Author Topic: Aufklärung ...  (Read 138 times)

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Aufklärung ...
« on: October 18, 2020, 05:22:45 PM »
Der Begriff Aufklärung bezeichnet die um das Jahr 1700 einsetzende Entwicklung, durch rationales Denken alle den Fortschritt behindernden Strukturen zu überwinden. Es galt, Akzeptanz für neu erlangtes Wissen zu schaffen. Seit etwa 1780 bezeichnet der Terminus auch diese geistige und soziale Reformbewegung, ihre Vertreter und das zurückliegende Zeitalter der Aufklärung (Aufklärungszeitalter, Aufklärungszeit) in der Geschichte Europas und Nordamerikas. Es wird meist auf etwa 1650 bis 1800 datiert. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Aufklärung


Als Vordenker der Aufklärung (französisch (les) philosophes des Lumières, englisch Enlightenment figures, niederländisch Verlichtingsdenkers) werden Personen der europäischen und nordamerikanischen Geistesgeschichte im Zeitalter der Aufklärung bezeichnet, die das Denken mit den Mitteln der Vernunft von Vorurteilen und Aberglauben zu befreien suchten. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Vordenker_der_Aufkl%C3%A4rung


Denis Diderot (* 5. Oktober 1713 in Langres; † 31. Juli 1784 in Paris) war ein französischer Abbé, Schriftsteller, Übersetzer, Philosoph, Aufklärer, Literatur- und Kunsttheoretiker, Kunstagent für die russische Zarin Katharina II. und einer der wichtigsten Organisatoren und Autoren der Encyclopédie.  ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Denis_Diderot

Kategorie:Aufklärung (Literatur)
https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Aufkl%C3%A4rung_(Literatur)

Die Säkularisierung (von lateinisch saeculum ‚Zeit‘, ‚Zeitalter‘; auch: ‚Jahrhundert‘) bedeutet allgemein jede Form von Verweltlichung, im engeren Sinne aber die durch den Humanismus und die Aufklärung ausgelösten Prozesse, welche die Bindungen an die Religion gelockert oder gelöst und die Fragen der Lebensführung dem Bereich der menschlichen Vernunft zugeordnet haben. Soziologisch wird dieser Prozess als „sozialer Bedeutungsverlust von Religion“ interpretiert. Während eine Säkularisierung in der jüngeren Geschichte vor allem in westlichen Gesellschaften zu beobachten gewesen ist („Entchristlichung“), sind säkularisatorische Tendenzen auch in vielen anderen Gesellschaften feststellbar. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%A4kularisierung

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Aufklärung ...
« Reply #1 on: October 22, 2020, 11:43:07 AM »
Quote
[...] Diderots feste Überzeugung war es, dass „das Licht der Vernunft“ gebraucht und verteidigt werden müsse. Anders als deutsche Rationalisten und Idealismus-Vertreter wie Hegel, der sein dialektisches Herr-und-Knecht-Modell auf „Jacques der Fatalist“ stützt, blieb er Skeptiker und legte Wert auf einen spielerischen Umgang mit philosophischen Wahrheiten: „Unsere wahre Meinung ist nicht diejenige, von der wir nie abgewichen sind, sondern die, zu der wir am häufigsten zurückgekehrt sind.“

Spürbar ist das in seinen philosophischen Schriften, besonders aber in seinen literarischen Hauptwerken, die erst posthum und zunächst in deutscher Sprache publiziert wurden. Es ist kein Zufall, dass es ein Skeptiker wie Nietzsche war, der das charakteristisch Modernistische an Diderot betonte: „Voltaire ist der letzte Geist des alten Frankreich, Diderot der erste des neuen.“

...


