Author Topic: [Einzelne ausgewählte Blogbeiträge ... ]  (Read 936 times)

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[Einzelne ausgewählte Blogbeiträge ... ]
« on: January 26, 2019, 04:50:03 PM »
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[...] Der Istanbul-Grill ist eine deutsche Insel.

Manchmal hat man zwischen zwei Terminen noch Zeit. Zu wenig Zeit, noch einmal in den Vorort im Berliner Südwesten zu fahren und zu viel Zeit um schon am verabredeten Ort zu sein. So ging es mir anderntags. Ich stand auf einmal unversehens auf einer fürchterlich öden Berliner Straße. Nagelstudios, eine Aral-Tankstelle, eine Anwaltskanzlei für Familienrecht mit verstaubten Teddybären im Fenster. Wohnhäuser, auf der Straße rauschender Autoverkehr. Eine Seniorenresidenz. Vor dem Eingang rauchen die Pfleger und die Bewohner. Kein Café, außer einer Bar, die ist geschlossen. An der Ecke aber ist ein türkischer Imbiss. Istanbul-Grill, geöffnet ab 9.30 Uhr. Es war elf Uhr.

„Ayran und einen Pfefferminztee, bitte“ sage ich. Der Mann hinter dem Tresen nickt. „Für hier?“. „Für hier“ sage ich und setze mich in eine Ecke, in die ein bisschen Sonne fällt. Ein Fernseher über der Theke. Die Sängerin singt von der Liebe. Bilder von Beirut. Der Mann, der Ayran und Tee bringt, seufzt. Beirut?, frage ich. „Ja“, sagt er. „Rabat?“, fragt er mich. „Fast“, sage ich. Aber die gleiche Sprache sprechen wir doch. „Istanbul-Grill?“, frage ich. „Vor zwei Jahren ist der Inhaber zurück in die Türkei. Izmir. Ruhestand. Istanbul liegt am Meer. Beirut liegt auch am Meer. Das passt schon. Ich lache. Er lacht. Ein offenes Lachen. „Schon lange in Berlin?“, fragt er mich. Ich schüttle den Kopf. „Nur noch gelegenheitshalber.“ Der Mann nickt. Wir sprechen über Beirut, Berlin, Hundescheiße auf dem Gehweg, den langen Winter, den besten Wochenmarkt und er sagt: Karim. Ich sage: Read On.

Dann muss der Mann zurück hinter die Theke. Eine Gruppe von Bauarbeitern kommt in den Istanbul-Grill. Es sind Polen. Der älteste der Bauarbeiter hat schon graue Haare und einen Stoppelbart, der Jüngste sieht aus, als wäre er gestern noch in der Schule gewesen. Vielleicht ist das so. Fünf Döner-Teller mit allem. Das müssen sie nicht sagen. Sie setzen sich hin. Der Mann hinter der Theke begrüßt die Männer mit Namen. Schön dich zu sehen: Piotr, Pavel, Matheusz,Jakub,Radek.

Sie nicken und vor dem Döner-Teller kommt eine Suppe. Der Mann hinter der Theke, fragt nach der Baustelle und dem Rücken des ältesten Mannes der Runde. „Schwer heben, nicht gut“ sagt er. Die Bauarbeiter sagen: Ja, aber immer alles schnell, schnell.“ Alle seufzen und dann essen sie.

„Sie sind wie Familie“, sagt Karim hinter der Theke zu mir und bringt noch einen Tee.

Erst dann fällt mir auf, dass der Istanbul-Grill viel mehr Besucher hat als ich erst dachte.

Am Tisch mir gegenüber hält sich ein Mann an einem Bierglas fest. Er trägt eine speckige Lederweste und zu seinen Füßen stehen vier Plastiktüten. Ungekämmtes Haar, eine alte Baseballkappe vor ihm auf dem Tisch. Seine Turnschuhe haben keine Schnürsenkel mehr, sondern sind mit Paketklebeband zusammengehalten. Er bekommt auch eine Suppe wie die Bauarbeiter. Er sitzt tiefgebeugt über der Suppe und schlürft. Statt einer Serviette behilft er sich mit dem Ärmel. Der Mann wäre in keinem Restaurant, keinem Café willkommen, für Männer wie ihn gibt es die Bahnhofsmission, wir wollen lieber nicht neben ihnen sitzen und dann gibt es denn Grill-Istanbul. Ein Bier, welches der Mann in 5 Cent Stücken bezahlt und eine Suppe, die auf keiner Rechnung auftaucht. Der Karim, der macht ne richtig gute Suppe wie bei Muttern ruft der Mann.

Hinter dem Mann mit der Suppe sitzt eine grell geschminkte Frau, sie trinkt Kaffee und liest in der Hörzu. Sie sieht immer wieder auf ein Telefon vor ihr auf dem Tisch. Aber das Telefon klingelt nicht. Schließlich wählt sie eine Nummer und dann ruft sie dreimal: Scheiße, Scheiße, Scheiße. Sie stopft die Hörzu in die Tasche und Karim sagt: „Stress zu Hause?“ Die Frau nickt. „Große Scheiße“ sagt sie. Der Bert ist mit den ganzen Möbeln einfach weg. Dann geht sie geschlagen nach draußen.

Karim räumt die Kaffeetasse ab.

Links von der Theke wo Börek mit Hack und Spinat und Käse und kleingeschnittenes Gemüse liegt, da sitzt ein Mann, vielleicht Mitte 40. In einer Tasche hat er Hemden aus der Reinigung, 10 Hemde für 12 Euro oder so. Vielleicht hat er seinen Job verloren, dann die Frau, dann vielleicht das Haus, vielleicht hat er nur noch ein bedsit, keine richtige Wohnung mehr. Die Kinder schämen sich. Er ist einen Döner, hastig und hungrig, vielleicht ist das die warme Mahlzeit am Tag.

Dann kommen zwei Männer und zwei Frauen aus dem Seniorenheim in den Istanbul-Grill. Einen der Männer habe ich rauchen sehen vor der Tür. Er hat eine Sauerstoffflasche dabei, er hustet, ein angestrengtes Husten, ein Husten der schlimmer wird, aber der Mann strahlt. „Hallo Karim“. Karim kommt und sagt: Hallo Heinz.“ Die zwei Männer und zwei Frauen setzen sich an ihren Tisch. Karim bringt Bier, Kaffee und Saft. Prosit, ruft Heinz und dann bringt Karim ein Brettspiel: Mensch Ärgere Dich nicht und schon würfeln Heinz und seine Freunde und für einen Moment ist die Seniorenresidenz gegenüber ganz weit weg, ist der Istanbul-Grill ein Restaurant mit Meerblick und Zeitvertreib. Zwei Mädchen kommen herein. Mädchen, die Jacqueline und Tiffany heißen und eine Handvoll Kleingeld haben. „Reicht das für zwei Eis?“

Ihre Mutter raucht vor der Tür.

Die Mädchen bekommen Eiscreme, aber gleichzeitig Nachhilfe in Mathematik, Wertschätzung und dieses Strahlen, das Karim hat für die Menschen, die im Feuilleton gesellschaftliche Verlierer oder Transferempfänger heißen.

Der Istanbul-Grill ist ein Gemälde von Otto Dix. Hier setzen die Trinker, die Obdachlosen, die noch nicht ganz Obdachlosen, die Gelegenheitsarbeiter, die Zugehfrauen zwischen zwei Wohnungen, die Bauarbeiter, die Menschen, die nicht weiter wissen, denen die Tage zu lang sind, die aufgegeben haben, die Alten zu denen vielleicht an Weihnachten noch einmal Besuch kommt, aber sonst nicht mehr. Hier sitzen die Anderen. Der Istanbul-Grill und es gibt viele von ihnen, ist Sozialamt, erste Hilfe, Familienersatz, ist Wärme und nicht nur die wärmende Suppe. Der Istanbul-Grill holt Leute von der Straße, fragt nicht, verachtet nicht, schenkt Tee nach. Im Istanbul-Grill kann man anschreiben und man kann seine Plastiktüten später abholen und dann liegt ganz oben ein Döner mit allem in Silberpapier. Der Istanbul-Grill ist Heimat, Wohnzimmer, der letzte Anker und die stete Vergewisserung: „Hallo, gut dich zu sehen.“ Das hören die Gäste sonst wohl schon seit Jahren nicht mehr.

Dann aber muss ich gehen. „Danke, sage ich und Karim sagt: „Ich hoffe man sieht sich wieder.“ Ich nicke. Danke, sage ich noch einmal und ich denke, es wäre doch an der Zeit öfter Danke zu sagen, dafür, dass so viele, die wir vergessen im Grill Istanbul willkommen und aufgehoben sind. Ihre Geschichten, die von Karim aus Beirut, dem Inhaber des Istanbul-Grills werden nicht erzählt, oder nur sehr selten, wenn wir darüber sprechen, was Deutschland prägt, aber ohne sie, ohne ihre Fähigkeit den Menschen die es am nötigsten haben, die Hand hinzuhalten, wäre Deutschland ein viel, viel ärmeres Land.

Karim bringt mir Baklava.

Ich will Trinkgeld geben.

Aber Karim hat das Wort auf Deutsch noch nie gehört.

Wir streiten natürlich darum, ob er es annehmen will.

Für den nächsten Gast, sage ich schließlich.

Wir lachen.

Salam aleikum, Karim.

Der Karim ist ein Mensch, sagte der Mann mit dem Bierglas und der Suppe und den vielen Plastiktüten. Ein richtiger Mensch.


Aus: "Der Istanbul-Grill ist eine deutsche Insel." Read on (Mai 25, 2018)
Quelle: https://readonmydear.com/2018/05/25/der-istanbul-grill-ist-eine-deutsche-insel/

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[...] Die Kurve hinter der das ‚christlich-jüdische‘ Abendland liegt.

Das Kloster Seeon ist 660 Kilometer von Berlin entfernt und doch mag es gut sein, dass wenn ich aufstehe, auch im Kloster Seeon, wo die CSU dieser Tage beisammen ist, schon Kaffee getrunken wird und die Schlipse gebunden werden . Aber ich fahre wie so oft an diesem Samstag früh auf den Markt, denn Herr Yilmaz bei dem Gemüse einhole, kann auch nicht schlafen. Ich kaufe also Mohrrüben, Blumenkohl und bei Herrn Yilmaz schöner Frau kaufe ich Maultaschen, denn der Mensch soll eine Brühe haben.

