Author Topic: Terror als Themenfeld...  (Read 17154 times)

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Terror als Themenfeld...
« Reply #20 on: September 10, 2020, 03:26:03 PM »
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[...] Die IS-Fanatikerin ist Elina F. nicht mehr anzusehen. Statt der Vollverschleierung, in der sie jahrelang das Haus verließ, trägt sie an diesem Morgen eine blassrosa Bluse und kräftiges Make-up, die blondierten Haare stecken unverhüllt in einem Zopf. Sie sieht wieder aus wie damals als Jugendliche, als sie in Tonndorf lebte und im Einzelhandel arbeitete, als sie am Wochenende mit Freundinnen zum Tanzen ging. Eine Angeklagte, sagt die Vorsitzende Richterin am Oberlandesgericht, die das Gegenteil der Frau ist, die sie zwischenzeitlich war. Sieben Jahre lang war Elina F. in Syrien beim IS. Der Staatsschutzsenat verurteilt sie dafür zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und setzt die Strafe zur Bewährung aus.

Elina F., die Angeklagte, wächst in Hamburg auf. Sie geht zur Schule, macht ihren Abschluss, hat anschließend einen festen Job. Mit 19 Jahren lernt sie Serkan E. kennen. Er ist ihre große Liebe. Ein Mann, der damals polizeibekannt ist, er ist Mitglied bei den Hells Angels. Doch Serkan E. macht eine erstaunliche Wandlung: Er entdeckt den Islam für sich, wird von der Rotlichtgröße zum Glaubensbruder. Elina F. macht diese Wandlung mit.

Sie konvertiert zum Islam. Heiratet Serkan E. in einer Moschee am Steindamm, geht regelmäßig zum Gebet. Die beiden radikalisieren sich immer mehr. So sehr, dass sie sich 2013 entschließen, in den Dschihad zu ziehen, den heiligen Krieg. Serkan E. reist nach Syrien aus, Elina F. kommt zwei Monate später hinterher.

An dieser Stelle beginnt das Kapitel ihres Lebens, mit dem sie rückblickend so schnell wie möglich abschließen will. Deshalb akzeptiert sie auch das Urteil des Hanseatischen Oberlandesgerichts sofort. Sie will keine Rechtsmittel mehr, nur noch ein neues Leben. Nach dem Urteil weint sie vor Erleichterung, mit einer Bewährungsstrafe davongekommen zu sein. Dann öffnet Elina F., umringt von Freundinnen und ihrer Mutter, vor dem Gerichtsgebäude mit lautem Knall einen Sekt.

Die heute 30-Jährige hat sich endgültig vom IS abgewandt. Und sie hat ausgepackt. Sie hat nichts beschönigt, sondern eingeräumt, sogar Propaganda für das Leben im IS-Kalifat gemacht zu haben. Das betont die Vorsitzende Richterin, und sie begründet damit, wieso Elina F. mit einer Bewährungsstrafe davongekommen ist. Das ist ungewöhnlich in einem solchen Fall. Anderen Syrien-Rückkehrerinnen drohen viele Jahre Gefängnis. So auch Omaima A., der Witwe des früheren Rappers und späteren IS-Kämpfers Denis Cuspert alias Deso Dogg, die zurzeit parallel in Hamburg angeklagt ist. Für sie hat der Oberstaatsanwalt am Montag vier Jahre und zehn Monate Haft verlangt.

Das Geständnis und die Abkehr unterscheiden den Fall Elina F. fundamental von anderen. Viele Syrien-Rückkehrerinnen geben sich vor Gericht ganz naiv, als hätten sie kaum gewusst, dass der IS Menschen terrorisiert. Sie behaupten, nur ihrem Mann den Haushalt geführt zu haben, mehr nicht. Auch Omaima A., die Cuspert-Witwe, hat vor Gericht nur zögerlich über ihr Leben in Syrien ausgesagt. Der Staatsanwalt bedauerte in seinem Plädoyer am Montag, dass sie keine Lebensbeichte abgelegt habe. "Sie sind mit einzelnen Taten des IS nicht einverstanden," sagte er. "Aber Sie haben sich nicht grundsätzlich distanziert."

Anders Elina F. Sie hat einen hohen Preis für ihren Fanatismus bezahlt. 2014 kam ihr Mann Serkan E. bei Kämpfen in Syrien ums Leben, als sie im sechsten Monat schwanger war. Anschließend lebte sie weiter im sogenannten Kalifat, "wie eine Prinzessin", wie sie selbst sagt: als Märtyrerwitwe war sie hoch angesehen. Dann aber heiratete sie erneut, war der Gewalt ihres Mannes ausgesetzt, floh mit ihm und den inzwischen zwei Kindern aus Rakka, als die Bombardierungen dort zunahmen. 2017 kam auch ihr zweiter Ehemann ums Leben. Elina F. ließ sich von Schleusern an die türkische Grenze bringen. Dort landete sie in einem kurdischen Gefangenenlager. Zwei Jahre lang lebte sie dort unter katastrophalen Bedingungen, wie die Richterin sagt, und wollte nur noch weg: Zurück nach Hause. Nach Hamburg.

Diesen Januar wurde sie ausgewiesen. Mitte des Monats kam sie mit den Kindern auf dem Flughafen Fuhlsbüttel an. Ihre Anwältin Ina Franck hatte alle Hebel in Bewegung gesetzt, schließlich hatte sich auch das Auswärtige Amt für die Frau und ihre beiden Kinder eingesetzt. Das sei keine Selbstverständlichkeit, sagt die Richterin: "Bei einer selbst gewählten Ausreise zum IS gibt es keine Rückholgarantie."


Aus: "Ehefrau von IS-Kämpfer: Radikal ehrlich"  Elke Spanner, Hamburg (10. September 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/hamburg/2020-09/ehefrau-is-kaempfer-hamburg-urteil-gericht-familie

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« Reply #21 on: September 20, 2020, 08:20:06 PM »
Aus: "Opfer des Terroranschlags von Hanau: „Wir wollen Gerechtigkeit“"
In einem offenen Brief fordert ein Bündnis mehr Hilfe für die Familien der Opfer. Bund und Land reagieren verhalten.
Quelle: https://taz.de/Opfer-des-Terroranschlags-von-Hanau/!5714888/

"Prozess zum Nazi-Anschlag von Halle: Der Schmerz der Opfer"  Konrad Litschko, Redaktion Inland (15.9.2020)
Im Prozess um den Anschlag in Halle offenbart der Vater des erschossenen Kevin S., wie die Tat sein Leben veränderte. Eine Aussage führt zu Applaus.

"Gedenken an Enver Şimşek: Jena benennt Platz nach NSU-Opfer" (18.9.2020)
Enver Şimşek war der erste Mensch, den der NSU ermordete. Die Stadt Jena hat nun einen Platz nach ihm benannt.
https://taz.de/Gedenken-an-Enver-imek/!5714905/


""Rohwedder": Mord mit Hintergründen" Eine Rezension von Matthias Dell (24. September 2020)
Netflix startet seine erste deutsche True-Crime-Serie. "Rohwedder" verhandelt den ungeklärten Mord an dem Treuhandchef – und berührt dabei große Fragen des Kapitalismus.
Was den Fall betrifft, haben die Filmemacher nichts Neues zu erzählen. Aufgeklärt ist das Verbrechen bis heute nicht. O-Ton-Geber in Rohwedder wie der einstige Bundesfinanzminister Theo Waigel und der BKA-Mann Rainer Hofmeyer haben schon in anderen Formaten zum selben Thema rumgesessen, stellenweise fast wortgleich (Wolfgang Schäuble konnte dagegen nicht gewonnen werden); der RAF-Erklärer Winfried Ridder hat auf seiner – zuletzt offenbar nicht mehr aktualisierten – Website sogar eigens seine Filmografie aufgelistet. Doch die RAF-Theorie ist nun die, von der die neue Serie Rohwedder am wenigsten hält. Das merkt man daran, dass sie zuerst verhandelt wird, als die am wenigsten spannende.
Es folgt die zweite Möglichkeit: Ex-Stasi-Leute könnten aus Hass oder aus Sorge, die Treuhand käme ihren durch Ex-DDR-Außenhandelsfirmen veruntreuten Vermögen auf die Spur, von ihrer Ausbildung Gebrauch gemacht haben. Und schließlich die dritte Version: Rohwedder wurde westdeutschen Machtinteressen geopfert, um die Kritik an der Treuhand zu erschweren und mit Birgit Breuel als seiner Nachfolgerin zugleich den Kurs zu ändern (Privatisierung! Privatisierung! Privatisierung!). ...
https://www.zeit.de/kultur/film/2020-09/rohwedder-doku-serie-netflix-duesseldorf-verbrechen-mord-deutschland/komplettansicht
« Last Edit: September 25, 2020, 11:23:58 AM by Link »

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« Reply #22 on: September 27, 2020, 05:07:56 PM »
Quote
[...] Als Motiv habe er die erneute Veröffentlichung umstrittener Mohammed-Karikaturen durch "Charlie Hebdo" genannt, die er "nicht ertragen" habe.

Vor dem einstigen Sitz der "Charlie Hebdo"-Redaktion hatte ein Angreifer am Freitag zwei Journalisten einer Agentur mit einem Hackmesser attackiert und schwer verletzt. Kurze Zeit später wurde der Hauptverdächtige in der nähe des Tatorts festgenommen. Nach eigenen Angaben ist er 18 Jahre alt und kommt aus Pakistan.

... Sie wurden im Gesicht schwer verletzt. Der Angriff war unglaublich gewalttätig“, sagte Hermann. „Es gab eine echte Bereitschaft zum Töten.“ Hermann kritisierte, dass das Gebäude während des seit Anfang September laufenden Prozesses gegen mutmaßliche Helfer der Terrorserie im Januar 2015 nicht geschützt wurde.

...


Aus: "Verdächtiger gesteht Messerattacke in Paris" (26.09.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/er-habe-die-mohammed-karikaturen-nicht-ertragen-verdaechtiger-gesteht-messerattacke-in-paris/26219180.html

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Firebird 15:51 Uhr
Antwort auf den Beitrag von mcgyver 26.09.2020, 19:11 Uhr

    Ich verstehe auch nicht, warum Charlie Hebdo nun zum zweiten Mal diese Karikaturen veröffentlicht. Es war doch absehbar, dass wieder ein Anschlag stattfinden würde und vielleicht war das nicht mal der letzte. 

Hm, so haben die Attentäter wohl auch gedacht.


Quote
countrylover 26.09.2020, 16:47 Uhr

    Als Motiv habe er die erneute Veröffentlichung umstrittener Mohammed-Karikaturen durch "Charlie Hebdo" genannt, die er "nicht ertragen" habe.

Ein guter Grund für europäische Tageszeitungen wie z.B. dem TSP nun erst recht die Mohammed-Karikaturen zu veröffentlichen und damit Solidarität mit den schwerverletzten Redakteuren in Paris zu zeigen.


