Author Topic: [Rudolf Steiner / Anthroposophie / Waldorfschulen / Notizen ... ]  (Read 128 times)

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[...] Als Anthroposophie (von altgriechisch ἄνθρωπος ánthrōpos „Mensch“ und σοφία sophίa „Weisheit“) werden eine von Rudolf Steiner (1861–1925) begründete, weltweit vertretene spirituelle und esoterische Weltanschauung sowie der zugehörige Ausbildungs- und Erkenntnisweg bezeichnet. Die Anthroposophie versucht, Elemente des deutschen Idealismus, der Weltanschauung Goethes, der Gnosis,[1] christlicher Mystik, fernöstlicher Lehren sowie der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse zu Steiners Zeit miteinander zu verbinden. Eine Hauptquelle der anthroposophischen Lehre bildet die esoterische „Geheimwissenschaft“,[2] die Rudolf Steiner nach eigenen Aussagen aus Erforschungen einer für ihn bestehenden geistigen Welt, mit Hilfe von „Hellseherorganen“, erlangt habe. ...


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Anthroposophie (2021)

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[...] Rudolf Steiners Schaffen begann in Wien mit der Edition der naturwissenschaftlichen Schriften Johann Wolfgang von Goethes, redaktionellen Arbeiten in Magazinen und Lexika, beziehungsweise Arbeiten als Herausgeber. Nach der Mitarbeit an der Weimarer Ausgabe von Goethes Werken und philosophischen Abhandlungen zur Erkenntnistheorie (einschließlich Dissertation) verfasste Steiner in Berlin nach 1900 Schriften, die mit ihrer von ihm „geisteswissenschaftlich“ (später „anthroposophisch“) genannten Ausprägung der Theosophie die Grundlagen der Anthroposophie darstellen. Schon zu Beginn seiner Zugehörigkeit zur Theosophischen Gesellschaft, deren deutscher Sektion er seit 1902 vorstand, vertrat Steiner eine eigene Esoterik westlicher Prägung mit Betonung des christlichen Elements. Ab 1907 machte er sich zunehmend unabhängig von der Theosophischen Gesellschaft, deren einseitig östliche Ausrichtung er nicht mitgehen wollte. Im März 1913 wurde die deutsche Sektion offiziell aus der Theosophischen Gesellschaft ausgeschlossen. Die Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft war im Dezember 1912, beziehungsweise Februar 1913 erfolgt. Steiner verlagerte seinen Wirkungsort im Frühjahr 1914 nach Dornach in der Schweiz und machte das von ihm als „Hochschule für Geisteswissenschaft“ konzipierte Goetheanum zum Zentrum seines Wirkens. Es erreichte seinen Höhepunkt nach dem Brand des ersten Goetheanums in der Silvesternacht 1922/23. Steiner übernahm die Leitung der auf der sogenannten Weihnachtstagung am 28. Dezember 1923 neu gegründeten Anthroposophischen Gesellschaft. Wegen seines frühen Todes konnte er für das zweite Goetheanum nur noch ein Außenmodell herstellen. Der Bau wurde 1928 fertiggestellt.

Rudolf Steiner verbreitete als Vortragsredner im Rahmen der Theosophischen Gesellschaft von Anfang an sein eigenes, später Anthroposophie genanntes, theosophisches Gedankengut. Von seinen etwa 6200 Vorträgen sind 3700 in Mitschriften von Hörern und Stenographen überliefert. ...


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Steiner (2021)

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Die anthroposophische Attitüde, diese sanfte Superiorität, diese Sensitivität des Ätherleibs, die Penetranz des Selbstgefühls, inmitten einer materialistischen Untergangskultur ein paar Geistessamen zu streuen und die Initiations- Kultur von Jahrtausenden in sich zu tragen- das alles gehört zu den Ur- Rollenmodellen, die von Steiner ausgegeben wurden und bis heute gerne befolgt werden. ...


Michael Eggert (August 25, 2019), Quelle: https://egoistenblog.blogspot.com/2019/08/artifizielle-anthroposophische.html

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حسن •
Lieber Michael Eggert! Ich bin es nun seit Jahren gewohnt Ihre Beiträge im Internet zu lesen, meist surfe ich den Egoistenblog alle paar Wochen an und lese mich dann für ein, zwei Tage fest. Das geht nun schon seit vielen Jahren so, vielleicht sind es über zwanzig Jahre. ... Warum muss ich abends vor dem Internet hängen um Ihre Artikel zu lesen? Warum darf ich sie nicht einfach als Heft oder als Freies-Geistesleben-Buch mit ins Bett nehmen? Und danach ins Regal stellen?

Können Sie das bitte mal abstellen? Ich bitte darum! Sie waren mal die Stimme und das Sprachrohr einer ganzen Generation. Und sind das natürlich immer noch. Aber viele Menschen kennen Ihr Werk noch gar nicht, zum Beispiel Leute, die in den vergangenen Jahren weniger im Internet gesurft sind. Oder Menschen, die die Anthroposophie jetzt erst für sich entdecken.
Und noch etwas: Unter einer 'seriösen anthroposophischen Zeitschrift' verstehe ich alles. Alles was es gibt. Ausser der info3 natürlich.

Michael Eggert --> حسن •

Sehr charmant, die Rückmeldung, ich freue mich über einen Wegbegleiter aus anarchosophischen Tagen. Ich finde ja, dass nicht alles gedruckt werden muss, und mag da jetzt auch nicht 20 Jahre aufarbeiten und redigieren. Ich sehe das als Artikulation des Augenblicks, und damit ist es gut. Manches ist in den Texten ja auch bloß Stilmittel, und auch eine gewisse Attitüde des jungen Wilden ist vielleicht eher nicht dem Alter entsprechend, wohl aber dem Alter Ego. In diesem Sinne hoffe ich Ihnen noch ein paar Jahre erhalten zu bleiben, und hoffentlich Sie mir. Viele Grüße, Don Michele

Bernhard Albrecht Hartmann •

Wieder ein grosser Wurf, Michael. Noch differenzierter und sensibler in seinen inneren Klangräumen, als in Deinem diesem vorausgehenden Blog-Beitrag. Danke.


Michael Eggert --> Bernhard Albrecht Hartmann

Spüre ich da eine kleine Spur Ironie, lieber Bernhard Albrecht?

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Holger Niederhausen (19.01.2017): “ … Der Egoisten-Blog ist so etwas wie eine Art Dschungelcamp – die Live-Dokumentation einer narzisstischen, selbsternannten Beurteilungs-Elite, die ihre postmoderne Auserwähltheit dadurch unterstreicht, dass sie betont, sie nehme sich selbst gerade nicht so wichtig. …“ | Aus: „Die üblichen Reaktionen“, http://www.holger-niederhausen.de/aufsaetze-und-mehr/aufsaetze/aufsaetze/2017/2017-01-19-reaktionen/

Anonym (Montag, 23. Januar 2017 um 22:45:00 MEZ): “ … Der Egoblog (und das sind die Schreiber und Kommentatoren) verabreicht therapeutisch notwendige Einläufe – mehr nicht. … “ | https://egoistenblog.blogspot.de/2017/01/willkommen-in-der-neuen-welt-ihr-rest.html


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Rainer Herzog (Montag, 23. Januar 2017 um 11:05:00 MEZ): “ … „Spott ist die Onanie der Seele“ (HN). Danke für ein weiteres Mantra. Zur Zeit werden wir überreich beschenkt. …

[(Zu: https://egoistenblog.blogspot.de/2017/01/willkommen-in-der-neuen-welt-ihr-rest.html)]

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« Last Edit: November 25, 2021, 03:50:42 PM by Link »

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[Rudolf Steiner / Anthroposophie / Waldorfschulen / Notizen ... ]
« Reply #1 on: November 15, 2021, 03:02:53 PM »
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[...] Von: Ansgar Martins (26. Okt 2021)
Schlagworte: Oper / Operette Anthroposophie
Szene aus der Inszenierung "Der Sturz des Antichrist" der Oper Leipzig. [Dieser Text wurde erstmalig veröffentlicht im Programmheft der Oper Leipzig "Der Sturz des Antichrist" unter dem Titel "Ich-Erkenntnis, Weltraumtechnik und die Apokalypse. Viktor Ullmanns/Albert Steffens Der Sturz des Antichrist (1928/1935) als esoterische Science Fiction-Oper". ...]

Die Oper Leipzig führt die selten gezeigte anthroposophische Weltanschauungsoper "Der Sturz des Antichrist" von Viktor Ullmann auf und – eine echte Premiere!  ...


... Nach dem Ersten Weltkrieg erfreuten sich esoterische und alternativ-religiöse Reformbewegungen einiger Beliebtheit. Gerade Intellektuelle und Künstler suchten bei kosmischen Heilslehren und selbsternannten Propheten nach groß klingenden Antworten auf die Krisen ihrer Zeit. Eine damals wie heute beliebte "Weltanschauung" war die "Anthroposophie" des Philosophen Rudolf Steiner (1861–1925), der beanspruchte, Christ, Hellseher und Wissenschaftler zu sein. Steiner versprach seinen Anhängern direkten Kontakt zu den spirituellen Mächten, die das Universum und das individuelle Schicksal lenkten. Durch eine besondere "Schulung" des Denkens wollte er die Menschen lehren, zu "Schauen", was in "höheren Welten" und Dimensionen vorgeht. So exzentrisch das alles anmutet, so gewöhnlich war es doch: Okkultes blieb im Kulturleben des 20. Jahrhunderts zutiefst verankert. Auch musikalische Lehrer Ullmanns, wie Schönberg und Alois Haba, hatten sich innig mit solchen esoterischen Lehren auseinandergesetzt.

Dass Ullmann nach 1933 die Oper zu "Der Sturz des Antichrist" schrieb, war sein öffentliches Bekenntnis zu Steiners "Schulungsweg". Die "dramatische Skizze", die er als Libretto übernahm, hatte der mit ihm befreundete Vorsitzende der Anthroposophischen Gesellschaft geschrieben: Albert Steffen. Die erste Fassung verlas Steffen 1928 am "Goetheanum" – der Zentrale der "Bewegung" in Dornach bei Basel – vor der versammelten anthroposophischen Elite. Jeder einzelne Satz des Textes und sogar der Regieanweisungen spielt auf deren Überzeugungen an. Alle auftretenden Figuren verkörpern Prinzipien, die Anthroposophen als real existente kosmische "Wesenheiten" verstehen. An manchen Textstellen geht es direkt um den hier "großer Lehrer" genannten Steiner. So enttarnt sich der Gefängniswärter im zweiten Akt als dessen persönlicher Schüler. An anderer Stelle träumt der Künstler, wie seine Brüder, Techniker und Priester um die Urne des Meisters streiten. Tatsächlich hatte es nach der Einäscherung Steiners 1925 Konflikte um den adäquaten Aufstellungsort seiner Urne gegeben. Der Sturz des Antichrist ist nicht zuletzt der Versuch des Dichters Steffen, im Medium der Kunst die zerstrittene Weltanschauungs-Gemeinschaft zu maßregeln, der er vorstand.

Der Gefängniswärter, der einzige, der den "großen Lehrer" noch direkt kannte, ist ein Greis, weil Steffen die Handlung des Stücks am Ende des 20. Jahrhunderts ansetzte. Dann muss(te) die Menschheit sich laut Anthroposophie mit einem bösen Widersacher auseinandersetzen. Steiner hatte über das "Wirken" unglaublich vieler übersinnlicher "Wesenheiten" berichtet. Die wichtigste war Christus, den er als "Sonnenwesen" und innersten Kern des menschlichen "Ich" identifizierte. Die Erkenntnis des inneren Christus ist das zentrale Thema in Der Sturz des Antichrist. Auf der Bühne vollzieht sich für Steffen ein "Einweihungs"-Prozess. Der Künstler gelangt sozusagen zur anthroposophischen Erleuchtung und das Publikum selbst soll an diesem Vorgang geistig teilhaben. Dem Antichrist kann allein der Künstler widerstehen, weil er sich zum christlichen "Wort", dem Logos vom Anfang des Johannes-Evangeliums, bekennt. Im finsteren Kerker des zweiten Akts kommt er unter der Anleitung des Wärters zu der höheren Erkenntnis, dass und wie genau sein "Ich" zu Christus und im All steht. Konsequenterweise stürzt im dritten Akt keine äußere Handlung den dämonischen Despoten. Er muss, so meinte Steffen, nur erkannt und entlarvt werden, dann endet seine Herrschaft. Das Raumschiff, mit dem er die Erde von den kosmischen Kräften trennen will, zerbirst und begräbt ihn. Aus dem Raumschiff heraus konnte zuvor aber auch der Techniker in der Sonne Christus erblicken.

Der Dämon des Regenten tritt dem Künstler nicht allein gegenüber. Techniker und Priester verfallen nämlich rasch ihrem jeweiligen bösen Geist. In diesen beiden Dämonen veranschaulichte Steffen zwei anthroposophische Hauptfiguren. Das Gespenst der Technik heißt bei Steiner Ahriman: der steht für Dunkelheit, Materialismus und Intellekt. Sein Ziel ist es, die Menschen um jeden Preis vom Spirituellen fernzuhalten. Der falsche Engel des Priesters heißt Luzifer und will das genaue Gegenteil: Luzifer ist für Steiner ein Irrlicht, eine nicht-anthroposophische und schädliche Art der Erleuchtung. Christus strahlt dabei in der Mitte von Ahriman und Luzifer. Er bannt beide, indem er ihre Gegensätze integriert, genau wie Steffens Künstler zwischen Techniker und Priester vermittelt.

Steiner kannte noch mehr böse Geister. In verstreuten Bemerkungen seiner Vorträge gab es etwa noch die Asuras, die Ende des 20. Jahrhunderts den "Kulturtod" bringen konnten. Oder den "Sonnendämon" Sorat, der nur alle 666 Jahre aufsteigt – mit dieser Zahlenangabe spielte Steiner auf das Große Tier 666 aus der christlichen Johannesapokalypse (Offb. 13,18) und den spätmittelalterlichen Okkultisten Agrippa von Nettesheim an. All diese Figuren fasst Steffens Antichrist zusammen. Die anthroposophische Dämonologie erklärt auch, warum das Stück zunächst am Ende des 20. Jahrhunderts spielen sollte. Im Jahr 1998 (= 3 x 666) drohte nicht nur die nächste Manifestation Sorats; öfter als vor Sorat hatte Steiner davor gewarnt, dass sich um 2000 die "Inkarnation Ahrimans" ereigne. Laut Anthroposophie nehmen die Menschen an der Weltgeschichte durch Wiedergeburt und Karma teil. Zu bestimmten Zeiten komme es auch vor, dass höhere Wesen in einem menschlichen Leib erscheinen, Christus zum Beispiel. Zweitausend Jahre nach Christus ist Ahriman dran und kann nur durch die anthroposophische Geist-Erkenntnis besiegt werden.

Im Verlauf des Jahres 1933 gelangte Steffen dann allerdings immer mehr zu der Überzeugung, er habe 1928 intuitiv Hitler vorweggenommen. Auch in diesem Jahr betonte er zwar öffentlich, "Der Sturz des Antichrist" beziehe sich "nicht auf die unmittelbare Gegenwart". Aber er ließ das Stück an Karsamstag 1933 in Dornach uraufführen. In seinen Tagebüchern zitierte er dazu den "großen Lehrer". Steiner hatte im September 1924 über den sogenannten Bielaschen Kometen spekuliert, der im Jahr 1933 wieder am Himmel erwartet wurde. Dieser Himmelskörper sei das materielle Pendant zu dem zweigehörnten Tier aus der Offenbarung des Johannes. Zusammen mit dem Kometen werde 1933 also auch das Große Tier 666 aus dem Weltraum in den geistigen Orbit der Erde eintreten. Wenn sich die Menschheit dann nicht mit Christus auseinandersetze, so Steiner, "bestünde die Möglichkeit, daß die Erde mit allem, was auf ihr lebt, zugrunde ginge".

Steffens Tagebücher aus der Zeit der Proben belegen, dass er Steiners dämonologische Prognosen auf Hitler übertrug und glaubte, es sei vor allem sein eigener Job, ein solches Übel spirituell niederzuringen. Denn Hitler, der "es zulässt, dass Millionen den Eid auf seine Gefolgschaft schwören, und der Vorsitzende der Anthroposophischen Gesellschaft sind derzeit die grössten Gegensatze, die denkbar sind. […] Hitler kehrt zur Rasse zurück. Der Anthroposoph überwindet sie. Bei ihm Blut. Bei uns Geist." Die Konzentration auf "Blut" setzte Steffen dabei mit dem Ziel gleich, die "geistige" Seite des Menschen auszulöschen. Den Antichrist bringt letztlich der Umstand zu Fall, dass der Künstler dessen Wesen im Geiste erkennt. Genauso sah Steffen sein Verhältnis zu Hitler. Vermittelt durch die Aufführung des Stücks glaubte er, die Nazis durch ein übersinnliches Kräftemessen stürzen zu können. Dass der Nationalsozialismus nicht vor Gebeten oder Sakralkunst die Waffen streckte, sondern militärisch besiegt werden musste, konnte innerhalb dieses esoterischen Systems nicht gedacht werden.

Die Diktatur im Stück von 1928 scheint eher noch eine sozialistische zu sein. Der Regent hat einen internationalen "Völkerbund" und "Einheitsstaat" initiiert und er erschafft Brot aus Steinen – aus anthroposophischer Sicht eine Anspielung auf den gefürchteten "Materialismus". Erst 1933 interpretierte Steffen das Stück und sich selbst mit Blick auf Hitler neu. Er heiratete eine Jüdin, aber ging gegen Antisemitismus unter Anthroposophen kaum offen vor – das Böse sollte ja innerlich überwunden werden.


Vor allem wegen Steffens Textvorlage blieb Ullmanns Oper umstritten. Seine Biographin Verena Naegele urteilte drastisch: "Zum Lehrstück fehlen dem Antichrist die innere Distanz, zum Bühnenstück wichtige dramaturgische Gesetzmäßigkeiten wie Liebeskonflikte, Kämpfe, Schuld oder Siege." Über die – allerdings nie öffentlich gezeigte – Inszenierung von 1935 schrieb sogar der Anthroposoph Jan Dostal: "Keine Person des Stücks, der Künstler ausgenommen, macht eine innere Entwicklung durch." Der Tod des Regenten durch sein Raumschiff sei kein "überzeugendes" Ende, sondern eine "Deus ex Machina"-Lösung. "Außerdem entdeckte ich keine politischen Verbindungslinien zwischen dem Stück und dem Geschehen im nazistischen Deutschland." Diese Themen habe Ullmann erst in seiner im Konzentrationslager Theresienstadt komponierten Oper "Der Kaiser von Atlantis" konfrontiert.

Das Problem an Steffens Stück ist, dass er die okkulten Inhalte eins zu eins als Bühnenhandlung benutzen will und damit den Rahmen einer "dramatischen Skizze" überfrachtet. Dem arbeiten aber unabsichtlich übertriebene Details des Stücks entgegen: zum Beispiel, dass Steffen Steiners Ansichten über die "Kulmination" am Ende des 20. Jahrhunderts ausgerechnet in einem aparten Raumschiffs-Szenario umsetzt. Diese unfreiwillig komische Konkretisierung bringt die religiöse Erziehungs-Ästhetik des Stücks von innen her zum Platzen. Ullmanns Vertonung kommt dieser Tendenz (ob er das wollte oder nicht) durch die Unanschaulichkeit des musikalischen Ausdrucks entgegen. Die Eigenlogik des Klangs bricht die starre Steinersche Typenlehre auf – erst durch die Intervention der Musik wird das Werk zu Kunst im engeren Sinne.


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1) Interview mit Ansgar Martins beim hpd: "Anthroposophie und Antisemitismus" [Auf den Querdenker-Demonstrationen der vergangenen Monate traten Anthroposophen Seite an Seite mit Rechten auf. Tipps gegen den hierdurch entstandenen Imageschaden holte sich die "Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland" beim Antisemitismus-Beauftragten der baden-württembergischen Landesregierung Dr. Michael Blume. Und das, obwohl Anthroposophie-Begründer Rudolf Steiner selbst als Antisemit gilt. hpd-Autor Andreas Lichte sprach hierüber mit dem Religionsphilosophen und Anthroposophie-Experten Ansgar Martins. ...]
https://hpd.de/artikel/anthroposophie-und-antisemitismus-18761

2) Das Verhältnis der Anthroposophie zum Nationalsozialismus ist ein Forschungsschwerpunkt des Historikers Prof. Peter Staudenmaier, dazu eine von ihm durchgesehene Kurzzusammenfassung: "Anthroposophie und Nationalsozialismus: 'Die Waldorfschulen erziehen zur Volksgemeinschaft'" ... [O-Ton aus dem 45-minütigen TV-Feature des SWR, „Betrifft: Wie gut sind Waldorfschulen?“: „Mutter: »Also ich bin noch nie über irgendwelche Inhalte gestolpert, die mich irritiert hätten, ist mir nicht passiert.« SWR: »Aber uns. Als wir in Julias alten Epochenheften graben, finden wir ein Geschichtsheft, das doch tatsächlich mit der Beschreibung von Atlantis beginnt …«“ ...]
https://www.ruhrbarone.de/anthroposophie-und-nationalsozialismus-die-waldorfschulen-erziehen-zur-volksgemeinschaft/44449



Aus: "Anthroposophische Apokalypse: Die Oper Leipzig zeigt "Der Sturz des Antichrist"" Ansgar Martins (26. Okt 2021)
Quelle: https://hpd.de/artikel/anthroposophische-apokalypse-oper-leipzig-zeigt-sturz-des-antichrist-19802

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[...] Stolperstein in der Schellbergstraße 62 ... "Theresienstadt war und ist für mich Schule der Form". Diesen Satz schrieb Viktor Ullmann in einem Aufsatz über die Kunst des Komponierens in Theresienstadt, wohin er 1942 aus Prag deportiert wurde. Es zeugt vom ungebrochenen Willen, sein Leben in der Hand zu behalten, selbst zu bestimmen und sich nicht den äußeren Bedingungen zu beugen. Diese Geisteshaltung zeigte Ullmann als überzeugten Anthroposophen. Die Beschäftigung mit der Lehre Rudolf Steiners war es auch, die zu der Stuttgart-Episode im Leben von Viktor Ullmann führte.

... 1898 im damaligen Österreich-Ungarn geboren, studiert Ullmann in Wien und Prag. Ende der 20er Jahre zeichnet sich sein Durchbruch als Musiker ab. 1929 erregen seine Kompositionen auf dem Genfer Musikfest der "Internationalen Gesellschaft für Neue Musik" Aufsehen, da wendet er sich der Anthroposophie zu. Im schweizerischen Dornach betreibt er Studien und legt als Musiker eine Pause ein. Er zieht mit seiner Frau Anni 1931 nach Stuttgart und wird Buchhändler. Er übernimmt die "Novalis Bücherstube", eine anthroposophische Buchhandlung in zentraler Lage am Stuttgarter Charlottenplatz.

... Viktor Ullmann stürzt sich in Theresienstadt in das Kulturleben und wird zu dessen Motor. Er organisiert Aufführungen und komponiert weiter. In jenem Aufsatz aus dem Sommer 1944, der wie viele seiner Kompositionen gerettet wird, gibt er sich ungebrochen:

"Theresienstadt war und ist für mich Schule der Form. Früher, wo man Wucht und Last des stofflichen Lebens nicht fühlte, weil der Komfort, diese Magie der Zivilisation, sie verdrängte, war es leicht, die schöne Form zu schaffen. Hier, wo man auch im täglichen Leben den Stoff durch die Form zu überwinden hat, wo alles Musische im vollen Gegensatz zur Umwelt steht, hier ist die wahre Meisterschule."

Am 16. Oktober 1944 wird Viktor Ullmann mit einem der letzten Transporte nach Auschwitz gebracht. Dort wird er direkt nach seiner Ankunft in der Gaskammer ermordet. Die Oper "Der Sturz des Antichrist", zu der er in seiner Stuttgarter Zeit inspiriert wurde und die als sein Meisterwerk gilt, wird 1995 in Bielefeld uraufgeführt. 60 Jahre nach ihrer Entstehung.


Aus: "Viktor Ullmann: Theresienstadt als "Meisterschule"" (13.4.2015)
Quelle: https://www.swr.de/swr2/leben-und-gesellschaft/article-swr-12348.html

Viktor Ullmann (auch: Victor Ullmann; geboren am 1. Januar 1898 in Teschen (Cieszyn), Österreich-Ungarn; gestorben am 18. Oktober 1944 in Auschwitz-Birkenau) war ein österreichischer Komponist, Dirigent und Pianist. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Viktor_Ullmann
« Last Edit: November 25, 2021, 03:37:03 PM by Link »

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[Rudolf Steiner / Anthroposophie / Waldorfschulen / Notizen ... ]
« Reply #2 on: November 15, 2021, 03:05:16 PM »
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[...] Den Mantel des Schamanen hat Joseph Beuys sich gern übergeworfen. Auch den des Spinners, den man kaum versteht, der mit Tieren spricht, sich mit Honig und Gold einreibt, in Filz wickelt und die rechten Winkel mit Fett auskleidet. "Immer im Hinblick auf den wahren Bedarf des Menschen nach Freiheit, also nach Geist, nach Gerechtigkeit, also nach Demokratie, oder nach einer brüderlichen Wirtschaftsordnung", erklärt Joseph Beuys Mitte der 1970er-Jahre anlässlich einer Ausstellung seiner Bilder in der Kestner-Gesellschaft in Hannover. "Wenn das also diese Fachwissenschaften zu wenig radikal leisten, muss das meines Erachtens der wichtigste Menschheitsbegriff leisten, nämlich: die Kunst."

Bereits Ende der 1940er-Jahre begegnet er der "Dreigliederung des sozialen Organismus": Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben, einer von etlichen Dreiklängen, ersonnen und niedergeschrieben von Rudolf Steiner. Die Ideen des Anthroposophen begeistern ihn. Sie werden zu künstlerischen Wurzeln, zu gesellschaftspolitischen Forderungen. Das von Steiner dargestellte Zusammenwirken von Mensch, Natur und Kosmos, die Schnittstelle von Leben und Tod, Leib, Astralleib und Ätherleib - all das bildete ein Hintergrundrauschen im Werk von Joseph Beuys. "Ja, man weiß wenig über die Seele, das geb' ich zu. Es gibt allerdings Menschen und Strömungen in der Zeit, die dort umfassenderes wissen, also die eine Seelenforschung betrieben haben", sagte Beuys. "Und wir sehen den größten in unserer eigenen Zeit, des 20. Jahrhunderts, das ist Rudolf Steiner, der etwas über die menschliche Seele aussagt - in dieser umfassenden Weise, die hineinreicht in alle Bereiche der menschlichen Arbeit." ...


Aus: "Schamanismus und Anthroposophie: Die Denkmuster von Joseph Beuys" (12.05.2021)
Quelle: https://www.ndr.de/kultur/Schamanismus-und-Anthroposophie-Die-Denkmuster-von-Joseph-Beuys,beuys148.html

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“ … eines kann ich nicht verstehen, wenn ich die Figur dieses Menschen [Rudolf Steiner] betrachte, der mit Hartleben herumgesoffen hat, und von dem man sagt, er habe in diesen fröhlichen Kneipnächten die Figur des »Serenissimus« erfunden. Christian Morgenstern liebte ihn. Dieser feine, gütige, hohe und tiefe Geist liebte Rudolf Steiner. War das Weltfremdheit? …“ | Wrobel, Ignaz (Kurt Tucholsky): Rudolf Steiner in Paris, WB 20/II, Nr.27, 03.07.1924, S.26 | https://de.wikisource.org/wiki/Die_Schaub%C3%BChne_%E2%80%93_Die_Weltb%C3%BChne/Inhalt_Weltb%C3%BChne | –> “ … Otto Erich Hartleben (* 3. Juni 1864 in Clausthal; † 11. Februar 1905 in Salò am Gardasee) war ein deutscher Schriftsteller. Zu Lebzeiten besonders als Dramatiker ungeheuer populär, kursierten zahlreiche Anekdoten um seine Person. … Eine seiner bekanntesten Figuren war der „Serenissimus“, ein vertrottelter Duodezfürst eines imaginären Zwergstaates. … [Duodezfürst = „Herrscher eines sehr kleinen Fürstentums“] …“ –> https://www.textlog.de/tucholsky-rudolf-steiner.html | https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Erich_Hartleben ( 27. September 2019 )


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Ambros Waibel (20. 11. 2019): “ … Menschen machen sich seltsame Vorstellungen von sich selbst und ihrer Umgebung, und andere Menschen, die diese Ideen nicht teilen – ja sie sogar, wenn sie in ihren Grundlagen und Konsequenzen vor ihnen ausgebreitet würden, scharf ablehnten … Sie handeln sozusagen, auch wenn sie sich selbst ein rationales Weltbild zuschreiben, diesem entgegen – und fahren oft sehr gut damit. Diesem Widerspruch versucht das Buch von Helmut Zander „Die Anthroposophie: Rudolf Steiners Ideen zwischen Esoterik, Weleda, Demeter und Waldorfpädagogik“ auf den Grund zu gehen: Ohne Schaum vor dem Mund oder Filz vor den Augen, mit wirklichem Erkenntnisinteresse, aber immer mit kritischem, ironischerweise ebenfalls weltanschaulich gebundenem Abstand – Zander ist katholischer Theologe und lehrt Religionswissenschaften an der Universität Fribourg. … Als mein Sohn dann vor 20 Jahren gut katholisch auf die Welt gekommen und in ihr heimisch geworden war und wir eine Schule für ihn suchen mussten, war die Wahl übrigens ganz einfach: Die Waldorfschule war die Einzige, die einen nicht wie eine Kaserne begrüßte, die nicht wie eine Anstalt aussah und die nicht nach Klo roch, sondern zur Weihnachtszeit morgens im Kerzenlicht erstrahlte. Man muss kein Anthroposoph sein, um das verwirklichen zu können. Aber wenn es hilft – wer wollte da das erste Zuckerkügelchen werfen? …“ | https://taz.de/Waldorf-Weleda-Demeter-und-Co/!5638891/

Wolf Haberer (20.11.2019, 18:01): “ … Also eines muss man dem Zander neidlos zugestehen … er wird ja von beiden Seiten gelesen, von den zürnenden oder zumindest beunruhigten Anhängern genauso wie von jenen, die unter- bis oberschwellig fasziniert einen tieferen Blick in diese Welt riskieren wollen …“

Jim Hawkins 21.11.2019, 09:19: “ … Aber: Auf mein Weleda-Wildrosen-Öl lasse ich nichts kommen.“


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Monika Dittrich (02.09.2019): “ … Anthroposophen werden das nicht gern hören – und auch an andere Ideen von Rudolf Steiner werden sie vermutlich lieber nicht erinnert. So sprach Steiner von menschlichen Rassen, von Wurzelrassen, von degenerierten Indianern und vom starken Triebleben der – Zitat – „Neger“. Die Art und Weise, wie Anthroposophen heute mit den rassistischen Aussagen ihres geistigen Mentors Steiner umgehen, bezeichnet Zander als „unsouverän“ – trotz diverser Distanzierungsversuche und etwa der sogenannten Stuttgarter Erklärung des Bundes Freier Waldorfschulen.
Hier offenbare sich ein grundsätzliches Problem: Die Kritik am Gründungsvater werde als Gefahr für das gesamte anthroposophische System wahrgenommen.
„Steiner glaubte, dass diese Vorstellungen Ergebnis seiner Einsichten in höhere Welten seien. Wenn man jetzt ein Stück aus diesen höheren Welten herausschneidet und sagt, dieser Teil stimmt nicht, dann ist unklar, ob nicht wie ein Domino-Effekt andere Teile dieser Einsicht auch fallen.“ Dazu schreibt Zander: „Am Ende geht es um viel mehr, um die Logik seines Weltanschauungshauses. Tief in dessen Inneren sitzt eine Evolutionstheorie, die Steiner aus dem 19. Jahrhundert geerbt hat und in der die ganze Kultur evolutionstheoretisch gedeutet wird. […] Steiners Rassentheorie zu kritisieren bedeutet im Kern, seine Logik der Evolutionslehre infrage zu stellen.“ Zanders Buch ist eine kritische Auseinandersetzung mit der Anthroposophie – aber keine Abrechnung. Er schreibt mit dem beobachtenden Blick des Historikers – als Theologe und Religionswissenschaftler vermag er insbesondere die okkulte und religiöse Dimension der Anthroposophie einzuordnen. … Vor allem aber wird in seinem Buch deutlich: Die Anthroposophie ist ein weit verzweigtes Netz mit vielen Aspekten und Ausprägungen – und ihre Akteure lassen sich nicht über einen Kamm scheren. Das anthroposophische Milieu sei hochdifferenziert, sagt der Autor: „Von offen linken, bürgerlichen, grünen Anthroposophen und einer Betonfraktion auf der anderen Seite, die der Meinung sind, dass die Rassentheorie Steiners doch irgendwie stimmt.“ …“ | https://www.deutschlandfunk.de/helmut-zander-die-anthroposophie.1310.de.html?dram:article_id=457576


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[...] Genau genommen entlockt mir die Betrachtung so mancher Steiner'scher Gedankengebäude und Erfindungen das ein oder andere herzhafte Lachen: schließlich ist die Anthroposophie wohl als eine Art "uneheliches Kind" der theosophischen Gesellschaft einer gewissen Madame Blavatski zu bezeichnen ...

