Author Topic: [Forschender Blick nach rechts... ]  (Read 127279 times)

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[Forschender Blick nach rechts... ]
« Reply #100 on: April 22, 2020, 11:59:26 AM »
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[...] BERLIN taz | Die rechtsextremen Drohschreiben gingen an Linken- und GrünenpolitikerInnen, an die Bundesjustizministerin, an JournalistInnen oder die Sängerin Helene Fischer. Und sie waren voller wüstem Hass. Man kämpfe gegen die Verunreinigung des „deutschen Volkstums“, werde „Menschen auf offener Straße exekutieren“ oder Kinder töten, hieß es dort. Unterzeichnet wurde mit: „Nationalsozialistische Offensive“.

Es sind Drohungen, die so oder ähnlich seit Monaten Menschen in diesem Land erreichen – zumeist von anonymen Absendern. Diesmal aber ist es anders. Denn im Fall der „Nationalsozialistischen Offensive“ bekommt der Hass am Dienstag ein Gesicht. Es gehört André M., einem 32-Jährigen aus Halstenbek bei Hamburg.

Die Polizei hatte den Arbeitslosen Anfang April 2019 verhaftet. Es war eine der ganz wenigen Festnahmen nach solchen Drohschreiben. Nun sitzt André M. im Landgericht Berlin, Saal 700. Er soll es sein, der hinter der „Nationalsozialistischen Offensive“ (NSO) steckt.

Blass und schmächtig, mit blonder Zopffrisur, sitzt André M. dort hinter dem Sicherheitsglas, aufmerksam schaut er in den Saal. Als der Richter nach seinen Personalien fragt, antwortet André M. nur knapp. Schon zu seinem Beruf will er nichts mehr sagen. Auch zu den Vorwürfen schweigt er.

Dann aber wird die Verhandlung sowieso unterbrochen. Ein Fax hatte das Gericht erreicht, kurz vor Prozessbeginn, mit einer Bombendrohung, ausgerechnet. Nun wird das Schreiben dem Richter gereicht, der den Saal räumen lässt und den Prozess für eine Stunde unterbricht. André M. verfolgt das Ganze interessiert, aber ohne weitere Regung.

In dem Schreiben ist von mehreren deponierten Sprengsätzen im Gericht die Rede. Die anwesende „Lügenpresse“ werde „im eigenen Blut vor dem Saal ersaufen“, auch der Richter wird namentlich genannt. Unterschrieben wird mit: „NSU 2.0“. Die Polizei gibt eine Stunde später Entwarnung: Es kann weiterverhandelt werden.

Die Staatsanwältin verliest daraufhin die Anklage – die André M. ebenso regungslos verfolgt. 103 Drohschreiben habe André M. in nur gut drei Monaten verschickt, seit Ende Dezember 2018, von anonymisierten E-Mail-Adressen aus. Gleichzeitig habe er auch im Darknet Gewaltaufrufe veröffentlicht. Die meisten Schreiben waren Bombendrohungen – an Gerichte, Rathäuser, Behörden, Bahnhöfe oder auch die Rote Flora in Hamburg. Fabuliert wurde über versteckten Sprengstoff, über Fernzündungen via Handy, ergänzt immer wieder mit expliziten Ausschmückungen, wie es zu Toten kommen werde. „Ihr werdet in Fetzen da liegen“, hieß es zum Beispiel. Die Gebäude mussten teils geräumt werden – Sprengsätze wurden nie gefunden.

Dazwischen folgten Drohschreiben an Bundestagsabgeordnete, an Medienhäuser, auch die taz, oder immer wieder obsessionshaft an Helene Fischer, die als „slawisch“ abgelehnt wurde. Auch hier versehen mit brachialen Gewaltandrohungen, teils auch Geldforderungen via Bitcoin oder Monero in absurden Höhen. Einige Schreiben waren mit einem Link zu einem Video versehen, in dem Kinder missbraucht und gefoltert werden.

Es sei André M. um das „Ausleben seines Menschenhasses“ gegangen, einem Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, sagt die Staatsanwältin. Und um Fantasien einer „nationalen sozialistischen Ordnung“.

Es war André M. selbst, der die Ermittler auf seine Spur brachte. Denn über die Monate wurde er immer unvorsichtiger. Am Ende bedrohte er auch eine Bekannte aus Sachsen-Anhalt – und griff dies später in einem Schreiben an eine Politikerin auf. Über diese Bekannte konnte die Polizei André M. identifizieren. Er hatte sich selbst verraten.

Und die Ermittler trafen auf einen einschlägig Bekannten. Schon seit seiner Kindheit fiel André M. nach taz-Informationen mit Gewalttaten auf. Die Schule verließ er als 15-Jähriger mit einem Fünfte-Klasse-Abschluss. Schon ab dieser Zeit zerstach er Autoreifen, legte Brände, experimentierte mit Sprengstoff oder attackierte einen Nachbarn mit einem Messer, gleichzeitig plagten ihn Angstzustände. Schließlich sinnierte er mit einem Bekannten über einen Bombenanschlag auf ein Apfelfest in einer Nachbarstadt. Von dem Vorwurf wurde er freigesprochen, wegen anderer Delikte aber landete er für fünf Jahre in einem psychiatrischen Krankenhaus.

Auch danach folgten weitere Straftaten und Inhaftierungen. Eine Ausbildung trat André M. nie an, Freunde hatte er keine mehr. Zuletzt wurde er im Oktober 2018 aus der Haft entlassen. Er zog wieder zurück zu seinen Eltern, wo er sich sein Zimmer mit Hakenkreuzfahnen ausstaffiert haben soll. Schon kurz darauf meldete er sich nach taz-Informationen wieder im Darknetforum „Deutschland im DeepWeb“ an, in dem er schon 2017 unter dem Alias „Sturmsoldat“ aktiv gewesen sein soll. Nun firmierte er dort als „Sturmwehr“. Die später verbotene Plattform war ein riesiges Chatforum, aber auch ein Kriminalitätsumschlagplatz. So bezog etwa der Attentäter des Anschlags auf das Münchner Olympia-Einkaufszentrum 2016 von dieser Plattform seine Tatwaffe.

André M. widmete offenbar seine ganze Zeit dem Darknet, und das einschlägig. In Chats soll er wiederholt zu Terror gegen PolizistInnen, RichterInnen und PolitikerInnen aufgerufen haben. Dann habe André M. seine Drohschreibenserie als „Nationalsozialistische Offensive“ gestartet. Die Ermittler fürchteten, dass es nicht dabei bleiben sollte: Denn der 32-Jährige lud auch Anleitungen zum Bomben- und Schusswaffenbau aus dem Internet herunter, posierte auf Fotos mit Sturmgewehren und beschäftigte sich mit dem Christchurch-Anschlag auf zwei neuseeländische Moscheen mit 51 Toten.

Die Ermittlungen machten aber auch klar, dass André M. nicht alleine handelte. Denn ausgehend von der Darknetplattform verschickt auch eine zweite Person bis heute ganz ähnliche, ebenso brutale Schreiben, mal unter dem Alias „Wehrmacht“, mal als „Staatsstreichorchester“. Und diese Person stand nach taz-Informationen ab Mitte Januar 2019 in engem Austausch mit André M. Beide diskutierten demnach über Adressaten für ihre Drohungen, in den verschickten Schrei­ben wurde sich aufeinander bezogen.

Als André M. im April 2019 schließlich verhaftet wurde, verschickte „Staatsstreichorchester“ eine E-Mail an Politiker und Journalisten, in welcher er „Immunität“ für den „Mitarbeiter“ forderte. André M., der mit vollem Nachnamen genannt wird, habe „nicht die nötigen Sicherheitsvorkehrungen getroffen“. Man sei dennoch „in keiner Weise beeindruckt“. Gedroht wurde mit neuem rechtem Terror. Und die Schreiben setzten sich fort.

Bis heute konnten die Ermittler nicht herausfinden, wer hinter diesem zweiten Alias steckt. Und auch André M. schweigt dazu. Der Prozess gegen ihn muss nun auch klären, wie schuldfähig M. überhaupt ist. Er selbst soll wiederholt Suizid- und Amokgedanken geäußert und Medikamente missbraucht haben. Sachverständige attestierten ihm in der Vergangenheit eine Persönlichkeitsstörung.

Im Gericht sitzt am Dienstag auch die Bundestagsabgeordnete der Linken, Martina Renner. Auch sie erhielt Drohschreiben der „Nationalsozialistischen Offensive“, nun ist sie Nebenklägerin im Prozess. Es sei eigenartig, André M. ins Gesicht zu schauen, sagt Renner. Für sie ist er kein Verrückter, sondern ein klarer Rechtsextremist. „Die Auswahl der Menschen, die er bedrohte und sein Vokabular sind da eindeutig.“

Renner will in dem Prozess auch die „offenkundigen, bisher unbehelligten Mittäter“ thematisieren. Hier seien „entschiedene Ermittlungen“ nötig, um auch diese zu stellen. Und sie verweist auf die Waffenaffinität von André M.: „Es geht hier nicht nur um Dahingeschriebenes. Der Schritt zu realer Gewalt und Terror ist ganz klein.“

Das zeigt sich auch an anderer Stelle. So erhielt zuletzt auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Karamba Diaby aus Halle zahlreiche Drohschreiben, darunter auch vom „Staatsstreichorchester“. Später wurden in seinem Bürgerbüro Einschusslöcher entdeckt. Und auch der des Mords an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke Tatverdächtige soll zuvor im Internet mit Gewalt gedroht haben. Inzwischen zogen sich bundesweit einzelne BürgermeisterInnen wegen solcher Bedrohungen zurück. BKA-Chef Holger Münch spricht von einer „demokratiegefährdenden“ Entwicklung.

Der Polizei glückte zuletzt immerhin eine zweite Festnahme. Ende März fasste sie in Bayern eine 54-jährige Heilpraktikerin. Die Frau soll Kommunalpolitikern und an eine Moschee Drohbriefe geschickt haben, teils mit einer scharfen Patrone. Ermittelt wurde sie, weil zurückverfolgt werden konnte, wo sie die versandten Karten gekauft hatte. Laut Polizei besitzt die Frau seit Langem eine „rechtsgerichtete Gesinnung“.

Die rechtsextremen Drohschreiben aber gehen weiter. So verschickten Unbekannte zuletzt unter dem Alias „Wolfszeit 2.0“ E-Mails an PolitikerInnen der Linken und Grünen und drohten, man werde sie „abschlachten“, weil sie sich „für dreckige Asylanten“ einsetzten. Ungeklärt ist auch, wer als „NSU 2.0“ Drohfaxe an die NSU-Opferanwältin Seda Basay-Yildiz aus Frankfurt am Main verschickte. André M. und sein Mitstreiter sollen in ihren Schrei­ben auch einen „NSU 2.0“ als Teil ihres Netzwerks benannt haben. Die Ermittler glauben jedoch an andere Verfasser. Unklar ist auch, ob es hier einen Zusammenhang zu dem Drohfax an das Berliner Landgericht vom Dienstag gibt.

Und auch Martina Renner hat bis heute keine Ruhe. Erst Montag erhielt sie, ebenso wie andere, erneut ein Drohschreiben – wieder mal vom „Staatsstreichorchester“. Ge­fordert wird darin ein „einwandfreier Freispruch“ für André M. Andernfalls werde „die Bevölkerung die Konsequenzen zu spüren bekommen“. Diesem dürfte aber eine längere Freiheitsstrafe bevorstehen, wenn die Richter seine Schuld als erwiesen ansehen.


Aus: "Der Radikalisierte" Konrad Litschko (21. 4. 2020)
Quelle: https://taz.de/Rechtsextreme-Terrorbriefe/!5680194/

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Linksman gestern, 22:41

"...Geldforderungen via Bitcoin oder Monero..."

Tss, wie undeutsch.


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Mustardman
gestern, 20:54

Jämmerliche Verlierer träumen von Gewalt und Macht und nutzen die Medien als Wirkungsverstärker. ... Und wieder, wie immer: Wäre das ein Moslem, der mit Morden droht, aus welchen jämmerlichen und religiös/politisch verbrämten persönlichen Gründen auch immer, dann wäre das ein kurzer Prozess und er wäre zweifellos ein Terrorist.


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"Mails mit „NSU 2.0“ unterzeichnet Hessische Linke Wissler wird von Rechtsextremen bedroht"
Seit August 2018 hatte die Frankfurter NSU-Opfer-Anwältin Basay-Yildiz rechte Drohmails erhalten. Jetzt trifft es die hessische Linken-Politikerin Wissler. ... Die Fraktionsvorsitzende der Linken im hessischen Landtag, Janine Wissler, hat mit „NSU 2.0“ unterzeichnete Drohmails bekommen. „Es war eine klare Bedrohung gegen mein Leben“, sagte die stellvertretende Bundesparteivorsitzende der Deutschen Presse-Agentur.  ... Mit „NSU 2.0“ unterzeichnete Drohschreiben hatte wiederholt auch die Frankfurter Rechtsanwältin Seda Basay-Yildiz bekommen. Sie vertrat im NSU-Prozess Nebenkläger aus den Familien der Opfer der rechtsextremen Mordserie. In den Schreiben wurde ihr und ihren Angehörigen der Tod angedroht. Der „Nationalsozialistische Untergrund“ hatte zwischen 2000 und 2007 zehn Morde in Deutschland verübt. ... Bei den Ermittlungen nach den ersten Drohschreiben gegen die Anwältin stellte sich heraus, dass ihre persönlichen Daten von einem Computer in der Dienststelle des 1. Polizeireviers in Frankfurt abgerufen worden waren. Auch eine Chatgruppe mehrerer Beamter mit mutmaßlich rechtsextremen Inhalten wurde entdeckt. ...
https://www.tagesspiegel.de/politik/mails-mit-nsu-2-0-unterzeichnet-hessische-linke-wissler-wird-von-rechtsextremen-bedroht/25975822.html

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Seit Jahren bekommen Menschen, die sich gegen Rechts stellen, Morddrohungen vom „NSU 2.0“. Wer verschickt sie? Die Spur führt vor die Haustür eines Polizisten.
Ein Artikel von Sebastian Erb Christina Schmidt Christina Schmidt Dinah Riese Dinah Riese Konrad Litschko Konrad Litschko Luisa Kuhn (5.9.2020)
Uns liegen mehr als ein Dutzend der Drohschreiben vor. Wir werten Unterlagen aus, recherchieren in sozialen Netzwerken und Darknet-Foren. Wir sprechen mit Empfänger*innen der Drohungen, mit Ermittler*innen. Und irgendwann stehen wir vor einem Haus in Frankfurt, in dem ein Polizist wohnt, und betätigen die Klingel, an der sein eigener Name nicht steht. Über diesen Polizisten hat die Öffentlichkeit bislang so gut wie nichts erfahren. ...
https://taz.de/taz-Recherche-zu-Drohmails/!5709468/
« Last Edit: September 05, 2020, 07:35:23 PM by Link »

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[Forschender Blick nach rechts... ]
« Reply #101 on: August 17, 2020, 04:23:12 PM »
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[...] Berlin - Der Besitzer des Hauses Lückstraße 58 in Lichtenberg war froh, als er das leerstehende Geschäft im Erdgeschoss unweit vom S-Bahnhof Nöldnerplatz endlich wieder vermieten konnte. Die beiden jungen Frauen, die den Mietvertrag unterzeichneten, wirkten auch ganz normal, und gegen die Nutzung des Geschäfts war auch nichts einzuwenden – man wolle in dem früheren Gardinenladen unter anderem Bildungsveranstaltungen für Jugendliche und junge Erwachsene organisieren.

Doch der Laden, den ein Verein namens „Sozial engagiert in Berlin“ gemietet hat, ist alles andere als normal: Hinter der großen Fassade, die mittlerweile voller schwarzer Farbe ist, befindet sich seit Frühjahr 2011 ein Treffpunkt für Rechtsextremisten. „Es ist allerdings weniger ein Jugendzentrum, sondern eher ein Szenetreff für autonome Nationalisten – mit Wohnzimmer-Charakter“, sagt Annika Eckel von der mobilen Beratungsstelle gegen Rechts, die den Bezirk Lichtenberg schon lange im Kampf gegen Rechtsextremisten unterstützt.

Seit die Rechtsextremen im Weitlingkiez wieder einen Treffpunkt haben, hat auch die Zahl der Zwischenfälle spürbar zugenommen. Allein für dieses Jahr listet das Lichtenberger Register des Lichtblicke-Netzwerks für Demokratie und Toleranz 17 Vorfälle im Kiez auf – angefangen bei Hakenkreuz-Schmierereien, Schriftzügen „NS jetzt“, bis hin zu Vandalismus an Stolpersteinen und einer Feier am 20. April, dem Geburtstag von Adolf Hitler.

Seit bekannt ist, wer in der Lückstraße 58 seinen Sitz hat, macht das Lichtenberger Bündnis für Demokratie und Toleranz mobil gegen die Rechten. „Wir wollen zeigen, dass der Weitlingkiez den Demokraten gehört“, sagt Kevin Hönicke vom Bündnis, das vor vier Jahren als Reaktion auf einen geplanten Aufmarsch von Rechten im Weitlingkiez ins Leben gerufen wurde. Man habe viel erreicht in den vergangenen Jahren, so Hönicke, umso wichtiger sei es jetzt zu zeigen, dass die Rechten im Viertel nicht willkommen seien. „Wir haben Schmierereien beseitigt, Stolpersteine gereinigt und Gegendemos organisiert.“ Das Bündnis, das eng mit Gewerbetreibenden, der Polizei, Kirchen und ortsansässigen Vereinen zusammenarbeitet, wird auch von Politikern aus dem Bezirk unterstützt – parteiübergreifend. „Schweigen kann in so einem Fall nie sinnvoll sein“, sagt Bezirksbürgermeister Andreas Geisel (SPD) – „selbst auf die Gefahr hin, dass der Treff so bekannter gemacht wird.“

Seit Anfang der 90er-Jahre hatte der Weitlingkiez ein Image als Rechten-Hochburg, nach jahrelangen Bemühungen eines großen Bündnisses hatte sich die Lage in den letzten Jahren deutlich beruhigt, die Zahl der Zwischenfälle war gesunken. „Ganz weg waren die Rechtsextremen aber nie“, sagt Annika Eckel von der mobilen Beratungsstelle.

Das Bündnis für Demokratie und Toleranz sammelt derzeit Geld, um den Vermieter zu unterstützen. Dieser hat den Rechtsextremen bereits gekündigt – eine besonders Klausel im Mietvertrag ließ das zu – doch nun ist eine Räumungsklage anhängig. „Auch wir unterstützen ihn, die Räumung gegen die Rechtsextremisten durchzusetzen“, sagt Bezirksbürgermeister Geisel.


Aus: "Rechtsextremismus in Lichtenberg: Neo-Nazis zurück im Weitlingkiez" Claudia Fuchs (14.6.2012)
Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/rechtsextremismus-in-lichtenberg-neo-nazis-zurueck-im-weitlingkiez-li.53025

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[...] Am 5. Januar 2019 eine rassistische Bedrohung in der Weitlingstraße, am 8. Januar zwei „Schutzzone“-Aktionen an den S-Bahnhöfen Friedrichsfelde und Lichtenberg, am gleichen Tag ein Rechtsrock-Aufkleber im U-Bahnhof Tierpark, einen Tag später eine antisemitische Beleidigung in Friedrichsfelde – und es geht so weiter: Insgesamt 13 Vorfälle mit rechtsextremem und/oder diskriminierendem Hintergrund listet das Lichtenberger Register allein für den Januar 2019 auf.

Obwohl die Zahlen des vergangenen Jahres noch nicht ganz fertig ausgewertet sind, kann Michael Mallé schon eines sagen: „Lichtenberg ist ein Bezirk mit hohen Fallzahlen, und die Tendenz bleibt steigend.“ Es sei daher wichtig, dass das Bezirksamt das LichtBlicke-Netz unterstütze.

Im ersten Halbjahr 2019 listet das Lichtenberger Register 118 Vorfälle auf – fast ein Viertel mehr als im Vorjahr. „Der Europawahlkampf sorgte für ein Ansteigen der Vorfälle im April und Mai, weil zu dieser Zeit auch die Aktivitäten extrem rechter Akteure zunahmen“, erklärt Mallé und nennt einen zweiten Grund für die gestiegenen Registerzahlen: „Wir konnten noch weitere Melder aktivieren.“ So würden die Opferberatungsstelle ReachOut und die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus rias inzwischen regelmäßig die ihnen bekannten Übergriffe melden. Auch der Bezirk habe neue Kommunikationswege und Anlaufstellen geschaffen.

Von einem Großteil der Vorfälle erfahren die Register-Macher aber aus den Polizeistatistiken. Notiert werden sie nach Art, Ort und Motiv. Das Register unterscheidet Bedrohungen, Beleidigungen, Pöbeleien, Angriffe, Sachbeschädigungen sowie Veranstaltungen mit rechtsextremen, diskriminierenden Inhalten. Inzwischen werden auch entsprechende Äußerungen in den sozialen Netzwerken aufgenommen.

Erkenntnis der aktuellen Dokumentation: 95 Prozent aller Vorfälle sind rassistisch motiviert. „Das ist eine Tendenz, die sich fortsetzt“, so Michael Mallé. „Wir mussten aber auch eine deutliche Steigerung bei antisemitischen Angriffen feststellen.“ Unter dem Kürzel LGBTIQ sammelt das Register Vorfälle, die sich gegen Lesben, Schwule, Transgender, kurz: die queere Community richten. Auch hier sind die Zahlen eindeutig. Es gibt immer mehr verbale und körperliche Attacken. Und auch Obdachlose werden immer häufiger zur Zielscheibe von Beschimpfungen oder Übergriffen.

Insgesamt zeigen die vorläufigen Zahlen des Lichtenberger Registers, dass rechtsextreme, rassistische und andere diskriminierende Vorfälle von 2018 auf 2019 um fast 15 Prozent gestiegen sind. Im Schnitt gab es im vorigen Jahr jeden Monat zwei Angriffe und drei Pöbeleien. Nach Treptow-Köpenick und Mitte liege Lichtenberg vorn in der gesamtberliner Statistik und etwa gleichauf mit Pankow und Neukölln, sagt Mallé.