Herr Yilmaz fragt: Na Fräulein Read On, immer noch Karten für Deniz Yücel. „Ja, sage ich Herr Yilmaz, heute wird es Karte 295.“ Herr Yilmaz schüttelt den Kopf und stößt Flüche aus, die hier nur auf Grund des Anstandes und der Sittlichkeit nicht wiederholt sein sollen. Aber länger kann ich mit Herrn Yilmaz nicht ratschen, obwohl ich das gern tue. Denn mir sind ja noch, vielleicht gehen Sie, die Mitglieder des CSU-Parteitages gerade zum Frühstück herunter, ihre Worte im Ohr, die sich so vernimmt man auch im fernen Berlin in einem Positionspapier finden und dort heißt so schrecklich schön, denn Deutsch ist eine schrecklich schöne Sprache: „neben unserer Liebe zur deutschen Heimat gilt es die christlich-jüdische Tradition des Abendlandes zu bewahren.“ Während ich also meine Einkäufe im Fahrradkorb verstaue, da erinnere ich mich an etwas- das werte CSU-Mitglieder ist die jüdische Krankheit, wenn die deutsche Krankheit, niedriger Blutdruck ist, so ist die jüdische Krankheit immer das Gedächtnis gewesen. Herr Yilmaz aber lässt mich nicht gehen ohne mir noch eine Ananas zuzustecken und fragt: Sie sind aber eilig Fräulein Read-On?“ Ich nicke durchaus betrübt, „ich will sage ich zu ihm, noch auf einem Sprung dort vorbeisehen, wo das jüdisch-christliche Abendland begraben liegt.“ Herr Yilmaz nickt. „Ach Fräulein Read On.“

Ist man nämlich schon auf dem Markt im Berliner Südwesten, ist es nicht mehr weit bis zum Grunewald und ob Sie im Kloster Seeon auf Tannen blicken, weiß ich nicht, aber hier auf der stillen Straße, da ist der Wald so dicht, wie im schönen Bayern. Damals ich lebte fern von Europa und besuchte nur in den Ferien meine Großmutter in Deutschland, da fuhr sie mit mir in den Grunewald. Denn Sie müssen wissen, werte Damen und Herren der CSU, meine Großmutter war die Tochter des patriotischsten der deutschen Juden, den sie sich vorstellen können und meine Großmutter wurde im gleichen Jahr geboren, da war Walther Rathenau Außenminister des Deutschen Reiches. Meinem Urgroßvater erschien dies als besonders glückliche Fügung. „Wenn ein Jude, Außenminister ist, sagte er dann können auch die Töchter der deutschen Juden alles werden“ und so schwor mein Urgroßvater seine fünf Töchter auf ein Studium ein. Nur meine Großmutter kam aus Auschwitz zurück, das nämlich war das Resultat des christlich-jüdischen Abendlandes unter deutscher Ägide, dessen Enkeltochter ich nun einmal bin.

Aber als ich ein Kind war, das ist jetzt auch schon lange her, da war Walther Rathenau noch immer der Säulenheilige unserer Familie. Meine Großeltern machten niemals das Licht an ohne mit Bewunderung auszurufen: „Dank der AEG.“, denn wie Sie sicher wissen, hat der deutsche Jude Emil Rathenau und dann sein Sohn, Deutschland elektrifiziert und niemand, wirklich niemand in meiner Familie mochte sich darüber beruhigen, dass es ein deutscher Jude war, der den Deutschen ein Licht aufgehen ließ. Walther Rathenau war im Bücherregal meiner Großeltern ein eigenes Fach reserviert, und natürlich hing auch ein Rathenau Bild in der Wohnung und so habe auch ich Bitterfeld niemals allein mit der DDR-Industrie und ihren Umweltkatastrophen in Verbindung gebracht, sondern mit dem Seufzen meiner Großmutter: hier war Walther im Exil. Aber damals als wir in den Grunewald fuhren, da schwieg meine Großmutter und wir liefen ziemlich lang, die Straße hinunter, die auch ich mit dem Fahrrad heute Morgen entlangfuhr und wenn die Königsallee und die Erdener Straße sich kreuzen, eine weite Kurve ist an dieser Stelle, dann steht man dort wo das christliche-jüdische Abendland begraben liegt. Das christlich-jüdische Abendland kennt schöne Lieder und heute am Dreikönigstag, da kann man gut noch einmal singen: „Lasst uns froh und munter sein.“ Gesungen wurde auch ein anderes Lied zu dieser Melodie und die letzte Strophe, die ging so:

Auch Rathenau, der Walter,

Erreicht kein hohes Alter,

Knallt ab den Walther Rathenau

Die gottverfluchte Judensau!

Aber das erzählte mir meine Großmutter nicht, damals als ich ein Kind war, das kam erst später, aber als wir an der Ecke standen, der Straßenkreuzung, da erzählte sie mir wie der deutsche Patriot Walther Rathenau, ja, die Juden waren deutsche Patrioten auch wenn Ihre Partei die CSU nämlich, den Juden gern Frieden für ihre Heimat wünscht und damit niemals den Grunewald meint. Anders als der feige deutsche Hurra-Patriot nach verhandelte der Außenminister Rathenau nämlich den Versailler-Vertrag, wollte, dass Deutschland zurückkehrte an den Tisch der europäischen Politik. Altes Abendland Sie wissen schon, die feigen deutschen Generäle sangen lieber das Lied vom Soldatentod im grünen Gras und putzten ihre Orden, so unterschiedlich kann man Patriotismus leben. Walther Rathenau fuhr nach Rapallo und ließ sich demütigen für Deutschland. Er verhandelte mit den Briten, er fuhr nach London und Genua und in Deutschland, da sang man Weihnachtslieder und hasste den Juden Rathenau. Irgendwann fragte Walther Rathenau, wie wir alle an einem Punkt unseres Lebens uns fragen: „Warum hasst man mich eigentlich so furchtbar?“ Und man antwortete ihm: „Weil Sie Jude sind und ausschließlich deshalb. Sie sind die lebendige Widerlegung der antisemitischen Theorie von der Schädlichkeit des Judentums für Deutschland.“ Vielleicht lächelte Walther Rathenau, und am Morgen des 24 Junis 1922 wurde Walther Rathenau an der Straßenkreuzung an der ich stehe, von drei Mitgliedern der Operation Consul ermordet. Man schoss ihm in den Kopf, in den Rücken und in den Kiefer, gar nicht patriotisch, sondenr ziemlich abgeklärt mit einer Maschinenpistole und ein zweiter Attentäter, der warf eine Handgranate hinterher. Da steht man einem kühlen Januarmorgen und der Gedenkstein ist schmutzig und grau und dort in der Kurve, dort liegt das christlich-jüdische Abendland begraben, das so gern zitiert wird, aber dort hat man dem Juden in den Kopf geschossen, gut versteckt im dichten Gebüsch und das ist das christlich-jüdische Abendland gewesen und aller Sentimentalität, die die Juden meiner Familie hegten, so schluckten sie doch und wussten nicht weiter und meine Großmutter und ich brachten einmal im Jahr weiße Rosen. Dort liegt der Unterschied begraben zwischen jenen, die vom christlich-jüdischen Abendland schwärmen können und jenen, die auf der Straße verbluteten.

Die Operation Consul, eine Terrorgruppe lässt sich übrigens gut und gern jener von Armin Mohler geprägten Begrifflichkeit der „Konservativen Revolution“ zuordnen, die gerade bei ihnen Karriere macht, aber das christliche Abendland, das den Juden so gern in den Kopf schoss und schließlich ganz Europa judenrein machte, das muss nicht im Kloster Seeon verteidigt werden, denn das gibt es schon seit so vielen Jahrzehnten nicht mehr, es wird nie wieder kommen, es ist nur noch ein Stein an einer befahrenen Kreuzung davon übrig und seit 1922 hat es in Deutschland nie wieder einen jüdischen Außenminister gegeben.

Wenn Sie aber Zeit haben, dann gehen Sie doch die Königsallee noch einen Kilometer hinauf, da steht sie die Villa von Walther Rathenau, vor der ich mit meiner Großmutter stand und sie erzählte mir von jenem Mann, der einfach so beim Kaiser durch die Tür marschierte und niemals darüber hinweg kam, dass ein deutscher Jude nicht auch Offizier werden konnte. Ob Walther Rathenau vielleicht im Sommer einmal nach Kloster Seeon wanderte weiß ich nicht, aber in München kurz vor der Jahrhundertwende, da hörte er Vorlesungen in Maschinenbau, aber er träumte davon Maler zu werden. Sie werden verstehen, werte CSU-Klausurtagungsteilnehmer, jeder Patriot hat eine Schwäche und mein Urgroßvater, der preußischste unter ihnen, pfiff gern Liebeslieder, auch solche aus Frankreich.

Es lohnt sich manchmal an einer Kreuzung in Berlin-Grunewald zu verharren, in Gedanken oder auch ganz selbst, 660 Kilometer sind nicht wenig, aber man erzählt sich, es gäbe einen wirklich schnellen Zug von München nach Berlin.


Aus: "Die Kurve hinter der das christlich-jüdische‘ Abendland liegt" Read on (Januar 6, 2018)
Quelle: https://readonmydear.com/2018/01/06/die-kurve-hinter-der-das-christlich-juedische-abendland-liegt/

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Nachtrag: Jonas Leppin - Verifizierter Account @JoLepp (13:09 - 31. Mai 2019)
Mit einer erfundenen jüdischen Familiengeschichte hat die in Dublin lebende deutsche Historikerin Marie Sophie Hingst (@MlleReadOn) die Leser ihres Blogs "Read on my dear, read on" ... getäuscht.  ... Der Blog "Read on my dear, read on" wurde von der Autorin inzwischen offenbar gelöscht. ...
https://twitter.com/JoLepp/status/1134552533458927616

Nachtrag #2
Tagebuch Freitag, 31. Mai 2019 – Was man glauben möchte
Hingsts Blog war seit Jahren auf meinem Radar; ich stolperte irgendwann darüber, als sie noch auf Englisch schrieb, dann wechselte sie zu Deutsch, woraufhin mehrere Leute in meiner Timeline oder meiner Blogblase sie häufiger zu lesen und zu verlinken schienen. ... Es macht einen Unterschied, ob man sich eine evangelische oder eine jüdische Großmutter erfindet. Es macht einen Unterschied, ob man sich eine Opferperspektive und damit eine Deutungshoheit aneignet, die man schlicht nicht hat. Es macht einen Unterschied, ob man Lesern und Leserinnen vortäuscht, ein Leben zu führen, das nicht existiert oder es von vornherein als ein literarisches Experiment aufzieht und kenntlich macht. Wenn Hingst das getan hätte, hätte es vermutlich öfter Kommentare gegeben, die genau diese Opferperspektive latent geschmacklos gefunden hätten, ähnlich wie bei Würgers Roman Stella, bei dem die Perspektive ähnlich war. ...
https://ankegroener.de/blog/?p=31942

Nachtrag #3
Klaus Graf (1. Juni 2019): "Die Causa Hingst – Fragen und erste Antworten zu einem Skandal der Blogosphäre" [Dieser Beitrag versucht, eine sachliche, differenzierte Auseinandersetzung anzustoßen.] | https://archivalia.hypotheses.org/99981

Nachtrag #4:

"The life and tragic death of Trinity graduate and writer Sophie Hingst" Derek Scally (Jul 27, 2019)
https://www.irishtimes.com/news/world/europe/the-life-and-tragic-death-of-trinity-graduate-and-writer-sophie-hingst-1.3967259

https://www.tagesspiegel.de/kultur/bloggerin-marie-sophie-hingst-sie-glaubte-ihre-eigenen-luegen/24845010.html

« Last Edit: July 27, 2019, 11:48:56 PM by Link »

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« Reply #1 on: July 17, 2019, 09:33:17 AM »
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[...] Natürlich gibt es große, Generationen  übergreifende Trends, aus denen man seine biografische Agenda bezieht- oder man stellt sich gerade in den Gegensatz zu ihnen, und definiert sich im Widerspruch zu diesen Trends. Bei mir war es, was die anthroposophische Agenda betrifft, sicherlich ein Mix von beidem: Einerseits entsprang das Zündende daran dem Zeittrend, der (in den 70ern des letzten Jahrhunderts) eine Mischung von Hippie- Kultur, Spiritualität, steppenwölfischer Wahrheitssuche darstellte - eine romantische Wendung hin zum „Ewigen in mir“ und in der Natur; andererseits markierte das trotzige Statement „Ja, ich bin Anthroposoph“ in der kleinstädtisch- katholisch geprägten Umgebung und ihren Arbeitsplätzen einen Standpunkt, der zumindest nicht gerade der Karriere-, aber doch der trotzig abgerungenen Identität förderlich war.