...

# Jan-Erik Ella
# 12.07.2010


http://www.zeit.de/2010/28/Esoterik?commentstart=25#comments

http://de.wikipedia.org/wiki/Helena_Petrovna_Blavatsky

http://de.wikipedia.org/wiki/Theosophische_Gesellschaft

http://de.wikipedia.org/wiki/Theosophie

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[...] Eingestellt von Ingrid H. Oktober 23, 2018

Ein halbes Jahr in einer anthroposophischen Facebook-Gruppe – Ein Selbstversuch

Rainer Herzog

»Nicht von außen, so sagte Rudolf Steiner schon 1914/1915, drohe seinem Werke Gefahr. Die Feinde kommen von innen, aus der Mitgliederschaft selbst.« (Adelheid Petersen, „Erinnerungen an Rudolf Steiner“, S. 189)

Ich muss gestehen, dass ich noch bis vor kurzem die diversen Berichte, Mahnungen und Warnungen über die Offenheit der anthroposophischen Bewegung für Verschwörungstheorien (VT) als etwas übertrieben erlebte – auf Facebook und auch vor allem hier auf dem Egoistenblog.

Inzwischen weiß ich: Es ist viel schlimmer, irrer und durchgeknallter, als ich angenommen hatte. Ich war ein halbes Jahr Mitglied in einer geschlossenen anthroposophischen Gruppe auf Facebook *), die unter anderem den Bedürfnissen nach geistiger Erbauung, Erkenntnisvertiefung, wissenschaftlichem Arbeiten und einem vertieften Studium Rechnung tragen will – und bin in diesen Tagen dort ausgestiegen.

Das Resümee schon einmal vorwegnehmend: Es hat sich gelohnt, ich wurde mit Erkenntnissen und Eindrücken bezüglich der zunehmenden VT-Begeisterung in Anthrohausen reich beschenkt. Dafür vielen und herzlichen Dank an die Gruppe! Ich kann es daher jedem unbedingt empfehlen, dieser (oder einer ähnlichen) Gruppe beizutreten, um sich ein lebendiges Bild vom, wie ich finde, desolaten, peinlichen und bedenklichen Zustand der gegenwärtigen anthroposophischen Bewegung zu machen.

Die folgenden skizzenhaften Erinnerungen und, ja, natürlich, auch Deutungen aus meiner Zeit in dieser Gruppe sind selbstverständlich subjektiv und als ergänzungsbedürftig anzusehen. Manche der Dialoge und Äußerungen, auf die ich mich im folgenden beziehe, wurden da wohl auch längst gelöscht, manche Mitglieder, mit denen ich debattiert hatte, sind inzwischen wieder ausgetreten.

Mitte April wurde ich auf FB von Jostein Saether in diese Gruppe eingeladen; da ich Jostein kenne und sehr schätze, war ich neugierig, was mich erwarten würde (Jostein selbst hat die Gruppe dann allerdings ziemlich schnell wieder verlassen). Das Geschehen dort fing an mit dem üblichen, eigentlich freundlichen, manchmal interessanten, irgendwie auch vertrauten und sich wiederholenden Posten von Zitaten oder Wahrspruchworten aus Steiners GA; es folgten Kommentare, Meinungen oder Fragen der Mitglieder dazu. Man kennt das ein wenig, manchmal kann das anregend sein, manchmal erbaulich, mir persönlich bringt so etwas nicht mehr viel. Einige Male wurde auf anthroposophische Seminare hingewiesen, ähnlich wie es in anderen Gruppen auf FB üblich ist. Interessant und unterhaltsam.

Irgendwann, ich glaube im Mai, ging „es“ los: Die Beiträge in der Gruppe kreisten zunehmend mehr und mehr um die diversen Erscheinungsformen der VT. Vor allem die resolute Hauptmoderatorin *), zweifellos die alles dominierende „Chefin“ und treibende Kraft, sowohl im 5er Moderatorenteam, als auch in der gesamten Gruppe (die anderen 4 Moderatoren waren äußerst zurückhaltend und eher bescheiden) – hat eine unermüdliche Energie, fast schon leidenschaftliche Hingabe entwickelt in der Bearbeitung von zahllosen und sich wiederholenden VT-Themen. Es entstand der Eindruck: Ein Mensch hat endlich sein Lebensthema, sein Schicksal gefunden.

Es kristallisierte sich im Laufe der kommenden Wochen und Monate heraus, dass VT-Denkhaltungen für einen größeren Teil der Mitglieder (zum Glück nicht für alle; und für manche mehr, für manche weniger) zu einer fest verankerten und ganz unumstrittenen Selbstverständlichkeit geworden sind: Man kann den „Mainstreammedien“ nicht trauen, da grundsätzlich „NATO-konform“ und von „der Staatsmacht“ gelenkt, man muss „hinter die Kulissen gucken“, man darf „die Wahrheit“ nicht mehr aussprechen, da die Mächtigen in Staat/ Wirtschaft/ Logen/Weltlenkung das zu verhindern versuchen, usw. usf.

Von einem Mitglied wurden in einer Diskussion nicht nur pauschal die „Mainstreammedien“ angezweifelt, sondern, wenn man schon einmal dabei war, auch die „Mainstreamgeschichtswissenschaften“(!). Auf meine diesbezügliche Frage, was denn genau bei den Geschichtswissenschaften anzuzweifeln wäre und welchen Autor etwa er mir denn nennen könnte, wurde herumgedruckst. Klar, so gut kennt man die denn nun doch nicht.

Der selbsternannte „Friedensforscher“ Daniele Ganser wird von vielen Mitgliedern der Gruppe nicht nur als symphatisch erlebt oder geschätzt, er wird regelrecht verehrt, er ist eine absolute und nicht weiter zu hinterfragende Autorität. Es ist wohl vor allem Gansers oft demonstrierte Haltung und Methode, aus seiner von ihm behaupteten „Wahrheitsliebe“ heraus anscheinend „nur unbequeme Fragen zu stellen“ (was sich „Mainstreamwissenschaftler“ aus Rücksicht auf ihre Karriere natürlich nie trauen würden), die dazu führt, dass viele Anthroposophen seine Denkhaltung begeistert 1:1 übernehmen.

Der Umstand, dass R. Steiner innerhalb seiner unüberschaubar großen GA diverse Male seine Zuhörer, Leser und Schüler ermuntert, die zu seiner Zeit gängigen wissenschaftlichen, philosophischen und sozialen Gegebenheiten und Autoren zu hinterfragen, um sie anthroposophisch zu durchdringen und entsprechend zu korrigieren, bzw. zu ergänzen, wird von nicht wenigen heutigen Anthroposophen etwas unbedarft übertragen auf die Person und Methodik des D. Ganser. Dass man sich als eifriger anthroposophischer Ganserist mit den zu hinterfragenden politischen und wissenschaftlichen relevanten aktuellen Autoren und Theorien häufig kaum oder nicht beschäftigt hat, kann dabei den Kampf der „Wahrheitsliebenden“ offenbar nicht stören - in den vielen Diskussionen in den darauffolgenden Monaten konnte ich immer wieder staunend erleben, dass der angenommene „Mainstream“ in Politik und Geschichte so gut wie immer grundsätzlich hinterfragt wurde, parallel zu einer meist auffällig dürftigen Kenntnis der Forschungsresultate eben dieses „Mainstreams“: „Ich denk mir die Welt, wie sie mir gefällt!“ (Pippi Langstrumpf).

Sagte nicht bereits Steiner bei politischen Themen häufig kritische Dinge über die USA? Genau wie Ganser! Spricht Steiner nicht vom Blick hinter die Kulissen? Wie Ganser! Und dann Steiners Aussagen über Geheimlogen! Werden wir nicht heute auch irgendwie alle gelenkt und gesteuert? Meine vorsichtigen Einwände in der Gruppe, dass das ja bei Steiner erstens im Verhältnis zur Gesamt-GA nur sehr wenige Äußerungen waren, die er zweitens vor gut 100 Jahren im finstersten wilhelminischen Zeitalter gemacht hatte, wurden zurückgewiesen; eine solche Unterscheidung wäre allzu willkürlich, wie würde ich darauf kommen, wie kann man nur, wir haben hier Aussagen von Steiner... Als dann irgendjemand mal die naheliegende Frage in den Raum stellte, welche Logen, von denen Steiner damals sprach, heute noch möglicherweise tätig sind, konnte natürlich niemand dazu etwas sagen.

Manchmal hatte ich den Eindruck, dass sich die Gruppenmitglieder in den endlosen Debatten zu dem Thema, ganz nebenbei, aber doch mehr oder weniger bewusst, ein neues aufregendes Selbstbild konstruieren wollten; die entsprechenden Denkmuster der VT lassen sich allerdings erst dann bruchlos in ein anthroposophisches Weltbild einfügen, wenn man letzteres einigermaßen begrifflich festgezurrt und auf einen allzu schlichten Gut-Böse/Wir-Die-Dualismus reduziert hat: Wir stellen die unbequemen Fragen. Wir lassen uns den Mund nicht verbieten. Wir kämpfen für die wahre Anthroposophie. Wir klären auf, kämpfen für die Wahrheit und kommen den Komplott auf die Schliche. usw. Ihr anderen werdet manipuliert und wollt die Wahrheit nicht zulassen.

(Es wurde in der Gruppe übrigens durchaus ernsthaft versucht, bei den VT zu differenzieren: Die „Reptilienmenschen“ und „Flat earth“-Vertreter wurden nicht ernst genommen, ok, zu unseriös. Immerhin, das soll hier nicht unerwähnt bleiben).

Das zentrale Thema, um das es hingegen immer wieder ging, das man sich nicht nehmen lassen wollte, da es längst zum zentralen Baustein des eigenen Weltbildes gehörte, war natürlich auch hier die beliebte „Nine-eleven-inside-job“-These. Dabei war es für mich in gewisser Weise rührend zu erleben, dass einige Teilnehmer (ja, vor allem auch die Chefin) möglicherweise noch nie, oder kaum etwas davon gehört hatten, dass es bereits eine seit 17 Jahren bestehende bekannte und umstrittene (und längst widerlegte) „Forschung“ und entsprechende Bewegung („Truther“) zu dem Thema gibt. Es schien ansatzweise so, dass man in der Gruppe tatsächlich die Hoffnung hatte, „ganz unbefangen“ die Ereignisse von damals „kritisch und sachlich“ völlig neu zu bewerten, „erforschen“, zu können. (Spätestens dann kommt, wie auch in ähnlichen Debatten andernorts, der Hobbyarchitekt im Manne zum Vorschein, mit diversen, schnell gegoogelten Beweisen, wann der Schmelzpunkt von dieser und jener Sorte von Stahlträgerkonstruktionen erreicht ist... – einmal ging es in der Gruppe sogar um die Brennbarkeit von Büromöbeln (!) von WTC 7. Ja, man lernt tatsächlich erstaunliche Dinge in solchen Diskussionen.)

Irgendwann kam auch mal jemand auf die glorreiche Idee, dass kein geringerer als Steiner selbst mit seinen Ausführungen zur 5. Nebenübung den Übenden regelrecht ermuntert, die Welt vor allem „unbefangen“ und somit im Grunde eigentlich auch „VT-mäßig“ zu sehen: Wie sagte Steiner – man solle sich unbefangen vorstellen, dass ein Kirchturm über Nacht ganz schief stehe... Man kann sich daher doch auch ebenso unbefangen vorstellen, dass die US-Regierung damals am 11.09 ...
Seufz. Und das war nicht das erste Mal, dass ich in dieser Gruppe erleben konnte, wie das Werk Steiners gezielt verzerrt und lächerlich gemacht wurde.

So ging das tatsächlich unermüdlich viele Wochen lang. Bei aller Unterhaltsamkeit – das Verfolgen dieser Naivität und Durchschaubarkeit des Denkens bei Menschen, die sich mit der „Philosophie der Freiheit“ verbunden fühlen, war letztendlich zum Fremdschämen.

Apropos PhdF: Ich hatte des öfteren den Eindruck, dass u.a. auch der, wenn auch nicht immer offen ausgesprochene, Bezug auf Steiners berühmtes Hauptwerk, mit seinem leider sehr dehnbar und beliebig auslegbaren Schlagwort „Freiheit“, als willkommene Legitimation für die „man-wird-doch-mal-was-sagen-dürfen“-Haltung herhalten musste. Auch Schillers „Die Gedanken sind frei“ wurde natürlich bei einer VT-Debatte triumphierend ausgegraben.

Auf diesem sehr überschaubaren und etwas schlichten Niveau plätscherten zahllose Debatten etwas ermüdend vor sich hin.
Ganz selten gab es mal ein wirkliches Highlight, einen von mir aufgeschnappten Dialog, der mich zutiefst und vom Herzen her erfreute: Bei Ganser war man sich, wie gesagt, in der Einschätzung seiner Person und der damit verbundenen Verehrung einig, nicht so (wahrscheinlich wegen seiner etwas prolligen Art) bei Ken Jebsen:
Mitglied A: „Wie würdet ihr Ken Jebsen einschätzen?“
Mitglied B: „Manches ist sehr gut bei ihm, er ist auf jeden Fall michaelisch, da er am 29.09. Geburtstag hat.“
Darauf muss man erst einmal kommen. Anthroposophische Geistesforschung 2018.

Der Fairness halber sei an dieser Stelle angemerkt, dass nicht wenige Mitglieder vom „Dauerthema VT“ einigermaßen genervt waren, zumal das meistens nicht nur zu Streitereien und schlechter Stimmung, sondern auch dazu führte, dass viele Mitglieder sich überhaupt nicht mehr trauten, irgedetwas zu kommentieren (Meine Idee, politische oder VT-Themen probehalber für 2 Monate auf Eis zu legen, hat niemanden interessiert). Daher gab es von der Chefin, im Stile einer sich kümmernden Übermutter, in regelmäßigen Abständen eine gutgemeinte pädagogisch-moralische Übung, um den eigenen Kommunikationsstil zu verbessern („4 Nachrichten einer Botschaft“, „Erwachen am anderen Menschen“ usw.). Wurde viel geliked, hat natürlich niemand gemacht.
(Die späteren Aufforderungen, den Kommunikationsstil zu vervollkommnen, waren dann lustigerweise ausschließlich für mich gedacht).

Zwischendurch hat man übrigens immer mal wieder versucht, ein „richtiges“ anthroposophisches Thema aufs Tapet zu bringen (sinngemäß): „Inwiefern können wir die Aussage Steiners, dass wir Anthroposophen die Wächter der Zeit sind, verwirklichen ... ?“ Auch das wurde ausgiebig und ausnahmsweise sehr einmütig diskutiert.
Meine Güte, liebe Leute: „Wir – die Wächter dieser Zeit“! Geht`s denn vielleicht nicht noch unbescheidener...? Kann man nicht erst einmal versuchen, die eigenen Gedanken und Gefühle halbwegs zu sortieren und ansonsten sehen, dass man eine gewisse anfängliche Grundlagenbildung in Politik und Geschichte erwirbt oder wiederherstellt...?

Im Sommer platzte dann endgültig die Bombe: Info3. Der in anthroposophischen Kreisen reichlich viel Groll, Empörung und Staub aufwirbelnde Artikel: „Die offene Anthroposophie und ihre Gegner“. Die Chefin und einige andere drehten jetzt erst richtig auf; was vorher mehr eine Art „interessiertes, wenn auch leidenschaftliches Engagement“ gewesen war, entwickelte sich in den kommenden Wochen und Monaten für Aussenstehende zu einem beeindruckenden Schauspiel eines etwas irren und teilweise aus dem Ruder laufenden Privat-Djihad. Von „Inquisition“ war ansatzweise die Rede (JSH - Jens Savonarola Heisterkamp?). Nach dem Motto: Gibt es denn eigentlich nichts wichtigeres als diese dauernde „Gefährdung der Demokratie“...?

So ging das noch etliche Wochen weiter. Als vor einigen Tagen dann die Chefin die fröhliche Idee hatte, dass sich jetzt Mitglieder bei ihr persönlich anonym über andere Mitglieder beschweren durften, reichte mir der entwürdigende Klamauk, das ging für mich in Richtung „Aufforderung zur Denunziation“.

Fairerweise möchte ich betonen, dass der grösste Teil der Mitglieder sich überhaupt nicht, oder nur sehr sporadisch, an Diskussionen beteiligt hat. Es gab selbstverständlich auch zahlreiche äußerst positive und anregende Begegnungen. Diejenigen, die es betrifft, werden wissen, dass sie gemeint sind. Die hier dargestellte VT-Offenheit wurde in gewisser Weise nur von einer bestimmten Anzahl von Mitgliedern verbreitet, dieses dann allerdings so vehement und teilweise fanatisch, dass das bald den Stil, Duktus und Geist dieser Gruppe vollständig beherrschte.

Bei aller Ironie und Sarkasmus in der Darstellung meiner Ausführungen: Man kann sich natürlich zu Recht überlegen, ob einem diese Dinge nicht egal sein sollten. Ich hatte allerdings in den letzten Monaten zunehmend den Eindruck (auch durch reichlich ähnliche Beobachtungen in meinem Bekanntenkreis und auf FB), dass die von mir beschriebene Qualität und Vehemenz der VT-Offenheit in dieser Facebook-Gruppe ein durchaus repräsentatives Ergebnis der anthroposophischen Bewegung zeigt.

Wenn man, wie ich, mit der Anthroposophie seit über 30 Jahren so sehr verbunden ist, dass sie zum wesentlichen Bestandteil des eigenen Lebens gehört, kann und will man daher nicht schweigend zusehen, wie sie vollends der Lächerlichkeit und Demagogie preisgegeben wird.

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*) Name der Redaktion bekannt.



Aus: "Ein halbes Jahr in einer anthroposophischen Facebook-Gruppe – Ein Selbstversuch" Eingestellt von Ingrid H. (23. Oktober 2018)
Quelle: https://egoistenblog.blogspot.com/2018/10/ein-halbes-jahr-in-einer.html

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Michael Eggert Mod (2018)

Stimmen, die sich wehren gegen die zunehmende Korruption der anthroposophischen Szene durch wild wuchernde Verschwörungstheorien, billigen Rechten Populismus und Anbiederung an den identitären Ungeist sind überaus willkommen.


https://egoistenblog.blogspot.com/2018/10/ein-halbes-jahr-in-einer.html#comment-4159390283

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"Vom Verrennen in apokalyptische Weltbilder. Oder: Ansgar Martins ist der Antichrist"
Eingestellt von Michael Eggert August 07, 2021(Anmerkung: Mit einer Gegendarstellung Claudius Weises)
Natürlich ist dieser Anteil an der Bevölkerung seit Jahren auffällig, in der einen oder anderen Weise, so auffällig, dass man diese Menschen, die ja auch unsere Familien, Kolleginnen, Arbeitsplätze, Freundeskreise und Bekannten, oft als erfrischend unorthodox gesehen hat; vielleicht eine Spur zu erregbar bei gewissen Themen, die man in der Folge lieber gemieden hat, wenn man sich traf, nicht nur wegen des potentiellen Konflikt- Potentials, sondern vor allem um die nicht endenwollenden Monologe, das exzessive argumentative Anklammern bis hin zu obsessiven Zügen zu vermeiden. Nicht dass wir einem argumentativen Schlagabtausch aus dem Weg gehen müssten, aber dieses verbale Herausplatzen auf Seiten dieser Bekannten - und das am Tag und ohne offensichtlichen Alkoholpegel- lässt einem selbst nur die Wahl: Die Bekannten vor den Kopf zu stossen und einfach zu gehen- oder sich zu stellen und diesen Schwall von Banalitäten und abstrusen Schlussfolgerungen aus trüben Quellen zu ertragen. ...
https://egoistenblog.blogspot.com/2021/08/vom-verrennen-in-apokalyptische.html

Stephan Eisenhut: Der König, der ein neues Reich suchte  Zum Tode von Alain Morau (* 15. Oktober 1973 in Saint Denis/La Reunion – † 14. Juni 2021 in Karben)
Im  Frühjahr  2015  sprach  mich  nach  einem  Vortrag  ein  junger  Mann  mit  französischem  Akzent  an.  Sein  Name  war  Alain  Morau  und  er  arbeitete  seit  einiger  Zeit  am  Dottenfelder-hof  in  der  Pflanzenforschung. ... Im  Jahr  2016  erschien  in  den  ›Europhysics  News‹  ein  Artikel  über  den  Zusammenbruch  der beiden Türme des World Trade Centers so-wie  des  WTC7  am  11.  September  2001.1  Dies  bewegte  ihn  sehr,  denn  erstmals  wurde  von  Wissenschaftlern in einer renommierten Fachzeitschrift die These vertreten, dass bei objek-tiver  Betrachtung  der  physikalischen  Verhält-nisse nur eine Sprengung den Zusammenbruch aller  drei  Gebäude  plausibel  erscheinen  lasse.  Bisher war es so, dass jeder, der so etwas nur zu  denken  wagte,  als  »Verschwörungstheore-tiker«  diffamiert  wurde.  Nun  aber  wurde diese These ernsthaft diskutiert. Darin sah er ein wichtiges Ereignis. Zumindest ein Teil der wissenschaftlichen Eliten, so hoffte er, würde nun zugeben müssen, dass die offizielle Darstellung der Zusammenbrüche aus physikalischer Sicht nicht nachvollziehbar sei. Er wollte darüber einen Artikel für die Drei schreiben. ...
https://diedrei.org/files/media/hefte/2021/Heft4-21/02-Eisenhut-Morau-DD0421.pdf


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[...] ZEIT ONLINE: Herr von Stuckrad, nach den jüngsten Corona-Demos hieß es oft, dort seien auch Esoteriker mitgelaufen. Was ist das eigentlich: ein Esoteriker?

Kocku von Stuckrad: Eine berechtigte Frage. Der Begriff wird heute im Alltag anders verwendet als in der Forschung. Eine weit verbreitete Vorstellung lautet, dass Esoterik immer mit Geheimbünden zu tun hat oder mit Sekten. Das trifft es nicht so ganz.

ZEIT ONLINE: Was trifft es besser?

Von Stuckrad: In der Forschung plädieren wir dafür, Esoterik als einen Wissensdiskurs zu begreifen. Ein Esoteriker ist demnach jemand, der nach einem speziellen Wissen sucht, das zwar nicht geheim, aber auch nicht leicht zugänglich ist. Man muss dafür gewisse Bücher lesen oder gewisse Techniken kennen, etwa die der Meditation. Es geht um eine Art Offenbarungswissen, das nicht nur auf Logik oder Sprache aufgebaut ist, sondern über das Normale, Diesseitige hinausgeht.

ZEIT ONLINE: Also auch jenseits der Wissenschaft liegt?

Von Stuckrad: Ja, im heutigen Wissenschaftssystem hat ein solches Denken meist keinen Platz.

ZEIT ONLINE: Wir führen dieses Gespräch auch deshalb, weil im Moment vor allem junge Menschen esoterische Praktiken für sich entdecken, die meist keiner Wissenschaftlichkeit standhalten: Astrologie, Hexenkulte, Schamanismus. Und das mitten in einer Pandemie, in der große Hoffnungen auf Wissenschaft und Rationalität ruhen. Überrascht Sie das?

Von Stuckrad: Nein, eher nicht. Und zwar deshalb nicht, weil wir nicht vergessen dürfen, wie alt die Tradition dieses Denkens in Europa und Nordamerika ist. Sie reicht im Grunde bis in die Antike. Denken Sie an Autoren wie Plato oder Zoroaster. Viele der Schriften, die sie heute in Eso-Läden kaufen können, beruhen auf diesen jahrtausendealten Texten. Der Religionswissenschaftler Burkhard Gladigow hat die Esoterik mal "die mitlaufende Alternative" in der europäischen Religionsgeschichte genannt. Das trifft es ganz gut. Und diese mitlaufende Alternative wird derzeit wieder populärer. Ich schätze das ein wie Sie: New Age, Esoterik und neue Spiritualität sind in Deutschland wieder zu einer Massenbewegung geworden.

ZEIT ONLINE: Worin besteht in Ihren Augen die Faszination für dieses Denken? 

Von Stuckrad: Eine Faszination besteht sicherlich darin, dass wir als Menschen in der Lage sein könnten, Zugang zu einem kompletten Wissen über die Welt zu erhalten. Dass es ein Wissenssystem gibt, das alle Antworten über das Leben bereithält. Hegel hat das mal den "absoluten Geist" genannt. Das ist eine große Verheißung, die auf viele Menschen faszinierend wirkt.

ZEIT ONLINE: Das Wort "esoterisch" wird heute oft abwertend verwendet. Viele sagen deshalb lieber, sie seien spirituell. Was ist damit gemeint?

Von Stuckrad: Ich würde den Begriff der Spiritualität weiter fassen. Nehmen Sie die Naturreligionen, die derzeit viel Zuspruch erfahren. Oder den Schamanismus. Beides ist in meinen Augen nicht esoterisch. Und zwar deshalb nicht, weil es dort um alles Mögliche geht: um religiöse Naturerfahrungen, Umweltschutz oder um das Einswerden mit der Natur. Das entscheidende Merkmal von Esoterik ist aber der Diskurs über vollkommenes Wissen. Das ist zum Beispiel im Schamanismus nicht der Fall. Ich würde deshalb raten, mit dem Begriff der Esoterik sparsamer umzugehen. Sonst übersehen wir, welche Unterschiede zwischen diesen sehr verschiedenen Bewegungen existieren. 

...

ZEIT ONLINE: Dennoch ist es aber erklärungsbedürftig, warum so viele spirituell und esoterisch angehauchte Menschen unter den Gegnern der Corona-Politik und Impfgegnern sind. Es spricht doch vieles dafür, dass es da Gemeinsamkeiten gibt.

Von Stuckrad: Was diese Menschen sicherlich verbindet, ist ihre kritische Haltung gegenüber etabliertem Wissen, vor allem gegenüber der Wissenschaft und der Politik. Da spielt auch die Grundannahme der Esoteriker eine Rolle, über die wir bereits sprachen – nämlich, dass es da ein Wissen gibt, das über das rationale Wissen hinausgeht. Daraus entsteht dann bei manchen die Idee, dass man im Besitz einer höheren Weisheit ist, die die weltliche Wissenschaft übersteigt. In der Szene gibt es auch einige, die glauben, man verfüge über eine bessere Wissenschaft. Und hier besteht auch ein Anknüpfungspunkt zu Verschwörungstheorien. 

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Von Stuckrad: Weil dieser Gedanke eng mit der Vorstellung verknüpft ist, dass es Weisheitslehrer gibt, die über das Wissen der Welt Wache halten. Das kann auch negativ gerwendet werden, als Verschwörung von Politikern oder Kirchenleuten. Menschen, die verhindern wollen, dass das Offenbarungswissen den Stellenwert bekommt, den es für manche besitzt. Das ist genauso eine Denkfigur wie die Vorstellung, dass wir in Wahrheit gerade eine planetarische Transformation erleben. Auch diese Überzeugung gibt es in manchen Gruppen.

