Author Topic: Coronavirus Notizen (...)  (Read 204 times)

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Coronavirus Notizen (...)
« on: March 17, 2020, 03:00:05 PM »
COVID-19-Pandemie
Die COVID-19-Pandemie (umgangssprachlich auch Coronavirus-Pandemie, Corona-Pandemie, Coronavirus-Krise oder Corona-Krise) ist ein Ausbruch der neuartigen Atemwegserkrankung COVID-19 (oder „Covid-19“, für engl. corona virus disease 2019). Diese Erkrankung war erstmals Ende Dezember 2019 in der Millionenstadt Wuhan der chinesischen Provinz Hubei auffällig geworden, entwickelte sich im Januar 2020 in der Volksrepublik China zur Epidemie und breitete sich schließlich weltweit aus. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/COVID-19-Pandemie

https://de.wikipedia.org/wiki/COVID-19-Epidemie_in_Deutschland

https://de.wikipedia.org/wiki/COVID-19-Epidemie_in_Italien

https://de.wikipedia.org/wiki/COVID-19-Epidemie_in_Frankreich

https://de.wikipedia.org/wiki/COVID-19-F%C3%A4lle_in_der_Schweiz_und_Liechtenstein

https://de.wikipedia.org/wiki/COVID-19-F%C3%A4lle_in_%C3%96sterreich

https://de.wikipedia.org/wiki/COVID-19-Epidemie_in_Spanien

https://de.wikipedia.org/wiki/COVID-19-Epidemie_in_S%C3%BCdkorea

https://de.wikipedia.org/wiki/COVID-19-Epidemie_in_den_Vereinigten_Staaten

https://de.wikipedia.org/wiki/COVID-19

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COVID-19 Coronavirus Pandemic
https://www.worldometers.info/coronavirus/
« Last Edit: March 26, 2020, 11:05:38 AM by Link »

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Coronavirus Notizen (...)
« Reply #1 on: March 17, 2020, 03:21:27 PM »
"Corona in den USA - Donald Trump spricht von „China-Virus“" (17.03.2020)
17.03.2020,11.30 Uhr: Die chinesische Regierung hat mit „großer Empörung“ auf eine Twitter-Botschaft von US-Präsident Donald Trump reagiert, in der dieser das neuartige Coronavirus als „China-Virus“ bezeichnet hatte. Die Verknüpfung des Virus mit China sei eine „Art Stigmatisierung“, sagte der Sprecher des chinesischen Außenministeriums, Geng Shuang, am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Peking.
Die Regierung in Peking sei „zutiefst empört“ und stelle sich gegen Trumps Äußerungen, betonte Geng. Die angespannten Beziehungen zwischen China und den USA haben sich im Zuge der Corona-Krise weiter verschlechtert. Bereits die US-Einreisebeschränkungen für Chinesen zu Beginn der Epidemie in der Volksrepublik hatten in Peking für Wut gesorgt. ...
https://www.fr.de/politik/coronavirus-curevac-sars-cov-2-donald-trump-getestet-leben-kommt-erliegen-zr-13599298.html

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"China gibt USA die Schuld am Ausbruch des Coronavirus Wie Desinformation in Zeiten von Corona funktioniert" Claudia von Salzen (16.03.2020)
US-Militärs könnten das Coronavirus nach Wuhan gebracht haben, behauptet Chinas Außenamtssprecher - und beruft sich auf eine Webseite mit Verschwörungstheorien. ... All das weckt Erinnerungen an die „Operation Infektion“ in den 80er Jahren: Damals streuten der sowjetische Geheimdienst KGB und die Stasi gezielt das Gerücht, die neue Krankheit Aids sei als Biowaffe in einem US-Labor entwickelt worden. Ein erster entsprechender Bericht erschien in einer Zeitung in Indien, die lange zuvor vom KGB gegründet worden war. Diese Aktion gilt als eine der bekanntesten Desinformationskampagnen – und zeigt, nach welchem Lehrbuch autoritär regierte Staaten wie Russland und China bis heute arbeiten. ...
https://www.tagesspiegel.de/politik/china-gibt-usa-die-schuld-am-ausbruch-des-coronavirus-wie-desinformation-in-zeiten-von-corona-funktioniert/25649432.html

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"Banken besorgen sich supergünstig Geld von der EZB" (17.03.2020)
.... Banken haben sich von der Europäischen Zentralbank (EZB) in einem ersten neuen Geschäft dieser Art Geldspritzen zu supergünstigen Zinskonditionen gesichert. Die Währungshüter wollen mit den Geldsalven angesichts der Coronavirus-Krise die Liquiditätsversorgung der Banken sicherstellen und den Kreditfluss an die Wirtschaft unterstützen. ...
https://www.manager-magazin.de/finanzen/artikel/coronavirus-krise-banken-bei-superguenstigem-geld-der-ezb-zu-a-1305500.html

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"Tafeln schließen wegen der Ausbreitung des Coronavirus" (14.03.2020)
... In den Tafeln kommen viele Menschen in teils engen Räumen zusammen. Besonders herausfordernd sei es für die Tafeln, dass rund 90 Prozent der 60.000 Ehrenamtlichen zu den älteren Menschen und damit zur besonders schützenswerten Gruppe gehören. Der Bundesvorsitzende des Hilfsorganisation, Jochen Brühl, sagte, "die Menschen, die zu uns kommen, brauchen die Unterstützung. Doch genau die kann jetzt auch zur Gefahr für die Gesundheit werden." Brühl appellierte an die jüngere Bevölkerung, kurzfristig ältere Helfer zu ersetzen. ... Für die Tafeln bedeuten Schließungen auch wirtschaftliche Probleme, denn sie finanzieren sich neben Spenden auch über die kleinen Beträge, die Nutzerinnen und Nutzer für die Lebensmittel zahlen. Auch wenn die Tafeln geschlossen haben, laufen Kosten wie Miete für Ausgabestellen und Lager, Versicherung für die Fahrzeuge weiter. "Wir erwarten, dass die Politik unsere gemeinnützige Organisation jetzt unterstützt, um langfristige Schließungen der Tafeln zu verhindern", sagte Jochen Brühl. ...
https://www.evangelisch.de/inhalte/167182/14-03-2020/tafeln-schliessen-wegen-der-ausbreitung-des-coronavirus

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"Robert-Koch-Institut setzt Risikostufe auf „hoch“" (17. März 2020)
Berlin Das Robert-Koch-Institut hat seine Risikoeinschätzung für das Coronavirus geändert. Durch den starken Anstieg der Fallzahlen wird die Gesundheitsgefahr für die Bevölkerung jetzt als „hoch“ eingestuft. Wieler betonte, das Risiko für die Bevölkerung variiere von Region zu Region und könne regional auch "sehr hoch" sein wie im Landkreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen. Das ist die höchste Gefährdungsstufe in Deutschland. Bislang galt die Gefährdung für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland durch Corona als insgesamt "mäßig".
Allerdings steigen die Fallzahlen derzeit rapide. Die Zahl der bestätigten Coronafälle in Deutschland lag am Montagabend laut RKI bei 6012 Infizierten - das waren mehr als 1100 Fälle mehr als am Vortag. Offiziell wurden bislang 13 Todesfälle durch Corona gemeldet. Die in der US-Stadt Baltimore ansässige Johns-Hopkins-Universität ging unterdessen am Dienstagmittag bereits von knapp 7600 bestätigten Infektionen in Deutschland aus.
Wieler räumte ein, es müsse davon ausgegangen werden, dass die Erkrankungszahlen wesentlich höher seien, als sie dem RKI übermittelt würden. Entscheidend für die Experten sei die "Dynamik", also die Geschwindigkeit, mit der sich die Fallzahlen entwickelten. Der RKI-Präsident bekräftigte zugleich, es müsse weiterhin alles getan werden, um die Ausbreitung einzudämmen, damit das Gesundheitssystem nicht überlastet werde. ...
https://rp-online.de/panorama/coronavirus/coronavirus-robert-koch-institut-sieht-hohe-gesundheitsgefahr_aid-49596455

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"Kassiererin über den Corona-Lockdown „Heute war es so schlimm wie nie zuvor!“" (17.03.2020)
Abstand halten? Für Einzelhandelskauffrau Farina Kerekes keine Option. Statt Dank für ihren Job zu bekommen, wird sie von Kunden beschimpft. Ein Protokoll. Julia Prosinger
Farina Kerekes, 30, ist Einzelhandelskauffrau in einem Supermarkt im Ruhrgebiet. Auf Twitter hat sie am Wochenende ihrem Ärger über Kunden Luft gemacht, die in der Corona-Krise alle Manieren vergessen. Im Tagesspiegel spricht sie nun ausführlich über ihre Erfahrungen ...
https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/kassiererin-ueber-den-corona-lockdown-heute-war-es-so-schlimm-wie-nie-zuvor/25651004.html

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"Die doppelte Hölle von Lesbos" Katja Demirci Frank Jansen Annette Kögel Sebastian Leber Kai Müller (17.03.2020)
Bis das Coronavirus das griechische Lager Moria erreicht, ist nur eine Frage der Zeit.
Es trifft dort auf 20.000 Menschen, Gewalt – und besten Nährboden. Dass ihre Insel nun weltweit als Insel der Faschisten in den Medien auftaucht, mache sie unglücklich. „Aber die Menschen sind sauer.“ Nicht auf die Flüchtlinge – auf die griechische Regierung, die Lesbos und seine Bewohner ihrem Schicksal überlässt.
Unter so vielen Flüchtlingen seien auch Kriminelle, Diebe. Dass sich viele Inselbewohner darüber aufregen, hätten sich Rechtsradikale zunutze gemacht – und beinahe die Überhand gewonnen. Doch den Mob, der ab Ende Februar pöbelnd und prügelnd über die Insel zog, fanden die Einwohner abstoßend, sagt Chatzidakis.
Noch vor einer Weile hätten etwa 270 Menschen im Lager gearbeitet, angestellt von der Regierung, mittlerweile seien es noch rund 30. „Sie haben früher schon einmal versucht, das Leben für die Flüchtlinge so hart zu machen wie möglich.“ Damit bloß niemand mehr kommen wolle. Es hat nicht funktioniert.
https://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/coronavirus-trifft-auf-fluechtlingskrise-die-doppelte-hoelle-von-lesbos/25649140.html


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Coronavirus Notizen (...)
« Reply #2 on: March 17, 2020, 03:25:26 PM »
Quote
[...] Italien führt einen zunehmend verzweifelten Kampf gegen das Coronavirus. In den Krankenhäusern fehlen Betten, das medizinische Personal ist überlastet. Besonders in der norditalienischen Region Lombardei hat sich die Lage in den vergangenen Tagen zugespitzt: Die Region ist im Zentrum des Coronavirus-Ausbruchs, mit 15.000 Infizierten (Stand: Montag) ist sie weiterhin am heftigsten betroffen.

Besonders dramatisch ist die Situation in den Provinzen Bergamo und Brescia, die inzwischen als die beiden wichtigsten Infektionsherde des Landes gelten. Aus Bergamo werden täglich rund 300 neue Fälle gemeldet, in Brescia sind es etwa 250; etwa jeder zehnte von ihnen benötigt Intensivpflege oder muss zumindest mit zusätzlichem Sauerstoff versorgt werden.

Doch dafür gibt es nicht genügend Intensivbetten. Die Ärzte müssen priorisieren. „Wenn jemand zwischen 80 und 95 Jahre alt ist und große Atemprobleme hat, reservieren wir die wenigen noch vorhandenen Plätze in den Intensivstationen für Patienten mit größeren Überlebenschancen. Das gleiche gilt, wenn eine mit dem Virus infizierte Person eine Insuffizienz in drei oder mehr lebenswichtigen Organen aufweist“, erklärte der Narkosearzt Christian Salaroli aus Bergamo schon vor einigen Tagen.

Diese Patienten kommen in der Regel direkt in die Palliativ-Medizin, also in die Abteilung der Sterbenden. In der Lombardei stirbt laut aktuellen Zahlen jeder zehnte Covid-19-Erkrankte an den Folgen des Virus. Damit ist die Sterberate rund dreimal so hoch wie im Rest Italiens. Allein die Lokalzeitung "L'Eco di Bergamo" veröffentlichte zuletzt zehn Seiten Todesanzeigen mit jeweils rund 150 Namen und musste ihren Seitenumfang deshalb erhöhen.

Laut einem leitenden Redakteur, den die "Washington Post" zitiert, haben die Todesanzeigen normalerweise einen Umfang von zwei oder drei Seiten. 90 Prozent der Sterbefälle seien auf das Virus zurückzuführen. Die meisten Toten sind 70 Jahre oder älter.

Durch das Versammlungsverbot sind normale Beerdigungen nicht mehr möglich – ohnehin sind die engsten Angehörigen meist selbst in Quarantäne und können nicht teilnehmen. Viele Menschen sterben in abgeschirmten Räumen. Die Särge reihen sich derweil in den Krematorien auf. Für die Beerdigungen gibt es Wartelisten.

In Italien rechnen viele Experten bald mit einem Höhepunkt der Ansteckungswelle. „Wir erwarten, dass es sich in den kommenden Tagen, bis Sonntag, zeigt, ob sich die Entwicklung verlangsamt“, sagte der für die Lombardei zuständige Koordinator Giulio Gallera am Dienstag nach Angaben der Nachrichtenagentur Ansa für seine Region.

Die Krankenhäuser versuchen derweil durch Reorganisation weitere Betten für COVID-19-Patienten zur Verfügung zu stellen. Ganze Abteilungen wurden geräumt und zu Stationen der Intensivtherapie umfunktioniert. Doch der Schließung bestehender Abteilungen sind Grenzen gesetzt: Die medizinische Betreuung der anderen Kranken muss ebenfalls sichergestellt werden.

Deshalb wird inzwischen auch die Einrichtung von Feldlazaretten erwogen. In Brescia soll auf dem Messegelände in den nächsten Tagen ein neues Lazarett für 200 Lungen-Patienten entstehen. Dasselbe plant auch Regionalpräsident Attilio Fontana in der "Fiera di Milano". Dort sollen 500 Betten für Covid-19-Patienten geschaffen werden.

Die Lombardei  ist weiterhin die am schwersten betroffene Region, gefolgt von der Emilia-Romagna, dem Veneto, den Marken, Piemont und der Toskana. Das ganze Land war am 11./12. März zum Sperrgebiet erklärt worden. Insgesamt sind rund 28 000 Fälle bisher registriert.


Aus: "Wo die Regionalzeitung zehn Seiten Todesanzeigen druckt" Jana Heigl (17.03.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/coronavirus-krise-in-norditalien-wo-die-regionalzeitung-zehn-seiten-todesanzeigen-druckt/25651970.html

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Quote
[...] Schon heute steht fest, dass der Coronakrise von 2020 in künftigen Geschichtsbüchern ein ausgedehnter Beitrag gewidmet werden wird. Unabhängig vom weiteren Verlauf ist ihre Einzigartigkeit unbestritten. Die rasche Ausbreitung des Virus, die Stilllegung des öffentlichen Lebens in vielen Teilen der Welt und die unablässige Nachrichten- und auch Spekulationsflut hat es in dieser Form noch nie gegeben. Pandemien jedoch schon. Eine der größten liegt etwas mehr als 100 Jahre zurück.

Zwischen 1918 und 1920 erfasste die Spanische Grippe den gesamten Erdball und forderte 50 Millionen Todesopfer, die im Schatten des Ersten Weltkriegs in der Erinnerungskultur vergleichsweise wenig Beachtung fanden. Gedenkstätten für die Grippeopfer gibt es nicht, obwohl die Zahlen eindrücklich sind: Allein in den USA starben 675.000 Zivilisten und damit mehr US-Amerikaner als auf den Schlachtfeldern in den beiden Weltkriegen. In Deutschland kamen 544.000 Menschen ums Leben. In Indien wurden sechs Prozent der gesamten Bevölkerung ausradiert, das entspricht 18,6 Millionen Menschen. In China waren es zwei Prozent (9,5 Millionen Menschen).

Seuchen dehnten sich früher nur so schnell aus, wie ein Reisender zu Fuß oder mit der Pferdekutsche ins nächste Dorf ziehen konnte. Die Welt von 1918 war aber schon wesentlich mobiler und stärker vernetzt. Über Schiffe, Züge und Automobile konnte sich das Virus rasant verbreiten. Kein Teil der Erde blieb dabei verschont - von den Stränden Brasiliens über die Häfen Südostasiens bis hin zu den großen Metropolen. "In den Zügen und Straßenbahnen war die Verzweiflung auf den Gesichtern der Reisenden abzulesen. Es wurde nur noch über die besonders traurigen Todesfälle gesprochen." Dieser Satz stammt nicht aus einer italienischen Tageszeitung der letzten Tage, sondern aus einem Tagebucheintrag von Caroline Playne, die ihre Eindrücke aus London im Jahr 1918 schilderte.

 Der Influenza-A-Virus H1N1, so die Fachbezeichnung für die Spanische Grippe, war statistisch gesehen vor allem für Menschen zwischen 18 und 40 Jahren tödlich. Jene mit einem besonders widerstandsfähigen Immunsystem raffte es dahin, weil das Virus einen Zytokinsturm - eine Überreaktion des Immunsystems - auslöste. Gerade deshalb hingen der Erste Weltkrieg und die Spanische Grippe unmittelbar miteinander zusammen. Viele Forscher gehen heute davon aus, dass die Grippe erstmals im Fort Riley, einem militärischen Stützpunkt im US-amerikanischen Bundesstaat Kansas, auftrat. Das war im März 1918, einige Wochen, bevor die Soldaten die Schlachtfelder in Frankreich erreichten und sich das Virus in Europa verbreitete.

Die Schützengräben waren ohnehin schon von Ratten bevölkert. Ein Geruch von Eiter und Exkrementen lag in der Luft. Die Spanische Grippe gab vielen Soldaten, also den jungen Männern mit eigentlich starkem Immunsystem, den Rest. Wenn die ersten Symptome sichtbar wurden, begannen sie unablässig zu niesen, zu husten und sich zu übergeben. "Ich war so fiebrig, dass ich Angst hatte, meine Kleidung würde zu brennen beginnen. Ich hatte einen so starken Husten, dass er meine Eingeweide nach außen brachte, wenn ich ihn nicht mehr unterdrücken konnte", schrieb der US-Soldat Franklin Martin. Neben der Hölle des Stellungskriegs kam die unsichtbare Gefahr der Grippe hinzu, von der auch die Mediziner wenig bis gar nichts verstanden. Die Influenzaviren wurden erst 1933 entdeckt.

 Dafür reagierten Verschwörungstheoretiker und Kriegspropagandisten. Die "New York Times" berichtete, dass die Grippe nur die Deutschen befallen habe und forderte, das Phänomen in "Deutsche Grippe" umzubenennen. Ansonsten aber waren die Einträge in den Notizbüchern der Kriegsberichterstatter nutzlos, denn sowohl die Alliierten als auch die Deutschen verhängten strenge Zensurregelungen und erlaubten keine Mitteilungen über die zahlreichen Grippekranken an der Front.

So kam auch der Name "Spanische Grippe" zustande. Die neutralen Iberer berichteten munter über die Zustände an der Front, während sich das Virus in Madrid im Mai 1918 ausbreitete und auch König Alfonso XIII. aufs Krankenbett zwang. Einige britische und französische Zeitungen umgingen die Zensur und druckten die Artikel der Spanier ab, während sich in der Öffentlichkeit langsam der Begriff der Spanischen Grippe etablierte, obwohl das Virus auf keinen Fall dort entstand. Die Spanier waren darüber keineswegs erfreut, sodass sie die Franzosen für den Ausbruch der Grippe verantwortlich machten. Eine Welle von Fake News und ein weit verbreiteter Trieb, andere als Auslöser einer Pandemie zu beschuldigen, sind insofern nicht nur Charakteristika der Coronakrise.