Zu dieser Zeit lief eine solche Haltung unter dem Label Progressiv, und verstand sich als Part der alternativen Szene. Die tatsächlichen anthroposophischen Milieus und Arbeitsstätten mit ihren bleiernen Strukturen, den lokalen Guru- artigen Gestalten, den arroganten Globuli- Ärzten waren sehr schnell ebenso zu eng gestrickt wie häufig Anthro- Familien mit ihrem restriktivem Regelwerk, das vor allem auf Vermeidung von Konsum, Genuss und Medien setzte, um des ewigen Seelenheils willen. Die real existierende Anthroposophie des letzten Jahrhunderts hatte etwas von einem bleiernen Katechismus - die eigentliche Suchbewegung war längst zu einem formelhaften Abbeten von Zitaten, Geboten und Phrasen geronnen, aus dem immer wieder einzelne Persönlichkeiten - freie Geister- heraus ragten, manchmal - wie Beuys oder Kühlewind - kometenartig aufstiegen und bekannt wurden, aber zumindest intern in der Szene weder verstanden noch nachhaltig integriert wurden.

So konnte man beobachten, wie viele Paradiesvögel, Intellektuelle, Suchende in diese Szene strömten und dort sehr bald, nachdem der freundlich- alternative Rahmen durchdrungen war, auf die hierarchischen Strukturen, die interne Machtbalance (meist mit einer narzisstischen Führerpersönlichkeit), die Bigotterie, Ignoranz und den besserwisserischen Katechismus aufprallten. Selten erlebte man andernorts eine derartige Häufung von - gefühlt- „wichtigen Leuten“ an allen Schaltstellen, die mit einem intellektuellen Minimal- Einsatz stereotype Vorträge hielten und - zumindest damals- ein Buch nach dem anderen heraus gaben. In diesem Biotop konnten schlichte Naturen mit einer Begabung zur bigotten Machtentfaltung erstaunlichen Einfluss ergattern, solange sie frömmelnde oder esoterische Weisheiten von sich gaben, die den eigenen nackten Ehrgeiz verdeckten. Man konnte die Posten, die manchmal sehr lukrativ waren (in Form von Immobilien, Folgeaufträge auch für die Verwandtschaft, gesondert ausgehandelten Verträgen mit besonderen Gehältern, usw), nicht selten Generationen- übergreifend weiter geben und somit eine anthroposophische, manchmal auch Branchen- übergreifende Dynastie begründen.  Im Umkreis und nah am Zentrum großer Institutionen, Unternehmen und Bildungsunternehmen der Szene haben sich einzelne Persönlichkeiten immer ein überaus lukratives Einkommen und ein überaus angenehmes Heim schaffen können. Die Futtertröge sind heute rar gesät, freilich, und werden immer knapper.

Aber natürlich läuft nicht alles über die liebe Verwandtschaft. Wenn man im Um- und Dunstkreis solcher Milieus zu schaffen hat, bemerkt man auch die wundersame Kraft der Cliquen und des Buddy- Ismus. Eine fest gestrickte Gruppe, die sich gegenseitig schützt, Dynamik schafft, den Rücken frei hält und Geld und Bürgschaften beschafft, hat die Potenz, zusätzliche Menschen zu binden, die schließlich ganze institutionelle Gründungen fertig kriegen, die wiederum Aufträge, Geld und Kontakte generieren. Die Synergien sind enorm und führen nicht selten dazu, dass sich lebenslange Freundschaften entwickeln, eine Berufswahl getroffen wird und sich Karrieren anbahnen- oder zumindest ein Sprungbrett dorthin. Sind die Bindungen lang und tief genug, macht es nichts, wenn der Eine in Mumbai sitzt, ein Anderer sonstwo; die Scheidungen, die Freundschaften auch der Kinder, gemeinsame Wohnprojekte, Tausch der Partner- das alles wird in das Strickmuster des Milieus integriert, ohne irgend einen ideologischen Hintergrund. Aber dass diese weit gefasste Gruppe Waldorfschulen, -kindergärten und weitere Institutionen gegründet, gebaut und beherrscht hat, bleibt ein innerer Pol für diesen Kreis.

Und niemand ist hier abgedreht. Das sind (weitgehend) Leute aus der Wirtschaft- zumindest die des inneren Kreises. Die haben durch die Gründungen Kontakte in Verwaltung und Wirtschaft entwickelt. Aber auch wenn auf dieser Ebene der Gründer und Bauherren eine bestimmte Schicht innerhalb der Stadt involviert ist, die dann auch mit ihren Kindern in die Institutionen drängt, ist doch in den weiteren Kreisen jeder Aspekt des Bildungs- Bürgertums vertreten- bis hin zu „alternativen Lebensmodellen“, Künstlern und Medienschaffenden. In Deutschland bleibt das Schulgeld auch die staatliche Refinanzierung überschaubar. Dennoch ist die spezifische Verankerung und gesellschaftliche Durchmischung in jeder Waldorfschule sehr unterschiedlich.^

Jedem in diesem rationalen System ist aber doch klar, dass man ein wenig Tribut an das Surreale tragen muss. Während alle Beteiligten an den Gründungen, den Unternehmen, den Wohnverhältnissen, den Liebschaften und den Finanzierungen vernünftig agieren, braucht man ein paar Irre, um den anthroposophischen Schein zu wahren. Selbst die jährlichen Tagungen in Stuttgart und Dornach sind perfekt organisiert, gestylt, Lebensmittel- technisch korrekt und vom Material der Kleidung und Kladden nachhaltig. Alle führen den Kanon von Übungen durch, die die Generation der Achtsamen selbst am Arbeitsplatz, in der Freizeit und im Yogaseminar praktiziert, und legen für eine Stunde ihr Smartphone weg.

Aber den irren Anthroposophen, der seine verbalen Ergüsse aus christologischer Ich- Erkenntnis, dubiosen Anthro- Letters und einem Mix von Steiner- Zitaten und rechtsnationalem Gedankengut zusammen bastelt, muss man einfach haben, allerdings nur mit einem halben Vertrag und kurz vor der Pensionierung stehend. Jeder weiß, dass er mit der dürren, aber energischen Schritts daher schreitenden Eurythmistin etwas  am Laufen hat. Zu Festen, beim Weihnachtsspiel und bei öffentlichen Veranstaltungen spricht er ein paar einführende Worte, die meist bemüht tiefsinnig und vage kulturkritisch wirken. Er ist bislang harmlos, auch wenn man das Schlimmste befürchten muss. Wenn er mit seiner teigigen Haut über den Schulhof trottet, sehen die Rationalisten einen dicklichen, abwesend wirkenden älteren Herren- er selbst aber sonnt sich in seiner geistigen Aura. Es gibt gerade in anthroposophischen Kreisen diese narzisstische Störung, die bei Rudolf Steiner sogar notwendiger Teil des „Schulungsweges“ ist: Das Auseinanderfallen von Denken, Fühlen und Wollen bzw von Fremd- und Selbst- Wahrnehmung. Die eigene Bedeutsamkeit wird auf geradezu groteske Art überschätzt.

Sehen wir uns zu diesem Thema doch einmal einen Rundbrief an, der gerade von dem Anthroposophen und Judith- von- Halle- Anhänger Andreas Delor verschickt wurde. Er kommt erst einmal aktuell, zeitgeistig und rational daher, mit Bezügen zu Rezo, Greta Thunberg, AfD und CDU, aber auch mit einem Link zu einem eigenen Artikel. Dankenswerter Weise präsentiert Delor darin aufs Schönste den hier gemeinten Narzissmus: „Schaut man sich das Rezo-Video an (alles, was Reso aufzeigt, war mir im Prinzip lange vorher bekannt, nicht aber, WIE weit vorangeschritten diese Prozesse mittlerweile sind), so wird deutlich, dass dessen Titel eigentlich heißen müsste einerseits: „die Selbstzerstörung der CDU“ und andererseits: „die Zerstörung unseres Planeten und der Menschheit durch die CDU, wenn sie auch nur einen Tag so weitermacht wie bisher“. Und es wird deutlich, dass nicht nur die CDU/CSU, nicht nur die SPD, FDP und AfD (sowie die führenden Politiker rund um den Globus) darin angeklagt sind, sondern genauso die großen Firmen der Welt, die Militärs, Geheimdienste und Diktaturen.
In meinem Aufsatz "Die Zerstörung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft" möchte ich zeigen, dass der Grund dafür, dass all diese Mächte die Welt überhaupt zerstören können, bei UNS, eben in der „Zerstörung der Allgemeinen Anthroposophischen Bewegung und Gesellschaft“ liegt, in genau diesem Sinne als „Selbstzerstörung der AAG“ und „Zerstörung unseres Planeten und der Menschheit durch die AAG, wenn diese auch nur einen Tag lang so weitermacht“.“
*

Hier wird ja nun schon der bizarre Trugschluss verbreitet, das Wohl und Wehe der Welt „rund um den Globus“ einschließlich aller „großen Firmen der Welt“, der „Militärs, Geheimdienste und Diktaturen“ hinge ab von der Befindlichkeit der Anthroposophen. Und so holt Andreas Delor „ein wenig aus“ und beleuchtet die wahren Zusammenhänge hinter dem Weltgeschehen in einer Betrachtung - hier (1) herunter zu laden - die aber eigentlich auch nur ein Ausschnitt aus seinem Buch „Das Ereignis Rudolf Steiner im Lebenswerk von Sigurd Böhm und Judith von Halle“ ist. (2)

Das mit dem „ein wenig Ausholen“ ist wörtlich gemeint, denn Dekor springt direkt von Greta Thunberg zum heiligen Gral und zurück, ekstatisch, was die Potentialität der anthroposophischen Lehre angeht, denn rein theoretisch könnte dieser heilige Gral nach Rudolf Steiner auch Maschinen antreiben, womit die ganze Diskussion um den Verbrennungsmotor natürlich überflüssig wäre. Leider sei als „Speerspitze der Anthroposophie“ nur die Waldorfpädagogik übrig geblieben- immerhin, in einer durch und durch verdorbenen Zivilisation: „Die Kinder sind dem Himmel am nächsten; sie kommen mit immer neuen Impulsen aus der geistigen Welt herunter – und, man soll sich nicht täuschen: in eine absolut kinderfeindliche, greisenhafte und menschenverachtende Zivilisation hinein, die dabei ist, den gesamten Planeten in die Luft zu sprengen.

So betreibt Delor seine in anthroposophischen Kreisen übliche Verdammung seiner Gegenwart, mit der Attitüde geistig- moralischer Überlegenheit, natürlich, die dann auch die heutigen Waldorfschulen umfasst, die allesamt keinen Sinn mehr für Spiritualität und Gemeinschaftsbildung hätten. Delor untermauert mittels Steiner- Zitaten, dass man, um sein schlechtes Karma zu überwinden, sich gegenseitig aneinander abschleifen müsste, was offenbar niemand mit Herrn Delor zu tun bereit gewesen ist. Sonst würde sein Klagelied keinen Sinn machen. Wie er von diesem Thema unmittelbar auf die Massenmorde des IS kommt, bleibt sein Geheimnis: „Schwere Krisen und deren Überwindungen gehören in Neuen Gemeinschaften einfach dazu; nicht im Erreichen eines Paradieszustandes – der ist nicht mehr zeitgemäß – liegt die Zukunft, sondern in einer „permanenten Revolution“, wo mitgebrachte Jugendkräfte gar nichts mehr helfen. Wirkliche Gemeinschaftsbildung gelingt tatsächlich nur in anstrengender gemeinsamer spiritueller Arbeit – ohne das fällt man in die vor-individuelle Gruppenseele zurück, wie es in schrecklicher Weise vom ja zweifellos zum gegenwärtigen spirituellen Aufbruch gehörenden Islamismus demonstriert wird, wo nicht nur Angehörige anderer Religionsgemeinschaften wie Jesiden, Hindus, Juden oder Christen bestialisch umgebracht werden, sondern genauso islamische „Abweichler“ wie Schiiten oder Sufis.