ZEIT ONLINE: Was ist eine planetarische Transformation?

Von Stuckrad: Ich denke, wir sind uns einig, dass sich die Menschheit wegen des Klimawandels in einer Krise befindet. Der esoterische oder spirituelle Twist dahinter ist nun, dass der Planet als eine Entität wahrgenommen wird, als etwas, das ein eigenes Bewusstsein mitbringt. Die Erde ist demnach intelligent, sie handelt selbst, und ihr Bewusstsein kann den Menschen überwinden. Der Ausbruch des Coronavirus ist in diesem Denken ein Anzeichen dafür, dass wir uns mitten in einer solchen Transformation befinden. Der Schluss lautet: Entweder wir stellen uns der Krise oder wir werden eben ausgelöscht.

ZEIT ONLINE: Solches Denken mag nicht neu sein. Viele Beobachter hat aber überrascht, dass die Anhänger solcher Glaubenssätze auf politischen Demos auftauchten. Sind politisierte Esoteriker ein neues Phänomen?

Von Stuckrad: Nein, auch diese Verbindung ist älter. Ein jüngeres Beispiel ist sicherlich die Studentenbewegung der Sechziger- und Siebzigerjahre in Europa und vor allem in Nordamerika, die wie ein Durchlauferhitzer für Ideen mit esoterischer Tradition gewirkt hat. Um 1900 war der Okkultismus in Deutschland schon einmal eine Massenbewegung. Alternative Spiritualität hat zudem viele Intellektuelle beeinflusst, Carl Gustav Jung oder Wolfgang Pauli zum Beispiel. Diese Tradition kam in Deutschland erst mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus in Verruf.

ZEIT ONLINE: Wie kam es dazu?

Von Stuckrad: Die Nazis haben die Naturverehrung instrumentalisiert und ins Völkische gewandt. Viele Menschen in Deutschland standen deshalb 1945 mit guten Gründen diesen naturverehrenden Praktiken misstrauisch gegenüber. Dieses Misstrauen ist seither nicht verschwunden. Das erkennt man auch daran, dass es in kaum einem anderen Land Europas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts so viel Ablehnung gegenüber esoterischen Bewegungen gab wie in Deutschland. Ein Teil des esoterischen Denkens ist deshalb in den USA weiterentwickelt worden, vor allem in Kalifornien. Von dort kam dieses Denken schließlich in den Sechziger- und Siebzigerjahren zurück.

ZEIT ONLINE: Über die deutsche Gegenwartsgesellschaft heißt es oft, sie sei so säkular wie noch nie. Auf der anderen Seite sprechen Sie von einer spirituellen Massenbewegung. Wie geht das zusammen?

Von Stuckrad: Um es deutlich zu sagen: Als Religionswissenschaftler halte ich die These, dass die westliche Gesellschaft säkularer geworden ist, für Unsinn. Sie gilt in dieser strengen Ausformulierung auch in der Forschung als überholt.

ZEIT ONLINE: Warum?

Von Stuckrad: Weil die Tatsache, dass die Kirchen heute leerer sind, eben nicht bedeutet hat, dass die Nachfrage nach spirituellen Erfahrungen weniger geworden ist. Interessanterweise hat auch die Verwissenschaftlichung der Welt nicht dazu geführt. Stattdessen hat sich eine Transformation ereignet, hin zu anderen Glaubensrichtungen, die sich zum Teil vermischen. Ein erheblicher Teil der Kirchgänger, also der aktiven Christen in Deutschland, glaubt heute an die Wiedergeburt. Und vieles von dem, was noch in den Sechzigern aufsehenerregend war, ist heute fast Allgemeingut geworden. Hochinteressant sind Entwicklungen in der Biologie, die in den letzten Jahren stark in die Richtung gedacht hat, ob Bäume Bewusstsein haben: "Tree consciousness". Auch in Deutschland denkt man gerade intensiv über die Seele der Bäume nach.

ZEIT ONLINE: Sie spielen auf Bestseller wie Das geheime Leben der Bäume des Autors Peter Wohlleben an.

Von Stuckrad: Genau. Es gibt eine starke Neigung zu Gedankengebäuden, die ich als "Marginalisierung des Menschen" bezeichnen würde. Die Idee ist: Wir sind nicht die Meister des Planeten, sondern nur ein kleiner Teil des gesamten Systems. Oder nehmen Sie die Diskussion über das "Anthropozän": Ist es nicht Hybris anzunehmen, dass wir Menschen in der Lage sind, den Planeten zu zerstören? All diese Gedanken haben eine breite Wirkung über die esoterische oder spirituelle Szene hinaus. Avatar, der zweiterfolgreichste Film aller Zeiten, handelt genau davon.

...

ZEIT ONLINE: Wir leben in der westlichen Welt in einer Zeit, in der für viele Menschen der Himmel leer ist und Religionen auf dem Rückzug sind. Hält das der Mensch auf Dauer aus?

Von Stuckrad: Ich glaube, dass es zum Menschsein dazugehört, große Fragen zu stellen. Und dass der Mensch sich immer größere Sinnzusammenhänge suchen wird.


Aus: "Kocku von Stuckrad: "Wir verkleinern unseren Horizont unnötig"" Interview: Philipp Daum und Philip Faigle (17. März 2021)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2021-03/kocku-von-stuckrad-religionswissenschaftler-philosophie

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derdasschreibt #12

Ich finde die Idee interessant, dass die Erde ein übergeordneter denkener Organismus ist.

Ebenso ist ja gegenüber den Bakterien und Viren der menschliche/tierische Körper auch ein übergeordneter Organismus. Was aber vermutlich den Bakterien und Viren so nicht bekannt ist. Der Körper ist ihr Lebensraum und wenn sie sich falsch bzw. durch die Erzeugung von Krankheiten auffällig verhalten, greift der Mensch in das System ein und bringt es durch Milliarden Opfern unter den Bakterien/Viren wieder ins Gleichgewicht. ...


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kamy #8

Nein, ich denke nicht, dass Spiritualität die Wissenschaft "erweitert". Eines der wertvollsten Eigenschaft der Wissenschaft ist ihr Bemühen um Sachlichkeit und Objektivität. Man tastet sich in der Wissenschaft an die Realität heran, ohne die eigene Subjektivität zu vergessen.
Spiritualität aber stellt das eigene ICH über alles: Man kann sich als "Große Wahrheit" alles mögliche vorstellen, was die menschliche Phantasie und vor allem seine psycho-sozialen Bedürfnisse so hergibt bzw. verlangt. Die Sehnsucht nach dem tieferen Sinn, nach gem "großen Geist", der "letzten Wahrheit" oder einem "Sinn" ist etwas zutiefst Menschliches und treibt seine religiösen, esoterischen oder spirituellen Blüten in den buntesten Farben ... ach wie schön, so heimelig, so menschlich. Aber sind sie wirklich? Sind sie wahr? Darauf kann nur die Wissenschaft eine Antwort geben, auch wenn sie - nach vielen Irrtümern - die wahre Realität letztendlich nur umschreiben kann. Das ist viel viel besser als Esoterik. Und meiner subjektiven Meinung nach auch um vieles faszinierender und interessanter. Auch letztendlich hilfreicher.


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nozomi07 #11

Esotherik und Spiritualität ist exakt das gleiche: Man behauptet Dinge, die man gar nicht wissen kann. Das ist bequem. Was keiner wissen kann, da kann man alles beliebig behaupten. Es ist ja nicht falsifizierbar! Und so wird munter losgeplappert, so wie es von Stuckrad tut. Wie viel mühsamer ist es, sich echtes Wissen anzueignen, gar neue Erkenntnisse zu entdecken. Warum 12 Semester Medizin studieren, wenn man mit ein paar flotten Schamanensprüchen das gleiche Ansehen erhält? ...


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[...] Sonja Schuhmacher sagt: "Das naturwissenschaftliche Denken, das die Natur zerlegt, ist eine Wurzel unserer Probleme. Es wird ja überall gerechnet. Das Atomgewicht, die Blutwerte, die Knochendichte. Es wird versucht, die Natur mit wissenschaftlichen Mitteln in die Knie zu zwingen."

Dieses Denken stehe auch hinter der mRNA-Corona-Impfung, sagt Schuhmacher: Der Mensch sei verbesserungswürdig. Sein Immunsystem sei nicht genug. Der Technokratie gehe es darum, den Menschen zu verbessern und die Unvollkommenheit auszurotten.

Sonja Schuhmachers Denken, die Idealisierung der Natur, die Betonung ganzheitlichen Denkens, Zivilisationskritik – all das ist unter den Demonstranten gegen die Corona-Maßnahmen weit verbreitet. Und es ist ein Schlüssel zum Verständnis der Bewegung. Forscher fanden lange vor der Corona-Krise heraus, dass es einen starken Zusammenhang zwischen der Ablehnung von Impfungen und der Befürwortung von Spiritualität und alternativer Heilmethoden gibt – ebenso einen Zusammenhang zwischen geringer Impfbereitschaft und magischem Denken. [2018 Feb 21;36(9):1227-1234.
doi: 10.1016/j.vaccine.2017.12.068. Epub 2018 Feb 1. Anti-vaccination and pro-CAM attitudes both reflect magical beliefs about health Gabrielle M Bryden  1 , Matthew Browne  2 , Matthew Rockloff  1 , Carolyn Unsworth  1 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29395527/]

Forscher der Uni Basel haben Endes des letzten Jahres die Demographie der Querdenker erforscht. Sie werteten 1.150 Fragebögen aus, die sie in Telegram-Gruppen verteilt hatten. Die Studie ist nicht repräsentativ, in einigen Gruppen warnten Nutzer, an ihr teilzunehmen, und vermutlich wollten die, die es dennoch taten, die Bewegung in einem guten Licht darstellen, und doch liefert die Arbeit der Forscher einen Einblick ins Weltbild der Demonstranten, die alte Gewissheiten erschüttern könnten.

Die Befragten sind gebildet, es sind nur wenig Junge darunter, mehr Frauen als Männer, 25 Prozent sind selbstständig, weit mehr als im Durchschnitt der Bevölkerung. Und für 50 Prozent der Befragten waren die Corona-Proteste die ersten Demos ihres Lebens.

Die Befragten sind weder besonders islamfeindlich noch rassistisch. Sie verharmlosen den Nationalsozialismus seltener als die Gesamtbevölkerung, nur wenige leugnen den Klimawandel. Viele der Befragten verstehen sich als politisch links. Bei der letzten Bundestagswahl wählten 23 Prozent die Grünen, 18 Prozent die Linken, 15 Prozent die AfD. Heute würde fast niemand von ihnen mehr grün wählen, nur noch wenige die Linke, 18 Prozent die Querdenker-Kleinpartei Die Basis, und: 27 Prozent die AfD.

Die Forscher schreiben: "Mit Blick auf die Wahlabsichten lässt sich sagen, dass es sich um eine Bewegung handelt, die eher von links kommt, aber stärker nach rechts geht."

Der Soziologe Robert Schäfer, der die Studie zusammen mit Nadine Frei und Oliver Nachtwey durchgeführt hat, interviewte danach einige Demonstranten. Er sagt: "Teilweise sind die Leute in den Interviews selber erschrocken. Sie sagten mir: 'Ich habe immer links gewählt und plötzlich sympathisiere ich mit einer rechten Partei. Die sind mittlerweile die einzigen, die der Regierung kritisch gegenüberstehen.'"

Über 60 Prozent der Befragten finden, dass die natürlichen Selbstheilungskräfte stark genug seien, um das Virus zu bekämpfen, und dass mehr ganzheitliches Denken der Gesellschaft guttun würde. Sie sind auch dafür, Alternativmedizin mit der Schulmedizin gleichzustellen. Und: Ihrer Meinung nach zeigt die Krise, wie weit wir uns von der Natur entfernt haben.

Die Yogalehrerinnen, Gandhi-Verehrer, Anthroposophen, Heilpraktikerinnen und Impfgegner, die im vergangenen Jahr in Berlin tanzten, sind, so schreibt der Kinderarzt Herbert Renz-Polster, Bewohner eines "sanften Planeten". Renz-Polster schreibt Bücher über antiautoritäre Kindererziehung, die in den Regalen vieler Demonstranten stehen. Er ist besorgt darüber, wie viele esoterische Grüne in seiner Umgebung in die Querdenkerszene gerutscht sind. Renz-Polster hat sich schon mit der Querdenker-Ikone Bodo Schiffmann angelegt. Er veröffentlicht Broschüren, die das Coronavirus in verständlicher Sprache erklären. Er nimmt das alles persönlich.

Auf seinem Blog veröffentlichte Renz-Polster Ende des letzten Jahres eine Analyse über das Weltbild dieser Demonstranten. Es ist eine Erzählung der Verbindung und Hoffnung: "Das Universum ist gut, die Natur ist gut – wenn wir mit ihr Verbindung halten, wie sollte sie uns schädigen wollen? Wie sollte dieses Virus denn diejenigen treffen, die 'natürlich' leben – die sich zum Beispiel seelisch und körperlich gesund halten?"

Dieses Denken ist auf Demos omnipräsent. Am Valentinstag feierten Querdenker in Hannover den "Tag der Liebe". Im vergangenen Herbst versuchten Demonstranten, einander an den Händen fassend eine Menschenkette um den Bodensee zu spannen.

Eine Variante des esoterischen Querdenkers ist der Herzmensch. Ein typisches Beispiel dafür ist Nana Domena. Der Moderator aus Köln tritt bei Demos häufig als Anheizer auf der Bühne auf. Auf seinem Telegram-Account nennt er sich "Herzens-Connecter der Bewegung". Ein Bild auf Telegram zeigt ihn mit einem Schild: "Wie wär’s mit dem Ausbruch des Weltfriedens? Menschheitsfamilie". Seine Mission: Den Menschen mit guter Laune Kraft geben.

"Gute Laune" ist eine magische Formel für Querdenker. Immer wieder hört man: Wir dürfen uns nicht von der Angst bestimmen lassen. Dem Soziologen Robert Schäfer ist dieses Denken in seinen Interviews häufig begegnet. Eine typisch esoterische Antwort auf seine Einstiegsfrage "Was stört Sie an den Maßnahmen?": Social Distancing verunmögliche spontane Interaktion, Umarmungen, Berührungen. Berührungen aber seien ein Weg zum Frieden und Liebe zwischen den Menschen, fundamental wichtig für eine menschliche Gemeinschaft.

Deswegen ist die Maske so ein Hasssymbol der Querdenker. Für sie ist sie eine Mauer zwischen den Menschen. Kinder könnten die Mimik nicht mehr erkennen. Sie lernen, dass andere Menschen gefährlich sind, dass sie selbst gefährlich sind. Sie entwickeln Angst vor den Menschen. In einem ganzheitlichen Denken aber, das nicht zwischen Geist und Materie, zwischen Sein und Bewusstsein unterscheidet, macht Angst krank. Und positives Denken gesund.

Das Denken mit dem Herzen hat zwei Dimensionen: Einerseits wirkt es nach außen und dient der Verbindung der Menschen miteinander. Und andererseits wirkt es nach innen. In unübersichtlichen Zeiten, in denen immer mehr Menschen mit Entscheidungen überfordert sind, sagt das Herzmenschentum: Hört auf euer Herz und die innere Weisheit eures Körpers. Es ist politische Intuition, Medienintuition und Gesundheitsintuition in einem. Heraus kommen Hygienedemos.

In diesem Weltbild ist das Virus ungefährlich – der Umgang damit aber nicht. Herbert Renz-Polster schreibt, wie er bei den esoterischen Corona-Skeptikern immer wieder einem Bestrafungsmythos begegne: "Dieses Virus bestraft in Wirklichkeit doch nur diejenigen, die ihr Leben falsch leben und sich dadurch selbst schwächen: die zu dick sind, die sich gehen lassen, sich falsch ernähren oder sich mit Antibiotika und Impfungen vollpumpen. Die also nicht gut auf sich aufpassen. Kurz: Wenn diese Pandemie jemanden trifft, dann diejenigen, die gegen die natürliche Ordnung verstoßen."

Wenn man über Esoterik in Deutschland recherchiert, stößt man früher oder später auf den Namen Rudolf Steiner. Seine Anthroposophie, die sich aus der okkulten Szene des Kaiserreichs entwickelt hat, ist mittlerweile eine der erfolgreichsten esoterischen Bewegungen Europas geworden. Steiner ist der Begründer der Waldorfschulen, deren Ziel die "Erziehung zur Freiheit" ist. Knapp 90.000 Schülerinnen und Schüler gehen in Deutschland auf Waldorfschulen. Den Unterricht beginnen Grundschüler seit 100 Jahren mit den Zeilen: "Der Sonne liebes Licht, es hellet mir den Tag. Der Seele Geistesmacht, Sie gibt den Gliedern Kraft."

Überall im Land, besonders im Südwesten, streiten Waldorfschulen intern und öffentlich darüber, wie gefährlich das Coronavirus ist. In Überlingen am Bodensee organisiert der ehemalige Schulleiter einer Waldorfschule seit dem Frühjahr Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen. An einer Waldorfschule im badischen Müllheim weigere sich ein Viertel des Lehrerkollegiums, Masken zu tragen, berichtete jüngst der Spiegel. Anderswo an Schulen ist das Virus zum Prüffall für Digitalisierungsprozesse geworden. An Waldorfschulen ist es Prüffall für eine Weltanschauung geworden.

Das zeigt sich exemplarisch an einem Vorfall, der ganz im Süden der Republik spielt, in Schopfheim, einem Schwarzwaldstädtchen im sogenannten Dreiländereck. Frankreich ist nah, die Schweiz noch näher, hinter dem Schulhof erheben sich die Schwarzwaldhügel. "Freie Waldorfschule", so steht es in einen Stein gemeißelt am eingeschneiten Schulgebäude. Die schuleigenen Hühner haben sich in ihren Stall zurückgezogen, im Gewächshaus zieht Wintergemüse, vom Himmel rieselt es weiter. Ein Idyll.

"Also, in den letzten Wochen war es hier ziemlich unidyllisch", sagt Freia Arncken.

Arncken ist Schülerin an dieser Schule, eine höfliche junge Frau mit blonden Haaren, sie geht in die 13. Klasse. Eigentlich sollte sie zu Hause für das Zentralabitur lernen, stattdessen steht sie hier, Anfang Februar, in einem dicken Mantel – und soll die Frage beantworten, was da eigentlich los ist an ihrer Schule. Wieder mal.

Grob gesagt gibt es im Streit an der Freien Waldorfschule Schopfheim zwei Lager. Da stehen auf der einen Seite ein Teil der aktiven und ehemaligen Lehrerschaft, einige Eltern und weitere Personen aus dem Umfeld der Schule. Dieses Lager hält wenig bis gar nichts von den Corona-Bestimmungen der Bundesregierung, lehnt die Maskenpflicht ab und vertritt diese Positionen seit einem knappen Jahr bei sogenannten Corona-Mahnwachen auf dem Schopfheimer Marktplatz.

Das andere Lager distanziert sich von diesen Mahnwachen. Die Schulleitung der Waldorfschule zum Beispiel. Einige besorgte Eltern haben sich an die Badische Zeitung gewandt und klagen darin über rund 30 bis 40 Schülerinnen und Schüler, die per Attest von der Maskenpflicht befreit seien und damit, als die Schule noch offen war, zur Gefahr für alle anderen geworden seien. Und dann sind da noch die Schülerinnen und Schüler aus der Oberstufe. Freia Arncken zum Beispiel.

Als vor einem Jahr bekannt geworden sei, dass ein Virus um die Welt gehe, sagt Arncken, habe sie sich zunächst an die Schweinegrippe erinnert gefühlt. "Ich hatte das Gefühl, dass wir panisch reagieren." Dann habe sie sich eingelesen, Experten gehört und beschlossen: "Wenn führende Virologen größtenteils einhellig vor dieser Krankheit warnen, dann muss ich Vertrauen haben." Vertrauen in deren Sachverständnis, Vertrauen in die Maßnahmen der Regierung.

Bei YouTube sieht sie Lehrerinnen ihrer Schule, aktive und ehemalige, die auf dem Marktplatz einen Corona-Untersuchungsausschuss fordern, die das "Edle, Wahre und Gute" beschwören, das in der Welt der Masken keinen Platz mehr habe.

Im Dezember liest Arncken einen offenen Brief, den eine ehemalige Lehrerin ihrer Schule und aktuelle Begleiterin eines Waldorf-Kinds an Schulleitung und Lehrerkollegen adressiert und über Telegram-Kanäle verbreitet hat. Arncken stutzt. "Damals waren es die Juden, die Kommunisten, die Schwulen, die behinderten Menschen und es fing genauso an", liest sie. "Diesmal sind es die Kritiker, die Maskenlosen, die Impfverweigerer."

Freie Arncken habe kurz zuvor ein Referat über die Weiße Rose gehalten, erzählt sie. Für sie verharmlosen die Worte der Lehrerin den Holocaust. Da habe sie begriffen: "Dagegen muss ich was machen."

Ihre Antwort auf den Brief der Pädagogin schreibt Arncken an einem Nachmittag. Zusammen mit ihren Klassenkameraden feilt sie noch an Begriffen, dann sammeln sie Unterschriften und verbreiten den Brief an der Schule. Darin heißt es: "Wir positionieren uns gegen respektlose und faktisch falsche Vergleiche der Corona-Politik mit dem NS-Terrorregime von 1933-45. Wir fordern mehr Weitsicht im Umgang mit schwerwiegenden Begriffen. Wir fordern akribisches Prüfen von Fakten." Am Ende sind es 80 Schülerinnen und Schüler, die ihren Brief unterschreiben.

Es ist nicht einfach, Anthroposophie in eine Definition zu packen. Steiners Gesamtausgabe umfasst mehr als 360 Bände. Sein Denkgebäude hat den Anspruch, die ganze Welt erklären zu können. Es bedient sich der Farbenlehre Goethes, an Elementen aus Hinduismus und Buddhismus, christlicher Mystik, Erkenntnissen der Naturwissenschaften. Rudolf Steiner war davon überzeugt, hellsehen zu können. Er glaubte, Einsicht in eine höhere Welt erlangt zu haben, eine übersinnliche Welt, aus der wir kommen und in die wir gehen, bevor wir wieder auf die Erde zurückkehren. Wiedergeburt.

Nach dem Ersten Weltkrieg leitete Steiner aus seiner Weltanschauung konkrete Praktiken ab. Das Waldorf-Schulsystem, Demeter-Bauernhöfe mit biodynamischer Landwirtschaft, die anthroposophische Medizin, Kosmetikfirmen, den Ausdruckstanz Eurythmie, ein eigenes Bankensystem, die goetheanische Architektur. Die Schopfheimer Waldorfschule, errichtet nach Steiners Ideen, kommt ohne 90-Grad-Winkel aus.

Echte Vollanthroposophen, die sich Steiners Ideen vollumfänglich zu eigen machen, gibt es auch im Waldorf-Umfeld eher wenige. Der Normalfall ist das, was Experten "Anwendungs-" oder "Teilanthroposophen" nennen. Menschen, die nicht zwingend an Wiedergeburt glauben, dafür aber gerne Demeter-Tomaten kaufen und ihre Kinder auf Waldorfschulen schicken.

Helmut Zander ist Steiner-Biograf, Professor für Religionswissenschaften an der Université de Fribourg in der Schweiz und Autor des Grundlagenwerks Die Anthroposophie. Rudolf Steiners Ideen zwischen Esoterik, Weleda, Demeter und Waldorfpädagogik. Der Riss, der durch die Waldorf-Bewegung heute gehe, sagt Zander, verlaufe zwischen jenen, die den esoterischen Steiner in der Pädagogik haben wollen, und jenen, die Esoterik und Pädagogik trennen wollen. Etwas plastischer könnte man sagen: Der Riss verläuft zwischen Voll- und Teilanthroposophen.

Zwei zentrale Elemente im Werk Steiners hat Zander ausgemacht, die Vollanthroposophen heute auf die Marktplätze der Republik treibe. Das erste sei Steiners Verhältnis zum Impfen. Der schrieb: "Die Seele wird man abschaffen durch ein Arzneimittel. Man wird (…) einen Impfstoff finden, durch den der Organismus so bearbeitet wird (…), dass dieser menschliche Leib nicht zu dem Gedanken kommt: Es gibt eine Seele und einen Geist." Impfen als Seelenmord. Eine Krankheit, davon war Steiner überzeugt, gelte es durchzustehen, daran wachse der Mensch.

Das zweite Element, so Zander, sei die tief in Steiners Werk verankerte Überzeugung, dass es geheime Gesellschaften gebe, die im Hintergrund die Fäden in der Hand halten. "Steiner sprach noch vor dem ersten Weltkrieg von Freimaurern und geheimen Verbünden, die es auf Deutschland abgesehen hätten", sagt Zander. Ihn wundere es daher kaum, wenn anthroposophische Querdenker heute Strippenzieher hinter den Kulissen vermuteten. "Die Überzeugung eines höheren Wissens führt bei vielen Anthroposophen dazu, dass sie leicht der Überzeugung sind, gegen jedwede Mehrheit Recht zu haben."

Die Pädagogin, die an der Schopfheimer Waldorfschule den offenen Brief geschrieben hat, überlegt lange, ob sie in diesem Artikel äußern möchte, entscheidet sich schließlich dagegen. Menschen, die sie kennen, sagen, dass sie sich ernsthaft um die Zukunft der Waldorfschulen sorge. Auf ihrer Website, inzwischen abgeschaltet, bot die ehemalige Lehrerin Familienberatungen an, Coachings zu "heilender Erziehung", Unterrichtsbegleitung für Schülerinnen und Schüler sowie Unterrichtsbesprechungen für aktive Lehrer, unter anderem mit Blick auf die Themen "Kinderbetrachtung und menschenkundliche Grundlagenarbeit". Gerade die anthroposophische Menschenkunde nach Rudolf Steiner sei dabei ihre "innere Basis und Richtschnur".

Steiner-Experte Helmut Zander sagt, es seien oft solche Vollanthroposophen, die mit allen Mitteln für ihre Weltanschauung einstehen möchten. "Darum ist der Einfluss der Steiner-Anhänger, obwohl deutlich in der Minderheit, auch bis heute so groß an den Waldorfschulen."

Freia Arncken erzählt, wie sie nach ihrem Brief den Kontakt zur Pädagogin gesucht habe. Die beiden haben lange telefoniert und sich Nachrichten bei Telegram geschrieben. Arncken sagt, dass ihr Verständnis für die andere Seite dadurch gewachsen sei.

"Ich glaube, die Menschen suchen gerade alle nach Sicherheit. Manche wollen sich so schnell es geht impfen lassen, andere gehen nicht mehr ohne Maske aus dem Haus und wieder andere verdrehen die Tatsachen so lange, bis die Welt wieder zu ihrem Weltbild passt." Gerade weil sie jünger sei, sagt Arncken, fiele es ihr vermutlich leichter, Unsicherheiten auszuhalten.

Vielleicht bringt die Pandemie nicht nur zum Vorschein, wie einflussreich anthroposophisches und esoterisches Denken in Deutschland ist. Vielleicht verstärkt sie dieses Denken auch. Ein Kleinverlag brachte jedenfalls im März 2020 ein neues Buch von Rudolf Steiner heraus: Zum Corona-Rätsel. Ein Beitrag der Geisteswissenschaft. Es enthält einen Vortrag Steiners, den er 1920, fünf Jahre vor seinem Tod hielt, unter neuem Titel. Mittlerweile ist das Buch in der 13. Auflage erschienen.

Im Winter war es erstaunlich ruhig um die Querdenker und Gegner der Corona-Maßnahmen geworden. Viele lokale Querdenker-Gruppen trafen sich zu wöchentlichen Autokorsos. Michael Ballweg, der Gründer der Querdenker-Bewegung, hatte Ende Januar in einer Videobotschaft dazu aufgerufen. Das Kalkül war wohl: Wenige Menschen sehen in Autos beeindruckender aus als zu Fuß. Aber: Aus Autos kann man keine interessanten Livestreams zeigen, die im Sommer Zehntausende Zuschauer erreichten.

"Ein Stau in Stuttgart ist keine Schlagzeile", sagt Josef Holnburger.

Holnburger ist einer der besten Kenner der Querdenker. Als Politikwissenschaftler und Datenanalyst beschäftigt er sich mit der sich schnell wandelnden Welt der Corona-Proteste in den sozialen Medien. Eigentlich möchte der 31-Jährige noch sein Politikstudium beenden, aber es ist ein Fulltime-Job, zu verfolgen, wann aus dem dauernden Hintergrundrauschen auf Telegram der nächste große Protest entsteht.

Holnburger hat beobachtet, dass der wichtigste Telegramkanal der Querdenker seit Mitte September kaum neue Mitglieder dazugewonnen hat. Holnburger meint: "Es brodelt unter der Oberfläche."

Aus dem ewigen Geblubber der Telegramchannel, in denen teilweise Tausende Nachrichten täglich durchlaufen, schafft es ein Thema immer wieder an die Oberfläche: die Corona-Impfung. Mitte Februar zum Beispiel veröffentlichte Reiner Fuellmich, ein Rechtsanwalt und Szene-Bekanntheit, ein Video, in dem er davon erzählte, dass eine Corona-Impfung 25 Prozent der Menschen umbringe. Zuvor hatte er mit einem angeblichen Whistleblower aus einem Berliner Altenheim gesprochen. Das Video wurde innerhalb von 24 Stunden 200.000-mal abgerufen.

Holnburger befürchtet, dass im Frühling Demos vor den Impfzentren zunehmen werden – gerade, wenn die Alterskohorte der um die 50-, 60-Jährigen, die einen großen Teil der Querdenker ausmachen, geimpft werden sollen. Schon am vergangenen Wochenende musste die Polizei das Dresdener Impfzentrum mit Wasserwerfern sichern.

Bereits jetzt plant Ballweg mit den Stuttgarter Querdenkern die nächsten Großdemos: Zu Ostern in Stuttgart und Anfang und Ende August in Berlin – genau wie im letzten Jahr.

