Author Topic: Sigmund Freud ...  (Read 19667 times)

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Sigmund Freud ...
« on: August 29, 2019, 02:34:28 PM »
Sigmund Freud (geboren am 6. Mai 1856 in Freiberg, Mähren als Sigismund Schlomo Freud; gestorben am 23. September 1939 in London) war ein österreichischer Neurologe, Tiefenpsychologe, Kulturtheoretiker und Religionskritiker. Er ist der Begründer der Psychoanalyse und gilt als einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts. Seine Theorien und Methoden werden bis heute diskutiert, angewendet und kritisiert. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Sigmund_Freud

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In Die Traumdeutung stellte der österreichische Arzt Sigmund Freud eine neuartige Traumtheorie vor, die den Zusammenhang zwischen Träumen und persönlicher Lebensgeschichte in den Vordergrund rückt. Die Erstausgabe erschien am 4. November 1899 und wurde auf das Jahr 1900 vordatiert.[2] Die Traumdeutung gehört zu den meistgelesenen und einflussreichsten Büchern des 20. Jahrhunderts. ...

Die Traumdeutung
http://german.lss.wisc.edu/~smoedersheim/gr677wm/texte/FreudTraumdeutung.pdf

https://archive.org/details/Freud_1900_Die_Traumdeutung_k

http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-traumdeutung-907/1


Freuds "Traumdeutung" wieder gelesen
Zusammengefasst und kritisiert 100 Jahre spaeter von Gerald Mackenthun (Berlin)
http://ppfi.de/BUCHBESP/FREUD00.HTM

Sternstunde Philosophie - 100 Jahre Traumdeutung (Datum ?)
https://www.youtube.com/watch?v=CrAWt_5bW2Q


In Die Traumdeutung stellte der österreichische Arzt Sigmund Freud eine neuartige Traumtheorie vor, die den Zusammenhang zwischen Träumen und persönlicher Lebensgeschichte in den Vordergrund rückt.[1] Die Erstausgabe erschien am 4. November 1899 und wurde auf das Jahr 1900 vordatiert. Die Traumdeutung gehört zu den meistgelesenen und einflussreichsten Büchern des 20. Jahrhunderts. ... Die Traumdeutung führt die grundlegenden Elemente von Freuds Psychoanalyse zum ersten Mal zusammen: das Unbewusste, die Verdrängung, die frühkindliche Sexualität und die Arbeit an der Bewusstmachung verborgener Konflikte als therapeutischer Methode. Träume haben nach Freud einen Sinn, der sich hermeneutisch erschließen lässt. Im Traum streben inakzeptable, von der Zensur des psychischen Apparats verdrängte Wünsche, die häufig einen sexuellen Hintergrund haben und mit Kindheitserlebnissen in Verbindung stehen, nach Erfüllung. Da Erregung den Schlaf gefährden würde, werden die Wünsche durch „Verdichtung“ und „Verschiebung“ verschleiert. Die Interpretation von Träumen mithilfe eines Therapeuten macht zuvor unbewusste innere Störungen und Zwiespalte einer Bearbeitung zugänglich. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Traumdeutung

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Das Ich und das Es ist eine Schrift von Sigmund Freud, die 1923 veröffentlicht wurde. Freud entwickelte in ihr ein Modell der Psyche und ihrer Funktionsweise.
Das Seelenleben wird demnach durch die Beziehungen zwischen drei Instanzen bestimmt, die schrittweise auseinander hervorgehen: dem Es, dem Ich und dem Über-Ich. Dieses genetische Strukturmodell der Psyche wird meist als zweite Topik bezeichnet, also als zweites räumliches Modell, im Unterschied zur ersten Topik, die Freud in der Traumdeutung von 1900 vorgelegt hatte.
Das Es enthält die psychischen Repräsentanzen der organischen Triebe, die auf sofortige Befriedigung drängen. Es enthält außerdem das Verdrängte: Vorstellungen, die früher bewusst waren. Das Es ist von der Außenwelt abgeschnitten; unter dem Einfluss der Außenwelt entsteht aus ihm das Ich. Das Ich kontrolliert den Zugang zur Außenwelt durch Wahrnehmung und Motorik und versucht, gestützt auf das Denken, eine realitätsangemessene Befriedigung der Es-Bedürfnisse herbeizuführen. Aus dem Ich entwickelt sich durch die Identifizierung mit den Eltern das Über-Ich. Das Über-Ich richtet seine Aggression gegen das Ich und kritisiert es; das Ich reagiert hierauf mit Schuldgefühlen, die häufig unbewusst sind.
Die Verdrängung oder Abwehr vollzieht sich nicht, wie Freud früher angenommen hatte, zwischen dem Bewusstsein als der verdrängenden Instanz und dem Unbewussten als dem Verdrängten. Die Instanzen, die die Verdrängung vollziehen, sind vielmehr das Ich und das Über-Ich; beide Instanzen sind teilweise unbewusst. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Ich_und_das_Es