Aus: "Der Befreier des Wissens" Tobias Schwartz (29.09.2013)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/der-befreier-des-wissens/8861842.html

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[...] Böse Philosophen: Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung ist ein im Jahr 2011 veröffentlichtes Sachbuch des deutschen Historikers Philipp Blom. ... Zu Beginn macht sich der Autor Philipp Blom auf die Suche nach dem Ort, wo sich Paul Henri Thiry d’Holbach und Denis Diderot in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts regelmäßig mit anderen Philosophen und hochrangigen Gelehrten Europas trafen, um sich über verschiedenste radikale Theorien der Aufklärung und Politik auszutauschen. Dabei macht Blom klar, dass sich deren Ideen gegen das gesamte Fundament des damaligen Abendlandes richteten und deutlich radikaler waren, als etwa die der Vertreter der Französischen Revolution.
Er beschreibt die Zustände der damaligen feudalistisch-klerikalen Gesellschaft, die Zensur von kritischer Literatur/Philosophie, die drakonischen Strafen bei Nichteinhaltung von Verbannung bis zur Hinrichtung sowie die Notwendigkeit privater Salons. Dort konnten sich die Vordenker der Aufklärung weitgehend frei austauschen und an ihren Werken arbeiten. So sei etwa die Encyclopédie, deren Mitarbeiter überwiegend Besucher des Salons von Holbach waren, nicht nur ein Mittel gewesen, das Wissen der Welt zu sammeln, sondern auch die strikte Zensur zu umgehen und neue Ideen zu veröffentlichen. ...

...

    „Philipp Blom hat die Wege der bürgerlichen Aufklärer Mitte des 18. Jahrhunderts verfolgt und präzise ein intellektuelles Gravitationszentrum der Zeit verortet. […] Die 'bösen Philosophen' erklären, dass Aufklärung nichts ist, was Intellektuellen ohne Risiko in den Schoß fällt und sich dann in Menschen verkörpert, die auf einem Sockel stehen.“

– Mario Scalla: Frankfurter Rundschau


https://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%B6se_Philosophen

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Quote
[...]  Philipp Blom - Böse Philosophen
Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung
Cover: Böse Philosophen
Carl Hanser Verlag, München 2011
ISBN 9783446236486
Gebunden, 400 Seiten


Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 14.03.2011
Was hätten sie sich gefreut, Denis Diderot und sein Freund Paul Thiry d'Holbach, über dieses Buch, das die beiden radikalen Aufklärer des vorrevolutionären Frankreich dem Vergessen zu entreißen sucht, wie Rezensent Manfred Geier schreibt. Auch Geier freut sich. Über eine nicht nur gelehrte Darstellung, sondern einen Ansatz, der den beiden entspricht, wie er findet, eine Geschichte der Ideen, ihres Salons, ihrer Freund- und Feindschaften, ihrer Affären, intellektuell, sexuell. Dabei geht es dem Autor Philipp Blom laut Geier auch darum, die anhaltende Aktualität der damaligen Kämpfe um den über sich selbst aufgeklärten, von Gott- und Jenseitsglauben befreiten Menschen zu erweisen. Die so entstandene, im Original im vergangenen Jahr erschienene philosophiegeschichtliche Erzählung über den Pariser Salon Holbach liest Geier nicht zuletzt als Korrektiv eines intellektuellen Panoramas, in dem Voltaire und Rousseau als Alleinherrscher erscheinen.

...

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 17.03.2011
Rezensent Tim Caspar Boehme stellt sich voll und ganz hinter das Hauptanliegen dieser Abhandlung des Wiener Historikers Philipp Blom. Sie rufe ins Gedächtnis, dass es neben den Ikonen Rousseau und Voltaire noch eine ganze Reihe weiterer Geister gab, die die französische Aufklärung maßgeblich prägten. Konkret widmet sich Bloms "Engführung von Ideengeschichte und persönlichen Schicksalen" den beiden Radikalaufklärern Denis Diderot und Paul Thiry d'Holbach. Radikal meint in diesem Fall atheistisch, wie Boehme ausführt. In diesem Punkt verstanden Voltaire und Rousseau allerdings keinen Spaß, was ihnen nun, über zweihundert Jahre später, die harsche Kritik Philipp Bloms eingetragen habe. Bei Voltaire und Rousseau handelt es sich in der Interpretation Boehmes um die eigentlich "bösen Philosophen", die das Buch im Titel trägt. Sie kommen hier schlecht weg, vielleicht zu schlecht, meint der Rezensent. Immerhin habe Blom der Versuchung widerstanden, Diderot und d'Holbach im Gegenzug zu glorifizieren. Die Tatsache beispielsweise, dass Diderot die jährlich 300 Exekutionen in Frankreich für "akzeptabel" hielt, enthalte Blom dem Leser mitnichten vor.