Wenn man sich länger mit Corona-Skeptikern, Esoterikern und Spirituellen unterhält, dann merkt man, dass in ihren Worten ein Leitmotiv mitschwingt. Sie sprechen davon, dass sie durch die Krise einen klaren Blick bekommen haben. Sie haben Worte gefunden für etwas, was sie früher nur als Unbehagen spürten. Corona hat für sie ans Licht gebracht, was schon lange falsch läuft in der Gesellschaft.

Auf der Mahnwache in Weiden spricht jetzt eine ehemalige Lehrerin. Vor Kurzem sei sie Großmutter geworden und habe bemerkt, wie hilflos junge Eltern im Umgang mit ihren Kindern geworden seien, weil die Gesellschaft sie verunsichere. Alles solle im Durchschnittsbereich bleiben, sagt sie, Schulkinder sollen durchschnittlich denken, ganz normale zierliche Babys seien "am unteren Ende der Durchschnittsgröße", und wenn ein Kind etwas lebhaft sei, dann werde ihm garantiert ADHS diagnostiziert. "Wohin haben wir uns entwickelt?", fragt sie. "Das ist entsetzlich."

Ein Heilpraktiker mit Spezialisierung auf chinesische Medizin erzählt, dass er nach einem Modell arbeite, das besagt: Der größte Feind der Heilung ist die Gesellschaft. Wer Dinge nur tue, weil das alle tun, erzeuge Ungleichgewicht, ein Vorbote von Krankheit. Er sagt: "Wir diskutieren als Gesellschaft über die ganzen Maisfelder da draußen, die ganzen Monokulturen, und laufen selbst monokulturell durch die Gegend als Mensch."

Ein ehemaliger Unternehmer sagt: "Das Natürliche wird uns nicht mehr gelassen. Das ist eine transhumanistische Agenda. Monsanto macht Weizen und Soja zu Einjahrespflanzen und genau das versuchen sie jetzt mit der Menschheit."

Einer sagt: "Die handwerklichen Berufe gehen verloren."

"Es gibt bald keine Bäcker und Metzger mehr."

"Wir werden komplett abhängig gemacht."

Hier in Weiden steht die Umweltschützerin neben dem AfDler, der Heilpraktiker neben dem Ex-Unternehmer. Wenn sie das Coronavirus nicht hätten, würden sie sich streiten, sagen sie. Über das neue Gewerbegebiet, über Flüchtlinge, über den Steuersatz. Die Querdenker von Weiden sind rechts, links, vor allem aber sind sie eine romantische Bewegung. 

Romantiker, im historischen Sinne, sind Kritiker. Wehmütig wünschen sie sich die Gesellschaft zurück, wie sie mal war, verdrossen wenden sie sich von der jetzigen ab. Deswegen ist es kein Zufall, dass romantische Bewegungen immer dann entstehen, wenn gesellschaftliche Verhältnisse ins Rutschen kommen.

Die Industrialisierung brachte Deutschland nicht nur drastische Veränderungen, sondern auch die sogenannte Lebensreformbewegung, die das kalte und verrauchte Leben in den Städten anprangerte und die übergewichtigen und stets besoffenen Kaiserdeutschen mit Freikörperkultur, pflanzlicher Ernährung und Naturheilkunde retten wollte. Auch sie protestierten gegen das Impfen, denn Bismarck hatte die Pockenimpfpflicht eingeführt.

Wenn man sich in die Perspektive derer versetzt, die heute eine Rückkehr zum Natürlichen fordern, spürt man ein großes Leiden an der Moderne. Die vertrauten Dinge verschwinden, Big Pharma ersetzt die Apotheke, Discounter den Metzger, Amazon den Einzelhandel, Smartphones die Begegnung. In den Altenheimen vereinsamen die Menschen. Auf den Feldern Monokulturen, in den Köpfen der Menschen Durchschnittswissen.

Diese Querdenker sind spirituelle Modernisierungsverlierer. Sie verbindet ein großes, wirkliches Leiden an Kapitalismus, Digitalisierung, industrieller Landwirtschaft. Sie haben Angst vor der normierenden Kraft der neuen Verhältnisse, die kleine Geschäfte vernichtet, Unterschiede einebnet und Menschen zu unselbstständigen Einzelgängern macht. Ein orchestrierter Angriff auf die vermeintliche Natürlichkeit, Unabhängigkeit und Freiheit des Einzelnen.

Die Pandemie stellt Bilder bereit für diese Dystopie vom vereinzelten Menschen, der einer Technokratie ausgeliefert ist: Maskentragende Gebärende. Einsame Sterbende. Ärzte in Plastikanzügen mit Spritzen in den Handschuhhänden.

Querdenken ist auch eine Ermächtigungsbewegung gegen die Ohnmacht. Sie suchen Sinn, wo wahrscheinlich nur Zufall zu finden ist. Eine innere Richtung gegen die Überforderung, ein Weltbild, das auf alles eine Antwort hat. Sie fürchten Mehrdeutigkeit, Kontingenz, Unordnung.

Vor allem aber fürchten sie die lähmende Vorstellung, dass kein Plan hinter dieser Pandemie steht und all das Leid keinen tieferen Sinn hat.

Am kommenden Samstag sind wieder Demonstrationen auf der ganzen Welt angekündigt. Im amerikanischen Colorado und in Athen, in Vancouver, Stockholm und Innsbruck. Hier wollen sie sich in Kassel treffen, "in der Mitte Deutschlands". Der 20. März ist kein willkürliches Datum, es ist Frühlingsanfang. Oder wie die deutschen Querdenker schreiben: Frühlingserwachen.

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Dieser Artikel ist Teil des ZEIT-ONLINE-Schwerpunktes "Aberglauben Sie das wirklich?" aus unserem Ressort X. ...

Text: Marius Buhl, Philipp Daum


Aus: "Querdenker: Radikale Herzmenschen" Aus einer Reportage von Philipp Daum und Marius Buhl (17. März 2021)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2021-03/querdenker-corona-esoterik-spiritualitaet-leugner-demonstration/komplettansicht

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IMM #23

Eine behutsame, ehrliche Analyse, dankeschön!


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Pappel. #53

Danke, ich finde das ist eine mit Fingerspitzengefühl geschriebene Recherche und man merkt, dass dahinter ein großes Interesse steckt die Bewegung zu verstehen. Ohne sie gutzuheißen aber auch ohne sie völlig lächerlich zu machen.


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WTE #31

Sehr schöne Zusammenfassung, was bei dieser Sektenbewegung schief läuft - und zwar nicht erst seit Corona.


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mit schal #39

„Rudolf Steiner war davon überzeugt, hellsehen zu können. Er glaubte, Einsicht in eine höhere Welt erlangt zu haben.“
Wenn ich sowas lese gruselt es mich, aber immerhin streiten die an der Waldorfschule.


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Superlative #34

"Seit einem knappen Jahr gehen Yogalehrer und Impfgegnerinnen auf die Straße, Heilpraktiker und Anthroposophen, Umweltschützer, Grünen-Wählerinnen."

Ich halte nichts von der Querdenker-Bewegung (sofern man hier von einer Organisation ausgehen kann). Was die Autoren in dieser "Reportage" allerdings propagieren, ist reine Meinungsmache. Schon der obige Absatz disqualifiziert mit platten Rollenbildern.

"Querdenken, das ist mittlerweile klar, ist auch radikalisierte Esoterik"

Was für ein Quatsch. Esoterik ist in seiner ursprünglichen Begriffsdefinition eine "philosophische Lehre, die nur für einen begrenzten „inneren“ Personenkreis zugänglich ist", was für eine Lehre soll das im Falle der Querdenker sein? Kritik am System? An den politischen Entscheidungen?

Man versucht hier zwanghaft eine heterogene Gruppe einer Hippie-Ideologie unterzuordnen, statt zu erkennen, dass das Gegenteil der Fall ist (eine Minderheit der Teilnehmer sind entsprechend ideologisch gepolt).

Für mich zeigt der Bericht lediglich auf, wie schwierig es geworden ist eine oppositionelle Meinung an die Öffentlichkeit zu bringen. Todschlagargumente und platte Klischees werden als Reportage verkauft.


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Bruckmandl #29

Aus psychologischer Sicht ist die Sache eigentlich klar: Wer mit einer Situation geistig überfordert ist, sucht sich eine einfache Erklärung. Am einfachsten ist natürlich immer, dass alles, was einen überfordert, gelogen ist.


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peter.linnenberg #6

Die Querdenker sind ein Sammelsurium von sehr verschiedenen Menschen. Einige sind Esotheriker, wie sehr ausführlich im Artikel beschrieben. Aber es gibt auch die Nazis, die diese Bewegung für sich nutzen. Und es gibt auch schlichtweg grosse Egoisten, die sich sagen: Ich bin noch relativ jung, und die Wahrscheinlichkeit, dass mich Corona hart erwischt, ist gering. Also will ich meine Freiheit haben, egal was mit den Älteren passiert.


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Illoran #6.1

Ich finde es auch ausgesprochen schwierig die Esotherikerszene von Rechtsradikalen zu entflechten. Wenn man mal in die Esotherik reinschaut findet man häufig sehr schnell extrem rechtes Gedankengut. Selbstverständlich sind nicht alle Esotheriker und Wunderheiler rechtsradikal, aber es gibt eine ganz ordentliche Schnittmenge. Und Interviews innerhalb der Szene zeigen immer wieder, das das Problem ignoriert wird. Zitat: "Ja wieso, was hab ich damit zu tun, dass der Autor rechtsextrem ist ... wir meinen es soll jeder glauben was er will, deshalb bin ich ja nicht rechts." ... nur um Sekunden später anzufangen von der Arischen Herrenrasse und niedrigem Leben zu schwadronieren.

Die Esotheriker nur als zottelige Kuschelhippies zu betrachten die einfach nur an Energiesteine und Chakren glauben wird der Sache nicht gerecht.


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foobar23 #5

Nicht jeder, der sagt, dass es Alternativen zu den Maßnahmen gibt und gegeben hat, ist ein Coronaleugner.


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Heinrich Reisen #5.1

Nein, aber von denen ist im Artikel auch nicht die Rede.
Fehler der Verantwortlichen müssen wir kritisieren - was kann man besser machen z.b. bei den Impfungen gerade.
Wenn wir allerdings den Bereich des Belegbaren und der Wissenschaft verlassen, dann kann man es schon unter Corona Leugner sehen.


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  redshrink #15

Um es ganz schnell auf den Punkt zu bringen. Ich bin 57 Jahre alt, Arzt, mit erheblichen Vorerkrankungen und eingeschränktem Immunsystem, und ich leiste auch in der Pandemie ehrenamtliche Arbeit.

Impfgegner, Maskenverweigerer und Leute, die ihren Aberglauben auf Kosten anderer ausleben betrachte ich als meine natürlichen Feinde. Sie setzen mich durch ihr selbstbezogenes und ignorantes Verhalten bekannten und gut belegten Risiken aus, die mich erheblich gefährden. Dass „quer“ etwas mit „denken“ zu tun hätte, ist ja nicht erst seit gestern ein Witz. Wer die öffentlichen Auftritte dieser Verschwörungs- und Esoterikgläubigen erlebt hat, weiß, dass “denken” nicht auf deren Planeten stattfindet.

Da hilft auch mein ansonsten sehr mitfühlendes Wesen nichts; wo Einsicht auch mit viel Wohlwollen nicht zu erreichen ist, kümmere ich mich um meinen Selbstschutz, und erwarte von den Behörden, dass sie das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit der Mehrheit der Bevölkerung mit allen Mitteln gegenüber diesen Leuten verteidigen.



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Heinrich Reisen #16

In den USA gibt es die "Mutter aller Verschwörungstheorien" QAN die durch ihre flexible Struktur und die maximale Verbreitung via Social Media alle Verschwörungen links und rechts aufsaugt und integriert - dabei noch as Religionsersatz dient.

Manche Agenda Punkte sind sehr USA zentrisch. Allerdings sind sie auch hier erfolgreich. Tendenziell eher weniger Gebildete und weniger Privilegierte.

Man kann drüber lachen oder es als Problem ernst nehmen und dagegen agieren.

Wenn jemand bewusst Lügen, Falschheiten und unbegründete Theorien verbreitet - und dabei Menschen zu Schaden kommen - dafür müssen wir diese Mechanismen und Menschen die dahinter stecken auch verantwortlich machen können.

Das ist mittlerweile ein großer industrieller politischer Komplex, das ist keine unschuldige Spinner Bewegung mehr, es wird damit eine Menge Geld und Macht produziert - in den USA gehen damit Kandidaten in den Wahlkampf und werden sogar gewählt.

Das können wir uns (noch) nicht vorstellen, sollten wir nicht ausprobieren.


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Burk W. #21

"Das Universum ist gut, die Natur ist gut – wenn wir mit ihr Verbindung halten, wie sollte sie uns schädigen wollen? Wie sollte dieses Virus denn diejenigen treffen, die 'natürlich' leben – die sich zum Beispiel seelisch und körperlich gesund halten?"

Demnach sind alle chronisch Kranken und Alten seelisch und körperlich krank.
Ich kann echt nur noch mit dem Kopf schütteln. Das ist genauso irre, wie der Spruch "Jeder ist seines Glückes Schmied", der sich leider auch nicht auf die hilflosen und unterversorgten in Krisengebieten anwenden lässt. Aber Hauptsache, die Leidenden sind ja selber Schuld!


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ChaosRhino #21.1

Mir fällt da immer die Überzeugung einer Esoterikerin ein, die mich damit vor 20Jahren "anfixen" wollte:
Juden sind am Holocaust selbst schuld, weil sie in der Vergangenheit als Mörder am Erlöser, als ewige Beutelschneider und Zinserpresser die anderen Menschen unterdrückt hätten.
Man fasst nicht, zu welchen Überzeugungen die Leute fähig sind.


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pomerius #21.3

Das ist zutiefst vormodernes, archaisches Denken: wenn es mir gut geht, ist das der Beweis, daß ich ein Liebling der Götter (der Natur, der Höheren Macht, des Kosmos) und ebenfalls gut bin, wenn es mir (oder besser: einem anderen) schlecht geht, ist das der Beweis, daß mich (oder den anderen) die Götter (die Natur, die Höhere Macht, der Kosmos) strafen wollen, weil ich gesündigt habe.


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mk70666 #22

Jaja, Grippe 2018 gab es auch 25.000 Tote... So konnte man von mir aus letzten Sommer noch argumentieren. Jetzt sind wir trotz aller Maßnahmen bei ~75.000 Toten, aber es trifft ja gewissermaßen "nur die die es verdient haben", wie ich in dem Artikel gelernt habe.

Die Mutter meines engsten Kollegen ist an Covid-19 gestorben, die Großtante meiner Lebensgefährtin ebenfalls und ich kenne mittlerweile fünf 30-50-jährige, die an Long-Covid leiden, einer davon ist seit 10 Monaten komplett arbeitsunfähig.

Also wer es jetzt immer noch nicht begriffen hat... Und deshalb als ehemals grüner Esoteriker Rechtsaußen-Parteien wählen... Unfassbar.


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Günther Knauthe #22.1

So ist das eben mit dem Glauben – die hartnäckigsten Vertreter gehen bereitwillig mit ihm unter.


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ChaosRhino #28.3

Eine der Urideen hinter der Esoterik - das Karma-Denken, sowie die andere Idee - das selbstverschuldete Unglück, sind schon zutiefst menschenverachtend, wenn sie so interpretiert werden, wie es viele dieser "Gläubigen" tun.


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Alexxis #43

„Querdenken, das ist mittlerweile klar, ist auch radikalisierte Esoterik.“

Esoterik basiert auf einer entwickelten Sensibilität der Wahrnehmung. Menschen, die diese Sensibilität nicht entwickelt haben, neigen leider dazu, alles, was jenseits der Grenzen ihrer Wahrnehmung liegt, zu diffamieren. Unterstützt werden sie in dieser Hinsicht von den Wissenschaften, die durch Verifikation und Falsifikation die Wirklichkeit lediglich auf das reduzieren, was wiederholt werden kann. Einmalige subjektive Erfahrungen sind also ausgeschlossen.

Damit öffnet die Esoterik der Spekulation und dem Missbrauch natürlich Tür und Tor. Vor allem in einer Gesellschaft, die darauf programmiert ist, aus allem Profit rauszuschlagen. In Regionen/Kulturen, in denen traditionell Meditation gelehrt wird, ist die Bedeutung subjektiver Erfahrungen klarer und gegen Schwachsinn und Betrug gefeit.


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Barbara F #43.1

Sie haben den Punkt genau getroffen, auch mir fehlt jegliche Sensibilität, und ja, das ist für mich alles menschgemachter Humbug und Hokuspokus. Als Diffamierung würde ich das nicht bezeichnen, aber wenn jemand zu mir sagt, die Erde ist eine Scheibe, dann darf ich denjenigen doch schon ein klein wenig beleidigen ? ... oder zumindest etwas an Verachtung schenken, vielleicht aber auch etwas Mitleid.
In den USA glauben mehr als 40 % !! der Bevölkerung, Gott hat die Erde vor ca. 5000 Jahren in einer Woche erschaffen, einschl. aller Lebewesen samt Dinosaurier, Die Evolutionslehre wird komplett geleugnet. Dass dann bei der Präsidentenwahl ein ein verrückter "Trump" rauskommt, muss man sich nicht wundern.
Ich habe es nicht so mit den Krummdenkern und Verschwörungsspinnern .....


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schmidtds #48

Besonders problematisch ist mMn, dass einerseits ganzheitliches Denken gefordert wird, weil doch "alles mit allem zusammenhänge" - was im Prinzip richtig ist, dann aber andererseits überhaupt nicht hingeschaut wird, wie(!) diese Zusammenhänge aussehen.

Dabei ist systemisches Denken, das Verstehen der Dynamik komplexer Zusammenhänge und die Erforschung nichtlinearer Systeme gerade für das Verständnis einer Pandemie essentiell, und nicht von ungefähr äußert sich die Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation profiliert zum Thema. Das Institut ist einer der Orte, wo wirklich ganzheitlich gedacht und geforscht wird.

Ganzheitliches Denken(!) braucht viel naturwissenschaftliches Wissen, die Fähigkeit, umfassende Strukturen erkennen zu können und einen sehr genauen Blick für die kleinen Details, die in komplexen Strukturen große Wirkung entfalten können.

Ganzheitliches Raunen, das diese Entwicklungen in der Naturwissenschaft ignoriert, hat mit Denken nur wenig zu tun, weil es Wissen ausblendet.


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Schlophia #45

Esoteriker mit Illusionen sind noch immer mit Krebs zum Heilpraktiker gegangen um sich die Kirlian-Aura lesen zu lassen, kein Wunder, dass sie auch alle geborene Virologen sind.
Haben wir keine Insel für die Unbelehrbaren, wie Mary Mallon? [https://de.wikipedia.org/wiki/Mary_Mallon]


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derLordselbst #65

Warum werden Esoteriker, Verschwörungsgläubige, Quäldenker und Hassprediger als etwas Besonderes dargestellt, dass die Pandemie hervorgebracht hat?
Wo ist der qualitative Unterschied zu denjenigen, die an Hexen, Untermenschen, Hautfarben, heiligen Krieg, seelische Erkenntnis durch Widerstandsmessung und ähnlichen glauben?
Und warum sollen diejenigen, die das kritische Denken nicht komplett verweigern, voller Fürsorge und Mitgefühl auf diese verirrten Schafe schauen, wenn sie uns mit ihren Handeln gefährden und die tollwütigen Wölfe in ihren Reihen dulden?


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tychobrahe2015 #71

Angst vor dem Unbekannten, Angst vor der Rückseite einer vermeintlich stabilen Gesellschaft das ist eine der Problempunkte. Der Anthroposoph möchte ebenso einen Erklärbär wie der Jurist alles in seine Logik packen möchte. In meinem Umfeld sind viele, die sich von Teilen der gesellschaftlichen Entwicklung abgestoßen oder teilentwurzelt fühlen. Warum? Weil ihnen der historische Tiefenblick und die Demut fehlt. ...


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Hainuo #79

Man muss wohl der Menschheit attestieren, dass sie zum großen Teil nicht in der Lage ist, mit unerwarteten Schicksalsschlägen umzugehen, ohne auf vereinfachende Erklärungsmuster zurückzugreifen. Da wird dann nach dem großen Ganzen gesucht, dass alles wieder in verständliche Bahnen lenkt.


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Nur Vernunft #85

Esoterik?

„Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,
Des Menschen allerhöchſte Kraft,
Laß nur in Blend- und Zauberwerken
Dich von dem Lügengeiſt bestärken,
So hab’ ich dich schon unbedingt.“

Mephistopheles.


...
« Last Edit: November 25, 2021, 03:45:47 PM by Link »

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[Rudolf Steiner / Anthroposophie / Waldorfschulen / Notizen ... ]
« Reply #3 on: November 15, 2021, 03:25:30 PM »
Quote
[...] Die Waldorfpädagogik baut auf „Erziehung zur Freiheit“. In der Pandemie ist an Waldorfschulen nicht klar, wo Freiheit aufhört und Diktatur beginnt. Jens Husch ist keiner, der „aus der Waldorfecke kommt“, wie er am Telefon sagt. Mit Anthroposophie, Rudolf Steiner und Waldorfpädagogik habe er sich nie wirklich beschäftigt. Dass sein Kind auf der Waldorfschule Freiburg-Wiehre landete, sei Zufall. Ein Problem war es für ihn und seine Frau nicht und dem Kind hat’s gefallen: keine Noten, viel Freiheit. Doch dann kam Corona – und die Probleme.

Jens Husch heißt eigentlich anders. Er befürchtet Nachteile für sein Kind, weil er sicher ist, dass ein Großteil der Eltern- und Lehrerschaft die Coronamaßnahmen ablehne, seine Kritik also für sie ein Affront ist. Einige Details, die die problematische Haltung der Schule gegenüber den Coronamaßnahmen belegen, können deshalb hier nicht aufgeführt werden.

Das erste Mal wurde Husch vor den Sommerferien skeptisch, weil die Schule sich seiner Meinung nach nicht an bestimmte Hygieneregeln hielt. Sie erklärte, man sorge sich um die Waldorfpädagogik. „Die Pädagogik geht über alles, über jede Pandemiemaßnahme“, sagt Husch. Und kurz vor Ende der Sommerferien kam ein Aufruf aus der Elternschaft, in dem zum Maskenboykott aufgerufen wurde. Bei Gesprächen mit anderen Eltern flogen die Fetzen, einige äußerten sich verschwörungstheoretisch. „Es war teils schwer erträglich“, sagt Husch.


... Alle Waldorfschulen sind im Bund der Freien Waldorfschulen (BdFWS) zusammengeschlossen. Offiziell, auch gegenüber der taz bekennt der sich zu den Coronamaßnahmen und distanziert sich von Verschwörungsmythen. BdFWS-Sprecher Henning Kullak-Ublick sagt: „Ich kämpfe mit allem, was ich habe, gegen diesen Verschwörungsunsinn.“ Er ist aber überzeugt, dass die Mehrheit der Eltern und LehrerInnen die Maßnahmen, „die von den Schulen natürlich umgesetzt werden, mittragen, auch wenn sie nicht mit allem einverstanden sind“. An den allermeisten Schulen klappe es sehr gut, „trotzdem bin ich nicht glücklich über manches, was da veröffentlicht wurde. Aber wir arbeiten daran.“

Er könnte seine Arbeit beim ver­bands­eigenen Magazin erziehungskunst.de beginnen. Einige Beiträge dort sind bedenklich. Chefredakteur Mathias Maurer etwa vergleicht im Oktober Masken mit Burkas. Im November schreibt er einen Text, den man mit „Wir lassen uns das Singen nicht verbie­ten“ zusammenfassen kann. Singen sei „das Gegenbild einer von Masken behinderten Kommunikation, die einen das eigene Kohlendioxid wieder einatmen lassen.“ Man dürfe nicht zu „summend-brummenden Käfern werden oder zwischen Trennscheiben musizieren“. Das sei gegen die Menschenwürde.

Im März durfte der umstrittene Arzt Wolfgang Wodarg auf Erziehungskunst seine Thesen zu Corona verbreiten. Er verharmloste die Pandemie und sprach von „Panik-Meldungen“. Sein Beitrag ist inzwischen gelöscht.

Unter einem durchaus differenzierten Beitrag von BdFWS-Sprecher Kullak-Ublick – in dem er den Medien allerdings ein „meist unterirdisches journalistisches Niveau“ attestiert – fordern viele Kommentatoren, dass sich der Verband von den Coronamaßnahmen distanziere. Kullak-Ublick kommentiert: „Ich kenne etliche Beispiele dafür, wie Menschen aus dem unmittelbaren Waldorfumfeld sich mit rechtsradikalen, knallhart verschwörungsmythischen und teilweise extrem aggressiven Äußerungen in die Debatte eingeschaltet haben.“

Die schulische Zukunft von Jens Huschs Kind in Freiburg ist ungewiss. Er und seine Frau überlegen, ob sie eine andere Schule suchen, eine „normale“, sagt er. Schule müsse neutral sein. Anstatt zu sagen: „Wir haben eine Pandemie und tun alles, um SchülerInnen und Angehörige zu schützen“, werde stets nach Mittelwegen und Schlupflöchern gesucht. „Und für den ganzen Quatsch zahlen wir noch Schulgeld.“


Aus: "Gefährliche Freiräume" Paul Wrusch, Ressortleiter Wochenende (4. 12. 2020)
Quelle: https://taz.de/Waldorfschulen-und-Corona/!5731231/

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Betz Hartmut
07.12.2020, 19:50

Lieber Herr Wrusch, wie Herr Husch bin auch ich Vater an obiger Waldorfschule und wie er, komme ich nicht aus der Waldorf- Ecke. Bei der Schulratssitzung im Oktober war ich anwesend. Dort wurde klar formuliert, dass sich die Schule an die Corona Verordnungen hält, auch an das Tragen der Maske. Dass es Menschen gibt, die die Massnahmen kritisch sehen, das ist ihr gutes Recht. Und wenn man Hannah Arendt glauben darf, dann sind es doch auch die Zweifler und Kritiker, die für eine freiheitliche Gesellschaft von Nutzen sind. Die Waldorfschule Freiburg- Wiehre hat sich bemüht für die verschiedenen Meinungen der Schulgemeinschaft einen wertfreien Raum zu schaffen. Leider ist die Schule bei Herrn Husch mit diesem Konzept, aus welchen Gründen auch immer, gescheitert, das bedaure ich. Den Umgang der Schule mit den Verordnungen unterstütze ich vollkommen, aber natürlich darf man die Schule hier auch kritisieren. Lieber Herr Husch, wir nehmen die Schule ziemlich unterschiedlich war, aber vielleicht sollten wir einfach mal ein Bier zusammen trinken?!


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[...] Caroline Sommerfeld-Lethen (geb. Sommerfeld; * 1975 in Mölln)[1] ist eine deutsche Köchin, Philosophin, Autorin und Aktivistin der Neuen Rechten und der Identitären Bewegung. ... Die Süddeutsche Zeitung schrieb über die Wandlung von Sommerfeld von Positionen der 68er-Bewegung hin zu neurechten Ideologien, dass sie eine viel gelobte philosophische Dissertation über Immanuel Kant unter dem Titel „Wie moralisch werden?“ geschrieben habe und früher „ein gern gesehener Gast auf geisteswissenschaftlichen Tagungen“ gewesen sei. Nun marschiere sie „bei Fackelzügen der Wiener Identitären zum Gedenken an die Schlacht gegen die Türken von 1683 mit“. Sommerfeld erklärte hierzu, dass jeder Kritiker dieser Entwicklung ein „Individuum auf Gemeinschaftszerstörungsdroge“ sein müsse und somit „asozial im Wortsinne“. ... In einem Gespräch mit Hasnaim Kazim verneinte sie die Frage, ob auch Nichtweiße Deutsche sein könnten. Zwar sei dies für sie nicht allein unter dem Gesichtspunkt der „Rasse“ zu bewerten, „aber es hat auf jeden Fall ganz elementar eine ethnische Komponente. Mit der Staatsbürgerschaft allein ist es nicht getan.“ Was „deutsch“ sei, sei „augenscheinlich“ und bedürfe keiner komplexen Definition. Es reiche, in eine typische deutsche Kleinstadt zu fahren und zu registrieren, „wie die Leute dort denken, wie sie sprechen, wie sie aussehen“. Sie sei aber nicht „gegen Fremde ganz pauschal, das ist Quatsch“. ...


https://de.wikipedia.org/wiki/Caroline_Sommerfeld-Lethen (8. Oktober 2018)



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[...] Lebten wir in anderen Zeiten, würde es diese Kolumne nicht geben. Denn die handelt vom „Deutsch sein“ beziehungsweise davon, wer angeblich in diesen illustren Kreis gehört, und wer nicht.

Der in Oldenburg geborene „Spiegel“-Journalist Hasnain Kazim ist beispielsweise ein „Fremdkörper“, zumindest, wenn man der Philosophin und neurechten „Ikone“ („Spiegel“) Caroline Sommerfeld folgt. Die hatte Kazim auf einem Podium als „Fremdkörper“ bezeichnet und ihre Erklärung des „richtigen Deutschen“ auf dem rechten Blog „Sezession“ weiter ausgerollt. Sommerfeld verrührt mit ganz vielen Buchstaben eine völkische Suppe, die zwar als kompliziert behauptet wird, herunter gebrochen aber recht wässrig daherkommt.

Am Anfang steht der alles bedingende „Abstammungsdeutsche“. Der muss gar nicht „reinrassig“ im Blut- und schon gar nicht Grenzen-Sinne sein, vielmehr reiche die Fortpflanzung des „charakterlich und atmosphärisch Typischem“. Der Kniff ist clever. Damit mogelt sie all jene in den völkischen Baukasten, die in ihren identitären Kram passen, und der definiert sich nicht nach 2018, sondern eher nach 1942.

„Phänotyp des Deutschen“ sind entsprechend „preußisch gewordene Hugenotten, …Österreicher samt in der Donaumonarchie weiland beheimateter Tschechen und Ungarn“. Dunkelhäutige Menschen können es nach Sommerfeldscher Logik „augenscheinlich“ nicht sein, im Gegenteil dürfe nichts „Physisches verloren gehen, dessen das zukünftige Deutschtum bedarf, um sich hieraus kontinuierlich weiter entfalten zu können.“

Wir haben verstanden. Wer deutsch ist, wird anhand völkischer Merkmale bestimmt, und wer die konstruiert, sind die rechtsextremen Identitären und ihre Vordenkerin. Die spricht von „Prototypenkategorisierung“ und liefert selbst ein hübsches Beispiel: von der Amsel und dem Pinguin.

