Author Topic: Variationen zur Gretchenfrage...  (Read 39892 times)

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Variationen zur Gretchenfrage...
« Reply #40 on: May 20, 2020, 03:45:58 PM »
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[...] A prominent Nigerian humanist accused of blasphemy has been arrested and taken to the northern city of Kano, according to figures close to him.

Mubarak Bala, the president of the Humanist Association of Nigeria, was taken from his home on 28 April in neighbouring Kaduna state and taken to Kano, where a warrant for his arrest was issued, Leo Igwe, a fellow Nigerian humanist and human rights advocate, said.

“We condemn his arrest and are extremely worried because this came after several threats made by the religious community in Kano,” Igwe said. “They are likely to try him under sharia law in Kano, which could lead to capital punishment.”

Sharia law is applied in 12 states across the predominantly Muslim north of Nigeria, including Kano where blasphemy is punishable by death.

Igwe said police had denied Bala access to a lawyer and had not said what the charges were, heightening fears for his safety.

“Our worst fear is that he would be taken to Kano because there are many figures who have been threatening him and promising to end his life,” Igwe said. “The Kano police told me he was in their custody, but for days now they haven’t given us any more information.”

Police in Kano would not confirm whether they were holding Bala.

In a statement, Humanist UK, the leading British humanist society, said: “We condemn in the strongest terms the arrest of our humanist colleague Mubarak Bala by the Nigerian authorities, who have accused him of ‘blasphemy’, which can carry the death penalty.”

Nigeria is a deeply religious country, mainly Christian in the south and largely Muslim in the north.

Bala, the son of a widely regarded Islamic scholar, has been an outspoken religious critic in a staunchly conservative region, where open religious dissent is uncommon. After renouncing Islam in 2014, he was forcibly committed to a psychiatric facility by his family in Kano before being discharged.

After Bala posted comments critical of Islam and religion on his Facebook profile recently he had received a surge of online accusations of blasphemy and threats, Igwe said, largely from figures in Kano.

On Facebook on Monday, Bala said that after recent threats he would resort to more mildly critical posts and humour.

Igwe said Bala had helped create a community for thousands of atheists, particularly in northern Nigeria. “To speak out and say you’re an atheist or humanist in Nigeria can be dangerous, but Bala is very passionate about creating a space for those who do not subscribe to Islam or religion,” he said.


From: "Fears for Nigerian humanist held for blasphemy in sharia state" Emmanuel Akinwotu West Africa correspondent (Fri 1 May 2020)
Source: https://www.theguardian.com/world/2020/may/01/fears-for-nigerian-humanist-held-for-blasphemy-in-sharia-law-state

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"Nigeria: Ein Schlag gegen die atheistische Bewegung"
Daniela Wakonigg (18. Mai 2020)
https://hpd.de/artikel/schlag-gegen-atheistische-bewegung-18059

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Variationen zur Gretchenfrage...
« Reply #41 on: August 10, 2020, 12:02:05 PM »
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[...]  Ronya Othmann ist Kolumnistin, Autorin, Lyrikerin und Journalistin. Sie schreibt für die taz zusammen mit Cemile Sahin die Kolumne OrientExpress. Am 17. 8. 2020 erscheint ihr Roman „Die Sommer“, Hanser Verlag, 288 Seiten.

Für mich ist der Islamismus nie weit weg gewesen und nie abstrakt. Ich kenne Islamismus von meinen Aufenthalten in den kurdischen Gebieten in Irak, Syrien und der Türkei. Ich habe gesehen, was Islamismus anrichtet, wenn Frauen sich nicht von ihren gewalttätigen Männern trennen können, weil islamisches Recht gilt und den Männern im Falle einer Scheidung die Kinder zugesprochen würden. Ich habe gesehen, was Islamismus anrichtet, wenn Ladenbesitzer, die Alkohol verkaufen, um ihr Leben fürchten müssen. Ich habe gesehen, was Islamismus anrichtet in den vielen Flüchtlingscamps im Nordirak, wo diejenigen leben, die dem Terror, aber nicht dem Trauma entkommen sind.

Islamismus ist der Grund, weshalb meine Großmutter, mein Onkel und seine Familie sowie der Großteil meiner êzîdischen Verwandtschaft aus Syrien und Irak fliehen mussten.

Doch Islamismus beschränkt sich nicht auf den Nahen Osten, sondern ist eine globale Ideologie mit weltweitem Herrschaftsanspruch. Islamismus bedient sich religiöser Sprache und Inhalte, um seine politischen Ziele durchzusetzen. Islamismus hat viele Gesichter. Islamist*innen können auch weiße Deutsche sein, wie der Youtube-Salafist Pierre Vogel, der ehemals Linksextreme Bernhard Falk oder die IS-Anhängerin Jennifer W., die nach Syrien gereist ist, um sich dem „Islamischen Staat“ (IS) anzuschließen, und gerade in München wegen Mordes an einem fünfjährigen êzidischen Mädchen angeklagt ist.

Islamist*innen können gewaltbereit sein, sich Terrorgruppen wie al-Qaida, IS, Hamas oder Hisbollah anschließen oder als Einzeltäter im Sinne einer islamistischen Ideologie handeln, die nicht in eine Organisation eingebunden ist. Islamismus kann terroristisch sein, aber auch legalistisch. Legalistischer Islamismus lehnt Gewalt ab, versucht seine Ziele politisch durchzusetzen und kommt oft harmlos daher, wie beispielsweise Milli Görüş, Ditib und die Deutsche Muslimische Gemeinschaft (DMG), die der Bayerische Verfassungsschutz den Muslimbrüdern zuordnet. Es gibt Islamisten, die Bart und Pluderhose tragen, andere tragen Jeans und Hemd.

Egal wie er daherkommen mag: Jeder Islamismus bedroht unsere Gesellschaft. Islamismus, nicht der Islam. Das eine ist Ideologie, das andere Religion. Und über Ideologie müssen wir sprechen, auch aus einer linken Perspektive. Einfach ist das nicht. Allein das Wort „Islamismus“ emotionalisiert.

Die Linke tut sich schwer mit einer klaren Haltung zum Islamismus. Sie schwankt zwischen pauschalisierender und rassistisch anmutender Islamkritik und Relativierung des Islamismus als Teil des antikolonialen Widerstands.

Auch im linksliberalen Spektrum wird Islamismus kaum thematisiert. Unter dem Banner „gemeinsam gegen rechts“ werden Querfronten gebildet, wie bei dem Bündnis #Unteilbar, bei dem der Zentralrat der Muslime (ZDM) Erstunterzeichner ist. Zum ZDM gehören unter anderem der Verband der türkischen Kulturvereine in Europa (ATB), der den Grauen Wölfen zugerechnet wird, und das Islamische Zentrum Hamburg, das dem obersten Geistlichen des Irans untersteht.

Man will möglichst divers sein, intersektional. Mit wem man sich eigentlich verbündet, ist oft zweitrangig, XYZ sei ja schließlich von Rassismus betroffen und man selbst weiß, deswegen nicht in der richtigen Sprecher*innenposition. Dazu kommt häufig die Angst, rassistisch zu sein oder als rassistisch zu gelten. Aber auch in Antira- und Bipoc-Communitys wird geschwiegen und relativiert, etwa mit dem Argument, es gebe weitaus mehr Todesopfer rechter als islamistischer Gewalt in Deutschland.

Ich finde es zynisch, Todesopfer gegeneinander aufzurechnen. Oft habe ich Muslim*innen klagen hören, es werde zu viel über den 11. September, den Terror des „Islamischen Staats“ in Irak und Syrien geredet. Das würde doch nur antimuslimische Ressentiments verstärken. Auch das finde ich als Ezîdin, deren Familie von diesem Terror betroffen ist, zynisch.

Kritisiere ich diesen Islamismus und das Schweigen, wird mir Nestbeschmutzung vorgeworfen. Es heißt: „Du spaltest“, „für die Nazis sind wir eh alle gleich“. Mir wurde auch schon gesagt, dass Ezîd*innen per se antimuslimische Rassist*innen sind. Da Ezîd*innen als Minderheit in islamischen Gesellschaften seit Jahrhunderten verfolgt werden, ist das eine perfide Täter-Opfer-Umkehr.

In dieser Gemengelage ist ein Sprechen über Islamismus kaum möglich. Hinzu kommt, dass es an Grundwissen fehlt. Da wird eine Ditib-Moschee mal als salafistisch bezeichnet. Der Unterschied zwischen Salafismus – eine islamistische Strömung, die die Rückkehr zu den so angenommenen Wurzeln des Islams anstrebt – und Ditib, die der türkischen Religionsbehörde Diyanet untergeordnet ist und einen türkischen Staatsislamismus vertritt, wird übersehen. Wobei es nicht nur ein Nichtwissen, sondern oft auch ein Nicht-wissen-Wollen ist. Sprechen über Islamismus ist anstrengend, aber das war antifaschistische Arbeit schon immer.

Islamismus ist faschistisch, totalitär und antidemokratisch: der globale Herrschaftsanspruch, die Vorstellung eines reinen Islams, die radikale Auslegung von Koran und Haditen, die keine Ambivalenzen erlaubt, das in sich geschlossene Weltbild, das Propagieren einer Umma, der Gemeinschaft aller Muslime, von der bedingungslose Loyalität erwartet wird und die von Abweichlern und anderen Gruppen (wie die sogenannten „Kafir“, Ungläubige, Homosexuelle und Jüd*innen) zu reinigen ist.

Islamismus ist gefährlich. Im Namen einer islamistischen Ideologie wurde 2014 ein Genozid an Ezîd*innen begangen. Weltweit wurden islamistische Terroranschläge verübt, auch in Deutschland 2016, beim Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz.

Auch der legalistische Islamismus bedroht Feminist*innen, queere Menschen und Minderheiten, er bedroht mich. Ich kann mich noch gut an eine Demonstration erinnern, 2014 in München, als gerade der IS in Shingal, das êzîdische Siedlungsgebiet im Irak, eingefallen war, auf der Salafisten die überwiegend êzîdischen Demonstrant*innen angriffen, bedrohten und beleidigten und die Polizei einschreiten musste. Oder daran, dass 2014 Ezîd*innen in Herford und Celle von Salafisten angegriffen wurden. Ich kann mich an êzîdische Geflüchtete erinnern, die aus Angst vor Anfeindungen in den Flüchtlingsheimen ihre êzîdische Identität geheim hielten. Ich kann mich daran erinnern, wie ich auf Social Media als Kafir, Ungläubige, beschimpft wurde.

Doch nicht nur Ezîd*innen sind betroffen. Erst Mitte Juni wurden auf einem Friedhof in Ludwigsburg alevitische Gräber geschändet. Die Liste islamistischer Gewalttaten ist lang. Nicht zuletzt werden sie an Muslim*innen verübt.

Oft wird versucht, Kritik am Islamismus mit antimuslimischem Rassismus gleichzusetzen. Im Jahr 2014 veröffentlicht die Seta-Stiftung, das wissenschaftliche Sprachrohr der Erdoğan-Regierung, den Europäischen Islamophobie-Report, in dem Kritiker*innen des Islamismus pauschal des antimuslimischen Rassismus bezichtigt werden. Unter den Kritisierten befinden sich der muslimische Theologe Mouhanad Khorchide, die Menschenrechtsaktivistin Saida Keller-Messahli, der Psychologe Ahmed Mansour, die Journalisten Tunca Öğreten und Bülent Mumay.

Rechte nutzen den Islamismus dabei tatsächlich, um ihren antimuslimischen Rassismus durch die Gleichsetzung von Islamismus und Islam zu legitimieren. Und auch sie instrumentalisieren die Opfer von Islamismus. 2018 war ich in der kurdischen Autonomieregion Irak. Dort erzählte mir ein Ezîde, dass ein Bundestagsabgeordneter ezîdische Überlebende des Genozids besucht habe. Weitere Unterstützung sei von ihm aber nicht gekommen. Wie sich dann herausstellte, war es der AfD-Bundestagsabgeordnete Ulrich Oehme.

Rechten und Islamist*innen geht es nicht um eine pluralistische Gesellschaft. Zum Glück gibt es Stimmen, die den Kampf gegen Islamismus und den gegen Rechtsextremismus zusammendenken.

Ich muss an die Autorin Sineb El Masrar denken, die sich für einen islamischen Feminismus einsetzt, in ihren Büchern gegen das Patriarchat anschreibt. An die Rapperin und Wissenschaftlerin Reyhan Şahin, die zum muslimischen Kopftuch geforscht hat. Ich muss an Düzen Tekkal denken, die Menschenrechtsaktivistin, die in ihrem Buch, „Deutschland ist bedroht“ von den „bösen Zwillingen“ spricht, die unsere Freiheit gefährden: die Islamisten und die Rechten.

Der Kampf gegen den Islamismus ist Teil des antifaschistischen Kampfes. Deshalb müssen wir solidarisch sein mit den Opfern des Islamismus. Mit den religiösen Minderheiten, den Alevit*innen, Assyrer*innen, Chaldäer*innen, Armenier*innen, Zo­ro­astri­er*innen, Kakai, und vielen mehr, aber auch mit den queeren Menschen im Nahen Osten, den Athe­ist*in­nen und nicht zuletzt den vielen Mus­li­m*in­nen, die vor islamistischer Gewalt fliehen.

Der Islamismus wird nicht verschwinden, wenn wir ihn ignorieren. Beschweigen wir ihn, verlieren wir alle.


Aus: "Kritik an Islamismus: Tödliche Ideologie" Ronya Othmann (9.8.2020)
Quelle: https://taz.de/Kritik-an-Islamismus/!5700251/

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Rolf B.

Die AnhängerInnen eines islamischen Fundamentalismus haben es in Deutschland relativ leicht, weil die Angst der aufgeklärten Gesellschaft vor einer verleumderischen Denunziation Richtung Islamophobie oder Rassismus haben und vor einer Gleichsetzung berechtigter Kritik mit rassistischer Hetze der Rechten. Diese Gleichsetzung hat sich pandemisch ausgebreitet auf andere Bereiche. Immer dann, wenn Argumente nicht vorhanden sind, kommen denunziatorische Behauptungen, dass auch Rechte eine ähnliche Meinung vertreten würden. Ein Totschlag"argument". So werden wichtige Diskussionen verhindert.