Bürgermeister Michael Grunst (Die Linke) nennt das Register einen Seismographen, der zeige, wo die Entwicklung hingehe – mit aktuell erschreckender Erkenntnis. „Es ist schlimm, dass wir den Anstieg der Fallzahlen trotz aller Bemühungen nicht verhindern konnten“, so der Lichtenberger Rathauschef. Er stelle auch selbst fest, dass die Verrohung im manchen Teilen der Bevölkerung zunehme. „Ich bekomme Briefe mit Klarnamen, deren Verfasser sich in teils erschütternder Weise gegen Obdachlose äußern.“ Politik, aber auch die Zivilbevölkerung müssten sich noch viel stärker gegen diesen nicht hinnehmbaren Trend engagieren.

Die endgültigen Zahlen des Berliner Registers für 2019 mit den Dokumentationen aus allen Bezirken werden im März vorgestellt. ...

...


Aus: "Fallzahlen 2019 weiter gestiegen: Mehr rechtsextreme Vorfälle in Lichtenberg" Berit Müller aus Lichtenberg (23. Januar 2020)
Quelle: https://www.berliner-woche.de/lichtenberg/c-politik/mehr-rechtsextreme-vorfaelle-in-lichtenberg_a249382

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[...] Die Kiezkneipe „Morgen wird besser“ in der Fanningerstraße in Lichtenberg ist fast vollständig ausgebrannt. Am Freitag, den 14. August um 6.20 Uhr, alarmierten Anwohnende die Feuerwehr. Fotos, die dem Tagesspiegel vorliegen, zeigen den ausgebrannten Barbereich: alles schwarz. Verletzt wurde niemand, über der Kneipe sind Wohnungen.

Die Polizei bestätigte auf Nachfrage, dass ein Brandkommissariat beim Landeskriminalamt wegen schwerer Brandstiftung ermittelt und der Staatsschutz ein politisches Tatmotiv prüft.

Es ist bereits der vierte Anschlag auf die Bar innerhalb weniger Jahre. 2019 wurde zuletzt eingebrochen und mehrere Flaschen Cola über Tresen und Tische geschüttet, die Kasse geklaut. Dass die Kneipe mit dem jüdischen Besitzer im Visier von Neonazis ist, berichten Anwohnende, die, ebenso wie der Barbesitzer, nicht namentlich genannt werden wollen.

Den letzten Drohanruf erhielt der Inhaber am letzten Montag: „Ich möchte, dass ihr nicht mehr da seid.“ Ähnliche Anrufe habe er bereits in den vergangenen Monaten und Jahren immer mal wieder erhalten, seine Bar sei zudem mit antisemitischen Sprüchen und Motiven besprüht worden, erzählt er dem Tagesspiegel.

Der Inhaber kam 2012 nach Lichtenberg, hatte in der Fanningerstraße zunächst ein Restaurant, das er 2014 zur Bar umbaute. Wenn er erzählt, wird deutlich, dass er seitdem ständig von Neonazis eingeschüchtert oder bedroht wird.

Fünf Leute mit Glatzen und Springerstiefeln sollen öfter bei ihm gegessen und ihn angepöbelt haben. In der Bar ging das weiter, sagt der Betreiber, sie hätten ihn nicht in Ruhe gelassen. „Ihr Juden seid wie Kakerlaken“, habe beispielsweise mal jemand zu ihm gesagt. Ab und zu findet er Aufkleber wie „Ausländer gute Heimreise“ in seiner Bar am nächsten Morgen.

Eine Zeitlang sei es mal besser, aber in letzter Zeit wieder schlimmer geworden. Es sei nicht leicht, dass alles auszuhalten, aber er wolle weitermachen, sich nicht vertreiben lassen. „Wenn du verlierst, verlieren wir alle“, habe sein Rabbiner zu ihm gesagt.

Für Dienstag um 18 Uhr wurde eine Solidaritätskundgebung vor dem „Morgen wird besser“ angekündigt. Unter dem Motto: „Kein Platz für Nazis! Rechten Terror stoppen!“ Anmelder ist nicht der Bar-Besitzer.

Auch Hanna Reichhardt, stellvertretende Bundesvorsitzende der Jusos, will hingehen. Es sei ihre „Stammkneipe“, twitterte sie. „Ich hasse und liebe diesen Kiez.“ Es sei gut, dass es so viel Solidarität gebe, erzählt sie dem Tagesspiegel. Denn: „Es trifft den gesamten Kiez.“

Als Anwohnerin bleibe bei ihr ein mulmiges Gefühl. Die radikale Rechte sei in dem Kiez gut vernetzt und organisiert. „Es sollte schnell aufgeklärt werden“, findet Reichhardt.


Aus: "Brandanschlag auf Berliner Kneipe „Morgen wird besser“" Robert Klages (17.08.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/juedischer-besitzer-im-visier-von-neonazis-brandanschlag-auf-berliner-kneipe-morgen-wird-besser/26101426.html

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« Reply #102 on: September 26, 2020, 10:09:06 AM »
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[...] Der schleswig-holsteinische Landtagsabgeordnete Frank Brodehl verlässt die AfD. Dies kündigte er am Freitagvormittag überraschend in einer Debatte um die Angebote in Ganztagsschulen an. Damit verliert die AfD ihren Fraktionsstatus. "Dieses war meine letzte Rede, die ich als Mitglied der AfD und der AfD-Fraktion in diesem Haus gehalten habe", sagte Brodehl im Landtag in Kiel. Er habe dem AfD-Landesvorstand mitgeteilt, dass er mit sofortiger Wirkung aus der Partei austrete, schreibt Brodehl in den Social-Media-Kanälen. Ausschlaggebend für seine Entscheidung sei der Umstand, dass sich der Landesverband Schleswig-Holstein seit dem letzten Parteitag in eine Richtung entwickelt habe, die für ihn völlig inakzeptabel sei.

Brodehl kritisierte eine Radikalisierung der Partei. Er schrieb: Statt an der Etablierung der AfD als bürgerlich-wertkonservativer politischer Kraft mitzuwirken, beförderten sowohl der Landesvorstand als auch die deutliche Mehrheit der Kreisvorstände systematisch die Radikalisierung der Partei. Als Beispiele dafür nannte Brodehl die Verwendung von Nazi-Vokabular wie "Endsieg" oder den Begriff "Krieg des Systems gegen das eigene Volk" in Mitglieder-Mails sowie die öffentliche Verächtlichmachung gewählter Bundes- und Landespolitiker durch ein Landesvorstandsmitglied als "Renegaten, Verräter und Agenten", die "ausgeschwitzt" werden müssten. Dazu käme die Bewerbung von NPD-Materialien durch einen AfD-Kreisverband. Der völkisch-nationalistische Grundton sei deutlich lauter als die Stimmen derjenigen in der Partei, die für eine seriöse und wertkonservative AfD-Politik eintreten würden.

"Die Ankündigung des Abgeordneten Brodehl hat uns völlig überrascht. Die Fraktion wird sich umgehend über das weitere Vorgehen beraten", sagte Jörg Nobis, Vorsitzender der AfD-Fraktion. Durch den Rückzug von Brodehl hat die AfD nur noch drei Abgeordnete - zu wenig, um den Fraktionsstatus zu halten. Das Minimum liegt bei vier Abgeordneten. Die Partei verliert damit unter anderem finanzielle Zuschüsse, Mitspracherecht im Ältestenrat und weitere Mitwirkungsmöglichkeiten im Parlament.

Immer wieder hatte es in der Partei Spannungen und Meinungsverschiedenheiten über die politische Ausrichtung gegeben. Ende 2018 war bereits Doris von Sayn-Wittgenstein, die dem völkischen Flügel zugeordnet wird, aus der Fraktion ausgeschlossen worden. Seit der Landtagswahl 2017 ist Brodehl Abgeordneter im Landtag von Schleswig-Holstein. Er ist nun fraktionsloser Abgeordneter.

SPD-Fraktionschef Ralf Stegner sprach von einer guten Nachricht. "Wir haben gerade am heutigen Tag eine Debatte über das Thema Flüchtlinge und Ausländer geführt. Da ist der Vorsitzende Nobis aufgetreten, dass eigentlich nur noch die braune Uniform mit Hakenkreuzen gefehlt hat. Das war eine richtige Nazi-Rede", sagte Stegner und fügte an: "Dass eine solche Gruppe dann keinen Fraktionsstatus mehr hat, das ist ein Segen für das Parlament, weil die uns weniger stark werden belästigen können."

"Es ist wenig überraschend. Die AfD hat nur eine Einigkeit: Sie ist gegen Sachen, nicht für irgendetwas. Insofern war’s vorhersehbar", meinte Lasse Petersdotter von den Grünen. Der Vorsitzende des SSW im Landtag, Lars Harms, sagte: "Die zunehmende Radikalisierung der AfD indes bleibt brandgefährlich und erfordert weiterhin eine konsequente Abgrenzung aller demokratischen Kräfte. Austritte wie der Frank Brodehls zeigen, dass die Spalternative für Deutschland längst nicht mehr auf dem Fundament von Demokratie und Grundgesetz steht."




Aus: "Brodehl verlässt AfD - Partei verliert Fraktionsstatus" (25.09.2020)
Quelle: https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Brodehl-verlaesst-AfD-Fraktion-in-Schleswig-Holstein,afd2626.html

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Schwarz auf weiss schrieb am 25.09.2020 13:56 Uhr:

Brodehl kritisierte eine Radikalisierung der Partei. Er schrieb: Statt an der Etablierung der AfD als bürgerlich-wert-konservativer politischer Kraft mitzuwirken, beförderten sowohl der Landesvorstand als auch die deutliche Mehrheit der Kreisvorstände systematisch die Radikalisierung der Partei. Der völkisch-nationalistische Grundton sei deutlich lauter als die Stimmen derjenigen in der Partei, die für eine seriöse und wertkonservative AfD-Politik eintreten würden.

Schön dass mal direkt von der AfD zu hören !


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Fragende schrieb am 25.09.2020 13:16 Uhr:

Gern würde ich etwas über die Gründe des unerwarteten Rückzuges erfahren.


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Ich sag mal schrieb am 25.09.2020 14:21 Uhr:

Ich würde auch gerne etwas über die Gründe erfahren.


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Nur so meine Meinung schrieb am 25.09.2020 14:17 Uhr:

Es ist schon eine hohe Kunst den Artikel zu lesen und dann nach den Gründen zu fragen. Ich zitiere aus dem obigen Text...

Ausschlaggebend für seine Entscheidung sei der Umstand, dass sich der Landesverband Schleswig-Holstein seit dem letzten Parteitag in eine Richtung entwickelt habe, die für ihn völlig inakzeptabel sei.

Brodehl kritisierte eine Radikalisierung der Partei. Er schrieb: Statt an der Etablierung der AfD als bürgerlich-wertkonservativer politischer Kraft mitzuwirken, beförderten sowohl der Landesvorstand als auch die deutliche Mehrheit der Kreisvorstände systematisch die Radikalisierung der Partei. Der völkisch-nationalistische Grundton sei deutlich lauter als die Stimmen derjenigen in der Partei, die für eine seriöse und wertkonservative AfD-Politik eintreten würden.


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[...] Die baden-württembergische AfD hat den umstrittenen Abgeordneten Stefan Räpple mit sofortiger Wirkung aus der Landtagsfraktion ausgeschlossen und ihm seine Mitgliedschaftsrechte entzogen. Das teilte ein Fraktionssprecher mit. Räpple soll am Samstag bei einer Demonstration gegen Corona-Maßnahmen in Mainz zu einem gewalttätigen Umsturz aufgerufen haben. "Wir müssen uns gewaltsam Zutritt zum Kanzleramt verschaffen", sagte Räpple bei der Kundgebung unter anderem.

"Wer diesen Rechtsstaat infrage stellt, ja zu seiner gewaltsamen Beseitigung aufruft, hat den Boden dieser Verfassung verlassen und damit auch die Grundlagen der Fraktionsverfasstheit infrage gestellt", sagte Fraktionschef Bernd Gögel. "Wer zu Straftaten aufruft, kann nicht länger Teil unserer Fraktion und Partei sein", sagte auch AfD-Landeschefin Alice Weidel, die gleichzeitig Vorsitzende der Bundestagsfraktion ist. "Ich halte die Entscheidung der Fraktion daher für absolut richtig."

Räpple hatte in der Vergangenheit immer wieder mit Provokationen für Schlagzeilen gesorgt. Im Dezember 2018 ließ er sich etwa nach Zwischenrufen von der Polizei aus dem Landtag führen. Die AfD Baden-Württemberg beschloss im Frühjahr, den umstrittenen Landtagsabgeordneten auszuschließen. Räpple hatte aber angekündigt, dagegen vorgehen zu wollen. Da das Urteil nicht rechtskräftig war, gehörte er weiter der Fraktion an.

Mitgliedschaft in Partei und Fraktion müssten laut Fraktionssatzung nicht zusammenhängen, es könnten auch Nicht-AfD-Mitglieder in der Fraktion sein, teilte ein Sprecher dazu mit. "Und da es ein schwebendes Verfahren war, sah die Fraktion keinen Handlungsbedarf."


Aus: "Baden-Württemberg: AfD in Baden-Württemberg wirft Abgeordneten raus" (28. September 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2020-09/afd-baden-wuerttemberg-stefan-raepple-ausschluss-regierungssturz


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Jeffrey Lebowski #17

Bei der AfD blitzen jetzt hier und da die Radikalen durch. Die bürgerliche Fassade scheint nur noch schwer aufrecht zu erhalten.


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Pizzafunghi #29

Jetzt wird versucht zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Und wieder einmal zeigt sich: wer einmal mit völkischem Vokabular startet, endet eben als rechte Hass- und Nazipartei. Alles, nur kein Zufall.


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« Last Edit: September 28, 2020, 04:39:44 PM by Link »

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« Reply #103 on: September 26, 2020, 10:21:23 AM »
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[...]  Es ist der 26. September 1980: Um 22.19 Uhr explodieren am Haupteingang der Wiesn in München 1,39 Kilogramm Sprengstoff. Durch die Explosion sowie umherfliegende Schrauben und Nägeln aus dem Sprengsatz werden zwölf Menschen ermordet. Mehr als 200 weitere Personen werden teilweise schwer verletzt. Auch der Rechtsextremist Gundolf Köhler starb bei dem Bombenanschlag.

In den vorherigen Jahren hatte es bereits rechtsterroristische Vorfälle gegeben: Prominentes Opfer eines rechten Anschlages war 1968 Rudi Dutschke, Kopf der Studentenbewegung. Er wurde auf offener Straße niedergeschossen. Später fanden die Ermittler bei dem Täter ein Hitler-Portät und eine Ausgabe des Buches "Mein Kampf". Inzwischen ist klar, dass er enge Kontakte zur extrem rechten Szene hatte und bei einem früheren NPD-Mitglied Schießübungen machte sowie Waffen und Munition gekauft hatte.

Ab den 1970er-Jahren bildeten sich rechtsterroristische Gruppen wie die "Nationalsozialistische Kampfgruppe Großdeutschland" oder die von NPD-Mitgliedern ins Leben gerufene Gruppe "Europäische Befreiungsfront". 1973 gründete Karl-Heinz Hoffmann seine Wehrsportgruppe. Es folgten weitere wie die Wehrsportgruppe Neumann in Hamburg, die Werwolf-Gruppe des Neonazis Michael Kühnen oder die Hepp-Kexel-Gruppe, die mehrere Bombenanschläge verübte.

 Ebenfalls 1980 erschoss mutmaßlich ein Mitglied der Wehrsportgruppe Hoffmann den Verleger Shlomo Lewin, ehemaliger Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, und dessen Lebensgefährtin Frieda Poeschke. Die "Deutschen Aktionsgruppen" verübten Bombenanschläge, unter anderem in Hamburg und Baden-Württemberg. Zwei Menschen wurden getötet, mehrere verletzt. Das Geld für Anschläge beschafften sich die Terrorzellen durch Banküberfälle - ähnlich wie später der NSU.

Angesichts von zahlreichen Anschlägen und Waffenfunden sowie einem Netzwerk von militanten Alt- und Neonazis erscheint die These, der 21-jährige Köhler habe den Anschlag in München komplett alleine geplant und umgesetzt fragwürdig. Auf Basis von neuen Aussagen nahm das BKA die Ermittlungen 2014 wieder auf - stellte sie im Juli aber wieder ein.

Bereits am 28. September 1980, nur zwei Tage nach dem Anschlag, hatte der damalige Generalbundesanwalt Kurt Rebmann erklärt, man nehme "nicht an, dass Köhler als Alleintäter gehandelt hat, die Ermittlungen haben ergeben, dass Köhler Mitglied der Wehrsportgruppe Hoffmann war". Hoffmann bestreitet allerdings bis heute eine Mitgliedschaft Köhlers. Der Attentäter war aber mindestens aktiver Sympathisant.

 Dennoch liefen die Ermittlungen in eine ganz andere Richtung. Bei den bayerischen Ermittlern setzte sich nach und nach die Tendenz durch, Köhler als Einzeltäter darzustellen, der seine Tat aus Liebeskummer und Frustration begangen habe. Der bayerische Verfassungsschutz nahm Einfluss auf die Ermittlungen, Spuren in die Neonaziszene wurden nicht verfolgt, Gutachten und wichtige Beweismittel - darunter eine abgetrennte Hand - verschwanden spurlos.

Bis heute sind zentrale Fragen ungeklärt. "Gerichtsfest kann man gar nichts sagen, da die Ermittlungstätigkeit von den Behörden auf vielfältige Art und Weise blockiert worden ist", sagt der langjährige BR-Journalist Ulrich Chaussy, der seit Jahrzehnten zu dem Attentat recherchiert. Man wisse nicht, ob Köhler wirklich "die Bombe gezündet hat, ob er die Bombe gebaut hat", sagt Chaussy - und "wir wissen nicht, wer bei Köhler am Tatabend dabei gewesen ist".

 Die Bundesregierung geht hingegen davon aus, dass Köhler die Bombe gezündet habe: "Als Ergebnis der Ermittlungen ist festzuhalten, dass Gundolf Köhler die Bombe am 26. September 1980 gegen 22:20 Uhr im westlichen Bereich des Haupteingangs zum Oktoberfestgelände zur Explosion brachte." So heißt es auf Anfrage der Linksfraktion in einer Antwort der Regierung, die tagesschau.de vorliegt.

Doch auch aus den Ausführungen der Regierung wird deutlich, dass viele Fragen weiterhin nicht zweifelsfrei geklärt wurden. So heißt es in der Antwort, "die Herkunft einzelner Komponenten der Bombe konnte nicht zurückverfolgt werden", der Verbleib "der sichergestellten Hand" habe "nicht mit letzter Gewissheit" geklärt werden können. Es "erscheint" aber "naheliegend", dass sie nach Zuordnung zum Attentäter mit dessen Leichnam im Krematorium verbrannt wurde.

 Bei Fragen zur Rolle von V-Leuten gibt die Regierung die übliche Auskunft, man könne dazu keine Stellung nehmen, "da es sich hier um Informationen handelt, deren Bekanntwerden das Wohl des Bundes oder eines Landes gefährden kann. Die Führung von Quellen gehört zu den wichtigsten nachrichtendienstlichen Mitteln, die den Nachrichtendiensten bei der Informationsbeschaffung zur Verfügung stehen. Würden Einzelheiten hierzu bekannt, könnten dadurch Rückschlüsse auf den Einsatz von Quellen und die Arbeitsweise der Nachrichtendienste gezogen werden."

Bei den Ermittlungen wurden offenbar keine früheren Geheimdienstspitzel aus der Neonaziszene vernommen - obwohl der Verfassungsschutz erwiesenermaßen über V-Leute im Umfeld der Wehrsportgruppe Hoffmann verfügt hatte. Wie die Bundesregierung einräumen musste, erstatteten Quellen aus der Wehrsportgruppe Hoffmann allein dem Bundesverfassungsschutz mehr als 140 Mal Bericht.

Martina Renner von der Linksfraktion kritisierte im Gespräch mit tagesschau.de, der schwerste Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik verlange "weiterhin Aufklärung, weil die wesentlichen Fragen unbeantwortet sind. Die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft konnten diese Aufklärung nicht leisten", meint Renner. So sei es unter anderem versäumt worden, "sich die Identitäten von V-Leuten offenlegen zu lassen, Mittäter und Mitwisser des Attentäters zu identifizieren, und die Fehler und möglichen Behinderungen der ursprünglichen Ermittlungen zum eigenständigen Untersuchungsziel zu machen".

 Tatsächlich hatte Bayern jahrzehntelang einen politischen Hintergrund des Anschlags bezweifelt - erst am 30. Jahrestag des Anschlags räumte Innenminister Joachim Herrmann eine rechtsextreme Motivation ein. Außerdem weigerte sich die Staatsregierung, die Betroffenen des Attentats umfassend finanziell zu unterstützen. Bayern hatte zwar schon 1980 Hilfsgelder zur Verfügung gestellt, ein Großteil der Opfer ging jedoch leer aus. Nun, kurz vor dem 40. Jahrestag des Anschlags, beschloss der Ministerrat, dass der Freistaat 500.000 Euro zur Verfügung stellt für einen gemeinsamen Opferfonds von Bund, Land und Stadt München.

Die Reaktionen darauf sind verhalten. Es freue ihn, dass nun auch der Freistaat finanziell helfen wolle, sagt Robert Höckmayr, der als 12-Jähriger bei dem Attentat schwer verletzt worden ist. Es sei aber schon erstaunlich, dass es so lange gedauert habe. Opferanwalt Werner Dietrich, der 16 Betroffene des Attentats vertritt, findet die anvisierte Gesamtsumme des Fonds von insgesamt 1,2 Millionen Euro völlig unzureichend. Bei mehr als 200 Verletzten, von denen wohl noch weit mehr als 100 am Leben seien, werde das Geld kaum reichen, um körperliche und psychische Folgen des Attentats auszugleichen.