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Pumpi-macht-Stress 26.09.2020, 14:02 Uhr

Ideologien/Religionen vertragen schwer die Freiheiten in einer westlich-pluralistischen und demokratischen Gesellschaft. Einge der Foristen werden natürlich wieder die erneute Veröffentlichung der Karikaturen kritisieren: Ach, man muss nicht erneut Öl ins Feuer gießen.  Aber das Öl, ein heilsames Balsam, ist nicht das Problem - Feuer hat nicht nur Bücher verbrannt sondern au f den Scheiterhaufen religiöser Fanatiker brannten Menschen, bizarrerweise auch Tiere. Ach ja, Religionen sind was feines - sie geben uns Halt im morden, verbrennen, erstechen, hängen.


Quote
mansfield 26.09.2020, 16:07 Uhr
Antwort auf den Beitrag von ZyanKarli 26.09.2020, 15:13 Uhr

    Oder können Sie sich an aktuelle  Attentate von in ihrem Glaubensempfinden verletzten Buddhisten/Juden/Christen erinnern?

Na ja, z.B. als Gynaekologe, der Abtreibung vornimmt, wuerde ich mich in den USA sehr unsicher fuehlen. Was aber nicht von der Tatsache ablenkt, dass ich den Safalfismus als sehr gefaehrlich empfinde.


Quote
Pumpi-macht-Stress 26.09.2020, 18:20 Uhr
Antwort auf den Beitrag von ZyanKarli 26.09.2020, 15:13 Uhr

    Warum nehmen Sie alle Gläubige in Sippenhaft?

Sie sollten auf die Nuancen achten: Ich spreche von Ideologien/Religionen die "letzte Wahrheiten" verkünden, nicht von Gläubigen, die mal mehr oder weniger angefasst sind wenn es Kritik hagelt.


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« Reply #23 on: October 17, 2020, 11:10:26 AM »
"Mann nahe Paris enthauptet: Neun Festnahmen - Macron spricht von islamistischem Terroranschlag" (17.10.2020)
Der Lehrer war am Freitag auf offener Straße ermordet worden. Anti-Terror-Fahnder gehen von einem Zusammenhang mit den umstrittenen Mohammed-Karikaturen aus. In der Nähe von Paris ist ein Geschichtslehrer offenbar im Zusammenhang mit den umstrittenen Mohammed-Karikaturen auf offener Straße enthauptet worden. Nach der Tat am späten Freitagnachmittag nahe einer Schule in Conflans Saint-Honorine schaltete sich die französische Anti-Terror-Staatsanwaltschaft ein. Der von der Polizei angeschossene mutmaßliche Täter starb nach Angaben aus Justizkreisen später. ... Bei dem Mordopfer handelt es sich nach Polizeiangaben um einen Geschichtslehrer, der seinen Schülern im Rahmen seines Unterrichts über Meinungsfreiheit die Mohammed-Karikaturen gezeigt hatte. Die Polizei war nach Ermittlerangaben zu der Schule nordwestlich der französischen Hauptstadt gerufen worden, weil Augenzeugen einen Verdächtigen in der Nähe beobachtet hatten. Als die Beamten vor Ort eintrafen, fanden sie die Leiche des Lehrers. ... Laut „Le Monde“, die sich auf Polizeikreise beruft, behandelt der Lehrer in seiner Klasse das Thema Meinungsfreiheit im Zusammenhang mit den Karikaturen Mohammeds. Dieser Aspekt sei der Grund, weshalb die Anti-Terror-Staatsanwaltschaft die Ermittlungen übernommen habe. ... Frankreich wird seit Jahren von islamistischen Anschlägen erschüttert – dabei starben mehr als 250 Menschen. Daher ist die Terrorgefahr fast ständig im Bewusstsein der Menschen. Erst vor einigen Wochen hatte es vor dem ehemaligen Redaktionsgebäudes des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ eine Messerattacke gegeben. Als Motiv hatte der Täter die erneute Veröffentlichung umstrittener Mohammed-Karikaturen genannt, die er „nicht ertragen“ habe. (Tsp, dpa, AFP)
https://www.tagesspiegel.de/politik/mann-nahe-paris-enthauptet-neun-festnahmen-macron-spricht-von-islamistischem-terroranschlag/26283278.html
« Last Edit: October 17, 2020, 11:12:13 AM by Link »

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« Reply #24 on: October 20, 2020, 09:17:50 AM »
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[...] Die Tat war grauenhaft, dennoch oder gerade deshalb wird der Täter gefeiert. „Darf ich vorstellen: der Löwe aus Frankreich“, schreibt ein deutscher Nutzer des Messengerdienstes Telegram über den jungen Islamisten, der vergangenen Freitag im Pariser Vorort Conflans-Sainte-Honorine den Lehrer Samuel Paty enthauptet hat.

Nichts anderes als die Ehre des Propheten Mohammed „bewegte sein eifersüchtiges Herz“, postete ein anderer Muslim bei Telegram, „möge Allah dich zu seinen Shuhada zählen. Wahrlich bist du zu beneiden für deine Tatkräftigkeit.“ Shuhada ist im Arabischen der Plural für „Märtyrer“.

Die Polizei hatte den 18-jährigen Mörder kurz nach der Tat erschossen, als er die Beamten, die ihn festnehmen wollten, bedrohte. Für militante Islamisten ist der russisch-tschetschenische Attentäter Abdullah Anzorov ein Idol. Und ein Vorbild, dem womöglich weitere junge, radikalisierte Muslime nacheifern werden.

Wie gefährlich dieses Milieu in Deutschland ist, zeigt schon ein Blick auf einschlägige Straftaten. Im März 2011 verübte der gerade 21 Jahre alte gewordene Kosovare Arid Uka das erste tödliche islamistische Attentat in der Bundesrepublik. Uka erschoss am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten und verletzte zwei weitere schwer. In der Nacht vor der Tat hatte sich der schon länger in Deutschland lebende Mann mit islamistischen Videos aufgeputscht.

Im Juli 2006 stellten zwei in Deutschland studierende Libanesen, 20 und 21 Jahre alt, im Kölner Hauptbahnhof zwei Bomben in Regionalzügen ab. Die Passagiere blieben nur wegen eines technischen Defekts bei den in Trolleys versteckten Sprengsätzen von einer Katastrophe verschont. Tatmotiv der Libanesen war die Wut über den Nachdruck der verhassten Mohammed-Karikaturen in deutschen Zeitungen, darunter dem Tagesspiegel.

Ein ähnliches Motiv hatte jetzt der Mörder des Lehrers in Frankreich. Samuel Paty hatte im Unterricht beim Thema Meinungsfreiheit die Karikaturen angesprochen. Zunächst wurde Paty im Internet bedroht und beschimpft, dann stach der junge Flüchtling Abdullah Anzorov auf ihn ein.

Wie die Sicherheitsbehörden warnt auch Claudia Dantschke, eine der führenden Islamismus-Expertinnen aus dem Spektrum der Nichtregierungsorganisationen (NGOs), „das kann in Deutschland genauso passieren“. Dantschke leitet die 2011 gegründete Beratungsstelle „Hayat“ (Leben), die sich mit den härtesten Islamsten, den Salafisten, und deren Angehörigen befasst.

Zur Klientel zählen auch Dschihadisten, die Anhänger von Terrororganisationen wie dem „Islamischen Staat“ und Al Qaida. Das Bild, das Dantschke im Laufe der Jahre von den selbsternannten „Löwen“ gewonnen hat, ist allerdings jämmerlich.

„Meistens haben die keine Ahnung vom Islam“, sagt sie und spricht spöttisch von „Passmuslimen“. Das Gros der Männer im Milieu sei zwischen 17 und 27 Jahre alt. Die Jungs, die nach Syrien und Irak zum IS gereist sind, „waren zwischen 18 und 21“, sagt Dantschke. Die Frauen seien noch jünger gewesen, „von 16, 17 Jahren bis 21“.

Mädchen stiegen früher in die salafistische Szene ein, „schon mit 13 oder 14“. Warum? Mädchen seien „früher entwickelt“, sagt Dantschke. Aber sie bescheinigt auch den jungen Salafistinnen „ganz, ganz naive Vorstellungen vom islamischen Leben“. Der „Mudschahid“, der islamistische Kämpfer, sei für die jungen Frauen „ein Popstar wie Justin Bieber“.

Wie groß das Milieu junger radikalisierter muslimischer Männer und Frauen ist, lässt sich für Dantschke nicht seriös beziffern. Offensichtlich ist allerdings, dass es sich um eine kleine Minderheit handelt.

In der Bundesrepublik leben mindestens viereinhalb Millionen Muslime, der Verfassungsschutz stellt bei der Salafistenszene etwas mehr als 12.000 Männer und Frauen fest. Das Wachstum verlief rasant, 2011 waren es erst 3800. Der Anteil der Frauen sei auf über 13 Prozent gestiegen, heißt es im Bericht des Bundesamtes für Verfassungsschutz für 2019. Die Behörden tröstet nur wenig, dass die Szene, wie es in Sicherheitskreisen heißt, in diesem Jahr offenbar stagniert.

Weder der Verfassungsschutz noch Dantschke signalisieren Entwarnung. Die Ursachen für Radikalisierung verschwinden nicht. „Es gibt Jugendliche, die kommen aus sehr autoritären Familien und haben keinen Freiraum“, berichtet Dantschke.

„Und es gibt die Jugendlichen aus eher losen Familien, wo der Halt fehlt.“ Die Jungen und Mädchen aus beiden Familientypen „suchen jemanden, der sie wahrnimmt, der sie ernst nimmt, der ihnen eine Lebensperspektive bietet“. Dantschke hat die Erfahrung gemacht, „die sind nicht auf der Suche nach dem Islam, die sind auf der Suche nach Orientierung, nach Aufmerksamkeit“. Und landeten bei den Salafisten.

Aus Sicht von Dantschke ist die Situation in Frankreich allerdings noch bedrohlicher als in Deutschland. Die soziale Ausgrenzung junger Muslime aus den „Banlieues“, den Hochhaussiedlungen am Rande von Paris und weiteren Großstädten, sei härter als in der Bundesrepublik. Der französische Staat reagiere auf Protest meist mit Repression, „das geht nicht an die Ursachen ran“. Deutschland sei mit dem staatlich geförderten Netzwerk der Prävention besser aufgestellt.


Aus: "Für sie ist der Mörder aus Frankreich ein Idol" (19.10.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/radikalisierte-muslime-in-deutschland-fuer-sie-ist-der-moerder-aus-frankreich-ein-idol/26288138.html


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« Reply #25 on: October 20, 2020, 09:35:29 AM »
Thomas Pany (17. Oktober 2020): “ … Der Lehrer für Geschichte und Geografie, Mitte Vierzig, unterrichtete seit vielen Jahren Schüler über Religionen. Eine Unterrichtsstunde, die er Anfang Oktober am Collège du Bois-d’Aulne in dem genannten Ort Conflans-Saint-Honorine gab, sorgte für Aufregung. Es ging um Meinungsfreiheit. Das Thema wollte der Lehrer anhand der Mohammed-Karikaturen erläutern [https://de.wikipedia.org/wiki/Mohammed-Karikaturen]. Dazu fragte er die Schüler danach, wer muslimischen Glaubens ist und erklärte ihnen, dass sie den Unterrichtsraum verlassen können, wenn sie wollen. …“ https://www.heise.de/tp/features/Der-gekoepfte-Lehrer-4931243.html

-

Quote
[...] In Frankreich laufen nach der Ermordung des Lehrers Samuel Paty zahlreiche Polizeieinsätze gegen Islamisten. Sie würden sich gegen "Dutzende Personen" aus dem radikalisierten Milieu richten, sagte Innenminister Gérald Darmanin. Derartige Polizeieinsätze würden auch in den kommenden Tagen fortgesetzt.