Aber nun breitet Delor die ganze Pracht des Eingeweihten auf dem anthroposophischen Pfad aus, der allerdings zuvor die so schwierigen Texte Rudolf Steiners, die wie Seife in der Badewanne nicht zu packen seien, studieren muss und dabei eine völlige Wesens- Umwandlung erfahre. Dabei sei es günstig, wenn es einem damit möglichst schlecht gehe, da das (etwa jahrelange Depressionen?) der Vorbote des Fortschritts und der Genesung sei: „Man kann es geradezu als „Rezept“ angeben: wenn es dir schlecht geht (körperlich, seelisch, beruflich, in der Beziehung usw.), arbeite – aber bitte intensiv; alles andere nützt nichts! – an kurzen Text-Passagen Rudolf Steiners, egal an welchen, dann ziehst du dich daran wie Münchhausen am eigenen Haarschopf wieder aus dem Sumpf; dies ist ein todsicher wirkendes Mittel, der Anfang aller Meditation.

Das klingt nicht lustig. Aber für lustige Personen ist Anthroposophie ja auch nicht gedacht, nicht wahr? Im Gegenteil machten Sprödigkeit anthroposophischer Texte und permanentes Zähneausbeißen daran erst den wahren Anthroposophen aus. Wer da durch ist, wird schon direkt seine Belohnung erhalten, und zwar in Form von Selbstdisziplinierung und Bedeutung: „Tatsächlich ist der „Anthroposophische Schulungsweg“ nichts anderes als die Selbst-Erziehung zur starken, Großen Persönlichkeit – nur starke und Große Persönlichkeiten können überhaupt heilend ins Weltgeschehen eingreifen. Im in sich selber ruhenden menschlichen ICH liegen die großen Heilkräfte für alles – nirgends anders. Nur ein Souverän kann wirklich heilen, eine starke Persönlichkeit, ein Freier Geist, der in jeglicher Beziehung gegen den (inneren und äußeren) Strom schwimmen kann – wer Sich Selber nicht stützen kann, kann auch keinen anderen stützen.

Aber das Klagelied Delors beginnt erst an diesem Punkt. Er holt noch sehr viel weiter aus, um das ganze Ausmaß des Scheiterns der Anthroposophischen Gesellschaft darzustellen, was ein unfassbares Martyrium Rudolf Steiners darstelle und faktisch eine zweite Kreuzigung des Christus. Aus tiefster Not schreit Delor zu uns: Vom Verrat der Klassentexte Steiners, vom Scheitern der Mitglieder, von Schlampereien und Entweihung. Er verweist auf das Buch „Rudolf Steiners Leidensweg“, was aber nur ein kleiner Schritt sei bis zur von Delor geschilderten „Hölle Anthroposophie“, die nicht nur faktisch durch die permanenten Streitereien von Mitgliedern und deren sektiererischen Abspaltungen begründet werde, sondern auch noch durch die Außenstehenden, die das Spektakel der „blöden Anthroposophen“ erheitert und hämisch kommentierten.

Dabei liege doch letztlich die Schuld bei einem „schwarzen Engel“, wie eine Hellseherin (3) namens Verena Staël v. Holstein offenbart habe, der schon Hitler geistig zerrüttet hätte: „Genauso haben höhere schwarze Wesen den Entschluss gefasst, gegen das große weiße Wesen, welches Rudolf Steiner mit seiner Anthroposophie verankert hat, aktiv zu werden und ein großes schwarzes Wesen der Anthroposophie entgegenzustellen. (...)
Der gesamte deutsche Sprachraum ist von seinen geistigen Wurzeln radikal abgeschnitten worden. (...) Bei den Deutschen hat dieses Abschneiden von den alten mythologischen Wurzeln derart stark die Zukunft verändert, dass die Auswirkungen bis in die Ausprägung der hellseherischen Fähigkeiten der heute lebenden Menschen gegangen ist.
Hintergrund war die Wesenheit eines schwarzen Engels, der sich nach der Gasvergiftung Hitlers in ihm inkorporiert und nach und nach die anderen Menschen um sich gesammelt hat, die sein Wirken mitgelebt haben. Sie entwickelten eine Ideologie, rissen alle nordischen Götternamen in ihren Schmutz und in ihre Ideologie hinein und schnitten damit die Mitteleuropäer von ihren geistigen Wurzeln ab. Deswegen konnte sich das, was Rudolf Steiner für die Zukunft voraussagte, nicht richtig und nicht in Ruhe entwickeln.


So siehts nämlich aus! Hitlers schwarzer Engel hat die Anthroposophie ruiniert! Andreas Delor setzt, in seinem elaborierten Erregungszustand, das Scheitern der Anthroposophischen Gesellschaft auch noch - ziemlich geschmacklos- in Kontext mit dem Holocaust, aber, nach einer Reihe rein assoziativer Schlenker, sogar in Zusammenhang mit mir (4), und zwar was Zweifel an Steiners Aussagen über Frühmenschen betrifft. Was das mit Delors Thema zu tun haben könnte? Offenbar findet er nicht nur interne Streitigkeiten der Anthroposophenschaft zersetzend, sondern jeden Zweifel an den Aussagen des Meisters überhaupt. Delor verlangt wortwörtliche - eigentlich biblische- Auslegung ohne jede Interpretation: „Rudolf Steiners Ausführungen wortwörtlich zu nehmen, wie ich es tat und immer noch tue, meinte Stockmar, sei naiver Realismus im Sinne der „Philosophie der Freiheit“.“ Stattdessen empfiehlt Delor genau den naiven Realismus, den Stockmar ihm vorwirft: Die Vorspiegelung, es gäbe eine „gegebene“, ohne Interpretation vorliegende wortwörtliche Auffassung der Worte Rudolf Steiners, die im Fall von Andreas Delor und den Seinen doch in besonderem Maß zivilisationsmüde, miesepetrig, depressiv mit Hang zum Pompösen und zur narzisstischen Selbst- Überhöhung zelebriert werden. Der ganze inszenierte Zerfall der anthroposophischen Szene soll doch die Einzigartigkeit der „wahren Jünger“ des Meisters heraus stellen, die an seiner Brust liegen wie einst der Jünger, den der Herr lieb hatte. Hosianna!


Verweise ---------

1 https://andreas-delor.com/files/AndreasDelor/dokumente/anthroposophie-aufsaetze/1ZerstörungderAAG.pdf
2  Ich habe leider keine Ahnung, wer Sigurd Böhm ist.
3 aus: Flensburger Hefte Nr. 107: „Neues Hellsehen”, Flensburg 2010)
4 Delor schreibt in seinem unter 1 verlinkten Artikel: „„Haben also die «Atlantier» – so Steiner – tatsächlich «gelebt auf dem Boden, der jetzt bedeckt ist mit den Fluten des Atlantischen Ozeans» (Rudolf Steiner, GA 93a, S.138f)? (...) Viele Funde sind in Bezug auf Varianten der menschlichen Spezies gemacht worden – Rudolf Steiner kannte zu seiner Zeit lediglich eine zweite hominide Art neben dem Homo Sapiens, nämlich den so genannten Neanderthaler...
– Da ist – ich muss für eventuell unkundige Leser die Dinge gleich an Ort und Stelle geraderücken – der Autor Michael Eggert schlecht informiert: Rudolf Steiner spricht ebenso über den damals „Pithecanthropus“ genannten Homo erectus; weitere Homininen waren zu dieser Zeit noch nicht entdeckt. –
...Diese beschrieb Steiner im Kontrast zu den «Atlantiern» als primitive, degenerierte Art, die sich nach den Atlantiern entwickelt haben soll: «Die alten Atlantier, die hatten in ihrem wässrigen Kopf gerade eine sehr hohe Stirne, und dann kam, als dies zurückging, zuerst die niedrige Stirn, und die wuchs sich nach und nach wiederum aus zu den höheren Stirnen. Das ist eben eine Zwischenzeit, wo die Menschen so waren wie der Neandertalmensch.» (Rudolf Steiner: GA 354, S. 69)
Das muss eine verdammt lange Zwischenzeit gewesen sein. Denn die Neanderthaler haben, in einer Population von etwa einer Million Menschen, angesiedelt in den dichten, artenreichen Wäldern zwischen «the Indonesian archipelago and the Iberian», schon vor 300000 Jahren das Feuer beherrscht: «By about 300,000 years ago, Homo erectus, Neanderthals and the forefathers of Homo sapiens were using fire on a daily basis.» (Zitate aus – ohne Seitenangaben im Kindle –: Yuval Noah Harari: «Sapiens: A Brief History of Humankind». Deutsche Ausgabe: Eine kurze Geschichte der Menschheit, DVA 2013) Diesen Lebensraum hatten die Neanderthaler aber bereits zuvor schon Hunderttausende von Jahren bewohnt...
– Auch hier ist Eggert schlecht informiert: vor 300.000 Jahren gab es nach heutigem wissenschaftlichen Stand noch lange keine Neandertaler (die allerfrühesten vor 180.000 Jahren) geschweige denn Hunderttausende von Jahren zuvor! –
...Im Gegensatz zur Darstellung Rudolf Steiners ist archäologisch und paläontologisch nach zu weisen, dass eine erste Welle von Gruppen der Spezies Sapiens, am östlichen Mittelmeer auf diese uralte statische Kultur der Neanderthaler gestossen ist. (...) Im Gegensatz zu Rudolf Steiners Darstellung gingen diese wie andere hominide Arten nicht auseinander hervor...
– was bedeuten würde, dass jede Homininen-Art neu aus dem Boden gewachsen wäre –
...Im heutigen menschlichen DNA-Code finden sich etwa 2% Neanderthaler-Gene, was für eine sehr geringe Durchmischung spricht. Die Neanderthaler sind keineswegs aus den «Atlantiern» hervor gegangen...
– Die anderen homininen Arten, aus denen die Neandertaler sowie sämtliche Früh- und Vormenschen, da der liebe Gott sie nicht alle neu geschaffen hat, definitiv hervorgegangen sind, nennt Steiner nun einmal „Atlantier“. Diese waren nach ihm wie gesagt so weichkörprig, dass sie keine Fossilien hinterließen – schaut man sich die mittlerweile in reicher Fülle vorliegenden Homininen-Funde etwas genauer an, so deuten diese selber ganz stark darauf hin, dass Steiner mit seiner Behauptung recht hat, was mit dem dilettantischen Halbwissen, das Eggert hier auffährt, schon gar nicht zu widerlegen ist. Eggert geht auf die Frage der Weichkörprigkeit mit keinem Sterbenswort ein; es geht ihm gar nicht um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung, sondern allein darum, Rudolf Steiner zu verunglimpfen: –
...(...) Rudolf Steiner hat seinem eigenen Konzept – erst Atlantier mit hoher Stirn, dann Neandertaler mit niedriger, dann wieder Arier mit hoher Stirn – auch gelegentlich selbst widersprochen und eine gegenteilige Darstellung gegeben: «Die Atlantier hatten weniger Vorderhirn und eine noch weiter zu- rückliegende Stirne...» (Rudolf Steiner, GA93a, S. 138f)...
– Wenn man bei Steiner nicht richtig hinschaut und die Dinge regelrecht falsch wiedergibt, dann ist es natürlich sehr einfach, bei ihm Widersprüche zu konstruieren. Weil Eggert Steiners Position gar nicht wirklich kennt, schiebt er ihm Dinge unter, die das Gegenteil von dessen Aussage beinhalten. –
...Statt die Zehntausende von Jahren parallel existierender menschlicher Kulturen zu schildern, entwickelte er vor allem eine atlantische Rassenlehre, die keiner Peinlichkeit entbehrt, dafür aber auch darum erfunden scheint, um das Hohelied des arischen Menschen singen zu können. (...) Besonders peinlich, dass Steiner sich genötigt fühlte, darauf hinzuweisen, dass die von ihm semitisch genannte der «heutigen jüdischen Bevölkerung» sehr unähnlich gewesen sein soll. Damit will er die angebliche Superiorität der arisch-kaukasischen Rasse offenbar nochmals betonen...
– wobei Eggert offenbar nicht weiß, dass Rudolf Steiner mit „Rassen“ ausschließlich „Zeiten“ oder „Entwicklungsepochen“ meint; er war anfangs gezwungen, sich solcher theosophischen Termini zu be- dienen, um überhaupt verstanden zu werden – später distanziert er sich scharf davon. Die außer-anthroposophischen Rassismus-Kritiker sind in Bezug auf Rudolf Steiner seit längerem sehr still geworden, weil sich inzwischen herumgesprochen hat, dass bei einer wirklich differenzierten Betrachtung und wenn man die zeitgebundene damalige Ausdrucksweise abstreicht, von einem „rassistischen Rudolf Steiner“ nichts übrigbleibt – nur Eggert scheint diese Entwicklung verschlafen zu haben. –
...Steiner hat in seiner merkwürdigen Atlantis-Saga Märchenstoff, Mythen, aber auch arische Herrenrassen-Ideologie in die menschliche Entwicklungsgeschichte gepackt. Die Fakten – auch die Analyse der heutigen menschlichen DNA – widerlegen seine Darstellung.“ (Michael Eggert: „Atlantisches Phantasialand mit rassistischer Note“, 23.3.2016, https://egoistenblog.blogspot.de/ 2016/03/atlantisches-phantasialand-mit.html) – in Wirklichkeit bestätigen sie sie, natürlich nicht in der völlig verfälschten Darstellung, wie Eggert sie hier wiedergibt.
Ich führe diese keinerlei Peinlichkeit entbehrende, von nicht viel Sachkenntnis und intellektueller Redlichkeit getrübte „Rezension“ nicht deshalb hier an, weil ich meine, dass sie eine besondere Bedeutung hat, sondern weil Eggert sich erstens aus unerfindlichen Gründen immer noch als der anthroposophischen Bewegung angehörig versteht (die nun einmal auf Rudolf Steiner zurückgeht) und weil er zweitens nur ausspricht, was mittlerweile sehr Viele denken – diese Entwicklung ist aber von Menschen wie Wolfgang Schad eingeleitet worden, der damit begonnen hat, Steiner an den „feststehenden Tatsachen der anerkannten Wissenschaft“ zu messen, ohne diese selbst zu hinterfragen.
Wie gesagt: eine gründliche wissenschaftliche Überprüfung Rudolf Steiners ist nicht nur berechtigt, sondern wird von Steiner selbst in aller Strenge gefordert. Solche Prüfung wird jedoch gar nicht geleistet; ich konstatiere bei den „inner-anthroposophischen“ Steiner-Kritikern stattdessen eine Heiligsprechung anerkannter wissenschaftlicher Lehrmeinungen – oft ohne ausreichende Kenntnis derselben, s.o. – und der inquisitorischen Verdammung jeglicher abweichender Positionen“ (5)