Aus: "Oktoberfest-Anschlag Viele Fragen sind noch immer offen" Patrick Gensing, tagesschau.de, und Thies Marsen, BR (26.09.2020)
Quelle: https://www.tagesschau.de/investigativ/br-recherche/oktoberfest-attentat-jahrestag-101.html

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"Radiofeatures zum Terror von Rechts" (23. September 2020)
Der Terror des NSU ist keine Ausnahmeerscheinung in der Geschichte der Bundesrepublik, sondern steht in einer Tradition. Doch anders als die Taten der RAF ist diese Terrorgeschichte nie ins allgemeine gesellschaftliche Gedächtnis vorgedrungen und daher auch kaum referenzierbar - weder im Alltag, noch in den Behörden, in den Medien oder bei der Polizei. ... Der 40. Jahrestag des rechtsextremen Anschlags aufs Oktoberfest im Jahr 1980 etwa bietet Anlass zur Rückschau. Bei dem Anschlag starben Gabriele Deutsch, Robert Gmeinwieser, Axel Hirsch, Markus Hölzl, Paul Lux, Franz Schiele, Ignaz Platzer, Ilona Platzer, Angela Schüttrigkeit, Errol Vere-Hodges, Ernst Vestner und Beate Werner. Der Attentäter selbst kam ebenfalls ums Leben.

Philipp Schnee hat für den SWR ein fantastisches einstündiges Radiofeature recherchiert und geschrieben, das die Umstände des Anschlags, seine Vorgeschichte in der Wehrsportgruppe Hoffmann und seine folgende Verdeckung - es herrschte Wahlkampf, Franz-Josef Strauß mühte sich zunächst händeringend, den Anschlag dem FDP-Innenminister Gerhart Baum als Makel anzuhängen - einsortiert. "Erinnerungslücke 1980" hat Schnee sein Feature genannt - nicht zuletzt, weil das Jahr 1980 schließlich auch mit dem tödlichen Attentat auf den Verleger Shlomo Lewin und seiner Lebensgefährtin Frida Poeschke einen Höhepunkt in der Geschichte des rechten Terrors darstellt. ...

https://avdlswr-a.akamaihd.net/swr/swr2/feature/podcast/swr2-feature-20201028-2203-erinnerungsluecke-1980-das-terror-jahr-der-rechten.l.mp3

https://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2017/01/11/massiv_unterschaetzt_rechtsterrorismus_in_der_drk_20170111_1930_cb129360.mp3

Anna Bühler fokussiert für den Bayerischen Rundfunk in einem Feature auf den Münchner Anschlag vor 40 Jahren. Schnees und Bühlers Features ergänzen sich gut und schaffen ein detailiertes Gesamtbild.
https://cdn-storage.br.de/iLCpbHJGNL9zu6i6NL97bmWH_-4p/_-QS/_AgH5AFf571S/5fa04da0-6fce-4060-b898-8c95e7aeddb1_3.mp3

... Flankierend sehenswert ist auch ein Panorama-Beitrag von Birgit Wärnke und Julian Feldmann, der sich mit der Geschichte der rechten Szene und Gewaltexzesse im Osten des Landes beschäftigt. Eine Empfehlung mit Einschränkungen allerdings: Auch 2020 erschließt sich mir weiterhin nicht, warum man aktiven Neonazis minutenlang Mikrofon, Sendezeit und damit (auch hier weidlich gockelhaft genutzte) Möglichkeiten zur Selbstinszenierung überlassen müsste. Es zeigt sich einmal mehr: Der Erkenntnisgewinn dieser Medienstrategie ist schmal und übersteigt nichts, was nicht auch durch genuine journalistische Arbeit zu leisten gewesen wäre.

Sehenswert ist der Film aber insofern, da er nochmal eindrucksvoll ein bis heute gängiges Narrativ widerlegt: Der Rechtsextremismus im Osten sei ja lediglich ein Import westlicher Kader und eine Folge deren Propagandaarbeit gewesen, die den Wendefrust der wirtschaftlich Abgehängten einfach nur aufbereiten, "unsere Jungs" also lediglich verführen musste. Ganz im Gegenteil ist richtig: Es gab bereits vor dem Ende der DDR eine von der Obrigkeit vertuschte, mehrere tausend Mann starke und gewaltbereite Neonazi-Szene - ein Geschenk, das der westdeutsche Rechtsextremismus mit seinen Organisationserfahrungen nur noch aufheben musste.

https://youtu.be/54tyg19NCxw

https://thgroh.blogspot.com/2020/09/radiofeatures-zum-terror-von-rechts.html

...
« Last Edit: September 28, 2020, 04:19:22 PM by Link »

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« Reply #104 on: September 28, 2020, 04:22:45 PM »
Quote
[...] Die Aufnahmen aus der Newton Bar in Berlin-Mitte entstanden zwei Monate vor seiner Freistellung, da sprach Christian Lüth noch offiziell für die AfD-Fraktion im Bundestag. Die Verabredung zwischen Licentia und Lüth kam zustande, nachdem der AfD-Politiker die rechte Influencerin zunächst mehrfach auf Twitter angeschrieben hatte. Es ist ihr erstes Treffen in der realen Welt. Was Lüth nicht weiß: Licentia will aus der rechten Szene aussteigen und steht deswegen mit dem ProSieben-Team um Reporter Thilo Mischke in Kontakt. Die Journalisten entscheiden sich, den Termin mit verdeckten Kameras zu filmen, um dokumentieren zu können, was Lüth wirklich denkt – und was er sagt, wenn er sich unter Gleichgesinnten wähnt.

Man müsse dafür sorgen, sagt Lüth, dass es der Bundesrepublik noch schlechter gehe, denn das würde der AfD politisch in die Hände spielen: "Wenn jetzt alles gut laufen würde (…), dann wäre die AfD bei drei Prozent. Wollen wir nicht. Deshalb müssen wir uns eine Taktik überlegen zwischen: Wie schlimm kann es Deutschland gehen? Und: Wie viel können wir provozieren? Ist so. (…) Ist schwierig, sehr schwierig." Das alles sei mit Alexander Gauland "lange besprochen" worden.

Zuletzt ergeht Lüth sich sogar in Gewaltfantasien. Lisa Licentia fragt ihn: "Vor allem klingt das so, als ob es in deinem Interesse wäre, dass noch mehr Migranten kommen?" Darauf Lüth: "Ja. Weil dann geht es der AfD besser. Wir können die nachher immer noch alle erschießen. Das ist überhaupt kein Thema. Oder vergasen, oder wie du willst. Mir egal!"

Nichts auf der von ProSieben gemachten Aufnahme, die ZEIT ONLINE vorab sehen konnte, spricht dafür, dass Lüth diese Sätze ironisch meint oder lediglich einen geschmacklosen Witz macht. Während Lüth vor Lisa Licentia seine Position ausbreitet, rufen derweil immer wieder Spitzenpolitiker der AfD bei ihm an. So telefoniert Lüth unter anderem mit der stellvertretenden AfD-Bundessprecherin Beatrix von Storch und mehrmals auch mit Alexander Gauland.

Christian Lüth äußerte sich auf Anfrage von ZEIT ONLINE nicht zu den Aufnahmen, die am Montagabend (28. September) in der Dokumentation "Pro Sieben spezial: Deutsch, rechts, radikal" zu sehen sind.


Aus: "Christian Lüth: "Je schlechter es Deutschland geht, desto besser für die AfD""  Christian Fuchs (28. September 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2020-09/christian-lueth-afd-alexander-gauland-menschenfeindlichkeit-migration/komplettansicht

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Paul Benjamin #53

Überraschung.
Nazis reden halt wie Nazis.

(Werdet ihr wahrscheinlich löschen, ZON, aber das ändert nichts an den Tatsachen.)


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Dytrppr #4

Wer HÄTTE das gedacht.


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FactsNLogic #8

In weiteren Nachrichten: Wasser, weiterhin nass. Mal Ernsthaft, wen sowas aus der AFD kommend noch wundert hat die letzten Jahre nicht augepasst. Das ist eine Partei aus Rechtsradikalen mit faschistischem Zug. Das die Kommunikation nach außen im Vergleich mit dem, was in vermeintlicher Vertrautheit besprochen wird noch zahm wirkt wundert da nicht.


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Zeiterkeit #56

Da mach ich mir direkt Sorgen um die Sicherheit von Lisa Licentia.


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Bratan187 #75

Vielen Dank an die Journalisten und vielen Dank an die mutige YouTuberin. Es ist klar ersichtlich, dass die AfD unserer Heimat und unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung gegenüber feindlich gesinnt ist.


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Dohlenmann #9

"Aber die AfD ist einfach nur eine konservative Partei, eben das, was die CDU In den 1980ern war!"

Schon klar, eh? Selbst nach solchen Aufnahmen wird es genug Unbelehrbare geben.


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Zoegereister #85

Ein Großteil der Leute wählt die AfD nicht TROTZ, sondern WEGEN solcher Sprüche.


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StamoKap2019 #24

Erst die Migranten. dann die Demokraten und dann legt die AfD willkürlich fest, wen es als nächstes "erwischt".
Ein deutsche Lösung. Vorbild und Muster gibt es genug. ...


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Sans toit ni loi #51

Welche verfaulten Früchtchen diese Partei in ihren Reihen beherbergt, das ist nun wirklich nichts Neues.
Aber schön, dass sich da mal einer so frank und frei zur Taktik der AfD bekennt. ...


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besserStill #52

Wir sind hier ja leider inzwischen fast soweit wie in den USA..man kennt die Einstellung im Grunde, es gibt für Gegner der AfD (also imho jeden klar denkenden Demokraten) nicht mehr viel zu entlarven und für die Anhänger und Versteher der Partei ist das alles halb so schlimm, weil man sich ja von dem Mann getrennt habe und er ja niemals für die Partei spreche, das alles nicht ernst gemeint sei und sowieso, wir sind die Opfer...


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Max Lamda #54

Ich könnte sagen, dass ich schockiert bin, aber das bin ich nicht. Das ist das, was ich von einer Partei erwarte, die z.B. Kalbitz und Höcke an herausragenden Stellen installiert hat(te).
Nichts davon ist überraschend & die Wähler/Sympathisanten der Afd wissen das auch alles und wollen das so. Deswegen verstehe ich auch die immer wieder gemachte Aufforderung „mit denen zu reden“ nicht. Was gibt es da zu besprechen? Auf welcher Grundlage soll man diskutieren? Es gibt ja noch nicht einmal das kleinste, basalste gemeinsame Wertefundament.


...

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William S. Christ #20

>> Hintergrund sind menschenverachtende Äußerungen über Migranten in einer TV-Dokumentation, die Lüth nach ZEIT-ONLINE-Recherchen getätigt hatte.<<

Seit wann sind menschenverachtende Äußerungen gegen Migranten denn in der AfD ein Ausschlussgrund?
;-)


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Talano68 #24

Als wenn die nicht wüssten wer da neben ihnen sitzt.

Das Problem der AfD ist nicht die menschenverachtende Denkweise von Lüthe, sondern das es offenbar wurde.
Man kann ja schon auf Kommentare warten, die der YouTuberin die Schuld geben, das sie die Wahrheit ans Licht gebracht hat und die AfD ist das Opfer.


Kommentar zu: "Christian Lüth: AfD-Fraktionsvorstand entlässt früheren Sprecher" (28. September 2020)
Der langjährige Parteiprecher Christian Lüth hat über die Möglichkeit des Erschießens oder Vergasens von Migranten gesprochen. Jetzt wurde er fristlos entlassen. ...
https://www.zeit.de/politik/deutschland/2020-09/afd-fraktionsvorstand-entlaesst-frueheren-sprecher

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"Christian Lüth: Früherer AfD-Pressesprecher nennt rassistische Äußerungen "ironisch"" (2. Oktober 2020)
Christian Lüth hat seine heimlich mitgeschnittenen Äußerungen über Migranten als "unentschuldbar" bezeichnet. Rechtsextrem seien er oder die AfD aber nicht. ...  Lüth erklärte, er habe sich am 23. Februar dieses Jahres mit der Frau getroffen, "um ein Gespräch privaten Charakters über die AfD zu führen". Das Gespräch sei heimlich aufgezeichnet worden. "In diesem Gespräch fielen abscheuliche und nicht entschuldbare Äußerungen, die von einer aufgeheizten, ironischen und übersteigerten Wortwahl geprägt waren", schreibt Lüth.
Lüth hatte im Februar über die Möglichkeit des Erschießens oder Vergasens von Migrantinnen und Migranten gesprochen. Bei einem heimlich von ProSieben gefilmten Treffen mit einer rechten Publizistin, bei dem das Gesicht des AfD-Mitglieds nicht zu erkennen ist, sprach sich der damalige AfD-Fraktionssprecher dafür aus, dass "noch mehr Migranten kommen". Dann ginge es der AfD besser, so Lüth. "Wir können die nachher immer noch alle erschießen. Das ist überhaupt kein Thema. Oder vergasen oder wie du willst. Mir egal!"  ...
https://www.zeit.de/politik/deutschland/2020-10/chrisitan-lueth-afd-pressesprecher-rechtsextremismus-ironisch-migranten-aeusserunga

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Oneiros

Schwesterpartei der FPÖ

Kickl will ja die Zusammenarbeit mit der AfD intensivieren,... man habe ja eine Fülle gemeinsamer Aufgaben!


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Hugo_Rune

Die AfD wird doch von vielen nur wegen solchen Leuten gewählt.
(ist zumindest mein persönlicher Eindruck)



Kommentare zu: https://www.derstandard.at/story/2000120310648/afd-fraktion-wirft-landtagsabgeordneten-wegen-gewaltaufrufs-raus

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[...] Wer seine Sinne beisammen hat, sieht also, welche Eiertänze die AfD vollführt. Meinte diese Partei es ernst mit einer Distanzierung von den Rechtsextremen, müsste sie sich nicht nur von Christian Lüth trennen. Da gibt es noch reichlich andere, von Andreas Kalbitz bis Björn Höcke. Was bleibt da von der AfD eigentlich übrig? Deren Ehrenvorsitzender Gauland, dessen Relativierung des NS-Regimes – die selbstverständlich, wie Gauland später zu seiner Verteidigung sagte, das Gegenteil sein sollte -, wir noch im Ohr haben: „Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte.“

Das sind die Fragen, die der Reporter Thilo Mischke bei Pro Sieben aufwirft. Sie werden nicht zum ersten Mal gestellt, Mischke legt sie seinen Zuschauern allerdings auf denkbar direkte, unprätentiöse und direkte Art vor. Wir sehen, wie er anderthalb Jahre durch den Kosmos der Rechtsextremen in diesem Land streift, mit ihnen ins Gespräch kommt, sie konfrontiert und an den Punkt führt, an dem sie um ihre amoralische und menschenverachtende Ideologie herumdrucksen, etwa wie der siebzehn, inzwischen achtzehn Jahre alte Sanny Kujath, der als Hoffnungsträger der extremen Rechten gilt. Da kapiert jeder, worum es hier geht.

Dass es auch darum gehen muss, gerade die jungen Leute aus dieser Szene herauszuholen, machte Thilo Mischke gestern Abend nach seiner Dokumentation im Gespräch mit Klaas Heufer-Umlauf in dessen Show „Late Night Berlin“ klar.

Dabei kommt es darauf an, mit denjenigen, die vielleicht raus wollen oder ins Nachdenken kommen, das Gespräch zu suchen, in der Familie, im sozialen Umfeld, in der Gesellschaft. Wenn jemand wie der Chef des thüringischen Verfassungsschutzes, Stephan J. Kramer, sagt, er mache sich ernsthaft Sorgen um die Demokratie in diesem Land, ist es dafür höchste Zeit.

„Dieses ‚Pro Sieben Spezial‘ ist die wichtigste Dokumentation der letzten Jahre auf Pro Sieben“, sagte der Senderchef Daniel Rosemann. Da wird ihm niemand widersprechen.


Aus: "Pro-Sieben-Doku über Rechte : Das ist kein „Vogelschiss“" Michael Hanfeld (29.09.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/die-pro-sieben-doku-rechts-deutsch-radikal-und-ihre-folgen-16976567.html

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[...] Mit dem Publizisten Konrad Adam (78) verlässt nun auch der letzte der drei AfD-Gründungsvorsitzenden die Partei. „Am 1. Januar 2021 werde ich nicht mehr Mitglied der AfD sein“, sagte Adam der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Er sehe keine Zukunft mehr für die AfD als „bürgerlich-konservative“ Kraft, begründete er seine Entscheidung.

Dem Vorsitzenden der AfD-Bundestagsfraktion, Alexander Gauland, warf Adam vor, dieser habe sich immer schützend vor „Rechtsausleger wie Andreas Kalbitz und den Thüringer Landesvorsitzenden Björn Höcke gestellt“. Damit habe er dazu beigetragen, dass der Einfluss des Rechtsaußen-Flügels in der Partei stetig gewachsen sei. Außerdem sei die AfD mit ihrer ablehnenden Haltung in Sachen Umwelt- und Klimaschutz auf einem falschen Weg, kritisierte Adam, der dem hessischen Landesverband angehört.

Der konservative Journalist gehört zu den Gründungsmitgliedern der AfD. 2013 übernahm er gemeinsam mit Frauke Petry und Bernd Lucke den Parteivorsitz. Lucke verließ die AfD bereits im Juli 2015, nachdem er auf einem von Tumulten geprägten Parteitag in Essen abgewählt worden war. Ihm folgten zahlreiche Mitglieder, die dem wirtschaftsliberalen Flügel zugerechnet wurden. Adam scheiterte damals mit seiner Kandidatur für den Posten des Beisitzers.

Zuletzt war er nur noch in der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung aktiv, die von der ehemaligen CDU-Abgeordneten Erika Steinbach geleitet wird, und deren Ehrenvorsitzender er noch ist. Petry hatte die AfD im Herbst 2017 verlassen. Dem Bundestag gehört sie seither als fraktionslose Abgeordnete an.


Aus: "„Auf falschem Weg“ : AfD-Gründungsmitglied Konrad Adam kehrt Partei den Rücken" (29.09.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/afd-gruendungsmitglied-konrad-adam-kehrt-partei-den-ruecken-16976713.html

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« Last Edit: October 02, 2020, 11:53:06 AM by Link »

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« Reply #105 on: October 07, 2020, 04:50:12 PM »
Quote
[...] ATHEN afp | Die neonazistische Partei Chrysi Avgi wird als kriminelle Vereinigung eingestuft. Der Parteigründer und 67 weitere Mitglieder müssen sich wegen Mordes verantworten.

Nach einem jahrelangen Mammutprozess hat ein Gericht in Griechenland die Neonazi-Partei Goldene Morgenröte als kriminelle Vereinigung eingestuft. Das Gericht in Athen sprach Parteigründer Nikolaos Michaloliakos und andere Mitglieder der Parteiführung am Mittwoch der „Führung einer kriminellen Vereinigung“ schuldig. Tausende Menschen vor dem Gerichtsgebäude brachen in Jubel aus.

Der Holocaustleugner und Nazi-Verehrer Michaloliakos stand gemeinsam mit 67 weiteren Angeklagten in dem mehr als fünf Jahre dauernden Verfahren um den Mord an einem linksgerichteten Rapper sowie zwei Mordversuchen und Bildung einer kriminellen Vereinigung vor Gericht. Dem Parteichef und weiteren Mitgliedern der Parteiführung sowie Ex-Parlamentsabgeordneten drohen nun Haftstrafen zwischen 5 und 15 Jahren. Das Strafmaß soll zu einem späteren Zeitpunkt verkündet werden.

Unter den Verurteilten ist auch der im vergangenen Jahr aus der Partei ausgetretene Giannis Lagos, der als fraktionsloser Abgeordneter im Europaparlament sitzt.

Ein Parteimitglied wurde am Mittwoch des Mordes an dem antifaschistischen Rapper Pavlos Fyssas schuldig gesprochen. Der Angeklagte Jorgos Roupakias hatte gestanden, den Musiker 2013 gemeinsam mit anderen verfolgt und erstochen zu haben. Ihm droht lebenslange Haft.

„Pavlos, du hast gewonnen!“, rief die Mutter des ermordeten Rappers beim Verlassen des Gerichtsgebäudes und reckte die Arme in die Höhe. Sie hatte an den meisten der 453 Sitzungstage des Prozesses teilgenommen.

Schon Stunden vor der Urteilsverkündung hatten sich am Morgen Tausende vor dem Gerichtsgebäude in Athen versammelt. Die Polizei sprach von rund 15.000 Menschen. Am Rande der Versammlung kam es zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei, Feuerwerkskörper flogen, die Beamten setzten Tränengas und Wasserwerfer ein.

Goldene Morgenröte, die enge Kontakte zur Neonaziszene unterhält, ist wegen ihrer Angriffe auf Migranten und politische Gegner berüchtigt. Die in den 80er Jahren gegründete Partei hatte im Zusammenhang mit der schweren Wirtschaftskrise in Griechenland ab dem Jahr 2010 an Einfluss gewonnen und war 2012 ins Parlament eingezogen.

Bei der Parlamentswahl 2015 wurde Goldene Morgenröte drittstärkste Kraft. Sei der Wahl im Juli vergangenen Jahres ist sie erstmals seit Jahren nicht mehr im Parlament vertreten.



Aus: "Urteil zu Neonazi-Partei in Griechenland: „Goldene Morgenröte“ ist kriminell" (7. 10. 2020)
Quelle: https://taz.de/Urteil-zu-Neonazi-Partei-in-Griechenland/!5718910/

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[...] Der Skandal um rechtsextreme Verdachtsfälle bei nordrhein-westfälischen Sicherheitsbehörden hat sich auf mehr als 200 Verdachtsfälle ausgeweitet. Das seien fast 30 mehr als vor knapp einem Monat, teilte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) mit.

Reul bestätigte zugleich, dass die Suspendierungen von sieben Beamten aufgehoben worden seien, weil die Vorwürfe gegen sie verjährt seien. In 15 Fällen hätten sie sich aber erhärtet und in knapp zehn sei der Verdacht auf weitere Straftaten aufgetaucht. Derzeit seien noch insgesamt 25 Beamte suspendiert, davon 15 von der Polizei in Mülheim/Ruhr und Essen.

Bei allen Beamten, die im Zuge der Affäre unschuldig unter Verdacht geraten seien, weil sie die geposteten rechtsextremen Bilder gar nicht wahrgenommen haben, werde er sich entschuldigen, kündigte Reul an.

Zwei Beamte hätten über 400 relevante Bilddateien besessen, bei einem seien mehr als 200 Dateien zu finden gewesen. Reul hatte als Konsequenz den stellvertretenden Verfassungsschutz-Chef Uwe Reichel-Offermann zum Sonderbeauftragten im Kampf gegen Rechtsextremismus bei der Polizei ernannt. Dieser will bis zum kommenden Februar ein landeseigenes Lagebild vorstellen.

