Author Topic: Theodor W. Adorno  (Read 5863 times)

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Theodor W. Adorno
« on: August 06, 2019, 12:12:30 PM »
Theodor W. Adorno (geboren 11. September 1903 in Frankfurt am Main; gestorben 6. August 1969 in Visp, Schweiz; eigentlich Theodor Ludwig Wiesengrund) war ein deutscher Philosoph, Soziologe, Musikphilosoph und Komponist. Er zählt mit Max Horkheimer zu den Hauptvertretern der als Kritische Theorie bezeichneten Denkrichtung, die auch unter dem Namen Frankfurter Schule bekannt wurde. Mit Horkheimer, den er während seines Studiums kennengelernt hatte, verband ihn eine enge, lebenslange Freundschaft und Arbeitsgemeinschaft. ... Während der Zeit des Nationalsozialismus emigrierte er in die USA und wurde dort offiziell Mitarbeiter des Instituts für Sozialforschung, bearbeitete einige empirische Forschungsprojekte, unter anderem über den autoritären Charakter, und schrieb mit Max Horkheimer die Dialektik der Aufklärung. Nach seiner Rückkehr war er einer der Direktoren des in Frankfurt wiedereröffneten Instituts. Wie nur wenige Vertreter der akademischen Elite wirkte er als „öffentlicher Intellektueller“ mit Reden, Rundfunkvorträgen und Publikationen auf das kulturelle und intellektuelle Leben Nachkriegsdeutschlands ein und trug – mit allgemeinverständlichen Vorträgen – gewollt und mittelbar zur demokratischen Reeducation des deutschen Volkes bei. ... Adornos Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse und ihrer Ideologie richtet sich gegen die „verwaltete Welt“ (ein Synonym für den nachliberalen Spätkapitalismus) und die „Kulturindustrie“. Beiden wohne die Tendenz zur Liquidation des Individuums und alles Abweichenden inne, mit anderen Worten: die Beseitigung oder Unterwerfung des Nichtidentischen und Nichtverfügbaren. Im Rahmen des verordneten Konsums und der organisierten Ausfüllung der arbeitsfreien Zeit „durch Kulturindustrie, Technikbegeisterung und Sport“ erfolge eine „restlose Erfassung der Menschen bis in ihr Innenleben hinein“. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Theodor_W._Adorno

Kulturindustrie – Aufklärung als Massenbetrug ist ein Kapitel aus der Dialektik der Aufklärung, einer Sammlung von Essays von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno aus dem Jahr 1944. In diesem Kapitel analysieren die Autoren die veränderte Produktion und Funktion von Kultur im Spätkapitalismus.
„Kulturindustrie“ ist ein komplexer und kein statischer Begriff und entzieht sich einer eindeutigen Definition. Er ersetzte den von den Autoren ursprünglich verwendeten Begriff der Massenkultur. Mit dem Begriff Kulturindustrie werden meist die Kernthesen des Kapitels gemeint: Alle Kultur wird zur Ware; Kunst definiert sich über ihren ökonomischen Wert, nicht nach ästhetischen Gesichtspunkten, die für die Analyse des autonomen Kunstwerks der bürgerlichen Gesellschaft eine Rolle spielen. So wird das Ästhetische selbst zur Funktion der Ware, indem es die Bilder der Reklame vorbestimmt. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Kulturindustrie_%E2%80%93_Aufkl%C3%A4rung_als_Massenbetrug

Dialektik der Aufklärung ist eine im Untertitel als Philosophische Fragmente bezeichnete Sammlung von Essays von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno aus dem Jahr 1944 und gilt als eines der grundlegenden Werke zur Kritischen Theorie der Frankfurter Schule. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Dialektik_der_Aufkl%C3%A4rung