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Das Unbehagen in der Kultur ist der Titel einer 1930 erschienenen Schrift von Sigmund Freud. Die Arbeit ist, neben Massenpsychologie und Ich-Analyse von 1921, Freuds umfassendste kulturtheoretische Abhandlung; sie gehört zu den einflussreichsten kulturkritischen Schriften des 20. Jahrhunderts. Thema ist der Gegensatz zwischen der Kultur und den Triebregungen. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Unbehagen_in_der_Kultur

« Last Edit: August 29, 2019, 02:37:30 PM by Link »

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Sigmund Freud ...
« Reply #1 on: August 29, 2019, 02:37:41 PM »
Freud and the Arts | Lecture 1
Stillpoint Spaces Berlin
Am 27.02.2017 veröffentlicht
Sigmund Freud’s work is deeply infused by his fascination for the artistic take on humanity. Not only can his style of writing be picturesque at times; metaphors and references of the arts emerge throughout all of his writings.
Freud even experimented with interpreting pieces of art, creating a genre called "psychobiographies". The duality of science and aesthetics in his work frames the focus of this first lecture. Lecture series with Aleksandar Dimitrijevic.
Recorded at Stillpoint Spaces Berlin on February 20th, 2017.
https://youtu.be/Y5M5fu5YSSY

Freud and the Arts | Lecture 2
https://youtu.be/-MVBXIMH8q0

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Quote
[...] Am 23. September 1939 ist Sigmund Freud in London gestorben. Sechzehn Jahre lang war er deutlich von seinem Mundhöhlen-Karzinom gezeichnet. 32 Operationen und die erheblichen Folgeschäden (nicht mehr richtig essen und sprechen können) hat er mit stoischer Würde ertragen. Schon zu Beginn seiner Krebserkrankung, noch bevor er eigentlich die Diagnose kannte, äußerte er die Möglichkeit von aktiver Sterbehilfe. Zu dieser ist es dann sechzehn Jahre später gekommen: Freud starb keinen natürlichen Tod, sondern durch assistierten Suizid, genauer durch Tötung auf Verlangen. Der erste Arzt, den er damals konsultierte, war sein Schüler und Leibarzt Felix Deutsch in Wien. Felix und seine Ehefrau Helene Deutsch waren beide Psychoanalytiker und Schüler Freuds. Wegen ihrer jüdischen Herkunft emigrierten beide 1936 in die USA. Felix Deutsch wurde dort der erste Professor für Psychosomatische Medizin an der Washington University in Sankt Louis, Missouri. Dass Freud gerade ihn als seinen Leibarzt auswählte, lag an seiner internistischen Kompetenz. Er hatte sich 1919 an der Universität Wien für Innere Medizin habilitiert und erhielt 1921 einen Lehrauftrag. Im Jahr 1923, als Freud ihm die verdächtige Stelle in seiner Mundhöhle zeigte, war Felix Deutsch sichtlich überfordert. Als Schüler des großen Meisters war er nicht in der Lage, diesen mit der ganzen grausamen Realität zu konfrontieren. Der Titel des vorliegenden Essays geht auf die sehr entscheidende Begegnung vom 7. April 1923 zurück. Freud bat nämlich Felix Deutsch, ihm im Ernstfall zu helfen, „mit Anstand von dieser Welt zu verschwinden“. Als Freud schließlich im Jahr 1939 um ärztliche Suizidbeihilfe bat, war Felix Deutsch bereits 13 Jahre in den USA. So war es nun die Aufgabe des aktuellen Leibarztes Max Schur, Freud seinen letzten Wunsch zu erfüllen.