Bei NRW-Polizisten waren in den vergangenen Monaten zahlreiche Hinweise auf eine rechtsextreme Gesinnung entdeckt worden. Auf mehreren beschlagnahmten Datenspeichern war das verbotene Horst-Wessel-Lied gefunden worden. Dabei handelt es sich um das Kampflied der SA und die spätere Parteihymne der NSDAP.

Ein Beamter soll Fotos von Weihnachtsbaumkugeln mit SS-Runen und "Sieg-Heil"-Aufschrift gepostet haben. Bei einem anderen Beamten waren Fotos mit einem Hakenkreuz entdeckt worden, das aus Dienstmunition gelegt worden war.

Ein Polizist habe sich in Uniform auf zwei Streifenwagen stehend fotografieren lassen, wie er den Hitlergruß zeige. Es waren auch Musikdateien von indizierten rechtsradikalen Bands entdeckt worden. Zum Christchurch-Anschlag, bei dem ein Rechtsterrorist in Neuseeland 51 Menschen tötete, hieß es: "Zu viele Fehlschüsse."


Aus: "Rechtsextremismus in der Polizei: Mehr als 200 Verdachtsfälle in Nordrhein-Westfalen" (14. Dezember 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-12/rechtsextremismus-polizei-nordrhein-westfalen-verdachtsfaelle

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"She Called Police Over a Neo-Nazi Threat. But the Neo-Nazis Were Inside the Police." Katrin Bennhold (Dec. 21, 2020)
Death threats linked to police computers and the discovery of far-right chat groups in police departments across Germany have fed concerns about far-right infiltration. ... Far-right extremism is resurgent in Germany, in ways that are new and very old, horrifying a country that prides itself on dealing honestly with its murderous past. This month, a two-year parliamentary inquiry concluded that far-right networks had extensively penetrated German security services, including its elite special forces.
But increasingly, the spotlight is turning on Germany’s police, a much more sprawling and decentralized force with less stringent oversight than the military — and with a more immediate impact on the everyday safety of citizens, experts warn.
After World War II, the greatest preoccupation among the United States, its allies and Germans themselves was that the country’s police force never again be militarized, or politicized and used as a cudgel by an authoritarian state like the Gestapo.
Policing was fundamentally overhauled in West Germany after the war, and cadets across the country are now taught in unsparing detail about the shameful legacy of policing under the Nazis — and how it informs the mission and institution of policing today. ...
https://www.nytimes.com/2020/12/21/world/europe/germany-far-right-neo-nazis-police.html
« Last Edit: December 24, 2020, 12:08:47 PM by Link »

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« Reply #106 on: October 08, 2020, 10:43:51 AM »
Quote
[...] Es war ein altbekanntes Manöver: Im TV-Duell gegen Joe Biden richtete sich Donald Trump, anstatt sich von White Supremacy (dem Glauben an die Überlegenheit Weißer) zu distanzieren, an die "Proud Boys". "Haltet euch zurück und haltet euch bereit." Außerdem müsse jemand etwas gegen die "Antifa" unternehmen. Die Reaktionen waren absehbar: Rechtsextreme jubelten, Republikaner gaben sich konsterniert, nach ein paar Tagen verurteilte Trump dann schließlich White Supremacy. Ein Medienzirkus, wie er ihn schon viele Male durchgespielt und der diesmal die "Proud Boys" ins Scheinwerferlicht gerückt hat.

Doch die "Proud Boys" sind mehr als eine weitere Neonazi-Schlägertruppe. Sie sind das Ergebnis einer vielschichtigen Verflechtung von Popkultur, Neo-Faschismus, Porno, Troll-Kultur und Incels (Involuntary Celibates). Der Code ist dezidiert uneindeutig, schon allein visuell: Sturmgewehr, Tarnhose und Trumps rotes "Make America Great Again"-Basecap mag man auch von anderen rechten Milizen kennen, jedoch eher nicht die mal gezwirbelten und mal zotteligen Hipsterbärte sowie schwarz-gelbe Polohemden des Modelabels Fred Perry (das jüngst verkündet hat, die Produktion dieser Modelle einstellen zu wollen). Dass die Mitglieder der "Proud Boys" meist eher bullige Männer zwischen 20 und 40 sind, die zurück wollen zu einer brachialen, gewalttätigen Männlichkeit, ist unzweifelhaft. Andererseits baut das aber erklärtermaßen auf einem "Fight Club"-Gedanken auf. Sollte der Bürgerkrieg, wenn er denn – "Haltet euch bereit" – wirklich kommt, ernsthaft in einem Topos gründen, dem das liberale Hollywood zu entscheidender Bekanntheit verholfen hat?

Gegründet wurden die Proud Boys 2016 vom Kanadier Gavin McInnes, 1994 ebenfalls Mitgründer von Vice Media, nicht unbedingt ein bevorzugtes Medium der Alt-Right. McInnes fiel schon vor seinem Abschied bei Vice im Jahr 2007 (wegen "kreativer Differenzen") mit frauen- und minderheitenfeindlichen Polemiken auf. Doch er nahm auch etwas von dort mit: Dem Hipster-Kosmos entlieh er neben äußerlichen Attributen das Stilmittel der Ironie und der Tirade, von der man nie ganz genau sagen kann, ob sie sich nicht eventuell selbst persifliert. Damit werden dann heute antisemitische Hetzreden wie "10 Dinge, die ich an Israelis hasse" verbrämt.

Der Name "Proud Boys" leitet sich aus einem Lied des Disney-Films "Aladdin" ab, das "Proud of your Boy" heißt. Der Wahlspruch der Gruppe ist das swahilische "Uhuru", "Freiheit". Neue Mitglieder werden zur Initiation verprügelt, bis sie fünf Sorten Cornflakes genannt haben. All diese Dinge führen dazu, dass die "Proud Boys" im Gegensatz zu anderen gewaltbereiten Banden eher als skurril oder gar albern wahrgenommen werden können. Zudem behaupten sie gern, sie seien keine White Supremacists, weil sie ja auch – bis hin zum heutigen Vorsitzenden Enrique Tarrio – BPOC (Black People of Colour)-Mitglieder hätten. Dazu passt, dass sie nicht etwa eine weiße oder arische, sondern eine neue "westliche" Männlichkeit verkörpern wollen.

Was die "Proud Boys" nun aber so gefährlich macht, ist zum einen die Nähe zu Trump und seinen Kreisen. Gegründet im Jahr seiner Wahl, wird ihre Mitgliederzahl inzwischen auf mehrere hundert geschätzt. Sie stellten unter anderem schon für den rechten Blogger Milo Yiannopoulos und die rechte Publizistin Ann Coulter bei Veranstaltungen die Security, teils mit chaotischen Ergebnissen. Und auch Roger Stone, ehemaliger Trump-Berater, hat die "Proud Boys" bereits als Bodyguards angeheuert. Erst kürzlich bedankte sich die republikanische Kandidatin für den Senat in Delaware, Lauren Witzke, bei der Gang für ihre "kostenlose Security" auf ihrer Wahlkampfveranstaltung. Man muss nicht gleich zur Saalschutz-Funktion der SA gehen, um diese Nähe zur rechten (Medien-)Macht bedenklich zu finden. Ein Verweis auf die Hells Angels, die in den späten 60er-Jahren "nur" bei Konzerten Angst und Schrecken verbreiten durften, tut es vielleicht auch.

Zum anderen ist es wichtig, den vermeintlich eher harmlosen Zusatz "westlich" im Kontext von rechtsextremen Codes zu verstehen: Angestrebt wird hier eindeutig eine von Weißen dominierte, heteronormative, patriarchale Welt. Die Ideologie baut auf Elemente der rechtsradikalen Verschwörungserzählung von einem angeblich drohenden "Weißen Genozid". Nach diesem Narrativ steht die "westliche" Kultur "unter Belagerung" von nicht-weißen Kräften und droht auszusterben. Es ist ein Verschwörungsmythos, der inhärent antisemitisch, islamophob und antimigrantisch geprägt ist. Neben Gemeinsamkeiten beim optischen Durchbrechen neonazistischer Codes finden sich hier auch ideologische Parallelen zur "Identitären Bewegung" in Europa und ihrer Erzählung vom "großen Austausch".

Jeder Mann könne Mitglied der "Proud Boys" werden, heißt es – aber nur, solange anerkannt wird, dass "weiße Männer nicht das Problem sind". In ihren zehn Grundprinzipien sprechen sich die "Proud Boys" gegen "rassischen Schuldkult" (racial guilt) und politische Korrektheit aus. McInnes sagte im Oktober 2018, er lehne Rassismus ab, fällt aber immer wieder mit rassistischen Statements auf. Mit den "Proud Boys" hat das allerdings nur noch bedingt zu tun, erklärte McInnes doch wenig später seinen Austritt aus der Gruppe, um sie zu schützen. Zuvor hatte das FBI "Proud Boys" (es gibt widersprüchliche Angaben, ob nun die ganze Gruppe oder nur einzelne Mitglieder) als extremistisch eingestuft und ihnen Verbindungen zum "weißen Nationalismus" attestiert.

Die "Proud Boys" selbst sehen sich als Erleuchtete: Durch "Red Pilling", das Schlucken einer metaphorischen "roten Pille" (eine Matrix-Anspielung), "erwachen" zukünftige Mitglieder und erkennen plötzlich, dass fremde Kulturen die "westliche" bedrohen. Relevant für die Konstruktion einer neuen "westlichen" Männlichkeit ist die Cuckold-Pornografie. Es handelt sich dabei um ein Genre, in dem meist ein weißer Mann zusieht, wie seine Frau mit einem schwarzen Mann Sex hat, wodurch ihr Partner erniedrigt und entmännlicht wird. Die "Proud Boys" übertragen diesen Fetisch allerdings auf die heutige Gesellschaft: Gemäßigte Konservative und Linke seien "cucks", die sich von Schwarzen und anderen Minderheiten vorführen ließen. Der Begriff "cuck" ist mittlerweile ein fester Bestandteil neurechter Codes im Internet geworden. Dieser Entmännlichung könne man sich nur entziehen durch das Aufgehen in Gewalt und strenge Masturbationskontrolle. Das soll den Zusammenhalt der Gruppe stärken und zudem motivieren, sexuellen Frust nicht selbst abzubauen, sondern "rauszugehen" und Frauen zu treffen. Diese Gedankengänge sind auch der Incel-Szene nicht fremd.

Um dieser, nach eigener Aussage "pro-westlichen Bruderschaft" beizutreten, müssen laut dem "Southern Poverty Law Center", einer gemeinnützigen Organisation, die rechtsextreme Gruppen beobachtet, vier Grade durchlaufen werden: Am Anfang steht die öffentliche Erklärung: "Ich bin ein westlicher Chauvinist und ich weigere mich, mich für die Schaffung der modernen Welt zu entschuldigen." In einem zweiten Schritt folgt das Cornflakes-Prügelritual – das diene der Adrenalin-Kontrolle. Außerdem müssen sich Mitglieder an das Masturbationsverbot halten. Pornografie ist übrigens verboten. Ein Mitglied des dritten Grades muss sich ein "Proud Boys"-Tattoo stechen lassen. Der vierte Grad ist dann erreicht, wenn der Anwärter öffentlich Gewalt gegen angebliche Angehörige der in rechten Kreisen verhassten "Antifa" ausübt. Spätestens hier wendet sich also die Gewaltbejahung gegen das gesellschaftliche Außen, wird ein zutiefst toxisches und rein physisch ausgerichtetes Männlichkeitsideal zu einer realen Bedrohung.

Zu dieser Weltanschauung gehört selbstverständlich auch ein aggressiver Antifeminismus: Gründer McInnes, der sich noch nach seinem Weggang von Vice mit lustigen Homevideos als moderner Vater inszenierte, ist bekannt dafür, Feminismus als "Krebs" bezeichnet zu haben und zu behaupten, Frauen wollten misshandelt werden – gleichzeitig dienen ihm Stereotype über Frauenhass in der islamischen Welt für rassistische Diffamierung. Stattdessen wünschen sich die "Proud Boys unter dem Wahlspruch "Verehrt die Hausfrau" ein (vermeintliches) Ideal der 50er-Jahre zurück. Das beinhaltet auch Stress für Männer: Die "Proud Boys" verabscheuen Dinge, die sie für "verweichlicht" halten – ein amerikanischer Mann soll lieber Steaks essen und Äxte werfen, anstatt zu lesen.

Gelesen wird aber manchmal trotzdem, und das ist durchaus verräterisch in Bezug auf die Behauptung, nicht einer Ideologie der White Supremacy anzuhängen: Der Gründer fasste den Charakter der Treffen mal mit "saufen, kämpfen und laut aus Pat Buchanans Der Tod des Westens vorlesen" zusammen. Buchanan, ein ehemaliger Redenschreiber für Präsident Richard Nixon und mittlerweile ein White Supremacist, behauptet in dem Buch, dass das weiße Christentum durch Immigranten verdrängt werde, die Verschwörungserzählung des "Weißen Genozids" klingt auch hier an.

Gleichzeitig wirkt auch das Saufen-Kämpfen-Lesen-Statement eher schräg als initial bedrohlich. Dahinter steckt eine Strategie: Wer nicht ernst genommen wird, kann sich besser ausbreiten. Wer weiß schon, dass die Verwendung von "Uhuru" die Verhöhnung eines Aktivisten ist, der mit demselben Wahlspruch in einem Video Reparationen für die Versklavung Schwarzer forderte? Oder, dass McInnes als Grund für die Cornflakes-Prügel nennt: "Den Westen gegen Menschen, die ihn zerstören wollen, zu verteidigen, ist wie sich an Cornflakes zu erinnern, wenn du mit zehn Fäusten bombardiert wirst. Die Kameradschaft und Bindung, die diese Gewalt produzieren, ist inspirierend."

Die "Proud Boys" sind eine neofaschistische, frauenfeindliche und rassistische Gang, die sich in Einschüchterung und Gewalt übt. Der Richter Mark Dwyer, der 2019 zwei "Proud Boys" zu vier Jahren Haft verurteilte, nachdem sie antifaschistische Demonstrierende angegriffen hatten, sagte: "Ich weiß genug über Geschichte um zu wissen, was in den Dreißigerjahren in Europa passiert ist, als die Justiz politischen Straßenkämpfen nicht Einhalt gebot." Besonders bedrohlich ist das auch deshalb, weil sich die "Proud Boys" eben kaum noch zurückhalten, wie Trump es vorerst gefordert hat: Sie tauchen mittlerweile immer öfter auf Black-Lives-Matter-Demonstrationen auf und versuchen, Gewalt zu provozieren. Die "Proud Boys" verfügen außerdem über eine paramilitärische Untergruppe, die sich "Fraternal Order of the Alt-Knights" nennt – eine klare Anspielung auf den Terminus "Alt-Right". Von dem distanzierten sich Sprecher der Gruppe dann ganz gemäß der Taktiken des Trollens mit Vor- und Zurückrudern und Es-nicht-so-und-im-Zweifel-nur-ironisch-Gemeinthabens.

Trumps Aufruf an seine Fans, im November in Wahllokalen "für Sicherheit" zu sorgen, dürfte bei den "Proud Boys" auf Begeisterung gestoßen sein. Sie verkaufen mittlerweile Fanartikel mit Trumps Aufforderung "Stand Back and Stand By". Der Gründer des neonazistischen Daily Stormer schreibt dazu: "Ich habe Gänsehaut. Ich habe immer noch Gänsehaut, er [Trump] sagt den Leuten, sie sollen sich bereithalten. Bereit für den Krieg." Am Samstag wurde Gavin McInnes vor dem Walter-Reed-Krankenhaus gesichtet.


Aus: ""Proud Boys": Mehr als nur ein Neonazi-Schlägertrupp" Eine Analyse von Annika Brockschmidt (7. Oktober 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2020-10/proud-boys-us-wahl-white-supremacy-gavin-mcinnes-rechtsextremismus/komplettansicht

Quote
HFLM #1

As Gay Twitter reclaims #ProudBoys hashtag, Proud Boys change name to “Leather Men”
https://www.thebeaverton.com/2020/10/as-gay-twitter-reclaims-proudboys-hashtag-proud-boys-change-name-to-leather-men/


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OnlyOnePlanet #1.3

... Ist der Beaverton so was wie der Postillion hier?


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Sir Lawrence #1.7

"Ist der Beaverton so was wie der Postillion hier?"- Yep


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nucleolus #1.10

"Übrigens: Sich lustig machen über vermeintliche Homosexualität von offen homophoben Gruppen ist immer insofern schwierig, als dass das nur dann funktioniert, wenn man selbst Schwulsein als Witz begreift."

Stimmt nicht. Der Witz hier ist die Ironie, das Heuchlerische. Dass mit Klischees gespielt wird, liegt wiederum an der Natur von Witzen.


Quote
Schievel2 #1.11

Ne?
Man kann kann auch Homosexualität ernst nehmen und sich trotzdem darüber lustig machen, wenn sich homophobe darüber aufregen mit homosexuellen in Verbindung gebracht zu werden. Warum soll das in Ihren Augen ein Widersprich sein?


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Sonderze.chen #1.15

Und extremreligiöse Männer sind dann auch nie frauenfeindlich, weil sie ja Frauen heiraten? ...


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Nobelix #2

Die queeren Jungs, die den hashtag "ProudBoys" gekapert haben, sind da doch deutlich symphathischer. Wenn Trump das auch so sehen würde, wäre noch ein Hauch von Hoffnung gegeben.


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CantHappenHere #4

"aber sie sind popkulturell vielschichtig, arbeiten mit Albernheiten und Ironie. Das bedeutet Gefahr."

...und, im Rahmen der Gesetze, auch zunächst mal schlicht politische Meinungsäußerung. Will sagen: die Ideologie macht sie wenn dann gefährlich, nicht die Tatsache, dass auch Rechtspopulisten bis hin zu Neonazis sich inzwischen intelligenterer Mittel bedienen als der tumben Herummarschiererei in Springerstiefeln.


Quote
r.schewietzek #4.2

Joah. Aber diese Fixierung aufs Masturbationsverbot lässt tief blicken. Freud lässt grüssen.


Quote
Der Reimer #4.3

Jedenfalls ist die ganze Angelegenheit letztlich wieder SO ne Seifenblase der Medien.
Diese "Proud Boys" sind letztlich einfach eine unter vielen mehr oder weniger reaktionären unzähligen Gruppen, die es in den USA halt wohl gibt, sicher weder die gefährlichste noch die bedeutsamste.
Der Name wurde halt von Trump ins Spiel gebracht, weil er da selber wohl mal was von gehört hat, bei FOX vermutlich...letztlich taugen die allenfalls als Synonym.

Immerhin ne nette Werbeaktion für die, schätz ich mal. Sachlich konkret ne Albernheit.


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Meefrangge #4.14

Ich gebe dem Mitforist nicht zu 100% Recht, aber was Wahres ist nunmal dran.

Beispiel Feminismus - für viele Frauen der Grund, sich "endlich auch mal wie die Machos der 80er aufzuführen".
Dann gibt's noch die Schwarzer Fraktion, die einen Kachelmann auch dann noch als Vergewaltiger betitelt, obwohl rechtskräftig klar ist dass seine Frau gelogen hat.
Dann die, die sich in die rhetorische Opferrolle begeben, und auf Mitleid pokern.

Wenn Biden also im Interview Trump so einen Knochen hinwirft, und der Journalismus macht das hier draus, frage ich mich schon wer hier eigentlich der Brandstifter ist.
Und ja, man hat ein Recht auf seine eigene, vielleicht falsche Meinung, solange sie von der Meinungsfreiheit gedeckt ist.

Lieber ein Chauvinist, der zugibt einer zu sein, als einer, der mir mit Honig um den Maul hinterfotzig gegenüber tritt.
Da weiß ich wenigstens woran ich bin.


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Raymond Luxury-Yacht #9

Hmmm... Mal eine ganz spannende Zusammenfassung einer bisher vollkommen unbekannten Gruppe. Die Gruppe als Symptom ist ganz interessant. Die massive Betonung des liberalen Topos von der "toxischen Männlichkeit" bis zum "Mann, als Ursache für alles Übel von Frauen oder Minderheiten"... Es war damit zu rechnen. Ich glaube nicht, dass das eine Massenbewegung wird aber die Ursachen so einer Reconquista des Meinungsspektrums liegen auf der Hand.


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r.schewietzek #9.1

Frauen sind nicht mehr gehorsam genug?


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Raymond Luxury-Yacht #9.2

Bei mir war diesbezüglich von Anfang an Hopfen und Malz verloren... LOL


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M_Schæfer #10

Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/tg


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Raymond Luxury-Yacht #10.1

Der Kommentar, auf den Sie Bezug nehmen, wurde bereits entfernt.


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wackelnde Gardine #13

Was ist das eigentlich für eine neue Masche mit diesem "werden als … gelesen"?
Ist das selbstentlarvendes Korrektsprech für "werden in die Schublade … gesteckt"?


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Pedro Navaja #14

Testosteronstau, sexuelle Frustration und politisch vergiftete Stimmung sind ein sehr, sehr gefährliches Cucktail...sorry Cocktail.


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humboldt_redivivus #16

Sehr aufschlussreicher Bericht, also eben dieser Mix aus Macho-Gehabe, Frauen- und Fremdenfeindlichkeit usw. usw. Problem sehe ich auch, doof sind die nämlich nicht alle und ja - vom Outfit teilweise ziemlich cool. Ich glaube, wir alle müssen uns vom dem antiquierten Nazibild mit Springerstiefeln definitiv verabschieden. Die Rechtsextremisten sind vielschichtiger, fast hätte ich queerer gesagt. und deshalb viel gefährlicher, diese Identitären kommen ja rein optisch teilweise auch recht cool rüber!

Ergänzung: Beim nochmaligen Lesen des Artikels scheint mir eine gewisse homoerotische Aufladung, wie bei anderen Männerbünden, auch noch vorzuliegen und da können dann ja doch Parallelen zur SA ("Röhm-Putsch") gezogen werden.


Quote
r.schewietzek #17

Dass die Mitglieder der "Proud Boys" meist eher bullige Männer zwischen 20 und 40 sind, die zurück wollen zu einer brachialen, gewalttätigen Männlichkeit, ist unzweifelhaft.

----

Vielleicht werden sie nur nicht damit fertig, daß sie ihr Geschirr selber spülen müssen und ihre Wäsche selber waschen müssen - eigentlich keine Fertigkeiten, die besondere Intelligenz oder Aufnahmefähigkeit verlangen....
Die meisten Männer schaffen das problemlos.


