Author Topic: Zur Thematik von Verschwörungstheorien...  (Read 129902 times)

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Zur Thematik von Verschwörungstheorien...
« Reply #160 on: August 26, 2020, 10:36:18 AM »
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[...] Eins vorweg: Wenn Sie das Coronavirus für eine Erfindung halten und Bill Gates für den heimlichen Chef einer Weltverschwörung, dann sollten Sie besser nicht weiterlesen. Oder falsch: Gerade dann sollten Sie weiterlesen! Schon klar: Egal, was wir von der gelenkten und lügenhaften Mainstream-Fake-Presse hier schreiben, Sie werden es uns ohnehin nicht glauben. Dabei ist es überaus erfrischend, sich mit den Argumenten anderer auseinanderzusetzen. Deshalb wollen wir das an dieser Stelle tun – voilà: Fünf Dinge, mit denen Corona-Leugner anderen in der Pandemie ziemlich auf die Nerven gehen.

1. Kein Maß

Die Zustände, unter denen wir in Deutschland leben, sind die besten, die dieses Land je erlebt hat. Wer hier lebt, kann frei seine Meinung sagen, ohne Repressionen oder Schlimmeres befürchten zu müssen; die Demokratie ist stabil, die staatlichen Strukturen funktionieren reibungslos, es gibt sauberes Trinkwasser und ein dichtes soziales Netz. Vor allem ist unser Gesundheitssystem so gut, dass es selbst eine Pandemie in Schach halten kann, die es nach Meinung vieler Coronaleugner gar nicht gibt. Wer deshalb ernsthaft davon überzeugt ist, das Tragen von Papier- oder Stoffmasken – von Masken! – sei ein Akt staatlicher Bevormundung und ein massiver „Eingriff in unsere Freiheitsrechte“, der hat offenkundig noch nie von Ländern gehört, in denen Freiheitsrechte wirklich massiv eingeschränkt werden, von Nordkorea über Weißrussland bis nach China oder Tschetschenien. Die Kritik an den angeblich so „repressiven“ Maßnahmen in der Corona-Pandemie entbehrt deshalb jeder Verhältnismäßigkeit. Angesichts der Bilder im Frühjahr aus Spanien oder Norditalien, wo die Krankenhäuser von schwer- und schwerstkranken Covid-19-Patienten überfüllt waren und die Leichen der Gestorbenen in der Nacht mit Militärfahrzeugen in improvisierte Leichenhallen geschafft werden mussten, sind Maskenpflicht, Kontaktbeschränkungen und Nies-Etikette ein mehr als vertretbarer Preis dafür, dass Deutschland die Pandemie bislang sehr gut gemeistert hat.

2. Keine Toleranz (für Fehler)

Ja, es stimmt: Manche Politiker haben zu Beginn der Krise noch anders geredet als ein paar Monate später. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hielt eine allgemeine Maskenpflicht noch im März nicht für geboten – um sie wenige Wochen später dann plötzlich doch für sinnvoll zu erachten. Auch Infektiologen wie Christian Drosten von der Berliner Charité haben sich in den vergangenen Monaten immer wieder selbst korrigiert – und schon begann in den Kreisen jener, die Behörden, Politiker und die Vertreter des „Systems“ ohnehin für Scharlatane halten, wieder das Geraune von „Fake-News“. Wie billig – und wie unehrlich. Denn: Dieses Virus ist neu, und nicht nur die Politik, sondern auch die Forschung mussten sich erst Stück für Stück mit ihm und der neuen Bedrohung vertraut machen. Falschannahmen und Fehleinschätzungen, die man wenig später wieder korrigieren muss, weil sie von neuen Forschungserkenntnissen überholt wurden, sind dabei nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Und sie sind nicht automatisch ein Zeichen mutwilligen Betrugs oder von „Fake-News“, sondern einer Wissenschaft, die zu ihrer Fehlbarkeit steht und dadurch umso glaubwürdiger wird. Dasselbe gilt für Politiker: Lieber Volksvertreter, die offen mit Fehleinschätzungen umgehen und hoffentlich aus ihnen lernen, als ein egomaner, besserwisserischer Präsident wie Donald Trump, der sich schon zu Beginn der Pandemie zum größten denkbaren Fachmann für Corona-Fragen stilisierte und den Amerikanern unter anderem den gefährlichen Ratschlag gab, sich Desinfektionsmittel zum Schutz gegen das Virus zu spritzen.

3. Der Generalverdacht

Die Corona-Pandemie ist für viele ein gefundenes Fressen, die ohnehin ein tiefes Misstrauen gegenüber der Politik hegen. Deshalb sind die Proteste gegen die Pandemiemaßnahmen auch ein Sammelbecken für viele, die ihren Frust loswerden wollen: Frust über die Flüchtlingspolitik der Merkel-Regierung und die wachsende Ungleichheit zwischen Arm und Reich; über das Gefühl der Machtlosigkeit und die empfundene Bevormundung der „kleinen Leute“; über unsere immer unübersichtlicher werdende Welt und angebliche „Chemtrails“, mit denen eine vermeintliche Riege mächtiger Verschwörer um Bill Gates sich die Welt untertan machen will. Statt zu differenzieren und rational zu argumentieren, ventilieren viele nur noch ein diffuses Unbehagen gegen „dieses System“ und „die da oben“, denen per se jede Aufrichtigkeit abgesprochen wird.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es ist richtig und notwendig, Politiker, Behörden, Ärzte und Forscher kritisch zu hinterfragen und nicht jede vermeintliche Wahrheit unwidersprochen hinzunehmen. Das gilt für die Corona-Pandemie genauso wie für alle anderen Zeiten auch. Und selbstverständlich kann man die Corona-Maßnahmen, die die Regierung getroffen hat, über- oder untertrieben, noch angemessen oder schon zu freiheitseinschränkend finden. Doch dieser für eine Demokratie eigentlich lebenswichtige „kritische Bürgersinn“ ist bei manchen längst aus dem Ruder gelaufen, weil er nur noch der Legitimation eines destruktiven Widerstands gegen „dieses System“ dient: Hauptsache, dagegen – weil nicht sein kann und darf, was gerade „Mainstream-Meinung“ oder gängiger Forschungsstand ist.

Wer aber jeglichen wissenschaftlichen Fakt schon deshalb ablehnt, weil es in Zeiten des Internets für jede Zahl eine Gegenzahl gibt und jede Erkenntnis schon im Moment ihrer Veröffentlichung von selbsternannten „Experten“ in irgendeinem obskuren Netzforum „widerlegt“ wird, der darf an gar nichts mehr glauben. Nicht daran, dass die Welt eine Kugel ist – und schon gar nicht an den alleinigen Wahrheitsanspruch der obersten Verschwörungstheoretiker. Niemand kann für sich in Anspruch nehmen, die ultimative Wahrheit zu vertreten, kein Politiker, kein Wissenschaftler, aber eben auch kein Attila Hildmann. Und so lange keine besseren Fakten verfügbar sind, müssen wir uns mit denen begnügen, die wir haben. Das erfordert Kraft und Geduld, die viele nicht (mehr) aufbringen wollen oder können. Lieber erfinden sie – oder glauben an – alternative Fakten.

4. Der Egozentrismus

Nun könnte man ja sagen: Lasst denen, die nicht an die Gefährlichkeit des Coronavirus glauben wollen, doch ihre Meinung! Lasst sie doch protestieren und dabei keine Maske tragen – denn das versteht man doch unter Freiheit in einer Demokratie: anderer Auffassung sein zu dürfen, ohne deshalb Repressionen befürchten zu müssen. Richtig: Jeder hat die Freiheit, sich mit einem Virus anzustecken, an das er gar nicht glaubt. Und natürlich dürfen Tausende in Berlin gegen die Corona-Maßnahmen auf die Straße gehen. Wenn sie dabei aber einen neuen Infektions-Hotspot heraufbeschwören und nicht nur sich selbst, sondern auch viele andere gefährden, dann hat das nichts mehr mit Freiheit zu tun, sondern mit Ignoranz. Statt zu sagen, ich glaube zwar nicht an Corona, aber aus Solidarität mit denen, die an das Virus glauben, trage ich trotzdem eine Maske, kreisen gerade viele angebliche Kämpfer für die Bürger- und Freiheitsrechte nur um einen Fixstern: um sich selbst. Dabei ist es ein bisschen wie mit dem Rauchen, das im öffentlichen Raum aus gutem Grund seit vielen Jahren sukzessive reglementiert wurde: Wer rauchen und seine eigene Gesundheit ruinieren möchte, der soll das tun – aber ohne dadurch andere Menschen zu gefährden. Und wer nicht an die Gefährlichkeit des Coronavirus glaubt, etwa weil er jung und weniger gefährdet ist, der sollte sich selbst nicht zum Maßstab aller Dinge erklären. Sondern auch an die Älteren und Gefährdeten denken, bevor er die Maske im Supermarkt abnimmt.

5. Die Diskussionskultur (der Kritiker der Corona-Skeptiker)

Richtig gelesen: Wir nehmen sie auch in Schutz, diejenigen, die die Corona-Maßnahmen skeptisch sehen. Denn gerade darum geht es doch: die Dinge differenziert zu betrachten. Deshalb ist es ein Problem, wenn die SPD-Vorsitzende Saskia Esken die Anti-Corona-Protestler pauschal als „Covidioten“ bezeichnet. Schließlich gibt es unter jenen, die sich kritisch über die Pandemiemaßnahmen äußern und dafür auf die Straße gehen, sehr viele sehr kluge Menschen. Sie argumentieren differenziert, wägen Argumente ab, sind bereit, ihre Meinung auch zu ändern, wenn sie zu neuen Erkenntnissen gekommen sind. Eine pauschale Bezeichnung dieser Kritiker als „Covidioten“ ist nicht konstruktiv und schürt noch die Vorbehalte gegenüber „denen da oben“, die die Bedenken vieler Bürger angeblich nicht ernstnehmen.

Es ist legitim, Menschen auf das Heftigste zu kritisieren, die wilde, unreflektierte Verschwörungstheorien über das Virus und seine Herkunft verbreiten und für Argumente nicht (mehr) zugänglich sind. Aber das ist es nur dann, wenn man gleichzeitig diejenigen ernst nimmt, die noch bereit zur rationalen Diskussion sind. Eine Debatte erfordert schließlich die Bereitschaft zur Einsicht. Auf beiden Seiten.


Aus: "Kolumne „Fünf Dinge“: Fünf Dinge, die an Corona-Leugnern nerven" Oliver Georgi (26.08.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/stil/leib-seele/fuenf-dinge/verschwoerungstheorien-diese-fuenf-dinge-nerven-an-corona-leugnern-16918502.html

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Zur Thematik von Verschwörungstheorien...
« Reply #161 on: August 26, 2020, 11:59:12 AM »
"Verschwörungsfragen 25 – Von wegen Covidioten. Verschwörungsmythen verstehen mit Heidegger und Platon" Michael Blume (05. Aug 2020)
Gestern sprach ich mit Christian Röther vom Deutschlandfunk über mein neues Buch “Verschwörungsmythen”, vor allem auch über die Gefahren des Dualismus, Platonismus sowie über das Judentum. Im Folgenden eine Podcast-Folge zu der Frage, warum ich ungerne von “Covidioten” spreche, formale Bildung alleine nicht vor Verschwörungsglauben schützt, Denken nicht immer “gut” ist – und wie Martin Heidegger vom frommen Katholiken zum säkularen “Philosophenkönig”, Antisemiten und Hitler-Anhänger werden konnte…
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-25-von-wegen-covidioten-verschwoerungsmythen-verstehen-mit-heidegger-und-platon/


Verschwörungstheorien und Wahninhalte
Conspiracy theories and delusional contents
Hans-Ludwig Kröber | https://de.wikipedia.org/wiki/Hans-Ludwig_Kr%C3%B6ber
Forens Psychiatr Psychol Kriminol. 2020 Jun 10 : 1–4.
German. doi: 10.1007/s11757-020-00603-2
PMCID: PMC7286415
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7286415/pdf/11757_2020_Article_603.pdf
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7286415/

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[...] Der nicht erst in der Corona-Pandemie zum Feindbild von Verschwörungstheoretikern avancierte Microsoft-Gründer Bill Gates ist tief besorgt über die Verbreitung von Desinformation und Lügen im Internet. „Diese verrückten Ideen verbreiten sich irgendwie schneller in den sozialen Medien als die Wahrheit. Ich bin überrascht, dass mein Name in diesen Verschwörungstheorien auftaucht“, sagte Gates am Montag bei „Bild Live“.

„Ich finde, dass es irgendwie ironisch ist, dass ich anmahnte, auf diese Pandemie vorbereitet zu sein - und jetzt gibt es Leute, die sagen, ich sei dafür verantwortlich“, sagte Gates. Der Multimilliardär appellierte an die Vernunft der Menschen: „Wir befinden uns inmitten einer Pandemie, und es ist wichtiger als je zuvor, sich mit den Tatsachen und der Wahrheit auseinanderzusetzen.“

Gemeinsam mit seiner Frau Melinda setzt sich Gates seit Jahren mit einer Stiftung im Kampf gegen Krankheiten weltweit ein, auch in der Corona-Pandemie. Zuletzt hatten sich zahlreiche Falschinformationen und Verschwörungstheorien über ihn verbreitet. Demnach stecke Gates etwa selbst hinter der Verbreitung des Coronavirus und wolle den Menschen Mikrochips einpflanzen lassen, um so die gesamte Menschheit zu überwachen.

Vom "Spiegel" auf die Verschwörungstheorien angesprochen, die im Zusammenhang mit ihm herumgeistern, sagte Gates: „Ich pflanze niemandem Mikrochips ein. Ich habe das Coronavirus nicht erschaffen.“

Im Interview mit dem "Spiegel" kritisierte Gates, dass die Vorbereitungen für eine Pandemie wie die aktuelle nicht ausreichend gewesen seien. Man habe gewusst, dass Coronaviren auf den Menschen überspringen könnten, trotzdem sei wenig getan worden, um so einem Fall vorzubeugen. Am Beispiel der Masken erklärt er, dass am Anfang der Pandemie wichtige Zeit verloren ging, weil nicht klar gewesen sei, welche Schutzfunktion sie haben.

Gates kritisiert auch explizit den Umgang von US-Präsident Donald Trump mit der Pandemie. „Die Reaktion der USA ist so viel schlechter, als sie hätte sein sollen. Und dafür ist die politische Führung voll und ganz verantwortlich.“

Der in der Impfstoffentwicklung engagierte US-Milliardär rechnet mit einem Durchbruch bei der Entwicklung eines Corona-Impfstoffs in den ersten Monaten kommenden Jahres. "Ich erwarte, dass mit etwas Glück im ersten Quartal drei oder sogar vier davon zugelassen werden", sagte er der "Bild"-Zeitung.

"Um den Impfstoff sieben Milliarden Menschen zur Verfügung zu stellen, brauchen wir fast 14 Milliarden Dosen. Das wurde zuvor noch nie gemacht", ergänzte er. "Es handelt sich also um eine Notfallmaßnahme, die ganz neue Strategien erfordert, um im Jahr 2021 Milliarden von Dosen zur Verfügung zu haben."

Laut "Handelsblatt" plädiert Gates für eine Finanzierung und Verteilung der Impfstoffe auch in Entwicklungsländern. Damit sollten Menschenleben gerettet, für politische Stabilität gesorgt und die Gefahr einer Wiederansteckung in Europa und den USA gesenkt werden. "Wir müssen das auf jeden Fall auf globaler Ebene zu Ende bringen", wird Gates von der Zeitung zitiert.

Es bräuchte demnach eine Impfrate von mindestens 60 Prozent der Bevölkerung, um die Krankheit aus der Welt zu schaffen. Dem Blatt zufolge fürchtet der Unternehmer bis zur Verfügbarkeit eines Impfstoffs eine weitere Corona-Welle mit "Todesraten in vielen Ländern wie im Frühling".

Bis dahin erwartet Gates aber noch Millionen Todesfälle durch Covid-19. „Die überwiegende Mehrheit der Todesopfer wird jedoch nicht Teil der offiziellen Opferzahlen sein“. Die Pandemie habe viele Erfolge bei der Bekämpfung von Armut und Krankheiten zunichte gemacht.

Weil Covid-19 „die Räder der Weltwirtschaft verlangsamt“ habe, seien 37 Millionen Menschen in extreme Armut zurückgefallen. Wenn die Kindersterblichkeit wieder nach oben gehen sollte, werde dies wahrscheinlich weitgehend auf einen Anstieg der Unterernährung zurückzuführen sein.


Aus: "Bill Gates staunt über Corona-Verschwörungstheorien" (15.09.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/ich-pflanze-niemandem-mikrochips-ein-bill-gates-staunt-ueber-corona-verschwoerungstheorien/26187744.html

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[...]  An die Adresse der Verschwörungstheoretiker sagte er: "Wir befinden uns inmitten einer Pandemie, und es ist wichtiger als je zuvor, sich mit den Tatsachen und der Wahrheit auseinanderzusetzen."

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Aus: "Microsoft-Gründer "In gewisser Weise fast lustig": Bill Gates wendet sich an Verschwörungstheoretiker" (Dienstag, 15.09.2020, 08:58)
Quelle: https://www.focus.de/gesundheit/news/microsoft-gruender-in-gewisser-weise-fast-lustig-bill-gates-richtet-sich-an-verschwoerungstheoretiker_id_12431044.html

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« Last Edit: September 15, 2020, 09:09:00 AM by Link »

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Zur Thematik von Verschwörungstheorien...
« Reply #162 on: September 06, 2020, 12:04:58 PM »
Quote
[...] Am Mittwoch vergangener Woche meldete sich „Q“ mit Botschaft Nummer 4627. Darin stellte er fest, das Emblem des Nominierungsparteitags der US-Demokraten gleiche einem Pentagramm. Dies sei ein klares Zeichen dafür, dass die Demokraten den Satan verehren: „Eine Partei löscht Gott aus.“

Manchmal verbreitet Q mehrere Posts direkt hintereinander, manchmal schweigt er tagelang. Das hat strategische Gründe, glauben seine Anhänger. Oder wie Q es selbst formulierte, Ende Juli in seiner Botschaft Nummer 4618: „Verwechsle Schweigen nicht mit Untätigkeit.“

Hinter dem Pseudonym, heißt es unter seinen Fans, verstecke sich ein hochrangiger US-Beamter, der über die oberste Sicherheitsfreigabe verfüge und deshalb jede Menge Geheimnisse kenne. Weil seine Identität unbekannt ist, nennen sie ihn auch „QAnon“, Anon wie anonym.

In seinen Botschaften berichtet er von einem apokalyptischen Kampf, der sich im Verborgenen zutrage. Auf der einen Seite stünden finstere Mächte, die das Volk knechteten und sich seit langem im Staatsapparat eingerichtet hätten: Satanisten, Pädophile und Juden. Auf der anderen Seite stehe US-Präsident Donald Trump, der im Weißen Haus aufräumen und die kriminellen Eliten zur Strecke bringen wolle. Für Q-Gläubige ist Trump der Erlöser.

Der Verschwörungsmythos hat sich in den USA in nur drei Jahren so rasant ausgebreitet, dass Beobachter von einer „neuen Religion“ sprechen – der ersten, die im Internet entstand. Sie hat auch schon zu Gewalttaten geführt, weil Anhänger eigenhändig in den bewaffneten Kampf gegen vermeintliche Eliten zogen. Im Juli erklärte das FBI die Bewegung zur „Gefährdung der Nationalen Sicherheit“.

Auch in Deutschland ist der Glaube inzwischen populär, gerade unter Corona-Skeptikern. Bei Kundgebungen der „Querdenken“-Bewegung geben sich viele Demonstranten als Q-Anhänger zu erkennen, tragen den Buchstaben auf Schildern, T-Shirts, Ansteckern im Haar.

Bei seiner Rede Anfang August zitierte Querdenken-Initiator Michael Ballweg auf der Bühne den Slogan der QAnon-Bewegung: „Where We Go One, We Go All.“ Sinngemäß: Einer für alle, alle für einen.

Q-Gläubige spielten auch eine entscheidende Rolle beim Versuch, am vergangenen Wochenende den Reichstag zu stürmen. So gehört Tamara K., die Heilpraktikerin aus der Eifel, die unmittelbar vor der Aktion die Menge aufstachelte, einem Netzwerk von QAnon-Aktivisten an. Es nennt sich „Qlobal-Change“, hat allein auf Youtube 100 000 Abonnenten. K. war dort als Sprecherin aktiv, verkündigte in Videos Schauergeschichten.

Auch ihre am Reichstag vorgetragene Lüge, Trump sei in Berlin gelandet, die Demonstranten müssten nun ein Zeichen setzen und ihm zeigen, dass „wir die Schnauze gestrichen voll haben“, passt in den QAnon-Kosmos. Wenn einer Deutschland vor den geheimen Eliten retten kann, dann Trump.

In den USA glaubt laut einer aktuellen Umfrage der Meinungsforschungsfirma Civiqs inzwischen jeder dritte Republikaner-Wähler, die QAnon-Erzählung sei wahr. Weitere 25 Prozent sagen, zumindest Teile davon stimmten. Bei den Wahlen im November könnten mehrere Republikaner ins Repräsentantenhaus einziehen, die sich als Q-Anhänger bezeichnen.

Trump selbst hat Botschaften von Q auf Twitter verbreitet. Als er im August auf einer Pressekonferenz nach seinem Verhältnis zur Bewegung befragt wurde, erklärte der Präsident, er habe gehört, dass dies „Leute sind, die unser Land lieben“.

Auf den Einwand einer Reporterin, die Q-Gläubigen behaupteten ernsthaft, Trump befinde sich im Endkampf gegen einen satanischen Kult und Pädophile, erwiderte er: „Wenn ich helfen kann, die Welt vor Problemen zu retten, bin ich dazu bereit.“

Bis heute hat der Präsident den Realitätsgehalt des Verschwörungsmythos nicht öffentlich in Frage gestellt. Stattdessen befeuert er diesen mit Andeutungen. Gerade verkündete Trump in einem Interview, sein Kontrahent Joe Biden werde von „dunklen Mächten gesteuert“. QAnon kommt Trump als Wahlkampfhilfe sehr gelegen.

Seine Botschaften publiziert Q auf dem Internetportal „8kun“. Seine Anhänger kopieren sie von dort in andere soziale Netzwerke, befüllen Blogs und Videokanäle, deuten und schmücken sie aus. Wer sich tatsächlich hinter dem Pseudonym verbirgt, ob eine Person oder Gruppe, ist unklar.

Nun tummeln sich in Foren wie „8kun“ zahllose anonyme Hochstapler, Trolle und Rechtsextreme. Wieso hat es gerade dieser eine geschafft, derart ernst genommen und weltweit beachtet zu werden? Experten sagen, dies liege an Qs Talent, sich beliebig bei verschiedensten, teilweise deutlich älteren Lügengeschichten zu bedienen und diese zu adaptieren. QAnon sei nicht bloß ein Verschwörungsmythos. Eher ein Superverschwörungsmythos.

Laut Q wurde die „Titanic“ von einem gierigen Bankier versenkt. Schulmassaker seien nie passiert, die vermeintlichen Todesopfer Schauspieler. Nordkoreas Diktator Kim Jong-un sei FBI-Agent, Angela Merkel mit Adolf Hitler verwandt. Q hat es schon vor fast drei Jahren in seiner Botschaft 142 gesagt: „Folge der Blutlinie.“ Wobei Hitler wiederum nur eine Puppe gewesen sei. Gesteuert von denselben Mächten, die heute die Weltverschwörung anführten. Viele Nachrichten Qs triefen vor Antisemitismus.