5 https://egoistenblog.blogspot.com/2016/03/atlantisches-phantasialand-mit.html
* Rundbrief


Aus: "Der anthroposophische Narzisst oder: Die gefühlte Selbst- Bedeutsamkeit" Michael Eggert (26.06.2019)
Quelle: https://egoistenblog.blogspot.com/2019/06/der-anthroposophische-narzisst-oder-die.html

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T. Majoor (2019)

Delors in seinem Zerstörungsaufsatz (53 Seiten) polemisiert natürlich sehr. Mag er z.B. sogar recht haben, dass vor 300.000 Jahren nicht der Neanderthaler, sondern Homo Erectus das natürliche Feuer verwendete (vgl. Steiners Atlantier und Lemurier, 11.52 und 11.69f.), aber Delors Stil wirkt hier regelrecht polarisierend, so wie bei seinen anderen Themen.

Die Parallelisierung von sieben ‘atlantischen‘ und fünf ‘nachatlantischen‘ oder ‘kaukasischen‘ Kulturen mit der letzten Eiszeit (Kaltzeit) und der darauffolgenden Überflutung (Warmzeit) basierte Steiner (1910) auf einer axialen Präzessionzyklus ‘von etwa 26.000 Jahren‘ (Frühlingspunktbewegung, 13.423), so wie 1920 Milankovic gewisse Klimaschwankungen mit einem Zyklus von 26.000 Jahren vermutet hatte. Es handelte sich bei Steiners ‘Atlantis‘ oder ‘Eiszeitalter‘ um eine Periode von 15.000 Jahren, weit nach dem Aussterben vom Homo Neanderthalensis vor 40.000 Jahren. (Das letzte glaziale Maximum (LGM) herrschte vor etwa 21.000 bis 18.000 Jahren.)

‘Weichkörprigkeit’ (auch Neotenie oder Juvenilisation) in der Zoologie des 19.Jh. bei Steiner:
“Nun studieren Sie einmal dasjenige, was in der Zoologie vorliegt, ich will sagen, durch die Untersuchungen von Selenka über den Un¬terschied zwischen Mensch und Tier in der embryonalen Bildung, und wie diese Bildung dann erscheint nach der Geburt beim Menschen, wie sie erscheint bei dem höheren Tier, dann werden Sie eine Vorstellung verknüpfen können mit diesem Zurückbleiben. In der Tat verdanken wir unsere menschliche Bildung dem Umstande, daß wir während der Embryonalbildung nicht so weit vorschreiten wie das Tier, sondern zurückbleiben.“ 323.233 f. (siehe auch Kollmann, 61.229 f. und Klaatsch, 61.233 f.)

Die atlantische Nostalgie Delors (und Bosses) geht Jahrmillionen zurück in die Erdgeschichte.

Wenn man jedoch für ‘Atlantis‘ mit 15.000 Jahren rechnet, so Steiner (1918, 180.272), dann bleibt man zeitnah im Jung-Paläolithikum (letzte Eiszeit) und bei den ‘European Early Modern Humans‘ (Cro-Magnon-Menschen) mit ihren ziemlich niedrigen Schädeln. Neanderthaler muss man in dieser Steinerschen Chronologie Lemuriern gleichstellen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Cro-Magnon-Mensch
https://en.wikipedia.org/wiki/European_early_modern_humans
https://anthrowiki.at/Lemurische_Zeit


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Michael Eggert -> Mod T. Majoor

Vielen Dank für die Klarstellung!


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Claudius Weise (2019)

Ad Fußnote 2: Sigurd Böhm war Gründer und spiritus rector der Freien Schule Albris, vormals Freie Waldorfschule Kempten. Andreas Delor war sein Schüler. Vgl. https://andreas-delor.com/news-details/items/das-ereignis-rudolf-steiner-im-lebenswerk-von-sigurd-boehm-und-judith-von-halle


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Michael Eggert -> Mod Claudius Weise (2019)

Vielen Dank!


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Claudius Weise Michael Eggert (2019)

Erklärt, glaube ich, einiges ...


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Dirk Klose (2019)

Narzissmus ist ein guter Ausdruck für den beschriebenen Prozess. Die Anthroposophen nehmen sich selbst so wichtig als wären sie der Mittelpunkt der Welt. Das hat in der Tat schon pathologische Züge.
Mir ist nicht klar wer der Autor des Textes ist. Ist es Michael Eggert? Verwirrend wäre in diesem Fall die Fußnote 4, wo wiederholt der Autor sich selbst (?) des Irrtums bezichtigt.


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Michael Eggert -> Dirk Klose (2019)

Muss ich noch etwas nacharbeiten. Der Text ist von mir, aber Anmerkung 4 ist ein Zitat aus dem Beitrag Delors. Das ist zugegeben verwirrend.


...
« Last Edit: July 17, 2019, 10:09:46 AM by Link »

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« Reply #2 on: July 17, 2019, 10:08:33 AM »
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Rainer Herzog

»Nicht von außen, so sagte Rudolf Steiner schon 1914/1915, drohe seinem Werke Gefahr. Die Feinde kommen von innen, aus der Mitgliederschaft selbst.« (Adelheid Petersen, „Erinnerungen an Rudolf Steiner“, S. 189)

Ich muss gestehen, dass ich noch bis vor kurzem die diversen Berichte, Mahnungen und Warnungen über die Offenheit der anthroposophischen Bewegung für Verschwörungstheorien (VT) als etwas übertrieben erlebte – auf Facebook und auch vor allem hier auf dem Egoistenblog.

Inzwischen weiß ich: Es ist viel schlimmer, irrer und durchgeknallter, als ich angenommen hatte. Ich war ein halbes Jahr Mitglied in einer geschlossenen anthroposophischen Gruppe auf Facebook *), die unter anderem den Bedürfnissen nach geistiger Erbauung, Erkenntnisvertiefung, wissenschaftlichem Arbeiten und einem vertieften Studium Rechnung tragen will – und bin in diesen Tagen dort ausgestiegen.

Das Resümee schon einmal vorwegnehmend: Es hat sich gelohnt, ich wurde mit Erkenntnissen und Eindrücken bezüglich der zunehmenden VT-Begeisterung in Anthrohausen reich beschenkt. Dafür vielen und herzlichen Dank an die Gruppe! Ich kann es daher jedem unbedingt empfehlen, dieser (oder einer ähnlichen) Gruppe beizutreten, um sich ein lebendiges Bild vom, wie ich finde, desolaten, peinlichen und bedenklichen Zustand der gegenwärtigen anthroposophischen Bewegung zu machen.


Die folgenden skizzenhaften Erinnerungen und, ja, natürlich, auch Deutungen aus meiner Zeit in dieser Gruppe sind selbstverständlich subjektiv und als ergänzungsbedürftig anzusehen. Manche der Dialoge und Äußerungen, auf die ich mich im folgenden beziehe, wurden da wohl auch längst gelöscht, manche Mitglieder, mit denen ich debattiert hatte, sind inzwischen wieder ausgetreten.

Mitte April wurde ich auf FB von Jostein Saether in diese Gruppe eingeladen; da ich Jostein kenne und sehr schätze, war ich neugierig, was mich erwarten würde (Jostein selbst hat die Gruppe dann allerdings ziemlich schnell wieder verlassen). Das Geschehen dort fing an mit dem üblichen, eigentlich freundlichen, manchmal interessanten, irgendwie auch vertrauten und sich wiederholenden Posten von Zitaten oder Wahrspruchworten aus Steiners GA; es folgten Kommentare, Meinungen oder Fragen der Mitglieder dazu. Man kennt das ein wenig, manchmal kann das anregend sein, manchmal erbaulich, mir persönlich bringt so etwas nicht mehr viel. Einige Male wurde auf anthroposophische Seminare hingewiesen, ähnlich wie es in anderen Gruppen auf FB üblich ist. Interessant und unterhaltsam.