Die Islamisten stünden "nicht unbedingt in Verbindung" mit dem Mord an dem Lehrer, sagte Darmanin. Die Einsätze zielten vielmehr darauf ab, "eine Botschaft zu vermitteln: nicht eine Minute Aufschub für die Feinde der Republik".

Darmanin ordnete zudem an, eine Moschee in einem Vorort von Paris zu schließen. Die Moschee habe bei Facebook ein Video geteilt, in dem der Unterricht des getöteten Lehrers angeprangert wurde, sagte der Minister. Dem Imam der geschlossenen Moschee im Pariser Vorort Pantin warf der Minister vor, den Lehrer bedroht und die Adresse der Schule veröffentlicht zu haben.

Eine Gruppe namens BarakaCity, gegen die die französischen Behörden ebenfalls vorgehen wollen, warf dem Innenminister beim Onlinedienst Twitter vor, "verrückt" zu werden und eine Tragödie auszunutzen. Die Gruppe beschreibt sich selbst als humanitäre Organisation.

Im französischen Verteidigungsrat unter Vorsitz von Präsident Emmanuel Macron war am Sonntagabend beschlossen worden, stärker gegen Radikalisierung vorzugehen und auch den Hass im Netz stärker in den Blick zu nehmen.

Seit der Ermordung des Lehrers seien rund 80 Beschwerden gegen die Verbreitung von Hass im Internet eröffnet worden, sagte der Minister. Es handele sich dabei etwa um Nachrichten, die die Tat verherrlicht hätten.

Darmanin sprach auch davon, dass der Mann, der im Netz gegen den Lehrer mobilisiert hatte, und andere, "eine Fatwa gegen den Lehrer erlassen" hätten. Es gebe kein anderes Wort, sagte Darmanin. Eine Fatwa ist im Islam eine Rechtsauskunft, um ein religiöses oder rechtliches Problem zu klären. Weltweit negative Schlagzeilen machte der Begriff, als der iranischen Revolutionsführer Ajatollah Ruhollah Chomeini 1989 eine Todesdrohung gegen den britischen Schriftsteller Salman Rushdie wegen Gotteslästerung aussprach.

Der Lehrer war am Freitagvormittag in einem Vorort von Paris ermordet worden. Der Täter mit russisch-tschetschenischen Wurzeln wurde von der Polizei erschossen. Kurz nach der Tat hatte dieser im Netz damit geprahlt und geschrieben, der Pädagoge habe den Propheten Mohammed herabgesetzt.

Der 47-jährige Geschichtslehrer Samuel Paty hatte zum Thema Meinungsfreiheit Mohammed-Karikaturen im Unterricht gezeigt. Daraufhin hatte der Vater einer Schülerin massiv im Netz gegen ihn mobilisiert. Macron nannte die Tat einen islamistischen Terrorakt.

Die Bundesregierung zeigte sich entsetzt von dem Anschlag. Es handele sich um die "Tat eines islamistischen Fanatikers" und einen "grauenhaften Mord", der weit über Frankreich hinaus Entsetzen ausgelöst habe, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Das Opfer habe über Meinungsfreiheit und die Freiheit, zu glauben oder nicht zu glauben, unterrichtet. Damit habe der Lehrer "ganz den Werten Frankreichs, Deutschland, unseres gemeinsamen Europas" entsprochen.

Es sei bewegend gewesen, zu sehen, wie am Sonntag in Paris die Menschen in Trauer und Erinnerung an den Getöteten für diese Werte demonstrierten, sagte Seibert weiter. "Die Bundesregierung steht an ihrer Seite gegen islamistische Gewalt, gegen Hass in jeder Form." Das Mitgefühl gelte der Familie des Ermordeten. Zehntausende hatten am Sonntag in ganz Frankreich an Trauerkundgebungen für Samuel Paty teilgenommen.


Aus: "Polizeieinsätze nach Enthauptung von Lehrer in Paris" (19. Oktober 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-10/frankreich-enthauptung-lehrer-islamismus-polizeieinsaetze

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Malteserkreutz #5
"Der Geschichtslehrer Samuel Paty hatte zum Thema Meinungsfreiheit Mohammed-Karikaturen im Unterricht gezeigt."

Schlimm, wenn die Ausübung von Aufklärung inzwischen mit Todesgefahr verbunden ist. Den militanten Feinden der Freiheit muss auch in Deutschland mit mehr Härte begegnet werden und es muss unterbunden werden, dass sie das Freiheitsrecht der Religionsausübung so missbrauchen.

Monsieur Paty, es tut mir sehr leid!


Quote
LinuxSchurke #5.2

Enthauptung fällt aber nicht unter „Freiheitsrecht der Religionsausübung“


...


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« Reply #26 on: October 20, 2020, 09:43:00 AM »
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[...] PARIS taz | Zehntausende von Menschen sind am Sonntagnachmittag in zahlreichen Städten Frankreichs zusammengeströmt, aus Solidarität mit dem Lehrer Samuel Paty, der am Freitag von einem jungen Tschetschenen ermordet worden war. Dazu aufgerufen hatten Gewerkschaften und auch die Redaktion von Charlie Hebdo.

Am Freitag gegen 17 Uhr hatte die Kriminalpolizei auf der Straße im Pariser Vorort Conflans-Sainte-Honorine einen Mann mit einem blutigen Küchenmesser entdeckt. Nach einer kurzen Verfolgungsjagd wurde er gestellt. Auf die Aufforderung der Polizei hin, seine Stichwaffe auf den Boden zu legen, habe der Mann aggressiv reagiert und die Beamten auch mit einer Schusswaffe bedroht, so die Polizei, die ihn daraufhin erschoss. Nicht weit entfernt, vor der Mittelschule von Conflans-Sainte-Honorine, machten die Polizisten dann einen makabren Fund: Die Leiche des erstochenen und enthaupteten Geschichtslehrers Paty.

Der Schock darüber sitzt tief, und die Aufmärsche sollen auch zum Ausdruck bringen, dass man sich nicht einschüchtern lassen will. Neben Schildern, auf denen „JeSuisSamuel“ in Anlehnung an „Ich bin Charlie“ steht, trugen viele Demons­tran­ten Kartons mit der Aufschrift „Je suis Enseignant“ oder „Je suis Professeur“ (Ich bin Lehrer). Ist allein die Tatsache, in einer Schule zu unterrichten, heute ein Grund, buchstäblich den Kopf zu riskieren, weil der offizielle Lehrplan irgendwelche Fanatiker empört?

Solche Gedanken bewegten die Demonstrierenden am Sonntag auf der Place de la République. Ihnen ist bewusst, dass es nicht um ein terroristisches Verbrechen unter vielen geht. Das Attentat von Conflans-Sainte-Honorine ist wie die Attacke auf Charlie Hebdo im Januar 2015 ein Test für die Grundrechte und im Speziellen für die Verteidigung der Presse- und Meinungsfreiheit, die in Frankreich explizit das Recht auf Blasphemie einschließt. Doch zunächst geht es darum, etwas an sich Unbegreifliches zu verstehen.

Dazu wird die Persönlichkeit des Täters unter Lupe genommen. Der 2002 in Moskau geborene Tsche­tsche­ne Abdoullakh Anzorov war mit seiner Familie nach Frankreich geflüchtet und genoss politisches Asyl. Weder seine Angehörigen noch die Behörden wussten offenbar etwas von seiner islamistischen Radikalisierung: Er war nicht als Extremist in der „S-Datei“ potenzieller Staatsfeinde registriert. Die Polizei kannte ihn wegen kleinerer Delikte in Evreux. Ein Nachbar verriet der Sonntagszeitung Journal du di­manche nachträglich: „Er sprach mit niemandem, er machte mir Angst.“

Der junge Anzorov war weder ein ehemaliger Schüler von Samuel Paty, noch kannte er diesen persönlich. Er hatte auf dem Internet von einer Polemik in einer Schule in Conflans-Sainte-Honorine gehört. Auf Twitter bekannte er sich zu seiner Tat, mit der er den Propheten zu „rächen“ suchte. Er war dafür am Freitag aus Evreux angereist. Inzwischen ist auch bekannt, dass er mehrere Stunden vor der Mittelschule wartete und Jugendliche fragte, wer unter den herauskommenden Erwachsenen Samuel Paty sei.

Begonnen hatte alles mit einer Unterrichtstunde über Meinungsfreiheit. Zu diesem Zweck wollte der Lehrer als Beispiel unter anderem zwei Mohammed-Karikaturen aus Charlie Hebdo zeigen. Da er wusste, dass dies einige Muslime unter seinen Schülern stören konnte, sagte er ihnen, sie sollten wegschauen oder kurz das Klassenzimmer verlassen. Am Tag darauf kam eine Mutter in die Schule und beschwerte sich, weil ihre Tochter „wegen ihres Glaubens“ aus der Klasse verwiesen worden sei. Auf Wunsch der Schulleitung organisierte Paty eine Aussprache und entschuldigte sich sogar.

Doch im Viertel wurde die Geschichte verdreht. In einer anonymen empörten Mail an die Schule war von einem „islamophoben Klima“ die Rede. Und am selben Tag veröffentlichte Brahim C., der Vater einer Schülerin, die nicht in Patys Klasse war, auf Facebook einen feindseligen Appell gegen den Lehrer. Später nannte er sogar Patys Namen und Wohnadresse. Er befindet sich deswegen heute zusammen mit zehn anderen Personen zur Befragung in Polizeigewahrsam.

Schnell verbreitete sich die islamistische Version der Geschichte über Conflans-Sainte-Honorine hinaus. Wie genau sie Anzorov zu seiner Bluttat anstiftete, ist noch nicht klar. Verantwortlich für die Eskalation könnte nach Polizeiangaben mit seinen denunzierenden Aufrufen der ebenfalls festgenommene marokkanische Prediger Abdelhakim S. sein, der wegen seiner Nähe zu Islamisten registriert ist. Paty sei ein „Schurke, der die Meinungsfreiheit instrumentalisiere“, sagte er der Schulleitung, die ihn vergeblich zu einem Treffen mit Paty eingeladen hatte.

Paty, der sich bedroht fühlte, reichte Klage wegen Verleumdung ein. Inzwischen war die Sache auch den Sicherheitsbehörden bekannt, die indes nicht reagierten. In diesem Zusammenhang fordern jetzt die demonstrierenden LehrerInnen, dass ihre Hinweise ernster genommen werden als bisher.