Wer das Glück hat, aufgeklärte Freunde aus dem islamischen Kulturkreis zu haben, kennt deren Ängste vor treuen Erdogan Spitzeln, grauen Wölfen und Kurdenhassern. Und der kennt auch deren Unverständnis für die Mutlosen, die stets meinen, auf der guten Seite zu stehen.


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Links van der Linke

Welche Ideologie ist mit dem Begriff "Islamismus" hier gemeint? Ungläubige sind lebensunwerte Wesen, Frauen (gläubige Frauen) haben kein Recht auf selbstbestimmtes Handeln, die Wahrheit ist für gewisse, göttlich auserwählte Personen zugänglich, alle anderen haben sich zu fügen? Gut, so ein Islamismus ist abzulehnen und zu bekämpfen. Dort ä, wo er die Regierung oder gar wie im Iran das Staatswesen dominiert, zu bekämpfen. Aber man vergesse nicht, dass auch das Christentum bis heute in vielen Ländern (in Lateinamerika, in sowjetischen Ex-Republiken usw) genau das predigt. Und in West-Europa i)war das vor einigen Jahrzehnten nicht anders. Daher gefällt mir der Begriff "Islamismus" überhaupt nicht, er hat wirklich etwas von Islamophobie in sich.


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    Nina Janovich

    @Links van der Linke

Bis Anfang der 90er dominierte in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung der Begriff Fundamentalismus der die radikale "Wiederherstellung" (erträumter keinesfalls realer) vormoderner idealisierter Fundamente der "eigenen" (im Sinne von ich und sonst keiner bestimme wie meine Religion zu sein hat) betrieb. Die Schriftenreihe "the fundamentals" (1910-1915) von Protestanten in den USA gilt als Geburtstunde des (religiösen) Fundamentalismus. Mit diesem Begriff lassen sich nun auch wesentlich besser ideologische Bewegungen die sich selbst als einzig wahre Bestimmer "ihrer" Religion sehen analysieren. Tatsächlich gehen sie in ihrem Kampf gegen "Ungläubige" der "eigenen" Religionsgemeinschaft die ja weltweit sehr heterogen sind vor allem gegen alle als säkularisiert oder liberal verachtete Anhänger der eigenen Religion oder jene die "ihre" Fundamente mit anderer Interpretationverraten hätten besonders brutal vor da diese ihren Alleinherrschaftsanspruch am stärksten gefährden. Natürlich gibt es auch Ähnlichkeiten zu säkularen auf Rassismus statt Religion basierenden Ideologien die statt die religiösen "Fundamente" dann die (erträumten keinesfalls reale) vorgestellte glorreiche Vergangenheit der eigenen wie auch immer ethnisch definierten Gemeinschaft wieder herstellen wollen, der entscheidende Unterschied ist aber der religiöse Fundamentalisten nicht per se rassistisch denken sondern aufnehmen der oder die sich zu "ihrer" Religion und ihrer Deutungshoheit bekehrt. Auch der Begriff faschistisch passt nicht zum religiösen Fundamentalismus sondern wurde von den säkularen rassistischen Ideologien geprägt bei dem die Definition wer dazugehört und wer nicht und damit sein Leben aus Sicht der Anhänger quasi seit Geburt verwirkt hat auf eben jener rassistischen Grundlage basiert. Das heißt nicht dass das eine harmloser als das andere sei aber saubere Analyse hilft bei der Bekämpfung.

Wers philosophisch mag findet großartige Analysen zu fundamentalistischen Ideologien im Islam beim leider früh verstorbenen Nasr Hamid Abu Zaid: Auf Deutsch z.B.: Politik und Islam: Kritik des Religiösen Diskurses, translated by Cherifa Magdi, Dipa-Verlag, Frankfurt, 1996.


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tomás zerolo

Vielen Dank für diesen Beitrag: "Hinzu kommt fehlendes Grundwissen."

So ist es. Deshalb: danke dafür.

"Oft wird versucht, Kritik am Islamismus mit antimuslimischem Rassismus gleichzusetzen."

Diese Muster sind hinlänglich bekannt. Immer eine gute Gelegenheit Kritiker*innen zu diskreditieren. Ja, antifaschistische Arbeit ist anstrengend. Einerseits muss mensch sich selbst ständig hinterfragen, andererseits darf mensch nicht in solche Fallen tappen. ... Danke für Frau Tekkals Bild der "bösen Zwillinge". Sehr treffend.


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Maschor

Da sich die Autorin mehrmals ausdrücklich als Jesidin bezeichnet, wären eine kritische Anmerkung über die jesidische Kultur ebenfalls angebracht gewesen. Sind eine ausschließlich aus der Abstammung abgeleitete Zugehörigkeit, das Fehlen jeder Möglichkeit zur Konversion und strikte Endogamie (der Ausschluss aus der Gemeinschaft bei Heirat einer/eines Nicht-Jesiden) heute noch zeitgemäß? Von der Akzeptanz von LGBT ganz zu schweigen..


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Suryo

@Maschor Immerhin versuchen Jesiden aber nicht, anderen diese Religion mit Gewalt aufzuzwingen.


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Jim Hawkins

Danke für den persönlichen und fundierten Artikel. Islamismus ist von allen Linken und allen Demokratinnen und Demokraten genauso zu bekämpfen wie Rassismus, Faschismus und Antisemitismus.

Diese peinliche Leisetreterei vieler Linker, wenn es um Islamismus geht, die auch stark im Hinblick auf die mörderische und menschenverachtende Diktatur im Iran zum Tragen kommt, ist möglicherweise als anti-westliches, anti-amerikanisches Vorurteil zu lesen. ...


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« Reply #42 on: August 12, 2020, 10:16:11 AM »
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[...] COTONOU taz | Yahaya Sharif-Aminu soll hängen. Das hat ein Scharia-Gericht in der Provinzhauptstadt Kano am Montag entschieden. Nach Einschätzung der Richter kommt es in einem Lied des 22-jährigen Sängers zu Gotteslästerung. In diesem soll er einen Imam in höchsten Tönen gelobt haben und diesen Imam über den Propheten Mohammed stellen.

Die Zeitung Daily Trust zitiert aus der Anklageschrift, in der es heißt: der Angeklagte hatte „die Absicht, die Gefühle von gläubigen Muslim*innen zu verletzen“. Auch habe er Mohammed als Atheisten bezeichnet. Für das Gericht eine eindeutige Angelegenheit: Das ist Blasphemie und gehört bestraft.

Verbreitet hatte sich das Lied Ende Februar und zwar vor allem über den Nachrichtendienst WhatsApp. Wenige Tage später, so schreibt der nigerianische Guardian, steckten Hunderte wütende Jugendliche das Haus von Sharif-Aminus Eltern in Kano in Brand. Auch forderten sie die Scharia-Polizei Hisbah dazu auf, Maßnahmen zu ergreifen. Sänger Sharif-Aminu tauchte zwischenzeitlich unter. Online hat es für das Urteil viel Zuspruch gegeben: Damit werde ein Exempel statuiert, auch werde es vor weiteren Unruhen schützen.

„Ich hoffe, dass gegen das Urteil etwas unternommen wird“, sagt jedoch Hauwa Shaffi Nuhu. Die Frauenrechtlerin, Poetin und angehende Juristin hält es für „barbarisch“. In Nigeria gelte schließlich Meinungsfreiheit. Auch sei fraglich, dass jemand, der solche Texte verfasst, sich selbst als Muslim bezeichne. Scharia-Gerichte dürfen aber nur über Muslim*innen Recht sprechen.

Blasphemie steht in beiden in Nigeria geltenden Rechtssystemen, also dem säkularen und der Scharia, unter Strafe. Regelmäßig kommt es zu Gerichtsverfahren. Am Montag wurde nicht nur Sänger Sharif-Aminu verurteilt, sondern auch ein 13-Jähriger, der „unhöfliche Bemerkungen“ über Gott gemacht haben soll. Zehn Jahre Gefängnis lautet das Urteil. Beide haben die Möglichkeit, in den kommenden 30 Tagen in Berufung zu gehen. Dass das Todesurteil allerdings vollstreckt wird, gilt in Nigeria als unwahrscheinlich. Bisher wurden auch andere Urteile, etwa Steinigung wegen Ehebruch, abgemildert oder ganz ausgesetzt.

In Haft wegen mutmaßlicher Blasphemie ist derzeit auch der Präsident der humanistischen Vereinigung Nigerias, Mubarak Bala. Er setzt sich für Religionsfreiheit ein und schreibt im Internet über religiösen Extremismus. Nachdem er in Kaduna verhaftet wurde, sitzt er nun in Kano im Gefängnis.

Der Bundesstaat Kano gilt in Sachen Scharia als besonders streng und rigoros. Diese wurde dort im Jahr 2000 eingeführt. Drei Jahre später entstand mit der Hisbah eine Polizei, die für die Überwachung der islamischen Gesetzgebung verantwortlich ist. Die Hisbah bringt etwa überall in der Provinzhauptstadt Schilder an, die auf den Koran verweisen. Auch kontrolliert sie, ob Alkohol verkauft wird. Der ist natürlich, wenn auch versteckt, erhältlich.


Aus: "Scharia-Gericht in Nordnigeria: Musiker zu Todesstrafe verurteilt" Katrin Gänsler (11. 8. 2020)
Quelle: https://taz.de/Scharia-Gericht-in-Nordnigeria/!5702114/

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Smonkintrees

Man versucht ja durchaus sich in religöse Menschen reinzudenken, Juden/innen, Christen/innen, Buddhisten/innen, usw. doch bei der Islamischen rechtssprechung da hab ich echt meine Probleme. Allah scheint sehr empfindlich zu sein. ...


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« Reply #43 on: August 19, 2020, 03:29:57 PM »
" ... Im heutigen französischen Verständnis ist Laizismus zu einem politischen Ideal geworden, das die Grundsätze der Neutralität des Staates gegenüber den Religionen, deren Gleichbehandlung sowie die Glaubensfreiheit zum Ziel hat. Laizismus ist ein Verfassungsprinzip. Religion ist ausschließlich Privatangelegenheit, woraus folgt, dass Religion nicht nur keine staatliche, sondern auch keine öffentliche Funktion hat. ..." (26. Februar 2020)
https://de.wikipedia.org/wiki/Laizismus

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" ... Multikulturalismus (zumeist abwertend auch Multi-Kulti oder Multikulti) ist der Oberbegriff für eine Reihe sozialphilosophischer Theorieansätze mit Handlungsimplikationen für die Gesellschaftspolitik eines Staates. ... Ziel des Multikulturalismus ist die multikulturelle Gesellschaft, in der es keinen staatlichen oder auch nichtstaatlichen Anreiz oder „Druck“ zur Assimilation geben soll. Die ethnischen und kulturellen Gruppen sollen hingegen einzeln existieren. Dabei beruht dieses Modell auf dem Postulat, dass die (Angehörigen der) jeweiligen Ethnien sich gegenseitig Verständnis, Respekt, Toleranz entgegenbringen und einander als gleichberechtigt ansehen können. Kanada wird des öfteren als positives Beispiel für die Umsetzung des Multikulturalismus angeführt. ... "
https://de.wikipedia.org/wiki/Multikulturalismus (7. Juli 2020)

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[...] Multikulturalismus ist ein trügerisches Wort, weil es viel weitreichendere Implikationen hat, als man auf den ersten Blick vermutet. Wenn wir an Multikulturalismus denken, denken wir meistens an die bunte Begegnung zwischen vielfältigen Traditionen, Bräuchen, Speisen, Kleidung, Musik usw. Aber der Multikulturalismus hat auch politische Konsequenzen und kann aus der Pluralität der Traditionen zu einer Pluralität der Rechte führen, was problematisch ist.

Nach dem Multikulturalismus sollten die verschiedenen Kulturen so, wie sie sind, akzeptiert werden und dürfen nicht infrage gestellt werden. Das Problem dabei ist, dass die Kulturen keine unveränderlichen und beschlossenen Objekte sind, sondern vielmehr soziale Prozesse, die ständig in Bewegung sind und die letztendlich vom Austausch einzelner Menschen leben – jeder mit seinen eigenen Erfahrungen, Gedanken, politischen und ethischen Überzeugungen, die nicht völlig von der Herkunft oder der religiösen Zugehörigkeit bestimmt sind.

Die Falle des Multikulturalismus ist die, dass man vor lauter Respekt vor den Kulturen Gefahr läuft, die Verletzungen der Menschenrechte der einzelnen Individuen zu übersehen oder sogar zu fördern.

Im Jahr 1972 hat eine Amish-Familie in den USA gefordert, dass ihre Kinder von der Schulpflicht befreit werden, weil nach ihren eigenen religiösen Überzeugungen die Grundschule für die Kinder ausreichte und weiter in die Schule zu gehen, ihre Erlösung gefährdet hätte. Der oberste Gerichtshof der USA hat diese Anfrage angenommen, weil sie auf religiösen Gründen basiert.

Ein solches Sonderrecht den Amish anzuerkennen bringt die Verletzung des Rechts der Kinder auf Bildung mit sich und stellt eine Diskriminierung im Vergleich zu den anderen Kindern dar. Eine Verletzung mit großen Folgen: Da die Amish-Kinder keine Möglichkeit hatten, weiter in die Schule zu gehen, hatten sie auch keine Freiheit, ihr Leben selbstbestimmt zu führen.

Um Menschenrechte immer und überall zu schützen, brauchen wir eine strenge Laizität, die die Menschenrechte in den Mittelpunkt stellt und ihnen alles andere unterordnet. Überall wo Religionen eine große Rolle im öffentlichen Leben spielen, werden Menschenrechte (und insbesondere Frauenrechte) verletzt. Wir brauchen nicht weit umherzuschauen, um das zu beweisen: In Polen will die Regierung, die tief von der katholische Kirche beeinflusst ist, aus der Istanbul-Konvention gegen Gewalt gegen Frauen austreten.