In seiner Anfangszeit wagte Q konkrete Prognosen, bei denen sich überprüfen ließ, ob sie eintraten oder nicht. Seine Trefferquote war katastrophal. Die Behauptung, Hillary Clinton werde in den kommenden Tagen inhaftiert, traf ebenso wenig ein wie das Ableben liberaler Medienvertreter. Als mehrere angekündigte Verhaftungswellen angeblicher Eliten ausblieben, ging Q dazu über, seine Prognosen nebulöser, oft kryptisch, zu formulieren. Nun sind sie nicht mehr widerlegbar.

Seine Lernkurve erinnert stark an die von Sekten, die nach nicht eingetretenen Apokalypsen ebenfalls aufhörten, konkrete Untergangsdaten zu nennen.

Die Fehlprognosen der Anfangszeit schadeten Q nicht. Anhänger mutmaßen, sie seien bewusst gewählt gewesen und hätten einen tieferen Sinn, der vorerst unergründlich bleibe.

Auch Tamara K., die Heilpraktikerin und Anheizerin des Berliner Reichstagstreppensturms, zieht keine Schlüsse aus dem Fakt, dass ihnen Trump im entscheidenden Moment doch nicht zur Seite sprang – ja dass er sich nicht einmal in Berlin aufhielt. Zwar gibt K. zu, ihre Behauptung habe sich im Nachhinein „leider als etwas unrichtig“ herausgestellt. Sie besteht aber weiterhin darauf, über geheime Kontakte in hohe diplomatische Kreise zu verfügen.

Qs Hass richtet sich vor allem gegen die demokratische Partei in den USA, gegen Hollywood und die Medien. Nüchtern betrachtet ist QAnon eine vulgäre, recht plumpe Schmutzkampagne gegen sämtliche Kritiker Trumps. Warum hat die Bewegung in Deutschland dennoch so viele Anhänger?

Es ist die Idee vom „Aufstand gegen verborgene Eliten“, die so viele reizt, sagt der Buchautor und GWUP-Sprecher Bernd Harder am Telefon. Er beschäftigt sich seit Jahren mit Verschwörungsmythen, beobachtet auch deren Verbreitung unter deutschen Coronaleugnern.

QAnon bediene alle Bedürfnisse, wegen derer sich Menschen überhaupt zu Verschwörungsmythen hingezogen fühlten. „Einerseits ermöglicht es Selbstaufwertung“, sagt Harder. Die Überzeugung, ein Geheimnis zu kennen, hinter die Kulissen zu blicken und Zusammenhänge zu verstehen, die der Bevölkerungsmehrheit verborgen seien, fühle sich gut an.

Andererseits erfülle QAnon den Wunsch nach Komplexitätsreduktion: „Was auf der Welt auch passiert, ob Kriege, Armut, Flüchtlingsbewegungen oder die Frage, warum Trump Präsident geworden ist – das alles lässt sich scheinbar mit einer einzigen Theorie erklären.“

Zudem verspreche QAnon neben der Selbstaufwertung auch noch Selbstwirksamkeit. Man könne Teil einer Bewegung sein, und schon allein dadurch, dass „ich die Botschaften Qs weiterleite, werde ich zum Widerstandskämpfer gegen das Böse“.

Die zentrale Annahme des Q-Lügengebildes – der Glaube an einen von Satanisten und Juden organisierten Kindesmissbrauchsrings – fußt auf einen Verschwörungsmythos aus dem Herbst 2016. Damals hatte Wikileaks den gehackten E-Mail-Verkehr von Hillary Clintons Wahlkampfleiter veröffentlicht. Internetnutzer durchkämmten die Nachrichten nach Hinweisen auf eventuelle kriminelle Aktivitäten oder sonstige Vergehen – und suchten, als sie keine fanden, nach möglichen geheimen Codes.

In einigen Mails hatte der Wahlkampfleiter mit dem befreundeten Besitzer der Pizzeria „Comet Ping Pong“ in Washington kommuniziert – auch über Essen. Ein Forennutzer spekulierte, mit dem Wort „cheese pizza“, Käsepizza, sei eigentlich „child pornography“, Kinderpornographie, gemeint – wegen der identischen Anfangsbuchstaben.

Andere glaubten diese Theorie und überboten sich mit Deutungen. So entstand das Gerücht, unter der Pizzeria befänden sich Katakomben, von denen aus die Demokraten einen Kindermissbrauchsring betrieben. Am Ende stürmte ein Schwerbewaffneter die Pizzeria und schoss um sich. Vor Gericht meinte der Täter, er habe eigene Forschungen anstellen wollen, ob an den Gerüchten etwas dran sei.

Die Pizzeria hat keinen Keller.

In der Coronakrise haben Q-Anhänger die Lügengeschichte um das Kinderhandel-Lokal wiederbelebt und weiterentwickelt. Die verhängten Ausgangssperren etwa hätten nichts mit dem Virus zu tun, das existiere sowieso nicht, sondern seien nötig, damit Trumps Leute ungestört abertausende missbrauchte Kinder aus Folterkellern befreien könnten.
Es kam zu neuen Hasswellen gegen den Besitzer der Pizzeria. Der ist verwundert, dass inzwischen so viele der Beschimpfungen und Drohungen aus Deutschland kommen.

In den USA häufen sich die Fälle, in denen Q-Anhänger Gewalt anwenden. Das FBI warnt vor „verschwörungstheorie-getriebenen inländischen Extremisten“ und nennt ausdrücklich QAnon. Beobachter fürchten, die Situation könnte eskalieren, falls Trump die Wahl knapp verliert und seine Niederlage nicht anerkennt. Für Q-Anhänger könne es dann Notwehr sein, sich zu wehren.

Soziale Netzwerke reagieren. Im Juli sperrte Twitter 7000 Accounts, die regelmäßig Qs Inhalte verbreiteten. Facebook hat etliche Gruppen gelöscht. Qs Anhänger treibt das zu neuen Theorien. Auch Tamara K., die Heilpraktikerin aus der Eifel, hat auf ihrem Kanal davon gesprochen. Dass Twitter, Facebook und Youtube so viele Konten sperren ließen, habe einen einfachen Grund: „Weil Q real ist. Weil Q eine Geheimdienstorganisation ist und weil Q wahre Informationen veröffentlicht.“


Aus: "Ein Verschwörungsglaube geht um die Welt" Sebastian Leber (06.09.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/die-gefaehrlichen-luegen-des-qanon-ein-verschwoerungsglaube-geht-um-die-welt/26160230.html

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« Reply #163 on: September 08, 2020, 10:41:25 AM »
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Zur kurzen Erinnerung: die üblichen Transatlantik-affinen poster haben vor seiner Festnahme alle anderen belehrt, daß Assange nichts zu befürchten hätte, wenn er sich freiwillig wegen der Schwedischen Anschuldigungen stellt.

Wer auf ein mögliches Auslieferungsgesuch der USA hinwies, wurde als "Verschwörungstheoretiker", "Aluhutträger" oder "Dumpfer Anti-Amerikaner" bezeichnet und ins lächerliche gezogen.


Kommentar zu: "Großbritannien: Hemdsärmeliger Kampf um Julian Assange - Auslieferungsverfahren gegen inhaftierten Wikileaks-Gründer geht in die nächste Runde"
Sebastian Borger aus London (7. September 2020)
https://www.derstandard.at/story/2000119837485/hemdsaermeliger-kampf-um-julian-assange

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« Reply #164 on: September 09, 2020, 02:56:19 PM »
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[...] Okan Kara sitzt auf einer Betontreppe, die in ein Institut der Hamburger Universität führt. In dem Gebäude gegenüber studiert er, links daneben liegt die Bar, in der er arbeitet. Er schirmt sein Handydisplay gegen die Sonne ab, liest alte Nachrichten von seiner Mutter. In der Kontaktzeile steht "Mama", dahinter ein rotes Herz. Im Nachrichtenfenster ziehen mit jedem Wisch Verschwörungstheorien vorbei. Dann, ganz am Ende, Beleidigungen und Vorwürfe. Vor Kurzem hat der 23-Jährige den Kontakt zu seiner Familie abgebrochen. Um sich, seine Mutter und seine Tante zu schützen, möchte er hier anonym bleiben.

"In den Medien erscheinen die Hygiene-Demonstranten oft, als wären sie Spinner vom rechten Rand. Die breite Masse denkt: Wir sind die Vernünftigen, die anderen die verrückten Verschwörungstheoretiker, Aluhutträger, Eso-Freaks. Aber das sind nicht nur irgendwelche verstrahlten Grenzgänger. In meinem Fall ist es meine Mutter, es ist meine Tante – es geht hier um meine Familie. Hätte mir jemand zu Beginn der Pandemie gesagt, dass die beiden an Verschwörungstheorien glauben würden – ich hätte gelacht. Niemals, hätte ich gesagt.

Meine Mutter und ich waren immer ein gutes Team. Sie war alleinerziehend, ich ihr einziges Kind. Ich wuchs in Hamburg-Eimsbüttel auf, in einer kleinen Wohnung mit Garten. Sie ist gelernte Arzthelferin, eine stolze Frau, weltoffen, in ihrem Leben viel gereist. Ich weiß nicht genau, was meine Mutter früher gewählt hat, aber ich würde tippen: die Grünen oder die Linke. Vor Corona wurde bei uns zu Hause selten über Politik gesprochen. 

Meine Tante, die Schwester meiner Mutter, ist Ärztin, Allgemeinmedizinerin mit eigener Praxis in München. Sie hat keinen Partner, ist kinderlos und liebte mich dafür umso mehr. Wir drei verbrachten Geburtstage, Weihnachten und Ferien zusammen. Wenn ich heute Bilder von uns anschaue, wie wir an meinem Geburtstag lachend in der Küche stehen, meine Mutter mich umarmt und meine Tante in einem Topf rührt, dann frage ich mich: Wie konnte es nur soweit kommen?

Als die Bundesregierung im März den Lockdown beschlossen hatte, merkte ich, wie sich die Gespräche mit meiner Mutter und meiner Tante veränderten. Sie kritisierten, dass nur Menschen wie der Virologe Christian Drosten in Bezug auf die Pandemie zu Wort kämen und andere Meinungen diffamiert und zensiert würden.

Beide empfahlen mir immer wieder, mich doch auch mal mit "alternativen Medien" auseinanderzusetzen. Ende März sagte meine Tante dann zum ersten Mal, sie fühle sich durch den Lockdown in ihren Freiheitsrechten eingeschränkt. Das sei nicht in Ordnung. Meine Mutter fand, die Regierung würde die Pandemie dramatisieren.

Das erste Video bekam ich kurz darauf von meiner Tante über Telegram zugeschickt. Zu sehen war ein angeblicher Arzt, der erklärt, warum Corona mit einer Grippewelle vergleichbar sei und die Maßnahmen der Regierung "maßlos und rechthaberisch" wären.

Ich dachte: Okay, schau ich mir mal an. Ende März war vieles noch unklar, die Unsicherheit war groß, auch bei mir. Ich wollte offen sein.

Schnell merkte ich jedoch, wie sehr das Video den Informationen, die ich durch andere Medien bekam, widersprach. Ich informierte mich regelmäßig über die Seite des Robert Koch-Instituts, ich las den Spiegel, die ZEIT, schaute tagesschau und ließ mir auf YouTube von jungen Wissenschaftlern erklären, wie dieses Virus funktioniert. Ich wusste, dass Covid-19 keine einfache Grippe ist und war überzeugt, die Maßnahmen der Regierung seien richtig.

Von meiner Tante bekam ich weitere Videos, in denen Menschen behaupteten, ein Geldadel habe sich dazu verschworen, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Die Videos begannen mit Rockefeller und endeten bei Bill Gates, einer Zwangsimpfung und einer Elite, die Kinder entführt. Manchmal bekam ich am Tag zwei bis drei solcher Videos.

Samstag, 21. März 2020
Tante Esra: "Wer Menschen so etwas (künftiger Impfstoff, Anmerkung d. Red.) injiziert, handelt im Sinne der dunklen Mächte! Die Impfung wird euch krank machen beziehungsweise umbringen. (...) Sie geben vor, Menschen vor einer tödlichen (frei erfundenen) Pandemie schützen zu wollen, während sie in Wahrheit die Bevölkerung mithilfe kontaminierter Impfstoffe reduzieren möchten."


Meine Tante schickte mir Videos, mit meiner Mutter diskutierte ich einmal die Woche am Telefon. Sie fragte immer: Und, was sagst du zu den Links von deiner Tante? Verstehst du uns? Sie klang gehetzt und gereizt. Ich machte mir Sorgen um sie und sagte ihr das auch. Aber davon wollte sie nichts hören. Meine Tante und meine Mutter telefonierten fast täglich und tauschten sich über ihre neuesten "Erkenntnisse" aus, wie sie es nannten. Ich konnte spüren, wie sie sich radikalisierten und gegenseitig anstachelten und fühlte mich dabei völlig hilflos.

Donnerstag, 26. März 2020
Tante Esra schickt ein Video mit dem Titel: "Adrenochrom & Anti-Aging: Weshalb so viele Kinder entführt und rituell ermordet werden".


Die Videos meiner Tante haben mir die Tür in eine Welt geöffnet, die mir Angst macht. Ich hatte damals Semesterferien und schaute mir alle ihre Videos an und mir wurde immer deutlicher bewusst: Sie driften ab. Erst war ich völlig geschockt, aber dann wechselte ich in einen Aktionsmodus. Ich versuchte, mich in die Argumentation der Verschwörungsvideos hineinzufuchsen: Wie funktioniert diese Manipulation? Ich dachte, wenn ich die Mechanismen verstehe, finde ich eine Möglichkeit sie zu durchbrechen und den beiden zu zeigen, wie sehr sie sich irren.

Die Videos arbeiteten alle mit einer hochemotionalisierten Sprache. Normale Bedenken, wie die Sorge um die eigene wirtschaftliche Existenz, wurden benutzt und mit Unwahrheiten verknüpft. Die Videos waren teilweise so diffus, dass man nicht ein klares Argument erkennen konnte, die Aussagen blieben immer vage und ließen dadurch viel Platz für Interpretation. All das machte es für mich wahnsinnig schwierig, einen festen Punkt für ein Gegenargument zu finden.

Heimlich hoffte ich, das sei nur ein Phase, ein Missverständnis, in ein paar Tagen wäre es ihnen peinlich und sie würden sagen: Stimmt, du hast recht. Das ist ja alles völlig absurd.

Stundenlang surfte ich im Internet, nahm jede noch so winzige Behauptung eines Videos auseinander, suchte vertrauenswürdige Quellen heraus, die das Gegenteil bewiesen. Ich wurde akribisch, schrieb ihnen seitenlange Nachrichten zurück, in denen ich ihnen erklärte, warum Bill Gates zwar Geld in die WHO stecke, es aber nicht realistisch sei, dass er mit einem Mikrochip – verabreicht durch eine Impfung – Menschen versklaven oder töten wolle.

Ich schickte ihnen meine Faktenchecks. Statt einer Antwort bekam ich einfach ein neues Video zurück. Mit keiner Silbe gingen sie auf meine Argumente ein. Es fühlte sich an, als würden sie ein Spiel mit mir spielen, aber nur ich hielt mich an die Regeln. Argumente, Logik, Vernunft – all das zählte für die beiden offenbar nicht mehr.

Meine Tante ist Ärztin, sie hat ihr ganzes Leben ihrer Arbeit gewidmet. Wie sie an all das glauben kann, verstehe ich nicht. Diese Frau, die plötzlich das rechtspopulistische Magazin Compact als "seriöse wissenschaftliche Quelle" bezeichnet und im Wartezimmer ihrer Praxis auslegt, kommt mir vor wie eine Fremde.

Als Antwort auf die nächsten Videos schickte ich selbst welche. Ein Video von Mai Thi Nguyen-Kim und eines von MrWissen2go. Vielleicht würden sie Wissenschaftlerinnen und Experten eher glauben als mir.

https://www.youtube.com/watch?v=3z0gnXgK8Do

https://www.youtube.com/watch?v=-NLUWZqGpyc

Sonntag, 12. April 2020
Tante Esra: "Habe mir die Quellen angesehen und insbesondere diese Asiatin, die über die Phase zwei spricht. Wer ist schon "maiLab". Beide Speaker der obigen Videos sind von den Mainstream-Medien gesteuert. (…) falls du immer noch solche und derartige Inhalte für die Wahrheit halten solltest, dann kann ich dich nur noch bedauern."


Mainstream-Medien. Gesteuert. Irgendwann konnte ich nicht mehr schlafen. Tag und Nacht gingen mir die Videos durch den Kopf, die Sätze meiner Mutter und meiner Tante. Seit Wochen versuchte ich, mit ihnen zu diskutieren, doch ich drang nicht durch. Stattdessen wurde ich überschüttet mit immer neuen Videos. Am Telefon schrie meine Mutter mich mittlerweile an, wenn ich ihr widersprach. Ich versuchte, politische Themen zu meiden und nur noch über Alltägliches zu sprechen. Ich wollte einfach nur mit meiner Mutter reden, nicht mit der Verschwörungstheoretikerin. Ihre Enttäuschung über meine vermeintliche "Blindheit" ließ aber keinen Raum für andere Gesprächsthemen. Sie war vollkommen eingenommen, mich von ihren Theorien überzeugen zu müssen. Irgendwann eskalierte jedes unserer Gespräche.

Ich studiere Soziologie, mein Weltbild basiert auf der Idee, dass man mit Kommunikation fast alles lösen kann. Ich dachte: Ich muss nur besser argumentieren, mehr wissenschaftliche Quellen finden.

Meine Freunde, und besonders meine Freundin, waren in dieser Zeit für mich da. Sie waren genauso geschockt wie ich, viele von ihnen kannten meine Mutter und meine Tante. Ganze Abende diskutierten wir darüber, was ich noch tun könnte, aber uns fiel nicht mehr ein, als das, was ich ohnehin schon tat: dagegenhalten.

Donnerstag, 11. Juni 2020
Tante Esra: "Hallo, ich habe derzeit kein Interesse, mit dir zu telefonieren, da ich keinen Sinn darin sehe. Ich habe leider nicht das Gefühl, dass weder Mama noch ich dich erreichen. Alles, was wir dir gesendet haben, sollte als Denkanstoß zur Differenzierung der aktuellen nationalen und globalen Situation dienen. Ich habe nicht vor, dich von irgendetwas überzeugen zu müssen. Ich wünsche mir für dich, dass du eigenständig denkst und mit deinem Herzen handelst."


Ein paar Tage später begannen die beiden, mir plötzlich erklären zu wollen, dass Trump und Putin großartige Staatsmänner seien, obwohl sie die beiden vorher immer verurteilt hatten. Sie sagten, dass die Black-Lives-Matter-Bewegung nur ein Zusammenschluss linker Faschos sei, die zu Unrecht Krawall machten und dass das Leid der Geflüchteten an den EU-Außengrenzen egal sei, denn wichtiger wäre die Erkenntnis, dass sie Spielball der internationalen Politik seien, um unsere Gesellschaft zu spalten. Sie bauten ein linkes Feindbild auf und ich wurde ein Teil davon. Ihre Nachrichten wurden immer wirrer, man konnte ihre Wut förmlich rauslesen.

Sonntag, 14. Juni 2020
Mama: "Ein Mann lag im Koma, nur weil er auf eine Hygiene Demo ging und dort von 50 linken Faschos brutal zusammengeschlagen wurde. Mit eindeutiger Tötungsabsicht. Und der andere Dreck von BLM ist kein Stück besser. Siehe nur all die Drecksvideos mit dieser extremen Gewalt, das ist doch nicht normal. Macht ihr scheiß jungen Leute euch überhaupt über so was Gedanken. Alles bezahlte Söldner, Randalierer und Totschläger vonseiten der Elite."


Jetzt mischte sich auch noch rechtes Denken in ihre Argumente. Ich wurde wütend, das ging gegen meine innersten Werte. Ich versuchte trotzdem, weiter mit ihnen zu diskutieren, solche Aussagen konnte ich nicht stehen lassen. Doch statt auf mich einzugehen, beleidigten sie mich.

Sonntag, 14. Juni 2020
Mama: "Ich schäme mich, so etwas wie dich als Sohn zu haben, du bist mittlerweile echt das Allerletzte und ich verachte dich zutiefst für das, was du bist. Und so etwas studiert Soziologie und glaubt von sich, intellektuell zu sein ... einen Scheiß bist du, du hast noch nicht einmal Herzensbildung. Bist einfach ein selbstverliebter Egoist und Klugschwätzer, mehr nicht."


Es tut mir heute noch weh, das zu lesen. Das ist meine Mutter, die da schreibt. Egal wie aberwitzig die Videos und Aussagen meiner Mutter und Tante waren, ich habe ihnen kein einziges Mal vorgeworfen, lächerlich zu sein, weil sie an so einen Quatsch glaubten. Ich blieb immer fair, immer respektvoll. Ihre Thesen griff ich an, nie aber ihre Person. Und jetzt musste ich mir so etwas Verletzendes sagen lassen. Ich sah wie unsere Basis, dass wir eine Familie sind und uns lieben, langsam zerbrach.

Freitag, 26. Juni 2020
Tante Esra schickt ein Video von einem Mann, der sich Dawid Snowden nennt und von einem geplanten Völkermord der Bundesregierung durch eine Impfung spricht. Aufgrund von Überbevölkerung würde man die kommende Corona-Impfung dazu nutzen, die deutsche Bevölkerung zu minimieren und Menschen gezielt zu töten.


Das war zu viel. Erst beleidigte mich meine Mutter und dann ging es einfach weiter? Ich hätte mit einer Entschuldigung gerechnet, mit Einsicht, aber nicht mit einem neuen verdammten Video. Kurz darauf habe ich den Kontakt abgebrochen. Seither antworte ich ihnen einfach nicht mehr, weil ich keinen Sinn mehr darin sehe. Ich habe keine Worte mehr, mein Kopf ist leer. Das war's.

An schlechten Tagen fühlt es sich an, als wäre ich gescheitert, als hätte ich noch länger dranbleiben müssen. An guten Tagen weiß ich, dass das nicht stimmt. Ich musste die Kommunikation beenden, weil es mich zu sehr verletzt hat und ich verstanden habe: All die Diskussionen, der Streit, meine Recherchen waren umsonst. Ich dringe nicht zu ihnen durch. Ich hatte mich die letzten Monate daran aufgerieben. Jetzt muss ich mich selbst schützen. Aber das kann gleichzeitig nicht für alle, nicht für die ganze Gesellschaft gelten.

Es muss möglich sein, als Gesellschaft im Gespräch mit Menschen zu bleiben, die drohen, in diesem Sumpf zu versinken. Niemand soll das erleben, was ich durchgemacht habe. Man muss die Sorgen und Ängste ergründen, die hinter diesem Verschwörungsglauben stehen, und man muss es schaffen, diese Menschen zurück in unsere Mitte zu holen, bevor es zu spät ist. Denn was ist die Alternative? Diese Menschen auszugrenzen und den Rechten zu überlassen?

Meine Tante will nun ihre Praxis aufgeben, das schrieb sie mir vor ein paar Wochen. Meine Mutter will ihre Krankenversicherung kündigen, sie will kein Arbeitslosengeld mehr beziehen und gemeinsam mit meiner Tante "aus dem System aussteigen". Was auch immer das heißt.