Irgendwann, ich glaube im Mai, ging „es“ los: Die Beiträge in der Gruppe kreisten zunehmend mehr und mehr um die diversen Erscheinungsformen der VT. Vor allem die resolute Hauptmoderatorin *), zweifellos die alles dominierende „Chefin“ und treibende Kraft, sowohl im 5er Moderatorenteam, als auch in der gesamten Gruppe (die anderen 4 Moderatoren waren äußerst zurückhaltend und eher bescheiden) – hat eine unermüdliche Energie, fast schon leidenschaftliche Hingabe entwickelt in der Bearbeitung von zahllosen und sich wiederholenden VT-Themen. Es entstand der Eindruck: Ein Mensch hat endlich sein Lebensthema, sein Schicksal gefunden.

Es kristallisierte sich im Laufe der kommenden Wochen und Monate heraus, dass VT-Denkhaltungen für einen größeren Teil der Mitglieder (zum Glück nicht für alle; und für manche mehr, für manche weniger) zu einer fest verankerten und ganz unumstrittenen Selbstverständlichkeit geworden sind: Man kann den „Mainstreammedien“ nicht trauen, da grundsätzlich „NATO-konform“ und von „der Staatsmacht“ gelenkt, man muss „hinter die Kulissen gucken“, man darf „die Wahrheit“ nicht mehr aussprechen, da die Mächtigen in Staat/ Wirtschaft/ Logen/Weltlenkung das zu verhindern versuchen, usw. usf.

Von einem Mitglied wurden in einer Diskussion nicht nur pauschal die „Mainstreammedien“ angezweifelt, sondern, wenn man schon einmal dabei war, auch die „Mainstreamgeschichtswissenschaften“(!). Auf meine diesbezügliche Frage, was denn genau bei den Geschichtswissenschaften anzuzweifeln wäre und welchen Autor etwa er mir denn nennen könnte, wurde herumgedruckst. Klar, so gut kennt man die denn nun doch nicht.

Der selbsternannte „Friedensforscher“ Daniele Ganser wird von vielen Mitgliedern der Gruppe nicht nur als symphatisch erlebt oder geschätzt, er wird regelrecht verehrt, er ist eine absolute und nicht weiter zu hinterfragende Autorität. Es ist wohl vor allem Gansers oft demonstrierte Haltung und Methode, aus seiner von ihm behaupteten „Wahrheitsliebe“ heraus anscheinend „nur unbequeme Fragen zu stellen“ (was sich „Mainstreamwissenschaftler“ aus Rücksicht auf ihre Karriere natürlich nie trauen würden), die dazu führt, dass viele Anthroposophen seine Denkhaltung begeistert 1:1 übernehmen.

Der Umstand, dass R. Steiner innerhalb seiner unüberschaubar großen GA diverse Male seine Zuhörer, Leser und Schüler ermuntert, die zu seiner Zeit gängigen wissenschaftlichen, philosophischen und sozialen Gegebenheiten und Autoren zu hinterfragen, um sie anthroposophisch zu durchdringen und entsprechend zu korrigieren, bzw. zu ergänzen, wird von nicht wenigen heutigen Anthroposophen etwas unbedarft übertragen auf die Person und Methodik des D. Ganser. Dass man sich als eifriger anthroposophischer Ganserist mit den zu hinterfragenden politischen und wissenschaftlichen relevanten aktuellen Autoren und Theorien häufig kaum oder nicht beschäftigt hat, kann dabei den Kampf der „Wahrheitsliebenden“ offenbar nicht stören - in den vielen Diskussionen in den darauffolgenden Monaten konnte ich immer wieder staunend erleben, dass der angenommene „Mainstream“ in Politik und Geschichte so gut wie immer grundsätzlich hinterfragt wurde, parallel zu einer meist auffällig dürftigen Kenntnis der Forschungsresultate eben dieses „Mainstreams“: „Ich denk mir die Welt, wie sie mir gefällt!“ (Pippi Langstrumpf).

Sagte nicht bereits Steiner bei politischen Themen häufig kritische Dinge über die USA? Genau wie Ganser! Spricht Steiner nicht vom Blick hinter die Kulissen? Wie Ganser! Und dann Steiners Aussagen über Geheimlogen! Werden wir nicht heute auch irgendwie alle gelenkt und gesteuert? Meine vorsichtigen Einwände in der Gruppe, dass das ja bei Steiner erstens im Verhältnis zur Gesamt-GA nur sehr wenige Äußerungen waren, die er zweitens vor gut 100 Jahren im finstersten wilhelminischen Zeitalter gemacht hatte, wurden zurückgewiesen; eine solche Unterscheidung wäre allzu willkürlich, wie würde ich darauf kommen, wie kann man nur, wir haben hier Aussagen von Steiner... Als dann irgendjemand mal die naheliegende Frage in den Raum stellte, welche Logen, von denen Steiner damals sprach, heute noch möglicherweise tätig sind, konnte natürlich niemand dazu etwas sagen.

Manchmal hatte ich den Eindruck, dass sich die Gruppenmitglieder in den endlosen Debatten zu dem Thema, ganz nebenbei, aber doch mehr oder weniger bewusst, ein neues aufregendes Selbstbild konstruieren wollten; die entsprechenden Denkmuster der VT lassen sich allerdings erst dann bruchlos in ein anthroposophisches Weltbild einfügen, wenn man letzteres einigermaßen begrifflich festgezurrt und auf einen allzu schlichten Gut-Böse/Wir-Die-Dualismus reduziert hat: Wir stellen die unbequemen Fragen. Wir lassen uns den Mund nicht verbieten. Wir kämpfen für die wahre Anthroposophie. Wir klären auf, kämpfen für die Wahrheit und kommen den Komplott auf die Schliche. usw. Ihr anderen werdet manipuliert und wollt die Wahrheit nicht zulassen.

(Es wurde in der Gruppe übrigens durchaus ernsthaft versucht, bei den VT zu differenzieren: Die „Reptilienmenschen“ und „Flat earth“-Vertreter wurden nicht ernst genommen, ok, zu unseriös. Immerhin, das soll hier nicht unerwähnt bleiben).

Das zentrale Thema, um das es hingegen immer wieder ging, das man sich nicht nehmen lassen wollte, da es längst zum zentralen Baustein des eigenen Weltbildes gehörte, war natürlich auch hier die beliebte „Nine-eleven-inside-job“-These. Dabei war es für mich in gewisser Weise rührend zu erleben, dass einige Teilnehmer (ja, vor allem auch die Chefin) möglicherweise noch nie, oder kaum etwas davon gehört hatten, dass es bereits eine seit 17 Jahren bestehende bekannte und umstrittene (und längst widerlegte) „Forschung“ und entsprechende Bewegung („Truther“) zu dem Thema gibt. Es schien ansatzweise so, dass man in der Gruppe tatsächlich die Hoffnung hatte, „ganz unbefangen“ die Ereignisse von damals „kritisch und sachlich“ völlig neu zu bewerten, „erforschen“, zu können. (Spätestens dann kommt, wie auch in ähnlichen Debatten andernorts, der Hobbyarchitekt im Manne zum Vorschein, mit diversen, schnell gegoogelten Beweisen, wann der Schmelzpunkt von dieser und jener Sorte von Stahlträgerkonstruktionen erreicht ist... – einmal ging es in der Gruppe sogar um die Brennbarkeit von Büromöbeln (!) von WTC 7. Ja, man lernt tatsächlich erstaunliche Dinge in solchen Diskussionen.)

Irgendwann kam auch mal jemand auf die glorreiche Idee, dass kein geringerer als Steiner selbst mit seinen Ausführungen zur 5. Nebenübung den Übenden regelrecht ermuntert, die Welt vor allem „unbefangen“ und somit im Grunde eigentlich auch „VT-mäßig“ zu sehen: Wie sagte Steiner – man solle sich unbefangen vorstellen, dass ein Kirchturm über Nacht ganz schief stehe... Man kann sich daher doch auch ebenso unbefangen vorstellen, dass die US-Regierung damals am 11.09 ...
Seufz. Und das war nicht das erste Mal, dass ich in dieser Gruppe erleben konnte, wie das Werk Steiners gezielt verzerrt und lächerlich gemacht wurde.

So ging das tatsächlich unermüdlich viele Wochen lang. Bei aller Unterhaltsamkeit – das Verfolgen dieser Naivität und Durchschaubarkeit des Denkens bei Menschen, die sich mit der „Philosophie der Freiheit“ verbunden fühlen, war letztendlich zum Fremdschämen.

Apropos PhdF: Ich hatte des öfteren den Eindruck, dass u.a. auch der, wenn auch nicht immer offen ausgesprochene, Bezug auf Steiners berühmtes Hauptwerk, mit seinem leider sehr dehnbar und beliebig auslegbaren Schlagwort „Freiheit“, als willkommene Legitimation für die „man-wird-doch-mal-was-sagen-dürfen“-Haltung herhalten musste. Auch Schillers „Die Gedanken sind frei“ wurde natürlich bei einer VT-Debatte triumphierend ausgegraben.

Auf diesem sehr überschaubaren und etwas schlichten Niveau plätscherten zahllose Debatten etwas ermüdend vor sich hin.
Ganz selten gab es mal ein wirkliches Highlight, einen von mir aufgeschnappten Dialog, der mich zutiefst und vom Herzen her erfreute: Bei Ganser war man sich, wie gesagt, in der Einschätzung seiner Person und der damit verbundenen Verehrung einig, nicht so (wahrscheinlich wegen seiner etwas prolligen Art) bei Ken Jebsen:
Mitglied A: „Wie würdet ihr Ken Jebsen einschätzen?“
Mitglied B: „Manches ist sehr gut bei ihm, er ist auf jeden Fall michaelisch, da er am 29.09. Geburtstag hat.“
Darauf muss man erst einmal kommen. Anthroposophische Geistesforschung 2018.

Der Fairness halber sei an dieser Stelle angemerkt, dass nicht wenige Mitglieder vom „Dauerthema VT“ einigermaßen genervt waren, zumal das meistens nicht nur zu Streitereien und schlechter Stimmung, sondern auch dazu führte, dass viele Mitglieder sich überhaupt nicht mehr trauten, irgedetwas zu kommentieren (Meine Idee, politische oder VT-Themen probehalber für 2 Monate auf Eis zu legen, hat niemanden interessiert). Daher gab es von der Chefin, im Stile einer sich kümmernden Übermutter, in regelmäßigen Abständen eine gutgemeinte pädagogisch-moralische Übung, um den eigenen Kommunikationsstil zu verbessern („4 Nachrichten einer Botschaft“, „Erwachen am anderen Menschen“ usw.). Wurde viel geliked, hat natürlich niemand gemacht.
(Die späteren Aufforderungen, den Kommunikationsstil zu vervollkommnen, waren dann lustigerweise ausschließlich für mich gedacht).


Eingestellt von Ingrid H. Oktober 23, 2018 32 Kommentare
Ein halbes Jahr in einer anthroposophischen Facebook-Gruppe – Ein Selbstversuch
Rainer Herzog

»Nicht von außen, so sagte Rudolf Steiner schon 1914/1915, drohe seinem Werke Gefahr. Die Feinde kommen von innen, aus der Mitgliederschaft selbst.« (Adelheid Petersen, „Erinnerungen an Rudolf Steiner“, S. 189)

Ich muss gestehen, dass ich noch bis vor kurzem die diversen Berichte, Mahnungen und Warnungen über die Offenheit der anthroposophischen Bewegung für Verschwörungstheorien (VT) als etwas übertrieben erlebte – auf Facebook und auch vor allem hier auf dem Egoistenblog.