Aus: "Trauer um ermordeten Lehrer bei Paris: Der Lehrer und die Hetze" Rudolf Balmer (18. 10. 2020)
Quelle: https://taz.de/Trauer-um-ermordeten-Lehrer-bei-Paris/!5720050/

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« Reply #27 on: October 22, 2020, 08:59:26 PM »
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[...] BERLIN taz | In Dresden wurde offenbar ein islamistischer Terrorakt verübt. Am 4. Oktober stach ein bislang unbekannter Mann in Dresden mit einem Messer auf zwei Touristen aus Nordrhein-Westfalen ein. Einer der beiden, ein 55-jähriger Mann aus Krefeld, wurde dabei tödlich verletzt und starb im Krankenhaus. Sein 53-jähriger Begleiter wurde verletzt.

Am Dienstagabend, über zwei Wochen nach der Tat, wurde der 20-jährige mutmaßliche Täter festgenommen und Haftbefehl wegen Mordes, versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung erlassen. Am Dienstag wurden DNA-Spuren des Verdächtigen am Tatort gefunden. Die Generalbundesanwaltschaft hat mittlerweile die Ermittlungen an sich gezogen, im Raum steht ein islamistisches Tatmotiv.

Der Verdächtige kam im Oktober 2015 als Asylsuchender aus Syrien nach Deutschland, und wandte sich offenbar in Dresden dem Islamismus zu. Seit dem 31. August 2017 führten die Behörden ihn als islamistischen Gefährder und hielten „politisch motivierte Straftaten von erheblicher Bedeutung“ für möglich.

Der 20-Jährige war den Behörden also einschlägig bekannt, saß zudem bis vor Kurzem in Haft. Verurteilt wurde er unter anderem wegen Anleitung zur Begehung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat sowie des Werbens für die islamistische Terrororganisation „Islamischer Staat“ zu mehr als zwei Jahren Haft. Diese saß er bis zum 29. September dieses Jahres in der Jugendstrafvollzugsanstalt Regis-Breitingen ab – bis fünf Tage vor der Tat also.

In der Haft sei an einer Deradikalisierung des Verdächtigen gearbeitet worden, jedoch ohne Erfolg, wie Petric Kleine, Präsident des sächsischen Landeskriminalamts, am Donnerstagnachmittag mitteilte. Noch am 17. Juli sei die Gefahr weiterer islamistisch motivierter Straftaten als „hoch“ eingeschätzt worden, entsprechend wurden ihm strenge Auflagen erteilt.

Der Verdächtige musste sich mehrfach in der Woche persönlich bei der Polizei melden, der Besitz von Hieb- und Stichwaffen sowie eines internetfähigen Telefons wurde ihm verboten. Diesen Auflagen kam er zunächst offenbar nach. Eine 24-Stunden-Observation sei laut Dirk-Martin Christian, Präsident des sächsischen Landesamts für Verfassungsschutz, rechtlich nicht möglich gewesen.

Und doch beobachtete sein Landesamt den Tatverdächtigen. In den beiden Tagen vor dem und sogar am Tattag selbst hätten punktuelle Observationen stattgefunden, am 9. Oktober noch eine Gefährderansprache. Weder den Kauf eines Messers, mutmaßlich in einem Dresdner Kaufhaus, noch die Tat selbst konnte dadurch verhindert werden. Dies liege, so Christian, an der Art der Tat. „Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit“, bedauert der Verfassungsschützer.

Auch die politische Debatte um den Fall beginnt hochzukochen. Sachsens Innenminister Roland Wöller (CDU) kritisierte die nicht mögliche Abschiebung des Tatverdächtigen nach Syrien. Bereits am 27. November 2019 wurde dessen Ausweisung aus Deutschland wegen dessen Straffälligkeit angewiesen. Da Deutschland aufgrund der unsicheren Lage nicht nach Syrien abschiebt, kam es hierzu nicht. „Die Sicherheit der Bevölkerung geht eindeutig vor“, schrieb Wöller bei Twitter. Politiker der AfD forderten ebenfalls Abschiebungen.

„Abschiebungen nach Syrien sind rechtlich nicht möglich“, entgegnet Ferdinand Dürr von der Nichtregierungsorganisation Adopt a Revolution. Er verweist auf systematische Folter des syrischen Regimes und den nach Syrien gereisten deutschen Islamist*innen. „Innenminister Wöller will offenbar vom Versagen seiner Sicherheitsorgane ablenken“, so Dürr.


Aus: " Messerattacke in Dresden: Verdächtigter wurde beobachtet"  Kevin Čulina ( 22.10.2020)
Quelle: https://taz.de/Messerattacke-in-Dresden/!5720528/

"Mann in Dresden erstochen Islamist wurde am Tag der Tat observiert" (Donnerstag, 22. Oktober 2020)
https://www.n-tv.de/politik/Islamist-wurde-am-Tag-der-Tat-observiert-article22118049.html

"Anschlag in Dresden: Behörden verschweigen offenbar Homophobie als mögliches Tatmotiv" Von Tillmann Warnecke  (1. November 2020)
Der Attentäter von Dresden könnte sein Opfer aus homofeindlichen Gründen getötet haben. Die Ermittlungsbehörden sagen dazu nichts. Die Wut in queeren Verbänden ist groß.
https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-11/anschlag-dresden-homophobie-hintergrund-messerattentat-islamismus-kritik-behoerden-terror

« Last Edit: November 01, 2020, 01:07:27 PM by Link »

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« Reply #28 on: October 27, 2020, 09:20:31 AM »
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[...] die These vom verwirrten Einzeltäter gilt schon lange nicht mehr: Der Mord an Samuel Paty hat noch einmal fast lehrbuchartig vor Augen geführt, dass es ohne ein breites ideologisches Umfeld solche Taten nicht geben kann: Ein Vater, der mit Unterstützung eines landesweit bekannten Islamisten in der Schule seiner Tochter die Strafversetzung eines Lehrers fordert und im Internet gegen ihn hetzt – obwohl die Tochter in besagter Geschichtsstunde gar nicht anwesend war.

Ein islamistischer Prediger, der in der Großen Moschee von Pantin walten darf, auf deren Facebook-Seite das Hetzvideo des Vaters gegen den Lehrer verbreitet wird. Ein Video, das den Täter erst auf den Lehrer aufmerksam macht. Bis hin zu einer Studentin, die in den sozialen Medien die Tötung Patys gutheißt. Sie wurde zu drei Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Ja, das mag symbolisch sein; ja, nur mit Verboten lässt sich dem Problem nicht beikommen, das seine Wurzeln auch darin hat, dass viele junge Leute mit Migrationshintergrund in Frankreich sozial abgeschlagen sind.

...


Aus: "Macron nimmt den Kampf mit den geistigen Brandstiftern auf" Aus einer Kolumne von Andrea Nüsse (27.10.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/mehr-solidaritaet-mit-frankreich-macron-nimmt-den-kampf-mit-den-geistigen-brandstiftern-auf/26309512.html

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[...] Murat Kayman ist Jurist und war von 2014 bis 2017 Koordinator der Landesverbände des islamischen Dachverbands Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib). Nach der Affäre um die Spitzeltätigkeit von Imamen in Deutschland legte er sein Amt nieder. In diesem Gastbeitrag, der auf einem längeren Blogeintrag basiert, setzt er sich nach dem Attentat auf den Pariser Lehrer Samuel Paty kritisch mit der Haltung muslimischer Verbände und vieler Muslime zur Gewalt auseinander. Kayman ist Mitbegründer der Alhambra Gesellschaft, einem Zusammenschluss von Musliminnen und Muslimen, die sich als Europäer begreifen, und Mitglied des Podcasts "Dauernörgler".

Der Lehrer Samuel Paty wurde nur 47 Jahre alt. Er war damit in meinem Alter. Er musste sterben, weil er seinen Schülern am Beispiel der Mohammed-Karikaturen die Bedeutung von Meinungsfreiheit erklären wollte.

"Musste sterben" ist angesichts der tatsächlichen Umstände der Mordtat eine Verharmlosung. Wir müssen, gerade als Muslime, deutlicher beschreiben, wie er umgebracht wurde. Samuel Paty wurde nicht erschlagen oder erstochen. Er wurde nicht erdrosselt oder erschossen. Die Art und Weise seiner Ermordung haben muslimische Extremisten bei ähnlichen Taten in der Vergangenheit als "Schlachtung" ihres Opfers bezeichnet. Die Täter vollziehen ihre Tat dabei unter Anrufung Gottes. Es ist zu vermuten, dass auch der Mörder Samuel Patys seinem Motiv und seiner Tat die Bedeutung einer religiösen Rache oder einer stellvertretend vollzogenen göttlichen Strafe verleihen wollte.

Lehrer. Meinungsfreiheit. "Schlachtung". Aufgrund dieser besonderen Konstellation habe ich gewartet und mich gefragt, was die muslimischen Gemeinschaften und Dachverbände in Deutschland zu diesem Mordanschlag in Paris sagen werden.

Als Muslim meint und hofft man, die öffentlich präsenten muslimischen Dachverbände auf Bundesebene, wie die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib), die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG), der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) oder der Islamrat, hätten gerade wegen dieser Konstellation das Bedürfnis, in diesem Fall nicht zu schweigen, so wie oft. Denn welchen Wert hat es, zu behaupten, man erfülle die Merkmale einer Religionsgemeinschaft, als die man vom deutschen Staat anerkannt werden will, wenn in den entscheidenden Momenten unseres Zusammenlebens diese Behauptung nicht mit Wort und Tat bestätigt wird?   

Doch außer ein paar spärlichen Tweets oder Einträgen auf Facebook war nichts zu lesen oder zu hören. Selbst das wenige, das gesagt wurde, folgte einer Dramaturgie, die mittlerweile wie eine ritualisierte Betroffenheitsfolklore wirkt. Fast schon genervt klangen diese Erklärungen. Man habe doch all die Jahre immer und immer wieder erklärt, dass solche Taten nichts mit dem Islam zu tun haben! Am Ende des Tages bedeutet Islam Frieden und Allah allein weiß, weshalb Menschen plötzlich auf die Idee kommen, anderen die Kehle durchzuschneiden. Ich kann diesen öffentlich reproduzierten ignoranten Fatalismus der muslimischen Dachverbände nicht mehr hören.

Dabei gäbe es nach einem solchen Anschlag vieles zu bereden. Und viele Fragen. Ob etwa ein Zusammenhang zwischen einem solchen Mord und dem islamischen Opferritus bestehen könnte. Das jährliche Opferfest wird als Pflichterfüllung und Segen angepriesen. Kaum jemand stellt dies infrage oder fordert, die Schlachtung vielmehr als mahnende Erinnerung an das menschliche Gewaltpotenzial wahrzunehmen; als einen Tabubruch, nämlich der Tötung eines von Gott erschaffenen Wesens, das an die Anmaßung des Menschen erinnern und ihm Demut abverlangen soll.

Stattdessen wird der Akt des Tötens, konkret des Schlachtens eines dem Menschen hilflos ausgelieferten Lebewesens mittels Kehlschnitt als Normalität der Dominanz des Überlegenen gegenüber dem Unterlegenen – dem vielleicht Minderwertigen? – etabliert. Eine Dominanz, die sich in den eingangs geschilderten extremistischen Morden als Tathergang wiederholt.

