Author Topic: Variationen zur Gretchenfrage...  (Read 38400 times)

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Variationen zur Gretchenfrage...
« Reply #20 on: July 07, 2018, 11:13:59 PM »
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[...] Evangelikale Christen sind nicht nur Gläubige, sie sind auch eine der mächtigsten gesellschaftlichen Bewegungen der Nachkriegszeit. Keine andere religiöse Gemeinschaft in Amerika hat wie sie nach politischem Einfluss gestrebt. Als Reaktion auf die kulturellen Gewitter der Sixties begannen vor allem weiße, konservative Menschen aus den wachsenden Vororten Amerikas sich politisch zu organisieren. Sie begriffen ihr politisches Engagement als einen antiliberalen Feldzug zur Rettung der Seele Amerikas. 1979 gründeten Jerry Falwell und Tim LaHaye die Moral Majority-Bewegung, andere Gruppierungen folgten und rollten mit ihrem Kampf für "Familienwerte" die amerikanische Politik auf.

Evangelical wurde zunehmend gleichbedeutend mit christian right, mit rechter Politik. Abtreibung, Homosexualität, Feminismus, Pornografie, Verhütung, die sexuelle und soziale Revolution der Sechzigerjahre kam seit den späten Siebzigern auf die Agenda der Wahlkämpfe. Evangelikale Prediger wie Billy Graham hatten nicht nur stets Zugang zu den amerikanischen Präsidenten, als Fernsehprediger hatten sie auch Zugang zu jedem amerikanischen Wohnzimmer. Zumindest Ronald Reagan und George W. Bush gaben konservativen Christen das Gefühl, einer von ihnen stehe an der Spitze des Staates.

Die Hinwendung der Evangelikalen zu Trump ist weniger selbstverständlich. "Die moralischen Überzeugungen vieler evangelikaler Führer sind nur noch geprägt von politischem Lagerdenken. Das ist nicht einmal mehr Leichtgläubigkeit; es ist die reine Korruptheit", schrieb etwa der konservative Politiker Michael Gerson in einem wütenden Essay für den Atlantic. Gerson wuchs selbst in einer evangelikalen Familie auf und hat lange für republikanische Regierungen gearbeitet. An den derzeitigen republikanischen Präsidenten hätten die evangelikalen Christen ihre Seele verkauft. Die Anführer der evangelikalen Bewegung seien geblendet vom Hass auf ihre politischen Gegner und sähen gar nicht mehr, welchen Schaden sie den Zielen zufügten, denen sie ihr Leben gewidmet hätten.

... Der linke Philosoph und Theologe Adam Kotsko, der selbst aus einem evangelikalen Umfeld stammt, erklärt die Doppelmoral vieler amerikanischer Christen mit ihrem verzweifelten Drang nach kultureller und politischer Anerkennung. Trump gebe ihnen das Gefühl, respektiert zu werden, und dass ein reicher, mächtiger Mann von außerhalb der evangelikalen Kultur ihre Forderungen ernst nehme, mache die Bindung zu ihm fast noch enger, sagt Kotsko. So konnte Trump gegen alle Wahrscheinlichkeit zur Führungsfigur des weißen, christlichen Amerikas werden, zum völligen Unverständnis aller Liberalen, die in ihm nur den obszönen, ganz und gar unchristlichen Unhold sehen. Für die einen ist er eine Heilsgestalt, für die anderen der Antichrist. Auch das spiegelt wieder, wie zerbrochen die amerikanische Öffentlichkeit ist. Mehr noch als andere Konservative haben die Evangelikalen eine dichte Blase, ja eine Parallelgesellschaft, geschaffen. Sie heiraten unter sich, schicken ihre Kinder auf gesonderte Schulen und Universitäten und haben ihre eigenen Medien, welche von Trump gezielt hofiert werden. Das Christian Broadcasting Network des Predigers Pat Robertson unterstützte Trump etwa bereits im Wahlkampf und bekommt seitdem immer wieder exklusive Interviews mit dem Präsidenten und hohen Regierungsmitgliedern.

Tatsächlich hat vieles, was man heute mit dem Phänomen Trump in Verbindung bringt, eine Vorgeschichte in der evangelikalen Kultur. Nicht erst Trump brachte den evangelikalen Christen bei, dass man von Medien und Eliten verbreiteten Fakten auch ignorieren kann, wenn sie die eigene Identität bedrohen: Fast 70 Prozent aller Evangelikalen leugnen schließlich die wissenschaftliche Evolutionstheorie. Seit Jahrzehnten gehört es zur Grundstimmung der christlichen Rechten, sich vom gesellschaftlichen Mainstream entfremdet zu fühlen. Auch deshalb kämpfen Evangelikale so sehr um politische Macht und fühlen sich trotz ihres Einflusses gleichzeitig so unterlegen wie bedroht: Weil sie fürchten, den Kampf um die Seele Amerikas endgültig zu verlieren. Der Anteil der weißen Christen in der Bevölkerung liegt nur noch bei 43 Prozent. Dass in der amerikanischen Bevölkerung etwa Homosexualität zunehmend nicht mehr geächtet wird, erscheint vielen von ihnen als ein Zeichen definitiver Dekadenz. Mit diesem Untergangsgefühl, das leicht in eine Wagenburgmentalität und heftigen Aggressionen gegen den politischen Gegner mündet, trat der Trumpismus in Resonanz.

... Nicht alle folgen deshalb der Erzählung des konservativen Autors Michael Gerson, derzufolge die evangelikale Bewegung erst kürzlich und aus Opportunismus von ihrem reinen Weg abgekommen sei. Für viele ist Trump schlicht der authentische Ausdruck der antintellektuellen, nationalistischen und autoritären Kultur des evangelikalen Amerikas, die von der Angst durchsetzt ist, bald nicht mehr in einer christlich-weiß geprägten Nation zu leben. Das legt etwa die Forschung der Professorin Janelle Wong von der Universität von Maryland nahe. Nach der Wahl im November 2016 versuchte sie herauszufinden, warum Evangelikale für Trump gestimmt hatten. 50 Prozent der von ihr befragten weißen Evangelikalen seien der Ansicht, dass Einwanderer der Wirtschaft schadeten, schrieb sie in der Washington Post. Als konservative Christen fühlten sie sich angegriffen, als Weiße diskriminiert.

Der strukturelle Rassismus in der Geschichte der USA, die Vorstellung, das tiefe Amerika beruhe auf einer protestantisch-weißen Kultur und müsse gegen weitere Einwanderung oder gesellschaftliche Durchmischung mit anderen Kulturen, Religionen oder Hautfarben geschützt werden, war häufig religiös gefärbt. So rekrutierte der Ku-Klux-Klan, als er nach dem Ersten Weltkrieg im Zeichen des Kreuzes zu einer gewaltbereiten Millionenbewegung anwuchs, seine Mitglieder fast ausschließlich aus der protestantischen Mittelschicht. Die Agitation des Klans richtete sich gegen Migranten, Feminismus und alle Nichtweißen, aber auch gegen Katholiken und Juden. Er tat es auf eine Weise, die frappierend an die Anti-Islam-Agitation von heute erinnert.

"Evangelikalismus ist eine sehr weiße Bewegung", sagt auch Adam Kotsko. Was die Evangelikalen heute mit Trump eine, sei "das Gefühl, dass Amerika bedroht und umlagert ist. Dies sei die letzte Chance, um noch das, was sie für die authentischen amerikanischen Werte halten, zu bewahren."

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DieZeitKommentieren #23

... Religionen sind waren schon immer gut für Krieg, Tod, Verfolgung und zum Geld verdienen. Jüngst kommt dann noch reichlich sexueller Missbrauch dazu...


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Something_is_rotten #25

Dieser Artikel hinterlässt bei mir eine große Gelassenheit.
Jesus sagt: „Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen Verfolgung erleiden, denn ihnen wird das Himmelreich zuteil! Selig seid ihr, wenn man euch um meinetwillen schmäht und verfolgt und euch lügnerisch alles Böse nachredet! Freuet euch darüber und jubelt, denn euer Lohn ist groß im Himmel! Ebenso hat man ja auch die Propheten vor euch verfolgt.“ (Jesus in Matthäus Kapitel 5, Verse 10-11)
... Im Übrigen: "DIE Evangelikalen" gibt es ebenso wenig wie "DIE Muslime".


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atech #34.1

Religiöser Glaube ist nicht erblich. Moderne, naturwissenschaftliche Schulbildung ist ein wirksames Gegengift. Das wissen die Religiösen weltweit allerdings auch. Donald Trump setzte Betsy deVos als Bildungsministerin für evangelikale Privatschulförderung ein, Präsident Erdogan hat die Evolutionstheorie aus dem Lehrplan gestrichen...


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MaryPoppinsky #88

Bildungsverachtung ist ebenfalls Teil des Problems:
"Most Republican voters believe that higher education is bad for the country."
"Republicans: College Is Ruining America"
“Republicans increasingly say colleges have negative impact on U.S. Republicans and Democrats offer starkly different assessments of the impact of several of the nation’s leading institutions – including the news media, colleges and universities and churches and religious organizations – and in some cases, the gap in these views is significantly wider today than it was just a year ago. While a majority of the public (55%) continues to say that colleges and universities have a positive effect on the way things are going in the country these days, Republicans express increasingly negative views. A majority of Republicans and Republican-leaning independents (58%) now say that colleges and universities have a negative effect on the country, up from 45% last year. By contrast, most Democrats and Democratic leaners (72%) say colleges and universities have a positive effect, which is little changed from recent years.”
-> https://www.youtube.com/watch?v=N22d_kqtYpA


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Seemannsfrau #35

Deus vult !

Gott will es. Das hat schon vor unserer Zeit ganze Landstriche ins Chaos gestürzt.
Schauen wir mal, was noch alles auf uns zukommt.


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der_pfälzer #36

Mir als bekennender Christ wird schlecht wenn ich dies lese. Das was die amerikanischen Evangelisten predigen hat nichts, aber auch gar nichts mit dem christlichen Glauben zu tun. Wenn ich - was ich per se meines evangelischen Glaubens nicht tue - an die Hölle glauben würde, wäre ich sicher dass diese Leute alle in der Hölle landen würden.


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Jimmy III. #36.3

Aha...nach welcher Methodik entscheiden sie denn was "christlich" ist, und was nicht?
Meiner Erfahrung nach ist die Logik immer die Selbe:
Was mir persönlich nicht passt ist unchristlich, und jeder der meiner Meinung ist ist christlich...


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tobias.x #37

> "Man kann Trumps Regierung sicherlich als eine der christlichsten der jüngeren Geschichte bezeichnen."

Bitte schreiben Sie lieber:
"... als eine der Regierungen mit dem größten Einfluss sich christlich nennender Gruppierungen".

So wie im Text verwendet wird das Wort "christlich" komplett entwertet.

Schreibe ich als überzeugter Atheist, der aber die grundlegenden christlichen Werte in weiten Bereichen schätzt. Wenn sich die als Christen bezeichnenden Menschen nur mehr daran halten würden..


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Matze 83 #39

"Gott wolle es so, das ist ein Argument, mit dem man in den USA Politik begründen kann."

Ein "Argument" mit dem man im Mittelalter auch schon die Kreuzzüge "begründet" hat. "Deus Vult"
Wenn eine Gesellschaft soweit ist das man ihr"Gottes Wille" als ausreichende Begründung für politische Entscheidungen verkaufen kann, kann man als Politiker alles machen, jede Grenze überschreiten (sprichwörtliche und reale) und jedes Verbrechen rechtfertigen.


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Kohlenträgersohn #42

Klasse Zeitartikel, wann findet der erste analytische untersuchende gegen den Islam statt oder traut man sich nicht ?


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atech #42.1

what about...


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Matze 83 #42.3

Ich hatte mich schon gefragt wann hier der Erste mit "Aber der Islam..." um die Ecke kommt. :)


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SchnellerDrehmoment #43

Wer glaubt, dass der "liebe Gott" in diesem, sich immer weiter ausdehnenden, unfassbar großen Universum, ganz intensiv um kleine Erde kümmert und jeden Einzelnen von uns genau beobachtet, aufpasst, dass wir auch immer ordentlich beten, ganz nebenbei noch so Sachen wie die unbefleckte Empfängnis erfindet, natürlich alle Geschicke dieses Planeten genau vorher geplant hat, der glaubt auch, dass Fruchtzwerge gesund sind oder mit anderen Worten, dem ist auch nicht mehr zu helfen.


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SchnellerDrehmoment #43.3

... und wenn jemand was gegen Religionen sagt, werden seine Beiträge zensiert, weil man ja religiöse Gefühle verletzt.
Warum werden die anderen nicht davor geschützt, dass man ihren gesunden Menschenverstand beleidigt.


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Matze 83 #43.4

"Warum werden die anderen nicht davor geschützt, dass man ihren gesunden Menschenverstand beleidigt."

Weil diejenigen, die dem gesunden Menschenverstand statt irgendwelchen überkommenen Aberglauben anhängen erwachsen genug sind mit derartigen "Beleidigungen" umzugehen ohne einen Tobsuchtsanfall zu bekommen.

;)


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heined #47

Eines Tages platzte einer meiner Schüler mit muslimischer Herkunft in mein Büro und fragte: "Nicht wahr, Gott ist doch nur ein grosser Schwindel?"
Ich überlegte und antwortete: "Ich unterrichte Mathematik und nicht Religion. Schule ist neutral in solchen Fragen. Aber es ist doch so, dass wenn ich eine Wurst auf den Tisch lege und dem Hund verbiete sie zu essen, wird er gehorchen, so lange ich da bin. Was aber passiert, wenn ich hinausgehe?"
Schüler: Er schnappt sich die Wurst."
"Eben," fuhr ich fort," ein Mensch aber gehorcht auch dann, wenn ich weg bin. Denn man hat ihm beigebracht, dass Gott alles sieht."


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wilsieb #56

Liebe Deutschen, wähnt euch nicht sicher vor evangelikalen, fundamentalistischen Christen in Deutschland. Einer meiner besten Freunde, inklusive der ganzen Familie, ist Mitglied in einer evangelikalen Freikirche. Das ist Gehirnwäsche pur, meiner Meinung nach. Pfadfinder-Vereine sind auch oft von evangelikalen Freikirchen (z.B. die Royal Rangers).
Mein Freund erzählt z.B. gerne was von Anzeichen für die Apokalypse. Bis vor kurzem hat er noch Theologie und Musik studiert, inzwischen hat er Theologie abgebrochen und ist auf Englisch gewechselt (gutes Zeichen!).
Er studiert im Raum Stuttgart - da gibt es leider viele Evangelikalen...

... Ach ja, zum Bibelkreis geht er übrigens auch.


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freidenker80 #67

Ich finde es immer krass, wenn Leute meinen, den Willen eines übermenschlichen Wesens zu kennen. Jeder, der statt von Gott von anderen Fabelwesen wie Außerirdischen oder Kobolden faselt, ist reif für die Klapse. Aber wenn man sich einen Gott halluziniert und sich mit seinen Taten auf ihn beruft, wird das als normal akzeptiert.


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Erstmal -zurücklehnen #83
Das sind die christlichen Kirchen wie sie immer waren und bleiben. Die Kooperation mit den Nazis war es bei uns. Aktive Gegenwehr gegen "das Böse" schlechthin kam nur von einzelnen und sehr wenigen.
Heute salbadern sie bei uns wieder von Menschlichkeit. Aber jetzt wieder die Nagelprobe: Wo ist die klare Kante gegen das Verhalten von Seehofer und Co gegenüber dem Leid der Geflüchtete?
Sie politisieren und taktieren wieder. Klar meine Herren Kardinäle. ...


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Saltatio #83.2

Es gab katholische Priester und evangelische Pfarrer, die sind in den KG der Nazis gestorben. In Dachau gab es zum Beispiel einen "Pfarrerblock". Bitte werfen Sie nicht alles in einen Topf.


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Hartmann Ulrich #104

Die Unterstützung vieler Evangelikaler für Trump beweist, daß das, was sie für sich in Anspruch nehmen und was ihnen auch in diesem Artikel zugeschrieben wird, nämlich daß sie die Bibel wörtlich nehmen, in Wirklichkeit nicht zutrifft. Wenn man nämlich die Bibel wörtlich nimmt, und da ist es fast egal, welchen Teil, steht Trump fast durchweg für das Gegenteil. Demut, Wahrhaftigkeit, Friedenswille, Feindesliebe, Verzicht, Bußfertigkeit, Mäßigung... Nicht einmal seine Anhänger können ernsthaft behaupten, daß diese Werte, die in der Bibel hochgehalten werden, von Trump verkörpert werden. Daß sie ihn dennoch unterstützen, zeigt, daß es sich bei ihnen nicht um (wörtlich gemeint) christliche Fundamentalisten handelt, sondern um Nationalreligiöse.


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O Quijano #105

Text und Kommentare überbieten sich ja an Spott und Verachtung über christliche Amerikaner. Keine Ahnung ob es begründet ist oder nicht, dafür kenne ich diese Amerikaner zu wenig.
Eines weis ich aber: diejenigen, die sich so höhnisch über Glauben und Religion anderer erhaben fühlen, sollten sich fragen, ob sie selber nicht in grotesker Verblendung den Balken im eigenen Auge, die Allgegenwart von Glauben in ihrem eigen Leben übersehen.
Man mache einen Versuch und ersetzte „USA“ durch „Deutschland“ und „Gott/Religion/christlich“ beispielsweise durch „Europa“. Voilá, man erhält das Bild einer Gesellschaft, die in identischem Ausmaß vom Glauben bestimmt ist wie die Gemeinschaft der gerade noch unflätig als hinterwäldlerisch und irrational beschimpften Evangelikalen in den USA:
„Die Anwendung des Gesetzes sei gut und moralisch, so habe Europa es gewollt. Europa wolle es so, das ist ein Argument, mit dem man in den Deutschland Politik begründen kann. Wie sehr Europa und Politik in Deutschland verquickt sind, …… In seiner Rede stellte der Bundespräsident fest: Deutschland ist eine europäische Nation. Ohne Europa würde die deutsche Gesellschaft zugrunde gehen: Wenn unsere Nation sich von Europa abwendet, … usw …usw…usw“


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Paul Benjamin #109

Erwachsene Menschen mit unsichtbaren Freunden sollten von politischer Verantwortung ferngehalten werden.


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InXR #108

Pauschaler geht es nicht - solch ein Essay ist der "Zeit", die sonst so auf differenzierte Darstellung Wert legt, nicht würdig.
In Amerika steht "evangelical" für "evangelisch" und ist eine überkonfessionelle Bewegung, der auch ein Jimmy Carter angehört (nachzulesen bei Wikipedia "Evangelikalismus"). Dazu werden nur negative Attribute miteinander wild verknüpft und unter dem Strich kommen Trump-Mittelalter-Monster rüber. Dass unter diesen "Evangelikalen" auch Friedensaktivisten (z.B. Mennoniten) oder Ärzte (z.B. Mercy Ships) sind, die sich weltweit ehrenamtlich für die Ärmsten der Armen engagieren, wird bewusst weggelassen.
Solch ein Essay über DIE Atheisten geschrieben, die im 20. Jahrhundert mit Mao, Stalin, Hitler und Pol Pot über 100 Millionen Menschen abgeschlachtet haben, weil sie den Menschen und sich selbst damit in den Mittelpunkt des Universums gesetzt haben - oh, oh, da gäbe es einen Aufschrei. Zu Recht, denn natürlich ist nicht jeder Atheist ein Mao, Stalin, Hitler oder Pol Pot.
Genauso wenig wie "Evangelikale Christen" Trump-Mittelalter-Monster sind.
Von daher nur eine kleine Bitte, die aber dringlich: Differenzierter und weniger auf Beifall heischend! Denn Evangelikale abzuwatschen, da kann man sich dem Beifall in den Kommentarzeilen sicher sein.



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Haschim Ibn Hakim #110

Religion war schon immer ein probates Mittel zur Unterdrückung und Verdummung. Glauben muss man, was die Herrschaften vorgeben, waren sie doch 'Herrscher von Gottes Gnaden'. Seinerzeit hat der Papst den Kaiser gekrönt. Heutzutage läuft es halt ein wenig anders, aber überall wo sich Herrscher (oder Regierende) auf Gott berufen, ist etwas faul, Iran, Saudi-Arabien, und nun auch auch die USA.
Wer nichts weiss , muss eben glauben. Wissen, Erkenntnisse, kritisches Denken sind verpönt. ...


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Aus einem  Essay von Paul Simon "Weil Gott es will" (7. Juli 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2018-07/evangelikale-donald-trump-religioeser-fundamentalismus-usa-migration/komplettansicht

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Variationen zur Gretchenfrage...
« Reply #21 on: July 08, 2018, 11:16:07 AM »
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Würden Sie sich als Atheisten bezeichnen?

Jan Assmann (Kulturtheoretiker): Nein. Gott ist für mich eine offene Frage; für die Atheisten ist sie gelöst. Ich würde meinen, dass alle Religionen Übersetzungen von etwas Verborgenem, aber irgendwie Spürbaren sind. Religionen finden im Sinne dieser „verborgenen Religion“ dann jeweils andere Bilder, andere Übersetzungen dieser Grunderfahrung. Das ist die Weisheit der Ringparabel, deren Varianten bis ins 8. Jahrhundert zurückgehen. Die Wahrheit ist verborgen, aber wir dürfen nicht aufhören, sie in unserem Tun und Denken anzuzielen.