Oft habe ich mich gefragt: Warum meine Mutter? Warum meine Tante? Wieso sind die beiden so empfänglich für diese Verschwörungstheorien gewesen? Die Antwort ist: Ich weiß es nicht. Beide waren vorher weder besonders politisch, noch staatskritisch, noch esoterisch. Meine Mutter ist arbeitssuchend und ehrenamtlich tätig, meine Tante hat eine eigene Arztpraxis, sie haben unterschiedliche Lebenswelten und unterschiedliche Bildungswege hinter sich. Sie sind in Deutschland aufgewachsen, haben dieses Land immer respektiert, sich an Regeln und Gesetze gehalten, sich gegen nichts aufgelehnt. Meine Mutter ließ mich als Kind impfen – volles Programm. Sie war immer hilfsbereit, offen und zugewandt. Genau wie meine Tante.

Ich habe die beiden wichtigsten Menschen in meinem Leben verloren und das Schlimmste ist: In ihrer Logik wollten sie mich eigentlich nur retten. Mir die Augen öffnen, mir klarmachen, wie die Welt wirklich ist. Dasselbe wollte ich auch, nur andersherum.



Aus: "Verschwörungstheorien: "Mama schrieb: Ich schäme mich, dich als Sohn zu haben""
Jakob Weber für ZEIT ONLINE - Generation Y, Protokoll: Sara Tomšić (9. September 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/campus/2020-09/verschwoerungstheorien-familie-mutter-radikalisierung-diskussionen-umgang/komplettansicht

Quote
Ossilant #4

Hart.
Aber auch hier zeigt sich: der Bildungsweg ist kein Indiz dafür, wie anfällig jemand für solche Erzählungen ist.
Spätestens nach dem 29.08.2020, als zum dritten Mal innerhalb von sechs Monaten die Einführung der NWO verlegt wurde hätten die doch aber stutzig werden lassen sollen?


...

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Michael Blume @BlumeEvolution

Auch zum 1.9. ist wieder 1 Endzeit-Datum von #QAnon & vieler sog. #Querdenker ohne Umwälzung abgelaufen. Genau deswegen muss schnell neue Erregung her, sonst zerfallen die Verschwörungsmythen. Hier ein Tweet einer Qultistin vom Mai. #Defender2020 #Apokalyptik #Putin #Trump

6:17 PM · Sep 7, 2020·Twitter Web App


https://twitter.com/BlumeEvolution/status/1303004397140615171

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« Last Edit: September 09, 2020, 07:29:47 PM by Link »

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Zur Thematik von Verschwörungstheorien...
« Reply #165 on: September 10, 2020, 11:25:47 AM »
Quote
[...] Wien – Nach unmissverständlichen Todesdrohungen gegen Justizministerin Alma Zadić (Grüne) und andere Regierungsvertreter ist ein 68-Jähriger festgenommen und am Dienstag in die Justizanstalt Wien-Josefstadt eingeliefert worden. Wie Gerichtssprecherin Christina Salzborn am Abend mitteilte, verfügte ein Journalrichter des Landesgerichts für Strafsachen die vorläufige Anhaltung des Mannes.

Dem 68-Jährigen ist laut einem von der Justiz eingeholten Gutachten eine höhergradige geistig-seelische Abnormität eigen. Der psychiatrische Sachverständige Peter Hofmann stufte ihn als nicht zurechnungsfähig und damit als nicht schuldfähig ein. Hofmann zufolge hat sich bei dem Mann ein krankhaftes Wahngebilde entwickelt, das ihn gefährlich macht. Demnach wären Straftaten mit schweren Folgen zu befürchten, sollten nicht Gegenmaßnahmen ergriffen werden.

Der 68-Jährige betreibt eine umstrittene Website, die seit längerem mit rassistischen und fremdenfeindlichen Inhalten auffällt. Wegen mehrerer Beiträge mit diffamierenden Äußerungen über nichtweiße und arabischstämmige Menschen, die er seit 2016 veröffentlicht hat, ist gegen den Mann am Landesgericht bereits ein Verfahren wegen Verhetzung anhängig. Da er sich beim ersten Verhandlungstermin im Juni äußerst ausfällig verhielt – unter anderem gab er als Angeklagter zu Protokoll, ein "Systemwechsel" stehe bevor, er selbst werde bald zum Grafen geadelt –, ließ der Richter ein psychiatrisches Gutachten einholen.

Auf Basis dieses Gutachtens und nach Gewaltdrohungen gegen die Bundesregierung und Justizministerin Zadić war für die Staatsanwaltschaft schließlich Gefahr im Verzug gegeben. Nach einer gerichtlichen Anordnung wurde der 68-Jährige festgenommen. Vor wenigen Tagen hatte er das "Auslöschen" der Bundesregierung durch Dritte angekündigt und über die schwangere Justizministerin verbreitet, diese werde die Geburt ihres Kindes "garantiert nicht mehr erleben".

Ob der Mann in der Justizanstalt Josefstadt bleibt oder in eine öffentliche Krankenanstalt für Geisteskrankheiten überstellt wird, dürfte sich in den kommenden Tagen entscheiden. (APA, 8.9.2020)


Aus: "Wien - 68-Jähriger nach Todesdrohungen gegen Justizministerin Zadić festgenommen" (8. September 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000119872630/68-jaehriger-nach-todesdrohungen-gegen-justizministerin-zadicfestgenommen

Quote
ittonips

freie meinungsäußerung gehört tatsächlich therapiert?


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Schuwidu

Wer, [das] was der Irre über social-media an Mord- und sonstigen Drohungen gegen offenbar unzählige Menschen v.a. Politikerinnen verbreitete, für freie Meinung hält gehört eigentlich mit in die Klapsmühle.


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Crom

Mal wieder einer von denen die einen Systemwechsel prophezeien. Wir befinden uns in den letzten Minuten des Endgames steht auf der Website. Danach wird alles anders.
Ich hab das in den letzten Jahren schon so oft gelesen und auch schon von einigen Leuten selbst gehört. Da frag ich mich schon, ja wann denn jetzt endlich?? Wieso passiert denn die ganze Zeit nix?


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Pat Thetic

Das ist wie mit diversen Sekten und dem Weltuntergang, ja.
Nur ist auch dort das Problem, dass ihn dann manche selbst herbeiführen wollen.


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Toerk Hvijed

Er schreibt die angeblichen Leserbriefe selber, die ihn entlasten sollen. Schon irre der Typ.


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Eifelgeist

Man soll sich nicht darauf versteifen das es sich hier um einen alten verwirrten Mann handelt, sondern um das was dieser auslösen kann. ... Wir brauchen keine Politiker Leichen wie in Hessen.


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susi strolcher

wär er "aus einem anderen kulturkreis" liefe er unter "einsamer wolf terrorist" so ist er ein armer kranker, der halt nicht mit den besorgniserregenden entwicklungen in unserer welt zurechtkommt ;-(


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Marquis de Sade

Wir haben auch Politiker, die davon reden alle zu überflügeln, vom Bevölkerungsaustausch schwadronieren und hinter allem die Rothschilds vermuten...

sind die auch krank und haftunfähig?

Ich frage mich übrigens nicht nur, was der wohl gewählt haben könnte, sondern auch, was man einem Menschen über Jahre oder Jahrzehnte zureden muss, damit er zu so einer Meinung kommt. Das ist nämlich das, was ich der FPÖ und Strache vorwerfe (und auch der ÖVP, die ist ja eine hellblaue Version der FPÖ): sie züchten solche Leute!
Da darf man sich dann nicht wundern, wenn das ein oder andere Pulverfass mal hochgeht.


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Bessermacher

... trotzdem ist jedes Individuum auch für sich selbst verantwortlich und nicht immer Opfer der Umstände.


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fizcaraldo

Warum steht das in der Kategorie "Web"? Würdet ihr es unter "Kultur" einordnen wenn der Mann seine Todesdrohung in einem Museum ausgesprochen hätte?


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miu miu

Rassismus, Verhetzung, Wahnvorstellungen. Da gibts aber noch ein paar andere. Manche sogar in der Politik.


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Zur Thematik von Verschwörungstheorien...
« Reply #166 on: September 12, 2020, 06:42:42 PM »
Matthias Pöhlmann: "QAnon wächst in Deutschland rasant"
Sie halten Corona für eine Biowaffe und Trump für einen Erlöser: Die Anhänger von QAnon gewinnen auch hierzulande Einfluss. Ein Gespräch mit dem Sektenexperten Matthias Pöhlmann über die religiösen Bezüge der Bewegung und ihre Radikalisierung
Interview: Silke Weber (9. September 2020)
https://www.zeit.de/2020/38/matthias-poehlmann-qanon-bewegung-radikalisierung-corona?

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Biagobaer #31

Eine Freundin von mir glaubt auch daran. Sie war schon immer esoterisch angehaucht - Glaube an Engel / Rituale.

Sie weigert sich z.B.das Kreuzzeichen zu machen weil sie davon überzeugt ist , die Kirche habe dies eingeführt weil man damit seine Chakren verschließt.
Die Kirche will dass die Chakren verschlossen sind , weil sie so Macht ausüben kann.
Jetzt glaubt sie an unterirdische Bunker wo Kinder gequält werden um Adenochrom herzustellen.
Das hört sich ja komplett nach Wahnsinn an. Aber sie ist ein erfolgreicher Mensch. Fröhlich, kreativ, empathisch. Steht mit beiden Beinen im Leben. Im Beruf erfolgreich, beliebt....

Ich habe ihr auch gesagt dass ich total krass finde ,dass sie so einen Schwachsinn glaubt.

Sie sah mich mitleidig an. Ich würde auch noch aufwachen.Ich soll mich nicht verarschen lassen.Ich zähle noch zu den Schlafschafen.Weil ich mich beeinflussen lasse.Ich soll mal dieses und jenes lesen oder mir anschauen.....

Sie ist natürlich auch gegen Masken , findet dass Corona eine Erfindung ist. Will ich darüber diskutieren sagt sie " Wir sind freie Kinder Gottes "
Das ist Standardantwort auf kritische Nachfragen. Ich komme damit schwer klar.Ich will sie aber nicht als Freundin verlieren. Ganz schwierig....


...

Quote
[...] Helena nahm an Black-Lives-Matter-Demos teil – ihre Mutter an den Ausschreitungen vor dem Kapitol. Wie sie einander in vier Jahren Trump fremd geworden sind.

"Hi Mom. Erinnerst du dich, wie du mir gesagt hast, ich solle nicht zu Black-Lives-Matter-Protesten gehen, weil sie gewalttätig werden könnten… Bist das du?" Mit diesen Worten teilte Helena Duke am 7. Januar auf ihrem Twitter-Account ein Video, auf dem eine gewalttätige Auseinandersetzung zwischen einer Gruppe von Trump-Anhänger*innen und einer Schwarzen Frau zu sehen war. Die 18-jährige US-Amerikanerin erkannte ihre Mutter unter den Demonstrant*innen. Die Szene spielte in Washington, D. C., einen Tag, bevor Trump-Anhänger*innen das Kapitol stürmten. Hier erzählt sie, was sie dazu bewegt hat, ihre Mutter öffentlich anzuprangern, und wie es sich anfühlt, wenn Familienmitglieder zu Trump-Supporter*innen werden.

Am Morgen nach dem Angriff auf das Kapitol in Washington, D. C. sah ich auf meinem Handy eine Instagram-Nachricht von meiner Cousine Patty: "dude… your mom". Ich wusste überhaupt nicht, was sie meinte, ich war gerade erst aufgewacht und mit meiner kleinen Schwester zu Hause. Auf meine Nachfrage schrieb sie mir "Oh shoot you don’t know?!" – und schickte mir ein Video, das auf Twitter viral gegangen war. Aufgenommen worden war es am Abend des 5. Januars. Man sieht eine Menschenmenge, die eine Schwarze Frau in Uniform umringt. Man sieht, wie mehrere Menschen auf sie einreden. Eine Frau greift nach dem Handy der Beamtin. Diese schlägt der Frau ins Gesicht, das Blut strömt aus ihrer Nase. Die Frau ist meine Mutter.

Als ich sie erkannte, war ich geschockt. Es fühlte sich surreal an und dauerte etwas, bis ich wirklich begriffen hatte, dass diese Frau in dem Video tatsächlich meine Mutter ist. Inzwischen bin ich einfach nur wütend. Im Frühjahr verbot meine Mutter mir, auf Black-Lives Matter-Demonstrationen zu gehen, weil die gewalttätig seien. Und dann sah ich sie auf solchen Bildern, wie sie selbst gewalttätig wurde.

Meine Mutter hat mir vorher nicht gesagt, dass sie nach Washington fahren würde. Sie hat mir nur gesagt, dass sie für drei Tage verreise, um meine Tante zu einer medizinischen Behandlung zu begleiten. Diese Tante und mein Onkel sind auch auf den Videoaufnahmen zu sehen. 

Seit ich denken kann, war meine Mutter Demokratin. Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, als Donald Trump gewählt wurde. Ich kam die Treppe herunter, meine Mutter saß vor dem Fernseher und war sehr unglücklich. Sie sprach davon, dass sie nach Kanada auswandern wolle. Damals hat sie Hillary Clinton gewählt. Ein Jahr später war sie eine rechte Trump-Supporterin mit sehr radikalen Ansichten.

Wie es dazu kam, kann ich nicht einmal sagen, es ging sehr schnell. Ich weiß noch, dass ich eines Tages von der Schule nach Hause kam und meine Mutter sah, wie sie auf der Couch saß und Fox News schaute. Meine Mutter schaute nie Fox News. Ich war damals 15 Jahre alt und habe nicht sofort verstanden, was das bedeutet. Das war eine der ersten Veränderungen. Sie kam plötzlich mit Verschwörungsmythen um die Ecke, die anfangs gar nicht politisch waren. Einmal wollte sie mir zum Beispiel erklären, Michelle Obama sei eigentlich ein Mann. 

Ich hatte schon immer ein schwieriges Verhältnis zu meiner Mutter. Seit der Trennung von meinem Vater vor etwa sechs Jahren hat sie sich stark verändert. Sie wurde launisch, war schnell wütend und dann plötzlich wieder sehr liebevoll. Ich wollte nach der Schule oft nicht nach Hause gehen, weil ich nie genau wusste, in welcher Laune ich meine Mutter vorfinden würde. Ich vermute, dass sie vielleicht deshalb zu einer Trump-Anhängerin geworden ist: Weil es ihr zu der Zeit nicht gut ging und ihre Geschwister, die schon lange politisch rechts sind, großen Einfluss auf sie genommen und sie von ihren Ansichten überzeugt haben. 

Seit Trump an die Macht kam, haben wir uns immer weiter entfremdet. Anfangs spielte Politik für mich noch keine Rolle, bei Trumps Amtsantritt war ich 14 Jahre alt. Aber während ich mich langsam immer mehr für liberale Ansichten interessierte, driftete meine Mutter immer weiter nach rechts. Alles, was Trump sagte, nahm sie für bare Münzen und wiederholte es zu Hause. Es kam mir so vor wie in dem Roman 1984 von George Orwell: Die Regierung beschallte meine Mutter mit Propaganda, sie nahm es blind auf.

Zu Hause mehrten sich rassistische, homophobe und xenophobe Äußerungen. Sie sagte zum Beispiel, dass trans* Menschen krank seien. Ich bin selbst homosexuell, meine Mutter weiß das bis heute nicht, ich habe mich nie bei ihr geoutet. Wenn sie homophobe Sprüche brachte, verletzte mich das. Wirklich wütend machte es mich aber, wenn sie rassistische Dinge sagte. Sie wusste, dass sie mich damit provozieren konnte. Ich ließ mich dann auf die Diskussion ein und versuchte, sie mit Fakten zu überzeugen. Sie ging überhaupt nicht darauf ein, sagte darauf immer nur: "Nein, das stimmt nicht". Die Diskussionen endeten meistens damit, dass ich auf mein Zimmer ging. Das war sehr anstrengend. Irgendwann habe ich sie ignoriert. Bis wir wegen der Black-Lives-Matter-Proteste gestritten haben.

Nach dem Tod George Floyds wollte ich zu einer der Demos gehen, sie verbot es mir. Meine Mutter ist fest davon überzeugt, dass Black Lives Matter eine gewalttätige Organisation ist. Wir stritten deshalb heftig, bis ich wütend auf mein Zimmer stürmte. Als meine Mutter herausfand, dass ich trotzdem zu der Demo gegangen war, setzte sie mich vor die Tür. Sie schrie mich an und sagte mir, ich habe keinen Platz unter ihrem Dach. Ich packte ein paar Sachen zusammen und habe daraufhin bei Freund*innen gewohnt. Natürlich hat mich das Verhalten meiner Mutter verletzt, aber ehrlich gesagt habe ich es als sehr wohltuend empfunden, mal eine Zeit lang in intakten Haushalten zu wohnen. Erst nach drei Wochen kehrte ich wieder nach Hause zurück. Entschuldigt hat meine Mutter sich nie. 

Nach dem Angriff auf das Kapitol hat das FBI darum gebeten, die Identitäten von Beteiligten bekannt zu geben. Ich habe deshalb beschlossen, meine Mutter, Tante und Onkel auf Twitter zu outen. Der Tweet wurde Tausende Male geteilt. Ich bereue es nicht. Sie haben falsch gehandelt und sollte dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Meine Tante habe ich mittlerweile auf allen möglichen Kanälen blockiert, sie bedrohte mich und nannte mich eine Soziopathin. Seit dem Tag, an dem ich den Tweet abschickte, habe ich auch keinen Kontakt mehr zu meiner Mutter. Sie schrieb mir nachts, dass ich den Tweet bitte löschen solle und ich dabei wäre, mein Leben zu ruinieren. 

Seit ich den Tweet abgesetzt habe, bin ich zu meinem Vater gezogen. Mein Vater und ich hatten keine besonders enge Beziehung, das ändert sich aber gerade. Er ist Demokrat und teilt meine Ansichten. Es ist ein schönes Gefühl, zu Hause endlich über Politik zu reden, ohne dass daraus ein Streit erwächst. Nachdem ich das Video auf Twitter gepostet hatte, fuhr ich mit ihm zu meiner Mutter, um meine Sachen zu holen. Und um nachzusehen, ob es meiner kleinen Schwester gut geht. Meine Mutter machte die Tür nicht auf und rief stattdessen die Polizei. Der Beamte begleitete mich auf mein Zimmer. Er sah auch nach meiner Schwester, ich durfte sie nicht sehen. Ich mache mir große Sorgen um sie.

Dass Joe Biden als Präsident vereidigt wird, ändert nichts zwischen meiner Mutter und mir. Ich glaube auch nicht, dass seine Regierung ihre politischen Ansichten ändern kann. Sie glaubt ja nicht mal, dass Biden wirklich gewonnen hat.

Alle der im Text erwähnten Chatverläufe liegen der Redaktion vor. Wir baten Helenas Mutter um ein Gespräch, erhielten jedoch keine Antwort. Ihr Arbeitgeber bestätigte gegenüber ze.tt, dass mehrere Mitarbeiter*innen an dem Angriff auf das Kapitol beteiligt gewesen wären, nannte allerdings keine Namen.


Aus: ""Meine Mutter war Demokratin – bis Donald Trump gewählt wurde"" (Protokoll: Laura Dahmer 21. Januar 2021)
Quelle: https://www.zeit.de/zett/politik/2021-01/usa-spaltung-gesellschaft-demokratie-familie-beziehung-streit/komplettansicht

Quote
Mister Horizon #18

Schade dass die Mutter nicht zu einem Gespräch bereit war. Ihre Perspektive muss ja eine komplett andere sein - wäre sicher eine spannende Gegenüberstellung gewesen.


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Pit_Hamburg #8

Donald, der Rattenfänger. Warum gerade so viele Frauen auch unter seinen Fans sind, ist für mich nicht zu begreifen.
Und es ist nicht die einzige Familie die er mit zerstört hat. Traurig, traurig...


Quote
Paul Freiburger #19.1

In den Jahren des dschihadistischen Terrorismus und des IS sprach man gerne von "Blitzradikalisierung".

Es geht nicht um Dämonologie, sondern um Psychologie. Warum werden "normale" Menschen zu Nazis, Maoisten, IS-Terroristen, QAnon-Anhängern etc. ? Darauf gibt die Wissenschaft durchaus Antworten, ich kenne mich aber nicht gut genug aus, um sie jetzt hier korrekt zusammenzufassen.

Die Mutter war sicherlich vorher schon desorientiert und unglücklich. Mit QAnon fand sie dann eine neue Orientierung, eine neue Erklärung für die Welt, alle scheinbaren Widersprüche verschwanden und damit der Stress, mit Widersprüchen zu leben. Sie konnte Teil einer neuen Bewegung werden, größer als sie selbst, und Kämpferin für "Wahrheit" und "Gerechtigkeit".
Dass das alles Lügen waren, hat sie ausgeblendet.


Quote
Fra Mauro #23

"Ich hatte schon immer ein schwieriges Verhältnis zu meiner Mutter. Seit der Trennung von meinem Vater vor etwa sechs Jahren hat sie sich stark verändert. Sie wurde launisch, war schnell wütend und dann plötzlich wieder sehr liebevoll. Ich wollte nach der Schule oft nicht nach Hause gehen, weil ich nie genau wusste, in welcher Laune ich meine Mutter vorfinden würde. "

Kingt nach psychischer Erkrankung. Was aber wiederum gut ins Profil von Qanon, Trumpisten passt.


Quote
Carol Grimes #9

Sehr interessant zu lesen, die Recherchehinweise am Ende sind hilfreich zur Beurteilung.
Was für ein Wahnsinn ist passiert in diesem Land? Millionenfache Gehirnwäsche?


Quote
sonneleipzig #10

Krasse Sache. Ich wünsche Helena viel Kraft und alles Gute. Ich hoffe sie fühlt sich bei ihrem Vater wohl und kann ihr Leben nach ihren Vorstellungen gestalten, lieben wen sie will, den Beruf ausüben den sie will und weiter politisch aktiv werden wenn sie das will.

Diesen Konflikt gibt es in vielen Schattierungen auch in unseren Familien. Auch bei meiner Familie gibt es den. Wir verstehen uns eigentlich sehr gut und können auch offen diskutieren. Bei den wichtigen Dingen sind wir auch grundsätzlich einer Meinung. Trotzdem sehen meine Eltern rot, wenn es um linke Ansichten geht. Auch sie haben aus verschiedenen eher rechten Quellen Ansichten übernommen die ich nicht so hinnehmen kann. Weil ich auch nicht nachvollziehen dass diese Ansichten eigentlich völlig konträr zu dem sind was meine Eltern eigentlich sonst wichtig finden.

Auf der anderen Seite sehe auch ich Tendenzen in einigen wichtigen Medien die ich nicht für gut halte. Tagesschau ist für mich zum Teil genauso simpel und vereinfacht wie die Nachrichten von Kika für Kinder. Aber das liegt wohl daran dass ein Großteil der Bevölkerung solch simple Informationen braucht, weil sie sich nicht genauer damit beschäftigen. Trotzdem denke ich dass durch dieses Vereinfachen auch Informationen vorenthalten werden, Hintergründe fehlen, so dass man das Gefühl hat in eine bestimmte Richtung gedrängt zu werden. Ich kann mir das nicht mehr anschauen.


Quote
Hank O'Hara #11

Ein Lehrstück, wie schnell Menschen politisch abdriften können.
So wird auch ein bisschen klar, wie es damals bei der Machtergreifung
der Nazis abgelaufen sein muss.


Quote
tartan #12

Das mag erklären, warum DT 2020 mehr Stimmen bekommen hat als 2016. ...


Quote
nozomi07 #14

 ... Wie können Menschen so in den Wahnsinn und die irrationalität abgleiten. Das macht mich fassungslos. Wir dachten immer, wir hätten die Nazizeit halbwegs aufgearbeitet - aber der Mechanismus, der zu so einem Verhalten führt, ist und bleibt das große ungelöste Rätsel. Wenn die Menschheit das nicht löst, werden immer wieder Gesellschaften abkippen.