In Freitagspredigten mag noch so häufig wiederholt werden, dass Islam Frieden bedeutet. Aber es gibt im religiösen Alltag der Muslime, in den Verbänden und Gemeinschaften bis ins unterste Glied strukturelle Probleme und jene, die vorgeben, uns Muslime zu vertreten und sich gerne als "Großverbände" präsentieren, sind mit ihrer Verdrängungshaltung ein gewichtiger Teil dieser Probleme. Es geht um ein Vorleben, um Denk- und Handlungsmuster, die von den Dachverbänden bis in die Gemeinden hinein ein Klima der Abwertung und Hierarchisierung schaffen. Es herrschen Bedingungen, in denen sich der Einzelne mit seinem individuellen Verhalten stets einer kollektiven Akzeptanz unterordnet und sich einer widerspruchslosen Duldung und Befürwortung durch die religiöse Gemeinschaft vergewissert.

Alle Religionen, so auch der Islam, tragen ein Friedenspotenzial und ein Gewaltpotenzial in sich. Das, was die Glaubensgemeinschaften als religiös konforme Haltung vorleben und tradieren, prägt ganz wesentlich die Frage, in welche Richtung sich insbesondere junge Muslime entwickeln.

Wenn also die muslimischen Verbandsvertreter frustriert und desinteressiert darauf hinweisen, dass das alles nichts mit dem Islam zu tun hat, müssen wir ihnen entgegnen: Es hat was mit uns Muslimen zu tun. Die von Muslimen verübte Gewalt hat sehr viel mit dem zu tun, was Muslime in ihren Gemeinschaften als akzeptabel dulden, was sie unterstützen, was sie nicht zum Anlass für Widerspruch nehmen, was sogar eine gemeinsame Identität fördert und was das Gefühl von Zugehörigkeit festigt. Denn auch der Mörder Samuel Patys wird für sich in Anspruch genommen haben, als "guter Muslim" zu handeln. Die muslimischen Dachverbände schulden uns Muslimen und der gesamten Gesellschaft eine Antwort auf die Frage, warum er seine Tat nicht als Widerspruch zu diesem Anspruch erlebt hat.

Dabei kann ich nicht die Augen davor verschließen, was wir in unseren muslimischen Gemeinschaften unwidersprochen hinnehmen und als wiederkehrende Verhaltensmuster akzeptieren. Es geht nicht darum, dass Gewalt ausdrücklich befürwortet wird, aber sehr wohl gibt es unter Muslimen eine unkritische Haltung zur Gewalt und eine Militanz des Denkens und Glaubens, die nicht mehr hinterfragt wird und nicht als Widerspruch zum Islam wahrgenommen wird.

In unseren muslimischen Gemeinschaften hat Gewalt einen viel zu häufig akzeptierten, als gesellschaftliche Normalität hingenommenen Platz. In der Kindererziehung, im Verhältnis von Mann und Frau oder als Muster kollektiver, politischer oder identitärer Auseinandersetzungen.

Weit verbreitet ist zum Beispiel in der religiösen Pädagogik noch die Vorstellung von Autorität und Unterordnung, die im Zweifel auch mit körperlicher Züchtigung einhergehen kann – die körperliche Herrschaft über das physisch unterlegene Kind wird als legitim angesehen. Oder suchen muslimische Frauen, die seelische oder körperliche Gewalt in der Ehe erfahren, Rat bei muslimischen Gemeinden und Verbänden, kommt es nicht selten vor, dass ihnen Geduld und stillschweigendes Ausharren empfohlen wird. Nicht die Gewalt des Mannes gilt als religiöse Verfehlung oder gesellschaftliches Stigma, sondern vielmehr der Status einer geschiedenen Frau.

In den muslimischen Dachverbänden ist nicht selten die Vorstellung verbreitet, die eigenen Gemeinschaften seien Festungen des Islam in einem antimuslimischen Europa; seien wehrhafte Wagenburgen des Anstandes und der Moral in einer ethisch verderbten Gesellschaft, die sich dem Hedonismus, der Promiskuität, der Homosexualität und ganz allgemein der Lasterhaftigkeit hingegeben hat. Weil die Außenwelt derart schädlich ist, ist der innere Zusammenhalt besonders wichtig.

Zur Rhetorik gehört deshalb häufig die Reminiszenz an die Schlacht von Uhud im Jahre 625. Sie gilt als metaphorische Warnung vor Pflichtvergessenheit und Leichtsinn. In dieser historischen Schlacht standen die muslimischen Kämpfer in Medina kurz vor einem Sieg gegen ihre Angreifer. Jedoch verließen die muslimischen Bogenschützen, getrieben von der Aussicht auf reiche Beute, eine strategisch wichtige Anhöhe und verloren damit den sicher geglaubten Sieg. Die Verbandsfunktionäre werden nicht müde, das Bild der Uhud-Bogenschützen zu beschwören, wenn sie die eigenen Reihen schließen und zur bedingungslosen Loyalität aufrufen wollen.

Wenn eine solch militarisierte Sprache gepflegt und historische Schlachten zitiert werden, um zu demonstrieren, dass man bald auch in Deutschland siegreich sein werde, dann muss man sich nicht wundern, dass es in hiesigen Moscheegemeinden nicht als pädagogische Entgleisung wahrgenommen wird, wenn Kleinkinder mit Uniform und Spielzeuggewehr unter dem Applaus ihrer begeisterten Eltern an Inszenierungen von historischen Kriegen und Tod teilnehmen.

Bis heute ist das Verständnis von Erfolg und Macht mit der Eroberung ehemals muslimisch beherrschter Gebiete oder Symbolbauten verwoben. Eine besondere Funktion erfüllt dabei die al-Aqsa-Moschee in Jerusalem. Ihre regelmäßig geforderte "Befreiung" richtet sich gegen Juden, die im Rahmen antisemitischer Stereotype als übermächtiger Feind und Ränkeschmied imaginiert werden.

Die Rollenverteilung im Nahostkonflikt hat mittlerweile eine quasireligiöse Ersatzfunktion eingenommen: Die Haltung zu diesem Konflikt gilt als Nachweis der eigenen Frömmigkeit. Als "guter Muslim" ist es völlig klar, wie die Antwort auf die Gretchenfrage kollektiver muslimischer Identität "Wie hältst du es mit Israel?" lauten muss. Der Antisemitismus unter Muslimen ebnet damit den Weg zur Wahrnehmung und letztlich auch zur Legitimation von Gewalt als Reaktion auf erlittenes Unrecht. Er gilt als gegenwärtiger Vergewisserungsanker für historische Gewalt an Muslimen – und damit als moralische Entschuldigung eines religiösen Tabubruchs: der Tötung eines anderen Menschen.

Es gehört zum Wesen einer jeden Religion, dass sie exklusivistische Züge trägt. Wir halten unsere eigene Erzählung von Gott und der Schöpfung nur deshalb für glaubwürdiger als die vieler anderer alternativer Erzählungen, weil wir mit ihr aufgewachsen sind. Jede Religion hält jedoch für ihre Angehörigen auch die Zumutung von Irrationalität bereit. Diese Bruchstellen sorgen im Idealfall dafür, dass der Wahrheitsanspruch der eigenen Religion stets einen Hauch des Selbstzweifels erhält. Unser Glaube fordert uns dazu heraus, den eigenen Wahrheitsanspruch nicht nur zu behaupten, sondern durch gute Taten für alle unter Beweis zu stellen.

Jemand, der Gewalt gegen andere ausübt, will diesen mittelbaren Wahrheitsbeweis nicht antreten. Er will der Herausforderung, in einer widersprüchlichen Welt gläubig zu sein, durch die Vernichtung des anderen ausweichen. Ein wahrhaft gläubiger Mensch kann sich indes nie im Besitz einer vollständigen Wahrheit– und damit im Zustand der Vollkommenheit – wähnen. Vollkommenheit ist ein göttliches, kein menschliches Attribut.

Wer sich als Muslim im täglichen Gebet nur Gott hingibt und sich nur vor ihm beugt, im Gebet geradezu körperlich, darf eigentlich von keinem anderen Menschen erwarten, dass dieser sich der Glaubensüberzeugung und der Meinung eines Muslims zu beugen habe.

Wer aber in Kategorien von Überlegenheit und Unterordnung glaubt, ist anfällig dafür, andere Menschen abzuwerten. Jene, die einen solchen Weg einschlagen, können irgendwann auch zu der Überzeugung gelangen, dass menschliches Leben unterschiedlich viel wert ist, je nachdem, was einer denkt und meint.

Wir müssen als Muslime deshalb aufhören, andere Lebensweisen und Glaubensauffassungen in eine Rangfolge der Glaubwürdigkeit oder Werthaltigkeit einzuordnen. Wir müssen aufhören, solche Abwertungs- und Ausgrenzungserzählungen in unseren Gemeinschaften zu dulden. Wir müssen aufhören, Rassismus, Antisemitismus und Misogynie als hinnehmbare Haltung, ja gar als kollektive Identitäten stiftende Merkmale eines "normalen" oder "guten" Muslims wahrzunehmen.

Der Islam ist eine Idee davon, was Gott und was der Zweck seiner Schöpfung sein mögen. Wir Muslime entscheiden täglich darüber, wie wir diese Idee leben und damit auch darüber, ob sie uns zur Gewalt oder zum Frieden führt.


Aus: "Mord an Samuel Paty: Das hat was mit uns Muslimen zu tun" Ein Gastbeitrag von Murat Kayman (26. Oktober 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-10/samuel-paty-mord-islamismus-islam/komplettansicht

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Now we have the salad #9

Nur ein Satz: Danke für diesen wichtigen und aus meiner Sicht längst überfälligen Beitrag, Herr Kayman.


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Dialog 2.0 #1.2

Finde den Text [ ] sehr gut. Er könnte sogar als Paradetext im Ethikunterricht für alle großen Religionen sinnvoll sein. Wenn man die richtigen Stellen ersetzt so passt vieles ebenso auf das Christentum oder das Judentum...


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A dream within a dream #1.7

Und da man als nichtgläubiger Mensch bei Gläubigen oft auf taube Ohren stößt hat man vor allem auch die Hoffnung dass Argumente aus deren eigenen Reihen besser wirken.
Es lässt mich z.B. auch leise hoffen dass der Papst mit seinen kürzlichen Aussagen zu Homosexuellen in LGBT-feindlichen, katholischen EU Ländern eher ankommt als die Kritik aus nichtgläubigen oder andersgläubigen Kreisen. Er wird zwar selbst in seinem Amt nicht zu allen durchdringen (angeblich wird er von den Hardlinern als zu liberal kritisiert) aber ich denke doch eher als jemand der komplett außerhalb der Kirche steht.
Von daher freue ich mich besonders über solche guten Texte die aus der gläubigen Community selbst kommen, sei es die muslimische, christliche oder sonstige. Es steigert die Hoffnung dass es doch einige zum Nachdenken bringt.
Es empfiehlt sich z.B. auch immer wieder bei Reizthemen wie dem Urknall oder der Evolution usw. auf gläubige Wissenschaftler zu verweisen - ansonsten hat man bei einigen überhaupt keine Chance bei dem Thema überhaupt durchzuringen. Gibt leider immer noch zu viele die aus Glaubensgründen Wissenschaft verleugnen.