...


Aus: "„Es gibt keine wahre Religion“" (2013)
Quelle: https://philomag.de/es-gibt-keine-wahre-religion/

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"Christlich-jüdisches Verhältnis: Benedikts Aufsatz mit kirchenpolitischer Sprengkraft" Michael Hollenbach (16.08.2018)
Ein Text des früheren Papstes Benedikt XVI. polarisiert. Darin stellt der Emeritus die Frage, ob das Christentum das Judentum ersetzt. Ratzinger wolle mit dem Aufsatz die Diskussion "verdeutlichen, versachlichen und vertiefen", sagen die einen - andere sehen das Judentum abgewertet. ... Papst Johannes Paul II. legte großen Wert auf den aktuellen Dialog mit dem heutigen Judentum. Einen weiteren Schritt der Versöhnung unternahm der polnische Papst im März 2000, als er in einem Gebet um Verzeihung bat: "Gott unserer Väter, du hast Abraham und seine Nachkommen auserwählt, deinen Namen zu den Völkern zu tragen. Wir sind zutiefst betrübt über das Verhalten aller, die im Laufe der Geschichte deine Söhne und Töchter leiden ließen. Wir bitten um Verzeihung und wollen uns dafür einsetzen, dass echte Brüderlichkeit herrsche mit dem Volk des Bundes."
Papst Benedikt setzt dagegen andere Akzente. Ihn beschäftigte das Schisma der Piusbruderschaft. Heftige Irritationen löste er aus, als er sich 2007 und 2008 um eine Versöhnung mit der Gemeinschaft, die das Zweite Vatikanische Konzil nicht akzeptiert, bemühte. Benedikt erlaubte mit dem Erlass "Summorum pontificum" - auf Deutsch: Die Sorge der Päpste - die Messe nach vorkonziliarem Ritus. Wohlwollende Beobachter deuteten dies als Beitrag zur Einheit der Kirche und zur liturgischen Vielfalt, Kritiker als Zugeständnis an die Piusbruderschaft.
Zum Alten Ritus gehört die Karfreitagsfürbitte. Bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil hatte der Priester in der Messe darum gebeten, dass Gott "den Schleier von den Herzen der Juden wegnehmen" möge, damit auch sie Jesus Christus erkennen würden. Die Juden sollten, wie es hieß, ihrer Finsternis entrissen werden. Davon hatte sich der Vatikan eigentlich längst distanziert. Benedikt XVI. veröffentlichte im Mai 2008 eine neue Fassung der Karfreitagsbitte. Die lautet:
"Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott, unser Herr, ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen, den Retter aller Menschen."
Als Rückschritt in den Beziehungen zum Judentum wertet Hanspeter Heinz diese Aktionen des deutschen Papstes zehn Jahre später:
"Er ist sich selber treu, in dem er stehen bleibt, und das heißt: an Christus führt kein Weg vorbei. Er lässt beten für die Bekehrung der Juden, das hat für Riesenärger gesorgt, weil es im Grund die Kehrseite der alten Karfreitagsfürbitte ist, wo von den Juden gesagt wird: Sie leben in Finsternis, sie sind blind, und dass sie Jesus Christus, den Erlöser erkennen. Sie müssen zu Christus Ja sagen, und das bricht den Juden das Kreuz." ...
https://www.deutschlandfunk.de/christlich-juedisches-verhaeltnis-benedikts-aufsatz-mit.886.de.html
« Last Edit: August 16, 2018, 01:17:48 PM by Link »

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Variationen zur Gretchenfrage...
« Reply #22 on: August 23, 2018, 07:44:38 AM »
"Integration: Da musst du jetzt durch" Simone Schmollack (22. August 2018)
Was passiert, wenn eine junge Geflüchtete und eine Deutsche zusammenwohnen? Unsere Autorin erlebt es seit einigen Monaten mit Senait, die als 17-Jährige aus Eritrea kam. ... Wenn sie von ihrem Gott redet, tut sie es sehr leidenschaftlich. Ich höre zu, ich frage nach. Manchmal habe ich das Gefühl, sie möchte, dass ich ihrer Religion ebenfalls folge. Aber ich glaube nun mal nicht ans Jenseits und an ein Leben nach dem Tod, jede Form von Spiritualität ist mir suspekt. Das sage ich Senait nicht. Aber sie spürt es, runzelt die Stirn und sagt: "Das geht nicht. Jeder Mensch braucht einen Gott."  ... Wenn wir auf der Straße muslimische Frauen mit Kopftuch treffen, sagt sie: "Das ist nicht richtig." "Doch", sage ich: "Die Frauen, die es wollen, dürfen ein Kopftuch tragen." Senait ist kritisch gegenüber dem Islam und kritisch gegenüber anderen Glaubensrichtungen, die von ihrem Gottesbild abweichen. Sie versteht nicht, dass es in Asien viele verschiedene Religionen mit unzähligen Göttern gibt. Ich versuche, ihr das zu erklären und sage so etwas: "Jeder Mensch darf an das glauben, woran er und sie möchte." Ich verwende Begriffe wie Toleranz, Religionsfreiheit, Gleichberechtigung. Sie versteht die Wörter, beharrt aber darauf, dass ihre Religion die einzig richtige ist. Im Laufe der Zeit habe ich verstanden, dass es egal ist, ob sie meinen Aussagen folgt oder nicht. Und sie hat verstanden, dass mein Leben ohne Gott nicht leer, richtungslos und unvollständig ist. ...
https://www.zeit.de/kultur/2018-08/integration-gefluechtete-zusammenleben-eritrea-naehe-10nach8/komplettansicht

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"EuGH-Urteil: Halleluja, Gleichheit ist der EU heiliger als die Kirche" Ein Kommentar von Luisa Jacobs (11. September 2018)
Die Kündigung eines wieder verheirateten katholischen Chefarztes kann Diskriminierung sein, befand das EuGH. Ein wichtiges europäisches Signal für die Gleichheit. ... Eine Ärztin ist keine weniger gute Ärztin, weil sie eine Frau ist. Ein Pfleger ist kein weniger guter Pfleger, weil er Männer liebt. Und eine Krankenschwester macht ihre Arbeit nicht schlechter, weil sie eine nicht weiße Hautfarbe hat. In Deutschland regelt das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, dass Menschen nicht aus Gründen der Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung benachteiligt werden dürfen. Diskriminierung ist laut deutschem Arbeitsrecht verboten. Eigentlich.
Die katholische Kirche aber tut genau das. Sie diskriminiert. Wenn beispielsweise ein katholischer Arzt gegen katholische Moralvorstellungen verstößt, dann soll er auch nicht mehr in einem katholischen Krankenhaus arbeiten. ... Konkret geht es um folgenden Fall: Ein katholischer Chefarzt, der die Abteilung für Innere Medizin an einem katholischen Krankenhaus in Düsseldorf leitet, lässt sich von seiner ersten Ehefrau, mit der er nach katholischem Ritus verheiratet war, scheiden und heiratet erneut standesamtlich, ohne seine erste Ehe für nichtig zu erklären. Weil das gegen die Moralvorstellungen der katholischen Kirche verstößt, kündigt ihm das katholische Krankenhaus. Der Chefarzt klagt gegen die Kündigung. Denn: Einem evangelischen oder konfessionslosen Chefarzt wäre bei Wiederheirat nicht gekündigt worden.
Seit neun Jahren streiten deutsche Gerichte nun darüber, ob die katholische Kirche ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kündigen darf oder nicht. Drei Arbeitsgerichte gaben dem Chefarzt recht. Die Kirche aber gab nicht auf und zog vor das Bundesverfassungsgericht, und das befand im Jahr 2014, die Arbeitsgerichte hätten sich zu tief in innerkirchliche Angelegenheiten eingemischt. 
Heute, endlich, hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschieden, dass das Privatleben des Chefarztes keine Auswirkung auf seine Tätigkeit, "nämlich die Beratung und medizinische Pflege in einem Krankenhaus und Leitung der Abteilung Innere Medizin", hat, so drückt es der EuGH in seinem Urteil aus. Kurz: Ein mehrfach geschiedener Chefarzt kann sich um kranke Patienten ebenso gut kümmern wie ein nach katholischem Ritus verheirateter Chefarzt.
Dafür spricht auch die Tatsache, dass an katholisch geleiteten Krankenhäusern eben nicht ausschließlich katholisches Personal arbeitet, sondern ebenso konfessionslose oder anders gläubige Mitarbeiterinnen. Dass ein nicht katholischer und ein mit den moralischen Vorstellungen brechender Katholik unterschiedlich behandelt werden können, ist ein Fall von Diskriminierung.
Mit dieser Entscheidung weist der Europäische Gerichtshof den deutschen, traditionell kirchenfreundlichen Gerichten die richtige Richtung: Gleichheit muss vor kirchlicher Selbstbestimmung kommen. In Deutschland haben Gerichte in der Vergangenheit im Zweifel eher für die Kirche entschieden." Jede Religionsgesellschaft ordnet und verwaltet ihre Angelegenheit selbständig innerhalb des für alle geltenden Gesetzes", so steht es im Grundgesetz und so wurde der Passus oft kirchenfreundlich interpretiert.
Der Europäische Gerichtshof muss sich dieser Tradition nicht unterordnen. Der EU ist die Gleichstellung heiliger als die Kirche. ...
https://www.zeit.de/arbeit/2018-09/eugh-urteil-katholische-kirche-gleichheit-arbeitnehmerrechte/komplettansicht

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Renfrew #2

Ein wichtiges Urteil. Es muss Schluss damit sein, dass sich die Kirchenoberen wie Stammesfürsten verhalten, die mit dem Personal nach Gutsherrenart umgehen.


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Heiliger Römischer Reis #4

Mit dieser Entscheidung weist der Europäische Gerichtshof den deutschen, traditionell kirchenfreundlichen Gerichten die richtige Richtung: Gleichheit muss vor kirchlicher Selbstbestimmung kommen

Halleluja!

Wurde aber auch Zeit...


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« Last Edit: September 12, 2018, 07:37:09 AM by Link »

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« Reply #23 on: September 24, 2018, 11:26:02 AM »
"Schamanismus: Finde die Weisheit der Gebärmutter" Lilli Heinemann (2. August 2017)
Es liegt was in der Luft: Junge Frauen suchen nach Sinn und flüchten in die Natur. Chakrenbalance, Kristalltherapie und Korbflechten sind .... hip. ... Chloe gehört einer Bewegung junger Frauen an, die mitten im Leben stehen, aber nach mehr suchen. Sie treffen sich regelmäßig in den Wäldern rund um London. Die Zusammenkünfte der sogenannten Sisterhood werden durch schamanische Praktiken, vedische Meditation, Tanz und Gesang begleitet. Dabei werden Lebensmittel fermentiert, Körbe geflochten, Stoffe gefärbt, Kräutermedizin hergestellt, Gedichte geschrieben, Yoga praktiziert, gemeinsam gekocht und vieles mehr. "Wir können nicht länger in einer zusammenhanglosen Welt existieren. Unser Überleben hängt davon ab, sich zu erinnern, wer wir sind und woher wir kommen", erklärt Charlotte Hall. Charlotte ist im gleichen Alter wie Chloe, lebt ebenfalls in London und arbeitet als PR-Beraterin in der Modeindustrie. Sie kam schon als Kind mit alternativen Lebensformen in Kontakt, besuchte regelmäßig New-Age-Gemeinschaften auf dem Land, die temporär zusammen lebten, Hütten nach altertümlichen Methoden bauten und ihr Essen am offenen Feuer zubereiteten. Als Teenager wandte sie sich von diesem Lebensstil ab, um wie die anderen zu sein. Erst mit der Schwangerschaft und Geburt ihrer Tochter öffnete sie sich wieder für ein anderes Leben und nimmt seither regelmäßig an Women's Gatherings teil.  ...
https://www.zeit.de/kultur/2017-07/schamanismus-spiritualitaet-rituale-grossstadtleben-10nach8/komplettansicht

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Mag is back #1

Nur meine persönliche Meinung. Die oben genannten Rituale und Praktiken sehen für mich stark nach Wohlstandsdekadenz aus.



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commandantina #13

Endlich mal ein angenehm nüchterner, nicht von vornherein ablehnender, aber doch kritisch hinterfragender Artikel zum Esoterik-Trend unserer Zeit, danke! Ich persönlich kann dieses Gewäsch "Verbinde dich mit deinen Körperteilen und heilige sie!" nicht ausstehen - dazu kenne ich (beruflich bedingt) viel zu viele Frauen im besten Alter, die erst aufgeblüht sind, als sie ihre Gebärmutter los waren. Auch die Behauptung, "göttliche Weiblichkeit" sei gleichbedeutend mit einem unbedingt zu akzeptierenden Empfangsprinzip (Zitat: "Bei der zelebrierten göttlichen Weiblichkeit ginge es hingegen um das Empfangen, darum, es den Dingen zu erlauben, zu einem zu kommen.") halte ich psychologisch für gefährlichen Unsinn: Es sind die Fesseln der Verzweiflung, die eine Frau der anderen anzulegen versucht, damit sie die Einsamkeit echter Erkenntnis nicht alleine ertragen muss.


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JuliusU995 #16

"Chloe erklärt, dass die weibliche Kraft und Weisheit in der Gebärmutter "

Ok ZON ich versuche es sachlich. Gibt es nicht auch den Brauch das Mütter nach der Entbindung ein Teil der Plazenta zubreiten und essen ?
Es tut mir leid, ich kann mir nicht helfen. Aber ich weiß nicht wie man auf sowas reagieren soll ?
Humor ? Wut ? Gleichgültigkeit ? Schreiend zur Tür hinaus laufen? Und kommt es mir nur so vor oder geht es bei den ganzen Eso-Kram eigentlich nur um Sex ? Ich mein wenn ein paar Verpeielte gerne Geld ausgeben, bitte schön. Nur bei diesen ganzen EsoZeugs gibt es eine Menge Menschen die ernsthafte Probleme haben und verzweifelt sind. Kommt mir zu kurz in dem Artikel.


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twigalo #16.1  —  3. August 2017, 11:50 Uhr 3

Lesen Sie weiter unten den Kommentar, der auf den Zusammenhang mit vorher erlebtem sexuellen Mißbrauch hinweist, und auf die konkret erlebte und nachhaltige Verbesserung und Entkrampfung im Beckenbereich durch praktisch geübte Entspannung. Das ist plausibel. Vielleicht müssen Sie dann nicht mehr schreien. Auch wenn das Ganze in etwas zu mystische Terminologie gepackt ist - wenn es hilft, hilft' s.


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Something_is_rotten #17  —  2. August 2017, 22:29 Uhr 5

Chakrenbalance statt Klassenkampf...vorübergehend...


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Kybernetik #18  —  2. August 2017, 22:54 Uhr 7

"Im Zentrum dieser Spiritualität steht auch der Holismus, der besagt, dass ein System als Ganzes funktioniert und nicht aus Einzelteilen zusammengesetzt ist – es geht um die Verbundenheit von allem mit allem."

Eigentlich ist es sogar wissenschaftlicher Konsens, das ein System anders funktioniert, als seine Einzelteile. Das es Systemgesetzte gibt, Regelkreise etc. Schaut man sich die Biosphäre an, so ist tatsächlich alles miteinander vernetzt und bilden verschiedene Organisationsformen aus, die wiederum mit anderen in Verbindung stehen.

Manche Menschen, die eine Psychose durchlebt haben, haben öfters auch spirituelle Erfahrungen gemacht. In diesen berichten sie immer wieder von dem wunderbaren Gefühl des Einseins mit der Natur und das alles mit allem verbunden ist.

Der Mensch wird wohl erst dann verstehen, dass er nicht außerhalb der Natur steht sondern mitten drin, wenn er es endlich geschafft hat sich selbst den Ast abzusägen, auf dem er sitzt.

Ich denke auch, das Spritualität durchaus etwas ist, wozu ein Mensch fähig ist und das dies auch einen Sinn erfüllt, gerade, wenn der Sinn nicht mehr im größer, schneller, mehr, gesehen wird, sondern in der Entschleunigung, der Rückbesinnung, der Erdung und letztlich wieder in einer zugewandten Gemeinschaft.


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Googlefix #19  —  2. August 2017, 23:21 Uhr 5

Früher ging es eben etwas prosaischer zu. Bekannt wurden in den 70er Jahren die Selbstuntersuchungsgruppen, in denen sich Frauen gegenseitig mit gynäkologischem Besteck selbst untersuchten, alternative Verhütungsmittel erprobten und versuchten, sich Wissen und Kompetenz um und über den eigenen Körper anzueignen. Die sprirituellen Aspekte waren damals Thema in den Hexenseminaren.

Ziel war damals das Kennenlernen und Wertschätzen des eigenen Geschlechts, das ja heute vielfach noch als minderwertig begriffen wird. Analog dazu gibt es eben für die Männer die Schwitzhüttenrituale, denen auch Putin und Schröder frönten.


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Laubfall #21  —  2. August 2017, 23:30 Uhr 5

Die Damen leben oder lebten in der City in ihrem Kokon aus Materialismus, Äußerlichkeiten, Beliebigkeit und mehr.

Würden Sie auf dem Land leben, mit eigenem Garten, Natur, im Einklang mit den Jahreszeiten, geerdet und weit weg von jedem Jet-Set, so hätten sie alles gehabt, was sie jetzt verzweifelt suchen.


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Frau. Huber #21.1  —  3. August 2017, 7:27 Uhr

Ich glaube nicht, dass man das pauschal so sagen kann. Ich kenne z. B. eine Frau, die einen eigenen Garten hat, ein Kind hat, wenig Geld hat und alles andere als ein Jet Set Typ ist. Aber sie ist von so schamanischem Klimbim ziemlich angetan, was evtl auch damit zu tun hat, dass sie als Teenager vergewaltigt wurde und darüber nie wirklich hinweg gekommen ist und Probleme mit ihrem Körper und ihrer Weiblichkeit hat.


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twigalo #21.2  —  3. August 2017, 11:03 Uhr 2

Ich glaube nicht, dass sie etwas ' verzweifelt' suchen. Vielleicht ein paar wenige, aber die meisten scheinen schon ganz zufrieden zu sein mit ihren Aktivitäten, haben Spaß dabei, und stören tun sie damit ja niemanden. Und wer weiss, was dann in ein paar Jahren sein wird. Der Weg ist das Ziel. Bis dahin viel Zeit in der Natur verbracht zu haben, ist jedenfalls für Körper und Geist schon mal nicht verkehrt. Komisch wird es dann, wenn sie teure Seminare machen.


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Teilzeitberliner #23  —  2. August 2017, 23:45 Uhr 3

Die dürfen alle wählen gehen!

Das macht mir Angst.


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X #23.2  —  3. August 2017, 2:26 Uhr 4

Angst und so ist normal für einen Städter, der in entfremdeter Umgebung einer entfremdeten Arbeit nachgeht.
Machen Sie mal was Anderes, bevor Sie sich dann im September selbst in der Wahlkabine einfinden.



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Merowinger II #23.3  —  3. August 2017, 5:33 Uhr 6

Wer Menschen, die die Spiritualität für sich entdecken, für eine grosse Gefahr hält, dem ist nun wirklich nicht mehr zu helfen. Als ob es nicht genug echte Probleme gäbe, vor denen man Angst haben sollte.


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twigalo #23.4  —  3. August 2017, 11:08 Uhr 1

Genauso wie die aggressiven Automachos, Deutsche Islamisten, Nazis, egoistische bullies usw. Und die sind übrigens keinen Deut rationaler.


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Yvolat #27  —  3. August 2017, 1:18 Uhr 5

Anscheinend macht die Autorin dieses Artikels sich lieber über etwas lustig, das ihr suspekt ist, als dass sie sich auch nur bemüht, es zu verstehen. Den Ton des Artikels finde ich unerträglich, die Verachtung für Frauen, die einen anderen, tieferen Sinn im Leben suchen, ist in jeder Zeile spürbar.
Zur "Weisheit der Gebärmutter" - als jemand, die als Kind sexuell missbraucht wurde, weiß ich, wie sehr diese Erfahrung sich im Becken als Störfaktor festsetzt, und das betrifft die Geschlechtsorgane (u.a. Gebärmutter), aber auch das Tan Tien, ein "Reservoir" unserer Lebensenergie. Blockaden der Lebensenergie im Beckenbereich haben sehr viele Frauen, nicht nur aufgrund persönlicher sexueller Mb-Erfahrungen (die natürlich nicht jede hat oder in der gleichen Weise hat), sondern auch aufgrund von religiös/kulturell verankerter Beschmutzung der weiblichen Sexualität, und der Tatsache, dass man als Frau immer wieder aufs Sexuelle reduziert/bezogen wird und es sehr schwer hat, einfach nur als Mensch wahrgenommen zu werden (nicht alle Frauen profitieren davon oder genießen es, sich sexuell/erotisch in Szene zu setzen) - all das hinterlässt Narben, und diese Narben haben im Sinne der Lebensenergie einen Ort, das Becken.
Ich bin übrigens ganz und gar keine Anhängerin von Esoterik, die für mich deutliche Gefahren hat, aber die spirituelle Sehnsucht der Frauen kann ich gut verstehen und teile sie. Schade, dass die Autorin den beschriebenen Trend nur benutzt, um sich einen abzulachen.