Ähnlich verhält es sich beim Rassismus, der gerade in den ersten zwei Monaten dieses Jahres vielfach zu beobachten war. Auf internationalen Messen oder selbst in den Innenstädten Europas wurden Chinesen und solche, die für Chinesen gehalten wurden, kritisch beäugt. Die Zeitgenossen von 1918 standen dem in nichts nach. Viele US-Amerikaner sahen die italienischen und jüdischen Einwandererviertel als "Brutstätten der Pandemie". Da unter Juden die Tuberkulose verbreitet war, urteilten einige Beobachter in New York, dass der "jüdische Körper minderwertiger als der christliche" wäre.

Auf dem afrikanischen Kontinent, der bis auf Äthiopien unter europäischer Kolonialherrschaft stand, wütete ebenfalls die Grippe und zog die Bevölkerung in Städten wie Lagos und Kapstadt erheblich in Mitleidenschaft. Eine solche Grippewelle war für die Ureinwohner etwas komplett Neues, weshalb sie rasch zu dem Urteil kamen, dass es sich um die "Grippe des weißen Mannes" handeln musste. Südafrikanische Zeitzeugen schrieben etwa, die Grippe wäre ein "Mittel der Europäer, um die einheimischen Rassen Südafrikas endgültig auszulöschen." Auf der anderen Seite sahen die Kolonialisten die mangelnde Hygiene der Schwarzen als Hauptgrund für die Verbreitung und erzwangen starke Segregation. Obwohl die Apartheid in Südafrika offiziell erst 1948 begann, hatte sie ihre Ursprünge in der Grippewelle von 1918.

Effektive Gegenmaßnahmen, um das Virus zu bekämpfen, gab es nicht. Albert Marrin urteilt etwa in seinem Buch "Very, Very, Very Dreadful" (zu Deutsch: "Sehr, sehr, sehr schrecklich"), dass beispielsweise die Vereinigten Staaten unter einer schwachen Führung zu leiden hatten. Rupert Blue, der Sanitätsinspekteur der USA, empfahl im Herbst 1918, alle öffentlichen Einrichtungen, in denen sich das Virus am leichtesten ausbreiten könnte, zu schließen. Es blieb bei einer Empfehlung. "Während der gesamten Pandemie gab es keine einheitlichen Regelungen für öffentliche Räume", schreibt Marrin. "Es existierte keine zentrale Autorität mit ausreichender Macht. Jede Stadt war auf sich gestellt und musste das befolgen, was gewählte Vertreter für das Beste hielten."

Nur wenige reagierten geistesgegenwärtig wie St. Louis' Bürgermeister Henry Kiel und insbesondere der städtische Gesundheitsbeauftragte Max Starkloff, der öffentliche Versammlungen verbot, Schulen und Kneipen schloss. Vielfach mussten sich die Menschen selbst helfen. Oder sie suchten in der Verzweiflung Hilfe bei Scharlatanen, baten bei Gottesdiensten um Vergebung oder probierten Drogen wie Heroin und Morphium aus. Derweil entwickelten sich weiße Schutzmasken aus Baumwolle, die eigentlich nur Chirurgen und Krankenschwester trugen, zu einer Art Modeaccessoire. Das Rote Kreuz verteilte Millionen dieser Masken. Sie wurden von Spielern beim Baseball ebenso wie von Sekretärinnen im Büro getragen, für Kettenraucher gab es ein eingebautes Loch. Der Bürgermeister von San Francisco sagte geradeheraus: "Jeder, der seine Maske vergisst, wird sterben." Aber durch die Straßen von San Francisco, New York oder London strömten weiterhin jeden Tag Menschenmassen und verbreiteten das Virus.

Im Umgang mit dem Virus waren die Reaktionen sehr ähnlich wie heute. Erst wurde das Problem heruntergespielt, dann wurden andere beschuldigt und irgendwann kam die Einsicht, dass die Pandemie nur schwer aufzuhalten war. Die politischen Führer reagierten viel zu spät oder überhaupt nicht, weil eine andere Angelegenheit - namentlich der Krieg - Vorrang hatte. Statt radikale Ausgangssperren für einen überschaubaren Zeitraum zu verhängen, blieb es bei halbherzigen Maßnahmen, sodass über zwei Jahre hinweg insgesamt drei Ausbreitungswellen auftraten, die viele Millionen Menschen das Leben kosteten und die Gesundheit vieler weiterer Millionen nachhaltig schädigten. Die moderne Medizin hat seitdem viele Fortschritte gemacht, aber die Fehler von einst wiederholen sich in diesen Tagen dennoch.


Aus: "Spanische Grippe und Corona Wie sich Fehler wiederholen" Constantin Eckner (16. März 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/panorama/Wie-sich-Fehler-wiederholen-article21644456.html

« Last Edit: March 17, 2020, 04:55:03 PM by Link »

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Coronavirus Notizen (...)
« Reply #3 on: March 17, 2020, 04:59:43 PM »
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[...] Am 5. März fuhr ich zusammen mit fünf Freunden für drei Tage nach Ischgl zum Skifahren. Das Skigebiet ist traumhaft und auch für sein Après-Ski-Leben ist die Partyhochburg im Tiroler Paznauntal ja hinlänglich bekannt. Bevor wir abfahren, googelte ich sorgfältig: Könnte dort eine Corona-Gefahr drohen? Es fand sich nichts – die Region war offensichtlich sicher.

Heute wissen wir, dass die Realität eine völlig andere war: Wir fuhren direkt in den schlimmsten Corona-Hotspot außerhalb Italiens. In nur drei Tagen steckten sich alle sechs Mann aus unserer Gruppe dort mit dem Coronavirus an. Und wir sind nicht allein: Mehr als 130 Dänen haben sich laut dänischen Zeitungsberichten dort angesteckt, ähnlich viele Ischgl-Infizierte meldet Norwegen. Dutzende von Corona-Infizierten mit Ischgl-Hintergrund sind in Hamburg dokumentiert, in Deutschland insgesamt sind Ischgl-Opfer in rund 20 Landkreisen bekannt. Tendenz steigend. Viele davon haben vermutlich wieder andere Menschen angesteckt – ein kleiner Skiort verbreitet das Virus durch halb Europa.

Ischgl selbst gibt sich ratlos: "Wir haben gehandelt, wie die Behörden es uns vorgegeben haben", sagte Bürgermeister Werner Kurz. Die Frage ist aber: Hat man rechtzeitig gehandelt? Denn die Partyhochburg Ischgl lief noch tagelang auf Hochtouren weiter, als man längst gewarnt hätte sein sollen. Tanzen in der Menge, Biergläser, die von Hand zu Hand gehen.

Denn erste Hinweise gab es spätestens am 3. März, wie das österreichische Portal OE24 recherchierte. Diese aber seien "verschwiegen" worden. Am 29. Februar nämlich landete im isländischen Keflavik eine Maschine der Icelandair, an Bord eine Gruppe von 14 isländischen Ischgl-Urlaubern. Mehrere davon hatten den Corona-Erreger im Körper, wie Tests später ergaben. Doch Österreichs Behörden sahen von einer Warnung ab, die dem Urlaubsgeschäft in Ischgl natürlich einen schweren Dämpfer versetzt hätte.

Es sei aus medizinischer Sicht "wenig wahrscheinlich, dass es in Tirol zu Ansteckungen gekommen ist", befand Tirols Landessanitätsdirektor Franz Katzgraber. Die Reisenden hätten sich wohl bei einem erkrankten Italien-Urlauber angesteckt, der ebenfalls in der Maschine saß.

Somit ging das Après-Ski-Treiben weiter, als ob nichts gewesen wäre. Viele Urlauber wechseln an den Abenden von einer der überfüllten Après-Kneipen in die nächste, vom "Trofana" ins "Schatzi" und weiter ins "Kitzloch". Das Virus, das wissen wir heute, dürfte mit dabei gewesen sein.

Im "Kitzloch" kam die angeblich heile Skiwelt ins Wanken. Es dauerte bis zum 7. März, da meldete der Skiort den ersten verbürgten Corona-Fall: Ein 36-jähriger deutscher Barkeeper im "Kitzloch" wurde positiv getestet. Wenig später wurde dann bekannt, dass sich 15 Personen aus seinem "direkten Arbeitsumfeld" ebenfalls angesteckt haben. Wenig beruhigend, wenn man weiß, dass Angestellte des "Kitzloch" sich regelmäßig mit Tabletts durch die Menge quetschten, die mit bis zu 100 Schnapsgläsern auf einmal gefüllt sind.

Selbst dann dauerte es noch, bis wirkungsvolle Konsequenzen eingeleitet wurden. Erst am 10. März verfügen die Behörden die Schließung aller Après-Lokale – bis dahin ging die Party weiter. Und möglicherweise Hunderte, Tausende infizierte Urlauber reisten völlig ungeprüft nach Hause zurück.

Dann aber rollte die Lawine – Skigebiet geschlossen, gesamte Region unter Quarantäne gestellt, alle Urlauber nach Hause. "Gier und Versagen in Tirol" – diesen Schluss zog jetzt der österreichische "Standard". Er spricht von einem "Versagen der regionalen Ebene", das auch von den Wiener Behörden nicht rechtzeitig korrigiert worden sei.

Womöglich war die Wegschau-Mentalität in Ischgl und Umgebung sogar noch ausgeprägter. Angestellte vor Ort berichten ntv.de vertraulich, es habe schon seit Wochen Erkrankte gegeben, bei denen ein Corona-Verdacht nahe gelegen habe: "Zwischendurch haben 50 Prozent gehustet und gerotzt". Doch niemand sei an Tests interessiert gewesen – nicht mal die Angestellten selbst. Viele davon stammen aus Osteuropa, insbesondere der Slowakei und seien auf ihr Einkommen angewiesen. Wer sich testen lassen wollte, heißt es vor Ort, dem sei gesagt worden, er müsse die Kosten dafür selbst tragen.

Diese Anschuldigungen sind weder bewiesen, noch lassen sie sich derzeit verifizieren. Aber sie würden erklären, warum Corona-Fälle in Ischgl und Umgebung derart explodierten.

ntv.de sprach auch mit einem Hotelier auf der anderen Seite der Grenze, in Südtirol. Dieser berichtet, es sei schon seit geraumer Zeit darüber gesprochen worden, dass in den Skiorten des Paznauntals offenbar wenig Interesse bestehe, Corona-Verdachtsfällen auf den Grund zu gehen. Während in Südtirol die Hotels auch in Gegenden schlossen, in denen es noch keinen Corona-Fall gab, lief in Ischgl das Programm weiter – er persönlich finde das einen "Wahnsinn", sagte uns der Hotelier.

Das löste einen Domino-Effekt aus. Carsten und Bellinda Willschrey zum Beispiel waren vom 29. Februar bis zum 7. März in Ischgl. Als sie sich am Montag zu Hause aufgrund von Corona-ähnlichen Beschwerden testen lassen wollten, war ihr Arzt skeptisch: Ischgl sei doch kein Risikogebiet, es stehe nicht auf der Liste des Robert-Koch-Instituts. Erst zwei Tage später fand der Test dann statt. Beide hatten sich angesteckt.

Wie viele solcher Fälle gibt es noch? Es hätte anders laufen können, ja müssen – wenn man im Paznauntal nicht so lange die Augen verschlossen und zugelassen hätte, sodass Ischgl zur Drehscheibe für das Coronavirus wurde.


Aus: "Wie das Coronavirus von Ischgl aus Europa infizierte" Christof Lang (17. März 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/panorama/Wie-das-Coronavirus-von-Ischgl-aus-Europa-infizierte-article21648085.html

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Coronavirus Notizen (...)
« Reply #4 on: March 19, 2020, 10:00:19 AM »
Quote
[...] Italien bleibt Hauptbetroffene des Virus. Am Mittwochabend veröffentlichte die Zivilschutzbehörde eine neue schockierende Zahl: In den 24 Stunden seit der letzten Bekanntmachung starben 475 Menschen an Covid-19. Italiens Medien wiesen darauf hin, dass selbst China solche Totenziffern nie an einem einzigen Tag hatte. ...


Aus: "Ein Drittel der Italiener ignoriert die Ausgangssperre" Andrea Dernbach (19.03.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/virus-todeszahlen-steigen-sprunghaft-ein-drittel-der-italiener-ignoriert-die-ausgangssperre/25657140.html


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Coronavirus Notizen (...)
« Reply #5 on: March 19, 2020, 10:36:15 AM »
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[...] Sonst ist um diese Jahreszeit nicht viel los in den Hamptons, der New Yorker Goldküste, wo die reichen Menschen gerne ihre Sommer verbringen. Die Villen im Stil englischer Landhäuser, französischer Chateaus oder italienischer Renaissance-Paläste, gebaut mit den Erlösen aus erfolgreicher Hedgefonds-Spekulation und Private Equity Deals, sind noch eingemottet. Selbst die Sträucher und Bäume in den parkartigen Gärten drum herum sind sorgfältig mit Jutesäcken verpackt, um sie vor der harschen Atlantikwitterung zu schützen.

In den einstigen Fischer- und Bauerndörfern harren normalerweise nur wenige Einheimische in der kalten Jahreszeit aus. In den Schaufenstern von Boutiquen wie Intermix hängen im Sommer Designerstücke wie Kleider von Brock Collection mit Blumenmuster für 1.910 Dollar. Auf einem Schild steht, man freue sich, die erlesene Kundschaft in der neuen Saison 2020 begrüßen zu dürfen.

Doch am vergangenen Freitag waren alle Parkplätze entlang der Main Street in Southampton voll: Mercedes, Porsche, Jaguar – alle Luxusmarken der Welt aneinandergereiht. Im populären Laden Cheese Shoppe, der Sandwiches und Panini mit Namen wie "Firenze" oder "Mt. Fuji" für 11,95 Dollar anbietet, werden die Kunden mit Desinfektionsmittel empfangen. "Seit gestern herrscht Hochbetrieb, die Leute sind massenhaft aus der City gekommen", sagt Nicole, eine Mittzwanzigerin, die hier bedient und nur ihren Vornamen nennen will.

Die Menschen von der noblen Upper East Side in Manhattan haben ihre Koffer gepackt, nachdem Andrew Cuomo, Gouverneur von New York, Versammlungen von mehr als 500 Menschen untersagt hatte und die Theater am Broadway geschlossen wurden. Wohltätigkeits-Galas und Dinners wurden hastig abgesagt. Die Horace Mann School, wo ein Unterrichtsjahr 53.000 Dollar kostet, schickte alle Schüler nach Hause, nachdem dort ein Coronafall bestätigt wurde.

Skiurlaub in den Edel-Lodges von Aspen schien auch nicht mehr opportun, nachdem ein Gast aus Australien in dem Rocky-Mountain-Ort positiv getestet wurde. "Staycation in the Hamptons! Wie das Coronavirus Park Avenues Ferienpläne zerschießt", titelte Town & Country, die Postille der Ostküsten-Geldaristokratie.

In dem Bericht beschwert sich Jill Kargman, die als "Autorin, Schauspielerin und Upper East Side Mom" vorgestellt wird, über das selbstgewählte Corona-Exil: "Ich bin süchtig nach New York, ich würde lieber an Corona sterben, als an Langeweile einzugehen!" Krista Krieger, Vorsitzende des Non-Profit-Organisation Empowers Africa, die laut Webseite "menschliches Empowerment, Wildtier- und Umweltschutz in Sub-Saharah Afrika" fördert, klagt derweilen, dass ihre Tochter, eine Oberstufenschülerin, nun nicht den geplanten Schulausflug auf die Bahamas machen darf.

Eltern kleinerer Kinder sorgen sich wegen ihrer Nannys – oder besser gesagt wegen der Möglichkeit, dass die Kinderfrauen das Virus einschleppen. Sie sind oft Immigrantinnen, die in den Außenbezirken der Stadt wohnen. "Soll man sie noch mit der U-Bahn fahren lassen oder ist Uber besser?", lautet eine Frage auf Park Slope Parents, einem Onlineforum für das bei betuchteren Familien angesagte Viertel in Brooklyn.

Die Panik führt zu Hamsterkäufen auf hohem Niveau. Aus Morells Weinladen in East Hampton laufen die Kunden nun mit Kisten statt mit einzelnen Flaschen aus der Tür. Nebenan bei Citarella ist Verkäuferin Elidia noch immer fassungslos:  "Die Leute haben gekauft wie verrückt, egal, was!" Die drei Hamptons-Filialen des Delikatessentempels – zu den Spezialitäten gehört frischer Hummer – verzeichneten 50 Prozent mehr Umsatz.

"Statt eine Ecke von dem Käse zu ordern, nehmen die Leute gleich den ganzen Laib mit", sagte Helen Gurrera, die Geschäftsführerin des Einzelhändlers dem New York Magazine. Und Lobel's, ein New Yorker Traditionsmetzger, erhielt laut dem Magazin von einem offenbar von Angst geplagten Kunden eine Bestellung in Höhe von 10.000 Dollar für 100 Steaks, 100 Lammkoteletts, 100 Hühnerbrüsten und anderen Spezialitäten.

Doch auch die Wohlhabenden stoßen auf Beschränkungen in der neuen Zeit. So berichtete ein empörter New Yorker dem Finanznachrichtendienst Bloomberg, er habe 30.000 Dollar von seinem Konto bei der Chase-Bankfiliale in den Hamptons abheben wollen, doch der Angestellte habe ihm mitgeteilt, das Limit seien 10.000 Dollar. JPMorgan Chase, die größte Bank nach Bilanzsumme, erklärte auf Anfrage Bloombergs, die Filialen verfügten über genug Bargeld.

Die New York Times berichtete von einer Bank-of-America-Filiale in Manhattan, der die 100-Dollar-Scheine ausgingen, nachdem mehrere Kunden bis zu 50.000 Dollar abhoben. Charterunternehmen für Privatjets müssen ihrer Kundschaft sagen, dass auch sie den Reisebeschränkungen unterliegen. Auch wenn diese teilweise bis zu 150.000 Dollar für einen Platz an Bord bieten.

Und die Corona-Quarantäne könnte unerwartete Nebenwirkungen für das Jetset-Leben haben: "Die ganze Upper East Side wird sich danach scheiden lassen", erklärte eine Society Lady nur halb im Scherz. "Die Leute verbringen mehr Zeit mit der Familie, als die meisten es je erlebt haben."


Aus: "Hamsterkäufe auf hohem Niveau" Heike Buchter (18. März 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2020-03/quarantaene-coronavirus-wohlhabende-new-york/komplettansicht

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Ludwig van Wegen #1.5

Autofahrer, die andere mit ihrer (ziemlich sicher unterirdischen) Musikauswahl behelligen, sind deutlich unangenehmer als hedonistische Snobs.


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IPS Pflege #3

... Freut mich doch sehr für Sie das es genießen können. Als Prekarier (Fachpfleger für Intensivmedizin) ist es schön zu lesen das sich die Elite es sich gutgehen lässt.


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janipeki #3.1

Wie wär's mit einem Gefühl für feine Ironie?


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Studierendenvertretender #4

"Die Reichen decken sich mit edlen Weinen, Lammfilets und Bargeld ein."

Nachvollziehbar, eher als sich mit 10-Jahres-Vorräten an Klopapier "einzudecken".


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Etna #13

Ist doch nichts Neues. Auch früher sind Adlige in Seuchenzeiten aus den Städten auf ihre Landsitze geflohen und haben es sich dort gut gehen lassen. Bestes literarisches Beispiel: Das Decamerone.

[https://de.wikipedia.org/wiki/Decamerone]


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zeisig #29

"Und die Corona-Quarantäne könnte unerwartete Nebenwirkungen für das Jetset-Leben haben". Wäre nicht das Schlechteste, wenn die Corona-Quarantäne Nebenwirkungen für das Leben der Anyways in den Hamptons, in Ischgl, Berlin und all den anderen Orten auf der Welt, wo es den Anyways gefällt, hätte. Vielleicht werden einige sogar darüber nachdenken, was ihre Lebensweise für alle anderen mit sich bringt. Das wäre schön.