Quote
tamsin paine #17.1

Die meisten Männer, die ich kenne, waschen ihre Wäsche und spülen ihr Geschirr normalerweise nicht selbst. Dazu gib es auch Statistiken. Es sei denn, sie sind nicht verpartnert, und das Inceltum scheint ja bei den Proud boys das Problem zu sein.


Quote
Josef Bologna #17.2

Spülen ist die Hölle!


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J.P._Merz #35

Immer wenn ich Proud Boys höre habe ich sofort einen Hit von Duran Duran im Ohr.


Quote
Wurstkuchlbub #35.1

Und ich denke bei den Proud Boys an Kleinkinder, die stolz sind, das erste mal allein aufs Klo gegangen zu sein...


Quote
Abdul Alhazred #38

Ist das sowas wie unsere IB?


Quote
Pascal P #38.1

Nur mit Waffen...


Quote
Tordenskjold #38.2

Wohl eher eine Mischung aus IB und SA.


Quote
Manus Cornu #38.5

Eigentlich kein schlechter Vergleich. Zumindest ist das Ziel wohl Ähnlich: Niemand will gerne mit Glatze und Springerstiefeln bzw mit schlechten Zähnen und Schrotflinte in Verbindung gebracht werden, also schaut man, welche Subkultur sonst gerade ~hip~ ist und kopiert deren Ästhetik.


Quote
  Klara Denken #60  —  vor 6 Stunden

... "Neue Mitglieder werden zur Initiation verprügelt, bis sie fünf Sorten Cornflakes genannt haben."

Entschuldigung: Was ist denn der Untershied zu schlagenden Verbindungen? Backe hinhalten, aufschlitzen und dann stolz die Narbe vorzeigen.

"All diese Dinge führen dazu, dass die "Proud Boys" im Gegensatz zu anderen gewaltbereiten Banden eher als skurril oder gar albern ..."

Jetzt soll mir mal einer erzählen daß farbentragende Burschenschaften mit ihren Uniformen, Kommersen, Saufgelagen etc. nicht skurril oder albern sind. ...

"Gleichzeitig wirkt auch das Saufen-Kämpfen-Lesen-Statement....".

OK, da gebe ich zu Deutsche Verbindungsstudenten tun nur die ersten zwei Dinge.

"...Taktiken des Trollens mit Vor- und Zurückrudern und Es-nicht-so-und-im-Zweifel-nur-ironisch-Gemeinthabens....".

Genau dasselbe, die Desdensia-Rugia meint es garnicht so, wenn sie die Nachbarschaft mit Goebbels Reden beschallt, wir es mir vor langer Zeit als Student in Gießen passiert ist, als ich das Unglück hatte in der Nachbarschaft zu wohnen.

Wir haben diese "Proud Boys' seit 172 Jahren. Ganze DAX Vorstände bestehen aus solchen Seilschaften.


...

-

Quote
[...] Bei einem Schlag gegen ein rechtsextremes Netzwerk hat es fünf Festnahmen in Österreich und zwei in Bayern gegeben. Das wurde bei einer gemeinsamen Pressekonferenz des österreichischen Innenministers Karl Nehammer von der ÖVP und Vertretern des Wiener Landeskriminalamts (LKA) mitgeteilt. Im Rahmen der Untersuchungen seien in den vergangenen drei Tagen über 70 automatische und halbautomatische Schusswaffen sowie Munition im sechsstelligen Bereich sichergestellt worden.

Laut Nehammer waren die Waffen für die rechtsextreme Szene in Deutschland bestimmt, "um eine rechtsradikale Miliz" aufzubauen. Bei einer Hausdurchsuchung am Mittwoch waren Maschinenpistolen und Sturmgewehre samt Munition sichergestellt worden. Bei einer weiteren Durchsuchung am Donnerstag wurden dann ein Container mit weiteren Waffen, Munition und Sprengstoff gefunden. Freitag wurden in einer Lagerhalle in Niederösterreich rund 100.000 Schuss Munition und zahlreiche Langwaffen gefunden.

Eine Drogenlieferung aus Deutschland im Oktober habe die Polizei zu dem Netzwerk geführt. Mit den Erlösen wurden laut Michael Mimra, dem stellvertretenden Leiter des Wiener LKA, die gefundenen Waffen angekauft, die für Deutschland bestimmt waren. Hauptverdächtiger ist ein 53-jähriger vorbestrafter Österreicher, der mit mehreren Mittätern den Handel aufgezogen haben soll. Weitere Ermittlungen soll es auch in Nordrhein-Westfalen geben.

Quelle: ntv.de, jhe/dpa


Aus: "Razzia in Österreich und Bayern Polizei hebt Waffenlager für Miliz aus" (Samstag, 12. Dezember 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/panorama/Polizei-hebt-Waffenlager-fuer-Miliz-aus-article22231524.html

« Last Edit: December 12, 2020, 04:26:18 PM by Link »

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« Reply #107 on: December 07, 2020, 10:43:07 AM »
Francisco Franco (* 4. Dezember 1892 in Ferrol, Galicien; † 20. November 1975 in Madrid), war ein spanischer Militär und von 1936 bis 1975 Diktator des Königreiches Spanien. ... Unter seiner Führung putschten konservative, monarchistische und faschistische Militärs mit Unterstützung des faschistischen Königreiches Italien und des nationalsozialistischen Deutschen Reichs im Juli 1936 gegen die im Februar 1936 demokratisch gewählte republikanische Regierung Spaniens. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Francisco_Franco

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Die Herrschaft Francisco Francos gab sich betont katholisch und suchte die Nähe der kirchlichen Institutionen, von denen sie Legitimation beanspruchte und erhielt. So erkannte die Kirche Franco unter anderem ein Gottesgnadentum zu, das Bestandteil seines offiziellen Titels wurde. Dieses besondere Verhältnis zwischen Kirche und Diktator wurde als nacional-catolicismo bezeichnet. ... Insbesondere der Spanische Bürgerkrieg und die Nachkriegsjahre werden in der spanischen Gesellschaft bis heute ungern thematisiert, und erst seit Beginn der 2000er Jahre ist ein gesteigertes Interesse an den damaligen Vorkommnissen festzustellen. ... seit etwa der Jahrtausendwende werden die Massengräber aus der Zeit während und nach dem Bürgerkrieg geöffnet.[172] Eine öffentlichkeitswirksame Exhumierung von dreizehn Bürgerkriegsopfern im Herbst 2000[173] führte zur Gründung der Asociación para la Recuperación de la Memoria Histórica (ARMH) („Vereinigung zur Rückgewinnung des historischen Gedächtnisses“), die sich um die Exhumierung und würdige Neubestattung ihrer Überreste kümmert. Eines der vermutlich größten Massengräber wurde 2003 in El Carrizal bei Granada entdeckt; dort waren 5000 Hinrichtungsopfer vergraben worden. Die Zahl der unidentifizierten Opfer wird landesweit auf 30.000 geschätzt. ... Im November 2002 verurteilte das spanische Parlament einstimmig die franquistische Diktatur und versprach denjenigen Angehörigen, die ihre damals „verschwundenen“ Angehörigen aufzufinden und zu exhumieren wünschten, finanzielle Unterstützung. Seit November 2007 sieht das „Gesetz über das historische Gedenken“ vor, dass die Kommunen die private Initiative der Exhumierungsarbeiten unterstützen. Der oppositionelle Partido Popular kritisiert dieses Gesetz allerdings, weil es „alte Wunden aufreiße und nur den Zweck habe, die spanische Nation zu spalten“. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Franquismus

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Quote
[...] Der Diktator Francisco Franco ist seit bald einem halben Jahrhundert tot, doch wenn man Hannes Bahrmann glaubt, ist der "Alte" noch ziemlich lebendig. ... der Franquismus war "keine Militärjunta", wie der frühere El-País-Chef Juan Luis Cebrián mal gesagt hat, sondern eben "das halbe Spanien". ...


Aus: "Diktatur-Bewältigung: Spanische Stümper" Aus einer Rezension von Sebastian Schoepp (27. Juni 2020)
Quelle: https://www.sueddeutsche.de/politik/franco-spanien-aufarbeitung-1.4936076

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[...] Dass spanische Polizisten in internen Chats "Hitler einen guten Mann" nennen und der ehemaligen linken Bürgermeisterin von Madrid einen qualvollen Tod wünschten, darüber hatte Telepolis schon berichtet. Nun zeigt Infolibre auf, wie tief diese Ideologie weiter in den Streitkräften verankert ist.

Hochrangige pensionierte Militärs, wie General Francisco Beca, wünschen sie sich sogar einen Massenmord, der die Shoa noch in den Schatten stellen würde. In einer WhatsApp-Gruppe lehnt sich Beca besonders weit aus dem Fenster. Er will deutlich mehr als die Hälfte der Bevölkerung im Land an die Wand stellen: "Es bleibt keine andere Möglichkeit, als damit zu beginnen, 26 Millionen Hurensöhne zu erschießen."

Der frühere General der Luftwaffe hat eigentlich nur den Zweifel, ob das reicht. "Ich glaube, dass ich mit den 26 Millionen noch zu kurz gegriffen habe!!!!!!!!" Und ganz in diesem Stil geht es weiter. Die Situation stelle sich derzeit so dar, dass "die einzige Möglichkeit bleibt, den Krebs rauszuschneiden". Den Krebs stellen für ihn die linken Kräfte im Land dar. Er gesteht damit ein, dass die Linke eine klare Mehrheit im Land stellt, da Spanien nur über 42 Millionen Einwohner verfügt. Dass er ein faschistischer Franco-Anhänger ist, daraus macht er keinen Hehl, den Diktator verehrt er als den "Einzigartigen".

Auch andere ehemalige hohe Offiziere stehen nicht zurück, die "26 Millionen Kugeln" fordern, wie in einer Nachricht vom Handy des Hauptmanns José Molina: "Ich will, dass sie alle und ihre Sippschaft sterben. Das will ich. Ist das Zuviel verlangt?", fragt er mit Blick auf die sozialdemokratische Regierung. Wiederspruch gibt es unter den Militärs nicht.

...


Aus: "Hochrangige spanische Militärs träumen davon, "26 Millionen Hurensöhne zu erschießen"" Ralf Streck (03. Dezember 2020)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Hochrangige-spanische-Militaers-traeumen-davon-26-Millionen-Hurensoehne-zu-erschiessen-4979549.html

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[...] Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez empfindet die Aufrufe von Militäroffizieren im Ruhestand zum Sturz seiner linken Regierung nicht als echte Bedrohung. Es handele sich um eine Randgruppe von Diktatur-"Nostalgikern", sagte er der Zeitung "El Periódico". Der 1975 gestorbene Diktator Francisco Franco sei "immer noch im Kopf von einigen".

"Wirklich besorgniserregend ist aber die Verbreitung derselben Hassbotschaften in der politischen Arena durch Gruppen, die nicht unbedeutend sind", betonte Sánchez in Anspielung auf die Attacken der Rechtspopulisten von Vox und wohl auch der konservativen Volkspartei PP.

Zwei Gruppen von jeweils 39 und 73 ehemaligen ranghohen Offizieren der Luftwaffe und des Heeres hatten nach Medienberichten im November in Briefen an König Felipe VI. die Regierung scharf attackiert. Sie schrieben, Sánchez werde durch Anhänger von Terroristen und Separatisten unterstützt, er bedrohe die nationale Einheit. Am Samstag folgte ein weiterer Brief ähnlichen Inhalts, der diesmal sogar von 271 Ex-Offizieren unterzeichnet wurde.

Große Empörung und Unruhe löste vor allem aber die Veröffentlichung des Austauschs der Angehörigen einer dieser Gruppen in Whatsapp aus. Nach den vom staatlichen Fernsehsender RTVE und anderen Medien veröffentlichten Screenshots der Whatsapp-Gruppe beleidigen die Mitglieder Sánchez und den Vize-Regierungschef Pablo Iglesias aufs Übelste. Sie loben Diktator Francisco Franco, dessen Regime (1939-1975) mindestens 100.000 Oppositionelle "verschwinden" ließ, und sprechen sich für die Abschaffung der Demokratie aus.

Ein General im Ruhestand schrieb demnach: "Bereitet euch auf den Kampf vor! Holen wir uns die Roten!!! Kopf hoch und auf zum Kampf!" Beleidigt werden neben linken Politikern und deren Sympathisanten und Wählern unter anderem auch Homosexuelle, Feministinnen und katalanische und baskische Separatisten.

Verteidigungsministerin Margarita Robles erstattete deshalb Anzeige bei der Staatsanwaltschaft. Solche Aussagen seien "Grund zur Sorge, zumal in einer komplizierten politischen Lage mit Notstand, Pandemie und Wirtschaftskrise", erklärte sie. Diese Aktivitäten könnten einen Straftatbestand erfüllen, betonte sie.

Quelle: ntv.de, jwu/dpa


Aus: "Putschaufruf von Ex-Generälen Sanchez lässt Diktatur-"Nostalgiker" abblitzen" (Sonntag, 06. Dezember 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/politik/Sanchez-laesst-Diktatur-Nostalgiker-abblitzen-article22217841.html


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« Reply #108 on: December 15, 2020, 04:51:44 PM »
Quote
[...] Weil er Politiker und Behörden in ganz Deutschland bedrohte, ist ein 32-Jähriger zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Seine Ankündigungen seien ernst gemeint gewesen.

... Das Berliner Landgericht hat einen vorbestraften Verfasser von Mails mit rechtsextremen Gewaltdrohungen zu vier Jahren Haft verurteilt und die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus angeordnet. Die Dauer der Behandlung wird auf die Freiheitsstrafe angerechnet, ebenso wie die bereits verbüßte Untersuchungshaft.

Der Täter hasse sich und seine Umgebung, sagte der Vorsitzende Richter am Landgericht. "Er hasst bis auf seine Familie alle Menschen." Von dem Verurteilten gehe weiterhin eine große Gefahr aus, weshalb seine Unterbringung in einer Psychiatrie nötig sei, sagte der Richter in der Urteilsbegründung. Der Mann habe mit Gewalttaten gedroht und verfüge über Wissen zum Umgang mit Waffen und Sprengstoff. Die Drohungen seien "bitterer Ernst" gewesen. Er sei wegen einer Persönlichkeitsstörung allerdings vermindert schuldfähig. Der Verurteilte hatte zwischen Oktober 2018 und April 2019 bundesweit Drohschreiben an Gerichte, Behörden, Polizeidienststellen, Einkaufszentren, Presseorgane und Bundestagsabgeordnete verschickt. Diese waren meist mit "NationalSozialistischeOffensive" unterzeichnet. Er drohte darin mit dem Zünden von Bomben, schrieb von "Hinrichtung und Folter" und äußerte antisemitisches und rassistisches Gedankengut.

Im Laufe des Prozesses hatte der Angeklagte seine Schuld abgestritten und vor der Urteilsverkündung noch gesagt, dass man schauen solle, "wo die richtigen Täter sitzen". In seinem Zimmer sind NS-Devotionalien gefunden worden, zudem befanden sich auf seinem Computer Gewaltdarstellungen, Waffen- und Sprengstoffbauanleitungen. Das Passwort zu dem Gerät lautete "Deutschland88" – "was ja auch schon zeigt, wessen Geistes Kind der Angeklagte ist", sagte der Richter.

In der Anklage wurden ihm 107 Taten vorgeworfen, darunter Störung des öffentlichen Friedens durch die Androhung von Straftaten, Nötigung sowie versuchte räuberische Erpressung und Bedrohung. Das Urteil ist nun in 26 Fällen wegen Störung des öffentlichen Friedens und in neun weiteren Fällen wegen Nötigung gesprochen worden.

Die Verteidigung sieht die Schuld des Angeklagten als nicht erwiesen an und hatte einen Freispruch gefordert. Er war in seiner Jugend mehrfach vorbestraft und hatte Hilfsangebote laut dem Vorsitzenden Richter mehrfach ausgeschlagen.


Aus: "Versender rechtsextremer Drohmails zu Haftstrafe verurteilt" (14. Dezember 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-12/landgericht-berlin-drohmail-prozess-rechtsextemismus-haftstrafe-psychatrie

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[...]  Rechtsterror Die psychiatrischen Gutachten des Mörders von Walter Lübcke und des Halle-Attentäters bezeugen Kalkül und fehlende Reue

Zwei Prozesse, zwei rechtsterroristische Mörder, ein psychiatrischer Gutachter: Norbert Leygraf hat Stephan Balliet, der am 9. Oktober 2019 die hallesche Synagoge überfallen wollte und zwei Menschen tötete, und Stephan Ernst untersucht, der in der Nacht zum 2. Juni 2019 den CDU-Politiker Walter Lübcke mit einem Kopfschuss tötete. Die Gutachten des angesehenen Experten Leygraf, der das Institut für forensische Psychiatrie in Essen leitet, sind in den vergangenen Wochen bei den Prozessen gegen die beiden Täter in Magdeburg und Frankfurt am Main vorgestellt worden. Ein Vergleich der Gutachten zeigt auffällige psychische Gemeinsamkeiten zwischen Balliet und Ernst auf, aber auch Unterschiede.

Psychiater Leygraf hatte das Verhalten und Auftreten der Angeklagten in den Verhandlungen beobachtet. Zudem flossen in seine Gutachten die Ergebnisse stundenlanger Gespräche ein, die er mit Balliet und Ernst in der Untersuchungshaft geführt hat. Bei diesen sogenannten Explorationen werden bestimmte Sachverhalte und Stimmungen der untersuchten Personen erkundet.

Stephan Ernst war von Leygraf an zwei Tagen im Januar insgesamt neun Stunden lang exploriert worden. An keiner Stelle in den Gesprächen habe er den Eindruck gewonnen, dass der Angeklagte ein tatsächlich offenes Gespräch geführt habe, sagte der Gutachter. Ernst habe sich zwar höflich, aber immer auch vage und vorsichtig geäußert, viele „Irgendwies“ und „Irgendwos“ benutzt. „Ich hatte den Eindruck einer sehr kontrollierten Aussage“, sagte Leygraf. Ernst habe nicht spontan auf Fragen reagiert, sondern häufig erst nach längeren Pausen oder Nachfragen, dann aber weit ausholend geantwortet. Seine Aussagen seien dabei wenig glaubwürdig gewesen. Emotionen habe Ernst nur gezeigt, als es um die Beziehung zu seinem Vater ging, den er in seiner Einlassung vor Gericht als gewalttätig und lieblos beschrieben hatte.

Auch Balliet, mit dem Leygraf an drei Tagen insgesamt zwölf Stunden lang sprach, habe in seinen Aussagen kontrolliert und vorsichtig gewirkt, so der Gutachter. Das bezog sich aber – offenbar anders als bei Ernst – vor allem auf seine Lebenssituation. Wenn sie auf seine Familie, seine Biografie und seine Lebensumstände zu sprechen gekommen seien, sei Balliet wortkarg und einsilbig geworden. Sei es hingegen um seine politischen Überzeugungen oder die Planung und Umsetzung seiner Attentatspläne gegangen, dann sei er geradezu in einen „Redefluss“ verfallen. In diesen Passagen des Gesprächs sprang der Angeklagte laut Leygraf häufig auf und lief umher, er habe mitunter unmotiviert schrill aufgelacht, Sprache und Mimik seien oft überzogen und theatralisch gewesen.

„Mit Freude und Stolz“ habe Balliet bei diesen Gelegenheiten seine antisemitische und rassistische Gedankenwelt ausgebreitet. „Sein deutlich erkennbarer Hass war die einzige feststellbare tiefgehende emotionale Bewegung“, sagte der Gutachter. Bei der Schilderung der von ihm begangenen Morde ließ Balliet hingegen „nicht den Hauch einer emotionalen Bewegung“ erkennen. Bei kritischen Nachfragen wirkte er angespannt. Als Leygraf ihn schließlich ausführlicher zu seiner Lebenssituation habe befragen wollen, habe der Angeklagte die Exploration laut schimpfend abgebrochen.

Dem psychiatrischen Gutachten zufolge ist der Halle-Attentäter von durchschnittlicher Intelligenz und weist bei persönlichkeitsbestimmenden Parametern wie Depressivität, Paranoia und Narzissmus überdurchschnittliche Werte auf. Balliet, der sich in Vernehmungen selbst als unsoziales Wesen ohne Freunde und Freundin beschrieb, wird vom Sachverständigen als eine selbstbezogene Person bezeichnet, die von den eigenen Wertvorstellungen überzeugt ist und sich anderen Menschen überlegen fühlt. Zudem ist er verschlossen und pessimistisch, im zwischenmenschlichen Umgang empfindet er Unsicherheit sowie Misstrauen und Feindseligkeit.

Auch Ernst wird im Gutachten als eher zurückhaltender Einzelgänger charakterisiert, der kaum engere Freunde hat und wenig auf die Gefühle anderer achtet. Nach außen wirke er emotional kühl und wenig empathisch. Innerlich sei er aber verletzlich. Kränkungen, die er erfahren habe, könne er für lange Zeit nicht vergessen. Sein Leben hat Ernst dem Gutachten zufolge „zweispurig“ geführt: Zum einen baute er sich nach seiner ersten Freiheitsstrafe wegen eines Messerangriffs auf einen Ausländer in den 1990er Jahren ein bürgerliches Leben auf, wurde zweifacher Familienvater und ein „geschätzter Arbeitskollege“. Gleichzeitig aber bewegte er sich aktiv in der rechtsradikalen und gewaltbereiten Szene Hessens. Heimlich legte er sich überdies ein großes Waffenlager an, um sich auf einen angeblich bevorstehenden Bürgerkrieg vorzubereiten.

Als Ergebnis seiner Gutachten bescheinigt Leygraf sowohl Balliet als auch Ernst volle Schuldfähigkeit. Es lägen bei beiden keine Hinweise auf eine psychische Erkrankung wie eine manische Psychose oder hirnorganische Schäden vor. Ebenso wenig seien eine „forensisch relevante Minderbegabung“ oder Einflüsse durch Suchtmittel festzustellen. Auch die über einen längeren Zeitraum hinweg laufende Planung und Vorbereitung der Anschläge sowie die Tatbegehung sprechen aus Sicht des Gutachters gegen eine tiefgehende Bewusstseinsstörung der Angeklagten.