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ikonist #33  —  3. August 2017, 5:09 Uhr

es wird mit Hexenverbrennungen enden


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twigalo #33.1  —  3. August 2017, 11:21 Uhr 1

Hä?


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ikonist #33.2  —  3. August 2017, 13:58 Uhr

der >(schwarze)humorlevel< ist nicht sehr hoch!?


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Gerhard Mall #34  —  3. August 2017, 5:14 Uhr 1

Mich erinnern die beschriebenen Praktiken an Rituale der NS-Zeit, die auf die Wandervogelbewegung und die Reformbewegung zurückgingen. Die Suche nach "Sinn" ist ungebrochen. Sehr interessanter Artikel!


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Kabeljau #38  —  3. August 2017, 9:23 Uhr 3

Als ich die Überschrift las musste ich spontan lachen. Es erinnerte mich sofort an meine Zeit als Student. Damals gab es an der Uni eine Menstruationsgruppe, die sich bei Mondschein treffen und gemeinsam menstruieren wollte.

Kommt irgendwie alles wieder.


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biermännchen #42  —  3. August 2017, 11:44 Uhr 2

"Wenn Menschen aufhören, an Gott zu glauben, dann glauben sie nicht an nichts, sondern an alles Mögliche. Das ist die Chance der Propheten – und sie kommen in Scharen." G.K. Chesterton


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Farmhouse #43  —  3. August 2017, 11:44 Uhr 1

So lange die Zunft der Seelenquacksalber jeden Morgen einen Dummen und eine Dumme findet, der für ihr Auskommen sorgt, werden Lichtwesen, Auren und Energiezentren die Regale der Buchläden und die Konten der Feen und Schamanen füllen.


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Pyntanell #45  —  3. August 2017, 13:14 Uhr 3

Ich finde es immer wieder interessant, dass Schamanismus mit der üblichen Esogeldmacherei verbunden wird. Dabei ist gerade Schamanismus eine Erfahrung, für die man eigentlich keinen Tinnef braucht. Keine Ritualgegenstände, keine Kristalle,keine Altäre. Man braucht nur die Welt um sich herum und die Bereitschaft, ihr zuzuhöhren.


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derneuekarl #53  —  3. August 2017, 19:19 Uhr 2

Ein typisches Weiberding und einer der ersten Problempunkte, die ein Mann abchecken sollte. Vor allem eine potenzielle Geldvernichtungsmaschine im Haushalt, denn wer wird wohl in erster Linie von Astro-TV/Questico abgezockt? Für den Preis eines Fläschchens Schwingungswasser vom professionellen Channel-Medium kann der männliche Spinner viel Freie Energie aus einem alten Plattenspielermotor schöpfen...

Also Vorsicht, Männer, denn es fängt in jungen Jahren ganz harmlos mit Horoskopelesen, Homöopathie und Feng Shui an, und kann sich bei nicht beständigem Contra zu einem veritablen Schamanismus auswachsen. ...


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Merowinger II #53.1  —  3. August 2017, 20:00 Uhr 2

Das erste, was man "abchecken" sollte, ist solche Arroganz und Ignoranz wie in Ihrem Beitrag. Nein, Spiritualität ist kein "typisches Weiberding". Und es gibt viele Männer, die sich eine spirituelle Parterin wünschen. Hören Sie also bitte auf, von sich aus auf andere zu schließen.


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Farmhouse #54  —  4. August 2017, 22:39 Uhr

Für zahlreiche dieser Sinnsuche-Angebote gilt:

Skrupellose Scharlatane bringen Menschen in schwierigen Lebenssituationen (seien diese psychisch, physisch, materiell,....), von denen manch eine und einer profesioneller wie auch immer geartete Hilfe oder Unterstützung bedarf, um ihr Geld und manchmal um ihre ganze Existenz.


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ichweissdassichnichtsweiss2 #56  —  vor 21 Stunden

Dieser Quatsch ist doch inzwischen schon schon bei Trainings für Führungskräfte eingezogen. Solange man ein Haufen Geld damit verdienen kann ist alles recht. Willkommen im post-faktischen Zeitalter.


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califex #61

Die einen fangen dann philosophische Grundsatzdebatten an, die zweiten verteidigen die katholische und evangelische Kirche, dritte bekunden Sympathie gegenüber Spiritualität, distanzieren sich aber von Abzocke; vierte berichten dann von persönlichen Missbrauchserfahrungen (ja, das ist schon schlecht) – das führt doch alles zu nichts! ...


...

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Variationen zur Gretchenfrage...
« Reply #24 on: October 28, 2018, 09:44:30 AM »
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[...] Die Iren stimmten [ ] in einem Referendum über die Abschaffung des Blasphemieparagraphen ab. Laut Nachwahlbefragungen am Samstag votierten mehr als zwei Drittel der Wahlberechtigten dafür, das Verbot der Gotteslästerung aus der Verfassung zu streichen. Laut Befragungen der Zeitung Irish Times stimmten 69 Prozent für die Streichung, 31 Prozent dagegen.

Der Verfassungsartikel definiert die Verbreitung von "gotteslästerlichen, aufrührerischen und unanständigen Themen" als strafwürdiges Vergehen. Sie kann mit einer Geldstrafe von bis zu 25.000 Euro geahndet werden.

Der Paragraf kam in der jüngeren Geschichte Irlands jedoch nie zur Anwendung. 2015 liefen zwar nach der Anzeige einer Privatperson Ermittlungen gegen den britischen Schauspieler und Regisseur Stephen Fry, der Fall wurde aber juristisch nicht verfolgt. Fry hatte im irischen Fernsehen Gott als "dumm" bezeichnete, weil er eine Welt voller "Ungerechtigkeiten" geschaffen habe.

Die Dominanz der katholischen Kirche hat in Irland in den vergangenen Jahrzehnten erheblich abgenommen. Erst im Mai hatten die irischen Wähler in einem Referendum mit großer Mehrheit für die Legalisierung von Abtreibungen gestimmt. Im Jahr 2015 führte Irland als erstes Land der Welt per Volksentscheid die Ehe für Alle ein. Ein Referendum zu einem Verfassungsartikel, welcher Pflichten von Frauen im Haushalt hervorhebt, ist bereits in Planung.


Aus: "Irland: Michael Higgins als Präsident wiedergewählt" (28. Oktober 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2018-10/irland-praesident-wahl-michael-higgins-blasphemie-verbot

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Luis Tränker #5

Laut Umfragen stimmte auch eine Mehrheit dafür, den Verfassungsartikel zur Gotteslästerung zu streichen.

Herzlichen Glückwunsch Irland, da seid ihr weiter als Deutschland.



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Variationen zur Gretchenfrage...
« Reply #25 on: November 09, 2018, 01:01:55 PM »
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[...] Kennen Sie den? Die Ehefrau des Propheten Mohammed stürmt wütend in dessen Zimmer. Sie will ihn zur Rede stellen und sagt: »Du bist pervers.« Dieser entgegnet kühl: »Das sind große Worte für eine Sechsjährige.«

Witzeleien und Äußerungen zu den erotischen Vorlieben von Religionsgründern aus der Spätantike stehen für gewöhnlich nicht im Zentrum der Arbeit des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg.

In seinem Urteil vom 25. Oktober musste sich das Gericht jedoch zur Meinungsfreiheit und zu verletzten religiösen Gefühlen verhalten.

Das war geschehen: Eine Österreicherin hielt 2009 bei zwei von der rechtsextremen FPÖ ­organisierten Bildungsseminaren einen Vortrag über den Islam. In ihrem Referat sagte sie über die Eheschließung Mohammeds mit der nach Angaben der autoritativen islamischen Quellen sechs- oder siebenjäh­rigen Aisha – beim »Vollzug der Ehe« soll sie neun oder zehn Jahre alt ge­wesen sein –, der ­Prophet »hatte nun mal gerne mit Kindern ein bisschen was«. Weiter fragte sie: »Ein 56jähriger und eine Sechsjährige (…) Wie nennen wir das, wenn es nicht Pädophilie ist?« 2011 wurde sie von einem Wiener Gericht deswegen zu ­einer Geldstrafe von 480 Euro und der Erstattung der Prozesskosten verurteilt. Der Vorwurf: »Herabwürdigung religiöser Lehren«, ein Tatbestand im österreichischen Strafrecht. Der »religiöse Frieden« sei durch diese Aussagen gestört worden. Die Frau sah sich in ihrer Meinungsfreiheit verletzt, ging durch alle österreichischen Instanzen und zog schließlich vor den EGMR.

Der entschied nun, dass die Verurteilung statthaft war. Zwar gab das Gericht der Klägerin recht, dass Religions­gemeinschaften sachlich begründete Kritik aushalten müssten. Die Religionsfreiheit schütze davor nicht. Doch nicht der reine Inhalt oder der unmittelbare Kontext einer Aussage bestimmten darüber, ob diese von der Meinungsfreiheit gedeckt ist, schrieben die Richter in ihrer Urteilsbegründung. Wer sich in eine aufgeheizte Debatte einschalte, müsse bedenken, was er damit bewirken könnte. Das Gericht bezog sich in seinem Urteil vor allem auf die Aussage, dass Mohammed pädophile Neigungen gehabt habe. Die Beschwerdeführerin unterstelle damit, Mohammed sei es nicht wert, religiös verehrt zu werden. Das könne Empörung aus­lösen, denn Pädophilie sei gesellschaftlich geächtet. Die Beschwerdeführerin hätte beachten müssen, dass Mohammeds Ehe mit Aisha bis zum Tod des Propheten und somit nach deren Pubertät angedauert habe. Die Schlussfolgerung des EGMR: Ein primäres sexuelles Interesse an Kindern könne bei Mohammed nicht festgestellt werden.

Ekmeleddin İhsanoğlu, ehemaliger Generalsekretär der Organisation für ­Islamische Zusammenarbeit (OIC), begrüßte das Urteil. Der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu sagte er: »Der Kampf gegen Islamophobie und die Auffassungen, die wir seit Jahren vertreten, wurden vom EGMR angenommen. Das Urteil ist in allen Aspekten erfreulich.« Die OIC ist ein Block aus 57 mehrheitlich muslimischen Staaten mit Sitz im saudi-arabischen Jeddah.

Auf UN-Ebene setzt sie sich für nicht bindende Resolutionen ein, die Blasphemie ächten und verbieten sollen.

Die Internationale Humanistische und Ethische Union (IHEU) beschreibt sich selbst als repräsentative Dachorganisation der Humanistischen Bewegung. Ihr Direktor, Gary McLelland, schrieb auf ihrer Homepage, das ­Gericht zeige eine »zunehmde Zaghaftigkeit bei grundlegenden Fragen der Redefreiheit. Angesichts der nationalistischen und populistischen Welle in Europa ist es verständlich, dass viele die Auseinandersetzung mit diesen schwierigen Fragen meiden wollen. Aber eine Einschränkung der Meinungsfreiheit läuft Gefahr, die Stimmen der Paranoiden zu legitimieren und eine ›Tabukultur‹ zu schaffen.«

Maajid Nawaz ist Gründer von Quilli­am. Die Organisation setzt sich gegen Extremismus in der muslimischen Gemeinde Großbritanniens ein. »Das Urteil ist antimuslimisch. Im Namen des ›Friedens‹ verstärkt es das Blasphemieverbot (aber nur im Islam)«, kritisierte Nawaz auf Twitter. Das Urteil basiere auf einer »Bigotterie der geringen Erwartungen« gegenüber Muslimen. Die Frauenrechtlerin und Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali sprach ebenfalls auf Twitter vom »widerlichsten, barbarischsten Urteil unserer Zeit«. Für Muslime und Nicht-Muslime, die sich für Meinungsfreiheit einsetzen, sei dies ein Rückschlag. »Kein Wunder, dass die Bürger Europas ihren Glauben an Institutionen wie diese verloren haben.«
 

Offen bleibt, ob das Urteil über seine symbolische Kraft hinaus zur Krimina­lisierung von Kritik an Mohammed und dem Islam beitragen wird. Die Mitgliedsstaaten des Europarats sind dazu verpflichtet, sich der Rechtsprechung des EGMR zu unterwerfen. In ihrer Begründung stellten die Straßburger Richter klar: Geprüft wurde in erster Linie, ob die Bestrafung der Beschwerdeführerin erstens auf vorhandenen Gesetzen basierte und zweitens der Zweck des Gesetzes (Wahrung des »religiösen Friedens«) legitim ist. Die Richter bejahten beides. Doch bei der Frage, ob und in welchem Ausmaß die Staaten des Europarats Bürger zur Verantwortung ziehen müssen, die Mohammed einen Pädophilen nennen, ließ der EGMR einen weiten Spielraum. Die Wahrung des »religiösen Friedens« sei eine sensible ­nationale Angelegenheit. Wann dieser Frieden gestört ist, könnten die Staaten selbst am besten beurteilen. So betrifft das Urteil in erster Linie Länder, die Straftatbestände wie die Herabsetzung religiöser Lehren oder Blasphemie kennen. Neben Österreich sind dies etwa Deutschland, Russland, Polen und die Türkei. Unter anderem Island, das Vereinigte ­Königreich (außer Schottland und Nordirland), Malta und Irland haben ihre Blasphemieparagraphen aus dem Gesetz gestrichen.

Als Beispiel für eine vermeintlich proislamische Haltung des EGMR taugt der Fall nur bedingt. So beschied das Gericht vergangenes Jahr trotz Empörung von antirassistischen Aktivisten und muslimischen Vertretern, dass die in einigen europäischen Ländern eingeführten Verbote der Vollverschleierung mit den Menschenrechten in Einklang stehen. Wahr ist aber auch: Frühere Entscheidungen zu Fragen der Blasphemie, die beim EGMR landeten, fielen religionsfreundlich aus. Der britische Regisseur Nigel Wingrove konnte seinen 1989 fertiggestellten Film »Visions of Ecstasy« nicht als Video vertreiben, weil er von den Behörden das nötige Zertifikat nicht erhalten hatte. Grund war der damals in Großbritannien noch geltende Blasphemieparagraph. Als blasphemisch wurden unter anderem die Darstellungen von St. Teresa von Ávila qualifiziert, die im Film als lesbische Masochistin porträtiert wird.

In der Türkei wurde 1993 ein Buch des Schrifstellers Abdullah Rıza Ergüven verboten, weil es die religiösen Muslime in der Türkei beleidige. Im betreffenden Werk werde unter anderem suggeriert, Mohammed habe sich durch den Sex mit Aisha zu einigen Koranpassagen inspirieren lassen. Ergüvens Verleger wurde deshalb zu einer Geldstrafe verurteilt. In beiden Fällen bekräftigte der EGMR das Recht Großbritanniens und der Türkei, die Meinungsfreiheit ein­zuschränken, wenn religiöse Gefühle verletzt werden. Doch auch damals betonten die Richter, dass bei der Abwägung von Redefreiheit und Befindlichkeiten in der Bevölkerung den Staaten ein weiter Ermessensspielraum zustehe.

Das Beispiel des Vereinigten Königreichs zeigt: Staaten können auf die Urteile des EGMR auch reagieren, indem sie den Straftatbestand der Blasphemie einfach abschaffen. Die Beschwerdeführerin hat drei Monate Zeit, die jüngste Straßburger Entscheidung anzufechten, und den Rest ihres Lebens, um sich in Österreich für die Streichung ­eines Paragraphen einzusetzen, der es ihr verbietet, religiöse Lehren zu verunglimpfen.


Aus: "Bloß keine Gefühle verletzen" Marcus Latton (08.11.2018)
Quelle: https://jungle.world/artikel/2018/45/bloss-keine-gefuehle-verletzen?page=all

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Variationen zur Gretchenfrage...
« Reply #26 on: January 31, 2019, 04:06:16 PM »
Quote
[...] Es gibt wohl kaum einen Politiker, der seit seinem Amtsantritt so sehr polarisiert hat wie Donald Trump. Seit mehr als zwei Jahren sitzt er nun im Weißen Haus - plant Mauern, schimpft gegen Demokraten, Presse und Sonderermittler und twittert mit der Welt um die Wette. Und noch immer kitzelt bei dem ein oder anderen die Frage im Hinterkopf: Wie? Wie und wieso konnte es dieser Mann an die Spitze einer der mächtigsten Nationen weltweit schaffen?

Doch nun können die politischen Grübler endlich aufatmen und das zermürbende Kopfzerbrechen einstellen, denn die Antwort ist einfach. Nein, es hatte nichts mit Trumps Stammbaum zu tun. Nein, auch nicht mit den Millionen auf seinem Konto. Und auch nichts mit den Stimmen der Wahlmänner, die sich Ende 2016 für Trump als den nächsten Mr. President aussprachen. Eigentlich hätten sie abstimmen können, wie sie wollen: Clinton oder Trump, Demokraten oder Republikaner - alles wurscht.

 Denn Trumps Türchen ins Oval Office öffnete sich von weiter oben - von ganz, ganz oben sozusagen. Das verriet nun Trumps Sprecherin im Weißen Haus, Sarah Sanders, im Interview mit dem "Christian Broadcasting Network". "Ich denke, dass Gott wollte, dass er Präsident wird", sagte sie voller Überzeugung, ganz christlich in weiß gekleidet, mit der Perlenkette um den Hals und dem Scheinwerferlicht, dass ihr ein Leuchten in die Augen zauberte.

Halleluja - da haben wir's! Gott in seiner Allwissenheit hat erkannt, was Sanders als Sprecherin des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten dann auch klar geworden ist: Trump sei ein geborener Anführer, der sich den Problemen widme, die "den Bürgern wahren Glaubens" nachts den Schlaf rauben.

Bleibt abzuwarten, was die göttliche Vorsehung für die zweite Halbzeit von Trumps Präsidentschaft bereithält. Und wenn es dann 2020 heißt: Entweder ein neuer Staatschef oder eine zweite Amtszeit für den jetzigen - dann helfen Sanders ja vielleicht rechtzeitig ein paar Stoßgebete.



Aus: "Trump-Sprecherin Sanders Präsident von Gottes Gnaden" (31.01.2019)
Quelle: https://www.tagesschau.de/schlusslicht/usa-trump-139.html

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Variationen zur Gretchenfrage...
« Reply #27 on: February 07, 2019, 12:00:31 PM »

Quote
[...] Nazma Khan, die mit elf Jahren aus Bangladesch nach New York kam, fühlte sich als Hijab-Trägerin immer diskriminiert. "Ninja" habe man sie in der Schule genannt, "Terroristin" in der Universität. Das bewog sie 2013 zur Initiierung des Tages, der Nicht-Musliminnen auffordert, an der Aktion "Hijab for a day" teilzunehmen. Unter dem Hashtag "freeinhijab" sollen sie Fotos von ihrem Selbstversuch veröffentlichen. Für einen Tag sollen Frauen weltweit die Erfahrung der Verschleierung machen, so will Khan religiöse Toleranz steigern und das Verständnis für das Tragen des Hijab in nicht-muslimischen Ländern fördern. Und sie hat Erfolg damit: Nach eigener Aussage würden sich Frauen aus 190 Ländern an der Aktion beteiligen. Der Bundesstaat New York erkannte den Tag 2017 offiziell an, die schottische Premierministerin Nicola Sturgeon tritt auf der Website der Aktion offiziell als Unterstützerin auf. Auf worldhijabday.com findet man Beiträge mit Titeln wie "Ich habe mich nie schöner und selbstbewusster gefühlt" und "Der Tag, an dem ich mein Haus ohne Schleier verlasse, wäre kein Tag zum Feiern".

Die Antwort der sozialen Medien ließ nicht lange auf sich warten: Kritikerinnen kehrten den 1. Februar zum "No Hijab Day" um. Unter dem Hashtag "freefromhijab" wiesen Männer und Frauen auf die Unterdrückung in islamischen Ländern durch den Kopftuchzwang hin. Twitter-User may singh rajput postete eine Zusammenstellung aus Zeitungsartikeln, die über Fälle berichteten, in denen Frauen Gewalt angetan wurde, in denen sie zu Gefängnisstrafen verurteilt oder gar getötet wurden, weil sie sich unverschleiert in die Öffentlichkeit gewagt hatten. "Der Hijab ist eine Fessel für die Freiheit und die Identität von Frauen. Er steht für eine altertümliche arabische Frauenfeindlichkeit und die Versklavung von Frauen und Mädchen", schreibt Tania auf Twitter. Ensaf Haidar, die Frau des nach wie vor inhaftierten säkularen Bloggers Raif Badawi, bezeichnete den "World Hijab Day" in einem Tweet als "islamische Propagandakampagne" und rief dazu auf, für "die Opfer, die darunter leiden, den Hijab oder Niqab tragen zu müssen", einzutreten.

... Auf die historische Bedeutung des 1. Februar im Zusammenhang mit der Frauenverschleierung weist das feministische Magazin Emma hin: Vor 40 Jahren kehrte Ajatollah Khomeini in den Iran zurück und machte das Land zum Gottesstaat. Ab diesem Zeitpunkt mussten sich die Frauen zwangsweise verschleiern. Jetzt soll ebendieser Tag die Freiheit von Frauen symbolisieren, ihn zu tragen. Ein gewisser Zynismus lässt sich da nicht leugnen.