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Coronavirus Notizen (...)
« Reply #6 on: March 19, 2020, 10:57:03 AM »
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[...] Alexis Passadakis ist Politikwissenschaftler und im globalisierungskritischen Netzwerk Attac aktiv

... „Heute Abend haben wir einen 63-jährigen Patienten in der Notaufnahme aufgenommen. Er wollte mir von sich erzählen, aber er bekam keine Luft, weshalb wir ihn schnell auf die Intensivstation bringen und ihn an ein Beatmungsgerät anschließen mussten. Da schoss es mir durch den Kopf: Vielleicht war ich der letzte, den er gesehen und der mit ihm gesprochen hat.“ Giacomo ist Anästhesist. Als wir uns unterhalten, entschuldigt sich der 32-Jährige dafür, dass es ihm nach einer ermüdenden achtstündigen Nachtschicht in einem Mailänder Krankenhaus schwerfällt, die richtigen Worte zu finden.

Er ist einer von Tausenden von Ärzten und Pflegekräften, die im Kampf zur Eindämmung des COVID-19-Ausbruchs in Italien an vorderster Front stehen.

Zwischen Februar und Mitte März sind die Fallzahlen in weniger als zwei Wochen von ein paar hundert auf über 10.000 gestiegen. Hospitäler im Norden – dem Epizentrum der Epidemie – füllten sich schnell, da viele Patienten für bis zu drei Wochen auf Intensivpflege angewiesen sind. Das Bild einer Gesundheits- und Krankenpflegerin, die während einer Nachschicht mit angelegter Gesichtsmaske zusammenbrach, vor kurzem im Netz verbreitet, wurde zum Sinnbild für die Überforderung des medizinischen Personals.


... Seit Beginn des Ausbruchs haben sich bereits über 2.000 Ärzte und Pflegekräfte infiziert (das sind zehn Prozent der gesamten Fälle). Am Samstag ist in Bergamo ein 47-jähriger Rettungssanitäter gestorben. Er wurde zum Symbol für die Risiken, denen Beschäftigte wie er ausgesetzt sind. ...


Aus: "Epizentrum der Epidemie" Daniela Sala, Sara Manisera [Übersetzung: Holger Hutt] (16.03.2020)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/epizentrum-der-epidemie

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[...] Rom, August 2011: In das Postfach der italienischen Regierung flattert ein Brief der Europäischen Zentralbank. Was dem Brief folgen wird, ist eine drastische Kürzungswelle, die auch das Gesundheitswesen erfasst. Die EZB erklärt in ihrem Schreiben, dass Schutz vor steigenden Zinsen auf italienische Staatsanleihen nur unter der Bedingung harter Einschnitte gewährt würde. Sie hatte in der Troika die EU-Kommission und den Internationalen Währungsfonds hinter sich. Die italienische Regierung führte diese Einschnitte durch – in der Folge sank die Anzahl von Krankenhäusern im Land um 15 Prozent.

... Das traf nicht nur Italien; auch die spanische Regierung sah sich gezwungen, ein Kürzungsprogramm zu unterzeichnen. Daraufhin wurden die Ausgaben für das Gesundheitssystem allein im Jahr 2012 um 5,7 Prozent gedrückt. Aber am härtesten traf es bekanntlich Griechenland: Die staatlichen Mittel wurden zwischen 2009 und 2016 von 16,2 Milliarden auf 8,6 Milliarden fast halbiert. Mehr als 13.000 Ärzte und über 26.000 sonstige im Gesundheitswesen angestellte wurden entlassen. 54 der 137 Krankenhäuser wurden geschlossen und das Budget der übriggebliebenen um 40 Prozent gesenkt. Insgesamt fielen zwischen 2011 und 2016 bei etwa elf Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern mehr als drei Millionen Menschen völlig aus dem Schutz einer Krankenversicherung. Das griechische Gesundheitsministerium erklärte die gesunkenen Kosten „als eine Folge von Effizienzsteigerungen im Finanzmanagement“.

Die damalige CDU-SPD-Koalition in Berlin hörte das gerne. Schließlich war die Bundesregierung mit Hilfe der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) „Themenführer“ im Auftrag der Troika bei der Restrukturierung des griechischen Gesundheitswesens. Aus ihrer Perspektive stellte sich die weitgehende Zerstörung des griechischen Gesundheitssystems im Jahr 2012 so dar: „Die Bundesregierung geht davon aus, dass die vereinbarten Kooperationsvorhaben, die im originären Interesse der griechischen Regierung liegen, mit der gebotenen Intensität realisiert werden“.

... Unterdessen gelingt es der chinesischen Regierung, mit medizinischen Gütern und Personalentsendungen öffentlichkeitswirksam Unterstützung zur Bekämpfung der Pandemie zu leisten. Auch Spanien und Serbien und weitere Länder erwarten Hilfslieferungen aus China.

Der von der Großen Koalition in Berlin mit durchgesetzte Kahlschlag sozialer Infrastruktur in der Eurozone während der letzen Dekade ist ein Faktor, der die Bekämpfung der Corona-Pandemie schwieriger macht und Leben kosten wird. „Austerity kills!“ war in Südeuropa der Slogan im Widerstand gegen die Kürzungspolitik der Troika, noch immer ist er an einer Hauswand im Athener Stadtzentrum zu lesen. Derzeit wird mehr als deutlich, was damit gemeint ist.


Aus: "Austerität ist tödlich" Alexis Passadakis (18.03.2020)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/austeritaet-ist-toedlich

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Markou Spyros | Community

Das Beispiel von Italien zeigt deutlich, was "Germanisches Europa" heißt ! Denn wir leben im Germanischen Europa und es ist lächerlich, wenn Merkel von "Solidarität" in der EU spricht: Als Italien von wenigen Tagen die EU um Hilfe bat, wegen der Pandemie, bekam es :Nichts, wie richtig im Artikel steht. Aber China hat sofort Hilfe angeboten und man fragt sich, wozu braucht man eine solche EU ?

Die absurde und tödliche Austerität, welche in den letzten 12 Jahren von Merkel-Schäuble den europäischen Völkern aufgezwungen wurde, hat zur Verarmung breiter Massen geführt, auch in Deutschland selbst um 13%, in Italien um 27% und in Griechenland um 49%!

Das Griechische Gesundheitssystem steht noch -während der jetzigen Pandemie- aufrecht, dank seinem Personal, trozt des katastrophalen Schlags der Troika und war bis zur Krise eines der besten Gesundheitssysteme der Welt.

In den Jahren nach 1991, als das kommunistische Regime Albanies zusammenbrach und tausende Albaner nach Griechanland kamen, wurden sie jahrelang in den griechsichen Krankenhäsern im ganzen Lande GRATIS gepfegt, egal ob sie Versicherung hatten oder nicht. Das ist unvorstellbar in Deutschland oder in Amerika....

Zum Schluß: Eines der "Opfer" des Covid-19 ist eigentlich der : Neoliberalismus und seine ,,Theorien,, daß nämlich der Markt alles regelt und man keinen Staat braucht. Jetzt suchen aber alle, Groß-Konzerne u.ä. die Hilfe des Staates.

Ich war einst SPD-Mitglied in Deutschland und kannte persönlich den Alt-Bundeskanzler Gerh. Schröder, als er noch Minister-Präsident in Niedersachsen war.

Heute tut es mir weh, daß eine historische Partei, wie die SPD, Neoliberale Politik folgt, den "Sozialstaat" vergessen hat, die Arbeit als "Wert" verachtet und die großen Ideale, wie Gleichheit, Soziale Gerechtigkeit u.ä. vergessen hat....


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« Last Edit: March 19, 2020, 11:09:22 AM by Link »

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Coronavirus Notizen (...)
« Reply #7 on: March 20, 2020, 03:24:07 PM »
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[...] Die Bilder, die Italiens Fernsehstationen senden – sie wirken von Tag zu Tag dramatischer. Da sind die Aufnahmen von den Intensivstationen. Man sieht Patienten, angeschlossen an Beatmungsgeräte. Bäuchlings liegen sie im Bett – was helfen soll, die Lungenfunktion aufrechtzuerhalten. Instinktiv denkt man an die Lage eines Babys, an Hilflosigkeit, an Schutzlosigkeit.

Da sind die Aufnahmen aus einer Kirche: Entlang des Hauptgangs reihen sich die Särge. Denn viele Leichenhallen haben keinen Platz mehr, zu viele Tote sind es schon, die immer noch nicht begraben werden konnten. Die Krematorien arbeiten am Limit ihrer Kapazitäten.

Da ist auch der Bericht aus Bergamo, aus einer der am stärksten von Covid-19 betroffenen Provinzen der Lombardei. Ein Konvoi von Lastern des italienischen Heers setzt sich in Bewegung: Geladen haben sie 60 Särge, die zum Einäschern in andere Städte und Regionen gebracht werden. Später wird man die Urnen zu den jeweiligen Friedhöfen zurückführen.

Solche Szenen gehören jetzt zum italienischen Alltag. In einem Interview mit der Zeitung Corriere della Sera erzählt die 54-jährige Krankenschwester Maria Cristina Settembrese, die auf der Intensivstation eines Mailänder Krankenhauses arbeitet, von der Hilflosigkeit, dem emotionalen Druck, den sie täglich auszuhalten hat: "Du hast all diese Augen vor dir, die dich ansehen, dich um Hilfe bitten." Freilich, viele Menschen überstünden die Krankheit. "Gott sei Dank. Die Älteren, die Menschen über 70, sind aber weiterhin die am meisten Gefährdeten." Bei denen, die schwere Vorerkrankungen mitbringen, stehe auf dem Einweisungsblatt mitunter bereits der Hinweis: "Kommt für die Intensivstation nicht infrage."

Während die Patienten isoliert um ihr Überleben kämpfen, bangen die Angehörigen zu Hause, warten ungeduldig auf einen Anruf aus dem Krankenhaus. Es sei ein zweifaches Drama, das hier vonstattengehe, sagt Michela Sfondrini vor laufender Kamera – eines der Kranken und eines ihrer Familien. Sfondrini stammt aus der Provinzhauptstadt Lodi, nicht weit vom ersten Quarantänegebiet in der Lombardei entfernt. Sie erzählt, dass ihr Vater an den Folgen der Viruserkrankung gestorben sei, dass ihre Mutter noch im Krankenhaus liege, zum Glück schwebe sie nicht in Lebensgefahr. Es sei erschreckend und qualvoll, dass sich die Schwerkranken nicht einmal mehr von ihren Liebsten verabschieden könnten. Unglaublich qualvoll sei es aber auch für sie, die Tochter, auf Nachrichten aus der Klinik warten zu müssen. Warum, fragt sie, habe bis jetzt niemand daran gedacht, einen Dienst einzurichten, der sich einzig und allein darum kümmert, die Angehörigen zu benachrichtigen? Würde man damit nicht auch die Ärzte und Sanitäterinnen entlasten?

Die Regeln für Angehörige Verstorbener sind streng geworden in den vergangenen Wochen: Niemand darf mehr in den Leichenschauraum. Niemand darf auch mehr in die Wohnung, in der die Mutter, der Vater, die Oma oder der Opa gestorben sind. Covid-19-Tote werden nicht mehr angezogen, sondern in eine isolierende Matratze eingehüllt und in einen verzinkten Sarg gelegt, der sofort verschlossen wird. Der Sarg wird unverzüglich zum Friedhof gebracht, wo ein Priester den letzten Segen erteilt. An dieser Zeremonie dürfen die engsten Angehörigen zwar teilnehmen – doch es wird nachdrücklich davon abgeraten. Die Zeit werde kommen, in der die Trauerfeiern nachgeholt werden, versichern die Priester ihren zunehmend verstörten Gemeinden.

Doch ganz ohne eine Geste christlicher Zuwendung will man die Patienten in den Intensivstationen nicht zurücklassen. So hat zum Beispiel der Bischof von Brescia, Pierantonio Tremolada, per Videobotschaft gläubige Ärztinnen und Sanitäter dazu aufgerufen, Kranken mit einem Händedruck oder einem Gebet Mut zu machen – und, sollte es für Patienten dem Ende zugehen, diesen ein symbolisches Kreuz auf die Stirn zu zeichnen.

Die Infektionszahlen steigen von Tag zu Tag. Die Zahl der Todesfälle hat am Donnerstagabend die 3.400 überschritten. Italien hat damit offiziell mehr Covid-19-Tote als China gemeldet. Wann werden die Infektionszahlen wieder sinken, in Wochen? Niemand kann es sagen. Am schwersten betroffen bleibt die Lombardei. Mailand ist in einer irrealen Stille versunken, die nur und immer öfter vom Heulen der Sirenen zerrissen wird und von den Propellergeräuschen der Rettungshubschrauber. Dabei ist Mailand mit seinen 1,2 Millionen Einwohnern bis jetzt noch relativ glimpflich davongekommen: Rund 1.400 Corona-Infizierte sind derzeit registriert.

Weitaus dramatischer ist die Lage in den Provinzen Bergamo und Brescia. Letztere zählt 1,26 Millionen Einwohner. Am Dienstag wurden hier 3.301 Corona-Positive gemeldet, allein am Mittwoch kamen 484 neue Infektionen hinzu. Die lokale Tageszeitung L'Eco di Bergamo hatte vor ein paar Tagen ein Video ins Netz gestellt, in dem ein Mann die Todesanzeigen vom 13. März 2020 durchblätterte. Am Ende kam er auf zehn Seiten.


Aus: "Krankenversorgung in Italien: Stilles Sterben"  Andrea Affaticati
, Mailand (20. März 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-03/krankenversorgung-italien-totenversorgung-bestattung-mailand-lombardei

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Coronavirus Notizen (...)
« Reply #8 on: March 20, 2020, 09:02:38 PM »
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[...] Am späten Nachmittag neben dem Biergarten Golgatha, am westlichen Rand des Kreuzberger Viktoriaparks. Etwa 30 Kinder laufen noch über den Spielplatz, teilen sich Schaukeln, Wippe und Rutsche. Einige Erwachsene warten am Rand.

Der Mann, dessen Sohn gerade an der Seilbahn ansteht, sagt, er wolle sich nicht verrückt machen lassen von der allgemeinen Panik, er werde sicher auch in den kommenden Tagen herkommen. Denn: „Ich will nicht, dass die Übervorsicht der anderen auf dem Rücken meines Kindes ausgetragen wird.“

Dass alle hier zwangsläufig dieselben Schaukelketten und dieselben Rutschgeländer anfassen, stört ihn nicht.

Auf der anderen Seite des Platzes steht eine junge Frau, sie passt auf ihre Geschwister auf. Optimal sei es hier nicht, sagt sie. „Aber wir können nicht den ganzen Tag zuhause bleiben.“ Und in der eigenen Wohnung sei es ja auch gefährlich, zum Beispiel könnte man ausrutschen und mit dem Kopf gegen eine Wand krachen. Es gebe im Leben immer ein Restrisiko.

Was sie übrigens gar nicht abkönne, seien Leute, die Menschen auf Spielplätzen jetzt voreilig bewerteten, als Leichtsinnige abstempelten. Die Frau sagt: „Die sollen mal nicht so tun, als ob sie immer alles richtig machen würden.“

Es scheint, als hätten sich in diesen Tagen in Berlin zwei Lager gebildet, die sich unversöhnlich gegenüberstehen: die einen, deutlich in der Mehrheit, die alle Schließungen und Verbote begrüßen. Die auch bereit sind, ihren Alltag noch weiter einzuschränken, wenn es nur der Verflachung der Kurve dient.

Und die anderen, die sich dem widersetzen, weil sie die Sorgen der Mehrheit für übertrieben halten. Sie ziehen den Ärger der Vorsichtigen auf sich. Weil ihr Verhalten Leben gefährdet. Und weil ihre Rücksichtslosigkeit am Ende zu einer Ausgangssperre für alle führen könnte.

Die einen glauben, dass ein Virus grassiert. Die anderen glauben, das einzige, was grassiert, sei Panik.

Bestärkt fühlt sich die kleinere Gruppe durch vermeintliche Expertenmeinungen wie die des Internisten und Lungenfacharztes Wolfgang Wodarg, der lange Amtsarzt in Schleswig-Holstein war und für die SPD bis 2009 im Bundestag saß. Wodarg verbreitet seit Tagen die Botschaft, die Bundesregierung betreibe „unnötige, fahrlässige Panikmache“. Den Quarantänemaßnahmen und Verboten liege „keine außergewöhnliche medizinische Gefahr zugrunde“, die Situation in den Krankenhäusern sei schließlich vollkommen normal – und es spreche „überhaupt nichts dafür, dass da noch irgendetwas kommen könnte“.

Wodarg kritisiert die Absagen von Messen, die Einschränkung von Reisen, den Ausfall von Fußballspielen, und er weiß angeblich auch, warum die meisten Wissenschaftler und politischen Entscheidungsträger sie gutheißen: Es gehe um finanzielle Interessen!

Die überwältigende Mehrheit derer, die sich seit Wochen mit dem Coronavirus beschäftigen, ist über Wolfgang Wodargs Behauptungen entsetzt. Parteifreund Karl Lauterbach, selbst Epidemiologe, nennt sie „abwegig und wissenschaftlich nicht haltbar, eine echte Räuberpistole“. Auch Christian Drosten, Chefvirologe der Charité, weist sie zurück.

Zur Einordnung, wie ernst Wodargs Theorien zu nehmen sind, hilft womöglich ein Blick darauf, in welchem Umfeld er seine Meinungen verbreitet. Wolfgang Wodarg hat keine Berührungsängste, auf Plattformen berüchtigter Verschwörungstheoretiker aufzutreten. In der Vergangenheit war er etwa beim rechten Hetzer Alex Jones zu Gast, der glaubt, Barack Obama sei insgeheim ein radikaler Islamist, Amokläufe an Schulen seien bloß von Schauspielern inszeniert.

Diese Woche verbreitete Wodarg seine Corona-Thesen in einem Interview mit Ken Jebsen. Auch dieser ist für krude Verschwörungstheorien bekannt, behauptete etwa öffentlich, Israel begehe seit 40 Jahren Völkermord, Ziel des jüdischen Staats sei nichts weniger als die „Endlösung“. Gegenüber Jebsen versicherte Wodarg, es liege schlicht keine besondere Erkrankungswelle vor: „Es ist so wie in jedem Jahr.“ 250 000 Menschen haben das Video bereits gesehen.

Donnerstagnachmittag im Park am Gleisdreieck. Die Vernünftigen sind auch hier in der Überzahl. Spaziergänger machen Bögen umeinander, der Mindestabstand auf den Bänken beträgt geschätzte fünf Meter. Nur in der Ecke bei den Sportanlagen hält sich keiner an irgendwas. Die Skatebahn, beide Basketballfelder und der Bolzplatz sind voll. Die sechs Jugendlichen, die unter einem der Körbe spielen, wiegeln ab. „Wir sind alle gesund“, sagt einer. Woher er das weiß? „Na sieht man doch!“

Die Gespaltenheit der Deutschen zeigt sich auch in der Art, sich zu informieren. Einerseits scheint die Nachfrage nach verlässlichen, von etablierten Institutionen geprüften Nachrichten gestiegen zu sein. Davon konnte etwa der Öffentlich-rechtliche Rundfunk profitieren. Die Tagesschau erreicht mittlerweile 17 Millionen Zuschauer, sieben Millionen mehr als sonst, das entspricht einem Marktanteil von fast 60 Prozent.

Andererseits verbreiten sich auch die Sichtweisen von Esoterikern und Verschwörungsgläubigen. In Deutschland kursieren mittlerweile hunderte Mails und Videos, in denen Nutzer absurde Theorien verbreiten. Mal wird behauptet, statt dem Coronavirus sei in Wahrheit Strahlung durch das 5G-Mobilfunknetz für alle Symptome verantwortlich. Mal heißt es, das Toilettenpapier der Discounter sei systematisch mit dem Virus kontaminiert.

Über Whatsapp verbreitet sich auch die Nachricht eines spanischen Schamanen, der als bestes Mittel gegen Corona yogische Atemübungen empfiehlt. Zudem rät er, „dass Sie Ihre Lichthülle täglich aktivieren und sich mit Sätzen wie ,I Am Presence‘ stark machen, um die Perfektion unseres Körpers und die Verteidigung gegen negative oder räuberische Kräfte aufrechtzuerhalten.“

Manche Vertreter alternativer Wahrheiten trauen in diesen Tagen ihren eigenen Überzeugungen nicht. Eine für diesen Sonnabend in der Münchner Innenstadt geplante Großdemonstration von Impfgegnern – von denen einige die Existenz jeglicher Viren bestreiten – ist vorsichtshalber abgesagt worden.