Im Februar 1923 zeigte Sigmund Freud seinem Schüler und Arzt Felix Deutsch eine verdächtige Stelle in seiner Mundhöhle, von der er vermutete, es handele sich um eine Leukoplakie. Nach mehreren Konsultationen anderer Ärzte erfolgte am 20. April 1923 eine erste Operation. Bemerkenswerterweise ließ sich jedoch Freud nicht von dem ausgewiesenen Experten Professor Hans Pichler, dem Leiter der Wiener Spezialabteilung für Kieferchirurgie operieren, sondern von dem HNO-Professor Markus Hajek, der Spezialist für Nasennebenhöhlen war. Vielleicht war dies ein fataler erster Fehler. Bei der Operation wäre Freud beinahe verblutet. Weiterhin konnte der Operateur nur einen Teil des Tumors entfernen und in der Tiefe des Oberkiefers befanden sich noch Tumorreste. Anschließend empfahl Professor Hajek eine Radiumtherapie, die bei Freud starke Schmerzen verursachte. Der engste Kreis von vertrauten Psychoanalytikern um Freud, das sogenannte „Komitee“ (Karl Abraham, Max Eitington, Sandor Ferenczi, Ernest Jones, Otto Rank, Hanns Sachs) traf sich zu einer Geheimsitzung und beriet das weitere Vorgehen. Es wurde eine weitere Behandlung bei Professor Pichler empfohlen und organisiert (Cremerius 1989; Schmidbauer 2013). Die Operation erfolgte am 11. Oktober 1923. Sie dauerte 7 Stunden und es erfolgte eine ausgeprägte Knochenresektion. Von nun an musste Freud eine Kieferprothese tragen. Bis zum Ende seines Lebens waren Sprechen und Essen ohne Schmerzen nicht mehr möglich (Edmundson 2009). In den ersten fünf Jahren des Verlaufs der Krebserkrankung kam es zu mehr als 350 Konsultationen von Sigmund Freud bei Professor Pichler, in dessen Händen er sich sehr gut aufgehoben fühlte. Ein großes Manko war die fehlende Bereitschaft oder Fähigkeit Freuds, mit dem schädlichen Rauchen aufzuhören. Nach der ersten Operation kam es noch zu 32 weiteren Operationen, jeweils wegen Lokalrezidiven in der Mundhöhle (Csef 2017). Am 23. September 1939 ist Sigmund Freud nach einer 16 Jahre verlaufenden Krebserkrankung gestorben

Etwa ein halbes Jahr nach seiner ersten Krebsoperation schrieb Sigmund Freud an Lou Andreas-Salome, die zu seinen engsten Vertrauten gehörte:
„Ich habe alle garstigen Realitäten gut überstanden, aber die Möglichkeiten vertrage ich schlecht, mit der Existenz auf Kündigung komme ich nicht zurecht.“ (Brief an Lou Andreas-Salome vom 13. Mai 1924).

Mit dieser Metapher der „Existenz auf Kündigung“ deutete Sigmund Freud frühzeitig an, dass ihn die Ungewissheit der verbliebenen Überlebenszeit stark beschäftigt und beeinträchtigt. In die psychoonkologische Forschung ist dieser Zusammenhang als „Damoklesschwert-Syndrom“ eingegangen (Csef & Flingelli 1993). Viele Krebskranke erleben die mögliche Todesdrohung wie ein Damoklesschwert, das über ihrem Haupt schwebt. Für viele bleibt ungewiss, ob sie an ihrer Krebserkrankung sterben werden und wann dies sein wird. Die „deadline“ dieser „Existenz auf Kündigung“ ist und bleibt ungewiss. Mit den „garstigen Realitäten“ kam Freud ganz gut zurecht, aber jedoch nicht mit der Möglichkeit des Todes. Hiermit scheint der Tod als die Möglichkeit der radikalen Vernichtung auf (Gerisch 2009).