Aus: ""World Hijab Day" wird zum "No Hijab Day"" Helena Sommer (1. Feb 2019)
Quelle: https://hpd.de/artikel/world-hijab-day-wird-zum-no-hijab-day-16456

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[...] Mina Ahadi: Rückblickend war das Jahr 1979 also nicht nur ein Schicksalsjahr für die iranische Gesellschaft, sondern hat auch mein Leben wie kein anderes durcheinander geworfen. Ich musste unter den faschistischen Mullahs viel erleiden. Ich habe Menschen verloren, die ich liebte – ein Trauma, das bis heute anhält.

    Die Lebenssituation von Frauen hat sich kurz nach der islamistischen Machtergreifung drastisch verschlechtert. Ein Tag vor dem Weltfrauentag, am 7. März 1979, ordnete Chomeini den Kopftuchzwang an. In der Folge gab es zahlreiche Übergriffe auf Frauen, die sich dem Befehl verweigerten. Die Islamisten betrachteten Frauen nämlich als Ware, über die Männer je nach Belieben verfügen dürfen. Chomeinis Anhänger skandierten "Ja Rusari, ja tusari", was so viel bedeutet wie "Entweder Kopftuch oder ein Schlag auf den Kopf". Es war also schnell klar, dass wir es mit einem frauenverachtenden Regime zu tun hatten, das unsere Rechte mit Füßen tritt.

    Daraufhin bildete sich eine Frauenbewegung. Tausende gingen auf die Straße, um gegen den Kopftuchzwang zu demonstrieren. Sie wollten sich nicht verschleiern, sondern ihr Leben ohne islamische Moralvorschriften fortführen. Denn für sie war das Kopftuch nicht nur ein harmloses Stück Stoff oder normales Kleidungsstück, sondern ein politisches Instrument, um die Religion in das Privatleben der Menschen zu verankern und Macht über sie auszuüben.


Lassen Sie uns zum Schluss in die Zukunft blicken: Was würden Sie tun, wenn es nächstes Jahr zu einer demokratischen Revolution im Iran käme, die die Mullahs entmachtet?

    Ich würde sofort in den Iran fliegen! Nach Jahrzehnten der Trennung könnte ich endlich wieder meine Familie besuchen und mir die Orte anschauen, in denen ich einmal gelebt habe. Und natürlich würde ich mich auch weiter politisch engagieren. Ich würde mich für einen weltoffenen, säkularen und lebensbejahenden Iran einsetzen – mit all meinen Kräften.



Aus: "Interview mit Mina Ahadi: Islamische Revolution 1979 – "Es fühlte sich wie ein Albtraum an"" Florian Chefai (1. Feb 2019)
Quelle: https://hpd.de/artikel/islamische-revolution-1979-es-fuehlte-sich-albtraum-an-16457

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Wolfgang von Sulecki am 4. Februar 2019 - 15:13
Wer hätte vor 30 Jahren gedacht, dass es in wenigen Monaten mit der DDR zu Ende sein würde?


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Werner Haas am 4. Februar 2019 - 21:50

Vor 40 Jahren las ich zufällig einen Artikel in der International Herald Tribune. Ausführlich wurde dort Chomeini aus seinen Büchern zitiert.
Jeder, der lesen konnte, hätte damals verstehen können, wohin die Reise mit ihm geht. Das Bestürzende war, dass meine Kommilitonen, die sich als links und freiheitsliebend verstanden, nichts davon hören wollten. Wenn man nur gegen den Schah war - das reichte, um als gut, gerecht und mutig zu gelten.
Mina Ahadi, Sie sind eine bewundernswerte Frau!


...

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Quote
[...] DER THEOLOGE wird von einem ehemaligen lutherischen Pfarrer heraus gegeben. Zu den Mitarbeitern gehören neben einem weiteren Evangelischen Theologen ein früherer katholischer Priester und ein Diplom-Theologe und ehemaliger katholischer Religionslehrer.
Wir sind alle aus der Kirche ausgetreten. In unseren Studien sind wir deshalb - anders als die konfessionelle Theologie - frei und unabhängig von Dogma und Glaubenszwängen der Institutionen Kirche.


"[Die heilige römische Kirche, durch das Wort unseres Herrn und Erlösers gegründet,] glaubt fest, bekennt und verkündet, dass niemand außerhalb der katholischen Kirche, weder Heide noch Jude noch Ungläubiger oder ein von der Einheit Getrennter - des ewigen Lebens teilhaftig wird, vielmehr dem ewigen Feuer verfällt, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist, wenn er sich nicht vor dem Tod ihr (der Kirche) anschließt ..."

(Die Allgemeine Kirchenversammlung zu Florenz im Jahr 1442 (Konzil von Florenz 1438-1445), zit. nach Josef Neuner - Heinrich Roos, Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung, 13. Auflage, Regensburg 1992. Das Urteil des Konzils von Florenz wird dort unter der Nr. 381 als "unfehlbarer" und damit automatisch auch für allen Zeiten gültiger Lehrsatz der Kirche markiert)

...


Aus: "Die katholische Kirche und der Holocaust" (DER THEOLOGE, Nr. 85)
Quelle: https://www.theologe.de/katholische-kirche_holocaust.htm

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Quote
[...]  Klar ist längst, dass Pius XII. zum entsetzlichsten Verbrechen der Geschichte schwieg, obwohl er früh genau Bescheid wusste. Auch dass sehr viele Kirchenführer mit dem Hitler-Regime sympathisierten oder es tolerierten, ist lange bekannt. Ihnen warf schon Konrad Adenauer kurz nach dem Krieg krasses moralisches Versagen vor. Der wahre Grund für die Sünde der meisten Bischöfe, so interpretieren Historiker Adenauer, sei freilich nicht im Antisemitismus zu suchen, sondern in einem Charakterfehler - der Feigheit.
Bei Pius XII. bedienen sich Gegner und Freunde anderer Begründungen. Mal ist er jemand, der taktisch geschwiegen hat, um so noch größeres Übel zu verhindern. Mal wird die Schweigsamkeit des Papstes als "Erbsünde" dargestellt, die auch unverzeihlich wäre, sollte es ihm darum gegangen sein, ein Bollwerk gegen den "gottlosen" Bolschewismus zu stützen.
Dem Mann in Rom als Triebfeder seines Handelns aber konsequenten Antisemitismus vorzuwerfen ist so recht noch nie gelungen. Als Beleg gilt der unsägliche Brief Pacellis sowie ein ähnliches Schriftstück aus seiner Zeit als Apostolischer Nuntius in Bayern (1917 bis 1925).
Aber weder die zwischen 1965 und 1981 publizierten vatikanischen Dokumente der Kriegszeit, immerhin 5000, brachten weitere Belege noch die Arbeit einer Wissenschaftlerkommission.
Doch Goldhagen polemisiert nicht nur gegen den Versager oder Verbrecher im Vatikan, sondern gegen die ganze Kirche. Alles, was er an Belegen für Antisemitismus zusammenträgt, hat dabei "die Kirche" zu verantworten. Alles, was er an guten Worten und Taten von Bischöfen und einfachen Gläubigen auftat, ist für ihn judenfreundliches Verhalten einer Minderheit.
Natürlich gibt es in der katholischen Kirche nach wie vor Antisemitismus. Doch Goldhagen ignoriert weitgehend, dass die Einsicht in die Mitschuld am Holocaust inzwischen herrschende Lehre ist. Eine "gelassene und freimütige Diskussion über die Haltungen der Kirche und ihrer Geistlichen gegenüber Juden vor allem in der NS-Zeit", behauptet er, "können die Kirche und ihre Verteidiger nicht dulden".
Das Gegenteil stimmt. Papst, Bischöfe und Theologen ringen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965) um die Einsicht in eigene gewaltige Schuld. ...


Aus: "Absurde Idee" GEORG BÖNISCH, ULRICH SCHWARZ  (07.10.2002)
Quelle: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-25396535.html

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[...] Gegenwärtig werde ein Kampf gegen den Glauben an Christus "generalstabsmäßig organisiert und international durchgeführt in dem von einzelnen Staaten und NGO's finanzierten Programm der Ent-Christianisierung der vom christlichen Glauben geprägten Kulturen", erklärte Kardinal Müller in einem Vortrag anlässlich des Pater-Werenfried-Jahresgedenkens. Ziel sei eine Auslöschung des Gottesglaubens zugunsten einer "materialistische[n] Konsumhaltung". 

Die Anfänge eines solchen "antichristlichen Tsunamis" sei in der Aufklärungsphilosophie des 18. Jahrhunderts und dem damit verbundenen "Humanismus ohne Gott" zu verorten. Den Atheismus brachte Müller dabei mit Vernichtungsideologien in Verbindung: "Während man in den politischen Atheismen den sicher erwarteten Tod der Religion durch die Ausrottung ihrer Anhänger beschleunigen will, wird in den liberalen Kreisen der natürliche Tod der Religion in Kürze erwartet", so der damalige Regensburger Bischof und spätere Vorsitzende der Vatikanischen Glaubenskongregation.

Neu ist diese atheismus-feindliche Haltung nicht. Müller ist bekannt für seine Aversion gegen eine vermeintlich "aggressive Gottlosigkeit", die er in der Nachfolge eines "politisch aggressiven Atheismus des Nationalsozialismus und des Kommunismus" sieht.

Um seine These "Wo Gott geleugnet wird, dort gibt es kein Recht für den Menschen, kein Recht auf Leben, kein Recht auf Selbstbestimmung" zu belegen, diffamierte er in einer Predigt den Philosophen und Vorstandssprecher der religionskritischen Giordano-Bruno-Stiftung Michael Schmidt-Salomon mit falschen Behauptungen: Angeblich habe dieser Gläubige als Schweine eingestuft und den Kindsmord befürwortet. 

Schmidt-Salomon klagte damals auf Richtigstellung und Unterlassung. Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof stellte in einem Urteil schließlich fest, dass die Behauptungen Müllers im Widerspruch zu Schmidt-Salomons tatsächlichen Veröffentlichungen standen und geeignet waren, dessen Ansehen in der Öffentlichkeit zu schaden.


Aus: "Kardinal Müller warnt vor "antichristlichem Tsunami"" Florian Chefai (5. Feb 2019)
Quelle: https://hpd.de/artikel/kardinal-mueller-warnt-antichristlichem-tsunami-16465

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Stefan Dewald am 5. Februar 2019 - 11:40

Und jetzt bleibt wieder mal die Frage offen, warum sich die römisch-katholische Kirche im letzten Jahrhundert gleich mit jedem faschistischen Regime ins Bett gelegt hat. Auch das aktuell immer noch gültige Reichskonkordat wurde mit dem Nationalsozialistischen Regime im Dritten Reich geschlossen.


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  Ralf Rosmiarek am 5. Februar 2019 - 14:39

Nur zur Ergänzung: Die evangelische Kirche stand dem nicht nach ... von Bekenntniskirche bis zu den Deutschen Christen hieß es frisch und munter: „Wir sagen ja zum Hakenkreuz!“ ... und dann bleibt noch eine andere Wahrheit: Märchen bedürfen nach wie vor keiner Argumente!


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Wolfgang Schaefer am 5. Februar 2019 - 11:40

Also dem Müller steht sein Karnevalskostüm ganz gut. Und dann noch seine Büttenreden! Hellau!


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Rüdiger Pagel am 5. Februar 2019 - 14:22

Er, Kardinal Müller, ist doch der, der den Mantel des Schweigens und Vertuschens über die Missbrauchsskandale in Regensburg gelegt hat.
Dafür wurde er dann zum Chef der Glaubenskongregation in Rom befördert.
Mit diesem erzkonservativen Hardliner erneuert sich die Kirche nie.


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Madwolf am 5. Februar 2019 - 18:18

Zuerst sollte der werte Herr sich mal erkundigen, was Atheismus ist, und den Unterschied erkennen, das Atheismus nichts mit antichristlichen Idealen gemein hat. Typisch Kirche.
Alles verteufeln, was nicht verstanden wird.
Materialismus.
Also wenn man bedenkt, was grade die römisch katholische Kirche sich an staatlichen Geldern reinzieht und mit riesigen Prachtbauten protzt, dann verstehe ich, das sie nur Angst vor der Pleite hat.


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Roland Fakler am 6. Februar 2019 - 12:55

Tatsache ist, dass sowohl religiöse als auch atheistische Weltanschauungen eine breite Blutspur in der Geschichte hinterlassen haben.
Die gemeinsame Ursache dafür liegt meines Erachtens darin, dass sie die Menschen in Auserwählte und Verdammte (Juden), in Christen und Heiden (Staatschristentum), in Muslime und Ungläubige (Islam), in Arier und Untermenschen (Faschismus), in Genossen und Klassenfeinde (Kommunismus) eingeteilt und die Falschdenkenden damit zum „Abschuss“ freigegeben haben.
Der säkulare Humanismus müsste sich nun von obigen Weltanschauungen dadurch unterscheiden, dass er keine Feindbilder aufbaut, sondern allen Menschen Würde und Menschenrechte zugesteht…im Rahmen der freiheitlich - demokratischen Ordnung.
Das wäre die Lehre aus der Weltgeschichte!


...
« Last Edit: February 07, 2019, 12:04:45 PM by Link »

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« Reply #28 on: March 13, 2019, 10:02:03 AM »
Quote
[...] Im Jahr 2015 wurde von verschiedenen humanistischen, atheistischen und säkularen Organisationen weltweit die Kampagne "End Blasphemy Laws" ins Leben gerufen. Seitdem haben sechs Länder ihre Blasphemiegesetzgebung abgeschafft oder die Abschaffung auf den Weg gebracht: Malta, Norwegen, Island, Dänemark, Kanada und Irland. Nachdem das neuseeländische Parlament vergangene Woche in dritter Lesung einen Entwurf zur Abschaffung der Blasphemiegesetzgebung annahm, reiht sich nun auch Neuseeland in den Reigen jener Länder ein, die sich von der anachronistischen Bestrafung der Beleidigung von Göttern verabschiedet haben. Zwar muss die Gesetzesänderung noch vom offiziellen Oberhaupt des Commonwealth-Staates Neuseeland, der britischen Königin Elisabeth II., abgenickt werden, doch dieser Akt gilt als Formalie.

Die Blasphemie-Gesetzgebung in Neuseeland kam selten zur Anwendung. Der letzte Fall, in dem die Behörden Blasphemie strafrechtlich verfolgten, war jener des Zeitungsverlegers John Glover im Jahr 1922 für die Veröffentlichung eines Gedichts, an dem einige christliche Gemüter Anstoß nahmen. Vom Gericht wurde Glover freigesprochen.

Laut Humanists International erklärte der neuseeländische Justizminister Andrew Little, die geplante Gesetzesänderung stelle sicher, dass die Strafgesetzgebung Neuseelands auf der Höhe der Zeit sei und die Werte der modernen und vielfältigen Gesellschaft widerspiegele, die Neuseeland heute sei. Deswegen habe man sich entschlossen, die archaische Gesetzgebung aus dem Strafgesetzbuch zu streichen. Denn eine solche Gesetzgebung untergrabe die Möglichkeiten Neuseelands, andere Staaten für ihre Blasphemie-Gesetzgebung zu kritisieren, wenn dies notwendig sei. Das Gesetz sei unpassend für Neuseeland als Bastion der Menschenrechte. Little erklärte ferner, dass es für ihn Bände spräche, dass sowohl Kanda als auch Irland sich von ihren Blasphemie-Gesetzgebungen verabschiedet hätten. "Das zeigt einfach, dass moderne Demokratien für eine solche Gesetzgebung in ihrem Strafgesetzbuch oder ihrer Verfassung keinen Platz sehen."

Vor allem in vielen mehrheitlich muslimischen Ländern gelten bis heute äußerst harsche Blasphemie-Gesetze, nach denen regelmäßig Menschen zum Tode verurteilt werden. Doch auch in Europa ist der Anachronismus bei Weitem nicht verschwunden. Auch in Deutschland gilt mit § 166 StGB noch ein Blasphemie-Paragraf, in Österreich ist es § 188 des Strafgesetzbuchs und in der Schweiz Artikel 261 des Schweizerischen Strafgesetzbuchs.


Aus: "Neuseeland stimmt für Abschaffung der Blasphemie-Gesetzgebung" Daniela Wakonigg (12. Mär 2019)
Quelle: https://hpd.de/artikel/neuseeland-stimmt-fuer-abschaffung-des-blasphemie-gesetzgebung-16584


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« Reply #29 on: March 21, 2019, 11:26:27 AM »
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[...] Seit Jahren versuchen religionsfreie Menschen in der SPD einen Arbeitskreis zu gründen, wie der hpd schon mehrfach berichtete. Erst im vergangenen Jahr wurde ihr Antrag erneut abgelehnt. Nun hat Generalsekretär Lars Klingbeil den "Säkularen Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen" – kurz "Säkulare Sozis" – erneut eine Absage erteilt: Sie dürfen sich nicht "Sozialdemokraten" nennen. Das berichtet die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) und beruft sich dabei auf einen Brief Klingbeils, den er am 5. März an die nicht-religiöse Vereinigung seiner Partei richtete.

Die "Säkularen Sozis" haben mehrere hundert Mitglieder, darunter prominente Personen aus der säkularen Szene wie die ehemaligen Bundestagsabgeordneten Ingrid Matthäus-Maier und Lale Akgün, die sich für einen aufgeklärten Islam stark macht, sowie der ehemalige Staatsminister und Staatssekretär Rolf Schwanitz. Das nicht anerkannte Bündnis setzt sich für die Belange Konfessionsfreier und einen weltanschaulich neutralen Staat ein.

Andere Weltanschauungen haben Arbeitskreise, die von der Partei akzeptiert werden: Sowohl Christen, Menschen jüdischen Glaubens und seit 2014 auch Muslime. Der Antrag der Nicht-Religiösen zur Gründung eines Arbeitskreises wurde hingegen abgelehnt, der damalige Chef der SPD, Sigmar Gabriel, begründete dies seinerzeit damit, dass die strikte Trennung von Kirche und Staat das Kernanliegen der Laizisten, nicht aber Mehrheitsposition der SPD sei.

Aktuell existieren die "Säkularen Sozis" in erster Linie im Internet. Doch auch das will der Generalsekretär jetzt unterbinden: "Auch für öffentliche Auftritte, zum Beispiel im Internet" gilt das Verbot, die Bezeichnung "Sozialdemokraten" zu verwenden. Er verlangt Respekt für die "Entscheidung, dass der Parteivorstand keinen säkularen Arbeitskreis einrichten wird und dass Ihr daher den Namen 'SozialdemokratInnen' nicht weiter verwenden könnt."

Auf die Bitte des hpd um eine Stellungnahme, welche Gründe es dafür gibt, einen säkularen Arbeitskreis nicht zuzulassen und wie die Partei das mit ihrem Selbstverständnis und dem Gleichbehandlungsgrundsatz in Einklang bringt, kam bisher keine Antwort des Parteivorstands. Dass Konfessionsfreie in der SPD diskriminiert werden, ist jedoch nichts Neues: Im vergangen Jahr berichtete der hpd über einen Fall aus Augsburg, bei dem Aktionskünstler David Farago der Eintritt in die Partei verwehrt wurde – wegen seiner religionskritischen Haltung.


Aus: "Kein Platz für säkulare Interessen in der SPD" Gisa Bodenstein (20. Mär 2019)
Quelle: https://hpd.de/artikel/kein-platz-fuer-saekulare-interessen-spd-16625

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Bernd Kammermeier am 20. März 2019 - 13:57

Ich war einst, zu Zeiten von Willy Kniefall von Warschau Brandt, ein glühender Verehrer der SPD, die eine deutliche Alternative zur stockkonservativen CDU bot.
Doch ihr schleichender Niedergang scheint Parteiprogramm geworden zu sein. Selbstzerfleischung als Ausdruck der Entdeckung der christlichen Leidensphilosophie? Welchen Blumentopf will die SPD denn noch gewinnen? Den stetig schrumpfenden Teil der christlich konfessionellen Bevölkerung krallt sich so gut es geht die Union und die AfD. Dort kann die SPD immer schwerer Wähler herausquetschen, zumal auch die Grünen ihre Gottesaffinität entdeckt haben.

Der SPD bliebe doch nur der Weg, sich für die einzige deutlich wachsende Gruppe der Bevölkerung zu engagieren: für die Konfessionsfreien. Da ist die Zukunft Deutschlands, nicht ihm Geisterglauben aus einer glücklicherweise längst vergangenen Welt.

Ich wünschte mir die SPD zurück, die sich einst voller Tatendrang für die Gleichberechtigung von Mann und Frau gegen katholische Verbände, gegen CDU und FDP durchsetzte.

Ich wünschte mir eine SPD, deren Vorsitzende einen symbolischen Kniefall vor den konfessionsfreien Steuerzahlern hinbekommt, die noch immer - 100 Jahre nach Weimar - für die üppigen Bischofs- und Kardinalsgehälter aufkommen müssen.

Ich wünschte mir eine SPD, die sich die real existierende Kirche mit ihrer Unfähigkeit zu Reformen und Selbsterkenntnis genauer anschaut und sie entsprechen kritisiert.