Auch esoterisch orientierte Heilpraktiker halten sich derzeit bedeckt. Das müssen sie allerdings auch, ihnen ist es laut Infektionsschutzgesetz verboten, die Erkrankung durch das Coronavirus zu diagnostizieren oder gar zu behandeln – beides ist Ärzten vorbehalten. Wer es doch tut, begeht eine Straftat.

In den USA propagieren christliche Fundamentale absurde Mittel gegen Corona. Prediger wie der Evangelikale Rodney Howard-Browne laden zu Massengottesdiensten in Kirchen, fordern Gläubige auf, sich dem Rat der Mediziner zu widersetzen und einander die Hände zu reichen. Die Kirche, so Howard-Browne, sei schließlich der sicherste Ort auf Erden, unter Gottes Obhut könne nichts schlechtes geschehen. Ohnehin stecke hinter den Warnungen vor Corona bloß der Versuch, Menschen zu tödlichen Impfungen zu überreden, um so die Weltbevölkerung systematisch zu reduzieren.

Ein US-Fernsehprediger verteilte per Gedankenübertragung einen mentalen Impfstoff an alle Gläubigen. Diese, erklärte er, seien nun gleichermaßen vor Corona und Satan geschützt.

Im indischen Delhi trafen sich mehrere hundert Hindus, um gemeinsam ein Getränk einzunehmen, das im Wesentlichen aus Kuh-Urin bestand. Nur so könne eine Infektion jetzt noch verhindert werden.

Iranische und türkische Medien verbreiten, das Virus sei eine Erfindung von Juden. Auf dem populären türkischen Fernsehsender „A Haber“, der über Satellit auch in Deutschland empfangen werden kann, wird etwa behauptet, bei Corona handele es sich um eine Biowaffe, die gezielt gegen Kritiker Israels eingesetzt werde. So solle die Welt neu geordnet, die Erdenbevölkerung dezimiert werden.

Auch deutsche Rechtsextremisten sind sich sicher, dass Juden hinter dem Corona-Virus stecken. Als Beleg dafür wird etwa die Nachricht angesehen, israelische Wissenschaftler arbeiteten intensiv an einem Impfstoff. Na klar: Wer das Virus erfunden habe, könne jederzeit auch einen Impfstoff herbeizaubern.

In der AfD wollen sich einige ebenfalls nicht in Panik versetzen lassen. Der Berliner Abgeordnete Andreas Wild freute sich Dienstagabend über eine gut gefüllte Parteiveranstaltung in Lichterfelde. Dass die Gegendemonstranten ihren Protest coronabedingt absagten, kam ihm gelegen. Andreas Wild twitterte: „Antifa kniff feige.“



Aus: "Der Coronavirus-Kosmos der Unvernünftigen" Sebastian Leber (20.03.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/volle-parks-und-scharlatane-der-coronavirus-kosmos-der-unvernuenftigen/25663164.html

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Coronavirus Notizen (...)
« Reply #9 on: March 25, 2020, 09:19:49 AM »
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[...] Die US-Regierung wird Produzenten bestimmter medizinischer Ausrüstung befehlen, ihre Produkte der öffentlichen Hand zur Verfügung zu stellen bevor andere Bestellungen erfüllt werden. Damit soll der Kampf um das Leben von COVID-19-Patienten unterstützt werden. Die Pflicht zur Herausgabe kann auch Besitzer von Ausgangsmaterial treffen. Zudem werden jedermann ungebührliche Lagerhaltung einschlägiger Produkte sowie deren Verkauf über "fairen Marktpreisen" verboten.

Entsprechende Schritte hat der Leiter der Bundeskatastrophenschutzbehörde FEMA, Peter Gaynor, am Dienstag angekündigt. Vorerst geht es um Dinge wie neue Beatmungsgeräte für Patienten sowie Schutzausrüstung für medizinisches Personal, darunter Masken, Handschuhe und Kittel. Konkret möchte die FEMA 60.000 Pakete für Coronavirus-Tests auftreiben, mit denen jeweils 300 bis 400 Personen untersucht werden können.

Hinzu kommen Anordnungen im Rahmen von Bestellungen für eine halbe Milliarde Gesichtsmasken. Grundlage ist ein Gesetz aus dem Koreakrieg, das im Interesse der Nationalen Sicherheit die Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen unterstützen soll. Dieses Gesetz namens Defense Production Act of 1950 verleiht dem Präsidenten entsprechende Befugnisse.

Am 18. März hat US-Präsident Donald Trump Beatmungsgeräte und Schutzausrüstung als knappe und wichtige Güter festgestellt, die auf normalem Wege nicht besorgt werden können, ohne erhebliche Mühsal herbeizuführen (Executive Order 13909). Gleichzeitig übertrug er dem Gesundheitsminister die Kompetenz, weitere Dinge in diese Kategorie einzuordnen – und, besonders wichtig, die Hersteller einschlägiger Produkte zur deren Ablieferung zu zwingen.

Allerdings wollte Trump laut damaliger eigener Aussage nicht, dass der Minister diese Befugnis auch tatsächlich ausübt. Das sei nur für das "worst case scenario" (den schlimmsten Fall) gedacht. Dieser ist aus Sicht des Ministeriums nun offenbar eingetreten.

Am Montag legte Trump noch einen zweiten Präsidentenerlass für weitergehende Maßnahmen vor: Der Gesundheitsminister darf ab sofort Personen "mit herausragender Erfahrung oder Fähigkeiten" für öffentlichen Dienst heranziehen, wenn sich sonst niemand für die Stelle findet. Die betroffenen Personen müssen sich fügen und haben keinen Anspruch auf Entlohnung.

Außerdem darf der Gesundheitsminister die Durchsuchung von Räumlichkeiten und Unterlagen von Unternehmen und Personen sowie deren Einvernahme anordnen. Ein weiterer Paragraph erteilt weitreichende Handhabe für notwendige Vorkehrungen.

Verboten ist in den USA nun, die als wichtig und knapp bezeichneten Güter zu horten, das heißt, in größerer Menge als für "vernünftigen Bedarf" auf Vorrat zu legen, oder für den Verkauf zu höheren als "fairen Marktpreisen" bereitzuhalten. Zur Durchsetzung hat auch das Justizministerium berufen, zu dem unter anderem der Inlandsgeheimdienst FBI gehört. Ermittler sollen überdies mit hoher Priorität nach Betrug und Preistreiberei rund um medizinische Einsatzmittel suchen und entsprechende Strafverfolgungen einleiten.

Noch am Montag hat die Bundesstaatsanwaltschaft eine betrügerische Website offline nehmen lassen, die angebliche Gratis-Impfungen der Weltgesundheitsorganisation WHO gegen Coronaviren feilbot. Wer sich "gratis impfen" wollte, sollte auf der mit Bildern offizieller Amtsträger geschmückten Seite mittels Kreditkarte fünf Dollar Versandspesen zahlen.


Aus: "Coronavirus: USA nutzen Kriegsgesetz um Medizinmaterial zu beschaffen" Daniel AJ Sokolov (25.03.2020)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Coronavirus-USA-nutzen-Kriegsgesetz-um-Medizinmaterial-zu-beschaffen-4689727.html

Quote
     The Matrix has you, 25.03.2020 08:45

Zwangsarbeit im Land of the Free

Das sind die modernen Vereinigten Staaten von Amerika? Einst ein Leuchtturm der Freiheit auf dieser Welt. Ist es nun wirklich so weit gekommen, dass in die Wirtschaft 2.000.000.000.000 $ gepumpt werden, aber hochqualifiziertes Personal, das am dringendsten benötigt wird, soll ohne Anspruch auf Entlohnung arbeiten? ...


Quote
         grumpf, 25.03.2020 05:44

Re: klingt aber arg kommunistisch

HätteHätteFahrradkette schrieb am 25.03.2020 04:52:

    Nein das klingt eher vernünftig und zeugt von der wichtigen regulierenden Verantwortung des Staates. ...

Richtig, aber das gleiche könnte man zu ObamaCare sagen, was aber in den Augen der Republikaner und auch Trumps eigenen Augen, als "kommunistisches Teufelszeug" rückgängig gemacht wurde.



...

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Coronavirus Notizen (...)
« Reply #10 on: March 25, 2020, 12:50:37 PM »
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[...] In the midst of this planetary pandemic, nobody wants to meet any more at the "Crossroads of the World". A city known for its infectious energy, a city that likes to boast it never even has to sleep, has been forced into hibernation. With more cases than any other American conurbation, this city is once again Ground Zero, a term no New Yorker ever wanted applied here again. With manic suddenness, our world has been turned upside down, just as it was on September 11th.

Nations, like individuals, reveal themselves at times of crisis. In emergencies of this immense magnitude, it soon becomes evident whether a sitting president is equal to the moment. So what have we learnt about the United States as it confronts this national and global catastrophe? Will lawmakers on Capitol Hill, who have been in a form of legislative lockdown for years now, a paralysis borne of partisanship, rise to the challenge? And what of the man who now sits behind the Resolute Desk in the Oval Office, who has cloaked himself in the mantle of "wartime president"?

Of the three questions, the last one is the least interesting, largely because Donald Trump's response has been so predictable. He has not changed. He has not grown. He has not admitted errors. He has shown little humility.

Instead, all the hallmarks of his presidency have been on agitated display. The ridiculous boasts - he has awarded himself a 10 out of 10 for his handling of the crisis. The politicisation of what should be the apolitical - he toured the Centers for Disease Control wearing a campaign cap emblazoned with the slogan "Keep America Great".

The mind-bending truth-twisting - he now claims to have fully appreciated the scale of the pandemic early on, despite dismissing and downplaying the threat for weeks. The attacks on the "fake news" media, including a particularly vicious assault on a White House reporter who asked what was his message to frightened Americans: "I tell them you are a terrible reporter." His pettiness and peevishness - mocking Senator Mitt Romney, the only Republican who voted at the end of the impeachment trial for his removal from office, for going into isolation.

His continued attacks on government institutions in the forefront of confronting the crisis - "the Deep State Department" is how he described the State Department from his presidential podium the morning after it issued its most extreme travel advisory urging Americans to refrain from all international travel. His obsession with ratings, or in this instance, confirmed case numbers - he stopped a cruise ship docking on the West Coast, noting: "I like the numbers where they are. I don't need to have the numbers double because of one ship that wasn't our fault." His compulsion for hype - declaring the combination of hydroxycholoroquine and azithromycin "one of the biggest game-changers in the history of medicine," even as medical officials warn against offering false hope.

His lack of empathy. Rather than soothing words for relatives of those who have died, or words of encouragement and appreciation for those in the medical trenches, Trump's daily White House briefings commonly start with a shower of self-congratulation. After Trump has spoken, Mike Pence, his loyal deputy, usually delivers a paean of praise to the president in that Pyongyang-on-the-Potomac style he has perfected over the past three years. Trump's narcissistic hunger for adoration seems impossible to sate. Instead of a wartime president, he has sounded at times like a sun king.

Then there is the xenophobia that has always been the sine qua non of his political business model - repeatedly he describes the disease as the "Chinese virus". Just as he scapegoated China and Mexican immigrants for decimating America's industrial heartland ahead of the 2016 presidential election, he is blaming Beijing for the coronavirus outbreak in an attempt to win re-election.

His attempt at economic stewardship has been more convincing than his mastery of public health. A lesson from financial shocks of the past, most notably the meltdown in 2008, is to "go big" early on. That he has tried to do. But here, as well, there are shades of his showman self. He seems to have rounded on the initial figure of a trillion dollars for the stimulus package because it sounds like such a gargantuan number - a fiscal eighth wonder of the world.

Trump, in common with all populists and demagogues, favours simple solutions to complex problems. He closed America's border to those who had travelled to China, a sensible move in hindsight. However, the coronavirus outbreak has required the kind of multi-pronged approach and long-term thinking that seems beyond him. This has always been a presidency of the here and now. It is not well equipped to deal with a public health and economic emergency that will dominate the rest of his presidency, whether he only gets to spend the next 10 months in the White House or another five years.

The Trump presidency has so often been about creating favourable optics even in the absence of real progress - his nuclear summitry with the North Korean despot Kim Jong-un offers a case in point. But the tricks of an illusionist, or the marketing skills of the sloganeer, do not work here. This is a national emergency, as countless others have pointed out, that can't be tweeted, nicknamed or hyped away. The facts are inescapable: the soaring numbers of the dead.

What have we learnt of the United States? First of all, we have seen the enduring goodness of this country. The Frenchman Alexis DeToqueville, whose observations in the early-19th Century did so much to demystify this rambunctious new republic, always told us: "America is great because she is good."

As with 9/11, we have marvelled at the selflessness and bravery of its first responders - the nurses, doctors, medical support staff and ambulance drivers who have turned up to the work with the same sense of public spiritedness shown by the firefighters who rushed towards the flaming Twin Towers. We've witnessed the ingenuity and creativity of schools that have transitioned to remote, online teaching without missing a beat. We've seen a can-do spirit that has kept stores open, shelves stocked and food being delivered. In other words, most Americans have shown precisely the same virtues we have seen in every country brought to a halt by the virus.

As for the American exceptionalism on display, much of it has been of the negative kind that makes it hard not to put head in hands. The lines outside gun stores. The spike in online sales of firearms - Ammo.com has seen a 70% increase in sales. The panic buying of AR-15s. Some Christian fundamentalists have rejected the epidemiology of this pandemic. To prove there was no virus, a pastor in Arkansas boasted his parishioners were prepared to lick the floor of his church.

Once again, those who live in developed nations have been left to ponder why the world's richest country does not have a system of universal healthcare. Ten years after the passage of Obamacare, more than 26 million Americans do not have health insurance.

Rather than a coming together, the crisis has demonstrated how for decades Americans have conducted a political version of social distancing: the herd-like clustering of conservatives and liberals into like-minded communities caused by the allergic reaction to compatriots holding opposing political views. Once again, we have seen the familiar two Americas divide, the usual knee-jerk tribalism. Republicans have been twice as likely as Democrats to view coronavirus coverage as exaggerated. Three-quarters of Republicans say they trust the information coming from the president, whereas the figure among Democrats is just 8%.

As the Reverend Josh King told the Washington Post despairingly: "In your more politically conservative regions, closing is not interpreted as caring for you. It's interpreted as liberalism." Even on 13 March, when the CDC projected that up to 214 millions could be infected, Sean Davis, the co-founder of the right-wing website, The Federalist, tweeted: "Corporate political media hate you, they hate the country, and they will stop at nothing to reclaim power to rule over you. If that means destroying the economy via a panic they helped incite, all while running interference for the communist country that started it, so be it."

The latest Gallup polling shows the split: 94% of Republicans approve of his handling of the crisis, compared with 27% of Democrats. But overall, six out of ten Americans approve, pushing his approval rating up again to 49%, matching the highest score of his presidency. As with previous crises, such as 9/11, Americans tend to rally around the presidency, although Donald Trump remains a deeply polarising figure. After the attacks of September 11th, George W Bush's approval rating was over 90.

The political geography of America, with its red and blue state separatism, has even affected how voters are being physically exposed to the virus. Democrats tend to congregate in the cities, whose dense populations have made them hotspots. Republicans tend to live in more sparsely populated rural areas, which so far have not been so badly hit. Thus, the polarisation continues amidst the pandemic.

Rather than to the Trump White House, much of "Blue America" has looked for leadership to its state capitals: Democratic governors such as Andrew Cuomo in New York (who Trump tweeted should "do more"), Gavin Newsom in California (whom Trump has praised) and Jay Inslee in Washington state (whom the president called a "snake" during his visit to the CDC).

For American liberals, Dr Anthony Fauci, the director of the National Institute of Allergy and Infectious Diseases, has become the subversive hero of the hour. Offering an antidote to this post-truth presidency, Fauci sticks to scientific facts. After repeatedly contradicting Donald Trump over the seriousness of the outbreak, he is on his way to being viewed with the same affection and reverence as the liberal Supreme Court jurist Ruth Bader Ginsburg.

Surely the coronavirus outbreak will eventually lead to an end momentarily to the gridlock on Capitol Hill. Legislators have no other choice but to legislate given the enormity of the economic crisis and the spectre of a 21st Century Great Depression.

However, the first two attempts to pass a stimulus package failed amidst the usual partisan acrimony and brinksmanship. Republicans and Democrats are arguing over whether to include expansions of paid leave and unemployment benefits, and what the Democrats are calling a slush fund for corporate America that could be open to abuse. Once again, Capitol Hill's dysfunction has been shown to be both systemic and endemic.

Given the scale of the public health and economic crisis, the hope would be of a return to the patriotic bipartisanship that prevailed during much of the Fifties and early Sixties, which produced some of the major post-war reforms such as the construction of the interstate highway system and the landmark civil rights acts. History, after all, shows that US politicians co-operate most effectively in the face of a common enemy, whether it was the Soviet Union during the Cold War or al-Qaeda in the initial months after 9/11.

But the early response of lawmakers on Capitol Hill is far from encouraging. And if there is cross-party co-operation - as there will surely be in the end - it will not be the product of patriotic bipartisanship but rather freak-out bipartisanship, the legislative equivalent of panic buying.

The paradox here, as lawmakers face-off, is that crises erase philosophical lines. As in 2008, ideological conservatives have overnight become operational liberals. Those who ordinarily detest government have come in this emergency to depend on it. Corporate America, which is generally phobic towards federal intervention, is now desperate for government bailouts.

Trickle-down supply siders have become Keynesian big spenders, such is their desire for government stimulus spending funded by the taxpayer. Even universal basic income, a fringe idea popularised by the Democratic presidential candidate Andrew Yang, has gone mainstream. The US government intends to give $1,200 payments to every American.

In this call to national action, we have been reminded of how the federal government has been run down over the past 40 years partly because of an anti-government onslaught that started with Ronald Reagan. In 2018, the team responsible for pandemic response on the National Security Council at the White House was disbanded. The failure to carry out adequate testing, the key to containing outbreaks early on, is linked to a funding shortfall at the Department of Health and Human Services.

As with the attacks of 11 September 2001, warnings within government were repeatedly ignored. In recent years, there have been numerous exercises to test the country's preparedness for a pandemic - one of which involved a respiratory virus originating from China - that identified exactly the areas of vulnerability now being exposed. As with Hurricane Katrina, the Federal Emergency Management Agency has struggled. As ever, there are tensions between federal agencies and the states. The institutional decline of government that led so many Americans to pin their faith in an individual, Donald Trump, is again plain to see, whether in the shortage of masks and protective gowns or the dearth of early testing.

Consequently, America's claim to global pre-eminence looks less convincing by the day. While in previous crises, the world's most powerful superpower might have mobilised a global response, nobody expects that of the United States anymore. The neo-isolationism of three years of America Firstism has created a geopolitical form of social distancing, and this crisis has reminded us of the oceanic divide that has opened up even with Washington's closest allies. Take the European travel ban, which Trump announced during his Oval Office address to the nation without warning the countries affected. The European Union complained, in an unusually robust public statement, the decision was "taken unilaterally and without consultation".

Nor has the United States offered a model for how to deal with this crisis. South Korea, with its massive testing programme, and Japan have been exemplars. China, too, has shown the advantages of its authoritarianism system in enforcing a strict lockdown, which is especially worrying when the western liberal order looks so wobbly. Hopefully, nobody will forget how officials in China tried to cover up the virus for weeks and silenced whistleblowers, showing the country's ugly autocratic side even as the outbreak was spreading. But whereas Beijing managed to build a new hospital in just 10 days, the Pentagon will take weeks to move a naval hospital ship from its port in Virginia to New York harbour.

Politically, there will be so many ramifications. It is worth remembering, for example, that the Tea Party was as much a reaction to what was called the "big government conservatism" of George W Bush in response to the financial crisis as it was to the pigmentation of Barack Obama. The official history of the Tea Party movement states it came into existence on 3 October, 2008, when Bush signed into law TARP, the Troubled Asset Relief Programme which saved the failing banks. Tea-Partiers viewed that as an unacceptable encroachment of government power.