Inzwischen weiß ich: Es ist viel schlimmer, irrer und durchgeknallter, als ich angenommen hatte. Ich war ein halbes Jahr Mitglied in einer geschlossenen anthroposophischen Gruppe auf Facebook *), die unter anderem den Bedürfnissen nach geistiger Erbauung, Erkenntnisvertiefung, wissenschaftlichem Arbeiten und einem vertieften Studium Rechnung tragen will – und bin in diesen Tagen dort ausgestiegen.

Das Resümee schon einmal vorwegnehmend: Es hat sich gelohnt, ich wurde mit Erkenntnissen und Eindrücken bezüglich der zunehmenden VT-Begeisterung in Anthrohausen reich beschenkt. Dafür vielen und herzlichen Dank an die Gruppe! Ich kann es daher jedem unbedingt empfehlen, dieser (oder einer ähnlichen) Gruppe beizutreten, um sich ein lebendiges Bild vom, wie ich finde, desolaten, peinlichen und bedenklichen Zustand der gegenwärtigen anthroposophischen Bewegung zu machen.

Die folgenden skizzenhaften Erinnerungen und, ja, natürlich, auch Deutungen aus meiner Zeit in dieser Gruppe sind selbstverständlich subjektiv und als ergänzungsbedürftig anzusehen. Manche der Dialoge und Äußerungen, auf die ich mich im folgenden beziehe, wurden da wohl auch längst gelöscht, manche Mitglieder, mit denen ich debattiert hatte, sind inzwischen wieder ausgetreten.

Mitte April wurde ich auf FB von Jostein Saether in diese Gruppe eingeladen; da ich Jostein kenne und sehr schätze, war ich neugierig, was mich erwarten würde (Jostein selbst hat die Gruppe dann allerdings ziemlich schnell wieder verlassen). Das Geschehen dort fing an mit dem üblichen, eigentlich freundlichen, manchmal interessanten, irgendwie auch vertrauten und sich wiederholenden Posten von Zitaten oder Wahrspruchworten aus Steiners GA; es folgten Kommentare, Meinungen oder Fragen der Mitglieder dazu. Man kennt das ein wenig, manchmal kann das anregend sein, manchmal erbaulich, mir persönlich bringt so etwas nicht mehr viel. Einige Male wurde auf anthroposophische Seminare hingewiesen, ähnlich wie es in anderen Gruppen auf FB üblich ist. Interessant und unterhaltsam.

Irgendwann, ich glaube im Mai, ging „es“ los: Die Beiträge in der Gruppe kreisten zunehmend mehr und mehr um die diversen Erscheinungsformen der VT. Vor allem die resolute Hauptmoderatorin *), zweifellos die alles dominierende „Chefin“ und treibende Kraft, sowohl im 5er Moderatorenteam, als auch in der gesamten Gruppe (die anderen 4 Moderatoren waren äußerst zurückhaltend und eher bescheiden) – hat eine unermüdliche Energie, fast schon leidenschaftliche Hingabe entwickelt in der Bearbeitung von zahllosen und sich wiederholenden VT-Themen. Es entstand der Eindruck: Ein Mensch hat endlich sein Lebensthema, sein Schicksal gefunden.

Es kristallisierte sich im Laufe der kommenden Wochen und Monate heraus, dass VT-Denkhaltungen für einen größeren Teil der Mitglieder (zum Glück nicht für alle; und für manche mehr, für manche weniger) zu einer fest verankerten und ganz unumstrittenen Selbstverständlichkeit geworden sind: Man kann den „Mainstreammedien“ nicht trauen, da grundsätzlich „NATO-konform“ und von „der Staatsmacht“ gelenkt, man muss „hinter die Kulissen gucken“, man darf „die Wahrheit“ nicht mehr aussprechen, da die Mächtigen in Staat/ Wirtschaft/ Logen/Weltlenkung das zu verhindern versuchen, usw. usf.

Von einem Mitglied wurden in einer Diskussion nicht nur pauschal die „Mainstreammedien“ angezweifelt, sondern, wenn man schon einmal dabei war, auch die „Mainstreamgeschichtswissenschaften“(!). Auf meine diesbezügliche Frage, was denn genau bei den Geschichtswissenschaften anzuzweifeln wäre und welchen Autor etwa er mir denn nennen könnte, wurde herumgedruckst. Klar, so gut kennt man die denn nun doch nicht.

Der selbsternannte „Friedensforscher“ Daniele Ganser wird von vielen Mitgliedern der Gruppe nicht nur als symphatisch erlebt oder geschätzt, er wird regelrecht verehrt, er ist eine absolute und nicht weiter zu hinterfragende Autorität. Es ist wohl vor allem Gansers oft demonstrierte Haltung und Methode, aus seiner von ihm behaupteten „Wahrheitsliebe“ heraus anscheinend „nur unbequeme Fragen zu stellen“ (was sich „Mainstreamwissenschaftler“ aus Rücksicht auf ihre Karriere natürlich nie trauen würden), die dazu führt, dass viele Anthroposophen seine Denkhaltung begeistert 1:1 übernehmen.

Der Umstand, dass R. Steiner innerhalb seiner unüberschaubar großen GA diverse Male seine Zuhörer, Leser und Schüler ermuntert, die zu seiner Zeit gängigen wissenschaftlichen, philosophischen und sozialen Gegebenheiten und Autoren zu hinterfragen, um sie anthroposophisch zu durchdringen und entsprechend zu korrigieren, bzw. zu ergänzen, wird von nicht wenigen heutigen Anthroposophen etwas unbedarft übertragen auf die Person und Methodik des D. Ganser. Dass man sich als eifriger anthroposophischer Ganserist mit den zu hinterfragenden politischen und wissenschaftlichen relevanten aktuellen Autoren und Theorien häufig kaum oder nicht beschäftigt hat, kann dabei den Kampf der „Wahrheitsliebenden“ offenbar nicht stören - in den vielen Diskussionen in den darauffolgenden Monaten konnte ich immer wieder staunend erleben, dass der angenommene „Mainstream“ in Politik und Geschichte so gut wie immer grundsätzlich hinterfragt wurde, parallel zu einer meist auffällig dürftigen Kenntnis der Forschungsresultate eben dieses „Mainstreams“: „Ich denk mir die Welt, wie sie mir gefällt!“ (Pippi Langstrumpf).

Sagte nicht bereits Steiner bei politischen Themen häufig kritische Dinge über die USA? Genau wie Ganser! Spricht Steiner nicht vom Blick hinter die Kulissen? Wie Ganser! Und dann Steiners Aussagen über Geheimlogen! Werden wir nicht heute auch irgendwie alle gelenkt und gesteuert? Meine vorsichtigen Einwände in der Gruppe, dass das ja bei Steiner erstens im Verhältnis zur Gesamt-GA nur sehr wenige Äußerungen waren, die er zweitens vor gut 100 Jahren im finstersten wilhelminischen Zeitalter gemacht hatte, wurden zurückgewiesen; eine solche Unterscheidung wäre allzu willkürlich, wie würde ich darauf kommen, wie kann man nur, wir haben hier Aussagen von Steiner... Als dann irgendjemand mal die naheliegende Frage in den Raum stellte, welche Logen, von denen Steiner damals sprach, heute noch möglicherweise tätig sind, konnte natürlich niemand dazu etwas sagen.

Manchmal hatte ich den Eindruck, dass sich die Gruppenmitglieder in den endlosen Debatten zu dem Thema, ganz nebenbei, aber doch mehr oder weniger bewusst, ein neues aufregendes Selbstbild konstruieren wollten; die entsprechenden Denkmuster der VT lassen sich allerdings erst dann bruchlos in ein anthroposophisches Weltbild einfügen, wenn man letzteres einigermaßen begrifflich festgezurrt und auf einen allzu schlichten Gut-Böse/Wir-Die-Dualismus reduziert hat: Wir stellen die unbequemen Fragen. Wir lassen uns den Mund nicht verbieten. Wir kämpfen für die wahre Anthroposophie. Wir klären auf, kämpfen für die Wahrheit und kommen den Komplott auf die Schliche. usw. Ihr anderen werdet manipuliert und wollt die Wahrheit nicht zulassen.

(Es wurde in der Gruppe übrigens durchaus ernsthaft versucht, bei den VT zu differenzieren: Die „Reptilienmenschen“ und „Flat earth“-Vertreter wurden nicht ernst genommen, ok, zu unseriös. Immerhin, das soll hier nicht unerwähnt bleiben).

Das zentrale Thema, um das es hingegen immer wieder ging, das man sich nicht nehmen lassen wollte, da es längst zum zentralen Baustein des eigenen Weltbildes gehörte, war natürlich auch hier die beliebte „Nine-eleven-inside-job“-These. Dabei war es für mich in gewisser Weise rührend zu erleben, dass einige Teilnehmer (ja, vor allem auch die Chefin) möglicherweise noch nie, oder kaum etwas davon gehört hatten, dass es bereits eine seit 17 Jahren bestehende bekannte und umstrittene (und längst widerlegte) „Forschung“ und entsprechende Bewegung („Truther“) zu dem Thema gibt. Es schien ansatzweise so, dass man in der Gruppe tatsächlich die Hoffnung hatte, „ganz unbefangen“ die Ereignisse von damals „kritisch und sachlich“ völlig neu zu bewerten, „erforschen“, zu können. (Spätestens dann kommt, wie auch in ähnlichen Debatten andernorts, der Hobbyarchitekt im Manne zum Vorschein, mit diversen, schnell gegoogelten Beweisen, wann der Schmelzpunkt von dieser und jener Sorte von Stahlträgerkonstruktionen erreicht ist... – einmal ging es in der Gruppe sogar um die Brennbarkeit von Büromöbeln (!) von WTC 7. Ja, man lernt tatsächlich erstaunliche Dinge in solchen Diskussionen.)

Irgendwann kam auch mal jemand auf die glorreiche Idee, dass kein geringerer als Steiner selbst mit seinen Ausführungen zur 5. Nebenübung den Übenden regelrecht ermuntert, die Welt vor allem „unbefangen“ und somit im Grunde eigentlich auch „VT-mäßig“ zu sehen: Wie sagte Steiner – man solle sich unbefangen vorstellen, dass ein Kirchturm über Nacht ganz schief stehe... Man kann sich daher doch auch ebenso unbefangen vorstellen, dass die US-Regierung damals am 11.09 ...
Seufz. Und das war nicht das erste Mal, dass ich in dieser Gruppe erleben konnte, wie das Werk Steiners gezielt verzerrt und lächerlich gemacht wurde.

So ging das tatsächlich unermüdlich viele Wochen lang. Bei aller Unterhaltsamkeit – das Verfolgen dieser Naivität und Durchschaubarkeit des Denkens bei Menschen, die sich mit der „Philosophie der Freiheit“ verbunden fühlen, war letztendlich zum Fremdschämen.

Apropos PhdF: Ich hatte des öfteren den Eindruck, dass u.a. auch der, wenn auch nicht immer offen ausgesprochene, Bezug auf Steiners berühmtes Hauptwerk, mit seinem leider sehr dehnbar und beliebig auslegbaren Schlagwort „Freiheit“, als willkommene Legitimation für die „man-wird-doch-mal-was-sagen-dürfen“-Haltung herhalten musste. Auch Schillers „Die Gedanken sind frei“ wurde natürlich bei einer VT-Debatte triumphierend ausgegraben.

Auf diesem sehr überschaubaren und etwas schlichten Niveau plätscherten zahllose Debatten etwas ermüdend vor sich hin.
Ganz selten gab es mal ein wirkliches Highlight, einen von mir aufgeschnappten Dialog, der mich zutiefst und vom Herzen her erfreute: Bei Ganser war man sich, wie gesagt, in der Einschätzung seiner Person und der damit verbundenen Verehrung einig, nicht so (wahrscheinlich wegen seiner etwas prolligen Art) bei Ken Jebsen:
Mitglied A: „Wie würdet ihr Ken Jebsen einschätzen?“
Mitglied B: „Manches ist sehr gut bei ihm, er ist auf jeden Fall michaelisch, da er am 29.09. Geburtstag hat.“
Darauf muss man erst einmal kommen. Anthroposophische Geistesforschung 2018.