Ich wünschte mir eine SPD zurück, die für alle Menschen da ist - und die ich irgendwann wieder wählen kann...


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Stefan Dewald am 20. März 2019

»Die Geschichte des Pfaffentums aller Nationen und aller Konfessionen ist ein ununterbrochener Kampf gegen den aufstrebenden menschlichen Geist, eine ununterbrochene Reihe von Attentaten gegen Vernunft und Humanität.«

Wilhelm Liebknecht (Mitbegründer der SPD)

»Die Religion der Liebe, die christliche, ist seit mehr als achtzehn Jahrhunderten gegen alle Andersdenkenden eine Religion des Hasses, der Verfolgung, der Unterdrückung gewesen.
Keine Religion der Welt hat der Menschheit mehr Blut und Tränen gekostet als die christliche, keine hat mehr zu Verbrechen der scheußlichsten Art Veranlassung gegeben; und wenn es sich um Krieg und Massenmord handelt, sind die Priester aller christlichen Konfessionen noch heute bereit, ihren Segen zu geben, und hebt die Priesterschaft der einen Nation gegen die feindlich ihr gegenüberstehende Nation flehend die Hände um Vernichtung des Gegners zu einem und demselben Gott, dem Gott der Liebe, empor.«

»Genau genommen ist aber ein Arbeiter, der Kloaken auspumpt, um die Menschen vor gesundheitsgefährdenden Miasmen zu schützen, ein sehr nützliches Glied der Gesellschaft, wohingegen ein Professor, der gefälschte Geschichte im Interesse der herrschenden Klassen lehrt, oder ein Theologe, der mit übernatürlichen transzendenten Lehren die Gehirne zu umnebeln sucht, äußerst schädliche Individuen sind.«

»Christentum und Sozialismus stehen sich gegenüber wie Feuer und Wasser. Der sogenannte gute Kern im Christentum, den Sie, aber ich nicht darin finde, ist nicht christlich, sondern allgemein menschlich, und was das Christentum eigentlich bildet, der Lehren- und Dogmenkram, ist der Menschheit feindlich.«

August Bebel (Mitbegründer der SPD)



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Ernst-Günther Krause am 20. März 2019

Ich bin traurig über so viel Borniertheit in der SPD-Spitze.
Eine Partei, die säkular denkende Menschen, die mehr als ein Drittel der Bevölkerung bilden, auf eine solch intolerante Art und Weise ausschließt ...


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Gerhard Lein am 20. März 2019 - 14:35

1. Wir geben nicht auf.
2. Säkulare Bürger sind in unserem Land dabei die Mehrheit zu gewinnen. In vielen großen Städten sind sie es längst.
3. Der Sprecher*innerkreis des bundesweiten Netzwerkes säkularer Sozialdemokrat*innen trifft sich am 23.3. im SPD-Haus in Hannover.
4. Vorwärts!


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Rene Goeckel am 20. März 2019 - 16:09

Seltsam, wenn Parteien verkommen, wie einst auch die Grünen, dann immer in Richtung Religion. ...


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Bernhard Zaugg am 20. März 2019 - 23:05

So ein Armutszeugnis für eine einst große Partei! Die SPD ist tief im 20. Jahrhundert sitzen geblieben. ...



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Variationen zur Gretchenfrage...
« Reply #30 on: April 26, 2019, 11:31:34 AM »
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Freund-Feind-Den·ken
/Freúnd-Feínd-Denken/
Substantiv, Neutrum [das] (Soziologie)

    schematische Klassifizierung von Mitmenschen unter dem alleinigen Gesichtspunkt der Freundschaft oder der Feindschaft


https://www.google.com/search?q=freund+feind+denken

-

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[...] Radikale Islamisten betrachten Sufisten wegen ihrer Toleranz auch anderen Religionen gegenüber als Feinde. Die Sicherheitsvorkehrungen an den Moscheen wurden der Polizei zufolge erhöht. ...


Aus: "Drahtzieher der Anschläge in Sri Lanka soll tot sein" (26.04.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/islamistenchef-hashim-drahtzieher-der-anschlaege-in-sri-lanka-soll-tot-sein/24259574.html

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« Reply #31 on: September 10, 2019, 05:12:53 PM »
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[...] In Deutschland gibt es Hunderte Waldorfschulen und -kindergärten. Religionswissenschaftler Ansgar Martins sieht dort eine „ideologische, kitschig zurechtharmonisierte Logik der Welt“ am Werk. Doch heute werde oft vergessen, worauf der Lehrplan basiert.

Frederik Schindler: Herr Martins, die Waldorfschulen feiern gerade ihr 100-jähriges Gründungsjubiläum. Nach dem Begründer Rudolf Steiner soll die Waldorfschule ein „praktischer Beweis für die Durchschlagkraft der anthroposophischen Weltanschauung“ sein. Was kennzeichnet diese Weltanschauung?

Ansgar Martins (Religionswissenschaftler Ansgar Martins forscht unter anderem zu moderner Esoterik und zur Geschichte der Anthroposophie im Nationalsozialismus): Steiner versteht darunter eine vermeintlich wissenschaftliche Forschung in übersinnlichen Welten. Die physische Welt ist demnach nur der sichtbare Ausdruck geistiger Wesen und Kräfte. Steiner will die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Übersinnlichen bis ins Detail erforscht haben. Weil Steiner zum Beispiel erkannt haben will, dass der „Astralleib“ im 14. Lebensjahr geboren wird, kann er sagen, was Vierzehnjährige am besten zu tun und zu lassen haben, damit sie sich im Einklang mit der kosmischen Harmonie entwickeln. Konkret setzt mit 14 laut Steiner die „Geschlechtsreife“ ein, erst ab diesem Jahr dürfe man sich eigene Urteile bilden.
Aus seinen esoterischen Ansichten hat Steiner so den bis heute gültigen Lehrplan der Waldorfschulen erstellt. Ziel seiner Reformprojekte war es, Medizin, Landwirtschaft und Pädagogik auf eine neue, spirituelle Ära der Menschheitsentwicklung abzustimmen, die mittels Anthroposophie ermöglicht werde.

Frederik Schindler: In Deutschland gibt es heute 245 Waldorfschulen und 581 Waldorfkindergärten. Das sollen alles Horte der Esoterik sein?

Martins: Waldorf hat eine spirituelle Natur-Folklore aus erfundenen Traditionen entwickelt. Da gibt es Rituale zu den Jahreszeiten, Engel-Bilder, Filzfiguren von Elfen und Zwergen und nicht zuletzt den anthroposophischen Ausdruckstanz Eurythmie, der die geistigen Ur-Gesten von Buchstaben und Tönen darstellen soll. Daraus ist ein Korsett entstanden, das man auch anwenden kann, wenn man nicht an Steiners Engel- oder Planeten-Lehren glaubt.

Der Erziehungswissenschaftler Klaus Prange hat das „Weihnachtsmannpädagogik“ genannt, in der permanent mit mythischen Bildern gearbeitet wird, ohne dass je explizit aufgelöst wird, wofür sie stehen sollen. Darüber hinaus gibt es spezielle Seminare zur Ausbildung von Waldorflehrern, wo man sich detailliert mit Steiners Schriften auseinandersetzt. Dabei sind liberalere und konservativere Ausbildungsstätten und Lesarten zu unterscheiden.

Frederik Schindler: Die Waldorfschulen widersprechen der Behauptung, sie seien „Weltanschauungsschulen“. Und laut einer Studie aus dem Jahr 2013 bezeichnen sich nur ein Drittel der Waldorflehrer als praktizierende Anthroposophen.

Martins: Seit dem Boom der Waldorfschulen in den 1980er-Jahren wachsen die Schulen viel zu schnell, als dass alle Stellen mit Praktizierenden besetzt werden könnten. Es gibt seit Langem massiven Lehrermangel, und das traditionelle anthroposophische Milieu stirbt ohnehin aus. Nach der Studie, die Sie erwähnt haben, bezeichnet sich jedoch nur ein Prozent der Lehrer als „skeptisch“ gegenüber Steiner. Die Frage ist: Was machen die zwei Drittel der Lehrer, die ihn irgendwie gut finden, aber keine engagierten Anthroposophen sind?
Es wird immer mehr vergessen, worauf der Lehrplan eigentlich basiert. Aus dem Glauben wird diffuser Aberglaube, und Waldorf driftet ganz langsam ins weitere ökospirituelle Milieu ab. Anthroposophie wurde übrigens nie explizit unterrichtet. Nach Steiners Konzeption sind es nicht die Schüler, sondern die Lehrer, die einen esoterischen Schulungsweg durchlaufen sollen, um die früheren Inkarnationen ihrer Zöglinge zu erforschen.

Frederik Schindler: Sie waren selbst Schüler an einer Waldorfschule. Wie wird diese Theorie konkret im Unterricht in die Praxis umgesetzt?

Martins: Meine eigene Schulzeit habe ich als ziemlich angenehm in Erinnerung. Als Waldorfschüler bekommt man allerdings kaum einen Eindruck davon, welche Theorie da in welche Praxis umgesetzt wird. Man sagt zum Beispiel jeden Morgen einen pantheistischen „Morgenspruch“ über den „Gottesgeist“ auf, der in „Weltenraum“ und „Seelentiefen“ wirke und „Kraft und Segen“ zum Lernen spenden soll. Aber es wird nie transparent gemacht, warum. Das ist die Dimension, die meine Neugier auf die Hintergründe geweckt hat.
Anthroposophie wird unter anderem so umgesetzt, dass nach Steiners Lehre feststeht, in welchem Alter man was lernen soll: Viertklässler setzen sich mit germanischer Mythologie auseinander und schnitzen Runenstäbe. Fünftklässler durchlaufen das antike Griechenland. In der 11. Klasse wird Parzival gelesen. Diese Inhalte sind nach einem Kulturstufen-Modell des 19. Jahrhunderts angeordnet, wonach die Schüler über die Jahre die Entwicklung der Gesamtmenschheit wiederholen. Steiner stellt sich Geschichte als göttlich gelenkte Evolution vor: als einen in sich sinnig strukturierten Weg von mythischen Urkulturen bis in die Gegenwart. So ist das Curriculum aufgebaut, und schon dadurch wird eine ideologische, kitschig zurechtharmonisierte Logik der Welt und der Geschichte suggeriert.

Frederik Schindler:Rudolf Steiner ist auch für rassistische und antisemitische Überzeugungen bekannt. In der „Stuttgarter Erklärung“ des Bunds der Freien Waldorfschulen aus dem Jahr 2007 heißt es jedoch, dass sich die Waldorfpädagogik „gegen jede Form von Rassismus“ richte. Stimmt das?

Martins: Im ursprünglichen Waldorflehrplan, den Caroline von Heydebrand 1931 verschriftlicht hat, war „Völker- und Rassenkunde“ für die 7. Klasse vorgesehen. In der Neuauflage von 2009 ist diese Bemerkung kommentarlos verschwunden. Steiner hat eine Rassentheorie entwickelt, viel prägender für die Anthroposophie ist aber seine Überzeugung von der „Geistesmission Mitteleuropas“ und der Verderbtheit des englischsprachigen Westens, der von „okkulten Logen“ gesteuert werde.
Daran konnten braune wie grüne Anthroposophen anknüpfen. Auch davon grenzen sich aber einige Anthroposophen sehr entschieden ab. Insgesamt ist Anthroposophie weniger anachronistisch als sie erscheint, eher unbewusst opportunistisch. Man war zwar 1933 überzeugt, schon immer zur „Volksgemeinschaft“ erzogen zu haben. Heutzutage sind Anthroposophen jedoch ganz sicher, Anthroposophie sei schon immer dagegen gewesen. Aus Steiners geistiger Welt spricht stets der Zeitgeist. Auch das dürfte zum Erfolg der Waldorfpädagogik beitragen.



Aus: "Schulen: „Waldorf hat eine spirituelle Natur-Folklore erfunden“" Frederik Schindler (2019)
Quelle: https://www.welt.de/politik/deutschland/article199890164/Waldorfschulen-Religionswissenschaftler-sieht-spirituelle-Naturfolklore.html

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« Reply #32 on: September 25, 2019, 03:34:53 PM »
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[...] ZEIT ONLINE: Ihr neuer Film Gelobt sei Gott sorgte schon vor seinem Filmstart für einige Aufregung. Er erzählt vom Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche von Lyon – und der Täter, der ehemalige Priester Bernard Preynat, hat versucht, den französischen Filmstart per einstweiliger Verfügung zu verhindern.

François Ozon: Ja, Preynat hat gegen den Kinostart geklagt mit der Begründung, dass der Film sein Recht auf die Unschuldsvermutung verletze, weil das Urteil im Prozess schließlich noch nicht gesprochen ist.

ZEIT ONLINE: Moment – obwohl Preynat sofort gestanden hat, wie es im Film auch zu sehen ist, hat er auf sein Recht auf Unschuldsvermutung geklagt?

Ozon: Tja, da war auch ich etwas naiv. Die Unschuldsvermutung gilt auch im Falle eines Geständnisses des Angeklagten. Sie ist in Frankreich sehr wichtig. Der Richter hat dann aber abgewogen gegenüber einem anderen Recht, das sehr hoch geschätzt wird: der Freiheit der Kunst. Und er hat schließlich entschieden, dass in diesem Fall die Freiheit der Kunst wichtiger ist.

... ZEIT ONLINE: Wie haben Sie das Thema bei der Vorbereitung des Films recherchiert?

Ozon: Ich habe alle Beteiligten – alle Beteiligten auf Seiten der Opfer – getroffen und ausführlich gesprochen. Mit den Mitarbeitern der katholischen Kirche habe ich nicht gesprochen, ich konnte diesbezüglich ohnehin auf das bereits veröffentlichte Material zurückgreifen. Die Pressekonferenz zum Beispiel, in der Kardinal Barbarin diesen furchtbaren Satz sagt, dass "Gott sei Dank" ("Grâce à Dieu") alle Geschehnisse bereits verjährt seien, ist auf YouTube zu sehen. Der Titel des Films spielt auf genau diesen Satz an. In Frankreich hat er für viel Empörung gesorgt. Es war, als hätte dabei das Unterbewusstsein des Kardinals gesprochen: "Gott sei Dank ist die Mehrheit der Verbrechen verjährt."

ZEIT ONLINE: Der Satz ist gleich in doppelter Hinsicht schockierend: Zum einen, weil er bedeutet, dass Barbarin froh ist, dass die Taten verjährt sind. Und zum anderen, weil er eben das mit Gott in Verbindung bringt. Als würde Gott absichtlich die Täter schützen, nicht die Opfer.

Ozon: Eben. Der Kardinal tut so, als sei es Gottes Wille, dass sexueller Missbrauch nach einer festgelegten Frist verjährt – dabei ist es der Wille einer Justiz. Und die wurde von Menschen geschaffen.


Aus: "François Ozon: "Sehen, welche Folgen Missbrauch für die Opfer hat"" Interview: Julia Dettke (25. September 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/film/2019-09/francois-ozon-gelobt-sei-gott-film

« Last Edit: September 25, 2019, 03:41:03 PM by Link »

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« Reply #33 on: October 15, 2019, 11:06:08 AM »
Quote
[...] „Es besteht kein Konflikt, keine Meinungsverschiedenheit zwischen der Kirche, dem Heiligen Stuhl, und den Vereinten Nationen in Sachen Menschenrechten, vor allem nicht wenn es um den Frieden und den Wohlstand für alle Menschen geht.“

Silvano Maria Tomasi ist katholischer Erzbischof und ständiger Beobachter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen, der UNO. Allerdings hat der Vatikanstaat die Menschenrechtscharta der UNO nicht unterzeichnet. Die Menschenrechte stellen jene Rechte dar, die einzelne Personen vom Staat einfordern können. Der Heilige Stuhl ist einer der wenigen Staaten, die diese Rechtsforderungen der Vereinten Nationen nach wie vor ablehnen. Auch die Europäische Menschenrechtskonvention wurde bisher vom Heiligen Stuhl nicht unterzeichnet.

Aus einem präzisen Grund hat der Vatikan immer noch Probleme damit, solche internationalen Dokumente zu unterzeichnen, erklärt Daniele Menozzi, Historiker an der Universität Scuola Normale Superione in Pisa und Autor eines 2012 erschienen Buches zum Thema Kirche und Menschenrechte:
„Gegen das Recht des Menschen über sich selbst zu bestimmen argumentieren die Päpste mit dem Naturrecht, dem sich der Kirche nach die Menschen unterzuordnen haben.“

Die Kirche und die Menschenrechte: ein Thema, das die Päpste seit 1789 beschäftigt. Die Ausrufung der Menschenrechte während der Französischen Revolution überraschte die Kirche. Vor allem war Papst Pius VI. über das Verhalten des französischen Klerus angesichts der Menschenrechtserklärung überrascht.

„Die französische Kirche beteiligte sich an der Verfassung dieser Erklärung. Sie war nicht mit allen Artikeln der Erklärung einverstanden, gab aber Empfehlungen, die beim Abfassen des Textes berücksichtigt wurden. Als Rom davon erfuhr, reagierte der Papst sofort: Pius VI. verurteilte die Menschenrechtserklärung offiziell, mit dem Hinweis, dass diese Rechte der kirchlichen Lehre widersprächen.“
Die Mehrheit des französischen Klerus gehorcht dem römischen Diktat.

Mit der entschiedenen Ablehnung dieser ersten Menschenrechtserklärung beginnt Historiker Menozzi zufolge die konfliktreiche Geschichte zwischen dem Vatikan und den verschiedenen späteren Menschenrechtserklärungen:

„Das Motiv der Ablehnung solcher Erklärungen seitens der Kirche liegt in der Überzeugung der Päpste, dass sich eine menschliche Gesellschaft nach den Prinzipien Gottes und nicht der Menschen zu organisieren habe.

Und so kommt es vor allem im 19. Jahrhundert zu scharfer Kritik seitens der Päpste allen Versuchen gegenüber Menschenrechte zu deklarieren. Ende der 1870er-Jahre schließlich erklärt Papst Leo XIII., dass es innerhalb des göttlichen Naturrechts gewisse Menschenrechte gebe.“

Die Rede ist vom Sogenannten „ius divinum naturale“. Das ist jenes göttliche Recht, das aus den Hinordnungen, den inclinationes, der menschlichen Natur abgeleitet werden kann und somit dem Naturrecht vergleichbar ist. Das „ius divinum“ wird unmittelbar auf den Willen Gottes zurückgeführt. Es ist im Verständnis der Kirche überzeitlich, dem übrigen kirchlichen und menschlichen Recht übergeordnet. Es kann somit weder von weltlichen noch von kirchlichen Gesetzgebern verändert und aufgehoben werden. Aus diesem Grund tat sich vor allem die Kirche des 19. und der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts schwer damit, Menschenrechtserklärungen anzuerkennen. Schon allein deshalb, weil jede solche Erklärung den päpstlichen Primat nicht nur infrage stellt, sondern negiert. Der päpstliche Primat gilt allerdings als eine dem Willen des menschlichen Gesetzgebers entzogene weil von Gott verliehene Rechtstatsache.

Die Einstellung der Kirche den Menschenrechten gegenüber änderte sich, so Historiker Menozzi, zum ersten Mal mit Papst Johannes XXIII.:
„Vor allem mit seiner Enzyklika ‚Pacem in terris‘ von 1963 vollzog die Kirche eine tief greifende Wende. Zum ersten Mal überhaupt wurde das Wort ‚Menschenrechtserklärung‘ positiv in einem päpstlichen Dokument erwähnt. Dieser Papst war davon überzeugt, dass diese Erklärung die Basis für alle menschlichen Organisationen sein sollte.“

Johannes XXIII. eröffnete damit einen Dialog innerhalb seiner Kirche. Die bis dato hohe Barriere zwischen Menschenrechten und göttlichem Naturrecht war entschieden niedriger geworden.

Das Abschlussdokument des Zweiten Vatikanischen Konzils sprach sich aber weitaus vorsichtiger gegenüber dem Thema der Menschenrechte aus als Papst Johannes XXIII. Dort war, wenn auch mit weitreichenden Zugeständnissen der modernen Gesellschaft gegenüber, wieder vom Primat des göttlichen Naturrechts die Rede.

Mit dem Pontifikat von Johannes Paul II., vor allem aber von Benedikt XVI. setzte sich innerhalb der Amtskirche wieder jene orthodoxe Konzeption des göttlichen Naturrechts als allem menschlichen Recht übergeordnet durch.

Und jetzt, mit Papst Franziskus? Wird sich mit ihm in Sachen Kirche und Menschenrechten etwas ändern? Katholiken weltweit erwarten sich, so Historiker Daniele Menozzi, auch in diesem Punkt Veränderungen durch den Papst aus Argentinien:

„Während des Pontifikats von Benedikt XVI. kann man von einer Obsession bezüglich des göttlichen Naturrechts sprechen. Franziskus hat deutlich gemacht, das unter seinem Pontifikat diese Fixierung nicht mehr so wichtig ist. Er sagte es klar: Die Kirche darf nicht wollen, dass sich die Menschen ihrem Recht unterordnen, sondern sie muss die Frohe Botschaft verbreiten.“

Aber Menozzi glaubt nicht, dass der Vatikan bald schon UNO- und EU-Menschenrechtserklärungen unterzeichnen wird. Mit Papst Franziskus, so der Historiker, wird das Dogma des göttlichen Naturrechts als allem menschlichen Recht übergeordnet nicht etwa abgeschafft, sondern nur weniger wichtig.