Die Amsel sei „ein prototypischer Vogel“, der Pinguin hingegen nicht – „aber beide sind Vögel“. Übersetzt ist die Amsel „der prototypische Deutsche“, sie kann fliegen, hat also das Merkmal, was einen Vogel gemeinhin als solchen auszeichnet. Dem Pinguin, auch fedrig, aber flugunfähig, fehlt die als qualitativ wichtig markierte Vogelfähigkeit. Genauso wie dem Schwarzen, der natürlich Mensch ist, aber eben, sorry, optisch kein richtiger Deutscher, maximal ein „Passdeutscher“ sein kann, lebten seine Vorfahren einfach auf dem falschen Kontinent. Und da hilft es auch nichts, „für Deutschland einzustehen“, zum Volkskörper – weil nicht prototypisch – gehören Schwarze laut Abstammungslogik trotzdem nicht. Bei den Urenkeln könnte es klappen, vorausgesetzt, sie bedienen die Volksseele.

Es ist nicht zu fassen, welchen Rassismus Sommerfeld als Philosophie verkauft. Ihr geht es um die von den Rechtsextremen behauptete „Umvolkung“, nur weitet sie diese auf Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund aus, die auf dem schwarz-weißen Klassenfoto mehr auffallen, als auf einem bunten. Mitgemeint sind all jene, die sich in den Grenzen von 1990 noch nicht dem kulturell-völkischen Heimatkitsch angepasst haben.

Genau darauf wollen sie hinaus, die Sommerfelds, Gaulands und Höckes. Auf eine Hierarchie in einer als besonders wertig mystifizierten deutschen Gesellschaft, in der zur Elite gehört, wer über vordefinierte Merkmale verfügt, und sich parallel dem kulturellen Diktat einer völkischen Rechten unterordnet. ...


Aus: "Identitäre Bewegung Wie man den Deutschen vom „Fremdkörper“ unterscheidet" Katja Thorwarth (27.09.2018)
Quelle: http://www.fr.de/politik/meinung/kolumnen/identitaere-bewegung-wie-man-den-deutschen-vom-fremdkoerper-unterscheidet-a-1590351

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[...]  Das sieht dann doch nach einer veritablen Verhaltenslehre der Kälte aus, was dem Professor Helmut Lethen da unter der Betreff-Zeile „Aufkündigung Ausbildungsvertrag“ von der Waldorfschule Wien-West per Einschreiben mitgeteilt wurde: „Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Lethen, hiermit kündigen wir den Ausbildungsvertrag für Ihre Söhne \[eingefügt sind deren Namen\] zum nächstmöglichen Termin, sohin am 31.08.2018. Mit der Bitte um Kenntnisnahme verbleiben wir mit freundlichen Grüßen \[gezeichnet vom Vorstand der Schule\]“.

Nach Diktat verreist. Die Söhne des Kulturwissenschaftlers Lethen, eines der profiliertesten seiner Generation, der Generation der Achtundsechziger, ein Exponent der kulturellen Linken – dessen acht und zwölf Jahre alte Söhne hatten also Knall auf Fall die Waldorfschule zu verlassen, wurden am letzten Schultag vor den Sommerferien jäh aus ihrem Klassenverband herausgerissen, viele Kinder der noch anwesenden 6. Klasse begannen zu weinen, als der Rausschmiss der Lethen-Söhne feststand, auch die Lehrerinnen kämpften mit den Tränen; aber es half nichts: Der Vorstand hatte so entschieden. Gerade noch rechtzeitig zum neuen Schuljahr fanden die beiden Jungen ein Gymnasium, auf dem sie ihre Schulzeit nun fortsetzen können.

Was war geschehen? Was hatten sich die Brüder zuschulden kommen lassen? Die Antwort lautet: Sie haben die falsche Mutter. Genauer: eine Mutter mit gefährlichen politischen Ansichten. So hat es der Schulvorstand gesprächsweise denn auch unverhohlen zum Ausdruck gebracht. Die Mutter, um die es geht, heißt Caroline Sommerfeld-Lethen, ist promovierte Philosophin und seit einigen Jahren publizistisch bei den Neuen Rechten unterwegs, ohne dass sie auf der Waldorfschule mit ihrem identitären Ideenwust Propaganda betrieben hätte und ohne dass ihre Söhne auf irgendeine Weise als indoktrinierte Störer im Unterricht auffällig geworden wären; im Gegenteil, sie waren beliebt, wie die herzzerreißenden Szenen am letzten Schultag noch einmal zeigten.

So was kommt eben vor, könnte man sagen. So was kommt vor, wo sich ein Begriff von demokratischer Öffentlichkeit durchsetzt, der politische Konflikte auf Freund-Feind-Verhältnisse verengt. Es geht dann um maximalen Beschuss, um ein Ausschlussdenken statt um Auseinandersetzung, um Erkennung und Ortung anhand von Signalbegriffen, um Abstandsmessungen noch in die nachwachsende Generation hinein. Um ein Orientierungsverhalten mithin, wie es der „Radartyp“ in den „Verhaltensweisen der Kälte“ an den Tag legt, Lethens Bestseller über Lebensweisen zwischen den Weltkriegen, der gerade eine ungeahnte Aktualität erfährt. In diesem Sinne ist der Rausschmiss der beiden Söhne ein besonders prägnantes, nahegehendes Beispiel dafür, wie selbst hinter der Deklaration, empathisch zu sein, Mitgefühl zu üben, die Kälte hochkriecht; wie auf beiden Seiten des Kulturkampfes der Gegenwart ein Reinheitswahn grassiert, in welchem Menschen als verstrahlte Körper behandelt werden, die noch als Minderjährige in Mithaft zu nehmen sind, will man sich vor Infizierung schützen.

Der Vater vermag das, was die Waldorfschule Wien-West mit seinen Söhnen machte, nicht zu fassen: Lethen, Autor von Studien zur Charakterkunde des politischen Extremismus, der mit Caroline Sommerfeld in politisch gemischter Ehe lebt, gibt im Interview mit der österreichischen Zeitschrift „Profil“ zu Protokoll: „Meine Kinder wurden von der Waldorf-Schule Wien-West geworfen aufgrund einer Sippenhaftung, weil sich meine Frau im Umfeld der Neuen Rechten betätigt. Es ist mir unbegreiflich, dass ein weltanschaulicher Konflikt von Eltern mit der Schulleitung auf dem Rücken der Kinder ausgetragen wird. Die Neuen Rechten könnten sich freuen – jetzt haben sie wieder ein Argument.“

Bei der neurechten Mutter kommt solche Freude naturgemäß nicht auf. Caroline Sommerfeld, der zuvor schon als Köchin der Schule gekündigt worden war („als Köchin, nicht als Schulleiterin oder Geschichtslehrerin“, Sommerfeld), hatte sich seinerzeit an die Gleichbehandlungsstelle im österreichischen Frauenministerium gewandt. In dem daraufhin eingeleiteten außergerichtlichen Schlichtungsverfahren wegen Jobkündigung aus politischen Gründen war der Schulvorstand hart geblieben. Für Sommerfeld ein klarer, noch nicht einmal bemäntelter Fall von Diskriminierung im Zeichen der Antidiskriminierung.

Am Schultor gab es neulich zum Schuljahrsbeginn noch eine Mahnwache für die geschassten Lethen-Söhne und für ein paar andere Kinder, die man wegen politisch unbotmäßiger Elternteile gleich mit entsorgt hatte. Nun ist die Waldorfschule Wien-West wieder blitzblank, und die Schüler essen von politisch sauberen Tellerlein.


Aus: "Waldorfschule in Wien: Die falsche Mutter" Christian Geyer (07.09.2018)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/waldorfschule-wien-schulverweis-wegen-neurechter-mutter-15775010.html

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     Barbara Noyer (noyer),     07.09.2018 - 18:36

Was mich an den Kommentaren erstaunt: dass die Waldorfschulen für links gehalten werden. Bei anderer Gelegenheit wird ihnen aufgrund ihres Gründers dann wieder das Gegenteil vorgeworfen.



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[...] „Die Bundesrepublik Deutschland ist kein Staat, sondern geschäftsführender Justiziar einer Ländersimulation. Es gibt de jure und de facto keinen Staat Bundesrepublik Deutschland“ – so steht es in einem Flugblatt, das der damalige Geschäftsführer der Freien Schule am 26. April 2013 im Lehrerzimmer verteilte. Das zweiseitige Blatt, das der taz vorliegt, stammt von einer „Deutschen Pressestelle für Völker- und Menschenrechte“ und verkündet in der Titelzeile: „Wissen, was wirklich abgeht. Nichts ,Braunes’ – nur offenkundige Fakten“. Zu diesen „Fakten“ zählt: Es gibt keine legitime Regierung im Land, Finanzbehörden und Polizei arbeiten illegal. Typische Argumente der Reichsbürgerbewegung. ...

... „Wir haben alles sauber aufgearbeitet“, sagt dagegen Thomas Felmy, Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) der Waldorfschulen in Schleswig-Holstein. Die LAG und die Bundesvereinigung der Waldorfschulen wurden 2014 zu Hilfe geholt. Ein Interimsvorstand übernahm die Verantwortung im Trägerverein. Die Schule informierte die Eltern, ging an die Öffentlichkeit. Auch fachlich sei das Thema angegangen worden, sagt Felmy. Der Bundesverband stellte eine Broschüre mit Tipps rund um die Reichsbürgerbewegung zusammen, ein Arbeitskreis „Waldorf gegen Rechts“ entstand.

„Das Kollegium in Rendsburg hat sich einmütig gegen den Reichsbürger gestellt, als er enttarnt war“, sagt Otto Ohmsen, der 2015 als Schulleiter geholt wurde. „Mit so einem wollte niemand zusammenarbeiten, das war ganz klar.“

...


Aus: "Das autoritäre Erbe" Esther Geisslinger, Schleswig-Holstein (30. 3. 2018)
Quelle: https://taz.de/Rechtsdrehend-an-der-Waldorfschule/!5492905/

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[...] Über den Autor: Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung. Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt. Bei MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet er seitdem als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

Geballte Fäuste. Ausdruck von Aggression. Diese Geste hätten ihr Eltern beim Verlassen des Schulgeländes vor einiger Zeit gezeigt, erzählt Anja Grabmann. "Ich saß im Auto, kannte die Menschen gar nicht", sagt sie, "aber offensichtlich kannten sie mich – und waren sehr zornig auf mich."

Solche Situationen, sagt die 46-Jährige, seien belastend. Doch: "Ich bin ja nicht naiv. Mir ist durchaus klar, dass wir für einige Leute sehr ärgerlich und unbequem sind. Ich kann das aushalten." Sie wirft einen Blick durch das Klassenzimmer, sagt dann: "Was ich aber nicht ertrage, ist, still zu sein. Das Problem immer beiseite zu schieben, kann nicht die Lösung sein."

Denn die Freie Waldorfschule Harzvorland in Thale hatte in der Vergangenheit ein schwerwiegendes Problem: In mehreren Fällen wurde über Verbindungen von Lehrkräften zur rechtsextremen Szene oder die Mitgliedschaft in einem völkischen Netzwerk berichtet. Zuletzt rückte eine entsprechende Dokumentation von SPIEGEL-TV die Schule bundesweit in den Fokus.

Anja Grabmann engagiert sich ehrenamtlich im Arbeitskreis "Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage" an der Freien Waldorfschule. Ihr Sohn besucht die zehnte Klasse. Und sie sagt: "Wir wollen das Problem offensiv angehen. Wir wollen zeigen, dass wir uns von rassistischen und diskriminierenden Denkweisen und jedweden Ideen, die Ideologien von Ungleichheit folgen, distanzieren."


Seit 2013 ist die Freie Waldorfschule Harzvorland bereits Mitglied im Netzwerk "Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage". Ein Schild mit dieser Aufschrift hängt dort seitdem an der Wand. Vereinzelt gab es Projekte gegen Rassismus und für Toleranz mit den Schülerinnen und Schülern. Doch wirklich mit Leben gefüllt wird der Schriftzug erst seit zwei Jahren.

2019 gründete sich der Arbeitskreis, für den Anja Grabmann spricht und dem mehrere Eltern, Lehrer und Schülervertreter angehören. "Das war eine anstrengende Zeit", sagt Grabmann mit Blick zurück auf die Anfänge. Denn: "Bis dahin dachten wir, alles sei schön und alles sei gut. Aber dann sind wir aus dem Dornröschenschlaf erwacht."

Ein Lehrer wurde Anfang des Schuljahres 2019/2020 nach wenigen Wochen an der Schule wieder entlassen. Der Grund: seine Zugehörigkeit zur Siedlungsgruppe "Weda Elysia", die dem völkischen Netzwerk der Anastasia-Bewegung zuzuordnen ist. Eine religiöse Bewegung mit esoterisch-spirituellen, verschwörungsideologischen, rassistischen und antisemitischen Inhalten.

"Es gab damals Schüler, die uns darauf aufmerksam gemacht haben, dass es ihnen komisch vorkommt, was er zu einigen Dingen zu sagen hatte", sagt Christward Buchholz, Geschäftsführer des Trägervereins der Freien Waldorfschulen in Thale und Magdeburg und somit auch Schuloberhaupt in Thale. "Dann haben wir uns mit ihm zusammengesetzt und festgestellt, dass seine Ideen nicht zu unserem Bild von einer weltoffenen Gesellschaft passen. Wir wussten vorher nicht, dass er zu 'Weda Elysia' gehört und kannten uns mit der Thematik auch nicht aus."

Die Schule trennte sich von dem Lehrer – und "wir haben gemerkt, wie wichtig es ist, dafür zu sensibilisieren, welche Tendenzen man erkennen kann, die darauf hindeuten, dass jemand vom demokratischen Grundkonsens abweichen könnte", sagt Christward Buchholz. "Diese Menschen kommen ja nicht und sagen: 'Ich will jetzt hier einen Rechtsruck herbeiführen!' Aber es gibt Anzeichen, die man kennen muss und auf die man achten muss."

Anja Grabmann erinnert sich noch gut an die Zeit: "Ich bin nachts mit Übelkeit aufgewacht", sagt sie. "Da dachte ich einfach nur: 'Das kann doch nicht wahr sein.' Aber inzwischen sind wir alle gesetzter und souveräner im Umgang damit."

In einer Dokumentation von SPIEGEL-TV wurde kürzlich ausführlich über die Anastasia-Bewegung und den entlassenen Lehrer berichtet. Auch Ruth Fiedler vom Bündnis "Bunter Harz" kam zu Wort. Die Kinder ihrer Schwester hätten früher die Waldorfschule in Thale besucht, hieß es.

Fiedler sagte: "Meine Schwester ist eigentlich überzeugte Waldorf-Anhängerin, muss ich jetzt mal sagen, vom Ökologischen her und vom System, dass sie halt anders unterrichten als normal. Aber das hat sie dann hier doch so angekotzt, weil unglaublich viele rechte Tendenzen hier sind."

Wie groß war und ist das Problem an der Freien Waldorfschule Harzvorland also wirklich? Geschäftsführer Buchholz erklärt, dass sich die Schule in diesem Jahr von zwei weiteren Lehrkräften getrennt habe. Nach MDR-Informationen waren beide schon länger an der Schule tätig, offenbar wurden ihnen Verbindungen in die rechtsextreme Szene nachgewiesen. Darauf aufmerksam geworden war die Schule unter anderem durch eine Veröffentlichung des Portals "lsa-rechtsaußen.de", ein anonymes antifaschistisches Recherchekollektiv.

Im Zuge der Corona-Pandemie sei es außerdem bereits zur Trennung mit "einigen wenigen" Familien gekommen oder werde noch dazu kommen, so Buchholz. Im Juni dieses Jahres hatte diesbezüglich eine Recherche der Rechtsextremismus-Expertin Andrea Röpke für Aufsehen gesorgt.

Dort hieß es: "Als 'Querdenken' den Harz erreicht, schließen sie sich sofort an: Lehrerinnen und Lehrer, Eltern und Freunde der Freien Waldorfschule Harzvorland in Thale. Videoaufnahmen der seit Mai 2020 stattfindenden Protest-Spaziergänge durch Quedlinburg zeigen sie." Und weiter: "Im Ostharz ist ein Netzwerk rechter Esoteriker und Anthroposophen sowie völkischer Nationalisten entstanden, von denen sich viele der 'Querdenken'-Bewegung verbunden fühlen."



Die Freie Waldorfschule in Thale hat sich längst Hilfe geholt. Der Arbeitskreis arbeitet beispielsweise mit der Landeszentrale für politische Bildung und dem Miteinander e.V., einem Netzwerk für Demokratie und Weltoffenheit, zusammen. Im September hielten die renommierten Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit und Andrea Röpke in der Schule einen Vortrag mit dem Titel "Freie Schulen als Wirkungsfeld völkischer Netzwerke".

Weitere Projekte wie ein Besuch des Bonhoeffer-Hauses in Friedrichsbrunn sind geplant. Außerdem bereitet der Arbeitskreis zahlreiche Projektideen vor, auf die Lehrkräfte zurückgreifen können. Die Mitglieder sind Ansprechpartner für Schülerinnen und Schüler, Eltern oder Lehrer bei rassistischen Vorkommnissen.

"Man muss einfach sagen, dass freie Schulen für Menschen mit rechtsextremen Gedankengut interessanter sind als eine staatliche Schule, weil die Mitgestaltungsmöglichkeiten einfach viel größer sind", sagt Anja Grabmann. "Die meisten Eltern sind auch Mitglied im Trägerverein und können so mitentscheiden, wo es langgeht. Für uns heißt das im Umkehrschluss: Wir müssen besonders gut hinschauen und besonders gut nach außen zeigen, wofür wir stehen und was überhaupt nicht geht."



Der Schulverein hat eine "Übereinkunft zu den humanistischen Grundwerten" aufgestellt. Alle Mitarbeiter müssen diese unterzeichnen. "Wir haben einen Bildungsauftrag, der sich nicht nur darauf bezieht, abrufbares Prüfungswissen abzufragen und einzutrichtern, sondern der sich auf Persönlichkeitsbildung bezieht", sagt Geschäftsführer Christward Buchholz. "Wir sind als Waldorfschulen eine internationale Bewegung, die sich in allen Kulturkreisen, in allen Erdteilen und Religionsumfeldern bewährt hat. Das ist uns wichtig, unseren Schülern zu vermitteln, dass die Welt nur als Gemeinschaft aller Menschen funktioniert."

Aus Sicht des Arbeitskreises außerdem ein großer Schritt: das klare Bekenntnis zur Stuttgarter Erklärung des Bundes der Freien Waldorfschulen. Darin beziehen die Waldorfschulen öffentlich Stellung gegen Rassismus, Nationalismus und Diskriminierung. Ein Exemplar hängt neben dem Schild "Schule gegen Rassismus – Schule mit Courage" im Speisesaal der Waldorfschule in Thale – gerahmt und von allen Lehrenden unterschrieben.

"Die Stuttgarter Erklärung ist mittlerweile auch in den Arbeitsverträgen und den Schulverträgen der Familien integriert", sagt Anja Grabmann. Und: "Seit einigen Wochen ist sie auch in der Schulordnung verankert." Eine Zuwiderhandlung kann nun also zum Ausschluss aus dem Trägerverein, zu Hausverboten oder als letztes Mittel zur Auflösung des Schulvertrages herangezogen werden.

Seit dem Tag der offenen Tür im September prangt ein zweites Schild mit dem Schriftzug "Schule gegen Rassismus – Schule mit Courage" an der Vorderseite der Schule. Denn durch einen Umbau liegt das alte Schild nun im Inneren des Gebäudes. Doch die Botschaft soll weiterhin auch nach außen getragen werden.

"In dem Moment, wo man ein solch ohne Frage symbolisches Element anbringt, geht man in die Öffentlichkeit und versucht nach außen zu vermitteln, was die Menschen drinnen bewegt", sagt Anja Grabmann. "So ein Etikett und Symbol ist manchmal doch ganz wichtig."

Anja Grabmann steht neben der Stuttgarter Erklärung im Speisesaal der Waldorfschule. Sie weiß, dass der Weg für die Waldorfschule in Thale wohl noch ein weiter ist. Doch der Anfang im Kampf gegen rechtsextreme Einflüsse ist offenbar gemacht. Es sei ein Prozess, sagt auch Geschäftsführer Buchholz.

"Der entscheidende Schritt ist, sich hinzustellen und zu sagen, dass so etwas nicht in Ordnung ist", sagt sie. "Das ist nicht immer leicht. Gerade, wenn man nicht weiß, was das für Folgen haben kann. Ich verstehe jeden, der sagt, dass er das nicht laut sagen möchte. Ich habe mir auch erst grünes Licht von meinen Kindern geholt, sonst hätte ich einen diskreteren Weg gewählt."

Doch: "Irgendetwas hätte ich auch dann unternommen", sagt Anja Grabmann und stellt klar: "Das ist keine Heldennummer und hat auch nicht unbedingt etwas mit Mut zu tun. Aber wir möchten einfach nicht, dass alle denken, dass das eine rechte Schule ist. Denn das stimmt einfach nicht."



Aus: "Wie die Waldorfschule in Thale gegen Rechtsextremismus kämpft" (23. Oktober 2021)
Quelle: https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/magdeburg/harz/wie-waldorfschule-thale-gegen-rechtsextremismus-kaempft-102.html

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IW

Die Berliner Zeitung berichtet, dass eine Berliner Waldorfschule ein Kind abgelehnt hat, weil dessen Vater für die AfD im Abgeordnetenhaus sitzt. Deshalb hätten einige Eltern befürchtet, dass der Politiker den Schulalltag beeinflussen und Unruhe stiften könnte. "Angesichts dieses Konfliktes sieht die Schule keine Möglichkeit, das Kind mit der nötigen Unvoreingenommenheit und Unbefangenheit aufzunehmen", sagte der Geschäftsführer des Trägervereins.


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RM @Ignatz Wrobel: erschreckend nicht wahr ? wie weit die politisch korrekte cancel cultur schon um sich gegriffen hat.


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W

Es ist schon amüsant zu sehen, wie auch hier die Anhänger jener, die die demokratischen Parteien "jagen" wollten, nun bejammern, wenn sich diese wehren.Und, sehr begründet, Menschen deren Werte im Widerspruch zur Ordnung stehen, ihrerseits "verjagen".Wer intellektuell versucht Schüler zu "verderben", ist als Lehrkraft untragbar.Wer gegen die Schulordnung verstösst muß weg.Ganz klar.


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FM

Gibt es solche Umtriebe auch gegen linke Lehrer?
Wenn ja, dann halte ich die Vorgehensweise für "demokratischen Konsens".
Leider ist mir kein Beispiel dafür bekannt, dafür aber zahlreiche Lehrer die "FCK NAZI" oder "FCK AFD" oder "Kein Raum für Nazis" oder ähnliche Aufkleber (und Ideen) in die Schule tragen ...


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F

@Freies Moria:

Doch, Politik gehört auch außerhalb des Politikunterrichts in die Schulen. Hier bei uns - zugegebenermaßen im Westen der Republik - prangt nicht nur am Rathaus und anderen Gebäuden, sondern auch an etlichen Schulen das Schild "Kein Ort für Nazis". Jetzt frage ich mich, was Sie dagegen haben? Wer etwas dagegen hat, signaliesiert m. E., dass er es lieber hätte, dass die entsprechenden Gebäude ein "Ort FÜR Nazis" wären. ...


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A22

Ich wär ja gerne mal mit empört, wenn man einmal konkret erfahren würde, was genau vorgefallen ist, der Lehrer z. Bsp. gesagt hat.


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AL

Liebe Anni22, das hier ist nicht die Boulevardpresse, die ihren Lesern mit reißerischen Zwischenüberschriften á la "Was wirklich geschah - Exklusivinterview mit dem Opfer" unterhält. Mir reicht es schon zu lesen, dass eine für ihre recht unkonventionelle Weltanschauung bekannte Schule dem beschriebenen Prozedere stellte, um zu erkennen, dass die betreffenden Personen sehr weit vom demokratischen Grundgedanken unserer Gesellschaft stehen müssen. Gerade die Waldorfschulen sind für ihre esoterische und kontroverse Weltanschauung bekannt - der Lehrer wird also weit mehr als nur ein naturnahes Leben propagiert haben ...


...
« Last Edit: November 15, 2021, 04:02:00 PM by Link »

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[Rudolf Steiner / Anthroposophie / Waldorfschulen / Notizen ... ]
« Reply #4 on: November 15, 2021, 04:07:21 PM »
Philip Kovce (* 1986 in Göttingen) ist ein deutscher Autor, Ökonom und Philosoph.
Bücher (als Autor): Ich schaue in die Welt. Einsichten und Aussichten, Verlag am Goetheanum, Dornach 2020, ISBN 978-3-7235-1653-9. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Philip_Kovce

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[...] Die Art und Weise, wie sich an Rudolf Steiner die Geister scheiden, grenzt immer wieder ans Absurde. Verrückt wirken dabei freilich nicht nur allzu fromme Steiner-Jünger, sondern gleichermassen verbohrte, unbelehrbare Steiner-Gegner. Ein aktuelles Beispiel dafür liefert die deutschsprachige Wikipedia.

Seit einiger Zeit tobt dort ein erbitterter Pseudo-Gelehrtenstreit, ob man den promovierten Philosophen Steiner, diesen «grössten mündlichen Philosophen des 20. Jahrhunderts» (Peter Sloterdijk), überhaupt einen Philosophen nennen dürfe. Schliesslich, so die fadenscheinigen Säuberungsargumente, sei Steiner ein prominenter Theosoph und Anthroposoph, während ihn die akademische Schulphilosophie totschweige.

So richtig es ist, dass der Naturwissenschafter Steiner kein Philosoph ist, wie er dieser Tage im Lehrbuch steht oder auf dem Lehrstuhl sitzt, so falsch ist es, den Autor der «Philosophie der Freiheit» (1894) deshalb philosophisch zu «canceln». Zumal das Desinteresse an Steiners Philosophie, das seine Verklärer und Verächter übrigens getreu vereint, den akademischen Tatsachen heute weniger denn je entspricht.

Das lässt sich nicht nur daran ablesen, dass in den «Steiner Studies», dem führenden Peer-Review-Journal der Steiner-Forschung, regelmässig Philosophen zu Wort kommen. Vor allem zeigt es sich daran, dass im geisteswissenschaftlichen Verlag Frommann-Holzboog seit 2013 eine inzwischen auf 16 Bände angelegte kritische Ausgabe der Schriften Rudolf Steiners erscheint – herausgegeben vom Germanisten Christian Clement. Diese kritische Ausgabe wartet nun mit dem insgesamt siebten, numerisch vierten Band auf, der Steiners «Schriften zur Geschichte der Philosophie» bündelt – und ihn einmal mehr als ebenso streitbaren wie anregenden Philosophen ausweist.

Der Umstand, dass im Plural von «Schriften» die Rede ist, irritiert zunächst, umfasst der Band doch nur ein zweibändiges Werk Steiners, nämlich «Die Rätsel der Philosophie» (1914). Jedoch ist dieser Wälzer aus den ebenfalls zweibändigen «Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert» (1900/1901) hervorgegangen, weshalb man es mit der editorisch anspruchsvollen Aufgabe zu tun hat, textkritisch zu dokumentieren, wie Steiners grosses «Rätsel»-Buch aus seinem kleinen «Jahrhundert»-Buch entsteht. Denn Steiner hat 1914 nicht bloss fehlende Jahrhunderte ergänzt, sondern sich von einer ganz anderen Fragestellung leiten lassen.

Während den spätphilosophischen Steiner um 1900 besonders interessiert, wie es dazu kam, dass sich das Verhältnis von Geistes- und Naturwissenschaften binnen hundert Jahren fulminant gewandelt hat – aus den dominierenden Geistes- und den sekundierenden Naturwissenschaften werden dominierende Natur- und sekundierende Geisteswissenschaften –, will der frühanthroposophische Steiner 1914 nicht weniger als eine Evolutionsgeschichte des abendländischen Denkens rekonstruieren.

Nun ist die Feststellung, dass Menschen im Laufe der Zeit verschiedenste Welt- und Selbstbilder entworfen haben, ziemlich trivial. Alles andere als trivial und konsensfähig ist hingegen Steiners Behauptung, dass das welt- und selbstbilderzeugende Denken als solches variiere und mit je ganz bestimmten Vorstellungen von Ich und Welt einhergehe.

Diese steile These will Steiner 1914 historisch begründen. Steiner schildert «vier deutlich zu unterscheidende Epochen» des Denkens – angefangen beim «erwachenden Gedankenleben» im griechischen Altertum, das Gedanken noch so empfinde, «wie man ‹rot› oder ‹gelb› empfindet», bis zum «erkennenden Selbstbewusstsein» in der Neuzeit, das ein Weltbild verlange, «in dem die Innenwelt mit ihrer wahren Wesenheit und die Natur zugleich sicher verankert sind». Dazwischen verortet Steiner das epochale «Erwachen des Selbstbewusstseins», das gedanklich zunächst «ganz in das religiöse Vorstellen untertaucht», sowie eine Mittelalter-Episode, die «das Gedankenleben auf seinen Wirklichkeitscharakter hin zu prüfen versucht».

Damit ist klipp und klar, was das «Rätsel»-Buch nicht ist: Weder geht es Steiner um eine vollständige noch um eine beispielhafte Übersicht der Philosophiegeschichte. Auch diskutiert er kaum strittige Sachfragen. Vielmehr ist sein Anliegen, anhand von einigermassen beliebig ausgewählten Philosophen und deren oftmals widerstreitenden Positionen vier keineswegs beliebige epochentypische Denkformen herauszuarbeiten.