Likewise, it is worth bearing in mind that the two major convulsions of the 21st Century, the destruction of the Twin Towers and the collapse of Lehman Brothers, both ended up having a polarising effect on US politics. The fragile bipartisan 9/11 consensus was shattered by the Bush administration's decision to invade Iraq. The financial crisis fuelled the rise of the Tea Party and further radicalised the Republican Party.

What will be the impact on the presidential election? Judging by the Lazarus-like revival of Joe Biden, the signs are that Democrats are voting for normal. Clearly, a significant majority is not in the mood for the political revolution promised by Bernie Sanders. A 78-year-old whose candidacy was almost derailed in its early stages because he was so tactile looks again like a strong candidate in these socially distant times.

Many Americans are yearning for precisely the kind of empathy and personal warmth that Biden offers. Even before the coronavirus took hold, he had made recovery his theme, a narrative in accord with his life story. Many also want a presidency they could have on in the background. A less histrionic figure in the Oval Office. Soft jazz rather than heavy metal. A return to some kind of normalcy. But who would make any predictions? Only a few weeks ago, when the chaos of the Iowa caucuses seemed like a major story, we were prophesying Biden's political demise.

Besides, normalcy is not something we can expect to see for months, maybe even for years. Rather, the coronavirus could dramatically reshape American politics, much like the other massive historical convulsions of the past 100 years.

The Great Depression led to the New Deal, and its massive extension of federal power, through welfare programmes such as Social Security. It also made the Democrats, the champions of government, politically dominant. From 1932 onwards, the party won five consecutive presidential elections. World War II, among other social changes, gave impetus to the struggle for black equality, as African-American infantrymen who fought fascism on the same battlefields as white GIs demanded the same menu of civil rights on their return home. The attacks of 11 September made many Americans more wary of mass immigration and religious pluralism. The Great Recession undermined faith in the American Dream.

How America changes as a result of coronavirus will be determined by how America responds.

Liberals may be hoping the outbreak will highlight the need for universal healthcare, a New Deal-style revival of government, the return of a more fact-based polity and a stronger response to global warming, another planetary crisis which has the potential to paralyse and overwhelm so much of the world.

Conservatives may conclude the private sector rather than government is better equipped to deal with crises, amplifying their anti-government rhetoric, that gun controls should be further relaxed so that Americans can better protect themselves, and that individual liberties should not be constrained by nanny states.

Every day on my way to work, I pass the 9/11 memorial where the Twin Towers once stood, and watch people laying their flowers and muttering their quiet prayers. Many is the time I have wondered whether I would ever cover a more world-altering event. As I look out of my window on a quiet and eerie city that feels more like Gotham than New York, I fear we may be confronting it now.


From: "Coronavirus: What this crisis reveals about US - and its president" Nick Bryant (24 March 2020)
Source: https://www.bbc.com/news/world-us-canada-52012049


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Coronavirus Notizen (...)
« Reply #11 on: March 25, 2020, 01:13:32 PM »
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[...] Seit 2018 ist Christian Stichler Leiter des ARD-Studios in Stockholm. Sein Berichtsgebiet erstreckt sich von Grönland bis Estland, vom Nordkap bis Litauen.

Wer in diesen Tagen durch Stockholm geht, der merkt, dass es auch in der schwedischen Hauptstadt etwas ruhiger geworden ist. Die großen Kinos haben geschlossen. Viele Menschen arbeiten im Homeoffice. Die Restaurants sind zur Mittagszeit deutlich weniger besucht. Die Universitäten haben auf Fernunterricht umgestellt, ebenso die Oberstufen der schwedischen Gymnasien. Und trotzdem wirkt Schweden derzeit wie eine Insel der Glückseligen in einem Europa von Kontakt- und Ausgangssperren, in dem das öffentliche Leben fast vollständig zur Ruhe gekommen ist.

 Die Kindergärten und Schulen bis zur Klasse neun sind geöffnet, auf den Spielplätzen spielen Kinder, auf den Fußballfeldern wird gekickt. Vor dem Königlichen Theater sitzen die Leute mit einem Kaffeebecher in der Frühjahrssonne. Ab und an legt eine Fähre hinaus in die Schären ab. So, als sei nichts passiert. Ist Schweden vom Coronavirus verschont geblieben oder ignoriert die Regierung im größten skandinavischen Land die Wirklichkeit?

Der Mann, der das Land bisher so gelassen durch die Krise steuert, ist Anders Tegnell, der oberste staatliche Epidemiologe. Er gehört zur Behörde für Volksgesundheit. So lässt sich Folkhälsomyndigheten auf Deutsch übersetzten. Fast jeden Tag um 14 Uhr tritt der 63-Jährige vor die Presse und verkündet mit seinen Kollegen und Kolleginnen die neuesten Zahlen und die Empfehlungen seiner Behörde. Meist trägt er dabei einen etwas verwaschenen Pulli und Chino-Hosen. Wenn Tegnell sein Statement abgibt, schwankt er häufig hin und her. Wie eine nordische Kiefer im Wind. Tatsächlich bekommt Tegnell im Moment viel Widerstand.

Sein Kurs in dieser Krise ist in Schweden durchaus umstritten. Er wird einerseits bewundert, bekommt Blumen und Zuspruch, aber lauter sind die Kritiker – auch aus dem eigenen Fachgebiet. Schließlich hat das Coronavirus vor Schweden nicht Halt gemacht. Knapp 2.300 Infizierte zählen die Behörden bis Anfang dieser Woche. 36 Patienten sind bis diesen Dienstag an den Folgen von Covid-19 gestorben.

"Es ist blutiger Ernst", mahnt Fredrik Elgh, Professor für Klinische Mikrobiologie an der Universität von Umeå. In einer Mail hat er sich mit anderen Fachleuten des Landes an Tegnell gewandt, um sich Gehör zu verschaffen. In einem Interview mit dem schwedischen Fernsehen sagte der Mediziner: "Ich bin zutiefst beunruhigt angesichts der Entwicklung. Ich würde am liebsten ganz Stockholm unter Quarantäne stellen."

Schweden sei praktisch das einzige Land der Welt, das nicht alles unternehme, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen. Zusammen mit 13 anderen Wissenschaftlern hat Elgh in einem Beitrag für die schwedische Zeitung Dagens Nyheter am Mittwoch noch einmal nachgelegt und mehr Transparenz von der Behörde für Volksgesundheit gefordert. Tegnell und seine Kolleginnen und Kollegen sollten ihre Daten und Berechnungsmodelle offenlegen. Längst blicken auch die Nachbarstaaten Dänemark und Norwegen verwundert auf die Schweden. Von der Einigkeit der skandinavischen Länder in Krisenzeiten ist im Falle von Corona wenig zu spüren.

Warum bleiben in Schweden trotz steigender Infektionszahlen die Kindergärten und Grundschulen geöffnet? Warum gibt es keine Kontaktsperre wie in Deutschland? Tegnell antwortet auf diese wiederkehrenden Fragen fast immer gleich: der epidemiologische Nutzen von Schulschließungen im Falle des Coronavirus sei zweifelhaft. Weder in Italien noch in China hätten sich Schulen als Verbreitungs-Hotspots für das Virus erwiesen.

Nach Untersuchungen der Weltgesundheitsorganisation WHO in China gebe es bisher keinen einzigen belegbaren Fall, bei dem sich ein Erwachsener bei einem Kind angesteckt habe. Wieso sollte man dann Zehntausende gesunde Kinder zu Hause behalten? Zumal sonst viele Eltern, die in wichtigen Berufen für die Krisenbekämpfung arbeiten, nicht mehr zur Arbeit gehen könnten? Tegnells Credo: "Alle Maßnahmen, die wir treffen, müssen auch über einen längeren Zeitraum durchführbar sein." Ansonsten verliere man in der Bevölkerung die Akzeptanz für die gesamte Corona-Strategie.

Der schwedische Weg lässt sich epidemiologisch auf zwei Grundregeln reduzieren. Ältere oder gesundheitlich vorbelastete Menschen sollen so gut es geht isoliert werden. Also keine Besuche der Kinder oder Enkel, keine Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln, wenn möglich auch keine Einkäufe. Das ist die eine Regel. Die andere lautet: Alle, die Symptome aufweisen, sollen sofort zu Hause bleiben, selbst beim geringsten Husten.

"Wenn man diese beiden Regeln befolgt, braucht man keine weiteren Maßnahmen, deren Effekt sowieso nur sehr marginal ist," wiederholt Tegnell. Das sagt er genau an jenem Abend, an dem in Deutschland die Kontaktsperre verkündet wird. Die schwedischen Gesundheitsbehörden verlassen sich bei ihrem Kurs auf eine Grundannahme, die in anderen Ländern durchaus umstritten ist. Menschen ohne Symptome gelten als nicht ansteckend. Mit diesem Hinweis ziehen auch alle schwedischen Ärztinnen und Krankenpfleger in den Kampf gegen das Virus.

Bisher jedenfalls ist die schwedische Politik, allen voran der sozialdemokratische Regierungschef Stefan Löfven, den Empfehlungen seiner Epidemiologen gefolgt. "Wir vertrauen auf unsere Behörden", sagt Löfven. Der große Ansturm auf die Krankenhäuser sei zumindest bisher ausgeblieben. Jeder Tag, der vergeht, könne ein Zeichen dafür sein, dass die Kurve doch etwas flacher ansteigen wird als befürchtet. Noch ein Umstand lässt die Schweden hoffen: Es ist die Altersverteilung bei den bisher Infizierten. Der größte Teil liegt in der Altersgruppe zwischen 40 und 59. Die meisten von ihnen haben sich das Virus beim Skifahren in Italien und Österreich geholt. Das Risiko, schwer zu erkranken, ist bei dieser Gruppe eher gering.

Dagegen ist die Zahl der Infizierten, die 70 Jahre und älter sind, noch relativ klein. Das könnte eine Erklärung sein, warum bisher die Krankheitsverläufe in Schweden weniger dramatisch sind als in anderen Ländern. Und noch eine Theorie macht die Runde. Anders als im Süden Europas lebten die Schweden doch eher in räumlicher Distanz zueinander. Mehrere Generationen seien nur selten unter einem Dach vereint. Und auch das südeuropäische Küsschen auf die Wange zur Begrüßung ist in Schweden eher unüblich.

Die relativ langsame Ausbreitung des Virus in Schweden könnte ein Beleg dafür sein, dass Anders Tegnell mit seiner defensiven Strategie nicht ganz falschliegt. Aber endgültig belegen lässt sich das erst nach dem Abflauen der Pandemie. Deshalb will auch Schweden vorsorgen und rüstet seine Krankenhäuser auf. Mithilfe des Militärs werden derzeit zwei Notlazarette für Corona-Infizierte errichtet. Eines davon entsteht in den Stockholmer Messehallen. Denn regulär gibt es in der schwedischen Hauptstadt nur 90 Intensivbetten. Im Ernstfall würde ein Vielfaches an Betten benötigt. Darauf will man vorbereitet sein.

Dass Schweden einen eigenen Weg geht, sieht man derzeit auch in den Wintersportgebieten des Landes. Fast überall in Europa ist der Skitourismus zum Erliegen gekommen. Auch im Nachbarland Norwegen wurde die Saison vorzeitig beendet. Doch in Schweden laufen die Liftanlagen weiter. Schließlich steht Ostern an. Da ist für viele der Urlaub in den Bergen fester Bestandteil. Nach den ersten Coronafällen im Wintersportort Åre stand nun aber auch ein vorzeitiges Saisonende in Schweden zur Diskussion. Aber so weit wollte die Gesundheitsbehörde dann doch nicht gehen. Gondelbahnen werden geschlossen. Die Skifahrer sollen beim Anstehen am Lift Abstand halten. In Restaurants und Hütten darf nur am Tisch gegessen oder getrunken werden. Aber ansonsten könne der Betrieb über Ostern weiterlaufen. Die Schweden gehen also weiter ihren eigenen Weg.


Aus: "Die Welt steht still. Nur Schweden nicht" Christian Stichler, Stockholm (24. März 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-03/coronavirus-schweden-stockholm-oeffentliches-leben/komplettansicht


"Schwedens Gelassenheit irritiert immer mehr"  (25.03.2020)
In Schweden herrscht trotz der Coronakrise fast Alltag. Die Regierung belässt es bei Appellen, Einschränkungen gibt es kaum. Das sorgt zunehmend für Kritik.
https://www.tagesspiegel.de/wissen/umgang-mit-der-coronavirus-pandemie-schwedens-gelassenheit-irritiert-immer-mehr/25681658.html

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tulum 25.03.2020, 18:38 Uhr

Die Schweden sind einfach realistischer als andere. Gerade die Deutschen neigen gerne dazu in Hysterie oder Panik zu verfallen. Der riesen Wirbel der hier politisch und medial gemacht wird ist Ausdruck dessen.


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KaiserVonChina 25.03.2020, 19:04 Uhr
Antwort auf den Beitrag von tulum 25.03.2020, 18:38 Uhr

    Die Schweden sind einfach realistischer als andere.

Genau. Nicht solche Memmen wie die Italiener oder Spanier.
Die machen ja nur, was die Medien wollen.


...
« Last Edit: March 26, 2020, 09:36:05 AM by Link »

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Coronavirus Notizen (...)
« Reply #12 on: March 25, 2020, 01:16:59 PM »
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[...] Der brasilianische Präsident Bolsonaro hat die Gefahren durch das Coronavirus erneut heruntergespielt. In einer Fernsehansprache warf er den Medien vor, Panik zu verbreiten. Er kritisierte das Vorgehen einiger Provinzen, die aus seiner Sicht unnötigerweise Schulen und Geschäfte geschlossen und Ausgangssperren verhängt hätten. Man biete dem Virus die Stirn, und es werde schnell vorbei sein, sagte Bolsonaro. Das Leben müsse weitergehen, und die Arbeitsplätze müssten erhalten bleiben. Zugleich meinte er jedoch, die Brasilianer sollten darauf achten, dass sie Eltern oder Großeltern nicht mit dem Virus anstecken.

Er selbst müsste sich in diesem Fall wegen seiner Vergangenheit als Sportler keine Sorgen machen, meinte Bolsonaro. Er würde nichts spüren oder, wenn es ihn sehr schwer treffen würde, wäre es wie eine kleine Grippe. – In Brasilien gab es bis gestern 2.200 Infektionen mit dem Virus und 46 Tote.

... Weltweit verfolgen die Länder sehr unterschiedliche Strategien. Die zentrale Frage ist: Was hilft gegen das Coronavirus? „Herdenimmunität“ oder „Shutdown“?

...


Aus: "Brasiliens Präsident Bolsonaro wirft Medien wegen Coronavirus Panikmache vor" (25. März 2020)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/covid-19-brasiliens-praesident-bolsonaro-wirft-medien-wegen.1939.de.html?drn:news_id=1113965

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[...] Lange hatte Brasiliens ultrarechter Präsident Jair Bolsonaro Warnungen vor dem Coronavirus als Hysterie abgetan und damit landesweite Proteste ausgelöst. Bolsonaro beschwichtigt immer noch. Trotzdem hat er inzwischen den Notstand erklärt. Vergangenen Freitag verabschiedete das Parlament ein Gesetzesdekret, das Finanzmittel zur Bekämpfung der Pandemie freigibt.

Die Regierung beschloss eine Quarantäne von sieben Tagen sowie Einschränkungen beim Flugverkehr, alle Grenzen sind dicht, Schulschließungen werden erwogen. Einigen Städten und Regionen geht das nicht weit genug, weshalb sie einen schärferen Kurs fahren und weitgehende Ausgangssperren verkündeten. Auch in den Armenvierteln des Landes haben Drogenbanden und Milizen aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus Ausländern den Zugang untersagt und Quarantäne über die Bewohner verhängt. Der Fußballbetrieb ist unterbrochen. Zwölf der 20 Klubs der ersten brasilianischen Liga haben ihre Stadien für die Behandlung von Covid-19-Patienten bereitgestellt.

Das Coronavirus ist in Lateinamerika im Vergleich zu Europa mit einem gewissen zeitlichen Abstand aufgetreten. Derweil haben aber alle Länder des Kontinents Infektionen bestätigt, zuletzt verkündete Haiti vergangenen Donnerstag die ersten beiden Fälle.

Brasilien traf es als Erstes – und bisher am stärksten: Die Zahl der Todesfälle ist dort laut den aktuellsten Zahlen der Regierung auf 46 gestiegen, jene der bestätigten Infektionen auf 2201. Doch Bolsonaro fürchtet vor allem die wirtschaftlichen Folgen der Maßnahmen im Kampf gegen das Virus, das er wiederholt als "Fantasie" und "kleine Grippe" abgetan hat. In einer Ansprache an die Nation forderte er am Dienstag die Bürgermeister der abgeriegelten Städte Rio de Janeiro und São Paulo auf, "zur Normalität zurückzukehren". Doch Brasilien ist auf einen größeren Ausbruch nicht vorbereitet. Das Gesundheitsministerium fürchtet, dass das Gesundheitssystem Ende April unter dem Druck der Krankheitswelle zusammenbrechen könnte.

Auch in Mexiko, wo der linksgerichtete Präsident Andrés Manuel López Obrador die Corona-Krise ebenfalls nicht als solche einstuft, dürften die Krankenhäuser laut Berechnungen des Latin America Risk Report des Beratungsunternehmens Hxagon binnen vier Wochen kollabieren, wenn die Zahl der Infektionen weiter steigt. Der Präsident stellte deshalb landesweit zehn Spitäler unter militärische Kontrolle. Am Montag schlossen erstmals Kirchen, Kinos und Bars. Zehn von zwölf Autoherstellern in Mexiko, dem weltweit viertgrößten Autoexporteur, machten ihre Fabriken zu.

Die meisten lateinamerikanischen Länder setzen seit spätestens Ende vergangener Woche auf schärfere Aktionen. In Argentinien gilt seit Freitag eine allgemeine Ausgangssperre. In Chile wurde der Katastrophenfall ausgerufen. Panama und Kolumbien setzten alle internationalen Flüge aus. Peru, Honduras, El Salvador veranlassten Direktzahlungen an die Ärmsten. Ecuador regelt Ausgangsgenehmigungen elektronisch und staffelt Ausgabetermine für Desinfektionsmittel.

Am schnellsten und rigorosesten reagierte Venezuela, wo das Gesundheitssystem schon mit der Normalsituation überfordert ist: In vielen Spitälern mangelt es selbst an Seife und fließendem Wasser. Es gilt daher eine Ausgangssperre, ohne Mundschutz darf niemand auf die Straße.