Aus: "Staat und Religion: Der Vatikan und die Menschenrechte" Thomas Migge (09.01.2015)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/staat-und-religion-der-vatikan-und-die-menschenrechte.886.de.html?dram:article_id=308219

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[...] Markus Tiedemann (Jg. 1970) ist Professor für Didaktik der Philosophie und Ethik an der TU Dresden. Publikationen unter anderem: "'Liebe Fanatiker!' Philosophische Briefe an Menschen extremer Glaubensrichtungen" und "'In Auschwitz wurde niemand vergast'. 60 rechtsradikale Lügen und wie man sie widerlegt".

Er referiert am 16. Oktober (17 Uhr, NIG, Hörsaal 3D) im Rahmen der von Philosoph Konrad Paul Liessmann, Niklas Gyalpo, Bernadette Reisinger und Elisabeth Widmer in Kooperation mit dem STANDARD organisierten Vortragsreihe "Fachdidaktik kontrovers" zum Thema "Weder Tugendterror noch Nihilismus. Das Konzept der Transzendentalen Toleranzerziehung". Das Generalthema im Wintersemester 2019/20 lautet: "Erziehung zum Guten? Ethikunterricht zwischen Reflexion & Indoktrination".


STANDARD: Was halten Sie vom österreichischen Plan, Ethikunterricht nur für jene verpflichtend zu machen, die keinen konfessionellen Religionsunterricht haben?

Tiedemann: Ich finde es grundsätzlich wünschenswert, dass Ethik in Österreich nun breiter eingeführt wird, gleichwohl ist das Modell alles andere als ambitioniert. Meines Erachtens braucht die pluralistische, multikulturelle Gesellschaft ein Pflichtfach Ethik für alle, und wer dann möchte, kann zusätzlich Religion wählen. Denn diese beiden Fächer sind sehr unterschiedlich. Eine ethische oder philosophische Reflexion ist per Definition ergebnisoffen, während eine religiöse Perspektive notwendig an Dogmen gebunden ist.

STANDARD: "Ethikunterricht ist nicht religionsfeindlich", sagen Sie. Viele Kritiker des Ethikunterrichts sagen, genau das ist er.

Tiedemann: Wer sich für Ethikunterricht ausspricht, geht davon aus, dass die wesentliche Grundlage unserer Gesellschaft auf einem gemeinsamen Diskurs beruht, zu dem Menschen unterschiedlichster sozialer Prägung oder religiöser Tradition versammelt werden. Schulunterricht sollte genau das befördern. Das kann er aber nicht, wenn er junge Menschen in unterschiedlichen, kulturell homogenen Schubladen unterbringt. Vor allem gilt ein wichtiger Grundsatz: Die entscheidenden Werte unserer Gesellschaft beruhen nicht auf religiösen Überzeugungen. Die Menschenrechte sind gegen und nicht durch die Religionen erkämpft worden. Das kann gar nicht oft genug betont werden. Der Vatikan hat bis heute die Menschenrechte nicht anerkannt. Insofern darf betont werden: Wenn wir die humanistischen Grundlagen unserer Gesellschaft pflegen wollen, dann sind diese zunächst einmal areligiös. Das heißt nicht, dass man religionsfeindlich ist.

STANDARD: Eine der Befürchtungen der Kritiker eines Ethikunterrichts lautet: Da werden die Schülerinnen und Schüler einfach nur anders, eben nichtreligiös indoktriniert ... quasi Gesinnungsunterricht auf andere Art oder Political Correctness als Schulfach. Was entgegnen Sie diesem Vorwurf?

Tiedemann: Zunächst würde ich sagen: Ja, Sie benennen eine große Gefahr. Das ist die Gefahr, die in jeder Pädagogik steckt, und wir Didaktiker zerbrechen uns darüber den Kopf unter dem Stichwort Wertevermittlungsdilemma. Wie kriegen wir es hin, dass Menschen moralisch wertvolle Grundsätze entwickeln, aber gleichzeitig dem Prinzip des Selbstdenkens und der freien Urteilskraft treu bleiben? Wir können ja nicht sagen: Ich möchte, dass du deine autonome Urteilskraft schulst, aber am Ende musst du ein Vertreter von Menschenrechten, Toleranz und Demokratie sein. Wir können diese Ergebnisse nicht vorgeben ohne die philosophische Essenz des Selbstdenkens zu verraten. Es geht nicht um Wertevermittlung, sondern Werte-Entwicklung, die von Generation zu Generation neu ausgetragen werden muss.

STANDARD: Wie gehen Sie mit diesem Dilemma im Unterricht um?

Tiedemann: Die philosophische Auseinandersetzung hat ein formales Dogma: Argumentiere kohärent, nicht willkürlich. Nur die Argumente werden anerkannt, die von jedem vernunftbegabten Wesen als Argument zumindest nachvollzogen werden können. Was die Pflege der humanistischen Werte angeht, gibt es das Vertrauen auf den zwanglosen Zwang des besseren Arguments nach Jürgen Habermas. Das heißt, in einem freien, rationalen Diskurs, so die – wie ich finde, auch begründete – Hoffnung, werden sich auch die Argumente durchsetzen, die ein starkes Primat für Menschenrechte, Toleranz und Demokratie vertreten.

STANDARD: Sie haben eine Studie über kulturell-religiöse Konflikte in Schulen durchgeführt. Sind sie mehr geworden, welche sind es, und wie sollen Schulen damit umgehen?

Tiedemann: Immer dann, wenn in ein System, hier die Schule, mehr Menschen unterschiedlicher Prägung hineinkommen, steigt die Konflikthäufigkeit. Die Lehrerinnen und Lehrer berichten, dass die Organisation, der Alltag und der Unterricht formal durch mehr Konflikte belastet sind und sie auch inhaltlich vor neuen Orientierungsfragen stehen. Vor 50 Jahren hätte wohl kaum eine Lehrerin oder ein Lehrer über Ernährung bei Schulfesten nachdenken müssen. Heute muss das organisatorisch geklärt werden. Aber auch inhaltliche Fragen wie die Gleichberechtigung der Geschlechter stehen erneut auf der Agenda und müssen neu ausgehandelt werden. Religions- und Kulturkunde sind hier hilfreiche, vielleicht sogar notwendige Bestandteile des Diskurses. Sie sind aber nicht hinreichend, um entsprechende Konflikte zu lösen. Dafür bedarf es des gemeinsamen Ringens um Argumente höherer Ordnung.

STANDARD: Diese Konflikte sind lauter Beispiele, wo Schulen oder die Gesellschaft entscheiden müssen, was tolerieren wir und was nicht. Wie und wo sollen Integrationsgesellschaften da die Grenze ziehen?

Tiedemann: Wir haben eine relativ gut begründete Grenze: die Menschenrechte. Wenn Menschenrechte zur Disposition stehen, haben wir gute Gründe zu sagen: Bis hierher und nicht weiter! Prinzipiell müssen wird uns des Begriffs Toleranz bewusster werden. In der Alltagssprache herrscht ein inflationärer Gebrauch: Wenn du mich gut findest, bist du tolerant. Und wenn du mich nicht gut findest, bist du intolerant. Das hat mit Toleranz nichts zu tun. Tolerare heißt ja erleiden, erdulden. Wir müssen etwas schlecht finden, um überhaupt tolerant sein zu können. Wenn es mir egal ist, bin ich nicht tolerant, und wenn ich es gut finde, auch nicht. Ich muss es ablehnen. Ablehnen und dennoch akzeptieren, das ist die Herausforderung echter Toleranz.

STANDARD: Warum soll ich etwas, das ich schlecht finde, akzeptieren?

Tiedemann: Weil es Argumente höherer Ordnung gibt. Ein Beispiel: Mein Nachbar spielt Trompete, und ich hasse es. Ich finde es schlecht und toleriere es dennoch, weil es Argumente höherer Ordnung gibt: die Freiheit der Lebensgestaltung, Gesetzestreue, Solidarität und so weiter. Oder: Ich mag es nicht, wenn Karikaturen über meinen Propheten gemacht werden. Dennoch toleriere ich es, weil die Rechtfertigung auf Werte wie Meinungs- und Pressefreiheit verweist, die über meine subjektive Empfindung hinausweisen. Deswegen darf ich die Karikaturen nach wie vor ablehnen und schlecht finden. Niemand zwingt mich, sie zu begrüßen, aber solange ich meine Ablehnung nicht selbst mit Argumenten höherer Ordnung rechtfertigen kann, muss ich mich fügen. Rainer Forst nennt dies das Recht und die Pflicht auf allgemeine und reziproke Rechtfertigung. Die Tugend echter Toleranz muss sehr intensiv trainiert werden. Meine Hoffnung ist, dass der Ethikunterricht zum expliziten Ort für dieses Training wird.

STANDARD: Warum ist philosophisch-ethische Bildung "eine wichtige Radikalisierungsprophylaxe", wie Sie sagen?

Tiedemann: Weil mir selbstkritische Reflexion die Endlichkeit meiner eigenen Vernunft vor Augen führt. Ein Beispiel: "Kann Gott einen Stein erschaffen, den er selbst nicht heben kann?" Fragen wie diese setzen einen Reflexionsprozess in Gang, der sich mäßigend auf religiösen Fundamentalismus auswirkt. Wie kann ich blind den Geboten eines angeblich allmächtigen Gottes folgen, wenn ich diese Allmacht nicht einmal widerspruchsfrei denken kann? Ein zweites Beispiel: "Wie kann ich eine politische Bewegung auf den Begriff einer nationalen Identität gründen, wenn ich gleichzeitig nicht in der Lage bin, diesen essenziell oder historisch zu definieren?" Wo meine Rechtfertigungen inkohärent werden, ist für meine Forderungen Bescheidenheit geboten. Das zu verstehen ist eine wirkungsmächtige Dogmatismusprophylaxe. (Lisa Nimmervoll, 14.10.2019)


Aus: "Fachdidaktik kontrovers: Philosoph zum Ethikunterricht: "Menschenrechte wurden gegen Religionen erkämpft""
Interview Lisa Nimmervoll (15. Oktober 2019)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000109862955/philosoph-zum-ethikunterricht-menschenrechte-wurden-gegen-religionen-erkaempft

Quote
Jakob Stainer

Sehr gutes Interview! - Ich befürchte, dass viele, welchen es gut stehen würde das durchzudenken, nicht lesen werden.


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Kilian Schirrhackl

"Wenn die Welt erst ehrlich genug geworden sein wird, um Kindern vor dem 15ten Jahr keinen Religionsunterricht zu erteilen; dann wird etwas von ihr zu hoffen sein."
Arthur Schopenhauer (1788 - 1860), deutscher Philosoph


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jumpingjack flash

einen stein erschaffen den man nicht heben kann also der christliche Gott kann das - der schreibt auch auf krummen Linien gerade...
sprich da ist klar dass es um Dimension geht die NICHT mit unserem menschlichen verstand greifbar sind. ...


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Pater W1

Wenn Gott einen Stein erschaffen kann, den er nicht heben kann ist er nicht allmächtig - er hat zwar den Stein geschaffen, kann ihn aber trotz seiner Allmacht nicht heben. Oder er kann ihn heben, dann ist es aber kein Stein, den nicht mal er heben kann. Insofern gibt es keine Allmacht. Jetzt verstanden?


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jumpingjack flash

ja, nur entzieht sich das Verständnis dieser "Logik" völlig dem allmächtig und ungreifbaren bild des christlichen gottes (wie das bei Mohammed ist weiß ich nicht) - solche Fangfragen sind schlicht sinnlos - wie gesagt er kann auf krummen Linien gerade schreiben.
auch die Unendlichkeit ist ein begriff wo sich viele schwer tun - den zu vermitteln ist nicht leicht bis unmöglich.


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VHRedhunter

Immer wieder beeindruckend, wie sehr Rel. das Denkvermögen schädigt.


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« Last Edit: October 15, 2019, 11:14:17 AM by Link »

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Variationen zur Gretchenfrage...
« Reply #34 on: January 01, 2020, 10:06:56 PM »
Quote
[...] Ein pakistanisches Gericht hat einen Universitätsprofessor wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilt. Der Richterspruch gegen den 33-jährigen Junaid Hafeez wurde am Samstag in der Stadt Multan verkündet. Sein Anwalt nannte das Urteil „höchst bedauerlich“ und kündigte an, Berufung einzulegen. Hafeez wurde im März 2013 verhaftet, weil er sich in Onlinenetzwerken abfällig über den Propheten Mohammed geäußert haben soll. Zu diesem Zeitpunkt lehrte er in Multan. Nach dem Urteil gegen Hafeez verteilte die Staatsanwaltschaft Süßigkeiten unter ihren Kollegen, die „Allahu Akbar“ (Gott ist groß) und „Tod den Gotteslästerern“ skandierten. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International nannte das Urteil „einen groben Justizirrtum“ und forderte Hafeez‘ sofortige Freilassung. Rund 40 Menschen sitzen nach einer Schätzung der US-Kommission für internationale Religionsfreiheit aus dem Jahr 2018 nach Blasphemieurteilen in Pakistan in der Todeszelle.

...


Aus: "Todesurteil wegen Blasphemie für Professor" (Samstag, 21. Dezember 2019)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/todesurteil-wegen-blasphemie-fuer-professor.265.de.html?drn:news_id=1082917

Junaid Hafeez is a Pakistani university lecturer and graduate student who was convicted of blasphemy under Pakistan's broad blasphemy laws and sentenced to death. Arrested in 2013, Hafeez was accused of making derogatory comments about the prophet Mohammed on social media. ...
https://en.wikipedia.org/wiki/Junaid_Hafeez

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Variationen zur Gretchenfrage...
« Reply #35 on: January 06, 2020, 12:20:58 PM »
Quote
[...] Im Interview mit Talk-Master Michael Parkinson musste sich Blair zum wiederholten Male für seine Entscheidung rechtfertigen, zum Sturz Saddams an der Seite der USA Truppen in den Irak zu schicken. Der Premier sagte, er habe damals mit seinem Gewissen gerungen und, ja, auch gebetet. Aber letztlich werde das Urteil von anderen gefällt. Als Parkinson nachfragte, wer damit gemeint sei, antwortete Blair: "Wenn man an Gott glaubt, dann wird es auch von Gott gefällt." Mit dieser Antwort begab sich Blair auf ähnliches Terrain wie der Verbündete George W. Bush. ...


Aus: "Irak-Krieg: Tony Blair fragte Gott um Rat" (27.04.2009)
Quelle: https://www.merkur.de/politik/irakkrieg-tony-blair-fragte-gott-247673.html

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Quote
[...] London. Fernab feinziselierter Beamtensprache hat eine Untersuchungskommission ein vernichtendes Urteil über die Rolle Großbritanniens beim Einmarsch im Irak 2003 gefällt. „Die Ernsthaftigkeit der Bedrohung durch Waffenvernichtungswaffen wurde mit einer Sicherheit präsentiert, die nicht gerechtfertigt war“, sagte Ausschussvorsitzender Sir John Chilcot bei der Präsentation des Berichts in London. „Trotz ausdrücklicher Warnungen“ seien die Folgen der Invasion völlig unterschätzt worden, die Vorbereitungen für die Zeit nach dem Einmarsch seien vollkommen unzureichend gewesen und die Regierung habe „ihre erklärten Ziele nicht erreicht“. ...


Aus: "Ein vernichtendes Urteil über Blairs Irak-Feldzug" Gabriel Rath (06.07.2016)
Quelle: https://www.diepresse.com/5044875/ein-vernichtendes-urteil-uber-blairs-irak-feldzug

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Quote
[....] Miami – US-Präsident Donald Trump hat auf seiner ersten Wahlkampfveranstaltung des Jahres um die Stimmen der wichtigen evangelikalen Wähler geworben. "Ich glaube wirklich, dass wir Gott auf unserer Seite haben", sagte Trump mit Blick auf die Präsidentschaftswahl im November in Miami im US-Bundesstaat Florida am Freitag. ...


Aus: "Trump wirbt um evangelikale Christen: "Haben Gott auf unserer Seite"" (4. Jänner 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000112925773/trump-wirbt-um-evangelikale-christen-haben-gott-auf-unserer-seite

Quote
fizcaraldo

Wer kennt nicht die Stelle in der Bibel wo Gott verkünden lässt ein guter Christ solle sich mehrfach scheiden lassen, eine Affäre mit einer Pornodarstellerin haben und Schweigegeld zahlen um diese geheim zu halten?


Quote
Grisu der kleine Drache

Lügen und Fremdgehen, Schmiergeldzahlungen zur Vertuschung von Ehebruch ... all das wiegt nicht so schwer, Hauptsache kein gottloser "socialist" im Weißen Haus.
Die Evangelikalen scheinen sehr situationselastisch zu sein.


Quote
herr-s

Da tät ich mich jetzt nicht drauf verlassen "Haben Gott auf unserer Seite"
Das stand auch auf dem Koppelschloss der deutschen Wehrmacht.


Quote
Replagiator

Die Irren unter sich!


Quote
breite masse

Wo ist der Unterschied zur Wiener Stadthalle?
Kollektives Gebet für Sebastian Kurz in der Wiener Stadthalle
In der ausverkauften Wiener Stadthalle dankten die Veranstalter von Awakening Austria GOTT für Sebastian Kurz.

In der ausverkauften Wiener Stadthalle dankten die Veranstalter von Awakening Austria Gott für Sebastian Kurz (16. Juni 2019)
https://www.derstandard.at/story/2000104960625/kollektives-gebet-fuer-sebastian-kurz-in-der-wiener-stadthalle
"Vater, wir danken dir so sehr. Für die Weisheit, die du IHM gegeben hast. Für das Herz, das du IHM gegeben hast für dein Volk," sprach Fitzgerald, der Jesus bei einer Begegnung im Jahr 2002 kennenlernte, als er mit Drogen dealte. Die Aufrichtigkeit von Kurz richte die Nation auf, und man bete dafür, dass ihm "gerechte Führung" zuteil werde.


Quote
Suzukaze Aoba

Schlimm, diese Gottesstaaten …


Quote
Pedro007

Ich schäme mich Christ zu sein.


Quote
peter schmidt

And, I wear (the black) for the thousands who have died,
Believen' that the Lord was on their side



Quote
Charly Firpo

Sobald ein Politiker sagt "Gott ist mit uns" oder "Gott ist auf unserer Seite" wird es gefährlich.


Quote
Huitzilihuitl

Joseph Campbell in seinem Vorwort zu The Masks of God: Primitive Mythologie (1969):
„Und ich kann keinen Grund erkennen, warum man annehmen sollte, daß dieselben, oft gehörten Motive nicht weiterklingen werden … genutzt von vernünftigen Menschen zu vernünftigen Zwecken oder von Wahnsinnigen zu Unfug und Verderben.“

Den Segen in voller Länge:
https://youtu.be/HrBvMFJ_drs


Quote
Jake Gittes

Das erste Bild ist herrlich. Die Bigotterie und Heuchelei perfektest dargestellt.


« Last Edit: January 06, 2020, 02:15:07 PM by Link »

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Variationen zur Gretchenfrage...
« Reply #36 on: January 10, 2020, 03:06:28 PM »
Quote
[...] Verwirrung über eine Serie in Brasilien: Ein Gericht in Rio de Janeiro hatte den US-Streamingdienst Netflix angewiesen, sein umstrittenes Weihnachtsspecial „The First Temptation of Christ“ (Die erste Versuchung Christi) abzusetzen. Das berichteten örtliche Medien am Mittwoch. Der brasilianische Film, der Jesus als homosexuelle Witzfigur darstellt, sorge in der „mehrheitlich christlichen Gesellschaft Brasiliens“ für Unruhe, so der Richter.

... Kehrtwende dann am Donnerstagabend (Ortszeit). Das Oberste Gericht hob ein Urteil eines Bundesrichters in Rio de Janeiro auf, der die Ausstrahlung der Komödie nach Protesten christlicher Gruppen untersagt hatte, wie die Tageszeitung „Folha de São Paulo“ berichtete.

Der Präsident des Obersten Gerichts, Dias Toffoli, betonte, die Meinungsfreiheit sei unerlässlich für eine Demokratie. Eine Satire könne nicht die christlichen Werte schwächen, deren Wurzeln zweitausend Jahre zurückreichten.

...


Aus: "Netflix-Film spaltet Brasilien Jesus, ein schwuler Witz" Joachim Huber (10.01.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/netflix-film-spaltet-brasilien-jesus-ein-schwuler-witz/25404058.html

Quote
Aldermann 12:00 Uhr

Was passiert denn, wenn Religion meine unreligiösen Gefühle verletzt?


Quote
SybilleHeckenreuter 12:22 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Aldermann 12:00 Uhr

Bekanntlich gibt es Gefühle nur bei religiösen Menschen. Alle anderen sind gefühllose Rationalisten, die dereinst in der Hölle enden werden.


Quote
SybilleHeckenreuter 12:22 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Aldermann 12:00 Uhr
Bekanntlich gibt es Gefühle nur bei religiösen Menschen. Alle anderen sind gefühllose Rationalisten, die dereinst in der Hölle enden werden.