Dass damit ein originelles, überdies nicht unplausibles Werk vorliege, betont der Herausgeber Christian Clement im Vorwort sowie der Philosoph Eckart Förster, der innerhalb der kritischen Steiner-Ausgabe bereits dessen freiheitsphilosophische Frühschriften kommentierte. Im Unterschied etwa zu theosophischen Geschichtsdeutungen oder historischen Systemmodellen deutscher Idealisten vollziehe sich die Selbstvergewisserung des denkenden Ich bei Steiner weder linear noch dialektisch, sondern komplexer: progressiv-zirkulär, umstülpend, in sich selbst zurücklaufend. Steiners «Rätsel»-Buch, resümiert Förster, verhalte sich «zu den heute üblichen philosophiegeschichtlichen Darstellungen wie Goethes ‹Metamorphose der Pflanzen› zu den linnéschen Klassifikationssystemen der Pflanzen».

Dass ein populärer «antisophischer», mit Wesenserkenntnis fremdelnder Pragmatismus ihm vorwerfen werde, er wolle «die ganze Darstellung der Philosophiegeschichte in phantastischer Art vergewaltigen», sah Steiner voraus. Und doch: Seinen Ansatz, Philosophiegeschichte als «Wissenschaft von den Metamorphosen des Geistes» (Clement) zu begreifen, hat der unter anderem in Harvard und Stanford lehrende Philosoph Eckart Förster erfolgreich aktualisiert. Seine preisgekrönte Studie «Die 25 Jahre der Philosophie» (2011) widmet sich der Geschichte des deutschen Idealismus und rekonstruiert, ganz im Sinne Steiners, deren immanente Gedankenentwicklung.

Försters «25 Jahre»-Buch läuft schliesslich genau darauf hinaus, worauf jeweils auf ihre Weise auch Steiners «Jahrhundert»- und «Rätsel»-Buch hinauslaufen: dass das neuzeitliche Denken eine kongeniale Naturwissenschaft des Geistes und Geisteswissenschaft der Natur – kurz: eine Anthroposophie – ermögliche, ja erfordere, um naturwissenschaftliches Welt- und geisteswissenschaftliches Selbstbild einander nicht unversöhnlich gegenüberstehen zu lassen.

Anthroposophie wäre, so gesehen, keine One-Man-Show Steiners, kein dunkler Guru-Hokuspokus, sondern eine zeitgemässe Fortsetzung der Philosophie mit naturwissenschaftlichen sowie der Naturwissenschaft mit philosophischen Mitteln. Deshalb bleibt der Anthroposoph Steiner, der Sozialreformer wird, der Naturwissenschaft und der Philosophie weiterhin verpflichtet. Das erhellen Steiners «Schriften zur Geschichte der Philosophie» eindrücklich.

Dass es trotz oder gerade wegen des schier übergrossen anthroposophischen Anspruchs für viele zum guten Ton gehört, Rudolf Steiner als «Jesus Christus des kleinen Mannes» (Kurt Tucholsky) abzutun, ist angesichts der himmelschreienden Weltfremdheit strenggläubiger Steinerianer nicht verwunderlich. Allerdings krankt das heute salonfähige, medial omnipräsente Steiner-Bashing daran, dass die Kritiker Steiners Texte ähnlich unkritisch lesen wie die berauschten Anhänger.

Hermeneutisch völlig unbedarft, schlachten beide dessen rund 400-bändige, grösstenteils aus nichtautorisierten Vortragsnachschriften bestehende Gesamtausgabe für ihre Zwecke aus. Den Zerrbildern, von denen die des vermeintlichen Rassisten und Antisemiten gewiss am wohlfeilsten sind, ist letztlich nur mit kritischer Steiner-Forschung beizukommen. Die kritische Ausgabe der Schriften ist dafür unerlässlich.

Rudolf Steiner: Schriften: Kritische Ausgabe. Band 4,1–2: Schriften zur Geschichte der Philosophie. Herausgegeben, mit einem Vorwort versehen und kommentiert von Christian Clement. Mit einer Einleitung von Eckart Förster. Frommann-Holzboog-Verlag, Stuttgart-Bad Cannstatt 2020. 2 Bde., 678 S., Fr. 270.–.


Aus: "Rudolf-Steiner-Bashing ist in. Hat der Guru das verdient?" Philip Kovce (04.11.2021)
Quelle: https://www.nzz.ch/feuilleton/rudolf-steiner-bashen-ist-in-dabei-sollte-man-ihn-erst-mal-lesen-ld.1653033

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"Anthroposophie - Interview: „Der Riss geht mitten durch die Waldorfschulen“" ROLAND MÜLLER (27.10.2020)
Wird Corona zum Stresstest der Anthroposophie? Der Religionsexperte Michael Blume über skeptische Schwaben, Impfkritik und Verschwörungsglauben.
Stuttgart. Querdenker“, Impfgegner und Verschwörungsgläubige scheinen in der Corona-Krise im Südwesten besonders viel Resonanz zu finden. Der Antisemitismusbeauftragte Michael Blume sieht darin auch Bezüge zur Anthroposophie.
https://www.tagblatt.de/Nachrichten/Der-Riss-geht-mitten-durch-die-Waldorfschulen-477047.html


“Eine Anthroposophie in der Defensive wäre ein Verlust”
Als Mitarbeiter im grün-schwarzen Staatsministerium in Stuttgart ist die Auseinandersetzung mit Antisemitismusfragen das tägliche Brot von Michael Blume. Auch problematische Äußerungen Rudolf Steiners sind schon zum Thema geworden. Warum sich Anthroposophen offen damit auseinandersetzen sollten und welche Chancen darin liegen können, erklärt er im Gespräch mit Jens Heisterkamp von der Zeitschrift info3.
https://info3-verlag.de/februar-2021/eine-anthroposophie-in-der-defensive-waere-ein-verlust/

"Der Antisemitismus-Beauftragte und die Anthroposophie" Andreas Lichte (9. Mär 2021 )
https://hpd.de/artikel/antisemitismus-beauftragte-und-anthroposophie-19076

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« Last Edit: November 17, 2021, 05:14:27 PM by Link »

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[Rudolf Steiner / Anthroposophie / Waldorfschulen / Notizen ... ]
« Reply #5 on: November 15, 2021, 04:25:37 PM »
Quote
[...] Natürlich gibt es große, Generationen  übergreifende Trends, aus denen man seine biografische Agenda bezieht- oder man stellt sich gerade in den Gegensatz zu ihnen, und definiert sich im Widerspruch zu diesen Trends. Bei mir war es, was die anthroposophische Agenda betrifft, sicherlich ein Mix von beidem: Einerseits entsprang das Zündende daran dem Zeittrend, der (in den 70ern des letzten Jahrhunderts) eine Mischung von Hippie- Kultur, Spiritualität, steppenwölfischer Wahrheitssuche darstellte - eine romantische Wendung hin zum „Ewigen in mir“ und in der Natur; andererseits markierte das trotzige Statement „Ja, ich bin Anthroposoph“ in der kleinstädtisch- katholisch geprägten Umgebung und ihren Arbeitsplätzen einen Standpunkt, der zumindest nicht gerade der Karriere-, aber doch der trotzig abgerungenen Identität förderlich war.

Zu dieser Zeit lief eine solche Haltung unter dem Label Progressiv, und verstand sich als Part der alternativen Szene. Die tatsächlichen anthroposophischen Milieus und Arbeitsstätten mit ihren bleiernen Strukturen, den lokalen Guru- artigen Gestalten, den arroganten Globuli- Ärzten waren sehr schnell ebenso zu eng gestrickt wie häufig Anthro- Familien mit ihrem restriktivem Regelwerk, das vor allem auf Vermeidung von Konsum, Genuss und Medien setzte, um des ewigen Seelenheils willen. Die real existierende Anthroposophie des letzten Jahrhunderts hatte etwas von einem bleiernen Katechismus - die eigentliche Suchbewegung war längst zu einem formelhaften Abbeten von Zitaten, Geboten und Phrasen geronnen, aus dem immer wieder einzelne Persönlichkeiten - freie Geister- heraus ragten, manchmal - wie Beuys oder Kühlewind - kometenartig aufstiegen und bekannt wurden, aber zumindest intern in der Szene weder verstanden noch nachhaltig integriert wurden.

So konnte man beobachten, wie viele Paradiesvögel, Intellektuelle, Suchende in diese Szene strömten und dort sehr bald, nachdem der freundlich- alternative Rahmen durchdrungen war, auf die hierarchischen Strukturen, die interne Machtbalance (meist mit einer narzisstischen Führerpersönlichkeit), die Bigotterie, Ignoranz und den besserwisserischen Katechismus aufprallten. Selten erlebte man andernorts eine derartige Häufung von - gefühlt- „wichtigen Leuten“ an allen Schaltstellen, die mit einem intellektuellen Minimal- Einsatz stereotype Vorträge hielten und - zumindest damals- ein Buch nach dem anderen heraus gaben. In diesem Biotop konnten schlichte Naturen mit einer Begabung zur bigotten Machtentfaltung erstaunlichen Einfluss ergattern, solange sie frömmelnde oder esoterische Weisheiten von sich gaben, die den eigenen nackten Ehrgeiz verdeckten. Man konnte die Posten, die manchmal sehr lukrativ waren (in Form von Immobilien, Folgeaufträge auch für die Verwandtschaft, gesondert ausgehandelten Verträgen mit besonderen Gehältern, usw), nicht selten Generationen- übergreifend weiter geben und somit eine anthroposophische, manchmal auch Branchen- übergreifende Dynastie begründen.  Im Umkreis und nah am Zentrum großer Institutionen, Unternehmen und Bildungsunternehmen der Szene haben sich einzelne Persönlichkeiten immer ein überaus lukratives Einkommen und ein überaus angenehmes Heim schaffen können. Die Futtertröge sind heute rar gesät, freilich, und werden immer knapper.

Aber natürlich läuft nicht alles über die liebe Verwandtschaft. Wenn man im Um- und Dunstkreis solcher Milieus zu schaffen hat, bemerkt man auch die wundersame Kraft der Cliquen und des Buddy- Ismus. Eine fest gestrickte Gruppe, die sich gegenseitig schützt, Dynamik schafft, den Rücken frei hält und Geld und Bürgschaften beschafft, hat die Potenz, zusätzliche Menschen zu binden, die schließlich ganze institutionelle Gründungen fertig kriegen, die wiederum Aufträge, Geld und Kontakte generieren. Die Synergien sind enorm und führen nicht selten dazu, dass sich lebenslange Freundschaften entwickeln, eine Berufswahl getroffen wird und sich Karrieren anbahnen- oder zumindest ein Sprungbrett dorthin. Sind die Bindungen lang und tief genug, macht es nichts, wenn der Eine in Mumbai sitzt, ein Anderer sonstwo; die Scheidungen, die Freundschaften auch der Kinder, gemeinsame Wohnprojekte, Tausch der Partner- das alles wird in das Strickmuster des Milieus integriert, ohne irgend einen ideologischen Hintergrund. Aber dass diese weit gefasste Gruppe Waldorfschulen, -kindergärten und weitere Institutionen gegründet, gebaut und beherrscht hat, bleibt ein innerer Pol für diesen Kreis.

Und niemand ist hier abgedreht. Das sind (weitgehend) Leute aus der Wirtschaft- zumindest die des inneren Kreises. Die haben durch die Gründungen Kontakte in Verwaltung und Wirtschaft entwickelt. Aber auch wenn auf dieser Ebene der Gründer und Bauherren eine bestimmte Schicht innerhalb der Stadt involviert ist, die dann auch mit ihren Kindern in die Institutionen drängt, ist doch in den weiteren Kreisen jeder Aspekt des Bildungs- Bürgertums vertreten- bis hin zu „alternativen Lebensmodellen“, Künstlern und Medienschaffenden. In Deutschland bleibt das Schulgeld auch die staatliche Refinanzierung überschaubar. Dennoch ist die spezifische Verankerung und gesellschaftliche Durchmischung in jeder Waldorfschule sehr unterschiedlich.^

Jedem in diesem rationalen System ist aber doch klar, dass man ein wenig Tribut an das Surreale tragen muss. Während alle Beteiligten an den Gründungen, den Unternehmen, den Wohnverhältnissen, den Liebschaften und den Finanzierungen vernünftig agieren, braucht man ein paar Irre, um den anthroposophischen Schein zu wahren. Selbst die jährlichen Tagungen in Stuttgart und Dornach sind perfekt organisiert, gestylt, Lebensmittel- technisch korrekt und vom Material der Kleidung und Kladden nachhaltig. Alle führen den Kanon von Übungen durch, die die Generation der Achtsamen selbst am Arbeitsplatz, in der Freizeit und im Yogaseminar praktiziert, und legen für eine Stunde ihr Smartphone weg.

Aber den irren Anthroposophen, der seine verbalen Ergüsse aus christologischer Ich- Erkenntnis, dubiosen Anthro- Letters und einem Mix von Steiner- Zitaten und rechtsnationalem Gedankengut zusammen bastelt, muss man einfach haben, allerdings nur mit einem halben Vertrag und kurz vor der Pensionierung stehend. Jeder weiß, dass er mit der dürren, aber energischen Schritts daher schreitenden Eurythmistin etwas  am Laufen hat. Zu Festen, beim Weihnachtsspiel und bei öffentlichen Veranstaltungen spricht er ein paar einführende Worte, die meist bemüht tiefsinnig und vage kulturkritisch wirken. Er ist bislang harmlos, auch wenn man das Schlimmste befürchten muss. Wenn er mit seiner teigigen Haut über den Schulhof trottet, sehen die Rationalisten einen dicklichen, abwesend wirkenden älteren Herren- er selbst aber sonnt sich in seiner geistigen Aura. Es gibt gerade in anthroposophischen Kreisen diese narzisstische Störung, die bei Rudolf Steiner sogar notwendiger Teil des „Schulungsweges“ ist: Das Auseinanderfallen von Denken, Fühlen und Wollen bzw von Fremd- und Selbst- Wahrnehmung. Die eigene Bedeutsamkeit wird auf geradezu groteske Art überschätzt.

Sehen wir uns zu diesem Thema doch einmal einen Rundbrief an, der gerade von dem Anthroposophen und Judith- von- Halle- Anhänger Andreas Delor verschickt wurde. Er kommt erst einmal aktuell, zeitgeistig und rational daher, mit Bezügen zu Rezo, Greta Thunberg, AfD und CDU, aber auch mit einem Link zu einem eigenen Artikel. Dankenswerter Weise präsentiert Delor darin aufs Schönste den hier gemeinten Narzissmus: „Schaut man sich das Rezo-Video an (alles, was Reso aufzeigt, war mir im Prinzip lange vorher bekannt, nicht aber, WIE weit vorangeschritten diese Prozesse mittlerweile sind), so wird deutlich, dass dessen Titel eigentlich heißen müsste einerseits: „die Selbstzerstörung der CDU“ und andererseits: „die Zerstörung unseres Planeten und der Menschheit durch die CDU, wenn sie auch nur einen Tag so weitermacht wie bisher“. Und es wird deutlich, dass nicht nur die CDU/CSU, nicht nur die SPD, FDP und AfD (sowie die führenden Politiker rund um den Globus) darin angeklagt sind, sondern genauso die großen Firmen der Welt, die Militärs, Geheimdienste und Diktaturen.
In meinem Aufsatz "Die Zerstörung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft" möchte ich zeigen, dass der Grund dafür, dass all diese Mächte die Welt überhaupt zerstören können, bei UNS, eben in der „Zerstörung der Allgemeinen Anthroposophischen Bewegung und Gesellschaft“ liegt, in genau diesem Sinne als „Selbstzerstörung der AAG“ und „Zerstörung unseres Planeten und der Menschheit durch die AAG, wenn diese auch nur einen Tag lang so weitermacht“.“
*

Hier wird ja nun schon der bizarre Trugschluss verbreitet, das Wohl und Wehe der Welt „rund um den Globus“ einschließlich aller „großen Firmen der Welt“, der „Militärs, Geheimdienste und Diktaturen“ hinge ab von der Befindlichkeit der Anthroposophen. Und so holt Andreas Delor „ein wenig aus“ und beleuchtet die wahren Zusammenhänge hinter dem Weltgeschehen in einer Betrachtung - hier (1) herunter zu laden - die aber eigentlich auch nur ein Ausschnitt aus seinem Buch „Das Ereignis Rudolf Steiner im Lebenswerk von Sigurd Böhm und Judith von Halle“ ist. (2)

Das mit dem „ein wenig Ausholen“ ist wörtlich gemeint, denn Dekor springt direkt von Greta Thunberg zum heiligen Gral und zurück, ekstatisch, was die Potentialität der anthroposophischen Lehre angeht, denn rein theoretisch könnte dieser heilige Gral nach Rudolf Steiner auch Maschinen antreiben, womit die ganze Diskussion um den Verbrennungsmotor natürlich überflüssig wäre. Leider sei als „Speerspitze der Anthroposophie“ nur die Waldorfpädagogik übrig geblieben- immerhin, in einer durch und durch verdorbenen Zivilisation: „Die Kinder sind dem Himmel am nächsten; sie kommen mit immer neuen Impulsen aus der geistigen Welt herunter – und, man soll sich nicht täuschen: in eine absolut kinderfeindliche, greisenhafte und menschenverachtende Zivilisation hinein, die dabei ist, den gesamten Planeten in die Luft zu sprengen.

So betreibt Delor seine in anthroposophischen Kreisen übliche Verdammung seiner Gegenwart, mit der Attitüde geistig- moralischer Überlegenheit, natürlich, die dann auch die heutigen Waldorfschulen umfasst, die allesamt keinen Sinn mehr für Spiritualität und Gemeinschaftsbildung hätten. Delor untermauert mittels Steiner- Zitaten, dass man, um sein schlechtes Karma zu überwinden, sich gegenseitig aneinander abschleifen müsste, was offenbar niemand mit Herrn Delor zu tun bereit gewesen ist. Sonst würde sein Klagelied keinen Sinn machen. Wie er von diesem Thema unmittelbar auf die Massenmorde des IS kommt, bleibt sein Geheimnis: „Schwere Krisen und deren Überwindungen gehören in Neuen Gemeinschaften einfach dazu; nicht im Erreichen eines Paradieszustandes – der ist nicht mehr zeitgemäß – liegt die Zukunft, sondern in einer „permanenten Revolution“, wo mitgebrachte Jugendkräfte gar nichts mehr helfen. Wirkliche Gemeinschaftsbildung gelingt tatsächlich nur in anstrengender gemeinsamer spiritueller Arbeit – ohne das fällt man in die vor-individuelle Gruppenseele zurück, wie es in schrecklicher Weise vom ja zweifellos zum gegenwärtigen spirituellen Aufbruch gehörenden Islamismus demonstriert wird, wo nicht nur Angehörige anderer Religionsgemeinschaften wie Jesiden, Hindus, Juden oder Christen bestialisch umgebracht werden, sondern genauso islamische „Abweichler“ wie Schiiten oder Sufis.

Aber nun breitet Delor die ganze Pracht des Eingeweihten auf dem anthroposophischen Pfad aus, der allerdings zuvor die so schwierigen Texte Rudolf Steiners, die wie Seife in der Badewanne nicht zu packen seien, studieren muss und dabei eine völlige Wesens- Umwandlung erfahre. Dabei sei es günstig, wenn es einem damit möglichst schlecht gehe, da das (etwa jahrelange Depressionen?) der Vorbote des Fortschritts und der Genesung sei: „Man kann es geradezu als „Rezept“ angeben: wenn es dir schlecht geht (körperlich, seelisch, beruflich, in der Beziehung usw.), arbeite – aber bitte intensiv; alles andere nützt nichts! – an kurzen Text-Passagen Rudolf Steiners, egal an welchen, dann ziehst du dich daran wie Münchhausen am eigenen Haarschopf wieder aus dem Sumpf; dies ist ein todsicher wirkendes Mittel, der Anfang aller Meditation.

Das klingt nicht lustig. Aber für lustige Personen ist Anthroposophie ja auch nicht gedacht, nicht wahr? Im Gegenteil machten Sprödigkeit anthroposophischer Texte und permanentes Zähneausbeißen daran erst den wahren Anthroposophen aus. Wer da durch ist, wird schon direkt seine Belohnung erhalten, und zwar in Form von Selbstdisziplinierung und Bedeutung: „Tatsächlich ist der „Anthroposophische Schulungsweg“ nichts anderes als die Selbst-Erziehung zur starken, Großen Persönlichkeit – nur starke und Große Persönlichkeiten können überhaupt heilend ins Weltgeschehen eingreifen. Im in sich selber ruhenden menschlichen ICH liegen die großen Heilkräfte für alles – nirgends anders. Nur ein Souverän kann wirklich heilen, eine starke Persönlichkeit, ein Freier Geist, der in jeglicher Beziehung gegen den (inneren und äußeren) Strom schwimmen kann – wer Sich Selber nicht stützen kann, kann auch keinen anderen stützen.

Aber das Klagelied Delors beginnt erst an diesem Punkt. Er holt noch sehr viel weiter aus, um das ganze Ausmaß des Scheiterns der Anthroposophischen Gesellschaft darzustellen, was ein unfassbares Martyrium Rudolf Steiners darstelle und faktisch eine zweite Kreuzigung des Christus. Aus tiefster Not schreit Delor zu uns: Vom Verrat der Klassentexte Steiners, vom Scheitern der Mitglieder, von Schlampereien und Entweihung. Er verweist auf das Buch „Rudolf Steiners Leidensweg“, was aber nur ein kleiner Schritt sei bis zur von Delor geschilderten „Hölle Anthroposophie“, die nicht nur faktisch durch die permanenten Streitereien von Mitgliedern und deren sektiererischen Abspaltungen begründet werde, sondern auch noch durch die Außenstehenden, die das Spektakel der „blöden Anthroposophen“ erheitert und hämisch kommentierten.

Dabei liege doch letztlich die Schuld bei einem „schwarzen Engel“, wie eine Hellseherin (3) namens Verena Staël v. Holstein offenbart habe, der schon Hitler geistig zerrüttet hätte: „Genauso haben höhere schwarze Wesen den Entschluss gefasst, gegen das große weiße Wesen, welches Rudolf Steiner mit seiner Anthroposophie verankert hat, aktiv zu werden und ein großes schwarzes Wesen der Anthroposophie entgegenzustellen. (...)
Der gesamte deutsche Sprachraum ist von seinen geistigen Wurzeln radikal abgeschnitten worden. (...) Bei den Deutschen hat dieses Abschneiden von den alten mythologischen Wurzeln derart stark die Zukunft verändert, dass die Auswirkungen bis in die Ausprägung der hellseherischen Fähigkeiten der heute lebenden Menschen gegangen ist.
Hintergrund war die Wesenheit eines schwarzen Engels, der sich nach der Gasvergiftung Hitlers in ihm inkorporiert und nach und nach die anderen Menschen um sich gesammelt hat, die sein Wirken mitgelebt haben. Sie entwickelten eine Ideologie, rissen alle nordischen Götternamen in ihren Schmutz und in ihre Ideologie hinein und schnitten damit die Mitteleuropäer von ihren geistigen Wurzeln ab. Deswegen konnte sich das, was Rudolf Steiner für die Zukunft voraussagte, nicht richtig und nicht in Ruhe entwickeln.


So siehts nämlich aus! Hitlers schwarzer Engel hat die Anthroposophie ruiniert! Andreas Delor setzt, in seinem elaborierten Erregungszustand, das Scheitern der Anthroposophischen Gesellschaft auch noch - ziemlich geschmacklos- in Kontext mit dem Holocaust, aber, nach einer Reihe rein assoziativer Schlenker, sogar in Zusammenhang mit mir (4), und zwar was Zweifel an Steiners Aussagen über Frühmenschen betrifft. Was das mit Delors Thema zu tun haben könnte? Offenbar findet er nicht nur interne Streitigkeiten der Anthroposophenschaft zersetzend, sondern jeden Zweifel an den Aussagen des Meisters überhaupt. Delor verlangt wortwörtliche - eigentlich biblische- Auslegung ohne jede Interpretation: „Rudolf Steiners Ausführungen wortwörtlich zu nehmen, wie ich es tat und immer noch tue, meinte Stockmar, sei naiver Realismus im Sinne der „Philosophie der Freiheit“.“ Stattdessen empfiehlt Delor genau den naiven Realismus, den Stockmar ihm vorwirft: Die Vorspiegelung, es gäbe eine „gegebene“, ohne Interpretation vorliegende wortwörtliche Auffassung der Worte Rudolf Steiners, die im Fall von Andreas Delor und den Seinen doch in besonderem Maß zivilisationsmüde, miesepetrig, depressiv mit Hang zum Pompösen und zur narzisstischen Selbst- Überhöhung zelebriert werden. Der ganze inszenierte Zerfall der anthroposophischen Szene soll doch die Einzigartigkeit der „wahren Jünger“ des Meisters heraus stellen, die an seiner Brust liegen wie einst der Jünger, den der Herr lieb hatte. Hosianna!


Verweise ---------

1 https://andreas-delor.com/files/AndreasDelor/dokumente/anthroposophie-aufsaetze/1ZerstörungderAAG.pdf
2  Ich habe leider keine Ahnung, wer Sigurd Böhm ist.
3 aus: Flensburger Hefte Nr. 107: „Neues Hellsehen”, Flensburg 2010)
4 Delor schreibt in seinem unter 1 verlinkten Artikel: „„Haben also die «Atlantier» – so Steiner – tatsächlich «gelebt auf dem Boden, der jetzt bedeckt ist mit den Fluten des Atlantischen Ozeans» (Rudolf Steiner, GA 93a, S.138f)? (...) Viele Funde sind in Bezug auf Varianten der menschlichen Spezies gemacht worden – Rudolf Steiner kannte zu seiner Zeit lediglich eine zweite hominide Art neben dem Homo Sapiens, nämlich den so genannten Neanderthaler...
– Da ist – ich muss für eventuell unkundige Leser die Dinge gleich an Ort und Stelle geraderücken – der Autor Michael Eggert schlecht informiert: Rudolf Steiner spricht ebenso über den damals „Pithecanthropus“ genannten Homo erectus; weitere Homininen waren zu dieser Zeit noch nicht entdeckt. –
...Diese beschrieb Steiner im Kontrast zu den «Atlantiern» als primitive, degenerierte Art, die sich nach den Atlantiern entwickelt haben soll: «Die alten Atlantier, die hatten in ihrem wässrigen Kopf gerade eine sehr hohe Stirne, und dann kam, als dies zurückging, zuerst die niedrige Stirn, und die wuchs sich nach und nach wiederum aus zu den höheren Stirnen. Das ist eben eine Zwischenzeit, wo die Menschen so waren wie der Neandertalmensch.» (Rudolf Steiner: GA 354, S. 69)
Das muss eine verdammt lange Zwischenzeit gewesen sein. Denn die Neanderthaler haben, in einer Population von etwa einer Million Menschen, angesiedelt in den dichten, artenreichen Wäldern zwischen «the Indonesian archipelago and the Iberian», schon vor 300000 Jahren das Feuer beherrscht: «By about 300,000 years ago, Homo erectus, Neanderthals and the forefathers of Homo sapiens were using fire on a daily basis.» (Zitate aus – ohne Seitenangaben im Kindle –: Yuval Noah Harari: «Sapiens: A Brief History of Humankind». Deutsche Ausgabe: Eine kurze Geschichte der Menschheit, DVA 2013) Diesen Lebensraum hatten die Neanderthaler aber bereits zuvor schon Hunderttausende von Jahren bewohnt...
– Auch hier ist Eggert schlecht informiert: vor 300.000 Jahren gab es nach heutigem wissenschaftlichen Stand noch lange keine Neandertaler (die allerfrühesten vor 180.000 Jahren) geschweige denn Hunderttausende von Jahren zuvor! –
...Im Gegensatz zur Darstellung Rudolf Steiners ist archäologisch und paläontologisch nach zu weisen, dass eine erste Welle von Gruppen der Spezies Sapiens, am östlichen Mittelmeer auf diese uralte statische Kultur der Neanderthaler gestossen ist. (...) Im Gegensatz zu Rudolf Steiners Darstellung gingen diese wie andere hominide Arten nicht auseinander hervor...
– was bedeuten würde, dass jede Homininen-Art neu aus dem Boden gewachsen wäre –
...Im heutigen menschlichen DNA-Code finden sich etwa 2% Neanderthaler-Gene, was für eine sehr geringe Durchmischung spricht. Die Neanderthaler sind keineswegs aus den «Atlantiern» hervor gegangen...
– Die anderen homininen Arten, aus denen die Neandertaler sowie sämtliche Früh- und Vormenschen, da der liebe Gott sie nicht alle neu geschaffen hat, definitiv hervorgegangen sind, nennt Steiner nun einmal „Atlantier“. Diese waren nach ihm wie gesagt so weichkörprig, dass sie keine Fossilien hinterließen – schaut man sich die mittlerweile in reicher Fülle vorliegenden Homininen-Funde etwas genauer an, so deuten diese selber ganz stark darauf hin, dass Steiner mit seiner Behauptung recht hat, was mit dem dilettantischen Halbwissen, das Eggert hier auffährt, schon gar nicht zu widerlegen ist. Eggert geht auf die Frage der Weichkörprigkeit mit keinem Sterbenswort ein; es geht ihm gar nicht um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung, sondern allein darum, Rudolf Steiner zu verunglimpfen: –
...(...) Rudolf Steiner hat seinem eigenen Konzept – erst Atlantier mit hoher Stirn, dann Neandertaler mit niedriger, dann wieder Arier mit hoher Stirn – auch gelegentlich selbst widersprochen und eine gegenteilige Darstellung gegeben: «Die Atlantier hatten weniger Vorderhirn und eine noch weiter zu- rückliegende Stirne...» (Rudolf Steiner, GA93a, S. 138f)...
– Wenn man bei Steiner nicht richtig hinschaut und die Dinge regelrecht falsch wiedergibt, dann ist es natürlich sehr einfach, bei ihm Widersprüche zu konstruieren. Weil Eggert Steiners Position gar nicht wirklich kennt, schiebt er ihm Dinge unter, die das Gegenteil von dessen Aussage beinhalten. –
...Statt die Zehntausende von Jahren parallel existierender menschlicher Kulturen zu schildern, entwickelte er vor allem eine atlantische Rassenlehre, die keiner Peinlichkeit entbehrt, dafür aber auch darum erfunden scheint, um das Hohelied des arischen Menschen singen zu können. (...) Besonders peinlich, dass Steiner sich genötigt fühlte, darauf hinzuweisen, dass die von ihm semitisch genannte der «heutigen jüdischen Bevölkerung» sehr unähnlich gewesen sein soll. Damit will er die angebliche Superiorität der arisch-kaukasischen Rasse offenbar nochmals betonen...
– wobei Eggert offenbar nicht weiß, dass Rudolf Steiner mit „Rassen“ ausschließlich „Zeiten“ oder „Entwicklungsepochen“ meint; er war anfangs gezwungen, sich solcher theosophischen Termini zu be- dienen, um überhaupt verstanden zu werden – später distanziert er sich scharf davon. Die außer-anthroposophischen Rassismus-Kritiker sind in Bezug auf Rudolf Steiner seit längerem sehr still geworden, weil sich inzwischen herumgesprochen hat, dass bei einer wirklich differenzierten Betrachtung und wenn man die zeitgebundene damalige Ausdrucksweise abstreicht, von einem „rassistischen Rudolf Steiner“ nichts übrigbleibt – nur Eggert scheint diese Entwicklung verschlafen zu haben. –
...Steiner hat in seiner merkwürdigen Atlantis-Saga Märchenstoff, Mythen, aber auch arische Herrenrassen-Ideologie in die menschliche Entwicklungsgeschichte gepackt. Die Fakten – auch die Analyse der heutigen menschlichen DNA – widerlegen seine Darstellung.“ (Michael Eggert: „Atlantisches Phantasialand mit rassistischer Note“, 23.3.2016, https://egoistenblog.blogspot.de/ 2016/03/atlantisches-phantasialand-mit.html) – in Wirklichkeit bestätigen sie sie, natürlich nicht in der völlig verfälschten Darstellung, wie Eggert sie hier wiedergibt.
Ich führe diese keinerlei Peinlichkeit entbehrende, von nicht viel Sachkenntnis und intellektueller Redlichkeit getrübte „Rezension“ nicht deshalb hier an, weil ich meine, dass sie eine besondere Bedeutung hat, sondern weil Eggert sich erstens aus unerfindlichen Gründen immer noch als der anthroposophischen Bewegung angehörig versteht (die nun einmal auf Rudolf Steiner zurückgeht) und weil er zweitens nur ausspricht, was mittlerweile sehr Viele denken – diese Entwicklung ist aber von Menschen wie Wolfgang Schad eingeleitet worden, der damit begonnen hat, Steiner an den „feststehenden Tatsachen der anerkannten Wissenschaft“ zu messen, ohne diese selbst zu hinterfragen.
Wie gesagt: eine gründliche wissenschaftliche Überprüfung Rudolf Steiners ist nicht nur berechtigt, sondern wird von Steiner selbst in aller Strenge gefordert. Solche Prüfung wird jedoch gar nicht geleistet; ich konstatiere bei den „inner-anthroposophischen“ Steiner-Kritikern stattdessen eine Heiligsprechung anerkannter wissenschaftlicher Lehrmeinungen – oft ohne ausreichende Kenntnis derselben, s.o. – und der inquisitorischen Verdammung jeglicher abweichender Positionen“ (5)

5 https://egoistenblog.blogspot.com/2016/03/atlantisches-phantasialand-mit.html
* Rundbrief


Aus: "Der anthroposophische Narzisst oder: Die gefühlte Selbst- Bedeutsamkeit" Michael Eggert (26.06.2019)
Quelle: https://egoistenblog.blogspot.com/2019/06/der-anthroposophische-narzisst-oder-die.html

Quote
T. Majoor (2019)

Delors in seinem Zerstörungsaufsatz (53 Seiten) polemisiert natürlich sehr. Mag er z.B. sogar recht haben, dass vor 300.000 Jahren nicht der Neanderthaler, sondern Homo Erectus das natürliche Feuer verwendete (vgl. Steiners Atlantier und Lemurier, 11.52 und 11.69f.), aber Delors Stil wirkt hier regelrecht polarisierend, so wie bei seinen anderen Themen.