Aber was heißt Laizität? Laizität ist das politische Prinzip, das sich ausgehend vom historischen Prozess der Trennung von Kirche und Staat durchgesetzt hat und das heute noch einen Schritt weitergehen muss. Bisher stellte sich das Problem nämlich rein als eine Frage der Macht dar (der Staat gegen eine Kirche, die säkulare Ambitionen hatte) – ein Problem, das man durch die Aufteilung der Machtbereiche lösen konnte, indem man dem Kaiser gab, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.

Heutzutage reicht das nicht mehr und der „Kaiser“ muss einerseits dafür sorgen, dass „Gott“ nicht gegen die Grundprinzipien des demokratischen Staates verstößt, angefangen bei den Grundrechten des Einzelnen; und andererseits muss der „Kaiser“ die kulturellen, wirtschaftlichen, sozialen und materiellen Voraussetzungen dafür schaffen, dass die ­einzelnen Bürger tatsächlich in die Lage versetzt werden, ihre eigenes Leben selbst zu bestimmen.

Seit rund 20 Jahren umgibt uns ein Narrativ, das uns in ein „wir“ und ein „die anderen“ aufteilen will und uns in einen fatalen „Konflikt der Kulturen“ zwingt. In Wahrheit gibt es aber keinen Kulturenkonflikt, was es allerdings tatsächlich gibt, ist ein ganz und gar politischer Konflikt, der jeder Kultur der Welt inhärent ist: ein Konflikt zwischen reaktionären und fundamentalistischen Kräften auf der einen Seite und progressiven Kräften und Verfechtern der Menschenrechte auf der anderen. Ganz oft, und oft ohne Absicht, rutschen die Multikulturalisten auf die Seite der Reaktionäre.

Das Folgende ist der Bericht einer Mutter, deren Tochter, eine muslimische in Großbritannien lebende Frau, sich zivilrechtlich von ihrem Mann hatte scheiden lassen: „Mein Exschwiegersohn tauchte in unserer örtlichen Moschee auf und verkündete den Betenden, dass ich eine ‚unmoralische Frau‘ sei und meine Töchter zwinge, sich zu prostituieren. Er bat die Ältesten, ihm zu helfen, sich seine Frau und die gemeinsamen Kinder zurückzuholen, um ihre Seelen zu retten. Die Moschee (in East London) schickte eine Delegation zu mir nach Hause. Fünf Männer tauchten an meiner Haustür auf. Sie sagten mir, ich müsse meine Tochter zwingen, zu ihrem Mann zurückzukehren. Ich sagte ihnen, dass Lubna sich hatte scheiden lassen, doch sie antworteten, die englische Scheidung sei nichts wert und gelte nicht vor dem islamischen Gesetz.“

Deswegen musste am Ende diese Frau vor ein „Scharia-Gericht“ gehen, um eine muslimische Ehescheidung zu bekommen und endlich in Ruhe gelassen zu werden.

Ein Bericht der britischen Regierung schätzt, dass in Großbritannien Dutzende solcher Scharia-Gerichte aktiv sind, die über die Ehescheidungen entscheiden. Das Problem betrifft nur Frauen, weil Männer, laut der Scharia, über das Recht der Verstoßung verfügen, den sogenannten Talāq. Der Bericht wurde heftig kritisiert, weil er diese Gerichte nicht als illegal erklärt. Die Begründung dafür lautet „die Scharia-Räte decken in manchen muslimischen Gemeinschaften einen Bedarf ab. Es besteht ein Bedarf an religiöser Scheidung, dem aktuell die Scharia-Räte entgegenkommen.“

Ich frage mich: Wessen Bedürfnissen kommen diese Gerichte entgegen? Denen der Frau, die einfach in Ruhe ihr Leben führen möchte, oder denen der Männer der Community, die die Freiheit der Frau nicht akzeptieren?

Wenn wir in dieser Geschichte das religiöse Element entfernen, wären wir mit einem klassischen Fall von Stalking konfrontiert und hätten keine Zweifel, auf welche Seite wir uns stellen sollen. Wenn wir aber wieder das religiöse Element einfügen, scheint es plötzlich nicht mehr ein Fall von Stalking, sondern eine religiöse und kulturelle Frage zu sein, die mit Samthandschuhen und gebührendem „Respekt“ behandelt werden muss.

Die Rhetorik vom „Respekt vor den Kulturen“ ist für die Menschenrechte brandgefährlich. Das lässt sich mit der Geschichte von Rita Atria ­illustrieren, die wie ich aus Sizilien stammt. Rita war die Tochter eines Mafiosos, der, als sie elf Jahre alt war, getötet wurde. Nach dem Tod des Vaters nahm Ritas älterer Bruder seinen Platz in der mafiösen Organisation ein. Im Juni 1991 wurde auch der Bruder getötet. Die erst 17-jährige Rita ­beschloss, mit der Polizei zusammenzuarbeiten, und wandte sich an den Richter Paolo Borsellino.

Rita wurde sofort ins Schutzprogramm aufgenommen: Neue Identität, geheimer Wohnort. Im Juli 1992 wurde der Richter Borsellino in der sogenannten Strage di Via d’Amelio in Palermo ermordet. Rita ertrug die Situation nicht länger und stürzte sich eine Woche danach aus dem siebten Stock der Wohnung in Rom, in der sie unter Polizeischutz lebte.

Ritas Familie hat sie immer verleugnet, ihre Mutter ist nicht zu ihrer Beerdigung gegangen, und sie hat sogar den Grabstein ihrer eigenen Tochter mit Hammerschlägen zerstört.

Warum? Weil Rita die Familie „verraten“ hatte, weil sie der Gemeinschaft „den Respekt verweigert“ hatte. Aber welchen Respekt war Rita ihrer Kultur schuldig? Sie entstammte dieser Kultur, dennoch besaß sie den Mut, ihre eigene Kultur infrage zu stellen, ihr im Namen der Gerechtigkeit und der Freiheit „den Respekt zu verweigern“, wofür sie einen sehr hohen Preis zahlen musste.

Ritas Geschichte ist die Geschichte all jener, die in jedem Winkel dieses Planeten, in jedem kulturellen Kontext patriarchalische und autoritäre Muster infrage stellen und die beschuldigt werden, den Traditionen, der Kultur und der Gemeinschaft den Respekt zu verweigern, beschuldigt von denen, die den Status quo aufrechterhalten wollen.


Aus: "Debatte um Identitäten und Multikulti: Die gewollte Spaltung" Cinzia Sciuto (19. 8. 2020)
Quelle: https://taz.de/Debatte-um-Identitaeten-und-Multikulti/!5702485/

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[...] Die Gesellschaften Europas, in denen wir heute ­leben, werden zunehmend komplex. Ethnische, religiöse und kulturelle Konflikte durchziehen sie und machen eine Suche nach neuen Entwürfen des Zusammenlebens erforderlich. Will eine Gesellschaft kulturelle Vielfalt und Persönlichkeitsrechte unter ­einen Hut bringen, das zeigt Cinzia Sciuto in ihrem Buch, muss sie zwischen Staat und Religion unterscheiden. Sie muss laizistisch sein. Laizität ermöglicht den diversen Spielarten von Religionen und Weltsichten erst, in einer pluralistischen Gesellschaft nebeneinander zu existieren. Sie garantiert auf der einen Seite die Religionsfreiheit, gleichzeitig legt sie jedoch Prinzipien fest, von denen nicht abgewichen werden darf, auch nicht im Namen irgend­einer Gottheit. Laizität ist die vorpolitische Voraus­setzung für ein ziviles Zusammenleben in einer komplexen Gesellschaft, in dem die Freiheiten und Menschenrechte von allen respektiert werden.
Dieser politische Essay in der Art wie die von Carolin Emcke oder Hamed Abdel-Samad zeigt die problematische Kehrseite des Multikulturalismus. Wo Anerkennung und Respekt für die Identitäten der diversen ethnischen, religiösen und kulturellen Bestandteile einer Gesellschaft eingefordert werden, läuft man Gefahr zu vergessen, dass jeder Einzelne Träger seiner subjektiven Rechte ist und keine Gruppenzugehörigkeit diese ihm streitig machen kann. Cinzia Sciuto stellt die Prioritäten wieder auf die Füße: Das Individuum ist Träger von Identitäten und Zugehörigkeiten, anstatt dass es von seiner Zugehörigkeit definiert wird.



Laizität und Menschenrechte in einer vielfältigen Gesellschaft
Originaltitel: Non c'è fede che tenga
Übersetzung: Johannes von Vacano
Rotpunktverlag, 08/2020
Einband: Gebunden
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 9783858698865
Umfang: 180 Seiten



Aus: "Buch  - Cinzia Sciuto: Die Fallen des Multikulturalismus" (2020)
Quelle: https://www.jpc.de/jpcng/books/detail/-/art/cinzia-sciuto-die-fallen-des-multikulturalismus/hnum/9870542

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« Reply #44 on: August 22, 2020, 01:43:46 PM »
Quote
[...] Menschen, die erkennbar psychisch labil oder krank sind, die unvermittelt ausrasten. Wie offenbar Samrad A., der am Dienstagabend auf der Berliner Stadtautobahn A100 sechs Menschen [ ] verletzte, drei davon schwer. ... Samrad A., der am Dienstag drei Motorradfahrer rammte, einen davon lebensgefährlich verletzte und jetzt in der Psychiatrie sitzt. Diagnose: „Religiöser Wahn.“ ...


Aus: "Wie potentielle Attentäter rekrutiert werden" (22.08.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/nach-dem-anschlag-auf-der-a100-in-berlin-wie-potentielle-attentaeter-rekrutiert-werden/26117416.html

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Variationen zur Gretchenfrage...
« Reply #45 on: September 24, 2020, 08:47:02 PM »
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[...] 1992: Nasr Hamid Abu Zaid veröffentlicht das Buch „Kritik des religiösen Diskurses“. Er bezahlt dafür einen hohen Preis.

Wie so oft war er seit Wochen ganz allein gewesen in Holland, in irgendeiner Vorstadt von Leiden, wo er ohne Rentenanspruch lehrte, in einer kleinen Wohnung mit niederländischem Mobiliar, beschaulich lebend wie einst in dem unterägyptischen Dorf, wie er mir seine Einsamkeit schönredete.“ So erinnert sich der Orientalist Naivd Kermani an seine letzte Begegnung mit dem islamischen Intellektuellen Nasr Hamid Abu Zaid

Die Einladung nach Köln habe Abu Zaid damals, 2006, ohne langes Zögern angenommen, schreibt Kermani in einem Nachruf auf den 2010 verstorbenen Gelehrten. Im Hause der Schwiegermutter wurde dann gemeinsam Weihnachten gefeiert. Mit Tannenbaum, Braten und allem, was sich gehört, wie Kermani betont. „Das ist mein letztes Bild von Nasr Hamid Abu Zaid: der Korangelehrte auf dem Sofa vor dem Weihnachtsbaum meiner deutschen Schwiegermutter.“

Abu Zaids Frau Ibtihal Younes, Professorin für französische Literatur, war zu dieser Zeit schon wieder aus dem niederländischen Exil an die Universität nach Kairo zurückgekehrt, um nicht auch noch ihre Altersversorgung aufs Spiel zu setzen.

Beide zahlten sie für die Widerständigkeit Abu Zaids einen hohen Preis. Die „Affäre“ nimmt 1992 ihren Lauf, als sein Buch „Kritik des religiösen Diskurses“ erscheint. Abu Zaid, der in Kairo Arabistik und Islamwissenschaften studiert hatte, plädiert darin für eine literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit dem Koran, dafür also, ihn nicht als historisches Dokument, sondern als poetischen und damit offenen Text zu verstehen. Er wendet sich damit (auch) gegen den vom autokratischen Präsidenten Husni Mubarak verordneten ägyptischen Staatsislam. Denn dieser, so Abu Zaid, sei „nicht besser als die Islamdeutung der Extremisten, da beide auf ihrem Monopol auf die absolute Wahrheit bestehen“.

Das Buch führt zu heftigen Kontroversen. Als Abu Zaid im Mai 1992 in Kairo seine Beförderung vom Assistenz- zum ordentlichen Professor beantragt, wird er abgelehnt. Seine Schriften seien eine Beleidigung der Religion, heißt es damals in einem Gutachten. Konservative Professoren der Al-Azhar-Universität versuchen, ihn als Apostaten anzuklagen. Kollegen verlangen seine Hinrichtung. Weil sie damit im ägyptischen Strafrecht nicht durchkommen, ziehen sie Abu Zaid vor ein religiöses Scharia-Gericht und strengen ein Scheidungsverfahren an. Eine Muslima, so ihre Argumentation, dürfe nur mir einem Muslim verheiratet sein. Wenn also Abu Zaid vom Glauben abgefallen sei, könne auch seine Ehe nicht fortbestehen.

Die Eiferer, die in der ersten Instanz scheitern, gehen in Berufung und setzen sich 1995 schließlich mit ihrem perfiden Plan durch. Abu Zaid, heißt es im Urteil, streite ab, dass der Koran das dem Propheten Mohammed offenbarte Wort Gottes sei. Als Professor und Autor verbreite er Lügen unter den Studierenden. Die Scharia-Richter erklären ihn folglich zum Apostaten und annullieren die Ehe. Abu Zaid erhält daraufhin in Ägypten zahlreiche Morddrohungen und sucht mit seiner Frau schließlich Zuflucht in den Niederlanden.

Für den tief gläubigen Gelehrten, der den Koran schon als Kind auswendig zu rezitieren wusste, ist die kritische Beschäftigung mit der Schrift durchaus kein Sakrileg, sondern hermeneutische Notwendigkeit. „Der Text existiert nicht für sich selbst“, sagt Abu Zaid in einem Interview. „Um zu seiner Bedeutung zu gelangen, muss er interpretiert werden und Interpretation ist eine menschliche Tätigkeit.“ Jede Auslegung, so seine Überzeugung, ist das Ergebnis einer spezifischen Beziehung von Text und Exeget, die als solche reflektiert werden müsse. Dabei sei auch stets der historische und sozio-kulturelle Kontext zu beachten.