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« Reply #37 on: February 13, 2020, 09:26:02 AM »
Quote
unbedenklich 12.02.2020, 22:59 Uhr

    „Entweder er (Gott) heilt sie oder nicht“, zitiert sie den Vater. „Ich habe das Gefühl gehabt, das war richtig so für sie.“

Unfassbar. Aber nach meiner Erfahrung in einer ev. Privatschule auch alles andere als unvorstellbar.
Was ich überhaupt nicht nach einer solchen Aussage verstehe ist das Urteil.  Das ist keine grobe Vernachlässigung, sondern ein Mord. Die einzige Entschuldigung ist die geistige Verwirrung der Eltern, die die Schuldfähigkeit mindert. Ich hoffe wenigstens die anderen Kinder werden vor diesen Eltern in Sicherheit gebracht.


Zu: "Gläubige Deutsche ließen Tochter sterben – fünf Jahre Haft" (12.02.2020)
Ein streng gläubiges Ehepaar hofft und vertraut, dass Gott ihr schwerkrankes Kind heilt. Sie brachten die 13-Jährige nicht ins Krankenhaus.
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/urteil-in-oesterreich-glaeubige-deutsche-liessen-tochter-sterben-fuenf-jahre-haft/25541018.html

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« Reply #38 on: April 14, 2020, 11:31:22 AM »
Quote
[...] Keine Frage, die Corona-Pandemie lässt viele Akteure dumm dastehen. Ganze Milieus, Geschäftsmodelle und Ideologien zeigen sich in der Auseinandersetzung mit dem Virus unbewaffnet und ahnungslos, oder sie offenbaren ihre Natur als zynischer Zirkus.

Der Fußball in Stuttgart und in Mailand, der Karneval in Heinsberg und in New Orleans, der glorreiche "freie Markt" und seine Unfähigkeit, irgendwas vernünftig zu regeln, Populisten wie Trump [https://www.theguardian.com/us-news/2020/mar/28/trump-coronavirus-politics-us-health-disaster], Bolsonaro [https://www.dw.com/de/bolsonaro-und-corona-ein-gespenst-geht-um-in-brasilien/a-52960590] und die AfD (natürlich) [https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/id_87571086/hoyerswerda-afd-gruppe-spaziert-trotz-corona-krise-mit-blumen-in-klinik.html], und viele andere Stützen der Gesellschaft sind da nur ein paar Beispiele. Lustig ist das allenfalls für Sadisten, die an ihre eigene Unverwundbarkeit glauben.

Ganz besonders nackt stehen aber die Religionen da. Ihre Unfähigkeit, sinnvoll auf die Krise zu reagieren, sollte keine Überraschung sein - was in sich sinnlos ist, kann in Krisensitutationen nicht sinnvoller werden. Aber die Nachhaltigkeit, mit der sich der Budenzauber gerade blamiert, ist schon spektakulär; der Weg von der Religion zur Selbstsatire war noch selten kürzer.

Als erstes positionierten sich natürlich wieder einmal die besonders schattigen Vertreter der religiösen Zunft, wie zum Beispiel die Mullahs im Iran, die erst durch komplette Passivität und Ahnungslosigkeit glänzten, indem sie vielbesuchte Pilgerstätten geöffnet ließen und dann, wie üblich, mit lächerlichen Verschwörungstheorien von ihrer eigenen Unfähigkeit ablenken wollten. Das Ergebnis war bereits Mitte März aus dem Weltraum zu beobachten: Massengräber [https://www.mena-watch.com/coronavirus-iran-hebt-massengraeber-aus/].

Amerikanische Dudelprediger konnten natürlich auch nicht auf der faulen Haut liegen. Besonders bezeichnend in dieser Hinsicht mag das Schicksal von Landon Spradlin sein, der erst meinte, die Aufregung um Sars-CoV2 sei eine gegen Trump gerichtete politische Waffe der Medien und der dann an Covid-19 starb.

Teilweise riskierten seine Kollegen den offenen Konflikt mit der Staatsmacht [https://www.theguardian.com/us-news/2020/mar/31/florida-megachurch-pastor-arrested-for-breaching-covid-19-health-order]. Rabbis, die den Virus als Zeichen für das Nahen des Messias begriffen, moslemische Prediger, die selbstverständlich den Ursprung des Virus in den USA oder in Israel verorteten, griechisch-orthodoxe Geistliche, die ihre Gemeindeschäfchen dazu aufriefen, Ausgangssperren zu umgehen - keiner wollte beim grausigen Festival der Dummheit fehlen. Ein konservativer katholischer Kardinal namens Raymond Burke, für den es anscheinend in Italien gar nicht genug Tote geben kann, machte bei der Narrenparade natürlich auch mit [https://www.ncronline.org/news/people/catholic-cardinal-burke-says-faithful-should-attend-mass-despite-coronavirus].

Sein Chef ließ sich noch was Anderes einfallen. Am 15.3. ging er den kurzen Dienstweg und bat Gott umstandslos, die Pandemie zu beenden [https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2020-03/papst-erfleht-in-rom-ende-der-globalen-corona-pandemie.html]. Als Gott auf die Dringlichkeitsnote nicht hörte, richtete sich sein Stellvertreter wieder an das Kirchenvolk und spendete eine Extradosis Urbi et Orbi [https://www.tagesschau.de/inland/corona-papst-107.html]. Das "Expecto Patronum" des Katholizismus gibt es sonst nur zwei Mal im Jahr (und nach einer Papstwahl).

Immerhin war man nicht wahnsinnig genug, den Mummenschanz vor dem vollbesetzten Petersplatz aufzuführen, was Kardinal Burke wahrscheinlich wiederum begrüßt hätte. Das Geisterspiel ohne Publikum geriet dann unfreiwillig zu einem vernichtenden Kommentar über die ganze religiöse Pantomime. Erst auf der leeren Bühne, vor den Augen der Weltöffentlichkeit, entfaltete sich die Nichtigkeit der Zaubersprüche mit allem Nachdruck. Wie der Autor und Journalist Günther Hack kann man vermuten, dass dieses Bild von der Corona-Krise bleiben wird [https://twitter.com/guenterhack/status/1243608635516899334].

Selbstverständlich macht es keinen Sinn, jetzt Virologen und Mediziner zu allwissenden Superhelden und quasireligiösen Ersatzautoritäten aufzubauen. Das erzeugt nur einen Erwartungsdruck, dem man sich als Wissenschaftler ja entziehen muss, um arbeitsfähig, ehrlich und nüchtern zu bleiben. Und selbstverständlich gibt es religiöse Menschen, die sich in allen möglichen Situationen und Positionen sinnvoll engagieren, genau wie nichtreligiöse.

Aber die Religionen als institutionalisierte und hierarchisierte Formen des magischen Denkens (und zumal ihre herausragenden Vertreter), geben das erwartbar jämmerliche Bild ab. Das törichte Herumgefuchtel mit Monstranzen, heiligen Texten und dummen Ideen ist im besten Fall nutzlos, im schlimmsten Fall kann es ungezählte Menschen das Leben kosten. Die Corona-Epidemie macht mit seltener Deutlichkeit klar: Die Religionen haben keine Probleme, sie sind ein Problem. (Marcus Hammerschmitt)


Aus: "Pandemie und Pantomime" Marcus Hammerschmitt (13. April 2020)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Pandemie-und-Pantomime-4699684.html


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« Reply #39 on: May 13, 2020, 08:43:25 PM »
Bischof Gebhard Fürst @BischofGebhard
Als Bischof der #dioezeserottenburgstuttgart distanziere ich mich klar von den gefährlichen Theorien der Gruppe um Erzbischof Viganò. Wer die Bemühungen der Politik, Menschenleben vor dem #coronavirus zu schützen, in eine dubiose Weltverschwörung umdeutet, spielt mit dem Feuer!
https://twitter.com/BischofGebhard/status/1259782337866465282

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[...] Es gebe "Kräfte, die daran interessiert sind, in der Bevölkerung Panik zu erzeugen". "Fremde Mächte" mischten sich ein, "supranationale Einheiten" mit unklaren Absichten und "sehr starken politischen und wirtschaftlichen Interessen". Projekte, "um besser manipulieren und kontrollieren zu können", eine "Politik der drastischen Bevölkerungsreduzierung" und ein "beunruhigender Auftakt zur Schaffung einer Weltregierung". Es geht um den Kampf gegen einen "unsichtbaren Feind". Diese Zitate stammen nicht aus kruden Manifesten von Verschwörungstheoretikern, Reichsbürgern oder Esoterikern. Sie sind einem Manifest des ehemaligen US-Nuntius und Erzbischofs Carlo Maria Viganò entnommen. "Die Wahrheit wird euch frei machen" ist das dem Johannes-Evangelium entnommene biblische Motto des "für die Kirche und für die Welt  an Katholiken und alle Menschen guten Willens" gerichteten Schreibens.

Angesichts der weltweiten Einschränkungen von Freiheitsrechten zur Eindämmung der Corona-Pandemie wollen sich Erzbischof Viganò und seine Mitunterzeichner vordergründig zur Stimme einer demokratischen Öffentlichkeit und für die Bewahrung von Freiheitsrechten machen, insbesondere der Religionsfreiheit. Das am 7. Mai veröffentlichte und auf den 8. Mai datierte Manifest spart dafür nicht an raunendem Alarmismus und Versatzstücken von Verschwörungsmythen und strukturellem Antisemitismus, die die freien Völker unter der Knute von ominösen und ungenannten wirtschaftlichen und politischen Interessen sieht.

Die Liste der Unterzeichner liest sich wie ein Who is Who der Kritiker und Gegner des amtierenden Papstes Franziskus. Drei Kardinäle haben die Petition unterzeichnet. Wie der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation, Gerhard Ludwig Müller, sind auch die anderen beiden unterzeichnenden Kardinäle bereits im Ruhestand. Der ehemalige Bischof von Hongkong Joseph Zen Ze-kiun war bisher vor allem mit Kritik an der Annäherungspolitik des Vatikans an China aufgefallen. Zunehmend klangen seine Wortmeldungen zum von ihm konstatierten Ausverkauf der chinesischen Untergrundkirche verbitterter. Der dritte Kardinal im Bund war Erzbischof von Riga, seit 2010 ist er emeritiert: International wurde Janis Pujats durch seine Äußerungen zum Thema Homosexualität bekannt. Durch die EU-Mitgliedschaft seines Heimatlandes sei die lettische Gesellschaft sexualisiert worden, die EU führe einen internationalen Kreuzzug gegen das Christentum. Er zählte auch zu den Kritikern von den von Franziskus veranlassten Familiensynoden.

Neben den Emeriti unterstützen auch zwei amtierende Ortsbischöfe die Petition: Der Texaner Joseph Strickland, der vor kurzem auf Twitter den Osnabrücker Bischof unter Häresieverdacht gestellt hatte, und Tomasz Peta, Erzbischof von Astana. Weitere Bischöfe auf der Liste sind der umtriebige Weihbischof des kasachischen Bistums Astana, Athanasius Schneider, der emeritierte Salzburger Weihbischof Andreas Laun und der emeritierte Erzbischof des kasachischen Karaganda Jan Pawel Lenga, der jüngst aufgrund seiner polemischen Kritik an Papst Franziskus vom Ortsbischof seines polnischen Altersruhesitzes mit einem Predigt- und Auftrittsverbot belegt wurde. Lenga hatte den Papst unter anderem als "Antichrist" bezeichnet. Einige der Bischöfe sind bereits zuvor in Petitionen und Manifesten gegen die Linie des Papstes an die Öffentlichkeit gegangen. Der prominenteste Laie auf der Liste ist der US-Präsidentenneffe Robert Francis Kennedy jr., ein bekannter Imfpgegner.

Ursprünglich wurde noch ein vierter Kardinal von Viganò in Anspruch genommen. Dieser angebliche Unterzeichner ist der Gruppe aber schon abhanden gekommen: Kurienkardinal Robert Sarah bat darum, wieder von der Unterstützerliste entfernt zu werden. Als Kardinalpräfekt und Teil der Kurie habe er "eine gewisse Zurückhaltung in politischen Fragen" an den Tag zu legen und sollte daher keine derartigen Petitionen zeichnen, distanzierte er sich kurz nach Veröffentlichung per Twitter. Inhaltlich äußerte er dort nur verhaltene Zustimmung: Er teile "aus seiner persönlichen Sicht einige Fragen und Bedenken zur Einschränkung von Grundrechten", schloss er sein Dementi. Wie er zu Spekulationen über eine "Weltregierung", "interessierte Kräfte" und "supranationale Einheiten" steht, gab er nicht zu Protokoll. In einem ebenfalls am 8. Mai veröffentlichten Artikel für die französische Zeitschrift L'Homme Nouveau verzichtete er jedenfalls auf derartige Schuldzuweisungen, während er die Autonomie der Kirche und ihr unveräußerliches Recht auf die Feier der Liturgie stark machte.

Erzbischof Viganò dagegen veröffentlichte eine Replik auf die Aussagen des Kardinals, in der er seine Sicht des Ablaufs schildert. Demzufolge habe Sarah erst seine Unterschrift zugesagt, hätte sie später aber auf Anraten "einiger Freunde" per SMS zurückgezogen. Diese Nachricht habe Viganò erst nach Veröffentlichung des Manifests gelesen. Sarah wollte sich zu Viganòs Darstellung der Zeitabläufe nicht mehr äußern.

Angesichts der gewichtigen Vorwürfe in Viganòs Manifest bleibt es auffällig unbestimmt, gegen wen es sich richtet. Wer genau der kritisierte unsichtbare Feind sein soll, wird in dem "Aufruf für die Kirche und die Welt" nicht ausgeführt. Wer mit den "fremden Mächte" gemeint ist, die eine Weltregierung anstreben, darf der Leser selbst ausfüllen, während die Unterzeichner jederzeit darauf verweisen können, es so ja gar nicht gemeint zu haben. Insgesamt bleibt der Appell bei aller Bestimmtheit oft im Ungefähren.

Auch wer die angesprochenen "vielen maßgebliche Stimmen in der Welt der Wissenschaft und Medizin" sind, auf die sich die Unterzeichner berufen, bleibt offen. Warum sie der Meinung sind, dass angesichts von Covid-19 ungerechtfertigter "Alarmismus" vorliege, wird nicht erwähnt. Man habe "auf Grundlage offizieller Daten der Epidemie in Bezug auf die Anzahl der Todesfälle" Grund zur Annahme, es solle durch "interessierte Kräfte" Panik geschürt werden. Von welchen Zahlen das Manifest ausgeht, wird wiederum nicht transparent gemacht. Nach den Aufstellungen der Johns-Hopkins-Universität gab es bisher fast 30.000 Covid-19-Tote in Italien, wo die meisten der Unterzeichner leben, und über 75.000 Toten in den USA, wo Viganò zuletzt als Nuntius gewirkt hat.

Zwar gibt es bei der Unterstützerliste einen eigenen Abschnitt für "Ärzte, Immunologen, Virologen und Forschern", jedoch wird bei keinem eine einschlägige Spezialisierung erwähnt, stattdessen finden sich nach eigenen Angaben unter anderem Mikrochemiker, Psychiater, Psychologen, Kardiologen und Ernährungswissenschaftler unter den genannten Personen, die teilweise Verbindungen zu Impfgegner-Vereinigungen haben. Zwei der Forscher betreiben ein Laboratorium, das sich einer pseudowissenschaftlichen Theorie widmet. Unter den als unterstützende Organisationen benannten Gruppen sind neben Initiativen, die sich Lebensschutz und traditionelle Liturgie auf die Fahnen geschrieben haben, vor allem italienische Impfgegner zu finden, die auf ihren Seiten bekannte Falschinformationen zur angeblichen Schädlichkeit von Impfungen verbreiten. Dabei kommt es auch zu kuriosen Querfronten: Aus dem Netzwerk der Impfgegner ist auch eine "Associazione Atman" unter den Unterzeichnern, eine Yoga-Vereinigung, die sich nach eigenen Aussagen auf die Fahne geschrieben hat, "das Wissen und die Praxis des Raja Yoga und all jener esoterischen Traditionen zu verbreiten, die die Verbesserung des Menschen als Ganzes zum Ziel haben".

Dass Erzbischof Viganò ein derartiges Konglomerat an Verschwörungsmythen und Pseudowissenschaft anführt, überrascht in dieser Deutlichkeit, auch wenn er sich seit Beginn seiner Kampagne gegen Papst Franziskus immer schriller äußerte. Verschwörungsdenken ist ein roter Faden im Werk Viganòs. Im vergangenen Jahr zitierte ihn der Vatikan-Journalist Robert Moynihan mit einer von Viganò so genannten "Synthese seines Denkens", demzufolge in der Kirche ein seit 60 Jahren von Jesuiten betriebener marxistischer Plan zur Umgestaltung der Kirche verfolgt werde, weg von Liturgie und Moral, hin zu sozialem Engagement. Dieser Plan hätte nun mit einem Jesuiten auf dem Papstthron seinen Höhepunkt gefunden.

In seinem Manifest verzichtet Viganò diesmal auf eine direkte Kritik am Papst, spricht ihn vordergründig gar nicht an. Die raunende Sprache der Verschwörungsmythen richtet sich bei ihren säkularen Protagonisten gegen Bill Gates, George Soros, das "Weltjudentum" oder auch die Pharmaindustrie – und, als Schnittmenge zu Viganòs Weltbild, Freimaurer und Jesuiten. Wenn Viganò und seine Unterstützer von Plänen einer "Weltregierung" oder von "supranationalen Einheiten" sprechen, dann klingen dabei auch Äußerungen des Papstes in der Corona-Krise an. Wenn Franziskus sich zu den Bedrohungen zur Pandemie äußert, dann spricht der Papst von "nachhaltiger und integraler Entwicklung der ganzen Menschheitsfamilie", beim Regina Coeli am dritten Ostersonntag hatte er sich für eine Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Impfstoffe ausgesprochen. Er sieht keine Panikmache interessierter Kreise am Werk, sondern sorgt sich im Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel um die globale humanitären und politischen Auswirkungen der Pandemie und setzt sich dabei für die Schwächsten ein.

Im Zuge der Corona-Krise hatte Viganò bereits zum Exorzismus gegen die Pandemie aufgerufen und eine Petition zur Wiedereröffnung der Bäder von Lourdes veröffentlicht, da man sich im Heilwasser des Marienwallfahrtsorts nicht anstecken könne. Das allein hätte man noch als Kuriositäten einer traditionalistischen Glaubenswelt abtun können. Mit dem aktuellen Manifest ist das kaum mehr möglich. Viganò ist endgültig ins Lager des Obskurantismus abgedriftet.

Von Felix Neumann


Aus: "Erzbischof Viganò: Vom Nuntius zum Verschwörungstheoretiker" Felix Neumann (Bonn/Rom - 08.05.2020)
Quelle: https://www.katholisch.de/artikel/25438-erzbischof-vigano-vom-nuntius-zum-verschwoerungstheoretiker

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[...] Auf der Webseite des Corona-Manifests von Erzbischof Carlo Maria Viganò wurden versehentlich E-Mail-Adressen von mehreren Zehntausend Unterzeichnern veröffentlicht. Die Hauptunterzeichner, zu denen Kardinal Gerhard Ludwig Müller und verschiedene Organisationen von Impfgegnern gehören, bieten eine Mitzeichnung der Petition über ein Formular an. Durch einen technischen Fehler sind nicht nur Name, Herkunft und Organisationszugehörigkeit der Unterzeichner abrufbar, sondern zusätzlich auch die von ihnen angegebenen E-Mail-Adressen und Nachrichten an die Initiatoren.

... Der Appell "Veritas liberabit vos" ("Die Wahrheit wird euch freimachen") wurde Ende der vergangenen Woche von dem ehemaligen US-Nuntius Erzbischof Carlo Maria Viganò veröffentlicht. Zu seinen Unterzeichnern gehören die Kardinäle Gerhard Ludwig Müller und Joseph Zen aus Hongkong. In dem Text heißt es, es gebe "Kräfte, die daran interessiert sind, in der Bevölkerung Panik zu erzeugen", im "Kampf gegen einen unsichtbaren Feind" gelte es, Bestrebungen zur "Schaffung einer Weltregierung" und eine "Politik der drastischen Bevölkerungsreduzierung" zu verhindern. Das von Impfgegner-Organisationen unterstützte Papier bezweifelt die Gefährlichkeit des neuartigen Coronavirus.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und mehrere Bischöfe haben den Aussagen im Papier widersprochen. Die "Bewertung der Corona-Pandemie durch die Deutsche Bischofskonferenz" unterscheide sich grundlegend von der im Aufruf Viganòs geäußerten. (fxn)


Aus: "Datenpanne bei Viganò-Petition: Tausende E-Mail-Adressen öffentlich" (Bonn - 12.05.2020)
Quelle: https://www.katholisch.de/artikel/25478-datenpanne-bei-vigano-petition-tausende-e-mail-adressen-oeffentlich

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[...] Der ernannte Augsburger Bischof Bertram Meier hat sich deutlich von dem Corona-Aufruf von Kardinal Gerhard Ludwig Müller und Erzbischof Carlo Maria Vigano distanziert. "Jeder muss in einer freiheitlichen Gesellschaft seine Meinung frei äußern dürfen, aber in unserem Bistum haben wir einen Priester an Corona verloren" sagte Meier der "Augsburger Allgemeinen" (Mittwoch). Weiter fügte er hinzu: "Und ich denke vor allem auch an die vielen Menschen, die in verschiedenen Altenheimen in unserer Region inzwischen nach einer Covid-19-Infektion gestorben sind."