In der einen oder anderen Form verschärften also alle Staaten Lateinamerikas ihre Maßnahmen – bis auf Nicaragua: Der autoritär regierende Präsident Daniel Ortega hat weder Schulen noch Geschäfte schließen lassen, Fußballspiele finden weiterhin statt. Personen, die aus Ländern "mit aktiver Ansteckung" nach Nicaragua einreisen, wird eine zweiwöchige häusliche Quarantäne nahegelegt. (Anna Giulia Fink, 25.3.2020)


Aus: "Wie nun auch Lateinamerika die Maßnahmen gegen Corona verschärft" Anna Giulia Fink (25. März 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000116162294/wie-nun-auchlateinamerika-die-massnahmen-gegen-corona-verschaerft

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"Brasilien: Corona bringt Bolsonaro in Bedrängnis" Michael Vosatka (1. April 2020)
Gerichte kassieren Entscheidungen von Brasiliens rechtem Präsidenten, Twitter und Facebook löschen seine Postings. Nun droht auch noch die Amtsenthebung. ... Er zweifelt den Sinn von Isolationsmaßnahmen an und gerät nun selbst immer mehr in Isolation: Brasiliens Präsident Jair Messias Bolsonaro sieht sich wegen seines wenig restriktiven Kurses in der Corona-Krise mit immer mehr Widerstand in Brasilien konfrontiert. Gouverneure rufen öffentlich zu seiner Missachtung auf, die Zustimmung für ein mögliches Amtsenthebungsverfahren steigt, während Bolsonaros Umfragewerte sinken. Der Präsident kritisiert seit Beginn der Epidemie immer wieder die von Behörden gesetzten Maßnahmen. Dies sei eine Politik der "verbrannten Erde", erklärte er vor einigen Tagen, nachdem in der größten Stadt des Landes, São Paulo, eine Ausgangssperre verhängt worden war. Immer wieder bezeichnete Bolsonaro die Sorgen um die Ausbreitung des Virus als "Hysterie" und schalt die Medien wegen Panikmache vor der "gripezinha", der "kleine Grippe", die die vom Coronavirus ausgelöste Krankheit Covid-19 sei. Der Präsident befürchtet schwere Schäden für die Wirtschaft des Landes und sperrt sich daher gegen Ausgangsbeschränkungen. Vergangene Woche leitete die Regierung verschiedene milliardenschwere Maßnahmen zur Abfederung der Wirtschaftskrise in die Wege. Mehreren Gouverneuren, die in ihren Bundesstaaten Ausgangssperren verfügt hatten, warf Bolsonaro vor, Brasilien wirtschaftlich zu ruinieren und soziales Chaos zu verursachen. ...
https://www.derstandard.at/story/2000116359354/corona-bringt-bolsonaro-in-bedraengnis
« Last Edit: April 01, 2020, 05:52:09 PM by Link »

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Coronavirus Notizen (...)
« Reply #13 on: March 25, 2020, 05:15:20 PM »
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[...] In den USA haben sich der Kongress und das Weiße Haus auf das größte staatliche Rettungspaket für die Wirtschaft in der Geschichte der Vereinigten Staaten geeinigt. Mit zwei Billionen Dollar – in Zahlen: 2.000.000.000.000 Dollar – wollen Regierung und Parlament die ökonomischen Folgen der Coronavirus-Krise mildern und eine tiefe, langanhaltende Rezession verhindern.

Der Einigung ging allerdings ein tagelanger parteipolitischer Streit voraus, der die Börsen erst weltweit auf Talfahrt schickte. Und der dann wiederum ein signifikanter Sprung nach oben folgte, als sich ein Kompromiss zwischen den Republikanern um Präsident Donald Trump und den Demokraten abzeichnete. Ohne deren Zustimmung konnte das Parlament die Hilfe nicht beschließen. Die Abläufe führen zu unangenehmen Fragen und Erkenntnissen.

Die USA gelten, erstens, in weltwirtschaftlichen Fragen offenbar immer noch als die globale Führungsnation. Daran hat sich augenscheinlich wenig geändert, auch wenn China und die Europäische Union von ihrem BIP her ähnlich große Wirtschaftsblöcke sind. Weder der Ausbruch der Pandemie in China und ihr Verlauf dort haben solche Kurssprünge ausgelöst, noch der Schock, als das Virus nach Europa übersprang und mehrere EU-Staaten die Liste der am härtesten getroffenen Staaten anführten.

Zweitens stellt sich erneut die Frage nach der Krankheit des politischen Systems der USA mit aller Schärfe. Warum waren die politisch Verantwortlichen selbst in einer so existenziellen Bedrohung nicht in der Lage, ihre Lagerspaltung und ihre ideologischen Grabenkämpfe rascher zu überwinden? In vielen anderen Demokratien können und konnten sich Regierungs- und Oppositionsparteien zügiger auf einen gemeinsamen Kurs einigen.

Das hat gewiss auch mit dem irrlichternden Präsidenten zu tun, aber nicht allein. Die Unversöhnlichkeit war auch schon erschreckend, bevor Trump ins Weiße Haus einzog. Schon unter seinen Vorgängern wurden immer wieder Staatsausgaben blockiert, gab es Zwangsschließungen von Behörden und öffentlichen Einrichtungen, weil der Haushalt nicht rechtzeitig verabschiedet oder die Schuldengrenze nicht früh genug angehoben wurde.

Eine Differenzierung ist im aktuellen Streit freilich wichtig. Republikaner und Demokraten stritten diesmal nicht darum, ob das Rettungspaket richtig sei. Da waren sie sich einig. Das war in der globalen Finanzkrise noch anders, als es um die Rettung von Banken und Autokonzernen ging.

Sie stritten um das Wie: Wem soll die Hilfe in erster Linie zugute kommen? Und wer entscheidet über die Verteilung der Gelder? Drei bis vier Millionen Amerikaner haben bereits ihre Jobs verloren. Viele Millionen mehr werden ihre Arbeit in den kommenden Wochen verlieren.

Die Republikaner wollten den Schwerpunkt bei der Hilfe für die Airlines und andere Wirtschaftskonzerne setzen, wohl auch in der Hoffnung, dass die dann weniger Menschen entlassen. Die Demokraten forderten mehr Direkthilfe an Privathaushalte und an die Stellen und Firmen, die das Gesundheitssystem am Laufen halten.

Da zeigt sich erneut der tiefe ideologische Graben. In Europa besteht weitgehender Konsens über das Gesellschaftsmodell, die soziale Marktwirtschaft. Die wird rundum unterstützt, egal ob die Parteien sich konservativ, progressiv oder liberal nennen. In den USA wird der Streit um die Weltanschauung bis heute in aller Härte ausgetragen.

Die Demokraten wollen eher einen fürsorgenden Staat, wenn auch nicht so fürsorgend wie in Europa; das geht auch ihnen zu weit. Die meisten Republikaner setzen mehr auf die Eigenverantwortung der Bürger und einen kaum gebremsten Kapitalismus.

Der andere Streitpunkt betraf die simple Machtfrage. Wer entscheidet über die Verteilung der Staatsgelder: die Regierung oder das Parlament, dessen wichtigstes Instrument der Budgetvorbehalt ist, also die Bewilligung von Staatsausgaben? Die Regierung Trump wollte weitgehende Handlungsfreiheit. Das wäre aber wohl auch nicht anders gewesen, wenn jetzt ein Demokrat Präsident wäre.

Der Teil des Parlaments, der nicht zur Regierungsfraktion gehört, wollte der Exekutive enge Vorgaben machen. Derzeit sind das die Demokraten; doch auch dies wäre unter umgekehrten Vorzeichen wohl ganz ähnlich gewesen.

Die beiden Lager haben sich am Ende geeinigt. Dazu hat, drittens, auch beigetragen, dass sich die Wahrnehmung der Gefahren durch die Coronavirus-Krise verändert. Anfangs ging es vor allem um ein Ziel: eine exponentielle und damit nicht mehr beherrschbare Ausbreitung des Virus zu verhindern. Daher die Kontaktsperre.

Inzwischen warnen viele, dass die wirtschaftlichen Schäden mindestens so gravierend, wenn nicht größer seien als die medizinischen. Die Therapie – Herunterfahren der Wirtschaft durch Kontaktsperre – darf nicht schlimmer sein als die Krankheit selbst. Und dagegen helfen vorerst nur Rettungspakete. In den USA hat jedoch quälend lange gedauert bis zur Einigung auf das Hilfsprogramm Kein gutes Vorzeichen für den weiteren Umgang mit der Coronavirus-Krise. Und in deren Zentrum könnten die USA schon in den nächsten Wochen rücken, warnt die Weltgesundheitsorganisation WHO.


Aus: "Die Coronavirus-Krise zeigt die Krankheit des US-Systems" Christoph von Marschall (25.03.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/streit-um-rettungspaket-fuer-wirtschaft-die-coronavirus-krise-zeigt-die-krankheit-des-us-systems/25679608.html

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[...] Im zweiten Teil des „Faust“ wirft der Weimarer Finanzminister Goethe einen frühen Blick in die virtuelle Welt. Ihr Medium ist die Notenpresse, angeworfen von Mephistopheles und Faust mit dem Versprechen, die maroden Finanzen des Kaisers zu sanieren. Der ahnt Frevel, ungeheuren Trug. Doch so sehr’s ihn wundert, lässt er’s gelten. Bodenschätze sind der in Aussicht gestellte Gegenwert, und so wird dem liebenden Einsiedlerpaar Philemon und Baucis langsam der Boden unter den Füßen weggegraben. Geld ist für Goethe eine dynamische und teils irrationale Gewalt.

Die Zentralbanken wollen nun als Antwort auf das Coronavirus massiv neues Geld in die Märkte pumpen. Die amerikanische Notenbank hat den Kauf von Schuldpapieren von Unternehmen im Wert von bis zu einer Billion Euro angekündigt. Die Europäische Zentralbank will für 750 Milliarden Euro zusätzlich Staatsanleihen kaufen, was die angeschlagene Wirtschaft und die Staatsfinanzen etwa Italiens stabilisieren soll. Allgemein beraten die europäischen Zentralbanken darüber, wie sie Staatsanleihen für private Investoren attraktiv halten können. Denn nach Unionsrecht dürfen sie das Geld nicht direkt dem Staat leihen, der damit stärker in die Abhängigkeit von Investoren gerät.

Es sind heute wieder Summen im Spiel, wie man sie aus der Finanzkrise kennt. Damit verschärft sich ein spätestens seit der Finanzkrise wahrgenommenes Problem: der wachsende Abstand zwischen Real- und Finanzwirtschaft. Schon in den vergangenen zehn Jahren hat sich die von der Europäischen Zentralbank gemessene offizielle Geldmenge mehr als verdoppelt, ohne dass die Wirtschaft im gleichen Zug gewachsen wäre. Vielmehr hat sich das Verhältnis umgekehrt. Betrug die globale Geldmenge 1960 noch rund 51 Prozent der Wirtschaftsleistung, so waren es 2018 schon rund 125 Prozent, mit steigender Tendenz. Das Übermaß der Geldmenge ist ein Pfand auf die Zukunft. Es muss abgearbeitet werden durch weitere Investition und Produktion, die günstigenfalls naturfreundlich und klimaneutral sind.

Dass die Geldschöpfung eine untergeordnete Rolle in der Wirtschaftswissenschaft spielt, wie der Ökonom Mathias Binswanger kritisiert, hört man angesichts ihrer großen politischen und sozialen Folgen mit Erstaunen. In dem Portal Soziopolis nehmen sich jetzt die Sozialwissenschaftler Friedo Karth, Carolin Müller und Aaron Sahr der Geldschöpfung mit einer dreiteiligen Serie an. Leitmotiv ist die monetäre Souveränität: Hat der Staat noch die Kontrolle über die Geldmenge, die zu den Merkmalen seiner Souveränität gehört?

Für die Geldschöpfung braucht man heute keine Notenpresse mehr. Es reicht der Eintrag in der Bilanz. Welche Risiken damit einhergehen, wurde in der Finanzkrise schmerzhaft deutlich, die das Ergebnis eines Handels mit leeren Versprechen war, den toxischen Derivaten. Zur allgemeinen Überraschung erklärte die Wirtschaftswissenschaft damals, die Rolle der Bank kaum erforscht zu haben, da sie im neoklassischen Marktmodell, das Geld als neutralen Mittler versteht, nur eine Nebenrolle spiele.

Geld, lautet die Annahme, ist immer da und in erwünschter Menge. Faktisch ist das richtig, wie die Autoren zeigen, denn die Zentralbanken, die theoretisch über das Monopol der Geldschöpfung verfügen, haben kein Mandat, das Real-Geld zurückzuhalten, wenn Privatbanken es von ihr fordern. Illusionär ist damit die Annahme geworden, die Zentralbanken und der Staat würden die Geldschöpfung weiter kontrollieren und so lenken, dass sie in einem ausgewogenen Verhältnis zur Realwirtschaft steht. Die Menge des Bargelds, also des staatlich geschaffenen Geldes, liegt in Deutschland heute bei neun Prozent. Der Rest ist von Banken, also privat geschaffenes Geld.

Das alles ist kein Geheimnis, trotzdem hat sich weithin die Ansicht gehalten, der Staat habe die Geldschöpfung in der Hand. Als Facebook im vergangenen Jahr mit der Privatwährung Libra zum Angriff auf das staatliche Geldmonopol blies, versandte Olaf Scholz einen entrüsteten Tweet: „Die Herausgabe einer Währung gehört nicht in die Hände eines Privatunternehmens, denn sie ist ein Kernelement staatlicher Souveränität.“

Dem Finanzminister war entgangen, dass der überwiegende Teil der Geldschöpfung längst in der Hand privater Banken liegt. Mit diesem Irrtum steht er nicht allein. Die Lehrbücher der Wirtschaftswissenschaften, so die Autoren, haben den Souveränitätsverlust der Staaten über die Geldschöpfung erst teilweise nachvollzogen. Souverän wären sie, wenn jede Kreditvergabe durch Zentralbankgeld gedeckt wäre, was den Autoren zufolge der Realität nicht entspricht.

Eine besondere Situation besteht in der Eurozone, in der die Mitgliedstaaten vertraglich zum Verzicht auf eigene Geldschöpfung verpflichtet sind. Die Staaten müssen ihre Zahlungsfähigkeit über den Privatmarkt sicherstellen, erst im zweiten Schritt darf die jeweilige Zentralbank die Schulden von den Investoren aufkaufen. Die Kompetenz zu eigener Geldschöpfung hat sie nicht. Im Normalbetrieb ist das unproblematisch, weil Staaten als sichere Schuldner gelten und ihre Anleihen ausreichend nachgefragt werden. Griechenland brachte diese Regelung dagegen in der Euro-Krise an den Rand der Insolvenz, was nur durch die Schaffung eines Rettungsschirms abgewendet werden konnte – jenseits demokratischer Verfahren.

Die von Olaf Scholz reklamierte geldpolitische Souveränität ist also auch im europäischen Maßstab eine Fiktion. Das mag sein Gutes haben, verbietet es den Staaten doch eine maßlose Schuldenwirtschaft über die Druckerpresse. Den Autoren nach hat es aber auch den Nachteil, dass sie bei Investitionen über das SteuerBudget hinaus zunächst der Profit-Logik des Marktes gehorchen müssen und dass eine kleine Gruppe von Kapitaleigentümern durch die privatwirtschaftliche Geldschöpfung überproportional belohnt werde. Mit dem Coronavirus zeichnet sich jetzt eine Wiederholung der Euro-Krisen-Erfahrung ab: dass staatliche Anleihen bestimmter Länder für den Privatmarkt nicht mehr attraktiv sind, diese Länder aber nicht aus eigener Kraft für ihre Solvenz sorgen können.

Wir fahren auf Sicht, lautete die Antwort der Bundesregierung auf die Finanzkrise. Damals wurde an den Parlamenten vorbei ein Schutzsystem aufgebaut, das politisch keinesfalls eine neutrale Rolle spielt. Zentraler Akteur ist die Europäische Zentralbank, die mit dem massiven Aufkauf von Staatsanleihen (bisher 2,6 Billionen Euro) und ihrer Niedrigzinspolitik ihr Mandat überdehnt und eine (wirtschafts-)politische Funktion übernimmt.

So basiert die Geldpolitik der Europäischen Union auf einer versteckten Umschuldung durch demokratisch nichtlegitimierte Akteure anstelle eines transparenten und geordneten Systems. Das bewirkt einen deutlichen Verlust an politischer Souveränität und demokratischer Legitimität für die Mitgliedstaaten, mit den bekannten Nebenwirkungen: Verlust von Sparguthaben, Immobilienkrise, Parlamentarismuskritik, EU-Kritik.

Mit der Finanzkrise ist die Bewegung der Vollgeldreformer entstanden, die das Monopol auf Geldschöpfung wieder in die Hände des Staates legen will. Ob auf diese Weise der unvorhersehbare und flexible Finanzbedarf in kapitalistischen Wirtschaften gedeckt werden kann, mag man bezweifeln. Die Alternative zur privaten Geldschöpfung wäre eine Stärkung der Zentralbanken und der Regierungen bei der Geldschöpfung, aber auch hier stellt sich die Frage, ob diese Entscheidung zentralisiert werden sollte. Die Forderung der Autoren nach einer offenen Debatte ist jedenfalls berechtigt, wenn Geldpolitik nicht im Krisenreaktionsmodus betrieben werden soll.


Aus: "Mechanismen der Geldschöpfung : Die stillen Regenten des Geldes" Thomas Thiel (25.03.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/hoersaal/geldschoepfung-in-der-corona-krise-wer-profitiert-davon-16693400.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

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Coronavirus Notizen (...)
« Reply #14 on: March 25, 2020, 05:19:11 PM »
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[...] Weil Ethanol zur Herstellung von Desinfektionsmitteln knapp wird, suchen die Produzenten nach zusätzlichen Bezugsquellen. Dabei sind auch die Spirituosenhersteller gefragt: Das Familienunternehmen Jägermeister stellt der Apotheke des Klinikums Braunschweig aus seinen Lager-Beständen 50000 Liter Alkohol zur Verfügung. Der Alkohol soll mit Unterstützung der Feuerwehr Braunschweig zur Apotheke des Städtischen Klinikums Braunschweig gebracht werden, heißt es in einer Mitteilung der Klinik. „Wir haben verstanden, dass es an der Stelle offensichtlich einen hohen Bedarf gibt“, sagt der Jägermeister-Mehrheitseigentümer Florian Rehm.

Auch im Ausland zeigen sich Spirituosenhersteller hilfsbereit: In Großbritannien spendet der Spirituosen-Konzern Diageo – bekannt für seine Marken Johnnie Walker, Smirnoff und Guinness-Bier – sogar zwei Millionen Liter reinen Alkohol für die Herstellung von Desinfektionsmitteln. Jeweils 500.000 Liter sollen Großbritannien/Irland, die Vereinigten Staaten und Indien bekommen. Italien und Australien bekommen jeweils 100.000 Liter, zudem bekommen auch Kenia und Brasilien größere Mengen Alkohol, wie das Unternehmen mitteilt. In Frankreich stellt Pernod Ricard 70000 Liter reinen Alkohol zu Verfügung. In Puerto Rico hilft der Rumbrenner Bacardi. Über eine halbe Million Flaschen Desinfektionsmittel werden an Gemeinden und gemeinnützige Organisationen geliefert.

Andere Unternehmen tun ebenfalls, was sie können: Die Bremer Beck’s Brauerei produziert selbst Desinfektionsmittel, teilte der weltgrößte Braukonzern AB Inbev mit, zu dem die Beck’s Brauerei seit dem Jahr 2004 gehört. Zum Einsatz komme dabei auch der überschüssige Alkohol aus der Entalkoholisierung der alkoholfreien Biere wie Beck‘s Blue und Jupiler 0,0. „Die Umstellung vom Brauen mit Hopfen und Gerste auf die Herstellung von Desinfektionsmitteln und Handdesinfektionsmitteln war eine Herausforderung, der wir uns aber angesichts der aktuellen Situation gerne gestellt haben“, sagt Jason Warner, Europa-Chef von AB Inbev.

Der Chemiekonzern BASF hatte am Montag erste Kliniken mit Desinfektionsmittel beliefert. Für die Herstellung hatte die BASF eine Ausnahmegenehmigung des rheinland-pfälzischen Gesundheitsministeriums erhalten. Der Kosmetik-Konzern Beiersdorf hat schon vergangenen Woche angekündigt, ab sofort Desinfektionsmittel zu produzieren.



Aus: "Jägermeister liefert Alkohol für Desinfektionsmittel"  Tillmann Neuscheler (23.03.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/corona-jaegermeister-liefert-alkohol-fuer-desinfektionsmittel-16692757.html

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[...] Es ist ein trauriger Rekord: Mehr als 10.000 Menschen haben sich Stand Mittwoch in der Schweiz offiziell mit dem Coronavirus angesteckt. Das zeigen Zahlen der Johns Hopkins University. Die Schweiz hat damit die meisten bestätigten Infektionen mit dem Coronavirus pro Kopf, mehr als 120 Fälle pro 100.000 Einwohner. Das ist mehr als in Italien. ...

... Die hohe Zahl der offiziell registrierten Infizierten kann auch daraus resultieren, dass in der Schweiz besonders viele Menschen auf das Coronavirus getestet werden. Am Dienstagabend berichtet Reuters von circa 8000 Menschen, die sich jeden Tag auf das Virus testen lassen. Insgesamt hätten bereits 80.000 Menschen einen solchen Test gemacht.