Quote
Melafefon #17

Heidewitzka, wer so eine Mutter hat, hat´s nicht einfach.
Verschwörungstheorien und Rassismus (in Wort und Tat) und das ganze in der Familie, da würd ich auch eine Trennung vollziehen. Ist so,wie wenn deine Mutter AfD Fanatikerin ist und bei den Querdenkern. Gruselig und halt auch so weit weg von der Realität, da kommste eh nicht mehr ran.
Lieber ein Ende mit Schrecken, als sich den Blödsinn ein Leben lang anhören zu müssen. Jeder kann seinen Verstand bedienen, und wenn jemand nur noch einem Faschisten wie Trump hinterherquakt...selber schuld.


...
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Zur Thematik von Verschwörungstheorien...
« Reply #167 on: September 17, 2020, 02:28:23 PM »
Quote
[...] Warum nimmt Corona bei manchen Linken einen so schweren Verlauf? Nicht mal die gute alte Internationale Solidarität scheint noch eine Chance zu haben. Zwei alte Freunde habe ich im letzten halben Jahr an Corona verloren. Sie erfreuen sich zwar noch bester Gesundheit – allerdings inzwischen ohne mich. Mit Freund 1, den ich seit 25 Jahren kannte, teilte ich im Grunde meine komplette linke Sozialisation: Endlose Plena im Uni-AStA, Blockaden in Gor­leben, ungezählte Demos und genüss­liche Ent­eignungen von allzu kapitalistischen Symbolen wie Mercedes­sternen oder Messingschilder schlagender Burschenschaften mit anschließender Feedbackrunde bei viel Bier.

Als ich zu Beginn des Lockdowns vorschlug, statt eines Treffens doch vorerst lieber zu telefonieren, erhielt ich von ihm folgende Nachricht: „das ist nur die instrumentalisierung eines normalen, alljährlichen virologischen geschehens, mit der alle zum mitspielen in einer gigantischen umstrukturierung gezwungen werden sollen. ich kann dich bei bedarf mit infomaterialen versorgen, falls du von deiner obrigkeits­hörigkeit abfallen möchtest. wünsche einen milden verlauf – oder besser, daß dein hirn virusresistent werde!“ Ich antwortete mit einem beherzten „Fick dich“ und warf ihn umgehend aus meinem Leben.

Freundin 2 bewegte sich seit jeher in avantgardistischen Politzirkeln und bezog ihre Informationen aus links­elitären Nischenpublikationen – was ich durchaus interessant und anregend fand. Und grundsätzlich waren wir uns einig in unserer Sicht auf die Welt. Doch auch bei ihr nahm Corona einen schweren Verlauf. Erst leugnete sie dessen Existenz, dann wähnte sie sich als Opfer einer Diktatur (die Belarussen hätten sicher Verständnis, dass ein Mundschutz eine deutlich größere Menschenrechtsverletzung darstellt als ein bisschen Haue von der Staatsmacht), und feierte irgendeinen Youtube-Schwurbel als alternative Wahrheit – weil ja „alle Medien selbstverständlich tendenziös und dubios“ seien. Was willste da noch sagen außer: Adieu?

Vielleicht eint alle, die sich weit über die eigene Bequemlichkeit hinaus engagieren, eine bis tief an die Seele rührende Erkenntnis der Welt etwas Mangelhaftes, das es an verschiedenen Stellen zu flicken gilt. Wobei ich um Gotteswillen nicht meine, dass politisches Bewusstsein lediglich einer persönlichen Meise geschuldet sein muss. Der Wille, sich für ein Ziel, das größer ist als man selbst, für ein larger than life, in die Bresche zu schmeißen, ist und bleibt ehrenwert, auch wenn er meist von den Beibooten Eitelkeit, Helfer­syndrom und Überheblichkeit flankiert wird – und ich nehme mich selbst da keinesfalls aus. Interessant ist aber, wie sich diese Anteile in der jeweiligen Persönlichkeit verteilen. Welche Module im jeweiligen Synapsen­geflecht dafür sorgen, dass der eine soweit in der Spur respektive bei den Fakten bleibt, während der andere in die unendlichen Parallelrealitäten driftet.

Bei meinen beiden Verlusten hatten sich irgendwann im Leben wohl mal ein paar unverrückbare Überzeugungen ins Bewusstsein einbetoniert: Dem Staat ist grundsätzlich nicht zu trauen. Wenn in meinem Leben mal was nicht rund läuft, folgt das natürlich einem höheren Plan. Alles Arschlöcher außer ich. Und ob Katholik, K-Gruppe oder Verschwörungsfreund – wer einmal in sehr hermetischen Denkgebäuden heimisch war, für den ist der Wechsel von einem Apartment ins nächste leider nur ein kurzer Weg. Fakten, Quellen und Stringenz fliegen in hohem Bogen aus dem Fenster, die stören nur beim gemütlichen Rückzug allein aufs Narrativ. Natürlich möchte niemand für sich in Anspruch nehmen, eine Wurst zu sein, die von den komplexen Zusammenhängen dieser Welt kognitiv überfordert ist. Das hält die Seele nicht gut aus. Das Menschlein will halt Einigkeit, verstanden werden, sich ins Rudel kuscheln und gerne auch mal Recht haben. Das wollen wir alle. Und auch mal ein bisschen wichtig sein. Am Rad der Weltgeschichte mitdrehen oder gar zur Elite gehören, die vor allen anderen kapiert hat, wie’s wirklich läuft.

Soweit, so verständlich. Aber wenn das so weit geht, dass man, statt sich mit glasharten Fakten auseinanderzusetzen, sich in eine Weltverschwörung hineinfabuliert, in der auch der größten Abstrusität mehr Gewicht und Wahrheitsgehalt zugesprochen wird als einer Meldung vom RKI, dann spricht das zwar für einen beeindruckenden Reichtum an Fantasie, aber ganz sicher nicht für die Kompetenz, hier irgendwas zu reißen, was die Welt voranbringt. Selbsterhalt und En­dor­phin­ausschüttung sind Trumpf, wenn es gilt, das Gefühl der eigenen Wurstigkeit unter allen Umständen zu vermeiden.

Das, was Hannah Arendt „das Bekenntnis zur gemeinsamen Fiktion“ genannt hat. Die eigene Überhöhung als Speerspitze der Avantgarde – das fühlt sich natürlich ungleich geiler an als einfach nur ekelhaft staatsbürgerlich die Maßnahmen der Regierung ab­zunicken.Weil es mir Schlafschaf und Obrigkeitsknechtin halt an Vorstellungskraft mangelt, wie man eine ­Seuche besser in den Griff bekäme, ohne dass das komplette Land wirtschaftlich und demokratisch vollends in die Grütze geht. Unter meinen ehemaligen Freunden schießt das Adrenalin also in ungeahnte Höhen – nach langer Zeit der politischen Küchentisch­abende ist auf der Straße endlich mal wieder richtig was los: Es gilt Feinde zu bekämpfen, Kriege zu führen, Land­gewinne zu verzeichnen – und man selbst ist ganz vorne dabei. Ich-will-jetzt-so-fort-meine-Re-vo-lu-tion!, krakeelt es aus der Sandkiste, in der sich die ehemals linken Ehemalsfreunde inzwischen mit Nazis und Vollspinnern Eimerchen und Schaufel teilen.

Unter Menschen, die ich bis Anfang des Jahres also noch für gestandene Linke mit gut abgewogenen Ideal- als auch Pragmatismus gehalten hatte, hat die grundsätzliche Skepsis gegenüber Staatsorganen und Exekutive (die ich durchaus teile), dank Corona nun endgültig klinisch-paranoides Terrain erobert. Natürlich kann/darf/muss man jede einzelne Maßnahme genau betrachten, überprüfen, gegebenenfalls kritisieren und bisweilen auch laut dagegen anzetern. Und das ist ja auch ohne Einschränkungen möglich. Vor zwei Wochen demonstrierten Zehntausende gegen die Coronamaßnahmen der Regierung. Und ich erfuhr mit Schrecken, dass sich dort auch ehemalige Freunde tummelten.

Leute, ihr findet also nichts dabei, Seit an Seit, die Reihen fest und infektiös geschlossen, mit Nazis, Reichsbürgern und ausgewiesenen Demokratiefeinden gegen eine angebliche Diktatur auf die Straße zu gehen? ­Deren Existenz sich allein schon dadurch negiert, dass ihr diesen Irrsinn überhaupt betreiben könnt, ohne ­größere Sanktionen befürchten zu müssen. Nicht euer Ernst, oder? Ich erlebe, wie Genoss*innen den Schwurbel von Ken Jebsen mit begeisterter Lese­empfehlung durch die sozialen Medien jagen und das immergleiche Lied von der Grippe, die weitaus schlimmer als Corona sei und die weitaus mehr Leben dahinraffe, chorisch mitgrölen. Und dabei neben frappierender Parallel­realität auch noch einen Egoismus an den Tag legen, dass es einer Sau graust.

Wo ist sie denn geblieben, die seit Jahrzehnten auf jeder Demo laut skandierte, internationale Solidarität? Und wenn sie schon nicht für Oma Else aus Sachsen-Anhalt gilt, der man vielleicht keine potentiellen Viren entgegen­rotzen sollte, dann doch wenigstens den unterprivilegierten schwarzen Schwestern und Brüdern in Brasilien, die unter dem faschistischen ­Bolsonaro-Regime zu Tausenden verrecken und sich mutmaßlicher nichts sehnlicher wünschen als die Maßnahmen in der „Meinungsdiktatur“ BRD?

Kann man sich nicht allein schon aus diesen Gründen mal kurz einen Staubsaugerfilter vor die Visage schnüren, um zu signalisieren: Hier geht’s um mehr als nur um meine eigene Bequemlichkeit? Wo allein die bereits ein zutiefst neoliberaler Markenkern ist, der sich unter Linken normalerweise schon von selbst verböte. Und ist es nicht ungleich viel aufwändiger, sich all diesen Schwurbelkram einigermaßen sinnhaft zusammenzubasteln, als sich einfach nur an Fakten zu halten? Die ihr ja keineswegs leugnet, wenn es um den Klima­wandel geht. Also, stellt eure Hirne gefälligst wieder auf die Vor-­Corona-Werkseinstellungen zurück! Denn Bekloppte gab’s auch vorher schon mehr als genug.


Aus: "Linke Coronaleugner: Macht’s wieder gut, Genoss*innen!" Tania Kibermanis (17. 9. 2020)
Quelle: https://taz.de/Linke-Coronaleugner/!5709947/

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Zur Thematik von Verschwörungstheorien...
« Reply #168 on: September 21, 2020, 10:12:36 AM »
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[...] Im April hatte die Schweizer Youtuberin Ema Krusi ihrem Millionenpublikum Wichtiges zu berichten: Microsoft-Gründer Bill Gates werde in den USA der Covid-Manipulationen, gar Verbrechen gegen die Menschlichkeit beschuldigt. "Die Leute müssen das wissen", fuhr die Genfer Schuhdesignerin fort. "Ich bin nicht Journalistin, aber ich ergreife das Wort. Warum? Weil mich Bill Gates nicht finanziert."

Conspiracy Watch (CW) reagierte: "Falsch", schrieb die private Beobachtungsstelle im Thread, wobei sie bedeutend weniger Klicks erntete.

"Die Maskengegnerin reichte einfach Behauptungen des amerikanischen Verschwörungsnetzes Qanon weiter", erklärt CW-Vorsteher Rudy Reichstadt heute. Der 39-jährige Franzose sitzt in seinem kargen Büro, das im Wesentlichen aus zwei Tischen und einem Berg leerer Kartons besteht. Die genaue Adresse im Pariser Bastille-Viertel will er nicht angeben, nachdem er schon sehr aggressiven Besuch von Rechtsextremen bekommen hat. "Wir bewirken eine irrsinnige Feindseligkeit", stellt Reichstadt nüchtern fest.

Ein Grund ist sicher, dass CW den Verschwörungstheoretikern so genau auf die Finger schaut. Mit einer Historikerin und zwei freien Mitarbeitern verfolgt Reichstadt diese Tag für Tag. Auf lange Internetdebatten und Videoauftritte lässt er sich aber nicht ein. "Genau das wollen die Verschwörungstheoretiker. Sie wollen sich eine Legitimität verschaffen – notfalls auch durch Widerspruch", weiß der ehemalige Politikstudent aus jahrelanger Erfahrung.

Begonnen hatte er seine Arbeit nach den 9/11-Attacken im Jahr 2001. Damals fuhr ein Freund von ihm – "ein überlegter, gemäßigter Geschichtsstudent aus Paris, Mitglied der sozialdemokratischen Partei" – auf die Verschwörungstheorie des Franzosen Thierry Meyssan ab, der behauptete, es sei kein Flugzeug in das Pentagon geflogen. Reichstadt ging der Sache nach, entdeckte eine ganze Parallelwelt aus Lug und Trug, Fantasie und Paranoia. 2007 gründete er Conspiracy Watch.

Heute versteht er seine Mission nicht mehr als bloße Aufklärung, sondern – in Anlehnung an ein Bonmot des Soziologen Pierre Bourdieu – als "Kampfsport". Der Kampf gegen Verschwörungsapologeten sei letztlich ein Kampf gegen Rassismus, Antisemitismus und Revisionismus. "Und das", so Reichstadt, "ist nicht in erster Linie eine Frage der Pathologie, sondern der Politik."

Wen wundert’s: Die Webseite von Conspiracy Watch, die auf monatlich 100.000 bis 200.000 Klicks kommt, wird heute selber als Teil einer Weltverschwörung hingestellt. Ihr Gründer lacht: "Wir galten schon als Handlanger der Rothschilds, des CIA oder von George Soros." Das auch, weil die Pariser Shoah-Gedenkstiftung die Beobachtungsstelle subventioniert; daneben lebt die Webseite von Kleinspenden. Was wiederum nicht zu verwundern vermag: Juden leiden am meisten unter der "complosphère", wie man in Frankreich die Komplottszene nennt. Die Kinderfresser von einst sind heute die "pädosatanistischen Demokraten". Davon faselt jedenfalls Qanon, ein Machwerk aus der Trump-Sphäre, das Reichtstadt als "brandgefährlich" einstuft.

Dabei sind die Thesen des anonymen Q ein Widerspruch in sich: Er inszeniere den Machthaber Trump als Oppositionellen, ja Verfolgten jenes "deep state" (tiefen Staates), dem er in Wahrheit selber vorstehe, erklärt Reichstadt. Den Verschwörungstheoretikern sei es egal, sich zu widersprechen. Nach der Enthauptung des Journalisten James Foley im Jahr 2014 habe es geheißen, das Video müsse gefälscht sein, denn dieser CIA-Agent sei schon vorher tot gewesen; nach erfolgtem Gegenbeweis hieß es, er lebe immer noch.

"Wichtig ist den Verschwörungstheoretikern nicht das Faktum, sondern allein die Botschaft: Man belügt euch!", sagt der CW-Leiter. Auf der Webseite zeigt er unermüdlich, wer wirklich lügt: die Verschwörungserfinder. CW dreht ein weiteres Dauerargument um, nämlich die konspirative Frage "Wem nützt das Verbrechen?". Reichstadt: "Wir belegen mit Fakten, dass sich nicht etwa eine neue Weltelite den Planeten untertan macht, sondern dass diese Theorien oft von Diktaturen und autokratischen Regimen ausgehen und von geltungssüchtigen Komplotteuren weiterverbreitet werden."

Der Komplottexperte Emmanuel Kreis wirft CW vor, parteiisch zu sein: Die Regime in Russland, China oder Venezuela – oder auch der französische Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon – würden viel häufiger angeprangert als etwa USA oder Israel. Reichstadt kontert mit Fakten: "Wir nehmen auch Komplottargumente von Trump oder der Netanjahu-Familie auseinander."

Insgesamt hält der CW-Vorsteher Franzosen für ähnlich komplottanfällig wie Engländer, Spanier oder Amerikaner. Beim Brand der Notre-Dame-Kathedrale in Paris seien schon während des Brandes die ersten Fake-News aufgetaucht. Ein halbes Jahr später habe ein Rechtsextremist die Moschee von Bayonne attackiert, "um Notre Dame zu rächen", wie er sagte; denn er wollte gelesen haben, die Brandstifter seien Muslime gewesen.

Wie das Pariser Umfrageinstitut Ifop im Auftrag der Jean-Jaurès-Stiftung und von Conspiracy Watch jährlich eruiert, glaubt bis zu einem Viertel der Franzosen an Verschwörungstheorien. Dieser Anteil blieb in den letzten drei Jahren zumindest bis zur Corona-Krise ebenso stabil wie hoch, nachdem er nach dem Aufkommen des Internets schon jahrelang zugenommen hatte. Nicht zuletzt dank sozialer Medien glauben heute immerhin neun Prozent der Franzosen, dass die Erde eine Scheibe sei. "Es bleibt viel Arbeit", seufzt Reichstadt. "Sisyphusarbeit." (Stefan Brändle aus Paris, 21.9.2020)


Aus: "Conspiracy Watch sitzt Frankreichs Verschwörungstheoretikern im Nacken" Stefan Brändle aus Paris (21. September 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000120132322/conspiracy-watch-sitzt-frankreichs-verschwoerungstheoretikern-im-nacken

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Huge

Wenn man sieht, wo ganz viel Geld landet und was dagegen getan wird – nämlich quasi nichts – (https://www.derstandard.at/story/2000120138946/wie-das-internationale-finanzsystem-die-kleptokraten-gewaehren-laesst), dann darf man sich auch nicht wundern, wenn aus diesem Cocktail aus gefühlter Benachteiligung und Hilflosigkeit Verschwörungstheorien entstehen.


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profeline

Es deprimiert mich zutiefst, dass Verschwörungstheorien, Nationalismus, Esoterik, Religionen, ... einen derartigen Aufschwung erleben. Der Kampf dagegen ist eine wahre Sisyphusarbeit oder wie gegen die Hydra - ein Unsinn wird widerlegt, zwei (oder mehr) neue "Theorien" kommen auf.


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Zur Thematik von Verschwörungstheorien...
« Reply #169 on: October 07, 2020, 09:39:39 AM »
Quote
[...] Die Onlinenetzwerke Facebook und Instagram verschärfen ihr Vorgehen gegen die QAnon-Bewegung, die Verschwörungstheorien verbreitet und US-Präsident Donald Trump unterstützt. Künftig sollen alle Facebook-Seiten und -Gruppen sowie alle Instagram-Konten mit Verbindungen zu QAnon entfernt werden, "selbst wenn sie keinen gewalttätigen Inhalt haben", teilte Facebook mit.

Im August hatte der Konzern bereits rund 800 Gruppen, 100 Seiten und 1.500 Anzeigen mit Verbindungen zu QAnon aus seinem Netzwerk entfernt. Für mehr als 10.000 Instagram-Konten, 440 Facebook-Seiten und fast 2.000 Facebook-Gruppen wurden zudem Restriktionen verhängt, um die Reichweite von QAnon-Inhalten einzuschränken. Zudem wurden mehr als 300 sogenannte Hashtags mit Bezug zu QAnon in beiden Netzwerken blockiert. Auch Twitter hatte bereits zuvor Tausende Konten mit Verbindungen zu QAnon gelöscht.

Die QAnon-Bewegung verbreitet die Behauptung, dass die USA von einer kriminellen Organisation beherrscht würden, der etwa die früheren Präsidenten Bill Clinton und Barack Obama, der Milliardär George Soros sowie diverse Hollywoodstars angehören sollen. Viele QAnon-Botschaften haben antisemitischen und rechtsradikalen Charakter.

Unter den QAnon-Anhängern sind viele Trump-Unterstützer. Anhänger der Bewegung nahmen zuletzt auch an Protesten gegen die Corona-Restriktionen in den USA teil. Trump hatte nach der Facebook-Entscheidung im August gesagt, er wisse nicht viel über QAnon. Die Anhänger der Bewegung seien aber "Leute, die unser Land lieben".

In den USA und anderen Ländern hat in den vergangenen Monaten der Druck auf die Betreiber der großen Onlinenetzwerke stark zugenommen, gegen Hassbotschaften und Falschinformationen vorzugehen.

In den USA wird die Debatte über derartige Onlinebotschaften angesichts der Präsidentschaftswahl am 3. November besonders intensiv geführt. Facebook und andere Internetunternehmen ergriffen in den vergangenen Monaten bereits diverse Maßnahmen gegen aufwiegelnde, manipulative und irreführende Botschaften auf ihren Seiten. Am Donnerstag hatte Facebook Wahlwerbung von US-Präsident Trump mit kritischen Äußerungen über Flüchtlinge aus seinem Netzwerk entfernt.


Aus: "Facebook verbannt QAnon-Bewegung"  (7. Oktober 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/digital/internet/2020-10/soziales-netzwerk-facebook-instagram-qanon

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William S. Christ #32

Ungewöhnlich für die USA und ein US-Unternehmen.

Traditionell werden dort lieber Fotos von halbnackten Menschen gelöscht, weil sie ,,anstößig" sein und ,,die öffentliche Ordnung untergraben" könnten, als zu Mord und Totschlag aufrufende, wilde Verschwörungstheorien.

Ein Pamphlet, warum Ausländer (vor allem Dunkelhäutige) die weiße Rasse bedrohen und man sich gewaltsam gegen sie wehren muss - erlaubt.
Ein Bikinifoto, das Frau aus dem Urlaub postet? Kritisch...

Fängt Facebook jetzt wirklich an, sich ein wenig abzukehren von diesem Motto?


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[...] A wide-ranging conspiracy theory about elite Satan-worshiping paedophiles has migrated from the US, inspiring a series of regular street protests. How did QAnon find a British audience?

On a sunny day in late August, nearly 500 people gathered in central London. It was the first event held by a new group, Freedom for the Children UK.

As the crowd marched from the London Eye to Buckingham Palace, chants of "Save our children!" echoed in the air.

The ethnically diverse crowd was made up mostly of young people and women, some with their children. At the head of the march were group leaders Laura Ward and Lucy Davis.

Ms Ward, 36, who says she underwent a "spiritual awakening" during the Covid-19 lockdown, created a Facebook group in July "to promote and organise peaceful events that raise the awareness of child exploitation and human trafficking". It took off, gathering thousands of followers in just a few weeks.

The London march was just one of 10 rallies held across the UK, including events in Birmingham, Bristol and Manchester. A Liverpool rally drew similar numbers of people.

The organisers say their movement is not directly linked with QAnon, a wide-ranging, baseless, pro-Trump conspiracy theory.

But their themes are similar, and their evidence-free claims largely the same. And when images began to appear on the FFTCUK Facebook group later that day, placards, signs and items of clothing directly referencing QAnon were prevalent at almost all of the rallies.

QAnon began life - most likely as a joke or prank - on extreme message boards in 2017. It's an unfounded conspiracy theory that claims President Trump is secretly battling a clandestine network of Satan-worshipping elites who run a child trafficking ring.

The "Q" in QAnon is the person or persons writing cryptic messages to the movement's followers. Q claims to have top secret clearance within the US government. Q has told followers to "trust the plan" for a "great awakening". The messages have predicted mass arrests or purges of top Democratic Party officials. And none of the prognostications have come true.

Despite its bizarre premises, QAnon took off in niche online communities and rapidly grew on social networks.

Until this year, the conspiracy theory was confined to the internet's fringes. But then came the pandemic. QAnon influencers took advantage of fear, uncertainty and doubt - and the fact that many people were at home, worried, and living more of their lives online.

Surveys from the Pew Research Center indicate that the number of Americans who are aware of QAnon and support its ideas increased substantially this year. Supporters have been linked to several violent crimes.