Der Fairness halber sei an dieser Stelle angemerkt, dass nicht wenige Mitglieder vom „Dauerthema VT“ einigermaßen genervt waren, zumal das meistens nicht nur zu Streitereien und schlechter Stimmung, sondern auch dazu führte, dass viele Mitglieder sich überhaupt nicht mehr trauten, irgedetwas zu kommentieren (Meine Idee, politische oder VT-Themen probehalber für 2 Monate auf Eis zu legen, hat niemanden interessiert). Daher gab es von der Chefin, im Stile einer sich kümmernden Übermutter, in regelmäßigen Abständen eine gutgemeinte pädagogisch-moralische Übung, um den eigenen Kommunikationsstil zu verbessern („4 Nachrichten einer Botschaft“, „Erwachen am anderen Menschen“ usw.). Wurde viel geliked, hat natürlich niemand gemacht.
(Die späteren Aufforderungen, den Kommunikationsstil zu vervollkommnen, waren dann lustigerweise ausschließlich für mich gedacht).

Zwischendurch hat man übrigens immer mal wieder versucht, ein „richtiges“ anthroposophisches Thema aufs Tapet zu bringen (sinngemäß): „Inwiefern können wir die Aussage Steiners, dass wir Anthroposophen die Wächter der Zeit sind, verwirklichen ... ?“ Auch das wurde ausgiebig und ausnahmsweise sehr einmütig diskutiert.
Meine Güte, liebe Leute: „Wir – die Wächter dieser Zeit“! Geht`s denn vielleicht nicht noch unbescheidener...? Kann man nicht erst einmal versuchen, die eigenen Gedanken und Gefühle halbwegs zu sortieren und ansonsten sehen, dass man eine gewisse anfängliche Grundlagenbildung in Politik und Geschichte erwirbt oder wiederherstellt...?

Im Sommer platzte dann endgültig die Bombe: Info3. Der in anthroposophischen Kreisen reichlich viel Groll, Empörung und Staub aufwirbelnde Artikel: „Die offene Anthroposophie und ihre Gegner“. Die Chefin und einige andere drehten jetzt erst richtig auf; was vorher mehr eine Art „interessiertes, wenn auch leidenschaftliches Engagement“ gewesen war, entwickelte sich in den kommenden Wochen und Monaten für Aussenstehende zu einem beeindruckenden Schauspiel eines etwas irren und teilweise aus dem Ruder laufenden Privat-Djihad. Von „Inquisition“ war ansatzweise die Rede (JSH - Jens Savonarola Heisterkamp?). Nach dem Motto: Gibt es denn eigentlich nichts wichtigeres als diese dauernde „Gefährdung der Demokratie“...?

So ging das noch etliche Wochen weiter. Als vor einigen Tagen dann die Chefin die fröhliche Idee hatte, dass sich jetzt Mitglieder bei ihr persönlich anonym über andere Mitglieder beschweren durften, reichte mir der entwürdigende Klamauk, das ging für mich in Richtung „Aufforderung zur Denunziation“.

Fairerweise möchte ich betonen, dass der grösste Teil der Mitglieder sich überhaupt nicht, oder nur sehr sporadisch, an Diskussionen beteiligt hat. Es gab selbstverständlich auch zahlreiche äußerst positive und anregende Begegnungen. Diejenigen, die es betrifft, werden wissen, dass sie gemeint sind. Die hier dargestellte VT-Offenheit wurde in gewisser Weise nur von einer bestimmten Anzahl von Mitgliedern verbreitet, dieses dann allerdings so vehement und teilweise fanatisch, dass das bald den Stil, Duktus und Geist dieser Gruppe vollständig beherrschte.

Bei aller Ironie und Sarkasmus in der Darstellung meiner Ausführungen: Man kann sich natürlich zu Recht überlegen, ob einem diese Dinge nicht egal sein sollten. Ich hatte allerdings in den letzten Monaten zunehmend den Eindruck (auch durch reichlich ähnliche Beobachtungen in meinem Bekanntenkreis und auf FB), dass die von mir beschriebene Qualität und Vehemenz der VT-Offenheit in dieser Facebook-Gruppe ein durchaus repräsentatives Ergebnis der anthroposophischen Bewegung zeigt.

Wenn man, wie ich, mit der Anthroposophie seit über 30 Jahren so sehr verbunden ist, dass sie zum wesentlichen Bestandteil des eigenen Lebens gehört, kann und will man daher nicht schweigend zusehen, wie sie vollends der Lächerlichkeit und Demagogie preisgegeben wird.

- - -

*) Name der Redaktion bekannt.



Aus: "Ein halbes Jahr in einer anthroposophischen Facebook-Gruppe – Ein Selbstversuch" Eingestellt von Ingrid H. (23. Oktober 2018)
Quelle: https://egoistenblog.blogspot.com/2018/10/ein-halbes-jahr-in-einer.html


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« Reply #3 on: August 19, 2019, 01:59:05 PM »
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[...]  Hör! Mir! Zu!

Ich bin immer wieder erstaunt, mit welchem Detailreichtum und welcher Ausdauer manche Menschen ihr bedeutungsloses Leben beschreiben können. Ein Abend mit einer Berufsschullehrerin namens Sieglinde Dingsbums und ihrem Mann, der sich mit der Rolle des Stichwortgebers zufrieden gibt: Zunächst geht es um die beiden Söhne. Es gibt nur einen Bereich, in dem der Narzissmus und das Eigenlob noch größer sind als im Beruf: die Familie. Die aktuelle Elterngeneration ist die beste aller Zeiten und ihre Kinder sind die tollsten, die es je gegeben hat. Schon klar. Bloß nix sagen. Widerstand ist zwecklos.

Sohn Nr. 1 studiert auf Lehramt. Er wohnt noch zu Hause, bekommt 400 € Taschengeld, seine Mutter macht ihm die Wäsche, aber er muss jede dritte Tankfüllung des Autos zahlen, das er mitbenutzt. Sohn Nr. 2 war gerade ein Jahr im Ausland und geht noch zur Schule. Sie hätte auch über Blattspinat sprechen können. Niemand interessiert sich für die langweiligen Kinder anderer Leute.

Aber man hat den Eindruck, hier spricht Heidi Klum über ihr Privatleben und ganz Deutschland hat auf diese Enthüllungen gewartet. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass meine Eltern in solcher Ausführlichkeit über mich und meine Schwester gesprochen hätten. Den Kindern geht’s gut. Punkt. Nächstes Thema. Sieglinde hat nach den Kindern allerdings noch ihren Beruf, den Rentenbescheid und ihren Garten zu bieten. Es nimmt kein Ende. Jeder Anruf bei irgendeiner Behörde wird im Wortlaut wiedergegeben.

Ein weiteres Thema sind natürlich die ausgedehnten Reisen des Ehepaars, das sich immer wieder an den Händen hält, während Sieglinde erzählt und ihr Mann gelegentlich eine kleine Arabesque anfügt, ohne zu merken, dass seine haarige Wampe seit einer Stunde vom Nabel bis zum äußerst südlich gelegenen Hosenbund freiliegt. Eine Aufzählung von Orten in aller Welt, ausnahmslos wunderschön, aber keine einzige Erzählung, kein Erlebnis, eine endlose Fahrt ohne Inhalt. Ich werde unfreiwillig Zeuge einer in ihrer Unglaubwürdigkeit geradezu absurden Harmonieshow, weil es eine Reise ohne Streit und ohne Regen nun einmal nicht gibt. Jedenfalls nicht über Jahrzehnte. Nebenbei bemerkt: Wer gibt im Jahr 2019 noch mit Kreuzfahrten und Langstreckenflügen an wie ein Sack Mücken?

Ich empfinde es regelrecht als Drohung, als Sieglinde bemerkt, sie hätte inzwischen ihre Fotos pro Reise auf siebzig „eingedampft“, wie sie es ausdrückt, damit die Präsentation beim Dia-Abend nicht so lange dauert. Solche Selbstdarsteller pumpen auch siebzig Bilder auf mehrere Stunden tödlich langweiliges Geschwafel auf. Niemand interessiert sich für drittklassige Fotografien und ein paar Anmerkungen zu Restaurants, in denen man selbst nie gewesen ist. Diese Erinnerungen haben nur für die Reisenden eine Bedeutung. Wurde deshalb nicht Instagram als Schutthalde und Endlager für solche Nullinformationen erfunden? Vor langer Zeit habe ich mal drei Stunden auf einem steinharten Holzstuhl in Kreuzberg gesessen und die Ägyptenreise einer Kulturhistorikerin überstehen müssen, Diakasten für Diakasten. Nie wieder!

Alle Gäste, die nicht Sieglinde heißen, sind still geworden. Die Smartphones werden gezückt, ich setze mich einfach mal zehn Minuten zwischendurch auf der Gästetoilette, um mich zu erholen. Sie stellt anderen Menschen keine Fragen, zeigt keinerlei Interesse und es ist mühsam, ihren Monolog zu unterbrechen. Wir sitzen stundenlang zusammen, aber sie will nicht wissen, wer ich bin, woher ich komme oder was ich mache. Sie saugt den ganzen Sommerabend in sich hinein wie ein schwarzes Loch. Nach und nach verabschieden sich an diesem Samstagabend die Gäste, es ist noch nicht einmal elf Uhr. Aber selbst der Abschied von Sieglinde zieht sich auf quälende Weise in die Länge. Wieso kann sie nicht einfach „Auf Wiedersehen“ sagen und mich in die Nacht, in die Freiheit entlassen?

Ich verbuche den Abend unter der Rubrik „Studien zur Mikrosoziologie des Banalen“. Die humanitäre Katastrophe, dieser soziale Totalschaden ist in West-Berlin geboren und hat die Stadt eigentlich nie für längere Zeit verlassen. Nach zwei Monaten im Hunsrück komme ich in die große Stadt zurück und staune, wie unerträglich und penetrant die Hauptstadtmenschen in ihrer Eitelkeit sein können. Zum Glück kenne ich noch viele andere Exemplare. Sonst hätte ich nach einem Abend mit Sieglinde von Berlin für alle Zeiten die Schnauze voll.

P.S.: Und jetzt kommt noch mein persönliches Highlight. Sieglinde erzählt von einer Hochzeit, bei der sie neben Albrecht von Lucke gesessen hat. Dem berühmten Politologen, der auch regelmäßig in Talkshows eingeladen wird. Vermutlich will sie mit der Personalie angeben. Ich erwähne beiläufig, dass ich mit Albrecht in der Grundschule, im Gymnasium und im Handballverein (HSC Ingelheim) gewesen bin, was vermutlich über ein kurzes Gespräch bei einer Familienfeier hinausgeht. Trotzdem erklärt Sieglinde mir, dem ebenfalls promovierten Politologen, wer Albrecht eigentlich ist und welche Positionen er vertritt. Kannst du dir nicht ausdenken. Ich lasse es widerspruchslos über mich ergehen und schreibe eben hinterher darüber, liebe Freunde des gepflegten Wahnsinns.


Aus: "Hör! Mir! Zu!" Eingestellt von Matthias Eberling (Sonntag, August 18, 2019)
Quelle: https://kiezschreiber.blogspot.com/2019/08/hor-mir-zu.html