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Quote
[...]  Frankfurts Soziologieprofessor Theodor W. Adorno war bissig wie immer, wenn es darum geht, deutschen Kulturgutsbesitzern am Zeug zu flicken.
"Die öffentliche Meinung des Publikums über Musik", so höhnte der Professor im Hörsaal A der Goethe Universität, erschöpfe sich im "Nachbeten von Clichés zum Beweis der eigenen kulturellen Loyalität" - in einem "Geblök", das viele Musikkritiker locke, "auf ihre Weise mitzublöken".
Solcher Unmut an Herdentreiben und Herdenlärm sollte nicht nur dem exklusiven Auditorium Frankfurter Adorniten vorbehalten bleiben. Einmal formuliert, konnten Adornos Anmerkungen zum Bildungsbetrieb-aus zwölf Vorlesungen ohne Mühe zu erzieherischem Allgemeingut verwertet werden: Seine kaustischen Kommentare wurden 1962 den Hörern des Dritten Programms im NDR geboten und kommen seit kurzem als gedruckte "Einleitung in die Musiksoziologie" auch deutschen Lesern zugute*.
Polemisches Temperament hat die philosophischen, ästhetischen und soziologischen Schriften Adornos - er wurde 1903 als Sohn des Frankfurter Kaufmanns Oskar Wiesengrund und der Sängerin Maria Calvelli -Adorno della Piana geboren und dirigiert heute zusammen met seinem Freund Max Horkheimer das Frankfurter Institut für Sozialforschung -von jeher gekennzeichnet. So kritisierte er beispielsweise in dem gemeinsam mit Horkheimer verfaßten Buch "Dialektik der Aufklärung" (1947) den Versuch liberaler Geister, die bürgerlich-humanistische Aufklärung des 18. und 19. Jahrhunderts nach den Erfahrungen mit dem Faschismus unbesehen fortzusetzen.
In seiner Aphorismensammlung "Minima Moralia" (1951) attackierte Adorno die westliche Gesellschaft der Gegenwart, in einem "Versuch über Wagner" verdammte er dessen großbürgerlich-pompöse Musikdramen, und in der "Philosophie der neuen Musik", die er 1949 herausgab, unterzog der streitbare Philosoph schließlich auch die Kompositionen Igor Strawinskys einer strengen Kritik. Auf seinen Lehrer Arnold Schönberg und die sogenannte Wiener Schule ließ er dagegen nichts kommen.
Im Umgang mit den Komponisten dieser Gruppe, mit Arnold Schönberg, Anton von Webern und Alban Berg, bei dem er Komposition studierte, war Adorno bereits in den zwanziger Jahren zum entschiedenen Neuton-Adepten gereift.
Der Frankfurter Neutöner Adorno war es auch, der nach seiner Flucht aus Hitlers Deutschland im amerikanischen Exil den Exil-Schriftsteller Thomas Mann in der Theorie der Reihenkomposition unterrichtete. Adornos Schüler machte von den Belehrungen eifrigen Gebrauch: Schönbergs serielle Musik, von Adorno abgewandelt und erläutert, wurde im "Doktor Faustus" von Thomas Manns Romanheld, dem Komponisten Adrian Leverkühn, noch einmal erfunden.
Zum fragwürdigen Dank für die fraglos beträchtliche Hilfeleistung seines musikalischen Beraters brachte der boshafte Romancier Adornos Geburtsnamen Wiesengrund als "versteckte Dankbarkeitsdemonstration" im Text unter.
Während seiner amerikanischen Emigration, aus der er erst 1949 nach Frankfurt zurückkehrte, verfaßte Adorno, damals Direktor eines Forschungsprojekts über soziale Diskriminierung in Los Angeles, zusammen mit anderen Gelehrten einen wissenschaftlichen Sammelband über "Die autoritäre Persönlichkeit", in dem soziologische und psychoanalytische Untersuchungen über Antisemitismus und Rassenvorurteile in den USA enthalten sind.
Diese Neigungen zur Soziologie und zur Musik hat Adorno seit seiner Studienzeit mit Erfolg zur Musiksoziologie zu kombinieren gewußt.
Als Hegelianer, der, gleich Ernst Bloch, und Georg Lukács, vom Marxismus geprägt wurde, sieht er in der Musik wie in' jeder anderen Kunst, in der Psychoanalyse wie in jeder anderen Wissenschaft geistige Produkte, die in Form und Inhalt von gesellschaftlichen Prozessen bestimmt werden.
Seine Musiksoziologie ist demnach eine philosophische Analyse gesellschaftlicher Vorgänge und, so definiert Adorno, eine "gesellschaftliche Dechiffrierung von Musik". Sie analysiert die sozialen Voraussetzungen und Bedingungen musikalischer Produktivität, sie entlarvt bestimmte Ausdrucksweisen der Musik als Ideologie, als "falsches Bewußtsein", und erklärt ihre Verwandlung zur "Ware" in der vom Konsum bestimmten modernen Gesellschaft.
Gegen Musik als "Ideologie des Unbewußten" und als "Konsumgut", gegen "Bildungskonsumenten" und "leere Innerlichkeit" polemisierte Adorno denn auch in seinen zwölf Frankfurter Vorlesungen, die bei Suhrkamp jetzt im Druck erschienen sind.
So dozierte er etwa über die "U-Musik"', der er auch die Opern Puccinis "halbwegs" zurechnet, über Operette,; Revue und Schlager: "Die um der Verkäuflichkeit willen unerbittlich kontrollierte Banalität der gegenwärtigen leichten Musik brennt ihrer Physiognomik das Entscheidlende ein: das Vulgäre. Fast könnte man argwöhnen, eben daran seien die Hörer am eifrigsten interessiert: ihre musikalische Gesinnung hat wahrhaft das Brechtische ,Ich will ja gar kein Mensch sein' zur Maxime."
Als banal und kaum diskutabel tat Adorno auch das "auf Hochglanz polierte und in Zellophan verpackte" Musical ab, dessen ungeschlagener Welt-Bestseller "My Fair Lady" musikalisch nicht einmal "den vulgärsten Ansprüchen nach Originalität und Einfallsreichtum" genüge.
Demgegenüber habe der Jazz "fraglos seine Meriten". Eine Ausdrucksmöglichkeit ernster Musik vermag Adorno, im Gegensatz zu manchen intellektuellen Jazz-Schwärmern, in ihm freilich nicht zu erkennen: "Jazz, auch in seinen raffinierteren Formen, gehört der leichten Musik an. Nur die Unsitte, aus allem und jedem eine hochtrabende Weltanschauung zu machen ... installiert ihn als heilig-unheiliges Gut."
Und über die privilegierten Bildungskonsumenten europäischer Festivals vermerkte er: "Das offizielle Musikleben überlebt vielleicht ... darum so hartnäckig, weil es einige Ostentation (Schaustellung) erlaubt, ohne daß das Publikum, das ja durch seine Gegenwart in Salzburg als kultiviert sich erklärt, dem Vorwurf der Protzerei oder der Ausschweifung sich aussetzte."
Ganz besonderer Aufmerksamkeit waren dem sarkastischen Sozialpsychologen die "typischen Verhaltensweisen des musikalischen Hörens" wert. In seinen Vorlesungen präsentiert Adorno eine Typologie, in der er die unterschiedlichen Reaktionen der Musikhörer aufzuzeichnen versucht.
An die Spitze seiner Liste stellt er den Typ des "Experten", der die Fähigkeit hat, sich in jedem Augenblick die musikalisch-technische Struktur des Gehörten zu vergegenwärtigen.
Eine zweite Kategorie beschreibt den "guten Zuhörer". Auch er hört Musik gleichsam noch architektonisch, ist jedoch "der technischen und strukturellen Implikationen (Zusammenhänge) nicht oder nicht voll sich bewußt". Dieser Typus droht allerdings, Adorno zufolge, heute auszusterben. Er überlebt nur "bei polemischen Einzelgängern" oder dort, "wo Reste einer aristokratischen Gesellschaft sich erhalten haben wie in Wien".
Maßgebend unter den zeitgenössischen Opern- und Konzertbesuchern ist nach Adornos Meinung vielmehr der eigentlich bürgerliche Typ des Hörers, der "Bildungskonsument", der Musik "um der eigenen sozialen Geltung willen kennen muß".
Dieser Typ "lauert auf bestimmte Momente, vermeintlich schöne Melodien, grandiose Augenblicke" und erfreut sich damit am Genuß, am schwelgerischen Verzehr von Musik, nicht an der Musik selbst "als einem Kunstwerk, das von ihm fordert". Am Konzert eines Geigers interessiert ihn der "Ton", wenn nicht die Geige, beim Sänger die Stimme, "beim Pianisten gelegentlich, wie der Flügel gestimmt ist".
"Ältere Damen", so formuliert Adorno mit offenkundiger Anspielung auf die vielverehrte Beethoven-Pianistin Elly Ney, "die es verstehen, am Klavier ihr Programm mit Seherinnenmiene zu absolvieren, als handele es sich um Gottesdienst, werden selbst bei höchst anfechtbaren Interpretationen (vom Musikkonsumenten) fanatisch bejubelt."
Wie der "kulturelle Werte" verzehrende Bildungskonsument hat auch Adornos vierter Typus, der "emotionale Hörer", keine spontane oder durchs Bewußtsein vermittelte Beziehung zum Gehörten. Er verfremdet die Musik vielmehr zu einem Mittel der "Auslösung sonst verdrängter oder ... gebändigter Triebregungen": "Gehört,wird nach dem Satz von den spezifischen Sinnesenergien: man empfindet Licht, wenn einem auf das Auge gehauen wird."
Besondere Sorgfalt widmet der Frankfurter Gelehrte dem "Ressentiment-Hörer", den er, als "krassen Gegentypus" zum emotionalen Hörer, vor allem in Deutschland verbreitet findet.
Ressentiment-Hörer sind nach Adorno zum Beispiel jene Enthusiasten, die sich mit fanatischer Ausschließlichkeit dem Kult Johann Sebastian Bachs verschrieben haben. Sie werden durch ihre Ablehnung des in der Konsumgesellschaft zwangsläufig existierenden "Musikbetriebs" scheinbar zu Nonkonformisten und gerade insofern zu Anhängern von "Ordnungen und Kollektiven um ihrer selbst willen, mit allen sozialpsychologischen und politischen Konsequenzen".
Adornos Begründung: "Dafür zeugen die stur sektenhaften, potentiell wütenden Gesichter, die in sogenannten Bachstunden und Abendmusiken sich konzentrieren. In ihrer Sondersphäre, auch im aktiven Musizieren sind sie geschult, es geht wie am Schnürchen; doch ist alles mit Weltanschauung verkoppelt und verbogen."
Adorno vergleicht die kollektive Selbsttäuschung der Ressentiment-Hörer mit der "faschistischen Manipulation, die das Zwangskollektiv der Atomisierten mit den Insignien naturwüchsig-vorkapitalistischer Volksgemeinschaft bekleidete".
Ihre Selbsttäuschung besteht demnach darin, daß sie sich unter der Suggestion "synthetischer Musikantenmusik" und der meisten Musik "aus dem sogenannten Barock" einreden, sie lebten noch in der Gesellschaftssituation der vorkapitalistischen, "vorindividuellen" Zeit, mit der sie ihren wirklichen gesellschaftlichen Zustand, den "post(nach-)individuellen ihrer eigenen Kollektivierung", verwechseln.
Diesem tiefen Mißtrauen Adornos gegenüber jeder gesellschaftlich überlebten Spielart von Volkstümelei, von Sektenbildung und verkapptem Nationalismus im Namen der Musik entspricht auch eine Art Ressentiment gegen Orchester-Dirigenten wie Arturo Toscanini, den Adorno einst in einem Essay als "platonische Idee des Regimentskapellmeisters" charakterisierte.
In Frankfurt dozierte Adorno über den Typ des vom Publikum vergötterten Stabführers: "Man traut dem Histrionen (Schauspieler) auf dem Pult zu, daß er wie der Diktator nach Belieben Schaum vor dem Mund produziert. Erstaunlich, daß die Nationalsozialisten nicht die Dirigenten, wie die Hellseher, als Konkurrenten ihres eigenen Charismas (Berufungsanspruches) verfolgten."
Überraschendes Wohlwollen bezeigte Adorno hingegen in seinen Frankfurter Diskursen dem "Massenmedium" Rundfunk. 1947 hatte er in seiner mit Horkheimer verfaßten "Dialektik der Aufklärung" den Rundfunk noch heftig kritisiert.
Nun aber verkündet der vielbeschäftigte Rundfunk-Autor und Fernseh-Redner Theodor W. Adorno in seiner Vorlesung "Musikleben": "In den Standard-Jeremiaden der Innerlichen über die Massenmedien vegetiert auch immer etwas fort von jenem fatalen Arbeitsethos, das nichts so sehr fürchtet wie eine Einrichtung der Welt, in der harte und entfremdete Arbeit überflüssig wäre."