Abu Zaid illustriert das am Beispiel der „Hadd“-Strafe für überführte Diebe. Traditionalisten sähen im Abhacken der Hände ein typisches islamisches Strafmaß, das sie auch weiterhin gelten lassen wollten, erklärt er. „Ein historisch begründetes Verständnis aber würde schnell den Beweis führen, dass es sich dabei um eine Anleihe aus der vor-islamischen arabischen Gesellschaft handelt und in einem ganz speziellen sozialen und historischen Kontext verwurzelt ist“.

Den Koran in dieser Weise in seinen geschichtlichen Zusammenhang zu stellen, ihn zu entkleiden von dem, was lediglich in einer bestimmten Zeit verhaftet sei, ermöglicht es für Abu Zaid erst, zum „eigentlichen Kern“ der Offenbarung vorzudringen.

Für das traditionelle islamische Verständnis des Korans klingt das schnell ketzerisch. Hat er für Muslime doch eine wesentlich höhere Bedeutung als die Bibel für Juden und Christen, wie die Religionswissenschaftlerin Angelika Neuwirth erklärt. „Was in Parallele zu setzen ist, sind nicht Bibel und Koran, sondern Menschwerdung des Gotteswortes in Jesus Christus im Christentum und die Koranwerdung des Gotteswortes im Islam“, erläutert die Arabistin, die das Forschungsprojekt Corpus Coranicum in Berlin leitet.

Abu Zaid, der bis zu seinem Tod den Ibn-Ruschd-Lehrstuhl für Humanismus und Islam an der Universität in Utrecht innehatte, sieht sich selbst in der Tradition kritisch arabisch-islamischen Denkens, das er viel besser kennt als seine Denunzianten. Als zutiefst spiritueller Mensch verbindet er dabei seine Hermeneutik mit der Mystik des Sufismus. „Der Koran ist Rede Gottes, aber der Sufi betrachtet diese, als sei sie an ihn selbst ergangen“, sagt Abu Zaid in einem Interview. Das eröffne eine Vielfalt möglicher Deutungen, ohne der normativen Bedeutung des Korans Gewalt anzutun.

Er hätte es so viel einfacher haben können, wenn er sich wie andere damals mit den Zuständen in Ägypten arrangiert hätte, schreibt Kermani. „Vor Gericht hätte er nur das Glaubensbekenntnis aufsagen müssen, die Anwälte drängten ihn dazu, nur zwei Halbsätze, dann hätte sich der Tatbestand der Apostasie erledigt“, erinnert sich der Freund. Doch Abu Zaid blieb standhaft.

Mit diesem Mut wurde er zu einem Wegbereiter für aufgeklärte Lesarten des Koran. „Der Koran ist eben nicht als Monolog vom Himmel gefallen“, sagt der in Münster lehrende Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide. Darauf mit seinem Werk hinzuweisen, sei das bleibende Verdienst Abu Zaids.


Aus: "Den Ideologen widerstehen"  Tobias Schwab (24.09.2020)
Quelle: https://www.fr.de/zukunft/storys/75-lektionen-mut/den-ideologen-widerstehen-90052849.html

Nasr Hamid Abu Zaid oder auch Nasr Abozeid bzw. Nasr Hamid Abu Zayd (arabisch نصر حامد أبو زيد, DMG Naṣr Ḥāmid Abū Zaid; geb. 10. Juli 1943 in Qufaha bei Tanta, Ägypten; gest. 5. Juli 2010 in Kairo)
https://de.wikipedia.org/wiki/Nasr_Hamid_Abu_Zaid

https://de.wikipedia.org/wiki/Apostasie_im_Islam

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“ … Joseph Campbell wies darauf hin, dass aus religiöser Sicht Mythos als „die Religion anderer Leute“ definiert werden kann. Insofern sei Religion „missverstandene Mythologie“. Das Missverständnis bestehe darin, dass „mythische Metaphern als Hinweise auf unumstößliche Tatsachen interpretiert werden“. …“


https://de.wikipedia.org/wiki/Mythologie (2. März 2018)
« Last Edit: September 24, 2020, 08:49:44 PM by Link »

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« Reply #46 on: September 30, 2020, 12:25:46 PM »
"Kirche gegen Kunst: Vor 65 Jahren verlor der katholische Klerus einen wegweisenden Prozess" Jan-Christian Petersen (25. Sep 2020)
Arno Schmidt – Blasphemie auf höchstem Niveau - In dem Roman "Seelandschaft mit Pocahontas" sah die katholische Kirche 1955 das Allerheiligste des christlichen Glaubens verletzt. Letztlich ist es Texten wie denen von Arno Schmidt zu verdanken, dass sich die junge Bundesrepublik schon früh als Hort der Meinungs- und Kunstfreiheit hat beweisen können. ... Anfang 1955 erschien Schmidts Kurzroman "Seelandschaft mit Pocahontas" in der Zeitschrift Texte und Zeichen im Luchterhand-Verlag. Die katholische Kirche nahm dies zum Anlass, Arno Schmidt, aber auch den Herausgeber Alfred Andersch im April desselben Jahres mit einem Gotteslästerungs- und Pornografieprozess zu überziehen. Das Erzbistum Köln versteckte sich hinter gleich zwei Anwälten. Schmidt, der sich hingegen keinen Rechtsbeistand leisten konnte, hat erst nach Prozessende erfahren, wer ihn da verklagt. Zuständig für den Fall seitens der katholischen Kirche war Prälat Wilhelm Böhler, ein hochrangiger Funktionär. Seit 1951 war er der offizielle Vertreter der katholischen Kirche bei der Bundesregierung. 1952 hatte Böhler das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) gegründet und die Katholische Nachrichtenagentur (KNA) mit aus der Taufe gehoben. In ihren Anklageschriften hatten die Anwälte zum Teil über ein dutzend Textstellen zusammengetragen, die die katholische Kirche der Adenauerzeit nicht zu tolerieren gewillt war. ...
https://hpd.de/artikel/arno-schmidt-blasphemie-hoechstem-niveau-18503


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« Reply #47 on: October 13, 2020, 04:47:58 PM »
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[...] Knut Wenzel ist Professor für Dogmatik und Fundamentaltheologie am Fachbereich Katholische Theologie der Goethe-Universität Frankfurt.

Der Weg zum melancholischen Gott: Der Gottesgedanke in Zeiten der Pandemie.

Dass die Kirchen den Lockdown willig in ein komplettes Einstellen ihrer liturgischen Tätigkeit ummünzten, war ein zentrales Organversagen. Als dann in Streaming-Gottesdiensten Priester vor starrer Kamera allein vor sich hin zelebrierten, schien die „Liturgie“ des Freud’schen Witzes am Werk, der zufolge im Unabsichtlichen das Wahre sich verrät; hier: die online-Auferstehung der Kirchen im Bild ihres notorischen und nun auch offenkundig absurden Klerikalismus. Der Papst zur Osternacht allein im Petersdom – braucht es mehr als solch ein niederschmetterndes Bild? Wäre damit das Zentralversagen nicht schon empörend genug, wurde es auch noch zur Farce, als sich die Großkirchen ausgerechnet von evangelikalen und rechtskatholischen Gemeinden die Zentralität der liturgischen Feier für das kirchliche Selbstverständnis vorführen lassen mussten.

Wären da nicht die vielen Pfarrgemeinden, die vor allem während der Karwoche und den Ostertagen vielgestaltige Weisen ersonnen und praktiziert haben, Orte und Zeiten der wenigstens symbolischen Berührung des in der Liturgie gefeierten Geheimnisses zu schaffen. Und hätte sich nicht im Malstrom der Pandemie, der ganze Gesellschaften in seinen Bann zog und abertausende Menschen verschlang und der sich mit rasender Geschwindigkeit noch immer weiter dreht – hätte sich hier nicht an der Stelle des Zentralversagens der Kirchen ein Vakuum aufgetan, als formte sich ein stummes Verlangen, eine schweigende Erwartung: dass die Pandemie in den Horizont Gottes gerückt werden würde. Nicht dass in Zeiten der Not eine säkulare Gesellschaft wieder fromm werden würde. Doch auch sie mag das ihr vielleicht selbst nicht erklärliche – und dennoch legitime – Bedürfnis entwickeln, eine große Katastrophe in einem umfassenden, einem umfassenderen Zusammenhang zu sehen.

Schnell zeigt sich dann freilich, dass der Gottesgedanke – der je umfassendere Zusammenhang – keine Beruhigung bereithält. So, wie er im Bedeutungsfeld zwischen Jerusalem und Athen entwickelt worden ist, handelt es sich um einen Reflexionsbegriff: mit jeder Beanspruchung Gottes im Zusammenhang einer existentiellen menschlichen Not fragt sich von neuem, wer dieser Gott eigentlich sei: Wer ist Gott, angesichts eines pandemisch gewordenen Leids?

Das Dilemma der Theodizee besteht darin, dass sie voraussetzen muss, was doch zu verteidigen sie aufgeboten wird: dass die Gottesannahme noch irgendeine Bedeutung hat, dass noch eine signifikante Anzahl Menschen meint, ohne die Gottesannahme keine Aussicht auf einen umfassenden Begriff ihrer – der? – Wirklichkeit zu haben. Selbst wenn dies, eine integrale Erfassung der Welt, faktisch nicht durchführbar ist, macht es, was die Gottesfrage angeht, genau den Unterschied aus, ob für eine vollständige Beschreibung der Wirklichkeit – sei dies nun realisierbar oder nicht – die Gottesannahme für prinzipiell notwendig erachtet wird oder nicht. Diese Alternative gibt es aber erst neuzeitlich, weswegen bei aller Familienähnlichkeit Theodizee streng genommen erst mit Leibniz, Anfang des 18. Jahrhunderts, da ist und nicht schon bei Hiob. Immerhin kommt es im Buch Hiob (500–100 v. Chr.) am Ende zu einer entscheidenden Konfrontation zwischen der Klage führenden Titelfigur und Gott selbst. Wir Bewohner der Doppelepoche von Neuzeit und Moderne hingegen werden die „Rechtfertigung Gottes“ – denn das bedeutet Theodizee – voraussichtlich unter uns, ohne göttliche Intervention, aushandeln müssen.

Die Redlichkeit verlangt das Eingeständnis, dass eine unbefangene theologische Erörterung der Gottesfrage in einer säkularen Öffentlichkeit sich nicht (mehr) von selbst verstehen kann, weil sie die säkular keineswegs mehr durchgängig geteilte Überzeugung voraussetzt: God matters. Für die Theologie muss daraus folgen, die säkulare Öffentlichkeit nicht als Publikum der eigenen Selbstinszenierung zu beanspruchen, sondern einen Beitrag zu ihrer Selbstverständigung zu erbringen. Eine theologische Diskretion sowohl gegenüber den in der Pandemie Leidenden als auch gegenüber Gott verbietet es zudem, das zu tun, was religiöse Verkündigung oft und oft getan hat: die Krise zu nutzen, um den Gottesgedanken zu promoten, in der Regel als Demütigung der Menschen in ihrer Selbstachtung. Als wären persönliches Leid, suspendierte Grundrechte, soziale Torsionen und globale ökonomische Zusammenbrüche nicht für sich genug: wozu dem noch den Vorwurf der Schuld aufbürden, für die all das an Leid und Not Strafe wäre, göttlich verhängt? Die Rationalisierung von Leid als Strafe für Schuld verfängt längst nicht mehr: seit dem Buch Hiob . Stattdessen bricht sich das Bewusstsein eines unausgleichbaren Spalts zwischen Moralität und Lebensglück Bahn: die Klage des Psalmisten, dass es dem Frevler gut geht und dem Frommen schlecht (Ps 73), legt eine Spur bis hinauf zu Immanuel Kants Postulat der Existenz Gottes; diesem allein wäre solch unmöglicher Ausgleich zuzutrauen („Kritik der praktischen Vernunft“).

Es ist verführerisch, auf die Theodizee-Frage – wie kommt das Übel in die Welt, wie kann es nicht zu rechtfertigendes Leid geben, wenn Gott doch sowohl gut als auch allmächtig ist – zu antworten, indem die Zuschreibung von Allmacht gestrichen wird. Übrig bliebe ein Gott, der gut ist – und schwach. Das lässt ihn sympathisch erscheinen; ein solcher Gott erweckt Mitleid – aber verdient er religiöse Anbetung? Auch wird so die Theodizee-Frage eigentlich nicht beantwortet; sie wird nur um eine ihrer Grundbestimmungen gekürzt.

Religiöser Glaube in theistischer Prägung gründet sich auf einen handlungsfähigen Gott; solcher Glaube kann sich nicht entzünden, wenn es von vornherein ausgeschlossen ist, dass Gott antwortet, eingreift, hilft. Die alt- und anders bekannte Frage „Wozu beten?“ stellt sich hier mit radikaler Schärfe. Auch wäre Kants Gottespostulat sinnlos: ein sympathisch schwacher Gott kann die Kluft zwischen Moralität und Lebensglück nicht schließen. Der theistische Gottesgedanke rechnet mit einem handlungsfähigen Gott. Der Monotheismus war in der Geschichte seiner Herausschälung von dem Interesse angetrieben, die Handlungsfähigkeit Gottes absolut zu denken: über alle Bedingtheit hinaus – ist sie Allmacht.

Das Konzept von einem allmächtigen Gott denkt ihn als allen Bedingungen vorausgehend. Damit wird nicht nur Gott als unbedingt gedacht, sondern zugleich alle Wirklichkeit, die Gesamtheit dessen, was ist – das „Sein“ – relativiert. Die Sorge um den unverkürzten biblisch-jüdischen Gottesgedanken hat deswegen Emmanuel Levinas zu der Formulierung gebracht: „Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht“.