Jeder Arzt oder Psychologe, der längere Krebskranke betreut oder behandelt hat, wird zustimmen, dass zwei Grundfragen Krebskranke besonders umtreiben: Die Frage, „Warum gerade ich?“ eröffnet vor allem Sinnfragen, z.B. „Warum habe ich überhaupt Krebs bekommen?“ „Warum diese Art von Krebs?“ „Warum gerade jetzt?“ (Csef 1998). Freud hat sich mit diesen Fragen wenig auseinandergesetzt. Die Frage „Wie lange noch?“ hat ihn mehr beschäftigt. Diese Frage fokussiert die Überlebenszeit, aber auch die Länge oder Dauer des qualvollen Leidens. Mit seiner Metapher „Existenz auf Kündigung“ hat Freud dieses Thema genial auf den Punkt gebracht. Kurz vor dem Brief an Lou Andreas-Salome schrieb Freud an anderer Stelle über seine Krebserkrankung: „Es geht mir nicht sehr nahe. Man wird sich eine Weile mit den Mitteln der modernen Medizin wehren und sich dann der Mahnung von Bernhard Shaw erinnern: „Don’t try to live for ever, you will not succeed.“ (zit. nach Kollbrunner 2001).



Schon Jahrzehnte vor seiner Krebsdiagnose schrieb Sigmund Freud an Wilhelm Fliess den bemerkenswerten Satz: „Ich bin ganz Karzinom geworden“. (zit. nach Jacob 1989, S. 100). Diese Aussage Freuds stammt vom 19. Februar 1899, also 24 Jahre vor seiner Krebsdiagnose. Sein Leibarzt Max Schur beschäftigte sich intensiv mit diesem Phänomen und stellte die Frage, ob das Unbewusste Freuds etwas von der Krebserkrankung wissen oder ahnen konnte, lange bevor diese sich manifestierte. Wann immer Freud gefragt wurde, warum er das schädliche Rauchen nicht lassen könne, hat er geantwortet, dass ihm schöpferisches Arbeiten nur im Zusammenhang mit dem Genuss des Zigarrenrauchens möglich sei. Wiederholt sprach Freud davon, dass er eine ungeheure Arbeitswut in sich habe, einen großen Drang, sein eigenes Werk voranzubringen. Dieser mächtige Antrieb sei wie ein „innerer Tyrann“ und sei wie ein Neoplasma oder eine Krebserkrankung, die alles andere aufzehre, was vom Menschen noch übrig sei. Die Verknüpfung von Arbeitswut und Rauchen brachte Freud in den Zusammenhang mit der Idee der Selbstopferung. Dies wiederum folgt der psychoanalytischen Deutung: „Ein Symptom entsteht dort, wo der verdrängte und der verdrängende Gedanke in einer Wunscherfüllung zusammentreffen können.“ (Jacob 1989, S. 100).

Literatur:
Alt, Peter-André (2016) Sigmund Freud. Der Arzt der Moderne. Eine Biographie. Beck, München
Cremerius, Johannes (1989) Freuds Sterben – Die Identität von Denken, Leben und Sterben. Jahrbuch der Psychoanalyse (24) 97-108
Csef, Herbert; Flingelli, Georg (1993) Lebenssinn und Überlebenswille bei Krebskranken. Daseinsanalyse 10, 180-186
Csef, Herbert; Kube, Anette (1998) Sinnfindung als Modus der Krankheitsverarbeitung bei Krebskranken. In: Csef, H. (Hrsg.) Sinnverlust und Sinnfindung in Gesundheit und Krankheit. Königshausen & Neumann, Würzburg, 325-343
Csef, Herbert (2017) Sigmund Freud und Thomas Mann als Krebskranke. Eine vergleichende Darstellung ihrer Krankheitsverarbeitung. Onkologische Welt, 8:8-13
Edmundson, Mark (2009) Sigmund Freud. Das Vermächtnis der letzten Jahre. DVA München
Gay, Peter (1989) Freud. Eine Biographie für unsere Zeit. S. Fischer, Frankfurt/Main
Gerisch, Benigna (2009) „Mit Anstand von dieser Welt verschwinden”. Psychoanalytische Anmerkungen zur Suizidalität in Leben und Werk Sigmund Freuds.  literaturkritik.de Nr. 10, Oktober 2009
Jacob, Wolfgang (1989) Zur Krankheit Sigmund Freuds. H. Speidel u. B. Strauss (Hrsg.). In: Zukunftsaufgaben der Psychosomatischen Medizin. Springer-Verlag, Berlin Heidelberg, S. 100-107
Kollbrunner, Jörg (2001) Der kranke Freud. Klett-Cotta, Stuttgart
Schmidbauer, Wolfgang (2013) Der Mensch Sigmund Freud. Ein seelisch verwundeter Arzt? Kindle Edition, Edel Elements
Schur, Max (1973) Sigmund Freud. Leben und Sterben. Suhrkamp, Frankfurt