Aus: "Adorno: Man empfindet Licht" (13.03.1963 | DER SPIEGEL 11/1963)
Quelle: https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45142633.html
« Last Edit: August 06, 2019, 04:41:17 PM by Link »

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Theodor W. Adorno
« Reply #1 on: August 06, 2019, 12:15:19 PM »
"Adorno zum 50. Todestag: Die Vernunft der Verrückten" Gregor Dotzauer (12.07.2019)
Was hat uns die Kritische Theorie noch zu sagen? Zum 50. Todestag von Theodor W. Adorno, des vielseitigsten Denkers der Frankfurter Schule, erscheint ein verblüffend aktueller Vortrag über Rechtsradikalismus.
https://www.tagesspiegel.de/kultur/adorno-zum-50-todestag-die-vernunft-der-verrueckten/24588444.html

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Quote
[...] In dem berühmten Werk "Dialektik der Aufklärung", das er zusammen mit Max Horkheimer 1947 in den USA veröffentlichte, suchten die Verfasser eine Antwort auf die Frage, "warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt". Der 1903 als Sohn eines jüdischen Weinhändlers geborene Theodor W. Adorno hatte allen Grund, diese Frage zu stellen. Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 war dem Musiktheoretiker und Philosophen, der sich mit einer Arbeit über Kierkegaard habilitiert hatte, im Zuge der Amtsenthebung jüdischer Dozenten die Lehrbefugnis entzogen worden. Über eine Dozententätigkeit in Oxford emigrierte er in die USA, wo er 1938 offizielles Mitglied des nach New York übergesiedelten Instituts für Sozialforschung wurde.