In light of this, several major social networks including Twitter, Facebook and TikTok began restricting QAnon terms, phrases and hashtags on their platforms over the summer.

Believers changed tack. Urged by a Q message to "learn the use of camouflage digitally", followers avoided direct references to QAnon and began hijacking well-known, established hashtags and phrases used by genuine campaigners against child trafficking - such as the innocuous sounding #SaveTheChildren and #SaveOurChildren.

A BBC analysis based on data from CrowdTangle and Spredfast found that in the last three months, the two hashtags were used a total of 1.5 million times on Twitter and generated more than 28 million interactions on public Facebook and Instagram posts.

And outside the US, British followers lead the way. Our analysis of online data from the last three months puts the UK ahead of all European countries, followed by Germany and the Netherlands.

Marc-Andre Argentino, a researcher at Concordia University in Montreal, has identified at least 114 Facebook groups which spread QAnon content under the guise of campaigning against child trafficking.

Membership of such groups has risen by more than 3,000 percent since July, he says.

A key British YouTube influencer is Charlie Ward, who lives in Spain and began uploading QAnon-themed videos during lockdown.

While older clips about his personal life received barely any attention, his channel boasts more than 170,000 subscribers and he has hosted discussions with FFTCUK leaders.

Mr Ward did not respond to a request for comment.

In May, Ms Ward (no relation to Mr Ward) began engaging with social media posts by conspiracy theorist David Icke and a number of QAnon influencers in the US and Canada about Covid-19 lockdowns, George Floyd protests, and global child trafficking.

"I'm feeling powerless and I want to do more to create change. What do you suggest?" she tweeted at a Canadian QAnon influencer.

A few weeks later, inspired by a global "Save Our Children" movement launched by a California-based rapper and actor, Ms Ward set up the FFTCUK Facebook group with the aim of launching a similar movement at home.

By the end of August, Save Our Children street rallies were held in more than 200 towns and cities around the world, including a dozen in the UK.

The FFTCUK Facebook group has now amassed more than 13,000 members. While moderators are cautious about direct references to QAnon, discussion in the group is peppered with QAnon-related talk and hashtags.

Members also routinely organise coordinated online campaigns targeting news organisations.

For instance, when the independent Rattle Magazine published a piece about an FFTCUK rally, its Facebook page was swamped by comments that abused its staff. This, coupled with threats of violence, led the magazine to temporarily deactivate its social media accounts.

On their personal accounts, FFTCUK leaders are vocal about their beliefs.

Ms Ward's Twitter and Facebook accounts feature frequent accusations of paedophilia against leading US Democrats, and she regularly defends QAnon and its followers. She turned down an interview request for this story.

The vast majority of the protesters on the FFTCUK march in August ignored Covid-19 restrictions and social distancing guidelines.

As they finished the march and gathered near Wellington Arch for a meditation session, Ms Ward talked about a "fake pandemic".

While most of the UK rallies are organised by Ms Ward and FFTCUK, one in London was co-organised by StandUPX, a campaign group behind rallies featuring speakers such as David Icke. The rallies attract a wide range of speakers and attendees, from those who oppose government restrictions to those who claim that the pandemic is a "hoax" or somehow caused by 5G technology.

A spokesperson for StandUPX said: "We cannot be accountable for the views of each and everyone appearing at the rally and have no views about QAnon."

Experts say a number of national controversies and scandals in relation to elite child abuse had already primed the UK for the rise of conspiratorial narratives.

"Activists in the UK have easily woven British issues - such as Operation Yewtree investigations into historical child sexual abuse - into Q narratives," says David Lawrence, a researcher for the campaign group Hope not Hate.

"Long before the birth of QAnon, prominent British conspiracy theorists have promoted ideas about elite, occult paedophile circles engaging in large-scale child trafficking and abuse, and British activists are drawing on this broader tradition," he says.

And the upheaval of the pandemic created a perfect storm which helped QAnon find common ground with Covid-19 conspiracists.

"Public trust in institutions has declined in the UK in recent years, and has been exacerbated by the handling of the pandemic," Mr Lawrence added. "This has provided ideal conditions for conspiracy theories to spread."

Two weeks after their first protests, FFTCUK held a bigger protest in London on 5 September. Around 1,000 people marched from Oxford Street to the BBC's Broadcasting House, and then to Parliament Square.

The protesters paused outside the Disney Store on Oxford Street. "Shame on you," they angrily chanted, echoing a widely-held, evidence-free belief among QAnon followers that the company is part of a child trafficking cabal.

Once again, women and young people were at the forefront of the march.

People were dressed in QAnon shirts or ones displaying the slogan "WWG1WGA". Short for "Where we go one we go all", it is the best-known rallying cry for QAnon believers.

Other bizarre terms - albeit ones well-known to QAnon followers - were on display: "adrenochrome", "frazzledrip", "dark to light", "spirit cooking", "paedogate".

One marcher held up a placard referencing Pizzagate, a conspiracy theory that alleged Hillary Clinton and Democratic Party politicians were running a paedophile ring out of a Washington pizza restaurant. It prompted a heavily armed man to enter the restaurant, searching for non-existent child prisoners. He was later sentenced to four years in prison.

In London, the vast majority of the protesters I spoke to said they first heard about FFTCUK via social media, especially Facebook.

Some said they fully believed in QAnon and followed every Q message, while others were only partially familiar with it. There were supporters of President Trump, people who don't like him very much, and those that said they don't pay much attention to politics.

However, they all shared a strong suspicion of the establishment, coupled with the belief that there is a "deep state" of elites in the UK who are committing crimes against children with impunity.

"Pizzagate is 100% true," said Jada, a young protester. "There are paedophiles in our elite everywhere and they need to be taken down. This is happening in the US, in the UK and all over the world."

"I'm not sure if I'm QAnon, I don't follow that stuff much," said Audrey, another young protester. "But the deep state is not a secret, it's not a conspiracy theory."

And although she said she was initially not a fan of President Trump, her opinion has recently changed.

"He's doing a lot of good but that's not being shown on TV," she said.

Charities and professionals who work to fight real child abuse and human trafficking say the conspiracy theorists aren't helping by supposedly "raising awareness". In fact, they say they're distracting attention away from real crimes and authentic issues. [https://www.ecpat.org.uk/Handlers/Download.ashx?IDMF=4589c2b3-70ca-41ed-81cc-fe1aae9d8fc0]

... Although QAnon has always had female followers, the sudden shift towards #SaveOurChildren seems to have brought into fold even larger numbers of women, some via health, yoga and wellness Facebook groups and Instagram accounts.

The majority of the FFTCUK Facebook group's admins are women, and a few come from wellness communities.

"Early barrages of viral disinformation in the UK lockdown spread 5G and 'fake virus' narratives, both of which found their way into anti-vaccination communities and then wellness groups," says Joe Ondrak, a senior investigator at Logically, a tech startup that fights online disinformation.

"From here concerned 'Facebook mums' and other well-meaning parents stuck online started doing 'research'" - in the conspiracy world, this usually means watching YouTube videos and trawling fringe websites - "or finding videos reasserting conspiracy beliefs," he says.

Annie Kelly co-presents the weekly QAnon Anonymous podcast, which investigates the movement. She also reported on the first FFTCUK rally in London. She says by focusing on highly emotive content about child safety, #SaveOurChildren has managed to "worm its way into normal, basically apolitical parenting groups".

On Instagram, "soft" QAnon narratives have crept into content posted by female lifestyle influencers with tens of thousands of followers.

Mothers who spend time in online communities where concerns about children's products and content are shared have been a key driver of the new wave of QAnon believers, Ms Kelly adds.

"They can very easily become influencers themselves by sharing things they've noticed which they think add to the conspiracy," she notes.

The demographic makeup of the UK marches is significant, the experts say, as it does not match the stereotypical crowd of young men drawn from the right and the far-right.

"These weren't your typically 'red-pilled' conspiracy theorists," says Nick Backovic, a contributing editor at Logically. "They were worried mums and dads who had been scared into believing these exaggerated stats that aren't backed up by any evidence."

In terms of size and appeal, the British QAnon movement is still fringe compared to the US, where the conspiracy has leaked into the mainstream. A number of politicians who have previously endorsed QAnon are set to win seats in Congress and state or local legislatures in November's elections.

But the growth of QAnon in the UK also shows no sign of stopping.

Every Sunday, Ms Ward and Ms Davis broadcast on Facebook Live to update members about their plans and discuss ways to spread the message.

The FFTCUK page keeps adding followers, and further events are planned.


From: "What's behind the rise of QAnon in the UK?" Shayan Sardarizadeh, Anti-disinformation unit (13.10.2020)
Source: https://www.bbc.com/news/blogs-trending-54065470
« Last Edit: October 13, 2020, 03:22:56 PM by Link »

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Zur Thematik von Verschwörungstheorien...
« Reply #170 on: October 13, 2020, 09:57:29 AM »
Quote
[...]  Dale Beran ist Autor des Buches It Came from Something Awful. How a Toxic Troll Army Accidentally Memed Donald Trump into Office


... Seit Trump 2015 auf die politische Bühne getreten ist, haben „alternative Fakten“ ein Paralleluniversum aus Unterstützern im Internet größer werden lassen, das bei der Wahl Anfang November eine ziemlich wichtige Rolle spielen wird. Viele, wie das Online-Forum „theDonald“, existieren nur, um Trump zu loben, zu mythologisieren. Aber die größte dieser Bewegungen, sie wird „QAnon“ genannt, erstreckt sich über Hunderte, wenn nicht sogar Tausende von Social-Media- und Internetseiten; sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie die Realität zugunsten von Pro-Trump-Botschaften völlig aufgegeben hat. QAnon-Anhänger glauben im Kern, dass Präsident Trump ein heldenhafter Geheimagent ist, der gegen ein geheimes Komplott Pädophiler kämpft, die Satan anbeten und sich aus prominenten Mitgliedern der Demokratischen Partei und Hollywood-Promis rekrutieren.

Die Ursprünge dieser bizarren und substanzlosen Verschwörungstheorie reichen bis ins Jahr 2016 zurück, als Trump-Fans im rechtsextremen Politikteil „/pol/“ eines Online-Forums namens 4chan Gerüchte zu verbreiten begannen, wonach Donald Trumps Gegnerin Hillary Clinton schwer erkrankt sei. Die Kampagne ging auf, zur großen Überraschung der Witzbolde, die sie erdacht hatten. Die Fehlinformation verbreitete sich über soziale Medien, dann über rechte Medienkanäle, schließlich über die Mainstream-Medien. Davon ermutigt erfanden „/pol/“-Nutzer bald ein weiteres Gerücht; sie nannten es „Pizzagate“ und stellten sich vor, Clinton sei in einen satanistischen pädophilen Sexkult verwickelt, dessen Mitglieder sich im Keller einer Pizzeria in Washington D.C. trafen. In den letzten Wochen des Wahlkampfes 2016 verbreitete sich diese Lüge im Netz.

Nachdem Trump die Wahl gewonnen hatte, hörten „/pol/“-Nutzer nicht auf, Fehlinformationen zu verbreiten. Sie gaben häufig vor, Insider der Regierung zu sein, die Informationen über Pizzagate „durchsickern“ ließen, haben sich Namen wie „FBIAnon“, „White House Insider Anon“ oder „MegaAnon“ gegeben – auf 4chan nennen sich die Nutzer gegenseitig „Anons“, weil die meisten anonym posten. Keiner dieser Charaktere war außerhalb von 4chan sehr beliebt, und es schien, als würde Pizzagate bald verpuffen. Doch im Oktober 2017 trat auf 4chan ein neuer oder mehrere neue Nutzer mit dem Namen „Q“ oder „QAnon“ in Erscheinung, deren Aufschlag populärer als alle vorherigen 4chan-Streiche werden sollte. QAnon spielte die Rolle eines Regierungsinsiders, der Informationen über die Echtheit von Pizzagate durchsickern ließ; Hillary Clinton würde demnach in wenigen Tagen verhaftet werden. Obwohl sich dies nie bewahrheitete, schlossen 4chan-Nutzer im Nu Q’s einzigartigen kryptischen Stil, im Internet zu schreiben, in ihre Herzen, lauter Postings voller vager konspirativer Fragen und prophetischen Andeutungen. Im Januar 2018 war QAnon dauerhaft auf eine 4chan-Nachahmerseite namens 8chan umgezogen; rechte Nutzer begannen dort, die Botschaft auf Verschwörungs-Seiten wie InfoWars und gängigen Plattformen wie Reddit und Facebook zu verbreiten. Bald schwoll die QAnon-Glaubensstruktur an, nun ging es auch um frühere Verschwörungstheorien zu 9/11, den Kennedys und den Illuminaten.

Anstatt sich in den Untiefen des Netzes zu zerstreuen, wuchs die Anhängerschaft sprunghaft an, zunächst beschleunigt durch ältere Internetnutzer, die mehr Zeit auf Plattformen wie Facebook verbrachten, dann durch die Covid-19-Pandemie – denn in Folge der Isolierungsmaßnahmen zu deren Eindämmung verbrachten nun mehr Menschen nun noch mehr Zeit mit der Nutzung sozialer Medien. Dieses Spektrum ist zudem näher an den republikanischen Mainstream gerückt. Im Sommer gewannen mehrere Pro-QAnon-Kandidaten für den Kongress Vorwahlen der Republikaner; andere, auch Trump, hielten sich mit einer Verurteilung des Kultes zurück.

Q veröffentlicht weiterhin regelmäßig Beiträge auf 8chan (bzw., nach einer Umbenennung, auf „8kun“). Jede Woche sezieren Vlogger und Blogger die Äußerungen von Q vor einem wachsenden Publikum. Die Botschaften von Q werden von den großen sozialen Mediennetzwerken verbreitet; sie tolerieren die Verbreitung von QAnon auf ihren Plattformen. Monetarisiert wird das Phänomen durch Klicks auf Anzeigen, Apps, Spenden und T-Shirt-Verkäufe. Jetzt, im Vorfeld der Wahlen, fungiert Q weitgehend als Quelle für Pro-Trump-Memes und -Posts.

Die Risiken durch Corona hat Q jüngst als übertrieben dargestellt und in Anlehnung an Trump China die Schuld in die Schuhe geschoben. Zuletzt versuchten dieselben Desinformationskanäle Joe Biden zu unterstellen, er verheimliche, dass ihn Gesundheitsprobleme schwächten.

Trumps Krankenhausaufenthalt hat die QAnon-Anhänger zunächst verblüfft. Doch bald schon fielen sie in vertraute Muster zurück: All dies sei Teil des von Q beschriebenen Plans. „Trumps Corona-Move war brillant“, schrieb ein typischer QAnon-Anhänger im rechtsextremen Forum Voat: „Wenn Biden sich das Virus einfängt und es ihn hart erwischt, wird er im Vergleich zu Trump schwach aussehen.“ Zugleich werde dieser „Move“ der Welt Zuversicht geben, dass dies gar keine ernsthafte Pandemie sei. „Ich wette darauf, dass der Präsident der Vereinigten Staaten von nun an das Narrativ kontrolliert!“

Ironischerweise hat die ursprüngliche Koalition rechter 4chan- wie 8chan-Nutzer, auf die der QAnon-Mythos zurückgeht, die Nachricht von Trumps Krankheit überwiegend gutgeheißen. Viele sind längst von Trump enttäuscht, identifizieren sich jetzt als Faschisten, die hoffen, dass die Pandemie der Demokratie noch mehr lähmende Schocks versetzt. „Ich hoffe, er stirbt“, schrieb ein 8chan-Nutzer zu Trumps Diagnose. „Ich möchte, dass alle Q-LARPer („Live-Action-Rollenspieler“) nach seinem Tod noch ein paar Tage durchhalten und warten, dass er auf magische Weise wiederkehrt.“


Aus: "Und wenn Biden erst erkrankt!" (Dale Beran | Ausgabe 41/2020)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/und-wenn-biden-erst-erkrankt

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Richard Zietz | Community

Man braucht nicht tief zu graben, um die Ähnlichkeit dieses Konstrukts mit dem Klassiker des Antisemitismus, den »Protokollen der Weisen von Zion« festzustellen. Wesentlicher Punkt – damals wie heute – ist nicht ein sogenannter »Wahrheitsgehalt« (der damals wie heute nicht nur dünn, sondern schlichtweg nicht vorhanden war), sondern vielmehr die Dynamik, welche die ausgedachten Lügengeschichte(n) entfalten sollen und auch entfalten. Entsprechend ist es äußerst unwahrscheinlich, dass das Gros der QAnon-Anhänger(innen) die absurden Konstrukte wirklich glaubt. Ähnlich wie bei den Teilnehmern eines Verbrechens, die sich vor oder nach vollbrachter Tat auf eine Geschichte hin absprechen, geht es auch den QAnon-Anhängern um eine Legende, die letztlich Taten – konkret: Hassverbrechen sowie die Wende zu einer rechtsautoritären Gesellschaft – rechtfertigen soll.

Der eigentliche Sinn ist somit das Progrom, die Hoffnung die jedes gewöhnlichen Lynchmobs: die, dass die Alternativstory (Afroamerikaner, der eine junge Weiße vergewaltigt oder auch nur angeschaut hat, Juden, die Brunnen vergiften, Eliten, die sich am Blut von Kindern gütlich tun) als temporäre Alternativwahrheit so lange hält und von den Mob-Teilnehmern getragen wird, bis die beabsichtigten Taten umgesetzt sind. Im Kern handelt es sich dabei um eine Autosuggestion. Man fantasiert sich mit zusammenfantasierten Konstrukten in Rage, vergewissert sich mit schnellen Blicken nach rechts und links, ob die Mitteilnehmer(innen) mitziehen und schreitet situationsbedingt eben zur Tat.

Was bei QAnon als dem neuesten Highlight aus dieser Richtung vielleicht noch erwähnenswert wäre, ist der besonders hohe Grad an Absurdität der aufgetragenen Story. Massenpsychologisch könnte man konstatieren, dass diese Leute sich aus der Realität hinwegbeamen wollen – ähnlich wie Reichsbürger, die ebenfalls einen sehr exotischen Weg gefunden haben, sich auf den Hitler-Faschismus beziehen zu können, ohne das direkt so nennen zu müssen. Mit anderen Worten: alles dabei, was eine diffuse, in ihrer Diffusität jedoch klassische faschistische Bewegung ausmacht: der Mythos, ein Konstrukt inklusive »Schuldigen«-Benennung und schließlich der Wille zum Pogrom. Noch anders ausgedrückt: Tritt diesen Kräften keine genügend starke Zivilgesellschaftskraftskraft entgegen, werden die Dinge dieselbe Dynamik entwickeln wie bereits beim letzten Mal. Und das war – mit über 50 Millionen Toten – letztlich ziemlich mortal.


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"Where the alt-right came from" - Dale Beran: TEDxMidAtlantic 2017
Editor’s note: This talk was filmed and uploaded by the volunteers who organized this TEDx event; speakers and topics are selected independently of TED.
https://www.ted.com/talks/dale_beran_where_the_alt_right_came_from

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Zur Thematik von Verschwörungstheorien...
« Reply #171 on: October 15, 2020, 03:56:17 PM »
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[...] «Aufklärer», so nennen sie sich gern. Tatsächlich verstehen Verschwörungstheoretiker die Welt bis heute nach einem Modell, das in der Zeit der Aufklärung entwickelt wurde: Was geschieht, geschieht mit Absicht.

Manche Leute haben es gut. Denen ist nichts zu klein, ein Hinweis zu sein. Denen genügt ein Blick in ein Asterix-Heft, um zu merken, dass die Sache mit Corona stinkt. Dass die Seuche in Wahrheit keine Seuche ist, sondern versteckte biologische Kriegsführung. Und dass dahin­ter Leute stehen, die die Bevölkerung in Europa dezimieren wollen. Oder Leute, die mit dem Impfstoff Kasse machen wollen. Oder Leute, die den Ausnahmezustand nutzen wollen, um die Bürger gefügig zu machen, die Freiheit abzuschaffen, Donald Trump zu stürzen und eine «Neue Weltordnung» durchzusetzen.

Asterix also, Band 37, Asterix in Italien. Start zum «Grossen Transitalischen Wagenrennen» von Monza nach Neapel. In der Arena wird der grösste Wagenlenker der Antike angekündigt, aus zehntausend Kehlen ruft das Publikum den Namen des Champions, der stets eine grinsende goldene Maske trägt: «Coronavirus! Coronavirus! Coronavirus!»

Dabei ist der Band schon 2017 erschienen, lange vor der Pandemie. Und das heisst doch nichts anderes als: Die Krise muss geplant gewesen sein. «Ich konnt’s kaum glauben, aber es wurde schon in Asterix angekündigt», erklärte im März auf Youtube Oliver Janich, ein «investigativer Journalist» in Deutschland, der seine über 150 000 Abonnenten indessen nicht mit brisan­ten Dokumenten bedient, sondern mit Verschwörungstheorien sowie rechtspopulistischen und fremdenfeindlichen Ansichten.

Auch im Milieu der Esoteriker gab es Erleuchtungen wegen Asterix. Leute, die sich sonst an den Maya-Kalender und die Zyklen von Saturn und Pluto halten, um die Gegenwart zu deuten, erkannten im Comic die «Indizien», nach denen es sich bei Covid-19 um eine «Testseuche» beziehungsweise eine «künstliche Biowaffe» handelt, geschaffen von Mächten, die die Unterwerfung der Menschheit planen. Wer diesen Plan sieht, der sieht aber noch mehr. «Finanz- & Wirtschaftskollaps, Einschränkung Bürgerrechte, Bargeld­abschaffung, Enteignung, Verstädterung, Verarmung, Verdummung, Überwachung, Chippung, Zwangsimpfungen» (blaupause.tv) – alles hängt mit allem zusammen, und in diesem grossen Ganzen bekommt auch der Name eines Wagenlenkers seine wahre Bedeutung, neben verdächtigen Vorgängen in einem Labor in Wuhan oder Ungereimtheiten in der offiziellen Statistik: «Coronavirus» war eine geheime Botschaft. Oder ein Versehen, mit dem sich die Drahtzieher der gegenwärtigen Ereignisse verraten haben.

Dass der Wagenlenker in der deutschen Ausgabe nicht Coronavirus heisst, sondern Cali­­­ga­­rius, dass man Coronaviren schon seit fünfzig Jahren kennt und auch so nennt – es änderte nichts. Sollte es ebenfalls ein Zufall sein, dass Coronavirus im Rennen mit verbotenen Manövern triumphiert? Dass die Show ein korrupter Staatsvertreter finanziert? Und trägt Coronavirus etwa keine Maske? Als Einziger?

2020 scheint diese Art Denken in der Gesellschaft angekommen zu sein. Die Pandemie habe eine «Flut an Verschwörungserzählungen» ausgelöst, diagnostiziert der Spiegel. Die «Lust auf Verschwörungstheorien» habe zugenommen, findet auch der Historiker Norbert Frei. Dass sie «unser Denken bestimmen», stellen die Sozialpsychologin Pia Lamberty und die Bürgerrechtlerin Katharina Nocun schon im Untertitel ihres Sachbuchs fest. Dass der Verschwörungsglaube in dieser Pandemie aufblüht, erklären sie damit, dass er den «Kontrollverlust» kompensieren und den Ungewissheiten eine eigene Version der Wahrheit entgegenhalten könne.