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NormanRae #7

Ein guter und wichtiger Kommentar gegen den Chor der Relativierung dieses scheußlichen Verbrechens, der in den letzten Tagen auf verschiedensten Ebenen bereits angestimmt wurde.


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fiete.hansen #10

"Der Islam ist eine Idee davon, was Gott und was der Zweck seiner Schöpfung sein mögen. Wir Muslime entscheiden täglich darüber, wie wir diese Idee leben und damit auch darüber, ob sie uns zur Gewalt oder zum Frieden führt."

Ein klarer und betont unpolemischer Artikel mit einer Zusammenfassung, die für alle fundamentalistischen Religionen und deren Angehörigen gelten sollte.

Nur befürchte ich, dass die Ratio nicht bei Fanatisten ankommt.


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mcurmel #12

Ein sehr guter Beitrag.
Leider dürfte Herr Kaymann aber der sprichwörtlich einsame Rufer in der Wüste sein.


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Carina Si-Fi #12.1

...so einsam ist er nicht, nur das Problem - Muslime, die es so sehen wie Kayman werden diffamiert und bedroht, brauchen nicht selten Personenschutz.


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olaola #20

Danke für den Artikel. Zwischen Rechten die so gerne "Murat den Messerstecher" heraufbeschwören und Linken bei welchen Islamophobie einzig ein politisches Kampfwort ist, brauchen wir mehr Debatte über dieses Thema!


...
« Last Edit: October 27, 2020, 10:00:02 AM by Link »

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« Reply #29 on: October 29, 2020, 03:22:10 PM »
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[...] Ein neuer schwerer Terroranschlag hat Frankreich getroffen. Ein Mann ist am Donnerstagvormittag kurz vor neun Uhr in die Kirche Notre-Dame de l’Assomption im Zentrum von Nizza eingedrungen und hat mehrere Menschen mit einem Messer angegriffen, wie die Polizei mitteilte. Zwei Frauen und ein Mann starben, mehrere wurde verletzt. Eine der Frauen wurde enthauptet. Der Attentäter, der mehrfach „Allahu Akbar“ (Allah ist groß) rief, wurde beim Einsatz der Sicherheitskräfte durch Schüsse schwer verletzt und in ein Krankenhaus gebracht.

Nach französischen Medienberichten wurden zudem in Avignon am Vormittag ein mit einem Messer bewaffneter Mann von der Polizei erschossen. Die Hintergründe der Tat sind noch unklar.

Die Anti-Terror-Staatsanwaltschaft übernahm am Donnerstagvormittag die Ermittlungen zum Fall in Nizza. Dabei gehe es unter anderem um den Vorwurf des Mords in Verbindung mit einem terroristischen Vorhaben, bestätigte die Staatsanwaltschaft der Deutschen Presse-Agentur. Frankreich rief die höchste Terror-Warnstufe aus. Sie gilt landesweit, wie Regierungschef Jean Castex am Donnerstag in Paris mitteilte. Castex verurteilte die „ebenso feige wie barbarische Tat, die das ganze Land in Trauer versetzt“.

Nach Angaben des Bürgermeisters von Nizza, Christian Estrosi, wurden die Opfer in seiner Stadt auf die „abscheulichste Art“ getötet; der Attentäter wollte offenbar ähnlich wie beim Angriff auf den Lehrer Samuel Paty vorgehen, sagte Estrosi, der am 16. Oktober bei einer Schule in der Nähe von Paris von einem Terroristen erstochen und enthauptet wurde. Zwei Opfer starben noch in der Kirche, es handelt sich um den Küster und um eine 70 Jahre alte Frau. Das dritte Opfer, eine 40 Jahre alte Frau, konnte sich in eine Bar in der Nähe flüchten, erlag dort jedoch ihren Verletzungen.

Der Bürgermeister von Nizza forderte im Radio eine Verstärkung der Polizeipräsenz an allen Kirchen Frankreichs. „Einmal mehr bezahlen die Franzosen durch ein barbarisches Verbrechen einen hohen Preis“, sagte Estrosi. Nizza ist am 14. Juli 2016 von einem schweren Terroranschlag heimgesucht worden, als ein Attentäter mit einem Lastwagen 86 Menschen tötete. Seitdem gab es zahlreiche Anschläge mit tödlichen Folgen in Frankreich. Am 26. Juli 2016 drangen zwei Islamisten in der kleinen Gemeinde Saint-Étienne-du-Rouvray in Nordfrankreich in die Kirche ein und töteten den Priester Jacques Hamel mit einem Messer.

Bürgermeister Estrosi sagte am Mittwoch, Frankreich befinde sich in einem Krieg und müsse mit allen Mitteln gegen die Feinde der Republik vorgehen. Es könne nicht angehen, dass aufgrund von Datenschutz-Bedenken die elektronische Gesichtserkennung nicht genutzt werde, dass man Ausländer, die bekanntermaßen gefährlich seien, nicht ins Ausland abschiebe und dass man Franzosen mit hohem terroristischem Gefährdungspotential in den Gefängnissen nicht konsequent isoliere.

Präsident Macron traf am frühen Nachmittag in Nizza ein. Er hatte am Vormittag bereits einen Krisenstab im Innenministerium in Paris besucht, der rasch einberufen worden war. Macron wird unter anderem von Innenminister Gérald Darmanin, Justizminister Éric Dupond-Moretti und dem Anti-Terrorstaatsanwalt Jean-François Ricard begleitet, hieß es am Donnerstag aus Élyséekreisen. Macron wollte etwa mit Sicherheitskräften und dem Bürgermeister Estrosi sprechen.

Vor dem französischen Konsulat im saudi-arabischen Dschedda wurde am Donnerstagvormittag indes eine Wachperson, die für eine Sicherheitsfirma arbeitet, mit einem Messer angegriffen und verletzt. Ein Mann wurde in diesem Zusammenhang verhaftet, wie die Botschaft Frankreichs in Saudi-Arabien mitteilte. Der Mann sei um die 40 Jahre alt und habe den Wächter mit einem „scharfen Werkzeug“ angegriffen, sagte Polizeisprecher Mohammed al-Ghamdi demnach. Die genauen Hintergründe der Tat blieben zunächst unklar.

Die französische Botschaft in Riad sprach in einer Mitteilung von einer „Messerattacke“. Der verletzte Wachmann sei bei einer Sicherheitsfirma angestellt, erklärte die Botschaft, ohne dessen Staatsangehörigkeit zu nennen. Saudische Sicherheitskräfte hätten den Täter unmittelbar nach dem Angriff überwältigt. Die Botschaft verurteilte die Attacke scharf. Man habe das Vertrauen in saudische Behörden, die französische Gemeinde im Land zu schützen. Franzosen in Saudi-Arabien wurden zugleich zu „höchster Wachsamkeit“ aufgerufen.


Aus: "Drei Tote und mehrere Verletzte bei Messerattacke in Nizza" Christian Schubert, Paris (29.10.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/drei-tote-und-mehrere-verletzte-bei-messerattacke-in-nizza-17025489.html


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« Reply #30 on: October 31, 2020, 01:27:30 PM »
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[...] PARIS taz | Am Tag nach dem Attentat auf die Basilika Notre-Dame de l’Assomption in Nizza, bei dem zwei Menschen getötet und drei verletzt wurden, herrscht in Frankreich „höchste Alarmstufe“. Denn weitere Anschläge solcher Einzeltäter sind zu befürchten. Zwei Wochen zuvor hatte ein Tschetschene den Lehrer Samuel Paty, der Mohammed-Karikaturen im Unterricht behandelt hatte, enthauptet. Am 25. September hatte ein Pakistaner vor den früheren Büros der Satirezeitung Charlie Hebdo an der Rue Appert in Paris zwei Menschen mit einem Fleischerbeil schwer verletzt.

Bei dem Täter von Nizza handelt es sich um den 21-jährigen Tunesier Brahim A., der laut italienischen Behörden am 20. September mit ande­ren afrikanischen Geflüchteten auf der ­italienischen Insel Lampedusa angekommen und zwei ­Wochen später von den Behörden nach Bari weitergeschickt worden sei. Am Freitag bekannte sich eine tunesische Terrorgruppe namens „Die An­hän­ger von Mehdi“ zu dem Attentat. Offensichtlich war Brahim A. in ihrem Auftrag unterwegs.

Vorgehen und Profil der Täter weisen Parallelen auf. Neben den ideologischen Motiven, die sich mehr oder weniger explizit auf Appelle islamistischer Terrororganisationen wie den „Islamischen Staat“ (IS) oder al-Qaida zum „Dschihad“ beziehen, ist die Herkunft dieser Attentäter ins Zentrum der politischen Diskussionen gerückt. Als Erste stellte die Parteichefin des ausländerfeindlichen Rassemblement national (Ex-FN), Marine Le Pen, einen Zusammenhang zwischen Terror und Migration her. Sie forderte eine „Kriegsgesetzgebung“, um die Terroristen adäquat zu bekämpfen.

Aber auch ein Wortführer der konservativen Partei Les Républicains, der Abgeordnete Bruno Retailleau, erklärte unter Hinweis auf die Täter der jüngsten Anschläge: „Es besteht eine Verbindung zwischen einer unkontrollierten Immigration in Frankreich und der Islamisierung.“ Er forderte, dass die Regierung dem deutlich Rechnung trage: „Die Attentate werden nicht aufhören, solange der Unordnung der Migration kein Ende gesetzt wird.“

Sein Parteikollege Eric Ciotti forderte die Einrichtung eines „Guantánamo à la française“ zur präventiven Inhaftierung radikaler Islamisten: „Wir brauchen eine administrative Verwahrung für diejenigen, die bei uns als potenzielle Staatsfeinde registriert sind. Für die Gefährlichsten unter ihnen, um sie zu isolieren und unschädlich zu machen.“

Eine Inhaftierung ohne Gerichtsurteil ist illegal und widerspricht dem Rechtsempfinden in Frankreich. Soll Frankreich genau die Freiheiten und Bürgerrechte einschränken oder gar infrage stellen, welche die Republik gegen den Obskurantismus von Fanatikern verteidigen muss?

Bei einer Sitzung des Verteidigungsrats zur nationalen Sicherheit unter Leitung von Präsident Emmanuel Macron wurde beschlossen, 4.000 zusätzliche Militärs im Rahmen der Operation „Vigipirate“ einzusetzen. Bereits seit der Anschlagsserie von 2015 gehören die mit Maschinenpistolen bewaffneten und in den Städten patrouillierenden Uniformierten zum Straßenbild. Daran gewöhnt hat sich die Bevölkerung nicht.