Aus: "„Mit Anstand von dieser Welt verschwinden“ Zum 80. Todestag von Sigmund Freud" Herbert Csef (5. September 2019)
Quelle: https://www.tabularasamagazin.de/mit-anstand-von-dieser-welt-verschwinden-zum-80-todestag-von-sigmund-freud/

« Last Edit: September 11, 2019, 03:59:47 PM by Link »

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« Reply #2 on: August 29, 2019, 03:11:09 PM »
Quote
[...] Christian Kohlroß arbeitet als Einzel- und Paartherapeut in Berlin und Kuala Lumpur. 2017 erschien bei Dietz sein Buch „Kollektiv neurotisch. Warum die westliche Gesellschaft therapiebedürftig ist.“

Was hat der Psychoanalytiker Sigmund Freud uns heute noch zu sagen? Anlässlich seines achtzigsten Todestages am 23. September kommen Sophie Dannenberg und Christoph Schwennicke im Cicero zu dem Schluss: Nicht mehr sehr viel! Und das, so scheint es, mit gutem Grund! Denn weder weiß die an den Universitäten derzeit vertretene psychologische Wissenschaft noch viel mit Freud anzufangen, noch steht die Psychoanalyse als Therapieform bei vielen Psychotherapeuten heute hoch im Kurs; es gibt einfach, wenn es um die Behandlung von Symptomen (und nicht um Selbsterfahrung) geht, längst effektivere Formen der Psychotherapie. Und trotzdem: Die Psychoanalyse ist aktueller denn je. Sie hat nichts von Ihrer Aktualität verloren.

Um die Aktualität der Psychoanalyse zu verstehen, muss man die psychoanalytische Theorie, also das monographische Werk des Autors Sigmund Freud, von dem Psychoanalyse genannten Behandlungsverfahren unterscheiden. Dieses Werk war Freuds eigenem Selbstverständnis zufolge immer ein „work in progress“. Erst in der Wirkungsgeschichte, die bereits zu Freuds Lebzeiten beginnt, ist daraus dann eine vermeintlich in sich abgeschlossene, monolithische Lehre geworden.

Doch ist die allmähliche Verfertigung des Denkens beim Behandeln und Schreiben, die beständige Revision eigener Überzeugungen, mit einem Wort: Vorläufigkeit das auffälligste Stilmerkmal des Autors Freud. So dass Freud, lebte er heute, wahrscheinlich gar kein Freudianer mehr wäre, allenfalls noch ein Anhänger einer seiner Nachfahren, sagen wir Heinz Kohut, Jacques Lacan oder, mein persönlicher Favorit: Habib Davanloo. Aber selbst das ist alles andere als gewiss.

Dass aber nun dieses Werk bei vielen wissenschaftlichen Psychologen unserer Tage trotz seiner eingestandenen Vorläufigkeit nicht gut beleumundet ist, hängt damit zusammen, dass diese Vorläufigkeit auch Eingang in die um äußerste Klarheit und Präzision bemühte Sprache Freuds gefunden hat. Vieles von dem, was Freud entwirft, sind nämlich Sprach- und Denkbilder – wie der Ödipuskomplex, der Penisneid, das sogenannte topische Modell von Ich, Es und Über-Ich oder auch das mythische Narrativ der Tötung des Urvaters (in „Totem und Tabu“). Durch die Schaffung dieser und anderer Metaphern, Allegorien, Mythen und Modelle hat Freud nicht nur ein bis dahin unvorstellbares neues Vokabular des Seelenlebens geschaffen. Er hat auch eine neue Form der Wissenschaft geschaffen – nämlich eine Wissenschaft, die empirisch begründet ist und sich zugleich dem Gebrauch der sprachlichen Einbildungskraft verdankt.   

Damit verwirklicht Freud das romantische Ideal einer poetischen Wissenschaft. In ihr ist die sprachliche Form gerade keine äußerliche Zutat des Inhalts. Bilder, Allegorien, Narrative, Metaphern sind das Medium, in dem das Psychische sich ausdrückt, also gerade kein Ungefähres und Unbestimmtes, das nur darauf wartet, in Buchstäbliches übersetzt zu werden, sondern eben ein Letztes, man könnte auch sagen: Absolutes – eben die besondere Gestalt des Psychischen.   