Zwar ist nicht jeder, der sich um seine Existenz oder um die Bürgerrechte sorgt, ein Verschwörungstheoretiker. Aber die «Corona-Rebellen» aller Couleur finden sich in einem tiefen Misstrauen vereint: in der Vorstellung, die Behörden hätten es auf die Freiheit der Bürger abgesehen und Wissenschaft und Medien brächten manches absichtlich nicht zur Sprache. Von hier aus ist es nicht weit zum Glauben an eine Wahrheit hinter den Kulissen. Bill Gates zum Beispiel, der mit Forschungsgeldern Regierungen gekauft und die WHO übernommen haben soll, um internationale Programme für Impfungen und Chip-Implantationen durchzusetzen. Endziel: Weltdiktatur.

Erleben wir also gerade den Durchbruch eines «Wissens», das die hergebrachten Standards von Rationalität ablöst? Endet der gesellschaftliche Minimalkonsens darüber, was als Wahrheit gilt? Oft hat man Verschwörungstheorien als Pathologien gedeutet, als ­Ausdruck einer Paranoia. Mittlerweile lässt sich die spezifische Art von Rationalität besser verstehen, die diesen Theorien eigen ist. Michael Butter, Tübinger Professor für amerikanische Kultur- und Literaturgeschichte sowie Leiter eines internationalen Forschungsprojekts zum Thema, hat ein Buch über die kulturelle Logik des Verschwörungsdenkens geschrieben, und dafür, dass sich die Erzählungen über ein Corona-Komplott so schnell verbreiteten, hat er eine zusätzliche Erklärung neben dem «Kontrollverlust»: Sie hätten, erklärte er in Interviews, an schon bestehende Ideen angedockt – an Feindbilder wie den Staat, die Industrie, das internationale Kapital, die liberalen Eliten, die Amerikaner, die Chinesen.

Eine Verschwörungstheorie kommt eben selten allein. Zugleich korrigiert der Kulturhistoriker den Eindruck, Corona habe Verschwörungstheorien einen Boom beschert: «Der Konspirationismus ist derzeit nicht einflussreicher als je zuvor.» Man sehe ihn lediglich besser, so Butter. Tatsächlich verbreiten Verschwörungstheoretiker ihre Schöpfungen im Online-Universum einfacher als in Zeiten, da sie noch mit Schreibmaschinen operieren mussten, mit Kopiergeräten, Vorträgen und Büchern aus Klein- und Kleinstverlagen. Zudem müssen sie in den sogenannten sozialen Medien nicht lange nach Kundschaft Ausschau halten: Die «Lügenpresse!»-Rufer sind schon da, und sie sind willens, ihre «alternativen Wahrheiten» laufend um die gerade neueste zu erweitern. Dazu kommt die puzzle­förmige «Informationsarchitektur» (Bernhard Pörksen) des Netzes, die für die Produktion von Verschwörungserzählungen wie geschaffen scheint: Hier lässt sich alles mit allem verlinken, jeder Zusam­men­hang durch einen neuen ersetzen. Schliesslich verschafft ihnen auch der politische Populismus eine Bühne. Doch da, wo sie in einer grösseren Öffentlichkeit auftauchten, dominiere weiterhin «nicht der Glaube an, sondern die Sorge über Verschwörungstheorien», schreibt Butter.

Dass es sie schon in der Antike gab, wie so vieles andere, ist keine grosse Überraschung. Entscheidend ist ein Unterschied zur Gegenwart: In Athen und Rom gehörten sie zur politischen Kultur, sie waren salonfähig. In Versammlungen und in Verhandlungen vor Gericht warfen die Redner ihren Gegnern regelmässig Komplotte und andere finstere Ränke vor. So kamen Athens Rat der Fünfhundert und Philipp II. von Makedonien in den Ruch, im Geheimen die Zerstörung der Demokratie und der Polis zu betreiben. Kein Geringerer als Marcus Tullius Cicero beschuldigte Gaius Verres, den Statthalter der Provinz Sizilien, Sklavenaufstände unterstützt zu haben, die nie stattgefunden hatten. Cicero war im Jahr 70 vor Christus Ankläger in einem Korruptions­prozess gegen Verres, der mit dessen Flucht ins Exil endete. Und damit, dass der Verschwörungstheoretiker Cicero fortan als der bedeutendste römische Redner galt und mit seinen fünfbändigen Reden gegen Verres Literaturgeschichte schrieb.

Das heisst nicht, dass es in der Geschichte keine wirklichen Verschwörungen gegeben hätte. Aber sie waren stets kleiner als die Gespenster der Verschwörungstheoretiker. Dass sich Dutzende Mitwisser an einem Mordkomplott beteiligten wie jenem, dem 44 vor Christus Julius Cäsar zum Opfer fiel, ist schon eine Ausnahme. Die Antike macht schliesslich auch klar, dass Verschwörungstheorien heute mitnichten wieder dort angekommen wären, wo sie damals waren: in der Mitte der Gesellschaft. Die längste Zeit in der Geschichte waren sie offiziell akzeptiert, «es war normal, an sie zu glauben» (Butter). Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden sie stigmatisiert und «aus dem öffentlichen Diskurs in Subkulturen verbannt».

Gewiss, es gibt Donald Trump und seine Neigung, jeden Einwand gegen seine Politik mit einem versteckten Plan feindlicher Mächte zu erklären. Aber gerade der heutige Mann im Weissen Haus macht vor, was sich geändert hat: Die meisten seiner Vorgänger stiessen mit Verschwörungstheorien kaum auf Widerspruch. «Von George Washington bis Dwight D. Eisenhower gibt es vermutlich keinen Präsidenten, der nicht an solche Theorien glaubte», schreibt Michael Butter. Tatsächlich wurden die USA geradezu aus dem Glauben an Verschwörungen geboren: Gründerväter wie Washington, Thomas Jefferson oder John Adams waren überzeugt, dass sich der britische König und seine Minister gegen die nordamerikanischen Kolonien verschworen hätten, um ihre Existenz mit Operationen hinter den Kulissen zu untergraben. Laut Butter war dieser Glaube «ein entscheidender Faktor auf dem Weg zur Amerikanischen Revolution».

Nach der Unabhängigkeitserklärung von 1776 blühte in der jungen Republik dann die Furcht vor einer Intrige der Freimaurer und der Illuminaten; angeblich hatten sie schon die Revolution in Frankreich angezettelt und planten nun weitere Komplotte. Eine Frucht dieser Furcht waren die Alien and Sedition Acts von 1798, ein Paket von Gesetzen, die die Rechte von Ausländern beschnitten und subversive Kritik an der Regierung strafbar machten. Verschwörungstheorien funktionierten als Währung in der Politik, sie liessen sich in Macht ummünzen.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs aus der Vorstellung, Europas katholische Mächte wollten die Werte der USA und ihre Institutionen zersetzen, sogar eine eigene Partei, die sich Native American Party nannte. Bis dahin in antikatholischen Geheimgesellschaften tätig und getrieben vom Glauben, eine päpstliche Armee werde an der Ostküste landen und im Landesinnern einen neuen Vatikan gründen, kämpften die Native Americans gegen die Einwanderung von Katholiken aus Deutschland und Irland. Sie erklärten sie zu Agenten des Papstes, wollten ihre Einbürgerung erschweren und ihre Zu­lassung zu politischen Ämtern ausschliessen, ­wobei zur Parteipolitik auch handfeste Gewalt gehörte. Das ist die soziale Leistung von Verschwörungstheorien: Sie erlauben es, Feinde zu identifizieren. Zugleich stiften sie ein Selbstverständnis; sie halten Gruppen zusammen und erheben sie über den Rest der Gesellschaft, wenn nicht der ganzen Welt.

Wie staatstragend Verschwörungstheorien für die USA waren, zeigt die Republikanische Partei. Sie fand ihren Gründungsmythos in einem Komplott namens «Slave Power», einem angeblichen Geheimplan radikaler Befürworter der Sklaverei. 1858 beschuldigte ein republikanischer Politiker in einer seiner Reden die Spitzen des Staats persönlich – den damaligen Präsidenten und dessen Vorgänger sowie den obersten Richter –, eine riesenhafte Verschwörung anzuführen und sämtliche Krisen der letzten Jahre dirigiert zu haben, um ihr geheimes Ziel zu erreichen: überall in den Vereinigten Staaten die Sklaverei einzuführen. Der republikanische Redner hiess Abraham Lincoln, er wurde 1860 zum Präsidenten gewählt.

Verschwörungstheorien sind aber keine amerikanische Erfindung. Im 18. Jahrhundert kommen nicht nur Amerikas vermeintliche Feinde aus Europa: Auch der Konspirations­glaube ist ein Import aus der Alten Welt. Hier hat sich in der Zeit der Aufklärung ein Verständnis der Wirklichkeit entwickelt, das dem Verschwörungsdenken erst seine moderne Schlagkraft gibt. Es geht um die menschliche Handlungsfähigkeit – um die Frage, wer den Lauf der Dinge lenkt, wenn Gott und der Antichrist dafür je länger, je weniger infrage kommen.

Die Naturphilosophen haben bereits eine neue Physik entworfen, in der Ursache und Wirkung mechanisch verbunden sind: Das eine ergibt das andere, so ist die ganze Natur aus sich selbst heraus erklärbar. Nun, im 18. Jahrhundert, übertragen die Moralphilosophen dieses Modell auf die Gesellschaft und den Gang der Geschichte. «So zeigt sich», schreibt David Hume in seiner Untersuchung über den menschlichen ­Verstand von 1748, «dass die Verbindung zwischen Motiv und Handeln ebenso regelmässig und gleichförmig ist wie die zwischen Ursache und Wirkung in allen Gebieten der Natur.» Damit erklärt sich auch alles Elend auf der Welt. Es komme nicht aus «fernen Himmeln», so Constantin François Volney 1791: «Es sitzt im Menschen selber, er trägt es in den inneren Winkeln seines Herzens» (Die Ruinen oder Betrachtungen über die Umwälzungen der Reiche).

Das war damals ein bestechendes, «ein neuartiges Denken über Kausalität», nach dem Historiker Gordon Wood. Es schärfte den Verschwörungsglauben, und es liess ihn im 18. Jahrhundert boomen. Stellt man nämlich Intentionen an den Anfang einer jeden «Kette von Ursachen und Wirkungen in menschlichen Angelegenheiten», so Wood, dann kann von jedem Ereignis auf einen Willen oder einen Plan geschlossen werden, und das mit naturwissenschaftlicher Gewissheit und Genauigkeit. Wobei ein Ereignis die Intention auch dann verrät, wenn ein Urheber seine Urheberschaft verbergen will.

So etwas gab es im europäischen Mittelalter nicht. Hier war die Welt noch Gottes Werk und Teufels Beitrag. Das ist auch der Grund, warum man die Vorläufer verschwörungstheoretischen Denkens weniger im Mittelalter findet, sondern eher früher, in der Antike; trotz der mittelalterlichen Verfolgung von Hexen und Juden. Ihnen wurden durchaus geheime Pläne und Pakte vorgeworfen. Aber über allem standen Gott und sein Widersacher: Diese metaphysischen Mächte entschieden über den Gang der Welt, und man brauchte keine verschwörungstheoretische Be­weis­füh­rung, um das zu wissen.

Erledigte sich mit der neuartigen Mechanik von Ursache und Wirkung nun die Frage der Moral? Im Gegenteil: Ebenso «regelmässig und gleichförmig» (Hume), wie die Wirkung der Ursache entspringt, entspricht das Gute in der Welt einem guten Willen und das Übel einem üblen. Damit war es möglich, Gott aus dem Spiel zu halten und doch darauf zu bestehen, dass die Welt, wenn nicht gut, so doch wenigstens geordnet in der Frage von Gut und Böse sei. Die Zündkraft dieses Denkens zeigte sich umgehend in den grossen politischen Kämpfen jener Zeit: Aufklärer und Gegenaufklärer, Revolutionäre und Konterrevolutionäre beschuldigten sich gegenseitig, die Entwicklung zum Guten mit geheimen Agenden und Agenten zu hintertreiben.

Was geschieht, geschieht absichtlich – so verstehen Verschwörungstheoretiker die Welt bis heute. Die Möglichkeit, dass es in einer Gesellschaft zu Entwicklungen kommt, für die man keine Verantwortlichen findet, liegt diesem Denken fern; genau wie jene, dass menschliches Tun ungeplante Folgen haben kann. Oder dass Leute gegen ihren Willen handeln. Oder ohne Willen. Oder ohne Erfolg. «Menschen machen zwar ihre Geschichte selbst», schreibt der Historiker Dieter Groh, «aber das, was als Geschichte resultiert, ist nicht ihre Geschichte im Sinne dessen, was sie beabsichtigt haben.» Dass Verschwörungstheorien einfache Erklärungen für komplizierte Dinge bieten, hört man oft, aber das ist nur das eine. Das andere hat Groh bemerkt: «Ihre Logik, ihre Kohärenz und ihr Kausalnexus sind der Realität fast immer überlegen.» Der Historiker sieht das Irrationale dieses Denkens gerade darin, dass es von der Wirklichkeit derart viel Rationalität erwartet.

Aus diesem Grund können Verschwörungstheoretiker auch nicht akzeptieren, dass es manchmal nur sehr wenig braucht, um sehr viel anzurichten. Dass zum Beispiel die Kugel eines mässig intelligenten Nobodys den mächtigsten Mann der Welt umbringt, so wie in Dallas am 22. November 1963. Oder dass man nur einige Fluglektionen und ein Teppichmesser braucht, um einen Wolkenkratzer zu fällen, so wie in New York am 11. September 2001. Im Bild der Welt als Uhrwerk, in dem Ursache und Wirkung reibungsfrei ineinandergreifen und perfekt austarierte Proportionen bilden, ist so etwas nicht vorgesehen. Wenn sich die heutigen Verschwörungstheoretiker selber nicht als Verschwörungstheoretiker bezeichnen, sondern als «Querdenker», «Zweifler» oder eben «Aufklärer», dann zu Recht: Sie halten an einem Welt­verständ­nis der Aufklärung fest. Aber die Welt, die die Aufklärer damit verstanden, war jene des 18. Jahrhunderts.

Verschwörungstheorien seien Aberglaube ohne Gott, meinte der österreichisch-britische Philosoph Karl Popper. Er prägte den Begriff «Verschwörungstheorie», wie er heute gebräuchlich ist, und zwar in seinem Buch Die offene ­Gesellschaft und ihre Feinde. Geschrieben in Ver­tei­­di­gung liberaler Werte gegen alte und neue Totalitarismen, erscheint es 1945. Aber auch nach dem Krieg regiert in den USA noch immer die Furcht vor einer Übernahme durch getarnte Feinde. Es geht um die kommunistische Unterwanderung des Regierungsapparats, und diese Verschwörungstheorien sind schon im Umlauf, als der republikanische Senator Joseph ­McCarthy 1950 die Bühne betritt: Sie liefern ihm die Nahrung für die berüchtigte Jagd auf tatsächliche und vermeintliche Kommunisten, für seine ­Verfemungs- und Verhörkampagnen. Vor der Senatskommission, die er präsidiert, als wäre sie ein Gericht und er zugleich Ankläger und Richter, landen neben Staatsangestellten auch Wis­senschafter, Künstler, Journalisten und Immigranten; viele bezahlen den Verdacht der Spionage und der Subversion mit dem Ruin ihres Anse­hens, dem Verlust ihrer Stelle oder der Emigration.

Fünf Jahre später, 1955, wird McCarthy als Präsident seiner Kommission entmachtet. Er hat sich mit der Armee angelegt und sogar den Präsidenten, seinen Parteikollegen Dwight D. Eisenhower, als «verkappten Kommunisten» verdächtigt. Er hat seine Macht überschätzt und die Unterstützung der Politik und der Öffentlichkeit verloren. McCarthys Sturz ist aber auch ein Zeichen – dafür, dass sich das Klima für Verschwö­rungstheorien ändert. Konspirationismus gilt schon bald als minderwertiges Wissen, so dass es für staatliches Handeln nicht mehr taugt. ­Dahin­ter steht die Erfahrung mit Deutschland, wo das Phantasma der «jüdischen Weltverschwörung» in den Holocaust geführt hat. In den USA kommen die Anstrengungen der sozialwissenschaftlichen Forschung dazu. Zunächst motiviert von den totalitären Entwicklungen in Europa, dann auch von der Kommunistenjagd im eigenen Land, problematisieren die Sozialforscher das verschwörungstheoretische Denken. Und sie können diese Kritik einer breiten Öffentlichkeit vermitteln.

Auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs merkt man davon nicht viel. Es ist Ende Mai 1950, und in der DDR berichten die Zeitungen über einen «ungeheuerlichen verbrecherischen Anschlag». Schon seit Tagen sollen Bauern und Strassenwärtern Flugzeuge abseits der gewohnten Routen aufgefallen sein. Jeweils kurz darauf wimmelte es von Kartoffelkäfern auf den Äckern. Man kennt den Schädling, aber so früh im Jahr, so massenhaft und plötzlich hat man ihn noch nie gesehen. Einen halben Monat später wird die Wahrheit enthüllt. «Ausserordentliche Kommission stellt fest: USA-Flugzeuge warfen grosse Mengen Kartoffelkäfer ab», meldet das Neue Deutschland, das Zentralorgan der Staatspartei. Die amerikanischen «Imperialisten» und «Kriegstreiber» wollten die Ernten der Republik vernichten, verkündet ein anderes Blatt; darum hätten sie zu «Methoden bakteriologischer Kriegsführung» gegriffen.

Haben sie wirklich? Die Bevölkerung der DDR habe es geglaubt, erklären die Journalisten Lars-Broder Keil und Sven Felix Kellerhoff in ihrer Recherche über die Kartoffelkäferplage von 1950. Das verbreitete Misstrauen gegenüber den USA habe sich noch verstärkt, als der Koreakrieg die amerikanische Skrupellosigkeit zu bestä­tigen schien. Real ist auf jeden Fall die Kampagne, die auf die Enthüllung folgt. Mit Plakaten und Broschüren rufen die Behörden zum «Kampf gegen die Pest aus den USA»: Die Bevölkerung soll den Bauern helfen, die Käfer und ihre Gelege von den Feldern zu holen. Denn die Plage ist real, und das «in einer Phase, in der die Versorgungslage schon denkbar schlecht war», so Keil und Kellerhoff. Dass dahinter hausgemachte Probleme standen, belegen interne Papiere aus dem Landwirtschaftsministerium der DDR. Die Beamten stellten fest, man habe das Kartoffelkäferproblem seit 1945 vernachlässigt. Der «Abwehrdienst» sei unorganisiert, und es fehle an Chemie.

Daher das Märchen mit den US-Flugzeugen. «Die Führung wollte wohl vom Versagen bei der Bekämpfung des Kartoffelkäfers ablenken und die Bevölkerung zugleich für das Sammeln der Schädlinge mobilisieren», schreiben Keil und Kellerhoff. Dazu kam die Chance, die USA in Verruf zu bringen. Nach den beiden Autoren war die Verschwörungstheorie aus dem Parteiapparat ein Erfolg – bei den Bürgern, aber auch bei Bertolt Brecht, der sie umgehend literarisch segnete, und zwar mit seinem Gedicht Für den Frieden: «Die Ami-Käfer fliegen / silbrig im Himmelszelt / Kartoffelkäfer liegen / in deutschem Feld.»

Noch wisse die Forschung wenig Genaues über den gesellschaftlichen Abstieg der Verschwörungstheorien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, merkt Michael Butter an. Sicher sei, dass diese Entwicklung überall in der westlichen Welt stattgefunden habe – aber «nicht im gleichen Mass» in der arabischen Welt und in Osteuropa. Dort ist dieses Denken nie ganz aus der Mode gekommen, und so griff man auch in Russland vor kurzem wieder in den alten Werkzeugkasten, nach dem Anschlag auf den Oppositionspolitiker Alexei Nawalny. Während es mancher im Westen für erwiesen hält, dass die Spur des Nervengifts in den Kreml führt, sprechen regierungsnahe russische Politiker und Medien von einer anderen, viel geheimeren Agenda: Vor seiner Abreise in den Westen sei Nawalny gesund gewesen, der Befund der Ärzte in Berlin sei politisch motiviert. Dahinter stünden womöglich die USA, weil sie die Fertigstellung der Pipeline «Nord Stream 2» durch die Ostsee verhindern wollten.

Verschwörungstheorien gibt es zwar auch im Westen noch, aber seit ihrem Abstieg sind sie nicht mehr die gleichen: Ihre Stossrichtung hat sich umgekehrt. Bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts waren sie in aller Regel von gesellschaftlichen Eliten vertreten worden, und sie hatten sich gegen fremde Mächte gerichtet, ebenso gegen Zuwanderer, Andersgläubige, Schwache, «vermeintliche Aufrührer von unten» (Butter). Fortan sollte es umgekehrt sein: Gruppen, die sich marginalisiert sahen, übernahmen das stigmatisierte Deutungsmuster, richteten es nach oben und unterstellten den Eliten finstere Ränke.

Darum sind es «höchste Stellen» in Staat, Justiz, Kirche oder Konzernen, die hinter dem Mord an John F. Kennedy oder dem 11. September stehen und verhindern wollen, dass wir die Wahrheit über die Kondensstreifen am Himmel er­fahren, die Mondlandung, das Impfen oder 5G. Es sind Brüssel und Berlin, die in den Augen rechtsextremer Verschwörungstheoretiker die Europäer ausrotten wollen, um hier fremde Kultu­ren anzusiedeln. Die christlichen Fundamentalisten um den Sektenprediger Ivo Sasek sehen die «globalistische Elite» sogar am Gotthard-Basistunnel in Aktion, bei der Einweihungsfeier im Sommer 2016, wo sie «unter dem «Deck­mantel der Kunst satanische Rituale gezielt gefördert» habe.

In der Hand von Regierungen, zumal demokratischen, ist ein solches Denken nicht mehr glaubwürdig. Das erfuhr der Bundesrat, als er in den 1960er Jahren eine Verschwörungstheorie für den Volksgebrauch entwickeln liess. Es geht um Zivilverteidigung, das berüchtigte rote Büchlein, das im Kalten Krieg den Widerstand gegen den Kommunismus stärken soll (NZZ ­Geschichte Nr. 23, Juli 2019). Doch als es im Oktober 1969 schliesslich in einer Auflage von 2,6 Millionen Exemplaren verteilt wird, eines für jeden Haushalt, ruft es vor allem Widerstand gegen den Bundesrat hervor.

Zivilverteidigung wird zum Skandal, weil diese Lehrschrift alles politische Denken links der Mitte einem Verdacht aussetzt: dem Feind im Osten zu dienen, der die Schweiz per Verschwörung vom Kurs abbringen und schliesslich unterwerfen will. Namentlich Intellektuelle und Künstler finden sich als mögliche Wühler und Konspirateure diffamiert, ebenso Gewerkschafter, Gastarbeiter, Feministinnen, Separatisten und Homosexuelle. Diese Verschwörungstheorie kommt von oben; dass damit 1969 kein Staat mehr zu machen ist, zeigen in jenem Herbst die Proteste in Politik und Medien. Und die Altpapiersammlungen, in denen das Büchlein reihenweise landet.

Im Osten geht die staatliche Fabrikation von Verschwörungstheorien dagegen weiter. Mitte der 1980er Jahre bringt womöglich der KGB eine Lüge in Umlauf, die sich als ebenso langlebig wie folgenschwer erweisen wird. Sie handelt von Aids, und sie besagt, dass das Pentagon die Seuche losgelassen habe. Auf der Suche nach biologischen Kampfstoffen hätten amerikanische Militärs das Virus in Afrika entdeckt, in die USA gebracht und freigesetzt. HIV als Geheimwaffe des Westens – diese Verschwörungserzählung führte dazu, dass Aids auch noch im postsowjetischen Russland als «kapitalistische Krankheit» verstanden und, wo sie die eigenen Leute betraf, verschwiegen wurde. Die Zahl neuer Ansteckungen in Russland und in der Ukraine ist bis heute aussergewöhnlich hoch.

