es war und ist auch jenes scheinprogressive milieu, das liberale intellektuelle, wissenschaftler, autoren & frauenrechtlerinnen mit muslimischen wurzeln, die die ideologie hinter dem schleier standhaft kritisierten, regelmäßig als "islamophob" und als antimuslimische rassisten beflegelte.


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Anton Szanya

Eine Religion, die den Menschen fast alles verbietet, was das Leben angenehm macht - zwangloser Umgang zwischen Männern und Frauen, Konsumation von Genussmitteln und noch anderes mehr - führt zwangsläufig zum Widerstand noch nicht verbogener Persönlichkeiten. Dazu kommt noch, dass die staatliche Bigotterie von den Bessergestellten nicht gelebt wird. Zudem sei noch angemerkt, dass der Prophet sich kaum an die Regeln gehalten hat, die in seinem Namen festgelegt werden. Auch das bleibt wachen Geistern nicht verborgen. Früher, wie zu hoffen ist, oder wenigstens später wird diese heuchlerische Theokratie fallen. Hoffentlich nicht mit Blutvergießen.


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Random Moon

... Mahsa ist nicht die erste Frau, die wegen einem Stück Stoff starb. Es gab viele vor ihr. Es gibt auch Frauen, die sterben, weil sie etwas lernen wollen. Es gibt Frauen, die sterben, will sie lesen wollen. Es gibt eine lange Liste an Todesursachen für Frauen, weil sie banale Dinge taten von denen sich Männer bedroht fühlten. Von Stoff, von Wissen, von Lesen,....

Ich wünsche den Protesten den maximalsten Erfolg. Ich wünsche Mahsa posthum Unsterblichkeit. Statuen möchte ich sehen von diesen Frauen. Nicht von Feldherren, Monarchen und Politikern. Nur diese Frauen. Denn in einer besseren Welt hätten sie ein Leben gehabt.


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