1949 kehrte Adorno nach Frankfurt zurück. Seine Themen könnten von heute sein: Er arbeitete über den Zusammenhang von Autoritätsgläubigkeit und Faschismus, sprach 1952 über "Die kulturelle und soziale Strukturveränderung im geeinten Deutschland". 1967, in einer Zeit, in der die "Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD)" in sechs Landesparlamente eingezogen war, hielt er vor Studenten in Wien eine Vorlesung über die "Aspekte des neuen Rechtsradikalismus".

Diesen Vortrag, der bisher nur als Audio-Aufzeichnung existierte, hat der Suhrkamp-Verlag jetzt als Buch veröffentlicht. Der Historiker und Rechtsextremismus-Forscher Volker Weiß hat das Nachwort geschrieben. Mit der Deutschen Welle sprach er darüber, warum sich Adornos Vortrag wie eine Rede zur Gegenwart liest.

DW: Der Kapitalismuskritiker Theodor W. Adorno erlebte seine Hoch-Zeit in den frühen Sechziger Jahren. 50 Jahre nach seinem Tod gehört der philosophische Patriarch plötzlich wieder zu den öffentlich wahrgenommenen Intellektuellen. Welcher seiner Denkansätze ist für unsere globalisierte Gesellschaft heute noch wesentlich?

Historiker Volker Weiß: Adornos Philosophie war nicht alleine eine Kritik des Kapitalismus, sondern eine Bestandsaufnahme der Moderne insgesamt. Besonders galt sein Augenmerk den Auswirkungen der zivilisatorischen Entwicklung der Gesellschaften auf die einzelnen Subjekte, also der Frage, wieviel Befreiung der Fortschritt schafft und wieviele neue Bedrohungen. Als kluger Marxist wusste er, dass es weder möglich noch wünschenswert war, die technische Entwicklung aufzuhalten. Er verfiel jedoch nicht in einen simplen Fortschrittsoptimismus, der in der Linken ja lange dominierte. Für ihn war die Erfahrung bedeutend, was passierte, wenn sich das Wissen in den Dienst der Herrschaft, nicht der Befreiung stellt. So konnte Aufklärung gewissermaßen auf dem höchsten Stand der Technik in eine neue Barbarei umschlagen. Das 19. und das 20. Jahrhundert boten dafür genug Anschauungsmaterial. Auch wenn "die Moderne" mittlerweile zu Grabe getragen wurde, sich diversifiziert hat, von mehreren "Modernen" in verschiedenen Erscheinungsformen gesprochen wird, so bleiben die Kernfragen Adornos doch über einen langen Zeitraum hin aktuell.

Adorno war ein Denker, kein Aktivist. Doch sein Satz "Es gibt kein wahres Leben im falschen" ist zu einem populären Slogan geworden. Welche Analyse verbirgt sich hinter dieser Formel?

Dieser Aphorismus aus der "Minima Moralia" bezog sich auf die Unmöglichkeit, sich angesichts der katastrophischen Entwicklung irgendwo ein privates Glück einzurichten. Moderne Gesellschaften tendieren zur Totalität, ihre Auswirkungen erfassen alles, jedes Lebewesen, jeden Lebensbereich – da schwinden die Nischen. Ein Freibrief aber, das Richtige gar nicht erst zu versuchen, ist das nicht. Zudem dürfte es Adorno fern gelegen haben, seine Aphorismen als Kalendersprüche wiederzufinden.

20 Jahre nach dem Untergang des sogenannten Dritten Reichs zogen Rechtsradikale wieder in die Parlamente ein, in Deutschland die NPD. Wie erklärte Adorno den Erfolg rechtsextremistischer Philosophie?

Bemerkenswerterweise sieht Adorno als Ursachen mehr die Defizite der westlichen Demokratien und weniger das Treiben der alten Nazis, die in den sechziger Jahren noch sehr präsent waren. Er wusste, dass die Rechte von jeher ihre Kraft aus der Enttäuschung der Menschen über die uneingelöste Emanzipation zog. Seit dem 19. Jahrhundert wird ihnen gesagt, sie seien ihres Glückes Schmied, und doch stoßen sie stets an unsichtbare Grenzen. So kann er die faschistischen Bewegungen als "Wundmale der Demokratie" identifizieren.

Der Vortrag, den Adorno 1967 vor Wiener Studenten hielt, "Aspekte des neuen Rechtsradikalismus", ist jetzt im Suhrkamp Verlag als Buch erschienen. Das Buch steht inzwischen sogar auf den Bestsellerlisten. Was macht ihn - nach mehr als 50 Jahren - so aktuell?

Diese "Wundmale" finden sich ja bis heute, wenn man z.B. die Demokratiedefizite in bürokratischen Apparaten wie der EU beachtet. Inzwischen mehren sich die Stimmen, lieber mit einer überschaubaren Autorität wie einem illiberalen Nationalstaat konfrontiert zu sein, als mit schwer verständlichen, abstrakt wirkenden Apparaten. Auch sozialpsychologisch hat uns Adorno noch etwas zu sagen. Die wirtschaftliche und technologische Entwicklung – Adorno bezieht sich hier auf Kapitalkonzentration und Automatisierung – schafft das Gefühl der eigenen Überflüssigkeit. Tatsächliche oder gefühlte Krisen bewirken den Wunsch nach einem Ende des Ganzen. Dieser katastrophische Zug, halb als Furcht, halb als Sehnsucht, kennzeichnet diese Bewegungen bis heute. Und die von ihm bei der NPD beobachteten Methoden sind bis heute im Einsatz. Die Kombination von technischer Perfektion und völliger Abstrusität des Inhaltes kann im Internet jeden Tag beobachtet werden.

Was empfiehlt er, um rechtsextremer Politik entgegenzuwirken?