Die Parallelisierung von sieben ‘atlantischen‘ und fünf ‘nachatlantischen‘ oder ‘kaukasischen‘ Kulturen mit der letzten Eiszeit (Kaltzeit) und der darauffolgenden Überflutung (Warmzeit) basierte Steiner (1910) auf einer axialen Präzessionzyklus ‘von etwa 26.000 Jahren‘ (Frühlingspunktbewegung, 13.423), so wie 1920 Milankovic gewisse Klimaschwankungen mit einem Zyklus von 26.000 Jahren vermutet hatte. Es handelte sich bei Steiners ‘Atlantis‘ oder ‘Eiszeitalter‘ um eine Periode von 15.000 Jahren, weit nach dem Aussterben vom Homo Neanderthalensis vor 40.000 Jahren. (Das letzte glaziale Maximum (LGM) herrschte vor etwa 21.000 bis 18.000 Jahren.)

‘Weichkörprigkeit’ (auch Neotenie oder Juvenilisation) in der Zoologie des 19.Jh. bei Steiner:
“Nun studieren Sie einmal dasjenige, was in der Zoologie vorliegt, ich will sagen, durch die Untersuchungen von Selenka über den Un¬terschied zwischen Mensch und Tier in der embryonalen Bildung, und wie diese Bildung dann erscheint nach der Geburt beim Menschen, wie sie erscheint bei dem höheren Tier, dann werden Sie eine Vorstellung verknüpfen können mit diesem Zurückbleiben. In der Tat verdanken wir unsere menschliche Bildung dem Umstande, daß wir während der Embryonalbildung nicht so weit vorschreiten wie das Tier, sondern zurückbleiben.“ 323.233 f. (siehe auch Kollmann, 61.229 f. und Klaatsch, 61.233 f.)

Die atlantische Nostalgie Delors (und Bosses) geht Jahrmillionen zurück in die Erdgeschichte.

Wenn man jedoch für ‘Atlantis‘ mit 15.000 Jahren rechnet, so Steiner (1918, 180.272), dann bleibt man zeitnah im Jung-Paläolithikum (letzte Eiszeit) und bei den ‘European Early Modern Humans‘ (Cro-Magnon-Menschen) mit ihren ziemlich niedrigen Schädeln. Neanderthaler muss man in dieser Steinerschen Chronologie Lemuriern gleichstellen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Cro-Magnon-Mensch
https://en.wikipedia.org/wiki/European_early_modern_humans
https://anthrowiki.at/Lemurische_Zeit


Quote
Michael Eggert -> Mod T. Majoor

Vielen Dank für die Klarstellung!


Quote
Claudius Weise (2019)

Ad Fußnote 2: Sigurd Böhm war Gründer und spiritus rector der Freien Schule Albris, vormals Freie Waldorfschule Kempten. Andreas Delor war sein Schüler. Vgl. https://andreas-delor.com/news-details/items/das-ereignis-rudolf-steiner-im-lebenswerk-von-sigurd-boehm-und-judith-von-halle


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Michael Eggert -> Mod Claudius Weise (2019)

Vielen Dank!


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Claudius Weise Michael Eggert (2019)

Erklärt, glaube ich, einiges ...


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Dirk Klose (2019)

Narzissmus ist ein guter Ausdruck für den beschriebenen Prozess. Die Anthroposophen nehmen sich selbst so wichtig als wären sie der Mittelpunkt der Welt. Das hat in der Tat schon pathologische Züge.
Mir ist nicht klar wer der Autor des Textes ist. Ist es Michael Eggert? Verwirrend wäre in diesem Fall die Fußnote 4, wo wiederholt der Autor sich selbst (?) des Irrtums bezichtigt.


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Michael Eggert -> Dirk Klose (2019)

Muss ich noch etwas nacharbeiten. Der Text ist von mir, aber Anmerkung 4 ist ein Zitat aus dem Beitrag Delors. Das ist zugegeben verwirrend.


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[Rudolf Steiner / Anthroposophie / Waldorfschulen / Notizen ... ]
« Reply #6 on: November 16, 2021, 10:11:47 AM »
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Markus Will (25.05.2017): “ … George Lucas hatte als Regisseur 1971 mit „THX 1138“ erste Erfahrungen gemacht und schaffte mit „American Grafitti“ 1973 den Durchbruch. … Dabei ließ er sich von anderen Filmen und Geschichten inspirieren, vor allem dem japanischen Historienfilm „Die verborgene Festung“ von Akira Kurosawa. Dort lieh er sich nicht nur die Figuren aus, die als sich permanent anfrotzelndes Roboterduo in die Kinogeschichte eingehen sollten. Sogar ganze Szenen zeigen deutliche Parallelen … Es sind die großen Märchenmotive, die George Lucas in den Weltraum transportierte: Gut gegen Böse, David gegen Goliath. Er wollte eine Filmwelt erschaffen, in welche man schnell hineinfinden und sich mit den Charakteren identifizieren konnte. George Lucas äußerte sich dazu einmal so: „Vielleicht sollte man Krieg der Sterne in die Kategorie Märchenfilme einreihen? Es ist ein Märchen ohne utopisches Versprechen. Das Drehbuch könnte von den Brüdern Grimm stammen, zeitversetzt um einige Jahrtausende. Die Übertechnisierung im Weltraum mischt sich mit naivem Kinderglauben. Eine Weltraumphantasie im Stil von Edgar Rice Burroughs. Sollte wieder einmal ein Handbuch der Filmgeschichte erscheinen, würde ich ‚Krieg der Sterne‘ gerne als ‚Raumfahrtoper‘ bezeichnet wissen. Bis dahin kann man ihn auch getrost in die Kategorie Western, Abenteuer- oder Piratenfilme einreihen.“ …“ | https://www.heise.de/newsticker/meldung/40-Jahre-Star-Wars-Das-Jubilaeum-der-Macht-3725368.html?artikelseite=all

Carsten Pilger (04.12.2015): “ … [Er ist ein] Freund, Student der Philosophie und Atheist. An Letzterem zweifle ich seit einiger Zeit. Auch hier: Star Wars Episode VII. Seine Begeisterung für den bald im Kino erscheinenden Streifen steigert sich ins Unermessliche, dass er mit Funkeln in den Augen auf Abenden stets die neuesten Details aus Filmvorschauen erzählt. Sichtlich angegriffen reagiert er derzeit auf Witze über seine Krieg-der-Sterne-Manie und gab zuletzt offen selbstironisch zu: Er spüre eine Verletzung seiner religiösen Gefühle. …“ | https://hpd.de/artikel/12500

Wolfgang G. Voegele (24.08.2017): “ … Bei manchen Anthroposophen scheint Endzeitstimmung zu herrschen: „Die Anthroposophie schwindet aus dem Goetheanum und es macht sich eine zunehmende Missachtung Rudolf Steiners breit.“ Eine fundamentalistische Fraktion träumt davon, dass bis dahin in der Dornacher Zentrale der vor 100 Jahren unterbrochenen „Mysterienbetrieb“ wieder aufgenommen wird. Vielleicht unter der Leitung des reinkarnierten Meisters? Es gibt Autoren, die solche Erwartungen nähren. Zander würde hier vermutlich von einer „spannenden“ Entwicklung sprechen. …“ | http://www.themen-der-zeit.de/content/Helmut_Zander_wurde_sechzig.2136.0.html

Björn Hayer (14.11.2015): “ … In vielerlei Hinsicht haben sich Geschichte, Mythen und Philosophien der abendländischen Kultur in dem Epos vereint. Ihm inhärent ist allem voran die Dramaturgie der klassischen Heldenerzählung. … Dem Laserschwert kommt dabei eine hohe symbolische Bedeutung zu. Es erinnert an den Donnerkeil des Zeus, der selbst den eigenen Vater töten muss, um die Herrschaft zu übernehmen. … Luke und Lea verkörpern die Zwillinge Apollon und Artemis, stehen für Liebe, Sühne und die Vereinbarkeit von Gegensätzen. Gegen das sterile Grauen des Imperiums ziehen die Geschwister mithilfe einer bunten Armee aus Menschen, Affen- und Mischwesen zu Felde. Wie üblich gesellen sich zum Helden allerhand Gefährten, darunter der sich vom Söldner zum gemeinschaftsdienlichen Space-Cowboy wandelnde Han Solo oder zahlreiche Phantasie- und Mischwesen. Kurzum: Die Rebellen repräsentieren Vielfalt und Entwicklungsfähigkeit gegenüber einer uniformen Machtelite auf einem architektonisch hohlen Todesstern. … Man könnte noch viele Worte über die psychoanalytische Grundierung oder Nietzsches Machtbegriff verlieren. Was bei allem Über- und Unterbau aber nicht übersehen werden darf, ist die psychologische Tiefenbedeutung. Die galaktischen Weiten des Lucas-Universums sind vor allem eines: ein Abbild unseres Bewusstseins, worin widerstrebende Kräfte, Unmoral und Tugend, Lust und Vernunft in dauerhaftem Wettstreit stehen. …“ | https://www.nzz.ch/feuilleton/kino/erloeserkult-und-dekadenz-1.18646070

Ingo Hoppe (12. Oktober 2016): “ … Es ist kein Geheimnis, dass Lucas seine Kinder auf die Waldorfschule schickte und sich aktiv engagierte, unter anderem als grosszügiger Gönner des Waldorflehrerseminars in Sacramento (USA). Auch wird von zuverlässiger Quelle bezeugt, dass er sich intensiv mit Steiners Schriften befasste. Er wirkte im sogenannten «Raphael-Kreis» mit, wo anthroposophische Themen ausführlich diskutiert wurden. … Einige Philosophen halten Star Wars für den «Mythos unserer Zeit». In Form moderner mythologischer Bilder werde hier das Drama der Gegenwart auf die Leinwand projiziert. … Das passt insofern zur Anthroposophie, als auch sie – sehr vereinfacht – als eine Art «neuer Mythos» aufgefasst werden kann (allerdings mit wissenschaftlichem Anspruch, was freilich nicht unumstritten ist). … Die Polarität des Bösen, repräsentiert durch Jabba und Vader, stimmt bis in die Einzelheiten mit Steiners Lehre über die polaren Wesen Luzifer und Ahriman überein. Jabba ist weich, aufgedunsen, fett. Vader hingegen hart und sklerotisch. Der sinnenfrohe Riesenfrosch Jabba geniesst die Freuden des Lebens und lacht auch gerne mal schallend. Er haust in einer schmutzigen Lasterhöhle, dessen Boden nächtliche Schnapsleichen zieren. Leider gehört auch Grausamkeit zu seinen «Vergnügungen». Der Kontrollfreak Vader hingegen versteht keinen Spass. Pedantisch und freudlos beherrscht er einen blitzblanken Maschinenplaneten, an dem allenfalls ein Hygieneverein Vergnügen finden könnte. … Zentrales Bemühen des Helden angesichts der Polarität des Bösen ist das fortwährende Ringen um das Gleichgewicht zwischen Luzifer und Ahriman. In den ersten Star-Wars-Filmen ist es vor allem der angehende Jedi-Ritter Luke Skywalker, der dieses Ringen repräsentiert. Er ist weder kalt und berechnend wie Vader, noch genusssüchtig wie Jabba. Das hier zum Ausdruck kommende mittlere Prinzip nannte Steiner den «Menschheitsrepräsentanten» bzw. «Christus». An ihm zeige sich die harmonische Ausgeglichenheit zwischen den Extremen. Als Sonnenheld muss er beide Einseitigkeiten in sich selbst besiegen und miteinander versöhnen. Im Film kommt dies dadurch zum Ausdruck, dass Luke sowohl Jabba wie Vader entgegentreten muss. Zwei Kämpfe, die jedoch nicht mit denselben Waffen geführt werden können: «Es gibt nur eine Macht», erklärt Steiner, «vor der sich Luzifer zurückzieht: das ist die Moralität. Das ist etwas, was den Luzifer brennt wie das furchtbarste Feuer. Und es gibt kein anderes Mittel, welches dem Ahriman entgegenwirkt, als an der Geisteswissenschaft geschulte Urteilskraft und Unterscheidungsvermögen. Denn was wir uns auf der Erde als gesunde Urteilskraft aneignen, das ist etwas, was Ahriman furchtbar flieht.» – Star Wars bringt dieses Konzept sinnbildlich zum Ausdruck: In Jabbas Lasterhöhle erscheint Luke im Mönchsgewand, ein Symbol für Moralität. Gegen Darth Vader hingegen kämpft er mit dem Lichtschwert, ein Sinnbild für denkendes «Unterscheidungsvermögen». Wie der messerscharfe Verstand scheidet es richtige von falschen Begriffen und erleuchtet wie das «Licht der Vernunft» die Finsternis des dunklen Ahriman. …“ | http://www.zeitpunkt.ch/news/artikel-einzelansicht/artikel/krieg-der-goetter.html


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« Reply #7 on: November 20, 2021, 11:27:06 AM »
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[...] An der Waldorfschule in St. Georgen im baden-württembergischen Freiburg war es Ende Oktober zu einem Corona-Ausbruch mit 117 Infektionen gekommen. Es handelte sich um den bis jetzt größten Ausbruch in einer Schule des Regierungsbezirks.

Zwei Eltern hatten sich an die Behörden gewandt, daraufhin schaltete sich die Schulaufsicht des Regierungspräsidiums ein und nahm unter anderem auch die Maskenatteste der Schulgemeinschaft unter die Lupe. Das Ergebnis: Die allermeisten wurden für ungültig befunden.

Von den 55 Attesten (52 Schüler- und 3 Lehreratteste), die der Behörde vorgelegt wurden, entsprächen nur zwei oder drei den Voraussetzungen der Coronaverordnung und der dazu ergangenen Rechtssprechung, erklärte Caroline Walther, die im RP-Referat für Rechts- und Verwaltungsangelegenheiten der Schulen arbeitet und für Schulen in freier Trägerschaft zuständig ist, der „Badischen Zeitung“. 55 Maskenatteste für eine Schule mit rund 600 Schülern sind außergewöhnlich viel.

Wie die Juristin Walther berichtete, seien viele Atteste abgelehnt worden, die die Maskenbefreiung mit „CO2-Rückatmung“ begründeten. Diese solle bei den Kindern, so die Ausführungen auf den Attesten, zu Kopfschmerzen und Übelkeit führen. Ins Auge gestochen sei außerdem, dass eine Vielzahl der Atteste in Privatkliniken in Bayern und Berlin ausgestellt worden seien oder dass ein Arzt in der Stadt gleich viele Schülerinnen und Schüler mit „wortgleicher Begründung“ von der Maskenpflicht entbunden habe.

Die Schule wird sämtliche Atteste, die der Prüfung nicht standgehalten haben, ab Ende dieser Woche nicht mehr anerkennen. Ein betroffener Vater hat daraufhin der Schulaufsicht bereits angekündigt, rechtliche Schritte gegen die Ablehnung des Attestes einleiten zu wollen.

Im Oktober hatte es noch an einer zweiten Freiburger Waldorfschule einen Corona-Ausbruch gegeben, der nach Einschätzung des Gesundheitsamtes auf eine schulinterne Zirkusaufführung zurückzuführen ist, jedoch deutlich kleiner ausfiel.

Deutsche Waldorfschulen waren seit Beginn der Corona-Pandemie immer wieder damit in die Schlagzeilen geraten, dass Eltern oder Lehrer die Maßnahmen ablehnten und mit trickreichen Wegen versuchten, die Corona-Verordnungen zu umgehen. (tsp)


Aus: "Fast alle Maskenatteste waren ungültig" (17.11.2021)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/nach-corona-ausbruch-an-einer-freiburger-waldorfschule-fast-alle-maskenatteste-waren-ungueltig/27807140.html

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Prenzlbaer 17.11.2021, 20:42 Uhr
Wie sollte es auch anders sein in gesellschaftlichen Kreisen, die sich für besonders moralisch überlegen und achtsam halten, es gleichzeitig aber aufgrund ihrer eingebildeten Überlegenheit nicht einsehen, auch sich selbst an Regeln zu halten.


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Urbi_et_Orbi 17.11.2021, 13:25 Uhr

War doch klar. Erinnert mich an die ach so sensiblen Menschen, die jedes Jahr zweimal ganz arg mit der bösen Zeitumstellung zu kämpfen haben, dann aber ganz begeistert von ihren immer wiederkehrenden Urlauben in anderen Zeitzonen berichten, wo das dann gar kein Problem mehr war.


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r.ballutschinski 17.11.2021, 20:14 Uhr
Habe seit Frühjahr 2020 ein solches Attest von meinem Lungenarzt. Im Oktober 2021 habe ich es erstmals proaktiv bei einem Drittligaspiel im Jahn eingesetzt. Das war ein beschixxenes Spießrutenlaufen für mich.

Danke daher allen Attestfakern und allen anderen Vollpfosten. Das tue ich mir nicht noch mal an. Danke.


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lahaine 17.11.2021, 13:24 Uhr
Die Überschrift führt ein wenig in die Irre, die Atteste waren anscheinend nicht gefälscht, sondern sie wurden ohne eine korrekte Diagnose von querdenkenden Ärzten ausgestellt.


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Popli 17.11.2021, 13:14 Uhr

Manche verstehen es aber auch immer wieder, alle Vorurteile zu bestätigen. ...


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Offenbach-am-Meer 17.11.2021, 13:55 Uhr

Antwort auf den Beitrag von Popli 17.11.2021, 13:14 Uhr

Zum Thema Vorurteile:
Vom Schulkonzept Waldorf haben Sie aber auch nicht so rasend viel Ahnung?
Das Konzept selbst ist großartig, Problem sind manche anthroposophischen Eltern, die sich in der Rechtsaußen-Esoterik bewegen.
Aber Rechtsaußen-Eltern treffen Sie auch an Regelschulen.


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[...] Dietrich Krauß, 1965 in Gerabronn geboren, ist Doktor der politischen Philosophie, Journalist und Rechercheur für "Die Anstalt".  Das Trio Krauß, Max Uthoff und Claus von Wagner hat unter anderem den Grimme-Preis und zuletzt den Medienpreis der Deutschen Umwelthilfe (DUH) erhalten.

Nirgendwo in Deutschland ist die Impfquote niedriger als in Baden-Württemberg. Will man verstehen, wo die schwäbische Impfparanoia ihren Ursprung hat, sollte man vor allem die Anthroposophie Rudolf Steiners in den Blick nehmen.

Als im Frühjahr ausgerechnet im Corona Hotspot Baden-Württemberg der Pandemie-Protest erblühte und sich in Stuttgart zigtausende zu "Querdenken"-Demos versammelten, war die Ratlosigkeit groß: Dabei ist es kein Zufall, dass ausgerechnet die Heimat der Kehrwoche zur Hauptstadt der Hygienedemos wurde, einte doch das bunte Protest-Publikum unübersehbar ein Thema: Die Allergie gegen das Impfen. Dass diese Angst besonders im Südwesten auf fruchtbaren Boden fällt, ist kein Wunder, wird sie hier doch seit langem biologisch dynamisch gedüngt. Die Panik vor dem Pieks ist so alt wie die Geschichte des Impfens und die Parallelen zu den Protesten gegen den Pockenschutz vor 150 Jahren frappierend.

... Obwohl im 19. Jahrhundert noch bis zu einem Fünftel der Kinder an Pocken starben und die Epidemie in Deutschland zu Beginn des Kaiserreiches über 180.000 Menschenleben forderte, gab es anhaltenden Widerstand gegen die Impfpflicht, mit der Reichskanzler Otto von Bismarck dem Virus 1874 zu Leibe rückte. Ähnlich wie in England, wo die Impfgegner bis zu 100.000 Demonstranten versammelten. Dort versuchte man, mit Petitionen Druck auf das Parlament auszuüben und mit internationalen Kongressen die öffentliche Meinung zu beeinflussen.

An diese Tradition wird in Stuttgart bereits seit längerer Zeit wieder angeknüpft. Bereits zwölf Mal traf sich hier die Crème de la Crème der Impfkritik zum Stuttgarter Impfsymposium. Die medizinische Subkultur tagt weitgehend ohne kritische Begleitung der Medien, scheint aber unter dem Radar ihre Wirkung zu entfalten. Nirgendwo in Deutschland ist die Masern-Impfquote niedriger als in Baden-Württemberg. Bei Schuleintritt liegt sie mit 89,7 Prozent deutlich unter der von der WHO empfohlenen Rate von 95 Prozent. Aber auch bei keiner der anderen 13 wichtigsten Infektionskrankheiten wurde 2019 eine Impfquote von 90 Prozent erreicht.

Das impfkritische Bündnis der Kaiserzeit ist der sozialliberalnationalen Allianz der Corona-Proteste zum Verwechseln ähnlich: Wie der als Corona-Rebell gefeierte Wolfgang Wodarg lehnten auch damals einzelne sozialdemokratische Gesundheitspolitiker Impfungen als reine Symptombekämpfung ab. Stattdessen müsse man die eigentlichen Ursachen der Krankheit wie die Armut und die ungesunden Lebensverhältnisse der Stadtbevölkerung in den Blick nehmen. Diese Sozialpolitiker waren schon damals im Bund mit liberalen Impfkritikern, die in der Impfpflicht einen Angriff auf die Freiheit und Mündigkeit der Bürger sahen. Heute ist der liberale Wirtschaftsprofessor Stefan Homburg einer der lautesten Kritiker des Lockdowns.

Schon im 19. Jahrhundert gab es Unterstützung von ganz rechts. Einer der berüchtigtsten Antisemiten und ein wichtiger Vordenker der nationalsozialistischen Rassenlehre, Eugen Dühring, behauptete, das Impfen sei ein Aberglaube, der von jüdischen Ärzten geschürt werde, um sich zu bereichern. Heute unterstellt man dies Bill Gates. Die weitaus stärkste Fraktion der Impfgegner bildetete aber die Lebensreformbewegung, die unter dem Motto "Zurück zur Natur" einen radikalen Bruch mit der Lebensweise der autoritären wilhelminischen Industriegesellschaft propagierte. Die an Verstädterung, Armutsmigration und Massenkultur "erkrankte" Gesellschaft sollte an und mit der Natur geheilt werden. Mit Freikörperkult und Vegetarismus, Gartenstädten und alternativer Medizin. Die modernen Arzneien heißen Luft, Sonne, Wasser und giftfreie Diät, schrieb Heinrich Molenaar, der Präsident des Impfgegner-Bundes.

Als Gift erscheinen dagegen Schmutz und Lärm der Stadt, Rausch- und Genussmittel, Medikamentensucht der Schulmedizin, kurz alles Künstliche der Moderne. Im Impfen verdichteten sich für die Lebensreformer alle Probleme moderner ungesunder Lebensweise. Ein gesunder Körper werde mit Erregern vergiftet, was eine natürliche Immunisierung verhindere und Hygiene beziehungsweise gesunde Lebensweise überflüssig mache.

Doch die Natur taugt nur dann als Richtschnur für ein gesundes und richtiges Leben, wenn sie radikal romantisiert wird. Dass sie in Wahrheit ihre menschlichen Mitbewohner seit jeher mitleidlos mit tödlichen Krankheiten überzieht, müssen die zivilisationsmüden Lebensreformer konsequent ausblenden. Nüchtern betrachtet, würde die Orientierung an natürlichen Lebensweisen zu einem brutalen Überlebenskampf führen. Nix alternativer Streichelzoo. Survival of the fittest.

Nicht umsonst inspirierten die medizinischen Ideen der Lebensreformer bis in die Gegenwart immer wieder nicht nur alternative "grüne" Strömungen, sondern erfreuten sich auch bei den Nationalsozialisten großer Beliebtheit.

Ihre Naturverherrlichung bot hervorragende Anknüpfungspunkte für die NS-Rassentheorie und ihre These von natürlicher Auslese. Kneippianer, Homöopathen, Anthroposophen und andere Naturheiler wurden zeitweilig in der Arbeitsgemeinschaft Neue deutsche Heilkunde zusammengeführt mit dem Ziel einer neuen Synthese zwischen Schulmedizin und Naturheilkunde.

Heute sind die Grünen die natürliche Heimat aller Anhänger alternativer Heilmethoden was politischen Gegnern immer wieder Anlass für Sticheleien gibt, vor allem angesichts der niedrigen Impfquote im grün regierten Südwesten. Doch selten gerät dabei der "elephant in the room" in den Focus: die einflussreiche Anthroposophie. Die okkulte Lehre Rudolf Steiners ist direkt aus der Bewegung der Lebensreformer hervorgegangen und verspricht bis heute ihrer Kundschaft eine andere, irgendwie natürlichere Medizin, Landwirtschaft und Schule.

Seit vor 100 Jahren auf der Stuttgarter Uhlandshöhe die erste Waldorfschule gegründet wurde, gilt Stuttgart als so etwas wie die Hauptstadt der eurythmischen Bewegung. Hier ging das Bürgertum eine anhaltende Liaison mit Steiners Esoterik ein. Die "Waldis" sind hier vor allem in den akademischen grünen Milieus bestens verankert und prägen ein spezifisches Stuttgarter Klima alternativer Spießbürgerlichkeit. Dieses harmlose Image verstellt allerdings den Blick auf die Abgründe von Steiners Okkultismus, der neben Schule und Landwirtschaft in der Medizin ein zentrales Anwendungsgebiet hat und einen Gutteil dazu beiträgt, dass die Impfquoten in Baden-Württemberg so niedrig sind.

Dabei grenzen sich die anthroposophischen Oberärzte in den offiziellen Stellungnahmen der Fachgesellschaft klar ab von ordinären Impfgegnern. Die Segnungen des modernen Infektionsschutzes werden gewürdigt, selbst die lange bekämpfte gesetzliche Pflicht, Kinder vor Besuch von Schulen und Kitas gegen die neuen Masern zu impfen, wird von führenden anthroposophischen Medizinern wie Georg Soldner akzeptiert.

Doch das ist nur die eine Hälfte der Wahrheit: Gleichzeitig unterstützt der von dem anthroposophischen Kinderarzt Michael Friedl geführte Verein "Ärzte für individuelle Impfentscheidung" aktuell die Verfassungsklage gegen die Masernimpfpflicht. "Wir sind freie Bürger, die frei entscheiden, ob sie sich impfen lassen oder nicht", sagte auch der anthroposophische Vordenker Christoph Hueck auf der Stuttgarter "Querdenken"-Demo im Mai. "Wir haben die Gehirnwäsche und das diktatorische Regierungshandeln satt", polterte der Mitbegründer der Akanthos-Akademie gegen die Corona-Maßnahmen – und erklärte, einem guten Immunsystem könne das Corona-Virus nichts anhaben. Man werde jedenfalls kein Versuchskaninchen abgeben für neue Impfstoffe.