In ihrem Bedeutungskern ist die Theodizee-Frage intellektueller Ausdruck der Empörung über die Realität des ungerechtem Leids. Die Allmacht Gottes bedeutet auch dessen prinzipielle Relativierung. Wer sie streicht, überlässt dem Unheil das letzte Wort. Eine Theologie des nur schwachen Gottes handelt sich ungewollt etwas Unfrommes ein.

Wie also die Theodizee denken? – Nicht zu Ende jedenfalls. Aporie – Weglosigkeit – ist das Bild für ein Denken, das zu keinem Ende kommt und doch gedacht werden muss. Heinz Robert Schlette hat vor langem schon die Nähe zwischen religiöser Glaubensoption und aporetischem Denken herausgestellt („Aporie und Glaube“, 1970). Hier drei Denkweisen im Modus des Aporetischen, die einer säkularen Öffentlichkeit, die der Theologie Rederecht einräumt, sicher die letzte Antwort vorenthalten müssen:

Paul Ricœur ist öfter auf das Buch Hiob zurückgekommen, manchmal in knappen, verdichteten Passagen. Seine Interpretation in aller Kürze: In der das Buch abschließenden Konfrontation Hiobs mit Gott wird dem Gehalt seiner Klage Recht gegeben: sein Leid ist grundlos, ungerecht. Die eigentliche Hiob-Frage – „Warum …?“ – bleibt ohne Antwort. Gottes Vorwurf gegen Hiob zielt auf die Dimension seiner Klage: Indem Hiob Gott um sein Leid verklagt, totalisiert er es. Indem er sein Leid in die Proportion Gottes versetzt, lässt er es zur letztbestimmenden Macht über seine Existenz werden. Dass von irgendwoher und unausrechenbar doch noch ein Lichtstrahl des Sinns in das Dunkel der Sinnlosigkeit fällt, against all odds, ist für die absolut gewordene Klage keine Möglichkeit mehr. Die Klage muss sich aus sich selbst begrenzen; ist sie die Artikulation der Unerträglichkeit des Leids, muss sie der Möglichkeit des Einbruchs eines rettenden Sinns Raum lassen.

An Gott zu glauben wird durch die Erfahrung sinnlosen Leids zugleich unmöglich und notwendig. Unmöglich wird die Unterstellung eines immer schon gegebenen Sinns; notwendig wird die Offenheit für einen vielleicht, wer weiß, doch noch sich einstellenden Sinn. Die Situation Hiobs, über den Sinn seines Leids keinen Aufschluss zu haben, kehrt in den Schriften der frühen Christen wieder: Unrechtes Leid, das nicht abgewendet werden kann, zu ertragen, eine Last mithin zu tragen, die eigentlich zu schwer ist, nennt der erste Petrusbrief „Gnade“ (1Petr 2,19). Norbert Brox hat den Text in seinem exegetischen Kommentar (1979) durchgängig von einer „Logik der Gnade“ getragen gesehen.

Der biblische Gott durchläuft eine Geschichte der Transformationen; der aus Gerechtigkeit strafende, aus Liebe zürnende wird zu einem melancholischen Gott, der kein Unheil, nicht Sintflut noch Plagen, über die Menschen bringt, dem nur noch bleibt, das Unheil, das die Menschen selber über sich und die Welt bringen, zu bezeugen und gewissermaßen notariell festzuhalten (vgl. Jeremia 7,11). Was ihn melancholisch werden lässt? – Dass er sich vorbehaltlos auf seine Schöpfung – und das heißt zunächst auf die Menschen in ihr – eingelassen hat. Er bestimmt seine Allmacht zu unbedingter Liebe. „Bad Case Of Loving You“: kein Psalm, nur ein Pop-Song (Moon Martin, 1978), der aber den Kern dieser Menschenliebe Gottes trifft.

Mit einem Amalgam aus mystischem Paradox und der Nonchalance des Pop könnte sie als mighty surrender bezeichnet werden: jene machtvolle Selbstübergabe, mit der Gott sich zum Sklaven erniedrigt, indem er den Tod des Menschen Jesus mitstirbt (vgl. Paulus an die Philipper 2,6–8). Der Gott Jesu ist nicht schwach. Doch am Kreuz, Werkzeug und Zeichen menschlicher Zerstörungsmacht, bestimmt er seine Macht zu einer negativistischen Präsenz. Edward Schillebeeckx hat dies in einer Theologie der „wehrlosen Übermacht Gottes“ entfaltet (1987). Ein die menschliche Vernichtungsmacht machtvoll besiegender Gott würde sie dadurch nur bestätigen; der wehrlose Gott lässt sie ins Leere laufen und entwaffnet sie so. Gottes Allmacht präsentiert sich am Kreuz als De-Legitimation aller Macht.

Am Ende gilt aber: Keiner Theorie, und sei sie noch so ausgefuchst, kann dieser Gott passgerecht eingefügt werden – wenn anders er nicht komplett verfehlt werden soll. Das hat Martin Luther durch den Gedanken vom Deus absconditus, dem verborgenen Gott, der Theologie mit scharfem Strich eingezeichnet (1525). In der Folge ist dies dunkel ausgemalt worden, bis zur Abgründigkeit Gottes. Diese als absolute Unverfügbarkeit Gottes aufzufassen, entspräche der vorhin genannten theologischen Diskretion besser, als aus ihr doch wieder das Drohbild eines pandemischen Vergeltungsgottes heraufzubeschwören. Auch in seiner Selbst-Offenbarung bleibt Gott Geheimnis (Karl Rahner, 1959) – wie schlussendlich jeder Mensch auch.

Ist die Liturgie nicht, gerade als Ritual, jene entlastende Begegnung von Mensch und Gott, die beiden wie ein zwangloses Gespräch ihr Geheimnis belässt?


Aus: "Das schwache Licht der Transzendenz" Knut Wenzel (17.08.2020)
Quelle: https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/das-schwache-licht-der-transzendenz-90025075.html

Quote
Alexander Lammer (08/2020)

Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Mich gruselt und fasziniert gleichzeitig, mit welchem geistigen Eiertanz von gläubigen Menschen versucht wird, das Unglaubliche dem gesunden Menschenverstand und den üblichen Kategorien einer Überprüfung zu entziehen.

Der obige Artikel gipfelt in dem grotesken und absurden Satz: „[D]er aus Gerechtigkeit strafende, aus Liebe zürnende wird zu einem melancholischen Gott.“

Und Herr Wenzel fordert tatsächlich die Anbetung dieses Geistes, obwohl er zugibt, dass er diesen Geist weder versteht noch die aufgezeigten Widersprüchlichkeiten erklären kann. Fast wie ein trotziges Kind, das auf den Boden stampft und schreit: „Menno, ich will es aber trotzdem!“ Nun ist Herr Wetzel aber kein trotziges Kind, lässt sich aber von Fakten, bei denen man an Grenzen stößt, offensichtlich nicht beeindrucken und will mit dem Kopf durch die Wand, um nicht umdenken und wahrscheinlichere Lösungen in Erwägung ziehen zu müssen. Zurück zum zitierten Satz. Der Schöpfergott der Bibel ist ein zorniger und absoluter Wüterich, der auf keinen Fall eine eigene Meinung oder freie Entfaltung erlaubt, sondern in diesen Fällen mal kurz die Menschheit auslöscht (Sintflut), um ein paar Jahre später seinen Sohn auf die Erde zu schicken, um ihn grausamst zu Tode foltern zu lassen. Damit lässt er ihn für die von ihm selbst verpfuschte Schöpfung büßen, um angeblich die Menschheit dadurch zu retten. Hätte er das nicht einfacher haben können, indem er die Schöpfung einfach „richtig“ macht? Gleiches gilt natürlich für Krankheiten und anderes Leid (Waren Sie schon einmal in einem Hospiz für Kinder… ?).

Ich sagte ja bereits: grotesk und absurd. Außerdem finde ich es mit der Würde des Menschen nicht zu vereinbaren, das komplette eigene Leben nach einem unbewiesenen bzw. unbeweisbaren Gott und dessen noch viel unergründlicherem „Willen“ auszurichten. Wo ist da der Unterschied zur Zahnfee oder dem Osterhasen? Was genau (welche Fakten) machen denn deren Existenz unwahrscheinlicher als die eines Gottes? Na ja, es wird wohl das Versprechen der Unsterblichkeit sein, die die Anbetung des göttlichen Geistes so verlockend macht und über die Maßen unkritisch werden lässt.

Man könnte allerdings auch Ockhams Rasiermesser anwenden und die einfachste und damit wahrscheinlichste Variante wählen: Aller Wahrscheinlichkeit nach gibt es keine Geister und Götter. Zu dieser Erkenntnis bräuchte man allerdings den Mut, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und es ohne fertiges „Rezept“ und „Gelinggarantie“ (also auch ohne „ewiges Leben“) versuchen zu leben. Die Orientierung an eigenen Bedürfnissen und dem Abgleich und der Berücksichtigung der Bedürfnisse der Mitmenschen scheint mir vernünftig und zielführend zu sein. Wenn die christliche Religion ohnehin auf Nächstenliebe hinauslaufen soll (warum diskriminiert die Kath. Kirche seit Anbeginn dann eigentlich Frauen und Homosexuelle?), dann kann ich den Blick doch gleich auf den Menschen wenden, ohne den Umweg über einen Geist, DESSEN Willen ich angeblich erfüllen soll. Das wäre dann auch intellektuell redlich und die Würde des/der Menschen wäre hergestellt, weil ich mich nicht an unrealistischen Wunschträumen, sondern an Fakten und humanitären Prinzipien orientiere.


...
« Last Edit: October 13, 2020, 04:50:59 PM by Link »

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« Reply #48 on: October 26, 2020, 10:41:44 AM »
Quote
[...] Die Wut der Frauen entlud sich in der Nacht auf Freitag vor dem Wohnsitz des Vizepremiers Jaroslaw Kaczynski. Es flogen Steine und Eier. Die Polizei setzte Tränengas ein und nahm mehrere Personen fest. Auch vor dem Parteisitz der Regierungspartei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) und dem Verfassungsgericht kam es zu Protesten.

Denn dieses Gericht in Polen hatte am Donnerstag das bisherige Gesetz, das eine Abtreibung bei einer schweren Fehlbildung erlaubt, als verfassungswidrig eingestuft. Nun dürfen Abtreibungen allein bei Vergewaltigung, Inzest sowie Lebensgefahr für die Schwangere vorgenommen werden.

"Damit ist es faktisch ein totales Abtreibungsverbot. Bei einer Vergewaltigung traut sich kaum eine Frau, dies zu melden" so Anna Karaszewska, Vorsitzende des Interessenverbands "Kongress der Frauen" auf Anfrage. Karaszewska sieht die grundlegenden Rechte in Polen gefährdet. "Frauen werden nicht wie Menschen behandelt."

Denn 1.074 von den 1110 offiziellen Abbrüchen in Polen im vergangenen Jahr wurden wegen fehlgebildeten Föten vollzogen.Mit Fehlbildung ist auch das Down Syndrom gemeint, Frauen können jedoch nun auch gezwungen werden, sterbende oder tote Kinder zu gebären. Borys Budka, Vorsitzender der Oppositionspartei "Bürgerplattform" (PO) warf Kaczynski vor, "den Frauen eine Hölle zu bereiten". Staatspräsident Andrzej Duda begrüßte, dass "das Verfassungsgericht auf Seiten des Lebens steht". ...

In Polen werden nach Angaben von Frauenorganisationen jährlich 200.000 illegale Abtreibungen vorgenommen, mittellose Frauen nutzen dazu Kleiderbügel aus Draht, die bei Demonstrationen gegen das Abtreibungsverbot als Protest in die Höhe gehoben werden. Wohlhabendere Polinnen fahren ins säkulär geprägte Tschechien, wo ein liberales Abtreibungsrecht herrscht.

Nach dem im September berufenen Erziehungsminister Przemyslaw Czarnek, ein ehemaliger Dozent der katholischen Universität Lublin, seien Frauen von Gott vor allem zum Kinderbekommen berufen und dies möglichst früh, damit es viele werden. Dabei entspricht dieses konservative Rollenverhalten kaum der Realität - in Polen werden 28 Prozent der Unternehmungen von Frauen geführt, womit das Land auf Platz 5 in Europa steht.

Die Entscheidung des Gerichts wird nun zu weiteren Verwerfungen in der polnischen Gesellschaft führen.


Aus: "Polen: "Faktisch totales Abtreibungsverbot"" Jens Mattern (24. Oktober 2020)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Polen-Faktisch-totales-Abtreibungsverbot-4938021.html

Quote
     StefGer, 24.10.2020 17:16

Es gilt zu bedenken! - Aus christlicher Sicht.

Polen ist ein Land des reinen, unverkürzten 2000 Jahre alten Lehramtes unserer hl. Mutter Kirche. Der heilige Johannes Paul II. hat dies in seinem Pontifikat bestätigt. Die polnische Regierung wird von Männern des Glaubens und des Lehramts geführt. Sie ist nicht nur gewählt, sondern von Gott erwählt und gesalbt. Das Lehramt verbietet die Abtreibung, sie ist eine Todsünde. Sie ist mit der Tatstrafe der Exkommunikation zu bestrafen.

Gott spricht über den Apostel Paulus im Korintherbrief zu uns. Gott sagt dort (1. Kor. 14, 34):

"Mulier in ecclesia taceat."

Das ist kein Gebot. Das ist ein Befehl, den Gott dort ausspricht. Und er betrifft nicht nur das kirchliche Leben, Gott befiehlt es für die Gesamtheit der Gesellschaft.

Und im Römerbrief, Kapitel 13 geht Gott sogar noch weiter! Er verbietet die Abwahl oder Absetzung einer gottesfürchtigen Regierung. Gott spricht:

("1) Omnis anima potestatibus sublimioribus subdita sit non est enim potestas nisi a Deo quae autem sunt a Deo ordinatae sunt.