Er macht sich keine Illusionen, die Führer der Rechten im Gespräch zu bekehren. Dieser Gedanke hätte bei der Generation, die den Zweiten Weltkrieg erlebte, sicher nur Stirnrunzeln erzeugt. Er empfiehlt, deutlich auf die Folgen der rechten Politik hinzuweisen, ihren destruktiven Zug und dessen Konsequenzen. Vor allem aber will er ihnen die Jugend abspenstig machen – was, wie sich heute sagen lässt, damals durchaus gelungen ist.

Die Gründungsfigur der "Frankfurter Schule" war ein scharfsinniger Kulturkritiker. Er kritisierte eine laute, propagandistische Kultur. Worin erkannte er sie?

Er war ja nicht "die" Gründerfigur, mit dem Autorenkreis der Kritischen Theorie sind ja noch mehr Namen verbunden: Horkheimer, Pollock, Löwenthal, Benjamin, Marcuse, Fromm, Kracauer, um nur die bekanntesten Namen zu nennen.
An der modernen Kultur kritisierte Adorno das Serielle, Schematische. Ein recht typischer Diskurs dieser Kreise, bei Walter Benjamin finden sich ja auch Überlegungen über den Verlust des Einzigartigen, "Auratischen" der Kunst unter den Bedingungen der Massenproduktion. Heute arbeitet Kunst selbst längst mit dem Motiv ihrer industriellen Fertigung. Solange sie die Bedingungen ihres Entstehens reflektieren, lässt sich nichts gegen serielle Schöpfungen einwenden. Kritisch wird es, wenn Authentizität vorgetäuscht wird, wo nur Schema ist. Da betreten wir den Bereich von Kitsch – und von Propaganda.

Theodor W. Adorno: "Aspekte des neuen Rechtsradikalismus - Ein Vortrag".  Mit einem Nachwort von Volker Weiß, Suhrkamp Verlag, Juli 2019, 86 Seiten.

In seinem 2017 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Buch "Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes" liefert Volker Weiß eine Zeitdiagnose zu den rechtspopulistischen Phänomenen Pegida, AfD & Co. Das Buch mit 304 Seiten erschien im Verlag Klett-Cotta.

Das Gespräch führte Sabine Peschel.



Aus: "An seinem 50. Todestag ist Theodor Adorno hochaktuell - Wie kommt das?" Sabine Peschel (05.08.2019)
Quelle: https://www.dw.com/de/an-seinem-50-todestag-ist-theodor-adorno-hochaktuell-wie-kommt-das/a-49897603


Quote
[...] Ein sensationeller Fund: Bereits 1967 machte sich der aus dem Exil zurückgekehrte Theodor W. Adorno Gedanken über einen Rechtsruck. Es ist verblüffend, wie sehr seine Analyse an die aktuelle Situation erinnert.

Adorno über Donald Trump, die AfD und den globalen Rechtspopulismus? Und das alles schon 1967? Okay, der Begriff Fake News taucht damals noch nicht auf. Aber natürlich kannte der Philosoph und Soziologie die Propagandatechnik der plumpen Lüge nur zu gut, diese „völlig irren und phantastischen Geschichten“. Zum Beispiel die, dass „seinerzeit der Rabbiner Nussbaum gefordert hat, dass alle Deutschen kastriert werden sollen. Ich habe das Beispiel eben erfunden, wohlverstanden, aber so von dieser Art sind also die Argumente. Es wird mit Kenntnissen geprotzt, die sich schwer kontrollieren lassen, die aber eben dem, der sie vorbringt, eine besondere Art von Autorität verleihen“.

Theodor W. Adorno, der als Sohn des jüdischen Weingroßhändlers Oscar Alexander Wiesengrund in Frankfurt geboren wurde und Deutschland 1933 verlassen musste, wusste, wovon er sprach. Im Exil hatte er zusammen mit Max Horkheimer die „Dialektik der Aufklärung“ verfasst, ein Standardwerk unter anderem über die Neigung des Menschen, auch irrationalen Eifer mit rationalem Kalkül durchzusetzen. 1949 kehrte Adorno nach Frankfurt zurück, 1967 sprach er vor Studenten in Wien. Seine Vorlesung über die „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“ fällt in eine Zeit, in der die NPD reihenweise die westdeutschen Landtage erobert – und das kaum 20 Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur. Pünktlich zu Adornos 50. Todestag am 6. August liegt der Vortrag zum ersten Mal schriftlich vor.

Adorno beobachtet, dass „die Anhänger des Alt- und Neufaschismus heute quer durch die Gesamtbevölkerung verteilt sind“. Er konstatiert „so etwas wie einen sich verstärkenden Gegensatz der Provinz gegen die Stadt“. Und er macht unter den Anhängern rechtsradikalen Gedankenguts eine latent katastrophische Grundgestimmtheit aus: Diese Kreise würden ihre Anhängerschaft über den „Wunsch nach Unheil, nach Katastrophe“ mobilisieren.

Wie die Paarung aus Lüge und Katastrophenbeschwörung funktioniert, konnte man diese Woche an der Twitterei führender AfD-Politiker studieren. In Frankfurt war ein Junge mit tödlichen Folgen vor den Zug gestoßen worden und der Täter – es war ein Eritreer – wurde allein aufgrund seiner Herkunft ursächlich mit Merkels Migrationspolitik von 2015 in Verbindung gebracht – obwohl dieser seit 2006 in der Schweiz lebende Eritreer nun wirklich nichts damit zu tun hat. Doch die Sehnsucht der Menschen nach Mythen ist manchmal größer als die Akzeptanz von Realitäten.

In seinem Vortrag von 1967 betont Adorno, dass jede selbst nur gefühlte oder instrumentalisierte Wut eine reale Basis hat: „Wer nichts vor sich sieht und wer die Veränderung der gesellschaftlichen Basis nicht will, dem bleibt eigentlich gar nichts anderes übrig, als wie der Richard-Wagnersche Wotan zu sagen: ‚Weißt Du, was Wotan will? Das Ende.’ –, der will aus seiner eigenen sozialen Situation heraus den Untergang, nur eben dann nicht den Untergang der eigenen Gruppe, sondern wenn möglich den Untergang des Ganzen.“

Adornos Vorlesung über die „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“ wird im Rahmen seiner Nachgelassenen Vorträge bei Suhrkamp erscheinen. Weil das Thema brisant und aktuell erscheint, hat der Verlag die Wiener Vorlesung als Single ausgekoppelt und mit Bonusmaterial versehen (einem Nachwort) – ein Verfahren, das Adorno wahrscheinlich als kulturindustriell empfunden hätte.