Darin liegt nun aber eine ungeheure Provokation dessen, was sich gegenwärtig wissenschaftliche Psychologie nennt: Es könnte sein, dass deren unmetaphorische, am Ideal buchstäblicher Wahrheit orientierte Darstellungsform der metaphorischen wie allegorischen, also poetischen Form der Psyche im Grunde wesensfremd ist. Mit der Psychoanalyse steht der Verdacht im Raum, dass die gängige und gegenwärtige wissenschaftliche Psychologie eine wesentliche Dimensionen des Psychischen nicht erfassen kann und de facto eine Austreibung der Psyche aus der Psychologie betreibt.

Diesen Verdacht erleben nicht wenige Studenten der Psychologie zu Beginn ihres Studiums als Befremden darüber, dass die Psyche, mit der man sie im Rahmen ihres Studiums konfrontiert, eine andere Natur zu haben scheint als die, die ihnen aus ihrem eigenen Erleben bislang vertraut ist. Aber auch der Umstand, dass die bahnbrechenden Neuerungen der Psychotherapie, also der Einflussnahme auf psychisches Erleben, bislang kaum je ein Ergebnis wissenschaftlicher Forschung, sondern Folge des mutigen Experimentierens von Praktikern ist, deutet in diese Richtung.

Dieser von der Psychoanalyse ausgehende Verdacht, dass die Seele eine Sprache spricht, die die Wissenschaft von der Psychologie weder spricht noch hinreichend versteht, ist ein Verdacht, den man als Vertreter der normalwissenschaftlichen Psychologie als narzisstische Bedrohung erfahren und entsprechend, mit Geringschätzung nämlich, abwehren kann. Etwa dadurch, dass man wesentliche Bausteine der psychoanalytischen Theorie aus dem zeitlichen Horizont ihrer Entstehung isoliert, sie ihres metaphorisch-allegorischen Charakters beraubt, sie damit buchstäblich missversteht, banalisiert, um sie dann für unzeitgemäß, veraltet und überkommen zu erklären.

Als sei nicht etwa der Penisneid Freuds Versuch, das spezifisch Weibliche an der allgemein kindlichen Erfahrung einer Unzulänglichkeit (oder: Minderwertigkeit, wie Alfred Adler sie nennt) zu fassen; als sei der Ödipuskomplex nicht der Versuch, den Konflikt von Bindung, Wut und Schuld als einen allgemein-menschlichen und dabei zugleich tragischen Grundkonflikt  zu veranschaulichen; als sei die Trinität von Ich, Es- und Über-Ich nicht einfach Freuds früher Versuch, sich einen ganz und gar säkularen Reim auf die Frage zu machen: Wer bin ich und, wenn ja, wieviele?

Wer sich das klarmacht, der verstellt sich nicht länger die Einsicht in den Nutzen, den psychoanalytisches Wissen in einem Bereich haben kann, in dem psychologische Kompetenz heute gefragter ist denn je: in der Politik. Denn in populistischen Zeiten, in denen immer klarer wird, wie Irrationalität überall das politische Handeln beherrscht, bedarf es einer Theorie der Irrationalität. Und eben die stellt, wie keine andere Wissenschaft, die Psychoanalyse bereit. Ihr Verfahren dazu ist von bestechender Simplizität: sie nimmt augenscheinlich irrationales Handeln und Erleben als ein Symptom, das heißt als eine Abwehr von unerträglichen und eben deshalb ins Unbewusste verdrängten Gefühlen.

Wie aber sieht eine solche Abwehr konflikthafter Emotionen in der Poltik aus?

(1) Historisch betrachtet zeichnet sich unsere Gegenwart durch eine paradoxale Lage aus. Für unsere Vorfahren leben wir – im Westen –  in paradiesischen Zuständen. Die meisten verfügen über individuelle Entscheidungsfreiheit, Sicherheit vor gewalttätigen Übergriffen, Hilfe im Krankheitsfalle und über eine ökonomische  Grundsicherung, niemand muss mehr hungern. Doch obwohl wesentliche Voraussetzungen des Glücks erfüllt sind, leben in diesen Gesellschaften sehr viele Menschen gerade kein glückliches, sondern ein durch innere Not und Sorgen gezeichnetes Leben, das bei jedem Fünften mindestens einmal in eine Depressionserkrankung mündet. Während  die äußeren Voraussetzungen des Glücks vielleicht erstmals in der Menschheitsgeschichte gegeben sind, fehlt es offenbar an den inneren Voraussetzungen. Und genau darin zeigt sich der Symptomcharakter des Leidens.