(2) Itaque qui resistit potestati Dei ordinationi resistit qui autem resistunt ipsi sibi damnationem adquirunt."

Wer sich gegen eine von Gott gesandte Regierung stellt, und das ist die polnische Regierung, den erwartet nach dem Tode das Gericht. Wer nun aber für Abtreibung ist und auch noch Gegner der von Gott gesandten Regierung wählt, bekommt das doppelte Gericht. Diese Sünde ist nicht durch den Kreuzestod Jesu Christi abgegolten.


Quote
     Two Moons, 24.10.2020 17:31

Re: Es gilt zu bedenken! - Aus christlicher Sicht.

Das ist Satire oder? Ja bestimmt, das muss Satire sein. Aber für meinen Geschmack nur sehr bedingt witzig.



Quote
     Frank_Drebbin, 24.10.2020 15:30

Fundamentale Religiöse sind überall gleich sobald man sie politisch mitmachen lässt, richten sie Unheil an....
Ob das jetzt Christliche Fundamentalisten in den USA, katholische Parteien in Polen oder Gottesstaaten islamischer Geschmacksrichtung sind.....


...

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« Reply #49 on: October 26, 2020, 11:00:56 AM »
Quote
[...] Die deutschen Bischöfe wollen sich mehrheitlich nicht zu den jüngsten Aussagen des Papstes über Homosexuelle äußern. Gegenüber der F.A.S. gaben viele an, den Zusammenhang der veröffentlichten Zitate nicht genau zu kennen. Als einer von wenigen sagte der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer: Alle Äußerungen des Papstes seien zu deuten „im Licht der Lehre der Kirche, wie sie im Katechismus zusammengefasst ist und die der Papst offenbar selbst nicht in Frage stellt, sondern bekräftigt“. Ein Film sei kein Medium für lehramtliche Verkündigung.

Laut Katechismus sind homosexuelle Handlungen „in sich nicht in Ordnung“. Franziskus hatte in einem Dokumentarfilm über homosexuelle Paare gesagt: „Was wir benötigen, ist ein Gesetz, das eine zivile Partnerschaft ermöglicht.“ Es war das erste Mal, dass ein Papst eine eingetragene Partnerschaft befürwortete.

Der Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, sagte, er toleriere, dass es in einer pluralistischen und säkularen Gesellschaft die Lebensform einer vom Staat garantierten eingetragenen Partnerschaft geben könne und dass diese Schutz und Rechte gewähren müsse. Nicht alle Bürger könnten auf das christliche Menschenbild verpflichtet werden, das eine „klare Vorstellung“ von Ehe und Familie als Gemeinschaft von Mann und Frau mit der Offenheit für Kinder habe.

Für die Laien sagte der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg: „Als das ZdK sich bei seiner Vollversammlung in Würzburg 2015 für eine Neubewertung homosexueller Partnerschaften und deren Segnung eingesetzt hat, galt das noch als eine unerhörte Wortmeldung.“ Die Äußerung von Franziskus zeige, wie schnell sich das ändere.


Aus: "Viele Bischöfe schweigen zu Papst-Aussage" Tobias Schrörs (25.10.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/nach-papst-worten-ueber-homosexuelle-bischoefe-schweigen-17016800.html

Quote
Peter Dimitrov-Ludwig (plus8), 25.10.2020 - 21:16

Wird mal Zeit das die katholische Kirche im "hier und jetzt" ankommt!

Ansonsten geht der Aderlass munter weiter: Wenn die sich nicht ändern, dann interessiert sich bald kein Mensch mehr für die katholische Kirche - bis auf ein paar FAZ Journalisten ...


Quote
Rolf Kroeger (anedabei), 26.10.2020 - 00:02

Ludwig Feuerbach

Der erkannte ca 1830: Der Mensch erschuf Gott.


Quote
Martin Mühl (MartinJosefMichael), 25.10.2020 - 19:53

Kirchenaustritt

Im AT/Moses steht klar geschrieben, was Gott dazu meint.
Für mich ein Grund, aus der Kirche auszutreten.


Quote
Wolfgang Körner (oskartheo), 26.10.2020 - 09:25

Herr Mühl

die lange Liste der Missbrauchsfälle in Ihrer Kirche ist für Sie kein Grund auszutreten?


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Georg Küppers (Sensenbrenner), 25.10.2020 - 22:48

Das ist kurzsichtig

Aus der kath. Kirche sollte keiner austreten. Man verspielt damit nur sein ewiges Heil. Wer die Kirche verleugnet, kommt nicht in den Himmel oder nur nach entsetzlichen Qualen. Nur weil man den Papst oder die Homosexuellen nicht mag, braucht man doch nicht auf den Himmel verzichten. Einfach Augen zu und durch, nur Mut!


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Christoph Rhein (CARHEIN71Comment1), 25.10.2020 - 20:15

Priesterbruderschaft St. Pius X.

Sehr geehrter Herr Mühl, es bleibt noch eine Möglichkeit katholisch zu bleiben, es ist die Priesterbruderschaft St. Pius X. Dort wird die katholische Glaubens- und Morallehre unverkürzt gemäß der Tradition verkündet und die Sakramente allesamt gültig gespendet. Worauf warten?

["Trotz zweifachen Verbots durch Erzbischof Giovanni Benelli weihte Lefebvre am 29. Juni 1976 Seminaristen der Piusbruderschaft zu Priestern. In der Predigt dazu bekundete er:

    „Es bereitet uns einen ungeheuren und unermesslichen Schmerz, feststellen zu müssen, dass wir mit Rom Schwierigkeiten haben — wegen unseres Glaubens! […] Wir befinden uns in einer wahrhaft dramatischen Situation. Wir müssen uns entscheiden. Es geht um einen sozusagen scheinbaren Gehorsam, denn der Heilige Vater kann von uns nicht mit Recht verlangen, unseren Glauben aufzugeben. […] Wir entscheiden uns dafür, unseren Glauben nicht aufzugeben, denn darin können wir uns nicht täuschen.“

... In einer mit den Piusbrüdern verbundenen Schule in Kansas wurde einer Schiedsrichterin die Tätigkeit verboten, da Frauen keine Autorität gegenüber Männern ausüben sollten. Schmidberger sprach sich gegen die Gleichberechtigung aus:

    „Wir brauchen heute Männer, die Männer sein wollen, Frauen, die Frauen sind und Frau sein wollen, das heißt Gehilfin des Mannes und Mutter der Kinder.“

...

" Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Priesterbruderschaft_St._Pius_X. (15. Oktober 2020)]


...

« Last Edit: October 26, 2020, 11:09:19 AM by Link »

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Variationen zur Gretchenfrage...
« Reply #50 on: October 27, 2020, 10:00:42 AM »
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[...] die These vom verwirrten Einzeltäter gilt schon lange nicht mehr: Der Mord an Samuel Paty hat noch einmal fast lehrbuchartig vor Augen geführt, dass es ohne ein breites ideologisches Umfeld solche Taten nicht geben kann: Ein Vater, der mit Unterstützung eines landesweit bekannten Islamisten in der Schule seiner Tochter die Strafversetzung eines Lehrers fordert und im Internet gegen ihn hetzt – obwohl die Tochter in besagter Geschichtsstunde gar nicht anwesend war.

Ein islamistischer Prediger, der in der Großen Moschee von Pantin walten darf, auf deren Facebook-Seite das Hetzvideo des Vaters gegen den Lehrer verbreitet wird. Ein Video, das den Täter erst auf den Lehrer aufmerksam macht. Bis hin zu einer Studentin, die in den sozialen Medien die Tötung Patys gutheißt. Sie wurde zu drei Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Ja, das mag symbolisch sein; ja, nur mit Verboten lässt sich dem Problem nicht beikommen, das seine Wurzeln auch darin hat, dass viele junge Leute mit Migrationshintergrund in Frankreich sozial abgeschlagen sind.

...


Aus: "Macron nimmt den Kampf mit den geistigen Brandstiftern auf" Aus einer Kolumne von Andrea Nüsse (27.10.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/mehr-solidaritaet-mit-frankreich-macron-nimmt-den-kampf-mit-den-geistigen-brandstiftern-auf/26309512.html

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[...] Murat Kayman ist Jurist und war von 2014 bis 2017 Koordinator der Landesverbände des islamischen Dachverbands Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib). Nach der Affäre um die Spitzeltätigkeit von Imamen in Deutschland legte er sein Amt nieder. In diesem Gastbeitrag, der auf einem längeren Blogeintrag basiert, setzt er sich nach dem Attentat auf den Pariser Lehrer Samuel Paty kritisch mit der Haltung muslimischer Verbände und vieler Muslime zur Gewalt auseinander. Kayman ist Mitbegründer der Alhambra Gesellschaft, einem Zusammenschluss von Musliminnen und Muslimen, die sich als Europäer begreifen, und Mitglied des Podcasts "Dauernörgler".

Der Lehrer Samuel Paty wurde nur 47 Jahre alt. Er war damit in meinem Alter. Er musste sterben, weil er seinen Schülern am Beispiel der Mohammed-Karikaturen die Bedeutung von Meinungsfreiheit erklären wollte.

"Musste sterben" ist angesichts der tatsächlichen Umstände der Mordtat eine Verharmlosung. Wir müssen, gerade als Muslime, deutlicher beschreiben, wie er umgebracht wurde. Samuel Paty wurde nicht erschlagen oder erstochen. Er wurde nicht erdrosselt oder erschossen. Die Art und Weise seiner Ermordung haben muslimische Extremisten bei ähnlichen Taten in der Vergangenheit als "Schlachtung" ihres Opfers bezeichnet. Die Täter vollziehen ihre Tat dabei unter Anrufung Gottes. Es ist zu vermuten, dass auch der Mörder Samuel Patys seinem Motiv und seiner Tat die Bedeutung einer religiösen Rache oder einer stellvertretend vollzogenen göttlichen Strafe verleihen wollte.

Lehrer. Meinungsfreiheit. "Schlachtung". Aufgrund dieser besonderen Konstellation habe ich gewartet und mich gefragt, was die muslimischen Gemeinschaften und Dachverbände in Deutschland zu diesem Mordanschlag in Paris sagen werden.

Als Muslim meint und hofft man, die öffentlich präsenten muslimischen Dachverbände auf Bundesebene, wie die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib), die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG), der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) oder der Islamrat, hätten gerade wegen dieser Konstellation das Bedürfnis, in diesem Fall nicht zu schweigen, so wie oft. Denn welchen Wert hat es, zu behaupten, man erfülle die Merkmale einer Religionsgemeinschaft, als die man vom deutschen Staat anerkannt werden will, wenn in den entscheidenden Momenten unseres Zusammenlebens diese Behauptung nicht mit Wort und Tat bestätigt wird?   

Doch außer ein paar spärlichen Tweets oder Einträgen auf Facebook war nichts zu lesen oder zu hören. Selbst das wenige, das gesagt wurde, folgte einer Dramaturgie, die mittlerweile wie eine ritualisierte Betroffenheitsfolklore wirkt. Fast schon genervt klangen diese Erklärungen. Man habe doch all die Jahre immer und immer wieder erklärt, dass solche Taten nichts mit dem Islam zu tun haben! Am Ende des Tages bedeutet Islam Frieden und Allah allein weiß, weshalb Menschen plötzlich auf die Idee kommen, anderen die Kehle durchzuschneiden. Ich kann diesen öffentlich reproduzierten ignoranten Fatalismus der muslimischen Dachverbände nicht mehr hören.

Dabei gäbe es nach einem solchen Anschlag vieles zu bereden. Und viele Fragen. Ob etwa ein Zusammenhang zwischen einem solchen Mord und dem islamischen Opferritus bestehen könnte. Das jährliche Opferfest wird als Pflichterfüllung und Segen angepriesen. Kaum jemand stellt dies infrage oder fordert, die Schlachtung vielmehr als mahnende Erinnerung an das menschliche Gewaltpotenzial wahrzunehmen; als einen Tabubruch, nämlich der Tötung eines von Gott erschaffenen Wesens, das an die Anmaßung des Menschen erinnern und ihm Demut abverlangen soll.

Stattdessen wird der Akt des Tötens, konkret des Schlachtens eines dem Menschen hilflos ausgelieferten Lebewesens mittels Kehlschnitt als Normalität der Dominanz des Überlegenen gegenüber dem Unterlegenen – dem vielleicht Minderwertigen? – etabliert. Eine Dominanz, die sich in den eingangs geschilderten extremistischen Morden als Tathergang wiederholt.

In Freitagspredigten mag noch so häufig wiederholt werden, dass Islam Frieden bedeutet. Aber es gibt im religiösen Alltag der Muslime, in den Verbänden und Gemeinschaften bis ins unterste Glied strukturelle Probleme und jene, die vorgeben, uns Muslime zu vertreten und sich gerne als "Großverbände" präsentieren, sind mit ihrer Verdrängungshaltung ein gewichtiger Teil dieser Probleme. Es geht um ein Vorleben, um Denk- und Handlungsmuster, die von den Dachverbänden bis in die Gemeinden hinein ein Klima der Abwertung und Hierarchisierung schaffen. Es herrschen Bedingungen, in denen sich der Einzelne mit seinem individuellen Verhalten stets einer kollektiven Akzeptanz unterordnet und sich einer widerspruchslosen Duldung und Befürwortung durch die religiöse Gemeinschaft vergewissert.

Alle Religionen, so auch der Islam, tragen ein Friedenspotenzial und ein Gewaltpotenzial in sich. Das, was die Glaubensgemeinschaften als religiös konforme Haltung vorleben und tradieren, prägt ganz wesentlich die Frage, in welche Richtung sich insbesondere junge Muslime entwickeln.