"Hier von einer 'Weltverschwörung' zu reden, empfinde ich geradezu als zynisch", erklärte Meier und betonte: "Was unser Bistum betrifft: Wir werden in der Corona-Pandemie weiterhin eng mit den staatlichen Stellen zusammenarbeiten. Denn nur gemeinsam können wir dieses Virus besiegen."

Zuvor hatten bereits mehrere Kirchenmänner das jüngst veröffentlichte Schreiben kritisiert. Von diesen "gefährlichen Theorien" distanziere er sich klar, schrieb Rottenburgs Bischof Gebhard Fürst am Montag auf Twitter: "Wer die Bemühungen der Politik, Menschenleben vor dem Coronavirus zu schützen, in eine dubiose Weltverschwörung umdeutet, spielt mit dem Feuer!" Auch der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer, der Hamburger Erzbischof Stefan Heße, der Magdeburger Bischof Gerhard Feige und der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck sowie Essens Generalvikar Klaus Pfeffer und der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, distanzierten sich von dem Aufruf.

Die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) war bereits am Wochenende auf Distanz zu dem Aufruf gegangen. "Die Deutsche Bischofskonferenz kommentiert grundsätzlich keine Aufrufe einzelner Bischöfe außerhalb Deutschlands", sagte der Konferenz-Vorsitzende, Bischof Georg Bätzing, am Wochenende: "Allerdings füge ich hinzu, dass sich die Bewertung der Corona-Pandemie durch die Deutsche Bischofskonferenz grundlegend von dem gestern veröffentlichten Aufruf unterscheidet."

Die Gruppe um Müller, Vigano und Kardinal Joseph Zen Ze-kiun hatte eine Warnung veröffentlicht, nach der die Corona-Pandemie genutzt werden solle, um eine Weltregierung zu schaffen, "die sich jeder Kontrolle entzieht". Sie werde als Vorwand genutzt, um "Grundfreiheiten unverhältnismäßig und ungerechtfertigt" einzuschränken. So ernst der Kampf gegen Covid-19 sein möge, dürfe er nicht "als Vorwand zur Unterstützung unklarer Absichten supranationaler Einheiten dienen, die sehr starke politische und wirtschaftliche Interessen verfolgen". Nach wachsender Kritik hatte Müller am Wochenende seine Unterschrift verteidigt. Interessierte kirchliche Kreise hätten das Papier benutzt, "um daraus Empörungskapital gegen ihre vermeintlichen Gegner zu schlagen", so der Kardinal. (tmg/KNA)


Aus: "Künftiger Bischof Meier: Corona-Text von Müller und Vigano "zynisch"" (Augsburg - 12.05.2020)
Quelle: https://www.katholisch.de/artikel/25474-kuenftiger-bischof-meier-corona-text-von-mueller-und-vigano-zynisch

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[...] Kardinal Gerhard Ludwig Müller wehrt sich gegen den Vorwurf, er verbreite Verschwörungsmythen. "Man gesteht einander einfach keinen guten Willen zu", sagte der frühere Präfekt der römischen Glaubenskongregation im Interview der "Zeit" (Donnerstag): "Ich verstehe nicht, warum man bei Vorwürfen immer gleich bis zum Äußersten gehen muss." Der Kardinal wehrt sich damit gegen die anhaltende Kritik an einem Brief von Erzbischof Carlo Maria Viganò, den er mit unterschrieben hatte. Darin wird unter anderem davor gewarnt, die Corona-Pandemie solle genutzt werden, um eine Weltregierung zu schaffen, "die sich jeder Kontrolle entzieht". Sie werde als Vorwand genutzt, um "Grundfreiheiten unverhältnismäßig und ungerechtfertigt" einzuschränken. So ernst der Kampf gegen Covid-19 sein möge, dürfe er nicht "als Vorwand zur Unterstützung unklarer Absichten supranationaler Einheiten dienen, die sehr starke politische und wirtschaftliche Interessen verfolgen".

Seine Unterschrift jetzt zurückzuziehen, wäre "die feige Variante", so Müller: "In der Tat stammt keine einzige Zeile von mir. Normalerweise unterschreibe ich solche Aufrufe nicht, die notwendig allgemein gehalten sein müssen und im Detail nicht präzis sein können." Aber er habe Vigano, dem man "böse mitgespielt hat und der sehr isoliert ist", auf seine Bitte nicht schroff eine Absage erteilen wollen. "Ich möchte auch klarstellen, dass ich seine Aufforderung an Papst Franziskus, zurückzutreten, nicht gutheiße", ergänzte der Kardinal. Das Papier verstehe er als einen Appell zum Nachdenken: "Wenn alles so einfach zu widerlegen ist, warum wischen unsere klugen Anti-Verschwörungstheoretiker nicht mit drei geistreichen Sätzen das Papier vom Tisch oder versenken es in der Schublade?"

Dass die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) auf Distanz zu dem Papier gegangen sei, kommentierte Müller mit den Worten: "Die Bischofskonferenz hat sich auch von der Forderung des Papstes distanziert, die Neuevangelisierung an die Spitze der katholischen Reform zu stellen. Das belastet mich und nicht die Distanzierung vom einem Dreiseitentext." Weiter betonte der Kardinal, viele Vorsichtsmaßnahmen gegen die Pandemie seien anfangs sicher richtig gewesen, doch dürfe man damit nicht jegliches Verbot rechtfertigen: "Es steht mir doch zu, Kirchenschließungen zu kritisieren, wenn Supermärkte geöffnet sind."

"Ich erachte es als eine Frechheit, wenn mich jemand als konservativ bezeichnet", sagte Müller weiter. Diese politischen Kategorien passten einfach nicht auf die Kirche. "Was ich bin und wie ich denke, das kann ich ohne Nachhilfe noch selbst definieren." Erstens sei er kein Vertreter "irgendeines weltanschaulich gefärbten Katholizismus" und zweitens kein Antipode zum Papst. "Er hat selbst zu mir gesagt, ich solle mich um dieses sinnfreie Gerede nicht kümmern, das aus der Verwechselung von Politik und Theologie kommt", so Müller.

Auf die Frage, ob die Idee einer Weltregierung nicht klassisch verschwörungstheoretisch sei, antwortete Müller: "Wer die Geschichte kennt, der weiß, dass es schon oft den Griff nach der Weltherrschaft gab - durch den Faschismus wie durch den Kommunismus." Und niemand könne leugnen, dass heute mit modernsten technischen Methoden eine totale Kontrolle der Bevölkerung möglich wäre - "etwa durch Social Scoring in China". In der Demokratie seien solche Versuche vielleicht zum Scheitern verurteilt, aber "eine gewisse Wachsamkeit erfordert die Sicherung von Freiheit und Selbstbestimmung auch heute. Die Kritiker des Briefes blenden völlig aus, dass es illiberale Maßnahmen, wie sie im Brief angesprochen sind, tatsächlich gibt. Und ich kann nicht sehen, dass im sogenannten Westen oder in China die christliche Kultur allgemein gefördert wird."

Mehrere führende Kirchenvertreter aus Deutschland hatten den Viganò-Aufruf teils scharf kritisiert. "Hier von einer 'Weltverschwörung' zu reden, empfinde ich geradezu als zynisch", erklärte etwa der ernannte Bischof von Augsburg, Bertram Meier, am Dienstag. Von diesen "gefährlichen Theorien" distanziere er sich klar, schrieb Rottenburgs Bischof Gebhard Fürst am Montag auf Twitter: "Wer die Bemühungen der Politik, Menschenleben vor dem Coronavirus zu schützen, in eine dubiose Weltverschwörung umdeutet, spielt mit dem Feuer!" Auch der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer, der Hamburger Erzbischof Stefan Heße, der Magdeburger Bischof Gerhard Feige und der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck sowie Essens Generalvikar Klaus Pfeffer und der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, distanzierten sich von dem Aufruf. Die DBK war bereits am Wochenende auf Distanz gegangen. "Die Deutsche Bischofskonferenz kommentiert grundsätzlich keine Aufrufe einzelner Bischöfe außerhalb Deutschlands", sagte der Konferenz-Vorsitzende, Limburgs Bischof Georg Bätzing, am Wochenende: "Allerdings füge ich hinzu, dass sich die Bewertung der Corona-Pandemie durch die Deutsche Bischofskonferenz grundlegend von dem gestern veröffentlichten Aufruf unterscheidet." (tmg/KNA)


Aus: "Müller zu Viganò-Aufruf: Jetzt zurückzuziehen, wäre die feige Variante" (Hamburg - 13.05.2020)
Quelle: https://www.katholisch.de/artikel/25491-mueller-zu-vigano-aufruf-jetzt-zurueckzuziehen-waere-die-feige-variante

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[...] Wien, 13.05.2020 (KAP) Der Kommunikationschef der Erzdiözese Wien, Michael Prüller, hat sich in deutlichen Worten vom jüngsten Corona-Aufruf von Ex-Glaubenspräfekt Kardinal Gerhard Ludwig Müller und dem pensionierten US-Nuntius Carlo Maria Vigano distanziert. In seiner Kolumne in der neuen Ausgabe der Wiener Kirchenzeitung "Der Sonntag" (Mittwoch) bezeichnet der Sprecher von Kardinal Christoph Schönborn wesentliche Teile des Aufrufs wörtlich als "unchristliche Panikmache".

"Ich bin für Wachsamkeit. Und man soll die Maßnahmen gegen Corona ruhig kritisch sehen. Opposition ist erlaubt und wichtig", hält Prüller fest: "Aber es ist unredlich, eine Verschwörung zu behaupten, ohne die Fakten zu nennen, die man anspricht, und ohne die 'Kräfte' zu definieren, die uns versklaven wollen. Ohne einen einzigen Beleg wird den Politikern, Wissenschaftlern, Medienleuten und Bischöfen unterstellt, dass sie nicht verantwortungsbewusst handeln, sondern entweder ahnungslose Handlanger oder vielleicht sogar selber Weltverschwörer sind."

Die Gruppe um Vigano und Müller hatte in einem internationalen Aufruf vor einigen Tagen die Aufhebung sämtlicher Beschränkungen für Gottesdienste gefordert. In dem Text findet sich auch eine Warnung, nach der die Corona-Pandemie genutzt werden solle, um eine "Weltregierung" zu schaffen, "die sich jeder Kontrolle entzieht". Sie werde als Vorwand genutzt, um "Grundfreiheiten unverhältnismäßig und ungerechtfertigt" einzuschränken.

Kritisch zu dem Schreiben äußerte sich in Österreich auch der Theologe Gunter Prüller-Jagenteufel im Interview der Kooperationsredaktion der heimischen Kirchenzeitungen. Er ortet in dem Text u.a. eine "zerstörerische Kampfrhetorik". Dem an der Universität Wien lehrenden Theologen stößt dabei schon der Einleitungssatz auf, wo mit der Formulierung "In einer Zeit schwerster Krise erachten wir Hirten der katholischen Kirche, aufgrund unseres Auftrags, es als unsere heilige Pflicht ..." offenbar der Eindruck eines offiziellen Kirchendokuments erweckt werden soll. Prüller-Jagenteufel sieht darin "Hybris" der bischöflichen Proponenten des Aufrufs, von denen die meisten emeritiert sind: "Die Hirten der Kirche sind die Ortsbischöfe, die Bischofskonferenzen, der Papst."

Zum Anliegen des Aufrufs, auf alle Beschränkungen bei öffentlichen Gottesdiensten zu verzichten, erinnert der Theologe, dass auch die Kirche an rechtliche Regelungen vonseiten des Staates gebunden sei. Basis für das Vorgehen seien zudem "nicht einzelne wissenschaftliche Sonderpositionen, sondern der breitestmögliche Konsens der Wissenschaft, der zurzeit zu erreichen ist" so Prüller-Jagenteufel. Niemand würde ernsthaftes Interesse daran haben, die Maßnahmen länger aufrechtzuerhalten als unbedingt notwendig.

Auf die Notwendigkeit der in Österreich von der Bischofskonferenz "in Eigenverantwortung" beschlossenen tiefgreifenden Einschränkungen des kirchlichen Lebens verwies auch der Presse- und Medienreferent der Österreichischen Bischofskonferenz, Paul Wuthe, zuletzt auf Anfrage von Medien. "So schmerzlich die Einschränkungen gerade im Blick auf Ostern waren, die positiven Entwicklungen bei der Eindämmung der Pandemie in den letzten Wochen zeigen, dass die Maßnahmen sinnvoll waren, was neben anderem auch zur Folge hat, dass ab 15. Mai wieder öffentliche Gottesdienste unter Auflagen stattfinden können", hielt Wuthe fest.

Die getroffenen Maßnahmen seien sowohl mit der Bundesregierung und allen anderen gesetzlich anerkannten Kirchen und Religionsgesellschaften vereinbart als auch mit ausgewiesenen Experten abgeklärt worden, erinnerte Wuthe: "Die nötigen Einschränkungen waren und sind Ausdruck einer recht verstandenen christlichen Selbst- und Nächstenliebe. Dabei war für die österreichischen Bischöfe nicht zuletzt auch das Vorbild von Papst Franziskus maßgeblich. Daher unterscheidet sich die Bewertung der Corona-Pandemie durch die Österreichische Bischofskonferenz fundamental vom jüngst veröffentlichten Aufruf."


Aus: "Kritik an Vigano-Aufruf: "Unchristliche Panikmache"" (13.05.2020, 12:03 Uhr Österreich/Kirche/Epidemie)
Quelle: https://www.kathpress.at/goto/meldung/1889605/kritik-an-vigano-aufruf-unchristliche-panikmache

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[...] Der Generalvikar des Bistums Essen, Klaus Pfeffer, wünscht sich mehr deutliche Worte gegen einen Text hoher Kirchenmänner zur Corona-Krise. Er habe sich zwar über die klare Positionierung von Essens Bischof Franz-Josef Overbeck und die vorsichtige Distanzierung des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Georg Bätzing, gefreut. "Davon abgesehen hält sich der Widerspruch aber in Grenzen", sagte Pfeffer im Interview dem Magazin "Spiegel" (Online, Sonntagabend).

Eine Gruppe um die Kardinäle Gerhard Ludwig Müller und Joseph Zen Ze-kiun hatten zusammen mit Erzbischof Carlo Maria Vigano eine Warnung veröffentlicht, nach der die Corona-Pandemie genutzt werden solle, um eine Weltregierung zu schaffen, "die sich jeder Kontrolle entzieht". Der Ruhr-Generalvikar kritisierte: "Das sind krude Verschwörungsmythen, es werden keine Fakten und Belege präsentiert." Pfeffer erkenne in dem Text eine Nähe zu Rechtspopulisten und auch zu den Anti-Corona-Demonstrationen. Diese Thesen würden "nun in ein religiöses Gewand gehüllt". Es sei erschreckend und gefährlich, dass hochrangige Vertreter der katholischen Kirche so etwas verbreiteten. "Es macht mich fassungslos."

Pfeffer erklärte zudem: "Ganz viele normale Katholiken sind entsetzt. Sie setzen sich jeden Tag dafür ein, die Pandemie einzudämmen und die Probleme zu bewältigen, die aus ihr entstehen. Und nun bekommen sie so einen Aufruf vorgesetzt." Die breite Mehrheit der Gläubigen tragen seinem Eindruck nach die Maßnahmen der Regierung mit. Der Ruf nach Lockerungen sei zwar rund um das Osterfest lauter geworden, aber er sei nie massiv gewesen. "Deshalb überrascht es mich, dass diese Verschwörungstheorien nun offenbar in kirchlichen Kreisen aber auch in Teilen der Gesellschaft insgesamt Zuspruch finden", so der Generalvikar. Er glaube nicht, dass die katholische Kirche ein generelles Problem habe. "Nun aber zeigt sich, dass der eine oder andere abrutscht und sich von vernünftigen Argumenten verabschiedet. Das ist schon heftig", so Pfeffer.

Bereits am Wochenende hatte der Essener Generalvikar den Corona-Appell der Kirchenvertreter scharf kritisiert. Jeder, der diesen Aufruf unterzeichnet habe, entblöße sich selbst, schrieb Pfeffer auf Facebook. Er sei "einfach nur fassungslos, was da im Namen von Kirche und Christentum verbreitet wird: Krude Verschwörungstheorien ohne Fakten und Belege, verbunden mit einer rechtspopulistischen Kampf-Rhetorik, die beängstigend klingt."

"Die Deutsche Bischofskonferenz kommentiert grundsätzlich keine Aufrufe einzelner Bischöfe außerhalb Deutschlands" sagte der DBK-Vorsitzende, Bischof Georg Bätzing, am Samstagabend: "Allerdings füge ich hinzu, dass sich die Bewertung der Corona-Pandemie durch die Deutsche Bischofskonferenz grundlegend von dem gestern veröffentlichten Aufruf unterscheidet."

Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck schrieb am Wochenende auf Facebook, die Kirche könne zur Bewältigung der Corona-Krise einen klaren Beitrag leisten: "Solidarität zu üben als deutliches Zeichen der Entschlossenheit, sich für das Gemeinwohl und für soziale Gerechtigkeit einzusetzen". Das beschreibe genau das Gegenteil der Positionierung "jener Populisten und anderer Verschwörungstheoretiker, die alle Anstrengungen zur Eindämmung der Pandemie als Vorwand verstehen wollen, eine hasserfüllte technokratische Tyrannei zu begründen und die christliche Zivilisation auszulöschen". Dem müsse von Seiten der Kirche klar widersprochen werden - "ganz gleich, wer solches formuliert!".

Nach wachsender Kritik hatte der deutsche Kardinal Müller seine Unterschrift unter den Text verteidigt. Interessierte kirchliche Kreise hätten das Papier benutzt, "um daraus Empörungskapital gegen ihre vermeintlichen Gegner zu schlagen", erklärte er am Sonntag. "Jeder nennt jetzt jeden Andersdenkenden Verschwörungstheoretiker." Müller sagte weiter, der von Kardinälen, Bischöfen und katholischen Laien unterzeichnete Text werde bewusst missverstanden. Er selbst stehe zu Unrecht im Zentrum der Kritik. (tmg/KNA)


Aus: "Pfeffer zu Viganò-Appell: Ganz viele normale Katholiken sind entsetzt" (Hamburg - 11.05.2020)
Quelle: https://www.katholisch.de/artikel/25455-pfeffer-zu-vigano-appell-ganz-viele-normale-katholiken-sind-entsetzt

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[...] Der Rottenburg-Stuttgarter Bischof Gebhard Fürst hat sich gegen einen von mehreren Bischöfen und Kardinälen unterzeichneten Aufruf gewandt, wonach die Corona-Krise nur ein Vorwand sei, Bürgerrechte einzuschränken und eine "Weltregierung" auf den Weg zu bringen. Von diesen "gefährlichen Theorien" distanziere er sich klar, schrieb Fürst am Montag auf Twitter: "Wer die Bemühungen der Politik, Menschenleben vor dem Coronavirus zu schützen, in eine dubiose Weltverschwörung umdeutet, spielt mit dem Feuer!" Auch der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer distanzierte sich von dem Aufruf und "macht sich die Worte des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, ausdrücklich zu eigen", wie das Bistum Regensburg am Montag mitteilte.

... Auch der Hamburger Erzbischof Stefan Heße wandte sich gegen Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie. "Ich verstehe diese Stimmen in der Gesellschaft und auch in der Kirche nicht", sagte Heße am Montag. Die Maßnahmen, die zur Eindämmung der Pandemie ergriffen worden sind, halte er für richtig und verantwortungsvoll. "Dass diese Maßnahmen von großen Teilen der Bevölkerung mitgetragen werden, ist ein Ausdruck der Solidarität, die wirklich erforderlich ist", so der Erzbischof. Der Magdeburger Bischof Gerhard Feige wandte sich gegen eine Verunglimpfung der Vorsichtsmaßnahmen - "verbreitet durch Verschwörungstheoretiker, Wutbürger und einzelne Kommentatoren sowie Politiker". Sogar manche "extreme Kirchenvertreter" gebärdeten sich auf einmal als "Pseudo-Wissenschaftler, Impfgegner und Esoteriker".

... Am Wochenende hatte der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer bereits scharfe Kritik an dem Aufruf geäußert und seine Position am Montag noch einmal untermauert. "Das sind krude Verschwörungsmythen, es werden keine Fakten und Belege präsentiert." Pfeffer erkenne in dem Text eine Nähe zu Rechtspopulisten und auch zu den Anti-Corona-Demonstrationen. Diese Thesen würden "nun in ein religiöses Gewand gehüllt".

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Aus: ""Spiel mit dem Feuer": Bischof Fürst kritisiert Viganò-Aufruf" (Rottenburg - 11.05.2020)
Quelle: https://www.katholisch.de/artikel/25459-spiel-mit-dem-feuer-bischof-fuerst-kritisiert-vigano-aufruf
« Last Edit: May 13, 2020, 08:48:02 PM by Link »