Patrick Mathys vom Schweizer Gesundheitsministerium sagte Reuters, die Regierung könne die Lage im Land durch die vielen Tests besser einschätzen.  "Ich glaube wir wissen ungefähr, was in der Schweiz passiert", sagte er. Er mahnte aber auch: Kein Land wisse, wie viele seiner Einwohner tatsächlich infiziert sind.

Länder ausgehend von den jeweils bestätigten Fällen pro 100.000 Einwohner zu vergleichen ist deshalb schwierig. Während Länder wie Norwegen, Südkorea oder eben die Schweiz viel testen, sieht das in den USA oder dem Iran ganz anders aus.


Aus: "Schweiz meldet mehr als 10.000 Infizierte" Jana Heigl (25.03.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/die-meisten-bestaetigten-coronavirus-faelle-pro-kopf-schweiz-meldet-mehr-als-10-000-infizierte/25681226.html
« Last Edit: March 25, 2020, 05:28:58 PM by Link »

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« Reply #15 on: March 26, 2020, 09:25:58 AM »
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[...] Wissenschaftliche Publikationen studieren, politische Maßnahmen analysieren und im Netz veröffentlichte Informationen kritisch einordnen – Journalisten nehmen in der Coronakrise eine Schlüsselrolle in der Aufklärung der Bevölkerung ein. Doch in vielen Ländern wird die unabhängige Arbeit von Medienschaffenden zunehmend eingeschränkt.

Die Nichtregierungsorganisation „Reporter ohne Grenzen“, die sich weltweit für Pressefreiheit einsetzt, ist alarmiert. „Wir stehen vor neuen Herausforderungen“, sagt Geschäftsführer Christian Mihr im Gespräch mit dem Tagesspiegel. „Ich bin selber überrascht, dass es fast auf der ganzen Welt Einschränkungen wegen der Coronavirus-Ausbreitung gibt.“

So wurde etwa in Honduras der Verfassungsartikel zur Pressefreiheit außer Kraft gesetzt. In Armenien dürfen Journalisten nur noch amtliche Informationen über die Corona-Pandemie veröffentlichen und in Ägypten wurden mehrere Nachrichten-Portale wegen der „Verbreitung falscher Nachrichten“ für sechs Monate gesperrt. Zudem entzog Kairo der „The Guardian“-Journalistin Ruth Michaelson die Akkreditierung, weil sie über eine Studie berichtet hatte, die von einer deutlich höheren Fallzahl in Ägypten ausgeht.

Innerhalb der EU wird insbesondere in Ungarn die Pressefreiheit zunehmend beschnitten. Die Regierung von Präsident Orban hat einen Entwurf für eine Notverordnung erarbeitet. Dieser sieht vor, dass Journalisten für bis zu fünf Jahre für „falsche“ oder „verzerrte“ Berichte zur Coronakrise inhaftiert werden können. „Das passt in das Muster, dass autoritäre Reflexe nun verschärft werden“, sagt Mihr.

Auch die Situation von inhaftierten Journalisten in der Türkei und im Iran bereitet dem Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen Sorge. Viele Insassen wurden in sogenannten „Hafturlaub“ entlassen. Im Iran gilt dies jedoch nicht für politische Häftlinge und in der Türkei wurden Terrordelikte von der Regelung ausgenommen – worunter so gut wie alle Journalisten fallen.

Für sie haben sich die Haftbedingungen dramatisch verschlechtert und der Zugang zu Anwälten und zur Familie wurde weiter eingeschränkt. „Journalisten werden explizit von den Maßnahmen ausgenommen und bewusst einer Gefahr ausgesetzt, sagt Mihr. Es zeige sich, dass die Pandemie zunehmend als „Vorwand“ genutzt werde.

Welchen Gefahren kritische Journalisten ausgesetzt sind, wird auch in China deutlich. In dem Ursprungsland des Covid-19-Ausbruchs sind bereits einige Journalisten verschwunden, die die Angaben der Regierung in Frage gestellt hatten. So auch der 25 Jahre alte Li Zehua. Der Journalist hatte seinen Job beim chinesischen Staatsfernsehen gekündigt, um als unabhängiger Journalist aus Wuhan zu berichten. In Aufnahmen hatte er unter anderem heimlich Eindrücke aus einem Krematorium festgehalten – und festgestellt, dass der Arbeitsaufwand dort nicht mit den offiziellen Covid-19-Todeszahlen übereinstimmen kann. 

Seine vorerst letzten Beiträge veröffentlichte er am 26. Februar. Li Zehua filmte sich in seinem Wagen, während er von der Staatssicherheit verfolgt wurde. Danach wandte er sich in einem Livestream in seiner Wohnung noch einmal an seine Hörerschaft. Seitdem fehlt von ihm jede Spur.

Laut Reporter ohne Grenzen wird die Kritik am chinesischen Krisenmanagement und an den Maßnahmen der Regierung zunehmend von den Behörden unterdrückt – auch weil das chinesische System als überlegen in der Krise dargestellt werden soll.

Dabei ist eine freie Berichterstattung auch für die Eindämmung des Coronavirus essentiell. Denn es gibt weltweit unterschiedliche Ansätze, welche Maßnahmen bei der Bekämpfung des Virus umgesetzt werden sollen – und noch kann nicht vollends eingeschätzt werden, welche Wege letztlich erfolgreich sein werden.

„In vielen Ländern werden die Sichtweisen eingeschränkt, die nicht dem Handeln der Regierung entsprechen“ sagt Mihr. Stattdessen soll die Regierungssicht durchgesetzt werden. Insbesondere in der Coronakrise gelte es deshalb die Pressefreiheit zu schützen. Denn: „Wer jetzt eine unabhängige Berichterstattung einschränkt, vergrößert nicht nur die Verunsicherung“, sagt Mihr. „Sondern Menschen werden auch ganz realen Gefahren ausgesetzt.“


Aus: "Wenn die Wahrheit zur Corona-Pandemie nicht ans Licht kommen soll" Gloria Geyer (26.03.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/journalisten-weltweit-unterdrueckt-wenn-die-wahrheit-zur-corona-pandemie-nicht-ans-licht-kommen-soll/25683454.html

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Coronavirus Notizen (...)
« Reply #16 on: March 26, 2020, 10:01:02 AM »
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[...] Einen Gefallen hat Madonna sich und anderen wohlhabenden Amerikanern mit dem Badewanne-Rosenblätter-Video bestimmt nicht getan. „Das Besondere an Covid-19 ist, dass es der Krankheit egal ist, wie reich oder berühmt man ist. Bei ihr sind alle gleich“, hatte die Queen of Pop schwadroniert, als sie am Wochenende nackt und mit perfektem Makeup zu leiser Musik in der Wanne saß. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. In sozialen Medien beschimpften Tausende Amerikaner Madonna als dumm, selbstverliebt und abgehoben.

Tatsächlich scheint das „Material Girl“ mit einem geschätzten Vermögen von mehr als 800 Millionen Dollar in den vergangenen Wochen eher selten aus den Fenstern ihres Stadthauses an Manhattans Upper East Side geblickt zu haben. Seit sich Corona auch zwischen New York und Los Angeles ausbreitet, surren über Manhattan die Motoren. Die Angst, sich bei einem Linienflug mit dem Virus zu infizieren, treibt Geschäftsleute und Prominente in Privatjets.

Flugunternehmen wie „Blade“ schicken derweil regelmäßig Hubschrauber in Küstenorte der Hamptons, wo sich viele wohlhabende New Yorker in ihren Ferienhäusern isoliert haben. Auf Bestellung versorgen sie die Stadtflüchtigen mit Medikamenten, Büchern und Computern. „Vieles, das man in New York einfach kaufen kann, ist dort nicht erhältlich. Wir durchleben gerade eine außergewöhnliche Zeit und sind bemüht zu helfen“, meint Firmensprecher Simon McLaren.

Computer per Hubschrauber sind nur eine Dienstleistung, um Amerikas Wohlhabenden die Corona-Krise zu erleichtern. Wegen Ausgangsbeschränkungen in Los Angeles und New York steigt auch die Nachfrage nach Hausangestellten, die mit ihren Arbeitgebern unter einem Dach wohnen. Die Vorzüge? Unterstützung beim Kochen, Putzen und Kinderhüten sowie ein geringeres Risiko, sich bei der Hausangestellten anzustecken, nachdem diese im Bus von Downtown Los Angeles nach Malibu gefahren ist.

Firmen wie „Lily Pond Services“, bei Prominenten wegen der Vermittlung diskreter Hilfe geschätzt, suchen in Pandemiezeiten aber auch medizinisches Personal. „Mich erreichen viele Anrufe von Klienten, die nach Ärzten oder Krankenschwestern fragen, die vorübergehend bei ihnen einziehen. Für den Fall, dass sie sich infizieren und getestet werden müssen“, sagte Melissa Psitos, die Inhaberin von „Lily Pond Services“, dem „Hollywood Reporter“.

Social Distancing treibt viele „One percenter“, wie Amerikas Großverdiener genannt werden, aufs Wasser. Obwohl die Saison noch nicht begonnen hat, ziehen sie sich auf Yachten zurück. Auch hier versucht Psitos zu helfen. „Plötzlich soll ich auch Boote mit Personal versorgen. Viele Leute machen sich so große Sorgen wegen des Virus, dass sie meinen, der sicherste Platz sei vor der Küste.“

Makler für Luxusimmobilien berichten zudem von Milliardären auf der Suche nach Privatinseln in der Karibik. Viele Technologieunternehmer soll es derweil aus dem Silicon Valley nach Neuseeland ziehen. Für den Notfall legte sich Peter Thiel, Mitgründer des Bezahldienstes Paypal, schon vor einigen Jahren einen Rückzugsort im entlegenen Queenstown zu, Panikraum inklusive.

Bei vielen Nicht-Millionären regt sich inzwischen Widerstand. Nach Medienberichten über Prominente wie Idris Elba und Kris Jenner, die einen der raren Coronatests bekamen, obwohl sie keine Symptome zeigten, lehnen immer mehr Gemeinden Pandemietouristen ab. Nobelorte wie die Hamptons, Nantucket und Martha’s Vineyard, Zweitwohnsitz der Obamas, klagen bereits über leere Regale in den Lebensmittelgeschäften. „In dieser Stadt ist kein Gemüse mehr zu finden. Das haben wir elitären Leuten zu verdanken, die meinen, dass sie über den Regeln stehen“, wetterte ein Bewohner East Hamptons in der „New York Post“.

Auch auf der Insel Nantucket, die eigentlich erst in den Sommermonaten wohlhabende Besucher aus New York, Washington und Philadelphia anzieht, gehen langsam Toilettenpapier, Konserven und Eier aus. Nach Rücksprache mit Massachusetts’ Katastrophenschutzbehörden haben die Stadtväter nun eine Ausgangssperre verhängt – und den Fährverkehr eingeschränkt.


Aus: "Amerikanische Oberklasse : Die Reichen fliehen aufs Wasser" Christiane Heil, Los Angeles (25.03.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/coronavirus/corona-krise-in-den-usa-die-reichen-fliehen-aus-den-grossstaedten-16694547.html


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« Reply #17 on: March 26, 2020, 02:40:00 PM »
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[...] Ganz Italien ist eine Sperrzone. Schulen, Kindergärten, Universitäten sind geschlossen, Veranstaltungen abgesagt. Die Corona-Pandemie hat Italien schwer getroffen, viele Krankenhäuser sind überlastet, mehrere Tausend Menschen gestorben. ... Die Philosophin Donatella Di Cesare warnt vor Egoismen und kritisiert eine fehlende politische Präsenz. Den Glauben an die Europäische Union hat sie verloren. Die Italienerinnen und Italiener merkten, Europa existiere nicht mehr, sagt sie. ... Wir haben in Italien viele Krisen überlebt, und das auch, weil wir als optimistisch gelten, sagt die Philosophin Donatella Di Cesare. Aber diesmal sei alles anders.

Di Cesare: ... es gibt privilegierte Menschen, die zu Hause bleiben dürfen, und andere, die sich in dieser Krise exponieren müssen. Darüber wird die Politik nachdenken müssen. Wir sprechen gerade nicht über die Migranten. Und warum? Weil wir sie vergessen haben. Wir in Italien wissen nicht einmal, welche Maßnahmen gerade zum Beispiel in den Camps der Sinti und Roma hier in Rom gelten und in den Aufnahmeeinrichtungen für Geflüchtete. Es interessiert absolut niemanden gerade. Die Italienerinnen und Italiener sorgen sich um ihre eigene Immunität, denn das interessiert sie wirklich. Was auf Lesbos passiert, ist egal.

Claudio Rizzello: Allein auf der griechischen Insel Lesbos leben rund 20.000 Migranten unter menschenunwürdigen Bedingungen. Durch das Coronavirus droht ihnen nun auch noch eine medizinische Katastrophe. Warum lässt uns das kalt?

Di Cesare: Weil es immer erst um die eigene Immunität geht. Vor einigen Wochen noch wurden viele Chinesen in Italien stark diskriminiert. Sie wurden richtig angefeindet. Der Präsident der Region in Venetien, Luca Zaia, sagte im Fernsehen, Chinesen würden lebende Mäuse essen, daher käme das Virus. Das Video ging viral. Und Zaia, ein Vertreter der Lega-Partei, wollte damit natürlich Hass säen. Jetzt werden die Chinesen gefeiert, sind Helden, weil sie medizinische Versorgung nach Italien brachten. So funktioniert die immune Demokratie. Ich will meine Privilegien behalten und immun bleiben. Was draußen passiert, geht mich gar nichts an. Das ist das Spiel der Diskriminierung.

...


Aus: "Italien: "Ich weiß nicht, wie lange wir das durchhalten"" Interview: Claudio Rizzello (26. März 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-03/italien-coronavirus-krise-konsequenzen-donatella-di-cesare/komplettansicht

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« Reply #18 on: March 26, 2020, 04:58:52 PM »
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[...] Am Mittwoch, den 18. März haben sich bereits in 386 von 401 deutschen Stadt- und Landkreisen Menschen mit dem neuen Coronavirus infiziert. Ein besonderer Schwerpunkte der Fallzahlen liegt – nehmen den Großstädten wie Berlin und München – in Heinsberg.

... Dabei fällt auf, dass besonders häufig nicht nur große Städte betroffen sind, sondern auch diejenigen Orte, die besonders früh eigene Ansteckungsketten hatten. Dazu kommen Faktoren wie die Bevölkerungsdichte. Je mehr gemeinsam genutzter Raum, je mehr Nähe, je mehr Gesellschaft, desto einfacher hat es SARS-CoV-2.

...


Aus: "SARS-CoV-2 in Deutschland: Alle 43.853 bestätigten Coronavirus-Infektionen nach Landkreisen und Bundesländern" (Stand: 26.3.2020)
Quelle: https://interaktiv.tagesspiegel.de/lab/karte-sars-cov-2-in-deutschland-landkreise/

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[....] 16:33   Manon Priebe: ... Der sicherste Sex-Partner bist du selbst! Coronavirus verbreitet sich nicht durch Masturbation: Hände und Sexspielzeug vor und nach dem Sex mit Seife und Wasser für mindestens 20 Sekunden waschen.

... 16:25   Gina Thomas

Ein Netzwerk junger britischer Architekten und Designer sammelt Unterschriften, um die Schließung von Baustellen zu erwirken. Premierminister Boris Johnson hat bisher dem wachsenden Druck stattgehalten, alle bis auf wesentliche Bauarbeiten einstellen zu lassen. Der Premierminister vertritt den Standpunkt, dass die Bauindustrie weiterlaufen könne, solange die Arbeiter den nötigen Abstand hielten. Dem halten Politiker wie der Labour-Parteiführer Jeremy Corbyn und der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan entgegen, dass das verstärkte Risiko der Verbreitung des Corona-Virus das Wohl der Arbeiter und der Öffentlichkeit gefährde.


Aus: "Mehr als 40.000 bestätigte Infektionen in Deutschland" (26.03.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/coronavirus/liveticker-zum-coronavirus-40-000-faelle-in-deutschland-16695585.html

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[...] Die aktuellen Ausgangsbeschränkungen und Betriebsschließungen aufgrund der Corona-Krise haben Auswirkungen auf die Zahl der Beschäftigten. Vom 15. bis 24. März ist die Arbeitslosigkeit in Österreich um rund 153.100 Personen gestiegen, bestätigte das Arbeitsmarktservice am Mittwoch.

Eine aktuelle Umfrage der Jobplattform Stepstone deutet nun darauf hin, dass jeder Zehnte hierzulande bereits wegen der Corona-Krise gekündigt wurde. Circa ein Drittel der Befragten gab an, Angst zu haben, demnächst den Job zu verlieren. Befragt wurden rund 3.500 Arbeitnehmer und Arbeitssuchende in Österreich.

Von den Auswirkungen auf das tägliche Arbeitsleben sind die meisten Umfrageteilnehmenden betroffen: Mehr als jedes vierte Unternehmen ist demnach ganz oder zeitweise geschlossen, in jedem fünften Unternehmen kommt es zu Kurzarbeit, heißt es in der Befragung. 16 Prozent aller Befragten berichten von Kündigungswellen im Unternehmen.

Neben Kündigungen und Kurzarbeit wird knapp jeder Fünfte auch dazu gedrängt, aufgesparte Urlaubstage oder Zeitausgleich zu nehmen. Ein Drittel aller untersuchten Unternehmen verschiebt Projekte oder Investitionen, was laut den Umfrageteilnehmenden zu "Stress und Frustration" führe. Viele seien verzweifelt, eine befragte Person schreibt: "Keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Der Arbeitgeber lässt mich hängen." Besonders unangenehm sei die Situation für jene, die Kinder haben, heißt es in der Aussendung. "Der Urlaub ist aufgebraucht und steht in den Ferien nicht mehr für die Kinderbetreuung zur Verfügung", gibt ein Teilnehmer an.

Zudem berichten Befragte von unbezahlten Überstunden, mentaler Belastung und ungleicher Behandlung. Und viele machen sich Sorgen, zeigt die Umfrage: 85 Prozent aller Befragten sorgen sich wegen des Virus, die Hälfte hat Angst, dass sich das Virus negativ auf den Unternehmenserfolg auswirkt. Und knapp ein Drittel befürchtet, sich selbst am Arbeitsplatz anzustecken. (red, 26.3.2020)


Aus: "Umfrage: Jeder Zehnte wegen Corona-Krise gekündigt" (26. März 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000116190889/umfrage-jeder-zehnte-wegen-corona-krise-gekuendigt

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[...] Die Faktoren, die unter normalen Umständen zu der schlechteren Gesundheitsversorgung der Armen führen, werden auch in der Corona-Krise eine Rolle spielen. Zur Zeit konzentriert sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf New York, weil hier durch die schiere Masse der Infizierten bereits Engpässe entstehen. An sich sind die Gesundheitssysteme der großen Städte aber oft besser aufgestellt als im ländlichen Raum, insbesondere für Patienten mit geringem Einkommen. Wer keine Krankenversicherung hat, kann etwa in New York in gemeinnützige Gesundheitszentren gehen, die von Spenden und staatlichen Zuschüssen finanziert werden. Auch manche Krankenhäuser bieten kostenlose oder stark reduzierte Behandlungen im Notfall an. An den Universitäten behandeln Ärzte in Ausbildung zu günstigeren Preisen. Doch für einen Massenansturm sind diese Angebote nicht gerüstet.

Fachleute befürchten, dass es auch auf dem Land bald zu Versorgungsengpässen kommen wird. Fünfzehn Prozent der Amerikaner leben dort. Sie sind älter als anderswo, nämlich im Durchschnitt 73,3 Jahre. Sie sind auch ärmer als in den Städten und haben öfter chronische Krankheiten wie Diabetes. In den urbanen Zentren Amerikas gibt es laut einer aktuellen Berechnung der Nachrichtenagentur AP 51.000 Betten auf Intensivstationen. Alle ländlichen Gemeinden zusammen haben nur 5600 solche Plätze. Insgesamt sind das etwas mehr als doppelt so viele Betten, wie in Deutschland zur Verfügung entstehen – allerdings für eine mehr als viermal so große Bevölkerung.