Aber diese Pointe kam den allseits entzückten Feuilletonisten gar nicht in den Sinn, auch weil sie mit der Entdeckung beschäftigt waren, dass Adornos Kapitalismuskritik und die Gespinste der Neuen Rechten (etwa eines Björn Höcke) erstaunliche Schnittmengen haben. Dass und wie rechte Vordenker sich bei Linken bedienen, von Marx für Rechte über den Greenpeace-Aktivismus der Identitären Bewegung bis zur Metapolitik im Sinne Gramscis, haben Bücher über die Neue Rechte von Thomas Wagner („Die Angstmacher“) und Volker Weiß („Die autoritäre Revolte“) bereits klug herausgearbeitet. Weiß steuert der Adorno-Vorlesung jetzt das Nachwort bei.

Es lohnt sich darüber hinaus, Adornos Vorlesung auch mithilfe des Buchs „Die Gesellschaft des Zorns“ von Cornelia Koppetsch in den Blick zu nehmen, der jüngsten, luziden Analyse zum globalen Rechtspopulismus. Denn das Gefühl der „permanenten Deklassierung von Schichten, die ihrem subjektiven Klassenbewusstsein nach durchaus bürgerlich“ wären, hatte Adorno noch dem Kapitalismus angelastet, den man heute gemeinhin Globalisierung nennt. Sein Kennzeichen ist, dass er nicht mehr nur Unterschichten betrifft, sondern ein irrationales Moment der Moderneverweigerung provoziert, das allen gesellschaftlichen Schichten innewohnt, auch den Eliten.


Aus: "„Wunsch nach Unheil, nach Katastrophe“" Marc Reichwein (05.08.2019)
Quelle: https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article197963465/Adornos-Vorlesung-ueber-Aspekte-des-neuen-Rechtsradikalismus.html

Quote
Max S.

 Der beste Satz in diesem Artikel:  "Doch die Sehnsucht der Menschen nach Mythen ist manchmal größer als die Akzeptanz von Realitäten."


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Mediatheksblog: Zum 50. Todestag: Adornos Vorträge hören! (6. August 2019)
Unter anderem über Rechtsradikalismus und Sexualtabus sprach der Philosoph in verschiedenen Vorträgen im Wien der 60er-Jahre
Österreichische Mediathek, Sedlaczek
Der vor 50 Jahren in der Schweiz verstorbene Philosoph Theodor W. Adorno hatte vielfältige Verbindungen nach Wien. Adorno hatte im Jahr 1925 bei Alban Berg studiert und kehrte in den 1960er-Jahren immer wieder für Vorträge nach Wien zurück. Die Österreichische Mediathek – vormals Österreichische Phonothek – hat diese Veranstaltungen in den 1960ern auf Tonband aufgezeichnet. Die mittlerweile digitalisierten Originalaufnahmen können online nachgehört werden.
https://www.derstandard.de/story/2000106905604/zum-50-todestag-adornos-vortraege-hoeren

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Vortrag des Soziologen Theodor W. Adorno: "Aspekte des neuen Rechtsradikalismus" (1967)
Spieldauer: 01:12:08, Mitwirkende:Adorno, Theodor W. // Verband Sozialistischer Studenten Österreichs // Österreichische Mediathek
Datum: 1967.04.06 [Aufnahmedatum]
Ort: Wien, Universität Wien
Schlagworte: Wissenschaft und Forschung; Politik; Gesellschaft; Soziologie; Psychologie; Rechtsextremismus; Faschismus und Nationalsozialismus; Antisemitismus; Nationalismus; Arbeitslosigkeit; Sozialismus und Sozialdemokratie; Vortrag; Propaganda; Unveröffentlichte Eigenaufnahme der Österreichischen Mediathek
Archivformat: Tonband auf Kern (AEG)
https://www.mediathek.at/oesterreich-am-wort/suche/treffer/atom/014EEA8D-336-0005D-00000D5C-014E5066/pool/BWEB/

Online zugänglich Medien: Theodor W. Adorno
https://www.mediathek.at/portalsuche/?q%5B%5D=Adorno

« Last Edit: August 27, 2019, 04:35:03 PM by Link »

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« Reply #2 on: August 06, 2019, 03:59:42 PM »
Quote
[...] Adorno sei, so sagte Alexander Kluge, der ihn sehr gut kannte, einmal, ein glückliches Kind gewesen. Ich habe das kurioserweise nie verstanden als, Adorno habe eine glückliche Kindheit gehabt, sondern so als sei Adorno zeit seines Lebens ein glückliches Kind gewesen. Das schien natürlich angesichts von Adornos Lebensgeschichte als das Missverständnis eines ganz und gar Ahnungslosen.

Adorno war doch der Autor jenes wohl negativsten aller möglichen Sätze: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“. Adorno lehrte uns, dem Glück zu misstrauen. Man entkam dem Unheil nicht. Ich erinnere mich, wie er einmal im Seminar gegen den von einem Studenten zitierten Ernst Bloch etwas sentenziös bemerkte: „Hoffnung ist alles andere als ein Prinzip“. Ich sagte damals nichts. Ich traute mich nicht. Aber ich fand, Adorno hatte Blochs Begriff „Prinzip“ gewissermaßen kantisch missverstanden. Bloch meinte mit Prinzip keine Richtlinie, sondern so etwas wie den schnuppernden Anfang von allem.

Die Hoffnung war Adorno nicht fremd und schon gar nicht das von Bloch so gerne beschworene „Hoffen gegen alle Hoffnung“. Adorno wusste sehr genau Bescheid über die Beschaffenheit Deutschlands, in das er 1950 aus der amerikanischen Emigration kam. Er spürte die nicht nur. Er untersuchte sie als Soziologe. Er war zurückgekehrt in die Stadt seiner Kindheit, einer der wenigen Überlebenden. Knapp 30 000 Mitglieder hatte 1933 allein die jüdische Gemeinde in Frankfurt. Natürlich gab es sehr viel mehr Juden in der Stadt. Ende 1945 waren es etwa 600. Wohl die meisten von ihnen waren Ende des Krieges aus allen Ecken der nahen und fernen Umgebung nach Frankfurt gekommen.