Zwar hatte der heute 47-jährige Ernst um das Jahr 2009 herum an Angstattacken gelitten und damals eine Psychotherapie absolviert; zum Zeitpunkt seiner mutmaßlichen Taten habe jedoch keine „krankhafte seelische Störung“ mit Einfluss auf seine Schuldfähigkeit vorgelegen, stellte Leygraf fest. Auch der Umstand, dass Ernst schizoide Persönlichkeitszüge aufweise, bedeute nicht, dass bei ihm eine Persönlichkeitsstörung vorliege.

Bei Stephan Balliet hingegen diagnostizierte Leygraf eine komplexe Persönlichkeitsstörung mit schizoiden und paranoiden Anteilen sowie Autismusmerkmalen. Diese Störung, die Merkmale einer schweren seelischen Abartigkeit habe, äußere sich beispielsweise in der Unfähigkeit, sich in andere Menschen hineinzufühlen, in seiner gefühlskalten und emotionslosen Art sowie seinem Unvermögen zu einer partnerschaftlichen Lebensgestaltung. Tatsächlich lebte der Halle-Attentäter seit Jahren zurückgezogen im alten Kinderzimmer der Wohnung seiner Mutter. Die einzige Verbindung zur Außenwelt bestand über das Internet, wo er mit anonymen Usern rassistischer, frauenfeindlicher Imageboards wie 8kun oder 4chan chattete (der Freitag 42/2019). Leygraf betonte gleichwohl in seinem Gutachten, die seelische Abartigkeit des Angeklagten habe dessen exekutives Steuerungsvermögen und damit auch seine Schuldfähigkeit nicht beeinträchtigt. So habe Balliet es nicht nur vermocht, das Attentat von Halle komplex vorzubereiten, sondern auch, sein Verhalten bei der Tatausführung den wechselnden äußeren Rahmenbedingungen anzupassen.

Obwohl der Halle-Attentäter von Verschwörungsfantasien überzeugt sei, liege deshalb kein krankhafter Wahn bei ihm vor, stellte Leygraf klar. Auch Ernst habe nicht aus einem Wahn heraus gehandelt. Dessen Mord an Walter Lübcke stehe vielmehr in „direktem Zusammenhang“ mit der fest verwurzelten rechtsextremen Einstellung des Täters. Dieses Verneinen eines Wahns bedeutet, dass sich Balliet und Ernst bei ihren Taten nicht als „Auserwählte“ gesehen haben, die einer vermeintlich höheren Bestimmung folgen. Vielmehr gingen sie davon aus, in ihrem jeweiligen sozio-kulturellen Umfeld – Ernsts rechte Freunde und Balliets Chatpartner im Internet – Gleichgesinnte zu haben, die ihre Überzeugungen teilen und ihre Handlungen befürworten.

Leygrafs Fazits in den Gutachten ähneln sich: Weder bei Ernst noch bei Balliet könne er Hinweise auf eine mögliche Änderung von Einstellungen und Verhaltensdispositionen erkennen. Auch Reue über die begangenen Morde sei nicht zu spüren. Balliet habe in den Gesprächen kein Bedauern über die Tötung der beiden Opfer gezeigt, sie als „Kollateralschaden“ abgetan.

Ernst habe seine Tat in den polizeilichen Vernehmungen zwar als „unverzeihlich“ bezeichnet, dabei aber aus Leygrafs Sicht nur eine „geringe affektive Beteiligung“ gezeigt, weshalb er keine aufrichtige Reue bei ihm erkennen könne. Auch die Tränen, die der Angeklagte im Prozess bei der Konfrontation mit der Familie seines Opfers vergoss, seien wenig authentisch. Vielmehr seien bei Ernst der Hass auf Ausländer, die rechtsradikale Ideologie und der Hang zu schweren Straftaten seit der Jugend „tief eingeschliffen“ und damit Teil seiner Persönlichkeit geworden. Die vom Angeklagten behauptete, angeblich schon 2009 erfolgte Loslösung von der Neonazi-Ideologie sei bestenfalls „oberflächlicher Natur“. Eine grundsätzliche Kehrtwende sei bei ihm aus psychiatrischer Sicht kaum nachvollziehbar.

Bei beiden Angeklagten ist sich Leygraf daher sicher, dass ihr ausgeprägter Hang zur Gewalt sie auch zukünftig schwere Straftaten begehen lassen würde. Für die Gerichte in Magdeburg und Frankfurt ist diese Einschätzung des psychiatrischen Sachverständigen von großer Bedeutung, wenn sie über eine mögliche Sicherungsverwahrung der verurteilten Täter im Anschluss an eine Freiheitsstrafe entscheiden müssen.


Aus: "Voll schuldfähig" Andreas Förster (Ausgabe 50/2020)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/voll-schuldfaehig
« Last Edit: December 15, 2020, 04:53:15 PM by Link »

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« Reply #109 on: December 16, 2020, 04:36:17 PM »
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[...] Das notorisch klamme Haus Hohenzollern fordert trotz brauner Vergangenheit weiter Geld vom Staat. Jetzt gehen auch die letzten Gutachter von Bord. Mehrfach zitierte der Historiker Christopher Clark zuletzt zustimmend den Historiker Stephan Malinowski. Nichts Ungewöhnliches, möchte man meinen. Historiker zitieren Historiker, so ist das halt. Doch vor Kurzem war Malinowski für Clark noch der ärgste Widersacher.

Malinowski ist der Autor des Buchs „Vom König zum Führer“. Für das Land Brandenburg war er als Gutachter tätig, als es um Forderungen der heutigen Hohenzollern auf Entschädigung ging. Er kam zu dem Ergebnis, dass die Hohenzollern in erheblichem Maße zum Fall der Weimarer Republik und Aufstieg der Nazis beitrugen.

Clark, seines Zeichens der berühmte Autor des Werks „Die Schlafwandler“, schrieb im Auftrag der Hohenzollern ein entgegengesetztes Gutachten. Es entlastete die frühere Kaiserfamilie. Ein Gutachten mit weitreichenden Folgen. Denn die Repräsentanten des heutigen „Hauses Hohenzollern“ streiten mit Bund und Ländern seit Jahren um Rückgabe und Ausgleichszahlungen für ihre im Osten Deutschlands nach 1945 eingezogenen Vermögen.

1994 war nämlich gesetzlich festgelegt worden, dass, wer dem Faschismus „erheblichen Vorschub“ geleistet hatte, auch nach der Wiedervereinigung keine Restitutionen zu erwarten habe.

„Auf dem Spektrum fürstlicher Kollaboration mit dem Dritten Reich kann man den Kronprinzen daher mit guten Gründen als eine der politisch zurückhaltendsten und am wenigsten kompromittierten Personen bezeichnen.“ So lautet der abschließende Satz von Clarks Gutachten 2011. Heute sagt Clark, er wäre sich der Tragweite der Auseinandersetzung nicht bewusst gewesen.

Lange blieben die Verhandlungen zwischen Staat und Hohenzollern geheim, auch Clarks Gutachten. Erst 2019 wurde es geleakt. Fast alle namhaften Historiker widersprachen in der Folge Clark. Etwa der britische Historiker Richard Evans. Er führte in einem Essay aus, wie die 1918 gestürzte Kaiserfamilie alles daransetzte, um mit der Nazibewegung 1933 zurück auf den Thron zu gelangen.

Als Vorbild diente Italien, wo der Faschist Mussolini in den 1920er Jahren ein Arrangement mit dem König getroffen hatte. Doch Hitler war nicht der Duce. Einmal an der Macht, wollte er sie mit niemandem teilen. Im Bündnis mit den Nazis hatten sich andere einzuordnen, auch die rechtsextremen monarchistischen Kräfte. Und viele taten das auch.

Historiker Clark leugnet in seinem Gutachten von 2011 nicht die rechtsextreme Gesinnung des Kronprinzen Wilhelm von Preußen, dem Sohn des 1918 gestürzten Kaisers Wilhelm II. Der Kronprinz plädierte vor 1933 für den Zusammenschluss der paramilitärischen Verbände von Stahlhelm und SA. Er agitierte 1932 gegen das kurzzeitig erlassene Verbot von SA und SS. Er gehörte selber der SA an. Und während sein Vater, der Ex-Kaiser, verbittert im holländischen Exil in Doorn antisemitischen Verschwörungstheorien nachhing, verstand sich sein Sohn der Kronprinz als ein Mann der Tat.

Seine Familie stiefelte mit Hakenkreuzbinden auf Schloss Cecilienhof in Potsdam herum und posierte für die Kameras. Die taz veröffentlichte Aufnahmen aus der dänischen Illustrierten Berlingske illustreret Tidende von 1934, die dies eindrücklich dokumentieren. Er prahlte damit, Hitler zwei Millionen Stimmen verschafft zu haben. Am berüchtigten Tag von Potsdam im März 1933 zelebrierte er symbolisch wirkmächtig den Schulterschluss mit Adolf Hitler, von „alter“ und neuer Rechter.

Alles das beschreibt auch der Gutachter Clark 2011. Und kam dennoch zu dem überraschenden Schluss: Die damaligen Vertreter des „Hauses Hohenzollern“ seien zwar braun eingefärbt, aber historisch zu unbedeutend gewesen, um eine größere Rolle gespielt zu haben. Eine interessante Interpretation für eine der mächtigsten Familien der deutschen Geschichte, die ihr ganzes Gewicht in die Zerstörung der Republik legte. Nur Vertreter des neurechten Historikerspektrums vertreten solch relativierende Thesen. Und Wolfram Pyta, der im Auftrag der Hohenzollern ein weiteres Gutachten schrieb.

Im Frühjahr ruderte Clark im Schriftwechsel mit David Motadel in der New York Review of Books zurück. Historiker Motadel hatte Clark in seinem Beitrag „What Do the Hohenzollerns Deserve“ scharf kritisiert. Clark liefere den heutigen Hohenzollern nicht nur die Stichworte, um an zusätzliche – ihnen nicht zustehende – staatliche Vermögenswerte zu gelangen.

Er helfe auch ein glorifizierendes Preußenbild zu restaurieren, an das rechts-nationalistische Kräfte seit der Wiedervereinigung verstärkt suchten anzuknüpfen. Für dieses steht stellvertretend die AfD mit Alexander Gauland im Bundestag, der die zwölf Jahre Nazi-Terrorherrschaft als „Vogelschiss“ bezeichnet und bagatellisiert. Clark erwiderte Motadel, ebenfalls in der New York Review, solch reaktionäre Motive lägen ihm fern. Er fühle sich instrumentalisiert. Er betrachte den Kronprinzen sehr wohl als einen „gewalttätigen, ultrarechten Charakter“, der mit Hitler sympathisierte und zur „finalen Abrechnung mit der deutschen Linken drängte“.

Doch hatte er den Kronprinzen schlicht für zu unintelligent und auch isoliert gehalten, als dass dieser eine größere politische Rolle hätte einnehmen können. Inzwischen, so Clark weiter, habe sich jedoch die Quellenlage verändert und er sähe es anders. Die in Princeton forschende Historikerin Karina Urbach hatte bereits letztes Jahr neues Material ausgewertet. Es zeigt, wie systematisch und skrupellos die kaiserliche Familie den Aufstieg der Nazis zum eigenen Nutzen beförderte („Nützliche Idioten, Die Hohenzollern und Hitler“).

Von Stephan Malinowski erscheint bei Oxford University Press gerade das Buch „Nazis and Nobles“. Es ist die überarbeitete englische Fassung seines früheren Buchs „Vom König zum Führer“. Und er forscht weiter. Doch allein was bereits vorliegt, sollte die erhebliche verbrecherische Energie, den notorischen Antisemitismus und die absolute Demokratiefeindlichkeit der Hohenzollern bis 1945 ausreichend belegen. Die Nachfahren der Hohenzollern wären gut beraten, dies zur Kenntnis zu nehmen und mit der historischen Schuld angemessen umzugehen.

Dazu gehörte auch, ihre vielen gegen kritische Journalisten und Historiker wie Malinowski, Urbach oder Winfried Süß gerichteten juristischen Winkelzüge einzustellen. Wie sagt Clark, der ehemalige Kronzeuge der Hohenzollern, jetzt in einem FAZ-Interview deutlich: „Stephan Malinowski hat gezeigt, wie energisch der Kronprinz gearbeitet hat, auch nach der Machtergreifung, um die Berührungsängste der Konservativen gegenüber den Nationalsozialisten zu überwinden.“

In seinem jetzt erschienenen Essayband „Gefangene der Zeit“ (DVA) stimmt Clark demonstrativ Malinowski zu. Er zitiert ihn ausführlich, so es um die Braunfärbung von Kaiserfamilie und altem deutschen (Hoch-)Adel geht. Der Kronprinz, so Clark in der FAZ, war „kontinuierlich an den Versuchen beteiligt, die Demokratie zugrunde zu richten. Und die Zerstörung der Demokratie ist wiederum eine unverzichtbare Voraussetzung für die Machtergreifung der Nationalsozialisten.“

Der Ururenkel von Kaiser Wilhelm II., Georg Friedrich Prinz von Preußen, der als heutiger Wortführer des „Hauses Hohenzollern“ auftritt, hat sich in die Abgründe der Geschichte gestürzt. Er würde gerne mehr vom Tafelsilber seiner Ahnen abbekommen, ohne auf die fragwürdige Provenienz zu schauen. Sogar den holländischen Staat hat er versucht zu verklagen.

Dies berichtet Klaus Wiegrefe Ende November im Spiegel. Man sähe sich „leider gezwungen,“ so die Anwälte des heutigen Preußen-Wortführers 2014, „einen formellen Anspruch auf den Besitz von Haus Doorn, das dazugehörige Inventar und das umliegende Gut sowie zwei dazugehörende Bauernhöfe zu erheben“.

Nach Doorn war der 1918 gestürzte Kaiser Wilhelm II. geflüchtet, samt seiner sagenumwobenen 59 Waggons mit Werten aller Art. Vom Exil aus wünschte er „Presse‚ Juden und Mücken“ den Tod („,das Beste wäre Gas“) und forderte seine Angehörigen auf, aktiv am Nationalsozialismus teilzuhaben. Hitler beglückwünschte er 1940 zu seinen Feldzügen. Nach der Befreiung von den Deutschen wurde Haus Doorn vom holländischen Staat konfisziert. Das kleine Schloss dient als Museum.

Nur das Mausoleum des 1941 hier beigesetzten letzten deutschen Kaisers befindet sich im Privatbesitz der Familie. Nichts Ungewöhnliches, möchte man meinen. Die deutsche Politik könnte sich an den Holländern ein Beispiel nehmen.


Aus: "Kampf um das Tafelsilber" Andreas Fanizadeh (12. 12. 2020)
Quelle: https://taz.de/Preussen-Historiker-Clark-rudert-zurueck/!5734272/

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[...] Knalleffekt bei den brisanten Ermittlungen zum rechten Terror in Österreich: Ausgerechnet ein Polizist des Landeskriminalamtes Niederösterreich soll der Bande rund um eine heimische Neonazi-Größe 5000 Schuss für schwere Kaliber wie Maschinengewehre verkauft haben. ... Bei dem verdächtigen Beamten (es gilt die Unschuldsvermutung) handelt es sich um einen ausgebildeten Waffenmeister. Der Revierinspektor war als Sachverständiger für den Staatsschutz oft bei sogenannten Military-Messen.

Dort soll er - laut Geständnis eines verhafteten Mittäters der Neonazi-Bande - auch Kontakt zum rechten Milieu geknüpft haben. Wie berichtet, gilt als Kopf der Gruppe, die eine deutsche Miliz rund um Motorrad-Rocker mit Waffen aufrüsten wollte, ein einstiger Briefbomben-Angeklagter.

Bei drei Treffen soll der Beamte der rechten Hand des Bandenbosses jedenfalls insgesamt 5000 Schuss Munition für Maschinenwaffen um 850 Euro verkauft haben. Durch Verlassenschaften, über die ihn Bezirksbehörden beruflich informierten, hatte er leichten und billigen Zugang.

Die Leitung des Landeskriminalamtes Niederösterreich reagierte umgehend und erstattete Anzeige unter anderem wegen Amtsmissbrauch. Zudem wurde der Polizist suspendiert und seine Wohnung durchsucht. Bei einer Verurteilung droht ihm der komplette Verlust der Beamtenpension. Reue oder Schuldbewusstsein zeigt der Verdächtige aber nicht ...

Mittlerweile hat die historische Verantwortung bei der Polizeiausbildung durch eine Kooperation mit Bildungsexperte Daniel Landau höchsten Stellenwert. Vonseiten des Innenministeriums wird betont, es gebe „null Toleranz bei jeglicher Nähe zu Rechtsextremen“.

Christoph Budin, Kronen Zeitung


Aus: "Polizist soll Munition an Neonazis verkauft haben" (01.01.2021)
Quelle: https://www.krone.at/2309444
« Last Edit: January 02, 2021, 05:53:25 PM by Link »

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« Reply #110 on: December 20, 2020, 06:28:21 PM »
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[...] In den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen schließen sich unterschiedliche Milieus gegen „die da oben“ zusammen, beobachtet der Religionswissenschaftler Andreas Grünschloß. Der Glaube an eine „alternative Weltsicht“ verbinde Esoteriker, Fundamentalisten und Rechtsextreme, sagte er im Dlf.

Christian Röther: Herr Grünschloß, was verstehen Sie als Religionswissenschaftler unter dem Begriff „Esoterik“?

Andreas Grünschloß: Der Begriff Esoterik ist etwas schwammig, wird auch meistens heute etwas breiig gebraucht. Zunächst mal bezeichnet er das Innere – oder auch dann in seiner Verwendung häufig das Geheime. Also gerade im religiösen Zusammenhang spricht man von esoterischen religiösen Traditionen, also solche Traditionen, wo der Zugang zu dem eigentlichen wichtigeren religiösen Wissen nicht allen zugänglich ist, sondern nur einem Kreis von Eingeweihten. Also religiöse Traditionen, die so eine Art Initiation brauchen, um die Leute eben in bestimmten Stufen eventuell auch an die inneren Geheimnisse heranzuführen. Man könnte sagen: Esoterische Religiosität ist eigentlich eine Geheimreligiosität.

Das Ganze ist dann so ein bisschen ein Widerspruch, weil eigentlich bezeichnen wir mit Esoterik heute alle die nicht in großen, verfassten religiösen Traditionen operierenden Diskurse, sondern Gruppierungen oder auch Einzelakteure, die eine modernere, alternative Weltsicht, häufig auch eben durch Inputs aus verschiedenen religiösen Traditionen, betreiben.

Und wenn man versuchen möchte, zusammenzustellen, was charakterisiert das, was wir mit Esoterik meinen, dann meinen wir damit eben religiöse Weltdeutungen, die zum einen eine Art von einem spirituellen höheren Selbst im Menschen annehmen – also, wenn man mit einem indischen Begriff arbeiten möchte, eine „Atman“-artige Seelensubstanz, die den Kern der eigentlichen Person bildet.

Daher finden Sie eigentlich auch fast durchgängig in den esoterischen Traditionen die Vorstellung von Wiedergeburt beziehungsweise Reinkarnation, dass eben genau dieser Seelenkern sich immer wieder verkörpert. Teilweise ist das auch weltbildartig dann ausgeweitet, dass eben auch das gesamte Universum, die gesamte Welt lebendig ist – also die Gaia-Hypothese, dass auch die Erde ein Organismus ist, eben auch so eine Atman-artige Seelensubstanz besitzt. Also das wäre so der eine Punkt, der sehr häufig anzutreffen ist.

Dann Entsprechungen zwischen dem, was im Mikrokosmischen und im Makrokosmischen vorgeht. Also ein bestimmter Laut, so wie in der indischen Mantra-Meditation, hat eine Auswirkung nicht nur auf meine Psyche und auf meine Seele, sondern setzt in der Umgebung auch makrokosmische Entsprechungen heraus. Das Paradebeispiel wäre etwa die Transzendentale Meditation des Maharishi Mahesh Yogi, der gesagt hat, wenn ein bestimmter Prozentsatz von Meditierenden in einer Stadt sind, dann wird die Kriminalitätsrate runtergehen, wird das sofort eine Auswirkung auf den Makrokosmos haben. Und solche Thesen gab es dann jetzt auch in der Coronazeit, dass eben durch den Einsatz von Meditation tatsächlich auch das Virus wegmeditiert, eingedämmt werden könne.

Röther: Und jetzt fällt der Begriff Esoterik eben öfters in Zusammenhang mit den Corona-Protesten in Berlin jetzt am Wochenende, aber auch schon vorher. Inwiefern passt dieser Begriff Esoterik auf die Menschen dort, oder auf Teile der Menschen dort, die da gegen die Anti-Corona-Maßnahmen protestiert haben?

Grünschloß: Also in dem Falle, wo es um eine religiös motivierte – die Menschen, die so was vertreten, nutzen nicht so gerne den Begriff Esoterik für sich, zumindest nicht mehr, das war in den 80er- und 90er-Jahren noch ein bisschen anders, häufig ist heute der Esoterik-Begriff so mit Dubiosität und „spinnerter“ Weltsicht verbunden im öffentlichen Sprachraum.

Aber was wir häufig haben, die Idee oder die Sehnsucht danach, den Graben zwischen einer materialistisch ausgerichteten Naturwissenschaft und der spirituell-religiösen, geisteswissenschaftlichen Dimension des Menschen zu überbrücken. Das findet sich seit dem 19. Jahrhundert als durchgehender Tenor bis heute, eine holistische, neue, integrale Wissenschaft zu entwickeln, die beides überbrückt. Deswegen eben auch Offenheit für alternative Heilverfahren, alternative Wissenschaftskonzeptionen.

Und gerade im Bereich von Corona kann man dann natürlich zu Thesen kommen, dass hier eine andere Form von Heilung möglich sein muss als das, was die Autoritäten sagen. Dass vielleicht das, was vorgeschoben wird vor Corona, was ganz anderes ist, dass ganz andere Akteure im Hintergrund virulent sind. Also die Affinität zu Verschwörungstheorien, weil man eben an eine integralere, umfassendere Weltsicht glauben möchte, das ist ein Motiv, das nun Verschwörungstheoretiker, esoterisch gestimmte Menschen, aber auch zum Teil eher rechtslastige Leute oder auf der anderen Seite auch fundamentalistisch-christlich orientierte Leute wieder miteinander vereinen kann bei so einer Demonstration, weil sie sagen, wir kämpfen im Prinzip gegen denselben Feind. Das, was die da oben uns erzählen wollen, ist nicht die wahre Sache, wir haben hier eine alternative Weltsicht. Das wäre so ein vager Anlaufversuch, wo gibt es da Affinitäten.