Aus: "Zu: Philipp Blom - Böse Philosophen" (2011)
Quelle: https://www.perlentaucher.de/buch/philipp-blom/boese-philosophen.html


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Aufklärung ...
« Reply #2 on: October 22, 2020, 11:50:51 AM »
RobbiTobbi2017 #9 “ … [In einem Pariser Vorort wurde ein Lehrer mit einem Messer getötet. Inzwischen wurden neun Menschen in Gewahrsam genommen. Haupttäter soll ein junger Tschetschene sein.] Im Lande Voltaires wird einem Lehrer der Kopf abgeschnitten, weil er seinen Schülern Meinungsfreiheit gelehrt hatte. …“ Kommentar zu: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-10/paris-terror-attacke-lehrer-fuenf-verdaechtige-festgenommen

Thomas Pany (17. Oktober 2020): “ … Der Lehrer für Geschichte und Geografie, Mitte Vierzig, unterrichtete seit vielen Jahren Schüler über Religionen. Eine Unterrichtsstunde, die er Anfang Oktober am Collège du Bois-d’Aulne in dem genannten Ort Conflans-Saint-Honorine gab, sorgte für Aufregung. Es ging um Meinungsfreiheit. Das Thema wollte der Lehrer anhand der Mohammed-Karikaturen erläutern [https://de.wikipedia.org/wiki/Mohammed-Karikaturen]. Dazu fragte er die Schüler danach, wer muslimischen Glaubens ist und erklärte ihnen, dass sie den Unterrichtsraum verlassen können, wenn sie wollen. …“ | Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Der-gekoepfte-Lehrer-4931243.html

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Quote
[...] Die Gedenkfeier für den am letzten Freitag ermordeten Geschichts- und Geographielehrer Samuel Paty fand am Mittwochabend nicht von ungefähr in der Pariser Sorbonne-Universität statt: Dieser "Tempel des Wissens" sei ein Symbol der Aufklärung und Bildung, begründete ein Elysée-Berater die Wahl. Präsident Emmanuel Macron sagte in einer Ansprache, Paty – der posthum die Ehrenlegion zugesprochen erhielt – sei "das Gesicht der Republik".

In den französischen Medien schilderten am Mittwoch Lehrer, die wie Paty in den Vororten von Paris unterrichten, mit welchen Widerständen sie dabei selber kämpfen. Und das, ohne dass sie auch nur die umstrittenen Mohammed-Karikaturen aus dem Satireheft "Charlie Hebdo" thematisieren.

Ihr Befund ist eigentlich nicht neu: Der Chef-Schulinspektor Jean-Pierre Obin hatte schon 2004 über 60 Mittelschulen analysiert und Alarm geschlagen, weil Schüler den Unterricht mit islamistischen Thesen zu stören suchten. Sie oder ihre Eltern stellten mehr und mehr den Holocaust infrage oder verlangten Halal-Gerichte, meinte er beispielsweise. Bloß war dieser 37-seitige Bericht nie erschienen. Der damalige Premierminister François Fillon beerdigte ihn mit dem Vorwand, die Publikation könnte das Leben von französischen Geiseln im Irak gefährden.

Jetzt berichten die Pariser Medien ausführlich darüber. In der Zeitung "Le Parisien" erzählten betroffene Lehrer, ohne ihren richtigen Namen zu nennen, über ihren schwierigen Banlieue-Alltag. Eine "Aurélie" schilderte, wie sie vor ihren neunjährigen Schülern über Esel, Schweine und andere Tiere gesprochen habe – um darauf eine Elternnotiz im Schulheft zu finden, sie solle ihren Schützlingen doch bitte keine "verbotenen" Worte wie "Schwein" in den Mund legen. Die Lehrerin informierte die Schulleitung nicht, da sie, wie sie sagte, in solchen Fällen "ohnehin keine Unterstützung" erhalte.