Wenn also die muslimischen Verbandsvertreter frustriert und desinteressiert darauf hinweisen, dass das alles nichts mit dem Islam zu tun hat, müssen wir ihnen entgegnen: Es hat was mit uns Muslimen zu tun. Die von Muslimen verübte Gewalt hat sehr viel mit dem zu tun, was Muslime in ihren Gemeinschaften als akzeptabel dulden, was sie unterstützen, was sie nicht zum Anlass für Widerspruch nehmen, was sogar eine gemeinsame Identität fördert und was das Gefühl von Zugehörigkeit festigt. Denn auch der Mörder Samuel Patys wird für sich in Anspruch genommen haben, als "guter Muslim" zu handeln. Die muslimischen Dachverbände schulden uns Muslimen und der gesamten Gesellschaft eine Antwort auf die Frage, warum er seine Tat nicht als Widerspruch zu diesem Anspruch erlebt hat.

Dabei kann ich nicht die Augen davor verschließen, was wir in unseren muslimischen Gemeinschaften unwidersprochen hinnehmen und als wiederkehrende Verhaltensmuster akzeptieren. Es geht nicht darum, dass Gewalt ausdrücklich befürwortet wird, aber sehr wohl gibt es unter Muslimen eine unkritische Haltung zur Gewalt und eine Militanz des Denkens und Glaubens, die nicht mehr hinterfragt wird und nicht als Widerspruch zum Islam wahrgenommen wird.

In unseren muslimischen Gemeinschaften hat Gewalt einen viel zu häufig akzeptierten, als gesellschaftliche Normalität hingenommenen Platz. In der Kindererziehung, im Verhältnis von Mann und Frau oder als Muster kollektiver, politischer oder identitärer Auseinandersetzungen.

Weit verbreitet ist zum Beispiel in der religiösen Pädagogik noch die Vorstellung von Autorität und Unterordnung, die im Zweifel auch mit körperlicher Züchtigung einhergehen kann – die körperliche Herrschaft über das physisch unterlegene Kind wird als legitim angesehen. Oder suchen muslimische Frauen, die seelische oder körperliche Gewalt in der Ehe erfahren, Rat bei muslimischen Gemeinden und Verbänden, kommt es nicht selten vor, dass ihnen Geduld und stillschweigendes Ausharren empfohlen wird. Nicht die Gewalt des Mannes gilt als religiöse Verfehlung oder gesellschaftliches Stigma, sondern vielmehr der Status einer geschiedenen Frau.

In den muslimischen Dachverbänden ist nicht selten die Vorstellung verbreitet, die eigenen Gemeinschaften seien Festungen des Islam in einem antimuslimischen Europa; seien wehrhafte Wagenburgen des Anstandes und der Moral in einer ethisch verderbten Gesellschaft, die sich dem Hedonismus, der Promiskuität, der Homosexualität und ganz allgemein der Lasterhaftigkeit hingegeben hat. Weil die Außenwelt derart schädlich ist, ist der innere Zusammenhalt besonders wichtig.

Zur Rhetorik gehört deshalb häufig die Reminiszenz an die Schlacht von Uhud im Jahre 625. Sie gilt als metaphorische Warnung vor Pflichtvergessenheit und Leichtsinn. In dieser historischen Schlacht standen die muslimischen Kämpfer in Medina kurz vor einem Sieg gegen ihre Angreifer. Jedoch verließen die muslimischen Bogenschützen, getrieben von der Aussicht auf reiche Beute, eine strategisch wichtige Anhöhe und verloren damit den sicher geglaubten Sieg. Die Verbandsfunktionäre werden nicht müde, das Bild der Uhud-Bogenschützen zu beschwören, wenn sie die eigenen Reihen schließen und zur bedingungslosen Loyalität aufrufen wollen.

Wenn eine solch militarisierte Sprache gepflegt und historische Schlachten zitiert werden, um zu demonstrieren, dass man bald auch in Deutschland siegreich sein werde, dann muss man sich nicht wundern, dass es in hiesigen Moscheegemeinden nicht als pädagogische Entgleisung wahrgenommen wird, wenn Kleinkinder mit Uniform und Spielzeuggewehr unter dem Applaus ihrer begeisterten Eltern an Inszenierungen von historischen Kriegen und Tod teilnehmen.

Bis heute ist das Verständnis von Erfolg und Macht mit der Eroberung ehemals muslimisch beherrschter Gebiete oder Symbolbauten verwoben. Eine besondere Funktion erfüllt dabei die al-Aqsa-Moschee in Jerusalem. Ihre regelmäßig geforderte "Befreiung" richtet sich gegen Juden, die im Rahmen antisemitischer Stereotype als übermächtiger Feind und Ränkeschmied imaginiert werden.

Die Rollenverteilung im Nahostkonflikt hat mittlerweile eine quasireligiöse Ersatzfunktion eingenommen: Die Haltung zu diesem Konflikt gilt als Nachweis der eigenen Frömmigkeit. Als "guter Muslim" ist es völlig klar, wie die Antwort auf die Gretchenfrage kollektiver muslimischer Identität "Wie hältst du es mit Israel?" lauten muss. Der Antisemitismus unter Muslimen ebnet damit den Weg zur Wahrnehmung und letztlich auch zur Legitimation von Gewalt als Reaktion auf erlittenes Unrecht. Er gilt als gegenwärtiger Vergewisserungsanker für historische Gewalt an Muslimen – und damit als moralische Entschuldigung eines religiösen Tabubruchs: der Tötung eines anderen Menschen.

Es gehört zum Wesen einer jeden Religion, dass sie exklusivistische Züge trägt. Wir halten unsere eigene Erzählung von Gott und der Schöpfung nur deshalb für glaubwürdiger als die vieler anderer alternativer Erzählungen, weil wir mit ihr aufgewachsen sind. Jede Religion hält jedoch für ihre Angehörigen auch die Zumutung von Irrationalität bereit. Diese Bruchstellen sorgen im Idealfall dafür, dass der Wahrheitsanspruch der eigenen Religion stets einen Hauch des Selbstzweifels erhält. Unser Glaube fordert uns dazu heraus, den eigenen Wahrheitsanspruch nicht nur zu behaupten, sondern durch gute Taten für alle unter Beweis zu stellen.

Jemand, der Gewalt gegen andere ausübt, will diesen mittelbaren Wahrheitsbeweis nicht antreten. Er will der Herausforderung, in einer widersprüchlichen Welt gläubig zu sein, durch die Vernichtung des anderen ausweichen. Ein wahrhaft gläubiger Mensch kann sich indes nie im Besitz einer vollständigen Wahrheit– und damit im Zustand der Vollkommenheit – wähnen. Vollkommenheit ist ein göttliches, kein menschliches Attribut.

Wer sich als Muslim im täglichen Gebet nur Gott hingibt und sich nur vor ihm beugt, im Gebet geradezu körperlich, darf eigentlich von keinem anderen Menschen erwarten, dass dieser sich der Glaubensüberzeugung und der Meinung eines Muslims zu beugen habe.

Wer aber in Kategorien von Überlegenheit und Unterordnung glaubt, ist anfällig dafür, andere Menschen abzuwerten. Jene, die einen solchen Weg einschlagen, können irgendwann auch zu der Überzeugung gelangen, dass menschliches Leben unterschiedlich viel wert ist, je nachdem, was einer denkt und meint.

Wir müssen als Muslime deshalb aufhören, andere Lebensweisen und Glaubensauffassungen in eine Rangfolge der Glaubwürdigkeit oder Werthaltigkeit einzuordnen. Wir müssen aufhören, solche Abwertungs- und Ausgrenzungserzählungen in unseren Gemeinschaften zu dulden. Wir müssen aufhören, Rassismus, Antisemitismus und Misogynie als hinnehmbare Haltung, ja gar als kollektive Identitäten stiftende Merkmale eines "normalen" oder "guten" Muslims wahrzunehmen.

Der Islam ist eine Idee davon, was Gott und was der Zweck seiner Schöpfung sein mögen. Wir Muslime entscheiden täglich darüber, wie wir diese Idee leben und damit auch darüber, ob sie uns zur Gewalt oder zum Frieden führt.


Aus: "Mord an Samuel Paty: Das hat was mit uns Muslimen zu tun" Ein Gastbeitrag von Murat Kayman (26. Oktober 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-10/samuel-paty-mord-islamismus-islam/komplettansicht

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Now we have the salad #9

Nur ein Satz: Danke für diesen wichtigen und aus meiner Sicht längst überfälligen Beitrag, Herr Kayman.


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Dialog 2.0 #1.2

Finde den Text [ ] sehr gut. Er könnte sogar als Paradetext im Ethikunterricht für alle großen Religionen sinnvoll sein. Wenn man die richtigen Stellen ersetzt so passt vieles ebenso auf das Christentum oder das Judentum...


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A dream within a dream #1.7

Und da man als nichtgläubiger Mensch bei Gläubigen oft auf taube Ohren stößt hat man vor allem auch die Hoffnung dass Argumente aus deren eigenen Reihen besser wirken.
Es lässt mich z.B. auch leise hoffen dass der Papst mit seinen kürzlichen Aussagen zu Homosexuellen in LGBT-feindlichen, katholischen EU Ländern eher ankommt als die Kritik aus nichtgläubigen oder andersgläubigen Kreisen. Er wird zwar selbst in seinem Amt nicht zu allen durchdringen (angeblich wird er von den Hardlinern als zu liberal kritisiert) aber ich denke doch eher als jemand der komplett außerhalb der Kirche steht.
Von daher freue ich mich besonders über solche guten Texte die aus der gläubigen Community selbst kommen, sei es die muslimische, christliche oder sonstige. Es steigert die Hoffnung dass es doch einige zum Nachdenken bringt.
Es empfiehlt sich z.B. auch immer wieder bei Reizthemen wie dem Urknall oder der Evolution usw. auf gläubige Wissenschaftler zu verweisen - ansonsten hat man bei einigen überhaupt keine Chance bei dem Thema überhaupt durchzuringen. Gibt leider immer noch zu viele die aus Glaubensgründen Wissenschaft verleugnen.


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NormanRae #7

Ein guter und wichtiger Kommentar gegen den Chor der Relativierung dieses scheußlichen Verbrechens, der in den letzten Tagen auf verschiedensten Ebenen bereits angestimmt wurde.


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fiete.hansen #10

"Der Islam ist eine Idee davon, was Gott und was der Zweck seiner Schöpfung sein mögen. Wir Muslime entscheiden täglich darüber, wie wir diese Idee leben und damit auch darüber, ob sie uns zur Gewalt oder zum Frieden führt."

Ein klarer und betont unpolemischer Artikel mit einer Zusammenfassung, die für alle fundamentalistischen Religionen und deren Angehörigen gelten sollte.

Nur befürchte ich, dass die Ratio nicht bei Fanatisten ankommt.


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mcurmel #12

Ein sehr guter Beitrag.
Leider dürfte Herr Kaymann aber der sprichwörtlich einsame Rufer in der Wüste sein.


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Carina Si-Fi #12.1

...so einsam ist er nicht, nur das Problem - Muslime, die es so sehen wie Kayman werden diffamiert und bedroht, brauchen nicht selten Personenschutz.


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olaola #20

Danke für den Artikel. Zwischen Rechten die so gerne "Murat den Messerstecher" heraufbeschwören und Linken bei welchen Islamophobie einzig ein politisches Kampfwort ist, brauchen wir mehr Debatte über dieses Thema!


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Variationen zur Gretchenfrage...
« Reply #51 on: October 29, 2020, 05:03:56 PM »
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Martin Lohmann (* 14. März 1957 in Bonn) ist ein deutscher römisch-katholischer Publizist und Journalist. ... Von 1983 bis 1987 war Martin Lohmann stellvertretender Bundesgeschäftsführer des Bundes Katholischer Unternehmer (BKU). 1987 trat er in die Redaktion des Rheinischen Merkurs ein und wurde später Ressortleiter von Christ und Welt. Von 1994 bis 1997 war er dort stellvertretender Chefredakteur. Von 1998 bis 2004 war er Chefredakteur der Rhein-Zeitung, von 1996 bis 2002 Moderator der Münchner Runde, einer politischen Live-Talkshow des Bayerischen Rundfunks. 2002 gründete er zusammen mit Lothar Roos die Joseph-Höffner-Gesellschaft und war bis 2010 deren 2. Vorsitzender. Seit 2005 arbeitet er als freier Journalist. Seit 2007 ist er Kolumnist bei Bild. ...

Lohmann ist Gegner von Schwangerschaftsabbrüchen. In der Talkshow Günther Jauch vom 3. Februar 2013, in der es um katholische Krankenhäuser ging, die einem Vergewaltigungsopfer keine Pille danach verschreiben wollten, vertrat er zudem die Ansicht, dass bei einer Vergewaltigung die sogenannte Pille danach gemäß katholischer Ansicht nicht erlaubt sei; zulässig sei lediglich eine Pille, die nur die Befruchtung verhindere, aber eine bereits befruchtete Eizelle unversehrt lasse. Zum Selbstbestimmungsrecht der Frau in dieser Frage sagte er, die „Sache mit der Selbstentscheidung der Frau“ sei „ja vielschichtig“, da er neben der Mutter auch den Embryo bzw. Fötus als lebenden Menschen betrachte. Auf die Frage, ob dies auch bei einer Vergewaltigung der eigenen Tochter so gelte, sagte er, dass er ihr helfen würde, „mit ihrem Schicksal klar zu kommen“. In einem Interview mit dem Focus einige Tage später bekräftigte Lohmann, dass die Äußerungen in der Talkrunde „richtig und absolut katholisch“ gewesen seien, äußerte allerdings selbstkritisch, dass er sein „Verständnis für andere, erst recht, wenn sie in Not sind“ deutlicher hätte zeigen sollen. Jauchs Frage nach seiner Tochter bezeichnete er als „übergriffig“, sie sei ein „mehr als grenzwertiger Eingriff in die Privatsphäre“.

Im Dezember 2012 war Lohmann Gast in der ARD-Sendung hart aber fair. In der Diskussion verteidigte er die „christliche Ehe“ und begründete seine Ablehnung der „gelebten Homosexualität“, der Einführung der sogenannten Homo-Ehe und des vollen Adoptionsrechtes für eingetragene Lebenspartnerschaften. Am 12. Dezember 2012 wurde mittels anonymer E-Mail gedroht, ihn mit dem HI-Virus zu infizieren, worauf er Anzeige gegen unbekannt erstattete.