Röther: Jetzt gibt es Aufnahmen vom Wochenende, wo Menschen dort „Hare Krishna, Hare Rama“ singen am Brandenburger Tor im Kontext dieser Proteste. Also ein Mantra aus dem Hinduismus, das auch aus neuen religiösen Bewegungen, aus der Hare Krishna-Bewegung eben, ISKCON, bekannt ist. Es verwundert auf den ersten Blick trotzdem, dass es jetzt da in Berlin am Wochenende zu hören war. Hat es Sie auch verwundert?

Grünschloß: Natürlich, klar. Ich hätte gedacht, wenn das jetzt eine Demo gewesen wäre in den 70er-Jahren, dann ist das klar, dann haben alle noch irgendwie George Harrison „My Sweet Lord“ im Kopf und haben auch die Bilder von missionierenden Hare Krishna-Anhängern, also die Internationale Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein, die ihre Büchlein verteilen auf den Straßen. In der Spät-Hippie-Zeit war das immer noch so im Diskurs. Das ist es ja heute eigentlich nicht mehr, auch die Hare-Krishna-Gemeinschaft ist ja weitestgehend aus der sichtbaren Oberfläche vielfach verschwunden.

Aber da war offenbar eine Gruppe dabei, die eben typisch da mit ihren Trommeln unterwegs waren und dieses Mantra gechantet haben. Das ist eben eine neo-hinduistische Bewegung, die in den 60er-Jahren entstanden ist in New York durch Swami Prabhupada, der als neo-hinduistischer Missionar in den Westen kam, um eben die Gottesliebe in Gestalt der Krishna-Verehrung unter die Menschen im Westen zu bringen. Aber das ist eher, würde ich sagen, ein Zufall, dass die halt auch dort waren und dass dann andere da miteinstimmen in den Gesang.

Wie der eine Reporter, der es dann nicht mal identifizieren konnte, was singen die da, was ist das, kenne ich gar nicht. Das ist eigentlich eher anachronistisch fast und eher ein Zufallsprodukt, dass hier nun, weil da eben ein paar Hare Krishna-Anhänger eben das gesungen haben, dann auch mehrere da miteingestimmt haben. Das würde ich jetzt erst mal aus der Ferne versuchen so zu diagnostizieren – so wäre mein Eindruck zumindest.

Röther: Aber, was Sie auch schon sagten, es ist dann ja wiederum kein Zufall, dass eben Menschen, die dieses Mantra kennen, weil sie eben in esoterischen Kontexten unterwegs sind, dort anzutreffen sind. Um das noch mal aufzugreifen, Sie haben es eben schon angedeutet, weil die durchaus eben, ich sage mal weltanschauliche Berührungspunkte haben eben mit Reichsbürgern, Menschen, die an Verschwörungen glauben, Rechtsextremisten. Trifft man sich da in dieser gemeinsamen Ablehnung der bestehenden Ordnung oder in der Esoterik, was Sie genannt haben, dass man sich im Besitz einer höheren Wahrheit eben wähnt?

Grünschloß: Ja, das wäre schon so eine Gemeinsamkeit, das man sagt, die Welt ist hintergründiger als das, was uns die etablierten Medien, die etablierten Wissenschaften und natürlich auch die etablierten politischen Autoritäten weismachen wollen. Dieser Vorbehalt gegenüber der, ich sage mal Oberfläche der etablierten Diskurse, das wäre etwas, was sie alle gemeinsam haben.

Es kommt noch meines Erachtens ein wichtiger Punkt mit hinzu: Das ist, dass aufgrund der – trotz allen kleineren Fehlern, die man gemacht hat, aber doch auch aufgrund der relativ umsichtigen Corona-Politik, die in Deutschland relativ schnell dann ja begonnen hat als es klar wurde, die Pandemie droht, kennen die meisten von uns hier in Deutschland das Virus eigentlich nur vom Hörensagen. Und von daher ist es relativ leicht, zu behaupten, das ist unplausibel und der Lockdown, das alles ist überzogen, da ist eine andere Motivation dahinter als das, um diese angebliche Krankheit zu verhindern.

Gerade in der Anfangsphase der Corona-Pandemie gab es ja eine Fülle von esoterischen oder sagen wir mal „alternativen“ Deutungen dessen, was hier im Gange ist: Dass es sich hier gar nicht um ein Virus handelt, sondern das sind Strahlen der Übertragungsmasten und what have you. Also eine ganze Reihe von alternativen Deutungsmustern.

Und das ist, glaube ich, ein wichtiger Punkt. Wir kennen es nur vom Hörensagen – und wenn man dann mit Beeinträchtigungen leben muss, dann kann man sich natürlich relativ leicht darüber hinwegsetzen und behaupten, diese ganzen Reduzierungsvorschriften, die sind unplausibel, ich kenne überhaupt niemanden, der das Virus gehabt haben soll. Das kommt auch noch mit hinzu.

Und dann eben das gepaart, sei es nun aus einer alternativen politischen Utopie, also ich sage mal einer Reichsbürger-affinen Ideologie heraus oder sei es aus einer esoterischen Weltdeutung heraus, wo man sagt, hier sind gewisse Mächte im Gange, die im Hintergrund ihre Fäden ziehen, auch in der esoterischen Weltdeutung gibt es ja Verschwörungstheorien, es muss nicht, aber es gibt sie, und so können dann natürlich so bestimmte Argumentationsmuster sich ergänzen. Und dass man zumindest da dann sich auf einer Demo zusammenfinden kann und sagen, wir haben einen gemeinsamen Feind, und das sind die etablierten, diskursmächtigen Größen, die uns hier was weismachen wollen.


Aus: "Esoterik, Rechtsextreme und Proteste gegen Corona-Maßnahmen „Gegen denselben Feind“" Andreas Grünschloß im Gespräch mit Christian Röther (02.09.2020)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/esoterik-rechtsextreme-und-proteste-gegen-corona-massnahmen.886.de.html?dram:article_id=483421

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[...] Als am 28. Februar 1933 der Reichstag brannte, wurden die Flammen zum Fanal des Untergangs. Sie markieren das Ende der ersten deutschen Demokratie. Hitler, vier Wochen zuvor zum Reichskanzler ernannt, nutzte das Ereignis, um mittels der „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ seine Macht auszubauen. Am vergangenen Wochenende war das Reichstagsgebäude wieder Schauplatz einer bizarren Versammlung. Antidemokraten versuchten, ein Zeichen zu setzen.

Die Grundrechte der Weimarer Verfassung galten nicht länger. Gegner des Nationalsozialismus, unter ihnen viele kommunistische Abgeordnete, wurden inhaftiert. Erste Konzentrationslager entstanden. Angst regierte. Wer konnte, floh. Der Theaterkritiker Alfred Kerr tauchte unter und rettete sich nach Prag. Seine Tochter Judith Kerr beschreibt den Abschied in ihrem Erinnerungsbuch „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“.

Vorhergesagt worden war der Reichstagsbrand von Erik Jan Hanussen. Der „Hellseher“ hatte das Übernatürliche zum erfolgreichen Geschäftsmodell gemacht. In seiner „bunten Wochenschau“, einer astrologischen Zeitschrift mit einer sagenhaften Auflage von 140 000 Exemplaren, schrieb er von einem bevorstehenden kommunistischen Anschlag. Als er am 26. Februar 1933 in der Lietzenburger Straße einen „Palast des Okkultismus“ eröffnete, orakelte er über einen Großbrand.

Hanussen hieß in Wirklichkeit Hermann Chajm Steinschneider, er war auch kein Däne – wie er behauptete –, sondern Österreicher und hatte seine Karriere als Zauberkünstler begonnen. Obwohl er Jude war, begeisterte er sich für Hitler. Hanussen/Steinschneider ist im März 1933 von einem SA-Kommando verhaftet und „auf der Flucht“ erschossen worden. Lion Feuchtwanger diente er als Vorbild für den Telepathen Oskar Lautensack in seinem Gesellschaftsroman „Die Brüder Lautersack“.

Die Verbindung von Esoterik, Verschwörungstheorien und Rechtsextremismus, wie sie sich bei der von der Initiative Querdenken 711 veranstaltete Berliner Corona-Demonstration zeigte, hat eine lange Tradition. Sie reicht mindestens ins 19. Jahrhundert zurück, im Kern handelt es sich bei dem ideologischen Amalgam um eine Gegenbewegung zur Moderne und ihren Zumutungen. Dabei flossen Heilserwartungen und Fortschrittsskepsis ineinander, immer schon ging es um alternative Wahrheiten. Auf komplizierte Fragen mussten einfache Antworten gefunden werden. Manchmal wurden sie auch von Toten gegeben, die bei spiritistischen Sitzungen zu reden begannen.

Esoterik, im Altgriechischen der Begriff für Innerlichkeit, bezeichnet einen anti-intellektuellen Weg zur Erkenntnis, der nur demjenigen zugänglich ist, der sich spirituell öffnet. Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, von dem Historiker Joachim Radkau „Zeitalter der Nervosität“ genannt, war eine Ära rasanten technischen Aufschwungs, boomender Industrialisierung und mäandernder Sinnsuche. Zwar waren Dampflok, Telegraf und das elektrische Licht erfunden worden. Doch was fehlte, war Orientierung.

 In seinem Roman „Der Zauberberg“ beschreibt Thomas Mann gleich zwei Wunder. Die in einem Schweizer Sanatorium versammelte Gesellschaft von Kranken und Genesenden lauscht staunend der aus einem Grammophon klingenden Musik, „es war ein strömendes Füllhorn heiteren und seelenschweren künstlerischen Genusses“.

Kurz danach werden tischerückend Geister angerufen. „Ist eine Intelligenz zugegen?“, wollen die Patienten wissen. Nach kurzem Zögern kippt das Glas auf dem Tisch, was heißt: Der Geist bejaht. Thomas Mann hatte selbst an einer spiritistischen Sitzung teilgenommen, bei der ein Taschentuch zum Schweben gebracht wurde. Eine Erfahrung, über die er später spottete.

Man mag den wilhelminischen Spuk für Hokuspokus halten, aber unterscheidet ihn wirklich so viel von den Methoden heutiger Kryptoaktivisten und Parawissenschaftler? „Mainstream“-Bezweifler erkennen in den Kondensstreifen von Flugzeugen („Chemtrails“) Bedrohungslagen oder besitzen Geheimwissen über unterirdische Menschenexperimente („QAnon“). Und ist tatsächlich sicher, dass die Erde eine Kugel ist und keine Scheibe? In den Tiefen des Internets lassen sich die wildesten Thesen finden.

 Esoterik ist eine Form der Gegenaufklärung. Sie unterliegt Moden, alles kehrt irgendwann wieder. Um 1900 war der Wunsch nach einem radikalen Neuanfang, nach Umdenken und Alternativen besonders groß. In der Lebensreformbewegung bündelten sich Sehnsüchte. Zu ihrem Symbol wurde der Monte Verità, Berg der Wahrheit, im Schweizer Kanton Tessin.

Dort trafen sich Pazifisten, Vegetarier, Aussteiger, Theosophen und Sonnenanbeter und schufen eine modellhafte, auf Partizipation und Gleichheit beruhende Kommune. Der Wunsch, zur Natur zurückzukehren, war groß. Nietzsche hatte in seinem Buch „Jenseits von Gut und Böse“ den „homo natura“ zum Vorbild ausgerufen.

Hermann Hesse kletterte nackt über Felsen, schlief in einer Holzhütte und ernährte sich von Beeren. Er hoffte, wie in seinem autobiografisch grundierten Roman „Peter Camenzind“ formuliert, „auf den Herzschlag der Erde zu hören, am Leben des Ganzen teilzunehmen“. Auch Erich Mühsam reiste an, sah sich aber von seiner Vision eines „großen sozialen Versuchs“ enttäuscht.

Den Ernährungsregeln widmete er ein Schmähgedicht: „Wir essen Salat, ja wir essen Salat / Und essen Gemüse von früh bis spat. / Auch Früchte gehören zu unsrer Diät./ Was sonst noch wächst, wird alles verschmäht.“

 Am Ende zerstritten sich die Gründer der Bergbehausung, wobei es auch um die Frage ging, wie sehr die Unterkunft kommerzialisiert werden solle. Doch die Ideen, die dort den Schritt von der Theorie in die Praxis schaffen sollten, leben weiter. Sie finden sich noch bei den Grünen, die sich 1980 in ihrem ersten Parteiprogramm gegen eine „eindimensionale Produktionssteigerungspolitik“ wandten und forderten, „uns selbst und unsere Umwelt als Teil der Natur zu begreifen“. Die Lebensreformbewegung, zu der auch Rudolf Steiners Anthroposophie gehört, verzweigte sich in sozialistische, anarchistische und völkische Stränge.

Verzicht zu üben, aufs Land zu ziehen und sich selbst zu ernähren, das blieb der Versuch, eine Utopie im Kleinen zu verwirklichen. Während der Weimarer Republik ließen sich mitunter linke gleich neben rechten Projekten nieder. „Heimland“ nannte sich eine völkische Siedlung bei Rheinsberg, ins Leben gerufen von einem antisemitischen Publizisten. Nur wenige Kilometer weiter bei Neuruppin orientierte sich die Handwerkerkommune Gildenhall an sowjetischen Wirtschaftsformen und der Bauhaus-Ästhetik.

War der Nationalsozialismus nicht auch eine anti-rationale Bewegung, vielleicht die größte, die Deutschland hervorgebracht hat? Ihre Ideologie entwickelte sich aus rassistischen, sozialdarwinistischen und pseudoreligiösen Versatzstücken. 1943 – dem letzten Jahr, aus dem gesicherte Zahlen vorliegen – hatte die NSDAP 7,7 Millionen Mitglieder.


Aus: "Esoterik und Extremismus: Geister, die sie rufen" Christian Schröder (02.09.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/esoterik-und-extremismus-geister-die-sie-rufen/26144918.html

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[...] Sie sprechen von "Menschlichkeit" und der "Harmonie des Universums", doch ihre Ideologie ist rassistisch. Sie halten sich für unpolitisch, aber bejubeln Holocaustleugner und besuchen Seminare von Rechtsextremen. Seit Monaten versuchen Anhänger der sogenannten "Anastasia-Bewegung", im Großraum Berlin Fuß zu fassen. An diesem Montag wollen sie sich auf einem Hof im Nordwesten Brandenburgs zur gemeinsamen Feier der Wintersonnenwende treffen.

Die Veranstaltung findet auf einem Hof bei Putlitz im Landkreis Prignitz statt. Organisiert wird sie von den Gründern des geheimen Telegram-Kanals „Familienlandsitz & Siedlungsforum“, in dem sich derzeit 3300 Anhänger vernetzen.

Bei der Anastasia-Bewegung handelt es sich um einen ökoesoterischen Kult, der Menschen verspricht, sie könnten übersinnliche Fähigkeiten wie Hellsicht und Telepathie erlangen, wenn sie nur als Selbstversorger in die Natur ziehen . Sektenbeauftragte und Experten warnen, die Bewegung sei eine "Rutschbahn in den Rechtsextremismus". Neugierige, die lediglich im Einklang mit der Natur leben wollten, würden mit Ideen der Rassenlehre und brauner Esoterik indoktriniert.

Geistiges Idol der Bewegung ist eine Romanfigur: eine junge Frau namens Anastasia, die angeblich  in der Wildnis Sibiriens lebt. Erschaffen wurde sie vom russischen Autor Wladimir Megre, 70.

Sehr aktiv in der Gruppe ist der Rechtsextremist Frank Willy Ludwig aus Liepe bei Eberswalde. Er berät und belehrt Neuankömmlinge im Forum, klärt über die Bedeutung von Runen und Hexagrammen auf, möchte nach eigener Auskunft mit seinen "Erfahrungen dienen". 

Frank Willy Ludwig sagt, sein Auftrag sei, „das arische Wissen in den Stämmen wieder zu erwecken“. Ludwig hält deutschlandweit Vorträge, in denen er etwa über die „Gesetze der Reinheit des Blutes“ spricht und erläutert, warum die Menschenrassen unter sich bleiben sollten: Mischlinge hätten das Problem, nicht zu wissen, zu welchen Ahnen sie Kontakt halten sollten.

Zudem besitze jede Rasse ihre „eigenen Wahrnehmungskanäle“. Arier hätten 16, Asiaten zwölf, Schwarze sechs.  Arier seien eigentlich Außerirdische und kämen vom Sternbild des Kleinen Wagens. Einmal sei versucht worden, „den Schwarzen ein Gewissen einzupflanzen“, doch dann habe „man gemerkt, an den Genen darf man nicht rumpfuschen“.

In der Telegram-Gruppe, die zur Feier am Montag einlädt, ist Ludwig eine Respektsperson.  Andere Mitglieder loben ihn für sein Wissen und seine Erklärkünste. Er selbst sieht sich als "göttliches Wesen bedingungsloser Liebe". Ludwig wirbt in der Gruppe auch für eine mehrtägige Reise nach Rügen, die er für Interessierte organisieren will. Dort könne er, gegen einen Unkostenbeitrag von 360 Euro, über wichtige Zusammenhänge aufklären.

In der Gruppe werden Tipps zur Verwendung von Heilkräutern geteilt, aber auch Holocaustleugner wie Ursula Haverbeck und Horst Mahler bejubelt. Nicht alle Forenteilnehmer haben die Anastasia-Bücher gelesen, einige wissen daher nichts von dem dort gepredigten Antisemitismus. Der Anastasia-Erfinder  Wladimir Megre schreibt  in einem Band etwa, Juden seien programmierte „Bio-Roboter“. Sie hätten „die Presse verschiedener Länder unter ihre Kontrolle gebracht“, die globalen Geldströme würden „zum größten Teil von Juden kontrolliert“. Seit Jahrtausenden versuchten sie, „mit allen Mitteln so viel Geld wie nur möglich in ihren Händen zu konzentrieren“.

Einer, der die Umtriebe der Anastasia-Bewegung seit längerem verfolgt, ist der FDP-Bundestagsabgeordnete Jürgen Martens. Im November hat er der Bundesregierung die Frage gestellt, ob die Anastasia-Bewegung inzwischen vom Bundesamt für Verfassungsschutz oder anderen Diensten beobachtet werde - und eine bemerkenswerte Auskunft erhalten.  Zum Beobachtungsstatus der Bewegung könne man keine Antwort geben, heißt es in der Antwort des Innenministeriums.  Und weiter: "Die angefragten Informationen sind so sensibel, dass auch die geringfügige Gefahr eines Bekanntwerdens nicht hingenommen werden kann."

Dies ist erstaunlich, denn erst im vergangenen Jahr hatte die Bundestagsabgeordnete Martina Renner (Linke) eine ähnliche Anfrage zur Anastasia-Bewegung gestellt. Damals wurde eine Beobachtung noch eindeutig ausgeschlossen.

Wo genau die Feier zur Wintersonnenwende stattfindet,  haben die Organisatoren lange geheim gehalten. Die exakten Koordinaten, die zu einem Hof am Rand  von Lütkendorf, einem Ortsteil der Stadt Putlitz, führen, wurden erst an diesem Wochenende verschickt. Ob der Betreiber der Hofs von der Gesinnung der Feiernden weiß, ist unklar. Für den Tagesspiegel war er am Sonntag nicht zu erreichen.

Dass die Feier wegen der hohen Infektionszahlen sowieso nicht stattfinden dürfte, ist den Anastasianern egal. Viele von ihnen leugnen die Existenz des Virus. Frank Willy Ludwig warnt allerdings davor, sich  auf Corona testen zu lassen. Diese Gelegenheit würde von den Herrschenden zur Zwangsimpfung genutzt.


Aus: "Rechte Öko-Sekte „Anastasia-Bewegung“: Wo die Anhänger der Rassenlehre am Lagerfeuer feiern" Sebastian Leber (20.12.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/rechte-oeko-sekte-anastasia-bewegung-wo-die-anhaenger-der-rassenlehre-am-lagerfeuer-feiern/26735250.html

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[...] Eine Mehrheit der AfD-Anhänger hält eine "Corona-Verschwörung" einer Umfrage zufolge mindestens für wahrscheinlich. In der von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung in Auftrag gegebenen Umfrage gaben 24 Prozent der AfD-Anhänger an, "es handele sich bei der Corona-Pandemie um eine Verschwörung zur Unterdrückung der Menschen", berichtete die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (FAS). Weitere 41 halten dies demnach für wahrscheinlich.

Auch jenseits der AfD finden sich Anhänger von Corona-Verschwörungstheorien. Jeder Elfte - neun Prozent - hält es für wahrscheinlich, dass die Pandemie nur ein Vorwand zur Unterdrückung der Menschen ist. Weitere fünf Prozent sind sich da sogar sicher. Nach Parteien unterschieden sind bei Anhängern von Union, SPD und Linken neun bis zwölf Prozent sicher oder halten es für wahrscheinlich, dass es sich bei der Pandemie um eine Unterdrückung handelt, so die "FAS".

Trotz dieser Zahlen hat der Glaube an eine Weltverschwörung insgesamt aber abgenommen, heißt es dem Bericht zufolge in der Studie weiter. Vor der Corona-Krise seien elf Prozent der Deutschen sicher gewesen, die Welt werde durch geheime Mächte gesteuert - nun sind es noch acht Prozent. Vor Corona hielten weitere 19 Prozent es für wahrscheinlich richtig, dass geheime Mächte die Welt steuern - jetzt seien es mit 16 Prozent ebenfalls weniger. Nur bei AfD-Anhängern sei der Glaube an eine Weltverschwörung weiter gestiegen.

Quelle: ntv.de, jhe/AFP


Aus: "Umfrage zu Verschwörungstheorien Viele AfD-Wähler halten Corona für Erfindung" (Sonntag, 20. Dezember 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/politik/Viele-AfD-Waehler-halten-Corona-fuer-Erfindung-article22247897.html
« Last Edit: December 20, 2020, 07:00:40 PM by Link »

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[Forschender Blick nach rechts... ]
« Reply #111 on: January 09, 2021, 12:43:07 PM »
Sturm auf das Kapitol in Washington 2021
https://de.wikipedia.org/wiki/Sturm_auf_das_Kapitol_in_Washington_2021

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[...] Es stimmt, man kann die politischen Dynamiken der USA nicht einfach gleichsetzen mit denen Europas. Das gilt besonders auch für die rechte und rechtsradikale Bewegung, die in den USA völlig anders gelagerte Traditionen und Einflüsse als ihre europäischen Pendants hat. Religion, Sozialstaat, Homosexualität – zu all dem sind die Positionen teils konträr. Und eine Figur wie Donald Trump wäre in Europa wohl ähnlich unvermittelbar wie Viktor Orbán in den USA.