Andere Lehrer berichten, sie stießen neuerdings sogar im Geometrieunterricht auf Einwände, wenn ein Konstrukt zu sehr an ein Kreuz erinnere. Eine gewisse "Marie" erzählte, sie habe immer mehr Mühe, die Evolutionstheorie "durchzubringen". Seit September hätten Schüler schon dreimal auf der religiösen Sicht der Weltwerdung beharrt. "Was Sie sagen, ist falsch", habe ihr einer bedeutet. "Mit Ihrem Darwin brauchen Sie uns nicht mehr zu kommen."

Die gleiche Lehrerin erzählte auch, sie erhalte nach jedem Sexualunterricht Kommentare wie "Sie sollten sich schämen" oder "Ihr Franzosen steht zu sehr 'darauf'". Dabei hält sich "Marie" keineswegs für eine Verfechterin eines harten Laizismus. Als ihr eine Schülerin geklagt habe, sie würde von ihren Eltern geschlagen, wenn sie ein Biologieheft mit schematischen Darstellungen der Geschlechtsteile nach Hause bringe, habe sie als Lehrerin zugestimmt, dass das Mädchen das Heft in der Schule lassen könne.

Der Geschichts- und Geographielehrer "Bruno" erinnerte sich, dass ein Schüler behauptet habe, die Kathedralen des Mittelalters seien von Immigranten erbaut worden. Das habe er von seinem Imam gehört. "Ich versuchte ihm vergeblich klarzumachen, dass es im Mittelalter noch keine Immigranten gegeben habe", fuhr der Lehrer fort. "Das Wort des Imams war stärker."

Die Pariser Medien sprechen nach der barbarischen Enthauptung des Lehrers Paty vom "Ende der Omertà", des Schweigegesetzes. Der Verband der französischen Geschichts- und Geographielehrer, Clionautes, gibt allerdings zu bedenken, dass sich ihre Mitglieder "weiterhin alleingelassen" vorkämen.

Dabei räumen viele Lehrer ein, dass sie den dornenreichsten Themen wie der Meinungsfreiheit und den Mohammed-Karikaturen aus dem Weg gingen. "Wir sitzen auf glühenden Kohlen", meinte eine Lehrerin in der linken Zeitung "Libération". "Man muss höllisch aufpassen, was man sagt und wie man es sagt." Das gelte vor allem bei Themen wie dem Nahostkonflikt oder dem Koran.

Wie repräsentativ solche Aussagen sind, ist schwer zu sagen. Zwischen September 2019 und diesem März zählten die Schulbehörden 935 Angriffe auf den Laizismus, das heißt die in Frankreich strikte Trennung von Kirche und Staat. Diese relativ überschaubare Zahl – bei 65 Millionen Einwohnern – stagniert, wie Bildungsminister Jean-Michel Blanquer diese Woche erklärt hat.

Die Dunkelziffer dürfte allerdings hoch sein. Die Rechtspolitikerin Nadine Morano erklärte, all diese kleinen Laizismusverstöße seien heute so alltäglich, dass sie gar nicht mehr gemeldet würden. Häufig wüssten die Schuldirektionen nicht, wie sie einschreiten sollten. So etwa, wenn Primarschüler den Fastenmonat Ramadan befolgten und zu geschwächt für den Unterricht seien; oder wenn verschleierte Mütter Schulausflüge begleiteten.

Diese Beispiel nennt Obin in seinem neuen Buch "Wie wir den Islamismus in die Schule eingelassen haben". Die Zeitung "Le Monde" kommentierte zufällig wenige Stunden vor der Ermordung Samuel Patys, es gelte, "die Proportionen zu wahren". Obin dramatisiere die Lage zu stark: Laut einer Umfrage von 2018 hätten nur neun Prozent der französischen Lehrer die Stimmung an ihrer Schule als "gespannt" bezeichnet.