Macrons Präsidentschaft wird, schrieb Libération am Freitag, zu einem „permanenten Notstand“. Seine Autorität und Popularität wird dadurch aber nicht gestärkt. Denn die Restriktionen im Alltag zur Bekämpfung des Terrorismus, aber auch zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie und der Bekämpfung der Wirtschaftskrise werden zu einem schwer zu akzeptierenden Dauerzustand.


Aus: "Terror in Frankreich: Eine Art von Guantánamo" Rudolf Balmer (30.10.2020)
Quelle: https://taz.de/Terror-in-Frankreich/!5722058/

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[...] TUNIS taz | „Wieder einer von uns!“ So lautet eine der vielen Schlagzeilen tunesischer Medien am Tag nach dem Attentat von Nizza, bei dem drei Menschen getötet und zwar verletzt worden waren. In Tunesien, einem Land mit elf Millionen Einwohnern, wird mit Schock und Erstaunen aufgenommen, das nun bereits der dritte große Anschlag der vergangenen Jahre in Europa von einem jungen Tunesier verübt wurde.

Angeblich war Brahim Aissaoui Mitglied der bisher unbekannten Terrorgruppe „Söhne des Mahdi“. Auch wenn das Bekenntnis des Anführers, eines ehemaligen Drogendealers aus der Industriestadt Gafsa, eine Fälschung sein könnte – die vielen positiven Reaktionen von Sympathisanten auf sozialen Medien zeigen: das Vorzeigeland des arabischen Frühlings hat ein Terrorproblem. Mit der andauernden Migration nach Italien ist dieses Phänomen nun auch ein europäisches. 6000 junge Tunesier, so viele wie aus keinem anderen Land, waren nach 2011 in den Krieg nach Syrien und Libyen gezogen. Der Wunsch, sich dem Islamischen Staat oder Milizen anzuschließen, hatte oft finanzielle Gründe.

Seit der Niederlage des IS in Libyen und Syrien bleibt nur noch die Migration nach Europa, um der aktuellen Wirtschaftskrise und der Stagnation in der tunesischen Provinz zu entfliehen.

Nach Recherchen des Radiosenders Mosaique FM hatte sich Brahim Aissaoui aus der Hafenstadt Sfax zusammen mit anderen Migranten per Boot auf den Weg nach Lampedusa gemacht. Am 20. September waren 21 Boote auf der 130 Kilometer von Sfax entfernten italienischen Insel angekommen. Wahrscheinlich machte sich der 21jährige dann mithilfe tunesischer Schlepper auf den Weg nach Frankreich.

Fast 10.000 meist junge Tunesier sind in diesem Jahr auf einer ähnlichen Route nach Italien gekommen. Brahim Aissaoui wurde in Bari ein Bescheid übergeben, der ihn zum Verlassen Italiens auf eigene Kosten und innerhalb von sieben Tagen aufforderte. Doch wer sich aus den Hafenstädten Zarzis oder Sfax auf die Reise in den Schengen-Raum macht, weiß: Er wird so gut wie nie Asyl erhalten und sich in der Illegalität mithilfe von Netzwerken, oft Bekannte aus der Heimatstadt, durchschlagen müssen.

Zusammen mit seiner Familie lebte der 21 Jährige zuletzt in der Hafenstadt Sfax. Sein Vater arbeitet als Polizist, seine Mutter kümmert sich um seine neun Geschwister, seit zwei Jahren interessiere sich Brahim für Religion, berichteten die beiden am Freitag angereisten Journalisten.

Den tunesischen Behörden sind keine Straftaten oder radikalen Ansichten von Aissaoui bekannt. Ihre Aussagen gleichen denen der Eltern der anderen Attentäter aufs Wort. Wie sich ihre Söhne in scheinbar in kurzer Zeit radikalisiert hatten, blieb ihrem engsten Umfeld scheinbar verborgen.

Dass erfolgreiche politischen Reformen und die Radikalisierung vieler junge Männer aus marginalisierten Regionen kein Gegensatz sind, liegt an dem starken sozialen Gefälle in der Gesellschaft. Doch statt mit Investitionen die Situarion zu verbessern, setzt der tunesische Staat auf Polizeigewalt wie zu Zeiten der Ben Ali Diktatur.

In Tunesien ist selbst das Hochladen von Inhalten radikaler Gruppen strafbar. Tausende junge Männer sitzen in Gefängnissen, weil sie Videos radikaler Gruppen auf ihren Facebookseiten geteilt oder angesehen haben. Das Innenministerium führt nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen mehr als 100.000 Tunesier als Gefährder. Wer unter dem verdacht steht ein militanter Islamist zu sein, findet keinen Arbeitsplatz und kann keine Wohnung mieten.

Auch Verwandte der Betroffenen erhalten regelmäßig Besuch von den Sicherheitsbehörden. In Gefängnissen radikalisieren sich viele junge Männer, die wegen Bagatelldelikten zu langjährigen Haftstrafen verurteilt sind.

Brahim Aissaoui war zwar nicht als Gefährder eingestuft, jedoch nach Recherchen tunesischer Journalisten einige seiner Freunde. Auch die in Tunesien scharf geführte Debatte über die Mohamed-Karikaturen könnte Brahim Aissaoui radikalisiert haben.

Ein Abgeordneter des tunesischen Parlamentes hatte mit seiner positiven Reaktion auf den Mord an dem Pariser Lehrer Patrick Paty für Empörung gesorgt. Rached Khiari war letztes Jahr für die religiös-radikale Karama-Partei gewählt worden und schrieb auf seiner Facebook Seite, dass die Beleidigung des Boten Gottes das größte aller Verbrechen sei. „Jeder, der dieses Verbrechen begehe, müsse mit Konsequenzen rechnen.“

Die tunesische Regierung verurteilte den Mord an Paty und das Attentat von Nizza scharf. Die Anti-Terror-Behörde ermittelt gegen Aissaoui und verhört derzeit dessen Eltern und eine unbekannte Zahl von Verwandten. Die Wirtschaftskrise durch die Covid-Pandemie wird auch die Gräben in der Gesellschaft weiter vertiefen. 10 Jahre nach dem Ende der Diktatur steht Tunesien vor den wohl größten Herausforderungen seit der Unabhängigkeit.


Aus: "Tunesien und die Bluttat in Nizza: „Wieder einer von uns!“" Mirco Keilberth (30.10.2020)
Quelle: https://taz.de/Tunesien-und-die-Bluttat-in-Nizza/!5724917/
« Last Edit: October 31, 2020, 01:32:11 PM by Link »

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« Reply #31 on: November 03, 2020, 10:53:02 AM »
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[...] Wien – Bei einem Terroranschlag in der Wiener Innenstadt sind am Montagabend, zu Allerseelen, vier Zivilisten – zwei Männer und zwei Frauen – sowie ein mutmaßlicher Täter getötet worden. 17 Menschen wurden verletzt, darunter ein 28-jähriger Polizist. Der Anschlag nahm gegen 20 Uhr in der Seitenstettengasse, nahe einer Synagoge, seinen Ausgang, insgesamt gab es sechs Tatorte in der Innenstadt. Die Polizei erschoss einen der mutmaßlichen Attentäter.

Der mutmaßliche Täter sei ein Sympathisant der Terrormiliz IS gewesen, mit Sturmgewehr und Sprengstoffattrappe ausgestattet, sagte Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) bei einer Pressekonferenz am Dienstagmorgen. Man führe intensive Ermittlungen im Umfeld des Täters durch.

Ob es einen oder mehrere weitere Angreifer gibt, ist nach Informationen der Polizei Wien noch Gegenstand der Ermittlungen. Für Dienstagvormittag wurde ein Sonderministerrat und ein Parteien-Krisentreffen einberufen.

... Der Terrorakt erstreckte sich auf sechs Tatorte. In der Seitenstettengasse fielen erste Schüsse, in unmittelbarer Nähe der Synagoge. In einem "zeitlichen Zusammenhang", so die Polizei, gab es dann Vorfälle an weiteren fünf Innenstadtorten, alle in räumlicher Nähe zum Ausgangspunkt. Die weiteren Orte waren nach Angaben von Harald Sörös, Sprecher des Innenministeriums, der Morzinplatz, das Salzgries, der Fleischmarkt, der Bauernmarkt und der Graben. Berichte über eine Geiselnahme in einem Lokal auf der Mariahilfer Straße erwiesen sich als falsch.

... Die Hintergründe des Anschlags waren lange unklar. Dienstagfrüh wurde ein islamistischer Hintergrund von Innenminister Nehammer bestätigt. Das auf die Überwachung islamistischer Websites spezialisierte US-Unternehmen SITE hatte bereits im Vorfeld auf seiner Homepage einen Jihadisten zu dem mutmaßlichen Anschlag in Wien zitiert: "Jihadist sagt, der Angriff in Wien ist 'Teil der Rechnung' für die österreichische Beteiligung an der US-geführten Koalition", hieß es dort in einem Satz.

Ein Video zeigte dramatische Szenen aus der Seitenstettengasse. Ein mit einer Langwaffe bewaffneter Mann läuft die Gasse entlang und schießt auf einen vor einem Lokal stehenden Mann, der daraufhin zusammenbricht. Kurz darauf kehrt der Täter zurück und schießt mit einer Pistole aus kurzer Distanz ein zweites Mal auf den am Boden liegenden Mann.

... Die Schüsse vor der Synagoge in der Wiener Innenstadt wecken schreckliche Erinnerungen an den Sommer im Jahr 1981, als zwei palästinensische Terroristen von der Abu-Nidal-Gruppe jüdische Gläubige vor der Synagoge in der Seitenstettengasse mit Handgranaten und Maschinenpistolen angriffen. Zwei Personen starben, 18 Menschen, darunter drei Kinder, wurden damals verletzt. (red, APA, 3.11.2020)



Aus: "Terroranschlag in Wien: Ein Überblick" (3. November 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000121392028/terroranschlag-in-wien-mit-mindestens-zwei-toten-ein-ueberblick

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[...] Der Attentäter, der nach dem Anschlag in der Wiener Innenstadt von der Polizei erschossen worden ist, war 20 Jahre alt, hatte nordmazedonische Wurzeln und war einschlägig wegen Mitgliedschaft in einer terroristischer Vereinigung vorbestraft. Das teilte Österreichs Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) der Nachrichtenagentur APA am Dienstag mit. Der Attentäter besaß nach Angaben von Nehammer neben der österreichischen auch die nordmazedonische Staatsbürgerschaft. „Er war mit einer Sprengstoffgürtel-Attrappe und einer automatischen Langwaffe, einer Faustfeuerwaffe und einer Machete ausgestattet, um diesen widerwärtigen Anschlag auf unschuldige Bürgerinnen und Bürger zu verüben“, sagte der Innenminister. Wie Nehammer weiter erklärte, habe es umfangreiche Razzien im Umfeld des Täters gegeben. Dabei seien mehrere Personen festgenommen worden.