Wie diese Desinformation verbreitet wurde, illustrieren die Geschehnisse auf der Redaktion der Westberliner TAZ im Februar 1987. Damals bekam die Zeitung ein Interview mit einem Ostberliner Biologen angeboten und gab ihm eine ganze Doppelseite Platz für eine weitere Version des Biowaffenmärchens: Das HI-Virus sei nicht in Afrika gefunden, sondern im US-Militärlabor Fort Detrick gentechnisch produziert worden – durch die Kombination zweier bekannter Viren. Zur Therapie empfahl der Experte lediglich hohe Dosen Aspirin. Mehrere Blätter in der BRD hatten das Interview schon abgelehnt. Die TAZ, die die Verschwörungstheorie schliesslich in die bundesdeutsche Öffentlichkeit brachte und heute zu ihrer «Schuld an der Verbreitung von Fake-News» steht, erklärt sich deren «Plausibilität» mit dem damaligen Feindbild: Das «Unbehagen an den USA schlechthin» sei zur Zeit des Kalten Kriegs in alternativen und linken Kreisen verbreitet gewesen. Man mag derzeit einen anderen Eindruck bekommen, aber Verschwörungstheorien verfangen nicht nur rechts.

Gefährden sie die Demokratie? Die Gesundheit auf jeden Fall, wie Aids im Osten und jetzt auch Covid-19 zeigen: Wer an eine «Corona-Lüge» glaubt, steckt sich und andere eher an. «Eine gemeinschaftliche Reaktion auf eine Herausforderung setzt voraus, dass man sich als Gemeinschaft begreift und bereit ist, Dinge zu tun oder zu lassen, die ganz überwiegend anderen helfen», erklärt der Medizinhistoriker Christoph Gradmann (NZZ Geschichte Nr. 29, Juli 2020).

Genau daher rührt auch Michael Butters Sorge. Selbst wenn wir gerade keine Renaissance der Verschwörungstheorien erleben: Sie seien ein besonders auffälliges Symptom der «Fragmentierung der Gesellschaft». Die verläuft nach Butter weniger entlang ideologischer Linien, sondern entlang unterschiedlicher Annahmen darüber, wie Geschichte und Gesellschaft funktionieren. Kaum jemand wird darüber klagen, dass man sich im Westen die Welt gemeinhin nicht mehr mit Komplotten erklärt. Dass dieses Denken in Subkulturen verdrängt wurde, hat aber zugleich schon früh zur Bildung jener problematischen «Teilöffentlichkeiten» beigetragen, die sich im digitalen Zeitalter erst recht vermehren. «Wenn Gesellschaften sich nicht mehr darauf verständigen können, was wahr ist», schreibt Butter, «können sie auch die drängenden Probleme des 21. Jahrhunderts nicht meistern.»

Wahr ist wenigstens, und zwar für alle, die den Asterix-Band zu Ende lesen: Coronavirus verliert, Obelix gewinnt. 


Aus: "Die Abschaffung des Zufalls" Daniel Di Falco (01.10.2020)
Quelle: https://www.nzz.ch/geschichte/die-abschaffung-des-zufalls-ld.1576709

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Zur Thematik von Verschwörungstheorien...
« Reply #172 on: October 26, 2020, 02:24:29 PM »
"Wo Qanon Recht hat" Fritz (26. Oktober 2020)
Rund um die US-Präsidentenwahl, die Corona-Pandemie, die kommende Klima­katastrophe, Kontroversen aller Art, Dinge die uns verunsichern und verängstigen, finden Menschen Halt in Erklärungen, wie sie von der Qanon-Gruppe und ähnlichen anonymen Quellen angeboten werden. Kinder werden zu Tausenden entführt, in Tunneln versklavt und zu Medikamenten verarbeitet, Mundnasenmasken und Impfungen sind Werkzeuge des Bevölkerungsaustauschs, der geheime Deep State steuert alles im Hintergrund (mit, oder ohne die *stöhn* mythische Zionistische Weltverschwörung), Donald Trump ist der Mann, der uns rettet. Das hören wir zumindest aus dieser Ecke, die allerdings nie irgendwelche nachprüfbare Fakten auf den Tisch legt. Macht nichts, das konnten die christlichen Kirchen auch nicht, und hatten trotzdem in den letzten 2000 Jahren mehr Macht als irgendeine Regierung. Das hier gezeigte Erklärungsvideo von The Juicemedia (die jetzt langsam wirklich einen Pulitzer oder so was für ihre fantastische Arbeit bekommen müssen) räumt mit allen Missverständnissen auf. Hier: Die Wahrheit über Qanon. Wacht auf, ihr Schlafschafe! … ach, zur Eingangsfrage in der Überschrift: Nein, Qanon hat nicht Recht. Nirgends. ...
https://11k2.wordpress.com/2020/10/26/wo-qanon-recht-hat/

Honest Government Ad | Q
The Juice Media (TJM): Hello friends, Friends, here’s our latest Honest Government Ad. ...
https://youtu.be/1SoJI_KNV0Q

The Juice Media (TJM) is an Australian film and media company, that produces contemporary political and social satire. They are known for their Internet series Honest Government Ads and Juice Rap News.
[https://en.wikipedia.org/wiki/The_Juice_Media]

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Zur Thematik von Verschwörungstheorien...
« Reply #173 on: November 02, 2020, 03:28:16 PM »
Quote
[...] QAnon ist wie ein Spiel, das von den Ideen der Mitspieler lebt. Ein ewiges Rätsel, entwickelt aus Andeutungen und kryptischen Abkürzungen. Die Millionen Anhänger folgen dem, als wären es Brotkrumen in einem Labyrinth aus Horrorfantasien, alten Actionfilmen und Utopien über die Macht der Technik. Jeder kann dem Rätsel ein Stück näherkommen, jeder kann mitspielen und etwas dazu erfinden. Jeder hat Fragen und sucht sich die Antworten in den tiefen Weisheiten des Internets. Und doch bleibt alles vage. Die grundsätzliche Aussage hingegen ist klar: Die Eliten sind böse, sie missbrauchen und töten Kinder. Sie stecken unter einer Decke. Sie heißen Soros und Rothschild. Sie bereiten die neue Weltordnung vor. Und dagegen wehrt sich die QAnon-Gemeinde.

Bisher konnte man sich in Deutschland auf den guten, alten Antiamerikanismus verlassen. Bei Demos tauchten amerikanische Flaggen nur auf, um zerrissen oder verbrannt zu werden. Heute hingegen sieht man sie auf allen Anti-Corona-Demos. QAnon ist mit aller Wucht in Deutschland angekommen. Die deutschen Anhänger des Verschwörungs-Qs lieben dieses Spiel aus Antisemitismus und autoritären Umsturzfantasien. ...


Aus: "Kolumne: Die US-Wahl, Donald Trump und QAnon: Symbol der niederen Instinkte" Anetta Kahane (02.11.2020)
Quelle: https://www.fr.de/meinung/kolumnen/usa-wahlen-2020-donald-trump-qanon-symbol-90086955.html

-

Die `Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit´ (FIPU) ist ein loser Zusammenschluss von WissenschafterInnen in Österreich mit einem gemeinsamen Forschungsinteresse: der Auseinandersetzung mit Ideologien der Ungleichheit (Rassismus, Sexismus, Homophobie, Antisemitismus, Ableismus, usw.) und den sie tragenden politischen AkteurInnen. Zentraler Gegenstand ist dabei bislang die äußerste politische Rechte insbesondere, aber nicht ausschließlich, in Österreich. Dennoch definiert die Gruppe sich weniger über die extreme Rechte als Gegenstand als über die gemeinsame Klammer antiegalitärer Ideologien und Ideologeme, gleichgültig, ob diese `rechts´, `links´ oder in der politischen `Mitte´ auftreten. (Stand 2020)
https://forschungsgruppefipu.wordpress.com/

Quote
[...] Der in den USA entstandene QAnon-Mythos ist mittlerweile international verbreitet und beschäftigt nun auch hierzulande kritische Beobachter und Beobachterinnen der Verschwörungsszene. Während die meisten Analysen bisher vor allem auf dessen religiösen Charakter eingehen, zeigt eine faschismustheoretische Lesart des Phänomens sowohl Kontinuität also auch Erneuerungen in Form eines digitalen Faschismus.

... Viele journalistische Berichte begreifen den ideologischen Kern von QAnon als eine Art religiöse Sekte. Geht man jedoch genauer auf den Inhalt und die Rhetorik ein, erkennt man faschistische Muster, die lediglich in neue, digitale Gewänder gehüllt sind. Dabei ist die Bezeichnung von QAnon als faschistisch nicht im Sinne eines Kampfbegriffes gemeint, um die Bewegung zu delegitimieren. Viel eher schafft die Bezeichnung einen analytischen Mehrwert und macht Parallelen zu vorherigen Faschismen sichtbar.

Die Theorie des Faschismusforschers Roger Griffin bietet sich aus zwei Gründen zur Analyse von QAnonan. Erstens ordnet er die beobachteten religiösen Aspekte in die Faschismustheorie ein. Sowohl Mussolini als auch Hitler nutzten Rituale im religiösen Stil, um ihre politischen Ziele zu erreichen. Ein Beispiel ist der "Tag des Glaubens" (Giornata della fede), an dem Ehepaare ihre Eheringe rituell an Mussolini spenden sollten, für die Wiedererrichtung eines "Römischen Imperiums". Der Faschismus präsentiert sich also auch historisch oft als eine Art politischer Religion. Zweitens formuliert Griffin ein definitorisches "faschistisches Minimum", ein kleinster gemeinsamer Nenner der grundlegenden Aspekte, die sich in allen historischen und neueren Formen des Faschismus wiederfinden. Ausgangspunkt der faschistischen Ideologie ist ihm zufolge der Glaube an einen Ultranationalismus. Dabei wird die eigene Nation als ein ehemals mächtiger und gesunder Organismus beschrieben, der nun durch böse Kräfte in eine Krise getrieben würde. In der Darstellung und Rhetorik wird die Vergangenheit dabei mystifiziert als eine großartige Ära, die nun durch eine faschistische Rebellion wie Phönix aus der Asche neu geboren werden solle. Für diese ehrenhafte Neugeburt der Nation bietet der Faschismus dann eine vermeintliche Antwort und Handlungsanweisung.

Das Markenzeichen des Faschismus ist, so könnte man sagen, ein selbstbeschworenes Bedrohungsszenario der Nation, das nun abgewendet werden müsste. Betrachtet man nur einige der meistverbreiteten Videos der QAnon-Bewegung wird diese Rhetorik deutlich. Das Video "From dark to light" etwa beginnt mit der Beschreibung eines nationalen Idylls von einer Zeit in der "Stärke, Ehre und das Salutieren zur USA-Flagge noch eine Bedeutung hatte". "Es war eine Zeit, in der die Menschen noch über ihre Zukunft entschieden und ihre Stimmen gehört wurden." Unterlegt ist das Video mit glücklichen Kindern vor einer USA-Fahne und verschwommenen Kameraeinstellung, die an Traumsequenzen erinnern. Danach wird der Niedergang ebenjenes nationalen Sehnsuchtsortes beschrieben, ein betrogenes und geschwächtes "Wir" wird gegen eine bösartige Elite konstruiert: "Sie beschuldigten uns für die Zerstörung der Umwelt, für Armut, für Sklaverei, was du lernen musst, es waren immer schon 'Sie', eine kolossale, globale, kriminelle Klasse." Angespielt wird dabei an bestehende antisemitische Verschwörungserzählungen. Indem beispielsweise immer wieder das Bild von George Soros als Projektionsfläche des jüdischen Milliardärs eingeblendet wird. Auch die "Black Lives Matter"-Proteste und der Klimawandel werden als inszeniert dargestellt, um Amerika zu spalten. In dem Bedrohungsszenario werden damit sowohl rassistische als auch antisemitische Feindbilder konstruiert.

Anknüpfend an den "Pizzagate-Mythos", welcher im Wahlkampf 2016 Hillary Clinton als Teil eines pädophilen Netzwerks diffamierte, entstand der QAnon-Mythos mit dem Einzug von Donald Trump ins Weiße Haus. Das QAnon-Bedrohungsnarrativ behauptet, "die Wahl von Hillary Clinton hätte zu nicht weniger als einem globalen Atomkrieg geführt". Verhindert worden sei dies wie ein Wunder durch das Handeln von "tapferen Patrioten" im Militärapparat der USA, welche Donald Trump für den Kampf gegen den "Deep State" vorbereitet hätten. Die Lösung aller Probleme wird in weiteren Videos genauer präsentiert und wird simpel als "Der PLAN" bezeichnet. Denn es reiche nicht aus, sich zurückzulehnen, sondern man selbst müsse Teil "des Planes" werden: "Wir werden selbst zu dem PLAN, wenn wir uns dazu entscheiden, Globalismus abzulehnen […]. Es ist Zeit, die Medien abzuschalten, folge deinen Instinkten, traue dir selbst, SEI DER PLAN! Gott segne Amerika und die ganze Welt."

Teil des dadurch heraufbeschworenen Aktivismus ist die zuvor beschriebene digitale Schnitzeljagd, in der die Botschaften Qs arbeitsteilig verbreitet werden - dieser kollektive "Informationskrieg" wird als das "Große Erwachen" bezeichnet. Der explizite Aufruf zum Kampf "Wir kämpfen! Wir denken für uns selbst! Dark to light. Wir zeigen dir eine Neue Welt!" hat in den USA schon mehrfach zu gewaltsamen Vorfällen geführt und auch bei den Attentätern von Hanau und Halle in Deutschland gibt es ideologische Überschneidungen zum QAnon-Verschwörungsmythos. Gerade der Aufruf zur Tat für die Schaffung einer neuen Welt gepaart mit der Entmenschlichung von politischen Gegnern und Gegnerinnen folgt der Logik des Faschismus. Auch die Nutzung neuer Kommunikationsmöglichkeiten war für den Faschismus kennzeichnend, so wundert es kaum, dass sich Neuauflagen des Faschismus digital organisieren. Die neuerliche Sperrung von QAnon-Accounts auf gängigen Social-Media-Kanälen ist daher ein wichtiger Schritt, die Bewegung einzuhegen, stört dies doch empfindlich die gewollte Inszenierung als Masse im Internet. Besorgniserregend hingegen stimmt vor allem die anstehenden US-Wahl, in der sich QAnon als wahlkämpferisch für Trump gibt. Sollten die Republikaner gewinnen, sieht sich die Bewegung gestärkt; sollten die Demokraten gewinnen, würde dies von Teilen der QAnon Community als Putsch verstanden und könnte zu einer gefährlichen Fanatisierung führen. (Florian Zeller, 2.11.2020)

Florian Zeller ist Politikwissenschafter und Mitglied der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU).


Aus: "Verschwörerische Mobilmachung: Der QAnon-Mythos" (2. November 2020)
Quelle: https://www.derstandard.de/story/2000121293162/verschwoererische-mobilmachung-der-qanon-mythos

Quote
Ausgeflippter Lodenfreak

Qanon ist eine klassische Verschwörungstheorie, die es in ALLEN politischen Richtungen gibt und wer darin Faschismus erkennt, tut das weil er überall Faschismus erkennt, weil seine Gedanken hauptsächlich darum kreisen. Alles was hier als faschistisch beschrieben wird, gibt es zwar im Faschismus aber nicht exklusiv und es ist nicht spezifisch für den Faschismus. Die Gefahr dabei ist, dass der Faschismusbegriff bis zur Beliebigkeit verwässert wird und dieser Tunnelblick die Erkenntnisgewinnung über Verschwörungstheorien verhindert. Dieser linke Bias der Sozialwissenschaften wird auch bei den Corona-Leugnern sichtbar, wo hauptsächlich Esoteriker und Hippies aktiv sind, die aber immer wieder auf die rechten Anteile reduziert werden.


Quote
Tumen

Mit den Zensurmaßnahmen bei Facebook und Twitter hat QAnon Anhängern erst recht die Gewissheit gegeben, dass sie mit ihren Vorstellungen richtig liegen.
Das übrige tun dann die Medien dazu, die sich übertreffen diese Menschen - und das sind sie ja immer noch - als die größten Trottel, dies auf dieser Erde gibt, hinzustellen.
Problematisch ist einfach, dass die Grenzen zwischen "Verschwörungstheorien" und allgemein anerkannten Fakten nicht immer klar zu ziehen sind und je nach Blickwinkel sich einfach verschieden Zugänge zur "Wahrheit" ergeben.
Ich befürchte, die QAnon Problematik wird uns in Zukunft noch deutlich mehr beschäftigen, als uns lieb sein kann.


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earthling

Nein, das ist bei Verschwörungstheoretikern vollkommen wurscht, ob Facebook oder Twitter etwas löscht. Die ziehen ihre Sache durch, weil sie in ihrem Kult leben.

Und nein, es gibt keine verschwommenen Grenzen zwischen Verschwörungstheorien und Fakten. Verschwörungstheoretiker kümmern Fakten überhaupt nicht. Es geht rein darum, sich selbst mit "speziellem Wissen" über andere zu erheben. Das Thema ist in Wirklichkeit vollkommen egal. Das sieht man auch daran, dass Verschwörungstheoretiker meist auf mehrere Verschwörungstheorien anspringen, vollkommen unabhängig von deren Inhalt.


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Pfandbrief

Ein soziales Spiel für Ungebildete

Tja. Man sollte sich wundern wenn es sowas nicht gäbe, oder?


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morte100

Meine Erfahrung aus > 20 Jahren Internet: Trolle und VT besiegt man nicht durch Fakten. Das einzige das halbwegs funktioniert ist ignorieren.

Mit dem Fakt dass man glaubt erfolgreich auszuspielen kommt eine Gegen- (alternativ) Fakt. Irgendwo in der Diskussion ist ein Koernchen Wahrheit versteckt und daran ziehen sich die Leute dann hoch bzw. finden neue Anhaenger. Ist ein Perpetuum mobile. Viele machen sich auch einen Spass daraus, und die ganz Argen haben sicher einen Knacks.


Quote
MaHaPi

Diese ganze Q-Anon Story ist etwas, das werde ich nicht begreifen.

Wie verzweifelt und verloren müssen sich Menschen fühlen, wenn sie einer solchen Idee anheim fallen können, die an Absurdität und Abstrusität kaum mehr zu überbieten ist? Wie muss das Leben diese Menschen ausschauen, wenn sie DIESE Geschichte als Antwort auf all ihre unbeantworteten und für sie selbst nicht beantwortbaren Fragen sehen?

Da steig ich einfach nicht mehr durch.


Quote
Ich bin aus Mineralien

Einfache Antworten das ist es was Menschen dazu bringt, solchen Dingen anheim zu fallen. Da- sind die guten....und da sind die bösen!! In diese Variablen fügt man dann noch sein jeweiliges Feindbild ein.... und e voilla, fertig is der ganze Verschwörungsbrei. Es ist die Angst, die Menschen zu so etwas treibt. Das funktioniert seid ( wahrscheinlich) tausenden Jahren so, und wird, Ich stelle diese Vermutung mal auf, die nächsten paar tausend Jahre, noch genau so funktionieren!!! ...


...
« Last Edit: November 02, 2020, 03:52:45 PM by Link »

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Zur Thematik von Verschwörungstheorien...
« Reply #174 on: November 23, 2020, 02:45:43 PM »
Quote
[...] Wenige Tage nach einer aufsehenerregenden Pressekonferenz zum angeblichen Wahlbetrug hat US-Präsident Donald Trump die Zusammenarbeit mit der Anwältin Sidney Powell beendet. Sie hatte in den vergangenen Wochen immer wieder krude Verschwörungstheorien verbreitet.

Powell war zuletzt gemeinsam mit Trumps Privatanwalt Rudy Giuliani aufgetreten und hatte zu erklären versucht, wie Trumps Gegenkandidat Joe Biden zu Unrecht die Wahl zum Präsidenten gewonnen habe. So behauptete Powell, Biden habe seinen Erfolg durch Manipulation erwirkt – finanziert von südamerikanischen und asiatischen Kommunisten. »Womit wir es hier wirklich zu tun haben, ist ein massiver Einfluss kommunistischen Geldes über Venezuela, Kuba und vermutlich China.«

Powells These war dabei, dass der 2013 verstorbene venezolanische Präsident Hugo Chávez die Software zur Auszählung der Stimmen habe manipulieren lassen. So seien für Biden abgegebene Stimmen das 1,25-Fache wert gewesen und einige Stimmen für Trump automatisch in Stimmen für seinen Gegenkandidaten umgewandelt worden. Für ihre Behauptungen führte sie keinerlei Belege an. Sie sind widerlegt.

Außerdem sollen sich Powell zufolge hochrangige Republikaner in Georgia – der dortige Gouverneur und ein Minister – als Teil des Wahlbetrugs haben bestechen lassen, sagte sie dem Nachrichtenkanal Newsmax. In Georgia hatte Biden mit einer hauchdünnen Mehrheit von 14.000 Stimmen die Wahl gewonnen. Traditionell regieren die Republikaner den Bundesstaat – sie zweifeln das Ergebnis teilweise an.



Aus: "Wirre Verschwörungstheorien: Trump-Team trennt sich von Anwältin Powell" (23.11.2020)
Quelle: https://www.spiegel.de/politik/ausland/donald-trump-juristen-team-trennt-sich-von-umstrittener-anwaeltin-sidney-powell-a-cf1943c8-885e-4442-9fbb-e79d67df50d1

Quote
Andreas

>> Das war selbst den Juristen des US-Präsidenten zu viel. <<

Und das will - weiß Gott - was heißen!


Quote
42_bo

Soweit ich mich erinnere hat Giuliani persoenlich diese Biden-Venezuela-Kuba-China-Alien Geschichte selbst vorgetragen. Als er gemerkt hat, dass das eine der groessten Lachnummern wurde, hat er Schuldige gesucht und Frau Powell gefunden. Grosser Gag des groessten Juristenteams ever. Die Frau wurde gefeuert, es trifft nicht unbedingt die Falsche. Und dann wird bekannt, dass die gar nicht zum Team gehoert und scheinbar keiner weiss wieso die ueberhaupt bei der Pressekonferenz dabei war. Wenn ich Richter bei den anhaengigen Verfahren waere, wuerde ich mir von jedem Einzelnen eine durch Donald unterzeichnete Verfahrensvollmacht zeigen lassen um sicher zu sein, dass er den Anwalt/Anwaeltin ueberhaupt kennt.


Quote
Ulli

Die Reps gehen jetzt auf Distanz zu Trump. Aber auch nur, weil sie sehen, dass das ganze aussichtslos ist. Würde eine Chance bestehen, würden sie alles mitmachen, jede Lüge unterstützen. ...


Quote
Samothrake

Das ist natürlich Unfug, was die liebe Dame da erzählt. Weiß doch jeder, dass das in Wirklichkeit die Echsenmenschen waren, die Stimmzettel aufgegessen haben. ...


Quote
Idalp2020

Wenn wir hier über die Escapaden eines unter Medikamenteneinfluss stehenden Häuptling einer versprengten Südsee Insel sprechen würde könnte ich dem Ganzen etwas Witziges abgewinnen. Leider sprechen wir über den Präsidenten der Weltmacht USA, der zumindest noch ein paar Wochen den Code zu den Nuklearwaffen hat.


Quote
Wmeinberg

Dieser Auftritt von Giuliani und Powell hatte wirklich etwas von einer unfreiwilligen Groteske ...


Quote
Stephan

Gerüchte besagen er hat nur eine Attrappe des Koffers. Kann das bitte, bitte jemand bestätigen. Das würde mich sehr beruhigen...