Man könnte dagegenhalten: Dieser Prozentsatz entspricht in etwa den Banlieue-Zonen, wo der Islamismus grassiert. Dort sind die Spannungen wirklich die Norm. Und die Schulen oft die letzten Bollwerke der Republik gegen den Vormarsch der Religion. (Stefan Brändle aus Paris, 21.10.2020)


Aus: "Wenn das Wort des Imams stärker ist als das der Geschichtslehrer" (21. Oktober 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000121110023/wenn-das-wort-des-imams-staerker-ist-als-das-der


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« Reply #3 on: October 22, 2020, 12:02:29 PM »
"Voltaire und die Aufklärung"
Voltaire (eigentlich François-Marie Arouet * 21. November 1694 in Paris; † 30. Mai 1778 ebenda) war ein französischer Philosoph und Schriftsteller. Er ist einer der meistgelesenen und einflussreichsten Autoren der französischen und europäischen Aufklärung. ... Die dauerhafteste und letztlich weiteste Verbreitung fanden seine ab circa 1746 verfassten philosophischen Erzählungen (contes philosophiques), in welchen er zentrale Gedanken der Aufklärung auf undogmatische und unterhaltsame Weise einem breiteren Publikum näherbrachte.

Fragwürdig bleiben aber äußerungen von ihm wie von Leon Poliakov : Afrikaner hielt Voltaire für eine von Weißen verschiedene Spezies der Menschen, die mit Orang-Utans in Zeugungsgemeinschaft stehe. Oder: „Ich spreche mit Bedauern von den Juden: Diese Nation ist, in vielerlei Beziehung, die verachtenswerteste, die jemals die Erde beschmutzt hat.“
https://www.travestreifzug.de/Personen/Voltaire


Voltaire – Über die Toleranz (Lesung)
Traité sur la Tolérance (1763)
Gelesen von Friedhelm Ptok
https://youtu.be/DuqB8jaTaOw

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« Reply #4 on: October 29, 2020, 04:49:00 PM »
Sapere aude ist ein lateinisches Sprichwort und bedeutet Wage es, weise zu sein![1] Meist wird es in der Interpretation Immanuel Kants zitiert, der es 1784 zum Leitspruch der Aufklärung erklärte: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“  ...  Bereits ab 1740 nutzte die Gesellschaft der Wahrheitsliebenden (Alethophilen) und Johann Christoph Gottsched dieses Motto. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Sapere_aude

Kategorie:Aufklärung
https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Aufkl%C3%A4rung

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« Reply #5 on: December 21, 2020, 02:55:54 PM »
Quote
[...] Im Jahr 2020 über Religionskritik zu sprechen ist schwierig, weil man schlecht die Gefechte des Mittelalters wiederaufleben lassen kann. Es stellt sich die Frage, wie Menschen kritisiert werden sollen, die im 21. Jahrhunderts allen Ernstes behaupten, es gebe höhere Wesen, und sich also, ganz freiwillig und ohne Zwang, auf das intellektuelle Niveau von vor ein paar hundert Jahren begeben. Nur zu gerne würde man sich auf den Austausch der besten Propheten-, Jesus- und Messiaswitze beschränken.

Doch die letzten Dekaden haben gezeigt, dass das, was heute unter Religion firmiert, zu ernst ist, als dass man es allein mit den Mitteln der Humorkritik erledigen könnte – auch wenn einige religiöse Dogmen und Vorstellungen tatsächlich erst einmal als schlechter Witz erscheinen. Man denke nur an die Behauptung, Dschihadisten, die sich auf israelischen Gemüsemärkten in die Luft sprengen, würden im Paradies mit ein paar Dutzend Jungfrauen belohnt.

Leider geht es beim dschihadistischen Suicide Bombing und bei den aktuellen islamistischen Anschlägen nicht um eine gedankliche Schrulle, sondern um eine blutige gesellschaftliche Praxis.

Die Reaktionen auf den „Karikaturenstreit“ 2006, der Mordanschlag auf den dänischen Zeichner Kurt Wester­gaard 2010, die Ermordung von Redaktionsmitgliedern der Zeitschrift Charlie Hebdo und nun der brutale Mord an einem Lehrer in Paris, der im Unterricht einige Mohammed-Karikaturen gezeigt hatte, verdeutlichen, dass Witze, insbesondere über die islamische Religion, das Problem eher verharmlosen, als es zu erhellen.

Lustig machen könnte man sich darüber, wenn es nur das Privatunvergnügen lustfeindlicher Obskuranten wäre, sich irgendwelchen unsinnigen Ernährungs-, Abbildungs- und Sexualvorschriften hinzugeben.