Was immer Gesellschaften daher in den nächsten Jahrhunderten noch tun werden, um die äußeren Voraussetzungen des Glücks zu verbessern (mehr Handel, mehr Wohlfahrt, mehr Sicherheit), es ist nicht zu erwarten, dass Menschen dadurch glücklicher werden.

Die Psychoanalyse kennt diese Dynamik, Freud nennt sie negativ therapeutische Reaktion: Die Lebenssituation der Patienten verbessert sich, und trotzdem geht es ihnen nicht besser. Irgendetwas in ihrer Psyche widersetzt sich dem Fortschritt und verhindert die Besserung des Wohlbefindens.

Freud selbst vermutet „ein Schuldgefühl, welches im Kranksein seine Befriedigung findet und auf die Strafe des Leidens nicht verzichten will” als Grund für diese Reaktion. Aber ganz gleich, ob ein Schuldgefühl, die masochistische Lust an der Selbstbestrafung oder die Identifikation mit einem strafenden Über-Ich der Grund für die negative Reaktion auf den Fortschritt ist, entscheidend ist, die depressive Stimmung des Zweifels, der Ausweglosigkeit und der fortdauernden Krise als Symptom zu begreifen, als Abwehr einer ins Unbewusste verschobenen emotionalen Gemengelage. Erst damit besteht wirklich Aussicht darauf, dass Menschen einmal glücklicher, zufriedener werden!

(2) Eine andere, nicht weniger alarmierende Symptombildung ist, dass es überall auf der Welt zu Gewaltexzessen kommt, bei denen Tötung das Ziel ist, die Wahl der Opfer aber zufällig ist. Diese Gewalt erscheint sinnlos, irrational. Dennoch hat sie natürlich für die Täter einen Sinn. Und manchmal bieten sie sogar einen an: eine politische oder religiöse Ideologie zum Beispiel. Doch sich auf die einzulassen, macht, auch wenn das vielfach getan wird, gerade keinen Sinn. Überzeugungen sind hier, wie so häufig, Manifestationen der Abwehr. Deshalb wissen in aller Regel Täter nicht, warum sie tun, was sie tun. Ihre wirklichen Motive bleiben ihnen verborgen.

(3) Und schließlich: Eine Entdeckung Freuds ist die Übertragung, also die Fähigkeit den anderen so zu wahrzunehmen als ob er eine andere, von früher her bekannte Person wäre – die er nicht ist. Bei dieser Als-ob-Wahrnehmung werden frühe Triebwünsche und Befürchtungen auf den gegenwärtigen Anderen übertragen und so alte Konflikte zu gegenwärtigen Konflikten. Die psychoanalytische Therapie beruht wesentlich auf einer Nutzbarmachung dieses Übertragungsgeschehens. Psychoanalytikerinnen sind Spezialistinnen, wenn es um die Macht der Übertragung geht.

Und genau um die geht es nicht nur im psychoanalytischen Behandlungszimmer, sondern eben auch im öffentlichen Raum des Politischen. Nur bleibt sie da für gewöhnlich gänzlich unanalysiert.  Beziehungswünsche und Konflikte werden geradezu frei flottierend auf andere übertragen – auf Politiker, Minderheiten,  Geflüchtete, auf Menschen, die anders sind. In der Regel wissen diese Betroffenen nicht, warum sie welche Gefühle in anderen auslösen. Sie sind der Macht des sozialen Übertragungsgeschehens hilflos ausgeliefert. Politiker müssen zumindest ein Gespür für die Dynamik der kollektiven Übertragung entwickeln.

Die Zerrüttung, die dieses im wesentlichen unverstandene Übertragungsgeschehen im öffentlichen Raum des Politischen verursacht, sind die Signatur unserer Zeit. Kindliche Wünsche, Idealisierungen, Feindbilder, Projektionen – kurz Verzerrungen des Wirklichen bestimmen die soziale Wirklichkeit, in der wir leben. Wobei auffällt, dass gerade das Produzieren immer neuer Feindbilder ein Grundbedürfnis unseres kollektiven Unbewussten zu sein scheint.