Doch der Sturm auf das Washingtoner Kapitol ist auch keine bloße spezifisch US-amerikanische Angelegenheit. Die politische Verwüstung in den USA hat derselbe Sturm ausgelöst, der auch über Europa tobt.

Der Angriff gewaltbereiter Trump-Anhänger auf das US-Parlament am Mittwoch war der vorläufig markanteste Auftritt einer globalen Bewegung, die trotz des Personenkults um den US-Präsidenten auch dann weiter wachsen würde, wenn Donald Trump selbst beschließen sollte, seine Zukunft fortan dem Klimaschutz zu widmen. Trump hat nur geerntet und kultiviert, was nicht nur in den USA gärt, sondern seit Langem auch in vielen anderen Gesellschaften des weißen Westens von Erfolg zu Erfolg eilt.

Dort wie hier ist eine extreme Rechte am Werk, die sich in den vergangenen Jahren radikalisierte und militarisierte und die sich zugleich in einem beängstigenden Maße für eigentlich gemäßigte Milieus anschlussfähig gemacht hat. Diese Rechte wird, dort wie hier, viel zu oft legitimiert von opportunistischen, meist konservativen oder liberalen Politikern aus dem demokratischen Spektrum.

Der Unterschied zwischen US-Senatoren, die Trumps Lügen von der Wahlfälschung bestätigen und deutschen Politikern, die behaupten, in Deutschland herrsche keine echte Meinungsfreiheit – wie groß ist er? Beide bestätigen jedenfalls eine rechtsradikale Behauptung, die die Existenz demokratischer Zustände bestreitet. Und wo keine Demokratie ist, das erschließen sich viele selbst, existiert natürlich das Recht, eine herbeizuführen. Mit welchen Mitteln auch immer, gegen jeden Widerstand.

Das Ergebnis dieser Kernerzählung ist dort wie hier etwas, das auf das genaue Gegenteil von Demokratie hinausläuft: Ein Teil der gesellschaftlichen Mitte, geplagt von Abstiegsängsten, verärgert über die Mitspracheforderungen Marginalisierter, akzeptiert sogar im Angesicht einer tödlichen Pandemie inzwischen nahezu jede Erklärung zur politischen Lage, solange sie nur nicht aus dem sogenannten Establishment stammt. Sei es die pauschale Ablehnung von Corona-Schutzmaßnahmen, sei es die Behauptung, eine Bande von Kinderschändern dominiere die Welt und werde nur noch von Donald Trump davon abgehalten.

Geliefert werden ihnen solche Erklärungen in den USA wie auch in Europa von einer gut geölten Aufmerksamkeitsmaschine voller politischer Marktschreier, Sektenführer, D-Promis und Rechtsradikaler, die hier als Immobilienmogule auftreten, dort als biedere Beamte und Ökonomen, als Kabarettisten oder als Intellektuelle, in deren Drehbuch aber immer etwa das gleiche steht: Ihr, die schweigende weiße Mehrheit, könnt nicht auf den guten Willen eurer Unterdrücker hoffen. Ihr müsst euch euer Land zurückholen. Und dieses Drehbuch bestimmt mittlerweile einen bedeutsamen Teil des politischen Geschehens in vielen westlichen Gesellschaften.

Auch wenn sich jetzt viele rechtsradikale Politiker distanzieren: Was im Kapitol passierte, gehört zu diesem Drehbuch und ist eng verwandt mit dem, was Rechtsextreme und die mit ihnen alliierten Milieus in Deutschland seit einiger Zeit versuchen: Es sind symbolische Landnahmen, Machtdemonstrationen gegen Institutionen der Demokratie. Sie sollen die Fantasie vom nahenden Umsturz bebildern, sie sollen Drastik und Dringlichkeit erzeugen, wenn sie mit kitschigen Melodien untermalt bei YouTube ihre Likes holen.

Wir haben das am Reichstag gesehen, wo Rechtsradikale die Treppen zum Parlament stürmten und knapp davon abgehalten wurden, ähnliche Bilder wie in Washington zu produzieren. Auch in Leipzig, wo der gewalttätige Kern der Corona-Leugner die Polizei überrannte und sich den ungehinderten Zugang zur Innenstadt erzwang. Es geschieht aber auch in viel kleineren Kontexten, zum Beispiel jüngst bei den Corona-Protesten in Pößneck in Thüringen, wo es wenigen Dutzend Demonstranten gelang, die Polizei in die Defensive zu treiben.

Dass sich nun in Washington Abgeordnete und Medienvertreterinnen unter Tischen verstecken mussten, dass ein bewaffneter Mob die Treppen hochstürmte und die Türen eintrat, während das Parlament im Begriff war, die Korrektheit einer demokratischen Wahl zu zertifizieren, das war ein weiterer Meilenstein für diese Bewegung und ihre Sympathisanten  – ganz gleich, ob die nun vor einem Wohnwagen in Utah oder der Uckermark sitzen. Die Botschaft an all diese Anhänger ist wieder: Der Endkampf zwischen uns und der angeblichen Diktatur steht bevor. Macht euch bereit, wir können siegen.

Ja, sie spüren, dass sie siegen können. Sie spüren, dass sie Dinge bewirken, die sie vor Kurzem noch für unmöglich gehalten hätten. Sie fühlen wohl so etwas wie den wind of change. Solch ein erhabenes Gefühl lässt sich niemand kaputtmachen. Deshalb wird sich diese Bewegung nicht durch Kompromiss und Versöhnung eindämmen lassen, wie es vielen offenbar noch immer vorschwebt. Vom Freiheitskämpfer zum CDU-Wähler, diesen Weg werden nicht viele gehen, so oft konservative Hardliner ihnen auch das Wort reden. Warum sollten sie?

Das Beunruhigende sind nicht nur die Rechtsradikalen, sondern auch die, die sie gewähren lassen, hier wie in den USA. Der Autoritarismus, das lehrt auch die Geschichte, braucht nicht unbedingt Mehrheiten, um die Macht zu erhalten oder auszubauen. Was er braucht, ist Angst unter seinen Gegnern. Hilfreich ist auch ein sich in der neutralen Mitte ausbreitendes Gefühl, dass seine Machtübernahme auf kurz oder lang unvermeidlich ist und dann von Dauer ist. Und er braucht Sicherheitsorgane, die bereit sind, im Ernstfall mit ihm die Verfassung zu beugen. Und da sind wir beim nächsten Problem.

Der Überfall auf das Kapitol war auch in dieser Hinsicht ein Fanal. Er hätte ja durchaus auch zu einer demoralisierenden Veranstaltung werden können. Dann nämlich, wenn der Staat auf eine Art und Weise durchgegriffen hätte, die die Gewalttäter eingeschüchtert oder gar gedemütigt hätte. Wenn Bilder von auf den Boden gefesselten oder flüchtenden Trump-Anhängern um die Welt gegangen wären. Wir erinnern uns an die Bilder vom Sommer, als der US-Präsident skandalöserweise friedliche Black-Lives-Matter-Demonstranten verprügeln und vertreiben ließ, um sich vor einer Kirche mit einer Bibel zeigen zu können.

Dieses Mal, im Angesicht gewalttätiger rechter Möchtergernputschisten, war wenig von einer hochmilitarisierten und -motivierten Polizei zu sehen. Die Sicherheitskräfte waren nicht nur grotesk unvorbereitet. Sie gingen auch mit einer Milde vor, die auffiel. Die Bilder der Gewalttäter, die nicht in Handschellen abgeführt, sondern freundlich aus dem Gebäude heraus begleitet wurden oder Angreifern, die Selfies machten mit Polizisten, sind eine zweite Botschaft der Rechtsradikalen. Sie geht an ihre Gegner und lautet: Seid ihr sicher, dass euch die Polizei schützen wird, wenn es ernst wird?

Auch hier lässt sich eine Parallele zwischen den USA und Europa ziehen. Die Sicherheitsorgane, die Armeen, die Geheimdienste, die Polizeien sind, seien wir ehrlich, bisher höchst eingeschränkt hilfreich im Umgang mit der autoritären Welle. In Deutschland sind die vielen Geschichten von verschwundener Munition, geheimen Prepper-Netzwerken und rassistischen WhatsApp-Gruppen Anlass zu höchster Sorge. Und Washington hat auf beunruhigend deutliche Weise gezeigt, wie nahe die Rechtsradikalen ihren Umsturzfantasien kommen können, wenn die Polizei nur einfach nicht konsequent gegen sie vorgeht.

Natürlich gibt es auch Hoffnung. Sie zeigte sich genau an jenem schrecklichen Tag von Washington. Es war die Nachricht, dass der jahrzehntelang republikanisch regierte US-Bundesstaat Georgia nach der Wahl Joe Bidens im November zwei weitere Male demokratisch gewählt und so dem neuen Präsidenten eine Mehrheit im Senat verschafft hat.

Die tiefere Bedeutung dieser Nachricht geht weit über den Mehrheitswechsel im Senat hinaus. Der Sieg in Georgia war nämlich vor allem deswegen möglich, weil die schwarze Demokratin Stacey Abrams und ihre Anhänger dort mit ihrer Initiative seit Jahren unter den Schwarzen mobilisiert hatte, denen dort schon immer das Wählen besonders schwer gemacht wurde.

Man darf das nicht vergessen: So furchterregend und machtvoll die Nationalautoritären wirken mögen – sie sind eine Minderheit und sie kommen aus der Defensive. Sie fürchten Gesellschaften, in denen die bisher Marginalisierten gleichberechtigt mitreden dürfen. Sie wissen, dass sie vor allem dann eine Chance haben, wenn jene Menschen, die betroffen sind von ihrem Rassismus, nicht gehört werden, nicht wählen und sich nicht politisch beteiligen. Tun sie es doch, wendet sich das Blatt, in den USA wie in Europa.

Das ist die Möglichkeit, den rechtsradikalen Vormarsch zu beenden: eine offenere Gesellschaft, die nicht ständig auf das rechte Geschrei hört, sondern wirklich daran arbeitet, allen Teilhabe zu ermöglichen. Die Demokratie selbst, in ihrem eigentlichen Sinne, als Beschützerin aller Minderheiten, ist das beste Rezept gegen das, was jetzt in Washington geschehen ist. Dort wie hier.


Aus: "Rechtsextremismus: Es geht nicht um Donald Trump" Ein Kommentar von Christian Bangel (9. Januar 2021)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2021-01/rechtsextremismus-globale-bewegung-angriff-us-kapitol-washington-faschismus/komplettansicht

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roterdrachen #71

"Es geht nicht um Donald Trump."

Ja und nein. D.T. hat jetzt in den letzten ca.5 Jahren überall auf der Welt und mit viel Medienaufmerksamkeit als "negativ" Role-Model gezeigt, wie er und seine Truppe systematisch demokratische Normen zerlegt. ...


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Magermilchbande #46

Es sind die Methoden, die bereits vor hundert Jahren Gesellschaften in Diktaturen getrieben hat. Genau darum müssen wir um eine freie Gesellschaft kämpfen, die alle Bürgern teilhaben lässt. Das Geschrei aus der rechten Ecke wird dann keine Opportunisten mehr anziehen. Ich bekomme den Vergleich nicht aus dem Kopf, dass der gewaltsame Marsch in den USA genauso zur Legendenbildung genutzt wird wie der Marsch auf die Feldherrenhalle oder schlimmer noch, die Dolchstoßlüge. Diese Dinge wirken über Generationen nach, noch heute höre ich in Gesprächen, dass das deutsche Militär 'im Feld ungeschlagen' gewesen sei.


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Alexander Leister #34

Die Rattenfängerei vieler Parteien konnte ich noch nie nachvollziehen. Wer erst einmal so weit abgedriftet ist, dass er an QAnon und Co. glaubt und auf den Quarkdenker-Demos mitläuft, den kriegt man nicht mehr als "normalen" Wähler zurück. Es muss bei diesen Leuten, salopp gesagt, immer erst "einen Schlag tun", damit die (wieder) mit dem Nachdenken anfangen und evtl. wieder zurück finden. Sieht man ja auch an vielen Aussteigern im rechtsradikalen Milieu. Sicher, damit Leute so werden ist vorher schon einiges falsch gelaufen, da muss man ran. ...


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DoubleUD #77

Ursachenbekämpfung und nicht nur an den ansetzen Symptomen anzusetzen, wäre mMn. mal eine interessante Gangart. Ungleichheit und mangelnde Bereitschaft sich den wahren eigenen Ängsten zu stellen, sorgen für das Chaos dessen Erscheinungsilder sich in Rassismus, Gewalt und den Ruf nach starken Männern an der Spitze äußern. Das Bedürfnis das Capitol zu erstürmen steht für einen kurzen Moment der Überwindung der eigenen Ohnmacht. Warum ist das Vertrauen dieser Leute in die gegebene Ordnung nicht existent? Arm wird gegen noch Ärmer ausgespielt.

Die Medien reagieren seit jahren reflexartig auf jeden neuen Nonsensschafelnden Demagogen und bieten ihm eine Bühne. Reichweitengenerierung und Wettbewerbsfähig bleiben wird größer geschrieben als neutrale und aufklärende Berichterstattung und Rückkopplungseffekte die sich aufgrund der immer schneller und unübersichtlicher werdenenden Informationsdichte verstärken. Die selben Medien die Trump verdammen haben ihn zuvor groß gemacht.

Es ist einfach auf Rednecks und Nazis als Störenfriede und Außenseiter zu blicken die sich böswillig nicht in die Gesellschaft integrieren möchten. Ich blicke auf arme, verängstige Menschen.
Die Digitalisierung in Verbindung mit Corona katylysiert und beschleunigt Prozesse die schon vorher statgefunden haben und legt deutlich offen und was für einer Welt wir uns eigentlich befinden.

Es bleibt der Wunsch für mehr Nachhaltigkeit, Vernunft und Emphatie im Sinne unserer Nachfolgegenerationen.


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klaurot #26

Der Mob, der das Kapitol angriff, ist Teil einer globalen Bewegung, die ihn überleben wird, in den USA wie hier. * Man kennt das: Wenn das Establishment versagt, übernimmt der Mob. Vielleicht sollte sich das Establishment mal an die eigene Nase fassen. ...


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Parviflorum #31

Das ist die amerikanische Demokratie und dieser "Mob" ist ganz klar ein Teil des Volkes. Man wanderte in die USA aus, um seinen speziellen Glaubensvorlieben huldigen zu können. Dieser Mob ist nur eine andere Variante von Diversität. Man sollte sich nicht einen Teil der Diversität herauspicken (ihn auch noch passend verformen) und dann glauben, das wär's.

Trump hat allerdings einen wesentlichen Anteil an den Vorkommnissen im Kapitol. Hätte er seine Abwahl akzeptiert, wäre dort nichts gewesen. Doch dass so viele Menschen überhaupt bereit für den Glauben sind, die Wahl könne ein Betrug gewesen sein, hat nichts mit Trump zu tun und wird auch nicht mit ihm verschwinden. Das ist dies Misstrauen in die Herrschaft, in die "Eliten". Es hat nichts mit Bildung zu tun und es ist durchaus denkbar, dass dieses Misstrauen noch erheblich zunehmen wird. Die einzig sinnvolle Reaktion darauf ist meines Erachtens mehr Demokratie und mehr Transparenz.


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MagMag #13

Es geht sehr wohl um Donald Trump. Er ist es, der die Menschen in Amerika 4 Jahre lang gegen das System aufgehetzt hat. Der Hass verbreitet hat, die die Menschen dazu aufgerufen hat, das Kapitol mit Gewalt zu stürmen.

Dass diese Menschen auch nach einer Verurteilung Trumps weiterhin extremisten bleiben, ist klar. Dass sie weiterhin versuchen werden, das System gewalttätig zu bekämpfen ebenfalls. Aber Einfach zu behaupten, dass es nicht um Trump ginge, es absolut falsch. Trump hat all diesen Hass und die Verachtung für die Demokratie gefördert, genährt und vorangetrieben. ...


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Lord Schelmchen #16

Das war ein Warnschuss, der weltweit gehört wurde. Man kann schon den Eindruck haben, dass über die Jahrzehnte Linke verteufelt und Rechte verharmlost wurden. Ich denke, mit der Verharmlosung der Rechten ist es vorerst einmal vorbei. Ein Effekt, der so von den Aufwieglern vermutlich nicht gedacht war.


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vincentvision #19

Es ist überall dasselbe: Die Abgehängten, oder noch schlimmer: die gefühlt Abgehängten rebellieren.

Sie sitzen nicht in den glitzernden Hotspots der Metropolen, deren Zerrbilder ihnen 24/7 in allen Breitband-Medien vorgeführt werden.
Sie sitzen in Mittelengland, im mittleren Westen der USA, in Anatolien oder in Chemnitz.
Sie sitzen in der Provinz ihrer Länder, voller Ungewissheit und voller Ängste, dem 21. Jahrhundert und seiner globalisierten Schnelligkeit nicht mehr genügen zu können.
Und dann kommen sie - die Johnsons, die Trumps, Erdogans, Meuthens und Salvinis.
Sie stoßen erbarmungslos in das Vakuum aus Sorgen, aus Überdosis an Informationen und Verunsicherung.
Und liefern - vereinfachte Lösungen, Fremdenfeindlichkeit, Abschottung, Land xy zuerst, Parolen und Sündenböcke.
Und hetzen - gegen Fremde, Bedürftige, alles Etablierte und deren Berichterstatter.
Und ihre Alternativen sind keine Alternativen, weil auch sie keine Zeitmaschine haben.
Aber sie haben polternde Parolen, zu simple Ideen für zu simple Geister, rhetorische Taschenspielertricks und die nötige Skrupellosigkeit, ihr Volk damit zu missbrauchen.
Es ist überall dasselbe: Sie verarschen ihr Land, seine Menschen und hinterlassen zerrüttete Demokratien und zerstörte Werte. ...


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Marillengeist #39

"Das Beunruhigende sind nicht nur die Rechtsradikalen, sondern auch die, die sie gewähren lassen, hier wie in den USA."

Beunruhigend sind auch die, die im Hintergrund agieren und alles finanzieren, zB die Geldgeber einer Plattform wie Parler. Wie hieß sie doch gleich? Rebekah Mercer. Das sind keine Underdogs, die in Wohnwagen leben und keine Zuhause haben. Ganz im Gegenteil!


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umbhaki #39.1

>Das sind keine Underdogs, die in Wohnwagen leben und kein Zuhause haben. Ganz im Gegenteil!

Richtig! Das ist tatsächlich etwas, das im Artikel unerwähnt bleibt.
Der Mob, das sind diejenigen, die sich bedroht und auf dem absteigenden Ast sitzend empfinden (oft durchaus zu Recht). Die veranstalten die offensichtlichen Schweinereien.
Sie werden aber unterstützt, im Sinne von benutzt, von Leuten, die im Hintergrund strategisch wirken. Sie erwähnen Rebekah Mercer, spontan fallen mir dazu noch die Koch-Brüder ein. Es wird weitere geben.
In Europa läuft das wohl kaum anders: Wir wissen von „dubiosen“, also der Herkunft nach verschleierten, Spenden an die AfD und ahnen, dass der Sumpf wohl viel größer ist als uns bekannt, und dass er nicht nur die AfD betrifft. Jüngst wies Herr Röttgen, ein maßgeblicher Außenpolitiker der CDU, im Fernsehen darauf hin, dass seine Partei den US-Reps näher stehe als dem Dems. Jener Partei also, die in den USA über Wahlbetrug schreit, während sie ihn selbst extensiv begeht („Gerrymandering“, Ignorieren von Wahlberechtigungsscheinen Farbiger, Abschaffung von Wahllokalen in demokratieverdächtigen Orten).


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EinFriese #57

Ein wesentlicher Unterschied zwischen den USA und Deutschland übersieht der Kommentar: Deutschland ist schon einmal und zwar schon vor der Machtergreifung der Nazis (Straßenschlachten, Ausschaltung der Legislative durch Notverordnungen, Preußenschlag) an einem viel schlimmeren Punkt als die USA angelangt und hat daraus die Lehren gezogen.
In den USA gibt es die Doktrin der "clear and present danger", die zwar Exekutive und Legislative weitreichende Vollmachten gibt, auf der anderen Seite nicht den Anfängen wehren kann.
Das Konzept der freiheitlichen demokratischen Grundordnung und seine Bewehrung in Art. 9 Abs. 2, 18 und 21 Abs. 2-4 Grundgesetz ist da deutlich robuster ausgelegt und die Demokratie muss nicht untätig warten, bis eine echte Gefahr entstanden ist.
Die letzte wesentliche Verfassungsreform in den USA fand 1920 statt (Wahlrecht für Frauen), die letzte, die den Aufbau der Verfassungsorgane betraf, sogar schon 1913 (Direktwahl der Senatoren). ...


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Moralaposteln #65

Das nennt man Faschismus und ist dem Kapitalismus immanent! Leider trauen sich das unsere bürgerlichen Journalisten nicht zu auszusprechen, oder sie checken es wirklich nicht. ...


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Ludwig van Wegen #70

Hier haben Bild und Co. jahrzehntelang die Grundlagen bereitet. Mit den neuen medialen Gegebenheiten hat sich lediglich verselbstständigt.


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KopfGeist #78

Gefährlich wird es, wenn diese Leute irgendwann in der Zukunft von einem fähigen Menschen angeführt / angestachelt werden und nicht von einem instabilen Trump.

Genährt wird der Boden aber durch gut organisierten Leute im Hintergrund wie den Mercers (Cambridge Analytica und Parler), den Koch Brüdern und Murdoch. Bewegungen wie QAnon sind ein perfekten Vehikel für diese Menschen.

Diese Leute haben es geschafft Fakten als Fake News zu deklarieren und echte Quellen als Fake News. Wir brauchen dringend(!) ein Pflichtschulfach Medienkunde, damit unsere Kinder von klein auf lernen wie man mit Informationen umgeht.


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