Es geht keineswegs ausschließlich um die diversen Ausprägungen des Islam – jedoch aus gutem Grund in erster Linie um ebendiese: Selbstverständlich gilt es, zu allem bereiten christlichen Fanatikern entgegenzutreten, auch wenn sie die Gesellschaften, in denen sie agieren, alles andere als dominieren. Doch kaum etwas kommt an die Barbarei heran, die aktuell von den diversen Fraktionen der Muslimbruderschaft, dem „Islamischen Staat“ und anderen sunnitischen Islamisten oder der „Islamischen Republik“ im Iran repräsentiert wird.

Wenn seit Beginn des Jahrtausends ein paar harmlose Karikaturen einen mittleren Aufstand auf dem halben Globus auslösen können, wenn Gruppierungen wie die Hamas Wahlen gewinnen, wenn ein esoterischer Obskurant mit Vorlieben für feudalistische Herrschaftsstrukturen wie der Dalai Lama als Vorbild ganzer Generationen über alle politischen Grenzen hinweg fungiert, wenn die katholische Homophobie in Polen und die russisch-orthodoxe in Moskau wieder als militanter Mob in Erscheinung tritt, wenn also das schon tausendfach Totgesagte sich heute als ausgesprochen lebendig erweist – im Falle des dschihadistischen Islam als dermaßen lebendig, dass es für Ungläubige eine tödliche Bedrohung darstellt –, dann müsste man noch einmal zum Anfang zurück und sich Grundlagen der Religionskritik vergegenwärtigen.

Gleichzeitig kann man aber nicht bei solch einer allgemeinen Religionskritik stehen bleiben. Es ginge darum, deutlich zu machen, inwiefern Religionen unterschiedlich weit entfernt sind vom Gedanken materialistischer Aufklärung und Kritik; dass manch religiöse Strömung eine Vermittlung des Glaubens mit der Vernunft anstrebt, während andere die Ratio für reines Teufelszeug halten.

Dass es, worauf Max Horkheimer nachdrücklich hingewiesen hat, Formen von Religiosität wie etwa den jüdischen Messianismus gibt, die vor allem die Sehnsucht nach dem ganz Anderen bewahren, die also auch den Gedanken an eine befreite Gesellschaft in wie auch immer deformierter Form aufrechterhalten, anstatt die gewaltsame Vermittlung im falschen Bestehenden durchzusetzen. Kurz: Man müsste die Unterschiede zwischen den Religionen thematisieren.

Man dachte, über Religion sei alles gesagt, und es ist schwierig, dem, was in den letzten 300 Jahren über den Götter- und Götzenglauben festgestellt wurde, viel Neues hinzuzufügen. Kant brachte Vernunft und Mündigkeit gegen den alten Gottesglauben in Anschlag und Ludwig Feuerbach sah in der Religion die Projektion menschlicher Sehnsüchte. Marx beschrieb die Religion als Opium des Volkes, Freud ortete im Glauben kindliche Wunschvorstellungen und Sartre betrachtete Religion völlig zu Recht als Bedrohung für die menschliche Freiheit.

Schon Marx ging Mitte des 19. Jahrhunderts davon aus, dass die Kritik der Religion bereits geleistet worden sei und man sich nun mit dem gesellschaftlichen Elend beschäftigen müsse, welches das Bedürfnis nach Religion erst hervorbringt. Er sah in der Religion noch einen Doppelcharakter: Sie sei Flucht aus dem Elend, aber auch „Protestation“ gegen dieses Elend.

Doch sollte man diese Protestation nicht überschätzen, denn sie vermag kaum zu den wirklichen Ursachen des Elends vorzudringen und bleibt durch ihr Gefangensein in den religiösen Illusionen in der Regel konformistische Rebellion.

Angesichts der heutigen Stellung der christlichen Kirchen hat allerdings auch gegenwärtige, sich vornehmlich auf das Christentum konzentrierende Religionskritik im Vergleich zu ihren Vorläufern in früheren Jahrhunderten immer etwas von einer konformistischen Revolte von Leuten, die radikale Gesellschaftskritik scheuen und sich lieber in anklägerische Pose gegenüber schon längst Erledigtem werfen.