Und wie sollten wir in einer solchen Lage so verrückt sein und auch noch auf die letzte Stimme der Vernunft verzichten wollen: die Psychoanalyse?


Aus: "Sigmund Freud - Die Austreibung der Psyche aus der Psychologie" EIN GASTBEITRAG VON CHRISTIAN KOHLROß (5. August 2019)
Quelle: https://www.cicero.de/kultur/sigmund-freud-psychoanalyse-therapie-feindbilder

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« Reply #3 on: September 11, 2019, 04:07:15 PM »
Quote
[...] Der Psychoanalytiker Andreas Steininger sieht in seinem Gastkommentar durch das geplante Gewaltschutzgesetz das Vertrauensverhältnis zwischen Therapeuten und Patienten bedroht.

... Dass man sich, wie man so sagt, bei jemandem ausspricht, um sich seelische Erleichterung zu verschaffen, ist sicherlich keine Entdeckung Sigmund Freuds. Auch nicht, dass man zu diesem Zwecke nicht irgendeine Person, sondern eine Person des Vertrauens auswählt. Was man hier als Vertrauensvorschuss gelten lässt, ist im Einzelfall recht verschieden. Die Liebe zu einem Menschen vielleicht oder sein Status als anerkannte Autorität.

Dem Arzt oder der Ärztin erzählt man vielleicht mehr, weil man ihnen eine Vertrautheit mit den Dingen des Körpers unterstellt, dem Beichtvater, weil man ihn in den Diensten der Gnade Gottes sieht, dem Psychotherapeuten, weil man ihm Kenntnisse unterstellt, was die bedrückenden Verwicklungen des Seelischen angeht.

Was Sigmund Freud entdeckt und sein Leben lang erforscht hat, war, dass es mit dieser punktuellen Erleichterung aber noch nicht getan ist. Seine Art des Zuhörens und seine Art, das Gehörte mit entsprechenden Deutungen zu quittieren, eröffnete ihm, dass hinter dem Leid, welches sich bisweilen rasch in der Klage artikuliert, noch ein anderes Leid steckt, welches sich nicht unmittelbar im Inhalt des Gesagten auszudrücken vermag.

Die wahrhaft belastenden Dinge sind meist eingebettet in schwer ertragbare Peinlichkeit. Über so etwas plaudert man nicht einfach frisch von der Leber weg. Es bedarf der Erfahrung, dass der Therapeut und die Therapeutin mit der zunehmenden Intimität der Rede mitgeht. Das braucht Zeit und die wiederkehrende Erfahrung, dass alles, was man sagt und wie man es sagt, im Rahmen der Therapie einfach nur anerkannt wird, so wie es ist, und nur gesehen wird unter dem Gesichtspunkt, dass es Material ist, welches vorerst freigelegt werden muss, um nachher etwas von den intimen Dingen, die einem auf der Seele liegen, sagen zu können.

1916 formulierte Freud eine zentrale Voraussetzung jeglicher Behandlung des Seelischen: "Das Gespräch, in dem die psychoanalytische Behandlung besteht, verträgt keinen Zuhörer ... Die Mitteilungen, deren die Analyse bedarf, macht er (der Patient, Anm.) nur unter der Bedingung einer besonderen Gefühlsbindung an den Arzt; er würde verstummen, sobald er einen einzigen, ihm indifferenten Zeugen bemerkte."

Und so ist die Voraussetzung jeglicher intimer werdenden Rede der Glaube daran, dass der Therapeut einzig nur daran interessiert ist, dass die Dinge gesagt werden müssen, um an den Kern des Leides heranzukommen. Kaum verlässt der Therapeut diesen Platz, macht sich beispielsweise zum Pädagogen, zum Fachmann oder zum Richter, so bricht das Reden unmittelbar ein und verliert sich in Belanglosigkeit.

...


Aus: "Gewaltschutzgesetz: Sie alle werden verstummen!" Kommentar der anderen (Andreas Steininger, 11. September 2019)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000108477545/gewaltschutzgesetz-sie-alle-werden-verstummen