... Lohmann engagiert sich für zahlreiche Sozialprojekte im Heiligen Land. 2001 wurde er vom Kardinal-Großmeister Carlo Kardinal Furno zum Ritter des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem ernannt und am 12. Mai 2001 im St.-Paulus-Dom in Münster durch Anton Schlembach, Großprior der deutschen Statthalterei, in den Orden investiert. Er ist Mitglied im Deutschen Verein vom Heiligen Lande.

...

https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Lohmann (26. August 2020 um 15:33 Uhr, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Martin_Lohmann&oldid=203126698)

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"Warum die Aufklärung ein Torso blieb und der Freiheit nicht dient" Martin Lohmann (8. Oktober 2020)
Der Verlust der Wahrheit und die amputierte Vernunft. ...
https://www.tabularasamagazin.de/warum-die-aufklaerung-ein-torso-blieb-und-der-freiheit-nicht-dient/


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Variationen zur Gretchenfrage...
« Reply #52 on: November 05, 2020, 03:32:29 PM »
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[...] Einige Berliner Schüler begrüßen den Tod des französischen Pädagogen Paty. Dahinter steckt ein Problem mit streng konservativer Erziehung. Lehrer sind besorgt.

Der Pädagoge, der sich bei Hendrik Nitsch, dem Schulleiter der Gustav-Freytag-Schule, meldete, hatte bestürzende Nachrichten. Es war der Tag der Schweigeminute für den enthaupteten französischen Lehrer Samuel Paty, auch an der Integrierten Sekundarschule in Reinickendorf gab es diese Geste. Der Lehrer berichtete nun: Ein muslimischer Schüler der achten Klasse habe die Schweigeminute gestört und erklärt, Paty habe „doch das bekommen, was er verdient hat. Der gehörte hingerichtet. Er hatte den Propheten beleidigt.“

Insgesamt vier Kollegen, sagt Nitsch dem Tagesspiegel, seien zu ihm gekommen. „Der Tenor ihrer Berichte war immer der gleiche: Muslimische Schüler sagten, diese Tat sei richtig gewesen, bloß keine Schweigeminute für so jemanden.“

Nitsch ist auch stellvertretender Vorsitzender der Interessensgemeinschaft Berliner Schulleitungen, er sagt: „Wir müssen das aufarbeiten, so kann es nicht weitergehen. Das ist ein relativ großes Problem in Berlin.“ Mit dem Schüler wurde ein Gespräch geführt, aber das reiche ja nicht. „Wir müssen darüber nachdenken, wie wir die Mitläufer, die so etwas nur nachplappern, erreichen.“

Ein Lehrer an einer Integrierten Sekundarschule in Schöneberg erzählt, einer seiner muslimischen Schüler habe gesagt: „Dass jemand umgebracht wird, ist doch nicht so schlimm.“ Der Pädagoge ist überzeugt, „dass dieses Denken an meiner Schule weit verbreitet ist“.

Karina Jehnichen, Leiterin der Christian-Morgenstern-Grundschule in Spandau, eine Einrichtung mit hohem Migrations-Anteil, sagt über ihre muslimischen Schüler: „Viele sind in ihrem Denken so verfestigt, dass sie keine andere Ansichten mehr zulassen.“

Es gibt viele muslimische Schüler und Schülerinnen, die nicht verfestigt sind, die ihren Glauben leben und dabei genügend Toleranz für andere Meinungen lassen. Aber jene muslimischen Schüler, die streng konservativ erzogen sind, die keinen Spielraum lassen, die sind für immer mehr Lehrer und Lehrerinnen ein Problem.

„Bei unser Beratungs-Hotline melden sich Pädagogen, die mit solchen Sätzen konfrontiert sind, die Hilfe brauchen und uns um Rat fragen“, sagt Thomas Mücke, der Geschäftsführer von Violence Prevention Network (VPN), der Organisation, die sich um radikalisierte Islamisten kümmert. „Wir müssen das Thema ernst nehmen“, sagt er.

Auch bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) melden sich verunsicherte oder aufgeregte Pädagogen. „Wir haben vereinzelt Anrufe von Leuten, die besorgt sind, dass ihnen etwas Ähnliches wie in Frankreich droht“, sagt ein GEW-Pressesprecher. „Die hatten das Bedürfnis, ihre Sorgen zu thematisieren.“ Die GEW lege deshalb Wert darauf, „dass man gerade an Schulen, an denen es schwierig ist, nachhaltig Ethik, Demokratie und Toleranz unterrichtet“.

Das Sicherheitsgefühl ist zumindest bei einigen Pädagogen weg. „Ich habe jetzt Angst“, sagt eine erfahrene Schulleiterin. „Das Lehrpersonal hat ein mulmiges Gefühl“, sagt Nitsch. Und Lea Hagen, Lehrerin an einem Kreuzberger Gymnasium sagt: „Eine gewisse Angst haben wir alle. Aber viele reden nicht darüber.“

Die Freude über beziehungsweise die Sympathie für den Tod von Paty ist ja nur ein Symptom. Das Problem, sagen Pädagogen, gehe viel tiefer. Es geht um die generelle Vorstellung, wie man Religion lebt, welche Werte zählen, wo Toleranz endet. Viele Schüler mit streng konservativen Eltern bekommen in der Moschee oder zu Hause ein Weltbild vermittelt, in denen Homophobie und patriarchalisches Denken Alltag ist. „Die Schüler kommen aus einer Parallelgesellschaft“, sagt der Verbandsvertreter Nitsch, „die gehen neben der Schule noch in die Moschee, die werden dann mit einer Demokratie konfrontiert, die sie in ihrer Parallelwelt nicht kennen.“

Nitsch hatte durchaus mit Ablehnung der Idee gerechnet, eine Schweigeminute für Paty einzulegen. „Aber diese Art des Widerstands hat mich überrascht.“ Der Widerstand habe sich von der achten bis zur zehnten Klasse gezogen. „Das Thema muss im Ethikunterricht behandelt werden.“ Zudem möchte er externe Hilfe in die Schule holen, Organisationen, die Aufklärung betreiben könnten.

Die Denkweise dieser streng konservativ erzogenen Schüler zeigt sich vor allem beim Thema Israel. „Wenn man im Geschichtsunterricht das Dritte Reich behandelt, dann sagen muslimische Schüler: Ey, das ist doch gut, dass die Juden ausgerottet wurden“, erzählt ein Pädagoge. Ein Lehrer, der in Schöneberg unterrichtet, sagt, dass ein muslimischer Schüler den Unterricht „gesprengt hat, nur weil ich das Wort Israel benützt habe“. Danach habe es endlose Diskussionen gegeben.

Für Lea Hagen, die Geschichtslehrerin an einem Kreuzberger Gymnasium, die auch im Vorstand des Berliner Geschichtslehrerverbands sitzt, ist das keine Überraschung. „Das hängt ja auch mit dem Medienkonsum zusammen.“ Die muslimischen Schüler verfolgten die Sender der Heimatländer ihrer Familien. Dort gelten Juden und Israel als Zentrum alles Bösen.

In Hagens Schule gibt es sehr viele türkischstämmige Schüler und Schülerinnen. Im Unterricht, sagt sie, erzählten Schüler, dass sie keine französischen Produkte mehr kaufen. „Das hat natürlich mit Erdogan zu tun“, sagt Lea Hagen. Der türkische Präsident hatte als Reaktion auf kritische Äußerungen von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zu Islamisten seine Landsleute aufgefordert, keine französischen Produkte mehr zu kaufen. „Und im Unterricht kommen dann die Zwischenrufe: Erdogan, Ehrenmann.“

Die Verbandsvertreterin Hagen wirft der Berliner Senatsbildungsverwaltung vor, sie habe „das Problem lange verdrängt. Man wollte es nicht sehen.“ An ihrer Schule stellt sie in Diskussionen fest, „dass sich die Muslime in der Opferrolle sehen“. Europa sei islamophob, „es geht immer zwischen Wir und Euch“. Da gebe es kein „Empfinden für ein gemeinsames Denken“, kein Gefühl dafür, dass man die Demokratie verteidigen müsse. Diese Schüler bestimmten den Diskurs, sei seien dabei auch in der Mehrheit. „Religionsfreiheit ist ganz wichtig für sie, aber den Propheten zu beleidigen, ist für sie keine Meinungsfreiheit“, sagt die Geschichtslehrerin.

Gleichzeitig gebe es aber enorme Informationsdefizite. „Viele haben bloß grob gehört, dass der Prophet beleidigt wurde, aber sie wissen nicht, was genau passiert ist.“ Es gebe Schüler, die glaubten, Paty habe selber die Karikaturen an die Tafel gemalt, andere hätten noch nie den Namen Paty gehört. „Aber ein Schüler forderte, dass man überhaupt keine Karikaturen mehr im Unterricht verwenden soll.“

Bei Lehrern herrsche ein Gefühl der Unsicherheit, sie wüssten nicht, wie sie mit solchen Diskussionen umgehen sollen. „Wir brauchen Fortbildungen“, sagt Lea Hagen, „wir müssen wissen: Wann radikalisiert sich ein Schüler? Wann müssen wir den Verfassungsschutz einschalten?“

Martin Klesmann, Pressesprecher der Senatsbildungsverwaltung, verweist auf „zahlreiche Angebote zur Demokratiebildung und auch viele Projekte zu Antisemitismus-Prävention“. Zudem gebe es die aussagekräftige Handreichung „Islam und Schule“. Themen wie „Grundrechte. Meinungsfreiheit und religiöse Toleranz sind nach den neuen Rahmenlehrplänen 1-10 im Sinne von Demokratiebildung ein Querschnittsthema an Berliner Schulen.“ Für die Verbandsvertreterin Hagen ist eines klar: „Was in Frankreich passiert ist, das ist ein Problem, das ganz Europa betrifft, also auch uns. “


Aus: "Wieso muslimische Schüler die Enthauptung eines Lehrers gutheißen" Frank Bachner (05.11.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/radikales-in-berliner-klassenraeumen-wieso-muslimische-schueler-die-enthauptung-eines-lehrers-gutheissen/26591388.html


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« Reply #53 on: November 30, 2020, 12:10:10 PM »
Quote
[...] Artikel 261 des Schweizerischen Strafgesetzbuches stellt das Verspotten der "Überzeugung anderer in Glaubenssachen, insbesondere den Glauben an Gott" unter Strafe. Gleiches gilt für das "Verunehren" von Gegenständen oder Orten, "die für einen verfassungsmässig gewährleisteten Kultus oder für eine solche Kultushandlung bestimmt sind". Einzig religiöse Überzeugungen, Gegenstände und Orte genießen durch das StGB einen derartigen Schutz. Doch sind diese wirklich schützenswerter als beispielsweise politische?

Der Nationalrat findet: ja. Er lehnte die Motion zur Abschaffung des Blasphemieverbots am 30. Oktober 2020 mit 115 zu 48 Stimmen bei 12 Enthaltungen ab. Den Vorstoß eingereicht hatte GLP-Nationalrat Beat Flach im Dezember 2018, basierend auf einer Resolution der Freidenkenden Schweiz. Flach argumentierte, das StGB böte den Religionsgemeinschaften und anderen Gruppierungen auch ohne Blasphemieartikel ausreichend Schutz – und dem Rechtsstaat genügend Mittel, um TäterInnen zu verurteilen.1

Doch die Argumente fanden im Nationalrat praktisch nur bei den Grünen und Grünliberalen Gehör. Während hier praktisch alle Fraktionsmitglieder einer Abschaffung zustimmten, erhielt der Vorstoß aus FDP, SVP sowie der Mitte-Fraktion gerade mal eine Ja-Stimme. Bei den SozialdemokratInnen stimmte immerhin ein Viertel dafür, ein weiteres Viertel enthielt sich der Stimme.

Dabei wäre das Thema aktueller denn je – nicht zuletzt im Hinblick auf die brutale Ermordung des französischen Lehrers Samuel Paty Mitte Oktober, die als klarer Angriff auf die Meinungsfreiheit zu werten ist. Und umso bedeutsamer wäre es gerade in diesen Zeiten gewesen, ein Zeichen für die Meinungsfreiheit zu setzen – auch auf politischer Ebene. Denn die Abschaffung des Blasphemieverbots ist nicht nur für die Binnenwirkung wichtig, sondern zugleich auch ein klares und nötiges Signal an diejenigen Staaten, die Blasphemieverbote dazu nutzen, religiöse Minderheiten und säkulare AktivistInnen zu verfolgen. Länder wie Pakistan, Saudi-Arabien und Russland rechtfertigen ihre Gesetzgebungen gerne mit dem Verweis auf Blasphemieverbote in westlichen Staaten. ...


Aus: "Nationalrat der Schweiz erteilt Abschaffung des Blasphemieartikels Absage: Verspotten von religiösen Überzeugungen bleibt strafbar"
Freidenker-Vereinigung der Schweiz (FVS), 27. Nov 2020
Quelle: https://hpd.de/artikel/verspotten-religioesen-ueberzeugungen-bleibt-strafbar-18727

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Klaus Bernd am 27. November 2020 - 14:04

Dabei hat der Papst selbst in seiner letzten Enzyklika „Fratelli Tutti“ den Blasphemieparagraphen eine Absage erteilt. In Abschnitt 285 schreibt er:
„Denn Gott, der Allmächtige, hat es nicht nötig, von jemandem verteidigt zu werden;“


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Klaus Weidenbach am 27. November 2020 - 14:45

... Religiöse Gefühle sind Relikte aus der Kindheit des Menschengeschlechts. Wir sollten im 21. Jahrhundert allmählich erwachsen werden.


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M. Landau am 27. November 2020 - 15:38

Das deutsche Gegenstück dazu §166 StBG
https://dejure.org/gesetze/StGB/166.html

Solange reaktionäre alte Männer die Mehrheiten stellen, wird sich an diesem Zustand wohl so schnell nichts ändern...


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