Adornos falsches Leben war das Leben unter Nazis. Zunächst unter denen, bei denen sich erst später herausstellte, dass sie Nazis waren. Dann unter den zu Bundesbürgern nur wenig mutierten Nazis. Der Satz „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ sagt in Wahrheit: Lasst Euch das falsche Leben nicht als richtiges verkaufen. Fallt nicht herein auf die, die sagen, so wie es ist, ist es schon recht.

Wer Adornos Sentenzen als solche nimmt, versteht sie nicht. Sie sind zu lesen als Kulminationspunkte einer Gedankenbewegung, die zu ihnen hin- und auch wieder von ihnen wegführt. Adorno schrieb keine Protokollsätze, sondern Partituren. „Das Ganze“, schrieb er auch „ist das Unwahre.“ Das war eine gegen Hegel gerichtete Pointe und Adorno schrieb auch viel über das Fragmentarische und über das Verstummen. Aber von den kleinen Texten der „Minima Moralia“ bis hin zu den 400 Seiten der „Negativen Dialektik“ handelt es sich doch immer um Kompositionen, bei denen die Teile ohne das Ganze nicht zu verstehen sind. Sie sind so, weil Adorno sie so gewollt hatte. Seine ganze Anstrengung war darauf gerichtet, wenigstens im Text ein wahres Ganzes, ein richtiges Leben oder doch die Ahnung davon herzustellen. Spes contra spem.

Der autoritäre Charakter, gegen den wir, Adorno folgend, rebellierten, kam gerade in unserer Revolte wieder hervor. In uns. Das hatten wir auch bei Adorno gelernt. Aber niemand sieht sich selbst so genau, wie er auf andere schaut. Dass man es in dieser Kunst auch sehr weit bringen kann, darüber belehrt uns die Lektüre von Adornos „Traumprotokollen“. Die Beschreibung des Traums, in dem er jungen Männern zuschaut, wie sie sich selbst guillotinieren, endet mit der Bemerkung: „Alles völlig wort- und lautlos. Ohne jeden Affekt zugeschaut, aber mit Erektion aufgewacht.“

Vieles von dem, was wir damals für philosophische Einsichten, soziologische Beobachtungen, Erkenntnisse der Psychoanalyse hielten, verdankte sich, so wissen wir heute, ganz persönlichen Erfahrungen. Wir lesen seine Äußerungen zur Homosexualität, seit wir seinen Liebes-Briefwechsel mit Siegfried Kracauer kennen, mit anderen Augen.

Der autoritäre Charakter ist kein Gewand aus Einstellungen und Verhaltensmustern, die man Stück für Stück ablegen und gegen neue eintauschen kann. Er stellt sich immer wieder neu her. In immer wieder neuen Zusammenhängen. Wir werden ihn nie los. Auch Adorno nicht. In einem Brief an seine Eltern schreibt er über den emigrierten Violinvirtuosen Fritz Kreisler: „Diese ganze Art des Musizierens gehört liquidiert, und man fragt sich manchmal, ob die deutsche Barbarei, die zu dieser Liquidation beiträgt, nicht hier wie in vielem anderen gegen den eigenen Willen einen sehr gerechten Urteilsspruch vollstreckt.“ Eine dialektische Volte kann auch ein Schritt in Richtung Gaskammer sein.

Der sizilianische Schriftsteller Leonardo Sciascia (1921-1989), einer der engagiertesten Kämpfer gegen die Mafia, warnte davor, der Kampf gegen die Mafia könne selbst mafiose Züge bekommen. Oder wie der von Adorno wenig geschätzte Brecht schrieb: „Ach, wir/ Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit/ Konnten selber nicht freundlich sein.“ Adorno hat uns auch gelehrt, die Verlogenheit dieser Verse zu sehen: Wer die Millionen Toten des Stalinismus unter dem Begriff „Unfreundlichkeit“ versteckt, macht sich zum Komplizen der stalinistischen Verbrechen.

Es wird Zeit, dass wir beginnen mit der Lektüre Adornos. Also uns nicht mehr nur auf seine Texte beschränken und vor der Wirklichkeit der Person, die sie produzierte, die Augen verschließen. Einer der Großintellektuellen der Bundesrepublik legte den Briefwechsel mit den Eltern beiseite, weil er sich durch das kindische Gequatsche, mit dem die Familie einander mit Tiernamen bedachte, nicht „hindurchquälen“ wollte. Und völlig „unerträglich“ war ihm, was Adorno über Kreisler schrieb und dass er alle „Hansjürgens und Utes“ am liebsten umgebracht sehen wollte.

Das „falsche Leben“ sind nicht nur die Nazis. Das falsche Leben ist man schon selbst. Das ist die eigentliche Crux der Dialektik der Aufklärung. Sie ist kein glücklicher Geistesblitz, auch nicht nur das Ergebnis eines wachen und wachsamen Blicks auf die eigene Gegenwart, sondern auch die schmerzhafte, aber genau darin auch lustvolle Erfahrung der eigenen Verquertheiten.

Vielleicht habe ich Alexander Kluge doch richtig verstanden. Adornos runder Glatzkopf mit den riesigen, traurig wirkenden Augen folgte dem Kindchenschema. Dass seine Freunde und Freundinnen ihn Teddie nannten, dass er nie aufhörte, zärtlicher Sohn zu sein – der Vater starb 1946, die Mutter 1951 im New Yorker Exil – , das sind kindliche Züge an ihm, die auch der oberflächlichste Betrachter sofort erkannte. Seine Empfindlichkeit, seine Lust an der Aggression – ein verwöhnter Junge, der daran gewöhnt ist, dass man ihm seine Ausfälle verzeiht.