Zudem schlossen in den vergangenen Jahren vielerorts auf dem Land die Hospitäler. Auch dieses Problem betrifft überproportional den Süden. Zwischen 2005 und 2019 machten laut einer Studie 162 Krankenhäuser dicht, sechzig Prozent davon waren in Staaten, die Medicaid nicht ausweiten wollten. Laut der Universität von North Carolina lagen 94 dieser Häuser im Süden.

Die Zahl der Coronavirus-Fälle wird auch auf dem Land und im Süden exponentiell steigen, sagen Fachleute. Mississippi etwa liegt nur auf Platz 35, wenn es um die Größe der Bevölkerung in den Bundesstaaten geht, aber jetzt schon auf dem 12. Platz bei den Coronavirus-Fällen pro 100.000 Einwohner. Am Mittwoch wurden hier 377 Infizierte gemeldet. Wie andere Südstaaten ist Mississippi nicht nur gegen die Medicaid-Ausweitung. Es ist auch ein so genannter „Right to Work“-Staat, wo die Regierung die Rechte der Gewerkschaften ausgehöhlt hat und es nur schwache Arbeitnehmerrechte wie bezahlte Krankheitstage gibt.

So ist es auch in Tennessee. Bill Lee, der republikanische Gouverneur, musste in dieser Woche zugeben, dass er bislang keinen Plan für die Unversicherten und Armen hat, die an Covid-19 erkrankten. In seinem Bundesstaat gibt es zur Zeit 777 Fälle, zwei Menschen starben. Er sei bereit, eine Finanzierung durch das Medicaid-System zu erwägen, sagte Lee. Man evaluiere zur Zeit, wie man Unversicherten und Einkommensschwachen eine Behandlung im Fall einer Coronavirus-Infektion „anbieten“ könne, hieß es seitens der Gesundheitsbehörde. Gleichzeitig ließ der Gouverneur verkünden, er halte es nach wie vor für richtig, die Medicaid-Ausweitung für seinen Staat zurückzuweisen. Laut der Zeitung „The Tennessean“ sind deswegen mehrere Hunderttausend Bürger dort nicht versichert.

Es ist also längst nicht in allen Staaten klar, wer die Kosten für ärmere Patienten übernehmen wird. Und wenn die Bundesstaaten dafür eine Lösung finden, gibt es noch viele weitere Probleme. Die Versorgung der Krankenhäuser ist das dringendste. Zur Zeit will Donald Trump sich für den Nachschub an Atemschutzmasken und Beatmungsgeräten vor allem auf den freien Markt verlassen. Obwohl er es durch den „Defense Production Act“ könnte, will er die Unternehmen zu nichts verpflichten.

Die Verfechter des „small government“ applaudieren ihm, obwohl sie wissen, wie es in den ländlichen Gegenden ihrer Staaten aussieht. Die Bevölkerungsdichte ist zwar viel geringer als anderswo, dafür können die kleinen Krankenhäuser aber auch weniger Covid-19-Kranke versorgen. Insofern erhofft man sich von den Bewegungseinschränkungen in den größeren Städten nun wenigstens einen gewissen Schutz für die Landbevölkerung. Wer in den Metropolen dazu aufgefordert ist, im Haus zu bleiben, der reist wenigstens nicht.


Aus: "Unversicherte Amerikaner : In New York wird es schlimm – auf dem Land womöglich schlimmer" Frauke Steffens, New York (26.03.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/politik/trumps-praesidentschaft/in-corona-zeiten-wird-armut-zum-risikofaktor-in-den-usa-16697277.html?printPagedArticle=true#pageIndex_3

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[...] +++ 13.50 Uhr: Die dramatischen Auswirkungen des Coronavirus auf die USA machen sich nun auch auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar: Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe sind infolge der Zuspitzung der Coronavirus-Pandemie in den USA sprunghaft angestiegen. Ihre Zahl hat sich von 282.000 in der Vorwoche auf nunmehr rund 3,3 Millionen mehr als verzehnfacht, wie das US-Arbeitsministerium am Donnerstag (26.03.2020) mitteilte.

Die Zahl ist die höchste, die jemals gemeldet wurde, und übertrifft den bisherigen fast 40 Jahre alten Rekord von 695.000 eingereichten Anträgen auf Arbeitslosenhilfe von Oktober 1982, berichtet der „Guardian“. Die Veröffentlichung dieser schockierenden Zahlen ist ein weiteres Anzeichen für die gravierenden Folgen der Corona-Pandemie für die Wirtschaft der USA.

Die rasante Ausbreitung des neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 hat das öffentliche Leben in weiten Teilen der USA zum Erliegen gebracht. Fast die Hälfte der rund 330 Millionen Amerikaner unterliegen nun von Bundesstaaten verhängten Ausgangsbeschränkungen. Viele Geschäfte sind geschlossen, Restaurants und Hotels bleiben leer, zahllose Reisen wurden abgesagt. Viele Mitarbeiter geschlossener Unternehmen müssen daher Arbeitslosenhilfe beantragen.

+++ 12.23 Uhr: In den USA soll ein 36 Jahre alter Mann einen Autobomben-Anschlag auf ein Krankenhaus geplant haben, das Corona-Patienten versorgt. Das teilte das FBI laut „New York Times“ am Mittwoch (25.03.2020) mit – der Verdächtige sei demnach bereits am Dienstag (24.03.2020) bei einem Schusswechsel mit FBI-Agenten in der Stadt Belton im Bundesstaat Missouri getötet worden. Zu den Schüssen sei es gekommen, als Einsatzkräfte den Mann im Zuge einer Anti-Terror-Ermittlung festnehmen wollten. Beim Verdächtigen soll es sich um Timothy W. handeln.

... Wie die „New York Times“ berichtet, sei W. mit „rassistischen und regierungskritischen“ Aussagen aufgefallen und habe seit September unter Beobachtung des FBI gestanden. Er soll Angriffe auf eine Schule sowie eine Moschee und eine Synagoge geplant haben. „W. hat verschiedene Ziele in Betracht gezogen und sich letztendlich auf ein örtliches Krankenhaus festgelegt, um viele Menschen zu verletzen. Ziel war eine Einrichtung, die in der aktuellen Lage kritische medizinische Versorgung bietet", heißt es in einem FBI-Bericht.

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Aus: "Coronavirus in den USA: Millionen Amerikaner melden sich arbeitslos" (26.03.2020)
Quelle: https://www.fr.de/politik/coronavirus-usa-senat-verabschiedet-billionen-konjunkturpaket-mehr-1000-tote-zr-13599298.html

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[...] +++ 12.05 Uhr: Großbritanniens staatlicher Gesundheitsdienst NHS beklagt eine zunehmende Überlastung der Londoner Krankenhäuser wegen der Coronavirus-Pandemie. Die Kliniken der britischen Hauptstadt seien mit einem „ständigen Tsunami“ schwer erkrankter Corona-Patienten konfrontiert, sagte der hochrangige NHS-Vertreter Chris Hopson am Donnerstag.

Nachdem die Krankenhäuser in den vergangenen Wochen ihre Kapazitäten für die intensivmedizinische Behandlung von Patienten „massiv“ ausgebaut hätten, gebe es nun eine „Explosion“ der Zahl schwerkranker Patienten. Die Lage werde zusätzlich dadurch verschärft, dass viele Krankenhausmitarbeiter derzeit selbst krank seien und deshalb fehlten. Der Krankenstand beim Klinikpersonal liege bei „30 Prozent, 40 Prozent und an manchen Orten sogar 50 Prozent“, sagte Hopson. Dieses Ausmaß sei „beispiellos“.

Nach Angaben vom Mittwoch wurden im Vereinigten Königreich bislang 9529 Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus nachgewiesen, 463 Infizierte starben. Vorige Woche kündigte die Regierung die Einrichtung eines provisorischen Krankenhauses mit 4000 Betten in einem Londoner Konferenzzentrum an.

+++10.40 Uhr: Sadiq Khan, der Bürgermeister von London, wurde in den letzten Tagen von den Ministern dafür kritisiert, dass er in seiner Stadt nicht mehr Dienste der U-Bahn anbietet. Dies führte dazu, dass einige Wagen überfüllt waren, was das Risiko einer Übertragung von Coronaviren erhöhe. Heute Morgen hat Khan darauf hingewiesen, dass er nicht mehr Kapazitäten anbieten kann, weil jeder Dritte der Bediensteten in Isolation ist oder krank sei.

... +++ 19.54 Uhr: Das britische Parlament in London hat ein Corona-Notstandsgesetz verabschiedet. Das Gesetz bevollmächtigt die Regierung und Behörden unter anderem, die Ausgangsbeschränkungen und Schließungen von Geschäften notfalls mit Zwangsmaßnahmen durchzusetzen.

Außerdem könne durch das Gesetz leichter auf private Daten der Bürger zugegriffen werden. Die Behörden erhalten auch das Recht, Corona-Infizierte und Verdachtsfälle zwangsweise in Quarantäne zu schicken. Das Unterhaus hat sich wegen der Coronavirus-Pandemie bereits am Mittwoch (25.03.2020) vorzeitig in die Osterpause verbaschiedet.

Zudem teilte Großbritanniens Premierminister Boris Johnson am Mittwoch vor Journalisten mit, dass sich mehr als 400.000 Freiwillige gemeldet haben, um den staatlichen Gesundheitsdienst NHS in der Coronakrise zu unterstützen.

Sie waren einem entsprechenden Aufruf der Regierung vom Vortag gefolgt. Außerdem hätten sich 12.000 ehemalige NHS-Mitarbeiter bereiterklärt, vorübergehend wieder ihren Beruf aufzunehmen.

+++ 14.20 Uhr:Wie „Sky News“ berichtet, ist eine 21-jährige Frau ohne diagnostizierten Vorerkrankung nach der Ansteckung mit Sars-CoV-2 an der Lungenkrankheit Covid-19 gestorben. Man geht davon aus, dass sie die jüngste Person ist, die nach der Ansteckung mit Coronavirus in Großbritannien stirbt.

+++ 14.10 Uhr:Die britische Regierung hat Paare mit getrennten Haushalten aufgefordert, ihre Beziehung wegen der Ausgangsbeschränkungen durch die Coronavirus-Epidemie auf Belastbarkeit zu testen. Die Paare sollten sich entscheiden, ob sie gemeinsam einen Haushalt bilden, oder Abstand voneinander halten wollten, sagte Jenny Harries, die stellvertretende Gesundheitsbeauftragte der britischen Regierung am Mittwoch vor Journalisten.

Verhindert werden solle aber, dass Personen zwischen verschiedenen Haushalten hin- und her wechseln. „Prüfen Sie die Stärke ihrer Gefühle sorgfältig und bleiben Sie in einem Haushalt, entweder zusammen oder getrennt, aber bleiben Sie dabei (...)“, so Harries.

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Aus: "Corona-Pandemie UK: Zahl der Toten steigt - Gesundheitsdienst schlägt Alarm" (26.03.2020)
Quelle: https://www.fr.de/panorama/corona-vereinigten-koenigreich-uk-prinz-charles-infiziert-corona-ueber-tote-grossbritannien-zr-13612009.html

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[...] +++ 13.40 Uhr: Katastrophenmediziner berichten angesichts der Corona-Pandemie über dramatische Zustände im Elsass. Demnach arbeiten Mediziner an der Universitätsklinik Straßburg auch dann weiter mit Corona-Patienten, wenn sie selbst infiziert sind.

Zudem würden über 80-jährige Patienten nicht mehr beatmet. Stattdessen erfolge „Sterbebegleitung mit Opiaten und Schlafmitteln“, schreiben Mitarbeiter des Deutschen Instituts für Katastrophenmedizin in Tübingen in einem Bericht an die baden-württembergische Landesregierung, der der Presse vorliegt.

+++ 12.30 Uhr: Die Zahl der Todesfälle durch Corona ist in Spanien nach offiziellen Angaben auf mehr als 4000 gestiegen. Innerhalb der vergangenen 24 Stunden seien 655 weitere Menschen an der durch das Virus verursachten Lungenkrankheit Covid-19 gestorben, teilte das spanische Gesundheitsministerium.

Damit stieg die Zahl der Todesfälle auf knapp 4090. Die Zahl der Infektionen stieg von Mittwoch auf Donnerstag um 19 Prozent auf 56.188 Fälle. Das Land verzeichnet einen schwächeren Anstieg als am Vortag, als er 27 Prozent betragen hatte.

+++ 9.20 Uhr: Mehrere Krankenwagen mit insgesamt 28 älteren Corona-Patienten sind in Spanien mit Steinen beworfen worden. Die Attacke habe sich bereits am Dienstag in La Línea de la Concepción im Süden des Landes ereignet, berichtete die spanische Polizei. Dutzende Menschen hätten damit verhindern wollen, dass die infizierten und zum Teil an Covid-19 erkrankten Rentner, die aus einer anderen Gemeinde stammen, in ein Heim der andalusischen Stadt verlegt und dort unter Quarantäne gesetzt werden.


Aus: "Internationale Lage - Corona-Pandemie im Elsass dramatisch: Über 80-Jährige werden nicht mehr beatmet, sondern beim Sterben begleitet" (26.03.2020)
Quelle: https://www.fr.de/panorama/corona-pandemie-spanien-frankreich-verheerend-dramatische-coronavirus-lage-elsass-zr-13597264.html

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Coronavirus Notizen (...)
« Reply #19 on: March 28, 2020, 10:21:03 AM »
"Corona-Kredite kommen zu spät Verbände fordern Staatshaftungsquote von 100 Prozent" (28.03.2020)
Nur so könne das Geld schnell bei den Firmen ankommen. Andernfalls drohe eine Pleitewelle. Das aktuelle Programm sei "aktive Sterbehilfe für den Mittelstand". Albert Funk Thorsten Mumme Carla Neuhaus.
Geschlossene Geschäfte, fehlende Aufträge: Der finanzielle Druck, unter dem die deutschen Unternehmen aktuell stehen, ist enorm. Allein binnen zwei Tagen sind bei der Förderbank KfW Anträge für Hilfskredite in einem Volumen von 7,4 Milliarden Euro eingegangen. Und das ist erst der Anfang. Um diesen Ansturm bewältigen zu können, fordern Wirtschafts- und Bankenverbände deshalb nun Nachbesserungen von der Politik – die jedoch wiegelt ab.
Beantragt ein Unternehmen bei seiner Bank in diesen Tagen einen Corona-Hilfskredit, übernimmt die KfW je nach Größe des Betriebs 80 oder 90 Prozent des Risikos. Aus Sicht von Bankern und Unternehmensvertretern ist das aber immer noch zu wenig, „um eine schnelle und umfassende Kreditbereitstellung zu gewährleisten“. So steht es in einem Schreiben, das der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) zusammen mit den Bankenverbänden verfasst hat und das dem Tagesspiegel vorliegt. Die Haftungsgrenze müsse angehoben und vereinheitlicht werden, fordern sie von Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU).
Auch der Mittelstandsverbund fordert eine komplette Haftung des Bundes. „Uns geht es hier nicht um die Verteilung des finanziellen Risikos, sondern um die Zeit“, sagte Günter Althaus, Leiter der Taskforce Liquidität beim Mittelstandsverbund. „Denn für die zehn Prozent Risiko, die bei der Hausbank verbleiben, muss diese ein ebenso umfangreiches Prüfverfahren erledigen, wie wenn sie 100 Prozent des Risikos tragen würde.“ Das verzögere die Auszahlung dramatisch. Die aktuelle Regelung sei eine „aktive Sterbehilfe für den Mittelstand“.
Im Bundeswirtschaftsministerium will man darauf aber nicht eingehen. Man habe nach „intensiven Gesprächen mit der Europäischen Kommission“ eine Genehmigung erhalten, die Haftung überhaupt auf 90 Prozent zu erhöhen. Weil die Förderung von Hilfskrediten eine Beihilfe ist, muss die EU in solchen Fragen mitziehen. Eine Risikoübernahme von 90 Prozent der Kreditsumme ist laut Ministerium „das EU-rechtlich maximal zulässige“. Mit anderen Worten: mehr geht nicht. „Selbst zu Zeiten der Finanzkrise wurden lediglich bis zu 60 Prozent des Risikos in der Betriebsmittelfinanzierung übernommen“, heißt es. Im Bundesfinanzministerium sieht man ebenfalls keinen Handlungsbedarf. „Wir haben auch nicht das Gefühl, dass das Programm nicht nachgefragt wird“, sagte ein Sprecher. ... Außerhalb der EU übernimmt etwa die Schweiz bei einigen Betrieben eine Haftung von 100 Prozent bei Notkrediten in der Coronakrise. „Dort fließt das Geld 30 Minuten nach dem Antrag“, so Althaus.
https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/corona-kredite-kommen-zu-spaet-verbaende-fordern-staatshaftungsquote-von-100-prozent/25691488.html

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"Mieter, Arbeitnehmer, Eltern, Kreditnehmer So hilft der Staat den Bürgern in der Krise" (27.03.2020)
Kündigungsschutz, Kurzarbeitergeld, Kinderzuschlag, Kredite: Was Sie jetzt in der Coronakrise wissen müssen. Heike Jahberg
Bisher galt: Geraten Mieter mit ihrer Mietzahlung zwei Monate in Rückstand, kann ihnen der Vermieter fristlos kündigen. Das ist jetzt anders: Rutschen Mieter im Zuge der Corona-Pandemie in Zahlungsnot, dürfen Mietschulden aus dem Zeitraum vom 1. April bis zum 30. Juni nicht mehr zur Kündigung führen, haben Bundestag und Bundesrat beschlossen.
Jutta Hartmann vom Deutschen Mieterbund rät Betroffenen, den Vermieter sofort zu informieren. Um zu dokumentieren, dass die Zahlungsprobleme mit der Covid-19-Pandemie zusammen hängen, sollten die Mieter entsprechende Verdienstbescheinigungen vorlegen. ...
https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/mieter-arbeitnehmer-eltern-kreditnehmer-so-hilft-der-staat-den-buergern-in-der-krise/25690750.html

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Stephan Anpalagan @stephanpalagan
Tja, manche können ihre Miete nicht mehr zahlen. Andere „wollen“ ihre Miete nicht mehr zahlen.
1:28 AM · Mar 28, 2020
https://twitter.com/stephanpalagan/status/1243696374287421441?s=03


Deichmann, H&M und Adidas Immer mehr Händler stoppen Mietzahlung
27. März 2020, 17:20 Uhr•Essen
Immer mehr bekannte Handelsunternehmen stoppen wegen der im Kampf gegen das Coronavirus angeordneten Ladenschließungen die Mietzahlungen für ihre Filialen in Deutschland. Selbst große Handelsketten wie Deichmann oder H&M und bekannte Markenhersteller wie Adidas nutzen die im Gesetz zur Abmilderung der Folgen der Covid-19-Pandemie vorgesehene Möglichkeit zur Aussetzung der Miet- und Nebenkostenzahlungen. Das ergab am Freitag eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur. Beim Immobilienbesitzerverband Haus&Grund stieß das einseitige Vorgehen der Handelsketten auf scharfe Kritik. ...
https://www.lr-online.de/nachrichten/wirtschaft/management-stundet-gehaelter-adidas-will-keine-miete-mehr-zahlen-44982512.html

https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/corona-krise-h-and-m-adidas-und-deichmann-wollen-keine-miete-mehr-zahlen-a-427b3103-7b71-4dba-a4af-c7628a7a0421

https://www.n-tv.de/wirtschaft/Viele-Firmen-zahlen-keine-Ladenmiete-mehr-article21674068.html

linuzifer @Linuzifer
HAUSBESETZER!!
2:53 PM · Mar 27, 2020!
https://twitter.com/Linuzifer/status/1243536519048179719

TyroneCa$hMuny
Gem stone @Geddo2k
Replying to @Linuzifer
gewinne privatisieren, verluste sozialisieren. wie immer.
https://twitter.com/Geddo2k/status/1243611229102510081

« Last Edit: March 28, 2020, 10:36:53 AM by Link »