Hueck bildet Lehrer für die Waldorfschule aus. Die hat auch der Rednerkollege und Mit-"Querdenker" Ken Jebsen besucht. Immer wieder war er dort in den letzten Jahren auch als Vortragsredner zu Gast. Und immer wieder haben sich auch die Masern in den letzten Jahren an Waldorfschulen blicken lassen wie zuletzt in Hildesheim Freiburg oder Köln. Laut einer Untersuchung des Landesgesundheitsamtes Baden-Württemberg waren an Waldorfschulen stolze 30 Prozent der Kinder nicht geimpft. An staatlichen Schulen sind es gerade mal fünf Prozent. Auffallend selten wird bei den Masernausbrüchen erwähnt, dass die hochansteckende und gefährliche Kinderkrankheit (130.000 Tote jährlich [Genf – Rund 207.500 Menschen sind nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO und der US-Gesundheitsbehörde CDC im vergangenen Jahr an Masern gestorben. Die Zahl der Todesopfer stieg im Vergleich zu 2016 um 50 Prozent, wie es in dem Bericht von WHO und CDC heißt, der am gestern Abend in Genf veröffentlicht wurde. Quelle: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/118348/Mehr-als-200-000-Tote-weltweit-durch-Masern]) sehr oft an den anthroposophischen Steiner-Schulen ausbricht. Dass dahinter die "ergebnisoffene, neutrale und individuelle" Beratung durch anthroposophische Ärzte steckt, liegt auf der Hand. Anthroposophische Medizin verursache Masern-Ausbrüche, konstatierte kurz und bündig schon vor zehn Jahren in der "Medizinischen Wochenzeitschrift" Professor Edzard Ernst, der erste Lehrstuhlinhaber für Alternativmedizin.

Warum die Steiner-Gemeinde so verbissen um die Ansteckungsfreiheit und gegen Impfzwang kämpft, kann nur verstehen, wer in die Abgründe des Steiner'schen Okkultismus hinabsteigt. Den hält man der Öffentlichkeit nicht allzu offensiv vor die Nase, schließlich hängen auch die Waldorfschulen am staatlichen Tropf. Allzu obskure Inhalte könnten die Steuerzahler verunsichern. Deshalb hat man sich eine Art anthroposophischen Doppelsprech angewöhnt. In den offiziellen Stellungnahmen für die Öffentlichkeit gibt man sich gern einen seriösen wissenschaftlichen Anstrich und verwässert die Steiner-Esoterik zu harmlosen Allerweltsweisheiten. In den Original-Schriften und Zeitschriften geht dagegen die okkulte Luzi ab. Im Fall der Masern heißt es offiziell, wer Kinderkrankheiten durchstehe statt sie zu unterdrücken, stärke sein Immunsystem und fördere die kindliche Entwicklung.

Dahinter verbirgt sich jedoch eine viel abgründigere These Steiners, die mit herkömmlicher Medizin nicht das Geringste zu tun hat. Danach inkarniert sich das Ich des Menschen im Lauf der Zeit immer wieder in neue Leiber. Deshalb müsse man es dem Kind in den ersten Lebensjahren ermöglichen, sich durch fieberhafte Masernerkrankung quasi in seinem Leib einzurichten und diesen zu individualisieren. Dass das auch genau so gemeint ist, erklärt in der Februar-Ausgabe der waldorfpädagogischen Zeitschrift "Erziehungskunst" die anthroposophische Ärztin Daphné von Boch: Ein Neugeborenes bestehe nämlich noch ganz aus mütterlichem Eiweiß und drohe deshalb von der Mutter "überwältigt" und "fremd gesteuert" zu werden. Erst das Masern-Fieber zerstöre das mütterliche und mache so Platz für das eigene Eiweiß, das dem individuellen geistigen Wesen entspreche.

Die Fachgesellschaft für Kindermedizin warnt auf Anfrage davor, solche steilen Thesen überhaupt zum Thema von Berichterstattung zu machen. Sie stehen dafür sicher auf dem Lehrplan der anthroposophischen Ärzteausbildung, wo Daphne von Boch angehenden MedizinerInnen beibringt, wie man mit Planetenmetallen heilt.

Hin und her gerissen zwischen Gesetzestreue und Steiner-Gehorsam zeigen sich die führenden anthroposophischen Mediziner durchaus flexibel: Es müssten ja nicht unbedingt die Masern sein, die man dem Kind zukommen lassen solle, kann man in aktuellen Stellungnahmen nachlesen. Eine Lungenentzündung tue es auch. Hauptsache, das Kind fiebert. Und dabei geht es nicht nur um das Immunsystem.

Krankheiten haben im ewigen Kreislauf von Geburt und Wiedergeburt in der anthroposophischen Medizin einen erzieherischen Sinn. Sie sind karmischer Ausgleich für Fehlverhalten im letzten Leben: Zu starkes Selbstgefühl kann nach der Wiedergeburt zu Cholera führen, sinnliche Ausschweifung zur Lungenentzündung, wer im vorherigen Leben zu selten musiziert hat, leidet jetzt unter Asthma, wer zu wenig Interesse an Sternen und Himmelsvorgängen gezeigt hat, wird mit Bindegewebsschwäche gestraft. Keine Comedy, sondern Anthroposophie.

Das Lachen vergeht einem allerdings, wenn man nachliest, mit welch okkult-rassistischem Irrsinn der selbsternannte Hellseher den Ursprung von Infektionskrankheiten "erklärt". Wie alle Organismen, die sich in anderen Organismen ansiedeln, sind Bazillen und Viren teuflischer Natur – oder "genauer gesagt" geistige Dämonen und Verwesungsprodukte untergegangener minderwertiger Völker wie zum Beispiel der "Mongolenrasse". Die trug die Bazillen in ihrem von Fäulnis gezeichneten Astralleib und infizierte bei den großen Völkerwanderungen unter anderem die fortgeschrittenen Rassen von Germanen. Die degenerierten Asiaten luden ihre Fäulnisstoffe auf die europäischen Astralleiber.

Dieser Seuchen-Irrsinn Steiners wird von Anthroposophen anlässlich der Corona-Krise neu aufgelegt: Das Corona-Virus wird in einem Youtube-Vortrag als spiritueller Angriff des Teufels auf die Menschheit gedeutet, der aktuell seine Inkarnation vorbereite. Mit Geld und Macht, Furcht und Lüge mache er die Menschen erst empfänglich für das Virus, mit dem ein starkes Immunsystem locker fertig werde. "Querdenker" Christoph Hueck weist in einem Corona-Aufsatz darauf hin, dass Infektionskrankheiten laut Steiner als Botschaft der geistigen Welt zu betrachten sind: Der Mensch suche sie gezielt auf, ja benötigt sie förmlich, um in der Auseinandersetzung und Überwindung mit seinem Schicksal zu wachsen. Wer verderbten Neigungen wie Egoismus gefrönt hat, infiziert sich leichter.

Bazillen breiten sich nur aus, wenn man materialistische Vorstellungen und eine egoistische Furcht pflege und mit in den Schlaf nimmt. Dann können teuflische ahrimanische Kräfte in die Organe hineinstrahlen, die die Bazillen mästen: Es gelte also, sich mit spirituellen Vorstellungen schlafen zu legen, sich dem Sonnenlicht auszusetzen und überhaupt viele hoffnungsvolle eurythmische Bewegungen zu vollziehen.

Impfung dagegen könne taub machen für die karmischen Botschaften. Wer sich auf diese Weise vor Krankheiten schützt, der erfreut sich vielleicht seiner Gesundheit, aber ihm droht nach Steiner der Reinkarnations-Stillstand. Deshalb suchen den durchgeimpften Menschen zwar nicht die Pocken, aber seelische Verödung heim. Diesen Impfschaden kann man nur durch den Besuch einer Waldorfschule ausgleichen.

Man muss Krankheit übrigens gar nicht unbedingt besiegen, um von ihr zu profitieren. Sollte man beispielswweise früh dahingerafft werden, entfaltet die Krankheitserfahrung ihre segenreiche Wirkung eben im Dasein nach dem Tod und befördert uns im nächsten Leben auf die Überholspur.

Die Vorteile von Krankheit, Leid und Tod werden zuweilen in so leuchtenden Farben geschildert, dass Steiner und Hueck sich zwischendurch gezwungen sehen, dem Leser zu versichern, dass grundsätzlich gegen Heilen und Helfen nichts einzuwenden sei. Nur könne es eben nicht darum gehen, Leiden generell aus der Welt zu schaffen, zu wertvoll seien die geistigen Impulse, die man daraus schöpfe.

Zur Erinnerung: Diese anthroposophische Pseudo-Medizin ist eine gesetzlich anerkannte Therapierichtung, zu der sich normale Mediziner weiterbilden lassen können, wenn sie ein von anthroposophischen Institutionen zertifiziertes Kursprogramm belegen: Aktuell kann man dort "die sieben Chakren und die Seelenprozesse" studieren und Organeinreibe-Kurse auf Elba belegen.

Bislang verschließt man im Südwesten vor den esoterischen Abgründen der Steiner'schen Lehre fest die Augen. Solange man offenen Antisemitismus und Rassismus vermeidet, sind die Anthroposophen wohlgelitten. Die grüne Landesspitze machte zum 100. Geburtstag der Waldorfschule brav ihre Aufwartung. Schließlich handelt es sich um einen schwäbischen Exportschlager. Dass ein ziemlich direkter Weg von den harmlosen Pastellfarben der Waldorfschule zur gefährlich-finsteren Impfparanoia der "Querdenken"-Demos führt, sollte endlich auch in Stuttgart Gegenstand einer kritischen Debatte werden.


Aus: "Wir können alles außer impfen" Dietrich Krauß (08.07.2020)
Quelle: https://www.kontextwochenzeitung.de/debatte/484/wir-koennen-alles-ausser-impfen-6853.html
« Last Edit: November 20, 2021, 11:38:51 AM by Link »

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« Reply #8 on: November 22, 2021, 05:42:48 PM »
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[...] BERLIN taz | Im Südwesten Deutschlands sind die anthroposophische Bewegung sowie die langjährig verankerte Alternativszene starke Triebfedern für die Proteste von Querdenken und Co. Zu diesem Ergebnis kommen die Baseler SoziologInnen Nadine Frei und Oliver Nachtwey in der Studie „Quellen des,Querdenkertums'“, die am Montag in Stuttgart vorgestellt wurde.

Frei, Nachtwey und ihr Team konstatieren hingegen ebenfalls, dass es vom in Baden-Württemberg besonders verbreiteten christlich-evangelikalen Milieu nur geringe Schnittmengen zu den Corona-Protestierer:innen gibt [https://taz.de/Evangelikale-Glaubensformen/!5752772/], obwohl sich beide Gruppen durch Staatsskepsis auszeichnen. Noch schwächer sei der Zusammenhang mit dem bürgerlichen Protestmilieu etwa gegen das Bahnhofsprojekt „Stuttgart 21“.

Die Forschungsgruppe des soziologischen Institut der Universität Basel hatte bereits Ende 2020 eine Studie [https://taz.de/!5730562/] zu den Motiven und politischen Einstellungen der Corona-Verharmloser:innen vorgelegt. Ihre neue Untersuchung nun, die im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung Baden-Württemberg entstand, konzentriert sich auf Baden-Württemberg. Querdenken wurde im Südwesten gegründet und hat am Stammsitz mit der Gruppe „711“ eine Stuttgarter Vorwahl.

Die Bewegung ist hier besonders stark verwurzelt, sowohl auf der Straße als auch im Netz. Das Publikum war zunächst sehr heterogen. Es einte laut den So­zio­lo­g:in­nen der vermeintlich notwendige Widerstand gegen eine angebliche Anmaßung der Regierung, mit ihrer Coronapolitik demokratische Freiheitsrechte außer Kraft zu setzen.

Bei einer Auswertung der Mitgliedschaft in coronaskeptischen Kanälen des Messengerdienstes Telegram ergibt sich, dass Baden-Württemberg – hier vor allem die Region Stuttgart – und Sachsen aktuelle Hotspots der Protestbewegung sind. Es gebe aber, schreiben die Wissenschaftler:innen, grundlegende Unterschiede zwischen beiden Regionen.

Die Querdenken-Proteste hätten sich auch in Ostdeutschland, vor allem in Sachsen, etablieren können – „doch sind diese stärker von der extremen Rechten geprägt und tragen deutlich weniger esoterische und anthroposophische Züge“. Speziell im Osten gelinge es der AfD, über den Widerstand gegen die Coronamaßnahmen neue Milieus zu erschließen.

In Baden-Württemberg seien hingegen unter den Stu­di­en­teil­neh­me­r:in­nen auch viele ehemalige Wäh­le­r:in­nen der Grünen und der Linken. „Somit hat sich aus unterschiedlichen sozio-kulturellen Quellen in Baden-Württemberg und den neuen Bundesländern eine ähnliche Dissidenz gegenüber der Pandemie-Politik herausgebildet“, heißt es in der Studie. Und das, obwohl in Baden-Württemberg das Vertrauen in Politik und Institutionen dem bundesdeutschen Durchschnitt entspricht – anders als in Sachsen, wo die Staatsskepsis deutlicher ausgeprägt ist als im Durchschnitt.

In ihrer Selbstwahrnehmung sehen sich die Corona-Kritiker:innen laut Studie „als nüchterne Ex­per­t:in­nen und mutige Widerstandskämpfer:innen“. Von „Konspirationsdenken“ ist die Rede, und von drastischen Vergleichen, „um ihren widerständigen Mut zu beweisen und ihre politische Praxis zu heroisieren“. Viele der von den Baseler For­sche­r:in­nen Befragten hätten sich inszeniert „als Eingeweihte, geradezu als Erwählte, die auch angesichts gesellschaftlicher Ächtung, Stigmatisierung und Repression an ihrer Expertise festhalten“.

Der Soziologe Nachtwey hatte erst vor wenigen Tagen in einem Interview mit dem Deutschlandfunk deutlich gemacht, dass eine solche Haltung dann in diesen Kreisen auch oft zu Impfskepsis führe. „Da kommen quasi linke kulturelle Merkmale mit rechter Politisierung zusammen und das macht diese extrem toxische Mischung der Impfverweigerung gerade aus“, sagte er dem Sender. Sachliche Aufklärung sei bei den Maßnahmenkritikern „relativ wirkungslos“.

Nachtwey, Frey und ihr Team beobachten in Baden-Württemberg eine Radikalisierung auch der politischen Mitte im Zusammenhang mit der Bewegung gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie. Sie zitieren die Grünen-Politikerin Heike Schiller, langjährige Vorsitzende der Böll-Stiftung Baden-Württemberg. Diese sagte über Querdenken-Gründer Michael Ballweg, die Wende sei gekommen, als dieser „begonnen hat, diese rechten Zustände nicht nur zu marginalisieren, sondern zu rechtfertigen, damit er die Masse kriegt“. Eine neue Aggressivität habe auf diese Weise Raum bekommen. „Rechte waren nicht auf Krawall gebürstet, sondern auf Präsenz. Auf Krawall gebürstet waren dann eher die, welche nicht hinter rechten Fahnen hinterherlaufen, sondern die, welche ihre Grundrechte überall gefährdet sehen.“

Die Baseler Wis­sen­schaft­le­r:in­nen schlussfolgern in ihrer Studie ähnlich: Es seien nicht unbedingt die extremen Rechten selbst gewesen, die für eine Radikalisierung gesorgt hätten. „Häufig konnten wir affektuelle Aufladungen, emotionale Ausbrüche und die Möglichkeit der Gewalt auch in und aus der Mitte der Coronamaßnahmen-Kritiker:innen beobachten.“


Aus: "Studie zu „Querdenken“ in BaWü: Esoterik als Nährboden für Proteste" 22. 11. 2021 (Matthias Meisner)
Quelle: https://taz.de/Studie-zu-Querdenken-in-BaWue/!5816872/

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Suryo heute, 15:30

Hoffentlich fangen die Grünen mal langsam an, ihr Verhältnis zu Anthroposophie, Homöopathie und anderer Scharlatanerie zu reflektieren und die Verbindungen zu diesem Milieu zu kappen. Soll jeder glauben, woran er will. Aber Vertreter von Politik und Staat sollten Obskurantismus keinerlei Legitimation verleihen.

[ ...

[...] Gemäß der Definition von Marquis de Condorcet bezeichnet Obskurantismus „die Tyrannei der Arglist über die Unwissenheit“. Er ist aufklärungs- und fortschrittsfeindlich und will die Menschen in Unwissenheit und Aberglauben befangen halten. Die Wurzel des Begriffs (obskur: dunkel) erhellt das: Man versucht, durch ungewöhnliches und unverständliches, aber auf Altgewohntes abstellendes Hindeuten das Opfer zum willenlosen Befehlsempfänger seines eigenen Unterbewusstseins zu machen. Heute kommt Obskurantismus z. B. bei Religionsgemeinschaften, Sekten, Verschwörungstheorien, in der Werbung, im Wahlkampf sowie in postmoderner Philosophie vor.

Aus: "Obskurantismus" (03/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Obskurantismus
... ]


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shitstormcowboy

Guter und wichtiger Artikel. Ich möchte dazu noch anmerken, dass die sogenannte esoterische Szene in Deutschland, insbesondere die Anthroposophen, eine sehr unterschiedliche spirituelle Auffassung haben, verglichen mit den spirituellen Kräften z.B. in Indien. Als die theosophische Gesellschaft anno, ich glaub 1929, nicht Rudolf Steiner sondern Jiddu Krishnamurti zum Maitreya, dem große Weltlehrer, ausriefen, da begannen sich indische und europäische Spiritualität zu trennen. Heute lehnen die Anthroposophen das Impfen ab und die Inder Deepak Chopra und Sadhguru rufen dazu auf sich impfen zu lassen. Die Haltung zum Impfen ist eine der viellen Irrungen, die auf Rudolf Steiner zurüch gehen. Auch die Nähe zum Rassismus, also zu den Rechten ist eine davon. Oder die Haltung zur "natürlichen Auslese" rührt daher. Man möchte es der Natur überlassen, ob man Corona übersteht oder nicht.

Kein Gedanke daran, dass die wunderbare Schöpfung es dem menschlichen Geist ermöglichte einen Impfstoff wie die mRNA-Impfstoffe zu entwickeln. Aus spiritueller Sicht ist die menschliche Entwicklung einschließlich der Entwicklung der Impfstoffe vom GEIST, von Brahman, vom Weltbewußtsein, von Allah oder Gott gewollt.


...

usw.
« Last Edit: November 22, 2021, 05:48:00 PM by Link »

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[Rudolf Steiner / Anthroposophie / Waldorfschulen / Notizen ... ]
« Reply #9 on: November 25, 2021, 04:09:33 PM »
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[...] Udo Bermbach ist Politologe und lehrte bis zu seiner Emeritierung an der Universität Hamburg. Er forscht unter anderem zu Wagner und zur Sozialgeschichte der Oper. 2018 erschien sein Buch «Richard Wagners Weg zur Lebensreform».

Die Werke Richard Wagners sind bekanntlich sehr unterschiedlichen Interpretationen und Adaptionen zugänglich. Kaum bekannt ist hingegen, dass der Begründer der Anthroposophie ein Bewunderer Wagners war. Rudolf Steiner hat mindestens zweimal die Bayreuther Festspiele besucht, er sah in den Jahren 1908 und 1914 dort den «Parsifal» und liess sich vom Festspielhaus für seine Idee des Goetheanums in Dornach inspirieren. 1905 hielt Steiner in Berlin überdies sechs Vorträge, in denen er den Dichterkomponisten zu einem «Eingeweihten» erhob: zu einem Wissenden der höheren Welten, der in seinem Dramen und Schriften manches vorausgeahnt habe, was die Anthroposophie, so Steiner, zur Gewissheit werden liess.

Alex Ross hat in seinem kürzlich erschienenen Buch «Die Welt nach Wagner» darauf hingewiesen, dass in Amerika die Vorläufer der Anthroposophie, die Theosophen, bei ihren Veranstaltungen häufig Wagners Musik in kleiner Besetzung spielten. Dabei sassen die Musiker nach Bayreuther Vorbild hinter einem Paravent verborgen, während Laterna-Magica-Bilder von Lohengrin, Holländer, Parsifal und anderen Wagner-Helden vor den Augen des Publikums vorbeiliefen. Vor allem das «Bühnenweihfestspiel» war beliebt, denn in diesem Stück sah man westliche – soll heissen: christliche – Weisheit vereint mit östlicher und glaubte, in Parsifal finde man die Eigenschaften von Christus und Buddha.

Rudolf Steiner stand in dieser Tradition. Für ihn war Wagner einer «der grössten Künstler der neueren Zeit», weil er geahnt habe, dass hinter der sichtbaren Welt, jenseits des Materiellen, noch eine unsichtbare Welt existiert. Wenn Wagner davon schreibt, die sinfonische Musik erscheine ihm wie eine Offenbarung aus einer anderen Welt, weil sie Gefühle wiedergebe, die das Verstandesurteil überschritten, so ist das für Steiner die Haltung des Mystikers, der weiss, dass es eine höhere Art des Erkennens gibt, die nicht an den Verstand gebunden ist.

Wagner habe immer in jene Urzeiten zurückgeblickt, in denen Kunst, Religion, Wissenschaft und Politik noch vereint gewesen seien. Hierin erkennt Steiner die Quelle des Gesamtkunstwerks, dem er eine «religiöse Durchhauchung» zuschreibt. Wagner habe den ganzen Menschen in sein Kunstwerk hineinstellen und zeigen wollen, dass der Mensch aus dem Reichtum seines Inneren lebe. Im Mythos, aus dem Wagner schöpfte, wüchsen die Menschen über sich hinaus. So erscheint ihm die Siegfried-Sage als Beispiel für die erste Stufe der modernen Kultur. Wagner zeige im «Siegfried» noch den harmonischen, mit seiner Umwelt in Frieden lebenden Menschen – im Gegensatz zum Tagelöhner, der in der modernen Welt entfremdet lebe. Zu Zeiten Siegfrieds sei diese Harmonie allerdings in Gefahr geraten, sei verschwunden, so dass im «Ring»-Zyklus dieses Verschwinden der alten Zeit und die Heraufkunft einer neuen das eigentliche Thema sei.

Die alte Sage, die Wagner hier aufgreift, enthalte die Erinnerung an denjenigen Volksstamm, «der sich nach der grossen atlantischen Flut als Rest der atlantischen Bevölkerung über Europa und Asien verbreitete und die nachatlantische Zeitepoche einleitete». Gemäss Steiner wirkt Wotan, der Asengott aus der atlantischen Zeit, daran mit, dass die Menschen eine höhere Stufe des Bewusstseins entwickeln. Während die Zwerge im altnordischen «Niflheim» die Träger des neuen Ich-Bewusstseins seien, sei Alberich der Träger des Egoismus.

Gold sei in der Mystik das Licht, das zur Weisheit werde, doch das von Alberich aus dem Rhein geholte Gold stehe nur noch für die verhärtete Weisheit. Alberich entreisse es den Rheintöchtern, die den überholten Bewusstseinszustand verkörperten. Dass das Gold im Wasser gelegen habe, erscheint Steiner bedeutsam, denn Wasser steht ihm für das Seelische, das Astrale, also das, was jenseits der materiellen Welt liegt, und wenn Gold dort liege, verbinde sich die Weisheit mit dem Seelischen.

Schon aus diesen wenigen Hinweisen mag deutlich werden, dass es Steiner nicht um eine der üblichen «Ring»-Interpretationen ging; vielmehr darum, die Tetralogie in das von ihm entworfene anthroposophische Weltmodell einzupassen. Dieses Modell sieht die Welt in einer Entwicklung, die der darwinistischen Evolutionstheorie folgt, beherrscht von Menschen, die einen Aufstieg zu immer weiterer Verbesserung vollziehen – jedoch bei gleichzeitigem Verlust ihrer Fähigkeiten, hinter der materiellen Welt eine immaterielle zu wissen.

Verloren gegangen ist auch jene Einheit des Lebens, die nur der Mythos noch aufbewahrt. Hier zeigt sich Steiner mit Wagner einig, der den Verlust der Ganzheitserfahrung in der Moderne als einen schweren moralischen Defekt diagnostiziert hat. Auch in seinen dualistischen Unterscheidungen – etwa von sichtbarer und unsichtbarer Welt, von «Eingeweihten» und normalen Menschen, von spirituellen und materiellen Orientierungen, von höheren Bewusstseinsentwicklungen und dem Verzicht darauf, Okkultes und Esoterisches zu einem Prinzip des täglichen Lebens zu machen – versucht Steiner, Wagners Werke als vorauseilende Bestätigungen seiner anthroposophischen Weltsicht zu verstehen.

Siegfried erscheint ihm beispielsweise als der «Eingeweihte», der die nordischen Völker in den Untergang führen muss, weil deren heidnischer Glaube durch das Christentum abgelöst wird. Siegfried steht für eine neue Zeit der grossen Erfindungen und Entdeckungen, und ihm sind all seine Fähigkeiten «als okkulte von den Vorbesitzern des Hortes übertragen worden». Wenn er Brünnhilde gewinnt, geht er zuvor durch die Flammen der Reinigung, mit dem Töten des Lindwurms hat er seine «niedere Sinnlichkeit» überwunden.

Dass Siegfried wiederum von Hagen mit einem Speerstoss zwischen die Schultern getötet wird, deutet Steiner als Hinweis auf die Kreuzigung Christi, dem Siegfried gleichsam als zweiter Erlöser nachstirbt. Siegfrieds Mörder Hagen ist für Steiner ein «alter, eingeweihter Druide», der die Vergangenheit vertritt, verurteilt zum Abtritt, während Siegfried das Christentum bringt. Insgesamt zeige die Siegfried-Sage – und neben ihr auch die anderen nordischen Sagen – den Kampf der nordischen Völker gegen das Alte und Überholte zugunsten des Neuen, des Christentums.

Steiner versucht hier also assoziativ nachzuweisen, dass der «Ring» ein Drama des Übergangs ist. Seine vier Dramen «stellen die vier Teile der Entwicklung der Menschheit dar – die fünfte Stufe wird das Christentum sein». Das «Rheingold» ist der Übergang der Erde in einen neuen, festen Zustand, weshalb Wotan sich auch eine feste Burg bauen lässt. Die Riesen sind Menschen einer überholten Stufe der Entwicklung, ohne hohe Geistigkeit, auf Liebe verzichtend und mit der verhärteten Weisheit des Goldes zufrieden. Der Regenbogen, ein okkultes Zeichen, symbolisiert die Verbindung der Götter mit den Menschen.

Auch die «Walküre» ist ein Stück des Übergangs: Mit Siegmund und Sieglinde zeugte Wotan die «seelische Zweigeschlechtlichkeit». Die Rettung Sieglindes durch Brünnhilde sichert die Geburt des zukünftigen Erlösers, Brünnhilde auf dem Fels mit der Waberlohe bedeutet: Der Mensch muss erst durchs Feuer, sich reinigen, bevor er zu einem allumfassenden Bewusstsein finden kann.

Der dritte Teil, «Siegfried», ist die Geburt des neuen Menschen und zeigt, wie dieser gegen das Alte ums Überleben kämpft. In der «Götterdämmerung» schliesslich wird deutlich, dass der Mensch der nordischen Welt noch nicht reif war, die vollständige Einweihung zu erhalten, weil ihm das Christentum fehlte. Dies auch ist der Grund, weshalb Siegfried und Brünnhilde sich nicht vereinigen können.

Kein Zweifel: Man muss sich von den konventionellen Wagner-Interpretationen freimachen, wenn man Steiner folgen will. Er schreibt allen Figuren Wagners jene Eigenschaften zu, die als Entwicklungsbestätigung seines eigenen Weltbildes fungieren können. Das gilt nicht nur für den «Ring», sondern auch für die anderen Bühnenwerke. Im «Tristan» bestimmt die Sehnsucht des Menschen, nicht mehr «männlich oder weiblich» zu sein, die Handlung. Und Lohengrin ist für Steiner wiederum ein «Eingeweihter» der Gralsgemeinschaft mit geheimem Auftrag, weshalb Elsa, die Verkörperung der mittelalterlichen Seele, dem Frageverbot unterliegt.

In Parsifal sieht Steiner dann den neuen Heiland, der erlöst, was früher unter der Knechtschaft des Sinnlichen gelitten hat, und das neue Prinzip Liebe bringt. «Parsifal ist der neue christliche Eingeweihte, das grosse Sinnbild, das die Siegfried-Einweihung ablöst. Im ‹Parsifal› wird die ursprüngliche Idee des Christentums zum Ausdruck gebracht. Der Gral als Heiligtum der geistlichen Ritterschaft kann den Tod abwenden und den Rittern jene Spiritualität geben, die ihre Seele aufwärts lenken.»

Zwei Arten des Christentums seien hier dargestellt: zum Ersten die asketische, die aber die Spiritualität nicht erreiche, und zum Zweiten die geistige, die der Macht Klingsors so lange zum Opfer falle, bis dieser durch den Erlöser besiegt sei. Wagner beschreibe die Stufen des Lernens von Parsifal als «okkulte Wahrheiten», denn er habe gewusst: Die Aufgabe der Gegenwart sei eine religiöse, «wie man das auch in der Theosophie nicht besser formulieren kann».

Es verwundert kaum, dass diese Lesart in der Wagner-Forschung nie anschlussfähig war und ausserhalb der einschlägigen Kreise kaum rezipiert wurde. Aber gerade weil die geistigen Quellen und politischen Implikationen der Anthroposophie als einer bis heute fortwirkenden historischen Geistesbewegung mittlerweile stärker hinterfragt werden, ist der Einfluss Wagners auf deren Gründer weit mehr als eine Fussnote.


Aus: "Richard Wagner – der Komponist der Anthroposophie?" Udo Bermbach (21.08.2021)
Quelle: https://www.nzz.ch/feuilleton/rudolf-steiner-und-richard-wagner-der-komponist-der-anthroposophie-ld.1640863