Während Giordano Bruno und all die anderen Häretiker auf dem Scheiterhaufen landeten, sind Witze über den Papst heute ähnlich subversiv wie die von Regierungsparteien vorgetragene Kritik am Kapitalismus.

Heute geht es unter anderem darum, die vorbürgerlichen Relikte im bürgerlichen Recht endlich zu beseitigen, also die Blasphemieparagrafen aus den Gesetzbüchern zu tilgen und überall dort, wo Religionsausübung jene wie auch immer beschränkten individuellen Freiheiten verletzt, welche die westlichen Gesellschaften nach der partiellen Emanzipation von christlichem Tugendterror und staatlicher Willkürherrschaft zumindest garantieren können, die Mindeststandards bürgerlicher Aufklärung durchzusetzen.

Es gilt, die Bedingungen gesellschaftskritischer Reflexion – und Religionskritik wird einer der notwendigen Bestandteile solcher Reflexion bleiben müssen – aufrechtzuerhalten. Angesichts der Reaktionen, mit denen in den letzten Jahren insbesondere Vertreter der islamischen Religion mit kräftiger Unterstützung von Kulturrelativisten jeglicher Couleur auf Kritik reagiert haben, müssen diese Bedingungen als bedroht bezeichnet werden.

Große Teile der Linken überlassen die dringend notwendige Kritik des Islam den Fremdenhassern von rechts, anstatt eine an einer allgemeinen Emanzipation und an einer über sich selbst aufgeklärten Aufklärung orientierte Kritik an der islamischen Menschenzurichtung zu formulieren.

So gesehen ist es auch gar nicht verwunderlich, dass ganz so wie nach dem Mordanschlag auf Kurt Wester­gaard auch nach dem jetzigen Mord in Paris quer durch Europa die Medien ihren Lesern und Zusehern zwar von den „umstrittenen Karikaturen“ berichteten, sich aber kaum eine führende Zeitung oder ein Sender traut, beispielsweise die Abbildung Mohammeds samt Bombe im Turban, die nach Tausenden dschihadistisch motivierten Attentaten in den letzten Dekaden ebenso naheliegend wie in ihrer Kritik zurückhaltend ist, nachzudrucken.

Es geht heute darum, die bürgerlichen Freiheiten von Leuten wie Ayaan Hirsi Ali zu verteidigen, die den Propheten einen perversen Tyrannen genannt hat, von Hiphoppern, die Jesus als Bastard titulieren, und von israelischen Poplinken, die verkünden, der Messias werde nicht kommen.

Die Frage, warum die beiden Letztgenannten ähnlich wie lange Zeit Manfred Deix mit Kritik, Empörung und schlimmstenfalls mit aberwitzigen strafrechtlichen Konsequenzen leben müssen, Ayaan Hirsi Ali aber mit Morddrohungen und Kurt Westergaard mit Mordversuchen konfrontiert waren, lässt sich nur erklären, wenn in Zukunft versucht wird, die entscheidenden Unterschiede zwischen den Religionen und ihrer jeweiligen Funktion in den heutigen Gesellschaften zu thematisieren.

Und die Reaktion auf die grauenhafte Enthauptung eines Pariser Lehrers aufgrund seines selbstverständlichen Eintretens für das kleine Einmaleins der Aufklärung kann kein abstrakter Wald- und Wiesenatheismus sein, dem alles eins ist.

Wenn Linke und Liberale sich nicht einmal angesichts solcher Brutalität zu einer konsequenten Kritik sowohl des radikalen Islamismus als auch jener Elemente des orthodox-konservativen Mehrheitsislams bequemen, welche die emanzipatorischen Errungenschaften westlicher Gesellschaften bedrohen, werden weiterhin antikosmopolitische politische Formationen mit ihrer „Islamkritik“ reüssieren, die hinsichtlich Antisemitismus, Misogynie und Homophobie vom Objekt ihrer Kritik bei weitem nicht so weit entfernt sind, wie sie gerne suggerieren.


Aus: " Plädoyer gegen abstrakten Atheismus: Das Einmaleins der Aufklärung" Stephan Grigat (20.10.2020)
Quelle: https://taz.de/Plaedoyer-gegen-abstrakten-Atheismus/!5721820/

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15610 (Profil gelöscht), 20. Okt, 17:37

Religionskritik, die sich ausschließlich auf Religion beschränkt, greift viel zu kurz. Wie steht es um den quasireligiösen Charakter politischer Ideologien ?