Vielleicht aber sollten wir uns nicht länger von all seiner Gelehrsamkeit, seiner Intellektualität, seiner Blitzgescheitheit, seinen vergnügten Exerzitien bei der Anstrengung des Begriffs hinters Licht führen lassen. Adorno war kein Bildungsbürger, er war auch kein Rebell. Er war in all seinen Rollen – als Liebhaber und ordentlicher Professor, als Komponist und Autor, als Vortragender und Figur des öffentlichen Lebens ein Held in tausend Gestalten auf der stets scheiternden Suche nach Wegen ins Freie.

Wir sollten lernen, gerade in seiner Begabung, bittere Wahrheiten aufzuspüren und beim Namen zu nennen, das Kind zu erkennen, das in der Erzählung Hans Christian Andersens auf den Kaiser in seinen neuen Kleidern sieht und sagt: „Aber er hat ja gar nichts an!“


Aus: "Zum 50. Todestag: Adornos falsches Leben war das Leben unter Nazis" Arno Widmann (06.08.2019)
Quelle: https://www.fr.de/kultur/theodor-adorno-sein-falsches-leben-leben-unter-nazis-12889815.html

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Theodor W. Adorno
« Reply #3 on: August 27, 2019, 04:34:35 PM »
"Zum Kunstverständnis der Kritischen Theorie"
Text: Walther Müller-Jentsch | Bereich: Ästhetik und Kunsttheorie
Ausgehend von Hegels geschichtsphilosophischen Thesen über den Erkenntnischarakter der Kunst einerseits und ihr Ende andererseits skizziert der vorliegende Beitrag die Kunstauffassung der kritischen Theoretiker Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse und Ernst Fischer. Als die Essenz ihrer zwiespältigen Sichtweisen auf die Kunst entbirgt sich ihr gesellschaftskritischer Gehalt und ihr utopisches Glücksversprechen. ...
https://www3.hhu.de/wuk/zum-kunstverstaendnis-der-kritischen-theorie/

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Funktionalismus heute - Ein Vortrag von Theodor W. Adorno
Titel         Funktionalismus heute
Titelzusatz         Vortrag des Soziologen Theodor W. Adorno
Spieldauer         01:04:07
Mitwirkende         Adorno, Theodor W. [Verfasser/in und Vortragende/r] // Österreichische Gesellschaft für Literatur [Veranstalter] // Österreichische Mediathek [Produzent]
Datum         1966.05.18 [Aufnahmedatum]
Ort         Wien, Palais Pálffy [Aufnahmeort]
https://youtu.be/aH4SGs88PeI | https://www.mediathek.at/atom/01785F2A-1E2-0A857-00000BEC-01772EE2

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"Adorno: Anmerkungen zum philosophischen Denken"
Ein Vortrag von Theodor W. Adorno für den Deutschlandfunk, gesendet am 9. Oktober 1964; in "Neue Deutsche Hefte", Heft 107, Oktober 1965, S. 5ff. Die hier vorliegende Aufzeichnung ist ein Mitschnitt des Vortrags vom 10. Oktober 1967 an der Universität Wien.
Abgedruckt in Band 10.2 der Gesammelten Werke:
Theodor W. Adorno: Kulturkritik und Gesellschaft II, Suhrkamp Verlag Frankfurt a.M., sechste Auflage 2016, S. 599 - 607
https://youtu.be/rx9fhdPqqKk
« Last Edit: December 15, 2019, 06:38:42 PM by Link »

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Theodor W. Adorno
« Reply #4 on: December 15, 2019, 06:54:48 PM »
"All die heimlichen Dinge Theodor W. Adorno und sein Denken" | Otto A. Böhmer (2003)
Eines seiner bekanntesten, auch verkäuflichsten Bücher hieß "Minima Moralia" und hatte einen bezeichnenden Untertitel: Reflexionen aus dem beschädigten Leben. In ihm, dem beschädigten Leben, richtete er sich ein, der Philosoph Theodor W. Adorno, ein unerbittlicher, das Behagliche keineswegs verschmähender Negativist, der seinen Spitznamen "Teddie" mit Wut und Würde trug.
https://youtu.be/K5h8g8vA-yk | https://archive.org/details/adornoundseindenkenottoa.boehmer2003

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"Adorno / Lenya: Die Zwanziger Jahre. Legende und Ärgernis"
Ein Gespräch zwischen Theodor W. Adorno und Lotte Lenya, moderiert von Adolf Frisé, gesendet 1960 im Hessischen Rundfunk.
https://youtu.be/x8PnTxZTMsM

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Adorno / Mayer: Die veruntreute Gegenwart - der Fall Stefan George
Ein Gespräch zwischen Theodor W. Adorno und Hans Mayer für den NDR, gesendet 1967.
https://youtu.be/UaFmav88McU

« Last Edit: December 15, 2019, 07:12:24 PM by Link »

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Theodor W. Adorno
« Reply #5 on: February 01, 2020, 12:20:37 PM »
"Philosophisches Gespräch: Adorno und die Kritische Theorie" (2015)
Theodor W. Adorno (1903 - 1969) war einer der prägenden Denker der jungen Bundesrepublik. Als Theoretiker gesellschaftlicher Negativität, als Aufspürer ideologischer Verblendung auch in den beiläufigsten Alltagsphänomenen und als Analytiker der Voraussetzungen für die Nazi-Barbarei beeinflusste er das Denken - und auch den Jargon - von mehr als einer Generation. Doch was genau hat es mit Adornos Kritischer Theorie auf sich? Bietet sie gesellschaftsveränderndes Potential hin zu einem richtigen Leben im richtigen? Oder musste sie bloße Theorie bleiben?
Philipp Felsch, Professor für Geschichte der Humanwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin, und Autor des 2015 erschienenen Buches "Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte. 1960-1990", unterhält sich als Moderator und Adorno-Kenner mit dem Literaturwissenschaftler Martin Mittelmeier, der mit seinem 2013 erschienenen Buch „Adorno in Neapel“ einen überraschenden, neuen Blick auf das Werk Adornos warf.
https://youtu.be/qOq-t9AKb10
« Last Edit: February 01, 2020, 12:24:53 PM by Link »