Quote
Eberhard

Guillani, Powell und natürlich Trump schaden den USA schon jetzt auf viele Jahre. Denn wo immer Biden aucn hinkommt, zunächst muss er das Verhalten von Trump korrigieren. Viele werden skeptisch sein,ob Biden auch wirklich die Wahl gewonnenen hat. Bei solchen Fragen kann es kein entspanntes Gespräch geben. Trump hatdie USA nachhaltig beschädigt.


Quote
Jörn

Das Trump-Lager glaubt nun also auch nicht mehr an die bisher von ihnen verbreiteten Lügen, für die es keinerlei Beweise gab oder gibt. Das ist eine Zäsur.


...
« Last Edit: November 23, 2020, 02:48:13 PM by Link »

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« Reply #175 on: December 02, 2020, 12:14:39 PM »
Quote
[...] "Follow the money" war eine der Lieblingsphrasen des US-Verschwörungskults, also haben Reporter von NBC News die Herausforderung angenommen und den Fluss des Geldes zu den drei Q-Produzenten aufgedeckt.

Seit Sommer 2017 hat die Welt der Verschwörungsfreunde einen neuen Champion: Q. Nach Eigendarstellung ein hochrangiger Mitarbeiter eines US-Militärgeheimdienstes mit der (unbestätigten) Sicherheitseinstufung "Q" (daher der Name). Die anonyme Quelle liefert immer neue Hinweise zu angeblichen oder längst bekannten Verschwörungen, deutet Events an, die dann nicht stattfinden, und schickt Internetnutzer aller Altersgruppen auf kurzweilige Schnitzeljagden, die gerne in selbst produzierten Youtube-Videos oder Forumsbeiträgen enden. Immer in kryptischen Formulierungen und immer im Angesicht einer gesichtslosen Bedrohung - US-Medienanalysten sprechen hier von "fear porn", der Lust an der Apokalypse.

Wie Reporter des US-Nachrichtennetzwerks NBC News durch nicht minder geduldige Recherchen herausgefunden haben, stammen die Q-Anon-Veröffentlichungen von drei Personen: der bis dahin eher erfolglosen YouTuberin Tracy Diaz (a.k.a. TracyBeanz) und den wegen Anstiftung zu Gewalt vom Meinungs-Hardcore-Messageboard 4chan gefeuerten Moderatoren Coleman Rogers (a.k.a. Pamphlet Anon) und Paul Ferber (a.k.a. BaruchtheScribe). Das Trio verbreitete seine mitunter spannenden Geschichten danach auf dem noch härteren Messageboard 8Chan (wo man das Verbreiten von Kinderpornografie ebenfalls für Meinungsfreiheit hält) und auf einer eigens auf Reddit (dem vielleicht wichtigsten Diskussionsforum des heutigen Web) gegründeten Seite namens CBTS_Stream (a.k.a. Calm Before The Storm), das bis zu 20.000 Leser:innen hatte, bis es vom Forumsbetreiber wegen neuer Gewaltaufrufe ebenfalls geschlossen wurde.

Heute verbreitet sich Q-Anon vor allem über eigene YouTube-Kanäle und Facebook, wo dann Tausende ahnungsloser Neulandbewohner älterer Semester auf die Verschwörungserzählungen hereinfallen.

Auch wenn die Q-Anon-Macher auch schon als Gäste beim Rechtsaußen-Channel InfoWars auftraten, unterscheidet sich deren Inszenierung in zwei Punkten stark von bisherigen Fake-News-Lieferanten. Zum Einen nutzt Q-Anon, also Tracy, Coleman und Paul, bedingungslos alles, was die alte Verschwörungswelt von Antisemitismus bis Coronaleugnung zu bieten hat, und vermengt es zu einem umfassenden Bedrohungsszenario. Zum Anderen erreicht es die Überzeugungsqualität einer Sekte, deren Mitglieder Fakten daran messen, ob sie mit ihrem Glaubenssystem vereinbar sind.

Diese Überzeugungskraft wird mit eher modernen Mitteln erreicht. Wie die Gamedesigner Adrian Hon und Reed Berkowitz unabhängig voneinander analysierten, folgt Q-Anon exakt den Regeln des Spieledesigns, generiert also ein Alternative-Reality- oder Live-Role-Playing-Game. Hinweise führen zu immer neuen Rätseln, Sackgassen, die unweigerlich entstehen, weil die angebliche Verschwörung gegen Trump, Frieden und Freiheit ja frei erfunden ist, werden zu neuen Rätseln und angeblichen Beweisen dafür, dass die bösen Mächte (a.k.a. Deep State) ja unermüdlich ihr finsteres Werk verrichten. Messageboards und Facebookthreads dienen den Rätselfreunden und Q-Jüngern dazu, sich gegenseitig zu bestätigen, und nicht von ungefähr breitete sich die Internetsekte schnell im Gamer-Chat-Netzwerk Dischord aus.

Neben dem je nach persönlichem Geschmack unterschiedlich hoch zu bewertenden Unterhaltungsfaktor hat die Q-Erzählung einen ganz direkten, ja handfesten Nutzen. Diesen allerdings eher für die drei Macher, die sie mit zahlreichen Links zu ihren kommerziell verwerteten YouTube-Kanälen (z.B. Patriots' Soapbox), und Spendenaufrufen via Paypal und Patreon zu einer stabilen Einkommensquelle machten. Natürlich möchte man den drei Internet-Entrepreneuren spontan zu ihrem finanziellen Erfolg gratulieren, allerdings ist die Wirkung ihrer Verschwörungserzählungen ausgesprochen bedenklich. Es gab in den USA bereits mehrere Zwischenfälle, bei welchen bewaffnete Q-Jünger etwa die Herausgabe erfundener Geheimdokumente forderten oder Gruppen bildeten, um Terroranschläge zu planen.

Fällt nun nach der Wahlniederlage des Q-Idols Trump das Kartengebäude in sich zusammen, könnte die Gefahr realen Blutvergiessens noch sprungartig zunehmen. Und das alles für die finanzielle Sicherheit von drei einzelnen Medienunternehmern; eine für das Internet im Jahr 2020 durchaus typische, an dystopische SciFi-Romane erinnernde, aber dennoch schreckliche Entwicklung, die unbedingt gestoppt werden muss. Zuständig wären hier die Ordnungsbehörden der Vereinigten Staaten, und es besteht Hoffnung, dass diese in den kommenden Jahren wieder ungestört arbeiten können und damit dem Spuk ein Ende setzen. (Fritz Effenberger)


Aus: "Q-Anon, ein Geschäftsmodell" Fritz Effenberger (02. Dezember 2020)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Q-Anon-ein-Geschaeftsmodell-4975679.html

Quote
     Götterbote2015, 02.12.2020 01:17

Ziemlich lahmer Artikel. Außer das von drei Personen berichtet wird, die Q Anon dazu nutzen Geld zu verdienen, ist der Inhalt sehr dürftig und ungefähr so glaubhaft, wie viele der Q Anon Nachrichten.


Quote
     Katerstrophe, 02.12.2020 02:22

Idiotensammelstellen

sind ja kein Phänomen unserer Zeit, deshalb findet man die Inhalte der Q in sehr alten Unterlagen von Sekten und Religionen - manchmal erstaunlich unverändert.
Nämliche Wirkmuster, lediglich die Kommunikationstechnik hat sich weiterentwickelt..


---

"How three conspiracy theorists took 'Q' and sparked Qanon" By Brandy Zadrozny and Ben Collins (Aug. 14, 2018, 6:25 PM CEST)
Pushing the theory on to bigger platforms proved to be the key to Qanon’s spread — and the originators’ financial gain.
https://www.nbcnews.com/news/ncna900531

...

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Zur Thematik von Verschwörungstheorien...
« Reply #176 on: December 09, 2020, 12:48:03 PM »
Quote
[...] Drei Viertel der jungen Menschen in Deutschland sehen sich regelmäßig mit Falschnachrichten konfrontiert. In einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap gaben 76 Prozent der 14- bis 24-Jährigen an, dass sie mindestens einmal pro Woche im Internet oder in sozialen Medien auf Nachrichten oder Beiträge stoßen, bei denen sie das Gefühl haben, es handele sich um Falschinformationen. Jeder fünfte Befragte gab sogar an, dass dies mehrmals täglich vorkomme.

Im Vergleich zu den Vorjahren hat sich demnach der Anteil derjenigen, die es regelmäßig mit Fake News zu tun bekommen, deutlich erhöht. 73 Prozent der Befragten sehen zudem seit Beginn der Corona-Pandemie eine Zunahme an Falschnachrichten. Und zwei Drittel gaben an, dass es bei Corona schwerer als bei anderen Themen sei, glaubwürdige von unglaubwürdigen Nachrichten zu unterscheiden.

Mit 85 Prozent der Befragten wünscht sich eine große Mehrheit der jungen Deutschen das Thema Desinformation als verpflichtenden Bestandteil des Lehrplans an Schulen. Bisher würden Falschnachrichten nur bei 30 Prozent der Befragten im Unterricht thematisiert. "Dabei ist unter jungen Menschen in Deutschland längst Konsens, dass Medieninformationskompetenz genauso auf die Lehrpläne gehört wie Deutsch oder Mathematik", erklärte die Stiftungsvorsitzende Inger Paus.

Insgesamt fühlt sich zwar eine deutliche Mehrheit von 66 Prozent der Befragten sicher im Umgang mit Falschnachrichten und ist der Ansicht, diese "sehr" oder "eher sicher" als solche zu erkennen. Dennoch zeigt sich insgesamt auch Verunsicherung. Der Aussage "Weil es so viele Falschnachrichten gibt, weiß ich nicht mehr, welchen Informationen ich noch vertrauen soll" stimmten immerhin 53 Prozent der jungen Leute zu, 47 Prozent nicht.

Die meisten Befragten sind der Ansicht, dass die Verbreitung von Falschnachrichten eine Gefahr für die Demokratie ist. Für die Erhebung im Auftrag der Vodafone-Stiftung befragte das Institut Infratest dimap mehr als 2000 junge Menschen in Privathaushalten, die das Internet nutzen. Die Umfrage fand vom 11. bis zum 28. September statt.

Quelle: ntv.de, jug/dpa/AFP


Aus: "Fake-News-Boom verunsichert die Jugend" (Mittwoch, 09. Dezember 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/panorama/Fake-News-Boom-verunsichert-die-Jugend-article22223820.html

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« Reply #177 on: December 20, 2020, 06:39:47 PM »
Quote
[...] Die schwedische Havariekommission hat die schwedische Regierung aufgefordert, den Grabfrieden der vor rund 26 Jahren gesunkenen Ostsee-Fähre „Estonia“ zu ändern. Die Kommission will gemeinsam mit ihren Partnerbehörden in Estland und Finnland ein Loch im Rumpf des Schiffes genauer untersuchen, das auf Aufnahmen von Dokumentarfilmern zu sehen ist. Das sagte der Leiter der Behörde am Freitag bei einer Pressekonferenz.

Die „Estonia“ war in der Nacht zum 28. September 1994 mit 989 Menschen an Bord auf ihrem Weg von Tallinn nach Stockholm vor der Südküste Finnlands gesunken. 852 Menschen starben, der Untergang gilt als die schwerste Schiffskatastrophe in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg.

Weil viele der Toten nicht geborgen werden konnten, steht das Wrack als Ruhestätte unter Schutz und darf nicht aufgesucht werden. Damit die Kommission die Untersuchungen aufnehmen kann, muss die schwedische Regierung das sogenannte Grabfriedensgesetz ändern.

„Die Regierung wird den Grabfrieden nicht aufheben“, sagte Innenminister Mikael Damberg. „Wir werden aber prüfen, wie das Gesetz angepasst werden kann, um die Untersuchungen zu ermöglichen.“ Ziel sei es, die Gesetzesänderungen im ersten Halbjahr 2021 umzusetzen.

Warum die „Estonia“ unterging, konnte bislang nicht zweifelsfrei geklärt werden. Dem offiziellen Untersuchungsbericht aus dem Jahr 1997 zufolge war das abgerissene Bugvisier die Ursache für den Untergang. Überlebende und Hinterbliebene fordern seit langem, dass die Untersuchungen wieder aufgenommen werden.

Ein Dokumentarfilm hatte im September die Diskussion wieder aufleben lassen. Die Autoren hatten mit Hilfe eines Tauchroboters ein vier Meter großes Loch im Wrack entdeckt, das vorher nicht bekannt war.

John Ahlberk, der Generaldirektor der schwedischen Havariekommission, sagte, Zweck der Untersuchungen sei, Antworten darauf zu finden, wie das Loch entstanden ist. Dazu müsse der Rumpf genau untersucht werden, eventuell müssten zudem Materialproben und Proben vom Meeresboden genommen werden. Es sei vorerst nicht geplant, Menschen zum Wrack tauchen zu lassen. Die Untersuchungen sollten mit Tauchrobotern vorgenommen werden. (dpa)


Aus: "Schweden ändert Grabfriedensgesetz: Havariekommission strebt Tauchgang zur Fähre „Estonia“ an" (18.12.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/schweden-aendert-grabfriedensgesetz-havariekommission-strebt-tauchgang-zur-faehre-estonia-an/26733358.html

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ichsachmal 18.12.2020, 17:07 Uhr
Warum so spät, das Grabfriedensgesetz als Vorwand zu verwenden ist lächerlich. Die meisten Angehörigen wollen die Ursache wissen u. ihre Liebsten in Gräbern/Urnen bestatten und nicht am Grund des Meeres verotten lassen. Tauchkapseln oder kleine Forschungs U-Boote gab es damals auch schon. Offenbar wollte man die genaue Ursache gar nicht wissen oder nicht öffentlich machen. Dass das Bugvisier Mängel hatte war auch nicht nachweisbar. Mit starkem Wellengang soll die Ladung, vor allem LKW im Laderaum ausser Kontrolle geraten sein und so das Bugvisier beschädigt haben. Aber ein so großes Loch im Rumpf macht diese Theorie unglaubwürdig.


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Zur Thematik von Verschwörungstheorien...
« Reply #178 on: December 20, 2020, 07:01:20 PM »
Die sogenannte Ärzteverschwörung (russisch дело врачей; auch Verschwörung der врачи-вредители ‚Saboteur-Ärzte‘ oder врачи-убийцы ‚Mörder-Ärzte‘) war ein Ende 1952 von Josef Stalin und einigen Gefolgsleuten erfundenes Komplott von Medizinern vor allem jüdischer Herkunft. Diese hätten angeblich geplant, Stalin und andere Führer der Sowjetunion auszuschalten. Die „Aufdeckung“ führte zu zahlreichen Verhaftungen und Hinrichtungen. Zu Beginn der Entstalinisierung nach Stalins Tod im März 1953 gaben die neuen Sowjetführer zu, dass es sich bei der „Verschwörung“ um eine gezielte Desinformationskampagne gehandelt hatte. Die Affäre war sowohl Ausdruck von Machtkämpfen innerhalb der sowjetischen Nomenklatura als auch des zur Zeit des Sowjetkommunismus weit verbreiteten Antisemitismus. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%84rzteverschw%C3%B6rung

Wurzelloser Kosmopolit (russisch Безродный космополит Besrodny kosmopolit) war ein Schlagwort in der Sowjetunion während Josef Stalins antisemitischer Kampagne zwischen 1948 und 1953, die mit der „Entlarvung“ der angeblichen „Ärzteverschwörung“ ihren Höhepunkt erreichte. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Wurzelloser_Kosmopolit

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[...] Eine Mehrheit der AfD-Anhänger hält eine "Corona-Verschwörung" einer Umfrage zufolge mindestens für wahrscheinlich. In der von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung in Auftrag gegebenen Umfrage gaben 24 Prozent der AfD-Anhänger an, "es handele sich bei der Corona-Pandemie um eine Verschwörung zur Unterdrückung der Menschen", berichtete die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (FAS). Weitere 41 halten dies demnach für wahrscheinlich.

Auch jenseits der AfD finden sich Anhänger von Corona-Verschwörungstheorien. Jeder Elfte - neun Prozent - hält es für wahrscheinlich, dass die Pandemie nur ein Vorwand zur Unterdrückung der Menschen ist. Weitere fünf Prozent sind sich da sogar sicher. Nach Parteien unterschieden sind bei Anhängern von Union, SPD und Linken neun bis zwölf Prozent sicher oder halten es für wahrscheinlich, dass es sich bei der Pandemie um eine Unterdrückung handelt, so die "FAS".

Trotz dieser Zahlen hat der Glaube an eine Weltverschwörung insgesamt aber abgenommen, heißt es dem Bericht zufolge in der Studie weiter. Vor der Corona-Krise seien elf Prozent der Deutschen sicher gewesen, die Welt werde durch geheime Mächte gesteuert - nun sind es noch acht Prozent. Vor Corona hielten weitere 19 Prozent es für wahrscheinlich richtig, dass geheime Mächte die Welt steuern - jetzt seien es mit 16 Prozent ebenfalls weniger. Nur bei AfD-Anhängern sei der Glaube an eine Weltverschwörung weiter gestiegen.

Quelle: ntv.de, jhe/AFP


Aus: "Umfrage zu Verschwörungstheorien Viele AfD-Wähler halten Corona für Erfindung" (Sonntag, 20. Dezember 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/politik/Viele-AfD-Waehler-halten-Corona-fuer-Erfindung-article22247897.html
« Last Edit: December 29, 2020, 12:25:06 PM by Link »

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Zur Thematik von Verschwörungstheorien...
« Reply #179 on: December 28, 2020, 12:37:54 PM »
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[...] Ex-CCC-Sprecher und Wikileaks-Helfer Andy Müller-Maguhn fühlt sich spätestens nach Besuchen bei Julian Assange in London von der CIA dauerhaft überwacht.

Andy Müller-Maguhn, früherer Sprecher des Chaos Computer Clubs (CCC), hat am Sonntag auf dem remote Chaos Communication Congress (rC3) von massiven Einschüchterungsversuchen durch staatliche Geheimdienste berichtet.

... Der Hacker sitzt im Aufsichtsrat der Wau-Holland-Stiftung und hat in deren Archiv mehrere entscheidende Wikileaks-Veröffentlichung wie das von Chelsea Manning verfügbar gemachte Video "Collateral Murder" aus dem Irak-Krieg gesichert. In den vergangenen Jahren besuchte er zudem mehrfach den Wikileaks-Gründer Julian Assange in dessen Asyl in der ecuadorianischen Botschaft und berichtete auf dem CCC-Kongress im vorigen Jahr über dessen dortige Überwachung durch die spanische Firma Undercover Global.

Seit einigen Jahren hätten sich die Anzeichen gehäuft, dass er auch selbst abgehört und schier auf Schritt und Tritt beschattet werde, führte Müller-Maguhn in seinem diesjährigen Vortrag aus. Er sei aufgrund seiner professionellen "Paranoia" sehr aufmerksam für das Empfangen entsprechender Signale, konstatierte der Sicherheitsexperte. So habe er etwa zunächst Angriffe auf die Verschlüsselung seines Handys festgestellt: Dieses habe auf einmal "sehr viele Daten" übertragen und sei oft auf 3G heruntergestuft worden. Diese Mobilfunkgeneration lässt sich deutlich einfacher abhören als etwa 4G oder 5G.

... Mit am frappierendsten wertet Müller-Maguhn einen physischen Fehler auf seinem Cryptophone, das er 2018 wegen eines defekten Displays habe einschicken müssen. Der Hacker hat einschlägige, speziell abgesicherte Mobiltelefone gemeinsam mit dem CCC-Kollegen Frank Rieger und weiteren Sicherheitsexperten über die Firma Gesellschaft für sichere mobile Kommunikation (GSMK) selbst konzipiert. Das reparierte Gerät wartete dann mit einer fremden integrierter Crypto-Hardware nebst eigenem Flashspeicher und 800-Mhz-Antenne auf.

Das Telefon selbst sei damals fünf Jahre alt gewesen, die Abhörkomponenten stammten von April 2013, erklärte der Experte. Wann genau die Vorrichtung installiert worden sei, habe sich nicht erkennen lassen. Sie hätte auch schon vor der Reparatur eingebaut werden können mit dem entsprechenden Aufwand. Dafür brauche man eine Prozedur mit mehreren Leuten und physischen Zugriff auf das Handy. Alles sehe nach einer auf ihn zugeschnittenen geheimdienstlichen Operation in Form eines "tailored access", auch wenn es sich wohl um eine Standard-Lauscheinrichtung gehandelt habe.

Auch sein Türschloss sei verändert, der Zylinder entfernt worden, sodass er nicht in seine Wohnung gekommen sei, beklagte Müller-Maguhn: "Sie waren in meinem Raum. Sie wissen, was ich sonst so gemacht habe." Postsendungen an spanische Anwälte seien – eindeutig erkennbar – geöffnet worden.

Für den Assange-Unterstützer ist damit klar, dass er von staatlicher Seite aus eingeschüchtert werden solle. Er sieht die CIA dabei am Werk, da deren damaliger Chef Mike Pompeo Wikileaks 2017 als "nicht-staatlichen feindlichen Geheimdienst" ausgemacht habe, "der oft von staatlichen Akteuren wie Russland angefüttert wird". Besonders geärgert habe den späteren US-Außenminister, dass die Macher der Enthüllungsplattform mit den "Vault-7-Leaks" die CIA auch wegen umfangreicher Hackingprogramme an den Pranger stellten. 2018 habe Pompeo Wikileaks auf eine Ebene mit al-Qaida, dem IS oder der Hisbollah gestellt.

Wie er der Überwachung entkommen könne, ist Müller-Maguhn bislang ein Rätsel. Mit Anwälten lasse sich wenig erreichen, da es für diese keinen offiziellen Rechtsfall gebe. Es dürfte auch schwer werden, Pompeo verhaften zu lassen. Gerne würde er sich auch dem Glauben vieler Mitmenschen hingeben, dass alles nicht so schlimm sei und er einfach sein "normales Leben" weiterführen sollte. Die Eingriffe in seine Privatsphäre seien dafür aber zu tief. Bleibe also etwa noch eine weitere Option, wandte er sich an die vor den Bildschirmen versammelte Hackergemeinde: "Ich werde Landwirt und ihr löst das Problem."

(tiw)


Aus: "rC3: Handy von Assange-Mitstreiter Müller-Maguhn offenbar von CIA kompromittiert" Stefan Krempl (28.12.2020)
Quelle: https://www.heise.de/news/rC3-Handy-von-Assange-Mitstreiter-Mueller-Maguhn-offenbar-von-CIA-kompromittiert-5000205.html

https://www.heise.de/meldung/36C3-Wie-Assange-in-der-Botschaft-ueberwacht-wurde-4623932.html

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     MAILER-DAEMON, 28.12.2020 10:26

Bekommt ein kostenloses Hardware-Update für sein Cryptophone und beschwert sich
Manchen Leuten kann man es nie recht machen ;)


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     KRobert, 28.12.2020 10:41

Aber wir leben doch in einer Demokratie und in einem Rechtsstaat da kann so etwas doch gar nicht passieren. Da halten sich doch die Behörden an Gesetze und die Politiker an ihr Gewissen. Damit kann der Artikel doch nur Verschwörungstheorie sein.


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     FischX, 28.12.2020 11:38

Die Freiheitlich demokratischen Staaten meine Damen und Herren!


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     sys3, 28.12.2020 11:10

Westliche Wertegemeinschaft
Live und in Farbe.


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     ListigerLurch, 28.12.2020 10:36

Wenn sowas auf dem Territorium der USA abläuft dann ist das Spionage und die Täter werden eingebuchtet. ... Für die Five-Eyes und ihre Kumpanen sind wir irgendein Shithole-Country mit dem man machen kann was man will.


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