Grundlage für Millionen Tote war der Glaube ans dritte Reich und seine Verkünder. Das Gewissen eines Schergen der chinesischen Kulturrevolution war im Blutrausch genauso rein, wie das eines heutigen Dschihadisten - notfalls stirbt er für "richtige Sache"

Es ist vermutlich eher das alte Menschheitsthema vom Kampf für das Gute und gegen das Schlechte, das uns in unzähligen Heldenepen bis in die heutige Zeit verfolgt und eine wirkmächtige Faszination ausübt - und der leider nicht nur Literaten, sondern auch viele junge,überwiegend männliche, Menschen erliegen. Religion ist weder die einzige Quelle von Heilsversprechen, noch hat sie das Monopol auf Irrlehren.


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SchnurzelPu, 21. Okt, 08:14

Neben aller berechtigten Kritik am Islam und den Islamisten, sollten wir nicht übersehen, dass sich, als Gegenreaktion darauf, etwas auf christlicher Seite zusammenbraut.
Wenn im Pergamon Museum in Berlin 70 Ausstellungsstücke beschädigt werden, weil Attila Hildmann dort den Thron Satans verortet hat, dann läuft etwas schief in vielen Oberstuben.


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uvw, 21. Okt, 05:18

Der Unterschied zwischen einem Musikverein und einer Religionsgemeinschaft ist, dass erstgenannter keine Privilegien beansprucht.

Genau die sind das Problem. Der Mörder aus Evreux beanspruchte das Privileg, einen Menschen zu töten - den er nicht mal kannte. Die Religion gab ihm das Recht. Aus seiner Sicht legitimierte Herrschaftsausübung. Keine Religion darf Sonderrechte besitzen, die über denen des Staates stehen.

Die Konsequenz muss sein, alle Privilegien aller Glaubensgemeinschaften abzuschaffen. Denn sie sind die Basis für diese Selbstermächtigung und Entrechtung anderer.

Das umfasst eine riesige Palette an Privilegien im Arbeits- und Steuerrecht, bei Subventionen, durch automatisches Mitspracherecht in Gremien, Einfluss auf die Bildung aller, bei Verbrechen, die nach eigenem "Recht" geregelt werden dürfen, bei der Bildung von Vereinen, die normalerweise unter "terroristische Vereinigung" laufen würden, bei der Immunisierung gegen Kritik und bei der Freistellung von allgemeinen Rahmenbedingungen, die ihrem Glauben widersprechen.

Der "Freie Markt" widerspricht auch meinem "Glauben", nur kann ich mich davon leider nicht freistellen lassen.

Religionskritik geht weiter: Ideologien, die Koalitionen erlauben und hervorbringen mit alten und neuen Faschisten, mit alten und neuen Feudalisten, mit Tyrannen jeglicher Spielart, oder gleich in Personalunion das alles vereinen, sollten endlich so wahrgenommen werden. Ein Blick nach Brasilien, Polen, Indien, Türkei oder Saudi-Arabien genügt.

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Descartes, 20. Okt, 17:58

Ohne eine übernatürliche Instanz die uns vorschreibt was "gut" und was "böse" ist, sind diese Kategorien nicht objektiv feststellbar sondern bloße Meinungen (und das sage ich mal als Atheist).

Dass es bei uns heute z.B. keine Behinderten-Euthanasie gibt und Ehebruch nicht todeswürdig ist, deckt sich mit der aktuellen Mehrheitsmeinung. Das kann man aber auch anders sehen, das war auch schon mal anders, denn das ist keine Frage von "wahr" und "falsch".

Man muss sich zuerst eingestehen dass Menschenrechte, Meinungsfreiheit etc., nichts absolutes sind, nichts überall jederzeit allgemeingültiges wie die Schwerkraft, sondern nur unsere derzeitige "Leitkultur". Und die verteidigt man besser gegen jeden und nicht nur gegen Rechtsextreme, und nicht erst dann wenn die Hütte schon brennt.


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