Österreich ehrt die Opfer des Terrorakts vom Montagabend mit einer dreitägigen Staatstrauer. Das beschloss der Sonder-Ministerrat am Dienstag in Wien. „Unsere Gedanken und unser Mitgefühl sind bei den Opfern, den Verletzten und den Angehörigen in diesen besonders schweren Stunden für die Republik Österreich“, sagte Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) vor dem Kabinett. Die Staatstrauer gilt bis einschließlich Donnerstag. Die Ereignisse hätten das Land schwer erschüttert und betroffen gemacht. Es handele sich bei der Attacke um eine „abscheuliche Tat“ und „einen Anschlag auf die Freiheit und Demokratie der Republik Österreich“, sagte Kurz. Am Dienstag, dem ersten Tag der Staatstrauer, sollte um 12 Uhr eine „Minute des stillen Gedenkens“ eingehalten werden. Die Schulen sollen zu Beginn des Unterrichts am Mittwoch eine Gedenkminute einhalten.

Zuvor hatten Medien berichtet, dass der Mann dem österreichischen Geheimdienst bekannt sei, weil er einer von 90 österreichischen Islamisten gewesen sei, der nach Syrien reisen wollte, schrieb der Chefredakteur der Wiener Wochenzeitung „Falter“ Florian Klenk auf Twitter. Die Eltern des Verdächtigen seien aus Nordmazedonien und in Sachen Islamismus unauffällig. Dass er in Wien einen Terroranschlag geplant habe, habe die Polizei ihm nicht zugetraut, schrieb Klenk.

Der Attentäter hatte am Montagabend vier Menschen in der Innenstadt getötet. Der Schütze – vielleicht waren es auch mehrere – feuerte wahllos auf Passanten und Gäste in Restaurants. Zwei Frauen und zwei Männer starben. 14 wurden verletzt, sechs von ihnen schwer, Sie werden in Wiener Krankenhäusern behandelt. Zu den Schwerverletzten gehört ein 28 Jahre alter Polizist. Er versah seinen Streifendienst in der Innenstadt, als er dem Schützen begegnete und von ihm angeschossen wurde.

Ein Täter wurde durch Schüsse der Polizei getötet – nach Angaben des Wiener Polizeipräsidenten wurde er um 20:09 Uhr „neutralisiert“, rund zehn Minuten nachdem die ersten Schüsse gefallen waren. Er war mit einem Sturmgewehr, einer Pistole und einer Machete bewaffnet und trug die Attrappe eines Sprengstoffgürtels. Der erschossene Täter konnte durch die Behörden nach offiziellen Angaben identifiziert werden. Er sei ein islamistischer Terrorist und „Sympathisant der Terrormiliz IS“ gewesen, sagte Innenminister Karl Nehammer am frühen Dienstagmorgen.

In Medienberichten war auch davon die Rede, dass der Mann auf Instagram seine Tat angekündigt und sich mit IS-Symbolen umgeben habe. Die Polizei gab an, man habe die Wohnung des Mannes aufgesprengt und durchsucht. Die Frage einer Wiener Zeitung, ob dies die Explosion im Arbeiterstadtteil Simmering gewesen sei, über die Leser berichtet hätten, blieb auf der morgendlichen Pressekonferenz des Innenministers und zweier Polizeigeneräle unbeantwortet.

Unklar ist auch noch, ob es Zufall war oder einem antisemitischen Motiv entsprang, dass die ersten Schüsse offenbar in jener Gasse gefallen sind, in der auch die Israelitische Kultusgemeinde ihren Sitz und eine Synagoge hat. Jedenfalls befinden sich dort auch Restaurants, auf deren Gäste der Täter sein Feuer gerichtet hatte – so wie es dann auch in den umliegenden Gassen geschah. Am Montag war der letzte Abend vor der pandemiebedingten Schließung der Gastronomie in Österreich. Zudem war mildes Wetter. Daher konnte mit vielen Gästen und Passanten in der Gegend um den Schwedenplatz gerechnet werden, die als Kneipenviertel scherzhaft auch als das „Bermudadreieck“ bezeichnet wird.

Nicht ganz sicher erscheint am Dienstagmorgen, ob es weitere Mordschützen am Schauplatz gegeben hat. Innenminister Nehammer sprach von „mindestens“ einem Attentäter. Zeugenberichte vom Abend schienen darauf hinzudeuten, dass es mehr als einen gebe. Auch war von sechs Schauplätzen die Rede, an denen geschossen wurde. Allerdings befinden sich die genannten Orte sämtlich in einem kleinen Radius, der unter Umständen auch von einer Person zu Fuß abgedeckt werden könnte. Die Polizei rechnet offenbar weiterhin damit, dass es weitere gegeben haben könnte, und sucht mit Hochdruck nach ihnen.

Die Wiener Innenstadt bleibt eine Zone, die gemieden werden soll. U-Bahnen halten dort seit Betriebsbeginn am Morgen allerdings wieder an allen Stationen. In der Nacht nach dem Anschlag wurden die Haltestellen im ersten Bezirk vorerst ausgelassen, Straßenbahnen wurden umgeleitet. In der ganzen Stadt soll man jedoch weiterhin möglichst zu Hause bleiben. Die Wiener Schüler erhielten am Dienstag schulfrei.


Aus: "20 Jahre alter Attentäter war einschlägig vorbestraft" (03.11.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/wien-islamistischer-anschlag-vor-dem-corona-lockdown-17033399.html

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Terror als Themenfeld...
« Reply #32 on: November 25, 2020, 09:57:28 AM »
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[...] Der Vorfall geschah kurz vor 14 Uhr im Manor an der Piazza Dante, wie sowohl die Tessiner Kantonspolizei als auch die Stadtpolizei Lugano meldeten. Die Angreiferin - Schweizerin mit Wohnsitz in Lugano - griff zwei Frauen an.

Gemäss der Mitteilung packte sie die erste Frau mit den Händen am Hals und verletzte die zweite mit einem Messer. Eine der Frauen erlitt gemäss der Polizei schwere, aber nicht lebensbedrohliche Verletzungen, die andere wurde leicht verletzt. Wie das Online-Portal tio.ch schrieb, hatte die Täterin beim Angriff «Allahu Akbar» («Gott ist gross») gerufen. Diese Angaben sind aber noch nicht verifiziert. Der Tessiner Staatsratspräsident Norman Gobbi (Lega) und Kantonspolizeikommandant Matteo Cocchi sagten an der Medienkonferenz, diese Information werde noch untersucht.

Die Angreiferin konnte von Kunden überwältigt und schliesslich von der Polizei verhaftet werden, wie es in der Mitteilung weiter heisst. Die Kantonspolizei schliesse terroristische Motive nicht aus und arbeite eng mit dem Bundesamt für Polizei fedpol, der Polizei der Stadt Lugano und anderen Behörden zusammen.

... Auch die muslimische Menschenrechtsaktivistin Saïda Keller-Messahli kommentierte das Drama von Lugano. «Die Täterin ist vermutlich eine zum Islam konvertierte und radikalisierte Schweizerin. In den Moscheen wird notabene um die Wette konvertiert...», schreibt die tunesisch-schweizerische Bürgerin.


Aus: "Tessin
Islamistischer Terror in Lugano?" Gerhard Lob (24.11.2020)
Quelle: https://www.bzbasel.ch/schweiz/islamistischer-terror-in-lugano-28-jaehrige-attackiert-zwei-frauen-mit-messer-taeterin-war-polizeibekannt-139983785
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[...] Eine Frau mit möglichen Sympathien für die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat in Lugano im Schweizer Kanton Tessin zwei Passantinnen in einem Warenhaus mit einem Messer angegriffen. Nach Polizeiangaben wurde eine der Frauen schwer, die andere leicht verletzt. Beide befinden sich demnach nicht in Lebensgefahr.

Die Polizei nahm die Täterin fest. Demnach handelt es sich um eine 28-jährige Schweizerin mit Wohnsitz in Lugano. Nach Angaben des Kommandanten der Tessiner Kantonspolizei, Matteo Cocchi, war sie der Polizei bekannt.

Inzwischen hat die Schweizer Bundesanwaltschaft Ermittlungen wegen Terrorverdachts aufgenommen. Die Bundespolizei Fedpol teilte mit, es handele sich um einen "mutmaßlichen terroristisch motivierten Angriff".

Gegen die Täterin wird wegen des Verdachts der versuchten vorsätzlichen Tötung, der schweren Körperverletzung und des Verstoßes gegen das Verbot der extremistischen Gruppierungen Al-Kaida und IS ein Strafverfahren eröffnet. Die Polizei gehe Hinweisen nach, wonach die Frau Sympathien für den IS geäußert haben soll.

Mit Verweis auf regionale Medien berichtet die Neue Zürcher Zeitung (NZZ), die Täterin habe während des Angriffs "Allahu Akbar" ("Gott ist groß") gerufen, eine religiöse Formel des Islam, die der IS als Schlachtruf gebraucht. Der NZZ zufolge habe die Frau eines der Opfer am Hals gepackt und die andere Passantin mit einer Stichwaffe am Hals verletzt. Das Messer habe sie demnach aus der Haushaltsabteilung des Kaufhauses entwendet. Vor der Festnahme habe ein Paar die Täterin gestoppt.


Aus: "Terrorermittlungen nach Messerangriff einer Frau in der Schweiz" (24. November 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-11/terrorismus-verdacht-messerattacke-lugano-schweiz-islamischer-staat

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Langdon #7

Ich frage mich ja immer, was ausgerechnet Frauen sich vom Märtyrertod erhoffen.
72 junge Männer?


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Snake Plissken #7.2

72 Informatikstudenten im achten Semester ;-)


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DasImperiumSchlägtZurück #7.7

Ah ja. Ich bin verwirrt. Ist das Gender 2.0?


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Korkensammelstelle #15

Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/sh


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no-panic #15.1

Der Kommentar, auf den Sie Bezug nehmen, wurde bereits entfernt.


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Korkensammelstelle #16

Löschorgie hier.
Diskussion nicht möglich.
Gute Nacht.


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OlgaWolke #16.1

Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen. Danke, die Redaktion/sh


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tschicks_freundin #26

Es hat etwas gedauert. Aber heute gab es dann endlich eine erste offene Diskussion über das Thema, die ich so sehr in den letzten Wochen vermisste; im ZDF, bei "Lanz", gab es erste Ansätze, Herr Lanz wirkte ziemlich "upgedated", es kam auch das Attentat auf das schwule Paar in Dresden zur Sprache.

Auch, wenn es im Politik-Talk mit Robert Habeck eher als eines von vielen Themen auftauchte, es taucht (endlich) auf.

Es wird sich keine Partei leisten können, dieses Thema auszusparen, gut wäre das ohnehin, um rechten Kräften, egal welcher Art, die das Thema instrumentalisieren (der AfD bleibt ja gerade kaum mehr), nicht weiter Aufwind zu geben.

Zu diesem Terror selber fehlen mir. fast, die Worte. Ich kann nur hoffen, dass die Frauen, die Angehörigen und Freunde das irgendwie überstehen, die mit diesem Schmerz und Wahn einer Frau "konfrontiert" wurden, es "verarbeiten" können.

Es klingt zynisch, aber, aus therapeutischer Sicht, weiß ich wovon, ich spreche in Bezug auf das, was solche "Erfahrungen" für Auswirkungen haben, auf lange lange Sicht.

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« Last Edit: November 25, 2020, 10:01:18 AM by Link »